Nr. 30. Gießen, Sonntag, den 28. Juli 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. ner. 2 0 2 ese 7 — NN SSausunss —— — —. 2 — — ———.—— * Mitteldeuts che Nebaltionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 7 Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger freif ens Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens Hunnenbriefe. „Kommt ihr an, so wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Ueberlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so 500 der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch Euch in einer Weise bethätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“ Diese Worte sprach Wilhelm II. am 27. Juli 1900 zu dem ersten Trupp der nach China ziehenden„Freiwilligen“ im Augenblicke ihrer Abreise. Dem Bekanntwerden dieser Rede folgte innerhalb und außerhalb Deutschlands allge⸗ meines Schütteln des Kopfes. Was, ein an der Spitze der Zivilisation marschierendes Volk wie das Deutsche, wollte das Völkerrecht bei Seite setzen, eine barbarische, hunnische Kriegs⸗ führung pflegen? Unmöglich zu glauben! So unglaublich, daß die„gutgesinnte“ Presse die kaiserliche Rede fälschte und ihren Lesern vorlog, der betreffende Satz habe gelautet: „Pardon wird Euch nicht gegeben ꝛc.“ Aber die Lüge hatte kurze Beine, sehr bald bestätigte der Reichsanzeiger die erstere Lesart als die richtige. Nur wenige Stimmen erhoben sich für die in Wilhelmshaven proklamierte Art der Kriegs⸗ führung. Unter anderm trat der Führer der Nationalsozialen, der christlich-evangelische Pastor Naumann für hunnisches Vorgehen ein, was ihm den Ehrennamen des Hunnenpastors eintrug. Die Rachekrieger dampften ab und schon nach wenigen Monaten ließen sie von sich hören. Sie meldeten aber nicht blos ihre. Ankunft in China, ihre Mitteilungen bewiesen, daß sie den ihnen bei der Abreise gegebenen Anweisungen gemäß gehandelt hatten. Viele der von den Kreuzfahrern an ihre Angehö⸗ rigen gerichteten Briefe gelangten natürlich in die Presse, mehrfach veröffentlichten sogar „Ordnungs“blätter zuerst derartige Hunnen⸗ briefe. Alle anständigen Leute verurteilten die in den Briefen geschilderten, von deutschen und andern europäischen Truppen verübten Greuel⸗ thaten, es erhob sich ein Entrüstungssturm, man verlangte von der Regierung Aufklärung, später interpellierten die sozialdemokratischen Abgeord⸗ neten im Reichstage die verantwortlichen Minister darüber. Der Kriegsminister zweifelte die Richtigkeit der in jenen Soldatenbriefen mitge⸗ teilten Thatsachen an, brachte es aber fertig, das grausame Vorgehen der Europäer gegen die Chinesen als eine Vergeltung für die von den Hunnen in Deutschland— vor mehr als 1500 Jahren!— verübten Grausamkeiten hinzustellen! Mancher Chinakrieger mag wohl„aufge⸗ schnitten“ haben, wie man das von Soldaten gewohnt ist. Aber man konnte an der Richtig⸗ keit der Mitteilungen und der Echtheit der Briefe um so weniger zweifeln, als verschiedene Thatsachen, zum Beispiel die an einem Sonntag Naächmittag vorgenommene Erschießung einiger sechzig oder siebzig Chinesen, die vorher ihr Grab selbst graben mußten, übereinstimmend von mehreren Seiten zugleich berichtet wurden. Die Hunnenthaten der Rachekrieger wurden später aber auch von durchaus einwandfreien Augenzeugen, wie dem französischen Offizier Pierre Loti(siehe Nr. 25 der M. S.⸗Ztg.) dem Korrespondenten der„Frkftr. Ztg.“ und noch anderer bürgerlicher Blätter bestätigt. Trotzdem versucht nun ein großer Teil der reaktionären Presse die geschilderten Vorkomm⸗ nisse abzuleugnen, alle„Hunnenbriefe“ als Schwindeleien hinzustellen. Jetzt will sogar die amtliche„Berliner Korrespondenz“ einer ganzen„Lügenfabrik“ von Hunnenbriefen auf die Spur gekommen sein und sie stützt sich da⸗ bei auf folgenden schon im Mai in einem Kölner Blatte mitgeteilten Vorfall. Ein Unter⸗ offizier der China⸗Expedition habe ausgesagt, ein Handlungsgehilfe in Luzern habe ihm ein Packet adressierter Briefe zugesandt, mit der Bitte, sie von Peking aus an ihre Adressen— des Handlungsgehilfen Freunde und Verwandte — abzusenden. Der Verfasser dieser Briefe erzählte darin von schauerlichen Mordthaten und Grausamkeiten, die in China verübt worden wären. Damit wollte der Briefschreiber seinen Angehörigen weis machen, daß er selbst in China anwesend sei. Der Unteroffizier sandte aber die sieben Briefe nicht ab und sie kamen schließlich an die Heimats behörde des interessanten Handlungsbeflissenen. Diese Geschichte, die, wenn sie wirklich wahr ist, höchstens die Rennomiersucht, nebenbei aber auch die Dummheit ihres Helden beweist, be⸗ nutzt nun die Berliner Korrespondenz dazu, alle Hunnenbriefe als Lügenfabrikate zu er⸗ klären, und versucht den Beweis zu führen, daß die europäischen Kulturverbreiter sich in China tadellos verhalten, kein Wässerchen ge⸗ trübt haben. Mit ihr fallen sämtliche Amts⸗, Kreis⸗ und auch„unparteiische“ Blätter über die sozialdemokratische Presse wegen der Ver⸗ öffentlichung der Hunnenbriefe her, beschuldigen die Sozialdemokratie,„den deutschen Namen besudelt zu haben.“ Dabei hat die traurige Gesellschaft nicht nur selbst solche abgedruckt, sondern sogar teilweise den Scheußlichkeiten Beifall gezollt! Festslehende Thatsachen mit solchen lächer⸗ lichen Ammenmärchen entkräften zu wollen, ist doch allzu kindisch. Merkte denn auch die Ord⸗ nungspresse nicht, daß sie damit alle brief⸗ schreibenden Chinakrieger als Schwindler hinstellt? Kam in China nichts vor, was das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen hatte, warum wurde den Soldaten verboten über die dortigen Vorkommnisse zu berichten? Und warum sind eine ganze Anzahl Kreuzzügler zu schweren Ge⸗ fängniß⸗ und Zuchthausstrafen verurteilt worden, was doch in der Heimat fast nie vorkommt? . Vom Wuchertarif. Allgemein wird zugegeben, daß die Zahlen⸗ angaben, die der Stuttgarter„Beobachter“ über die Sätze des neuen Zolltarifs machte und die wir in voriger Nummer mitgeteilt haben, in allen ihren Einzelheiten richtig sind. Zugleich wird von verschiedenen Seiten ange⸗ kündigt, daß die amtliche Veröffentlichung des Entwurfs bald erfolgen werde; seine Geheim⸗ haltung hat ja nach den jüngsten Enthüllungen 331½ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Ra batt keinen Zweck mehr. So wird denn das deutsche Volk in aller Kürze erfahren, bis zu welcher volksaussaugerischen Höhe es der Junkersippe bis jetzt gelungen ist, ihre Brotwucherforderungen durchzusetzen. Wie furchtbar die neuen Zollsätze auf die Lebenslage der Arbeiter zurückwirken würden,— ganz abgesehen von der Unterbia⸗ dung der auf Export angewiesenen Industrien und der damit in Aussicht stehenden Arbeits⸗ losigkeit— deutet der„Vorwärts“ durch einige Zahlen an. Nehmen wir entsprechend der Reichsstatistik an, daß der Konsum an Brot⸗ getreide 200 Kilo pro Kopf der Bevölkerung beträgt, so bedeutet schon eine Getreidezoller⸗ höhung von 3,50 auf 6 Mark pro Doppelzentner für eine fünfköpfige Arbeiterfamilie allein eine jährliche Mehrbelastung von 25 Mark. Dazu kommen noch die Fleischzölle. Rechnen wir, daß die obige Arbeiterfamilie an Fleisch täglich nur /½ Pfund inkl. Zubrot(Speck und Wurst ꝛc.) gebraucht, so ergiebt sich, niedrig gerechnet, eine weitere Mehrbelastung von 12 Mark pro Jahr. Allein die beabsichtigten Brot⸗ und Fleisch⸗ zollerhöhungen legen also der Arbeiterfamilie einen neuen Tribut von ca. 37 Mark auf, in Wirklichkeit noch um etwas mehr, da noch die Aufschläge des Mehlhändlers, Bäckers, Schlächters ꝛc. hinzukommen. Und hierbei sind die erhöhten Ausgaben für Butter, Käse, Eier ꝛc. noch nicht berücksichtigt. Und warum soll der deutsche Arbeiter diese Verteuerung seines notdürftigen Lebensunter⸗ haltes auf sich nehmen, warum soll er die höchsten Brotwucher⸗Zölle in ganz Europa zahlen, höhere, wie sie der französische, der italienische, der spa⸗ nische Arbeiter zu zahlen gezwungen ist? Um einer reichen, größtenteils in Luxus lebenden Klasse bon Großgrund⸗ besitzern noch höhere Einkünfte zu sichern; einer Kaste, die mit Verachtung auf ihn herabsieht, die seinem Streben, auch für sich und die Seinen einen etwas größeren Anteil an den Kulturgütern zu erlangen, am liebsten mit brutaler Gewalt entgegenträte! Deshalb rücksichtsloser Kampf dem neuen Brot- und Fleisch wuchertarif! Politische Rundschau. Gießen den 25. Juli. Der Zolltarif hat in Amerika natürlich eine gewisse Aufregung hervorgerufen. Nach der„Frkftr. Ztg.“ be⸗ zweifeln die Blätter einstweilen die Angaben über die Höhe der Zölle, da Zölle von solcher Höhe unbedingt zu energischen Maß⸗ regeln heraus forderten. Mehrere be⸗ kannte Politiker erklärten dem Korrespondenten, daß die angeblich geplante Zollerhöhung nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Rückwirkung haben müsse in der Weise, daß sie die Union England noch mehr in die Arme treibe. —!!! ĩ · . meinden einfache Vorträge, zu welchem eine Anleitung Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. N Nr. 30. Die geistigen Führer des Bundes der aber nicht in der Lage seien, dem gesamten damit die Großeinkaufs⸗Gesellschaft immer mehr e en Etat ihre Zustimmung zu geben, und damit und immer vorteilhafter den Einkauf für 1 Landwirte. Dieser Tage war in verschiedenen Blättern, z. B. auch in dem„Frkftr. Generalanzeiger“ folgendes Inserat zu lesen: Christliche, ältere Herren aus dem Mittelstande, welche im Spätherbst und Winter in ländlichen Ge⸗ egeben wird, gegen feste Tagegelder übernehmen wollen, 0 1 6 2 henslauf nebst Referenzen unter B. 5 5 Der Krach D. L. 1000 an den Verlag der„Deutschen Tages⸗ greift weiter um sich. Aus Oberhausen zeitung“, Berlin S W., Dessauerstr. 