— drgan der Evangelischen Volksgemeinschaft Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manufskripte wird nicht garantiert. Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.) 2. Jahrgang. 5 Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M. Sonnabend, den 2. Oktober 1926. Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung. Nummer 40. Ein herzlithes vom 2.— 4. Oklober 1926. illkommen in Frankfurt a. M. zur Reichstagung rufen wir allen unseren lieben evangelischen Freunden zu! Laßt das heilige Feuer der Begeisterung in Euch himmelhoch auflodern und eilt in Scharen herbei, mitzuschaffen und mitzuwirken an dem Werke, das wir begonnen haben. 400 Jahre sind es her, daß auf dem Reichstag zu Speyer unsere Alt⸗ vorderen in ehernem Heldentum und in heißer Liebe für das Evangelium die ersten verbrieften Rechte erstritten. Laßt uns diesen wackeren Streitern nacheifern und laßt uns auf die Reichstagung in Frankfurt dem herrlichen Bau des großen Reformators ein neues Stockwerk als bleibendes Denkmal für alle Zeiten aufsetzen. Unsere Tagung muß zu einem einmütigen, gewaltigen Bekenntnis unserer guten Sache werden, das alle evangelische Herzen aufrichtet und zur Tat anfeuert. Auf „So wahr Gott ist und sein Wort Muß Teufel, Welt und Höllenpfort Und was dem tut anbangen, Endlich werden zu Schand und Spott Gott ist mit uns und wir mit Gott Den Sieg wollen wir erlangen.“ zur Tat! Mit evangelischem Gruß! Die Evangelische Volksgemeinschaft, Ortsgruppe Frankfurt a. M. Dr. Moegenburg. W. E. Müller. Gollesherrschaft im öffentlichen Leben. Von D. Jaeger. 2. Fortsetzung. 5. Liebe in Gesellschaft und Wirtschaft. Gott ist die Liebe, und das oberste Gesetz seines Reiches lautet:„Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften und deinen Näch— sten wie dich selbst.“ Wo die Liebe zu Gott unter Menschen wirklich herrscht, da ist mit der Liebe zum Vater auch untrennbar die Liebe zu den Kindern Gottes verbunden, sowohl zu den geretteten, auch zu den noch verlorenen; denn ein Kind Gottes liebt wie der Vater nicht nur die Freunde, sondern auch die Feinde. Diese Liebe gewinnt es durch den Sohn Gottes durch seine Tat am Kreuz, und durch diese Liebe läßt es sich bestimmen, auch im gesell⸗ schaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Eine Umbil⸗ dung unseres ganzen gesellschaftlichen(sozialen) Zustandes würde es bedeuten, wenn wir dem andern nicht nur gerecht würden, ihn nicht nur als gleichberech⸗ tigt anerkennten und behandelten, sondern wenn wir ihm Liebe entgegenbrächten, verstehende, hilfsbereite, Verjthmathter und zerstreuel. Matthäus 9, 36— 38. Da Jesus das Volk sah, jammerte ihn desselbigen; denn sie waren verschmachtet und zerstreuet wie die Schafe, die keinen Hirten haben, Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende. Diese Worte können irrtümlich die Annahme wecken, daß dem jüdischen Volke zur Zeit Jesu die Führer gefehlt hätten. Dem sst jedoch nicht so. In den Schriftgelehrten standen sogar zum Teil sehr bedeutende geistige Führer zu Gebot. Denken wir nur an den Lehrer des Paulus Gamaliel. Desgleichen hatte man in der mächtigen Pharisäerpartei Führer, die auf politischem Ge⸗ biete durchaus maßgebend waren. Aber diese Führer sahen nur ihren Anhang bestehend aus Männern gleicher Bildung und gleichen Besitzes. Das Volk als ein Glied der Gesellschaft kannte man in diesen Führerkreisen nicht. Sie fühlten sich nicht als Führer des Volkes. Als Jesus nun das Volk sah, da jammerte ihn des Volles. Niemand kümmerte sich um diese Masse. Niemand achtete sie ziel. Aber diese Masse war hungrig nach ewigen Wahrheiten, war dürstend nach Gerechtigkeit. Einer nur empfand die Pflicht, Hunger und Durst der Menge zu stillen: Jesus. Ihn jammerte bieses Volk, das gerne auf höhere Stufen gehoben sein wollte, das zusammengefaßt sein wollte, um einem gemeinsamen Ziele intgegenzugehen. Da hob Jesus an, mit seinem Heilandsruf die Zerstreuten zu locken und um sich zu sammeln, wie ein Hirt seine Schafe lockt und sammelt.„Kommet her zu mir, die ihr Rnühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Er sah die hroße Aufgabe vor sich, die diese führerlose Menge stellte.„Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.“ Gott selbst soll ie Arbeiter senden in diese Ernte. Denn Gott dem Herrn gehört lie Ernte. Wer von Gott aus sich berufen fühlt, an dem Volle aufopferungsfähige, selbstlose Liebe. Es wäre eine Selbstverständlichkeit, daß das Wort Jesu uns allen keine Ruhe ließe:„Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!“ Wir könnten es nicht ansehen, wenn sie hungern und dürsten, frieren und obdachlos sind, wenn sie krank liegen und unterdrückt werden. Auch ihre geistigen Interessen lägen uns dann am Herzen und die Erziehung der Ju⸗ gend brennte uns im Gewissen. Von hier aus wandeln sich unter Christen die ganzen Umgangsformen, die ganze Geselligkeit, die ganzen Höflichkeitsbezeugungen. Tausende von Klagen und Anklagen, Beschuldigungen, Beschimpfungen fielen dahin. Tausende und Aber— tausende von Prozessen unterblieben. Die ganze Atmo— sphäre unseres öffentlichen Lebens würde eine völlig andere, reinere, wärmere. Niemand kann sich christlich— sozial nennen, ohne daß ihm sein Gewissen ununter⸗ brochen zuflüsterte:„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Liebe findet ihre Schranken meistens an den materiellen Interessen, und, wenn sie nicht auch das wirtschaftliche Leben durchdringt, kann sie scch im sozialen Leben nicht behaupten. Man kann nicht das wirtschaftliche Leben der Selbstsucht ausliefern und daneben im gesellschaftlichen Leben Selbstlosigkeit er⸗ erste, der diese Berufung erkannt hatte. Jesus war der rechte Volksmann, der rechte Volksführer. Dafür haben ihn die Par⸗ teimänner an das Kreuz geschlagen. Wenn Jesus heute in unser Volk hineinschauen würde, wie damals in sein jüdisches Volk, dann könnte er auch sagen:„Mich jammert desselben!“ Auch unser Volk ist verschmachtet. Nicht wollen wir dabei nur an die wirtschaftlichen Nöte denken, an die Schulden des Bauernstandes, an die Arbeitslosigkeit im Arbeiter⸗ stand, an die Schwierigkeiten des Kaufmanns- und Beamten⸗ standes, sondern wir denken an die geistige Not unseres Volles. Mit vielen Zweifeln ist es heraus aus dem Weltkrieg gegangen. Der hereinbrechende Materialismus hat den Idealismus und den Glauben unterdrückt. Eine Menge von Irrlehren suchte die Zeit auszunützen und Vorteile von der Ratlosigkeit der Masse zu erlangen. Anser Volk sucht jedoch heraus zu kommen aus diesem trost⸗ und hoffnungslosen Zustand. Materialismus und Atheismus befriedigen nicht. Das Göttliche im Menschen hun⸗ gert und dürstet nach Sättigung. Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Dazu tritt die Uneinigkeit innerhalb unseres Volkes. Im Religiösen stehen sich die Römischen und die Lutheraner gegen⸗ über. Die Rückhaltlosigkeit der Evangelischen sucht Rom für seinen Zweck auszunützen. Wie manchem Deutschen müßte man öfters zurufen:„Denke daran, daß du ein Evangelischer bist!