* vangelis Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft „des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Matthäus 20, 28. eiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen). lerantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, . den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz. fürRücendung ungewünschter Manuskripte wird r 1 Arbeitsziele g 1 f Stra Im Folgenden bringen wir auf mehrfachen Wunsch die von unserem Freund K. Veller auf eschaug der Tagung in Gensingen vorgetragenen Leitsätze. merlet Wie in der Ueberschrift schon zum Ausdruck ge⸗ dug 1 bracht, sollen sie als Arbeitsprogramm zunächst de für den Mainzer Kreis bestimmt sein. Deshalb wurden sie auch zuerst in den Monatsversamm— er gibtz lungen in Mainz durchberaten. Wenn wir nun heute diese 16 Sätze veröffentlichen, möchten wir alle Ortsgruppen veranlassen, zu ihnen Stellung zu nehmen. Sie sind es wert. Dabei bemerken wir, daß alles, was in keiner Klammer oder in eckiger Klammer steht, die Vellerschen Urthesen dar— stellt. Was in eckiger Klammer eingeschlossen ist, wurde bei den Beratungen in Maiz gestrichen; 1 was in runden Klammern steht, sind Zusätze, welche ebenfalls in Mainz beschlossen wurden. 1. Die Evangelische Volksgemeinschaft steht auf um Boden des evangelischen Christentums, wie es in r heiligen Schrift bezeugt ist. Sie bejaht grundsätz⸗ ch alle theologischen und religiösen Richtungen inner⸗ alb der evangelischen Kirche, die ehrlich an einer gangelischen Volksgemeinschaft mitarbeiten wollen. ia, auch alle evangelisch Gesinnten, die nicht zur evan⸗ klischen Volkskirche gehören, begrüßen wir gerne als ere Mitarbeiter. Alle, die es erlebt haben und wis⸗ , daß wahrhaft gerechte, reine soziale und opferwil⸗ ge Gesinnung nur ein Baum des Christentums wächst, Allen uns willkommen sein. 2. Die Evangelische Volksgemeinschaft ist, getreu es Begründers der evangelischen Kirche, gut deutsch ge— nt. Aber sie lehnt alle völkischen Uebertreibungen ind Vergötterungen des Germanentums entschieden ab, e uns seelisch und politisch gefährden. Wir wissen uhr gut, was z. B. der englische und amerikanische Pro— stantismus geleistet hat. Unser Deutschtum ist uns ie hohe Gabe, die außerordentliche Aufgaben in sich hließt. 1. Wir unterscheiden uns vom evangelischen Bund üdurch, daß wir aktive politische Arbeit in den Parla⸗ enten leisten wollen. Die politisch fruchtlosen Er⸗ Antnisse und Bemühungen jenes wollen wir in zähem litischen Ringen zu Wirklichkeiten erheben, daß im „ urwiegend evangelischen Deutschland ferner nicht die nangelischen Bürger minderen Rechts sind, mit denen e Parteien nach Belieben schalten und walten können. 4. Als Vertreter der Evangelischen Volksgemein⸗ haft denken wir uns Männer, die sich ganz selbstlos Sache hingeben, deren ideale Gesinnung durch inerlei Streben nach persönlichem Gewinn, persön⸗ her Ehre und Machtfülle beeinträchtigt wird.[Wir ichähnen die Frauen nicht, da wir glauben, daß nur se Not der Gegenwart die Frau in die politische Arena missen hat.] 1 2 Sauet l Trang i lleinf arte — Die Bedeutung des Zieles. 8 Ev. Johannes 14, 6. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Einen Schüler habe ich einmal kennen gelernt, der hatte he Freude an der Erdkunde, daß er auswendig über Städte, füsse und Eisenbahnen fast aller Länder der Erde Bescheid sa⸗ 1 konnte. Wenn er gefragt wurde:„Wie komme ich nach Mos⸗ ue“ dann wußte er genau die Bahnfahrt zu beschreiben. Von Stadt konnte er allerdings nichts erzählen, war ja noch nicht n gewesen. Auch von den Eisenbahnen wußte er nichts zu gen, er war sie noch nicht gefahren. Den Weg wußte er wohl. Air er war ihn noch nicht gegangen. Warum wissen so viele großen Sachen zwar den richtigen Weg, aber gehen ihn nicht? Auch Jesus wünscht, daß seine Anhänger den rechten Weg hen. Er selbst ist der Weg. Einen anderen gibt es nicht, wenn Af an das höchste Ziel will. Gewiß gibt es ja viele Wege. lr diese alle führen ab vom höchsten Ziele. Was hilft es nun, enn wir Jesus rühmen und preisen? Wir müssen den Weg Ihen. Wir wollen zum höchsten Ziele, zum Vater, zu Gott. Jesus il uns dahin führen. Dann müssen wir uns auch von ihm 1 lassen. Ohne Führung kann man nicht durch das Gebirge 55 Lebens klettern. Wer nur mit seiner eigenen Kraft, seinem 1* Wissen, dem Vertrauen auf seine kurze Erfahrung die oft nen Hänge überklettern will, dem kann es gehen, wie manchem enreisenden. Er kommt an eine schwierige Stelle, an der er ½ Weiter weiß, kein Zurück mehr für möglich hält. Da sieht 1 ö 5 sich nur noch den furchtbaren Absturz, den er in wahn⸗ 5 Wege hätte er einen Führer mitnehmen sollen!“ 1 liger Verzweifelung erlebt. Dann sagen alle Kundigen:„Auf . Aber auch in den Führern gibt es, wie in allen Berufen, 0 nicht garantiert. Anterschiede. So ist es in den Bergen, Erscheint Sonnabends. 5 Bezugspreis 50 Pfennig e Abonnements⸗ und Anzeigen⸗Annahmestelle Druck und Verlag Albin Klein, Gießen, Südanlage 21 Jernsprecher Nr. 1145 und 1362 Gießen Sonnabend, den 21. Mai 1927. Evangelischen Zunächst für den Mainzer Kreis. Von Pfarrer K. Veller-Mainz⸗Bretzenheim. 5. Wir ehren jede politische Ueberzeugung, die in unserem Rahmen möglich ist. Und darum lehnen wir allen und jeden direkten und indirekten Fraktions— zwang mit Entschiedenheit ab. 6. In der Verfassungsfrage sind wir neutral.[Wir hoffen, daß uns bald eine neue starke Zentralgewalt über den Parteien ersteht, die Monarchie, Präsident⸗ schaft mit wirklicher Machtfülle, oder sonstwie heißen mag. Unsere Hoffnung ist dabei, daß durch die Evan— gelische Volksgemeinschaft die politische Reife des Vol—⸗ kes einen erheblichen Schritt weiter kommt, die eine Diktatur mehr und mehr gegenstandslos macht.](Wir begrüßen eine Regierungsform, die der Not der Zeit angepaßt ist.) 7. Die Frage unserer nationalen Geltung beant⸗ worten wir so, daß das Deutschtum an unseren Grenzen zu Deutschland gehört, daß jenseits derselben unsere Stammesgenossen gepflegt werden[sollen, ohne impe— rialistischen Tendenzen dabei zu huldigen].[Imperia⸗ listisch sind wir nur in der Frage christlichen Zusam⸗ menschlusses, der jedem Volke das Seine auf wirtschaft⸗ lichem, nationalem und kulturellem Gebiet läßt.](Wir treten mit Entschiedenheit dafür ein, daß man jedem Volk das Seine auf wirtschaftlichem, nationalem und kulturellem Gebiet gewährleistet.) 8. In militärischer Hinsicht betonen wir den Schutz des Landes nach innen und außen, die Erziehung der männlichen Jugend zur Ordnung, Gehorsam, Tatkraft und Selbstverleugnung.[Allen verstiegenen Milita⸗ rismus gegenüber, der sich zum Selbstzweck wird, leh⸗ nen wir ab,](Wir) bekennen uns laber] zu der tief wurzelnden Sehnsucht des Volkes nach einem tüchtigen Volksheere, dessen hohe und niedere Führer wissen, daß sie zu dienen und nicht zu herrschen berufen sind. 9. In der Wirtschaft ersehnen und erstreben wir einen verständigen, übernationalen Güteraustausch, da jede exklusive nationale Wirtschaft den Keim zu neuen Kriegen in sich birgt.[Diese übernationale Wirtschaft ist unser Beitrag zum pazifistischen Ideal, das wir ehren und zu dessen Verwirklichung wir gerne beitragen wollen!].. 