u.* — . Jaume Ne schlacht, Nr. 38. Vießen. Sonntag, den 22. September 1901. 8. Jahrg. 5 Redaktion: 3 22 N 5 5 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mit I 1 d eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. unt Igs⸗ f Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 2 Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)[ 33½¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Parteigenossen! Unterschreibt die Petition gegen den Brotwucher! Zum Parteitage. Oben an der Ostsee, in der alten Hansestadt Lübeck, treten diesmal die sozialdemokratischen Delegierten aus allen deutschen Gauen zum Parteitage zusammen. Es ist der zwölfte seit dem Falle des Sozialistengesetzes. Das alljährliche Arbeiterparlament zieht immer das öffentliche Interesse in einem Maße auf sich, dessen sich keine andere Partei mit ihren„Tagen“ und Zusammenkünften rühmen kann. Schon wochenlang vor seinem Zusammentritt ist es in jedem Jahre Gegenstand der Erörterung in der bürgerlichen Presse, die regelmäßig um diese Zeit von„tiefgehenden Meinungsverschieden⸗ heiten“ fabelt, die in der Sozialdemokratie vorhanden sein sollen und die zu lebhaften Auseinandersetzungen auf dem Parteitage führen würden. Fast immer werden Spaltungen pro⸗ phezeit. Diesmal ist Letzteres besonders im Hinblick auf das Auftreten Bernsteins geschehen. Doch liegt weber von diesem selbst, noch von irgend einer anderen Seite ein Antrag auf Aenderung unseres Parteiprogramms vor, ein Beweis, daß bezüglich des Prinzips völlige Einmütigkeit herrscht. Mögen bezüglich der Taktik kleinere Meinungsverschledenheiten herrschen; das Ziel wird von der Gesamtpartei fest und sicher im Auge behalten. Möglich, daß es in Lübeck wegen der Hamburger Akkordmaurer⸗ Angelegenheit zu lebhafteren Debatten kommt. Aber wir sind sicher, daß der Partei- tag auch in dieser Frage eine für beide Seiten befriedigende Lösung finden wird. So werden die Prophezeihungen der Gegner sich auch in Lübeck nicht erfüllen, ihre Hoff⸗ nungen auf Wirrwarr in unsern festgefügten Reihen sich wiederum als trügerisch erweisen. Auch dieser Parteitag wird einen Markstein bilden in der rüstigen Vorwärtsentwicklung der deutschen Sozialdemokratie und damit der großen internationalen Arbeiterbewegung. In diesem Sinne begrüßen wir den Partet⸗ tag, die Kämpfer für Freiheit, Wohlfahrt und Recht aufs herzlichste und wünschen ihren Ar⸗ beiten den besten Fortgang. Mehr Opferwilligkeit! Ueberblickt man die Entwickelung unserer Partei seit dem Falle des Soziaalistengesetzes, so können wir wohl im Allgemeinen damit zu⸗ frieden sein. Wir sind leidlich vorwärts ge⸗ kommen, trotz der großen Machtmittel der Gegner und trotzdem dieselben sehr oft in der unlautersten Art gegen uns angewandt werden. Selbst die Unterstützung der Gegner durch Re⸗ gierungen und Behörden konnte das Anwachsen der Sozialdemokratie zur stärksten Partei Deutschlands nicht verhindern. Auch in Bezug auf ihre Finanzen weist unsere Partei geord⸗ netere Verhältnisse auf, als manche gegnerische. Das wurde schon oft von Gegnern anerkannt, welche ihren Parteimitgliedern die Opferwilltg⸗ keit unserer Genossen als Muster vorhielten. Wenn nun auch der Opfermut in unserer Partei gewiß anzuerkennen ist, so steht's damit doch nicht so glänzend, wie es nach manchen Darstellungen den Anschein hat. Beispielsweise war im vorigen Jahre der Parteivorstand ge⸗ nötigt, der Reserve 33000 Mk. zu entnehmen, weil die eingegangenen Beiträge zur Deckung der laufenden Bedürfnisse nicht ausreichten. Das letzte Jahr zeigt ja ein besseres finanzielles Resultat; die Einnahme stieg gegen das Vorjahr um rund 60000 Mk., blieb aber immer noch hinter der 1899er zurück. Verteilt man die Jahreseinnahme von 317000 Mk. auf die Zahl der sozialdemokrati⸗ schen Wähler, so stellt sich heraus, daß noch nicht fünfzehn Pfennige im Jahre auf den Kopf des Wählers entfallen. Da erscheint also die gerühmte Opferwilligkeit in durchaus nicht allzu rosigem Lichte. Allerdings bleibt ja hier außer Betracht, was die Genossen für lokale Zwecke aufbringen und was auch nicht eli ist, doch bleibt der durchschnittliche Jahres⸗ eitrag des sozialdemokratischen Wählers ziem⸗ lich niedrig. Werfen wir aber einen Blick auf die Beitragstabellen im Parteibericht, so sehen wir zu unserer Beschämung, daß der weitaus größte Teil der Parteieinnahmen aus Berlin, Hamburg und einigen anderen Städten des Nordens stammt, aus Hessen und dem übrigen Süddeutschland aber nur sehr wenig an die Gesamtpartei abgeführt wird. Soweit Hessen in Frage kommt, wird durch das neue Landes⸗ organtsationsstatut die Sache ja einigermaßen gebessert und jeder vernünftige Genosse wird diese Regelung mit Freuden begrüßen. Um so unverständlicher erscheint es uns, weun Partei⸗ vereine einzelner Orte gegen die Beitrags- regelung Stellung nahmen, indem sie erklärten, den Monatsbeitrag von 20 Pfg. nicht aufbringen zu können. Wir wissen sehr wohl, daß der Arbeiter, der kaum einen Pfennig seines kärglichen Lohnes entbehren kann, auch eine geringe Be⸗ lastung schwer empfindet. Aber ebenso gut wissen wir, daß jeder, dem es ernst ist mit der Verbesserung der Lage der Arbeiter, der die Beseitigung der Unterdrückung und Ausbeutung mit uns anstrebt und dem die Wohlfahrt seiner selbst, seiner Nachkom⸗ men und der Gesamtheit am Herzen liegt, dies geringe Opfer bringen kann. Wir alle, wer es immer sei, machen trotz unserer gering⸗ fügigen Einkünfte oft genug Ausgaben, die ganz nutzlos sind. Man denke nur an die Lotterie! In der trügerischen Hoffnung auf einen„großen Gewinn“, die Errettung aus seiner Misére mit einem Schlage, trägt der Arbeiter oft jahrelang seine sauer verdienten Groschen zum Lotterie⸗ kollekteur, ohne je einen Pfennig wiederzusehen! Und zahlreiche ähnliche Beispiele ließen sich noch anführen. Gar nicht zu berechnen sind die un⸗ geheuren Verluste, welche die besitzlose Klasse erleidet, wenn sie sich nicht durch eine gute Organisation für Vertretung ihrer Interessen in Staat und Gemeinde sorgt! Wollen wir unsern Kampf für die Gesamt⸗ wohlfahrt wirksam führen, so find dazu reich⸗ liche Mittel nötig. Wir müssen deshalb mehr Opfermut zeigen. Ist es nicht eine Schande 15 jeden Genossen, sich um fünf Pfennige onatsbeitrag für eine Sache zu streiten, für die unsere Vorkämpfer ihre ganze Existenz, Leben und Gesundheit in die Schanze schlugen? Darum nicht rückwärts, nicht die Organi⸗ sation berlassen, weniger Pfennige halber, son⸗ dern: Immer vorwärts! heißt die Loosung! N Mac Kinley ist der schweren Verwundung, die ihm der Attentäter Czolgosz beibrachte, erlegen. Am Samstag(14. 9.) früh gegen 2 Uhr verstarb er, trotz aller erdenklichen Anstrengungen der Aerzte. Noch kurze Zeit vorher konnte man an die Rettung des Präsidenten glauben, die Operation war günstig verlaufen, mit großer Bestimmtheit erklärten die Aerzte die Genesung als stcher. Deshalb überraschte die Nachricht von der Verschlimmerung und dem inzwischen eingetretenen Tode, wenngleich die Schwere der Verwundung in den ersten Tagen das Schlimmste befürchten ließ. Die Obduktion ergab, daß der Wundkanal und die Wundränder in den Magen⸗ wänden brandig geworden waren, was den Tod Mac Kinleys herbeiführen mußte. Die Leiche wurde im Rathause in Buffalo aufgebahrt und dann nach Washington gebracht, wo die Trauerfeier stattfand. Diese ging unter kolossaler Beteiligung der Bevölkerung vor fich; infolge des großen Andranges und ungenügender polf⸗ zeilicher Vorkehrungen wurden Frauen und Kinder niedergetreten. Dann wurde die Leiche nach Canton(Ohio) gebracht, wo Mac Kinley begraben wurde. Der Tod des Präsidenten zieht den des Attentäters Czolgozs nach sich. Nach dem im Staate New⸗NYork geltenden Gesetze steht auf dem vollendeten Morde die Todesstrafe; wäre Mac Kinley am Leben geblieben, konnte der Verbrecher nur zu höchstens zehnjähriger Gefängnisstrafe verurteilt werden. Nunmehr wird der bisherige Vizepräsident Th. Roosevelt die Präsidcutschaft übernehmen und wie berichtet wird, die Politik in derselben Richtung wie sein Vorgänger leiten. Wie er wird anch der Nachfolger die Juteressen der herrschenden Kapitalistenkreise, der besitzenden Klassen vertreten.— Nicht das Mindeste an den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen hat sich geändert, noch kann sich ändern; es ist eben nur ein Menschenleben vernichtet worden. Wer mit solchen Mitteln eine Besserung her⸗ deiführen, die Wohlfahrt der Menschheit fördern will, dessen Wahnsinn ist erwiesen, ohne daß es einer weiteren Untersuchung bedarf. Das sprachen wir schon in voriger Nummer aus. Und wenn die scharfmacherische Ausbeuter- und brotwucherische Junkerpresse nach Gewaltmaß⸗ regeln schreit, die Sozialdemokratie als mit⸗ schuldig an den Attentaten hinstellt, so läßt uns das kalt; aber sie verrät damit die gleichen bestialischen Instinkte, gleiche Verrohung, wie die Attentäter selbst, oder wie der amerikanische Pöbel, der arme Neger oder als Anarchisten bezeichnete Personen, die nichts Strafbares ge⸗ than haben,„lyncht“, zu Tode martert. Wir sind es nicht, welche Mord und Todschlag im Interesse der Kultur für notwendig erklären, sondern die herrschende Klasse vertritt diese Ansicht. —— Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung A 785 a Nr. 38. Der schärfste Gegner des Anarchismus ist die Sozialdemokratie; überall, wo sie in ge⸗ nügender Stärke vertreten ist, kommt der Anar⸗ chismus nicht auf, werden anarchistische Mord⸗ thaten nicht verübt. Die Sozialdemokratie ist das wichtigste, kulturfördernde Element für jetzt und für die Zukunft. Wer sie unterstützt, hilft die Herbeiführung gesunder gesellschaftlicher Zustände beschleunigen und die Wiederkehr der⸗ artiger Thaten des Wahnsinns wie in Buffalo verhindern. Zum Kampfe gegen den Brotwucher. Bauern als Zollgegner. Mit einem Bekehrungsversuch der Bauern im Flensburger Kreise ist der antisemitische Reichstagsabgeord⸗ nete Raab auf einer Rundreise kläglich verun⸗ glückt, obgleich er ihnen seinen Antisemitismus durch Begeisterung für hohe Kornzölle schmack⸗ haft zu machen bersuchte. In einzelnen Ver⸗ sammlungen waren überhaupt nur 6 Personen erschienen. Der Weserztg. wird zu diesem Fiasko geschrieben:„Ueber Flensburg hinaus hört bei den Bauern der Wunderglaube an die Schutz⸗ zölle auf. Den Bündlern ist es nirgends ge⸗ lungen, die nordschleswigschen Bauern für die Interessen des Großgrundbesitzes zu ködern. Von diesen Bauern hoͤrt man niemals Klagen über die wirtschaftliche Notlage, aber auf allen Gebieten der intensiven Wirtschaft nehmen sie eine erste Stelle ein und von allen Butteraus⸗ stellungen Deutschlands bringen ste die ersten Preise heim. Solche Leute sind nicht zu be⸗ kehren.