1 dr. 28 — lletotz borzüg. b stet zen. 4 3.2 lüge. 1.— an. e Partie 29. Eießen, Sonntag, den 21. Juli 1901. N 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche . Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr —— 2 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger freit ns Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und Juserate 2 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. 1 Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)[ 33½ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Ra batt BVWozialdemokraten Hessens! Die diesjährige Landeskonferenz findet auf Beschluß des Landeskomitees am Sonntag, den 1. September 1901, Vorm. 10 Uhr in Offenbach in den Räumen des Saalbaues(Austr. 26) statt. Die vorläufige Tagesordnung lautet: .Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. Referent: Genosse Ulrich⸗Offenbach. Rechnungs⸗Ablage. Referent: Genosse Orb-Offenbach. „Der bevorstehende Parteitag in Lübeck. Referent: Genosse Rau-Mühlheim. „Die bevorstehenden Landtagswahlen und der Wahl⸗ gesetz⸗Entwurf. Referent: Genosse Cramer⸗Darmstadt. 5. Die Landesorganisation, bezw. der Entwurf für die⸗ selbe. Referent: Genosse Dr. David⸗Mombach. 6. Das Gemeinde-Programm. Referent: Genosse Berthold⸗Darmstadt. Einlaufende Anträge. Wahl des Landes-Komitees. Parteigenossen! Die Wichtigkeit der Tages⸗ ordnung macht eine zahlreiche Beschickung der Konfe⸗ renz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Dele⸗ gierte gewählt werden. Diskutiert die Tages⸗ ordnung und sendet etwaige Anträge rechtzeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komitee und werden vom Genossen Ulrich bezogen. Offenbach, 13. Juli 1901. Das Landes⸗Komitee: C. Ulrich, Gr. Marktstr. 25. J. Orb, Geleitsstr. 14. S * 0 Der Zukunftskrieg. II Nachdem Genosse Krafft die Transport⸗ Schwierigkeiten der kolossalen Truppenmassen bei einem eventuellen 991 auseinandergesetzt und die Versorgung der Armee mit frischem Fleisch als fast unmöglich nachgewiesen hat, führt er weiter aus: Da nun die Verpflegung der Millio⸗ nenheere mit frischem Fleisch ausgeschlossen ist, bleibt nur die Konserve übrig. Sie ist auf den Eisenbahnen wie auf der Straße leichter nachzuführen als das Vieh, auch kann sie sofort enossen werden, während frischgeschlachtetes Fleisch stets unangenehm schmeckt. Es fragt sich nur, ob die Konserven nicht am Ende sehr bedenkliche Wirkungen auf die Gesundheit der Truppen ausüben werden. Die Typhusepi⸗ demien, die im Frieden bald in dieser, bald in jener Kaserne ausbrechen, reden hier eine unheimliche Sprache. Im Kriege aber, wo die Konservenfabrikation mit Hochdruck arbeiten wird, dürfte die Gefahr, daß zweifelhafte Waren an die Truppen gelangen, noch viel näher gerückt ein. Uebrigens wird auch die Konserve die Truppen vor Mangel nicht schützen, denn bei der Zahl der heutigen Heere häufen sich nament⸗ lich unmittelbar vor und nach großen Ent⸗ scheidungen solche Menschenmassen an, daß ihre ausreichende Verpfleguug auch mittels der Konserven nicht mehr durchführbar sein wird. Was die Verpflegung im Falle einer Niederlage anbelangt, so läßt sich hier die Sache kurz zusammenfassen: Die Armee wird eben das Schicksal ihres eigenen Volkes teilen, nämlich die bitterste Not leiden müssen. Man brauchte die Phantaste eines Dante, um auch nur annähernd zu beschreiben, wie es werden muß, wenn die geschlagenen Millionen auf ihr Land, dessen Scheunen, Ställe und Vorrats⸗ kammern leer sind, zurückfluten werden. Neben der Verpflegung spielt im Kriege eine große Rolle die Waffenwirkung. Dar⸗ über, wie es jetzt mit dieser bestellt ist, erhalten wir eingehende Aufschlüsse durch die„Felddienst⸗ ordnung“, die auf Grund sorgfältiger Schieß— versuche sehr genaue Angaben über Wirkungen der einzelnen Waffen macht. Wir ersehen aus derselben, daß die intensive Waffenwirkung der Infanterie auf 1500 Meter, diejenige der Feldartillerie auf 3000 Meter und jene der Haubitzen auf 6000 Meter beginnt. Wie diese Verhältnisse in einem Zukunftskrieg wirken, welche Verluste sie nach sich ziehen werden, weiß zur Zeit Niemand. Wer die militärische Litteratur nur einigermaßen verfolgt, weiß, wie hier Alles im Dunkeln tappt. Zu den Fortschritten der Waffentechnik treten dann noch andere Erfindungen, die in den Dienst des Kriegs gestellt wurden und den Kampf noch härter und blutiger machen. Da ist der Fessel⸗ ballon, aus dem der Verteidiger die Gegend meilenweit überblickt, so daß er größere gegne⸗ rische Abteilungen rechtzeitig bemerken und seine Gegenmaßregeln treffen kann. Auch der optische Telegraph, die drahtlose Telegraphie, die Rad⸗ fahrerabteilungen stärken in erster Linie die Defensive, wodurch die unvermeidliche Offensive noch blutiger wird. So wird denn der Zukunftskrieg ein noch nie dagewesenes Bild von Massenelend aufrollen: In der Heimat Bankerott und Hungersnot, draußen im Heere Mangel, Seuchen und Berge von Toten und Ver⸗ stümmelten. Und was kann„der Erfolg“ sein? Auch wenn wir den Feldzug gewinnen sollten, so wäre doch an einen Sieg wie jenen von 1870/71, der die härtesten Bedingungen ermög⸗ lichte, gar nicht zu denken. Damals gelang es dem auf das Sorgfältigste vorbereiteten Deutsch⸗ land, Frankreich in einem völlig unfertigen Zustand noch dazu mit erdrückender Ueber— macht zu überraschen. Wie