—Udqz— n=— 2 1—. Nr. 51. Giessen, Sonntag, den 22. Dezember 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Medaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Ußr Kirchenplatz 11, Schloßgasse. —ññ— Mitteldeuts che ntags⸗ Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. 1 Inferae finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 8. II, 5 2 999900 une Honnenwende Ne. 0———— * ischün Im Schmucke steht der Weihnachtsbaum, Drum freue heut sich Jung und Alt, Ihr Purpurmantel wogt und wollt, fc Hell strahlt der Lichterglanz im Raum Wenn dieser frohe Glücksruf schallt, Bald weicht vor ihrer Siegsgewalt Das Heer der dunklen Mächte: Und Jubel schallt der Kinder! Denn Sonne nur ist Leben! — 2 — — Wo bliebst du dunkles Schattenheer, Wo bliebst du graues Nebelmeer d Wer denkt noch an den Winter! So rüttle nur an Thür und Schloß, Nicht lang ist deine Macht mehr groß, Bald muß dein Groll sich legen— Die liebe Sonne kehrt zurück Und bringt uns Glück und Segen. Den Frauen zum Weihnachtsfeste. An die Frauen! Weihnachtsglocken klingen über das Land. In den Straßen drängt und stößt sich die Menge. Jeder will heim. Denn ein Viertel⸗ stündchen noch— und aus Palast und Hütte werden Tausende Lichter erglänzen, und Freude wird sein allüberall!— Allüberall?—— Ach nein! Nicht jeder Sehnsucht entzündet sich der Christbaum der Freude. Am glänzend erleuchteten Schau⸗ fenster des Spielwarenladens steht ein armes Weib. Das blasse Kind an ihrer Hand jauchzt beim Anblick all der Herrlichkeiten da drinnen: „Mutter, wie schön! Wie schön!“ Aber der Mutter Augen leuchten nicht. Sie füllen sich mit Thränen, die heiß und schwer hernieder⸗ tropfen. Ach'! Daheim ist's dunkel und kalt— Und durch's Gewühl der Straße tönt die heisere Stimme eines kleinen frostzitternden Jungen:„Lichtchen! Kauft Lichtchen!— Streichhölzer! Kauft!“— Ach! Wer kauft! Weinende Mütter und verstoßene Kinder in der Nacht, die ein Fest ist der Mutterliebe und der Kindesfreude! Und auch mir wird das Herz schwer und die Augen werden mir naß, und angstvoll frage ich! Warum?— Die Antwort kommt. Ein Flüstern erst und ein Raunen.— Aber dann schwillt's empor. Wie ein Sturmwind braust's einher—— Mit dumpfem Donnergrollen entringt sich's dem Schoß der Städte: Weil die Liebe starb, und die Ungerechtig⸗ keit in die Welt kam! Zwei Nationen bewohnen das Land. Sie kennen einander nicht. In hohen stolzen Palästen, in reichem Lebensgenuß die einen. Drunten in den Niede⸗ rungen des Lebens bei harter Arbeit die andern. Aber bei ihnen wohnt die Sehnsucht. Die Sehn⸗ sucht nach Licht und nach Freude.— So tönte es mir in's Ohr, als ich in stiller Nacht hinabschaute in die Seele des Volkes. Denn, Weihnacht kündet uns das Glück: Sie kann mit ihrer hehren Macht Uns aus des Winters trüber Nacht Zu neuem Sein erheben! Stets wenn der Baum im Lichtschein steht, Durch unser Herz ein Jauchzen geht, Wir seh'n der Zukunft Helle— Wir seh'n ein weites, goldnes Thor, Die Weltensonne schaut hervor— Der Sukunft Segensquelle! Und ich sann und sann. Licht! Freude! Wo sind ste zu finden? Wer bringt sie dem Volke? Da dachte ich der Nacht, die den Hei⸗ land der Liebe geboren hatte. Ein armes ge⸗ knechtetes Weib war es, das ihn der Welt gab, seine Wiege stand in einer Hütte. Und Frauen — Mütter sind es, die ihn auf's neue gebären müssen. In Hütten wohnen auch sie und die ihnen anhängen sind arme Hirten, Knechte und Kreuzträger des Lebens, die aus Sehnsuchts⸗ tiefen beten, die mit Sehnsuchtaugen fragen, wann der Stern von Bethlehem, der die Gerech⸗ tigkeit ist und die Liebe, wiederum erstrahlen und die Welt mit unvergänglichem Glanz er⸗ füllen werde. Diese Hirten und Kreuzträger— hört es wohl, Ihr Frauen des Volkes!— Eure Männer sind es, Eure Söhne, Eure Brüder. Ihr aber standet abseits. Ihr sorgtet für den Tag und sein kleines Bedürfnis, und aus Furcht, das Brot des Tages zu verlieren, ließt Ihr die Hoffnung der Zukunft verloren gehen. Ja, mehr noch! Ihr habt in kurzsichtiger Verblendung noch weit mehr gethan. Wenn Eure Männer in die Volksversammlung wollten, um zu hören, was zur Verbesserung Eurer Lage geschehen könnte, da habt Ihr sie zurück⸗ ehalten, wie und wo Ihr konntet. Gezetert habt Ihr, wenn ein Groschen für die Zeitung und einer für die Gewerkschaft ausgegeben werden sollte. „Was soll die Zeitung? Die hetzt nur! Wird's dadurch etwa besser in der Welt? Und die Gewerkschaft! Das kostet Geld und Geld und kommt nichts dabei heraus. Wir haben unser Auskommen und ist's nicht, viel, so ist's doch etwas, und wir leben doch!“ So und ähnlich habt Ihr gesprochen und wart schuld daran, daß sich die Männer ent⸗ weder mißmutig von den Gewerkschaften ab⸗ wandten, oder mit Zwang und Drang gerade so viel thaten als sie eben mußten. Was aber nicht mit Freude und williger Hingabe geschieht, das trägt keine Frucht. 8—— Der Weltensonne Glut und Schein Dringt in die Menschenherzen ein, Herr'n macht sie aus dem Knechte. Sonnwend'! Fürwahr, an jenem Tag, Wenn unsre Herzen hebt ein Schlag Und Alle steh'n zusammen: Dann wird zur Wahrheit erst der Traum, Die Sonne strahlt im Erdenraum Mit tausend Segensflammmen! Frida Pritzlaff. Nun aber ist schwere Zeit über das Land gekommen. Viele Maschinen stehen still, Tau⸗ sende sonst fleißiger Hände feiern. Andere Tausende haben Arbeit, aber der Lohn ihrer Arbeit wurde ihnen gekürzt. Ein Notgroschen ist nicht vorhanden, und noch ist das schlimmste nicht da. Der Winter mit seinen Schrecken übt unerbittlich seine Herrschaft aus und vor der Thüre steht der Zolltarif. Brot, Fleisch und alle sonstigen Nahrungsmittel wollen sie verteuern, dadurch nicht nur dem Lohnar⸗ beiter, sondern auch dem kleinen Landwirt die Ernährung seinee Familie immer mehr er⸗ schwerend. Warum das alles? Warum ist kein Notpfennig vorhanden und kein Damm aufge⸗ richtet gegen die Begehrlichkeit der Brotver⸗ teuerer, der Junker und Industriebarone? Eure Schuld ist das, Ihr Frauen! Mitschuldig seid Ihr daran! Hättet Ihr die Männer nicht zurückgehalten, als sie in guter Geschäftszeit für besseren Lohn kämpfen wollten, hättet Ihr sie gewähren lassen und im Wahl ⸗ kampf dafür gewirkt, daß andere Leute in die Volksvertretung geschickt worden wären: es stünde besser um uns! Denn seht— der Schutz des Schwachen und seine einzige Stärke ist die Vereinigung. Die Unternehmer sind stark durch ihren Besitz. In ihren Händen ruht das Geld, die mächtigste Waffe im Lebenskampf. Unser einziger Besitz aber und unsre beste Waffe zu⸗ gleich ist unsre Arbeitskraft, unsre vereinigte Arbeitskraft. Was ist und was bedeutet der einzelne? Sind wir aber Tausende und aber Tausende, dann wird unser gerechtes Begehren ein tausendfaches Echo finden. Darum hinein in die Gewerkschaften! Nicht zurückhalten sollt Ihr Eure Männer, sondern anfeuern. Und hinein auch Ihr, Ihr Frauen, die Ihr Tag um Tag in die Fabrik geht. Organisiert Euch, denn auch Euer Heil ist der Zusammenschluß. Und dann wird der Tag kommen, an dem die Arbeiterschaft ihre starke Hand auf die Güter legt, die ihr starker Arm geschaffen hat, an dem eee eee rr Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. sie ihren Anteil, ihren vollen Anteil vom Tische des Lebens fordert. An diesem Tag wird die Freude zu uns kommen. Die Freude, deren wir alle bedürfen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir wollen Licht und Behagen in unsern Wohnungen haben und Anregung und Daseinslust, wenn uns die Feierstunde zu⸗ sammen führt. Wir wollen nach dem Gebot des Dichters leben:„Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!“. Und eine Weihenacht wird dann kommen, in der das Licht aus allen Häusern strahlt und der harzige Duft der Weihnachtstanne alle Heimstätten durchhaucht. Und in dieser Nacht wird der Heiland der Gerechtigkeit und der Liebe geboren werden. Ein Freuen wird sein allüberall! Friede auf Erden und den Meuschen ein Wohlgefallen! Henriette Fürth. Vom Zolltarif. Vorläufig ist nun also der Tarifentwurf der Kommisston zur weiteren Behandlung über⸗ geben, worin er sicher bis zum Sommer nächsten Jahres bleiben wird. Was schließlich daraus werden wird, ob die Agrarierwünsche befriedigt oder der Brotwucher abgewehrt wird, kann nie⸗ mand voraussagen. Man weiß eben nicht wie „der Hase läuft“; auch die Agrarier sind noch durchaus nicht siegessicher. Unsere Genossen sind auf dem Posten. Sie allein traten den junkerlichen Raubgelüsten mit der nötigen Ent⸗ schiedenheit entgegen. * . * Was bringt der neue Zolltarif ein? Staatssekretär Graf Posadowsky hat be⸗ rechnet, daß die Zölle nach dem geltenden Tarif 9,04 pCt. vom Einfuhrwert der Waren aus⸗ machen und nach der Vorlage 12,2 pCt. betragen würden. Das wäre also ein Plus von 3,16 pCt. Da der Einfuhrwert 1900 6043 Millionen Mark betrug, so berechnet Graf Posadowsky da⸗ nach eine Mehreinnahme an Zöllen im Betrage von rund 192 Millionen Mark.