“— Im Allgemeinen mehrt sich die Zahl der gegen den Zolltarif sich erklärenden Bauern von Tag zu Tag. Aus allen Landesteilen kommen Berichte, daß die Bauern zahlreich die Petition gegen den Brotwucher unterschreiben. * Die Berliner Bäckermeister beschäf⸗ tigten sich am vorigen Mittwoch in einer in Moabit tagenden Versammlung mit dem Zoll⸗ entwurf her Referent führte aus, daß eine Bäckerei durch den Zolltarif eine Meh e von 3650 Mk. habe, die auf das nierende Publikum ab⸗ gewälzt werden müsse. Getadelt wurde, daß man auf ben Innungstage in Gotha die Zollfrage nicht zur Erörterung zugelassen habe. — Es wurde an den Zentralvorstand deutscher Bäckerinnungen in einer einstimmig angenom⸗ menen Resolution die Frage gestellt, warum man bisher von dieser Seite zu der für die deutschen Bäcker tief einschueidenden Frage nicht Stellung genommen. Der Vorstand wird ersucht, das Versäumte nachzuholen. * K Die Nimmersatten. Eine Erklärung des Vorstandes des Bundes der Landwirte besagte:„Der Ausschuß des Bundes der Land⸗ wirte hat in seiner Sitzung vom 17. August für alle vier Hauptgetreidearten unter wissen⸗ schaftlicher() Begründung einen Zollschutz von 7,50 M. pro Doppelzentner im Minimaltarif einstimmig gefordert. Er hat ferner ausreichend hohe Zölle für alle landwirtschaftlichen Rohstoffe und Produkte verlangt einschließlich der Erzeugnisse der Gärtnerei, sowie aller land- und forstwirtschaft⸗ lichen Nebengewerbe.“ „Nur die Lumpen sind bescheiden!“ Dieselben Forderungen stellte am Sonntag eine stark be⸗ suchte Bauernversammlung in Darmstadt auf, die der Kammerpräsident„Bauer“ Geh eim⸗ rat Haas zusammengetrommelt hatte. Man glaubte dort den Zolltarif noch etwas„ver⸗ bessern“ zu müssen, indem man noch Er⸗ höhung der im Tarif vorgesehene Sätze auf Obst und eine Anzahl anderer Artikel gefordert wurde. Das Volk soll auf das Radikalste ausgeplündert werden. Als Redner traten in der Bauern versammlung außer dem Geheim⸗ rat Haas noch der Pfarrer Maurer und Major v. Pfister auf. Am meisten riß aber der Judenknecht Redakteur Hirschel das Maul auf. Dieser Führer einer Partet, die im Verdächtigen das Stärkste leistet, die Agitation in der gemeinsten Weise betreibt, wagte dem Vorwärts gegenüber von Verhetzung und Gemein⸗ heit zu sprechen!— Nun, auch solche Schau⸗ stellungen wie die Darmstädter werden nichts nützen; der Sturm gegen den Zolltarif wird stärker und wird ihn hinwegfegen. Politische Nundschau. Gießen, den 19. September. Kaiserreden. Bei den Flottenparaden und der Zusammen⸗ kunft mit dem Zaren Nikolaus hat Wilhelm II. verschiedene Reden gehalten. In einer derselben, die er am Samstag in Danzig bei Darreichung des Ehrentrunkes durch den Oberbürgermeister hielt, sagte er unter anderm: „Sie können sich versichert halten, daß nach wie vor mein Interesse für die Hebung und Fortentwicklung Ihrer Stadt dasselbe bleibt, und Sie werden mich lange genug kennen, um zu wissen, wenn ich mir etwas vor⸗ genommen habe, führe ich es auch durch.“ Sehr oft ist aber die Macht der Verhältnisse stärker, als die Kraft eines Einzelnen und sei er der Mächtigste. Das zeigt uns die Geschichte der letzten zehn Jahre. Viel es unterblieb, für dessen Durchführung sich Wilhelm II. mit großer Entschiedenheit erklärt hatte. Zuchthaus⸗ und Kanalvorlage kamen nicht zu Stande; die mit den Worten:„Die Sozialdemokratie über⸗ lassen Sie mir!“ angekündigte Vernichtung unserer Bewegung gelang nicht, und auch die chinesische Expedition dürfte nicht ganz nach dem kaiserlichen Willen ausgefallen sein. Jeder Macht, auch der kaiserlichen, sind Grenzen gesetzt. Verurteilter Chinakrieger. Eine ergreifende Szene spielte sich vorige Woche auf dem Staatsbahnhof in Hannover ab. Mit dem Bremer Zuge kam, so berichtet der Hann.„Volkswille“, ein ver⸗ heirateter Chinakämpfer hier an, um als Ge⸗ fangener nach einer Festung gebracht zu werden. Die Frau und zwei kleine Kinder waren zur Rückkehr des Vaters auf dem Bahnsteig an⸗ wesend, um ihn willkommen zu heißen. Bald erfuhr die bedauernswerte Frau, daß ihr Mann in China einen Totschlag begangen hatte und vom Kriegsgericht zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war und sofort weiter transportiert werden mußte. Als der Gefangene schließlich in den Zug steigen mußte, klammerten sich seine Angehörigen unter herzzerreißendem Weinen an ihn und konnten erst nach längerer Zeit durch den Transporteur mit sanfter Gewalt vom Zuge fortgedrängt werden.— Wie mag es nur kommen, daß so viele von den Kreuzzüglern verurteilt worden find? Die in den Hunnenbriefen berichteten Mordthaten und Grausamkeiten wurden doch von unserer Patrioten⸗Presse als eitel Schwindel erklärt und das Verhalten der Truppen über alle Maßen gelobt! Woher also die schweren Verurteilungen? Man hat doch sicher dabei den Soldaten noch Manches durchgehen lassen. Im Zeichen der Krachs. Letzter Zeit vergeht kaum ein Tag, wo nicht Zusammenbrüche und Konkurse von früher als solid angesehenen Gesellschaften berichtet werden. Das hat nun keineswegs immer in dem wirt⸗ schaftlichen Niedergange seinen Grund, sondern zum großen Teil auch in dem Treiben der Gauner und Schwindler, die in der Blütezeit des Kapitalismus üppig gedeihen. Einer dieser Sorte, der Direktor der Breslauer Rhederei, Schostag, hat sich am Freitag voriger Woche vergiftet. Eine sofort zusammengetretene Aufsichtsratssitzung konnte zwar noch nicht völlig klar stellen, wie groß die Verluste der Rhederet sind, doch dürfte das 1 der Untersuchung so ungünstig sein, daß der Konkurs kaum vermeidlich erscheint. Auch das Schwabenland hat berelts seine Bankskandale. Sämtliche Direktoren der Gewerbebank in Heilbronn, Fuchs, Keefer und Krug wurden Samstag und Sonntag verhaftet. Vorläufig stellte sich eine Unter⸗ bilanz von 1½ Millionen Mark heraus. Do dürfte sich der Verlust der Bank auf drei Mil⸗ lionen Mark und darüber belaufen. Leichtsin⸗ nige Spekulation in südafrikauischen und austra⸗ lischen Goldminen sollen die Katastrophe herhei⸗ 11 * 8 8 —— 5 geführt haben. In dem Hause des ersten Di-. rektors Fuchs fand man 50 000 Mk. auf dem Speicher versteckt vor, die Fuchs bei Seite ge. schafft hatte, um damit durchzubrennen. Be⸗ greiflicherweise erregte der Zusammenbruch der Gewerbebank in zahlreichen Familien der Ge⸗ werbtreibenden und des Mittelstandes große Bestürzung; viele kleinere Leute werden empfind- lich geschädigt. Riesengewinne der Glasfabrikanten — Hungerlöhne der Slasarbeiter. Bereits in der polit ischen Rundschau voriger Nummer haben wir auf die kolossalen Gewinne hingewiesen, welche die Glasfabrik Kreuznach nach ihrer eigenen Angabe einheimst. Noch riesiger aber ist der Profit der Aktiengesellschaft Glashütten in Vallerysthal und Por⸗ tieur in Lothringen. Diese haben, wie unserem Leipziger Parteiorgan geschrieben wird, im ver⸗ flossenen Geschäftsjahr bei einem Umsatz von etwas über 5 Millionen Franken einen Rein⸗ gewinn von 1222050 Franken erzielt. Das Aktienkapital der Gesellschaft beträgt 1250 000 Franken, eingeteilt in Aktien von je 500 Franken. Es konnte danach eine Divi⸗ dende von 44 Prozent 220 Franken ( 176 Mark) pro Aktie ausgeschüttet werden, nachdem man vorher zahlreiche Abschreibungen gemacht und den Reservefonds auf 1800 000 Franken erhöht hatte. Die Herren Direktoren steckten an Tantiemen extra zusammen 98000 Franken ein und bezogen damit ein Jahresein⸗ kommen von je 30—40000 Franken(24 bis 32 000 Mark). Die Arbeiter aber erhalten Spottlöhne. Bei ihrer aufreibenden Arbeit an den glühenden Glasöfen müssen die jugend⸗ licheren, 20—24 Jahr alten Glasbläser froh sein, wenn sie monatlich 40—45 Mark verdienen. Geht es ihnen gut, so rücken sie dann mit 24—25 Jahren zum 4. Aufbläser vor mit etwa 50 Mark, ein Lohn, der für eine Familie, selbst wenn sie noch kinderlos ist, ab⸗ solut nicht ausreicht. Nachdem sie dann im Laufe der nächsten 10—15 Jahre zum 1. Auf⸗ bläser vorgerückt sind, können die Arbeiter daun mit dem 40. Jahre die Stelle eines Glaser⸗ meisters mit höchsteus 80 bis 85 Mark monatlich erhalten, womit ihnen dann jede Aussicht auf eine weitere Besserung ihrer Lebenslage abge⸗ schnitten ist. Reichtümer für den faulenzenden Aktionär; Hunger, Not und Elend für den sich abschindenden Arbeiter— das ist die„gottge⸗ wollte“ kapitalistische Ordnung! Erfolge des Achtstundentages. Wie die Deutsche Bergarbeiterzeitung mit⸗ teilt, hat sich der Achtstundentag auch auf den schlesischen Gruben, die ihn im vorigen Jahre einführten, sehr gut bewährt. Seit 1897 hatten 18 Prozent der Häuer und Schlepper im genannten Bezirk den Achtstundentag. sind dies die Arbeiter der Schlesischen Kohlen. und Kokeswerke, deren eine Grube am 30. Juli 1897 in Folge eines Wolkenbruches ersoff, wo⸗ rauf die Direktion, der Not gehorchend, au den intakten Schächten drei Drittel einlegte. Als diese Einrichtung ein Jahr bestand, fand auch die Direktion, daß sie gut sei; sie wurde beibehalten. Die anderen Werke praktizierten die zehn⸗ und zwölfstündige Schicht weiter. Da brach im Frühjahr 1900 der große böten reichische Bergmannsstreik aus, und jetzt 115 die Organisation in Niederschlesten abermals mit der Forderung der Achtstundens chicht hervor; die Vertrauensleute stellten auf Glückhilf⸗Friet denshoffnungs⸗Grube wieder den Ankrag auf Einführung des Achtstundentages, und die Ver⸗ waltung führte ihn am 1. April 1900 ein. ———— fvw 8 8 falt al lllaufe Wie wi Ichne . Qua Outta 1 Mun tal spre gestegel fir das ehr l. Aatgege der dell alti fies 0 bir. Fonsum Schall Jer elt, k aden schaft feel Stift Müglie Del Ve Wobon 5 let lüften kamen. 