jämmerlich es mit der Mobilisierung der französischen Armee stand, beweist die Thatsache, daß der Beginn des Krieges an die Spitze des siebenten französischen Armeekorps berufene General Felix Douay, der Bruder des bei Weißenburg gefallenen Divisio⸗ närs, sein Korps gar nicht finden konnte und daher nach Paris telegraphierte, wo seine Truppen denn eigentlich wären. Dieses allge— meine Tohuwabohu in der Mobilisierung machte der französischen Armee ein kräftiges Auftreten zu Anfang des Kriegs direkt unmöglich. Weiter rückten die Deutschen mit 447000 Mann an, denen die Franzosen nur 250000 Mann ent⸗ gegenzustellen vermochten. Derartige günstige Verhältnisse werden wir in keinem Kriege mehr finden. Bismarck hat ja die Völker gelehrt, daß sie unter den dermaligen Verhältnissen gut thun, jeden Augenblick zum Ausmarsch bereit zu sein. Wir müssen daher in der Zukunft mit wohlvorbereiteten, wohlorganisierten und gleichstarken Gegnern rechnen. Und auch wenn wir siegen, müssen wir uns auf ein hartes Ringen gefaßt machen, das auch uns bis zum Verbluten schwächen wird. Bei einem derartigen zweifelhaften Siege können aber an den Unter⸗ legenen keine allzu großen Anforderungen gestellt werden. Wenn wir auch nur so viel erhalten, daß wir damit unsere Kriegskosten annähernd decken und unsere Invaliden, Witwen und Waisen bezahlen können, dürfen wir sehr froh sein. An eine Eutschädigung und Wiederauf⸗ richtung der durch den Krieg vernichteten Exi⸗ stenzen und an den Bettelstab gebrachten Familien wäre gar nicht zu denken. Ziehen wir aber den Kürzeren, so müssen wir unsere Kriegskosten, unsere Invalidenpensionen usw. selbst tragen und auch noch dem Gegner einige Milliarden bezahlen. Dazu stünde das ganze Land in Folge der feindlichen Invasion, der mehrmonat⸗ lichen Geschäftsstockung vor dem Ruin.— Die Richtigkeit dieser Darlegungen sind gar nicht zu bestreiten. Unsere Aufgabe muß es sein, das Volk sowohl über die furchtbaren Schäden, die ihm der Militarismus schlägt, aufzuklären, als auch das Verbrecherische des Krieges darzulegen, den uns„patriotische“ Schreier als notwendig hinstellen wollen. Es ist vollkommen richtig, was darüber der ehemalige österreichische Minister Dr. Schäffle schon vor langer Zeit sagte: Die Sophisten des Militarismus und des Nationaldünkels haben zu jeder Zeit den Krieg als einen sittlichen Zuchtmeister gepriesen. Für innerlich schon verlotterte Völker, denen ihr Tyrann äußere Motion(Bewegung) machen muß, mag diese Behauptung, wie schon ristoteles andeutet, eine traurige Wahrheit sein. Da heißt es Gift gegen Gift! Revolution im Völkerleben gegen innere Revolution! Dennoch kann niemand verkennen, daß der Krieg der höheren Kultur tausend⸗ fach schadet. Er ist dem humanen, idealen Streben feindlich und bringt einen bengel⸗ haft brutalen Nationalegoismus, der sich als„Nord⸗Patriotismus“ breit macht, zur Herrschaft. Er schwächt den Freiheits⸗ sinn der Völker, erzieht sie für die innere Knechtschaft. Er hätschelt einen blutdürstigen Nationalstolz voll von furchtbaren Gefahren, erschüttert die Achtung des Rechtes .„ erweckt die Raubtiertriebe in civilisirten Menschen wieder, zerrüttet den Nationalwohl⸗ stand; durch das Schuldenwesen in seinem Gefolge leistet er der Geldoligarchie“) Vorschub und wird Zuchtschule von zahllosen anderen Aeußerungen privater und öffentlicher Un⸗ sittlichkeit. Er beugt nicht einmal den Chauvinismus des bestegten Volkes, sondern macht den Rachedurst zum einzigen Hebel, um der Zer— rüttung, der es nur dem Sieger zum Nutzen verfällt, Einhalt zu thun. Bis zur Erschöpfung al ein Krieg den anderen, u *) Herrschaft weniger Geldl Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. Gesamtexistenz mehr oder weniger dem Spiel des Zufalls preisgegeben. Der Staat, der den Krieg zum Selbstzweck macht, negiert die National⸗ existenz der anderen Völker, die er besiegt, und seine eigene, indem er diese den Spiel des Zu⸗ falls und der Gewalt anheimgiebt. Politische Rundschau. —— Gießen, den 18. Juli. Die Petition gegen die Getreidezoll⸗ erhöhung die dem Reichstage eingereicht werden soll und für welche vom Parteivorstand gegenwärtig die Bogen zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden, hat folgenden Wortlaut: „An den deutschen Reichstag zu Berlin. Die Nachricht, daß die verbündeten Regierungen in dem Entwurf eines Zolltarifgesetzes eine abermalige und sehr erhebliche Erhöhung der Getreidezölle und dement⸗ sprechend eine Erhöhung der übrigen Lebens mittelzölle vorschlagen, hat bei den ergebenst Unterzeichneten die lebhafteste Entrüstung hervorgerufen. Die Brot⸗ und Lebensmittelsteuer ist die ungerechteste, die Interessen der Arbeiter und Gewerbetreibenden am schwersten schädigende Steuer. Unter der hereingebrochenen Krise hat die Arbeiter⸗ klasse bereits schwer zu leiden. Diese Notlage wird ver⸗ schärft durch die Verteuerung der Lebensmittel unter dem Druck der Zollerhöhung. Die Erhöhung der Getreide- und Lebens mittelzölle bringt nur einer kleinen Gruppe— den Großgrund⸗ besitzern— Vorteil. Diese kleine Gruppe hat durch die Liebes gabenpolitik des Reichs und der Einzelstaaten eine Bevorzugung erfahren, die nur dazu beigetragen hat, die Forderungen dieser kleinen Gruppe ins Unge⸗ messene zu steigern. Das Vorhandensein und die Erhöhung der Getreide⸗ zölle stellt sich auch als eine schwere Schädigung weiter Kreise der bäuerlichen Bevölkerung dar. Der zu er⸗ wartende geringe Ertrag der diesjährigen Ernte bedingt eine gesteigerte Getreideeinfuhr und ein Emporschnellen der Preise über die geplanten Zollsätze hinaus. Von der Preissteigerung wird der größte Teil der Land⸗ bevölkerung betroffen, am schwersten die Arbeiter und die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, die zu klein sind, um den Jahresbedarf der Familie zu decken. Die ergebenst Unterzeichneten ersuchen deshalb den hohen Reichstag, bei Beratung des Entwurfs eines Zolltarifgesetzes die Getreide- und Lebensmittelzölle gänzlich beseitigen zu wollen, unter keinen Umständen aber irgend einer Erhöhung derselben seine Zustimmung zu geben.