asggatse nohemHuO. 944d Nr. 13. Gießen, Sonntag, den 31. März 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Ut Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land⸗ die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 6— Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 28%% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindesten? —— S—— Für die nächste Zeit stehen der Arbeiterschaft sowie der ganzen un⸗ bemittelten Bevölkerung wiederum heftige Kämpfe bevor. Brotwucherer und Ausbeuter aller Art suchen mit allen Mitteln die Gesetz⸗ gebung zur Ausplünderung und zur Entrech⸗ tung der Massen aus zunützen. Viel zu schwach stehen die Besitzlosen in den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Junker⸗ und Ka⸗ pitalistenmacht gegenüber, weil tausende Ar- beiter teilnahmslos bei Seite stehen, die ihre Lage noch nicht erkannt haben. In solchen Zeiten muß aber jeder entschieden Stellung nehmen! Wer es nicht thut, unterstützt seine ärgsten Feinde. Wer seine Rechte wahren und seine Inter⸗ essen verteidigen will, muß jederzeit unterrichtet sein über die Vorgänge des öffentlichen Lebens. In dem Kampfe gegen die Ausplünderer mußte die soztaldemokratische Partei die Führung übernehmen; Pflicht aller wirtschaftlich Schwachen ist es, sie zu unterstützen. Die Sozialdemokratie ist naturgemäß das größte Hindernis für die Interessenpolitik der herrschenden Klassen. In der Vertretung der Volksinteressen, im Kampfe gegen Herrschsucht und Ausbeutung steht die sozialdemokratische Presse und damit auch die„MitteldeutscheSonntags⸗ Zeitung“ im Vordertreffen. Sie sind die Waffen, mit welchen die Arbeiter ihre Rechte und ihre In⸗ teressen verteidigen können. Diese Waffen werden um so wirksamer sein, je weiter ihre Verbreitung im Volke ist. In keiuer Arbeiterfamilie sollte ein sozial⸗ demokratisches Blatt fehlen! Viele aber, die auf den Ehrennamen eines Sozialdemokraten Anspruch erheben, halten das Parteiorgan nicht, unterstützen vielleicht gar gegnerische Blätter. Auch in dem Verbrei⸗ lungsgebiete unseres Blattes steht trotz der Zunahme der Abonnentenzahl in der letzten Zeit diese noch in keinem Verhältnis zu der Zahl der bei der Reichstagswahl abgegebenen Stimmen. Es giebt deshalb noch viel zu ar⸗ beiten! Genossen! Benützt den Quartals⸗ wechsel um neue Abonnenten für die Mittel⸗ deutsche Sonntagszeitung zu gewinnen. Das Blatt ist zum Preise von 25 Pfennige den Monat — 78 Pfennige für das Vierteljahr— durch unsere Spediteure und durch alle Postanstalten zu beziehen. Verderbliche Folgen der Lebensmittelteuerung. Schon öfter ist darauf hingewiesen worden, daß die durch Nahrungsmtttelzölle künstlich hervorgerufene Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel zunächst zur Verschlechterung der Lebenshaltung der nur auf ihren kärglichen Lohn angewiesenen Arbeitermassen, damit aber auch zugleich eine Zunahme der Verbrechen bewirken. Die Folgen der Brot⸗ wucherpolitik sind geradezu fürchterliche. Wenn Arbeiter von einem unter 900 Mark bleibenden oder 900 Mark wenig übersteigenden Jahres- einkommen 80 bis 100 Mark Brotsteuer entrichten sollen, so kann das nur dadurch möglich gemacht werden, daß sie sich und ihrer Familie noch mehr harte Entbehrung ein als seither auferlegen. Sie sind gezwungen, ihre so wie so schon unzureichende Lebenshaltung noch weiter erheblich zu verschlechtern. Schon jetzt bewirkt der Mangel am Nötigsten, daß die Gesundheit der großen Massen des arbeitenden Volkes untergraben und vernichtet wird. Den klarsten Beweis dafür liefert die amtliche Statistik über die Erkrankungs⸗ häufigkeit und die Sterblichkeit sowie deren Ursachen. Die Empfänglichkeit der arbeitenden Klassen für alle infektiösen Krank⸗ heiten und besonders die Ausbreitung der Tuberkulose erklärt sich aus dem niederen Ernährungszustand dieser Klassen. Die Schwindsucht ist eine echte und rechte Elends⸗ f euche. Alle ärztlichen Statistiker sind einig in dem Urteil, daß die Lungenschwindsucht um so häufiger als Todesursache auftritt, je un⸗ günstiger die allgemeine Vermögens- und Lebens⸗ lage sich gestaltet. Alle Mittel zur Bekämpfung dieser verheerenden Krankheit können keinen nennenswerten Erfolg haben, so lange die arbeitenden Volksschichten nicht imstande sind, ihre Ernährungsbedürfnisse in entsprechender Weise zu befriedigen, überhaupt ihre Lebens⸗ haltung so zu heben, daß sie einem wirklich menschenwürdigen Dasein entspricht. Jede Verteuerung der Lebensmittel steigert das Elend und damit auch die Krankheitshäufigkeit und die Sterblichkeit. Eine wissenschaftliche Autorität, Dr. Gollmer, sagt:„Von sämt⸗ lichen Faktoren, die bei der Prophylaxe(Ver⸗ hütungsmaßregeln) gegen die Lungenschwind— sucht in Betracht kommen, ist die Versorgung der wenig bemittelten und armen Volksmassen mit reichlichen kräftigen und dabei billigen Ernährungs mittel bei weitem der wichtigste. Und die Frage, wie sich eine solche Versorgung ermöglichen läßt, ist die dringendste Aufgabe, mit deren Lösung sich alle beschäftigen sollten, denen eine Hebung der Volkskraft, des Volkswohles durch Minderung der Tuberkulose am Herzen liegt.“ Eine Agrarpolitik, die die wichtigsten Le⸗ bensmittel des Volkes verteuert, verhindert nicht nur die Lösung dieser Aufgabe, sie vermehrt sogar durch die Verschlechterung der Ernäh⸗ N die Opfer der Lungenschwind⸗ ucht. Längst ist bekannt, daß mangelhafte Er⸗ nährung und mangelhafte Wohnung, wie über⸗ haupt eine von Not und Entbehrung bestimmte Lebenshaltung auch die Hauptschuld an der Ausbreitung des Alkoholismus in den arbei⸗ tenden Klassen trägt. Bei sinkender Volkser⸗ nährung nimmt der Branntweinkonsum zu; diese Zunahme ist die regelmäßige Begleit⸗ erscheinung jeder Verteuerung der Lebensmittel. Und dieselben Agrarier, die ihre Riesenpro⸗ fite aus dem Verbrechen des Brot- und Fleisch⸗ wuchers ziehen, gewinnen auch noch aus dem gesteigerten Branntweinkonsum; denn der Fusel ist ja bekanntlich auch ihr Pro⸗ dukt, dessen Absatz sie monopolisiert haben (Spiritusring), so daß sie seinen Preis beliebig erhöhen können, während sich zugleich die Branntwein⸗Liebesgabe steigert, die das Volk ihnen entrichten muß. Zahlreiche wissenschaftliche Autoritäten be— stätigen, daß die Werbesserung der Volks⸗ ernährung das wirksamste Mittel zur Be⸗ kämpfung des Alkoholismus ist, während un⸗ zureichende Ernährung die Verbreitung der Schnapspest begünstigt. So sagte schon vor mehr als 20 Jahren Sanitätsrat Dr. Baer in seinem Werke über den Alkoholismus: „Je armseliger der Arbeiter sich nährt, desto größer sind die Anstrengungen, die er machen muß, um für eine bestimmte Arbeits⸗ leistung den nötigen Kraftaufwand zu ermög⸗ lichen. Je ungenügender die Nahrung an Menge und Beschaffenheit, um so größer der Mangel an Arbeitskraft. Unter solchen Ver⸗ hältnissen spielt der Branntwein die Rolle des Wohlthäters, durch dessen häufige Wohlthaten der Körper bald seine ganze Arbeitsleistung einstellen muß. Der Branntwein ist nicht im Stande, wie ein geeignetes Nahrungsmittel, verausgabte Kräfte zu ersetzen und am aller⸗ wenigsten ohne schädliche Nebenwirkung und üble Folgen. Weil der Arbeiter die ausreichende Nahrung nicht hat, greift er zu dem trügerischen Alkohol, der ihn für den Augenblick über das Manko an Kraft hinweghilft. Je öfter er aber zu dem Schnaps greift, desto weniger kann er von ihm lassen, er ist der Trunksucht früher oder später ver— fallen. Die Beschaffung einer guten Nahrung ist das beste Mittel, den Arbeiter vor den Gefahren des Alkoholismus zu schützen.