Evangelische Warte drgan der Evangelischen Volksgemeinschaft 1 Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen). na Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz. Für Rücksendung ungewünschter Manustripte wird nicht garantiert. Erscheint Samstags.— Bezugspreis 50 Pfennig monatlich. Abonnements⸗ und Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M. Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung. Sonnabend, den 29. Januar 1027. dun Die Wirtschaftslage in der Landwirtschaft ist zur z Zeit sehr schlecht, ja teilweise geradezu trostlos. Die M Steuerlast ist erdrückend. Der Bauer muß fast jede Mark, die er aus dem Verkauf von Erzeugnissen erlöst, u aufs Finanzamt tragen. Hat er ja schließlich auch den n, eigenen Nahrungsbedarf, so bleibt doch kaum etwas an übrig für Kleidung und kulturelle Bedürfnisse. Die Schulden sind vielfach rasch wieder angewachsen und, da mug die Zinssätze fast dreifach so hoch sind als vor dem Krieg, igen, drücken sie auch bei zahlenmäßig geringerem Schuldbe— the, trag ebenso schwer. Die Preise für die Erzeugnisse sind mug wohl verhältnismäßig befriedigend und der Geldent— chen, pertung angepaßt, aber die Preise der landwirtschaft— uh. lichen und industriellen Erzeugnisse haben sich wie die un) Schenkel einer Schere auseinander bewegt. Diese len. Preisschere“, wie der Volkswirt diesen Zustand nennt, gut, hat sich noch nicht völlig geschlossen. Alles in allem: die noh Landwirtschaft ist zur Zeit unrentabel. Der Bauer en muß auf jede Ernte drauflegen. Von einer Verzinsung ich, des Anlagekapitals kann kaum mehr gesprochen werden. lu. der Verlustverkauf der Ernte 1925 hat vielfach kata— den trophale Wirkungen gehabt. Besonders unsere Klein— de bauern, die ohnehin um ihre Existenz schwer zu ringen li haben, wenn sie nicht Nebenbeschäftigung in der In— uu dustrie oder sonstwo finden, sind äußerst hart betroffen. wir Zweierlei kommt in Betracht, um zu helfen: un) Staatshilfe und Selbsthilfe. Letztere ist wichtiger und win, schließlich ausschlaggebend. Erstere kann nicht entbehrt as werden. alen Die staatlichen Maßnahmen haben sich zu erstrecken del, auf die Steuerpolitik, die Kredithilfe und Kontrolle hn und auf die Beeinflussung der Preise. gute 1. Wenn auch selbstverständlich die Landwirtschaft däm, licht völlig von den Staatslasten befreit werden kann, o kann sie doch auf steuerlichem Gebiet eine ihrer be— sonderen Lage entsprechende und gerechte Behandlung 1 erwarten. Die Steuerverteilung zwischen Landwirt- 2 Bart Gewerbe und Industrie hat in letzter Zeit in Württemberg Anlaß zu schweren Auseinandersetzungen 2 gegeben. Auffallend ist übrigens der Unterschied in teuerlichen Behandlung des Großgrundbesitzes, 2 mittleren und des Kleinbauern. Nach Angabe 0 hreußischen Finanzministers im preußischen Landtag 4 ind 80 Prozent des Großgrundbesitzes in Preußen von der Einkommensteuer befreit. Der mittlere und kleinere Besitz wird immer noch scharf herangezogen. Diese unterschiedliche Behandlung rührt zunächst davon her, 2 haß bei der Einschätzung des Großgrundbesitzes die häufig don besonderen Sachverständigen geführte Buchhaltung 5 qu Grunde gelegt werden darf. Diese zu führen, ist der Bauer aber teils nicht in der Lage, teils aber wird sie ihm, wenn er sie führt, wie ich dies in Bayern festzu— 2 zellen Gelegenheit hatte, nicht als Anterlage für die 2 Einschätzung anerkannt. Er ist so einer rohen Pau⸗ der des des schaleinschätzung ausgeliefert, die den besonderen Ver— hältnissen nicht Rechnung trägt. Weiterhin kann der Großbesitz die anfallenden Arbeitslöhne als Werbe— kosten abziehen, während dies bei dem fast völlig mit eigenen Kräften arbeitenden Bauern nicht oder nur in kleinem Maßstab gestattet ist. Darin liegt wiederum eine große Härte.— An der Unwirtschaftlichkeit der Großbetriebe zu zweifeln, liegt kein Anlaß vor. Aber kann denn der kleine Landwirt eher Steuer aus einem Einkommen bezahlen, das er gar nicht bezieht, als der Großagrarier? Wenn der Großbetrieb steuerfrei ist, sollte es in den meisten Fällen auch der Kleinbetrieb sein!— Steuerliche Gerechtigkeit ist unsere erste For— derung. Solche Zustände sollten nicht geduldet werden. Die Geduld, mit der die Bauern diese häufig ungerechte Behandlung ertragen, ist mir schon of- bewunderswert erschienen. Die der Landwirtschaft aus Staatsmitteln zuge— führten Kredite sind zu dem kleinen Bauern vielfach überhaupt nicht vorgedrungen, und wenn dies der Fall war, so hatten sie sich auf dem weiten Weg von der Staatskasse her so sehr verteuert, daß sie nicht billiger waren, als die untragbaren Kredite der Privatbanken. Die Zinsgebahrung gerade der öffentlichen Spar— kassen, landwirtschaftlichen Genossenschaften und Dar— lehenskassen fordert häufig scharfe Kritik heraus. Es ist nicht angängig, daß z. B. heute noch das Leihgeld einer Darlehenskasse, für das sämtliche Grund— stücke einer Landgemeinde solidarisch verhaftet sind, 10 v. H. und mehr kostet. Es hilft nichts, wenn über die Tyrannei der Groß⸗ banken gejammert wird, während die landwirtschaft— lichen Selbsthilfeeinrichtungen auch nicht besser handeln. Alle Geldinstitute, ob privat oder öffentlich, ob Christ oder Jude, wollen zuviel und zu rasch verdienen. Man stelle einmal fest, was die Geldanstalten selbst bezahlen, sei es für aufgenommene Spar- oder Depositengelder, sei es für Wechsel, welche ihnen die Reichsbank seit Juli ds. Is. zu 6 Prozent diskontiert. Und dann stelle man fest, was diese Institute fordern. Wo kann man Geld bekommen unter 10 Prozent? Und wo bleibt der Zwischengewinn von vollen 4 Prozent? Der Reichsbankdiskontsatz war im Jahre 1926 wie folgt festgesetzt: Ab 12. 1. 8 Prozent, ab 27. 3. 7 Prozent, ab 7. 6. 6½ Prozent, ab 6. 7. bis Schluß 6 Prozent. Die obenerwähnte Darlehenskasse wird den Zinssatz im Jahre 1926 vermutlich auf 11 bis 12 Prozent festsetzen. Also verteuert sich zwischen der allen guten Geldanstal— ten offenstehenden Geldquelle und dem Empfänger das Geld um teilweise 50 bis 100 Prozent.— Dieser Zwi⸗ schengewinn verbleibt natürlich nur zum kleinsten Teil bei der Darlehenskasse. Zum größeren Teil fließt er in die Tasche der Zwischenglieder in der Kette von dem Zentralinstitut zum Kreditnehmer. Und diese Zwischen— händler leisten dafür nichts als eine Unterschrift! Wa⸗ 1 Die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft. rum müssen denn die in Jahrzehnten angesammelten, freilich in der Inflation vernichteten Rücklagen dieser Kassen im Lauf von ein paar Jahren auf die alte Höhe gebracht werden? Warum will man so schnell wieder reich werden? Was sich dort rasch ansammelt, muß sich der Landwirt am notwendigsten Lebensbedarf ab⸗ sparen. Die Kassen wollen rasch wieder hoch kommen, aber diese Gewaltkur zapft dem Landwirt, wie übrigens auch den anderen Ständen, das Blut ab. Die Kassen sind die Verwalter der meist flüssigen, öffentlichen Gel⸗ der und deshalb doppelt verpflichtet, gemeinnützig und gemeinsinnig zu wirtschaften. Wer schiebt hier Riegel vor? Wer hat ein Auge auf die Zinsspannen der Kas⸗ sen und Banken? Ist nicht bei diesen Umständen die Geldwirtschaft„reif“ zur Verstaatlichung? Wie aber kann die Preisfrage gelöst, wie die „Preisschere“ geschlossen werden? Durch Zölle? Alle Volkswirtschaftler von Bedeutung sind sich da⸗ rüber einig, daß Getreide- und Viehzölle, wie auch an⸗ dere Zölle, auf die Dauer kein wirksames Mittel zur Hebung der Erzeugung sind, da sie wie ein künstliche⸗ Belebungsmittel wirken, dessen anfeuernder und be— lebender Wirkung die Erschlaffung