“ Da fehlen die Führer, die mit unserem evangelischen Volk denken können, die ein Auge haben für seine inneren und äußeren Nöte. Denen, wie Jesus, das Volk jammert. Auch das paßt heute so recht auf unser Volk, wenn der Herr sagt, sie seien zerstreuet wie Schafe, die keinen Hirten haben. Denken wir an die vielen Gegensätze in unserem Volke Keine Einigkeit auf irgend einem Gebiet. Die politischen Parteien kann man bald nicht mehr alle zählen. Die einzelnen Berufe bekämpfen sich. Es fehlt unserem Volke an einer alle einenden, zu arbeiten, der gehört zu diesen Erntearbeitern. Jesus war der warten. Wir müssen den Mut haben zu sagen: Der Boden und alle seine Schätze sind Gottes und wer daran Teil hat, darf es nur haben als Lehnsträger Gottes, ihm und seinem Volke verantwortlich, denn Gott schenkte den Boden zunächst dem Volke und nicht dem Einzelnen, der Familie und nicht dem Junggesellen. Wenn wir zu dem Eigentum ja sagen, dann sagen wir auch zum Eigenheim ja. Man kann nicht zu dem Eigentum des einen ja sagen und zu dem Eigenheim des andern nein. Die christliche Liebe zwingt zu entscheidender Aenderung des Bodenxrechtes. Sie heischt gebieterisch die Lösung der Wohnungsfrage; denn damit steht und fällt die Keimzelle des ganzen Gesellschafts- und Volkslebens: die Familie. Die Bebauung des Bodens, die Verarbei⸗ tung seiner Schätze kann der Einzelne ja nicht allein machen. Es bedarf dazu immer gemeinsamer Arbeit, und die einzige gesunde Arbeitsform ist die Arbeitsge⸗ meinschaft. Die christliche Liebe gebietet, daß die Teil— nehmer der Arbeitsgemeinschaft sich einander als gleich⸗ berechtigte Partner betrachten und behandeln und daß sie auch den Ertrag der Arbeit in angemessener Weise verteilen. Bei der Verteilung des Arbeitsertrages wird es eine Hauptlinie der Zukunft sein müssen, die Aufspeicherung von Arbeitskapital von der Aufspeiche⸗ rung von Genußkapital zu unterscheiden. Zu ersterem Gemeinschaft. Ein Gedanke ist es, der alle entgegenstrevende, Kräfte sammeln und vereinen kann: Jesus Christus. Vom ihm aus geht das Wort von der Liebe zum Nächsten. Er gibt uns das Gleichnis vom Weinstock, an dem alle wie Reben hängen sollen. Er erzählt von dem treuen Schäfer, der dem einzelnen verlorenen Schäflein nachgeht, um es zur großen Herde zu füh⸗ ren. Wir, die wir heute zur 2. Reichstagung der Evangelischen Volksgemeinschaft versammelt sind, haben erkannt, daß es nur den einen Weg gibt, unserem verschmachteten Volke zu helfen. Darum stellen wir uns als evangelische Männer und Frauen äuf den Boden des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus. Wir hören den Ruf Jesu nach Arbeitern zu seiner Exnte. Wir wollen wirken für unser Volk und an unserem Volke, daß es ein Volk christlicher Brüder werde. Wir wollen die Liebe Jesu in unser Volk mit allen seinen Schichten hineinpflanzen, daß das Gegen⸗ einander sich umsetzt in ein gegenseitiges Stützen und Helfen. „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, mahnt uns der Apostel Paulus. In den Schoß wird uns dies Ziel gewiß nicht fallen. Jesus hat bei Erfüllung seiner ihm gestellten Aufgabe schwere Kämpfe durchmachen müssen. Auch gegen uns tritt eine starke Macht der Finsternis auf. Da heißt es eben arbeiten, wirken und kämpfen. Denken wir immer daran, daß wir nicht leben, um zu genießen. Wir leben, um zu schaffen und zu kämpfen. Vergessen wir nicht, daß Jesus von sich selbst sagte:„Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Jesu, hilf siegen und laß mich nicht sinken! Wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken, Laß doch viel heller dann deine Kraft sehn. Steh mir zur Rechten, ob König und Meister, Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister. Amen, Hr. ———-—-—— 4 1 Sonnabend, den 2. Oktober 1926. ist der Unternehmer oder besser gesagt das Unternehmen nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet. Was das zweite anbetrifft, so muß er sich bei der Not des gesam⸗ ten Volkes und Vaterlandes die stärksten Einschränkun⸗ gen gefallen lassen; denn eine Arbeitsgemeinschaft, die auf der Liebe gegründet ist, hält das für selbstverständ⸗ lich. Sie mutet es deshalb sich und anderen zu. In dieser Linie wird sich die ganze Gesellschafts- und Wirt⸗ schaftsentwicklung bewegen müssen, wenn sie zur Ret⸗ tung unseres Volkes dem christlich-sozialen Gedanken entsprechen will. g (Fortsetzung folgt.) Warum mußte die Evangelijthe Volks ⸗ gemeinsthaft gegründet werden? Von Pfarrer Löwentraut-⸗Eulo. In Hindenburg will uns Gott seit Tannenberg und dem Rückzug der Truppen in die Heimat zum dritten Male einen Helfer aus tiefer Not senden in Gestalt eines Reichspräsidenten von Bismarcks Schlage:„Wir Deutsche fürchten Gott. Mit Gott über den Parteien wollen wir Taten tun!“ Zwar wäre Hindenburg schon mit Gott allein in starker Majorität. Gleichwohl muß ihm in der Evangelischen Volksgemeinschaft noch ein Heer zur Seite gestellt werden, um unser deutsches Vaterland und seine evangelische Kirche von den vielen Feinden zu erretten und auf einem ehrenvollen Vor⸗ marsch zu ehemaliger Größe zu führen. Evangelische Kräfte und Mächte haben ehemals das Deutsche Reich gegründet: Wilhelm J., Bismarck, Moltke, Roon u. a. Nur evangelische Kräfte und Mächte dürften allein im Stande sein, ein neues und besseres Reich aus den Trümmern wieder erstehen zu lassen. Das kostet frei⸗ lich einen neuen Kampf mit dem Schwert des Geistes, mit dem Worte Gottes. Gegen den Hauptirrtum: Re⸗ ligion hat nichts mit der Politik zu tun“, muß jetzt vor allem gekämpft werden, gegen einen Irrtum, der schon in die Vorkriegszeit zurückreicht bis auf jenes verhäng— nisvolle geflügelte Wort Wilhelms II.:„Sintemalen sie— das war die Kirche, die Pastoren— das nichts angeht.“ Kirche und Pastoren, Oberkirchenräte und Konsistorialräte haben sich untertänigst danach gerichtet, Zentrum und Sozialdemokratie aber die Situation weidlich ausgeschlachtet. Ist denn der evangelische Pfarrer und Kirchenrat und Christ ein halber Christ, ein Christ in der Kirche, im Staat ein Heide, auf der Kanzel ein Bekenner, auf dem Ratsstuhl ein Verleugner? ein ganzer Mann, innen und außen, im Kämmerlein und der Oeffentlichkeit, in der Kirche und im Staat. Daher gehören Religion und Politik innigst zusammen. Dex Christ gibt dem Kaiser was des Kaisers ist, weil er Gott gibt, was Gottes ist. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet beruht die Politik auf der Religion. Weil Gott z. B. im 7. Gebot zu stehlen verbietet, will er, daß jeder sein Eigentum haben soll(Calvin). Das persönliche Eigentum macht die Würde, die Freude, das Streben, das Leben, das Glück, das Wohlergehen des Menschen auf Erden aus.„Du sollst nicht begehren“, das 9. und 10. Gebot sichert den Besitzstand, Ruhe und Frieden im eigenen Land und Volk gegenüber dem anderen in der sog. Außenpolitik.„Ein Arbeiter ist seiner Speise und seines Lohnes wert“, ist eine göttliche Weisheit in der Lohnfrage.