“ Nicht nur in Versammlungen, auch bei andern Gelegenheiten können Unterschriften ge⸗ sammelt werden: In der Familie, im Freundes⸗ kreis, am Biertisch, wo immer man mit Bürgern zusammenkommt, die an der Bekämpfung der Politik der agrarischen Beutelschneiderei ein Interesse haben. Genossen! Sorgt dafür, daß auch in Hessen ein Proteststurm von vielen Tausenden von Reichstagswählern nach Berlin dringt, damit den unzuverlässigen Volksvertretern das Gewissen geschärft werde! Die Höhe der Zollsätze im neuen Zolltarif suchte man regierungsseitig möglichst geheim zu halten. Jetzt scheint das Geheimnis gelüftet. Der agrarische Abg. Lutz⸗ Heidenheim hat in einer Versammlung des konservativen Wahlvereins, die unlängst in Nördlingen stattfand, mitgeteilt, daß er „von einem einflußreichen Führer einer einfluß⸗ reichen Partei“ erfahren habe, daß dem Reichs⸗ tag folgender Zollschutz vorgeschlagen werde: 6. Mk. für den Doppelzentner Weizen, 5 Mk. für Roggen, 4½ Mk. für Hafer und 4 Mk. für Gerste. Darauf erwiderte der baierische Landtagsabgeordnete Beckh, daß diese Zölle viel zu niedrig seien und daß für die vier Hauptgetreidearten wenigstens ein Zoll von 7 bis 7½ Mark pro Doppelzentner festgelegt werden müsse. Die Versammlung verlangte in einer Resolution,„daß der Zollschutz für alle vier Hauptgetreidearten wesentlich verstärkt und in gleicher Höhe festgesetzt, sowie, daß ein lückenloser Zolltarif mit gesetzlichen Minimal⸗ sätzen für alle landwirtschaftlichen Produkte Nach dem in Stuttgart erscheinenden „Beobachter“ sollen dagegen im neuen Zolltarif folgende Sätze vorgesehen sein: Für Roggen 6, für Weizen 6.50, für Hafer 6 Mark, und bei Handelsvertragsverhandlungen soll nach einer Vorschrift des Entwurfs nicht unter 5 Mark für moge 5.50 für Weizen, 3 für Gerste und 5 Mark für Hafer heruntergegangen werden. Das sind gegen die jetzt giltigen Vertragssätze von 3.50 Mk. für Roggen und Weizen, 2 Mk. für Gerste und 2.80 Mk. für Hafer ganz außer⸗ ordentliche Erhöhungen! Weiter aber sollen auch für andere Volksnahrungsmittel die Sätze im Generaltarif ganz bedeutend hinaufgeschraubt werden; z. B. für Stiere und Kühe von 9 auf 25 Mk. pro Stück, Jung⸗ vieh von 5 auf 15 Mk., Schweine von 5 auf 10 Mk. für den Doppelzentner, Gänse, jetzt frei, auf 0,70 Mk. das Stück, Fleisch und Speck auf 30 und 35 Mk. pro Doppel⸗ zentner, Wurst von 17 auf 45 Mk., Butter und Käse(16 und 20) auf 30 Mk., Eier(2) auf 6 Mk. Das sind Erhöhungen bis zu 300 Prozent. Diese Angaben dürften auf Zuverlässigkeit Anspruch machen. Damit sind die schlimmsten Befürchtungen eingetroffen. Es handelt sich um eine Verteuerung nicht nur der Brotnahrung, sondern der gesamten Ernährung der breitesten Massen des Volkes. Das ist Auswucherung des Volkes in der schlimmsten Form; das ist eine leichtfertige, ruchlose Bedrohung der Volkskraft und Volksgesundheit, wie sie in der Geschichte wohl einzig dasteht. Um eine banke⸗ rotte Junkerkaste zu retten, die zu allen Zeiten parasitisch am Marke des Volkes gesaugt und jeden Kulturfortschritt zu verhindern gesucht hat, wird ein frevelhaftes Spiel mit der Exi⸗ stenz der Nation gespielt. Denn daß mit der⸗ artigen Zollsätzen Handelsverträge unmöglich sind, liegt auf der Hand. Wer will aber die Hunderttausende von Arbeitern nähren, wenn der Zollkrieg unserer Exportindustrie die Märkte unterbindet und der große Inlandsmarkt durch die wahnwitzige Verteuerung der Lebensmittel vernichtet wird? Gegen diese volksverderbliche Politik muß sich das ganze Volk, vor allem aber die Arbeiterklasse, wie ein Mann in leb⸗ haftesten Protesten erheben! Erhöhung der Viehzölle verlangen bekanntlich die Agrarier. Sie be⸗ haupten dabei, daß die deutsche Landwirtschaft sehr wohl im Stande sei, das Vaterland mit deutschem Schlachtvieh zu versorgen. Einen schlagenden Beweis für das Unzutreffende dieser Behauptung findet man in dem Wochenblatt des Landwirtschaftlichen Vereins in Baiern. Danach ist die von dem baierischen Land⸗ wirtschaftsrat in München seit vier Jahren eingerichtete Verkaufsstelle für baierisches Schlacht vieh nur wenig benutzt worden. Der Landwirtschaftsrat klagt immer, daß die Bauern nur minderwertiges Vieh zur Geschäftsstelle brächten. Im vergangenen Jahr hat diese Stelle nur für 354 536 Mk. Vieh verkauft. Was ist das für den Riesenbedarf einer Stadt mit 500 000 Einwohnern? Dazu konstatiert das Wochenblatt, daß bet ungünstiger Konjunktur des Marktes das beste Vieh immer noch annehmbare Preise erziele, minderes und schlechtes Vieh dagegen empfindliche Einbußen erlitt. Der Staat soll also ganz einfach dafür sorgen, daß den Herren Agrariern für ihr minderwertiges Vieh hohe Preise gezahlt werden und zu diesem Zwecke die Grenzen durch erhöhte Zölle absperren. Kleinbauern und Getreidezölle. Schon oft wurde in diesen Blättern nach⸗ gewiesen, daß die Kleinbauern gar nicht an den Zöllen auf Getreide interessiert sind. Einen weiteren Beleg für diese Thatsache bietet der Jahresbericht der„Pfälzischen. Handels- und Gewerbekammer“ in Ludwigshafen a. Rh. Diese Kammer, die sonst durchaus nicht freihänd— lerisch ist, sieht einen besonderen Grund gegen die Erhöhung der Getreidezölle darin, daß so⸗ wohl in ganz Deutschland, als ganz besonders dem Reichstag vorgelegt werde.