10. Innerhalb unseres Vaterlandes erstreben wir vor allem ein Wirtschaftsleben, bei dem die Arbeit um des Menschen willen da ist, und nicht der Mensch um der Arbeit willen. Die restlose Mechanisierung der menschlichen Arbeit auf Kosten der menschlichen Seele und der Ausschaltung jeder Persönlichkeitskultur ist der Todfeind unseres Volkes, den wir mit allen Mitteln bekämpfen[wollen](müssen). Damit ist gegeben mög⸗ lichste Beseitigung aller Nacht- und Sonntagsarbeit; oft sind die Führer Verführer. Dann aber ist das Ziel ein an— deres, als der Geführte erstrebt. Die Konfirmationen sind ja jetzt wohl in Stadt und Land vorüber. Mit guten Vorsätzen sind unsere Knaben und Mädchen an den Altar getreten. In wes— sen Hände werden sie nun kommen? Sie hatten alle das eine gleichen Ziel vor Augen. Welches Ziel wird ihnen wohl nachher aufgeschwatzt werden? Wie das Ziel, so ist der Weg. Jesus setzt ausdrücklich hinzu:„Ich bin die Wahrheit und das Leben.“ Der Wahrheit entgegen steht die Lüge. Hören wir nicht schon auf dem zweiten Blatt der Bibel, wie die Lüge der Weg zur Sünde war? Hat nicht die Schlange im Para⸗ diese der Eva vorgelogen: Ihr werdet mit nichten des Todes sterben?“ Lautete nicht dann das Urteil:„Du bist Erde und sollst zu Erde werden?“ Die Lüge führt zum Tod, die Wahr⸗ heit führt zum Leben. Jesus ist Wahrheit und Leben. Auch die auf den Irrwegen gehen, suchen das Leben. Sie suchen es nur an der falschen Stelle. Sie glauben, gutes Essen, gutes Trin⸗ len, Ausgelassenheit, ständige Vergnügungen sei das Leben. Wa⸗ rum macht aber gerade gut Essen und Trinken krank? Erinnern uns diese daraus entstehenden Krankheiten nicht an den Tod? Das Ziel ist falsch gewählt, deshalb befindet man sich auch am falschen Wege, Es gibt nur ein richtiges Ziel, der Vater im Himmel. Es gibt nur ein Weg, Jesus Christus. Es gibt nur eine Wahrheit, unser Heiland. Es gibt nur ein Leben, das Leben in Gott, mit Gott, von Gott. Wer dieses Ziel ernstlich erreichen will, der findet auch den einen Weg, auf dem wir allein zum Vater kommen. Unser irdisches Leben wird häufig als Pilgerschaft über die Erde angesehen. Alte Leute sind wie lang gewanderte Pilger müde. Den Weg und das Wandern sind sie satt. Sie sehnen sich nach Ruhe. Nirgends ist die Ruhe so schön als im heimischen so ist es im Leben. Wie ö Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung. kein chematischer Achtstundentag, sondern Arbeitszeit nach Schwere und Gefahr der Leistung; Gewinnbetei— ligung aller Arbeiter, Angestellten und Beamten nach Maßgabe der Rentabilität des Unternehmens; bessere Möglichkeit für den Aufstieg der Tüchtigen und Cha⸗ rakterstarken; mehr Rücksicht auf die Gesundheit der Arbeitenden, die eventuelle Ausfälle glänzend heraus⸗ bringt! mehr Achtung vor des Menschen Würde, d. h. endliche Preisgabe alles Herrentums seitens der Un⸗ ternehmer, und vor allem der Direktoren und höheren Beamten, also wahrhaft soziale und leutselige Gesin— nung. Dann werden Arbeiter und Beamte auch wie— der Freude an ihrer Arbeit haben. 11. In der für uns so ernst gewordenen Beamten⸗ frage fordern wir Wahrung der Interessen eines freien Berufsbeamtentums, dessen Unabhängigkeit von der Parteikorruption wir möglichst sichern[wollen](müs⸗ sen). Dabei ist dringend anzustreben, daß die kleinen Beamten auch finanziell besser bedacht werden, die hohen Stellen mit Riesengehältern und Riesenpensio— nen möglichst auf die Zahl der Vorkriegszeit zurückge⸗ führt, diese Gehälter und Pensionen ganz wesentlich zu Gunsten der Kleinen eingeschränkt werden. Doppelte Gehälter und Pensionen, Diätenjägerei in irgend einer offenen oder versteckten Form müssen verschwinden. [Pensionen dürfen nur solchen Personen zuerkannt werden, die sie in jahrzehntelanger ehrlicher Arbeit verdient haben]. Die Sauberkeit und absolute Unbe⸗ stechlichkeit des deutschen Beamtentums muß aufs neue unser Stolz und unsere Hoffnung[werden!](sein). 12. Die deutsche Landwirtschaft darf fernerhin nicht so stark belastet werden, daß der Landwirt zur Substanzveräußerung greifen muß, um seine Steuern zu bezahlen. Siedlung und Verpflanzung geeigneter städtischer Bevölkerung aufs Land zwecks Ausgleich der Riesenspannung von Stadt und Land sind großzügig zu fördern. Ueberhaupt muß die unsinnige Besteuerung des kleinen Hausbesitzes ganz wesentlich reduziert wer⸗ den, um den Haß gegen die Scholle nicht zu groß wer— den zu lassen. Andererseits ist die Bautätigkeit durch zinslose Darlehen von Staat u. Gemeinde bei kleinen Tilgungsraten möglichst zu förden, die Bodenrente steuerlich hereinzuholen— Bodenreform!— und alles zu tun, um den eigenen Besitz von Haus und Garten zu fördern. 13. In der Frage der Volkssittlichkeit unterstützen wir alle Bestrebungen zum Abbau des Alkoholismus, der Unsittlichkeit, Vergnügungssucht,[der Schamlosig⸗ keiten in Mode], Kunst Literatur und Geselligkeit. Die Jugend soll vor allem wieder in einer reineren Luft groß werden, als es die heutige ist. Um unserer Vaterland. Jesus gebraucht mit Absicht das Wort„Vater“, wenn er Gott meint. Das Wort„Vater“ erinnert an Vaterland, Vater⸗ haus. Dort, wo der Vater ist, ist Heimat und Ruhe. Das soll das Ziel sein in unserem ganzen Erdenleben. Dorthin will uns Jesus führen zur Wahrheit und zum ewigen Leben. Dort hört das Stückwerk auf, dort ist die Vollendung. In ernster Stunde hat Jesus obige Worte zu seinen Jüngern gesprochen. Es war die Zeit vor seinem Leiden und Sterben. Das Furchtbare und Unfaßbare stand den Getreuen bevor. Der Meister spricht zu ihnen noch Worte des Trostes. Vieles hatte er am Herzen, das er sagen wollte, um sie stark und zielsicher zu machen. Sie mußten über Leben und Sterben so getröstet und mit ihrem Verhältnis zu Gott so vertraut sein, wie er selbst war. Hinter den Leiden dieses Lebens setzte er ihnen ganz klar und deutlich das höchste Ziel. Damals haben die Jünger nicht alles verstanden. Aber später war es ihnen verständlich geworden. Sonst hätte Paulus nicht 1. Tess. 4, 17 geschrieben:„Wir werden bei dem Herrn sein allezeit.“ Auch wir kennen kein höheres Ziel, als nur das eine. Auch wir wünschen uns das ewige Leben. Wie furchtbar trostlos ist der Gedanke, aus dem Unfrieden der Erde in den Unfrieden der Seele übergehen zu müssen. Wie schwer muß das Sterben sein, wenn jemand aus der Heimatlosigkeit der Erde wechselt in die Heimatlosigkeit des Himmels. Einmal wollen wir doch wirk⸗ lich heimkommen. Jesus soll uns heimführen. Ihm wollen wir uns allein anvertrauen. Er ist ja Wahrheit und Leben. Ein Himmel, eine Seligkeit, ein Vorbild und ein Hoffen, ein Recht, ein Vaterherz im Leid, Ein Segen steht uns offen; Uns führt ein Weg dem Himmel zu, Wir hoffen alle eine Ruh Allein durch einen Glauben. Amen. Hr. wenn das Haus brennt. Sonnabend, den 21. Mai 1927. Jugend, um unserer Zukunft willen fordern wir eine durchgreifende Versittlichung des öffentlichen und pri— vaten Lebens. 14. In der Aufwertungsfrage muß in Gegenwart und Zukunft alles geschehen, um den Glauben an Treue und Gerechtigkeit gegen Volk und Staat aufs neue zu festigen. Freilich muß vor überspannten Hoffnungen angesichts der trostlosen Lage unserer Finanzen ge— warnt werden. Doch[hoffen](verlangen) wir, daß das „Evangelische Warte“ digen, existenzfrohen Mittelstandes[soll tunlichst! (muß) gefördert werden. Eine gesunde Mittelschicht ist eine Existenzfrage deutscher Zukunft. 16. Soll das alles erreicht werden, so ist Hebung des kirchlichen Sinnes unbedingtes Erfordernis. Drum wirkliche Sonntagsheiligung als eines der ersten Ziele! Sonntags vormittag keine Arbeit, kein Sport, kein Ver⸗ gnügen, damit das Gotteshaus wieder seine ihm gebüh⸗ rende Achtung bekommt und Wirkung tun kann. Ohne genesene Reich viel Unrecht gut machen[wird](muß). den Geist des Evangeliums ist unser ganzes Streben 15. Die Bewegung auf Erhaltung eines selbstän-[auf den Sand gebaut. Allerlei vom Konkordat. Der übliche Kuhhandel. 