“„Gehet ihr auch hinein in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist“, gibt auch dem Lohn⸗ arbeiter Brot und Stellung, Achtung und Befriedigung. Selbst die Ideale des Kommunismus werden am besten verwirklicht in der freiwilligen Hilfe und Gabe dem Dürftigen. Diese wenigen Andeutungen genügen schon, die Wahrheit und Notwendigkeit darzutun, daß Reli⸗ gion und Politik, Gottesfurcht und Bürgertugenden zusammengehören. Auf Grund dieser beiden Funda⸗ mente der Zusammengehörigkeit von Religion und Po⸗ litik noch ein Wort über Staat und Kirche. Weder Romanismus noch Atheismus, noch beide im Bunde, dürfen im Staat herrschen. Dagegen soll Nein, der Christ ist „Evangelische Warte“ Nr. 40. unser evangelischer Glaube der Sieg werden, der die seien aus demselben nicht abzuleiten. Wie begegnen Welt überwindet. Nach römischer Lehre steht die Kirche über dem Staat und über allen Staaten in der Welt. Das führte zur„Tyrannei“ des Papsttums(Luther). Infolge des Notbehelfes eines landesfürstlichen Ober— bistums der evangelischen„Landeskirchen“ kam der Staat zur Herrschaft über die Kirche, und so heute die Kirche im religionslosen oder-feindlichen Staat unter die Räder. Jenem Mißbrauch der kirchlichen Gewalt und diesem Notstand gegenüber kann nur noch das leite Verhältnis möglich sein: Staat und Kirche kommen neben, mit und für einander zu stehen. Staat und Kirche sind öffentlich gleichwertig zu vertreten in allen Parlamenten, dem Volk muß vor allem die Religion er⸗ halten werden. 5 Um alles auf einen letzten und höchsten einheit⸗ lichen Grundsatz zu bringen, müssen wir heute auf unsere neue evangelische Volksgemeinschaftsfahne schreiben: Politit des Königreiches Gottes! Wir müssen Politik nach evangelischen Grundsätzen treiben. Tun wir das nicht, so sind eben andere klüger und besser daran, und ihre Kirche hat davon den größten Nutzen, unser deur⸗ sches Volk aber den größten Schaden. Es bleibt daher nichts weiter übrig, als die evangelische Sache in jedem Betracht zu stärken und zu festigen durch die Evange⸗ lische Volksgemeinschaft, unter deren Fahne sich alle bis⸗ herigen Parteien sammeln und einen können, um zu allen ihren Zielen zu gelangen. Alle politischen Wahr— heiten, bisher einseitig von verschiedenen und getrenn⸗ ten Parteien vertreten, können in der Evangelischen Volksgemeinschaft einander ergänzend und ausgleichend zusammen kommen: Das Monarchistische, das Demokra— tische, das Nationale, das Soziale, das Kommunale, das Religibse, das Christliche, das Sittliche. Auch das inter⸗ nationale Problem kann am besten durch die Evange— lische Volksgemeinschaft gelöst werden. Sie wäre der Weg zur wahren Völkerwürde und zum wahren Völker- frieden, kurz des„Friedens auf Erden“. Die Macht des Bösen, des Fürsten dieser Welt, wäre dann gebrochen. Wenn heute in Deutschland„katholisch Trumpf“ ist, wenn man sich heute auf Schritt und Tritt gegen die wachsende Macht der katholischen Kirche wehren muß, so kommt das doch allein daher, daß die katholische Kirche durch das Zentrum an der Gestaltung des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens in Staat und Ge⸗ meinde schon seit Jahren— insbesondere nach dem Krieg— aktiv mitarbeitet. Und wenn heute im evan⸗ gelischen Deutschland, im Lande Dr. Martin Luthers, die evangelischen Interessen fast täglich mit Füßen ge⸗ treten werden, wenn große Teile des evangelischen Volkes der evangelischen Kirche entfremdet sind, wenn wir politisch heimatlos sind und keine evangelische Män⸗ ner und Frauen zur Genüge in den Parlamenten haben, so kommt das zu einem guten Teil daher, daß im evange⸗ lischen Lager bislang die durchaus falsche Meinung herrschte„Politik hat mit Religion nichts zu tun.“ Diese irrige Meinung hat uns Evangelische zu der jetzt offenkundigen politischen Machtlosigkeit geführt. Ist es da nicht zu begrüßen, daß die Evangelische Volks⸗ gemeinschaft gegründet worden ist als Hüter, Wächter und Verteidiger des evangelischen Glaubens? Wer ein Herz hat für seine evangelische Sache, für Deutschtum und Protestantismus, der schließe sich der neuen Be⸗ wegung an und werbe bei jeder Gelegenheit neue Mit⸗ glieder für die Evangelische Volksgemeinschaft! Evangelium u. Wiristhafts politik. Von L. Brandt, Eime. Der Haupteinwurf, der von namhaften Vertretern evangelischen Christentums gegen die Lebensfähigkeit einer evangelischen Volksgemeinschaft erhoben wird, ist der, daß eine E. V. nicht in der Lage sei, ein Wirtschafts⸗ programm aufzustellen. Das Evangelium gebe uns nur allgemeine, religiöse und sittliche Grundsätze an di Hand, wirtschaftspolitische Einzelforderungen aber, die eine solche Partei als politische Partei erheben müßte, Das soziale Zeitalter. Von Paul Rüffer, Vorsitzender des Verbandes Ev. Arbeiter⸗ pon Groß⸗Berlin. 6. Wie in allen Industrieländern, so war auch in unserem Vaterland die Lage der deutschen Arbeiterschaft in jener industriellen Frühperiode eine außerordentlich traurige. Niedrige Löhne, überlange Arbeitszeit, schlechte Wohnungs- und Arbeits⸗ verhältnisse find die Kennzeichen jener Zustände. Es war ein ausgebeutetes, übermüdetes, körperlich und geistig degenerjertes Geschlecht, das auf der Grundlage des freien Arbeitervertrages den Kampf mit dem erstarkenden Unternehmertum aufnehmen mußte. In zahlreichen Berichten und Darstellungen, wissenschaft⸗ licher und volkstümlicher Art, in Prosa und Poesie wurden die traurigen sozialen Verhältnisse der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht. Auf diesem dunklen Untergrunde des werdenden sozia⸗ len Zeitalters entwickelte sich die sozialistisch- marxistische Ge⸗ dankenwelt in der deutschen Arbeiterschaft. Aus den französischen und den englischen Sozialisten- und Kommunistenkreisen drangen diese Gedanken in die deutsche Ar— beiterwelt. Der bedeutendste Träger dieser Idee war in der vormärzlichen Zeit der Schneider Wilhelm Weitling, der im Kommunisten-Bunde„der Gerechten“ in Paris mit diesen Ideen bekannt geworden war. Er hatte sie nicht nur in sich aufge— nommen, sondern sie selbständig in einigen Schriften verarbeitet, und diese Lehren in der deutschen Arbeiterschaft mit großem Er⸗ folg verbreitet. Es ist das Verdienst von Karl Marx und Fried⸗ rich Engels, die verschiedenen sozialistischen utopistischen Ideen von damals in ein einheitliches wissenschaftliches System gebracht und Volksvereine wir diesem Einwand? Zunächst ist vollkommen richtig, daß das Evange⸗ lium von Jesus Christus an sich nichts mit wirtschaft⸗ lichen Einzelfragen zu tun hat. Die Bibel ist kein nationalökonomisches Lehrbuch, ebensowenig wie sie ein Abriß der Naturwissenschaft oder dergl. sein will. Selbst die Art, wie sich die großen christlichen Lebensgrundsätze in den ersten Christengemeinden auswirkten, ist aner⸗ kanntermaßen nicht ohne weiteres auf unsere heutigen Lebensverhältnisse zu übertragen. Zeitliche und räum⸗ liche, klimatische und politische Verschiedenheiten gegen damals rechtfertigen das wohl widerspruchslos. Allein es ist nun gänzlich verkehrt, zu behaupten, daß das Evangelium überhaupt nichts mit wirtschaftlichen Fra⸗ gen zu tun habe. Ist denn die Stellungnahme zu wirt⸗ schaftlichen Problemen nur eine rein technische national⸗ ökonomische Frage? Ist sie nicht vielmehr auch eine im höchsten Maße ethische Frage?! Es könnte auf den ersten Blick so scheinen, als ob Dinge wie Lohnverhältnisse, Schutzzölle, Freihandel, Preispolitik, Sozialisierung von Betrieben u. a. m. lediglich dem Urteil nationalökonomischer Fachleute unterliegen. Man übersieht aber dabei, daß es nicht gleichgültig sein kann, von welcher Gesamtlebens— anschauung aus derartige nationalökonomische Urteile zustande kommen. Es gibt bekanntlich keine voraus⸗ setzungslose Wissenschaft, auch keine voraussetzungslose nationalökonomische Wissenschaft. Auf jeden Fall ist die Voraussetzung des Nationalökonomen sein Ver⸗ ständnis