5034 Gachüf felgen Amel id au Halder kahene! lit el bigen belelne fach 4 Mur ( —— —— — e Am 1. Mai folgten die Fuchs⸗Gruhe und die ö fürstlich Pleß'schen Gruben Fürstensteine'), Ende 1900 folgte die Rothenbacher Grube. Am Schluß des Jahres war auf allen größeren 1 — chan buch en Gehl e Kreutz st. J eugeselch und In wie unf ird, im Umag h. inen Resz ken aut haft betch tien bon eine Dh 20 Fralh ttet werde schreibung H 18000 1 Direktoß men 900 1 Jaht ken(2 per elhal enden Mh die zug bläser fi b Mi 9 rücken , Ausllis der fir k los i ie dall! zum% Irbeiter li ines Old rk moll Aussih Flag d faulegel für da! die La Nr. 38. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. e Seite 3. Werken die Achtstundenschicht eingeführt. Was das Beste ist, der Bericht des Unternehmer⸗ Vereines macht bekannt, daß an der verkürzten Arbeitszeit„streng festgehalten“ wird! Entwicklung des Genossenschaftswesens. Die Großeinkaufs⸗Gesellschaft Deutscher Konsumvereine hat im Monat Juli einen Umsatz von zirka 1,271,500 Mk. zu verzeichnen gehabt. Der Umsatz im Juli des Vorjahres war 598,100 Mk., das ist eine Zu⸗ mahme von 673,400 Mk. oder 112 ¼ Prozent. Diese gewaltige Zunahme für den Monat Juli stellt alles bisher in der Entwickelung der Groß⸗ einkaufs⸗Gesellschaft Dagewesene in den Schatten. Wie wir seiner Zeit mitteilten, betrug die Zu⸗ tahme im 4. Quartal 1900 48 Prozent, im 1. Quartal 1901 63 Prozent und im 2. Quartal 1901 83 Prozent. Dieses von Monat zu Monat sich steigernde Wachstum ist jedenfalls ein sprechender Beweis für die außerordentlich gestiegene Leistungsfähigkeit der Gesellschaft und für das lebhafte Interesse, das derselben immer mehr von den deutschen Konsumgenossenschaften tutgegengebracht wird. Nur durch die Energie der deutschen Konsumgenossenschaften ist dieses gewaltige Wachstum möglich gewesen. Wenn dieses einige Jahre festgehalten werden kann, o wird der Gedanke der Organisation des onsums auch für Deutschland bald kein leerer Schall mehr sein. Ferner sind noch folgende Zahlen bemerkens⸗ bert, die auf dem Aufangs dieses Monats in Baden-Baden stattgefundenen Genossen⸗ schaftstage von Seiten des Anwalts mit⸗ geteilt wurden. Danach haben 568 in die Statistik aufgenommene Konsumvereine 522116 Mitglieder, wovon 60,8 Prozent Arbeiter sind. Der Verkaufserlös betrug 126,970,187 Mk., wovon 12,743,520 Mk., also etwa ein Zehntel, als Ueberschüsse an den zu Tagespreisen ver⸗ kauften Waren den Mitgliedern wieder zu Gute emen. Das Betriebskapital betrug 28,034,596 Mk., bestehend aus 10,842,265 Mk. Heschäftsguthaben der Genossen, die zumeist aus leinen Beiträgen und Gewinnanteilen ange⸗ sammelt wurden, aus 4,856,624 Mk. Reserven und aus 12,335,707 Mk. angeliehenen fremden Geldern, worin 6,481,631 Mk. Anlehen auf igene Grundstücke enthalten sind; letztere stehen nit etwa dem doppelten Werte zu Buch.— bigene Produktion haben 86 Konsum⸗ bereine: 74 Bäckereien, 3 Schlächtereien, 1 Kel⸗ rei, 4 Destillationen, 1 Korbwarenfabrikation, J Blumenstabfabrikatton, 2 Vereine lassen Hem⸗ ben⸗ und Herrengarderobe anfertigen. Für Fortbildungs- und gemeinnützige Zwecke wurden Meder 32,018 Mk. aufgewendet. der Verbandstag Deutscher Gewerbe⸗ gerichte. at vorige Woche in Lübeck stattgefunden. leber die Verhandlungen sei in gedrängter stärze folgendes berichtet. Nach geschäftlichen Mitteilungen des Stadtrates Dr. Flesch⸗Frank⸗ irt referirte Gewerberichter Dr. Grote⸗Bremen iber das Verfahren in Einigungssachen bei etreiks und Aussperrungen und sodann Privat⸗ hzent Dr. Jastrow, Stadtrat in Charlotten⸗ burg, über die Einigungsämter im Auslande. siechtsrat Dr. Menzinger⸗München sprach lber die durch die letzte Novelle herbeigeführten hewerbegerichts⸗Reformen und Rechtsrat Bacher⸗ Augsburg über die kaufmännischen Schiedsge⸗ lichte, deren Angliederung an die Gewerbegerichte u pfohlen wurde. Ueber die Arbeitsordnung und ihre Bedeutung im Allgemeinen referirten kwerbeinspektor Dr Czimatis⸗Solingen und g werberichter Dr Trenner-München. Dieser benkt zeitigte eine lebhafte Debatte und ergab ue Differenz in den Anschauungen zwischen den llbeitgeber- und Arbeitnehmer ⸗Beisitzern. Endlich wurde noch die Anwendung des§ 616 B.⸗G.⸗B. leprochen, wozu Gewerberichter Siegel⸗Stutt⸗ jet referirte. Die Arbeitnehmer⸗Beisitzer, die ndiesem Jahre zum ersten Male mit beraten⸗ se Stimme an den Verhandlungen teilnahmen, soderten mit Recht als vollberechtigte Teil⸗ shmer zugelassen zu werden, da sie sich sonst setändig or ganisiren würden. Ihre Ab⸗ änderungsanträge zu den Verbandsstatuten werden, auf dem Würzburger Verbandstage beraten werden. Bisher war der Verband nur eine Organisation der Vorsitzenden der Gewerbe— gerichte. Auch„Arbeiter“ Vereine. Von unserer Seite ist immer darauf hinge⸗ wiesen worden, daß die Mitgliedschaft der evangelischen Arbeitervereine sich nur zum Teil aus Arbeitern zusammensetzt. Das geht offen⸗ kundig aus einer Statistik hervor, die kürzlich veröffentlicht wurde. Danach haben die ge⸗ nannten Vereine 76761 Mitglieder, worunter sich aber nur rund 40000 wirkliche Arbeiter befinden. Also nahezu die Hälfte der Mitglieder dieser„Arbeiter“vereine setzt sich aus Pastoren, Handwerksmeistern, Beamten usw. zusammen. Diese Zusammensetzung ist ein sehr wichtiger Erklärungsgrund dafür, daß diese Organisationen zu wichtigen wirtschaftlichen und poltitischen Fragen immer so unentschieden Stellung neh⸗ men. Wie dem Zentrum scheint aber auch dieser Vereinigung der neue Zolltarif gefährlich werden zu wollen. Allenthalben regt sich in ihren Kreisen der Widerspruch gegen den Zoll⸗ wucher. Selbst der Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes der evangelischen Arbeiterver— eine— und dieser Verband ist sonst allenthalben Schleppträger der konservativen Reaktion ge⸗ wesen!— erläßt einen Aufruf zum energischen Protest an seine Mitglieder. Die frommen Brotwucherer erleben wenig Freude an ihren Schützlingen. Kläglich hereingefallen. Vor Kurzem hat in Schlesien ein Kranken⸗ kassenvorsitzender, Preisker, von einem Arzt, der sich um die Kassenarztstelle bewarb, Geld zu erpressen versucht, für den Fall, daß er gewählt sein möchte. Der Erpressungsbrief wurde vernünftiger Weise von dem Arzt ver⸗ öffentlicht. Verschiedene Ordnungsblätter er⸗ laubten sich nun, den sauberen Herrn Vorsttzenden als„Genossen“ zu bezeichnen und Angriffe gegen die Sozialdemokratie an den Vorgang zu knüpfen. 5 bürgerliche Blätter brachten die folgende Notiz: ehe Preisker eignet sich da die saubere Praxis an, die in der„kapitalistischen Gesellschaft“ bei kommunalen und anderen Lieferungen u. s. w. leider häufiger vorkommt, als zugegeben wird.“ Alle diese Blätter sind ganz erbärmlich hineingefallen; denn unser Breslauer Parteiorgan veröffentlicht in seiner letzten Nummer folgende Erklärung zu dem Fall: „Wir stellen fest, daß Herr Preisker wohlbestallter Schneider meister ist, mehrere Gesellen beschäftigt und Parteigänger der konservativ⸗klerikalen Richtung ist. Unsere Genossen sind im Krankenkassenvorstande fast gar nicht vertreten.“— Lügen haben zwar kurze Beine; es sollte uns aber gar nicht wundern, wenn gewerbmäßige Verleumder der Sozialdemokratie damit weiter krebsen gehen. Wieder ein verkrachtes Antisemitenblatt. Die seit längerer Zeit in Krefeld heraus⸗ gegebene antisemitische„Deutsche Zeitung“ ist vor Kurzem eingegangen, ohne daß ihr Abgang irgendwie einem größeren Publikum bemerklich wurde. Krieg in Südafrika. Kämpfe. Vorigen Freitag griffen die Buren unter Theron⸗Heidelberg, das von einer Abteilung des West⸗Norksire⸗Regiments ver⸗ teidigt war, mit großer Kühnheit an, wurden jedoch zurückgeschlagen. 3 Major Demant, der gegen Hertzogs Kommando operiert, gelang es bei Fauresmith, 11 Buren in einen Hinterhalt zu locken und gefangen zu nehmen. n Oberst Crabbe hatte mit Scheepers ein Gefecht bei Ockerstkraal in der Nähe von Ladysmith. Der Feind, der 200 Mann stark war, hatte 11 Verwundete. Auf englischer Seite wurden ein Offtzier und zwei Mann verwundet. Der Feind zog sich in östlicher Richtung zurück.— Der Sekretär Therons ergab sich in Riversdale. Es ist dies der einzige Burenoffizier, der sich in der Kolonie infolge der Proklamation Lord Kitcheners ergeben hat. Arbeiterbewegung. T Ueber Einführung der Arbeits⸗ losen⸗Unterstützung nahm der Verband der Zimmerer eine Urabstimmung vor. Mit „Ja“ stimmten 3577 Mitglieder, mit„Nein“ 8133; 107 Zettel waren ungültig; somit ist die Einführung der Arbeitslosenunterstützung abgelehnt. T Ende des amerikanischen Stahl⸗ arbeiterstreiks. Der Streik der Stahl⸗ arbeiter wurde am Samstag nach einer sechs⸗ stündigen Besprechung zwischen den Vertretern der Amalgamated⸗Assoziation und der United States⸗Steel⸗ Corporation für beendigt erklärt. Die Arbeiter nahmen die Arbeit wieder auf, zu welchen Bedingungen wurde noch nicht mitgeteilt. Die Maurer an den Kasernenbauten des Unternehmers Flügge in Mainz stellten die Arbeit wegen Lohnabzügen ein. Von der Lohn⸗ kommission unternommene Einigungsversuche scheiterten. Vor Zuzug wird gewarnt. T Der Glasarbeiter-Generalstreik ist wegen Mangel an Mitteln aufgegeben worden. 