— Es ist begreiflich, daß die Leute, denen für Militär und Marine nie genug Geld in den Kassen ist, sich nach diesem fetten Bissen die Finger lecken. 5* * Zum Verfassungsbruch sucht ein Bünd⸗ ler, Herr v. an die Regierung anzu⸗ reizen. Dieser Mann, der eine Führerrolle im Bunde der Landwirte in Westpreußen spielt, er⸗ klärte in der Sitzung der westpreußischen Land⸗ wirtschaftskammer, daß für die vier Hauptge⸗ treidesorten an einem Minimalzolle von 7,50 festgehalten werden müsse, soweit nicht andere Staaten höhere Sätze aufstellen. Herr v. Oldenburg erklärte, wenn diese Wünsche nicht berücksichtigt würden, so sei die Ablehn⸗ ung der Vorlage das kleinere Uebel. Er erörterte auch die Auflösung des Reichstags im Falle einer Ablehnung des Zolltarifs. Er erklärte dabei, daß eine Auflösung nur dann Erfolg haben könne, wenn die Regierung die Kraft und den Willen habe, mit einer Sus⸗ pendirung der Verfassung zu rechnen(). Das patriarchalische Verhältnis sei für das Land no wendig. Die Leute müßten das Vertrauen zu ihren Herren haben, den zu wählen, den der Herr wolle.— Es ist recht erfreulich, mit welcher Offenheit die Herren Agrarier die Durch⸗ führung ihrer Wucherpläne verfolgen. Eine Empfehlung des Verfassungsbruches für den Fall einer Reichstagsauflösung geniert diese Herren gar nicht. Wir wünschen nur, daß die 1 1 55 bei ihrer Ansicht vom„kleinen Uebel“ bleiben. Der Zolltarif im Neichs⸗ tage. Aus Singers Rede zum Zolltarif. Wie Bebels Rede in der ersten Woche, so stellte die Rede unseres Genossen Singer in der zweiten den Höhepunkt der Debatte dar. Beide Redner sind sehr von einander verschieden. Flammendes Pathos bei Bebel, während Singers Rede ruhig dahinfließt; trotzdem verfehlte die scharfe Polemik und der eisige Hohn auf die scheinheiligen Brotwucher⸗ argumente seine Wirkung nicht. Singer brachte zu dem bereits von allen Seiten erörterten Gegenstande noch neue Gesichtspunkte vor, am Schlusse der Debatte keine Kleinigkeit. Wir können nur leider einzelne Stellen der Rede wiedergeben; darin werden aber die Gründe der Brotverteuerung und ihre Angriffe auf die Sozialdemokratie treffend zurückgewiesen. Unser Genosse wandte sich zunüchst gegen den Grafen Kanitz. „Der Vorredner schilderte uns die Schädlichkeit der Eisenzölle. Mein Freund Bebel hat sich ausdrücklich gegen die Eisenzölle erklärt. Es ist nicht wahr, wenn behauptet wird, wir seien in jedem Falle für den In⸗ dustriestaat, und es ist auch nicht richtig, daß man uns als Feinde der Landwirtschaft hinstellt. Wir sind ge⸗ willt, Mittel zur Verbesserung der kleinen Landwirte und namentlich der Landarbeiter— und die gehören doch auch zur Landwirtschaft!— zu bewilligen. Wir wollen nicht nur die Hand bieten zur Hilfe für die Reichen in der Landwirtschaft und wollen nicht dulden, daß die Armen in der Landwirtschaft aus⸗ gebeutet werden zu Gunsten der 25 000 Großgrund⸗ besitzer. Was wir bekämpfen, das ist, daß unter dem falschen Schlagworte:„Not der Landwirtschaft“ den agrarischen Prinzen und Grafen geholfen werde, die allein den Nutzen aus dem Zolltarif haben. Der Bund der Landwirte will die Industriezölle bewilligen, wenn sie die Landwirtschaftszölle bekommen. Das ist aber die Solidarität der Räuber.(Große Unruhe rechts, Sehr richtig! links.) Graf Kanitz hat uns das Elend aus London vorgeführt. Wer von uns hat denn dieses Elend bezweifelt? Wir wissen genau, daß auch in den Industriestaaten Massenelend existiert, wir wissen aber auch, daß dies die Folge der Produk⸗ tionsverhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft ist und wenn Graf Kanitz auf dieses Massenelend hin⸗ gewiesen hat, so hat er ebenso wie mein Freund Bebel damit bewiesen, daß die bürgerliche Gesellschaft nichts taugt und daß sie beseitigt werden muß. Graf Kanitz weiß doch auch ganz genau, daß auch in den Agrar⸗ provinzen Not und Elend vorhanden ist. Erinnert er sich nicht mehr an die Hunger⸗Revolte im Jahre 1893 in seiner Provinz? Weiß er nichts von der Hungersnot in Ostpreußen im Jahre 1867, weiß er nicht, daß in dem Agrarstaat Rußland permanente Hungersnot herrscht? Gerade in dem bestehenden Massenelend wurzelt ja die Sozialdemokratie. Graf Kanitz sagt, die Landwirtschaft wolle ihren Arbeitern höhere Löhne zahlen und gerade dazu brauche sie die Getreidezölle. Aber sie klagen doch gerade deshalb über den Industriestaat, weil er ihnen die Löhne verteuert, das ist doch ein arger Widerspruch; außerdem ist auch die ganze Behauptung, daß die Höhe der Löhne von der Höhe der Lebensmittelzölle abhänge, ganz falsch. In England und Amerika, wo keine Lebensmittelzölle bestehen, sind die Löhne viel höher als bei uns in Deutschland. Wir wollen keine künst⸗ liche Verteuerung des Brotes und weil wir meinen, daß durch die Erhöhung der Lebensmittelzölle, wie sie dieser Tarif vorsieht, das tägliche Brot der breiten Massen des Volkes verteuert wird, darum sind wir gegen diese Zölle trotz der philosophischen Ausführungen des Grafen Kanitz.“ Dann stellte Singer den frivolen Zwischenruf des Grafen Arnim noch in das richtige Licht und zeigte, daß die Junker für das Elend der arbeitenden Klassen nur Hohn und Spott haben. Die Behauptung eines Zentrumsredners, bayrische sozialdemokr. Abgeordnete hätten sich für die Erhebung städtischer Oktrois in Nürnberg und Fürth ausgesprochen, weist er als durchaus unrichtig nach. Ferner zeigt er noch an den Zahlen der Reichstagswahlen daß die Mehrheit der Bevölkerung auf der Seite der Zollgegner steht. Wohl hätten die Zöllner die Mehrheit im Reichs⸗ tage, aber nicht im Volke! Dann wandte sich Singer gegen den hessischen Lederkönig und Agrarier: „Herr v. Heyl hat nun auf unseren Mainzer Partei⸗ tag hingewiesen und sich einverstanden erklärt mit der Auffassung, die unser Freund Calwer dort in Bezug auf die deutsche Zollpolitik gegen Amerika ausgesprochen hat. Eine harte Strafe für Calwer. Aber Herr von Heyl hätte doch wirklich aus dem Mainzer Protokoll weiter feststellen sollen, daß alle übrigen Redner dort sich gegen die Calwerschen Ausführungen gewendet haben. In seiner grundsätzlichen Auffassung der Zoll⸗ und Handelsvertragspolitik ist Calwer in der Partei gänzlich isoliert.(Ruf bei den Nationalliberalen: Schippel!) Vielleicht teilt noch Kollege Schippel die Calwersche Ansicht. Aber es ist doch ein starkes Stück, diese unsere beiden Freunde hier zu zitieren, von denen ö 0 00 Herr v. Heyl 4 gig ganz genau weiß, daß sie in Bezug auf scgter die Lebensmittelzöue durchaus einig mit uns sind. d 115 Calwer und Schippel sind genau in demselben Grade 11 fen wie wir alle gegen jede Erhöhung der Lebens mittel- fle N zölle und es ist nicht berechtigt, ihnen aus dieser Haltung le. 9 einen Vorwurf zu machen. Wir müssen wiederholt be⸗ hun tonen, daß für die Haltung unserer Partei die Parteibe⸗ 65 0 fte b schlüsse maßgebend, sind ganz gleichgültig, welche Auffassung Ou alt der einzelne hat. Es wäre wahrhaftig sachlicher und wür⸗ aarobh, diger, wenn Sie die Beschlüsse unserer Partei zum Gegenstand 5 ukenlos Ihrer Betrachtungen machen wollten. Die Vertreter der 1 en in. Mehrheitspaarteien nennen sich so gern„staatserhaltene 110 men Parteien“; allerdings Sie sind solange staats⸗ 10 und erhaltend, als Sie vom Staate etwas e erhalten.(Große Heiterkeit links). Für dise g 5 Grenzen Ihrer Regierungsfreundlichkeit bieten die Dult d Aeußerungen besonders der agrarischen Presse ein reiches l mal Material. Die Bündler sagen z. B. in einem Flug- 68 eil blatt:„Wenn die Regierung den deutschen Bauernstand lage, nicht schützt, so sägen die deutschen Fürsten und ihre Elaats Regierungen den Ast ab, auf dem sie sitzen.“ Sie 10 lassen (nach rechts) ereifern sich immer ganz besonders, wenn Jidelesähr Sie auf die Internationalität der Sozialdemokratie zu 1 8 121 reden kommen. Nun, wir werden als die„Rote. gik Internationale“ bezeichnet, und sie stellen die Grüne enbüße Internationale dar.“ 10 1 Fortsetzung der Singerschen Ausführungen folgt in 0 0 9 nächster Nummer. ee 242 Aae un Politische Rundschau. guphen g. e alberunge Gießen, den 19. Dezember. 15 eu Aburt Krise und Arbeitslosigkeit. feeds Arbeiterentlassungen infolge schlechten Ge. nul g schäftsganges werden jetzt aus allen Ecken und n Etteit Enden gemeldet. In den verschiedensten In⸗ anders dustriezweigen, besonders aber in der Metallin⸗ acht wir dustrie macht sich die Stockung Hemerkbar.— Fanta Vorigen Freitag fanden in Dres den und Um; gebung 22 Volksversammlungen statt, in welchen die herrschende Arbeitslosigkeit, das dadurch Wie verursachte Elend der Arbeiterbevölkerung ne! nich das Verhalten des Dresdener Stadtrats und ag, des sächs. Landtags dazu erörtert wurden. In allen diesen Versammlungen, die überfüllt waren, bezeichneien die Redner die Krise als Folge der kapitalistischen Ordnung und betonten die Unfähigkeit der heutigen Gesellschaft und ihren Mangel- an gutem Willen die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.