5 In unseren Versammlungen wurde regelmäßig behauptet, die anderen Parteien seien in kulturellen Fragen so gewissenlos, daß sie dieselben zu Kuhhandels— objekten herabsetzten. Unsere Redner haben die Wahr- heit dieser Behauptung an Veispielen aus Hessen belegt. Die Haltung der Deutschnationalen in der Konkordats⸗ frage gibt uns neue Beispiele und neues Material, un— sere Behauptung zu beweisen. Diesmal ein Beispiel aus Preußen. Die„Frankfurter Zeitung“ vom 30. April 1927 gibt den Inhalt eines Rundschreibens wieder, das der deutschnationale Volksverein in Stolp an seine Ver⸗ trauensleute erlassen hat, in dem er seine Mitglieder im Lande anweist, sich in der Konkordatsfrage zunächst abwartend zu verhalten,„um nicht politische Schwie— rigkeiten unnütz herbeizuführen, die gerade jetzt inner⸗ halb der neuen Koalition zwischen Deutschnationalen und Zentrum in der Reichsregierung vermieden wer— den müssen, ganz besonders aber deshalb, weil die Frage der Umbildung der sozialistischen Regierung in Preu⸗ ßen mit Hilfe des Zentrums und der deutschnationalen Volkspartei angestrebt werden muß.“ Das Blatt schreibt dazu:„Nach der Absicht der deutschnationalen Parteileitung soll also trotz der Beunruhigung des evangelischen Volksteils in der Konkordatsfrage leise getreten werden, bis sich die Rechte den Eintritt in die preußische Regierung erkämpft hat. Das heißt, die Deutschnationalen wollen mit dem Konkordat ein po⸗ litisches Handelsgeschäft betreiben.“ Diese Neuentdeckung der„Frankfurter Zeitung“ ist für uns in der Evangelischen Volksgemeinschaft eine längst bekannte traurige Tatsache. Sozialdemokratie und Konkordat. Wie man bei der Sozialdemokratie denkt, zeigt uns die„Schlesische Bergwacht“ vom 7. März 1927. Ange⸗ sichts des entschiedenen Widerstandes im protestantischen Lager sieht sie ein Kompromiß bei den Parteien in der Konkordatsfrage für außerordentlich schwer an und fährt dann höchst bezeichnend fort: „Wir für unseren Teil sehen dem Streit der beiden Konfessionen untereinander gelassen, vielleicht sogar noch mit einem gewissen Vergnügen zu. Mögen sie sehen, wie sie miteinander fertig werden, uns stört es nicht. Worauf es uns ankommt, ist ganz allein das eine: die Schule vor einer erneuten Verpfaffung zu schützen und ihr in dem Reichsschulgesetz alle Freiheiten zu sichern, die notwendig sind, um sie in ihrer Entwick⸗ lung vorwärts zu bringen, als völlig gleichberechtigter Faktor mit der konfessionellen Schule!“ Konkordatslüftchen. Es gibt leider immer noch solche, die nicht alle werden. Es gibt Schlafhauben, die weiterschlafen, auch Es gibt Evangelische, die gegen das Konkordat keinen Finger rühren. Es gibt Pfarrer, die noch nicht einmal die Anterschriftslisten des Evangelischen Bundes gegen das Konkordat in ihren Orten herum gehen lassen. Es gibt Männer, die glau⸗ ben, das bayerische Konkordat sei gar nicht so schlimm. Es gibt aber auch Lüftchen, die über die Landesgrenzen wehen und uns zeigen, welch ein Sturm drüben herrscht. So hat bayerische Konkordatsluft bis in Köln geblasen. eee Jolgendes Geschichtchen, das wir im„Reichsboten“ vom 24. April 1927 lesen und von einem Berliner Geist— lichen mitgeteilt wird, zeigt uns das deutlich: „Vor einigen Monaten traute ich ein Brautpaar, bei dem der Bräutigam, Ingenieur, katholisch war. Das junge Paar nahm seinen Wohnsitz in Köln. Dort gehörte der Mann schon längerer Zeit einer in ihrer Zusammensetzung größtenteils katholischen Bürgerge— sellschaft an. Plötzlich teilt ihm der Vorstand jener Bürgergesellschaft ohne Angabe des Grundes mit, er sei in den Mitgliederlisten gestrichen. Auf Grund per— sönlicher Erkundigung wird ihm eröffnet, er lebe mit einer Evangelischen im Konkubinat, da könne er nicht länger Mitglied sein!“ Dazu bemerkt der„Reichsbote“ ganz richtig:„Das ist schon heute vor Abschluß des Konkordats möglich, wie wirds erst werden, wenn das Konkordat unter Dach und Fach ist?“ Entschließung. Zu der Konkordatsfrage gibt der hess. Pfarrer— verein von seiner Hauptversammlung zu Frankfurt am Main am 3. Mai 1927 die nachstehende Entschlie⸗ ßung kund: Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche kann nur zu beiderseitiger Zufriedenheit und zum Frieden zwischen Staat und Kirche einerseits und zwischen den Konfessionen andererseits, durch Staatsgesetze oder Staatsverträge auf den Grundlagen des deutschen Rechtes nach dem guten Beispiel von Baden, Sachsen, Württemberg geregelt werden. Wir erbitten diese s lung baldigst. Insbesondere erwarten wir die baldigste Einbringung und Verabschiedung des Reichs⸗ schulgesetzes, das unter Ausschluß eines jeden fremden flusses lediglich auf dem Wege deutsch⸗ kirchlicher Vereinbarung und deutscher staatlicher Gesetzgebung zu⸗ stande kommt und den Grundsätzen der Verfassung, den Belangen der Kirche, dem Elternrecht und der Gewis— sensfreiheit entspricht. Wir fordern aber in der Sorge für das Gesamt⸗ wohl unseres Volkes, auf das Entschiedenste die Ab⸗ lehnung eines jeden Konkordats mit der Kurie, weil es: 1. den deutschen Staat in wesentlichen Dingen seiner Hoheit und Selbständigkeit entkleidet, seine Auto— rität und Souveränität schwächt, seine nationale Würde und Freiheit verletzt; 2. die deutsche Kultur(Schule, Wissenschaft, Recht, Familie und anderes unter die Aufsicht und Herr— schaft einer außerdeutschen Hoheit bringt; 3. deutsches Volksvermögen zu Gunsten der römischen Kirche über Gebühr beansprucht und durch eine ungehemmte Ausbreitung römischer Orden an die tote Hand ausliefert; 4. den konfessionellen und bürgerlichen Frieden dauernd stört, den Ausgleich der konfessionellen Rechte und Belange erschwert, die evangelische Konfession durchimparitätische Behandlung benach⸗ teiligt und ein geordnetes Friedensverhältnis zwischen Staat und Kirche mit Konflikten dauernd belastet. Wir bitten alle staatlichen, kirchlichen, politischen, bürgerlichen Kreise ihre Stimme einmütig zu erheben gegen ein jedes Konkordat für Regelung des Verhältnisses zwischen Staat Kirche durch Staatsgesetze oder Staatsverträge. und „VTTTTTTTTVTTTTTTT Dornenwege. Roman von Clara Meller. 24. Fortsetzung. Ein Schneestaub fegte in Dammrats Gesicht!— das Wetter, das Wetter! ein unheimliches Schneegestöber begann und selbst dem wetterharten Alten wurden die Fü Kälte schwer. „Gelobt sei Jesus Christus!“ rief er laut, Kräuterpitters Hütte schimmerte zwischen den Stämmen hindurch, noch wenige Schritte, er war am Ziel. Er klopfte mit dem Stock derbe an die Tür:„Pitter, Pitter!“ Keine Antwort erfolgte,— wenn er vor leerer Hütte stand? Um Gotteswillen, den langen Weg zurück, das ging über seine Kräfte, dazu war er zu erschöpft! Er klopfte kräftiger, „Guten Tag“, rief sie. „Guten Tag ooch, ist Kräuterpitter nich da?“ frug Dammrat und suchte nach allen Richtungen den Sprecher, endlich bemerlte er die Elster,„Schafskopp“, lachte er. „Danke“ erwiederte die Elster prompt, flog auf das Gesims zurück und hackte unaufhörlich mit dem Schnabel an das Fenster, „Pitter, Pitter,“ rief sie inzwischen und wirklich kamen schlur⸗ fende Schritte näher, die Tür knarrte in den Angeln und der Alte steckte seinen weißlockigen Kopf heraus. „Maria und Joseph! Bist denn wirklich Dammrats Joseph? Man schnell herin!