4 Der Kampf der Tabakarbeiter in Nordhausen dauert noch fort. Zu empfehlen ist der Konsum von Kautabak von folgenden Firmen: Grimm und Triepel, Hendeß und Schumann, Walther und Sevin, Athenstädt und Bachrodt, Steinert und Hellmund, Paul Kuntze, Nottrodt und Comp. Die übrigen acht Firmen: C. A. Kneiff, G. A. Hanewacker, Berlin u. Bona, F. C. Lerche, H. u. R. Wittig, Rothhardt u. Co., G. Red⸗ dersen, Salfeldt u. Stein(Firma Gail⸗ Gießen) haben den Schiedsspruch noch nicht anerkannt. ——— Von Fern. Mittetlungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf ei ner Seite zu beschreiden. Gießener Angelegenheiten. — Beachtung für die Rekruten. Die zur Ableistung ihrer Militärpflicht demnächst einrückenden Rekruten werden gut thun, ihre Quittungs karten über die gezahlten Bei⸗ träge zur Alters-und Invaliditäts⸗ versicherung sorgfältig aufzubewahren, da diese nach der Entlassung und bei dem Wieder⸗ eintritt in die versicherungspflichtige Beschäfligung abzugeben sind. Die Militärdienstzeit wird den Versicherten so angerechnet, als hätten sie während dieser Zeit ihre Beiträge gezahlt. Wir machen ferner darauf aufmerksam, daß eine Karte ihre Gültigkeit verliert, wenn sie nicht innerhalb zweier Jahre, vom Tage der Ausstellung an gerechnet, umgetauscht wird. Um Scheerereien zu vermeiden, geben die zum Militär eintretenden Versicherungs⸗ pflichtigen am besten vor ihrer Abreise die Karte bei der zuständigen Stelle ab. Hier in Gießen können die Karten der Ortskassenmitglieder bei der Ortskasse niedergelegt werden. — Ein netter Rechtsanwalt. Vorigen Freitag verurteilte die Strafkammer den hiesigen Rechtsanwalt Aug. Wagner zu zwei Wochen Gefängnis. Er war wegen Betrugs vom Schöffengericht zu einer Geldstrafe von M. 20 verurteilt worden, weil er, widerrechtlich Er— sparnisse seines Dienstmädchens, mit dem er in Differenzen geraten war, abgehoben und für sich verwendet hatte. Gegen das Ur⸗ teil legten sowohl die Staatsanwaltschaft wie der Verurteilte Berufung ein. Der Staats⸗ anwalt vertrat in der Strafkammerverhandlung auf Grund der Beweisaufnahme die Ansicht, daß die vom Schöffengericht erkannte Strafe nicht ausreichend sei. Wenn ein Mann, wie der Angeklagte, der kraft seines Amtes dazu berufen sei, das Recht zu vertreten, so handelte, Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. wie er es gethan, indem er sich an den winzigen Ersparnissen eines Kindes bereichere und dazu noch weit weg von dessen Heimat das noch jugendliche Mädchen mittellos auf die Straße setzt, dann dürfe auf Geldstrafe nicht erkannt werden. Man dürfe sich auch nicht etwa be⸗ stimmen lassen, hier Milde walten zu lassen in Rücksicht auf die Folgen, welche durch eine ge⸗ rechte Strafe für den Angeklagten entstehen würden. Er bitte, auf eine vierwöchige Gefängnisstrafe zu erkennen. Das Urteil lautete wie angegeben. Das Strafmaß wurde mit den vom Ankläger hervorgehobenen Gründen gerechtfertigt.— Geschieht ihm recht. — Das Organisationsstatut der sozialdem. Partei für Hessen und ebenso das Kommunalprogramm hat das Landeskomitee nun mehr redaktionell fertig ge⸗ stellt. Wegen Raummangel konnten wir es in dieser Nr. noch nicht abdrucken, sondern müssen es auf die nächste zurückstellen, ebenso den Schlußartikel über die Gewerkschaftsbewegung. Aus dem Rreise gießen. — th. Die Gemeinderatswahl in Heuchelheim, die am Donnerstag stattfand, hatte eine recht rege Beteiligung aufzuweisen, auch unsere Genossen waren zahl⸗ reich zur Urne geeilt, wer es von den auswärts Arbeitenden ermöglichen konnte, hat gewählt. Leider wurde nur einer der von uns aufge⸗ stellten Kandidaten durchgebracht, die andern beiden blieben in der Minderheit, trotzdem sie eine ansehnliche Stimmenzahl erhielten. Gewählt wurde außer unsern Kandidaten J. Schleen⸗ becker, der 162 Stimmen bekam, L. Neidert mit 178 und G. Gilbert mit 174 Stimmen; ein dritter gegnerischer ebenfalls 158. Die Stimmenzunahme ist bedeutend; bei der letzten Wahl wurde Gen. Nibch mit nur 100 Stimmen gewählt. Unser Besitzstand im Gemeinderat bleibt derselbe. h. Aus Daubringen. Die bevor⸗ stehende Gemeinderatswahl ist in der letzten Zeit Gegenstand lebhafter Besprechung in unserem Orte gewesen. Kürzlich unter⸗ hielten sich zwei Kleinbauern in der Wirtschaft ebenfalls darüber und ein Genosse, der das Gespräch anhörte, hat es nach seinem Ge⸗ dächtnis niedergeschrieben und möchte ihm als Stimmungsbild in unserm Parteiorgan weitere Verbreitung geben. Also Christoph fing an: „No Kasper, hoste dann doas ach schut gelease, woas neulich em Gäißer Ozeger gestanne hott?“ Kasper:„Nee, äch lease d Ozeger näit, äch lease mei Mettildeutsch, en do met basta. Viel gescheidts werds ach nett geweast sei.“ Chr.:„No doas will äch groad nait sah, doas woar sogoar sihr wichtig. K.:„No woas woarsch dann?“ Chr.:„Ei noh, die Ruhre häre zwi Kanditoate 5 zour Gemeeneroutswoahl woas hälste dann ovo?“ K.:„Woas äch do vo hahle? Ei doas feun ich ganz enn sater Ordneng, doas eß so goar huk Zeit, deß die Hack emol en annern Stiel kritt. Chr.:„No ge däi Leu kamer doch naut hu, dät ez auschere doas sei joa tüchtige Leu. K.:„Deß doas töchtige Leu sei do hu äch naut dge, deß se beber tüchtige Gemeneerath sei, do huse bes dohi noche schlecht Prob babgeloacht, doas sei Geschäfts⸗ leu, en dät wenns mett keem vaderwe; deshalb könne se ach em Germeneraut nätt erwern wäis rächt es en des⸗ halb häre die Sozer rächt, wann se emoul annern Leu en Gemeneroath wehlte, dät vo keem abhängig sei, en dät ach nait, wann se hau en Gemeeneroath gewehlt sei moan vom Erweterverein weg bleiwe wäts zwi ge⸗ moacht hu vo den däi ez ausschere. Dodro kamer seh, deß die richtige nätt sei, deshalb weck meren. Chr.:„Donnerwerer, Kasper, du host's oawer gout gepackt off se, woas huße Dir dann gedoh? K.:„Däl douh em nauth, aower mir spwätz doch zoum Beispiel den Kruhm mett dem Ortsbürgerrächt. Wann en Erweter vo hai heurbat, bezoahlt he sei 5 Moark Feuerehmer Geald dann kann he bab komme, dann keen Gemehne Noze hu ur hai natt, so heßts ge⸗ wöhnlech, wann mrsch oawer merem richtige Licht be⸗ leucht hu häi verschiedene Leu en deckmeßige Gemehene Noze.— Wann en Bauer vo auswärts noch Dawerche heuroat, der bezoohlt kee 5 Moark Ortsbürgergeld hält dawer sei 6 bes 10 Schof en dai frasse ds ganz Juhr off d schinste Gemene Wisse, dät die Scheeferei Gesell⸗ schaft gepocht hott für e poar Duppch. Doas eß doch näit rächt, woarim werd doas Groas nätt meistbietend verkaaft woas dann die Gemen kritt doas hottste, do hott dann jeder Ortsbärger sen Dehl dro, doas wirs richtige näit, deße poar alles hu en die anern kuke en Muh. Dofir es noch ken Gemenerout engetrere werscht noch naut dro gehirt hu. So sei noch mie Punkte wu drewer se' schwäze wir. Mett dr Bahnhobsgeschicht wo d' Bauplätz, dai näit jeder kriege kann; vo d' Steur usw. Doas moar sei bes mr wiere moul bei naner komme dann gebts noch mie. Doas will ich Dr noch sah, desmoul müsse mr Sozioaldemekroate wehn, däi hure offem Koarn däi sei rächt do helfste hoffentlich mett doeß däi gewehlt wern? Chr.:„Host woarhaftig rächt, Kasper, wamer doaß so ausenaner gebracht kritt, dann seht wr erscht wäis bei is zoau gitt, do eß joa Pflicht en Schelligket fo is, deß mr mett d Erweter haad en had gieh, alles muß mobil gemoacht wern, ds derf kem Erweter drof o komme, jeder muß emoul en halwe Toag drohenke en muß wehn. Die Len muß mr ofmerksam mache, deß jeder sei Steuer bezoahlt, wann dan alles bei dr Had eß, muß gieh rawer breche. K.:„Bravo Christoph so eß rächt, prostt, bes of e anermoul! Aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen. Großes Brandunglück. Von einem verheerenden Feuer wurde in der Nacht vom Freitag zum Samstag das Dorf Rodheim bei Friedberg heimgesucht. Zwölf Häuser und elf Scheunen nebst Stallungen sind den Flammen zum Opfer gefallen, außerdem ist die kleinere, beinahe 400 Jahr alte Kirche total ausgebrannt. Obgleich die Feuerwehren von Friedberg und Homburg zu Hilfe eilten, gelang es nicht, des Feuers sofort Herr zu werden; die 11 0 Scheunen brannten noch am Samstag Abend. ö Arbeiter, Parteigenossen! Werbt stets Abonnenten für die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung! Unterstützt nie die Blätter, welche Unparteilichkeit und Arbeiterfreundlichkeit heucheln, aber bei jeder Gelegenheit eure Interessen schädigen und nur auf Groschen spekulieren! Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ bringt in kurzer, leicht faßlicher Weise, was jeder Arbeiter von politischen Dingen unbedingt wissen muß; sie vertritt jederzeit die Interessen der werk⸗ thätigen minderbemittelten Volksklasse. Das Blatt kostet nur 75 Pfennige das Vierteljahr; monatlich 25 Pfg. bei den Postanstalten und Spediteuren. An Orten, wo nur vereinzelte Abonnenten vorhanden sind, empfiehlt sich stets der Postbezug. Zum Quartals⸗ beginn am 1. Oktober ersuchen wir unsere Freunde, das Abonnement recht zahlreich zu er⸗ neuern und für Gewinnung neuer Abonnenten recht thätig zu sein. Redaktion und Verlag. Nö Aus dem Nreise Weßlar.) — Antisemitische Agitation.„ Keine einzige Partei hat 0 viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen ge⸗ zählt, wie die unserige, und keine Partei hat sich so von Phrasenhel den und elenden Spekulanten nasführen lassen, wie die antisemitische.“— An dieses Be⸗ kenntnis des Antisemiten Wilberg wird man eriunert, wenn man den Redakteur Thomas Reuther aus Offenbach hört, der seit einigen Wochen den Wetzlarer Kreis unsicher macht und die Landbevölkerung für den Zolltarif zu begeistern sucht. Damit hat er allerdings sehr wenig Glück, was ja angesichts der Bevölkerung im Wetzlarer Bezirke, die zum weitaus größten Teile aus Kleinbauern und Lohnarbeitern be⸗ steht, ganz erklärlich ist. Nur hier und da findet er noch ein paar Dumme. Für die Antisemiten ist in diesem Kreise wirklich wenig 11 holen und man weiß eigentlich nicht, warum ie Fraktion Hirschel dort solche Anstrengungen macht. Die Judenfresser Stöckerscher Kouleur hätten vielleicht mehr Aussichten— daß Reuther für den frommen Apotheker Burkhardt den steinigen 5 Nr. 38. 