— Angesichts dieser Zustände nimmt es sich fast komisch aus, daß die Berliner Polizei die von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebene Weihnachtszeitung„Arbeitslos“ in ca. 30000 Exemplaren wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten konfiszierte. Hätte die Polizei lieber die Arbeitslosigkeit felbst„verboten“! Unternehmerfrechheit. Aus Lübeck wird ein Fall von Unter⸗ nehmerwillkür berichtet, der wirklich alles in den Schatten stellt, was sich das Ausbeutertum seinen Arbeitsbienen gegenüber bisher erlaubte. Kochs Schiffswerft hat nämlich 600 Arbeiter auf fünf Tage ausgesperrt, weil sie ohne Erlaubnis der Werftleitung an dem Begräbnis eines verunglückten Mitarbeiters teilgenommen hatten. Zweifel⸗ los haben die Arbeiter die Erlaubnis nachge⸗ sucht, warum sie verweigert wurde, bedarf noch der Aufklärung. Wie dem aber auch sei, dieses Vorkommnis zeigt wieder, wie die Unternehmer die Uebermacht, welche ihnen die jetzige Krise über die Arbeiter verleiht, in brutalster Weise ausnützen. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn die dadurch aufgehäufte Erbitterung in bessern Zeiten zum Durchbruch kommt und un⸗ angenehme Folgen für sie zeitigt.— Wie können sich die Arbeiter erlauben, einem Kollegen die letzte Ehre zu erweisen? Was kümmert den Kapitalisten ein Arbeiter? Es giebt ja genug. Ein Löbtauer Urteil. Gelegentlich des Maurerausstandes im Kolberg(Pommern) war es im September zu einem Krawall gekommen. Dieserhalb standen am Samstag eine Anzahl Maurer vor dem Schwurgericht zu Cöslin. Einer der⸗ selben, Weidemann, wurde zu drei Jahren Zuchthaus, dreizehn andere Maurer zu . 1 leten 9 5 ein reichg Bauernftan und ihn en.“ 8 ders, wenh mokratie z. die„Roh e Grün folgt in al. zember. it. chten Ge Ecken und nsten In Metallin⸗ erkbar.— und Um. u welchen dal ung ue rats und rden. I llt waren, 15 Folge onten die und ihten telosigkett Zustände Berliner Vorwärts beilelos“ eizung zu Hätte die erboten“ n Untel⸗ alles il. eutertum ellauble. ich esperrt, tung an lücken Zpeffel Anachhe— rf fac sei, dieses ernehmel ige rl er West wunderl. rung il ad Un Je können gelt del 0 genug Nr. 51. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Gefängnisstrafen von 14 Monaten bis herab zu drei Wochen verurteilt. Drei Jahre Zuchthaus und viele Jahre Gefängnis wegen eines einfachen Krawalls! Die Richter von Löbtau haben Schule gemacht; man hat bereits seit einiger Zeit aufgehört, diese surchtbaren Bluturteile gegen Streikexcesse zu zählen. Mit Unrecht; denn hier liegt eine Recht⸗ sprechung vor, von der es mindesten zweifelhaft st, ob sie vom Gesetzgeber gewollt war. Der alte Zusammenrottungs⸗ und Aufruhr⸗ paragraph, schreibt die„Leipz. Volksztg.“, ist gedankenlos aus den bundesstaatlichen Straf⸗ lechten in das deutsche Strafgesetzbuch herüber⸗ genommen worden. Man dachte dabei an Re⸗ hellion und Revolution die umstürzlerischen Zweck berfolgten, wie dies auch die Bezeichnung des Delikts als„Landfriedensbruch“ andeutet. Heute stellt man jeden harmlosen Straßenauflauf, wo⸗ hei es ein paar blutige Köpfe giebt, unter diese Anklage, und mit besonderer Vorliebe packen die Staatsanwälte Ausschreitungen bei Streiks und lassen die Exc edierenden als Aufrührer und Rädelsführer zu Zuchthausstrafen verurteilen. Der§ 125 des Reichsstrafgesetzbuches ist von der Indikatur des allerneuesten Kurses zu einem bückenbüßer der infam abgethanen Zuchthaus⸗ horlage aufgeputscht worden; ebenso wie eine gewisse Justizerei auch andere allgemeine Straf⸗ borschriften zu speciellen Streikverhinderungs⸗ gesetzen umgedeutet hat. Wir erinnern nur an hie perfide Auslegung der Erpressungspara⸗ sraphen gegen die Geltendmachung von Streik⸗ sorderungen. Weil dieses Delikt durch die Schwurgerichte zur Aburteilung kommt, muß die Arbeiterklasse hesonders darunter leiden. Denn die Geschworenen urteilen aus ihren Klassenvorurteilen heraus; un Streikender erscheint ihnen als ein ganz hesonders verwerfliches Wesen.— Die Arbeiter- schaft wird in diesen Verurteilten Opfer des klassenkampfes erblicken. Vom Junker Arnim. Wie es in der Heimat des Grafen Arnim jussteht, der bei der Aeußerung Bebels über das hungernde Kind in Köln den für seine moble“ Gesinnung charakteristischen Zwischen⸗ uf:„Der Vater wird wohl alles versoffen haben“ machte, zeigt eine Mitteilung, die dem Vorwärts“ von einem Herrn zuging, der sich m letzten Sommer in Bad Muskau— das dem Grafen gehört— aufgehalten hat. Er gabe sich, sagte der Briefschreiber, über die rüden, herabgekommen aussehenden kinder, die die Badegäste anbettelten, gewundert. Auf die wiederholte Frage an solche stinder, ob sie Eltern besäßen, antworteten sie, der Vater arbeite bei dem Grafen. Auf die weitere Frage, was der Vater an Lohn bekäme, habe er Auskunft erhalten über Löhne, nie allerdings erklärten, warum die Kinder die Badegäste anbettelten. Der Graf Arnim ei in Muskau wegen seines Geizes im schlimmsten Ruf, selbst bei den Beamten ufreue er sich keiner Beliebtheit, die Arbeiter lber hegten die schlimmsten Gefühle gegen ihn vegen des herrischen Tones, den er gegen e anschlage, und wegen der erbärmlichen Löhne, die er zahle. a Man sieht, ein Junker wie er im Buche leht. Und für solche Gesellschaft blöken die intisemitischen Kälber um höhere Zölle! Englische Bestialitäten im Burenkriege. Daß im Kriege der Mensch verroht, die Bestie n ihm zum Vorschein kommt, ist eine alte Er⸗ ahrung. Die Geschichte aller Kriege zeigt auch, baß von allen Nationen mehr oder weniger Frausamkeiten verübt wurden, mögen sie nun nit oder ohne Wissen und Willen der Heer⸗ ihrer geschehen sein. Die Verbrechen aber, die von Seiten der englischen Soldateska in Südafrika nach glaubwürdigen Schilderungen gangen wurden, sind gräulicher, als alles, das aus den Kriegen der letzten Jahrhunderte ir Scheußlichkeiten bekannt wurde.— Jetzt ühebt ein früherer Staatsbeamter von Trans⸗ bal, Dr. Vallentin neue furchtbare Anklagen Igen die englische Kriegsführung. Dieser Mann kämpfte unter Dewet und Schremann gegen die Engländer; er schildert die Grausamkeiten gegen Gefangene und gegen wehrlose Frauen und Kinder. Namentlich hinsichtlich des letzteren Punktes erhebt er Anklagen von einer Schärfe und Tragweite, wie sie bisher noch nicht laut geworden sind, obwohl man sich ohne weitere Phantasie das erschütternde Schicksal selbst aus⸗ malen kann, dem die Frauenwelt der Buren in ihrer, dem Hunger und einer zügellosen Söldner— schaar preisgegebenen Lage ausgesetzt ist. Er nennt es eine Thatsache, daß bis jetzt 25 pCt. sämtlicher Burenfrauen und Mädchen in Transvaal und im Freistaat von britischen Ofstzieren und Soldaten vergewaltigt sind, darunter Mädchen von zehn Jahren. Ein früherer Mitkämpfer der Buren, La⸗ 15 erzählt aus eigener Anschauung Folgen⸗ es: „Ich erwähne jetzt nur ein bestimmtes Lager bei Irene, etwa 9 Mellen von Pretoria. Alle weiblichen Personen von 12 Jahren aufwärts werden hierher gebracht und wie Vieh zusammengetrieben. Ab⸗ wechselnd werden mehrere von ihnen, in kleinen Haufen, nach Pretoria geschafft für unzüchtige Zwecke und werden hier unter Anwendung von Gewalt und Zwang, durch Entziehung von Nahrung und anderer Torturen, gefügig gemacht. In Pretoria werden sie von englischen Offizieren und Mannschaften in brutalster, unmenschlicher Weise benutzt. Diese behalten die unglücklichen Mädchen solange dort, bis letztere thatsächlich unbrauchbar sind. Sie lassen sie hierauf nach dem Lager Irene zurück⸗ bringen und sich von da frisches„Menschenfleisch“ kommen. All' dieses geschieht ganz öffentlich und Jedermann, Ofsizier und Soldat, hat Kenntnis davon. Sogar Kitchener weiß davon. Oftmals gelangten einzelne Mädchen auf irgend welche Weise zu uns zurück, Mädchen von 16 Jahren, mit schneeweißem Haar, gleichsam als ob sie das Leben eines Jahrhunderts hinter sich hätten.“ Muß sich nicht jedes fühlenden Menschen ein heiliger Grimm bemächtigen über die elende, viehische Mörderbrut, auch wenn nur ein Zehntel des hier Erzählten auf Wahrheit beruht? Muß uns nicht die Schamröte in's Gesicht steigen, daß solches heute überhaupt noch möglich ist, ohne das die gesamte Kulturwelt sich wie ein Mann dagegen erhebt und den Bestien das Handwerk legt? Aber das kultivierte Europa schaut den Henkern mit verschränkten Armen zu! Wenn es aber eingreifen wollte? Höhnisch würde England erwidern: Kehrt vor eurer eigenen Thüre! Und die übrigen Kulturna⸗ tionen müßten schweigen. Siehe China und frühere ähnliche Kreuzzüge. Andere Berichte werfen übrigens den Buren ebenfalls Grausamkeiten vor. Das wäre sehr erklärlich, der privilegirte Massenmord wird eben auf jeden Menschen seine unheilvolle Wirkung ausüben. Aber dieser Massenmord ist ein Bestandteil unserer heiligen, gottgewollten Ordnung, ein vaterlandsloser Umstürzler ist, wer dagegen auftritt. Dreschgraf Pückler scheint nun vollkommen dem Wahnsinn verfallen zu sein. In einer am Freitag in Berlin statt⸗ gefundenen Versammlung kündigte er den Juden wiederum ein allgemeines Blutbad an. Mit hoch erhobenen Händen stand er auf dem Podium und rief:„Ich sehe das rote Blut rieseln, von den Palästen, von den Theatern, von den Börsenhallen. Die Glocken schlagen dumpf zusammen— sie läuten zum Sturm. Der Weg zum Frieden geht durch Ströme von Blut! Wehe, Israel, wehe!