7, einzusenden. dei Duisburg wird berichtet, daß Gerhard Das geht vom Bunde der Landwirte aus, der Terlinden, der Vorsitzende der dortigen auf diese Art seine Agitatoren sucht, die daun gleichnamigen Altiengesellschaft durchge⸗ mit„voller Ueberzeugung“ und gegen feste braunt ist. Derselbe hat für sich 90 11 Tagegelder den Bauern die Vortrefflichkeit der Junkerpolitik beweisen sollen.— Die„Neue bayer. Landes⸗Ztg.“, ein Organ des bayr. Bauernbundes, widmet der„Zentralleitung der wie sie den Bund Bauernfängerorganisation“, 1 0 e f i zu nennen beliebt, darob nachstehenden freund⸗ haben. Der anscheinend mitschuldige Prokurist schaftlichen Albumvers: der Gesellschaft ist verhaftet worden. An der „Also, auf, ihr„christlichen älteren Herren] Finarzar ere des Unternehmens sind eine Reihe Berlin wie in der Provinz aus dem Mittelstande“! Im Herbst beginnt das neue große Bauerneinseifen(Hand⸗ werkszeug wird geliefert) gegen feste Tage⸗ gelder und Provision. Wir sind auch über⸗ zeugt davon, daß sich, wenn fleißig inseriert wird, wieder einige abgehauste Tagediebe finden werden, die sich als Zutreiber aus⸗ bilden lassen. Und wenn's auch schweres Geld kostet: Die Berliner Junker brauchen die Bauernstimmen, um ihre wankende politische Macht aufrecht zu erhalten. Den Bauern wird natürlich vorgemacht, daß Alles in ihrem Interesse geschehe, und die Mindergescheiten fallen darauf herein.“ Bei dieser Gelegenheit sei hinzugefügt, daß die antisemitischen Wanderapostel in ganz der gleichen Weise sich das Einseifen der Bauern angelegen sein lassen, wie jene auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege angeworbenen Bun⸗ desagitatoren. Glänzender sozialdemokratischer Sieg in Ostpreußen! Das Wahlresultat der Neuwahl in Memel⸗ Heydekrug, dem langjährigen Wahlkreise des Feldmarschalls Molkte, bedeutet für unsere Partei einen glänzenden Sieg, für die Brot⸗ wucherer eine empfindliche Niederlage. Für den Agrarier Matschull wurden 7016, für unsern Genossen Braun 4941, für den Frei⸗ sinnigen Schaak 2925 Stimmen abgegeben. Wir gewannen gegen die Wahl von 1898 ca. 2000 Stimmen, wogegen die agrarischen Reaktionäre mehr als 2000 einbüßten. Cs muß eine Stichwahl zwischen Braun und Matschull stattfinden, und wenn die Freisinnigen Stand halten, muß unser Genosse als Sieger aus der Wahlurne hervorgehen! Wie aber die Stichwahl immerhin ausfallen mag— die Agrarier werden alles aufbieten, um unsern Sieg zu vereiteln und auf die Freisinnigen ist kein Verlaß— eine Stimmenzunahme von 66 Prozent in einem durchaus länd⸗ lichen Kreise im eutlegensten Osten— das ist ein Resultat, das uns mit voller Befriedigung erfüllen und zu neuer angestrengter Arbeit, zu lebhaftem Kampfe gegen den Rückschritt erfüllen muß!— Die Stichwahl findet bereits am 27. Juli statt. Höchst waschlappig verhalten sich die Freisinnigen zur Stichwahl. Wie es scheint, sind sie ihrer Parole: Gegen den Brotwucher! untreu geworden; denn in der liberalen Ver⸗ trauensmäuner⸗Versammlung wurde beschlossen, sich bei der Stichwahl der Abstim mung zu enthalten. Damit ist natürlich der Sieg des Agrariers gesichert. Nette Freisinns⸗ mannen! Das württemberg ische Budget und die Sozialdemokratie. 5 Die württembergische Kammer nahm mit 73 gegen 5 sozialdemokratische Stimmen den Etat an. Uusere Genossen gaben dabei die Er⸗ klärung ab, daß der Etat zahlreiche Posttionen in Einnahmen und Ausgaben enthalte, die ihre ihr Einverständnis mit der Politik der Regierung auszusprechen, weil die auf eine zeitgemäße Ver⸗ fassung und eine gerechte Steuerreform gerich⸗ teten Wünsche des Volks ihre Erfüllung noch nicht gefunden hätten.— genannte Gesellschaft umfangreiche kredite in Anspruch genommen, die er durch Vorlegung gefälschter Bücher und Bilanzen sich zu verschaffen wußte; auch scheint eine unrecht⸗ mäßige Ausgabe von Aktien stattgefunden zu von Banken in interessiert; doch lassen sich die Verhältnisse der Gesellschaft zur Zeit noch nicht, übersehen. Das Defizit soll die Höhe von 8 Millionen erreichen. ** Ueber die Verhältnisse der verkrachten Leip⸗ ziger Bank teilte der Konkursverwalter in der Gläubiger⸗Versammlung mit, daß die Bank an der Trebertrocknungs⸗Gesellschaft mit weit über 87 Millionen Mark beteiligt sei, darum sei sie auch gestürzt. Wenn die Bestände der Kasseler Gesellschaft freihändig verkauft würden, würden 4—5 Millionen Mark erzielt; deshalb sei der Kasseler Konkursver⸗ waltung eine halbe Million zur Fortsetzung des Betriebes geliehen worden. Die Depositen der Leipziger Bank betragen über eine Mil⸗ liarde. Davon ist allerdings ein Teil zurück⸗ bezahlt. Die Aufsichtsratsmitglieder, die von der Konkursverwaltung verklagt wurden, hätten sich bereit erklärt, im Falle ihrer Verurteilung ihr gesamtes Vermögen zur Verfügung zu stellen. Dasselbe dürfe sich nach Mitteilung des Rechts⸗ anwalts Freitag auf zusammen 10 Millionen Mark beziffern.— Die Aktiven betragen 45 Millionen, die Passiven hingegen 85 Mil⸗ lionen Mark. Zeichen der Krise. Aus der bedeutendsten Industriestadt Sach⸗ sens, Chemnitz, kommen Nachrichten, welche die Lage der Arbeiter recht betrübend erscheinen lassen. Nach den Feststellungen, die eine dortige Zeitung vorgenommen hat, herrscht in der Maschinen⸗ und Gießerei⸗Industrie umfangreiche Arbeitslosigkeit. Von 31 befragten Firmen arbeiteten nur drei voll; 21 Betriebe hatten Arbeiter entlasen müssen oder doch ihre Leute so wenig beschäftigen können, daß sehr viele wegen mangelnden Verdienstes selbst wegblieben; neben diesen Betrieben hatten noch 3 verkürzte Arbeitszeit ohne Verminderung der Arbeiterzahl eingeführt. In einzelnen Betrieben giebt es Thatsächlich Zollpolitik die deutsche Industrie spruch erheben. Ausbreitung der Genossenschafts⸗ bewegung. schaft deutscher Konsumvereine in Ham burg steigt von Quartal zu Quartal. Er be Vorjahres. beträgt demnach ca. 2270130 Mk. haben. kaum noch ein Drittel der früheren Arbeiterzahl. sind einige Tausend Arbeiter ar⸗ beitslos.— Und dabei wird durch eine unsinnige 0 noch mehr geschädigt und eine noch nie dagewesene Lebens⸗ mittelteuerung heraufbeschworen! Gegen eine derartige volksverderbliche Politik der Regie⸗ rungen muß das Volk den energischsten Ein⸗ Der Umsatz der Großeinkaufsgesell⸗ trug im ersten Halbjahr 1901 ca. 3364700 Mek. gegen 3094570 Mk. in der gleichen Zeit des Die Zunahme in diesem Halbjahr 0 Das ist ein Wachstum, wie es selbst unsere kühnsten Konsumgenossenschaftler nicht zu hoffen gewagt Sache der deutschen Konsumvereine wird es jetzt sein, mit allen Kräften dahin zu Konsumvereine in die Hand nehmen und dadurch zugleich die Grundlage für die Entwicklung der Konsumgenossenschafts⸗Bewegung zu höheren Zielen schaffen kann. Die niederländischen Gemeinderats wahlen in ihrem weiteren Verlaufe mehrere glänzende Siege für die Sozial⸗ demokratie ergeben. In Groningen wurden zwei Genossen, in Arnheim ebenfalls zwei in der Stichwahl gewählt. In Rotterdam 1 wurde gegen alle Erwartung der Sozialdemokrat Spiek⸗ man in der Stichwahl gegen den Liberalen mit 925 gegen 845 Stimmen gewählt. Im ersten Wahlgang hatte Spickman 593, der Liberale 780 Stimmen. In Almeloo, Dordrecht, Haar- lem und noch einem Dutzend kleineren Orten wurden in der Stichwahl Sozialdemokraten gewählt. Von den neun größeren holländischen Städten haben jetzt sechs einen oder mehrere Sozialdemokraten im Gemeinderat. Wahlen in Frankreich. Vergangenen Sonntag fanden in Frankreich die Generalratswahlen statt. Die Ge⸗ neralräte sind die parlamentarischen Körper⸗ schaften der Departements(Regierungsbezirke) und die Wahlen dazu sind insofern von poltti⸗ scher Bedeutung, als ste ein Bild von der Stimmung im Lande geben und weil die Ge⸗ neralräte bei den Senatwahlen mitwirken. Gewählt wurden 557 Republikaner, 477 Radikale und sozialistische Radikale, 33 Sozialisten, 209 Konser vative, dar⸗ unter 29 Nationaltsten. 85 Stichwahlen sind erforderlich. Die Republikaner gewannen 47 Sitze. Die Wahlen zeigen also die weitere Befestigung des republikanischen Gedankens.— Mehrere Minister befinden sich unter den Ge⸗ wählten. Sozialistischer Sieg in Italien. Bei den Gemeindewahlen in San Remo siegte die Liste unserer Genossen gegen die der übrigen Parteien mit großer Mehrheit. Damit ist die Stadtverwaltung von neuem don den Sozialisten erobert, die sie schon einmal zwei Jahre hindurch in Händen hatten. Damals, als Genosse Mombello Bürger⸗ meister war, haben die Sozialisten viel für die Stadt gethan und noch mehr in Angriff ge⸗ nommen. Sie haben alle kleinen Einkommen von der kommunalen Haus⸗ und erdsteuer befreit und diese für die höchsten Einkom⸗ men bis auf die Summe von 1000 Lire jähr⸗ lich erhöht, sie haben trefflich funktionierende Schulkantinen eingerichtet und gingen an die Verstaatlichung des Sanitäts⸗ dienstes, als der Stadtrat aufgelöst wurde. Es war das in dem traurigen Mai des Jahres 1898. In Turin bereitete man mit großem Klimbim die Ausstellung zu Ehren des fünf⸗ zigjährigen Bestehens der Verfassung vor. Natürlich war Genosse Mombello als Bürgermeister unter lehnte die Einladung verdient, in der Geschichte des Sozialismus vermerkt zu bleiben. Es hieß darin, daß er, als von Sozialisten gewählt, es nicht im haben als das Privileg einer Klasse. Gleich⸗ zeitig Stadtrates zum 1. Mai, das die ganze Stadt zur Teilnahme am Fest der Arbeit auf— Das war 0 Der Stadtrat wurde „ref. orabend der Gründung einer -aufgelöst, am städtischen Apotheke. Arbeit wieder auf. Zum chinesischen Konflikt. Noch immer sitzen volle Zustimmung gefunden hatten, daß sie streben, daß dieses Wachstum weiter anhält, den Eingeladenen. Er in einem Brief ab, der Einklang mit setner Aufgabe fände, an Festen zu Ehren der Verfassung teilzunehmen, so lange die von dieser gewährten Freiheiten nichts wären mit dem Brief erschien das Manifest des —— Bei den Neuwahlen, die auf die blutigen Ereignisse von 1898 folgten, erlag die sozialistische Liste. Jetzt, nach drei Jahren, nehmen die Sozialisten die unterbrochene ——-—— die Diplomaten aller Nationen in Peking und beraten die Frieden ⸗ Unte bell 60 seit Dal Veld bei S SS .