1— Boden beackert, mögen wir nicht recht glauhen, ge ohwohl vor nicht langer Zeit von einer Ver⸗ be ständigung, gemeinsamem Vorgehen oder Aehn⸗[ in lichem die Rede war. Herr Burkhardt hätte pu, da aber auch einen spottschlechten Agitator ein⸗ al gestellt. Denn dieser ist der typische Vertreter un, des großmäuligen, rüdigsten Radauantisemitis⸗ en mus, von einer nicht zu schildernden Gewissen⸗ 7 losigkeit und Unverschämtheit. Stimmen ein 1 5 paar rückständige Zuhörer seinen abgedroschenen] z Abra en zu, so kennt seine Frechheit keine Grenzen.] 1 ürzlich erlitt er in Hermannstein und Aßlar al eine klägliche Niederlage und so machte er ir faule letzterem Orte am Sonntag einen neuen Versuch, uflon diesmal mit mehr Glück, es kam eine Versamm= a lung zu Stande, war auch ziemlich besucht. 1115 Vorsitzender derselben und treuer Begleiter f Reuthers war ein gewisser Herr Muskat aus fol Aßlar, Bürstenbinder seines Zeichens, der alf gewiß alle Ursache hat, für höhere Getreidezöll( 31 einzutreten. Er dankt übrigens Gott mit jedem Ging Morgen für seine gesunden Glieder, die ihm fe no ermöglichen, aller Arbeit weit genug aus den burger Wege zu gehen. Reuther legte also los. Sein lch „Vortrag“ ist vom gleichen Kaliber, wie die diuesen jenigen der auf dem nicht mehr ungewöhnlichen“ deige Wege des Zeitungsinserats gesuchten Agitatoren amm des Bundes der Landwirte, bei denen Vor kennt. dun nisse nicht verlangt werden. Reuther läßt eben Delei falls alle und jede Vorkenntnisse vermissen.] dethal Keine Rede von einer Darstellung oder Erklä⸗ d rung der wirtschaftlichen Verhältnisse; er macht] Dun keinen Versuch, den angeblichen Nutzen der Zölle in l nachzuweisen; was er vorbringt, sind nichts al] Lügt auswendig gelernte Phrasen, gespickt mit Ver. r de dächtigungen anderer Parteien, besonders del O unseren, der gegenüber ihm keine Gemeinheit zu(eben groß, kein Schwindel zu gewagt ist. So brachn] Walt er die alte, tausendmal richtig gestellte Geschicht“ er mit Singers früherem Geschäftsteilhaber und dine den Mäntelnäherinnen vor und verdächtigte der man Genossen Singer als Ausbeuter, während de ge traurige Antisemiterich ganz genau weiß, daß 0 Singer nicht die geringste Schuld trifft. Ferne] nen faselte er, wie das alle antisemitischen Agi gui toren thun, von der Unterstützung der Sozul ch demokratie durch jüdische Kapitalisten. Von fd Genossen Vetters, der anwesend war, aufg ih fordert, hierfür Beweise zu bringen, blamier:? ei er sich mit der Verlesung einer humoristische“ ö Quittungschiffre, die während des Sozialiste!, 0 gesetzes im Londoner„Sozialdemokrat“ erschlen ud und lautete:„Gründergewinne einiger sozu“ demokratischer Banquiers.... Mk.“ Dara 0 fiel schon einmal Liebermann v. Sonnenben üff herein, dem Bebel unter großer Heiterkeit Da a Reichstages erklärte, daß die unter jener Gun u Aerger der Gegner gewählten) Bezeichnuu in uittierte Summe von Arbeitern herstamm N in Reuther braucht das natürlich nicht 1 lei wissen. Weiter wies Vetters die schofeln D e Singers zurück, erst in das e letzen Sttzungen des Reichstags sei Stock i gehörig abgeführt worden, als er dieselbe Sach j gegen Singer auszuschlachten suchte. Weil!“ legte unser Genosse die Ungerechtigkeiten 4 1 de indirekten Besteuerung dar, wies nach, daß“ d Kleinbauer und der weitaus größte Teil pi in Bevölkerung nur Schaden von den Züll“ hätte, während den alleinigen Vorteil 900 Großgrundbesitzer, die Junkerkaste einheim 0 welche die Nechtlosigkeit des übrigen Voll“ d mit allen Kräften aufrecht erhalte, wie es 19% k beim preußischen Dreiklassenwahlrecht ze Die von dem größten Teile der Versammlu⸗ 1 mit Beifall aufgenommenen Ausführungen 1 ö antwortete der famose Referent mit einer% der ordinärsten Schimpfereien und Verdrehung Von den Antisemiten ist man ja in dieser 9 1 0 etwas gewohnt, die Rüpelhaftigkeit die“ enschen übertrifft aber die feiner Geno um ein Beträchtliches. Dreschgraf Pückler eu sich begraben lassen! Als Vetters die Flegele zurückweisen wollte, ließ Reuther durch sei 0 würdigen Vorsitzenden die Versammlung chließe 0 weil er nach Dutenhofen müsse(e aber noch reichlich eine halbe Stunde Zeit 4 zum Abgang des Zuges), wo Vetters 1 0 Entgegnung vorbringen könne. Von dia Einladung machte unser Genosse Gebrar ging nach Duteuhofen, wo sich 6—8 Wetz er Bagel tuskat 1 del 00 Getrede ott mit e er, die 0 ug dus hy o los. 8 her, Wie! Agewöhnlit en Aging den Vorlig her läßt h sse beruf 1 oder Gl isse; er nn dten der J. sind nichtz! pickt mit! besondetz Gemeinhel . So hel ellte Gesch teilhaber erdächtigk wahreld au weiß, triff. de iischen l. 9 der e. tlisten.“ id Wal, dh gen, bla gumolsl 1 S0 'okrat“ einiger Ml.“ In Heel et fell ) Weh rn hell irlih, i sche; 0 10 a8 sel L., g dieselbe Genossen eingefunden hatten. die Versammlung Nr. 38. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Trotzdem nun dort nicht schlecht besucht, 0 sicher in großer Mehrheit waren, kniff der tapfere Teutone feig aus und erklärte für die Sozialdemokraten keine Ver⸗ sammlung abhalten zu wollen! Ueber solche Utzerei waren die Versammelten äußerst er⸗ bittert. Na, eingebüßt haben sie durch Verzicht auf den„Vortrag“ weiter nichts; einige Duten⸗ hofener sagten unsern Genossen allerdings, ein zweites Mal dürfte sich Reuther den Spaß nicht erlauben.— So können die Auftraggeber Reuthers diese Agitationstour getrost ins Ver. lustkonto buchen. Uebrigens fällt es auf, daß man in Offenbach für solche doch nicht billigen Touren Geld hat, während Herr Köhler oft über Geldmangel in seiner Partei klagte. Sollte etwa der Bund der Landwirte i 2 Reuthers Anhänger * Zu der niederträchtigen Verdächtigung Singers, deren Reuther sich schuldig machte, sei noch erwähnt, daß der Redakteur der Staats⸗ bürgerzeitung, welcher gegen Singer ebenfalls solche gemeinen Angriffe erhoben hatte und von diesem deshalb verklagt wurde, nicht etwa freigesprochen wurde, wie Reuter der Ver⸗ sammlung vorlog, sondern er ist in allen Instanzen zu 400 Mk. Geldstrafe wegen Beleidigung verurteilt worden. Diesen Sach⸗ verhalt kannte Reuther ganz bestimmt, sagte also der Versammlung bewußt die Un wahrheit. Drum muß er sich's gefallen lassen, wenn wir ihn hiermit öffentlich einen erbärmlichen Lügner nennen; mag er uns verklagen, wenn er den Mut dazu hat! Offen liegt das ganze Partei⸗ und Privat⸗ leben unseres alten Genossen Singer vor aller Welt: nicht der geringste Makel haftet an ihm, er ist in Ehren grau geworden, und wenn so eine verlotterte antisemitische Kreatur den Ehren⸗ mann beschimpft, zeigt sie nur ihren eigenen geistigen und moralischen Tiefstand. Eine Partei, die solche Kampfmittel an⸗ wendet, ist bei jeden anständigen Menschen gerichtet. Mag ste hier und da unter zurück⸗ gebliebenen undbeschränkten Köpfen Anhänger finden, auf die Dauer verfängt der Schwindel nicht; der Rückgang wird bei der nächsten Reichstagswahl noch stärker sein als 1898. h. Lohndrückerei. Auf der Wetzlarer Sophienhütte wurde den Arbeitern eine Lohn⸗ reduktion von 20— 25 Pfg. angekündigt. Die Abzüge werden mit schlechten Geschäftsgang motivirt, was auffallen muß, da in den ver⸗ öffentlichten Geschäftsberichten stets gesagt war, daß die Hütte für das ganze Jahr mit Auf⸗ trägen versehen sei, sie nicht einmal alle bewältigen könne. Das war doch stcher keine Flunkerei! Nun müsfen wieder die Arbeiter in erster Linie leiden, die Beamten bekommen nichts abge⸗ zogen. Hier zeigt sich wieder, wie notwendig eine geschlossene Organisation ist, wäre eine solche unter den Hüttenarbeitern vorhanden, hätte man keine Abzüge risktren können. — Zu der Parteiversammlun für den Kreis Wetzlar die am Sonntag im okale Orbig in Gießen abgehalten wurde, hatten sich infolge des schlechten Wetters nur wenig Ge⸗ nossen eingefunden. Zunächst wurde beschlossen, die Agitation gegen den Brotwucher mit allen Kräften zu betreiben. Dann gelaugte die Frage der Reichstagskandidatur zur Erörterung. Nach kurzer Diskussion wurde Genosse A. Bebel wiederum als Kandidat bestimmt. Mit der Vertretung auf dem Parteitage betraute man den Gießener Delegierten, Genossen Beckmann. aus dem Nreise Marburg-Nirchhain. — Eine fromme Frau, wohnhaft in der Ritterstraße dahier, welche allsonntäglich den Gottesdienst in der lutherischen Pfarrkirche be⸗ suchte benutzte die günstige Gelegenheit dazu, ihre Glaubensgenossen um ihre Geldbörsen zu erleichtern. Der Ehemann einer um ihr Porte⸗ monnaie mit ca. 8 Mk. Inhalt bestohlenen Frau rückte der Diebin ganz energisch auf den Pelz und gestand sie auch nach längerem Leugnen den Diebstahl ein. Das Geld hatte sie aber bereits verausgabt. ü — Zu Wasser geworden! Diese Worte kann man mit Recht in Bezug auf den am ver⸗ gaugenen Sonntag geplanten gemeinschaflichen Ausflug der Gießener und Marburger Buch⸗ drucker nach dem Frauenberg anwenden, denn gründlicher konnte wohl kaum eine Partie ver⸗ regnen, als diese. Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! — Petitionslisten. Die Genossen werden nochmals ersucht, für zahlreiche Unter⸗ schriften der Petitionslisten gegen den Brot⸗ wucher zu sorgen, da die eit hierfür bald abgelaufen ist. Eine Anzahl der Listen sind bereits ausgefüllt an den Vertrauensmann abgeliefert worden. Man sollte es aber nicht, wie schon hier bemerkt, nur einigen Genossen, überlassen, Unterschriften zu sammeln, sondern ein Jeder müßte dazu beitragen, daß die Listen sobald als möglich, ausgefüllt werden. Auch müssen dieselben mehr vor Beschmutzung bewahrt und die Unterschriften möglichst mit Tinte bewerkstelligt werden. — Kommunales. Der unter dieser Ru⸗ brik in vor Nr. d. Ztg. angeführte Uebelstand btr. des elenden Zustandes der verkehrsreichen Straße am Fronhof wird nun beseitigt, indem dieselben gepflastert und der Bürgersteig mit Plättchenbelag versehen wird.