dessen, worin das Gesamtwohl des Staates und des Volkes beruhen soll oder kann. Aber gerade dieses Verständnis ist individuell bestimmt durch Erziehung, wissenschaftliche Vorbildung, Lebenserfahrung, Partei⸗ zugehörigkeit usw. Das so individuell bedingte und sub⸗ jektiv gebildete Urteil, wie es in einem nationalökono⸗ mischen System seine theoretische, in dem Wirtschafts⸗ programm jeder der bestehenden politischen Parteien seine praktische Ausprägung erfährt, ist immer eine ein⸗ seitige. Es sei denn, daß man bereit ist, sich einer Norm zu unterwerfen, die auf der einen Seite„transsubjek⸗ tiv“ ist, d. h. keinen Raum für eine beliebige subjektive Ausdeutung der Norm läßt, und die auf der anderen Seite eben darum als dauerndes Korrektiv für die Bil⸗ dung und Begründung von Urteilen und Maßnahmen in wirtschaftlichen Dingen gelten kann. Eine solche Norm besitzt man nicht etwa in„dem Wohl des Ganzen“. Was ist denn das Wohl des Ganzen? Es ist eine veränderliche Größe, zu der jeder je nach Zeit und Umständen eine verschiedene Stellung ein— nehmen kann. Das erhellt ohne weiteres aus der Tat⸗ sache, daß jede politische Partei in ihrem wirtschaft⸗ lichen Programm sich anheischig macht, dem Wohl des ganzen damit am besten dienen zu können, wobei doch alle zu mehr oder weniger verschiedenen Resultaten kommen. Die Sozialdemokratie z. B. behauptet mit der⸗ selben Wärme, daß ihre Sozialisierungsbestrebungen im allgemeinen Interesse liegen, wie etwa die Deutsche Volkspartei das gleiche von ihren manchesterlichen Grundsätzen in Handel und Industrie behauptet. Dabei ist es doch am Tage, daß ein sehr durchsichtiger Klassen⸗ oder Gruppenegoismus zugrunde liegt. Was dabei herauskommt, ist nicht wirtschaftliche Wohlfahrt des Ganzen, sondern der wirtschaftliche Unfriede, wie er in dem hoffnungslos zerklüfteten Parteiwesen der Gegen⸗ wart sich in betrübender, aber getreuer Weise wider⸗ spiegelt. Nebenbei bemerkt: Hier zeigt sich auf's Deut⸗ lichste, wie ungerechtfertig, ja leichtfertig auch der Vor⸗ wurf ist, der unbesehen der E. V. gemacht wirdt sie fördere die Zersplitterung einer nationalen Interessen⸗ gemeinschaft. Vielmehr muß sie hier die Anklage der Zersplitterung aufs schärfste gegen die übrigen politi⸗ schen Parteien erheben, weil sie zwar mit lauten Wor⸗ ten das Allgemeinwohl als Norm preisen, der politi⸗ schen Praxis aber vermöge des eingewurzelten und sie beherrschenden Egoismus geradezu mit Naturnotwen⸗ digkeit diese Norm immer wieder hintansetzen und unterschlagen. zu haben, das wir unter dem Namen des Marxismus kennen. Es ist seinem Wesen nach sowohl ein ökonomisches Verteilungs- system, als auch eine volkswirtschaftliche Lehre. Soweit es sich bei dem Marxismus um den geistigen Gehalt handelt, hat er den historischen Materialismus, den Klassenkampfgedanken und die internationale Gesinnung der Arbeiterschaft gebracht. Das marxistische System ist seinem Inhalte nach bereits keimattig im kommunistischen Manifeste von 1848 enthalten. Die ersten deutschen Arbeiterorganisationen entstanden im Revolutionsjahre 1848. Im April 1848 berief der Schrift⸗ steller Stefa Born eine Arbeiterversammlung in Berlin ein, der im Juli desselben Jahres der Arbeiterkongreß in Frankfurt und Ende August ein Kongreß in Berlin folgten. Sowohl auf dem Frankfurter als auch auf dem Berliner Kongreß wurde in lan⸗ gen Entschließungen eine ganze Reihe von Forderungen der Frankfurter Nationalversammlung übermittelt. Auf dem Ber⸗ liner Kongreß schuf man nach der Anregung von Born die „Arbeiterverbrüderung“, die ihren Wohnsitz nach Leipzig ver⸗ legte. Sie hat sich allerdings in der Folgezeit außerordentlich stark revolutionär betätigt; das war der Grund, weshalb der Bundestag in Frankfurt die Arbeiterverbrüderung am 13. Juli 1854 verbot. Aber noch ehe das kommunistische Manifest erschien, hatten die christlichen Kreise, sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche, Stellung zu den sozialen Problemen genom⸗ men. Wichern, der Begründer der inneren Mission, erblickte in der damaligen sozialen Frage„Das schmerzentstellte Antlitz der leidenden Menschheit“. Praktisch wie er war, verwies er die Arbeit auf den Weg des Zusammenschlusses behufs Exreichung besserer Lebensbedingungen. Die verwahrlosten Kinder sam⸗ melte er in dem von ihm gegründeten„Rauhen Hause“ und in dem später gleichfalls von ihm ins Leben gerufenen Evange— lin. Nach englischem Vorbild führte er in Deutschland die Stadtmission ein. Er war es auch, der dem Namen„ christlich⸗ sozial“ in unserm Vaterlande Geltung verschaffte und. wie Mahlig bemerkt,„das soziale Moment in das Leben der evange⸗ lischen Kirche einfügte.“ Neben ihm ist der Berliner Professor Huber zu nennen, der schon damals wichtige sozialpolitische Anregungen gab und auf genossenschaftlichem Wege den Arbeitern Berlins„Eigenheime“ zu verschaffen versuchte. Auf katholischer Seite war es der Bischof Kettler, der die Aufmerksamkeit der katholischen Kirche auf die soziale Frage lenkte. Schon 1846 war in Elberfeld ber eiste katholische Gesellenverein gegründet worden und 1849 eutstand in Nürnberg der erste katholische Arbeiterverein. Infolge der Anregung des Sozialen Ausschusses der Katholikentagung wur⸗ den Ausgang der sechziger Jahre die konfessionell⸗christlich⸗ sozialen Arbeitetvereine ins Leben gerufen, die sich die sittliche und ökonomische Hebung ihrer Mitglieder zum Ziele sehlen, Diese hoffnungsvolle Bewegung fiel leider der Kulturkampf⸗ periode zum Opfer. Im Jahre 1868 entstanden die Anfänge der Hirsch⸗Dunker⸗ schen und sozialdemokratischen Gewerkschaften, die nach englischem Vorbilde die wirtschaftliche Hebung der Arbeitermasse bezwecllen. Viel früher aber war schon der Staat auf die sozialen Miß⸗ stände aufmerksam gemacht worden. Wenn auch der größte Teil der preußischen Beamtenschaft und mit ihm die intellektuellen Volkskreise ganz im Banne des wirtschaftlichen Liberalismus standen, so lebte doch in den verantwortlichen Kreisen des preu⸗ zischen Staates noch etwas von dem Geiste der staatlichen Für⸗ sorge der Vergangenheit. So ist es zu begreifen, daß schon im Jahre 1818 der preuß. Kultusminister von Altenstein im Einvernehmen mit dem Handelsminister die rheinischen Regierungspräsidenten 600 — 11 schaf 0 nube geile gta Pal hett. Hotte derllf wut le ele in Feta 1 Pen einen aft 1 Geges Abt Agefk fach Aten lult tes bie 1 — dd haft und et if 0 0d her sch Dinge 5 gefsa Kenn Frage Id fluß. Taub kf 109 en ö 1 hre de Kirch At d Tote dem licher häng lasser fen fte ef elde ef fühle he währ gut af tum bebt al ils, ö bat 0 N 0 Sonnabend, den 2. Oktober 1926. „Evangelische Warte“ Eine solche absolut untrügliche Norm für die Be— urteilung sämtlicher allgemeiner und spezieller wirt— schaftlicher Fragen liefert vielmehr einzig und allein die christliche Ethik mit ihren großen Grundsätzen der unbestechlichen, weil von irdischen Interessen und Vor⸗ teilen freien Gerechtigkeit und Liebe, d. h. der absoluten entsagungsvollen Hingabe an den Einzelnen und das Ganze, wie sie nur das an Gott gebundene Gewissen for— , dert. Indem der Wirtschaftspolitiker der E. V. vor ige, Gottes Angesicht sich dieser beiden unerläßlichen For⸗ derungen des christlichen Lebens immer aufs Neue be⸗ ge, wußt wird, ist er allein imstande, unter der