— indien mehrere Frankreich Die Ge Körper gebezirk) on poltt⸗ von det il die Ge mitwirken, ner, A adikalt, tibe, da tichwahln e wan hey, die weiten aukens.— r den Ge lien. in Sal“ sen gehn, Mehrhei. von neuen die ste ch den hatten b Bi fel für M Augriff Cinkomm erdstelt in kun, e, btiontetel gingen zanttig löst Bun des Jae nit gol deb fü 100 0 erfasst 1 bell! 1 9 denell,„. f, 30 li 0 % 5—— —= 2 11 ae a beit ag dult 11 ian U ö 55 f — 4 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. bedingungen ohne zur Einigung zu gelangen. Vornehmlich ist es der Tilgungsplan der Kriegs⸗ entschädigung, sowie das Waffeneinfuhrverbot, was den Herren noch besondere Schmerzen macht. Ueber das Wichtigste ist man sich also noch nicht einig. Derweil die Gesandten beraten, wird es wieder unruhig im Lande. Aus Tientsin wird gemeldet, die Chinesen beginnen wieder die Telegraphendrähte in der Umgegend durch⸗ zuschneiden. Li⸗Hung⸗Tschang soll bei einer Unterredung in letzter Woche erklärt haben, er werde binnen kurzem die provisorische Regierung verjagen(). Krieg in Südafrika. Präsident Krüger ist von einem schweren Schlage betroffen worden. Am 20. Juli starb seine Frau in Pretoria, wo sie zurückgeblieben war. Seit mehr als Jahresfrist war sie den Leiden des grausamen Krieges ausgesetzt. Da⸗ bei hat sie einen seltenen Mut an den Tag gelegt. Nun hat sie fern von ihrem Gatten der Tod ereilt. Niemand wird dem greisen Präsidenten Teilnahme versagen können. Von Grausamkeiten, welche die Buren englischen Verwundeten und Gefangenen gegen⸗ über begangen haben sollten, war in englischen Blättern in letzter Zeit mehrfach die Rede ge⸗ wesen. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß Mitteilungen dieser Art auf Unwahrheit beruhen und es wird zugegeben, daß die Buren stets human verfahren sind, was von den Engländern nicht gesagt werden kann. Ein Proviantzug, der nach Kapstadt abgegangen und von 113 Soldaten begleitet war, wurde nach einem Telegramm Kitcheners am Sonntag bei Bauford⸗West vom Kommando Scheeper angegriffen. Der Zug wurde von den Buren erbeutet und verbrannt. Die englischen Verluste betragen 3 Mann tot, 18 verwundet. Der Bericht über die parlamentarische Thätigkeit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ist in Broschürenform erschienen. Er erstreckt sich auf die Zeit vom 14. November 1900 bis 15. Mai 1901 und umfaßt nicht weniger als 44 Druckseiten. Verfasser ist EL. Wurm. Zuerst bespricht der Bericht die China⸗Expedition und hebt hervor, mit welcher Geringschätzung die Re⸗ gierung den Reichstag damals behandelte, indem letzterer wegen der sehr bedeutenden Aufwendungen gar nicht gefragt wurde. Bei dem Zusammentritt legte man ihm die Rechnung von 152 770 000 Mark für das chinesische Abenteuer vor; und Graf Bülow, der unterdeß an Stelle Hohenlohes Reichskanzler geworden war, ersuchte, die ohne Zustimmung des Reichstags gemachten Ausgaben nachträglich zu bewilligen. Fast alle bürgerlichen Parteien bewilligten, statt energisch die Rechte des Parlaments zu schützen. Das Zentrum donnerte zwar noch etwas gegen den„fadenscheinigen Entschuldigungsgrund in der Thronrede“ wegen der Nichteinberufung des Reichstags, schließlich aber erklärte es sich doch durch das Nachsuchen der Indemnität be⸗ friedigt, obwohl bekannt war, in welcher— freilich zutreffender!— Weise in„hohen Kreisen“ das Verhalten des Reichstags verlacht wurde.„Nun, was wird es werden? Sie werden ein paar Tage lang hohe Reden halten, und es dann doch bewilligen!“ Unser Fraktionsredner geißelte in schärfster Weise die Schlappheit und Unzuverlässigkeit der Mehrheitsparteien, die allerdings dazu geführt habe, daß sich die Regierung Alles erlauben kann, auch„einen solchen Verfassungs⸗ bruch, wie es die Nichteinberufung des Reichstags ist“. „Wir können es mit unserem Gewissen nicht vereinbaren, schloß unser Redner, einer solchen Politik auch nur einen Pfennig zu bewilligen, und so erkläre ich im Namen meiner ganzen Fraktion: Im Namen des Rechtes, im Namen der Menschlichkeit stimmen wir einstimmig gegen die Vorlage.“ Unser Redner wandte sich auch gegen die Rede des Kaisers, die dieser am 3. August 1900 in Bremerhaven an die Arbeiter der Werften gehalten hatte. Der Kaiser hatte einigen der Arbeiter Medaillen gegeben und gesagt:„Diese Auszeichnungen verleihe ich Euch als Ausdruck meiner Zufriedenheit, daß Ihr nicht dem schlechten Beispiel der durch vaterlandslose Agitatoren verführten Arbeiter Hamburgs ge⸗ folgt seid, sondern den Patriotismus des deutschen Ar⸗ beiters fleckenlos gewahrt und wacker mitgearbeitet habt für die Schlagfertigkeit unserer braven Armee. Ehrlos der, welcher im Moment der Gefahr sein Vaterland im Stich läßt!“ In Wirklichkeit verhielt sich die Sache ganz anders. 60 bis 70 Nieter des Reiherstieg⸗Werfts, von denen keiner an einem Chinadampfer beschäftigt war, hatten die Arbeit eingestellt, weil sie den gleichen Lohn wie die Arbeiter der andern Werfte haben wollten. Und um die Unterstützung der Ausständigen unmöglich zu machen, sperrten die Werftbesitzer etwa 6000 Werftarbeiter aus, wodurch allerdings die Chinadampfer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nach der wirk⸗ lichen Sachlage sind also nicht die Arbeiter, sondern die Arbeitgeber jene vaterlandslosen Gesellen gewesen. Als im März 1901 abermals eine Forderung zur Deckung der chinesischen Expedition für das Rechnungs⸗ jahr 1901 und zwar im Betrage von 123322000 Mk. dem Reichstage vorgelegt wurde, kam dieser Nachtragsetat nicht einmal erst noch zur Kommissionsberatung, sondern wurde im Plenum mit allen gegen die Stimmen unserer Fraktion und der süddeutschen Volkspartei angenommen. Inzwischen hatte der Gang der Ereignisse bewiesen, wie berechtigt unsere Opposition gewesen war. Der deutsche Handel nach China wurde nicht nur wäh⸗ rend der Zeit der Unruhen geschädigt, sondern bleibt es auch auf wer weiß wie lange noch hinaus, da gerade die Deutschen jetzt die bestgehaßten Fremden in China sind. Die bisher bewilligten 276 Millionen Mark werden bald aufgebraucht sein und dann noch neue Forderungen für Befestigung von Kiautschou usw. kommen. Wie bei jeder Kolonialpolitik sind es einzelne Kapitalisten⸗ gruppen, die den Vorteil ziehen, und die Volksmassen, welche die Lasten tragen! Der Reichshaushaltsetat für 1901 beläuft sich im Ganzen in Einnahme und Ausgabe auf 2 390876351 Mark, von denen 216 Millionen Mark, das sind 9 Prozent, durch An⸗ leihen zu decken sind. Gegen das Vorjahr ist der Etat um 291 Millionen gestiegen: vor 10 Jahren be⸗ trugen die Ausgaben 1245 Millionen Mark, stiegen also seitdem um 92 Prozent! Bei der Generaldebatte über den Etat mußte der Staatssekretär des Reichsschatzamts zugeben, daß sich„das Gesamtbild des Etats wesentlich unfreund⸗ licher gestalte wie früher und dies in den nächsten Jahren noch schlimmer sein werde als jetzt, da die Zalten der wirtschaftlichen Hochflut vorüber und seit Sommer 1900 ein Umschwung eingetreten sei.“ Auch die Redner des Zentrums und der Nationalliberalen fanden die Finanzlage trostlos, deuteten aber bereits mit Genugthuung auf das Ablaufen der Handelsverträge hin, das ja ermögliche, die Zölle zu erhöhen. Unser Redner übte an diesem Gaukelspiel eine vernichtende Kritik. Die Erkenntnis, daß sparsamer gewirtschaftet werden müsse, komme den Mehrheitsparteien viel zu spät. Gerade diese seien ja durch ihre Be⸗ willigungswut schuld, daß es für sie jetzt kein Zu⸗ rück mehr gebe, denn bei allen hauptsächlich sich steigern⸗ den Ausgaben(Heer, Flotte, Kolonien) hätten sie sich ja schon im Voraus gebunden. Außerdem ist vom Zentrum wie von den Konservativen und den National⸗ liberalen bereits erklärt worden,„an unserer Weltpolitik sei nichts zu ändern und mit der Kolonialpolitik seien sie im Wesentlichen zufrieden“; sie wollen also, daß so wie bisher weitergewirtschaftet werde. Die Mehraus⸗ gaben für Reichsheer, Marine, Reichsschuldzinsen und Pensionen betragen gegenüber dem Vorjahre 81 Milli⸗ onen Mark. Die Gesamtausgaben des Jahres 1901 für Militär⸗ und Marinezwecke betragen: für das Heer 674, die Marine 207, den Pen⸗ sionsfonds 71, Schuldzinsen für Anleihen zu Gunsten des Heeres und der Marine 72, zusammen also 1024 Millionen Mark, während 1890 für dieselben Zwecke 502 Millionen Mark verbraucht wurden. Im Laufe von 12 Jahren haben sich also die Ausgaben für den Militarismus mehr als verdoppelt. Hat etwa die Steigerung des Nationalwohlstandes damit auch nur annähernd Schritt gehalten? Die Hauptschuld an der Vermehrung der Ausgaben für den Militarismus trägt das Zentrum, das als ausschlaggebende Partei die Pflicht und die Macht gehabt hätte, Halt zu gebieten. Aber das Zentrum ist heute weiter nichts als der Schleppenträger der Regierungspolitik! Durch diese Steigerung der Ausgaben für den Mi⸗ litarismus können die Einzelstaaten nur unzureichende Mittel für Kulturaufgaben flüssig machen. Die öffent⸗ liche Gesundheitspflege, die Wissenschaft, die Volksbildung — sie müssen mit kärglichen Brocken abgespeist werden. Bei der Gesamtabstim mung über den Etat stimmte unsere Fraktion so wie stets gegen denselben, nicht nur weil die Reichseinnahmen hauptsächlich durch indirekte Steuern gedeckt werden, die auf der ärmeren Bevölkerung am schwersten lasten, und nicht nur, weil bie Sozialdemokratie dem kulturfeindlichen Militarismus jeden Mann und jeden Groschen verweigert, sondern auch weil wir durch die Ablehnung des Budgets den grund- sätzlichen Gegensatz zum Ausdruck bringen, in dem sich die Arbeiterklasse gegenüber dem ka pitalist i⸗ schen Klassenstaate und seiner Regierung be⸗ findet.