“ Mit Recht sagt dazu der„Vorw.“: Derartige Hallucinationen(Wahnvorstellungen) sind das unverkennbare Zeichen hereingebrochenen Wahn⸗ sinns. Die antisemitische Menge, die das natür⸗ lich nicht zu wissen braucht, brachte dem Be⸗ dauernswerten förmliche Ovationen dar.— Und der Abgeordnete für Alsfeld⸗Lauter bach, Bindewald, zieht mit dem Verrückten in der Welt herum, läßt ihn für Geld sehen. Wäre ja eine nette S ittenpolizei. Fast unglaublich erscheint, was bei einer Gerichtsverhandlung in Dortmund eine angeklagte Kupplerin behauptete. Danach hätte ihr die Polizei selbst Frauenspersonen zugewiesen, die kein Unterkommen finden konnten. Die Verhandlung wurde sofort vertagt und die Sittenpolizei soll in der nächsten Verhand⸗ lung über diese ungeheuerliche Behauptung be⸗ fragt werden. Was für ein ausgezeichnetes Geschäft übrigens die Besitzer und Inhaber der Bordellhäuser machen, wurde in der Ge— richtsverhandlung gleichfalls festgestellt. Das Haus hatte 36000 Mk. gekostet und war für eine jährliche Miete von 9100 Mk., oder täg⸗ lich 25 Mk., an die Bordellwirtin vermietet, die drei Mädchen beherbergte, die je 15 Mk. Miete täglich geben mußten. Wahlsiege erfochten unsere Genossen in Düsseldorf und Würzburg bei den Gewerbe⸗ gerichtswahlen. Als Beisitzer bei dem Düsseldorfer Gewerbegericht waren am letzten Mal die Kandidaten der Christlichen gewählt worden. Auch in dem schwarzen Würzburg stegten die Gewerkschaftskandidaten auf der Arbeitnehmerseite über die der Christlichen. Die Wahl iu Wiesbaden. Nach der am Sonntag erfolgten amtlichen Feststellung der Reichstagsstichwahl vom 11. Dez. erhielte der freistinnige Dr. Crüger 14902, unser Genosse Dr. Quark 11346 Stimmen. Unsere Stimmen stiegen also gegen die Stich⸗ wahl von 1898 um beinahe 1000, damals er⸗ hielten wir 10 499(in der letzten Nr. war die Zahl unrichtig wiedergegeben;) Die Frei⸗ sinnigen hatten bei den Hauptwahlen 15 205 Stimmen in der Stichwahl, gingen also um 300 zurück. Kommunalwahlsiege. Bei den Stadtverordneten⸗Nachwahlen in Schöneberg bei Berlin gewannen unsere Genossen noch zwei Sitze. Im Ganzen ver⸗ fügt die Sozialdemokratie über sechs Man⸗ date in dieser Stadt.— In Wiesbaden unterlag zwar Ende voriger Woche bei der Stichwahl unsere Liste der gegnerischen, doch ist ein Sozialdemokrat gewählt; in Wies⸗ baden das erste Mal. Sozialdemokratische Kreistags⸗ delegirte. Wie wir bereits in der letzten Nr. erwähn⸗ ten, haben am 14. Dezember die Wahlen der Kreistagsabgeordneten für den Kreis Offenbach durch die Stadtverordneten in Offenbach statt⸗ gefunden. Gewählt wurden die Genossen Eißnert, Stadtmüller und Ulrich auf 6 Jahre, Herr Brink auf 3 Jahre. In Hessen sind die genannten Parteifreunde die ersten so⸗ zialdemokratischen Vertreter in einem Kreisaus⸗ schusse. Seltener Minister. Neulich machte der Staatsminister Hentig von Sachsen⸗Koburg⸗Gotha dadurch von sich reden, daß er sich in einer Erklärung im Gothaischen Landtage gegen die Zollerhöhung gewandt hatte. Jetzr hat der Mann sogar das ihm verliehene Adelsprädikat abgelehnt. In unserer Zeit der Titel⸗ und Ordenssucht ist das immerhin eine Seltenheit. Zu erregten Scenen kam es in den letzten Tagen in der ital ie⸗ nischen Kammer. Sozialist Ferri hat in der letzten Sitzung voriger Woche bei Besprechung der Korruption in Süditalien gesagt, in Nord⸗ italien sei das Verbrechen die Ausnahme, in Süditalien sei es die Ehrlichkeit. Daraufhin entstand ein großer Lärm, und die Sitzung mußte infolge dessen rasch geschlossen werden. In der Montags⸗Sitzung forderte der Präsident Ferri auf, seine Aeußerungen zurückzunehmen, dieser weigert sich jedoch und erklärt, es werde niemanden gelingen, ihn zur Zurücknahme seiner Worte zu bewegen. Unter großem Lärm wird über Ferri die Censur verhängt, d. h. von der Sitzung aus⸗ geschlossen. Er weigert sich jedoch, den Saal zu verlassen, worüber aufs neue Tumult ent. —— eee e Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 51. steht. Dienstag wird beantragt, die Censur über Ferri aufzuheben, der Antrag wird jedoch abgelehnt. Ferrt, der während der Abstimmung hinter einer Glasthüre steht, schlägt die Scheibe ein und schreit in die Kammer:„Die parla⸗ mentarische Korruption dauert fort!“ und ent⸗ fernt sich. Ob das Vorgehen Ferri's taktisch richtig und klug ist, kann von hier aus schwer beurteilt werden, doch scheinen nach verschiedenen Zeitungsmeldungen nicht alle unsere Genossen in der Kammer mit ihm einverstanden zu sein. Sicher ist der Kampf gegen das italienische ad- lige Ausbeutertum, das ungestraft die schlimm⸗ sten Verbrechen begehen konnte, kein leichter. Krieg in Südafrika. Ueber die Lage auf dem Kriegsschau— platze liefen in den letzten Tagen recht wider⸗ spruchsvolle Nachrichten ein. Während einer⸗ seits Maßnahmen gemeldet wurden, die darauf schließen ließen, daß sich die Engländer mehr und mehr häuslich in Transvaal einrichten und die Buren zurückweichen, lassen andere Meldungen Fortschritte der Buren erkennen. So wurde die Aufgabe Rustenburgs durch die Engländer gemeldet. Dieser Ort, nur 90 Klm. westlich von Pretoria gelegen, sei geräumt worden, weil seine Versorgung mit Lebensmitteln zu große Schwierigkeiten mache! Das ist eine für die schwierige Lage der Eng— länder höchst bezeichnende Maßnahme. General Botha soll sich im Zululand befinden und schwer verwundet sein. Er hätte einen Schuß in's linke Bein unterhalb des Knies erhalten; in dem Gefecht seien 80 seiner Leute gefangen worden und er selbst sei nur mit Mühe der Gefangenschaft ent⸗ ronnen. Nach einer andern Nachricht befände er sich an der Spitze eines bedeutenden Kommandos nordöstlich von Vryheid. Danach wäre er wieder auf dem Marsche nach Natal. Ein Schlag für die Buren. Der Burenkommandant Ksuitzinger wurde, wie Kitchener aus Belfast meldet, verwundet und gefangen.— Weiter wird die Erstürmung eines Burenlagers durch die Engländer bei Dwaaifontein berichtet. Dabei scheinen aber die Buren wenig Verluste gehabt zu haben, nur die Pferde fielen in die Hände der Engländer.— Der Burenführer Asset erklärte, sie könnten den Krieg noch fünf Jahre fortsetzen, die Engländer wären dazu nicht im Stande. In der belgischen Kammer inter⸗ pellierte der Sozialist Vander vel de über die Stellung Belgiens zu dem südafrikanischen Raub⸗ zuge. Am Schlusse seiner Rede legte er der Regierung die Frage vor, ob sie gewillt sei, der englischen Regierung den Vorschlag zu machen, diejenigen Frauen und Kinder aus den süd— afrikanischen Konzentrationslagern, die es wünschen, nach Europa zu befördern und zweitens die moralische Unterstützung und Mitarbeit ber übrigen Mächte zu verlangen. Er fragt ferner, ob, falls andere Mächte offizielle und freund— schaftliche Vorstellungen unternehmen, sich die belgische Regierung diesen anschließen werde. Der Minister Favereau antwortete aus— weichend. Die Rede Vanderveldes habe gewiß alle tief bewegt, aber, nachdem England jede fremde Einmischung zurückgewiesen habe, sei es auch der belgischen Regierung nicht möglich, in dieser Angelegenheit vorzugehen.— Die Rechte versicherte den Buren ihre Sympathie, stimmte aber im ganzen der Regierung zu.— * Von Uah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkretse sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck besttmmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Hessisches. — Auch die Main-Neckar⸗Eisen⸗ bahn ist nunmehr in preußische Verwaltung übergegangen. Denn etwas Anderes bedeutet es kaum, wenn der„Reichsanzeiger“ meldet: „Zwischen den Regierungen von Preußen, Baden und Hessen ist ein Staatsvertrag über die Ver⸗ — einfachung der Verwaltung der Main⸗Neckar⸗ bahn abgeschlossen worden. Der Staatsvertrag wird den Landtagen der beteiligten Staaten zur Genehmigung vorgelegt werden.