Hand sich NIN immer wieder eindrängende egoistische Neigungen abzu— n weisen. Er geht also an die Entscheidung wirtschaft⸗ licher Einzelfragen nicht mit einem fertigen Programm un, heran, sondern mit einem von den großen göttlichen ona, Forderungen erfüllten und beherrschten neuen Geist. e, Wenn man dagegen einwenden wollte, daß der Mangel einen bis ins Einzelne feststehenden Wirtschaftspro⸗ asg gramms den Parlamentarier der E. V. unfähig mache, fand praktische Arbeit zu leisten, so behaupten wir das gerade d. 1 jegenteil: eine durch Gruppeninteressen gefärbte Par⸗ bleu teibrille und Festlegung eines Parlamentariers auf nit, irgend welche ganz bestimmte Einzelstandpunkte haben eben, noch immer den größten Schaden gebracht. Was uns le, mützen könnte, uns aber bisher gefehlt hat, sind wahr⸗ bra, haft geschlossene Persönlichkeiten, die die Grundsätze isl ihres Handelns nicht von Parteivorständen, auch nicht all“ aus sich selbst, sondern von einer über dem allen stehen⸗ I den Instanz bezogen haben. Alle politischen Fragen e— das wird an diesem Punkte klar—, auch die wirt⸗ diet, schaftlichen, sind eben in hervorragendem Maße Gegen⸗ n stand ethischen Handelns. Die Beschäftigung mit ihnen ont hat immer eine ganz bestimmte Weltanschauung, einen wü, so oder so gearteten Glauben im Hintergrunde; und böln, dieser verschiedene Glaube urteilt auch naturgemäß cha, verschieden über Wert und Unwert der wirtschaftlichen ne, Dinge. 5 1271 5 i 1 Nicht rein verstandesmäßige Erwägungen im Ge⸗ an—gensatze zu ethischen Verpflichtungen, nicht theoretische full Kenntnisse und Fähigkeiten entscheiden letztlich über die iel. Frage, ob überhaupt ein Mensch, auch der Politiker, nden. und wie er zu wirtschaftlichen Fragen Stellung nehmen ie F muß. Vielmehr entscheidet immer die Art der Weltan⸗ ahne schauung darüber, ob jemand zu wirtschaftlicher Betä⸗ ligung berechtigt ist,(siehe den Vorwurf: Religion und Politit haben nichts miteinander zu tun) und wel⸗ ange chen Erfolg er von solchen erwarten kann. g e Man denke nicht, daß uns irgend ein Grund zwei⸗ ea er Ordnung veranlaßt hat, die Sache der E. V. zu 41 führen, also etwa die Rettung der äußeren Lebens⸗ üg formen unserer so schwer bedrängten evangelischen 10 0% Kirche. Uns treibt die höchste Gewissens verpflichtung, 0. mit der unser Christenglaube uns zwingt, die mit ihm lan notwendig verbundenen Lebensgrundsätze nicht nur in 10 dem täglichen kleinen Leben, sondern auch im öffent⸗ 10 lichen Leben, das mit jenem ja tausendfach zusammen⸗ 0 10 hängt, und gerade an der Stelle zur Tat werden zu ai lassen, wo es am schwierigsten aber auch am notwendig⸗ 15 sten ist, nämlich im politischen Leben und seinem wich⸗ dale ligsten Gebiet, in der Wirtschaftspolitik.— Wir hegen ** angesichts der Not der gegenwärtigen Zeit den bren⸗ , nenden Wunsch, daß alle diejenigen, die gleich uns das 7 unendlich sittlich Verpflichtendes evangelischen Glaubens n fühlen, die in jeder großen oder kleinen Zeit, in jeder b großen oder kleinen Rot den Aufruf Gottes zur Be⸗ wan währung ihres Glaubens hören, unvoreingenommen durch irgend welches Dogma oder Schema den Mut zu e evpangelischer Tat finden und bezüglich der E. V. unge⸗ 100 sfäumt ihre Folgerungen ziehen möchten. age l 1 % Neue Wege zur Seele unseres Volkes. n M. Von Pfarrer Walther Vogel, Leipzig⸗Stötteritz. poll Wir sind uns weithin darüber klar, daß für die kranke Volks⸗ und seele von dem entarteten Theater wie von dem versumpften Kino Nou der Gegenwart die unheilvollsten Wirkungen ausgehen. Ander⸗ en W seits versagt weithin das Heilmittel der geordneten Predigt, aber auch der außerkirchlichen Evangelisation und Volksmission. Dürfen wir deswegen die Hoffnung aufgeben, noch eine stttlich— religibösen Erneuerung unseres armen Volkes zu erleben und einer solchen mit neuartigen Versuchen vorarbeiten zu können? Es zeigt sich immer wieder, daß teils das schlichte, mit volkstümlicher Musik verbundene Laienspiel, teils ver— geistigte Dichtkunst ehrlich-deutschen Gepräges, durch edle musi— kalische Zutat lebendig gemacht, die stärkste Anziehungskraft auf alle Volksschichten ausüben und auch dann dankbare Aufnahme finden, wenn sie die bittersten, herbsten Wahrheiten künden, die unmittelbar Herz und Gewissen treffen. Wer sein Volk lieb hat, muß auf solche Anzeichen achten und darnach handeln. Aus solchen allgemeinen Beweggründen heraus möchte ich die vaterländischen und religiösen Kreise auf die sittlich-religiösen Weihe-Abende Gustav Hildebrants(Deutsche Vortragsbühne, Hamburg-Berlin, Vermittlungsstelle Kottbus, Bahnhofstraße 21) aufmerksam machen. In Gustav Hildebrant, der durch seine durchgeistigte Vortragskunst, vereint mit seinem gleichgestinmten musikalischen Helfer Alfred Meyer-Marko, sich über ganz Deutsch— land hin und im Grenzgebiet eine dankbare Kunstgemeinde ge— sammelt hat, ist uns just zur rechten Zeit ein mit prophetischer Schau begabter Ausleger und Darbieter tiefster zeitgemäßer deutscher Dichtwerke geschenkt worden, die kein Theater brengen will und kann, wie Eberhard Königs„Stein“ und„Dietrich von Bern“, Thomas Westerichs„Der weiße Herzog“ und„Thule“, Adolf Bartels„Lutherdrama“, Schmidtbonns„Christus— mysterium“ und Niedlichs deutsche Jesus-Tragödie„Der Hei— land“, so wie Paul Steinmüllers„Feuerrufe in Deutschlands Nacht.“ Wollen wir dieses Gotteswerk nicht benutzen? Ich bereue es nicht, auf bloße Anpreisungen hin, aus Anlaß einer großen Tagung in Leipzig, einen Hildebrantschen Weihe-Abend mit Bartels„Lutherdrama“ gewagt zu haben. Der Abend wurde uns allen zu einem seltenen Erleben. Der verdunkelte Saal, nur durch das Kerzenlicht von zwei vierarmigen Leuchtern erhellt, die schlichte Bühnenausstattung, nur aus Tisch mit altem Lehn⸗ stuhl, Sockel mit Luther⸗Büste, und einigen Teppichen bestehend, das warm und klar gesprochene Dichterwort, und das abwechselnd auf Harmonium und Flügel, zeitweilig auch auf beiden Instru⸗ menten zugleich erklingende, sich dem Wort anschmiegende Spiel — das alles ergab eine so nicht in entferntesten geahnte Gesamt⸗ wirkung. Es war, als ob eine neue Kunstart uns berührte, der noch eine große Zukunft gehört. So kann ich mir denken, daß von auch ähnlichen Darbietungen dieser Art, vor allem von der gewaltigen Wiedergabe der Buß⸗ rufe Steinmüllers, sowohl in Sälen wie in dazu geeigneten saalartigen Kirchen— hier unter Benutzung der Orgel— leben⸗ weckende und religiös⸗sittlich aufbauende Kräfte ausgehen kön⸗ nen. Es liegen mir hierfür auch zahlreiche begeisterte Zeugnisse aus allen Gegenden Deutschlands vor, und zwar von Laien wie von Geistlichen.— Von besonderer Wucht und Leuchtkraft muß auch, was zum Schluß erwähnt sei, eine Christus-Weihestunde gewesen sein, die am Karfreitag in Kottbus stattfand wo Hilde⸗ brant Stassensche Christus⸗Bilder im Lichtbild unter Heran⸗ ziehung der Jesus⸗Bücher von Steinmüller, Eichhelter u. a. durch Wort und Ton vor andachtsvoller Gemeinde lebendig machte, daß daraus ein Miterleben des hehren Karfreitagsgeschehens selbst erwuchs. Kann es für Dichtung, Musik und Malerei ein höheres Ziel geben, als in edler Einheit mitzuhelfen, daß der deutschen Volksseele der verlorene Heiland und damit der ver⸗ lorene Gott wieder nahegebracht wird? So lassen wir auch die Künste im Heiligtum gewähren, wo sie von priesterlichen Künst⸗ lern wie hier zu Ehren gebracht werden. us unserer Bewegung. Die Ev. Volksgemeinschaft, Ortsgruppe Darmstadt, hielt am Freitag, den 24. September 1926 ihre erste öffentliche Versammlung im„Perkeob“ ab. Die beiden Redner des Abends, Dr. jur. Moegenburg und Pfarrer Weidner wiesen unter⸗ stützt durch reiches Material nach, daß die evangelischen Belange bisher von keiner anderen Partei gegen die Angriffe des Ultra— montanismus geschützt worden seien. Das evangelische Volk müsse sich in der„Evangelischen Volksgemeinschaft“ politisch zusammen⸗ schließen, um das Reformationswerk und den evangelischen Glau- ——.