“ Der Waldheilige lief hocherfreut über den Besuch in seiner Einsamkeit hin und her, schürte das Feuer auf seinem Herd und braute einen Brombeertee mit Honig und Citrone, damit das Fieber Joseph nicht schüttelte nach dem Hunnewetter— eine Elster hüpfte vom Fenstersims: Dus ze von der schneidenden ene C. 0 Auf der Warte. Die Genfer Wirtschaftskonferenz zeigt einen g ßen Wirrwar. Man hatte ca. 10 Anterkommissionen gewählt, von denen jede nach ihrer Art sich durch⸗ wurstete. Man darf auf das endgültige Ergebnis ge⸗ spannt sein.— Der französische Ministerpräsident be⸗ sucht gemeinsam mit dem französischen Außenministe England. Gewiß nicht, wie man aus den Pressemel⸗ dungen schließen könnte, nur um Trinksprüche zu wech⸗ seln. Man stößt an auf die Entente, auf alte Freund schaft usw., das übrige wird hinter den Kulissen ver⸗ handelt. Die starke Vermutung ist aufgetaucht, man sich gegenseitig in der Politik Zugeständnisse m auf Kosten Deutschlands. Wir werden es dann wo schon bald zu verspüren bekommen.— Mit Sowj rußland ist England in einen scharfen Konflikt geko men. Ein wichtiges geheim zu haltendes Dokument wurde gestohlen, welches die verantwortliche englische Stelle gewiß nicht besonders gut verwahrt hatte, und nun sollte es sich in den Räumen einer russischen Han⸗ delsgesellschaft in London befinden, die man durch⸗ suchte. Dabei gab's einen kleinen Völkerrechtsbruch, der den schlauen Engländern nichts ausmachte, und was das schönste war: das Dokument wurde nicht gefunden Die englische Polizei erklärt: wir haben sonstiges be lastendes Material gefunden, also war das alles ere laubt. Als Deutschland dasselbe beim Beginn des Krieges Belgien gegenüber erklärte, stellte sich das pfiffige England sehr entrüstet und griff sogar zu den Waffen gegen uns, um das„Recht“ zu schützen. Das ist doch bitterster Hohn. Man darf auf das Vorgehen Rußlands gespannt sein.— Der Hoffnung auf Be⸗ satzungsverminderung sind besorgniserregende Duschen gefolgt. Frankreich denkt gar nicht daran, es wählt den Zeitpunkt, wann„es“ will. Locarno schwebt fein am Horizont. Bald wird es mit 200 Klm.⸗Flugzeug⸗ geschwindigkeit ganz weg sein. Die Pazifisten schreien weiter Hurra. Die französischen Sozialdemokrat unterstützen lebhaft mit ihrem Boncour an der Spitze alle Befestigungs- und Rüstungspläne, die in die Mil⸗ liarden gehen, die deutschen Sozialdemokraten wüten selbst gegen den Etat des 100 000 Mann-Heeres. Man wäre beinahe versucht in das schöne Lied„Andre Städtchen, andre Mädchen“ einzustimmen, wenn 08 nicht so bitter ernst wäre.— In Deutschland hatte die Börse einen schwarzen Tag. Kursstürze bis 150 Prozem an einem Freitag, dazu einem 13., erinnerten an d Beginn der Inflation. Wieder ist deutsches Kapital verloren gegangen und zwar hauptsächlich Privat kapital. Wer hat wohl die Gelder verdient? Man munkelt stark vom Ausland.— Die Zentrumspresse be⸗ schäftigt sich in letzter Zeit lebhaft mit dem Konkord und registriert jeden Gegenstoß. Die geriebenste B. hauptung in letzter Zeit ist die Auffassung: euch Evangelische denn an, wenn die Katholiken es hen ein Konkordat zu schließen. Wenn ihr Evan⸗ ins wollt, braucht ihr keines, aber wir Ka⸗ holiken wünschen eines. Daß mit dem Konkordat die Schule getrossen wird, verschweigt maß vorsichtig. Daß damit evangelische, vaterländische, deutsche Interessen stark berührt werden, übertünchs man geschickt. Wir Evangelische werden uns nicht ein⸗ lullen lassen. Wir wissen ganz genau, was Zentrum und Ultramontanismus in Deutschland will. Darüber werden Herr Thimme und Genossen auch i ihrer Zeitschrift„Der Zusammenschluß“ nicht hinweg⸗ kommen. Es gibt allerdings auch Evangelische, die mit Blindheit geschlagen sind. Blamiert hat sich kürzlich die ultramontane Presse, als sie freudestrahlend ver kündete, der evang. Professor an der Universität Mar burg, Prof. Rade, sei dem Zentrum beigetreten. Lange Leitartikel begleiteten die Botschaft. Eine Berichti⸗ gung, daß dies nicht stimmt, die durch führende evan⸗ gelische Blätter ging mit Ermächtigung, fehlt bis heute. Wir wissen von der Reichspräsidentenwahl und anderen Gelegenheiten her, daß Prof. Nade sehr weit zum Zentrum hinneigt, ein solcher Schritt würde ihm aber in mannigfacher Hinsicht letzte Sympathieen rauben.— lo den „ butt R K wünschen gelische k 1 Hie e Sie wollten es sich gemütlich im trauten Hüttchen herrichten, Joseph sollte im Bett schlafen und Pitter kampierte auf seinem großen Kanapee, das ging alles vortrefflich. Auch über seinen kranken Arm beruhigte er ihn sofort, dafür würde er ihm eine Salbe bereiten aus Eigelb, Honig und Mehl, das heilte alle eiternden Schäden und dazu Bäder vom kräf⸗ tigen Solbei. Die beiden Alten tranken zufrieden ihren Tee, aßen ihr Brot mit Ziegenbutter und Dammrat packte aus seiner großen Ledertasche noch allerlei Leckerbissen wie Wurst, Speck, Käse etc,, sogar 2 Flaschen Wein. Der Wintersturm heulte jetzt in den schärfsten Tönen, jagte wie die satanische Höllenbrut über den Wald dahin und als rollte sich ein endloses, dichtes Tuch über die Erde, daß alles zu er— sticken, zu töten drohte, das sich fest auf das atmende Leben preßte, so jagte der Schnee aus den Wolken, lein loses Flocken⸗ wirbeln, nein eine sich beängstigend schnell häufende Masse, ein Grabmantel für alles Schutzlose. Plötzlich sprang Pitter auf: und stürzte nach der Tür. „Marieken“, rief er angstpoll „Marieken, Marieken“, scholl seine heisere, zitternde Stimme in den tobenden Aufruhr der Natur hing Da, ein leichter Sprung und ein zierliches Reh schmiegte sich ausgestreckte Hand, der Waldheilige schloß schnell die s gut Marieken, daß de da bist, ich habe mich all ge⸗ gt, heute es s nischt für uns draußen!“ Das Reh stutzte als es den Fremden bemerkte. Tag“, rief die Elster und Marieken ging beruhigt nach dem Eckplatz am Herd und legte sich nieder.— Pitter ließ die Strohschutzmatten vor Fenster und Türen herunter, die Macht des Schneesturms war freilich gebrochen, aber die Sterne blitzten und glitzerten am Nachtazur und—„der „Guten N ααπνον Mond hat nan Kopptuch um“, sagte Pitter bedeutet scharfen Frost“. Nur wer schon in der Nacht durch winterlichen Tann ge⸗ gangen ist, kennt die volle Größe der schauervollen Einsamkeit, Hegemeister Jansen war eine poetische Natur, auch heute ließ er den ganzen Zauber von neuem auf sich wirken, er liebte seinen Wald, als wäre er sein Vaterhaus. Erst spät nach dem Wetter verließ er die Försterei seines alten Schwiegervaters u. eilte nun heim, denn sein Weib Tula, würde schon ängstlich mit den großen, schwarzen Augen nach ihm ausschauen. Bei Kräuterpitter jedoch hielt er seine Schritte an: Das ist, das ist Lützows wilde ver⸗ wegene Jagd, pfiff er und sofort regte es sich in der Hütte. das Zeichen war vernommen. 5 Kläffend sprangen seine Hunde um ihn, sie kannten jedoch ihr Schicksal, sie durften nur bis in den kleinen Vorflur dringen, Marieken ängstigte sich sonst, ihr Leben war auch gefährdet. Die Elster rief wieder ihr,„Guten Tag“, zog es jedoch vor. sich den Grünrock hoch droben vom Schranke aus anzusehen. Der Hegemeister ließ sich eine Düte Hustentee für seine Tula ein⸗ 1 wickeln, legte ihm dafür ein Päckchen Tabat auf den Tisch, trank + eine Tasse heißen Tee und begab sich auf den Heimweg. ö Die Alten geleiteten ihn hinaus und sahen dem stattlichen Manne nach, da stürmten plötzlich die Hunde vorwärts,„Blanka“ scharrte und kratzte in dem Schnee und stieß ein langgezogenes, jämmerliches Geheul aus. Lautlos entfloh eine Eule aus dem Baumwipfel, wie auf Todes gespenstischen Geisterflügeln durchschnitt sie die Luft aus der Ferne scholl ihr klagender Schrei zurück. Der Hegemeister rief die Hunde energisch an und trat näher, eine Hand reckte starr und leblos aus dem Schnee. „Kräuterpitter“, rief Jansen zurück,„hier scheint ein Mensch verunglückt zu sein!