— Nächste Ostern soll hier eine Ausstellung und Prämirung von Lehrlings⸗Arbeiten stattfinden. Zum Leiter der städt. Beigeordnete der Ausstellung wurde Schimpff gewählt. jeden Monats abzurechnen; wir bitten die Abon⸗ 4 nenten, dies zu beachten. Die Kolportage⸗Kommission. f —..———— N Gemeinderatswahlen in Hessen. Bei der am Samstag in Vilbel stattge⸗ fundenen Stadtverordnetenwahl stegte die sozialdemokr. Liste glänzend über die der Ordnungsparteien. Cs entfielen von 583 ab⸗ gegebenen Stimmen 300 reine Stimmzettel gegen 140 vor drei Jahren auf unsere Partei. Es erhielten die Genossen: Erb, Stukkateur 397, Söllner, Gastwirt 338, Armbrust, Maurer 527 Weidt, Portefeuiller 312 Stimmen. Die Gegner blieben mit 100— 150 Stimmen hinter uns zurück.— Das höchst erfreuliche Resultat versetzt unverständlicherweise den Korresponden⸗ ten des„Gieß. Anz.“ in tiefe Trauer, er ergeht sich in Klagen über den Ausfall, tadelt die „Ordnungs“ parteien und verbricht schließlich noch ein Gedicht, worin er die Städter und Bauern bedauert. Warum denn? Die Mehrheit der Wähler erinnerte sich jedenfalls bei Empfehlung der bürgerlichen Listen des Bibelspruches: Ihr seid nichts, Euer Thun ist nichts und Euch zu wählen ist ein Greuel! — In Großen ⸗Buseck wurden am vorigen Samstag gewählt: Landwirt Har bach mit 199, Maurer Schneider mit 187, Landwirt R. Wagner mit 183 und Weiß- binder W. Größer mit 178 Stimen. — Aus der Wahl in Großen⸗Linden gingen bei sehr reger Wahlbeteiligung Joh. Volk mit 174, Ludw. Hardt mit 170, und Metzger Ph. Pirr mit 163 Stimmen als Sieger hervor. Eine furchtbare Benzin ⸗Explosion ereignete sich vorigen Samstag früh in dem in der großen Friedbergerstraße in Frankfurt gelegenen Materialwaren⸗Geschäft von Glocke und Tscharnke. Es wurden vier Tote und Verwundete aus dem Hause befördert. Ein Vorübergehender wurde durch die Gewalt der Explosion über die Straße geschleudert und getötet. Ueber die Ursache der Exploston wird mitgeteilt, daß ein Lehrling im Benzin⸗ und Spirituslager mit einem Streichholz nach⸗ sehen wollte, ob eine Flasche gefüllt sei und dabei der Flaschenöffnung zu nahe kam, wo⸗ durch die Exploston entstand. Der Laden war mit all' seinem Inhalte im Nu ein Trümmer⸗ feld. Die Mauern der Wände wurden von der Wucht der Explosion durchgedrückt und die Die Kolporteure sind gehalten, bis zum 15. 1 ganze Ladeneinrichtung zersplittert und teilweise auf die Straße geschleudert. Von der Wucht der Explosion kann man sich einen Begriff machen, wenn man erwägt, daß die in dem and Neubau befindlichen eisernen äden und Träger verbogen und fast sämtliche Scheiben der Häuser in der Nachbarschaft zer⸗ trümmert wurden. Der Lehrling wurde sofort getötet, ebenso ein im ersten Stock befindlicher Kommis wurde unter den Trümmern begraben und getötet. Der Vorübergehende, der dadurch getötet wurde, daß er durch den Luftdruck gegen ein gegenüberliegendes Haus geschleudert wurde und dadurch einen Schädelbruch erlitt, war der Sohn eines Briefträgers, der seinem Vater behilflich war. Die in den oberen Stockwerken befindlichen Personen wurden unter Zuhilfe⸗ nahme der Rettungsleiter aus dem Hause ge⸗ schafft. * Hochwasser. Durch den anhaltenden Regen ist in verschiedenen Gegenden Hochwasser eingetreten, besonders der Rhein war hoch ange⸗ schwollen und stand am Pegel in Köln mehr als 3 m. über Null. In unserer Gegend ging Grummt und auch Obst durch die Nässe viel⸗ fach zu Grunde. ** Der Reichstagsabgeordnete für Wiesbaden Landwirt Wintermahyer ist in Brunnen in der Schweiz plötzlich am Herz⸗ schlag verstorben. Er war erst 42 Jahr alt. Sein Gegenkandidat bei der letzten Wahl war Genosse Dr. Quarck, der mit 10 499 Stimmen in der Stichwahl unterlag. Versammlungskalender. Samstag, den 21. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Friedberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New⸗York. Sonntag, den 22. September. Gleiberg. Nachmittags 3½ Uhr Volksversammlung im Saale zum„Schwarzen Wallfisch“. Tages⸗ ordnung: Wem nützen die Zölle? Ref. E. Krumm. Schlitz. Wahlverein. Nachmittags punkt 3 Uhr Mitgliederversammlung bei Gastwirt Schmidt, U vollzähliges Erscheinen bittet: D. V. Montag, den 28. September. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. J. J. Queck. Aber natürlich! Das Verwandt⸗ schaftsverhältnis spielt bei der Wahl doch gar keine Rolle, das wäre ja noch schöner.— Die wichtigsten Bestimmungen über das Gemeindewahlrecht haben wir wiederholt veröffentlicht(Nr. 26, 35, 36 der Mitteld. S.⸗Stg.) und verweisen darauf.— K. W. 100. Sie erhalten in nächster Nummer Auskunft, das Wahlergebnis ist uns eben nicht zur Hand.— St.⸗Mrbg.„Frohn“ ist mit und ohne h richtig; erstere Schreibweise ist sogar die neuere.— R.⸗Daubrg. Daß man Briefe auch frankieren uunß, könnten Sie eigentlich wissen und sollten uns nicht Strafporto aufhalsen.— J. St.⸗Als⸗ feld. Mußte wegen Raummangel zurückgestellt werden. Nächste Nummer. —.—— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Geborene. 8. September: Dem Schmied Otto Knorr e. S. 10. Dem Schlosser Wilhelm Löffert e. T. Dem Steinmetz Heinrich Heinz e. T. 11. Dem Schlosser Heinrich Eckhardt e. S. 12. Dem Schlosser Heinrich Müller II. e. T. 13. Dem Bahnverwalter bei der Bieberthalbahn Karl Zota e. S. Dem Hallenmelster im städtischen Schlachthaus Wilhelm Schmitz e. T. 14. Dem Stationsassistent Karl Wagner e. S. 15. Dem Schreiner Ludwig Werner e. T. 18. Dem Bautechniker Heinrich Roß e. T. Gestorbene. 12. September: Wilhelm Hofmann, 72 Jahre alt, Geh. Justizrat. 13. Joseph Kohlmanns⸗ perger, 23 Jahre alt, Bäcker. 15. Lorenz Schäfer, 70 Jahre alt, Privatmann. 16. Eva Schneider, geb. Bir⸗ kenstock, 36 Jahre alt, Ehefrau. 17. Adolf Fink, 37 Jahre alt, Diener. Letzte Nachrichten. Südafrikanischer Krieg. Zwei schwere Schlappen erlitten die Engländer. Die eine brachte ihnen der Burengeneral Botha bei, der drei Kompag⸗ nien berittener Infanterie südlich von Utrecht in ein Falle lockte. Von den Engländern wurden 16 Offiziere und Soldaten getötet, 30 verwundet und 155 gefangen, 3 Geschütze verloren. Ferner überfiel der B urenführer Smuts eine Ulanenschwadron, wobei er 23 Engländer tötete und 31 verwundete. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 38. b AUnterhaltungs-Ceil 122 0 ä——— .. warum? Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin. Die Unvernunft unserer Seiten, Die kommt mir nicht aus dem Sinn. Für Den, der im Grabe geborgen, Erstellt man einen Palast, Läßt aber an Obdachssorgen Verzweifeln viel Tausende fast. Mit Männern, die ehedem waren, Die nicht viel großes gethan, Blockiert man die Wege in Schaaren, Man rennt sich die Nase fast an. Dagegen in Elend verkommen Cäßt man ein lebendes Heer. Hier ist's, wo für die Reichen, die Frommen Am Platze ein Pflichtgefühl wär'. Sind Denen sie schuldig zu danken, Die längst schon bedanket der Tod, Warum nicht den Armen, den Kranken, Die ihnen erwarben das Brot d Kriegerische Abenteuer eines Friedfertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke. 5(Fortsetzung) Denn in eben dem Augenblick, als unsere tapfere Schar mit den Blicken der Sehnsucht und Liebe an den Schätzen des vorüberfahrenden Wagens hing, donnerte des Feindes erster Kanonenschuß gegen uns. Und, o Schrecken! die Kugel fuhr, wie aufs beste gezielt, mitten ins große Branntweinfaß, daß der Nektar in krystallener Klarheit herausflutete, während die Rosse mit dem Wagen im Schrecken querfeldein spreugten. Nun war's, als wäre mit dem Göttertrank der erschlagenen Tonne auch die Seele unseres Heeres entflohen. Das Vordertreffen wankte: die Arrieregarde machte eine retrograde Be⸗ wegung nach dem Dorfe zu. Karl der Große rief: vorwärts marsch— aber da war kein Leben mehr; nichts ging vorwärts. Er hatte in der Augst vergessen, daß sein weißer Feder⸗ busch auf dem Wege des Ruhms voranleuchten sollte— nun aber hielt er beständig hinter der Fronte, daher glaubten unsere Leute steif und fest, der Weg des Ruhms gehe dem Dorfe zu. Jetzt fiel der zweite Kanonenschuß. Mein Roß hatte sich schon über den ersten arg ver⸗ wundert; beim zweiten fing es an, die Unruhe seines Herrn zu teilen. Ich konnte mich nicht enthalten, gelegentlich den Kopf umzudrehen, um mich zu überzeugen ob auch der Weg ins Dorf noch sichtbar sei. Darauf begannen die Feinde ihr kleines Gewehrfeuer. Einzelue Kavallerie sprengte gegen unsern Flügel an. Da schrie ich, gleich einem Besessenen:„Feuer! gebt Feuer! schießt!“ — drückte den Hut in die Augen, und dachte: helf euch Gott!— fort wollte ich, ins Dorf. Aber ehe ich die hartmäulige Bestie unter mir umdrehen konnte, gaben neben mir meine gehor⸗ samen Soldaten Feuer. Darüber erschrak mein Gaul nicht weniger als ich. Er flog mit mir unter dem Nußbaum erst hoch in die Luft und dann hinaus ins Freie. Ein Paar französischer Chasseurs zu Pferde schossen auf mich. Da ste mich aber nicht fallen sahen, vielmehr sahen, wie ich mit geschwungenem Säbel(ich hatte zwar den Säbel in der Hand, hielt aber mit der gleichen Hand den Hut am Kopf fest, was mir ein martialisches Aussehen geben mochte), wie, sag) ich, mit Wetterschnelle auf sie losflog, drehten sie um, und jagten davon. Mein Pegasus, umsonst waren Zaum und Gebiß, hatte den Kopf zwischen die Beine gelegt, und setzte, wie rasend, den Feinden nach. J fluchte, ich weinte, ich schrie:„Halt! Brr! hat!