“ in der Pfalz nur ein sehr geringer Prao⸗ zentsatz der landwirtschaftlichen Betriebe von den Getreidezöllen Nutzen habe, da nur ae Landwirte mehr Brotfrucht produzieren, als sie selbst verbrauchen. Nach den statistischen Angaben, welche dem Jahresberichte beigegeben sind, umfassen die Betriebe in der Größe von Prozent der Gesamtzahl Prozent der landwirtsch. ha der Betriebe benutzten Fläche 1—5 83,18 40,32 5— 20 15,83 46,97 über 20 0,99 12,71. Nach weiterer Berechnung müssen die erst⸗ genannten 83 Proz. der kleinen Betriebe sämt⸗ lich Brot zur Ernährung ihrer Angehörigen zu den eigenen Produkten zukaufen, die 16 Proz. mittleren Betriebe bedürfen des Hinzukaufens nicht, erzielen jedoch nur einen Ueberschuß von 1,9 Tonnen- 38 Zentner, was kaum ins Gewicht fallen dürfte. Lediglich die großen in der Lage, durchschnittlich ca. 10 Tonnen= 200 Zentner zum Verkauf zu stellen. Infolge solcher Beobachtungen an den Verhältnissen in der Pfalz kommt die Kammer zu dem End⸗ urteile:„Der Prozentsatz derjenigen Landwirte in der Pfalz, welche hiernach von den Ge⸗ treidezöllen überhaupt und von einer Erhöhung derselben Nutzen haben, ist so gering, daß es gegen alle Grund⸗ die bstalsten Interessen der gesamten übrigen Bevölkerung hintansetzen wollte.“ Der Leipziger Bankkrach und seine Folgen. Der Zusammenbruch der Leipziger Bank hat, wie das ja vorauszusehen war, zahlreiche andere Unternehmungen mit in's Verderben gezogen. Darunter befinden sich auch solche, die als durchaus solid bekannt waren. So kam aus Nürnberg die überraschende Nachricht, daß die Elektrizitäts⸗Gesellschaft vormals Schuckert und Ko. in der Generalversamm—: lung am Samstag ihren Aktionären mitgeteilt hat, daß die vorgeschlagene Dividende von 10 Prozent nicht zur Ausschüttung gelangen könne, da die Gesellschaft ein Betrag von 4¼ Millionen an die Leipziger Konkursmasse abzuführen habe. Es herrscht große Erregung unter den Aktio⸗ nären, insbesondere da die für Vorstand, Be⸗ amte und Arbeiter vorgesehene Tantieme und Gratififationen in Höhe von 1½ Milltonen zur Auszahlung kommen sollen. Die Schuckert⸗ Aktien, die am 1. Juli noch 132 Proz. notiert hatten, fielen am Sonntag infolge dieser Vor⸗ gänge sofort auf 104 in Frankfurt und 95 in Berlin.— Ferner hat das seit 1896 bestehende Bankhaus Burkhardt und Ko. in Augs⸗ burg seine Zahlungen eingestellt. Dieses Fallissement steht allerdings mi dem Leipziger in keinem direkten Zusammenhang; dagegen sind eine Anzahl Konkurse industrieeller Unter⸗ nehmungen eine unmittelbare Folge des Leip⸗ ziger Krachs. Das ist beispielsweise bei der Kammgarnspinnerei Neumerkel in Gera der Fall.— Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Leip⸗ ziger Bank, Stadtrat Dodel, dessen Verhaf⸗ tung nach seiner Rückkehr aus Amerika erfolgte, wurde wieder auf freiem Fuß gesetzt.— Wie die„leitenden Personen“ mit dem Gelde An⸗ derer wirtschafteten, geht aus folgender Zei; tungsmeldung hervor: Ueber die Verschwendungssucht des Direktors der Kasseler Trebertrocknungs⸗ gesellschaft, Schmidt, wurde der in Hild⸗ Groß⸗Tabarz Folgendes gemeldet: Konzertkapelle dort an und nahm mit derselben Groß⸗Tabarz nach dem Inselsberg und von auftretend.— Es lebe die kapitalistische Ordnungl Betriebe, also etwa 1 Proz. aller Betriebe sind fätze einer gesunden Wirtschaftspolitik verstoßen müßte, wenn man wegen derselben gat Regie Verei Oder nter licht man darb Uns lnze Vr kahn i z daß fam dasz deb die f des“ b 0 2 burghausen erscheinenden„Dorfzeitung“ aus Schmidt kam im vergangenen Sommer mit einer eigenen in einem ersten Hotel Wohnung. Er gab nie unter zwanzig Mark Trinkgeld: sein täglicher Aufwand wurde auf über tausend Mark geschätzt. Nach einigen Tagen reiste der Herr Bankdirektor mit seiner Kapelle von! dort weiter, überall mit fürstlichem Aufwand zel bod eur Alt Weit Nl ef die großen triebe ind Tunten— ., Infolge iltnissen 10 dem End⸗ Landwirte nden Ge bon einet haben, is e Grund⸗ ftspolitil en derselben ten übrigen ud seine r Bank hat, eiche andere en gezogen. e, die als o kam aus vormals alversamm u mitgeteilt nde von 10 ingen könne Millionen führen habe den Aktio⸗ erstand, Be intieme ul silleonen zul Schuckett 570, voter dieser Vol, 96 betchelde in Auge Nr. 29. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Warenhaussteuer in Sachsen. Aus Sachsen wird berichtet, daß die sächsische Regierung dem Landtage nach seinem Wiederzusammentritt einen Gesetzentwurf über die Warenhaus⸗ oder Umsatzsteuer zugehen lassen wolle. Während anfänglich die sächsische Regierung auf Grund der schlechten Erfahrungen, die man in Preußen mit der Warenhaussteuer gemacht hat, keine Neigung für eine derartige Steuer 10 scheint sie sich jetzt von den rück⸗ ständigen Mittelstandsschichten auf den verfehlten Weg drängen zu lassen. Krupp, der Wohlthäter. Auf der Krupp'schen Fabrik ist in den mechanischen Betrieben allgemein eine Akkord— reduktion von 20—30 Proz. durchgeführt. Diese allgemeine Maßregel hängt nach der Leipz. Volksztg. mit einer technischen Neuerung zusammen. an hat einen Drehstahl erfunden, welcher bedeutend schnelleres Abdrehen der Ar— beitsstücke ermöglicht. Die Arbeiter haben da⸗ her durch den technischen Fortschritt bedeutend mehr Arbeit aufgehalst bekommen und Herr Krupp streicht den Profit ein. Dafür bleibt dieser internationale Patriot aber nach wie vor wohlthätig. Auf einer Hundeausstellung kaufte er einen Köter— für 6000 Mk.! Akkordreduk⸗ tion für die Arbeiter— 6000 Mk. für einen Köter, das ist die göttliche Weltordnung. Ein kleines Sozialistengesetz hat der Landtag des Fürstentums Schwarz⸗ burg⸗Sondershausen nach Vorlage der Regierung angenommen. Danach sind also Vereine verboten, die die„sittlichen, religiösen oder gesellschaftlichen Grundlagen des Staates untergraben“ wollen. Das richtet sich zwar nicht formell gegen die Sozialdemokratie, man braucht aber keinen Augenblick im Zweifel darüber zu sein, daß es sich praktisch gegen uns richtet. Jedenfalls wird gegenüber diesen einzelstaatlichen Versuchen, auf dem Wege des Versammlungs- und Vereinsrechts neue Aus— nahmegesetze gegen die Arbeiter herbeizuführen, es zur nächsten dringlichsten Aufgabe, daß endlich der Reichstag ein positives Wer⸗ sammlungs⸗ und Vereinsrecht schafft, das diesen Attentaten auf verfassungsmäßig gewährleistete Grundrechte, diesen Angriffen, die sich zugleich gegen die Einheit und Autorität des Deutschen Reiches richten, ein für allemal ein Ende bereitet. Fiasko der Stöckerei. Das Stöckersche„Volk“, das vor ungefähr zwei Jahren von Berlin nach Siegen verlegt worden ist, hat auch dort keinen günstigen Boden gefunden. Das abgelaufene Geschäftsjahr hat mit einem Zuschuß von 7418,04 Mk. abgeschlossen. Weiter ist nach dem„Sieg. Volksblatt“ der Bilanz zu entnehmen, daß die Zahl der, Volks“. Genossen am 31. Dez. 1900 auf 95 herab⸗ gesunken ist; diese haben 36 000 Mk. zugesetzt. Rebellische Krieger! General v. Spitz, der Vorsitzende des Kriegerbundes, dessen Aeußerungen über die That des Epileptikers Weiland in Bremen s. Z. berechtigtes Aufsehen erregten,— er stellte die Verletzung des Kaisers als sehr schwer, die That selbst als einen überlegten Mordanschlag und den Weiland als zurechnungsfähig hin— hatte in einer ungewöhnlich scharfen Weise seinem Zorne gegen die Presse Luft gemacht, die sich erlaubt hatte, zu den Auslassungen des Generals ihre kritischen Bemerkungen zu machen. Bei dem Abgeordnetentag des Kriegerbunds in Düsseldorf kam er auf die Worte zurück, die er s. Z. in Osnabrück gesprochen hat, und äußerte sich dabei in bitteren Worten über die gesinnungslose Presse, die bei der Ge⸗ legenheit seine Worte mißgedeutet bezw. Ver⸗ anlassung genommen habe, ihn wegen dieser Worte zur Rechenschaft zu ziehen. Er sprach von einer ohnmächtigen Bosheit der Presse, einer systematischen Verwirrung der schweren Volksseele, und sagte, es sei einerlei, ob diese Thatsache der schweren Verwundung des Kaisers ein Produkt der Bosheit oder eines Geistes kranken gewesen wäre, die Thatsache der schweren Verwundung, die beinahe zum Schlimm⸗ sten hätte führen können, bleibe nach wie vor bestehen. Wenn die Presse theilweise gesagt habe, diese ganze Gschichte wäre übermäßig aufgebauscht, und als der Kaiser davon gehört, wie er(v. Spitz) in Osnabrück sich geäußert habe, hätte„Se. Majestät solches mit Unwillen aufgenommen“, so könne er erklären, daß er alles das, was er in Osnabrückgesagt habe, deutlich und voll und ganz vor I wieder⸗ hole. Leider wäre die Sache allmählich so ge— worden, als ob das Entsetzliche als bedeutungslos von einer gewissen Presse hingestellt werde, wenn es sich um den Träger der Krone handle, und dazu könne ein deutscher Kriegerverein unter keinen Umständen seine Hand bieten. Mit dieser sinnlosen Scharfmacherei ihres Vorsitzenden scheinen die Kriegervereine selber nicht mehr einverstanden zu sein. Aus Bremen wurde telegraphirt:„Die Vorstände sämtlicher hiesigen Kriegervereine hielten eine Ver⸗ sammlung ab und nahmen eine Protest⸗ resolution gegen die Aeußerungen Generals v. Spitz über das Bremer Attentat an. Durch das Auftreten des Generals sei nur die Ver— hetzung der Massen gefördert worden.“ — Das ist also Rebellion in den königstreuen Reihen der Kriegervereine! Singer soll schuld sein. „An der Nichtbestätigung des zum Bürger⸗ meister von Berlin gewählten Stadtrats Kauffmann nämlich. Die„Potsdamer Zei⸗ tung“, welcher der bekannte Frhr. v. Mirbach nahe steht, erzählt über den Fall, daß der Kaiser Kauffmann deshalb nicht bestätigt habe, weil seine Wahl von den Sozialdemokraten unterstützt und ermöglicht worden sei.„Von Herrn Singer“, schreibt das Blatt,„der etwas darin zu suchen scheine, bei jeder Gelegen⸗ heit den revolutionären und republikanischen Charakter der Sozialdemokratie besonders zu betonen, wolle er sich den zweiten Bürgermeister von Berlin denn doch nicht präsentieren lassen— so soll, wenn auch nicht den Worten, so doch dem Sinne nach, der Kaiser sich geäußert haben.