“ n 1 sehr prosaisch,„das des 1 und nnabend, den 21. Mai 1927.„Evangelische Warte“ ere eee eee, 8 inhabers an und besichtigen eine Drei-Zimmerwoh— 1 Extraʒzug zur Wartburg. nung. Die Raumverhältnisse sind nicht übel und das in Ein Extrazug zur Wartburg fährt am 16. Juni Ganze macht einen guten Eindruck. Es wird über diese , Fronleichnam) von E ppst e in aus. Er hält zur[Häuser das Schlagwort verbreitet: daß durch den feu⸗ fi Aufnahme von Fahrtteilnehmern in Hofheim, ö 1 8 0 dalen Innenausbau die äußere Unansehnlichkeit aus— höch st a. M. und Frankfurt, sodaß die Mitglieder ere die Wohnungen teuerer oder billiger würden, wurde ausweichend geantwortet. Wenn wir nun vom sozialpolitischen Standpunkt aus die Besichtigungsfahrt kurz zusammenfassen, so kom— men wir zu dem Ergebnis, daß für Arbeiter und Ange— stellte sehr wenig dabei herauskommt. In der Vor⸗ onkoch, 7. geglichen werden soll. Ein besonderes Kapitel ist in ser Evangelischen Volksgemeinschaft nicht nur aus die-[diesen Wohnungen die kleine Küche; die Einrichtung ist nämlich eingebaut nach der Parole: der Hausfrau müssen innerhalb der Küche die unnützen Wege abge— nommen werden. Wir kamen weiter zur Hallgartenstraße. Häuserblock mit 189 Wohnungen, benfalls gemischt, Häuserblock mit 189 Wohnungen, ebenfalls gemicht, ein, zwei, drei und vier Zimmer. Hier hat man einen Kinderhort eingegliedert mit schönem Spielhof und Planschbecken. Jede Siedlung hat ihre Eigenart, und so sehen wir hier außer dem Kinderhort eine Bade— anstalt und eine Wäscherei. Diese Wäscherei ersetzt in dem Block die Waschküchen und ist eine ideale Einrich— tung, mit der sich jede Hausfrau gern befreundet. Die Wäscherei ist bereits vergrößert worden und können auch Jernstehende dort waschen. Das Badehaus ist an die städtische Badeverwaltung vermietet. Die größeren Wohnungen haben aber auch in diesem Block ihren eigenen Baderaum, während die Mieter der kleinen Wohnungen auf das Badehaus angewiesen sind. Bad und Mäscherei müssen besonders bezahlt werden, sind also in den Mietpreis nicht eingeschlossen. Von dort ging es in schöner Fahrt zur Ginnheimer Höhe nach der Kolonie Höhenblick. Diese besteht aus 77 Wohnungen, davon 59 Einfamilienhäuser zu 5 Zim- mern und 2 Kammern; das übrige Ein- und Zwei⸗ Zimmerwohnungen. Hier ist der Flachbautyp in Reinkultur gezüchtet worden. An den Anblick muß man sich erst gewöhnen; orientalisch anmutend, fehkt in der Regel die südilche Sonne; dabei regnets augenblicklich Bindfaden. Ein noch nicht bezogenes Haus wurde besichtigt. Die Raum- verhältnisse sind gut und jedes Haus hat eigene Hei— zung, während in den anderen Blocks Zentralheizungen vorhanden sind. Hiermit war die Besichtigungsreise zu Ende. Wäh— rend der Fahrt fand ein reger Gedankenaustausch statt. Eines muß vorweg gesagt werden: in unserem Autobus wurde von den Anwesenden leidlich auf das System Stadtrat May geschimpft. Viele Beschwerden wurden beschwichtigt mit der Begründung, es müßte schnell ge— en Orten, sondern auch aus Königstein, Bad⸗Soden, Sossenheim, Sindlingen und Nied die Möglichkeit der Leilnahme haben. An Fronleichnam sind in hiesiger begend alle Geschäfte und Fabriken geschlossen, sodaß 115 die evangelische Bevölkerung feiern muß. Wäh— end an dem Tage die katholische Bevölkerung ihre Pro— session abhält als Zeichen der Macht und Herrlichkeit ger latholischen Kirche und als Triumphzüge über die ketzer, wollen die Evangelischen eine Fahrt zur Wart⸗ urg unternehmen und an dieser Lutherstätte ein freu— giges Bekenntnis ihres Glaubens ablegen und sich aus zer Lutherstube etwas holen an Luthertrotz und Luther— gut in dieser Zeit der Gegenreformation in deutschen Landen. Mögen recht viele Mitglieder der Evangeli— hen Polksgemeinschaft sich an dieser Fahrt beteiligen! bort vormittags gegen 6 Uhr. Rückfahrt ab Eisen⸗ ach abends gegen 7 Uhr; Ankunft in Höchst⸗Eppstein egen 11 Uhr abends. Der Beitrag für Fahrt, Führung lurch die Wartburg und Ankosten ist 11,75 Rmk. An⸗ geldungen bis spätestens 28. Mai an das evangelische Bere us in Höchst a. M., Rossertstraße 22, oder an herrn Pfarrer Fink in Eppstein. BVesichtigung von Neubauten am 30. April 1927. In liebenswürdiger Weise hatte es mir unser Stadt⸗ sekordneter, Herr Kümper, ermöglicht, an einer Besich— gungsfahrt am 30. April teilzunehmen, welche die Ak— senbaugesellschaft für kleine Wohnungen in Frank⸗ Furt a. M. für die Stadtverordneten veranstaltete. 0 Die Führung und Berichterstattung hatte der direktor vom städtischen Siedlungsamt übernommen und wurde hierbei von den Herren der Aktienbaugesell— haft unterstützt. In der Reinganumstraße wurde zunächst Halt gemacht. Hier sind 24 Wohnungen(drei und vier Zim⸗ er) gebaut worden. Die Häuser machen einen sehr guten Eindruck, haben auch einen vorzüglichen Innen⸗ zusbau. Leider ging die erste Baufirma in Konkurs ind alle Wohnungssuchenden verloren ihren gezahlten gaukostenzuschuß. Di godens, hat die Konkursmasse erstanden und die Häu⸗ ir durch die Aktienbaugesellschaft fertig stellen lassen. bine Wohnung wurde hier nicht besichtigt, da der Tag, gamstagnachmittag, und draußen strömender Regen, denig dazu geeignet war. Die Fahrt ging dann weiter zur Siedlung Saal⸗ gurgstraße—Ringelstraße—Pestalozzistraße—Pestalozzi⸗ latz. hoier sind 554 Wohnungen lein, zwei, drei und vier immer) erbaut worden. Zum Teil wurden Hochbau— en nach der alten Bauweise errichtet, dagegen sind die häuser in der Pestallozistraße und am Pestalozziplatz ach dem System Stadtrat May erbaut worden. Wir sehmen die freundliche eee Scharnhorststraße, in ergehen nicht. („Kronenhof“, ö Besondere Einladungen Alle Freunde der„Evangelischen Volksgemeinschaft“ sind zu der Sitzung auch eingeladen. Veller. ee Einladung eines Wohnungs⸗ Ein Die Stadt, als Eigentümerin des baut werden; jedoch gab ein Herr von der Aktienbau⸗ gesellschaft zu, daß man sicherlich bald wieder zu der alten Bauweise zurückkehren würde.(In diesem Fall handelte es sich um die Ruhepause beim Neubau von einem Stock zum anderen, um ein besseres Austrocknen zu erzielen.) Ueber die Wohnungsmieten braucht nicht viel ge— sagt zu werden, da sie durch die Tageszeitungen bekannt geworden sind. Ich will nur kurz erwähnen, daß zwi⸗ schen 40 und 150 Rmk. gezahlt werden müssen, dazu kommen noch Nebenabgaben und die Kosten für die Heizung. Baukostenzuschüsse wurden gezahlt von 650 Rik. bis 4000 Rmk. für die Einfamilienhäuser. Der Bauzuschuß soll in 10 Jahren verwohnt sein und wird nicht zurück gezahlt. Auf die Frage, ob nach 10 Jahren 2. lilteilung. Ich erinnere an die Sitzung des Vorstandes des Reichswahlkreises Hessen-Darmstadt und der Leiter der Geschäftsstellen der 10 hessischen Werbeb ezirte am N Sonntag, den 29. Mai 1927, 14 Ahr, in Frankfurt am Main nächster Vollzähliges Nähe des Erscheinen ist Hauptbahnhofes.) unbedingt erforderlich. kriegszeit rechnete der Arbeiter mit einem Wochenlohn als Monatsmiete. In diesen Siedlungen gehen die Mieten und Bauzuschüsse über die Zahlungsfähigkeit des kleinen Mannes hinaus und so finden wir auch den Arbeiter als Mieter wenig vertreten, den Privat-An⸗ gestellten etwas mehr. Im