— An der Beratung der Einzeletats beteiligte sich unsere Fraktion wie stets in eingehender Weise, um die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter⸗ klasse zu vertreten.(Die Ausführungen hierüber können wir, wie den Bericht übechaupt nur auszugsweise wieder⸗ geben. Red.) Beim Etat des Reichsamts des Innern kritisierte unsere Fraktion wie alljährlich die Sozialpolitik des Reiches. Sie ist dabei durch ge⸗ eignete Teilung der Arbeit in der Lage, die Wünsche und Beschwerden der Arbeiter aus den verschiedensten Einzelgebieten zur Sprache zu bringen und so die Not⸗ wendigkeit sozialreformerischer Maßnahmen zu bekräftigen. Würde nicht von unserer Seite immer wieder auf die mannigfachen und oft so argen Mißstände hingewiesen, denen durch die rücksichtslose Profitsucht des Unterneh⸗ mertums die Arbeiter bei ihrem Kampf ums klägliche Brot ausgesetzt sind, die Regierung und die Mehrheits⸗ parteien würden die Sozialreform uur nach rück⸗ wärts entwickeln! Befindet sich doch das Reichsamt, des Inneren unter der glorreichen Leitung des Grafen Posadowsky vollständig im Schlepptau der Organi⸗ sation der rücksichtslosesten Profitmacher, des Zentral⸗ verbandes deutscher Industrieller, was nicht nur die 12000 Mark⸗Affaire beweist, die wir zum Gegenstand einer besonderen Interpellation machten (siehe diese), sondern auch aus der ganzen Energielosig⸗ keit des Reichsamtes des Innern hervorgeht. Wie der Zentralverband den früheren Minister o. Berlepsch „klein bekommen hat“, wurde von Bueck, dem General⸗ sekretär des Verbandes, in einem Briefe an den bayeri⸗ schen Reichsrat v. Haßler vom 7. Juli 1896(veröffent⸗ licht im„Vorwärts“ am 20. Januar 1901) recht an⸗ schaulich geschildert. Zur Kritik gab besonders Veranlassung, die Unthätig⸗ keit der Kommission für Arbeiterstatistik, die lapße Durchführung der Bäckerei-Verordnung, die Gewerbeaufsicht. Bei letzterem Kapitel wurde auf die Mißstände im Ziegeleigewerbe, den Berg⸗ werken, in der Glasschleiferei und Spiel waren⸗ industrie hingewiesen.— Für Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke trat unsere Fraktion ein. Doch hob unser Redner hervor, daß eine durch⸗ greifende Bekämpfung der Tuberkulose nur durch Besse⸗ rung der Lage der arbeitenden Klassen zu ermöglichen sei. Den Reichs zuschuß zum Ausbau der Ruine Hohkönigsburg, die dem Kaiser von der Stadt Schlettstadt geschenkt war, verweigerten wir, da weder historische noch künstlerische Wünsche vorliegen, sondern nur persönliche, die nichts sind als„ein verschleierter Teil des persönlichen Regiments“. Das Zentrum war mit Hurrah dafür, auch die Elsässer, die da glaubten, sie würden als Gegengeschenk die Aufhebung des Dikra⸗ turparagraphen bekommen. In der offiziösen Presse war das auch angedeutet worden. Als das Geld bewilligt war, verstummten die Sirenenklänge; sie hatten ja ihre Schuldigkeit gethan! Der Diktaturparagraph ist geblieben. f Von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiden. Die hessische Steuerreform, die jüngst in Kraft getreten ist, hat die Wirkung gehabt, daß die städrischen Steuerbezirke eine wesentliche Steuererhöhung erfahren haben, während die ländlichen Bezirke mit ihren Beträgen ganz erheblich herabgesetzt worden sind. So haben sich die Steuerbeträge in der Rheinprovinz in den drei städtischen Bezirken Mainz, Worms und Bingen um Mk. 208020 erhöht, während in den fünf ländlichen Bezirken Alzey, Oppenheim, Ingelheim, Osthofen und Wörrstadt die Summe um Mk. 246301 geringer als im Vorjahr ist. Ein ähnliches Verhältnis besteht auch in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. Tabakbau in Hessen. Die Zahl der Tabakpflanzer betrug im Jahr 1899/1900 in der Provinz Starkenburg 1124; davon entfallen auf die Gemeinden Lampertheim 293, Lorsch 149, Viernheim 361 und Wimpfen 319. In der Provinz Ober— hessen waren nur 2, in Rheinhessen kein Tabak— pflanzer. Der Flächeninhalt der mit Tabak bepflanzten Grundstücke im Großherzogthum betrug 33525,15 Ar, davon entfallen 0,30 Ar auf Oberhessen, der Rest auf Starkenburg. Die Menge des geernteten Tabaks betrug 502,552 ee eee 2 Seite 4. Mittel Souutags⸗Zeitung. Nr. 30. Kilogramm. Der mittlere Preis(einschließlich Tabaksteuer) von 100 Kilogramm Tabak be⸗ trägt 90,60 Mk. Der Wert der Tabakernte wurde auf 455,315 Mk. geschätzt. Die Gewichtssteuer betrug 180,705 Mk., die Flächensteuer 159 Mk. Wer pensiouiert wird. Für unseren hessischen Kleinstaat recht be⸗ zeichnend ist es, schreibt man unserm Offenbacher Parteiblatt, daß der vor einigen Tagen durch den Disciplinargerichtshof wegen Sittlich⸗ keitsvergehen im Dienst zu einer Geld⸗ strafe von 200 Mk. verurteilte und wegen angeblicher sogen. mora lischer Schwäche und sinnlicher Veranlagung auf seinen Wunsch (Ai) in den Ruhestand getretene Amtsrichter Stammler aus Fürth i. O. ein Ruhegehalt von 1600 Mark bezieht.— Welch' ein Getöse erhebt sich, wenn unsere Partei fordert, daß die kärgliche Altersrente für Arbeiter wenig⸗ stens mit dem 65. Lebensjahre eintreten solle! Da ist kein Geld da; auf der andern Seite erhalten Leute, die wegen schwerer Amtsvergehen entlassen werden mußten, hohe Pensionen! Das nennt man ausgleichende Gerechtigkeit. Wieder ein sozialdemokratischer Wahl⸗ erfolg! Bei der am 25. Juli stattgefundenen Reichs⸗ tagsersatzwahl im Wahlkreise Duisburg, die für den zum Handelsminister beförderten Abg. Möller notwendig geworden war, erhielten nach der„Frkftr. Ztg.“ Stimmen: Beumer (natl.) 25 368, Rintelen(Zentrum) 20000, Hengstbach(Soz.) 14312, Renckhoff (freis.) 1089, Czarlinski(Pole) 2717 Stim⸗ men. Demnach hat sich unsere Stimmenzahl in diesem Kreise seit der letzten Reichstagswahl im Jahre 1898, wo nur 7804 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, fast verdoppelt! Bravo! Sießener Angelegenheiten. — Octroi⸗- Einnahmen. Im Rech⸗ nungsjahr 1900/01 verzeichnet die Stadt Gießen folgende Einnahmen aus dem städtischen Octroi: Für Schlachtvieh. Mk. 36884.63 „ Fleischwaren 6475.88 „ Brennmaterial 38601.93 5223.13 * Mühlenfabrikate u. Hafer„ Geiränjʒte„% 32073.09 Das sind zusammen Mk. 119258.66 5179 mehr als im Vorjahr. Rechnet man die geleisteten Rückvergütungen für ausgeführte octroipflichtige Waren ab, so bleiben im Ganzen Mk. 106668.85, das macht auf den Kopf der Einwohnerschaft berechnet, ungefähr 4 Mk. jährlich, für eine fünfköpfige Familie Mk. 20. — Selbstverständlich kommt diese indirekte Steuer im Preise der versteuerten Waren zum Ausdruck, wodurch den Konsumenten immer⸗ hin nicht unbedeutende Lasten auferlegt werden. — Maurer⸗Versammlungen. Am Mittwoch Abend fand im„Wiener Hof“ eine gut besuchte Maurer⸗Versammlung statt, in der Koll. Horder aus Görlitz referierte. Auch in mehreren Ortschaften der Umgebung sollen dieser Tage Versammlungen abgehalten werden. Im Zentralverbande der Maurer findet eine Aenderung der inneren Organisation insofern statt, als kleinere, zusammenliegende Zahlstellen zu„Zweigvereinen“ zusammengelegt werden. Diese Aenderung hier in die Wege zu leiten, ist der hauptsächlichste Zweck der Versammlungen. — Zur Lohnbewegung der Bäcker. Wie wir in der letzten Nummer berichteten, wurde von Seiten der Gesellen das Gewerbe⸗ gericht als Einigungsamt angerufen, um alle Möglichkeiten einer gütlichen Verständigung zu erschöpfen. Auf die an die Bäckerinnung er⸗ gangene Einladung des Gewerbegerichtsvorsitzen⸗ den zur Verhandlung, lehnten die Bäckermeister 5 Gesellen: Beseitig beim Meister auc denn es existieren stände, die alle „Kost⸗ und Logiswesens Publikum interessiert, einzelnen Bäckereien Zu⸗ lichkeit Hohn sprechen, deren Besserung 1 aus gesundheitlichen Gründen verlar: erden muß. Wie sich die Gesellen zu der Hort der Innungsmeister stellen werden, rien Air noch nicht. Verfügten sie über eine straf Organisation, so dürfte ihre Antwort an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig lassen. Wir sind trotzdem überzeugt, daß sie den unter den gegenwärtigen i en richtigen Weg finden und betreten werden. — Die„unparteiischen“ Neuesten Nachrichten schneiden irgendwo einen Artikel über die„Hunnenbrief⸗Fabrik“ aus, in dem am Schluß unser Zentralorgan und die sozial⸗ demokratische Presse überhaupt der Unwahr⸗ haftigkeit geziehen wird. Anstatt Andere zu verdächtigen, sollten die„N. N.