“— Nichts, im Galopp, in gestrecktem Galopp riß es mich fort. Die Chasseurs ereilten einen schmalen Fahrweg zwischen Zäunen; mein höllisches Streitroß wählte die gleiche Straße. Die Feinde, die sich nun nicht mehr schwenken konnten, überfiel wahrscheinlich ein Grausen, da ich ihnen wenngleich wieder meinen Willen, fast im Nacken war. Sie spornten ihre müden Gäule noch mehr, und meine verhexte Rosinante, die mutig mit mir durchging, verdoppelte ihre Sprünge. Die flüchtigen Chasseurs hielten mich ver⸗ mutlich für einen Teufelskerl, der darauf geschworen habe, ihnen das Blut abzuzapfen. Denn sie sahen sich von Zeit zu Zeit nach mir mit Gebärden voller Entsetzen um. Ach, die guten Herren! hätten sie nur gewußt, wie mir bei dem Siege zu Mute war. Und immer weiter, hopp, hopp, hopp, Ging's fort im sausenden Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben, Und Kies und Funken stoben. Als wir um die Ecke eines Kiefernwaldes bogen, kamen wir auf eine geräumige Fläche, wo von französischer Seite ein Lager aufge⸗ schlagen war. Hier verlor ich den Steigbügel von den Füßen— meine Flüchtlinge zerstreuten sich— einige Soldaten im Lager legten auf mich an und schossen. Meine Bestie that einen Satz seitwärts, und ich fiel wie ein Sack herab auf den Boden. Adieu, Friederike! gute Nacht, falsche Welt! seufzte ich; denn ich so gut als die Soldaten glaubten, ich sei tot. Die Kerle sprangen lachend zu mir. Auch die Flüchtlinge kamen zu mir heran. Ich stand zitternd auf. Man forderte mir den Degen ab. Ich gab ihn. Die In⸗ fanteristen wollten mich plkündern. Die Chasseurs aber nahmen mich in Schutz und schworen, ich sei ein Mann von Ehre und Mut. Ein so unverdientes Lob vom Feinde selbst freute mich gar sehr; noch mehr aber, daß nirgends eine Wunde an mir fühlte. Jetzt war ich Kriegsgefangener. Man führte mich zu einem einzelnen Bauernhaus; unter⸗ wegs büßte ich meine Uhr, meinen Geldbeutel und den goldenen Fingerring ein, den ich zum Andenken Friederikens trug. 5 Ein Oberst, der nebst mehreren Offizieren in dem Bauernhause am Frühstück saß, fragte mich, nachdem man ihm die Geschichte meiner Gefangennahme, und wie ich die Chasseurs bis ins Lager verfolgt habe, erzählt hatte, nach meinem Rang.— Was sollte ich antworten? Designierter Parrer? Maitre des arts? Docteur en philosophie?— Die Herren hätten mich für wahnsinnig gehalten. Karl der Große hatte mich zu seinem Generaladjutanten erhoben. Also antwortete ich dem Frager ohne Bedenken: Aqjutant- général.— Kleider machen Leute; aber Titel auch. Ich mußte mich sogleich mit zum Früh⸗ stück niedersetzen— kalten Braten, Malaga, Liqueur. Der humane Oberst sagte mir einige Worte des Trostes wegen meiner Gefangenschaft: „Das ist der Wechsel des Kriegsglücks. Vor fünfzig Jahren hatten die Herrn Preußen Friedrich den Großen, Sie ein Jena.“ Kriegsgefangenschaft. Die Offiziere setzen sich zu Pferde. Ich ward der Wache im Lager übergeben. Den alten Fieberfrost hatte ich noch immer nicht verloren; darum befreundete ich mich mit der Glut des Wachtfeuers. Was mag aus dem Lieutenant Leonidas und seiner tapfern Schar geworden sein? was aus der Königin mit ihrem gesprengten Fasse? seufzte ich. Und was wird aus mir werden? Man hatte mir schon vorläufig angekündigt, ich würde nach Frankfurt au der Oder gebracht, und von dort mit einem Transport Kriegsge⸗ fangener nach Frankreich geführt werden. Mein aus dem aufrichtigsten Gemüt dargebotenes Ehrenwort, nie wieder, wenn man mich frei ließe, gegen Se. Majestät den Katser der Fran⸗ zosen die Waffen zu tragen, war vom Obersten nicht angenommen worden. Mein Schicksal, hieß es, müsse höhern Orts entschieden werden. Also nach Frankreich, du armer Doktor! auf eine Festung. O wie plötzlich hat sich alles umgestaltet! Säßest du noch auf desnem Dichterstübchen mit der stillen Aussicht auf eine Plutarch von großen Männern, oder auch nur deiner Seligkeit abgehen? Wenn du dein Tag⸗ werk beendigt, deine Lehrstunden von Haus zu Friederiken von einer schönern Zukunft unter⸗ halten, oder könntest in deiner poetischen Einsam⸗ keit neue Grenadierlieder in Vater Gleims Manier schreiben! ein, die ich noch immer in der Tasche bei mir trug. Rasch fuhr ich mit der Hand zu den Manuskripten, sah mich um, ob ich beobachtet wäre und schleuderte sie ins Feuer. Denn Siegeslieder in feindlicher Gefangenschaft— Lieder voller Hohn und Verachtung gegen Napoleon und sein Heer— die konnten mir den Kopf kosten!— Ich sah sie nun mit eben dem Vergnügen in den Flammen sterben, mit welchem ich sie im Feuer der Begeisterung einst zur Welt Aba hatte. Selbst daß ich in der ersten Angst zu tief gegriffen, und meine konnte meine Freude nicht mindern. Plötzlich standen einige Soldaten vor mir— dieselben, die mich vom Pferde geschossen— und fragten:„Was haben Sie da heimlich ver⸗ brannt?“ Sie ließen einige Worte von Espionage fallen und vom Füsilieren. Ich war verlegen um eine Antwort: das verbesserte meine Sache nicht. Die Kerls, ich bemerkte es gar wa suchten Händel an mir. Sie erklärten mich verdächtig, führten mich in die Wachthütte, wo ich Ueberrock und Stiefel ausziehen und den Hut abgeben mußte. Sie nahmen das alles mit sich fort. Ich sah weder die Kerls noch meine Kleider wieder. Den Tag über ward ich noch einige Male wegen der verbrannten Papiere in Frage genommen. Und da ich auf meinen Aussagen beharrte, es seien Kleinigkeiten, Familienange⸗ legenheiten, Privatbriefe gewesen, wurde ich von zwei Mann, die Angesichts meiner ihr Gewehr luden, fortgeführt, wie es hieß, ins Quartier des Generals. Ohne Rock, barhäuptig und barfüßig, im feuchtkalten Oktoberwetter, mußte ich nun mit meinen Begleitern eine Spazierreise von drei Stunden Weges machen. Kotig und zerlumpt, rein ausgeplündert, war ich ärmer als ein Bettler; denn selbst die Freiheit fehlte mir. Ja sogar mein Leben war ein schlecht versichertes Gut, weil die Franzosen im Felde einen zu kurzen Prozeßgang lieben. Angeklagt wegen Espionage hängt man den armen Teufel auf, oder füsiliert ihn, und bekümmert sich hinten⸗ nach nicht weiter um ihn, ob er's übel nimmt. (Fortsetzung folgt.) 2 Schwelgende Verschwender. In der vorletzten Nummer zitierten wir einen in der„Woche“ erschienenen Artikel, in welchem den Arbeitern als genügende täg⸗ liche Nahrung ein Kilo Brot, 100 Gramm Butter und/ Pfund Käse zugebilligt wurde. Was darüber sei, wäre Verschwendung. Hören wir, was man in„besseren“ Kreisen verspeist. Der Pariser Journalist Jules Huret berichtet im„Figaro“ über die Kosten schwelgerischer Mahlzeiten. Er bemerkte in einem der berühmten Restaurants, daß an einem Tisch mit elf Ge⸗ decken eine Rechnung von 5000 Franken(rund 4000 Mark) bezahlt wurde. Man trank Weine zu 50 und 100 Franken, die Blumen auf dem Tische kosteten 100 Franken, Pfirsiche das Stück zu 15 Franken wurden gekostet. Durch diese Mitteilungen neugierig gemacht, begab sich Huret auf das Gebiet der Forschung: Er wollte wissen, wie hoch sich die fürstlichen Rechnungen in den Pariser Restaurants„à la mode“ belaufen. In den meisten großen Restaurants erklärte man übereinstimmend, daß man bei mehr als 100 oder höchstens 150 Franken per Kopf nicht mehr das Essen oder Trinken bezahlt; wenn man mehr verwendet, so will man es eben durchaus, so wünscht und verlangt man es. lange Reihe von Dächern; läsest du deinen die Zeitung für die elegante Welt, und Coulissen⸗( anekdoten bei einer Pfeife Tabak! Was könnte“ Haus gegeben hättest, würdest du dich mit! Hier fielen mir die preußischen Siegeslieder Vokation zum Pfarrer mit verbrannt hatte, oel, 0 ch ff del it Gl lk se gk fn del Od elt Se Laf Aula d 8 sthielt uu Kön tete d 000 l in, ib Ul le 3 en sb Daß lt Holfer: In Ja halkrs Mich. Ide ungsg tant Fathrif bon al. tg, faden li, im un, r ba ie ar bank tlg ll fe lfte 94 10 hn 0 0 N O0 D ib 0 blade 77 i fleht 1 f 0 Siegesliehe he hei m ud zu du debug üer. Dent genschaft ung Jaga bunten mz n mit ch kerhen, 0 terung en daß ic und mah annt hat bor mir— 9sen— ul eimlich ne Cæpiongg ar berlege leine Such gar wohl ärten me inige Mal in Frag 1 Aussagg milienange lde ich hin hr Geh 3 Quart Afüßig, 0 nun u e bol dag zealuus 1 als a fehlte nů bersichell e eilen 1 ö 170 al, sich f bel ni — det, iertel. 0 Allllch ende ll 0 Guan iat Walde 10 0 1 bete kt hal eich Nr. 38. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Seite 7. Uber das kommt oft vor. Der Mann in Paris, der die wahnsinnigsten Restaurant⸗Rechnungen ennt, ist Emile Aoust, ehemaliger Tafelmeister hei Bignou, Gründer des„Amphitryonklubs“, in London, wo der Prinz von Wales verkehrte. loust ist neben Fabre vom Chateau de Madrid ine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der Schlecker. Bei der Eröffnung des„Amphitryon⸗ (ubs“, der der Prinz von Wales beiwohnte, purde ein Diner von zwölf Gedecken serviert, sas 215 Pfd. Sterl.(5160 Mk.) kostete. Den stekord aber erzielte König Milan. Er lud inmal fünf Personen zu Tisch und gab für jede 1200 Franken aus. Den Feinschmeckern purden naturlich die auserlesensten Speisen und Weine vorgesetzt. Das umfangreiche Menu bies unter anderem Ostender Austern, Reh⸗ lücken, Leberpasteten, gebratene Enten von ouen, Fettammern und Wachteln mit Trüffeln, panische Artischocken usw. auf. Die Speisekarte in den Farben des König, auf blauem Satin ut Goldfranzen, war in Paris graviert worden, tber sie wurde nicht benützt. Sie kostete 1250 Franken. Von jedem Wein gab es drei Flaschen, hon denen jede auf 60 Franken zu stehen kam. Das eigentliche Diner kostete 2500 Franken. Die Tafel war mit Blumengehängen von weißem Nuskat, das Kilo zu 60 Franken verziert. Das Zimmer, in dem das Mahl stattfand, tthielt für fast 4000 Franken Maiblumen, die der König selbst gekauft hatte. Alles in allem sostete das Essen mit den Trinkgeldern beinahe 40000 Franken.— Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben, können jene Schwelger mit Ulrich von Hutten ausrufen. Wem durch hohe Zölle sein Brot verteuert wird, der muß inen solchen Zustand verfluchen. Das Wunder des Paters Granderath. Unter diesem Titel erzählt ein alter Düssel⸗ dorfer in den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten: Im Jahre 1835 lebten nur noch zwei Jesuiten⸗ paters vom früheren Jesuitenkloster, der P. Mich. Granderath und P. Philipp Schulten. Ihre Wohnung befand sich im heutigen Regie⸗ kungsgebäude, neben der Sakristei. Die Haus⸗ haltung führte für Beide zusammen die alte athring. Pater Granderath wurde am meisten von alten Leuten überlaufen. Er war so gut⸗ snütig, daß er absolut kein Geld behalten konnte, sondern Alles verschenkte. Eines Tages spazierte er, im Brevier lesend, um den großen Baum herum, der noch heute den Kanzleihof ziert. Er war so vertieft, daß er nicht bemerkte, wie eine arme Frau ihm nachging, um von ihm bemerkt zu werden. Endlich, als sie ihn schon einige Male am Talar gezupft hatte, bemerkte 5 ste und fragte, was sie wünsche. Die Frau eufzte. „Ach, Herr Pater! et is bald Meddag on ich han nix zu koche, sit doch so good on geft mech jet.