“ Durch Versorgung der arbeitenden Bevölke- rung mit guten und billigen Nahrungsmitteln würde die„physische Gesundheit, die Arbeitsfähigkeit und die Lebensdauer der arbeitenden Klasseu gesteigert und die Trunksucht beseitigt, die aus Mangel an geeigneten Nahrungsmitteln entsteht“. Nicht nur das. Wird den arbeitenden Klassen der Kampf ums Dasein erschwert, ihre Lebenshaltung verschlechtert, so gewinnt auch die Prostitution mit allen ihren schlimmen Be⸗ gleiterscheinungen an Ausbreitung. Ebenso ist die Zunahme der Eigentums verbrechen (Diebstahl, Betrug ꝛc.) eine regelmäßige Folge der Lebensmittelverteuerung. Hierfür existieren unanfechtbare, auch von konservativer Seite an⸗ erkannte Beweise. Hervorragende Statistiker haben dies überzeugend nachgewiesen. Für je⸗ den Einsichtigen ist übrigens dieser verderbliche Einfluß der Erhöhung der Lebensmittelpreise ohne Weiteres klar. So schließt die agrarische Zollpolitik ein Verbrechen am Volke und an der Kultur in sich. Ihre Wirkungen gipfeln in einer un⸗ berechenbaren Verwüstung der Gesundheit und der Sittlichkeit des Volkes. Es ist eine Mordpolitik; ihr fallen beständig zahllose Menschenleben, eineunermeßliche Summe von Menschenglück zum Opfer. Millionen müssen ihre Gesundheit lassen, im Elend sterben, damit eine gewissenlose Sippe„cristlicher“ Grundherren ein sogenanntes„standes— gemäß es“ Leben führen kann. Und diese Gesellschaft, die durch ihre Wucherpolitik dem Laster und Verbrechen Vors hub leistet, dünkt Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 13. sich berufen, über die Sittlichkeit des Volkes zu wachen. Wenn dann die unvermeidlichen Folgen ihres verbrecherischen Treibens offenbar werden, wenn Trunk sucht, Prostitution, Roheitsdelikte, Diebstahl, Bettelei, Vagabundage c. ꝛc. immer mehr zunehmen, schreien sie„in sittlicher Entrüstung“ nach der Hülfe der Polizei und der Justiz, nach brutalen Vergewaltigungsgesetzen, nach Verschärfung der Strafen und empfehlen die Ent reschtung und Knebelung der Arbeiterklasse. Wenn sich das werk— thätige Volk alles das klar macht, muß es zornentflammt der Parole folgen: Nieder mit dem Brotwucher! a politische Rundschau. Gießen, den 28. März. Der hessische Landtagsgesetz⸗Entwurf wird vielfach— auch von Parteiblättern als Muster eines volkstümlichen und liber⸗ alen Wahlgesetzes angesehen. Vei genauerer Durchsicht stößt man jedoch auf eine Reihe Be⸗ stimmungen, die das Wahlrecht gerade der Ar— beiter ganz empfindlich beeinträchtigen und die man getrost als rückschrittlich bezeichnen kann. Unsere Partei dürfte bei diesem Wahl⸗ gesetz sawerlich mehr Erfolge als bisher er— zielen. Wenn die Scharfmacher- und antise⸗ mitische Presse schimpft, daß der Entwurf zu weit gehr, zu„radtkal“ sei, so ist das ja selbst⸗ verständlich; der Uebergang von der indirekten Wahl zur direkten Wahl ist ja immerhin ein Fortschritt. Wir werden uns mit der Vorlage in der nächsten Nummer eingehend beschäftigen. Die Autorität der Krone. Freitag vorige Woche empfing der Kaiser die Präsidenten des preuß. Abgeol dnetenhauses, die ihn anläßlich des Bremer Unfalles beglück⸗ wünschten. Auf die Ansprache des Präsidenten Kröcher, der das Bremer Vorkommnis mit den Attentaten von 1878 verglichen hatte, beklagte der Kaiser das schmerzliche Ereignis, daß ihm zugestoßen sei. Mit sichtlicher Bewegung hob er die Zeichen der Zeit hervor. Die Jugend sei demoralisiert. Alle Stände ohne Unterschied trügen die Schuld an diesen Zust änden. Die Maßnahmen der Staats⸗ regierung würden einer zu scharfen Kritik unterzogen. Seit dem Tode Kaiser Wilhelm J. habe die Autorität der Krone stark ge⸗ litten. Diese Bemerkung des Kaisers wird viel besprochen. Der„Vorwärts“ bemerkt da⸗ zu, während aus den Reden des Kaisers sonst ein Hochgefühl von Kraft und Macht gesprochen habe, zeigten seine Worte eine ge⸗ drückte Stimmung.— Daß die Autorität (Ansehen) der Krone gelitten hat, ist sehr wohl möglich. Durch die vielen Majestätsbeleidigungs⸗ prozesse ist sie sicher nicht gehoben worden. Reichs tagsdiäten. Während der Reichskanzler Graf Bülow der Einführung von Diäten für Reichstags⸗ abgeordnete zustimmt, soll nach Mitteilung der „Frankf. Ztg.“ der Kaiser ein Gegner davon sein, wenigstens wenn nicht„Kompensationen“ dafür eintreten. Mit anderen Worten: man sieht sich genötigt, Diäten zu gewähren, will aber dafür dem Volke das Wahlrecht ver— kümmern. Sache der Sozialdemokratie wird es sein, reaktionäre Vorstöße dieser Art zu ver⸗ eiteln; sie ist die einzige Partei, die gegen 1 der Volksrechte entschieden an⸗ ämpft. Lohn für treue Dienste. Für den Wiederausbau der Hohkönigs⸗ burg bewilligte bereits vor dem Reichstag der elsässische Laudesausschuß einen entsprechenden Kredit. Wenige Tage darauf erschien eine Verfugung, laut welcher die Ausweisungs⸗ ordre gegen 657 Personen in Elsaß⸗ Lothringen auf Grund des Diktaturparagraphen, zurückgenommen wurde. So erfreulich die gart zur Verhandlung kommt. Zurücknahme der Ausweisung unschuldiger Leute unter gewöhnlichen Umständen wäre, so traurig erscheint sie als Folge des Verhaltens der elsässischen Volksvertreter, die sich höheren Wünschen so willfährig zeigten. Feiner Ministerpräsident. Der württembergische Kriegsminister und Präsident des Staatsministeriums Schott von Schottenstein trat kürzlich aus Gesundheitsrücksichten einen„Urlaub“ an. Unabhängige Blätter— zuerst unser Stutt⸗ garter Parteiorgan— ergänzten die Meldung sofort durch die weitere Mitteilung, daß der Minister kaum wieder auf seinen Posten zurück⸗ kehren werde, weil er in einen Skandal⸗ prozeß verwickelt ist, der demnächst in Stutt⸗ Ein in Stutt⸗ gart verbreitetes Gerücht, nach welchem der Minister Selbstmord begangen habe, bestätigte sich nicht; wohl aber wird der Selbstmord des Artillerieleutnants Baumgärtner in Lud⸗ wigsburg, der Tod des Oberforstrats v. Speidel und der Rücktritt des Generals v. Falkenhausen mit der„Krankheit“ des Ministerpräsidenten in Zusammenhang gebracht. Der geschundene Hofprediger. Ueber den Verlauf und das Resultat der Stöcker-Debatte im Reichstage(s. Reichs⸗ tagsbericht) schreibt der nationalliberale „Hannoversche Kurier“:„Stöcker war so in die Enge getrieben, daß er kaum noch in zusammen⸗ hängenden Sätzen antwortete. Er stammelte wiederholt, daß er ohne Makel sei und daß diese Debatte auf ihn gar keinen Eindruck mache. Niemand nahm sich seiner an, er stand allein. Das ganze Haus atmete vernehmlich auf, als der Abg. Stadthagen seinen Ordnungsruf weg hatte— es war der letzte von 12—, und der Präsident endlich verkündete, daß die Debatte geschlossen set. Unmittelbar darauf sah man Herrn Stöcker bleich mit schlotternden Knien zum Sitzungssaal hinausschleichen, den er heute nicht wieder betrat. Stöckers Rolle ist ausgespielt. Wenn er noch einen Funken von Selbsterkenntnis besitzt, wird er den Reichs⸗ tag nicht wieder betreten. Man kann nur immer wieder fragen: Was veranlaßte Herrn Stöcker, dieses Strafgericht selbst über sich heraufzubeschwören? Sollte er wirklich geglaubt haben, sich durch rednerische Erfolge gegenüber den Sozialdemokraten irgendwo rehabilttieren zu können? Dann ist die Rechnung fehlge— schlagen. Er hat nicht nur die Schlacht ver⸗ loren, sondern auch der Sozialdemokratie zu einem verhältnismäßig mühelosen Triumph verholfen.“ Ueber die Niederlage dieses heuch— lerischen Pfaffen wird jeder Wahrheitsfreund innige Freude empfinden. Der„Hannov. Kurier“ schätzt aber den teuren Gottesmann zu hoch ein, wenn er glaubt, daß dieser dem Reichstag fern bleiben werde. Dafür ist er doch zu abgebrüht.— Verschiedene Muckerblätter versuchen die moralische Vernichtung Stöckers in eine Niederlage der Sozialdemokratie umzu⸗ lügen. Sie retten aber den Freund nicht mehr. — Er selbst verössentlichte in Berliner Blättern eine Danksagung für die ihm anläßlich dieser Debatte angeblich zugegangenen Glück⸗ wünsche. Deshalb aber wird das allgemeine Urteil über ihn nicht günstiger lauten. Die„Ablösung“ der Sozialdemokratie erklären bekanntlich die Nationalsozialen in lächerlicher Großsprecherei für ihre Aufgabe. In dieser Richtung gaben sie sich seit Jahren die redlichste Mühe, man kann aber nicht sagen, daß sie schon weit damit gekommen wären. Im Gegenteil griff im Laufe der Zeit die „Ablösung“ in ihren eigenen Reihen in höchst bedenklicher Weise um sich. Trotzdem unternahm der Pfarrer Naumann kürzlich einen derartigen„Ablösungsversuch“ im Wahl⸗ kreise des Genossen Auer, im 17. sächs. Kreise Glauchau-Merane. Der Vorstoß Naumanns verunglückte aber vollkommen. Ju einer über⸗ füllten Versammlung in Glauchau entwickelte er das nationalsoziale„Programm“. In der Diskussion trat ihm Genosse Schöpflin⸗ Chemnitz entgegen, wobei es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Naumann und Schöpflin kam. Unser Geunosse schlug am Schlusse seiner Ausführungen folgende Reso⸗ lution vor: „Die am 19. März im„Weißen Roß“ tagende Volksversammlung erklärt, daß sie nur allein in der Sozialdemokratie die wahre und richtige Vertreterin der arbeitenden Klasse er⸗ blickt. Am allerwenigsten aber ist die Ver⸗ sammlung geneigt, Herrn Naumann und seinen wenigen Getreuen zu folgen, da die Versamm⸗ lung sich der Befürchtung nicht verschließen kann, daß er als ‚Arbeiterfreund“ dem arbeitenden Volke gelegentlich einmal eben solche Ueberraschungen bieten würde, wie als Christ und ehemaliger Pastor der gesamten Welt durch seine Hunnenerklärung. Die Versammlung ist ferner der Ansicht, daß Herrn Naumann sowohl seine Arbeiterfreundlichkeit, wie sein Eintreten für die Weltmachtspolitik teilweise nur Mittel zu dem Zwecke sind, um gegebenen Falles mit Hülfe des einen oder anderen eine Rolle in Deutschland zu spielen; deshalb sein eifriges Paktieren mit beiden. Die Versammlung er⸗ klärt, zu Herrn Naumann als Politiker kein Vertrauen zu haben, und wird seinem Bestreben, unter die Arbeiterschaft im 17. Sächsischen Reichstags-Wahlkreise Zwietracht zu bringen, in der energischsten Weise entgegenzutreten.