auf dem Fuße folgt. Nur sogenannte Kampfzölle zur Beeinflussung der Zoll— gesetzgebung der Nachbarländer hält man noch für be⸗ rechtigt und zweckmäßig. Auch Professor Dr. Areboe, früher Direktor der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim, einer der bedeutendsten Köpfe der Agrar⸗ wissenschaft, lehnt aus diesen Gründen die Zölle ab, da nur der freie Wettbewerb auf die Dauer die Erzeugung hebe. Es ist zuzugeben, daß solche Einwände in nor⸗ malen Zeiten und unter normalen Bedingungen ihre Berechtigung haben. In Zeiten besonderer Not sind aber rasche Maßnahmen nötig. Dabei unterliegt die deutsche Landwirtschaft stets ungünstigeren Erzeugungs⸗ bedingungen als ihre ausländischen Konkurrenten, be— sonders in Amerika. Sie kann überdies ihre Erzeug⸗ nisse nur einmal im Jahr umsetzen, während die In⸗ dustrie in dieser Beziehung unbegrenzte Möglichkeiten hat. Es ist ein Unding, Industriezölle zu bewilligen und der Landwirtschaft, welche die Industrieerzeugnisse kaufen muß, solche zu versagen. Führende Bauern in Süddeutschland haben es offen ausgesprochen, daß sie bereit wären, auf Getreidezölle zu verzichten, wenn auch die Industriezölle wegfallen würden. Nachdem diese aber bewilligt waren, hätte es den Ruin der Land⸗ wirtschaft bedeutet, wenn man sie ohne Zollschutz gelas⸗ sen hätte. Durch den Zoll wird der Preis des täglichen Brotes bestimmt, darüber sind wir uns klar. Wir sind durch⸗ aus keine unbedingten Anhänger des Schutzzolles, umso mehr aber ist uns deutlich, daß der übrigens sehr mäßige Zollschutz der Landwirtschaft für diese zur Zeit Lebens⸗ notwendigkeit ist. 5 deu Persönlichkeit. . Matthäus 10,34. Ich bin nicht gekommen Frieden zu 0 senden, sondern das Schwert. 2 Von Nietzsche ist bekannt, daß er dem Christentum aus dem N brunde feindlich gesinnt war, weil ihm Jesus zu mitleidig war. 9 das ist das Bild, das sich viele von unserem Heiland machen. sse sehen in ihm einen nachgiebigen, sanftmütigen, mitleidigen Es fehlt ihnen im Bilde des herrn das Kraftvolle und Harte. Das ist ja sicher richtig, daß a bir alles Schwächliche nicht ertragen können. Eindruck macht 5 uf die Menschen nur der Starke und Entschiedene. War Jesus jun so, wie jene ihn sich vorstellen, dann können wir nicht be⸗ steifen, daß das Christentum eine so gewaltige Ausbreitung er⸗ uhren hat. Untersuchen wir deshalb einmal die Persönlichkeit 2 gesu, wie sie uns in den Evangelien entgegentritt. 2. Jesus erbarmt sich voller Barmherzigkeit und Mitgefühl 5 ler Not seiner Umgebung. Er heilt die Kranken, tröstet die RNühseligen und erlöst die Beladenen. Von seinen Jüngern for⸗ Eke er, daß sie ihre Nächsten lieben wie sich selbst. In seinen —jbleichnissen legt er dar, wie er dem einzelnen verirrten Schäf⸗ kin nachgeht. Oder er preist die Barmherzigkeit des Sama⸗ 6 ters. Als er gefangen genommen wird, verbietet er dem Pe⸗ 13 kus, sich mit dem Schwert zu wehren. Wenn man diese Stel— lech alle sich vorstellt, dann kann man allerdings sagen:„Jesus f st mir zu weichlich“. Wenn man aber über jemand ein Arteil fällen will, dann ch luf man nicht Stücke der Persönlichkeit herausgreifen, sondern s muß das ganze Bild dieser Person vor uns stehen. Dann 0 ther erkennen wir auch ganz andere Seiten unseres Herrn Je— u. Schon die Aussendungsrede Matthäus 10 enthält Stellen, en i uns den Heiland hart und herb erscheinen lassen.„Wo euch 0 mand nicht annehmen wird, noch eure Rede hören, so gehet 1 ind immer geduldigen Mann. von euren Füßen. Wahrlich ich sage euch: Dem Lande der So— domer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am jüngsten Gericht denn solcher Stadt. Dazu tritt das obige Wort:„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ Wie rücksichtslos klingt sein Wort:„Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert“. Wenn ferner Jesus von seinen Zeitgenossen mit dem Worte spricht:„Diese böse und ehebrecherische Art“, so klingt das auch gerade nicht sehr zart. Alsdann dürfen wir unser Augenmerk auf das 23. Kapitel des Matthäusevangeliums richten. Dort hält Jesus seine gewaltige Rede gegen seine Feinde, die Phari— säer. Diese Rede hat mich schon in meiner Jugend mächtig be— rührt. Da ist Jesus mir immer so gewaltig vorgekommen, wenn er in steter Wiederholung sein„wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer“ auf seine Widersacher herunterprasseln läßt. Diese ganze Rede verrät keinen Weichling, sondern eine mächtige Per⸗ sönlichkeit, die wuchtig die Fehler der Mucker und scheinheiligen „Frommen“ um der Wahrheit willen aufdeckt. Stellen wir da⸗ zu noch das Bild von dem Manne, der den Tempel mit der Peitsche in der Hand säubert, dann sage niemand mehr, Jesus sei ein Schwächling gewesen. Ganz im Gegenteil hatte Jesus etwas Stahlhartes, Herbes und Wuchtiges in seinem Auftreten. Nun wird man vielleicht geneigt sein, die Frage zu stellen: Welches ist denn nun die wirkliche Persönlichleit Jesu? War es die zuerst dargestellte oder die an zweiter Stelle? Die Frage ist berechtigt, führt aber zugleich zur richtigen Erkenntnis. Bei⸗ des gehörte eben zur Jesu Persönlichkeit. Er war nicht einseitig. Er war nicht so, wie ihn Menschen gerne sich denken. Sein We— sen war keine ausgeklügelte Größe. Vielmehr konnte Jesus, wenn es nötig war, zürnen und strafen ebenso wie er verzeihen und vergeben konnte. Die Juden ärgerten sich darüber, daß er gegen die Sünderin so mild war. Ebenso ärgerten sie sich aber auch über seine Strenge gegen die Pharisäer. Dort wo eben Liebe nötig war, war der Herr mild und voller Barmherzigkeit. Dort wo Strenge am Platze sein mußte, da trat er mit seiner ganzen Herbheit auf. Daß das nicht mit den Gewohnheiten seiner Zeitgenossen übereinstimmte, das störte ihn wenig. In Jesus sehen wir die Liebe, wie wir sie auch üben sollen. Nicht nach hoch oder niedrig haben wir uns zu richten, sondern nach den seelischen Bedürfnissen des Mitmenschen. Wo Liebe allein einem anderen, auch einem sündigen Bruder, weiter hilft, dann sollen wir ihm mit der größten Liebe begegnen. Aber dann gibt es andere, die würden über unsere Liebe lachen. Was hilft da anders als Strenge, unbarmherzige Strenge. Auch un⸗ sere evangelischen Geistlichen verfallen in falschem Verständnis der Persönlichkeit Jesu manchmal in ein weichliches Auftreten, wodurch sie weder dem Evangelium, noch der Kirche Jesu etwas nützen. Hassen wir doch diese stets sanftmütige Pose, wodurch man sich lächerlich macht. Auch Jesus hat sich nicht gescheut zu sagen, daß er gekommen ist, das Schwert zu senden! Auch Jesus hat die Peitsche genommen und hat draufgeschlagen. Wollen wir wirklich etwas erreichen, dann müssen wir unseren Mit⸗ menschen auch etwas zumuten. Vergessen wir nie, daß in der Welt des Guten alles zusam⸗ mengehört. Das ist ja gerade das, worinnen wir die Vollkom⸗ menheit Jesu erkennen. Er war nicht einseitig, sondern hatte neben der Geduld die Entschlossenheit, neben der Barmherzigkeit die Härte, neben der Friedensbereitschaft den Kampfesmut. Auch darin wollen wir unserem Herrn Jesus immer ähnlicher werden. Einen Heldenmut, der da Gut und Blut gern um deinetwillen lasse und des Fleisches Lüste hasse, gib mir, höchstes Gut, durch dein teures Blut! Amen. Hr. ——— — ————— 2 Sonnabend, den 29. Januar 1927. „Evangelische Warte“ Nr. 5. Die Industrieprodukte sind im letzten Jahre unter dem Druck der Wirtschaftskrisis und der Kreditnot wesentlich zurückgegangen. Was vor allem noch zu teuer für den Bauern ist, ist der Kunstdünger. Wir vermissen eine stärkere Aussicht des Staates über die Preisgebarung