“ „Leef Frau,“ sagte der Pater,„ich han selfs 5 „Och, sit doch so good on geft mich jet.“ Der Pater wiederholte:„Leef Frau, ich han o nix, sonst krögt ehr jet.“ „No, dann fällt doch emol in de Tasch, hielleicht han ehr doch jet.“ „De Gefallen will ech donn, ävver ich weeß, hat ich nix han.“ Der hochwürdige Herr greift in die Tasche, Uleibt nachdenklich stehen und weiß nicht, was ir sagen soll, denn— o Wunder!— in seiner Tasche befand sich ein Zehngroschenstück. „No denn sollt er et hann,“ sagte der Pater: sävper ich weeß selfs nit, woher ich dat hann.“ Darauf las er die Messe in der Jesuiten⸗ ürche. Des Mittags saßen der Pater Grande⸗ math, Pater Schulten und die alte Kathring heim Essen zusammen. Da fiel dem Pater Granderath der Vorfall vom Morgen ein und trzählte ihn. Da wurde es aber dem Pater Schulten doch warm und er antwortete entrüstet. „Dat dank dech der Henker; Du häß' deß' Norge min Box(Hose) angetrocke(angezogen), w wore Zehngrosche drenn, jetzt weeß ich och, o die gebleve sind.“ Der Verfasser bemerkt zu dieser Geschichte soch: Die Verwechslung war sehr leicht möglich, da zu dieser Zeit noch viele Geistliche Kniehosen mit Schnallen trugen. Auch waren die beiden genannten Herren von ziemlich gleicher Größe und Stärke. Bei der Aermlichkeit ihrer Ein⸗ 1 5 wurden die Kleider auf einen Stuhl gelegt. Gin neuer Riesendampfer. Der neue Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd Kronprinz Wilhelm, der in diesem Monat in Fahrt gestellt wird, ist ein Doppel⸗ schraubendampfer von 202 Meter= 663 Fuß Länge, 20,1 Meter- 66 Fuß Breite und 13,1 Meter- 43 Fuß Tiefe. Der Raumgehalt des Schiffes wird etwa 15,000 Brutto-⸗Register⸗ tonnen, die Wasserverdrängung des vollbeladenen Schiffes 21,300 Tonnen betragen. Der Dampfer ist aus bestem deutschen Stahl als Vierdeckschiff erbaut. Das Schiff erhält Einrichtungen für die Beförderung von etwa 650 Pasfagieren I. Klasse, 350 II. Klasse und 700 Zwischen⸗ deckspassagieren. Vier Luxuskabinen, bestehend aus Wohn⸗, Schlaf⸗ und Badezimmer und ferner acht Staatszimmer mit je einem Schlaf⸗ und Badezimmer sind vorhanden. Das Schiff wird in allen seinen Räumen elektrisch erleuchtet; zur Beleuchtung sind etwa 1900 Lampen vor⸗ esehen, welche von vier Dampfdynamomaschinen edient werden, von denen jede eine Stärke von 825 Ampere bei 100 Volt Spannung besttzt. An Böten wird das Schiff 18 Rettungsböte und 6 Halbklappböte führen. Die beiden Ma⸗ schinen bestehen aus zwet sechscylindrigen vier- fachen Expansionsmaschinen von insgesamt 35,000 Pferdekräften, die dem Schiffe eine Geschwindigkeit von 23 bis 24 Seemeilen in der Stunde geben werden. Zu dem Erlaß des Korpskommandeurs des elften Armeekorps, Lindequist, wodurch den Soldaten das Singen unsittlicher Lieder bei Arreststrafe verboten wird, erhält die„Frankfurter Volksstimme“ folgendes hübsche Gedicht: Lex Lindequist. „So ist es recht! So ist es recht! Das thut mir Freude machen. Es sang das männliche Geschlecht Zu nnanständ'ge Sachen. Es ging schon lange über'n Spaß Wie sie die Scham verletzten. Sieht der Soldat, denn so Etwas Bei seinen Vorgesetzten? Die sind der Sitte reinster Quell, Sind nicht so kannibalisch. So ist zum Beispiel das Duell Doch sicher hochmoralisch. Murrt Einer voll Verbissenheit Je über seine Schulden?? Mit christlicher Ergebenheit Muß er den Gläub'ger dulden. Kein Jude wird ein Offizier. Ist das nicht sittlich, ethisch? Die Säuferet bei Sekt statt Bier Ist sie nicht sehr ästhetisch? Ist nicht der Krieg des Christen Zier? Moralisch nicht das Morden? Schimpft nicht der Unteroffizier In sittenreinen Worten? Nur der Rekrut, das böse Vieh, Singt unanständ'ge Lieder. Und mit Entrüstung hörte sie Der Hauptmann, fromm und bieder. So etwas giebt es jetzt nicht mehr, Sie werden teutsche Christen. So sittlich wird das Militär Jetzt, wie die Zivilisten. K. E. Lesefrüchte. Nicht in dem Atemzuge liegt das Leben, sondern es hat überhaupt keinen Wert für den, der ein Sklave ist. Cicero. ** * Diejenigen, welche aus Schwäche ihrer Natur oder aus Mangel an Erfahrung oder aus geistiger Trägheit die Zeitumstände oder die Ursachen und Verhältnisse in dem betreffenden Falle nicht deutlich zu erkennen vermögen, pflegen von dem, was infolge geistig scharfen Blickes mit Ueberlegenheit und Berechnung ausgeführt wird, die Ursachen auf Götter und Schicksal zu schieben. Polybios. Humoristisches. Ein Ehrenmann.„Daß Du Deine mütterliche Erbschaft verschwendet hast, das kümmert mich weniger. Aber diese Wechselfälscherei— das bringt mich in Wut.“ „Aber, Vater! Ich habe das Geld unbedingt ge⸗ braucht! Ich hatte eine Ehrenschuld zu bezahlen!“ (Fl. Bl.) Erklärendes Beispiel. Richter(erregt): Anplauschen, anplauschen! Was verstehen Sie unter anplauschen? Zeugin: J waß net, wie i dös sagen soll; aber wann Ihna a junges Madel saget, daß Sie a schöner Mann wären, Herr Richter, dann hätt's— Euer Gnaden halt angeplauscht. Litterarisches. Im Verlage von J. H. W. Dietz Nachf. erschten am 15. September: Aus dem litterarischen Nachlaß von Karl Marr, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle. Herausgegeben von Franz Mehring. Band I. XII und 492 Seiten groß Oktav. Preis broschiert Mk. 7.—, gbd. in engl. Lein wand Mk. 8.50. Der erste Band enthält die Schriften von Marz und Engels, in denen sie sich bis zur Schwelle des Sozialismus entwickeln, den begründet zu haben ihr unsterbliches Verdienst ist. Der zweite Band, der Mitte Februar nächste n Jahres erscheinen soll, wird Alles enthalten, was si e in der theoretischen Begründung und Entwicklung ihres neu gewonnenen Standpunkts gearbeitet und mit anderen Richtungen der Zeit durchkämpft haben, bis zum Kom⸗ munistischen Manifeste, der klasstschen Geburtsurkunde des moder nen wissenschaftlichen Kommunismus. Endlich der dritte Band wird Mitte April nächsten Jahres ihre Aufsätze aus der Neuen Rheinischen Zeitung und deren Revue veröffentlichen, also die praktischen Proben auf die Richtigkeit ihrer theoretischen Resultate. Damit ist die erste Periode in der öffentlichen Wirksam⸗ keit für Marx und Engels abgeschlossen. Dazwischen werden Mitte November die ses Jahres die Briefe Lassalles an Marx und Engels ausgegeben werden, die zwar in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der vorliegenden Sammlung stehen, aber sie ihrem Wesen nach für die fünfziger Jahre fort⸗ setzen, indem sie für dies Jahrzehnt die sicherste urkund⸗ liche Grundlage bieten, sowohl für die Geschichte des modernen wissenschaftlichen Kommunismus, als auch für die Biographien seiner klasstschen Vorkämpfer. ** * Einen Führer durch die Strafprozeß⸗ ordnung—(Rechte des Angeklagten vor Strafgericht und Polizei) 80 Seiten stark, Preis 40 Pfg.— hat soeben die Buchhandlung Vorwärts, Berlin, erscheinen lassen. Ein nützliches und ein notwendiges Buch. Der Verfasser, Rechtsanwalt Dr. H. Heinemann, hat aus dem praktischen Leben geschöpft und hauptsächlich die für den Arbeiter in Frage kommenden Fälle herausgegriffen. Nach Er⸗ klärung der Strafthaten, der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit der Gerichte, behandelt er in 5 Abschnitten die Rechte des Angeklagten vor der Polizei, der Staatsanwaltschaft und vor Gericht in den verschiedenen Städten: Untersuchung, Beweisverfahren, Verhandlung und giebt am Schlusse neben einem aus führlichen Sachregister auch eine Anzahl Muster⸗ formulare. Da der Laie über Haussuchung, Beschlag⸗ nahme, Festnahme, Untersuchungshaft, über die ihm zu⸗ stehenden Beschwerde- und Rechtsmittel, sowle auch über den Gang des Prozeßverfahrens bis zur Urteilsfällung fast durchaus im Unklaren ist, so dürfte diese Schrift ihm ein sehr willkommenes Hilfsmittel sein. Im Gegen⸗ satz zu ähnlichen, den Arbeitern empfohlenen Handbüchern hält diese Schrift von bloßen Redensarten, die keine Belehrung bringen, sich frei und erhöht ihren praktischen Wert durch das umfangreiche Sachregister und die bei⸗ gegebenen Formulare für die verschiedensten Eingaben und Beschwerden. * * Ferner machen wir unsere Freunde auf den reich⸗ haltigen und beliebten„Arbeiternotiz⸗Kalender für 1902“ aufmerksam, der soeben erschienen ist. Wie immer, ist er mit einer Fülle wissenswerten Mate⸗ rials ausgestattet, wertvoll für Jedermann, besonders für Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder. Preis ist wie früher 60 Pfg.— Wir empfehleu weiter die bei Dietz Nachfl. allwöchentlich erscheinende„Neue Zeit“, wissen schaftliche Revue, in der von hervorragenden Partei⸗ schrätstellern hochinteressante Artikel über alle politischen un d wirtschaftlichen Fragen veröffentlicht werden.— Auch auf die 14 tägig erscheinenden Witzblätt er „Wahrer Jakob“ und„Süddeutscher Postil⸗ lon“ weisen wir unsere Genossen empfehlend hin. Seite 8. Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung. 5 Richard Loewenthal& Bahnhofstr.! Gießen Bahnhofstr. Eröffnung der Abteilung für putz. Unserer Putzabteilung haben wir von jeher die grösste Aufmerksamkeit gewidmet und ist mit dem stetig wachsenden Umsatz auch die Auswahl eine stets grössere geworden. Neubeiten in einfacheren und eleganten Damen⸗ und Mädchenhüten vom billigsten bis elegantesten Genre. Sämtliche Neuheiten in Zuthaten für Hüte, wie Federn, Fantasien, Bänder, Seidenstoffe, Sammete, Agraffen ꝛc. 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