“ Herr Naumann bekämpfte die Resolution auf's Heftigste und nannte es eine schreiende Ungerechtigkeit von Schöpflin, eine derartige Resolution gegen ihn zu fassen. Obwohl Herr Naumann die größte Registern seiner bedeutenden Beredsamkeit zog, es war vergebens: mit einer, guten Neunzehntelmajorität erklärte sich die Versammlung für die Resolution. Damit ist das Sqicksal des nat onalsozialen Eroberungsversuches im 17. Sächsischen Kreise besiegelt. Herr Naumann wird einsehen müssen, daß Glauchau-Merane kein Operationsfeld für seine Weltmachtspropa⸗ ganda ist. Die in Glauchau angenommene Resolution trifft den Politiker Naumann sehr hart— aber nicht unverdient.— Eine gleiche Niederlage holte sich Herr Naumann in Meranue, wo ebenfalls eine mächtige Ver⸗ sammlung gegen etwa zehn Stimmen eine die Naumann'sche Politik abweisende Resolution annahm. Stumms Gewaltherrschaft. Nach dem Tode König Stumms stimmte selbstverständlich die Scharfmacherpeesse beweg— liche Klagen über den Verlust des ausgezeichneten Mannes, guten Patrioten und großen Wohl⸗ thäters an. Aber auch Gegner Stumm'scher Politik stellten ihm als Meusch, Politiker und Arbeitgeber gute Zeugnisse aus. Di ist inter⸗ essant, was in der Zeitscheift„Zukunft“ über ihn erzählt wird. Es heißt da: „Wenn er sich ärgerte, wenn etwas ihm unbequem war, setzte er sich in den Schnell⸗ zug und fuhr zum Oberpräsidenten oder nach Berlin zum Minister und ruhte nicht, bis sein Wunsch er füllt, der Gegenstand seiner Beschwerde beseitigt war. Wenn er in den Parlamenten auf Schwierigkeiten stieß, ver⸗ sammelte er die wichtigsten Abgeor d⸗ neten im Kaiserhof um seinen Tisch und hatte sie, noch ehe der Kaffee serviert wurde, in seines Willens Richtung ge— zwungen. Er war so verwöhnt, daß seine Wut keine Grenze kannte, wenn er irgendwo Widerstand fand. Namentlich in den letzten Jahren war er, in dessen Familie zwei Fälle pfychischer Erkrankung vorge⸗ kommen waren, hypernervös geworden. Sein Selbstbewußtsein nahm krankhafte Formen an. Er wähnte sich zum Reichs⸗ retter geboren. Die Brutalität seiner Rede steigerte sich, im Verkehr mit minder Mächtigen versagten die Hemmungen und schlotternd sahen seine journalistischen Dienstboten ihn nahen.„Welcher Ochse hat denn diesen Artikel geschrieben?“„Welches Rindvieh hat die Notiz in die Zeitung gebracht?“ So wetterte er und schimpfte von früh bis spät.“ — 1 5 f 1 Seer Auhängsel den Gegel kette 1 hält), N. Machina dänn geh ektor“. 5 Juspel „as däbe 0 so, uff 8 schlungen, Bänder, be nd uff d. und Brüd scheener, h geht zum leren zu Abende wurde er lassung:! cdx in d Von d die vom welchem T. elals bega stͤher erört Lesung wie lassen dahe stehenden R früher bespr der Sohn große Rede, st ja jegt schwürmer ginnen. 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Ruhmesthat eines Juspektionsbeamten Unter dem Titel: Kleine Ursachen, große Wirkungen erzählt das Organ des Verbandes der Maschinisten und Heizer folgende Begeben⸗ heit, die sich in Markranstädt(Sachsen) ereignete: Der Kesselrevisor, welcher den soeben fertig reparierten Kessel mit Wasserdruck prüfen will, bückt sich und hebt von der Erde einen geldähnlichen Gegenstand auf, worauf sich fol⸗ gendes Gespräch entspinnt:„Na hären Se mal, Härr Maschinenmeister, gehärt Sie das kleene Anhängselchen?“(Der Maschinenmeister besteht den Gegenstand— ein Verloque von der Uhr⸗ kette— den der Herr Revisor in der Hand hält).„Nein, Herr Inspektor“, antwortet der Maschinenmeister.„So so, na, Härr Montär, dänn gehärts Ihnen!“„Ja wohl, Herr In⸗ spektor“.„Na, nu lassen Se mal sähen“, fährt der Inspektor fort(setzt sich ein Pincenez auf), „was däs eegendlich is. Hm, hm, eene Medalge, so so, uff der eenen Seite zwee Hände ver⸗ schlungen, und drunter steht: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch. Das is ja recht scheene! Und uff der andern Seite? Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Na, des is ja noch weit scheener, hier mei Gutester, nähmen Se's hin“ (geht zum Kessel⸗Fabrikanten und Beide konfe⸗ rleren zusan men). Als der Kesselmonteur Abends in Leipzig nach dem Geschäft kam, wurde er sofort entlassen. Grund der Ent- lassung: Liederliche Arbeit. Der Kesselschmied war in dem Geschäft schon seit 8 Jahren thätig. Deutscher Reichstag. Von den Reichstagsverhandlungen haben wir noch die vom Dienstag voriger Woche nachzutragen, an welchem Tage die dritte Lesung des Reichshaushalts⸗ elals begann. Dabei kommen natürlich stets schon srüher erörterte Dinge auf's Tapet, weil bei der dritten Lesung wiederum eine Generaldebatte stattfindet. Wir lassen daher in Rücksicht auf den uns zur Verfügung stehenden Raum alles weg, was in gleicher Weise schon früher besprochen wurde. In der Dienstagssitzung hielt der Sohn seines Vaters, Bismarck der Kleine, eine große Rede, in der er die Chinapolitik verurteilte. Das ist ja jetzt ziemlich leicht, wo auch die tollsten Khaki⸗ schwärmer die Thorheit des Kreuzzuges einzusehen be⸗ ginnen. Als aber die Sozialdemokratie bei Beginn des Hunnenzuges ihrer Ansicht über die Verderblichkeit der Weltmachtspolitik Ausdruck gab, wurde sie auch von deu Konservativen, die sich für den Chinazug vor⸗ schriftsmäßig begeisterten, der Vaterlandslosigkeit, des Verrats und aller möglichen Verbrechen bezichtigt. Dem Grafen Bülow gab Bismarck zu verstehen, daß sein Papa bessere auswärtige Politik gemacht hätte.— Stöcker ließ eine wüste Schimpfrede gegen unsere Genossen los. Der„teure Gottesmann“ kann die Veröffentlichung seines Scheiterhaufenbriefes uicht ver⸗ gessen. Neues wußte nur naser Partelgenosse Fischer zu berichten, der gleich zu Beginn der Verhandlungen einiges über die Lockspitzelei der Berliner politischen Polizei erzählte. Er brachte Fälle vor, in denen Polizeibeamte Parteigenossen durch Bestechung zu Spionen und Ver⸗ rätern machen wollten. Ein Parteigenosse war vom Kriminalwachtmeister Diemer und dem Kriminalkommissar von Arnim aufgefordert worden, unter finanzieller Hilfe der Polizei eine Kneipe einzurichten, damit er so Gelegenheit, Zeit und finanzielle Unabhängigkeit erlange und in der Lage sei, unserer Parteibewegung sich mehr zu nähern und unter Umständen auch eine Reichstagskandidatur zu erhalten, damit er dann im Falle der Wahl die Beschlüsse, Handlungen und Be⸗ ratungen aus unseren Fraktionssitzungen der politischen Polizei in Berlin mitteilen könne. Graf Bülow ant⸗ wortete darauf, erstens wüßte er überhaupt nichts davon, zweitens aber sei das eine preußische Angelegenheit. So kam man bequem über die heikle, die Berliner Polizei bloßstellende Angelegenheit hinweg. In der Mittwochs sitzung, in welcher die dritte Lesung des Etats fortgesetzt wurde, rechneten unsere Genossen zunächst mit dem „teuren Gottesmann“ Stöcker gehörig ab, der am Schlusse der vorhergehenden Sitzung tin pfäffisches Geschimpfe gegen die Sozialdemokratie losgelassen hatte. Der Biedere wußte natürlich, daß ihm von sozialdemokratischer Seite geantwortet werden würde, halte es deshalb vorgezogen, durch Abwesenheit zu glänzen; erst während der Sitzung steckte er sein ver⸗ schmitzt⸗salbungsvolles Pfaffengesicht zur Thüre hinein. Diese Sitzung gehörte mit zu den bewegtesten, die der Reichstag je gehabt hat. Es hagelte förmlich Ordnungs⸗ rufe. Bebel sagte u. a.: Es giebt im Reichstag kaum einen Menschen, dem so oft Unrtchtig— keiten nachgewiesen worden sind, wie Stöcker. Ein markantes Beispiel ist die bekannte antisemitische Petition, von der Stöcker im preußischen Abgeordneten— haus auf die bestimmte Frage, ob er sie unterschrieben hätte, mit einem klaren und deutlichen Nein antwortete, während er später erklären mußte, diese Unterschrift doch gegeben zu haben. Der Abgeordnete Parisius be⸗ merkte am 10. März im Abgeordnetenhaus:„Ich be⸗ haupte, daß Herr Stöcker nicht als wahrheitsliebender Mann aus dieser Diskussion hervorgehen wird.