der Dünger-Syndikate. Man sollte vor Eingriffen hier nicht zurückschrecken! Aber die Hauptaufgabe, das Hauptproblem der Landwirtschaft ist die Hebung, Steigerung und Verbil⸗ ligung der Erzeugung. Sie ist nur möglich, wenn auch der kleinste Bauer so fortschrittlich wirtschaftet wie nur irgend möglich. Hier kann dem Bauern niemand hel fen. Die Hauptleistung muß er selbst vollbringen. Wenn er sich in dieser Beziehung nicht wehrt und nicht der Zeit anpaßt, geht er zu Grunde. Auch der fürsorg⸗ liche Staat kann ihn nicht retten, wenn er in seiner Be⸗ triebsführung nicht auf der Höhe der Zeit bleibt. Neben der verfeinerten Düngertechnik muß er durch neue Ma⸗ schinen u. Geräte, Saatgutnormisierung les gibt heute in Deutschland, wenn wir recht unterrichtet sind, zirka 2000 verschiedene Kartoffel- und Getreidesorten) und ähnliche Maßnahmen, eine Leistungssteigerung bewir⸗ ken. Nur eine solche wird ihm auf die Dauer seinen Lebensunterhalt sichern. Dazu ist mehr als bisher genossenschaftlicher Zu⸗ sammenschluß der Bauern zu gemeinsamem Bezug von Maschinen, Saatgut, Krediten und zu gemeinsamem Ab⸗ satz der Erzeugnisse notwendig. Dabei werden kleinere örtliche Zusammenschlüsse häufig ebenso wertvoll sein wie große Organisationen, denen gegenüber der Bauer etwas mißtrauisch geworden ist, weil er gar manchmal nicht sehr genossenschaftlich behandelt worden ist. Der Bauer muß im übrigen aus seiner geistigen Schwerfälligkeit herauskommen. Die Hebung seiner wirtschaftlichen Lage setzt die geistige Hebung des gan⸗ zen Standes voraus. Die landwirtschaftlichen Winter⸗ schulen haben hier ein überreiches Feld für ihre Be⸗ tätigung. Ganz besonders begrüßen wir die Arbeit der Bauernhochschule in Sulz a. N. Vielleicht könnte mit Staatsunterstützung an begabte und bedürftige Bauern⸗ söhne ihre Aufgabe wirksam unterstützt werden. Auch die politischen Vertretungen der Bauern haben sich um die Hebung ihres Standes große Verdienste erworben. Zum Beispiel hat der württembergische Bauern- und Weingärtnerbund auf diesem Gebiet ganz hervorragen⸗ des geleistet. Ist dies durchaus anzuerkennen und zu schätzen, so können wir doch häufig mit der sonstigen Haltung eines Teils der Führung des Bauernbundes nicht einig gehen. Darüber vielleicht ein andermal. P. B. Brief aus Sachen. Die Regierungsfrage, die bei uns im Freistaat Sachsen so lange in der Schwebe war, ist nun endlich ge⸗ löst. Nach sechs vergeblichen Versuchen, eine neue Re⸗ gierung zu bilden, ist man beim siebenten Male dahin⸗ gekommen, das frühere Ministerium Heldt wieder auf⸗ zurichten. Neu sind dahin nur zwei Männer, die der neuen Wirtschaftspartei angehören. Es fehlen in der Regierung die Links⸗Sozialisten, die Kommunisten und die Deutschnationalen. Was die letzteren betrifft, so ist es eine merkwürdige Tatsache, daß die neue Regie— rung nur dadurch zustande gekommen ist, daß die Deutschnationalen ihre Stimmen für den Altsozialisten Heldt abgaben und so seine Ministerpräsidentschaft er⸗ möglichten. Man kann das nur als einen klugen und weitschauenden Schritt bezeichnen, denn dadurch werden die Altsozialisten der rechten Seite des Landtags gegen⸗ über in starkem Maße moralisch verpflichtet. Tatsäch⸗ lich bilden ja auch die wenigen Altsozialisten im neuen Landtag das Zünglein an der Waage, da weder die bürgerliche noch die nichtbürgerliche Seite des Land— tages eine entscheidende Mehrheit besitzen. Man kann den weiteren Verhandlungen des Landtags mit Span⸗ nung entgegensehen. Die Altsozialisten werden in man⸗ chen Fällen in große innere Konflikte kommen, wenn es sich um die Entscheidung handelt: Parteiprogramm oder Staatswohl. Der neue Landtag wird auch für unsere Landeskirche wichtige Entscheidungen zu treffen haben. Eines der ersten Gesetze, das er zu beraten haben wird, ist das Gesetz über Rechtsverhältnisse der öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften. Darin soll das künftige rechtliche Verhältnis zwischen Kirche und Staat festgelegt werden. Man sieht bei uns auf kirch⸗ licher Seite dem Zustandekommen dieses Gesetzes mit Sorge entgegen. Es wird sich jedoch kaum aufhalten lassen, da unsere Kirchenleitung der betreffenden Ge⸗ setzesporlage bereits ihre Zustimmung gegeben hat, frei⸗ lich nicht ohne Geltendmachung einiger Bedenken im einzeln. Ferner hat der Landtag die Staatszuschüsse für die Landeskirche im Rahmen des Staatshaushalt⸗ planes von neuem zu bewilligen. Bekanntlich ist der sächsische Landtag dazu erst durch eine Entscheidung des Reichsgerichtes gezwungen worden, und man kann nun umso mehr gespannt sein, in welcher Weise unser Land⸗ tag dieser seiner Verpflichtung nachkommen wird. Inzwischen haben am 19. Dezember im ganzen Lande die Wahlen zur 13. Evangelisch⸗lutberischen Landessynode stattgefunden. Dieser Wahl kommt in. sofern eine große Bedeutung zu, als sie die erste Wahl auf Grund der neuen am 1. Oktober 1926 in Kraft ge⸗ tretenen Kirchenverfassung darstellt. So weit man bis jetzt das Gesamtergebnis zu überblicken vermag, kann gesagt werden, daß die Synode etwa zur Hälfte eine neue geworden ist, ferner, daß der Besitzstand der drei Gruppen in der Synode ziemlich erhalten geblieben ist. Bekanntlich haben wir in der sächsischen Landessynode nicht wie in anderen deutschen Landeskirchen die schroffe Scheidung in eine positive, liberale und Mittelpartei. Die mittlere und die rechte Gruppe nennen sich beide bekenntnistreue Gruppen. Aber auch in der Gruppe der synodalen Linken(freie synodale Vereinigung), in welcher der Liberalismus vertreten ist, sitzen einige Männer, an deren Bekenntnistreue nicht gezweifelt werden kann. Interessant ist, daß sich unter 60 Syno⸗ dalen keine einzige Frau befindet, obwohl bekanntlich in den kirchlichen Verwaltungskörperschaften in Sachsen nicht wenige Frauen sind. Es ist zu vermuten, daß unter den 13 noch vom Kirchenregiment zu berufenen Synodalen wenigstens eine Frau sein wird. Erfreulich ist, daß bei der Wahl zur Landessynode, im allgemeinen die häßlichen Parteikämpfe, die unser politisches Leben so zerwühlen, vermieden worden sind. In einzelnen Wahlkreisen drohte der Kampf schärfer zu werden, blieb aber doch wenigstens auf seinem Herd beschränkt. Soviel ist gewiß, daß diese friedliche Art des Wahlkampfes sich nicht aufrecht erhalten ließe, zu⸗ mal bei uns in Sachsen mit seiner starken Sozialdemo⸗ kratie, wenn wir die Urwahlen hätten. Es wird zwar auch in der neuen Synode versucht werden, für diese Stimmung zu machen, allein eine Mehrheit wird sich dafür sicher nicht finden. Die Aufgaben der neuen Synode sind groß und schwierig. Es gilt, Stellung zu nehmen zu der Neu⸗ regelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat in Sachsen. Ferner muß eine Reform des Kirchenaus⸗ trittsgesetzes, sowie des Pfarrerwahlrechts durchgeführt werden. Vor allem aber erwartet man von der neuen Synode eine endgültige, befriedigende Lösung der so schwierigen Kirchensteuerfrage. In der Synode ist nun der Grundsatz der neuen Verfassung, daß sie zu zwei Drittel aus Laien und nur zu einem Drittel aus Geist⸗ lichen bestehen soll, durchgeführt worden. Unter den gewählten Synodalen befinden sich nur 20 Geistliche. Da immerhin die Geistlichen in der Synode als Fach⸗ männer in kirchlichen Fragen eine starke Führung haben werden, so ergibt sich daraus, daß auf der kleinen Zahl von Pfarrern in der Synode eine große Verantwortung ruht. Gott gebe unserer neuen Synode ein gesegnetes Wirken zum Segen unserer Landeskirche. Pfarrer Kircher, Coswig b. Dresden, Mitglied der Landessynode. Aus Politik und Narlament. Die Rechte des Staates. Die in Eisenach versammelten Vertreter des „Freien Protestantismus“ in Deutschland haben im Auf der Warte. 