“ Die„Vereinfachung“ wird darin bestehen, daß Hessen und Baden nichts mehr zu sagen haben. Wenigstens machen das die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiete sehr wahr⸗ scheinlich. Gießener Angelegenheiten. Fröhliche Weihnachten! Diesen Gruß und Wunsch von ganzen Herzen allen unsern Freunden und Parteigenossen! Nach vielen arbeitsreichen und mühevollen Tagen haben alle, die„mühsam nur ihr täglich Brot erbeuten“ ein paar Erholungstage wohl ver⸗ dient. Leider fehlt bei den meisten unserer Freunde das Nötige— Materielle— was zu glücklichen und fröhlichen Feiertagen unerläßlich ist. Dadurch wollen wir uns aber die Festes⸗ freude nicht verkümmern lassen; feiern wir froh das Fest der Wintersonnenwende; wenn auch unsere Festtafeln sehr bescheiden gedeckt sind, ausnahmsweise Genüsse uns versagt bleiben. In dieser Beziehung unterscheiden sich beim werkthätigen Volke die Feiertage kaum von den gewöhnlichen Werktagen! Unsere Aufgabe muß aber sein, dahin zu wirken, daß endlich kein Menschenkind mehr dem Hunger, dem Froste, dem Elend schutzlos preisgegeben ist, sondern daß alle vollen Anteil an der Weihnachtsfestes⸗ freude nehmen können! Freude müssen wir darüber empfinden, wenn wir die stetigen Fort⸗ schritte beobachten, die wir auf dem Wege zu diesem Ziele machen. Das muß uns zu neuen Kämpfen ermutigen, uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen, anregen, mehr als bisher einzutreten für Gerechtigkeit, wirtschaftliche und politische Freiheit, Wohlfahrt der Gesammt⸗ heit! In diesem Sinne Fröhliche Weih⸗ nachten! Festliche Veranstaltungen arangiren in Gießen für die Feiertage die Sch nei⸗ der u. der Gesangverein„Eintracht“. Erstere halten ihre Weihnachtsfeier am 1. Feiertage im Lokale Orbig ab, der Arbeitergesangverein am zweiten Feiertage bei Albold im„Gam⸗ brinus“. Die Veranstaltungen erfreuen sich stets eines zahlreichen Besuches. — Im Gießener Stadttheater wurde am Mittwoch Björnsons Drama: „Ueber unsere Kraft“ gegeben. Der wahrhaft großartigen, ergreifenden und ein⸗ drucksvollen Dichtung brachte das Gießener Publikum leider nicht das nötige Interesse ent⸗ gegen, der Besuch war sehr mangelhaft. Auf den Inhalt des Stückes werden wir im Unter⸗ haltungsteile einer der nächsten Nr. zurück⸗ kommen. Gespielt wurde im Allgemeinen vortrefflich.— Viel stärker war der Besuch bei den Tegernseern, die am Donnerstag ihre Gastspiele mit„Dem Millibäuerin von Tegernsee“ begannen. — Auf der Straße gestorben. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde ein gut gekleideter Fremder in der Nähe der Krofdorferstraße in fast erstarrtem Zustande aufgefunden. Zwei hinzugekommene Arbeiter trugen ihn in eine nahe Wirtschaft und suchten ihn im Verein mit andern Personen durch Anwendung zweckmäßiger Mittel wieder zu sich zu bringen. Das gelang leider nicht vollkommen; als ihm die sofort herbeigerufene Polizei nach der Klinik überführte, war er noch nicht zum Bewußtsein gelangt und starb dort schon bald nach seiner Einlieferung. Der Verstorbene war, wie seine Papiere aus— wiesen, ein Kolporteur aus Leipzig, namens Dickhaut. Aus dem Rreise gießen. — r. Aus Heuchelheim. Bei der Bei⸗ geordnetenwahl ging der bisherige Beige— ordnete Volkmann als Gewählter aus der Urne hervor. Er erhielt nur 16 Stimmen mehr als der von unsern Genossen aufgestellte Gorr, auf welchen 152 Stimmen fielen. Von den An⸗ hängern Volkmanns war verbreitet worden, daß Gorr eine Wahl nicht annehmen werde und, da das Gerücht vielfach Glauben fand, blieb ein Teil unserer Genossen der Wahl fern. Das ist ein großer Fehler; hier wäre mit Leichtig⸗ keit der Wahlsieg zu erringen gewesen. Aus dem Nreise sriedherg⸗Püdingen. — Eisenbahner⸗Klagen. Mit Bezug auf unsere in Nr. 49 veröffentlichte Notiz, worin die Verhältnisse der Stationsverwaltung Fried⸗ berg und besonders das Verhalten des Stations⸗ vorstehers ein wenig beleuchtet wurden, erhalten wir von einem Friedberger Eisenbahner folgende Zuschrift:„Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen meinen Dank ausdrücke, für Ihre Mitteilung unserer Verhältnisse. Sie haben uns aus dem Herzen geredet, wir müssen nur schweigen, uns ist der Mund geschlossen. Wir könnten noch Viel, Viel erzählen. Sie sollten nur einmal Hehe sein, wenn sich die Kollegen ihr Herz gegenseitig ausschütten; früher gab es viel weniger Anlaß zu Klagen. Gegen die Feste hätten wir ja wenig einzuwenden, wenn wir nur nicht immer das Gegenteil erleben würden, von dem, das dort gesagt wird. Zum Schlusse noch eine Mitteilung, die vielleicht auch zur richtigen Würdigung beitragen kann. Ein Kollege von uns wurde kürzlich nach hier versetzt. Er ist katho⸗ lisch, seine Frau und sein Kind, das an dem früheren Wohnort schon in die Konfirmanden⸗ stunde gegangen sein soll, evangelisch. Nun be⸗ kommt mit einemmale das Kind katholischen Unterricht, um getauft zu werden. Ob der Junge zu Ostern auch an die Bahn soll? (Bei Einstellung von Arbeitern ꝛc. bevorzugt der Stationsvorsteher nämlich gläubige Katho⸗ liken, wie in der oben erwähnten Notiz behauptet wird. D. Red.) Darüber sind wir alle em⸗ pört. Wir haben nichts gegen unsere katholischen Kollegen, aber der ganze Zustand, der jetzt hier herrscht, ist unerträglich, weil einseitig und un⸗ gerecht vorgegangen wird. Wir wären alle froh, 1 einmal die Direktion sich ins Mittel legen würde.“ Wir haben diese Zuschrift dem Sinne nach wiedergegeben, weil wir uns wohl in das ab⸗ hängige Verhältnis eines Bahnangestellten hin⸗ eindenken können, das ihn von Beschwerden gegen seinen Vorgesetzten absehen läßt. Aber wir meinen anderseits doch, das es nichts schaden könnte, wenn sich die Eisenbahner ein wenig mehr Rückgrat anschaffen und, wenn sie zu klagen Veranlassung haben, sollen sie diese doch an geeigneter Stelle vorbringen. So liegen doch heute die Dinge nicht mehr, daß zahlreiche Beamte und Arbeiter sich alles Mögliche von einem untern Beamten gefallen lassen müßten. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Die Einwohnerzahl der Stadt Wetzlar beträgt nach der neuesten Aufnahme 9043 Personen. Unter den Er⸗ wachsenen zählte man 2896 männliche und 3355 weibliche Personen. h. Der Mörder des Schreiner⸗ meisters Haupt wurde am Montag von dem Schwurgericht in Limburg abgeurteilt. Er er⸗ hielt 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Die Beratung der Geschworenen dauerte nur wenige Minuten, ebensowenig Zeit brauchten die Richter zur Ausmessung der Strafe. Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte gab an, in Notwehr gehandelt zu haben, das konnte er aber nicht beweisen, ist auch nach Lage der Sache nicht wahrscheinlich. Daß der Mensch von un⸗ glaublich roher Gesinnung ist, beweist, daß er früher einmal einer lebendigen Katze das Fell abgezogen hat, weshalb er auch verurteilt wurde. Deshalb wird ihn wohl auch niemand ob der schweren Strafe, die ihn nunmehr ge—⸗ troffen, bemitleiden.— Ist aber damit nun der entsetzliche Fall, der vor vier Wochen die Be— völkerung Wetzlars und Umgebung erregte, er! ledigt? Jeder vernünftige, denkende Mensch wird sich sagen müssen, daß, wenn man Roheit und Ver⸗ brechertum wirksam bekämpfen will, man zuerst das Kulturniveau des Volkes heben, für bessere materielle Lage, mehr Bildung und bessere Er⸗ ziehung sorgen muß. Solange aber der Mordspatriotismus blüht, für Kulturauf, 10 kein Geld vorhanden ist, die„besseren kreise den Duellmord pflegen und als notwend⸗ 1 * al N ce ae, 1 9 0. ö 1. MN un cer e lich Ach ver, c an.! che! i auf Te dene aft. * Au de un an der Hage 9 sachhuse ele sclossen, n nit heiter de Bau Auuden, Mbölagerm Eebung an um e L Gelten fuß aud dagen, dus 0. 0 10 lglle! 15 Aa- er Hehl haf Aan de fslechte halben 0 saken. am 9 fd 0 fal dach, S S= —— ä — 2 — S —— 1 1. 5 dat gen. Veit „ Worin Fried, lationz, halten 0 gende le Ui, ur Iyu haben en nüt ö 15 sollteg eollege gah ez die gest un wit würden, use no dichtigen bon ung tt katho⸗ an den manden⸗ Nr. 51. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. igen Bestandteil der Gesellschaftsordnung er⸗ Nun b. lis chen Ob der 1 ful cborzugt Kathh⸗ chauptkt le em⸗ holischen jetzt hier und un⸗ alle froh tel legen une nah dab ab⸗ Iten hil⸗ werde . Abel. ö schaden u wenig 1 sie zu iese doch 0 liegen ahlteige iche bol Müßtel, unserem Orte. klären, solange werden Verbrechen dieser Art nicht verschwinden.— Daß„mehr Religion“ nicht hilft, wie die Frommen wähnen, zeigt sich gerade in unserer Gegend, denn in diesem Ar- tikel wird hier eher zu viel als zu wenig pro⸗ duziert und doch liefert jede Gerichtsverhand⸗ lung, auch die Strafkammersitzung vom Mitt⸗ woch, Beweise für die Zunahme der Verrohung. Ziemlich gelinde kam der„Boxer“ Selig⸗ mann weg, der nur 4 Monate Gefängnis be⸗ kam. Bekanntlich stieß er in Weilburg einen Bauer vor die Brust, woran dieser starb. Wenn der Angeklagte das auch nun nicht beabsichtigt haben mag, bleibt seine Handlungsweise trotzdem berabscheuenswert. Am Samstag aus der Haft entlassen, stolzierte er, mit der Chinamedaille dekoriert, abends in Wetzlar herum. n. Mit den Bestimmungen des Ver⸗ sicherungsgesetzes scheinen es viele Arbeit⸗ geber nicht besonders genau zu nehmen. Viel⸗ sach werden die Arbeiter zu spät oder auch gar ficht an die betr. Kassen angemeldet. Dadurch haben bei Unfällen die Arbeiter natürlich Schaden und Laufereien. Gut, wenn sich jeder Arbeiter sgaff seine erfolgte Anmeldung Gewißheit ver⸗ schafft. e. Aus Launs bach. Daß es einer Ge⸗ meinde unter Umständen kostspielig werden kann, wenn der Gemeinderat nicht die nötige Energie besitzt, nach„Oben“ hin seinen Willen durchzusetzen, erweist sich an einem Beispiele in Der Gemeinderat hatte be⸗ U 1 schlossen, eine Anzahl Obstbäume anzuschaffen 0 0 0 ö bester Qualität und zu billigen Preisen. Mehl wird per Pfund zu 15 Pfg. verkauft. und mit der Bestellung derselben Herrn Bürger⸗ meister Lichtenthäler beauftragt. Anstatt die Bäume aber nun in Wetzlar gekauft wurden, wie es beschlossen war, ließ sie der Bürgermeister aus Trier kommen, wodurch die Sendung erheblich verteuert wurde, die Gemeinde eiwa um 40— 50 Mk. geschädigt ist. Außerdem ist die Lieferung noch minderer Qualität. Ein Gemeinderat darf nicht nur beschließen, sondern muß auch für Durchführung seiner Beschlüsse sorgen, denn was hat er sonst für einen Wert? Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. St. Der hiesige Konsum verein hat seine Thätigkeit bereits begonnen, indem er für seine Mitglieder ein größeres Quantum Mehl, sowie Hasel⸗ und Wallnüsse beschafft hat; alles in Das Die Haselnüsse sind bereits aufgekernt und braucht man deshalb nicht zu befürchten, taube oder schlechte Nüsse zu erhalten und die Kinder ver⸗ derben sich nicht die Zähne durch das Auf⸗ macken. Da das Verkaufslokal wahrscheinlich erst am 1. April n. Is. eröffnet werden kann, so findet der Verkauf obiger Waren in der Kugelgasse 11, gegenüber dem ehemaligen Amts⸗ gericht, Abends von 6—7 Uhr statt. — Weihnachtsfeier. Wir verfehlen sticht, noch einmal an dieser Stelle auf die am 1. Weihnachtstag, Abends von 7 Uhr ab, im Lokale von D. Jesberg dahier stattfindende Weihnachtsfeier unseres Gesangvereins„Ein⸗ sracht“ aufmerksam zu machen, zu der alle Genossen mit Familien freundlichst eingeladen nd. Eintrittsgeld wird nicht erhoben. Wer sch aber an der Geschenkverlosung beteiligen vill, à Los 50 Pfg., der beeile sich, in die kiste sich einzuzeichnen, welche bei Jesberg auf⸗ siegt und die am Sonntag, den 22. ds, geschlossen bird. Wir wünschen dem Gesangverein eine echt vergnügte Weihnachtsfeier. a — Das amtliche Resultat der am 13. ds. lahier stattgefundenen Stadtverordneten⸗ Stichwahl ist folgendes: Rentmeister Vial 907, Mechanikus Engel 245, Kupferschmied Flee 223 und Lehrer Dörbecker 220 Stimmen. Die beiden ersten sind also gewählt und hat sterdurch die Opposttion gegen die sog.„Rat⸗ lauspartei“ gesiegt.— Der seitherige Stadt⸗ lerordneten⸗Vorsteher, Rechtsanwalt Dörfler lat aus Anlaß der Wahl Engels sein Vor⸗ ßeheramt niedergelegt. Was würde da wohl ei der Wahl eines Sozialdemokraten erst geschehen ein?— Am Mittwoch Abend fand eine längere Sitzung der Stadtverordneten statt, worin eine Resolution angenommen wurde, dahingehend, Herrn Dörffler zu ersuchen, sein Amt als Vorsteher fernerhin beizubehalten. — Herr Geh.⸗ Rat Prof. v. Behring dahier, der Erfinder des Diphtherie⸗Heilserums, erhielt für eine medizinische Arbeit den Nobel⸗ preis in Schweden, welcher in dem netten Sümmchen von 170 000 Mk. besteht. Prof. Behring teilte, nach einem Stockholmer Tele⸗ gramm, in einem Vortrag über Serumtherapie mit, durch von ihm angestellte Versuche sei die Möglichkeit ein Immunisftrung des Viehes gegen Tuberkulose erwiesen. Er beabsichtigt, den ihm zuerkannten Nobelpreis für weitere Versuche zur Bekämpfung der Viehtuberkulose zu verwenden. Sollte es dem großen Gelehrten nicht möglich sein, auch ein Mittel zur wirksamen Bekämpfung der menschlichen Tuberkulose, der jährlich viele Tausende zum Opfer fallen, zu entdecken? Er würde sich dadurch auch besonders den Dank aller Arbeiter, die hauptsächlich unter der schreck⸗ lichen Krankheit zu leiden haben, verdienen. Gemeindewahlen in Hessen. Für die ungülttg erklärte Wahl in Urberach (Kreis Offenbach) fand am 12. Dez. eine neue Wahl statt. Diese endete leider wiederum mit dem Siege der Centrumskandidaten, welche in⸗ dessen nur 10—15 Stimmen mehr als unsere Genossen erhielten. Auf diese fielen 140—150, auf die Gegner 159—165 Stimmen.— Vor⸗ igen Freitag fand in Isenburg die Beige⸗ ordnetenwahl statt, wobei der Kandidat der Sozialdemokraten und Freisinnigen, Geyer mit 439 Stimmen als Sieger aus der Wahl⸗ urne hervorging. Der bisherige Beigeordnete Lust erhielt nur 139 Stimmen. Drahtlose Telegraphie über's Meer. Die von Marconi in St. Johns(Neu⸗ fundland, Nord-Amerika) gegründete Draht⸗ lose Telegraphenstation erhielt Signale von einer 1700 Meilen entfernten Station in Cornwallis(England). Marconi hatte vor der Abreise von England mit der betreffenden Station, wo er eine sehr kräftige Batterie auf⸗ stellte, vereinbart, daß nach einem gewissen Datum zwischen drei und sechs Uhr Nachmittags täglich das Morsezeichen für den Buchstaben s, also drei Punkte in kurzen Zwischenräumen, geschickt werde. Mittwoch war als der erste Tag ver⸗ einbart und an diesem, sowie am darauffolgenden Tage wurden, wie Marconi erklärte, die Buch⸗ staben sehr deutlich über's Meer signalisirt, worauf er am Freitag an das britische Ministerium telegraphierte, daß das Problem der drahtlosen Telegraphie über's Meer gelöst sei. 19358 — Kleine Mitteilungen. ** Abgestürzt. Ein Dachdecker stürzte am Dienstag in Leihgestern vom zweiten Stockwerk eines Neubaues in den Keller. Schwer verletzt wurde er in die Gießener Klinik gebracht. * Bestrafte Rachgier. Ein junger Bursche aus Philippstein wollte in Weil⸗ münster dem Pferde eines Metzgers den Schwanz abschneiden. Dabei glitt das Messer aus und der Bursche schnitt sich die Puls⸗ ader durch. Er starb angeblich an Verblutung. * Verurteilter Offizier. Das Kriegs⸗ gericht der 11. Divistion in Trier verurteilte den Hauptmann Koch vom 29. Inf.⸗Regt. wegen Unterschlagung von Kontinengeldern, Mißhandlung Untergebener, falscher Führung von Dienstbüchern und nicht vorschriftsmäßiger Bestrafung eines Untergebenen zu 6 Wochen Stubenarrest und Dienstentlassung. Von der Anklage des schweren Diebstahls wurde er freigesprochen. Der Auditeur hatte 2 Jahre Gefängnis und Ausstoßung aus dem Heere beantragt. a 0 ** Erschossen hat sich in Metz ein Offi⸗ zier, der Leutnant von Bomhard. Ein anderer Offizier, Oberst a. D. von Bothmer erschoß sich am Mittwoch in Hildesheim. . Arbeiterbewegung. Scheerenschleiferstreik in Solingen. Der Solinger Verein der Scheerenfabrikanten sperrte die Schleifer aus, die nicht zu den von ihm diktirten niedrigen Preisen arbeiten wollten. Daraufhin legten etwa tausend Scheerenschleifer die Arbeit nieder. Humoristisches. Das kluge Karlchen. Tante:„Karlchen, das weißt Du doch, daß die Katzen im Dunkeln sehen können?“— Karlchen:„Das kann meine Schwester Anna auch; denn als sie gestern mit Herrn Berger im dunklen Hausflur stand, sagte sie zu ihm:„Sie haben sich ja heute nicht rasieren lassen!“ CCC§¹· d Mit Neujahr 1902 tritt die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ in ihrem neunten Jahrgang. Unsere Freunde wissen, welche Bedeutung die Partei⸗ presse für die Arbeiterbewegung und das ge⸗ samte werkthätige Volk hat. Deshalb sorge jeder Angehörige desselben für weiteste Aus⸗ breitung der Zeitung, die keine Interessen vertritt und agitiere bei Bekannten, Freunden, in Vereinen und überall für die„Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung“! Abonnementspreis 25 Pfennig den Monat. CCC ͥ ³˙¹ AAA AAA Versammlungskalender. Samstag, den 21. Dezember. Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Mitgliedersammlung im Lokale Orbig. T.⸗O.: Rückblick auf die politischen Vorgänge im Jahre 1901. Ref.: Krumm und Vetters. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 1/9 Uhr Versammlung bei Jak. Pfaff. Briefkasten. H.⸗Gsn., für Wahlfonds Mk 5.—. Der Vertrauensmann. Br Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. Am 12. Dez. Heinrich Gerlach, Zimmermann in Vetzberg mit Anna Baum dahier. 14. Joseph Bick, Kellner, mit Anna Richter, dahier. 19. Christian Zimmermann, Kutscher in Schiffenberg mit Christiane Fuchs, Langgöns. Eheschließungen. 14. Heizer, mit Dorothea Findt dahier. Schreiner, mit Karoline Nord, dahier. Karl Frieling, Taglöhner mit Dorie Broders, dahter. 19. Johann Adami, Kaufmann, mit Johannette Schmall, dahier, Karl Hofmann, Schreiner in Lich mit Marie Wenzel dahier. Geborene. Dem Fuhrmann Heinrich Opper e. T. 9. Dem Taglöhner Heinrich Wagner e. T. 10. Dem Fabrikanten Karl Malkomesius e. T. 11. Dem Bau⸗ techniker Anton Creter e. T. Dem Schuhmacher Wil- helm Strack e. T. 13. Dem Schmied Karl Parr e. S. 14. Dem Taglöhner Johannes Döring e. T, 17. Dem Oelhändler Johannes Erb e. T. Gestorbene. 12. Elise Henrich, geb. Krämer, 69 Jahre alt, beruflos dahier. 15. Philippine Zinßer, 47 Jahre alt, beruflos dahier. Ernstine Scheld, 81 Jahre alt. 16. Peter Gernand, 61 Jahre alt, Lokomotivführer dahier. Katharine Kämmerer, geb. Sauer, 75 Jahre alt, Witwe dahier. P Weihnachtsfeier desang-Vereins„EIVWIR ACHT“ Mitglied des Arbeiter⸗Sängerbundes des Rhein⸗ a und, Main gaues. Donnerstag, den 26. Dezbr.