“ Redner verweist ferner auf den Prozeß Stöcker- Bäcker. Munckel bezeichnete dann Stöcker als den „Mann mit der Doppelzunge“. In Bezug auf Ewald sei nachgewiesen, daß Stöcker diesen zweimal gesehen habe. Im Prozeß Bäcker hat der Staatsanwalt gesagt, Stöcker hätte ohne Zweifel einen Falscheid geleistet, daß er aber darauf⸗ hin nicht verurteilt werden könnte. Im Urteil heißt es, der Angeklagte Bäcker hätte seinerseits zu der Auffassung gelangen müssen, daß der Zeuge Stöcker mit der Wahr⸗ heit in Konflikt geraten fei. Ich bin überzeugt, daß, wenn einem Sozialdemokraten das nachgewiesen worden wäre, was Stöcker nachgewiesen worden ist, er unrettbar wegen Meineids zu Zuchthaus verurteilt worden wäre. Ihn hat nur die Eigenschaft als Hofprediger gerettet. Den Scheiterhaufenbrief stellt Stöcker als möglichst harmlos hin und beruft sich dafür auf das Zeugnis des Bruders des Staatssekretärs Thielmann. Zur Zeit der Veröffentlichung des Briefes dachten die Herren Konservativen darüber ganz anders, die Veröffentlichung hat ganz wesentlich dazu beigetragen, daß Stöcker in der konservativen Partei unmöglich wurde. Nach dem Wortlaut des Briefes an den Herrn v. Hammerstein sollte doch der Kaiser dahin beein⸗ flußt werden, ohne daß der Name Bismarck genannt wird, daß er in der betreffenden Angelegenheit nicht gut beraten sei, und der Schluß auf Bismarck ihm überlassen bleibt. Es giebt doch kaum etwas Niederträchtigeres als diesen guten Rat. Und Singer wehrte die Anrempelungen Stöckers folgendermaßen ab:„Stöcker meinte, es wäre eine orientalische Auffassung, Religion als Geschäftssache zu betrachten; im Gegenteil: gerade aus Kreisen, die Stöcker sehr nahe stehen, liegen Beweise für diese Auf⸗ fassung klar zu Tage. Die vn Ham merstein präser⸗ tierte Frömmigkeit ging lediglich auf Geschäfts⸗ rücksichten zurück. Und soll ich Ihnen denn noch besonders den frommen Sanden aus Potsdam, den frommen Hofbankier der Kaiserin, Schmidt vorführen, die lediglich mit der Frömmigkeit Geschäfte machten? Wollen Sie bestreiten, daß diese Aeußerungen aus konservativen Kreisen kommen?(Rufe rechts: Ja.) Dann ist es doch ganz merkwürdig, daß die konservative Partei mit Herrn Sanden jahrelang öffentlich paradiert hat und ost genug mit dem Klingelbeutel an ihn heran⸗ getreten ist, wenn es galt, für konservative Zwecke zu sammeln. Ich glaube nicht an Engel, nicht an Teufel, will auch nicht nach dem Himmel, aber wenn es sein muß, dann zehnmal lieber beim Teufel als bei Stöcker! Wenn man sich täglich mit Herrn Stöcker herumschlagen muß, so muß einen schließlich ein Gefühl überkommen, wie den Faust beim Umgang mit Mephisto, der auch ein Vater der Lüge gewesen ist. Der Scheiterhaufenbrief gehört zu denen, die ein anständiger Mensch nicht schreibt Nichts Hündischeres giebt es auf Erden, als einen Menschen zu sehen, dessen Zunge zwiespältig ist. Stöcker, der während der Rede Singers erschjenen war, suchte sich durch persönliche Verunglimpfung Singers zu verteidigen. So brachte er die alte Geschichte vor, daß im Jahre 1888 der Compagnon Singers zu einem Zwischenmeister gesagt habe: Lassen Sie die Mädchen nur auf den St rich gehen, dann schaffen sie billige Mäntel und fügte hinzu: Singer hat das Geschäft nicht verlassen, obwohl er wußte, daß das vor Gericht bezeugt war. Ich frage, ob er danach ein Recht hat, einem anderen Gewissenlosigkeit vorzuwerfen. Singer antwortet auf diesen jesuitischen Angriff:„Wir werfen Stöcker vor, was er gethan hat, mich macht er verantwortlich für das, was andere gethan haben. Niemand war mehr durchdrungen davon als ich, daß, wenn die Firma nach den Gr' ndsatz wirklich gehandelt hätte, dies der schlimmste Vorwurf wäre, der sie treffen könnte. Der Ausdruck ist zwar gebraucht worden, aber es ist nicht danach ge⸗ handelt worden; das ist ebenfalls gerichtlich fest⸗ gestellt. Die gezahlten Löhne waren auskömmlich, die Zeugen, die das bestätigten, gehörten dem christlich⸗ sozial en Arbeiterverein an.... Mein ganzes Leben bürgt dafür, daß ich mich einer so gemeinen Hand⸗ lungsweise wie sie in jenen Worten liegt, nicht schuldig machen kann. Daß Stöcker mit diesen„ollen Kamellen“ wiederkommen würde, gehört zu seinen Ge⸗ wohnheiten, eine längst als Lüge und Verleumdung gebrandmarkte Behauptung hier unter dem Deckmautel der Oßjellivitäk zu wiederholen.“(Ordnungsruf). Trotzdem wagte Stöcker Singer nochmals für die Aeußerung seines früheren Geschäftsteilhabers Rosenthal verantwortlich zu machen. Bezeichneud dafür, welche Wertschätzung Stöcker bei seinen konservativen Freunden erfährt, ist, daß nicht ein einziger sich zu seiner Ver⸗ teidigung herbeilteß. Man weiß seine moralische Qualität überall zu würdigen. Nach der Stöckerschlacht wurde der Etat des Reichsamts des Innern und verhältnis— mäßig rasch auch der Militär- und Marinectat erledigt. Beim Miliäretat sprach Genosse Thiele über das von der Militärverwaltung geradezu gewerbsmäßig betriebene Boykottieren politisch mißliebiger Gastwirte, Genosse Kunert über die zahlreichen Fälle von Soldatenmiß⸗ handlungen und Genosse Zubeil über die Verhältnisse der Arbeiter in den Spandauer Militärwerkstätten. Betm Ma rinetat kam wieder die Dillinger Hütte und ihre parciotisch- teuren Panzerplattenlieferungen zur Sprache. Unter dem Vorwande, als Ehrenretter seines verstorbenen Freundes v. Stumm das Wort ergreifen zu müssen, trat Herr v. Kardorff von der Laurahülte direkt als Agent der Dillinger Hütte auf. Von Sing er und dem Zentrumsführer Müller-Fulda wurde dies Verfahren gebührend gekenntzeichnet. Die letzte Sitzung vor den Osterferien war von außergemöhnlicher Länge. Die Debatte drehte sich vor— wiegend um den Reichs justizet at. Im preußischen Dreitrassenhause, wo der Chor der Landräte jedes Mi⸗ nisterwort mit Beifallsgebrüll begleitet, haite der Justiz⸗ minister Schönstedt unseren Genossen Heine in der unerhörtesten Weise angegriffen. Heine hatte daraufhin ausdrücklich erklärt, daß er bei der dritten Lesung auf die Sache zurückkommen werde und daß er hoffe, als⸗ dann Herrn Schönstedt im Reichstag zu finden. Aber der Herr Minister war nicht da. In einer meisterhasten Rede kennzeichnete Genosse Heine das Verfahren des Justizministers und beleuchtete bei dieser Gelegenheit noch einmal die bei den politischen Prozessen der jüngsten Zeit zu Tage getretenen Mißstände unserer Rechtsprechuug. Vornehm und maßvoll in der Form war Genosse Heine um so schärfer in der Sache. Herr Nieberdiug halte die heikle Aufgabe zu erfüllen, Schönstedtis Abwesenheit zu— aschuldigen. Er ent⸗ ledigte sich dieser Aufgabe so schlecht und recht es ging, doch mehr schlecht als recht. Eine vortreffliche Ergänzung zu den Ausführungen Heine's bot die Rede uuseres Genossen Haase, der als Rechtsanwalt in Königsberg seit Jahren die härtesteu Sträuße mit den herrschenden Gewalten im Junkerpa⸗ radiese Ostpreußen zu führen hai. Genosse Haase war in der Lage, Herrn Schönstedt mit einem eklatanten Beispiel dafür, wie so doch richterliche Entscheidungen von oben her beeinflußt werden. Der Fall war kurz folgender. In dem gesegneten Ostpreußrn waren soztal⸗ demokratische Kaleuderverkeiler angeklagt, aber freige⸗ gesprochen worden. Daruüver interpellierte im Herren⸗ hause der Graf von Klinkowsiröm die Regiernug und führte über die Freisprechung Klage; ihm antwortete Herr Schönstedt zunächst ganz korrekt, daß er kein Mittel habe, die Entscheide der Richter zu beeinflussen. Dann aber forderke er doch an demselben Tage in eben jener Herrenhaussitzung die Richter zur inneren Einkehr und Selbstprüfung auf. Was das wohl heißen soll? Aber nicht genug damit: Alsbald erließ der Justiz⸗ minister ein vertrauliches Schreiben an den Königs⸗ berger Staatsanwalt, in welchem er ihn zur Erhebung einer vorher abgelehnten Anklage gegen einen Sozial⸗ demokraten aufforderte. Von diesem Schreiben ist nun auch von dem Staatsanwalt der Gebrauch gemacht worden, daß er dasselbe an die Mitglieder des betr. Gerichtshofs sande, der über den Sozialdemolraten zu urteilen hatte.— Natürlich wurden die sozialdemokra⸗ tischen Misserhäter jetzt verurteilt. Auf diese schwere Anklage antwortete Herr Nieberding, er wisse von nichts und beklagte sich darüber, daß derartige Klagen vorge⸗ bracht wurden, ohne daß die betreffenden Minister zu⸗ vor benachrichtigt seien.