0 In China wird die Lage immer verworrener. An⸗ scheinend wächst aber die fremdenfeindliche Stimmung. England sieht sich veranlaßt, ein Truppenkontingent in die chinesischen Gewässer zu entsenden, um allen Mög⸗ lichkeiten vorzubeugen. Japan hat in höflicher, aber bestimmter Form zunächst eine Unterstützung Englands in dem bestehenden Konflikt abgelehnt. Funken fliegen dort im fernen Osten um ein Pulverfaß.— Derweilen spielt man auch in Europa mit den Kriegsmöglichkeiten. Längs der ganzen italienisch-französischen Grenze fin⸗ den von Italien aus im Gebirge große, amtlich ange⸗ kündigte Manöver statt, die vornehmlich zur Ausbil⸗ dung der Schneetruppen dienen sollen. Es soll dies zweifellos ein Gegengewicht zu den letzten Truppen⸗ häufungen Frankreichs an dieser Grenze sein.— Frank⸗ reich hat in der Zwischenzeit, um den kursierenden Ge⸗ rüchten entgegenzutreten,„amtlich“ seine Minister⸗ einigkeit dokumentiert. Wir haben an dieser Einig⸗ keit berechtigten Zweifel, wenn wir abwechselnd Poin⸗ care und Briand sprechen hören. Der Kampf um den Rhein spaltet das französische Kabinett unbedingt in zwei Teile. Allem Anschein nach wird aber in diesem Jahre die Frage der Rheinlandräumung aufgerollt.— Frankreich hat gar viele Sorgen. Mißtrauisch gegen seine Nachbarn England, Italien, Deutschland, ja selbst Spanien, hat nun auch noch Sowjet-Rußland offiziell sein Mißfallen an dem rumänisch-französischen Vertrag aussprechen lassen. Dazu kommt noch die finanzielle Abhängigkeit von Amerika, welche die Lage Frank⸗ reichs nicht im rosigsten Lichte erscheinen läßt. In Deutschland ist derweilen eine Regierungskrise vor der Lösung infolge eines mehr diktatorischen Eingreifens seitens des Reichspräsidenten. Das Zentrum hat sich in dieser Hinsicht eine der ganz selten dastehenden Um⸗ schwenkungen erlaubt. Während es eine Regierungs⸗ bildung nach rechts unter Dr. Curtius ganz entschieden abgelehnt hatte, ist es zu dieser unter ihrem Dr. Marx gern bereit. Das Kabinett katholischster Färbung mif allen Folgen dürfte sich in den nächsten Tagen präsen⸗ tieren. Die Deutschnationalen werden ihre katholischen Führer, event. Walraff, hineinsenden. Was wird die Folge sein. Das so lange abgelehnte Konkordat wird zur Wirklichkeit werden. Armes Deutschland, das du zwei Drittel evangelisch bist, was wirst du erleben? Dringend müssen wir uns an alle Evangelischen wen⸗ den, die Ereignisse sorgfältig zu überwachen. Die größte Gefahr droht. Zum letzten Ende sind selbst auf einmal die Demokraten im Reiche nicht abgeneigt, mitzumachen, wenn auch die hessischen Demokraten den Berliner Par⸗ teivorstand dringend aufgefordert haben, auf keinen Fall mit den Deutschnationalen zu paktieren.— In Hessen ruht gegenwärtig ziemlich das politische Leben. Die Evangelische Volksgemeinschaft hielt im Januar so⸗ wohl in Oberhessen, als auch in Rheinhessen eine Reihe von erfolgreichen Versammlungen. Es konnten wieder neue Ortsgruppen gegründet werden. Ausgerechnet so⸗ gar an den Orten, wo mehrere Tage vorher ein bekann⸗ ter Bauernführer entschieden vor der Volksgemeinschaft gewarnt hatte. Unsere Bewegung läßt sich nicht mehr aufhalten! Der gute evangelische Geist, die breite Grundlage für alle Stände, die Mißverhältnisse in allen Parteien sichern uns den fruchtbaren Boden. Gehen wir weiter auf diesem Wege, der Sieg muß unser sein! Hinblick auf die Verhandlungen über den Abschluß eines Konkordats zwischen der römischen Kirche und dem Deutschen Reich oder Preußen die Erklärung beschlossen; „Wir lehnen den Weg eines Konkordats mit Entschiedenheit ab. Der Staat soll durch Staats⸗ gesetz den Kirchen geben, was sie mit Recht bean⸗ spruchen können. Er soll die Freiheit ihrer Entwicklung und ihrer Arbeit im Volke sichern, den Lehrern aller Schulen bis zu den Hochschulen die Freiheit der Lehre erhalten und den finanziellen Verpflichtungen sich nicht entziehen. Aber er soll der katholischen Kirche von den Rechten des Staates, die die evangelische Kirche achtet, nichts ausliefern.“ Dornenwege. Roman von Clara Meller. 9. Fortsetzung. Die drei Frauen waren innerlich zusammengezuckt, es war ihnen nie in den Sinn gekommen, daß ein Glaubensunterschied unter denen, die in ihrer Nähe lebten, bestehen könne. Das echt protestantische Staffelhausen wies nur im Sommer einige Katholiken auf, die polnischen Arbeiter der beiden Güter, und die mußten ein paar Stunden weit zum Gottesdienst fahren, zur alten Klosterkirche eines Dorfes. Urle faßte sich schnell, nahm den dargebotenen Brief und las. Allerdings, da blickte sie in eine ihr unverständliche Welt!— Eine Predigt, ist sie auch fehr strengem Sinn entsprungen, sie gestattet doch ein ruhiges Nach⸗ gleiten der Gedanken, aber dieses hier war ein krauses Getue, hin⸗ und herspringend, wie ein frömmelndes, aber kein from⸗ mes Gemüt zu Stande bringt. Jeder Satz war unterbrochen durch: Gelobt sei die gebenedeite Mutter Maria,— dazu helfe die gebenedeite Mutter Gottes usw.— Schweigend reichte sie ihn ihrer Dore herüber, die sich pietätvoll sträubte, Einblick in fremde Briefe zu nehmen, aber Johannes Wendtland lachte sie aus und erzählte ihr, daß dieselben meistenteils ungelesen in das Feuer wanderten. „Was hältst Du davon, Urle,“ fragte er gespannt. „Ich urteile nicht, da mir alles fremd ist!“ „Wenn ich wiederkomme, erzähle ich Dir mein Leben und mein Leiden!“ „Nein, Lieber, bitte gleich, auf frischer Tat spricht es sich besser,“ bat sie interessiert! Ein ernster, fast schmerzlicher Zug glitt über sein Gesicht kosend strich er über die kleinen Hände Urles, dann begann er seufzend:„Auf Veranlassung eines Pater Markus mußte ich das Elternhaus verlassen und wurde einem Kloster zur Er⸗ ziehung übergeben, da ich selbst Pater werden sollte. Wild und zügellos aufgewachsen, war der Kontrast ein so scharfer, daß sich mein Sinn gegen den plötzlichen Zwang auflehnte, mich erbit⸗ terte. Ich mußte bei kleinsten Vergehen des Morgens 2 Stunden betend in der Ecke des Eßsaales knieen, bekam Wasser und Brot, während die übrigen Schüler sich am Frühmahl gütlich taten. Dadurch nährten sie den Haß in mir, statt den Ungehorsam zu bezwingen. Sie stellten sich scheinbar wie die Güte selbst und waren doch Vampyre, Maschinen ohne warmpulsierendes Leben. Als sie einsahen, daß ich immer verstockter wurde, auch der gute Wille zum lernen geschwunden war, straften sie mich mit Prügel, und als ich gar einen Apfel im Klostergarten aufhob und aß, wurde mir die Kiste von Daheim vorenthalten. Ich wußte wo Bruder Gregor sie versteckt hielt und als ich mich unbeobachtet glaubte, schlich ich hin, nahm den Brief meiner Mutter und eine Düte Bonbon heraus. Schon wähnte ich mein Attentat auf die Heimatskiste geglückt, da stand Bruder Gregor mit untergeschla⸗ genen Armen im Gang und lächelte mich höhnisch an. Langsam kam er näher, wie eine Katze auf die Maus zuschleicht und wollte mir den Brief entreißen, ich war sinnlos vor Wut und rief: „Das ist mein Eigentum, wenn sie wie vergangenes Mal„zum guten Zweck“, die Flasche Wein ohne meine Erlaubnis nehmen, dann haben sie gestohlen!