“ doch wegen ihrer zahlreichen Sünden in sich gehen und an ihr vielleicht nahes Ende denken! In Wieseck feiert diesen Sonntag der Gesangverein „Sängerkranz“ sein 5. Stiftungsfest im Garten des„Gambrinus“ bei Wacker. Da der Verein dem Arbeitersängerbund angehört, dürfte sich das Fest eines zahlreichen Besuches erfreuen. Wie wir hören, hält Gen. Krumm die Festrede. Aus Friedberg. u. Kreiskonferenz. Sonntag, 11. August vorm. 10 Uhr findet in Vilbel die Kreis⸗ konferenz für den Wahlkreis Friedberg⸗ Büdingen im Lokale„Zum Pfau“ statt. Die zur Verhandlung stehenden Gegenstände sind aus der Annonce ersichtlich. Es empfiehlt sich für die Genossen baldmöglichst in Beratung derselben einzutreten und die Dele giertenwahlen demnächst vorzunehmen. * Eisenbahnunfall. Auf der erst am 15. ds. Mts. eröffneten Linie Homburg⸗ Friedberg entgleiste am Sonntag der um 7.15 früh hier fällige i kurz vor dem Friedberger Bahnhofe. Wie die„Frkftr. Volks⸗ stimme“ berichtet, blieb von dem aus Maschine und 7 Wagen bestehenden Zuge nur der letzte Wagen im Geleise. Nur dadurch, daß ein Wagen nach der andern Seite gesprungen ist während die übrigen 5 auf die Seite der Kurve sprangen, mag es gekommen sein, daß der ganze Zug nicht die hohe Böschung herabfiel und Menschenleben zu beklagen sind. Wenn man sich die Unglücksstelle ansieht mit den zerbrochenen Schwellen und Eisenteilen, so fällt vor allem die an dieser Stelle verwendeten, an scheinend alten Schienen, deren Wangen— an anderer Stelle— auf einer Seite bereits ganz abgefahren sind und die nur hier herumgedreht wurden, in die Augen. Weiter machen die zerbrochenen Eisenteile, Schrauben und Platten für jeden Fachmann den Eindruck von schlech⸗ kem Material, sodaß man sich wundern muß, wie überhaupt dergleichen Verwendung finden konnte. Hier scheint demnach auch die bekannte „Sparsamkeit“ mit Schuld zu sein. Ueber die Ursache des Unfalls schreibt unser Friedberger Gewährsmann: Es wurde mehrfach behauptet, daß alte Schwellen verwendet worden wären. Zu alt waren dieselben nicht, eher zu jung. Aber durch das jetzige Impräg⸗ nierverfahren stirbt das Holz ab, wird morsch, „kurz“ wie der Fachmann sagt und die Schwellen brechen wie Streichhölzer. Mehr Schuld trägt aber der höchst leichtfertige Oberbau. All⸗ gemein ist man der Meinung, daß es höchst gefährlich, ja unverantwortlich sei, die Strecke befahren zu lassen. Es sind alte Sc ienen verwendet worden. Eine derselben zeigte einen nach fachmännischer Ansicht jahre⸗ alten, die Schiene zu/ der Stärke durch⸗ laufenden Bruch, trotzdem kam sie wieder in Benutzung. Sonntag brach sie ganz durch und führte dadurch den Unfall herbei. Man jede Vermittelung ab. Diese protzige Antwort beweist die Rückständigkeit der hiesigen Bäcker⸗ meister. Zweifellos ist an der Forderung der muß sich wenn man den Bruch sieht, nur im Hotel Trapp ist d ie Strecke derartig, daß eine gründliche Inspek tion notwendig erscheint. Die Bahnverwaltung sollte unverzüglich eine solche vornehmen lassen und das Resultat zur Beruhi gung der aufgerechten Bevölkerung öffentlich bekannt geben. Wetzlar. * Kreisblatt⸗Selbstkritik. Der„Wtzl. Anz.“ erzählt seinen Lesern ebenfalls die von der Berliner Korrespondenz verbreitete ziemlich windige Geschichte von der Hunnenbrief⸗Fabrik und entrüstet sich dabei vorschriftsmäßig über die„gewissenlose Presse“, die„Hunnenbriefe“ veröffentlichte. Mit biedermännischer Miene beginnt er: „Man wird sich erinnern, welchen groben Unfug demokratische Blätter aller Schat⸗ tierungen— leider aber auch manche andere Preß⸗Organe— seinerzeit mit der Veröffeut⸗ lichung von angeblichen Privatbriefen aus China trieben ꝛc“ Ja,„leider“ auch andere Preßorganel Und der„W. Anz.“ war zufällig eins der ersten Blätter, das einen solchen Brief ab⸗ druckte, dabei zugleich die Hunnenthaten bejubelte! Daß das Blatt eingesteht, damit groben Un⸗ fug verübt zu haben, ist immerhin ganz an⸗ erkennenswert. u. Bezüglich des Bürgerrechts⸗ geldes teilt der W. Anz. mit, daß der Be⸗ schluß der Stadtverordneten, dasselbe auf 3 Mk. herabzusetzen, von der Aufsichtsbehörde bestätigt worden sei. Es empfiehlt sich auch für unsere Genossen— aus Gründen, die wir hier nicht weiter anzuführen brauchen—, daß sie den drei Mark⸗Tribut leisten und so ihre Aufnahme in die Liste der stimmfähigen Bürger bewirken, 115 noch bis zum Schluß des Monats offen iegt. die de Bäckergesellen, welche die von uns schon erwähnte Infamie begingen, ein Schriftstück zu unterzeichnen, in welchem ein hiesiger, politisch frei denkender Bäckermeister als der„Anstifter“ der Lohn⸗ bewegung bezeichnet wird, sind die bei Rüdinger beschäftigten Oertel und Schmidt. Die That dieser Leute, die wissen mußten, daß das, was sie unterschrieben, der Wahrheit strack? zuwiderlief, verdient die e ntschiedenste Verur⸗ teilung. Derartige Dinge müssen natürlich ihnen selbst und der ganzen Arbeiterbewegung zum Schaden gereichen. u. Ein schweres Unglück traf am Samstag die Familie des Bäckermeister Köhler. Der sechsjährige Knabe desselben stürzte von Dache eines niedrigen zum Anwesen Köhler gehörigen Anbaues in den gepflasterten Hof hinab und war sofort eine Leiche. Den un⸗ glücklichen Eltern wird allgemeine Teilnahme entgegen gebracht. 5 Neues über die Tuberkulose. Auf dem Tuberkulosenkongresse, der in diesen Tagen in London stattfand, trat Professor Robert Koch⸗Berlin mit eine neuen Entdeckung hervor. Der verdient. volle Gelehrte berichtete über die von ihm zur Erforschung der Uebertragbarkeit der Tuberkel-⸗ bazillen angestellten Versuche. Diese haben en“ geben, daß die Tub erkelbazillen der Rinder bei Üeberimpfung auf Menschen, für diese unschädlich sind, und umgekehrt, daß dis Tiere für die menschlichen, Tuberkelbazillen unempfänglich sind. Es folgt daraus die ungemein wichtige Thatsache, daß die Tuber⸗ kulose der Menschen nicht identisch ist mit der Rindertuberkulose, und daß die bisherige An. nahme von der Uebertragbarkeit der Tuberkulos 1 unserer Haustiere auf Menschen hinfällig it Durch eine lange Reihe von Untersuchungen 10 Koch zu dem überraschenden Ergebnisse gelan 4 daß Tiertuberkulose und Menschentuberkulod 1 ganz verschiedene Arten von Krankheiten sinn! Die Resultate seiner Forschungen hat er ein bom Reichsgesundheitsamt einberufene Kommission von hervorragenden Sac ver 1 ständigen vorgetragen und zur Nachprüfuln unterbreitet. Als wichtigstes Mittel zu —— —.. 9 wundern, daß sie so lange gehalten hat. [Trotz aller schönen Reden bei dem Festessen Bekämpfung der Tuberkulose⸗Ueber 5 r H— r 2 Nr. 30, — artig, Da ö enten glich eig fallt zu, cbilkermg Der Nl 5 die bon te zienlit rief Jabif uaßig übe unenbriefe her Mich hen grohe ler Schgt ache anden Veröffel. riefen au; organe g eins de 1 Brief ab, n bejubelt oben U. ganz ab, zerrechtz aß der A. e auf 3 M. de bestätih für une r hier nic aß sie de e Aufnahn er bewülke onats oft gesellet be Jufan zeichnen,! i denkende det Loh, dei Rüditg nidt. N nußten, heit fal eue Van en katitl terbewesl! ick traf afin feilt stürzte l. cen Kill teren! e. Ah E Teilich ulose 916% fand, in nie der bell N. 30. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. tragung von Mensch zu Mensch bezeichnete Koch Besserung der Wohnungsverhältnisse der ärmeren Bevölkerung. Ferner sei Krankenhaus⸗ behandlung der schwerer Erkrankten notwendig. — An den Vortrag Koch's schloß sich eine längere Debatte. Professor Lister hielt weitere Untersuchungen für nötig. Daraus, daß sich die Tuberkulose der Menschen nicht auf Rinder übertragen lasse, folge das Gegenteil noch nicht. Mehrere andere Redner sprachen sich ebenfalls für weitere Untersuchungen aus. Folgen des Bankkraches. Immer noch zieht der Bankkrach zahlreiche Opfer nach sich. In Berlin hat der Bankier Rawitsch, Inhaber der dortigen Firma Stein⸗ sieck u. Ko., infolge von Wechselverbindlich⸗ keiten in der Höhe von einer Million Mark, die mit der Treber⸗Trocknungs⸗Affatre in Zu⸗ sammenhang stehen, Selbmord verübt. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 25. Juli 1901. — Gewerkschaftsfest. Wir wollen nicht verfehlen, nochmals auf das heute Sonntag nachmittag im Schloßgarten dahier stattfindende Sommer fest der hiesigen Gewerkschaften aufmerksam zu machen. Für Unterhaltung ist durch Konzert, Volks- und Kinderbelustigungen, so wie Tanz reichlich gesorgt. Teilnehmerkarten für das ganze Fest(incl. eine Dame frei) kosten 1 Mk., Karten zum Gartenfest(eine Dame frei)): 30 Pfg., jede weitere Dame 15 Pfg. Die Kinder der Festteilnehmer haben freien Zutritt. — Freibad. Das seitens der Stadt sich der sog. Weide errichtete Freibad befindet si in einem solch wider wärtigen, ekelerregenden ider daß es einem jeden anständigen enschen rein unmöglich ist, dort zu baden, um nach des Tages Last und Mühen sich etwas zu erfrischen. Ist es doch gerade besonders für die Arbeiter eine dringende Notwendigkeit, öfters ein Bad zu nehmen, sind doch die wenigsten von ihnen in der Lage, sich dieses zu Hause leisten zu können. Ebenso können sie sich nur selten ein Bad in der städt. Badeanstalt erlauben, da dies mit der Zeit immerhin eine ziemlich kostspielige Sache wird, und das Leben ist durch die hohen Miet⸗ und Lebensmittelpreise bei meist geringem Verdienst sowieso schon teuer genug. Aber nicht allein der An⸗ und Aus⸗ kleideplatz des Freibades bedarf einer gründlichen Säuberung und Beaufsichtigung, sondern der Badeplatz an sich ist sehr ungenügend. Der, durch eine auf dem Wasser schwimmende be⸗ festigte Stange, abgegrenzte Teil für Nicht⸗ schwimmer ist zu flach; geht doch das Wasser den Erwachsenen kaum bis über die Kniee, während man über die Stange weg sofort in der Tiefe verschwindet. Es wäre sehr wünscheus⸗ wert, daß die städt. Behörden diesem traurigen Zustande des Freibades baldigst ein Ende machten. — Akademisches. Unsere gebildete studentische Jugend macht sich in letzter Zeit durch nächtliches Skandalieren wieder in recht unliebsamer Weise bemerkbar. So wurde von Studenten in der Nacht zum Mittwoch auf dem Marktplatz, trotz der Nähe der Haupt⸗ wache, durch Werfen von Feuerwerkskörpern usw. ein fürchterlicher Radau verübt.