“ Danach wären also die Gründe für Kauffmanns Nichtbestätigung nicht in seinen persönlichen Eigenschaften, sondern darin zu suchen, daß politisch Mißliebige für ihn gestimmt haben. Wenn nach solchen Grundsätzen ver— fahren werden soll— uns kann's recht sein. N hat die Sozialdemokratie sicher nicht avon. Eine Reichstagsersatzwahl findet am 19. Juli im ostpreußischen Kreise Memel⸗Heydekrug, dem nordöstlichsten Wahlkreise Deutschlands statt. Dort kandidiert der Agrarier Matschull, der liberale Fabri⸗ kant Schaak in Memel und unser Genosse Braun in Königsberg. Der konservative Agrarier Matschull sucht die Stimmen der zahlreichen litthauischen Wähler zu gewinnen, indem er sich auf seine litthauische Abkunft beruft. Interessant wird es sein, zu sehen, wie weit ihm das bei den agrarischen Bestrebungen abgeneigten Litthauern gelingen wird. Für unsere Partei wurden bei der Wahl von 1898 3015 Stimmen abgegeben. Wanzen muß der Arbeiter in seiner Wohnung beherbergen, wenigstens nach der merkwürdigen Ansicht des Amtsgerichts in Merseburg. Dort war jüngst ein Arbeiter ohne Kündigung ausgezogen, weil in seiner Wohnung Wanzen nisteten. Bisher galt auch Ungeziefer als hinreichender Grund zur Aufhebung des Mietsvertrags. Das Amts⸗ gericht Merseburg dagegen hat entschieden: „Bei Wohnungen, welche die dem Ar⸗ beiterstand angehörigen Kreise zu benutzen pflegen, und um eine derartige handelt es sich im folgenden, kann überhaupt nicht derselbe Maßstab mit Bezug auf Freiheit von häuslichem Ungeziefer angelegt werden, wie bei Wohnungen der Bessergestellten.“ Das Amtsgericht geht wahrscheinlich von der Anschauung aus, daß der Arbeiter den Kampf mit dem Ungeziefer schon gewohnt ist. Trotzdem muß über dieses Urteil einmal der Justizminister im Reichstage um seine Meinung befragt werden. In Frankreich verlief das Nationalfest, das alljährlich am 14. Juli zur Erinnerung an die Erstürmung der Bastille 1789 gefeiert wird, sehr animiert und ohne ernsten Zwischenfall. Die übliche Truppenrevue wickelte sich programmgemäß ab. Von Demonstrationen der nationalistischen Schreier, wie sie frühere Jahre an der Statue Staßburg und auf andern öffentlichen Plätzen stattfanden, war diesmal nicht viel zu merken. Auf den Minister der öffentlichen Arbeiten, Baudin, wurde am Montag, als er sich auf der Fahrt zum Ministerrat befand, von einer Gräfin Olzowski ein Revolverschuß abge⸗ feuert, der jedoch nicht traf. Nachträglich stellte sich heraus, daß Baudin beinahe das Opfer einer Verwechselung gewesen wäre, da der Schuß dem Minister des Aeußeren, Del⸗ cassé, gelten sollte. Der Mann der Atten— täterin, ein Ingenieur, der eine Einnehmerstelle bekleidet, war vor 5 Jahren in Savona in Italien wegen Verdachtes der Spionage ver⸗ haftet und einen Monat im Gefängnis behalten worden. Wiederholte Abweisung von Unter— stützungsgesuchen, welche die Frau an das Ministerium des Aeu ern richtete, sollen sie zu der That gereizt haben. Krieg in Südafrika. Einige englische Erfolge wurden an⸗ fangs der Woche gemeldet. Bei Zaerust stießen die Truppen des Generals Dixon auf die Buren, die einigen Widerstand leisteten, dann aber zurückwichen. Der Bruder des Präsidenten Stein geriet dabei in englische Gefangenschaft, während Stein selbst nur mit knapper Nor entkam. Entscheidend sind natürlich diese kleinen Erfolge durchaus nicht. Kriegskosten. Außer den direkten Kosten, die den Engländern der südafrikanische Krieg verursacht, sind als Folge desselben ungeheuere finanzielle Verluste zu verzeichnen. Londoner Blätter berechnen dieselben auf zwölf Mil⸗ liarden Mark. Eine Finanzkrise ist deshalb höchst wahrscheinlich. Mehr Kavallerie will General Kitchener haben. Er soll der Regierung mitgeteilt haben, daß nach seiner Ansicht jetzt eine große Zahl der in Südafrika stehenden Infanterieregimenter zurückgezogen werden könnten. Gleichzeitig ver⸗ langte Kitchener, daß ihm an Stelle dieser Infanterietruppen etwa 50000 Mann berittener Truppen zur Verfügung gestellt werden, um die 70000 Mann Truppen, die er nach England zurücksenden will, zu ersetzen.— Die englische Regierung wäre ihrem tapferen Oberstkomman⸗ dierenden gewiß dankbar gewesen, wenn er ihr zugleich gesagt hätte, wo sie die 50000 Mann nebst den dazu gehörigen Gäulen hernehmen soll. Arbeiterbewegung. T Der Ausstand der Tabakarbeiter in Nord hausen dauert noch fort. Es haben jedoch jetzt folgende Firmen sich mit ihren Arbeitern geeinigt: Grimm u. Triepel, Hendeß u. Schumann, Walter u. Sevin, Atenstädt u. Bachrodt, Steinhard u. Hellmundt. Die üb⸗ rigen 8 Firmen haben den Schiedsspruch noch nicht auerkanut. Bei Einkauf von Kautabak wollen die Arbeiter darauf achten, daß sie nur Produkte der genannten Firmeng erhalten. T Generalstreik der Glasarbeiter. Um ihre Kollegen in Nienburg zu unterstützen, haben die Flaschenmacher in 36 Orten Deutsch⸗ lands am 13. Jult die Kündigung eingereicht, so daß am 27. Juli 7000 Flaschenarbester sich im Ausstand befinden. Der Weberstreik in Cunewalde in Sachsen ist nach 18 wöchentlicher Dauer nunmehr beiallen Fabrikanten beendet. Am letzten Sonntag kam es durch die Ver— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung. Nr. 29. mittelung des Nertreters einer Leipziger Engros⸗ firma zu einer