„ Heine gab dem Herrn Staatssekretär hierauf eine kurze und treffende Antwort. Der Minister klage, sagte Heine, daß er vorher nicht über die beabsichtigten Be⸗ schwerden benachrichtigt werde. Wenn man aber schon Wochen vorher verkündet, daß man den Minister zur Rede stellen wolle, so erscheinen sie einfach nicht. Soll der Reichstag vielleicht zu allen Mißstaänden schweigeg, um den Ministern die Unbequemlichkeit, Rede und Ant⸗ wort zu stehen zu ersparen? Von den bürgerlichen Parteien beteiligte sich bezeichnenoerweise Niemand an dieser Aus einandersetzung. Der Reichsjustizetat wurde erledigt und zwei Resolutionen angenommen, deren eine die Vorlegung einer Begnadigungsstatistik verlaugt, während die andere die alte Forderung der Entschädi⸗ gung unschuldig Verhafteter wiederholt. — Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Krieg in Südafrika. Die Verhältaisse haben noch immer keine entscheidende Wendung genommen. Die von den Engländern mit Louis Botha angeknüpften Friedensverhandlungen sind endgilitig gescheitert. Die Buren denken nicht daran, den Kampf anfzugeben, obgleich Geueral Freuch, der in Vryheid eingetroffen ist, in den Kämpfen der letzten Zeit 1200 Buren getötet, verwundet oder gefangen und ferner 7 Kanonen, 1000 Gewehre, 226,000 Stück Vieh, Pferde, Rindvieh und Schafe, sowie 1800 Wagen erbeutet haben will. Ein Ueberfall. Aus Kapstadt wird gemeldet, eine Abteilung von 130 Mann Kolonialtruppen fiel in einen Hinterhalt bei Richmond. Die Leute hatten das Feuer von 100 Buren auszuhalten und flüchteten in eine Schlucht, wo sie sich, erst nachdem sie 13 Mann verloren hatten, ergaben. Die Buren ließen die Engländer bald darauf, nachdem sie sie entwaffnet hatten, wieder frei. Die Pest greift in Kaptstadt immer weiter um sich. Pon Nah und Fern. Wittetlungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ zommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Sewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir NMiten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Sießener Angelegenheiten. — Ueber die Gewerbeaufsicht in Deutschland hielt Herr Gewerbeinspektor Engeln am Sonntag in Lonys Bierkeller einen sehr interessanten Vortrag. Leider ließ der Besuch der Versammlung sehr zu wünschen übrig. Die Arbeiter sollten solche Gelegenheit, ihr Wissen zu bereichern, nicht unbenützt vorüber gehen lassen. Der Herr Vortragende griff zurück auf die ersten Anfänge staatlicher Gewerbeauffsicht, führte dann die Aufgaben der heutigen Ge⸗ werbeinspektion vor, erläuterte mehrere hierauf bezügliche gesetzliche Bestimmungen, kam auf die Widerstände, die einer geregelten Aufsicht der gewerblichen Betriebe entgegengesetzt werden, zu sprechen und zeigte schließlich, nach welcher Richtung hin die Gewerbeinspektion weiter ver⸗ vollkommt werden könnte.— Raummangel zwingt uns leider von einer ausführlichen Wiedergabe des ausgezeichneten Vortrags abzu⸗ sehen. In der anregenden Diskussion wurde auf verschiedene Mängel in der Durchführung der gegebenen Bestimmungen sowie darauf hin⸗ gewiesen, daß es auch Sache der Arbeiter sei, die zu ihrem Schutze erlassenen Gesetze zu beachten und ihre Durchführung zu erleichtern. „K. Buchdrucker⸗Versammlung. Sauistag Abend hielt der Ortsverein„Typo⸗ graphia“ eine zahlreich besuchte Versammlung ab. Einleitend verlas der Vorsitzende einen Artikel des„Korrespondenzbl. d. Gen.⸗Kom. der Gewerkschaften Deutschlands“, in dem die Gegendenkschrift zum Leipziger Setzerstreik seitens des Verbandes deutscher Buchdrucker einer Besprechung unterzogen wird. Am Schlusse gab der Vorsitzende seiner Freude über die un⸗ parteiische Haltung der Generalkommission Ausdruck. Bei der Besprechung der Tages⸗ ordnung des an den Ostertagen zu Offenbach stattfinden Gautages stimmte der Verein dem Antrage des Gauvorstandes, der die Herab— minderung der Delegiertenzahl zu Gautagen um ca. 50 pCt. bezweckt, zu, da bei der gegen⸗ wärtigen Delegiertenzahl die Kosten zu hohe seien. Dem Antrage, einen Krankenzuschuß einzuführen, begegnete man mit gemischten Ge⸗ fühlen; besonders die lange Karrenzzeit, die die Mehrzahl der Mitglieder von dem Bezug von Krankengeld ausschließen würde, fand allseitige abfällige Beurteilung. Die Obligatori⸗ sierung der Wit wen⸗ und Watsenkasse fand ebenfalls keine Freunde. Von Gießen wird versucht werden, eine Umwandlung der⸗ selben in eine Sterbekasse mit stufenweisen Sterbe⸗ geldsätzen herbeizuführen, da die jetzt geplanten Leistungen, zu hohe Beiträge erfordern. Dem Antrage, einen„Ratgeber“ für den Gau herauszu⸗ geben, wird zugestimmt. Ferner gelangte die beabsichtigte Gründung eines Konsum vereins in Gießen zur Besprechung. Diesem Plane steht man im allgemeinen sympathisch gegenüber. Seitens der Kartell-Delegierten wurde am Schlusse auf das am 2. Ostertage stattfindende Gewerkschaftsfest aufmerksam gemacht und zu reger Beteiligung aufgefordert. — Die Stadtverordneten⸗-Versammlung beschloß in ihrer Sitzung am Donnerstag auf Antrag des Stadtverordneten Orbig ein⸗ stimmig, die hessische Regierung zu ersuchen, im Bundesrat gegen die Erhöhung der Getreidezölle Stellung zu nehmen. — Die Maschinenfabrik Heyligen⸗ staedt stellte am Mittwoch ihre 10000 ste Maschine fertig. Reich dekoriert wurde sie nach dem Bahnhofe gebracht. Aus diesem Anlasse gab es ein kleines Fest in der Fabrik, bei dem Herr Kommerzienrat Heyligenstaedt das harmonische Zusammenarbeiten zwischen Unter⸗ nehmer und Arbeiter betonte. Schön. Trotz⸗ dem sind uns schon sehr viel Beschwerden der Arbeiter über Mißstände zu Ohren gekommen, es wäre sebr gut, wenn man sich deren Ab⸗ stellung angelegen sein ließ. Buren ⸗ Redner als Aufschneider? In einer an die„Frkf. Ztg.“ gelangten Zu⸗ schrift aus der Kapkolonie wird behauptet, daß der junge Dewet gar nicht ein Verwandter des Generals Christian Dewet sei, wie er in den Versammlungen, die er in mehreren Städten mit dem„Kommandanten“ Jooste abhielt, behauptet hat. Anch letzterer habe nie eine Schlacht mitgemacht. Uns kamen schon einzelne Erzählungen des Herrn Jooste in der Gießener„Buren⸗Versammlung“ höchst ver⸗ dächtig vor. Allgemeines Gewerkschaftsfest in Gießen — Steins Saalbau— am zweiten Oster feiertage. 25 4 5 Alten ⸗Buseck. Sonntag hielt der Volksbildungsverein seine Mitgliederversammlung ab. Die Vorstands— wahl ergab die Wiederwahl des seitherigen Vorstandes. Bei dem Bericht über die Kreis⸗ konferenz sprach man uch in Bezug auf die Unterstützungsfrage für eine Erhöhung des Beitrages um 5 Pfg. pro Monat und einen Sterbegeldsatz von 20 Mk. aus. Die Mai⸗ feier wurde auf den 5. Mai festgesetzt. An diesem Tage soll nachmittags Versammlung und Abends Familienunterhaltung stattfinden. — Sonntag, den 31. März, nachmittags 3 Uhr findet im Lokale des Herrn Wilh. Becker eine Volksversammlung statt, in der Gen. Vetters 15„Getreidezölle und Verwandtes“ sprechen wird. Großen⸗Buseck. W. Gegen die Wahl des bisherigen Po⸗ lizeidieners Schwalb zum Bürgermeister war von antisemitischer Seite Protest erhoben wor⸗ den, der jedoch, weil unbegründet, Abweisung erfuhr. Montag erfolgte nun die Amtsein⸗ führung des neuen Bürgermeisters. Er dürfte keineu leichten Stand haben, aus einer im Offenbacher Antisemitenblatte veröffentlichten im Uebrigen ziemlich unverständlichen Einsend⸗ ung, in der sogar ein Bibelvers falsch zitiert wird, geht hervor, daß man auf antisemitischer Seite seine Wahl mit scheelen Augen ansieht und sich über die Niederlage Meyers nicht be⸗ ruhigen kann. Desto mehr muß sich Herr Schwalb bemühen, sein Amt gerecht und un⸗ munten zum Wohle der Gemeinde zu ver— walten. Aus dem Kreise Friedberg. In Ober⸗Mörlen sprach am Sonntag Gen. Busold über die geplante Erhöhung der Getreidezölle in einer, auch von Bauern sehr stark besuchten fast überfüllten Versamm⸗ lung. Das Referat fand eine begeisterte Auf⸗ nahme. Nur Vertreter des katholischen Bauernver⸗ eins suchten anfangs den Redner zu unterbrechen; unterließen es erst, nachdem sie Gen. Busold auf ihr Recht, in der Diskusston das Wort zu ergreifen, verwiesen hatte. alle Fragen und Einwürfe, worauf ein An⸗ hänger der Getreidezölle erklärte, daß sie an den Ausführungen des Redners nichts mehr 1 auszusetzen hätten, sie seien zutreffend gewesen. Er hatte nur vergessen, zu sagen, das Zentrum sei dafür und da müsse er auch dafür sein. Interessant war noch, daß, als Redner von Mitgliedern des Bauernsvereins wiederholt ge⸗ stört wurde, Davon machten sie ausgiebigen Gebrauch. Busold antwortete auf ein Bauer aus den Reihen 0 derselben aufstand und rief:„Seid doch ein bischen ruhig, so wie's der Mann sagt, so ist es auch. Wir wollen lieber mit denen gehen! Mit dem denen waren die Sozialdemokraten gemeint. Diese Worte waren von tiefer Wirkung. Die Resolution gegen die Getreidezölle fand Annahme. Bad Nauheim. Bezüglich des Nenbaues Rheingold“ hält unser Gewährsmann ent⸗ gegen der Berichtigung in voriger Nummer seine früheren Angaben aufrecht. Nach seinen Darstell⸗ ungen, an denen zu zweifeln wir nicht die geringste Veranlassung haben, sind die verschiedenen Brüche der Fensterbänke und⸗Gewände allerdings nicht blos auf den Frost zurückzuführen. sind an den schadhaften Stellen bereits Repa⸗ raturen vorgenommen worden. Unsere Warnung verdient umsomehr