allgemeinen sind Beamte die Wohnungsinhaber, bezw. in den größeren Woh— nungen auch Geschäftsinhaber. Bei den Privatange— stellten haben wier vielfach die Doppelverdiener, da es sonst ja fast unmöglich ist, Mieten von 75 Rmk. und mehr aufzubringen. Vm hygienischen Gesichtspunkt aus muß man den Wohnungen ein Lob zollen. Durchweg sind Zentral- heizungen eingeführt; der lästige Kohlen- und Aschen— staub der Küchenherde fällt fort, da nur Gasherde ge— braucht werden. Die Hausfrau ist hier von einer Menge schmutziger Arbeiten befreit. Die Fußböden sind mit Linoleum belegt, entwickeln also auch keinen Staub. Die Behaglichkeit eines Baderaumes in der Wohnung braucht gar nicht besonders hervorgehoben zu werden, zumal, wenn das warme Wasser sofort aus der Lei⸗ tung gezapft wird. Es bleibt noch zu erwähnen, daß Luft und Licht an die Wohnungen heran kann und auch für Gartenanlagen gesorgt wurde. Es dürfte jetzt Aufgabe der Stadtverordneten sein, darauf zu dringen, daß für minderbemittelte und kinderreiche Steuerzahler billige und geräumige Woh— nungen hergestellt werden, damit alle Volksschichten u ihrem Recht kommen. August Preißler, Mitglied der Ev. Sozialen Fürsorge Frankfurt a. M. Alls unserer Bewegung. Bleichenbach. Am 8. Mai fand hier die zweite Ver— sammlung der„E. V.“ im Saal des Gastwirts Grauling statt. Sie wurde mit kernigen Worten eröffnet von dem Vorsitzenden der Ortsgruppe, Landwirt Wilhelm Karl Grauling. Sodann sprach Pfarrer Weidner über unsere Arbeit, die in Stadt und Land immer mehr Erfolge erziele. Auch hier meldeten si neue Mitglieder und Wartebezieher. Langen-Bergheim, 19. Mai. Nach einem Vortrag von Pfarrer Weidner bei Gastwirt Frank über die Notwendigkeit einer evangelischen Partei wurde hier am letzten Sonntag eine Ortsgruppe der„E. V.“ endgiltig gegründet. Vorsitzender der Ortsgruppe ist Landwirt Philipp Gast. Hainchen, 20. Mai. Die Evangelische Volksgemeinschaft hielt im Saal des Gastwirts Emrich am letzten Sonntag⸗ Abend die erste Versammlung, die erfreulicherweise auch von Frauen gut besucht war. In einstündiger Rede, die für alle Anwesenden viel Neues brachte, legte Pfarrer Weidner die Aufgaben und Ziele der neuen Partei dar, deren Notwendigkeit allgemein anerkannt wurde. Die Gründung einer Ortsgruppe steht bevor. Den Vorsitz wird Bürgermeister Emrich übernehmen. Die Ausfandigung unserer besten fllarsige Purenrader erfolgt bei nur Fahrräder mit Garantie, ei- uf u. Bereifung in alen Preislagen von 722 TOFAHRAG e Berlin- S8 Latalog voctenloc Alexend Hime- Stfesse ss ur lien umbere EieHνντe faachdhult- u derradl * . are „Maria und Joseph, help“, antwortete dieser angstvoll,„ich ill de Schaftschtiebeln anziehen, dann komme ich!“ „Pitter, Pitter“, schrie die Elster und flog ihrem Herrn vor⸗ uus, aufgeregt wateten Pitter und Dammrat durch den Schnee, ich wußten sie nicht in welcher Weise sie helfen konnten, wer sochte es sein? Der Hegemeister war zuerst bemüht gewesen den Kopf frei legen, nun stand er die steifen Finger in einander gezwängt ind starrte erschüttert in das bleiche Toten-Gesicht. „Wer ist et“, rief der Waldheilige und suchte schneller die Aigen Schritte zurück zu legen. „Pater Markus!“ Ein heiserer Schrei tönte von Dammrats Lippen:„Der gelenfischer von Heiligenstein? es war als wäre der Klang ses Namens wie eine verjüngende Kraft in seine Glieder ge—⸗ lagen, wie ein Wahnsinniger starrte er den Toten an,„auch ein Arworfener“, schrie er gellend durch den Wald und stieß den uten verächtlich mit dem Fuß,„auch ein Verworfener“, wild ung sein wiederholter Ruf durch die Nacht,„Gott hat Dich lost gerichtet und alle Seelen die Du Erbarmungsloser zu Tode hetzt hast, sie tanzen jetzt den Totenreigen um Dich, die Eulen id Füchse halten Totenwacht und die Krähen singen Dir Deinen Ilenchoral! Ha, ha, ha“, schauerlich klang sein Lachen durch e Wald, einmal ist Lohntag für jeden, Deiner aber ist heute, er Markus!“ „Danke, danke“, rief die Elster von ihrem Sitz. Der Hegemeister erschauerte, als habe des Toten entflohene dele das hohnvolle Danke gerufen, so klang des unvernünftigen schöpfes Zuruf von dem bebenden Ast des Baumes. „Ich will die Mönche benachrichtigen“, sagte er gepreßt und Afernte sich mit seinen Hunden. 15 Dammrat fühlte den Schmerz nicht in seinen Arm, fühlte eee, nicht den Nachtwind der eisig um seine glühende Stirn strich, ihn durchzitterte nur der eine Gedanke: Deine tote Braut ist ge— rächt, die Welt ist frei von diesem fanatischen Jesuiten. Noch einmal quoll der tiefe Haß in ihm auf:„Wäre ich doch ein Weltweiser gewesen und hätte Dir vorher in Dein falsches Hohngesicht rufen können wie Du enden würdest, wie unser letzter Abschied einst sein würde! Lebe wohl, Pater Mar⸗ kus!“ Wieder Klang das schauerliche Lachen durch den Wald, dann ging Dammrat zur Hütte zurück, müde, gebückt, als wollte ihn die Erschütterung seiner Seele zu Boden ziehen. Im Laufschritt kam das düstre Chor der Mönche den Heidel— pfad herab, die Bahre schwankte zwischen ihnen hin und her, vergebens,— sie holten nur einen Toten, den keine Kunst zum Leben erweckte, dem der Wintergott seinen Hermelin geliehen hatte und der darin sterben mußte. Gebete murmelnd zog der kleine Zug durch den Wald zurück, es war ein schwerer Weg mit der Last durch den lockeren, tiefen Schnee, aber jeder spannte seine ganze Kraft an. Dann war es wieder still, der Wind rüttelte die Schneelast von den freistehenden Bäumen und raunte flüsternd von der ho— hen Gottesmacht, von Vergänglichkeit und Sterben! Die blattlosen Weinranken reckten sich wie ineinanderge— schlungene Schlangenleiber an der Gartenfront des Herrenhauses von Königsborn in die Höhe und der Wintersturm peitschte die losen, Ausläufe klatschend gegen die Fenster. Nicht der Schwarm von Hunderten von Tauben, die sich mit lautem Flügelschlag auf die Dachfirsten niederließen, vermochte das Bild tief ernster Einsamkeit von dem Klostergut zu heben, sie flüchteten wie von unsichtbarem Schrecken gescheucht, wieder in schnellem Flug von dannen und erhöhten dadurch nur den glücklosen Eindruck des imposanten, alten Besitztumes. Frau Petronella Wendtland durchwanderte ruhelos das ganze Haus, fröstelnd, unzufriedener schloß sie stets die Tür, um suchend das andere Zimmer zu betreten und wieder mutlos weiter zu gehen, lautlos, wie die gespenstische Ahnfrau glitt sie über die blinkenden Fußböden. Die Dämmerung warf trübe Schleier durch die Fenster und heftete die Melancholie an ihre Schritte. Tief ausseufzend stand sie im Gesellschaftszimmer still, traum— verloren glitten ihre Augen von einem Gegenstand zum anderen, suchte sie die Vergangenheit?— Schon wochenlang irrte sie so schattenhaft stundenlang um— her, bis wieder die qualvolle Angst sie niederwarf, die ihr die Sinne zu verwirren drohte. Tiefer senkte sich der Abend herab, langsam ging sie zum Ofen, dessen Eisenmantel wie eine glühende Sonne matten Licht⸗ schein über den farbensatten Teppich warf, zog einen Sessel herbei und drückte die altersmatten Glieder hinein. Sie fühlte nicht wie die Glut ihr Kleid sengte, sie starrte in die Zimmerecke, wo der Abend die Gestalten hervorlockte und die Erinnerung alles an ihr vorüber huschen ließ. Die Stutzuhr auf dem Marmorsockel meldete mit ihrer klang⸗ vollen Stimme den Stundenwechsel, die sinnende Frau vermochte sie nicht zu erwecken! „Gleich werden sie alle kommen, auch ein Bevollmächtigter von meinem Kind im Kloster zum Familienrat, ich will wissen, was werden soll, wenn ich nicht mehr bin!