— In derselben Nacht wurden in der Fraukfurter⸗ straße eine Anzahl Alleebäume von einem rohen Burschen mittelst einer Axt schwer beschädigt. Kleine Mitteilungen. ** Ein frecher Einbruch wurde in Nauheim im Uhren⸗ und Goldwarengeschäft von G. Stamm in der Nacht zum Samstag verübt. Etwa 50 Uhren, 200 Ringe und andere Wert⸗ sachen wurden gestohlen. * Schwerer Verdacht. Vorige Woche wurde nach der Frkftr. Ztg. in Harba ch bet Lich die Leiche der kürzlich verstorbenen Ehefrau des Lehres Erdmann ausgegraben und unter⸗ sucht. Die Frau soll keines natürlichen Todes gestorben sein; Erdmann wurde in Rutters⸗ hausen verhaftet. * Gemeinderatswahlen. Bei der am Samstag in Klein⸗Auheim stattgehabten Gemeinderatswahl wurden zwei vom Sozial⸗ demokratischen Wahlverein aufgestellte Kandida⸗ ten mit 126 und 137 Stimmen gewählt. Von 372 Stimmberechtigten beteiligten sich nur 267 an der Wahl.— Dagegen sind unsere Kan⸗ didaten in Langen, das für unsere Partei als sicher galt, unterlegen. Sie erhielten nur 268 bis 293 Stimmen, die Gegner 409 bis 454.— In Ru mpenheim zeigte sich eine sehr starke Beteiligung. Unsere Partet verzeich⸗ net einen bedeutenden Stimmenzuwachs; von den drei sozialdemokratischen Kandidaten wurde einer gewählt.— In Ober⸗Erlen⸗ bach unterlagen die Kandidaten der Arbeiter⸗ partei. * Furchtbare Unwetter und Hagel⸗ schläge richteten am Sonntag Nachmitag in der Umgegend von Kassel große Verheerungen an. Strichweise ist die Ernte total vernichtet. — Auch über Frankfurt entlud sich am Sonntag ein sehr starkes Gewitter. Mehrmals schlug der Blitz in die elektrische Leitung der Straßenbahn, konnte jedoch infolge der zweck⸗ mäßigen Blitzableiter keinen Schaden anrichten. * Mer kwürdiger Fund. Bei der gegenwärtig vorgenommenen Renovirung der Gotthardtskapelle am Mainzer Dome fanden die Maurer ein verschlossenes Kistchen, worin sie Dokumente oder Urkunden vermuteten. Nach genauerer Einsicht jedoch ergab sich, daß es einen Band des seiner Zeit unter dem Sozialisten⸗ gesetz verbotenen und von der Polizei heftig verfolgten Züricher„Sozialdemokrat“ vom Jahre 1883 enthielt. Das war allerdings ein vorzüglicher Aufbewahrungsplatz für ver⸗ botene sozialdemokratische Schriften, um sie den Spürnasen des damals herrschenden Spitzel⸗ systems zu entziehen. * Hinrichtung. Montag früh wurde in Mannheim der Taglöhner He ckmann, der seine Schwägerin aus Rachsucht ermordet hatte, enthauptet. Er war am 22. April zum Tode verurteilt worden. Als ihm die Ableh⸗ nung des Gnadengesuches mitgeteilt wurde, zeigte er große Niedergeschlagenheit. 5 * Ein gemeingefährlicher„Edel⸗ ster.“ Vorige Woche erschoß der Baron v. Stietencron in der Nähe seines Gutes Oberweiler bei Saarburg absichtlich einen Italiener, der mit mehreren Kameraden am Legen der Wasserleitung arbeitete. Der adlige Mörder befindet sich noch auf freiem Fuße! Es lebe die Gleichheit vor dem Gesetz! * Lustmor d. Im Walde zwischen Hill⸗ scheid und Höhr(bei Koblenz) wurde ein 13 jähriges Mädchen aus Hillscheid ermordet aufgefunden. Der Befund ergab, daß das Mädchen geschändet und erdrosselt worden ist. Der Mörder soll bereits verhaftet sein. * Weitere Opfer des Bankkraches. Nach dem„Leipz. Tagebl“ sprang dort am Mittwoch Nachmittag ein Herr in selbstmörde⸗ rischer Absicht in die Pleiße, wurde aber von mehreren Personen noch lebend herausgezogen und in seine Wohnung gebracht. Das Motiv der That soll großer Ver lust durch den Leipziger Bankkrach sei n.— Aus Dortmund wird berichtet: Der Fabrikant Otto, Mitglied des Aufsichtsrats der Aktien⸗ gesellschaft Trebertrocknung, hat Donnerstag Nachmittag seinen Konkurs angemeldet. Nach seiner Ankunft in Kassel wurde er verhaftet. Partei-Uachrichten. Partei⸗Schiedsgericht. Am 15. Juli tagte in Hamburg ein Schiedsgericht, das sich mit dem Ausschlußantrag zu beschäftigen hatte, der von vier Hamburger sozialdemokratischen Vereinen gegen eine An⸗ zahl Maurer gestellt war. Dem Antrag liegt folgender Thatbestand zu Grunde. Voriges Jahr traf der Maurer⸗ Verband, dessen Mitglieder die in Rede stehenden Ge⸗ nossen waren, eine Vereinbarung mit den Arbeitgebern, worin die Akkordarbeit ausgeschlossen war. Ein kleiner Teil der Maurer hat sich diesem Beschlusse nicht gefügt und arbeitete im Akkord weiter. Der Zentral⸗ verband der Maurer hat darauf über die Bauten, wo in Akkord gearbeitet wurde, die Sperre verhängt und die betreffenden Mitglieder ausgeschlossen. Die Ausge⸗ schlossenen haben dann eine selbständige Organisation —„Freie Vereinigung“— gegründet und faßten den Beschluß, an allen Bauten die Arbeit aufzunehmen, wo der Zentralverband die Sperre verhängt hat, weil Mit⸗ glieder der„Freien Vereinigung“ im Akkord beschäftigt werden. Wo dagegen wegen Verschlechterung der Ar⸗ beitsbedingungen die Sperre verhängt worden war, sollte die Arbeit niemals aufgenommen werden. Wegen dieser Stellungnahme wurde der Ausschluß der Betreffend eu aus der Partei als„Streikbrecher“ beantragt.— Dem Konflikt liegt also die verschiedene Beurteilung der Ak⸗ kordarbeit in den beteiligten Kreisen zu Grunde. Das Schiedsgericht hatte die Frage zu prüfen, ob auf die Angeschuldigten der§ 2 des Organisationsstatuts Anwendung finden könne, welcher lautet: „Zur Partei kann nicht gehören, wer sich eines groben Verstoßes gegen die Grundsätze des Partei⸗ programms oder wer sich einer ehrlosen Handlung schuldig gemacht hat.“ Es erklärte den Streikbruch als ehrlose Handlung im Sinne des Parteistatuts, in dem Verhalten der Ange⸗ schuldigten könne jedoch solcher nicht gefunden werden. Deshalb faßte das Schiedsgericht folgenden Beschluß; „Das am 15. Juli 1901 in dem Konferenzsaale des„Echo“ tagende, vom Parteivorstand berufene und aus neun Personen bestehende Schiedsgericht hat nach eingehender Prüfung aller in Betracht kommenden That⸗ bestände den Antrag der vier Parteivereine von Ham⸗ burg und Wandsbeck „auf Ausschluß sämtlicher vom Zentralverband der Maurer als Streikbrecher bezeichneten Personen aus der Partei“ einstimmig abgelehnt.“ Gegen diesen Schiedsspruch, der kaum anders aus⸗ fallen konnte, nahm die Zahlstelle Hamburg des Ma u⸗ rer verbandes Stellung, indem sie ihn als einen Fehlspruch erklärt und ihn bedauert. Möglicher weise wird die Angelegenheit noch den Parteitag beschäftigen, der in diesem Falle als Berufungsinstanz zu entscheiden hat. *Die Chefredaktion der„Leipz. Volkszeitung“ hat nunmehr Genosse Abg. Blos endgiltig übernommen, nachdem leider jede Aussicht auf die Wiederherstellung des schwer erkrankten Genossen Schönlank geschwunden ist. Versammlungskalender. Samstag, den 27. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Friedberg. Wa hlverein. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New⸗York. Tages⸗ ordnung: Delegiertenwahl zur Kreiskonferenz. Montag, den 29. Juli. Gießen. Schneiderverband. Abends 19 Uhr Versammlung bei Orb ig. Samstag, den 3. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Rech⸗ nungsablage; 2. Vorstandswahl; 3. Stellungnahme zur Kreiskonferenz. Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. 18. Juli: Konrad Kießelbach, Bäckergeselle mit Johanna Jürgensen dahier. 19. Karl Neit, Buchhalter dahier mit Auguste Westhoff in Dort⸗ mund. 20. Johannes Herget, Sergeant dahier mit Margarethe Sommerlad in Beuern. 23. Johann Löber, Taglöhner mit Katharine Schneider dahier. Eheschließungen. 19. Juli: Wilhelm Schiele, Chemiker in Freienorla mit Ottilie Buderus dahier. 20. Adam Wenz, Maurer, mit Sophie Kranig, dahier. Josephat Brähler, Sergeant dahier mit Auna Herber in Herbstein. 25. Georg Ritzel, Kanfmann, mit Wil⸗ helmine Otter, dahier. Geborene. 12. Juli: Dem Kutscher Heinrich Lich e. S. 15. Dem Postboten Heinrich Schmidt XIV. e. T. Dem Eisenbahnwerkmeister Rudolf Larbig e. S. 17. Dem Weißbinder u. Lackirer Emil Schmall III e. S. 18. Dem Kaufmann Karl Köhler e. S. u. e. T. Dem Kaufmann Aloys Spengler e. S. 20. Dem Kutscher Heinrich Prinz e. S. 22. Dem Schlachthaus⸗ direktor Arthur Liebe e. T. Dem Bahnarbeiter Jo⸗ hannes Hofmann e. T. Dem Küfermeister Leonhard Doͤrflein e. S. Dem Regierungsbaumeister Hugo Jaekel e. S. Gestorbene. 22. Juli: Margarethe Rausch, 10 Monate alt, Tochter des Taglöhners August Rausch dahier. Heinrich Dörr, 1 Monat alt, Sohn des Stationsportiers Heinrich Dörr dahier. 23. Elisa⸗ bethe Hahn, 5 Monate alt, Tochter des Schneiders Heiurich Hahn dahier. Johannes Hormann, 60 Jahre alt, Geflügel- u. Wildprethändler dahier. 25. Elisabethe Franz, 57 Jahre alt, Lauffrau dahier. Seise 6. Mitteldentsche Soun! 2gs⸗Zeitung. Nr. 30. 