Beachtung, als eben wieder in Mainz ein Neubau eingestürzt ist. Prügelpädagog. Eine eigentümliche Auffassung von seiner Aufgabe als Jugenderzieher scheint der Lehrer Kapp in Hel den⸗ bergen zu haben. Obwohl er sich erst seit wenigen Wochen an diesen verantwortlichen Posten befindet, wer⸗ den über ihn die lebhaftesten Klagen laut. Es ist ja wohl möglich, daß unter den Kindern im Alter von 6 bis 9 Jahren, die er unterrichtet, einzelne mit nicht allzu großem Denkvermögen ausgestattet sind. Da ist es aber doch Sache des Lehrers, sich in liebevoller Weise gerade der weniger Befähigten anzunehmen, um sie heranzubilden. Statt dessen werden die Kinder mit Bezeichnungen belegt, die sicher in keinem Schulreglement vorgeschrieben sind. Schweinepelz, Stromer, Klößkopf, Bauernlümmel und ähnliche Ausdrücke hagelt es nur so; Mißhandlungen sind ebenfalls an der Tagesordnung. Spuren erhaltener Strafen sind an den Kleinen oft tage⸗ lang bemerkt worden. Vielleicht empfiehlt der Schul⸗ vorstand, dem mehrfach Beschwerden der Eltern zuge⸗ gangen sind, dem Herrn, sich einmal eingehend mit dem Studium von Knigges„Umgang mit Menschen“ zu befassen. Aus Wetzlar. t. Ein Unterschied. Vor Gott sind zwar alle Menschen gleich, seine Diener unterscheiden aber sehr fein zwischen den mit irdischen Gütern gesegneten und den Habenichtsen.— In Braunfels fand kürzlich die Beerdigung des Prinzen Albrecht von Solms⸗Braunfels unter großer Beteiligung statt. Im Trauergefolge be⸗ fanden sich die Spitzen der Behörden; mit allen kirch⸗ lichen Ehren wurde der Tote zur letzten Ruhe bestattet. Der Geistliche rühmte in seiner Grabrede den edlen Charakter, Wohlthätigkeitssinn, christlichen und tugend⸗ haften Lebens wandel des Verstorbenen. Vierzehntägiges Trauergeläute findet im Standesgebiet statt. Thatsäch⸗ lich soll der Prinz ein Ehrenmann in jeder Beziehung gewesen sein, der wie wenige in seinen Gesellschaftskreisen Verständnis für die Notlage der Besitzlosen hatte, von der besten Absicht beseelt war, das Elend zu lindern. Wir sind auch weit entfernt davon, seine edle Gesinnung irgend⸗ wie in Zweifel zu ziehen. Wir wollen nur auf das Verhalten der Geistlichkeit hinweisen. Der Prinz hatte wegen seines langjährigen Leidens seinem Leben selbst ein Ende gemacht, indem er sich in Wiesbaden erschoß. Darüber wird ihm kein vernünftiger Mensch einen Vorwurf machen. Während aber bei einem„ge⸗ wöhnlichen“ Selbstmörder stets jede geistliche Beglei⸗ tung versagt wird, bestattete man den vornehmen Selbstmördor mit allen kirchlichen Ehren. Dieser Fall beweist eben wieder wie tausend andere vor ihm, daß die Kirche in der Behandlung ihrer Angehörigen einen Unterschied macht, je nachdem sie zur Klasse der Be⸗ sitzenden oder Vesitzlosen gehören. — Geschieht ihm recht. günstig verlaufenen Lohnbewegung der Schneider schloß sich ein Kollege, der nebenbei noch Hausbesitzer ist, nicht an. Wie so mancher brave Arbeitswillige dachte auch er, sich durch die Anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, das von seinen opferwilligen „Villa u N Uebrigens Der für die Arbeiter 11T1C1———— 11* Fab Montag zun die Odkrfab Fbolltändig dete werde fehr bald z ter dieser deinigen Mo Fummer il a die Kasse dabei soll ark erge einmal ein urteilt wor *** 1 in Offen HGewwerkscha Alubeiterbei, wurden ge 1 Stimmen “wurden de 0 Kandidaten N —— He Dionnersta straße zun die zahle Abbeiter g „ M Anm Son Lohnhaste Vahnsinn Tulch S dsihrlch * stürzte in! 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Im Prozeß Werner⸗Erdmannsdörfer, in dem es es bekanntlich um den von E. gegen W. erhobenen Vorwurf handelt, daß er als antisemitischer Abgeordneter jüd ischen Journalisten Berichte gegen Bezahlung ge⸗ liefert habe, fand in Kassel Termin statt. Be⸗ hufs weiterer Beweisaufnahmen wurde die Ver⸗ handlung vertagt. Verhafter wurden in Pforzheim in Baden unsere Ge⸗ nossen W. Opificius und Eberhardt, weil in dem Lebensmittelbedürfnisverein, zu dessen Vorstand sie gehörten, ein Defizit von 9000 Mark vorhanden ist. Daß die beiden etwa die Gelder veruntreut hätten, glaubt Niemand. Wie unser Mannheimer Parteiorgan mitteilt, steht die Haftentlassung des Genossen Opificirs bevor. Kleine Mitteilungen. * Fabrikbrand. In der Nacht vom Montag zum Dienstag brannte in Butzbach die Ockerfabrik von Hermann Küchel Nachfl. vollständig nieder. Es konnte fast nichts ge⸗ rettet werden, trotzdem Feuerwehr und Militär sehr bald zur Stelle waren. Der frühere Be⸗ sitzer dieser Fabrik, H. Küchel, erschoß vor einigen Monaten seine Frau und sich selbst aus Kummer über den Tod seines letzten Kindes. * Kassenrevision. Dieser Tage wurde die Kasse des Bahnhofes Vilbel revidiert; dabei soll sich ein Fehlbetrag von etwa 700 Mark ergeben haben. Früher ist dort schon einmal ein Beamter wegen Unterschlagung ver⸗ urteilt worden. * Bei der Gewerbegerichtswahl in Offenbach, ging am Montag die vom Gewerkschaftskartell vorgeschlagene Liste der Arbeiterbeisitzer widerspruchslos durch. Es wurden gegen 1898 fast um die Hälfte mehr Stimmen abgegeben. Auf Seite der Arbeitgeber wurden die vom Gewerbeverein aufgestellten Kandidaten ohne Gegenliste gewählt. 5 * Hauseinsturz. In Mainz stürzte Donnerstag Mittag ein Neubau in der Joseph⸗ straße zum Teil ein. Glücklicherweise machten die zahlreichen an dem Bau beschäftigten Arbeiter gerade Mittagspause. * Mordversuch eines Irrsinnigen. Am Sonntag machte in Mainz ein dort wohnhafter Reisender in einem Anfall von Wahnsinn einen Mordversuch auf seine Frau. Durch Stiche in den Hals wurde letztere lebens⸗ gefährlich verletzt. ** Tötlicher Sturz. Sonntag Nacht stürzte in Weilburg der verheiratete 54jährige Tapezierermeister Sulz die Treppe nach seiner Wohnung hinunter und starb am darauffolgen⸗ den Mittag, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. * Frommer Schweinekerl. Vorige Woche erfolgte vor der Strafkammer in Fulda die Verurteilung des frommen und sehr reichen Fabrikanten Aug. Hohmann wegen Sitt⸗ lichkeits verbrechen. Seine Verhaftung er⸗ regte seiner Zeit allgemeines Aufsehen. Es handelte sich um Verbrechen nach 8 175 des Str. ⸗G.⸗B. Hohmann erhielt 5 Monate Gefängniß, zwei Mitangeklagte je einen Monat. Verurteilung konnte nur in zwei Fällen stattfinden; weitere konnten nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Erschwerend fiel ins Gewicht, daß H., geistig normal, seine unbändige Leidenschaft nicht gezügelt und seine Opfer unter Leuten gesucht habe, die unerfahren und von ihm abhängig waren. Für die drei Mitangeklagten wurde strafmildernd angenom- men, daß sie die Tragweite ihrer Willigkeit nicht haben ermessen könntn. Aus dem Wahlkreis Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 28. März 1901. — Kontrollversammlungen. Die diesjährigen Frühjahrs⸗Kontrolversammlungen im Kreise Marburg finden wie folgt statt: Am Montag, den 1. April für die Mannschaften der Stadt Marburg auf dem Kämpfrasen. Vorm. 9 Uhr, für die Reservisten der Jahres⸗ klassen 1893 bis einschl. 1895(Jäger der Kl. A vom Jahrg. 1888 ab), Vorm. 11 Uhr für die Reservisten der Jahreskl. 1896 bis einschl. 1900 und für die Dispositionsurlauber, sowie die zur Disposition der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften; Nachm. 3 Uhr für die Jahres⸗ klassen 1888 bis 1893 der Landwehr 1. Auf⸗ ebots. Am Dienstag, 2. April: Vorm. Uhr, für sämtl. Ersatzreservisten der Jahres- klassen 1888 bis 1890. An demselben Tage, Nachm. 3 Uhr, in Ellnhausen für die dazu gehörigen Ortschaften. Am 3. April auf dem Kämpfrasen dahier für die umliegenden Ortschaften von Vorm. 9 Uhr ab in derselben Einleitung wie für die Mannschaften der Stadt Marburg. In Wetter am Mittwoch, 10. April, für die dazu gehörigen Ortschaften; in Ebs⸗ dorf am Donnerstag, 11. April, Vorm. 10 Uhr; in Fronhausen am Freitag, Vorm. 10 Uhr und in Lohra ebenfalls am Freitag, 12. April, Nachm. 1 Uhr. Wir machen hierdurch die Interessenten darauf aufmerksam; unentschul⸗ digtes Fehlen wird mit Arrest bestraft. R. Gewerkschaftliches. Als Vorsitzender der hiesigen Gewerkschaftslommission fungiert der Schreiner Franz Jadzies w ki, Lahnstraße 3. Alle, die Kommission betr. Zuschriften, sind an diesen zu richten.— Die hiesige Zahlstelle des D. Holzarbeiter⸗-Verbandes begeht am 21. April d. J. im Schloßgarten die Feier ihres 10jährigen Stiftungsfestes, ver⸗ bunden mit Fahnenweihe.— In nächster Zeit wird seitens der hiesigen organisierteu Zim mer⸗ leute eine Versammlung aller Bauarbeiter Marburgs und der Umgegend einberufen werden, worauf wir schon jetzt aufuerksam machen.