Einigung der Parteien. Die Arbeit wird nach und nach wieder aufgenommen, unter Bedingungen, die allerdings nicht sehr günstig für die Arbeiter sind. Wenn aber auch die Arbeiter nicht jede Verschlechterung ihrer Lage abwehren konnten, so ist doch das Schlimmste in einem heldenmütigen Kampfe abgewendet worden. Die Weber der sächs. Lausitz haben sich durch ihr geschlossenes und solidarisches Verhalten die Bewunderung der ganzen organisierten Arbeiterschaft errungen. + Der Zentralverband der Maurer bestand am 1. Juli 10 Jahre. Am Schlusse des Gründungsjahres zählte er bereits in 129 Zahlstellen 12523 Mitglieder, die sich meist auf Norddeutschland verteilten. In den folgenden Jahren zeigte der Verband stetiges Wachstum und am Schlusse des vorigen Jahres hatte der Verband 82964 Mitglieder in 886 Zahl- stellen, hatte sich also zur zweitstärksten Orga⸗ nisation entwickelt.— Manche Vorteile haben die Maurer mit Hilfe ihres Verbandes schon erreicht, angesichts der eingetretenen flaueren Geschäftskonjunktur liegt es in ihrem Interesse, die Organisation noch weiter auszubauen und zu kräftigen. + Christliche Unternehmer gegen christliche Arbeiter. Wie in andren Slädten des Rheinlands, so hat sich auch kürzlich im heiligen Köln eine christliche Gewerkschaft der Maler gegründet. Wenn die Mitglieder aber geglaubt haben, sie würden,„auf christlicher Grundlage“ organisiert, den Arbeitgebern weniger unangenehm erscheinen als die Mitglieder der „Vereinigung der Maler“, der modernen Arbeiter— organisation, so haben sie sich geirrt. Der Inhaber des katholischen St. Josephs⸗Instituts für kirchliche Kunst in Köln hat nämlich bereits zwei Mitglieder des neuen k christlichen Verbands 9 1 ihrer gewerkschaftlichen Thätigkeit gemaß⸗ regelt. Pon nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Angelegenheiten. — An Robert Schweichel sandten wir 50 seinem achtzigsten Geburtstage im Namen er hiesigen Genossen und der„Mitteld. S.⸗Ztg.“ herzlichste Glückwünsche sowie ein hübsch einge⸗ rahmtes Bild von Gießen als eine bescheidene Festgabe. Wir erhielten darauf ein Dankschreiben von dem greisen Dichter aus Wies baden, in dem er u. a. sagt: „Ich bin aus Berlin in die Waldstille hierher geflohen, um der Aufregung auszuweichen, die mich an meinem 80. Geburtstage bedrohte. Ich habe aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, d. h. ohne die Liebe und Freundschaft derer, die mich kennen. So ist denn hier der Sturm über mich losgebrochen. Nun, ich habe demütig den Kopf gebeugt und die zahllosen Beweise der Liebe, Freundschaft und Verehrung über mich in stiller Dankbarkeit ergehen lassen. Es ist unglaublich, wieviel davon nicht nur der Mensch, sondern in noch höherem Grade jenes Wesen davon verträgt, das man als Schrift⸗ steller bezeichnet.“ Dann ersucht er uns, den Genossen für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit, die ihm große Freude gemacht habe, den wärmsten Dank auszusprechen, was hiermit geschehen sein soll. Das Schreiben schließt:„Seien Sie Alle überzeugt, daß ich auch fernerhin für Ihr Blatt gern thätig sein werde, ebenso wie meine Frau. Möge die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ so rüstig und mutig wie bisher fortkämpfen für die Sache des Volkes! Der Lohn wird nicht ausbleiben.“— Wir sind sicher, alle unsere Genossen vereinigen sich mit uns in dem Wunsche: Möge uns unser ver⸗ ehrter Freund noch recht lange erhalten bleiben! — Zur Bäckerbewegung. Nachdem die Gesellen dem Verlangen der Innung nach— gekommen, ihre Forderungen ermäßigt und aufs neue eingereicht hatten sind diese von den Meistern wiederum abgelehnt worden. Hierauf haben die Arbeiter das Gewerbegericht als Einigungsamt angerufen, um zu einer Ver⸗ ständigung zu gelangen. Bis zur Stunde, wo wir dies schreiben, hat eine Sitzung darüber noch nicht stattgefunden. Wie es scheint, sind aber die Bäckermeister einer gütlichen Regelung der Angelegenheit nicht zugeneigt, glauben vielmehr, mit strikter Ablehnung der Forder⸗ ungen ihrer Gesellen besser zu fahren. Wenn sie sich nur nicht tänschen! Wir sind der Meinung, daß die Meister sehr wohl in der Lage sind, die Arbeitsbedingungen ihrer Leute ein wenig besser zu gestalten. Den Gesellen aber muß festes Zusammenhalten heilige Pflicht sein, sonst werden sie nichts erreichen.— In der Stadt wird erzählt, im Fall eines Streikes werde die Militärbehörde Streikbrecher stellen. Die wird sich schönstens bedanken. Hoffentlich kommt es nicht zur Arbeitseinstellung; wenn aber doch, wird es wohl keinem dritten— auch nicht der Militärbehörde— einfallen, sich un⸗ befugterweise in den Streit zu mischen. — Mehr Arbeiterschutz! Am vorigen Freitag wurde im Gießener Braunsteinbergwerk wiederum ein Arbeiter, der 25 Jahre alte Joh. Heyer durch losgelöste Erdmassen verschüttet und getötet. Fälle dieser Art ereignen sich in letzter Zeit so häufig, daß die Forderung besserer Schutzmaßregeln mit Entschiedenheit erhoben werden muß. — Mit den Schul ferien ist es in Gießen eine merkwürdige Einrichtung. Grade jetzt in der größten Hitze müssen Kinder und Lehrer in der Schule hocken und später im August und September, wenn das Wetter schon sehr kühl und die Tage kürzer werden, treten die großen Ferien ein. Hoffentlich giebt es baldeine Aenderung dieses Zustandes, der für Lehrer und Schüler eine Qual bedeutet. Aus gesund⸗ heitlichen Gründen sollten übrigens bei dieser Temperatur die Unterrichtsstunden möglichst abgekürzt werden. Wetzlar. th. Ferien. „Der schöne, sowohl im Interesse der beteiligten kaufmännischen Firmen wie ihres Personals liegende Gebrauch, den Handelsangestellten einen Erholungsurlaub zu bewilligen, findet auch bei uns immer mehr Anklang und Aus⸗ breitung. Wie wir hören, haben neuerdings wiederum mehrere hiesige Geschäfte, darunter die Fabrik und Großhandlung von Krafft und Buß ihrem Personal einen derartigen Urlaub zugebilligt. Der Menschenfreundlichkeit und der sozialpolttischen Einsicht der betreffenden Prin⸗ zipale macht dieses durchweg freiwillige Ent⸗ gegenkommen alle Ehre.