—ñ—————ö— r.————————— ben zu vetteidigen. So allein könne der ungeheuren Gefahr be⸗ gegnet werden, die in der Neugründung von 900 Klöstern und in der unermüdlichen Arbeit von 1300 Jesuiten und etwa 80 000 Ordensleuten in Deutschland bestehe. Die Gegenreformation sei im vollsten Gange! Ihr Ziel sei, Deutschland katholisch zu machen. Pfarrer Weidner bewies in eindrucksvoller Rede, daß im Hessischen Landtag keine Partei sich um die evangelischen Belange irgendwie bekümmert habe. Dies habe sich vor allem bei der Er⸗ richtung der Lehrstühle für klatholische Weltanschauung in Darm⸗ stadt und in Gießen gezeigt. Auch sei den wirtschaftlich einge— stellten Parteien eine Lösung der sozialen Frage der schaffenden deutschen Menschen nicht möglich. Nur von der christlich-evange⸗ lischen Plattform aus sei eine Hilfe für die Not des Arbeiters, der Faust und Stirn, zu erwarten. Die Vorträge fanden be⸗ geisterte Zustimmung bei der Versammlung, in der wir auch mehrere Vertreter der Hessischen Geistlichkeit bemerkten. 15 neue Mitglieder schlossen sich der Bewegung an. Leider stößt unsere evangelische Bewegung hie und da noch auf ein geringes Ver⸗ ständnis im Pfarrerstand, während der evangelische Geistliche doch gerade der berufenste Führer sein sollte, wenn es sich um Lebensfragen des evangelischen Volkes handelt. Der Abstand vom Volk ist bei der drohenden Gefahr der Rekatholisierung Deutschlands unverständlich! Ueber 40 Geistliche haben sich der Evangelischen Volksgemeinschaft zwar angeschlossen, aber zu viele wertvolle Kämpfer stehen noch abseits! Der Erfolg der Versamm⸗ lung war ein derartiger, daß die Evangelische Volksgemeinschaft nun auch in Starkenburg Wurzeln geschlagen hat. Die vor⸗ läufige Geschäfts führung der Ortsgruppe Darmstadt ist Obersteuerinspektor Stolzenberg in Darmstadt, Landgraf⸗ Georgstraße 66 II., übertragen worden. Werbt für unser Kampfblatt„Die Evangelische Warte“! Spendet für den Kampffonds! Evangelische Volksgemeinschaft, Ortsgruppe Darmstadt. Bankkonto: Volksbank Darmstadt. Stolzenberg. * Bericht über die erste öffentliche Versammlung der Orts⸗ gruppe Frankfurt a. M. Frankfurt a. M., den 26. September 1926. Die erste öffentliche Versammlung der Ortsgruppe Frank⸗ furt a. M. fand am Donnerstag, den 23. cr. im Restaurant„Zum Storch“ statt. Trotz einer noch schwachen Propaganda— die Ver⸗ sammlung wurde nur durch ein Inserat im„General-Anzeiger“ und in„Sonntagsgruß“ bekannt gemacht— hatten sich ca. 100 Personen aus allen Ständen eingefunden, um Näheres über unsere Bewegung zu hören. Auffallenderweise war jedoch nicht ein einziger Geistlicher von hier erschienen, obwohl die sämtlichen Kirchenvorstände zu unserer Versammlung eingeladen waren! Es wurde allerdings später bekannt, daß am gleichen Tage eine Versammlung der Landeskirche anberaumt war, sodaß vielleicht das völlige Fernbleiben der Geistlichkeit hierin eine Entschul⸗ digung finden darf. Herr D. jur. Moegenburg eröffnete die Versammlung mit einem Willkommensgruß und erteilte nach einleitenden Worten dem Referenten Pfarrer Weidner das Wort. Die Ausführungen des Redners wurden allseitig mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, und die Erschienenen kargten an den markantesten Stellen des Vortrages:„Warum brauchen wir eine evangelische Partei“ nicht mit ihrem Beifall. Einen breiteren Raum nahmen die Ausführungen des Redners über das bayerische Konkordat ein, ebenso wurde die Frage der Ar⸗ beiterentlohnung Gegenstand einer längeren Erörterung. Der Redner wies ferner darauf hin, daß es keine Partei gäbe, die sich der Interessen der evangelischen Sache annährie, insbesondere könne die Deutschnationale Volkspartei nicht mehr hierfür in Betracht kommen, da sie sich durch die Kuhhändel mit dem Zentrum Hände und Füße gebunden habe. Der erste Diskussionsredner, Herr Nagel, ein hiesiger Stadtverordneter der D. N. V. P. glaubte seiner Ueberzeugung dahingehend Ausdruck verleihen zu müssen, daß eine evangelische Partei nicht er⸗ forderlich sei, da die evangelischen Interessen hier am Platze schon durch einen hiesigen evangelischen Verein und auch sonst durch die D. N. V. P. gut gewahrt würden. Seine Ausführungen wurden stellenweise sehr lebhaft aus der Versammlung heraus bestritten und wurden sofort mit vollem Erfolg von unserem Referenten widerlegt. Der zweite Diskussionsredner, Herr Lom mler, ein echt zur Berichterstattung über die Lage in den Fabriken aufforderte. Die Schilderungen über das Elend der Fabrikbevölkerung in den Berichten der Regierungspräsidenten fanden ihre Bestätigung in che, der Eingabe des Generalleutnants von Horn an den König ud Friedrich Wilhelm III. Von dieser Seite wurde darauf aufmerk⸗ n fam gemacht, daß die Militärtauglichkeit unter der Fabrilbe⸗ völkerung dauernd im Sinken begriffen sei. Nachdem nun noch men der Barmer Fabrikant Schuchard im Rheinischen Provinzial⸗ landtage ein Kinderschutzgesetz gefordert hatte, erschien im Früh⸗ jahr 1839 das Negulativ, das die Arbeit für Kinder unter neun Jahren in den Fabriken verbot und für die Jugendlichen unter 16 Jahren den 10stündigen Arbeitstag festsetzte. Die Nacht- und die Sonntagsarbeit wurde verboten. Es folgte im Jahre 1845 der Erlaß über die Gewerbeordnung und die Einrichtung von„Lokal⸗ lommissionen“ für die Aufsicht über die Schutzvorschrist, und 1853 wurde die fakultative(freiwillige) Gewerbeinspektion ein⸗ geführt. 1854 wurde das Knappschaftskassengesetz erlassen. Die Verordnung vom 9. Februar 1849 hob die Verpflichtung zur Sonntagsarbeit auf und verbot das Trustsystem. Es ist da Verdienst des sozial gesinnten Ministers von der Heydt, daß damals dieser sozialpolitische Fortschritt erzielt wurde. Fottsetzung folgt. lütle Gal. auh f bum Luther⸗Abend in Frankfurt a. M. 61 2 am 4. Oktober 1926. 1 Luther dem deutschen Volke nahezubringen, erscheint heute fault J ftiotwendiger denn je. Dem größten Teile unseres Volkes ist und bleibt Luther durch seinen Kampf für die geistige Freiheit des beutschen Christenmenschen der nationale Held schlechthin. Bar⸗ sels, der von tiefer Liebe für sein Deutschtum erfüllte Dichter, hat mit seiner Trilogie der deutschen Dichtung das bedeutendste Lutherdrama geschenkt, indem er Leben und Wirken des Nefor⸗ mators in jener der unseren so ähnlichen unruhevollen, gärenden Zeit sowohl nach der geschicklichen als auch besonders nach der rein menschlichen Seite hin groß und eindringlich dargestellt hat. — Mit der Wiedergabe dieses Werkes erreicht Gustav Hildebrant seine stärksten und nachhaltigsten Wirkungen. Es seien hier nur einige Presse Stimmen im Auszug wiedergegeben: Ueber den Luther⸗Abend in Dresden:„Es war eine Seelen⸗ aufrüttelung seltenster Art, ein hoher Kunstgenuß, den Tief⸗ schürfungen des Künstlers zu folgen.