— Seitens des Gießener Gewerkschaftskartells ist an die hiesigen Gewerkschaften eine Ein⸗ ladung zur Teilnahme an dem am 2, Ostertag iu Steins Garten dortselbst stattfindenden Gewerkschaftsfest ergangen. Hoffentlich machen die Marburger organisierten Arbeiter regen Gebrauch davon. Der Eintrittspreis für dieselben beträgt 50 Pfg.; Damen frei. ——e Aus dem hessischen Landtag. Zu dem in letzter Zeit in den Zeitungen viel erörterten Thema:„Großherzog und Sozial⸗ demokrat“ gab der Präsident Haas in der Freitags sitzung der zweiten Kammer bei Gelegenheit der Beratung des Kammerbud⸗ jets eine Erklärung ab, in welcher er die verschiedenen auf den parlamentarischen Abend sich beziehenden Preßäußerungen richtig stellt. In dieser Erklärung heißt es unter anderem: „Es ist unwahr, daß die der sozialdemokratischen Fraktion angehörenden Abgeordneten durch bestimmte Zusicherungen, insbesondere diejenige der Unterlassung monarchischer oder höfischer Ovationen, bewogen worden wären, der Einladung zu der genannten Veranstaltung Folge zu leisten. Die Wahrheit ist, daß ich auf eine private Anfrage von Mitgliedern dieser und anderer Fraktionen die Auskunft erteilte, daß Ansprachen überhaupt nicht stattfinden würden. Wer mit dem Wesen parlamentarischer Abende bekannt ist, weiß, daß sie lediglich einem zwanglosen und geselligen Ver⸗ kehr der Abgeodneten unter sich dienen, ohne Rücksicht auf Parteistellung, sowie mit den Mitgliedern der Re⸗ gierung unter Weglassung festlichen Gepränges und zermonieller Formen. Damit sind Ansprachen und Toaste von selbst ausgeschlossen.... Im ferneren hebe ich hervor, daß dem Regenten eines Landes nur solche Persönlichkeiten vorgestellt zu werden pflegen, deren Vorstellung er ausdrücklich wünscht und genehmigt...“. Hierzu äußerten sich alle Parteiführer und bethaͤtigten das von dem Präsidenten Gesagte. Diesbezügliche Erklärungen geben die Abgg. Schmitt für das Centrum, Backes für die Nationalliberalen, Schönberger für die freie Vereinigung, Gund ru mfür die Freisinnigen ab. Allseitig wird die Darstellung des Präsi⸗ denten als unanfechtbar, sein Vorgehen und seine Amtsführung als unparteiisch auerkannt. Genosse Ulrich erklärte im Namen der Sozialdemokraten Folgendes: „Im Auftrage und Namen meiner Fraktionskollegen erkläre ich, daß die Ausführungen des Präsidenten durchaus den Thatsachen entsprechen und daß meine Freunde und ich aus diesen Erklärungen den Schluß gezogen haben, daß wir, ohne unseren Kollegen der übrigen Fraktionen Verlegenheiten zu bereiten, und selbst in eine unangenehme Situation zu kommen, dem parlamentarischen Abend beiwohnen können, da nach demselben sicher stand, daß keinerlei Ansprachen und Ovationen zu erwarten waren, wofür uns die bisher stets beobachtete strenge Gewissenhaftigkeit und Unpartei⸗ lichkeit des Präsidenten Garantie boten.“ Dann wird in die Beratung der weiteren Gegenstände eingetreten. Den Antrag der Sozialdemokraten das Selbstverwal⸗ tungsrecht der Gemeinden betreffend be⸗ gründet Genosse Ulrich. Mit demselben solle nicht etwa bezweckt werden, daß die Regierung jeden als Bürgermeister bestätigt, denn man könne sich sehr wohl denken, daß in einer Ge⸗ meinde einmal jemand gewählt, der, weil er die nötigen Kenntnisse nicht besitzt, um das Gemeinwesen richtig zu leiten, unfähig ist, das Amt eines Bürgermeisters zu bekleiden. Man wünscht nur, daß das Bestätigungsrecht in der Form, wie es im Augenblick vorhanden ist, be⸗ seitigt wird. Redner rügt verschiedene Miß⸗ stände, besonders den, daß die Bürgermeister vielfach Wirtschaften betreiben.— Wolf (Antisem.) schließt sich diesen Ausführungen an. — Staatsminister Rothe sagt Berücksichtigung der gegebenen Anregungen zu.— Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Dr. David, Wolf und Ulrich wird dieser Gegenstand verlassen und die übrigen Punkte der Tagesordnung er⸗ ledigt. Mittwoch und Donnerstag dieser Woche wurde über die Antrage zur Frage der Erhöhung der Getreidezölle verhandelt, auf die wir in der nächsten Nummer ausführlich zurückkommen. Arbeiterbewegung. Straßenbahner⸗-Ausstand. In Halle stellte die Mehrzahl der Wagenführer bei der elektrischen Straßenbahn die Arbeit ein, weil mehrere Angehörige der Organisation ge⸗ maßregelt wurden. + Die Lohnb ewegung der Schneider in Mainz kann als beendet angesehen werdeu, da bei den meisten Geschäften eine gütliche Einigung zu Stande kam. Durch ihre gute Organisation erreichten die Mainzer Schneider das günstige Resultat. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 30. März. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 31. März. Wieseck. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Nachmit⸗ tags Punkt 3 Uhr. Versammlung bei E. Schäfer. Tagesordnung: 1. Regelung der Maifeier. 2. Ver⸗ schiedenes. Die Mitglieder werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Montag, den 1. April. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Tapezierer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Dienstag den 2. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Samstag, den 6. April. Friedberg. Abends 9 Uhr Nichtgewerbl. Arbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung in Stadt New⸗Nork. Alle Mitglieder haben zu erscheinen und das Mit⸗ gliedsbuch mitzubringen. ——. ̃‚—.. Markiberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 28, März: Butter per Pfd. Mk. 0.90—1.—, Hühnereier per St. 6—0 Pfg., Enteneier 2 St. 00— 16 Pfg. Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfe., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.50— 7.50, Zwiebeln per Ctr. Mk. 6.50— 7.50. Seite 6. Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. A * Need „ Unterhaltungs-Ceil. 1848. Märztage in Wien. (Aus dem„Wahren Jacob“.) (Schluß.) Im kaiserlichen Palast ging es während des Straßengetümmels kunterbunt zu, Ernst mit Possenelement gemischt. Eine fast- rührende Anarchie in den heiligen Hallen. Die Etikette am Boden, die Großschnauzigkeit der Höflinge durch Bauchweh abgelöst. Von den zärtlichen Ver⸗ wandten im Käfig verwahrt, murmelte der blöde 15 Ferdinand einmal über das andere:“ „Ich laß nit schießen!“ Seine Sippe hätte nur gar zu gerne schießen lassen, aber die Um⸗ stände waren nicht dazu angethan. So ungnädig man die anstampfenden, Kon⸗ zessionen heischenden Deputationen empfing— paktieren mußte man, es handelte sich nur noch um den Preis.„Was wollen Sie eigentlich?“ fragte der zur Kamarilla gehörende Graf Hart— wig.„Den Rücktritt Metternichs,“ lautete die Antwort. Da Jener bezweifelte, daß der Kaiser den bewährten Piloten preisgeben werde, erklärte man bündig, billiger gehe es nicht. Hartwig schlüpfte in den Kreis der anwesenden Würdenträger und nach einer Pause trat Metternich vor, den Delegierten zu bemerken, es sei eine Schande, sich dem Straßenkrawall zu fügen.„Das ist mehr als ein Krawall, das ist eine Revolution, an welcher alle Klassen sich beteiligen,“ tönte es zurück. Worauf er erwiderte— die Worte sind ein Denkmal seines Regierungsblödsinns—:„Das ist nicht wahr. Es sind nur Juden, Polen, Italiener, Schweizer, welche das Volk eufwiegeln.“ Da man sich dieses verbittet, geruhen die Erzherzöge Albrecht und Maximilian unverschämt zu werden, worauf die Abgeordneten brüsk sich wenden. Doch ehe sie im Freien, ist drinnen eine von der„schlimmen Sophie“ gelegte Mine gegen Metternich zaufgeflogen, man hat den Haus-, Hof- und Staatskanzler plötzlich dringend ge— beten, zu demisstonieren, und zwar mit Rücksicht auf den Brandgeruch— sofort. Er schickt sich mit Grazie ins Unvermeidliche. Zu den wieder hereingeholten Delegierten spricht er gelassen: „Es ist die Aufgabe meines Lebens gewesen, von meinem Standpunkt aus für das Wohl der Monarchie zu sorgen. Glaubt man, daß das Beharren auf jener Linie dieses Wohl gefährde, so kaun es für mich kein Opfer sein, den Posten zu verlassen. Sie haben erklärt, nur mein Rücktritt verbürge die Ruhe. Ich effektuie»e denselben mit Freuden und wünsche Ihnen Glück zur neuen Regierung.