(2. Feiertag) zabends 8 Uhr 5 im Lokale des Herrn Albold(Gambrinus). Es ladet freundlichst ein Eintritt frei. Quittung. — Andreas Reinhardt, Julius Sack, Der Vorst and. N rr Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 15 Nr. 51. 11 i H en 7 b Unterhaltungs-Ceil. 3——— 2 Das schwingende Reck. Humoreske von Ph. Scheid emann. Meinem Freunde Gottlieb Schulze hatte die teure Gattin in zwölfjähriger Ehe drei Kinder geschenkt, drei Mädchen. Sie zählen jetzt 10, 9 und 7 Jahre. Wer sie das erste mal sieht, ist ganz entzückt von ihnen. Reizende Kinder, heißt es gewöhnlich. Nach höchstens einstündiger Bekanntschaft revidieren allerdings die meisten Leute ihr Urteil. Die Höflichen sagen dann zu Gottlieb's Frau: Ja, ich glaube, daß Ihnen die drei Kinder viel Arbeit machen. Die Ehr⸗ lichen sagen: Die drei Mädel sind ja schlimmer, wie sechs böse Buben Und das letztere scheint auffallend zu stimmen. Man höre nur, was mir neulich Gottlieb Schulze erzählte: „Es war zwei Tage vor Weihnachten, an einem Sonntag. Wir— also Gottlieb und Frau— beratschlagten, was wir den drei Rangen eventuell noch kaufen sollten. Meine Frau zählte grade auf, was sie selbst angefertigt hatte: Kleider, Schürzen, Mützen und der⸗ gleichen. Außerdem hatte sie die vorjährigen Puppen, von denen allerdings nur noch die absolut unzerreißbaren ledernen Bälge vor⸗ handen waren, wieder neu zusammengeflickt: ihnen neue Köpfe aufgeleimt, neue Arme und Beine angenäht und neue Garderobe ange⸗ fertigt. Die„Große“, wie wir die Zehnjährige nennen, hatte sich„'ne Schatull'n mit'n Einsatz“ gewünscht, die Zweite, die flachsköpfige Liese, wollte einen Kochherd mit Spiritusheizung, und die Kleinste, der Schrecken der ganzen Nachbar⸗ schaft wünschte sich ein neues Gesellschaftsspiel, weil sich die beiden Schwestern beim Lottospielen nicht mehr bemogeln ließen. Da die Kleine fortgesetzt von einer„Nordpolreis'“ redete, so nahm ich an, daß das ein Spiel ist, bei dem sie die ihr geläufigsten Mogeltricks am besten anwenden kann. Gewissenhaft beratschlagten wir, wie weit die Wünsche unserer Sprößlinge berücksichtigt werden müßten. Da wurde plötzlich heftig geklingelt..... Eine Frau aus der Nach⸗ barschaft ist da, sie verlangt 80 Pfg., weil unser Kleinstes ihr mit einer Kartoffel eine Fenster⸗ scheibe eingeworfen habe. Während meine Frau sich mit der 80 Pfg.⸗Nachbarin über die Ungezogenheit der Kinder von heute auseinander⸗ setzt, greife ich, tief gerührt, in den Beutel und bleche... Um eine Erfahrung reicher, und um 80 Pfg. ärmer, wollte ich stillschweigend von der Bildfläche verduften, als mich ein furchtbares Geheul, das die Treppe herauf tönt, zurückhält; die„Große“ kommt zähneklappernd und mitblutigem Gesicht heraufgehumpelt. Sie ist beim Herumklettern auf einem Bauplatz auf die Nase gefallen. Und nun fließt der kostbare rote Saft knüppeldick. Wo ist die Liese? frage ich empört.„Die steht unten und will nicht herauf, weil sie sich das neue Kleid zerrissen hat!“ Barmherziger Gott! Meine Frau schlägt die Hände überm Kopf zusammen; ich machte ein furchtbar böses Gesicht. Die flachsköpfige Kleiderzerreißerin wird herbei⸗ geholt und alle drei in ihre Kammer verwiesen. Hier hielt ich meinen hoffnungsvollen Töchtern eine eindringliche Rede und gab ihnen eine Strafarbeit auf. Es mußte je 50 mal schreiben: Die Große: Wer auf Bauplätzen herum⸗ turnt, fällt sich leicht die Nase blutig. Die Zwette: Ich soll nicht über die Staketenzänne klettern. Die Dritte: Ich darf keine Fensterscheiben mit Kartoffeln einwerfen. Sorgen schwer sitzt mein Weib am Tisch. Ich soll die Kinder verzogen haben! Welch' ein himmelschreiend unverdienter Vorwurf. Aber energisch muß jetzt eingegriffen werden, darin sind wir uns vollkommen einig. Vor allen Dingen sollen die Drei nicht mehr so häufig auf die Straße, wie seither. Sie müssen mehr ans Zimmer gefesselt werden. Aber wie? Vielleicht durch ein geeignetes Spielzeug, das dem etwas zu stark entwickelten Thaten⸗ und Freiheitsdrang unserer Kinder entgegenkommt. Langes Besinnen——— Endlich hab ichs! Frau, wir kaufen ein Zimmertrapez. Weißt Du, so ein schaukelndes Reck, an dem die Kinder turnen, schaukeln und gleichzeitig ihre Muskeln stählen können. Der pädagogische Wert eines solchen Gerätes ist über alle Zweifel erhaben. Ein famoser Einfall das! Meine Frau äußerte zu meinem großen Er⸗ staunen gewichtige Bedenken. Sie witterte aller⸗ lei Unheil. Ich lieferte ihr aber den unan⸗ fechtbaren und lückenlosen Beweis, daß es gar nichts praktischeres auf der Welt giebt, wie Zimmertrapez und daß damit gar nichts schlimmes passieren könne. Sie stimmte schließlich seufzend zu. Sie hoffte das beste———“ Bis dahin hatte Gottlieb Schulze schon mit einer wahren Leichenbittermiene erzählt. Jetzt seufzte er auffallend tief, nahm einen kräftigen 42 aus dem Maaßkrug und fuhr dann ort: „Heller Jubel herrschte am heiligen Abend. Die Kinder waren gar nicht von dem Reck wegzukriegen. Zwei Puppen, die von der Schaukel heruntergefallen waren, hatten schon ihr blutjunges Leben lassen müssen. Die eine erlitt einen komplizierten Bruch ihres Porzellan⸗ schädels, die andere brach das wächserne Genick. Endlich kam Ruhe ins Haus. Die Kinder schliefen und auch wir Alten suchten die Betten auf; ich schlief allerdings sehr unruhig. Ich träumte von blutigen Nasen, eingeworfenen Fensterscheiben und zerrissenen Kleidern. Gegen morgen erst schlief ich fester ein. Ich mochte etwa eine Stunde geschlummert haben, als ich von einem regelmäßigen Klopfen an der Wand geweckt wurde. Bum— bum— bum— bum— Ja, zum Donnerwetter, was ist denn das? Wer klopft denn da in stockfinsterer Nacht schon um 1. Feiertag früh die Leute aus dem Schlaf! Bum— bum— bum— bum— Ich wecke meine bessere Hälfte, die infolge übergroßer Anstrengung vor den Festtagen fest schlief. Auch sie weiß das Bum bum, das nach einer ab und zu eintretenden kleinen Pause regelmäßig wieder einsetzte, nicht zu erklären. Da mit einem Male gab es einen Mords⸗ spektakel.... bum— bum— pardauts —klingelingeling—„Mama! Mama!“ — Nun war uns die Situation klar. Auf⸗ springen, Kerze anzünden und die Thür zum Schlafzimmer der Kinder aufreißen war das Werk eines Augenblicks—— Wir sahen gerade noch, wie zwei unserer zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Sprößlinge spurlos unter den Bettdecken ver⸗ schwanden. Die Kleinste aber, die schlimmste, die mit den großen Augen und den kurz geschorenen Haaren, saß auf dem Waschtisch und zwar mit— dem Allerwertesten im zer⸗ brochenen Waschbecken— patschnaß und heulend. Das Schlafzimmer war überschwemmt.— Ein schöner Anfang des ersten Weihnachts- tages! Die Rangen hatten schon im Dunkeln Klimmzüge probiert, geschwungen und geschaukelt. Beim Schaukeln hattten sie fortgesetzt an die unsre beiden Zimmer trennende Wand getreten. Daher das bum— bum. Als dann die Kleine von der flachsköpfigen gewaltsam abgelöst werden sollte, weil sie zwei⸗ mal zu viel hin⸗ und her geschaukelt hatte, gab es ein zwar nur kleines, aber, wie wir schon gesehen haben, folgenschweres Rekontre. Die Kleine fiel im Schwingen aus dem Reck und gerade in das funkelnagelneue Porzellan⸗Wasch⸗ becken, ein Geschenk meiner Schwiegermutter. Daher das Scherben⸗Klingelingeling.—— Am Nachmittag kam meine Schwiegermutter zu Besuch. Sie hat mir allen Ernstes, indem sie mir unbeschreiblich liebevolle Blicke zuwarf, gesagt, ein vernünftiger Vater kaufte seinen Töchtern überhaupt kein Trapez, ob ich Seil⸗ tänzer aus den Kindern machen wollte? Aber es wäre ja kein Wunder, wenn die Kinder ungezogen wären, die arteten eben nach ihrem Vater, aus dessen Bubenjahren noch heute die schlimmsten Geschichten erzählt würden. Der Apfel fiele nicht weit vom Stamm....“ Gottlieb hatte sich in ziemliche Erregung. geredet, nun schlug er kräftig mit der Faust auf den Tisch und schloß seine Erzählung so: „Und das sagte mir der Drache blos wegen des lumpigen Waschgeschirrs, denn daß die 0 1 Puppen kaput, daß der Deckel von der Schatulle abgebrochen war, daß die Nordpolreis' auf dem Spiritusherd verbrannt ist, wußte sie gar nicht. Und von dem zerrissenen Kleid, der blutigen Nase und der eingeworfenen Fensterscheibe hatte sie noch gar keine Ahnung....“ Mit unbeschreiblich traurigem Bltck schaute mir Gottlieb in die Augen. Ich schüttelte ihm zum Troste die Hand und schlug ihm vor, auf das Wohl seiner Mutter noch ein Maß zu trinken. Damit war er sofort einverstanden und— von Minute zu Minute wurde er ver⸗ gnügter. Als wir schließlich gemeinsam den Heimweg betraten, erzählte mir Gottlieb im Vertrauen, daß er sich heuer an seiner Schwieger⸗ mutter rächen wolle, er würde ihr, wie aus Versehen, zu Weihnachten eine Schnurr bart⸗ binde unter den Tannenbaum legen. Ich habe ihn dringend gewarnt, aber wer nicht hören will, muß fühlen. Und ich fürchte, 111 5 arme Gottlieb Schulze sehr viel fühlen wird. Zwei Weihnachten. 