— Hildebrant, cin einziger, warmherziger Interpret Luthers, voll Glühglut des Herzens. Luther! da stand er ja leibhaftig vor uns, dieser durch und durch kernhafte Deutsche von unvetfälschter Offenheit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, ein Kämpfer, der sein Ja und Nein rücksichtslos und mit leidenschaftlicher Bitterkeit zu sagen wußte, ein Feind alles Scheins, aller Geheimtuerei und Verdunkelung. Dank aus tiesster Seele aber diesem Bekenner und Kämpfer, denn das vermittelte uns kein Künstler, sondern ein Kämpe voll freien, tiefen Glaubentums und gottbegnadeten schöpferischen Denkens und Fühlens!“ Dr. Minz in der„Deutschen Zeitung“. Ueber den Luther⸗Abend in Leipzig:„Luthergeist geht gegen— wärtig durch das evangelische Deutschland, und nichts vermöchte uns den großen Reformator näher zu bringen als das historische Lutherdrama Adolf Bartels! Und gerade in die jetzige Zeit der Verworrenheit und Zerrissenheit, in die Zeit des Materialis— mus und Atheismus paßt dieses Glaubenskampf-Werk mit den gewaltigen Konflikten der Reformationsjahre wie kein anderes. — Wie ein Gespenst des Bolschewismus und Kommunismus weht es durch die gewaltige Schöpfung Bartels, und was alles darin gesagt ist, erleben wir heute in noch weit größerem Ausmaße, als es Luther zu seiner Zeit erlebte.— Die Wiedergabe des Werkes durch den Vortragsmeister Gustav Hildebrant, gleich meisterhaft musikdramatisch umrahmt von Alfred Meyer-Marko, war ein Stück Erlebnis, das anspornen muß, Luthers Werk im Geiste un⸗ serer Zeit weiter auszubauen, ihm zur Ehre, dem gesamten deut— schen Volke zum Segen.“„Leipziger Neueste Nachrichten.“ Wir fügen hinzu, daß der tiefe Eindruck des Abends einer⸗ seits mit det überraschend prophetischen Erfassung Luthers als des deutschen Reformators, wie er noch heute für uns Führer⸗ bedeutung hat, zusammenhängt, anderseits aber durch das gleich⸗ gestimmte Gestalten eines echt deutschen Künstlers, wie es Gustav Hildebrant ist, zustandekommt. Das aus tiefstem inneren Er⸗ leben quellende, gesprochene Wort und die seinsinnige Ausmalung durch den Ton verbinden sich zu wundervoller Einheit. Das ist nicht Oper, nicht Oratorium, nicht Melodram, sondern ein ureigen Neues, dem gewiß noch eine reiche Zukunft gehört.— So viel ist sicher, daß deutschchristlicher Geist nicht wirksamer weiter⸗ getragen werden kann, als durch die Weiheabende G. Hilde⸗ brants.“ Pfarrer W. Vogel im„Deutschen Tageblatt“. Ueber den Luther⸗Abend in Elberfeld:„Die von Gustav Hildebrant veranstalteten Deutschen Weihe-Abende sollen dem deutschen Volke in der schwersten Zeit seines geistig-seelischen Zu⸗ sammenbruchs Mittel und Wege zur seelischen Erneuerung und zum Aufstieg weisen. Der gestrige stark besuchte Luther-Abend brachte uns Adolf Bartels Luther-Drama. Wie die Wirkung dieses Stückes in erster Linie eine ethische und religibse ist, so war auch Hildebrants Vortrag auf ethische Wirkungen eingestellt. Die eindringliche Gestaltung des Werkes durch Hildebrant, dessen tiefe innere Anteilnahme überall mitschwang und sich auf die Zuhörergemeinde übertrug, wurde wirkungsvoll an Orgel und Flügel untermalt und umrahmt durch Alfred Meyer-Marko.“ „General-Anzeiger“ für Elberfeld-Barmen. 2 —— Sonnabend, den 2. Oktober 1926. 112————————ͤ— „Evangelische Warte“ deutscher und gut evangelischer Mann, wünschte unserer Sache besten Erfolg. Er befürchte allerdings, so führte er aus, daß bei der laxen politischen Einstellung der Evangelischen wenig Gutes zu erhoffen sei. Die Ausführungen dieses Redners waren von großer Sachlichkeit getragen. Den Höhepunkt der Diskussion erreichten wir bei dem dritten Diskussionsredner, Herrn Kümper. Er gab bekannt, daß er in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter der D. N. VV. P. aus dieser Partei ausgeschieden sei, weil die evangelischen Belange durch dieselbe nicht oder nicht genügend vertreten worden seien, und begründete dies nach verschiedener Hinsicht. Die Rede des Herrn Kümper wurde mit stürmischem Applaus aufgenommen Es wird bemerkt, daß dieser Herr noch am gleichen Abend Mit- glied wurde. Durch diesen erfreulichen Vorgang haben wir nun heute schon im Parlament der Stadt Frankfurt einen Vertreter unserer Sache. Hierauf ergriff Herr Pfarrer Ide-Höchst a. M. das Wort. In kurzer kerniger Rede erklärte er, daß der Beitritt zu unserer Bewegung gleichbedeutend sei mit Aebernahme von Kämpfen aller Art. Wer sich hierdurch zurückschrecken lasse, soll lieber von uns fernbleiben, denn es sei schon besser, wenn wir anfänglich nur Mitglieder von Tatmenschen bei uns hätten, als daß wir über eine große Anzahl„Auch-Mitglieder“ verfügen, die die Bewegung schwammartig ohne Mark und Knochen anwachsen ließen. Starker Beifall lohnte auch diesen Redner. Die weitere Aus⸗ sprache an der sich noch mehrere Personen beteiligten, verlief so anregend, daß unser Vorsitzender, Herr Dr. jur. Moegenburg die Versammlung erst eine Stunde nach Mitternacht schließen konnte. Mit dem Enderfolg dieses Abends konnten wir sehr zufkie— den sein. Nicht weniger als 41 neue Mitkämpfer haben sich ge⸗ meldet, also fast 50 Prozent der Anwesenden. Mag der schöne Erfolg dieses Abends vorbedeutend sein für eine gedeihliche Weiterentwicklung unserer guten Sache! * Mitgliederversammlungen der Ortsgruppe Frankfurt c. M. finden statt: Am 12. Oktober, 5. November und 6. Dezember, abends 8 Uhr, im Restaurant„Zum Storch“, Saalgasse 1(Am Dom). Nähere Auskunft erteilt die Geschäftsstelle: straße 2 II., Telefon Hansa 3497. Alls Hessen. Der Hessische Landesverband der Inneren Mission in dem die gesamte evangelische Wohlfahrtspflege mit ihren An— stalten und ihrer öffentlichen Liebestätigkeitsarbeit zusammen⸗ geschlossen ist, hält am 17. und 18. Oktober ds. Is. seine dies⸗ jährige Hauptversammlung ab. Im Anschluß daran veranstaltet der Landesverein für Innere Mission einen Lehrgang der evan— gelischen Kreiswohlfahrtsdienste. An diesem Lehrgang sollen außer den evangelischen Kreiswohlfahrtsdiensten teilnehmen dür⸗ fen die sämtlichen evangelischen Geistlichen des Landes und die Mitglieder der im Verband evangelisch-kirchlicher Frauenvereine in Hessen zusammengeschlossenen Frauenvereine. * Würzburger⸗ Der Verband der evangelisch-weiblichen Jugend in Hessen erlaubt sich, auf sein neues Verbandsheim Orbishöhe bei Zwin⸗ genberg a. d. B. hinzuweisen, das er während des Winters den evangelischen Vereinen und Verbänden gern für Tagungen, Lehrgänge, Freizeiten usw. zur Verfügung stellt. Kleine Nachrichten. Was Evangelische sich in Preußen gefallen lassen müssen. Wie aus Jüterbog mitgeteilt wird, ist laut Verfügung des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung der Studien— rat Edgar Rehm von der staatlichen Bildungsanstalt Lichterfelde vom 1. Oktober 1926 ab an die staatliche Aufbauschule in Jüter— bog versetzt. Nach dem bekannten Kunze-Kalender ist Rehm katholisch. Seine Lehrfächer sind Latein, Deutsch, Geschichte. An der genannten Aufbauschule, die 85 Schüler zählt, ist kein einziges Kind katholisch. An der unter dem Direktor der Auf— bauschule ebenfalls stehenden Schillerschule(Realgymnasium), an der Herr Rehm unter Umständen Stunden zu übernehmen ver⸗ pflichtet ist, gibt es 5 katholische Kinder unter 2371 Der Zeichen— lehrer an dieser Anstalt ist bereits katholisch.