— 7 „War ich denn glücklich im Leben?“ sie fragte es laut, doch schien ihre Stimme zu brechen und ein bitteres Lächeln irrte um ihren Mund,„ich blieb einsam, ich wußte mir keine Liebe zu er— ringen, wenn mich die Erde deckt, bin ich vergessen“, sieschluchzte auf, ein tränenloses, kaltes Jammern, dann reckte sie sich kerzen⸗ grade,„ich lebte und lebe meinem Glauben, die gebenedeite Mut— ter Gottes wird meine Trösterin sein!“(Fortsetzung folgt.) 1 1 1 Sonnabend, den 21. Mai 1227. 4 N ! e I 2 Es sei denn, daß das Weizenkorn ersterbe. Willy war ein 18jähriger, kräftiger, aber stets bescheidener Junge. Er verkehrte über ein Jahr bei uns und hatte den Hei— land kennengelernt. ihn lieb gewonnen und war in seine Nach- folge getreten. Eines Tages war er aufs Krankenlager gewor— fen: seine Füße waren gelähmt. Sein Leiden verschlimmerte sich mehr und mehr, doch er trug es mit großer Geduld. Willy kam ins Krankenhaus. Voller Schmerzen lag er in seinem Ruhebett in dem hellen, freundlichen Saal inmitten der vielen anderen Kranken. Wie oft biß er vor Schmerzen die Zähne zu— sammen. Kein Klagewort kam dabei über seine Lippen. Hier durfte Willy ein stilles und doch so beredtes Zeugnis dafür wer—⸗ den, daß Gott schon junge Menschen zu freudigen Zeugen seines Reiches macht. Seine großen dunklen Augen waren oft sinnend zu den Fenstern hinausgerichtet. Ein Sonnenstrahl huschte wohl ab und zu über sein blasses Gesicht. Wenn er sich dann so recht einsam fühlte, griff er zu seiner Bibel, um aus dem ewigen Gotteswort Kraft und Glaubensmut zu nehmen. Von dieser Zeit an wurden die Kranken, die sein Zimmer mit ihm teilten, aufmerksam. Das war ihnen noch nicht begegnet, daß ein junges Menschenkind in dem„in seinen Ansichten längst veralteten Buche“ lesen konnte. Seitdem aber mußte das kleine Buch Tag um Tag von einem Bette zum anderen wandern. Vielleicht war es, um sich die Zeit zu vertreiben, vielleicht bloße Neugierde, vielleicht aber auch ein lange unterdrücktes, jetzt neuerwachtes Sehnen. Ob dabei Menschen den Weltenheiland gefunden haben? Das liegt bei Gott.— Willy war im ganzen Kranken⸗ saal beliebt; auch Krankenschwester und Arzt hatten ihn lieb ge— wonnen. Einmal sagte der Arzt zu ihm:„Nun, Willy, wenn der Frühling kommt und die Sonne scheint, dann bist du der erste, der in den Garten gefahren wird.“ Doch es sollte anders kommen. Zuletzt verlor er noch das Augenlicht. Seine Mutter, die viel an dem Krankenbett ihres Sohnes saß und sah, daß er bald heimgehen würde, sagte zu ihm:„Willy, du hast zwar einmal gesagt, Jesus kann dich gesund machen, wenn er es nun aber anders will?“ Da entgegnete er ihr mit einem Lächeln: „Mutter, weine nicht, ich gehe doch ins Himmelreich.“ Seine letzten Worte waren, als er seine Mutter nicht mehr sehen konnte: „Mutter, bist du da? Komm, der Zug hält schon, wir steigen ein.“ Es ging ihm, wie es im Liede heißt: Jerusalem, du hoch— gebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir!— Vierzehn Tage darauf ging Willy heim zu dem Lebensfürsten Jesus. * Der arme Sam. Der Wind fegte mit scharfem Blasen durch eine kleine, dicht verschneite Stadt an dem Ufer des Ohioflusses. Es war eine Industriestadt, und da verwischt das Hetzen und Jagen und Ha— sten der Bevölkerung leicht besondere Ereignisse, und die Er— innerung an einzelne Personen wird schnell verwischt. Aber trotzdem denken wir noch immer an den kleinen, dürftig geklei— deten Burschen, der an jenem Morgen den Kampf mit den Schneewehen aufnahm, die sich vor einem vornehmen Hause an— gehäuft hatten. „Hallo, mein Junge, frierst du nicht?“ fragte ich. „Natürlich!“ brummte der Kleine, indem er die weißen Mas— sen nur so aufwirbeln ließ, daß die Flocken nach allen Richtungen flogen. „Gehst du schon in die Sonntagsschule?“ fragte ich weiter. Ein spöttischer Ausdruck huschte über das blasse, magere Ge— sicht— ach, das war ein Blick, den man bei einem Kinde eigent— lich nie finden sollte.— Diesem kleinen Gesicht hatten Armut und Not schon ihren Stempel aufgedrückt. Jetzt stejte er seine Schaufel tief in den Schnee und sagte:„Lassen Sie mich mit der Sonntagsschule in Ruhe!“ „Warum denn, mein Junge? Hast du dich in deiner Sonn— tagsschule mit jemand gezankt?“ fragte ich. Er gab seiner schäbigen Mütze einen ungeduldigen Ruck, und indem er mit dem Kopf nach dem vornehmen Hause hinwies, sagte er: „Das sind die Sonntagsschulleute— ich arbeite.“ Ich nahm seine kleine, blaugefrorene Hand und sagte. „Möchtest du nicht ein Paar Handschuhe und ein Paar feste Stiefel haben? Er sah mich mißtrauisch an und meinte: sich noch lustig über mich. „Wie heißt du denn?“ fragte ich. „Sam!“ war seine Antwort. „Schön, Sam,“ fuhr ich fort,„wenn du hier fertig bist, kannst du zu uns kommen und tüchtig frühstücken!“ Ich wies dabei auf ein kleines Haus, das ziemlich am Ende der Straße stand. Eine halbe Stunde später klopfte ein durchgefrorener kleiner Junge an unserer Küchentür. Und der warme, sättigende Aufent— die Reiche da, für die „Nun machen Sie halt dort brachte ihn bald in eine behagliche Stimmung, um so mehr, als Handschuhe und Stiefel nun wirklich zu Tatsachen wur „En angelische Dare? — ˙—— dnn. 8 Im Familienkreis 2 See eee eee ee eee 8 ,, S esse . N N ——ê den. tags Er versprach nun auch, am nächsten Sonntag in die Sonn⸗ schule zu kommen. Er stellte sich auch pünktlich bei uns ein, wo ungefähr 200 Kinder, die ebenso arm wie Sam waren, sich eingefunden hatten. Während der Bibelbesprechung verschwand Sam plötzlich. A er wieder auf seinem Platze saß, erklärte ich den Kindern, daß sie während einer Versammlung nie die Halle verlassen dürften. „Bitte, darf ich sagen, weshalb ich aus dem Raum gegangen war? Als Sie von ihm erzählten, ich meine von Gottes Sohn, daß er uns so lieb hat und daß er alles sieht— sehen Sie, ich hab's vorher nie gewußt, daß mich überhaupt jemand lieb hat da dachte ich:„Wenn es so ist, dann sieht er auch die Zigarren stummel in deiner Tasche, und dann freut er sich auch nicht dar— über! Da habe ich sie alle auf die Straße geschmissen.“ Der Junge war 11 Jahre alt, sein blasses Gesicht strahlte ge— radezu vor Glück, so wie es vor einigen Tagen im Zorn geleuchtet hatte. Der Same war also auf guten Boden gefallen. Der kleine Sam stellte sich pünktlich jeden Sonntag ein. Da klopfte eines Morgens— es war inzwischen Frühling geworden ein Mann an die Tür meiner Mutter, er war noch halb betrunken, und fragte nach mir. „Sam liegt im Sterben,“ schluchzte er,„und er will Sie gern noch mal sehen!“ Als ich in das armselige Zimmer trat, hatte die Seele schon ihr elendes Haus verlassen. Ein friedevolles Lächeln lag auf dem schmalen Gesicht des armen Sam. Die Mutter faßte meine Hände und weinte bitterlich und rief ganz verzweifelt:„Gott hat den kleinen Sam zu sich in den Himmel geholt. Wir haben ihn alle schlecht behandelt, und keiner hat ihn verstanden. Auch ich war nicht gut gegen ihn gewesen. Seitdem er in die Sonntagsschule ging, kniete er jeden Abend nieder und betete. Ja, er betete, und wir knufften ihn. Darum hat ihn Gott geholt!