“ „Schandbube“, knirschte Bruder Gregor, legte mich mit fe— stem Griff über sein Knie und ließ das Ende eines Weinschlauchs über meinen Rücken sausen. Im Schmerz bog ich meinen Kopf herum, biß ihn in die Wade, daß er laut aufschrie und aus allen Türen die Brüder stürzten. Bedächtig kam der alte Prior den Gang herunter, stemmte die Hände auf die Hüften und sah mich prüfend an. Die Brüder warteten nur auf den Befehl, ihre Wut an mir auslassen zu dürfen, da sagte der Prior:„Die widerspenstigen Esele lernen am besten ziehen,— trotz alledem,— Bruder Do⸗ minik soll ihn sofort nach Königsborn geleiten, mit dem Schelm quäle sich ein Anderer!“ Einen Freudensprung hätte ich tun mögen,— wieder da⸗ heim, wo ich tollen konnte nach Herzenslust. Meine Mutter hielt mich von dem Tage meiner Ankunft an für den schlechtesten Buben weit und breit, sie gönnte mit kein liebes Wort, nur zur Kirche zwang sie mich bis zum Ueber⸗ druß, um eine Wandlung in meinem Innern zu bewirken. Sie erreichte das Gegenteil, schaal und öde erschien mir alles, keine Geistestiefe die mein Sein erfüllen konnte, buntes prunkhaftes Gebahren, das wohl blendet, aber nicht in die Herzen leuchtet. Der einzige, welcher sich über meine Heimkehr freute, war unser Gärtner Dammrat, noch nie hörte ich den Mann so lachen: „Ausgerückt bist Du, Hans, von heute ab zähle auf mich, das vergesse ich Dir nicht, denn ich hasse die ganze Bande!“ Pater Markus wußte bald wieder Rat, dieses Mal kam ich nach Holland in ein Jesuitenkloster. Vorzüglich war unsere Ver⸗ pflegung und ein unterwürfiges Gemüt konnte dort wohl fertig werden, das heißt in dem Sinne verstanden, die mit den Wöl⸗ fen heulten. Ich ging mit Groll im Herzen, dem festen Vorsatze hin, das gleiche Spiel zu beginnen, um expediert zu werden. Wieder begleitete mich ein Brief Pater Markus, wieder wurde bei meiner Aufnahme betont, es sei der Wille meiner Mutter, daß ich Pater werde. Auch sie beugten meinen Mutwillen, bra⸗ chen meinen Trotz nicht und als ich dem Bruder Pförtner einen Frosch angebunden hatte, der ihm unfreiwillig nachhüpfen mußte und dem Bruder Romanus, als er die Treppe herauf kam, mich für meine Flegelei zu strafen, durch die Beine rutschte, daß wir beide die Treppe herunterfielen, wurde ich auch dort als untaug⸗ 0. E e del, vell Lehe ale ich kent beit habe trüb und man Jah Ka Jol und wild und geue sehef rung füt, hett dend beta fie! Etke die Haft attis men Sohf zut zun wach führ Uebe vorle den nisse mate werd such wäh schrit gehn nisie zern Deu Nor gesaf mun geha Krie Uebe sem! altef leite lige tal Tütü und einef zugle 1 Dem und id 10 lh 2 fun känd Mohr or g nie ti fit u Brot 1 9. J egen ell. iel frag iel an I dene fes e Un , en un i en schn ) die wit 5 N ben“ un öl an, n In. ein * ebel ar. Ren ie, et laß c fich blu se n“ n 10 5 1 — — ew W os 1 un bun Kun alle Lech 1 ft fit clit 1 1 „ 1 u 0 Sonnabend, den 29. Januar 1927. N 8 1 „Evangelische Warte“ Nr. a Weiterführende Gedanken. Eine Neujahrsbetrachtung, die in der Zeitschrift der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände veröffentlicht wird, wirft die Frage auf,„ob weiter Lebensinteressen des ganzen Volkes, wie sie in den so⸗ zialen Fragen geborgen liegen, im Strudel rein poli⸗ tischer Machtkämpfe versinken sollen, ob nicht die Er⸗ kenntnis sich verstärken müßte, daß alle Beteiligten, Ar⸗ beitgeber wie Arbeitnehmer, das gleiche Interesse daran haben, diese ernsten Fragen herauszuheben aus den trüben Niederungen des parteipolitischen Tagesstreites und ihrem Austrag andere Wege zu weisen. Wenn man den Blick zurücklenkt auf die stürmisch bewegten Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit, auf alle Kämpfe um die.... Neuerrichtung des Baues unseres sozialen Lebens auf der Grundlage eines neuen Staates und einer weitgreifend umgeformten Wirtschaft, so wird man trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen und trotz vieler schwerster Bedenken doch auch manch neues Leben gerade auf dem Gebiete der Sozialpolitik sehen. Daß um diese Probleme so leidenschaftlich ge— rungen wird, ist nicht nur ein Beweis ihrer Bedeutung für alle Volksgenossen, es ist auch die Arsache zu ihrer vertieften Betrachtung und zur Entwicklung weiterfüh— render Gedanken. Wenn diese Fragen auch nie ganz herauszuschälen seien aus dem rein Politischen und auch nie restlos zu lösen, so sollte doch immer„weiter an der Erkenntnis gearbeitet werden, daß mehr Gemeinsames die streitenden Gruppen vereint, als in der Hitze des Kampfes gesehen wird.“ * Arbeiter als Unternehmer. Die Wiener„Reichspost“ berichtet von einem eigen⸗ artigen Wirtschaftsversuch der Arbeiterschaft: Zuneh⸗ mende Absatzkrise nötigte die Eisenwerke J. Brauns Söhne in Vöcklabruck zur Einstellung des Betriebes und zur Kündigung der gesamten Arbeiterschaft. Diese, die zum großen Teil seit Generationen mit der Fabrik ver⸗ wachsen ist, bat die Direktion um Genehmigung zur Fort⸗ führung des Betriebes in eigener Regie. Es wurde ein Uebereinkommen getroffen, wonach die Arbeiterschaft vorläufig ohne jede Pachtvergütung auf drei Monate den gesamten Betrieb übernimmt. Aus den Erträg⸗ nissen sollen zunächst die Betriebskosten und die Roh⸗ materialien gedeckt, der Restt auf die Löhne aufgeteilt werden.— Man wird abwarten müssen, wie dieser Ver⸗ such einer Gewinnbeteiligung der Arbeiter sich be— währen wird. Ein anderer Weg wird von den Arbeiterbanken be⸗ schritten. Die Erfassung der Spargelder der Arbeit⸗ nehmer, wie sie hier durchgeführt wird, um den orga⸗ nisierten Arbeitern einen Teil des Besitzes der Kon⸗ zernwerke zu erwerben, macht Fortschritte. Außer in Deutschland finden sich besonders in der Schweiz und in Nordamerika kapitalkräftige Arbeiterbanken, die das gesammelte Geld gut fundierten Wirtschaftsunterneh⸗ mungen zur Verfügung stellen. Rede, gehalten bei der Feier des Schlachttages von Lodz am Kriegerdenkmal in Gießen am 5. Dezember 1926 durch Divisionspfarrer Haupt. Schiller hat ein Gedicht geschrieben, dem er die Ueberschrift gab:„Die Johanniter“. Was ihn zu die⸗ sem Gedichte begeistert hat, war der Doppelberuf dieses alten Ordens. Mit Lanze und im starken Harnisch ge⸗ leiteten die Johanniterritter die Pilger durch das hei⸗ lige Land, wie die Löwen kämpften sie um das heilige Grab, in den Spitälern legten sie jedoch die Waffen⸗ rüstung ab und dienten den kranken Brüdern in Demut und Liebe. Religion des Kreuzes, nur du knüpftest in einem Kranze der Demut und Kraft doppelte Palme zugleich. Mit diesen Worten schließt Schiller sein Ge⸗ dicht. Er hat richtig gesehen, Christentum ist nicht nur Demut und Liebe, Christentum ist auch Männlichkeit und Kraft. Darum sagt unser Text: Seid männlich und seid stark! Freilich, man kann durchaus nicht sagen, daß diese Verknüpfung von Demut und Kraft im Christentum überall zu finden wäre. Oft genug ist es nur weibische Schwärmerei, Verbrämung des Daseins, Gefühlsduselei, zugelassen an Krankenbetten und an Gräbern, ausge⸗ schaltet in Tagen der schaffenden Kraft. Wie wenig ja auch unsere Christusbilder. Wie oft ist Jesus ge⸗ malt worden als Schwärmer mit weichlichen, fast wei— bischen Zügen. Gerade er aber war diese Verknüpfung von Demut und Kraft, gerade er war ein Mann in des Wortes edelster Bedeutung. Nur zweimal weiß die heilige Schrift von Tränen Jesu zu berichten, nicht ein⸗ mal am Kreuze, als er von seiner Mutter Abschied nahm, hat er geweint. Wie er bei Sturm über den See Genezareth fuhr, bekamen es sturmerprobte Fischer mit der Angst zu tun, er muß ihnen fast vorwurfsvoll sagen: O, ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam. Wie mögen die Soldaten auf dem Kasernenhofe in Je⸗ rusalem gespottet haben, als sie zu seiner Verhaftung antraten. Da schickt der Hauptmann eine ganze Kom⸗ pagnie, um den Schwärmer zu fangen, ein paar Leute hätten doch auch genügt. Als die Soldaten