— So hütet Herr Becker die Parität! * Diasporakurse für katholische Theologen. Wie der„Bayerische Kurier“ vom 14. September 1926 mit⸗ teilt, hat der akademische Bonifatiusverein Austauschämter ein— gerichtet, um den Theologen der verschiedenen Priesterseminare Verständnis für die katholische Diaspora zu vermitteln. Die erste Diasporafahrt fand in der ersten Septemberhälfte statt und führte die bayerischen Theologen aus Freising und Dillingen in die Probleme der Stadt- und Landdiaspora ein. Die Fahrt führte nach Leipzig, Berlin, Hamburg und Eutin in Holstein, wo der eindringende Katholizismus bekanntlich ganz besondets günstige Verhältnisse angetroffen hat. * Deutsche, fahrt auf deutschen Schiffen! In letzter Zeit wiederholen sich häufig Klagen von Auswan— derern über die Zustände auf französischen, italienischen und englischen Dampfern. Auf deutschen Schiffen findet der Aus⸗ wanderer infolge weitgehender gesetzlicher Bestimmungen und noch darüber hinausgehender vorzüglicher Einrichtungen in der seit Kriegsende geschaffenen 3. Klasse die beste und sicherste Ueber— fahrtsmöglichkeit. Es kommt hinzu, daß er die Auswanderer⸗ mission in Hamburg, Berliner Tor 5, und Bremen, Georgen— straße 22, in Anspruch nehmen kann. In vielen Fällen wird durch diese Auswanderern tatkräftig geholfen, wenn sie in irgendwelche Schwierigkeiten gelangen. Diese Hilfe kann in ausländischen Häfen deutschen Auswanderern naturgemäß nicht geboten wer— den. * — Letzter Dienst der Heimat am Auswanderer. Der Evangelische Hauptverein für deutsche Auswanderer in Witzenhausen a. W. hat mit seinen 40 Zweigstellen im vergangenen Jahr 5665 An⸗ fragen in eingehender Beratung beantwortet. Auswandererfür⸗ sorge auf dem ganzen Reiseweg betreiben die evangelischen Aus— wanderermissionen in Hamburg, Berliner Tor 5, und Bremen, Georgstraße 22. In Bremen konnten 2182 Auswanderer ein⸗ gehend beraten und 10 000 Ueberweisungskarten an Vertrauens— stellen im Auslande ausgegeben werden. Diese wichtige Fürsorge— arbeit sollte von allen Kreisen unseres Volkes gefördert werden, dann bliebe manchem Auswanderer drüben in seiner neuen Heimat Not und Enttäuschung erspart. N.⸗V. ———— Aus Nah und Fern. 7 Laubach. Vom 4. Oktober ds. Is. ab ist auf sein Nach⸗ suchen unser evangelischer Pfarrer Theodor Nebel unter An— erkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhestand versetzt worden. Das Drama von Freienseen. Nach den Ergebnissen der Untersuchung der furchtbaren Blut⸗ tat von Freienseen bei Laubach steht nunmehr unzweifelhaft fest, daß der 23jährige Karl Schreiner das entsetzliche Verbrechen selbst begangen hat, daß er erst seine Mutter ermordete, den Brand anlegte und darauf sich selbst durch zwei tiefe Schnitte mit seinem Rasiermesser den Hals durchschnitt. Seiner Mutter hat er mit dem Beile den Schädel eingeschlagen. Die Mordwaffe Nr. 40. ů r= wurde in einer Truhe im Haus vorgefunden. Das Rasiermesser mit dem der Täter sich selbst entleibte, fand sich unter seinem Leichnam. Es kann mit Bestimmtheit gesagt werden, daß eine fremde Täterschaft nicht in Frage kommt. Das Haus war von innen verschlossen, es fehlten keinerlei Gegenstände, und es zeig⸗ ten sich auch keine Spuren, die irgendwie auf eine fremde Person hingedeutet hätten. Das Verhältnis in der Familie Schreiner war stets auf Verträglichkeit und Harmonie gestimmt. Streitig⸗ keiten sind nie bemerkt worden. Die Familie lebte in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen. Frau Schreiner stand im 44 Lebensjahr und war Mutter dreier Kinder, des Täters, einer Tochter und eines 13jährigen Jungen. Die Tochter ist in Alsfeld in Stellung, der Junge befindet sich zur Kur in Bad Nauheim. Der Täter führte einen ordentlichen soliden Lebenswandel und erfreute sich so im Ort allgemeinen Ansehens. In der letzten Zeit zeigte er öfters grundlos ein etwas niedergeschlagenes Gebaren. Dieser gedrückten Stimmung war es wohl auch zuzuschreiben, daß er am Samstag mehrere Einladungen zu geselligen Veranstal⸗ tungen nicht befolgte. In der Nacht hat er dann die furchtbare Tat verübt, für die man nur die Erklärung hat, daß sie die Folge eines plötzlichen Wahnfinnausbruchs gewesen sein muß. Die Tat wurde erst bemerkt, als die Scheune auf dem Grundstück und die danebenliegenden weiteren Scheunen in Flammen aufgingen. Der Täter hat zur Verbergung seines Verbrechens die cigene Scheune angesteckt und von da aus sind die Flammen auf die übrigen Gebäude übergesprungen. Als die Feuerwehr zum Löschen herankam, blieb auf dem Schreinerschen Grundstück alles still. Man drang ein und fand hier das schreckliche Geschehnis. Die gerichtliche Sektion der Leichen ergab den oben berichteten Tatbestand. Die Staatsanwaltschaft hat die Leichen zur Be⸗ stattung freigegeben. Homberg. Das Erscheinen der Vertreter der Evangelischen Landeskirchen von Thüringen, Hessen-Darmstadt, Nassau, Waldeck und Frankfurt a. M. steht gelegentlich des Hessischen Reforma⸗ tionsjubiläums am 21. und 22. Oktober zu Homberg(Bez Kassel) in Aussicht. Der Volksbildungstag auf Burg Lauenstein. von der Gesellschaft für Volksbildung vom 18. bis 20. September veranstaltet, war von Volksbildungs⸗, Lehrer- und Jugendpflege⸗ verbänden zahlreich aus ganz Mitteldeutschland beschickt. Nach Vorträgen des Vorsitzenden, Dr. H. Pachnicke, über die Einheit des deutschen Volksbildungswesens des Geschäftsführers, J. Tows, über die Tagesfragen des deutschen Volksbildungs⸗ wesens und einem Berichte des Universitätsprofessors Dr. W. Rein, Jena über Thüringische Volkshochschulen wurde u. a. fol⸗ gender Beschluß gefaßt: „Alle Volksbildungsarbeit muß sich auf den Boden der Volksgemeinschaft stellen und anknüpfend an die Heimat, das Gefühl und den Gedanken der Staats- und Volksgemeinschaft pflegen. Eine Zersplitterung des Volksbildungswesens nach Be⸗ kenntnissen, Parteien und Berufen ist zu verwerfen. Die Volks⸗ bildungsvereine müssen geistige Mittelpunkte ihres Wirkungs⸗ ortes sein. Sie müssen alle Volksschichten in sich vereinigen und alle allgemeinen Bildungsbedürfnisse zu befriedigen suchen.“ Blitherbesprechung. Das Vordringen Roms und wir. Vortrag von Th. Löffler, Stadtpfarrer in Stuttgart. 40 Seiten. Preis Mk.— 80. Dieser Vortrag wurde am 5. Juli 1926 auf dem Bezirkskirchentag in Stuttgart gehalten. Er legt den Finger auf die für uns Evan⸗ gelische so gefährliche Arbeit des Vatikans, die Evangelischen immer mehr zu verdrängen. Es ist also ein recht zeitgemäßes Thema, welches der Vortrag behandelt. Das zu einem billigen Preise erhaltbare Büchlein ist recht lehrreich und soll den Lesern der„Evangelischen Warte“ sehr empfohlen sein. Hr. ucaeeeeddcddedeeandidddddddaddodhnhnmmodadasndmmdaddmaddaddddebdmmdadaddndadadamdnacdadddandoaddmadamddamnmaddddamamdmamddammmadddddenmendddddnandandddd facgagaaaaadgdagagagahnaggaag le 2 Warte“ el i dull Bahnnoden aul! o((( ada 9 25* . 2 EN E 2 2 8 Sämtliche„ für Pfarrümter, Bürgermeistereien, Standesämter, Ortsgerichte, Schulen elt. N * 9 sind jederzeit vorrätig in der 0 FJormular⸗Großhandlung Albin Ulein, Gießen Südanlage 21. Fernpr. 1502 . vorm. Wilh. 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