“ Einer der Bürgerwehroffiziere summie ein Kompliment für diesen Entschluß und unbemerkt, geräuschlos wie ein Wiesel glitt der Edle davon. Am nächsten Morgen packte er prompt und reiste über Prag nach London, der sicheren Herberge, wo andere Sünder jener Sorte schon einge— troffen waren und andere folgten.... Vivat Ferdinand! dröhnte es durch die Hofburg von einem Gemach zum anderen und dann durchs Thor. Von einer Laternensäule herunter rief Scherzer, der Kerl sei gestürzt, sei fort, und die Kunde fuhr mit Windeseile durch die Stadt. Ein Alp war weg von der Brust, man jauchzte auf, man zitterte vor Lust, man taumelte wie im Frühlingsrausch. Ein paar Minuten hatten genügt, den Götzen zu jällen; das Unwahrscheinliche war Ereignis! Die letzten Lichter und Kerzen wurden geholt zur Illumination. In fernen Vorstädten war sie schon fürchterlich im Gange. Ergrimmt, daß sie nicht in die innere Stadt eingelassen worden waren, zündeten die Arbeiter die Zoll⸗ und Mauthäuser an, demolierten Maschinen und hausten wie Berserker. Die Frau eines Fabritbesitzers bot einer Rotte baare zehntausend Gulden, wenn man ihr Besitztum unangetastet lasse. Die Wütenden lehnten den Mammon ab und zerstörten jenes. Das war die Ver— geltung gepeinigter Sklaven. * * In breitem Strome ergoß sich der En⸗ thustasmus des honetten Wiens; die Freude war närrisch. Die Bestattung der Toten ge⸗ saltete sich pompös; gegen dreihundert Banner wehten im Zuge. Geistliche Seminaristen trabten an der Spitze. Reiche Bankiers ließen ausschellen, daß sie face eee Sulden für ein Monument bezahlen; sie hatten's den Lebenden ja bald wieder abgeknöpst. Aber schon war Fürst Windischgrätz, der stolze Chef der aristokratischen Militärpartei, zum Höchstkommandierenden befördert worden; ein Mauerplakat verhieß gar noch den Be— lagerungszustand; man kam aus dem Regen in die Traufe! Der freche Verrat glotzte aus diesen Erlassen. Gewiß war das Eine: Auf einer Bühne hinter den offiziellen Koulissen spielten Künstler im Verborgenen ihre Bösewichter— partien. Wieder zogen dunkle Wetterwolken auf, wieder ballten sich die Fäuste, die Physiognomie der Plätze und Straßen weissagte nichts Gutes. Da besanneu sich die hohen Macher auf ben Kniff, mit dem sie fortan an allen Fährlich— keiten vorübertänzelten, sie„bewilligten“ drauf los, das Nähere sich vorbehaltend. Der gute Ferdinand, welcher nicht geschossen haben wollte, vom ganzen Kram jedoch nicht einen blassen Schimmer Verständnis hatte,„gewährte“ Preß— freiheit und versprach eine„Konstitution des Vaterlandes.“ Doch bald wurde es ihm in— mitten seiner Unterthanen zu ungemütlich; er zog es vor, nach Junsbruck„überzusiedeln“. Die dem Despotismus die Stiefel geleckt, leckten mit ihren giftigen Zungen nunmehr der Freiheit die Zehen wund. Kroch da ein heuch— lerisches Pack aus den Ecken! Metternich war erledigt,— die Metternichelei war noch in voller Gemeinheit da und die„schlimme Sophie“ — spann tapfer ihre Fäden. Man kutschte nicht mehr ganz hinunter, doch tief genug und selbst die feinen„Schichten“ seufzten. Der witzige Bauernfeld schrieb ein phantastisches Drama mit Tiergesprächen. Es begegneten darin einander zwet altliberale Hähne, die beim Sturze eines alten Fuchses mitgewirkt hatten, „um nur ein sehr mäßiges, bequemes Frei⸗ heitchen zu ergattern“; und sie merken, daß ihnen nicht einmal die Kleinigkeit beschieden sein soll(„ Im Herbste, da die Trauben geschnitten wurden, holte die Reaktion zum tötlichen Streiche aus; sie konnte es. Die Leipziger „Grenzboten“ aber hielten den Besiegten eine süffisante, gleichwohl mit tüchtigen Wahrheiten gespickte Predigt:„Die Revolution des Jahres 1848 ist für Oesterreich nicht durch eine Ge⸗ neration zu beenden. Andere Menschen müssen kommen, eine härtere Bildung, größere Energie und keckere That müssen in unseren Söhnen lebendig werden“; mit wollüstigen„Sklaven der Phantasie“, furchtsamen, phantastischen Seelen, sei nichts anzufangen.„Organisation des Volkes“ war empfohlen. Was die„Grenz— boten“ darunter verstanden? Wohl etwas Kurioses, man lebte von Verworrenheit; an die Sozialdemokratie dachten sie gewiß nicht. Bauernehre. Von Georges de Lys. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. (Schluß.) V. Mit der Adresse von Katherines Herrschaft versehen, ist Jean nach Lyon gefahren. Der Bauer, der freie Mann leidet darunter, seine Braut bei Fremden in Dienst zu wissen. Sein Stolz empört sich, doch sein Gewissen sieht da⸗ rin die Buße für seine Schuld. Jetzt klingelt er an der Thür eines vor— nehmen Hauses. Ein Diener in Livree öffnet, betrachtet ver⸗ ächtlich die blaue Blouse des Pächters und sagt:„Leute wie Sie werden bei dem Herrn Baron nicht vorgelassen.“ „Ich will Fräulein Katherine sprechen.“ „Das Kindermädchen?... Sie über die Hintertreppe.“ „Wo ist das?“ „Erste Thür links. Aber machen Sie schnell, daß Sie fortkommen, Ihre Blouse nimmt sich hier recht traurig aus.“ „Und Sie sind sehr frech, mein Junge,“ brummte Jean. „Und Sie sehr keck,“ entgegnete der Diener zornig,„na, vorwärts, vel schwinden Sie!“ „Wenn ich will...“ Mit diesen Worten stellte sich Jean mit zu⸗ sammengepreßten Zähnen und blitzenden Augen vor die Schwelle. Andere Diener kamen herbeigelaufen, und von dem Lärm angelockt, verließ auch der Haus⸗ herr sein Zimmer; mit einer Handbewegung hielt er seine Leute zurück und fragte, sich an den Fremden wendend:„Wer sind Sie, und was wollen Sie?“ „Mein Herr, ich heiße Jean Drevon, bin heute Pächter und war noch bis vor kurze Zeit Soldat in Tonkin; ich wollte meine Brau!“ Katherine Brichet besuchen, die bei Ihnen tn Diensten ist.“ Er sprachzdie letzten Worte mit cht Ueber das Gesicht des Herrn flog ein Lächeln, und weit entfernt, ihn zu verletzen, verriet ihn 1 zusammengepreßter Kehle. Jeans Zorn eine stolze Seele. „Baptiste,“ befahl er,„sagen Sie Fräulein Katherine“— er betonte das Wort Fräulein— „ich hätte in meinem Zimmer mit ihr zu sprechen. Und kein Wort weiter.., hören Sie... Wollen Sie mir folgen, mein Herr, fügte er hinzu, sich zu Dravon wendend. Er ließ ihn Platz nehmen und fragte ihn über den Tonkinkrieg aus, den sein Sohn ats junger Leutnant mitmachte. Obwohl der Soldat nicht dem Korps dieses Offiziers an⸗ gehörte und ihn nicht kannte, so war das Eis doch schon gebrochen, als Katherine erschien. Sie sah Jean nicht, den der Baron hatte zurücktreten lassen; und Jean wagte zuerst nicht, sich nach ihr umzudrehen. „Sie hatten mir ja nicht gesagt, mein Kind, daß Sie einen Schatz haben?“ begann der Baron. „Oh, gnädiger Herr, meinen Fehltritt nicht vor,“ rief Katherine, das ist aus, ganz aus; ich schwöre es Ihnen.“ „Glauben Sie?... nun, auf jeden Fall haben Sie Unrecht gethan, es vor mir geheim zu halten.“ „Mußte ich das nicht, gnädiger Herr, wenn ich den Lebensunterhalt für mein Kind ver— dienen wollte?“ Bei dem letzten Worte färbte sich ihr Gesicht purpurrot, sie erhob sich dann aber wieder mit dem energischen Stolze ihrer Mutterliebe. Jean betrachtete das junge Mädchen und war glücklich, sie so wiederzufinden. Eine kurze Pause trat ein, dann fuhr der Baron sort:„Nun gut, Katherine, Sie werden mein Haus verlassen.“ Das junge Mädchen machte eine verzweifelte Bewegung.„O, Sie schicken mich fort, gnä— diger Herr?... Das ist recht grausam„. was soll aus meinem Kleinen werden?“ N „Ich schicke Sie nicht fort, Katherine, aber hier ist ein braver Junge, der Sie mitnehmen will.“ Mit diesen Worten stieß der Baron das junge Mädchen zu Jean Drevon, der mit leichenblassem Gesicht i Einen Monat später waren sie verheiratet. Jean nahm das frühere Gut der Brichets wieder in Pacht und richtete seine Schwieger⸗ 4 eltern darin ein. Gleichzeitg half er seinem Vater das große Gut in Schwung zu bringen, in welchem die Mutter Drevon die Herrschaft beibehielt. Die Jahre waren günstig, die Ernte fiel reichlich aus, das Vieh vermehrte sich und wurde zu guten Preisen auf dem Marktflecken verkauft. gekauft. Die Alten arbeiten nicht mehr, doch Katherine hat ihrem Manne noch zwei Söhne Der Aelteste hilft seinem Vater be⸗ geschenkt. reits, und es wird dem Gute nie an kräftigen Armen fehlen. Nr. 18. 1 4 Dann gehen 0 1 Nr. 700 5 4 — 2 2 1222 . S 1— 4. L 8 werfen Sie mir „„„„ 1 . Heute hat Jean die Besitzung Sangris an⸗ in zt Aubeite sowie alle Alten zu de owe epa und billig Ju AA. . J zenden Er induktion; 0 frauko 48 1 1 AVA 00 8 8 sowie a Oualitä 5 4 Nr. 15. chen. nr f gehen 5 schne ummt 0 Junge, U er Diener Sie!“ 1 mit zu⸗ den Augen er Haus⸗— begun „ scch an Ole, und bon, bin vor kür urze eine Brau Ihnen tn Borte mit n Gächeln, erkiet ihn Fräulein täulein— it ihr zu „ hören ein Hert, end. ragte ihn Sohn ats wohl der fiziers an⸗ r das Eis schlen. aron hatte üerst nicht, mein Kind, her Baron. Sie mir atherine, Ihnen.“ jeden Fal lir geheim err, Well feind ber⸗ te färbte sich daun olze ihrer pchen und fuhr der ie werden erzweifelt fort, gl lam 17“ line, abel men will ron dab der mit gahelar, r Brichet⸗ ichwiegel das uc elchk elchen 95 ie lt. 1 geichlic ple l Nr. 13. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Der musikalische Teil wird ausgeführt von der Kapelle Pauli jun. aus Marburg. 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