“ Ach, was für ein trauriger Anblick war das doch! Der be— trunkene Vater, die jammernde Mutter und drei noch kleine Kinder, jammervolle Gestalten, die etwas verständnislos drein— schauten. Und in der Ecke auf einem Strohsack die Leiche des kleinen Knaben. Kein ernsthaftes Bemühen kann je vergeblich sein. Das kurze Leben des kleinen Sam, der sich nach einem höheren Ziel ausgestreckt hatte, wurde zum Leitstern für die ganze Familie. * Wahre Worte eines Sozialdemokraten. Vor mir liegt das im Allstein-Verlag erschienene Buch von Bruno H. Bürgel:„Vom Arbeiter zum Astronomen“. Bürgel, der seinen Werdegang schildert, ist offenbar ein ehr— licher, ernster, nach Gerechtigkeit strebender Sozialdemokrat. Er ist tatsächlich weitgehendst gerecht und zeigt mehr nationales Empfinden, als man es durchweg bei seinen Parteigenossen findet. Im übrigen ist er ein Idealist, aber durchaus kein gläubiger Christ. Er ist aber kein blinder Idealist, sondern hat in vielem einen guten Wirklichkeitssinn. Ich will einige Sätze aus dem Schlußkapitel anführen. Er sagt Seite 138 u. a.: „Ich habe in diesem Buch ja deutlich genug zum Aus— druck gebracht, daß ich der alten sozialdemokratischen Par— tei angehöre und in der Verwirklichung ihres Programms den Weg sehe, zu größerer sozialer Gerechtigkeit und zu einer ganz allgemein besseren Zukunft zu gelangen. Aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß es gelingt, bessere, edler empfindende, gerechter denkende Menschen zu erziehen! Hier, und nirgends anders, die Zukunft der Welt! mehr ethische Kultur! Man werfe doch einen Blick auf die so viel gerühmte Kultur der letzten Jahrzehnte! Oberflächlichkeit, Genuß— sucht, Geldgier, der Hang zum Wohlleben ohne Pflichten hatte immer weitere Kreise erfaßt.“ Ach ja:„Mehr Aufklärung, mehr Bildung, mehr ethische Kultur!“ Was ist das ohne den Glauben, ohne das Verant— wortungsgefühl vor Gott, ohne die Kraft des Heiligen Gei— stes?! Nichts als Worte, als Schall und Rauch. Seite 139 bis 140 sagt er: Emporkömmlinge. Proletarier von gestern, legten mit der roten Kravatte ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in den Kasten, schoben sich empor, und waren ärgere Bedrücker ihrer Angestellten, als der blaublütigste Industriebaron, Profitgier verhärtete die Gemüter und über— tönte das Gefühl für Recht und Billigkeit. liegt der Angelpunkt für Mehr Aufklärung, mehr Bildung, Auch die große Prüfung unseres Volkes brachte keine Besserung. Während draußen das Schwerste ertragen wurde, der Tod das junge Deutschland wie Gras mähte, 1 steckte sich zügellose Habsucht daheim die Taschen voll. Der Facharbeiter, der selbst soeben noch an der Front das Leid erlebt, den Krieg verwünscht, erhoffte mit zynischer Offen— heit als ter bei hohem Verdienst noch lange Geo naten 0 0 hrend die Waisen und Witwen in wil desten hmerz und in bitterster Armut in den Kammern saßen, tobte nebenan bei Wein, Weib und Gesang Sein Majestät, der Lebensmittelwucherer. Sinn für das Wahre, Schöne, Partei, von den Konservativen bis zu den Spartakiden, dem schlechte Menschen können auch mit den besten Dingen nicht; Gutes wirken, und gute Menschen werden selbst bei schlechten äußeren Verhältnissen noch Erträgliches leisten.“ Das sind wahre Worte. Es fehlt nur etwas, ö„Etwas“ ist unendlich viel, ist schließlich alles. Verbindung mit dem Ewigen, was an Verbesserungswegen gezeigt wird, bei Bürgel wie bei allen anderen Leuten seiner Art, z. B. auch bei Oswald Spengler, in Dunst und Nebel. W. G. Die Löwenbändigerin. Einmal kam ich in eine Schule, um über ein Kind etwa zu erfahren. solle auch einmal nach Fritz M. sehen. Also„sah ich mich einmal um“. M., bestehend aus Mutter, achtjährigem Söhnchen, zu Hause. Die Stube war leidlich in Ordnung, die Mutter rauchte Zigaretten, die Kinder bummelten herum. Ein vertrauenerweckendes Beispiel für das schöne Ver hältnis zwischen Mutter und Sprößling durfte ich sogleich er leben.„Fritz“, rief Frau M.,„bring' dem Fräulein ein Stuhl“ „Hol' dir'n mal alleene, Mutter“, erklärte Fritzchen unerschüt⸗ lerlich. Da wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Mutter holte nämlich stillschweigend den Stuhl!— Ihre Klagen so treffende wie unglaublich Söhnchens unterbrochen. Schließlich konnte ich mir nicht helfen:„Warum kriegt er nicht einmal eine tüchtige Ohrfeige?“ wunderte ich mich Sie blieb die Sanftmut, Ergebenheit und Duldung selbst. sprach viel von ihrem„Beruf“, und daß sie nicht viel gehabt hätte, auf die Kinder zu achten, und betonte immer wieder:„Ick bin zu nachgiebig, ick weeß; vor dem Bengel, wat der so allens uffstellt. krieg ich nicht übers Herz.“ Es stellte sich heraus, der seine eigenen Wege ging. sachkundig. Das kleine Mädchen war etwas manierlicher. Ganz zum Schluß fragte ich die sanfte Mutter, der der acht jährige Dreikäsehoch so über den Kopf gewachsen war, nach ihrem„Beruf“. Da erfuhr ich Erstaunliches und Interessantes, Sie war. Löwenbändigerin! Acht bengalische Löwen gehorchten 5 und wurden von ihr mit Entschlossenheit dressiert und vorgeführt! Da erfuhr ich also, daß eine achtjährige Kinderseele stär⸗ ker und unbezwinglicher sein kann als acht bengalische Löwen, Ist das nun zum Lachen oder zum Nachdenken? unverschämte Ach, hauen, das „Det Luder“, ergänzte Fritzchen Erziehung zur Freiheit. (Einige Gedanken aus einem Vortrag von Inspektor E. Zeller-Beuggen.) Wir wollen unsere Kinder dazu erziehen, daß sie Herr und Meister über sich selbst werden. Fleischesfreiheit ist keine Frei— heit, sondern Sklaverei. Frei ist, wer sich selbst zu gebieten vermag und sein gesamtes Tun unter ein höheres Gesetz bringt. Frei ist nicht, wer macht, was er will, sondern wer tut, was er soll. Nur durch Selbstzucht kann ein Mensch zur Freiheit ge Freiheit und Selbständigkeit sind der Schlußpunkt der Et ziehung. Die Erziehung zur Freiheit muß beginnen mit der Einschränkung der Freiheit.„Kinder müssen gewollt werden“ In der Unterordnung unter hö— Lebens. Das Kind gehorcht Gehorsam macht sie glücklich. here Mächte liegt das Glück des willig nur der überlegenen Kraft. Achtung gewinnt man durch pünktliche Gewissenhaftigkeit, ernste Selbstzucht, lebendige Got— tesfurcht. Der einzig wertvolle Gehorsam ist der freiwillige, Aus dem„du mußt“ soll ein„ich will“ werden. Wir dürfen die Kinder nicht anpredigen, positive Anregung zum Guten geben. Sie sollen merken, daß 0 9 man ihnen das Gute zutraut. aus dem Herzen das Gute hervorzulocken, als das Vertrauen. am 19. Juni 1927. EAlrazud Zur Wärthürg EE Näheres im redaktionellen Teil dieser Nummer. Evangelijche CHRLNEUHHRDIT unterstützt uns evang. Weinbergbesitzer& Weinhandlung Buchhandlung durch Bestellung v. Büchern NI EDER- OLM u. Zeitschriften. Feste(Rheinhessen) Bestellungen von 2.— Mk. an werden post⸗ frei ausgeführt. Wariburgbuchholg. Mainz, Uebersichtl. Vereinsbuchführung durch Anwendung des Aniversal⸗RNeichskassebuch Zu beziehen vom Verlag Albin Alein in Gießen. empfiehlt seine selbstgebaut. u. selbstgekest WEISS- und ROTWEINE im Fass u. in der Flasche billigst. Man verlange Preislistel über ihren unbotmäßigen Sohn wurden des öfteren durch eben Zwischenrufe des Sit Zeit langen; der Wille erstarkt nicht dadurch, daß man ihm nachgibt. Kinder haben des Bedürfnis nach fester, zielbewußter Leitung Die Liebe entfesselt und befreit das Gute im Menschen.“ sondern sollen ihnen Es gibt keine größere Macht, Solange die Menschheit in all ihren Schichten so wenig n Gute, für tiefste Menschen⸗ ll pflicht und edelstes Menschenrecht aufbringt, hilft uns kein 1 un ich f aber diesess Es fehlt die und darum verliert sich alles, fach 1 Mis Bei dieser Gelegenheit bat mich der Rektor, ich N reene Angst ha“ 1 ellg e be d dei er Ich fand die Familie Lan neunjähriger Tochter und knapp daß der Vater ein Taugenichts sei 1 lan Alle f