7 „ Unterhaltungs-Cril. a——— 9 A Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer. 4(Fortsetzung) Beim Anblick der eintretenden Frauen blieb Babett einen Augenblick wie versteinert stehen, dann aber stürzte sie mit einem halb schluchzenden, halb jauchzenden Laut auf das Kind zu, riß es an sich und barg es wie einen geraubten Schatz unter wilden Liebkosungen an ihrem Busen. Ueber das Geschrei des erschreckten Knaben erwachte der Kranke aus seinem Halb⸗ schlummer, und wie es schien, bei klarem Bewußt⸗ sein. Die Mutter erkennend, breitete er die Arme nach ihr aus, und Mutter und Sohn hielten sich innig umschlungen. Babett hatte nur Augen für ihr Kind, das jetzt beruhigt auf ihrem Schooße saß und neugierig, wie einer entschwundenen Erinnerung nachhängend, zu ihr aufblickte. Als der Kranke wieder entschlummert war und die Alte sich leise vom Bettrande, auf dem sie gesessen, erhob und auf Babett zutrat, als wollte sie das Kind an sich nehmen, wies diese sie schroff zurück. Frau Bachler begriff, daß sie ihr den Kleinen überlassen müßte, und begab sich in die anstoßende Kammer, die ihr die Wirtin zur Nacht angewiesen hatte. Tot⸗ müde sank die Alte auf ihr Lager. Es mochte gegen Mitternacht sein, als sie durch eine, häufig von Schluchzen unterbrochene Stimme in der Nebenkammer, die nur eine dünne Bretterwand von der ihrigen schied, ge⸗ weckt wurde. Sie horchte. „—= sie, sie allein hat mich aus dem Hause getrieben. Was war ich auch darin? Eine Holzpuppe, die sie hin und herschob nach ihrem Willen. Ich hab' blos nicht aufbegehrt wegen Dir. Ich wußt doch, wie viel Du auf deine Mutter hältst. Aber schwer wars', kannst's glauben.— Alles hat sie an sich gerissen, auch das Kind, mein lieb süß Jüngele, daß es zuletzt nichts mehr nach mir gefragt hat. Aber ich hab's verdient, viel tausendmal, darum, daß ich so schlecht sein konnt', fortzugehen von Dir und ihm. Ich weiß kaum selbst mehr, wie es möglich gewesen. Ich will's auch büßen, mein Leben lang. Siehst, ich hab' hier all' die Nächte auf meinen Knieen vor Deinem Bett gelegen und gebetet, daß Du gesund werden und mir verzeihen mögst. Und das kann ich Dir zuschwören: zu nah hat mir Keiner kommen durft. Du und das Kind und mein arm' Mutterle im Himmel, Ihr habt mich geschützt vor der Sünd'. Jetzt, da mach' mit mir, was Du willst, blos verstoßen 11 mich nicht, weil ich schon so arg unglücklich in 2 Hier erstickte die Stimme in krampfhaftem Schluchzen und Jost flüsterte beschwichtigende, liebreiche Worte. Die Alte, welche, das Ohr an die Waud gelehnt, aufrecht im Bette gesessen hatte, sank jetzt wie leblos in ihre Kissen zurück. Eine furchtbare Anklage war gegen sie erhoben worden. Sie sollte Babettens Flucht und alles Unglück, das daraus gefolgt war, mit verschuldet haben. Ihr war, als hätte man ihr das Herz im Leibe umgedreht. Das graue Haupt in die dürren Hände vergraben, saß sie den Rest der Nacht zusammengekauert in tiefen Gedanken. Sie hatte hart schaffen müssen von der Jugend cuf. Nichts Anderes hatte daneben Platz gefunden. Ihre Heirat war nur vermehrte Arbeit gewesen. Erst mit der Geburt ihres Sohnes, der ihr von sechs nachfolgenden Kindern allein übrig geblieben, war ein Höheres in ihr Leben getreten. Ihn liebte sie mit der Ausschließlichkeit und Jubrunst einer strengen, nur dem Muttergefühl zugänglichen Frauennatur. Sein Glück war der Zweck ihres Daseins, uns so hatte sie Babett auch nur als Mittel zu dessen Echöhung betrachtet. Daß diese außer⸗ dem noch etwas zu sein beanspruchen könnte, war ihr ebensowenig in den Sinn gekommen, als daß der Knabe, dieses ihr von Jost un⸗ trennbare Wesen, nicht vor Allem ihrer, der Großmutter, Sorge und Pflege unterstellt sein sollte. Jetzt zum ersten Male stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie in all' dem nicht gefehlt, das Glück ihres Jost, statt es zu fördern, nicht geradezu gefährdet hatte. Und diese Zweifel waren fürchterlich. Am nächsten Morgen machte die Alte sich reisefertig und nahm Abschied von ihrem Sohn. „Ich bin hier nichts nütz,“ sagte sie,„und daheim giebt's zu thun. Wenn Du heimkommst, will ich mal nach meinen Leuten in meinem Geburtsort schauen. Die werden auch'ne Freud' haben, mich mal zu sehen.“ Ihre Zeche wollte die Frau von dem wenigen Geld, das sie von Hause mitgenommen hatte, berichtigen, aber die Wirtin nahm nichts bezahlt, sondern packte ihr noch einen Imbiß für unter⸗ wegs in den Korb. Dann schritt die Alte fürbaß, äußerlich ruhig und gefaßt, wie sie gekommen, innerlich eine gebrochene Existenz. Als Jost über das Erlebte endlich nachzu⸗ denken begann, fiel ihm plötzlich auch das Geld ein, das er auf dem Markte für sein Schuhwerk gelöst hatte. Wo war es geblieben, wo hatte er es hingethan? Wie ein Rasender fuhr er in die Höhe, betastete sich, durchwühlte sein Bett, ließ sich seine Kleider reichen, kehrte alle Taschen um. Nichts. Endlich besann er sich. Bevor er in's Wirtshaus ging, hatte er den ziemlich schweren Sack mit dem Silbergeld in eine der Schuhkisten eingeschlossen und diese unter das Stroh seines Wagens verpackt. Wollte er doch den nächsten Morgen in aller Frühe abfahren. „Lauf, Babett, lauf, schau nach dem Geld,“ rief er voll Angst,„ich bin ruiniert, rettungslos ruiniert, wenn es fort ist.“ „Es wird nicht, es wird nicht,“ tröstete ihn Babett, aber umsonst durchwühlte sie das Stroh des Wagens, der koch ruhig an seiner Stelle im Schuppen stand. Die Kiste mit dem Gelde war verschwunden. Auf diese Kunde fiel Jost wieder in einen Fieberzustand, in dem er beständig von seinem verlorenen Geld phantasirte, mit den Dieben, die es ihm genommen, kämpfte und den Leder⸗ lieferanten um Erbarmen mit Weib und Kind anflehte.. Inzwischen hatte die Polizei, die von dem Diebstahl benachrichtigt worden, verschiedene Individuen, auf die der Verdacht sich lenkte, verhört, auch zwei oder drei in Haft genommen, aber ihnen nichts bewiesen werden konnte, mußten sie wieder entlassen werden. Bachler genas sehr langsam. Noch so schwach, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte, bestand er darauf, sich zu seinem Gläubiger, dem Lederlieferanten, dessen Fabrik in der Stadt lag, zu begeben, um ihm persönlich sein Unglück vorzutragen und um abermalige Stundung zu bitten. Wie er seine Schuld je abtragen sollte, er wußte es nicht, und der Fabrikant war kein geduldiger Gläubiger. Babett sollte ihn auf dem Gange begleiten. (Schluß folgt.) Unsere Nervenkräfte. Wer mehr von seinen Nervenkräften ausgiebt, als er einnimmt, der ist auf dem Wege angelangt, der zur Ermattung führt. Unser Nervensystem besteht aus dem Gehirn und aus dem Rücken⸗ mark und die Nerven sind die Ausläufer. Den besten Begriff von Nervenkräften wird man bekommen, wenn man sie sich als Spannkräfte vorstellt. Wenn ein Mensch gut geschlafen hat, dann ist auch in seinem Nervensystem eine andere Spannung vorhanden, als zur Zeit, da er sich ermüdet zur Ruhe begiebt. Die Thatsache, daß durch die Arbeit eine Spannkraft verloren wird, und daß die Spannkraft durch den Schlaf wiedergewonnen werden kann, ist von weittra⸗ gender Bedeutung. Solange wir uns eines guten Schlafes erfreuen, können wir zufrieden sein. Leider betrachten aber viele Menschen, namentlich die Jugend, den Schlaf als ein notwendiges Uebel, doch in der Thatsache, daß der Schlaf immer und immer kommt, und daß er im Stande ist, die größte Willenskraft zu brechen, auch darin liegt eine große Bedeutung. Der Schlaf ist aber nicht das einzige Mittel, die Nervenkräfte zu erhöhen, es giebt noch ein Zwischenstadium zwischen Arbeit und Schlaf, das ist die Erholung. Doch mancher, der im Jahre seine vierzehn Tage oder vier Wochen Urlaub erhält, findet nicht die erwartete Er⸗ holung. Und warum nicht? Weil der Ueber⸗ gang von Thätigkeit zur Ruhe ein zu rascher war. Wie die Sachen gehen, ist klar. Da muß erst dies und das noch erledigt werden, dann fährt man ab und giebt sich nun der Ruhe hin. Nur zu rasch kommt der letzte Urlaubstag heran; man tritt wieder ein und ein Berg von Arbeit erwartet uns. Es heißt: „Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten Tage ruhen“. Damit ist die Sonntagsruhe gemeint, und die kleinen Schulden, die die Woche mit sich bringt, lassen sich auch viel eher am Ende derselben ausgleichen, als wenn wir ein ganzes Jahr warten. Es giebt noch eine Quelle, unsere Nerven⸗ kräfte zu vermehren.