im Garten Gethsemane Jesus entgegentraten, stürzten sie bei seinen Worten fast zu Boden, weil ihnen ein Mann entgegen⸗ trat, der sich nicht fürchtete, kein Schwärmer. Von Lut⸗ her kann man wohl auch nicht gerade sagen, daß er einen unmännlichen Charakter gehabt hätte. Christen— tum ist eben nicht bloß Liebe und Demut, sondern auch Männlichkeit und Kraft. Mögen auch viele Christen das durchaus vermissen lassen, in seinen Führern hat es das Wort stets befolgt: Seid männlich und seid stark! Seid männlich und seid stark! Ein Ruf, der uns entgegenschallt aus den Schlachtfeldern von Lodz und Brzesiny, an die wir heute denken. Unvergeßlich sind mir die Nächte von damals. Ein stählerner Himmel über uns, die Sterne schienen zu zittern, so kalt ist es gewesen. Durch die Dezemberkälte marschieren deut⸗ sche Truppen in festem Tritt und Schritt, darunter die Regimenter 221—224— fürwahr ein Bild zu den Wor⸗ ten unseres Textes: Seid männlich und seid stark. Der Ruf ist aber auch nötig für unsere Tage, die uns in vielem so unmännlich vorkommen. Wenn ich diese windschiefen Gestalten auf unseren Straßen sehe mit den Händen in den Hosentaschen, oder diese Jüng⸗ linge mit den Florstrümpfen, da überkommt mich die Sehnsucht nach dem preußischen Unteroffizier, der diesen Jünglingen einmal zeigen könnte, was Männlichkeit ist. Unsere Kasernen früher waren keine Töchterschulen, auch keine Kinderbewahranstalten, aber Pflanzschulen echt männlichen Geistes. Die haben wir heute wieder bit⸗ ter nötig. Denn wieviel offen zur Schau getragene Anmänn⸗ lichkeit in unseren Tagen! Tausende konnten 1914 nicht abwarten, bis die Mobilmachung kam, begeistert zogen sie ins Feld, aber heute wollen sie sich ihrer damaligen Einstellung nicht erinnern. Man klagt Gott und die Welt an wegen des Krieges, den man einst für nötig hielt. Mannhaft kann ich das gerade nicht nennen. Der Tapfere muß doch ruhig gestehen: Ja, auch ich hielt den Krieg für unver⸗ meidlich, auch ich wußte nicht, was ein Krieg heutzu⸗ tage bedeutet. Welch weibisches Gezänk in unserem politischen Le⸗ ben. Mit welchem Haß verfolgt man die Anders⸗ denkenden. Gesteht euch doch ruhig, daß es in jeder Partei Ehrliche und Unehrliche gibt, und daß es keine Partei gibt, die von sich behaupten kann, sie habe die Wahrheit für sich allein gepachtet, in jeder lebt Wahr⸗ heit neben Unwahrheit. Politischer Kampf ist auch nötig, er muß nur in männlicher Form geführt werden. Geschichtlich Neues entwickelt sich nicht dadurch, daß die einen schweigen und die anderen drängen, nur durch Kampf geht es weiter. Wenn ich die Zeitungen lese, packt mich manchmal der Ekel über unsere Zeit. Wir haben im Felde viel schreckliches gesehen: rauchende Dörfer, verwüstete Fluren, zerrissene Menschen. Aber ist denn das Bild des politischen Kampfes von heute so⸗ viel schöner? Man kämpft nicht offen, man kämpft lich für den bestimmten Beruf erklärt und wieder fuhr ich glück⸗ lich nach meinem geliebten Königsborn. Dann kam ich zu einem Dorflehrer, wo ich durch Hunger ge⸗ zwungen werden sollte, ungefähr wie man ja auch die Raubtiere bändigt,„schaltete er ironisch ein“, wir stahlen den Bauern die Mohrrüben aus den Gruben, das trockene Brot aus der Küche vor Hunger. Wir waren 12 an der Zahl, eine Bäuerin im Dorf, die tiefes Mitleid mit uns empfand, stellte stets ihre Ueberreste für uns hin, so wie man in Sibirien den armen, Fliehenden das Brot und den Whisky an das offene Fenster stellt. Meine Klagebriefe gingen alle durch Pater Markus Hände und erreichten nicht einmal das Ohr meiner Mutter. Wie ein Ausgestoßener kam ich mir vor, aber zum Glauben nach ihrem Sinn zwangen sie mich dadurch nicht und eines Tages war ich verschwunden, wie weggeweht aus der erniedrigenden Atmo⸗ sphäre einer Seelenpresse. Die gute Bäuerin nahm mich auf mein inständiges Flehen bis zur nächsten Stadt mit, von dort fuhr ich mit der Bahn zu meiner verheirateten Schwester, die einen Assessor geheiratet hatte, an der die Künste des Heiligensteiner ebenfalls gescheitert waren. Ich hatte meine goldene Taschenuhr, ein Geschenk meiner Patin zur Communion, der Bäuerin Lena Kügler als Pfand für das Geld gelassen, nur fort, fort, war mein einziger Gedanke. Mein getreuer Dammrat löste sie mir wieder ein, übermit⸗ telte ihr meinen Dank, und ihm trug ich meine Schuld, unbe⸗ merkt von den Meinen, in kleinen Raten ab. Als die Nachricht von meinem Verschwinden mit der An⸗ frage, ob ich auf Königsborn sei, zu meiner Mutter drang, regte sich wohl doch die alte Liebe für mich, Gewissensbisse ob sie recht getan, ließ ihr die Ungewißheit über mein Schicksal zur Qual werden. Kein Vorwurf traf mich, als meine Schwester mich heim brachte, sie erklärte mir nur nach zwei Tagen, daß Pater Mar⸗ kus aus Nächstenliebe meinen stark vernachlässigten Unterricht selbst leiten werde. „Er mag es wagen“, antwortete ich ruhig. Und er hat sich gescheut mit mir in offenen Kampf zu treten, ich wurde von allen Stunden entbunden, mußte nun Daheim die Wirtschaft erlernen. Mein ältester Bruder war in Berlin Officier gewesen, glaubte natürlich, ihm müsse sich alles unter⸗ ordnen, ich aber wollte überhaupt nichts von Disciplin hören, durch die verkehrte Art und Weise der Erziehung wurde in mir ein salscher Trotz erweckt. Wir lagen fortwährend in offener oder versteckter Fehde miteinander, auf die Dauer ein unleid⸗ liches Verhältnis, welches auch bei unsern Leuten Parteilich⸗ keiten hervorrief. Meine Mutter nahm wenig Anteil daran, sie jammerte, be— tete um eine Fügung, die mich doch noch in elfter Stunde zum Pater stempeln möge und schürte den Haß durch Ungerechtigkeit. Mein Bruder nämlich hielt sich Reitpferde, verkehrte mit Offi⸗ cieren, gab Essen wo der Champagner aus den hohen Kelchen schäumte, mir dagegen wurde von dem ererbten Vermögen mei⸗ nes Vaters Pension abgerechnet, als wäre ich ein fremder Eleve. Durch die immer gehässiger werdenden Zankereien verlor ich die Freude an dem Betrieb der Landwirtschaft. Da führte mich der Zufall mit meinem Gespielen, dem Sohn Dr. Langemanns wie⸗ der zusammen, der Braumeister werden wollte und mich eben⸗ falls für diesen Beruf erwärmte. Ich ging also zu meiner Mutter und kündigte ihr meinen Entschluß an, ich wollte gern voll meinen Platz in der Mensch⸗ heit ausfüllen, stand mir doch einst Geld zur Verfügung, daß ich selbst ein großes Etablissement als Eigentum leiten konnte. 9„Die sündige Welt hat Dich umgarnt“, wie eine rächende das Männliche des Christentums erkannt ist, das zeigen heimlich. Man redet von Liebe und Menschenverbrü⸗ derung und ist doch voll Gift und Galle. Gewiß, die Kanonen. schweigen, geschossen wird aber doch, nämlich mit vergifteten Buchdruckerpfeilen nach der Ehre ande⸗ rer. Ich bin der Meinung, daß die Kugel im Kriege etwas viel anständigeres war, als diese giftigen Zei tungspfeile. Ein Lungenschuß ist lange nicht so gefähr⸗ lich, wie dieses Abschießen der Ehre anderer! Leben ver⸗ loren, viel verloren, Ehre verloren, mehr verloren! Politik sollte ein mutiger Mann sein mit klarem Kopf, heute ist sie ein hinterlistiges, zanksüchtiges Frauen⸗ zimmer. Welch unmännliches Träumen von einem Schla raffenland, in dem es keinen Kampf und keine Sorge mehr gibt. Männliche Naturen wollen kein Schlaraf⸗ fenland. Das ist nur etwas für Drohnen und faule Bäuche. Kampf und Not sind im Leben nötig, denn nur im Kampf mit den Widerständen des Lebens ent⸗ wickeln sich Charaktere. Seelig sind, die da Leid tragen. sagt die Bibel. Ich weiß nicht, wie der Schriftsteller heißt, der einmal geschrieben hat: Viele sind mir im Leben begegnet. Viele waren oberflächlich, einfach Nummern, viele ernst und innig, Charaktere. Wenn ich nachforschte, waren die wertvollsten immer die, welche es schwer hatten im Leben. Seid männlich und seid stark, weg mit der Un⸗ männlichkeit unserer Tage, zurück zu der tapferen Le⸗ bensauffassung der Helden von Lodz. Nicht nur im Kriege ist Mannhaftigkeit nötig, wir brauchen auch die Zivilkourage. Das will auch das Denkmal sagen, vor dem wir stehen. Aus schwerer Niedergeschlagenheit er⸗ hebt sich der Jüngling. Aufwärts die Herzen. Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten, nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen, rufet die Arme der Götter herbei! Seid männlich und seid stark! Aus unserer Bewegung. Vom RNednerkursus in Gensingen. Wie durch die„Ev. Warte“ bekannt gegeben wurde, fand vom 22. bis 24. Januar ds. Is. in Gensingen bei Bingen ein Rednerkursus statt. Der Ort war vorzüglich gewählt; denn wir fanden dort eine begeisterte, starke Ortsgruppe, welche durch ihren Vorstand alles tat, um die Tagung gelingen zu lassen. Am 1. Tag begrüßte der Vorsitzende der Ortsgruppe Gensingen, Herr Lehrer Schmahl, die erschienenen Redner u. Mitglieder. Reichs⸗ geschäftsführer Weidner dankte für die Begrüßung und die freundliche Aufnahme. Dann begannen die vorgesehenen Vor⸗ träge. Reichsgeschäftsführer Weidner sprach über die Vollsab⸗ stimmung vom 5. Dezember 1926. Anstelle des erkrankten Stu⸗ dienrats Pröscher sprach Herr Lehrer Greb⸗Weisenau über Schul⸗ fragen und anschließend über die Bedeutung der E. V. im Ge⸗ meindeleben. Nachdem Herr Stadtverordneter Kümper⸗Frank⸗ furt a. M. über die Aufgaben der E. B. im Stadtparlament ge⸗ sprochen hatte, beschloß der Reichsgeschäftsführer den 1. Tag mit einem Schlußwort.— Am 23. hielt Herr Kümper seinen Haupt⸗ vortrag: Soziale Aufgaben in Stadt und Land. Am Abend fand eine öffentliche Versammlung statt, in welcher die Herren Kümper, Linke⸗Barmen, Zirkelbach⸗Nürnberg und Weidner sprachen. Der Saal war bis zum letzten Platz besetzt. Am drit⸗ ten Tag sprach Schriftleiter Hamburger über: Die„Evange⸗ Uebersichtl. Geschäftsbuchführung mit der zu jeder Stunde der Stand des Vermögens, der Einnahmen und Ausgaben zu ersehen ist, hat man sofort ohne Buchführungsvorkenntnisse durch Anwendung des Aniversal Reichs kassebuch Zu beziehen vom Verlag Albin Ulein in Gießen. CC οοοοοποποõ ³õ WW ονhNMuοοοοοοοοονοο Nemesis stand sie vor mir, nicht wie eine Mutter, die mit dem Sohne das Für und Wider des neuen Berufes erwägt. „Schlüge doch der Himmel alle Brauereien in den Höllengrund, ein Fluch ruht drauf, den alle ausstoßen, die unter Trunkenbolden leiden! Ich dulde es nicht, mit meinen Willen betrittst Du den Sündenpfad nicht“, dann ging sie und warf die Eichentür ins Schloß, daß es im Hause dumpf widerhallte. Mein Bruder trat herein, er hörte wohl, daß eine erregte Auseinandersetzung stattgefunden:„Was ist geschehen“, fragte er kurz. Hoffend bei ihm Verständnis zu finden, erklärte ich ihm den Vorfall. Da lachte er höhnisch auf:„Warum läßt sie Dich nicht ge⸗ währen? Mit Dir Dummen ist ja doch nichts weiter an⸗ zufangen!“ Maßlos war meine Empörung, was hatte ich denn getan, daß man mich wie einen Ausgestoßenen behandelte? Ich sprang auf und schlug meinen Bruder in das Gesicht, daß er taumelte, dann stürmte ich hinaus! Zum ersten Mal empfand ich schmerz⸗ lich, wie mir der Vater fehlte. „Herr Hans“, tönte da die Stimme Dammrats,„nu besönne Se sich man mal jett und dann jehen Se zum alten Landrat, das war der upprechtigste Fründ Ihres Vatters und er werd Se jett sagen was werde soll und Ihne helpen. Ich weeß alles, gehn Se aber jleich un kommen Se erst hüt Avend wieder, ich schließe Ihnen das Pfoörtschen auf!“ Wie es meinem Herzen wohltat einen Menschen zu hören, der mich verstand, war es auch nur ein schlichter Mann. „Ja, ja, der Vatter fehlt, den hätt' se üch tot jeärgert!“ „Was, meinen Vater“, fragte ich erstaunt. Fortsetzung folgt. Sonnabend, den 29. Januar 1927. lische Warte“— Das öffentliche Gewissen. Ein gewisser Höhe⸗ zunkt der ganzen Tagung bildeten die programmatischen Aus⸗ führungen des Herrn Pfarrer Weller⸗ Bretzenheim zu dem The⸗ ma: Religion und Politik. Während der Tagung wurden auch in den umliegenden Orten Versammlungen gehalten. In Grols⸗ heim sprach Herr Weidner und gründete eine Ortsgruppe, in Bibelsheim Herr Kümper und Herr Greb. Dort hat Gemeinde⸗ einnehmer Schnell das Amt eines Vertrauensmannes übernom- men. In Zotzenheim verbreitete Herr Kümper zum ersten Male unsere Gedanken. In einer zweiten Versammlung soll auch dort eine Ortsgruppe gebildet werden. In Pfaffen⸗Schwabenheim wurde durch Herrn Greb sogleich eine Ortsgruppe begonnen. In „Gießener Zeitung“ Nr. 5. Horweiler, wo bereits eine Ortsgruppe besteht, sprach deren Vor⸗ sitzender Herr Diehl, Schriftleiter Hamburger, Lederzuschneider Zirlelbach und Reichsgeschäftsführer Weidner. Die Tage sind nun vorüber. Dankbar und befriedigt schied man von einander. Das ließen die Dankreden des Herrn Küm⸗ per und des Herrn Gemeinderechner Becker-Gensingen deutlich erkennen. Hr. * Nidda. In der am 9. ds. Mts. im Gambrinussaal dahier anberaumten Versammlung der E. V. sprach Bürgermeister Völ⸗ ker von Lich in Verhinderung von Bürgermeister Hensel von Hirzenhain über das Thema: Warum brauchen wir eine evan⸗ gelische Partei? In sehr verständlicher Weise legte er die all⸗ bekannten Gründe des notwendigen Zusammenschlusses, sowie Wege zur Erreichung des Endzieles dar. Daran reihte sich der Vortrag des Stadtverordneten Krümper von Frankfurt a. M. der im Wesentlichen auch die Notwendigkeit einer eigenen Par⸗ tei hervorhob im Hinblick auf die Erfahrung bei den politischen Parteien, was durch einige Beispiele gekennzeichnet wurde. Um hierorts zum Ziele, Verbreiterung des Vereins, zu kommen, wurde ein Vorstand gebildet, der die Angelegenheit weiter bear⸗ beitet. Infolge des alten Uebels der Gleichgiltigkeit derjenigen Kreise, die es gerade berührt, war die Versammlung mäßig besucht. ꝓ)))))))%)V))..ͤõͤé0Xw·ü eee, F d 8 Im Familienkreis N N Das böje Gewissen. Mit dieser Ueberschrift schrieb vor einiger Zeit J. Oettli im Rel. Volksblatt: Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Das ist wohl ein wahres, aber zugleich ein bedenkliches Sprichwort. Ist denn das die Hauptsache im Leben, daß wir ein weiches Ruhekissen haben? Ist so ein Ding nicht im Gegenteil gefährlich, indem es zur Trägheit verleitet? Es ist doch wahrhaftig nicht unsere Aufgabe, der Ruhe zu pflegen. Ansere Aufgabe ist die Tat. Wenn ich nun nicht das Gefühl habe, dir etwas schuldig zu sein, wenn ich dir gegenüber ein gutes Gewissen habe, was für eine Tat hast du dann von mir zu erwarten? Ich tue dir doch nur das zuliebe, wozu mein unruhiges Gewissen mich treibt. Das gute Gewissen ist der Sessel, in dem ich mich behaglich, selbstzu⸗ frieden dehne, das Glas Rotwein schlürfend, den Rauch der Zi— garre paffend. Wem dies die von Gott uns gewiesene Lebens⸗ aufgabe zu sein scheint, der mag sich's in seinem Gewissenslehn⸗ stuhl bequem machen. Uebrigens: das Polster, der Rotwein, die Zigarre, sind das nicht alles Betäubungsmittel? Ist also das gute Gewissen nicht Selbstbetäubung? Wer von uns kann im Ernste behaupten, er habe alles getan, was er zu tun schuldig war? Der Mensch, der das behauptet, lebt im Dusel, ist unaus⸗ stehlich. Wir können, im Ernste, nur bekennen, daß wir vieles versäumt, vieles falsch gemacht haben. Gewiß, es gibt Dinge, die uns nie zu beunruhigen