1 Der Fabrikant Anton Eyting war sehr schlechter Laune. Daß das auch gerade zum Feste kommen mußte! Aber seitdem er dem Jungen anf sein Drängen erlaubt hatte, den Fabrikbetrieb von der Pike auf zu lernen, hatte er einen Zug„nach Unten“ gezeigt, der dem Vater gänzlich zuwider war. Und nun gar sich in diese Buchhalterin zu verlieben und ein Verhältnis mit ihr anzuknüpfen! Und was hatte er auf die väterliche Ankündigung, er habe unverzüglich das Verhältnis abzubrechen, geantwortet:„Ich lasse das Mädchen nicht; denn Frauenliebe ist mir kein Handelsartikel.“ Und dabei hatte er den Vater mit einem starren Blicke angesehen; dem Blicke der Mutter. So hatte diese einst den Mann angeschaut, als sie entdeckt, daß er sie nicht aus Liebe, sondern wie so Viele, Viele, ihres Geldes willen geheiratet hatte. Aus Liebe heiraten! Lieber Gott, das hätte er einst auch können. Aber als ihm klar gemacht worden war, was das geschäftlich bedeute, nämlich das Unterliegen im Wettlauf um den Profit, da war er, der alte Eyting, der Stimme der„Klugheit“ gefolgt. Glück, innere Zufriedenheit, hatte ihm das ja freilich nicht gebracht. Schon jene Stunde, da er es der um des Geldes wegen geheirateten Gattin gestehen mußte, sie bedeutete einen Abgrund von Qualen. Und von da ab war jene Frau langsam dahingestorben. Er blieb mit dem Jungen allein. Und nun war es mit diesem so gekommen. Wo er nur bleiben mochte? Die Arbeitsstunde hatte doch längst begonnen. a Da öffnete sich die Portiere zu dem Kabinet des Chefs, ein Diener brachte einen Brief. Das war des Sohnes Handschrift. Mit un⸗ sicherer Hand öffnete der Alte das Schreiben. Die wenigen Zeilen lauteten: „Mein lieber Vater! Da Du es mir ver⸗ sagt hast, als Dein Sohn und Dein Mitarbeiter meiner geliebten Braut mein Versprechen zu halten, ich Dir aber schon erklärt habe, daß ich es halten werde, so habe ich Dein Haus zu meinem tiefsten Bedauern verlassen müssen, um mir eine andere Existenz zu schaffen! Lebe wohl. Dein Sohn Karl.“ Schwer sank des alten Mannes Rechte mit dem Briefe auf seinen Schreibtisch. Nun war er ganz einsam. Und übermorgen läuteten die Glocken zu Weihnachten. II. Am zweiten Feiertag saßen Nachmittags in einem einfachen Stübchen der Vorstadt zwei weibliche Personen. Die jüngere, eine dunkel fahte! 10 D o le sel altere blutigen ebe hatt b schnut telte ihm dor. an Naß zu serstanden e er ber. am den ttlieb in Wie aus lr hart⸗ aber wer ch fürcht, iel fühlen war sehr rade zum er dem pt hatte, u lernen, zeigt, der Und nun leben und n Und gung er, zubrechen, gen licht; arkllel.“ em starten tter. Sb tt, als se „ sondern 8 willen 1 Lieber ell. Aber was daß liegen int der alte gold m Das fl runde, 90 heiratet tete eilel a ab wal Und nun 60 el Hl hatte daß m Kabi en Bre, Nit ul, Schreibe ir be, Seite 7. Mitteldeutsche Sonntags⸗Feitung. — Nr. 51. Blondine, in deren Gesicht sich Klugheit und Güte vereinten, um es sehr sympathisch zu machen, hatte schon wiederholt aus dem Fenster die Straße, auf der es zu dunkeln begann, hinunter gesehen. „Ob es Karl gelingen wird, Tante?“ fragte sie die ältere, eine würdige Matrone, die aber noch den Eindruck großer Rüstigkeit machte. Liebe Erna,„war die Antwort“, gedulde Dich noch ein Bischen, wir werden es ja bald wissen. Ganz leicht ist das nicht, bei einem alten Freunde anzuklopfen und ihn zu bitten, dem Bittsteller eine Lohnstellung im eigenen Betrieb zu übertragen, aber Dein Karl wird mit seinen Kenntnissen und Fertigkeiten auch anderwärts Brot finden, sollte das Erstere nichts sein.“ „Ach, Tante,“ begann das junge Mädchen wieder,„wenn das Opfer, das er mir bringen, will, nur nicht seine Kräfte übersteigt.“ „Erna, Du kennst einen Eyting nicht; will der solch ein Opfer bringen, dann führt er's auch durch.“ „Ja, Tante, kennst Du denn die Eytings?“ fragte Erna erstaunt. „Mein Kind, ich kenne den alten Eyting; der wollte mir ein solches Opfer nicht bringen, wie sein Sohn es Dir bringt,“ antwortete die Aeltere mit leise vibriender Stimme. „Und das, liebe Tante, sagst Du mir erst heute? Erzähle doch, was hast Du Böses er⸗ fahren mit dem bösen Manne?“ „Nicht doch, liebe Erna, ein andermal, es genüge Dir jetzt, daß es so gewesen ist. Anton Eyting war mein Verlobter, aber er blieb es nicht, denn ich war arm.“ Da stürmte es die Treppe herauf, klopfte an und herein trat der so sehnsüchtig Erwartete. Nach herzlichster Begrüßung erzählte Karl Eyting den beiden gespannt Lauschenden, daß es ihm bei seinem Freunde in O., der nach dem frühen Tode des Vaters dessen Fabrik leitete, gelungen sei, als erster Werkführer eine Stelle zu erlangen, die zwar nur eine bescheidene, aber doch eben ausreichende Existenz für die zwei Liebenden ermöglichte. Am nächsten Tage schon sollte der Austritt erfolgen. Es war also nur Zeit zu einer kurzen, aber um so f 0 schiedsfeier. so herzlicheren Ab I. Zwei Jahre später. Karl Eyting und sein junges Weib rüsten sich zur Weihnachtsfeier für sich und ihr Kind, einen prächtigen Knaben. Die Stellung, welche Eyting bekleidet, entspricht ganz seinen praktischen Fähigkeiten wie seinen Neigungen. Er hat fich der klassenbewußten Arbeiterbewegung angeschlossen und genießt unter den nach dem gleichen Ziele Mitringenden Ach⸗ tung und Vertrauen. Leider ist sein Verhält⸗ nis zu dem ehemaligen Freunde, der zugleich sein Chef ist, nicht ein ungetrübtes geblieben. Dieser macht kein Hehl daraus, daß„seine Arbeiter“ solche Bestrebungen lieber nicht teilen sollten. Und daß sein Jugendfreund daran teil⸗ nimmt, gefällt ihm erst recht nicht, wenn er auch die Thatkraft und Fähigketten Eyting's andererseits nicht missen möchte. Das ist der eine Schatten auf Karl Eyting's Glück. Der andere ist durch die Nachrichten von daheim verursacht. Die treue Tante hatte berichtet, der alte Eyting sei durch einen mit großer gegenseitiger Erbitterung durchgekämpften Streik seiner Arbeiter innerlich wie äußerlich sehr mitgenommen, wie sie von zuverlässiger Seite erfahren habe.— Giebt es kein volles Glück auf Erden? so fragte Karl Eyting sich wohl. Aber die Jrage schien vereint werden zu müssen. Der Nachmittag des vierundz wanzigsten De⸗ zember war gekommen. Frau(Erna überlegte schon, ob man nicht bald das Bäumchen an⸗ zünden solle. Da klopfte es. Ein Postbote mit einem Telegramm. Es enthielt nur die Worte: „Ihr erhaltet heute noch Besuch!“ Besuch aus der Heimat und so gemeldet, voer konnte das sein, fragte sich die junge Frau. Ihr Gatte war noch zu einem kleinen Gang e ausgegangen. Da kam er zuräck. Wie sorg envoll er aus⸗ schaute! Ach ja, der Vater!! Aber er muß das Telegramm lesen. vor innerer Bewegung. Vater und Tante Mathilde.— Die Beiden erklären, wie das Alles gekommen sei. er so bitteres Unrecht gethan. in Hand mit Der, deren Hand er einst treulos „Das glaube ich nicht, daß die so plötzli sich auf Reisen begiebt.“ 9 So unterhielten sich die jungen Eheleute. Da rollte ein Wagen heran. Er hielt vor Karl Eyting's Wohnung. Ein bejahrter Herr stieg heraus und half einer ältern Frau aus dem Wagen. Wegen der inzwischen eingetretenen Dunkelheit erkannten die beiden am Fenster Stehenden die Angekommenen im ersten Augen⸗ blick nicht. Da fiel das Licht der Straßen⸗ laterne auf Beide. Mit einem Aufschrei faßte Erna Karls Arm. Der kräftige Mann wankte Das waren ja der vereint, vereint bei Denen, die sie so lieb hatten!! Nur ruckweise nnd schluchzend konnte nach der ersten wortlosen Begrüßung durch lange Umarmung der alte Eyting dem jungen Paare Die zwei Jahre der Einsamkeit hätten ihn mürbe gemacht. Er habe eingesehen, daß er noch viel gut zu machen habe, an den Seinen vor Allem; darum habe er nicht eher ruhen wollen, als bis er die Verzeihung Derer erlangt habe, denen Nun set er Hand zurückgestoßen, da und bitte auch seine Kinder, seine Hand nicht zurückzuweisen.„Dich, meinen lieben Sohn, bitte ich aber, so fuhr der Alte fort, noch um ein Anderes. Der letzte erbitterte Lohnkampf hat mir gezeigt, daß ich auch in der Arbeitsstätte zu Hause etwas gutzumachen habe. Es geht nicht auf meinem bisherigen Wege weiter. Eine neue Zeit ist gekommen; der Ab⸗ solutismus des Unternehmertums hat ausgespielt. Tritt Du darum an meine Stelle, der Du die Ideen der neuen Zeit in Dich aufgenommen hast und hilf es verwirklichen, daß es dereinst im Arbeitsverhältnis nicht mehr Herrschende und Beherrschte gebe, sondern in gemeinsamen Kulturwerken Hand in Hand Arbeitende, von einem Triebe beseelte Bauleute: Eine Welt einzurichten, in der Jeder frohe Feste feiert, wie wir es nun thun wollen. Dazu holt mir vor Allem den Stammhalter, den zu sehen ich mich lange gesehnt habe!“— Puppen- und Kinder- Sportwagen, 2 H. Fuhr, benen Sonnenstrasse 25 empfiehlt sein auf's Reichhaltigste ausgestattete blosse Mefnachte-Jusstesang Kinder- Spielwaren für K na ben und Mä d ehen. crösste Neuheit in beweglichem Christbaumschmuck, unzerbrechlich, unverbrennbar, grossartiger Effekt. 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