„Das ist die Uebung“. Die Uebung ist eine wunderbare Einrichtung unseres Organismus, mit jeder Wiederholung wird eine Arbeit leichter und schließlich gewinnen wir eine Leistungsfähigkeit, welche wir gar nicht geahnt haben. Durch die Arbeit werden nicht nur die Muskeln kräftiger, sondern auch die Bewegungsnerven und die höheren Nerven. Die Uebung ist die eigentliche Grundlage für die Erziehungsfähigkeit des Menschen, gerade bei der Erziehung unserer Jugend ist diese Fähigkeit vor allem zu beobachten. Die Uebung erstreckt sich weniger auf das Wissen, als auf gewisse Fertigkeiten. Wir können unser Ge⸗ dächtnis üben und uns Wissen aneignen. Das ist aber etwas ganz anderes, als wenn man meint, die Erziehung und Bildung bestehe darin, ein junges Gehirn mit einer Menge von Wissen in mechanischer Weise anzufüllen. Wie kommt es nun, daß in unserer Zeit so viele Nervenübel existieren? Unsere Vorfahren haben auch ganze Nächte durchwacht und sich ebenfalls oft sehr angestrengt, aber man hat von diesem Heer von Nervenübeln nicht gehört. Sind die Menschen leichtsinniger geworden? Nein, durchaus nicht! Viele kommen ohne ihr Verschulden durch die Verhältnisse zur Er⸗ schöpfung ihres Nervensystems. Schuld daran ist unsere Zeit, das ist die ungeheuere Steige⸗ rung der Population, das Zusammenleben von so und so vielen Tausenden von Menschen in den Großstädten, die enormen Verkehrsverhält⸗ nisse, welche unbedingt notwendig sind, um diesen Menschenmassen das Leben zu gestatten. Das ganze moderne Leben ist mit Nervenausgaben verbunden, die Beziehungen zu anderen Menschen haben sich in den letzten Jahren mindestens verzehnfacht, jeder einzelne ist bedeutend mehr in Anspruch genommen, als früher. In diesen Verhältnissen liegt der Grund unserer heutigen Nervenübel. Der lenkbare Luftballon. Kürzlich berichteten die Blätter aus Paris, daß dort der Luftschiffer Santos⸗ Dumont Versuche mit einem lenkbaren Ballon angestellt hatte, die durchaus befriedigende Ergebnisse geliefert, das Problem des lenkbaren Luftschiffes gelöst hätten. Dumont fuhr vom Schlosse St. Cloud aus nach dem Eifelturm, umkreiste diesen und kehrte nach der Abgangsstelle zurück. Auf dem Rückwege war er plotzlich von einem heftigen Windstoß erfaßt und davon getragen worden, weil der Motor zu funktioniren aufgehört hatte. Ueber diese Versuche machte der Ko amandan der Wiener militär-aeronautischen Abteilung, Hauptmann Hinterstoißer, folgende Mit- teilungen:„Dumont machte seinen ersten Ver⸗ such während der vorjährigen Pariser Welt. ausstellung. Er beteiligte sich schon damals an der Luftwettfahrt im Wettbewerb um den von dem Industriellen Henry Deutsch de la Meurte gestifteten Preis von 100,000 Franks. Diese Wettfahrt wurde von dem Pariser Aero⸗ nauten⸗Klub veranstaltet. Der Aufstiegsort war 1 1 den dull , bs heßt m siebente Untageruh, 1, die di ch viel ehe wenn wi le Nerbes, r Uebung Fiurichtus ederholunz b gewinne 1 gar nich erden nich u auch di Nerben. Grundlag hen, gerah d ist dies Die Hebung n, als an unser Gt nen. Dal wenn man stehe dart, von Wisse rer Zeit f. Vorfahr ht und st r man ga icht gehön geworden eu ohne ih e zur. Huld dall lere Steil, enleben do Nenschel. chröberhel Nr. 30. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Vincennes. Die Aufgabe der Luftschiffer bestand Lesefrüchte. Litter arisch es. darin, an den Eifelturm mit dem Luftschiff heran zukommen, um ihn ringsherum zu fahren, sodann nach Vincennes zurückzukehren und dort zu landen. Dumont konnte damals das Ziel nicht erreichen. Der 350 Kubikmeter Gas fassende Ballon erwies sich als zu wenig trag⸗ fähig, um den sechspferdigen Motor und den Luftschiffer aufzunehmen. 8 In seiner verbesserten und vergrößerten Gestalt hat jetzt der Ballon ein Volumen von 420 Kubikmeter. Durch seine größere Aus⸗ dehnung ist er nun auch tragfähiger geworden. Der Motor dürfte jetzt 8 bis 10 Pferdekräfte haben. Die Nachricht, daß der Motor 24 Pferde⸗ kräfte stark sei, kann kaum richtig sein, sonst müßte der Motor allein ein Gewicht von min⸗ destens 240 Kilogramm haben. Es ist selbst⸗ verständlich, das auch ein weniger vorteilhaft gebauter Ballon schließlich bei windschwachem Wetter gelenkt werden kann; darüber sind ja die Aeronauten schon lange einig. Aber ein prakt ischer Erfolg ist damit nicht ver⸗ bunden, denn mit der zunehmenden G eschwin⸗ digkeit zum Anfliegen gegen die Luft⸗ strömung müßte das Volumen des Ballons ins Unendliche vergrößert werden. Man kommt dann wieder zu Kolossen wie das Zeppelin'sche Luftschiff. Der Versuch des Ingenieurs Dumont hat die von Renard und Krebs erzielten Resultate nicht überholt. Die Versuche dieser beiden Aeronauten waren bis jetzt immer noch die besten, und diese Ver⸗ suche haben erwiesen, daß der Ballon nicht kann. Auf lenkbar gemacht werden 5 diesem Wege zu dem Ziele der Lenkbarkeit der Luftschifffahrt zu kommen, hängt heute da⸗ von ab, ob es möglich ist, genügend leichte Motore zu bauen. Der bekannte Luftschiffer und Kommandant der französischen Luftschiffer⸗ abteilung Oberst Renard hat dies auch anerkannt, und befaßt sich seit Jahren mit derartigen Ver⸗ suchen. Man hat geglaubt, daß die Automobil⸗ Industrie uns zu dieser Art von Motoren führen wird, doch ist ein besonderer Fortschritt in dem Bau leichter Motore bisher nicht zu verzeichnen. Meiner Ansicht nach dürfte die Lösung des Luftschiff⸗Problems am ehesten auf dem Wege des dynamischen Fluges zu suchen sein.“ Fürwahr, das ist eine große ehrenhafte That, mit Raten und Vermahnen, Anreizen, Treiben und Schreien zu bewirken, daß unser Vaterland seinen Schaden und seine Unwürde erkenne und sich aufrichte, seine alte angeborene Freiheit wieder zu er⸗ werben. Wenn es nur einer möchte ausführen und vollbringen. 4 Ulrich von Hutten. d d Wir sollten nicht erstaunt sein, wenn nach dem schottischen Sprichwort: ein satter und ein hungriger Mann können schlecht mit einander sprechen, die Logik des reichen Mannes, der die Rechte des Eigentums verteidigt, dem armen Manne, der seine Kinder nach Brot schreien hört, durchaus nicht bündig erscheint! 1 Macaulay. 0* Mögen immerhin einige philosophische Rene⸗ gaten der Freiheit die feinsten Kettenschlüsse schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind, als Lasttiere einiger tausend privilegierter Ritter; sie werden uns dennoch nicht überzeugen können, so lange sie —— uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind. Heine. Humoristisches. Veränderte Situation. Besucher:„Wie, Sie putzen selbst Ihre Stiefel? Haben Sie denn die Haushälterin nicht mehr?“ Hausherr:„O doch; aber die habe ich inzwischen geheiratet.“ Ein Antisemit und ein Jude, Die reisten dieselbe Route. Nach Rebbach der Jud' strebt immer, Der Antisemit trieb's noch schlimmer. Der vornehmste Rock. Von Wolle ist der Rock, die Wolle kommt vom Schaf, Den seid'nen spinnt ein Wurm, bevor er sinkt in Schlaf; Was Schaf und Wurm erzeugt, das zieht der Mensch sich an, Ein nützliches Produkt, doch was ist vornehm d'ran? Es macht der Mann den Rock, nicht ist es umge⸗ kehrt, ist auch der Rock Und wenn der Mann nichts taugt, Welt⸗ und Lebensanschauungen. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Unter diesem Titel ist im Verlage der Arbeiter⸗Bildungsschule, Berlin (Kommisstons⸗Verlag Joh. Sassenbach, Berlin), eine kleine Schrift erschienen(Preis 25 Pfennig), die in kurzer, klarer, allgemein verständlicher Form die Ent⸗ wicklung des menschlichen Denkens behandelt. Sie eignet sich dazu, Jeden über die Fragen aufzuklären, die den Menschen in höchstem Grade interessieren müssen und ihm erst ein Urteil für das Leben und das öffentliche Wirken geben. Der Arbeiter kann aus ihr reichliche Aufklärung finden über Vieles, was er sonst in umfang⸗ reichen und schwer verständlichen Werken suchen mußte. Die Schrift ist eine kurze Zusammenstellung, welche Dr. Rudolf Steiner über die Vorträge giebt, die er vom Januar bis März 1901 in der Arbeiter⸗ Bildungsschule in Berlin gehalten hat und die sich eines großen Beifalls bei der zahlreichen Zuhörer⸗ schaft erfreut haben, die sich zu ihnen eingefunden hat. Rudolf Steiner ist kein Vertreter der durch die bürger⸗ lichen Klassen vertretenen Auffassung der in Betracht kommenden Dinge, sondern er vertritt einen gegenüber der Schulweisheit neuen Gesichtspunkt, und zwar einen solchen, den einzig und allein der moderne Arbeiter als den seinigen anerkennen kann. Marktberich te. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 25. Juli: Butter per Pfd. Mek. 1.10— 1.20, Hühnereier 2 St. 13— 14 Pfg., Gateneier 1 St. 7—8 Pfg. Gänseeier per St. 11— 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Eebsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 9.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00- 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.80—1.40, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20, Gänse per Pfd. Mk. 00.0 0.00. Fleischpreise. Obsenfleisch per Pfd. 66- 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg. Hammelfleisch 50—70 Pfg. Auf dem Fruchtmarkte in Limburg kosteten am 24. Juli durchschnittlich 100 Kilo Weizen 13.20 Mk, Korn 12.50 Mk., Gerste 00.00 Mk,, Hafer 7.40 Mk., Erbsen 00.00 Mk. 2 5 Auf Genosse werbt Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ MWeseeh. 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Giessens grösstes und billigstes i Nachmittags 2 uhr: 2 9 9 Kreiskonferenz und Generalversammlung Schuhlager. des Kreiswun leere ume. 4 3 Tagesorduung: 1. a) Bericht des Kreisvertrauensmannes Reichhaltigste Auswahl b) Bericht des Kassirers, e) Bericht der Kontrolleure, ch Neuwah! des Vorstandes. 2. Agitation und Presse, Berichterstatter Genosse in braunen Herren-, Damen-, Repp. 3. Die Landeskonferenz in Offenbach, Berichterstatter Ge⸗ 2 d Kind ch 1 nosse Buso ld. 4. Der Parteitag in Lübeck, Berichterstatter Ge M: üben nosse Kühn. 5. Verschiedenes.. ädchen 1 5 erf J Die Filialen des Kreiswahlvereins wollen für recht zahlreich 50 Beschickung sorgen, ebenso werden alle übrigen Orte des Kreise⸗ 4„ und Stiefeln aufgefordert, alsbald ihre Delegirten zu wählen. Das Fahrgeld 22 wird in diesem Falle auf der Konferenz zurückvergütet. zu allerbilligsten Heinrich Busold, Kreisvertrauensmann. 5 8 28 2 2 8 8 aber festen Preisen. e Y SI 0 2 7= SA — 2 W Reparaturen 3= e, 0 j——— 2 2. A — N 8 S5 2 2 S 3888883 — 77— 2 N* 3 9 3 3 N pilligst u. S SA N l D e— 2— 2 S= 3 288 la 13 2 S2( 0-S schnell. 8- S„ 3 5 A—— 2 2 222 2 3 2 2 3338 8 2—— N— 88 2 28 8 8 S D. Verlag der Mitteld. Sonntagszeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei Gießen. eis Friedberg⸗Büdingen Aust tion bielr fegte Ant !