brauchen. Wir sind vielleicht durch⸗ aus ehrlich, was das Strafgesetz ehrlich nennt. Wir sind meinet⸗ wegen ganz solid, was man so allgemein unter solid versteht. And was man noch an bürgerlichen Tugenden aufzählen mag. Was aber gilt unsere bürgerliche, gesetzliche Rechtschaffenheit vor dem Gott, der von uns verlangt, daß wir nicht einen Pfen⸗ nig besitzen sollen, den der leidende Bruder nötig hat, daß wir nicht einen Bissen Kuchen essen sollen, wegen dessen ein anderes sein tägliches Brot einmal entbehren muß, daß wir nicht im lei⸗ sesten daran denten dürfen, mit irgendeinem, außer dem ange⸗ trauten Ehegatten, Gemeinschaft zu haben, daß wir nicht ein⸗ mal den unausgesprochenen Wunsch haben dürfen, es möge dem Nebenmenschen schlecht gehen, daß wir mit keinem Schweigen und mit keinem halben Satz einen falschen Schein erwecken dürfen, bestehen. gaben sehr ernst! kurz, daß wir in allen Dingen rein, liebevoll sein sollen? Nein, vor Gott ist's aus mit dem Rühmen. Vor ihm kann niemand Vor ihm ist das gute Gewissen unmöglich. Sorge in erster Linie dafür, daß du ein gutes Gewissen hast! pflegte man uns in der Jugend zu sagen, pflegen wir unseren Kindern zu sagen, sofern wir unsere Erzieher- und Elternaufgabe ernst nehmen. Wir halten das Apostelwort hoch: Ich übe mich, allezeit ein unverletztes Gewissen zu haben, beides, vor Gott und den Menschen. Und wir bilden uns dabei ein, daß wir das Kunststück fertigbringen. Wir lullen uns in eine mollige Gewissensruhe ein. Wie viele gute Gewissen gibt es nicht! Frage nur deine Bekannten, ob sie ein gutes Gewissen haben! Von hundert wird vielleicht einer sagen: Nein! Was muß das für eine herrliche Welt sein mit den neunundneunzig guten Gewissen! So herrlich, wie sie eben ist in unserem Jahrhundert des Niederganges, in unserem Zeitalter der brutalen Selbstsucht, des rücksichtslosen blutigen und unblutigen Mordens. Wir müssen's unbedingt umkehren: Sorge in erster Linie dafür, daß du ein böses Gewissen hast! Das heißt, sittlich ge⸗ sprochen: Stecke dein Ziel sehr hoch! Nimm's mit deinen Auf⸗ Oder religiös gesprochen: Stelle dich hin vor Gott! Lege seinen Maßstab an dein Tun! Dann wirst du ent⸗ setzt auffahren von deinem Ruhekissen. Du wirst ein neues, wahrhaft tätiges, schöpferisches Leben anfangen. Die besten Werke, die von Menschen geschaffen worden sind, haben ihren Ausgangspunkt im schlechten Gewissen. Das sind nämlich die Werke, auf welche man sich nichts einbildet. Es ist ja immer⸗ hin möglich, daß einer, der ein ruhiges Gewissen hat, recht nette Taten vollbringt, daß er gefühlvoll Almosen spendet, daß er gerührt ein armes Kind ins Haus nimmt, daß er im per⸗ sönlichen Leben fleißig und im öffentlichen Leben wertvoll ist, daß er flotte Ideen verficht, um das Volksleben reiner, edler zu gestalten. Aber mit dem allem will er nur sich zeigen und zur Geltung bringen und sagen: Seht, so solltet ihr's auch machen! Und damit tragen seine Werke den Keim des Ver— derbens in sich. Was aus der Einbildung, dem Selbstbewußt⸗ sein kommt, enthält keinen Segen. Was jedoch aus dem Scham⸗ gefühl, dem schlechten Gewissen, der Gegenüberstellung zu Gott, kommt, das hat guten Untergrund. Der Täter des Guten tritt zurück. Er hat keinen Anlaß, sich hervorzukehren, zu betonen: Ich leiste mit meiner guten Tat eine immer noch ungenügende Abschlagszahlung. Er brüstet sich nicht mit der Scham über seine Versäumnisse und Uebeltaten. Er verschwindet gern— und das Werk bleibt bestehen. Es ist kein Zufall, daß es der⸗ selbe Albert Schweitzer ist, der das Wort geprägt hat:„Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels“, und den das schlechte Gewissen gezwungen hat, Ansehen und sichere Stellung zu verlassen und zu den Negern zu gehen und ihnen zu helfen. Die Erneuerer des Glaubens und des Lebens, die Streiter für Gerechtigkeit und Frieden, die wahren Wohltäter an einzelnen oder Völkern oder Geschlechtern, sie alle haben aus der Un— ruhe ihres Gewissens heraus gehandelt. Uebrigens auch wir, die bescheidenen Alltagsmenschen, tun unser Gutes aus dem bösen Gewissen heraus. Das Kind ist. allemal dann am artigsten, folgsamsten, wenn es etwas ver⸗ brochen hat und darunter leidet. Der Gatte, die Gattin sind gegen den anderen Teil dann besonders freundlich, wenn sie sich ihm gegenüber einer Schuld bewußt sind. Wir geben und helfen am ehesten dann, wenn wir das Gefühl haben, daß wir eine Strafe verdient hätten. Sehr viele Wohltaten, Vermächt⸗ nisse, Stiftungen kommen aus mehr oder weniger deutlicher Ge⸗ wissensplage. Mit dieser Feststellung wollen wir sie nicht herabwürdigen. Umgekehrt! Wir anerkennen, daß die wohl⸗ tätigen Spender noch ein Gewissen hatten, und zwar kein ganz sauberes. Das unsaubere Gewissen ist an ihnen wohl das Sauberste gewesen. Es hat sie hinausgehoben über die Men⸗ schen ohne Gewissensnot! Das beste Menschliche, das es auf der Welt giot, ist ein schlechtes Gewissen. Es treibt uns nicht nür zur guten Tat der Buße. Es treibt uns, da diese allein uns nicht hilft, noch an einen weit höher gelegenen Ort. Wenn wir verwundet sind, eilen wir zum Arzt. And wenn uns die Wunde recht schmerzt, zögern wir nicht, all das zu tun, was der Arzt befiehlt, damit die Verletzung geheilt werde. So ist das Wort zu verstehen: Ich übe mich, ein unverletztes Gewissen zu haben. Mit dem verletzten Gewissen eilen wir zum Heiland. Wer mit versehr⸗ tem Gewissen zu ihm kommt, der ist ihm recht. Dem aufzuhel⸗ sen, ist seine Freude. Dazu ist er der Heiland. Wer mit versehrtem Gewissen kommt, der weiß, was der Mensch ist, und was Gott ist; der verwechselt die beiden nicht; der sieht den Abstand, der kommt dadurch zur wahren Erkenntnis, zum vol⸗ len Leben. Leser der Warte Wo sie Verlangt die„EKvangellsche Warle“ in den Gasthäusern, u. Bahnhofsbuchhandlungen etc. Sorgt für Bestellung, g 85 85 nicht zu haben ist. .( d Mehr als 1200 verschiedene Formulare für Behörden, andere Amtsstellen, für Vereine und vormals Wilh. Xeller, gegr. 1783 00 V/ —— Sowie auch für die Geschäfte ständig am Lager Albin Klein, giessen UU... Körperschaften, Südanlage 21 T ⁵(Pꝰẽ⸗ ð ꝗę ᷣ œ Verlangen Sie den hochwertigen Huhr-Brechlons Heizkräftigster, sparsamster Brennstoff fur Aenralheizungen! Erhältl. in allen gröss. Kohlenhandlungen Evanglijche unterstützt uns. evang. Buchhandlung dur Bestellung v. Büchern u. Zeitschriften. Fe iste Bestellungen von 2— Mk. an werben post⸗ frei ausgeführt. Warsburgbuchholg. Mainz, Emmeranstraße 9. Besondere Vorzüge: coded . V 1 Oflene Bauart, leichtesten Anschlag, geräuschlosen Wagen- rücklauf, zwangsweise Gross- - buchstabensperre- Maschinenfabrik Kappel Alt- Ges. chernmitz-Heppel ,,,, 2 J 8 l s Maschinenfabrik Rappel, A.-G. Chemnitz-Rappel Gegründet 1860 E. V., Ortsgruppe Mainz. Ansere Ortsgruppe kommt am Freitag, den 4. Februar 1927, abends 8 Uhr, im Evangelischen Vereinshaus, Schießgartenstr., zusammen. Der Vorsitzende, Herr Stuienrat Pro escher, wird einen Vortrag halten über„Die politische Lage im Reich“. Bis⸗ her war die monatliche Teilnahme an unseren Versammlungen recht günstig. Die Aussprache, die sich immer an einen Vortrag anschloß, bekundete ein so lebhaftes Interesse, daß wir unsere getroffene Einrichtung mit einer monatlichen Zusammenkunft (jeden ersten Freitag im Monat) vorläufig beizubehalten ge⸗ denken. Der Vorstand. CCC dbb N . . e 4 die b. von! (wie icht günst deutst getei, Order Hegnt lang eine dens! erstre Vikte lenri lehnt Orde Ham! tune dem bände dh getan Alten Reht leer Reich Oeßle hatte wurde tend Hläne hinein deutli kenlt, l —