“ „Die Richtigkeit dieser Mitteilung vorausgesetzt ist das gewiß nur anzuerkennen. Doch sind die Geschäfte, die ihren Angestellten derart ent⸗ gegenkommen, leider noch sehr dünn gesäet. Hier dreht es sich übrigens wohl nur um kauf männisches Personal; sicher denkt in Wetzlar kein Arbeitgeber daran, seinen Ar— beitern eine Vergünstigung dieser Art zu ge⸗ währen. Und einem Arbeiter thut sicher ein 14 tägiger Erholungsurlaub nötiger als vielen anderen Leuten. So ein Lohnsklave muß aber froh sein, wenn er gegen kärgliche Bezahlung Tag für Tag schuften darf; würden etwa Ar⸗ beiter die ganz berechtigte Forderung er⸗ heben, daß ihnen jährlich anch nur eine Woche Ferien bei Fortbezahlung des Lohnes gewährt werde— man würde sie gewiß auslachen, vielleicht redete in solchem Falle auch der „Wetzl. Anz.“ von„Begehllichkeit“,„maßlosen Forderungen“,„Unzufriedenheit“ und so weiter. — Bemerken wollen wir bei dieser Gelegenheit, daß z. B. in den unserer Partei gehörigen Druckereien Ferien für alle Angestellte und Arbeiter selbstverständlich sind. Außerdem ist die achtstündige Arbeitszeit durchgeführt. Bür⸗ gerliche Zeitungen schimpfen trotzdem von Zeit zu Zeit wie die Rohrspatzen auf diese unsere Parteiunternehmungen. u. Den Wetzlarer Bäckergesellen gelang es, eine, wenn auch nicht bedeutende Aufbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu er— reichen. Der Hauptforderung der Gesellen, Wir lesen im„Wetzl. Anz.“: Abschaffung von Kost und Logis bei dem Meister, wurde nur in Bezug auf Verheiratete stattgegeben; außerdem hat eine kleine Lohn⸗ erhöhung stattgefunden. Es scheint, als hätten die Arbeiter ihre Forderungen nicht mit der nötigen Entschiedenheit vertreten. Der Umstand, daß die Bäcker im Hause des Meisters Kost und Logis erhalten, hat grade zu bedenklichen Mißständen geführt und die Beseitigung dieses Zustandes liegt auch im Interesse des Publi⸗ kums. Voll bewilligt hat nur Herr Zißler seinen ersten Gesellen.— Wie das immer bei solchen Dingen der Fall ist, zeigten sich die besonders„patriotisch“ gesinnten Ritter vom Backtrog am arbeiterfeindlichsten. Das trifft namentlich auf Herrn Rüdinger zu, der seinen an der Bewegung beteiligten Gesellen mit der Bemerkung entließ: Streikführer und Hetzer beschäftige er nicht. Dabei verdankt der Bieder⸗ mann der Arbeit seiner Gesellen und der ge⸗ nauen Abwägung des Teiges ein bedeutendes Vermögen, das ihm erlaubt, seine beiden Söhne studieren zu lassen. Die Arbeiter in Stadt und Land können sich bei Einkauf von Back⸗ waren den Namen dieses Herren, der viel auf das Land liefert, merken.— Von einer bei der Bäckerbewegung vorgekommenen Infamie wird uns noch berichtet. Diese besteht darin, daß zwei Gesellen durch Unterschrift einen hiesigen Bäckermeister beschuldigen, die Bewegung ange⸗ stiftet zu haben. Sache der Verbandsmitglieder muß es sein, die Angelegenheit aufzuklären und die Namen dieser ehrlosen Wichte festzustellen. u. Die Bürgerlisten liegen bis 30. Juli im Dienstzimmer des Bürgermeisters 1 Es empfiehlt sich auch für unsere Freunde Ein⸗ sicht zu nehmen, damit sie eintretenden Falls ihre Rechte auszuüben in der Lage sind. — Die Preise für Schweinefleisch sind von der Metzgerinnung laut Bekannt⸗ machung ganz bedeutend erhöht worden. Die Herren befinden sich in der für sie angenehmen Lage, so ganz ohne Weiteres und ohne be⸗ sonderen Grund Preissteigerung zu dekretteren. Andere Handwerker können das nicht. Ob die Löhne der Arbeiter sinken, das kümmert die Herren nicht. Antisemiten⸗ und Amtsblatt. Der„Gießener Anzeiger“ klopfte kürzlich dem Offenbacher Antisemstenblättchen auf die Finger, weil es ihm fortgesetzt Nachrichten ohne Quellenangabe entnahm. Daran ist nun weiter nichts Besonderes. So sehr empfindlich brauchte zwar der„Anz.“ auch nicht zu sein; er that oft genug ähnliches. Charakteristisch ist aber die antisemitische Antwort. Folgendermaßen hub der Teutone an: „Da es in dem Schädel des bekannten Chefredakteurs mit dem urdeutschen Namen etwa so aussieht, wie in den Sandflächen seiner Heimat, allwo man die Dickwurz als Tafelobst genießt, so entlehnte er dem Mistkarren der dortigen Schabbeszeitung(damit ist unser Blatt gemeint. D. Red. d. M. Stgs.⸗Ztg.) einige duftende Gabeln voll, um seinen Briefkasten damit zu düngen. Nachdem dieses Geschäft vollbracht war, zeiht er uns der Todsünde, daß wir die meisten Nachrichten aus Oberhessen dem Gießener Anzeiger entnehmen. Wir gestehen zerknirscht ein, daß wit den Gießener Anzeiger nur zu dem Zweck halten, um zu erfahren, wo sich in der Gegend von Gießen einmal Einer aufgehängt hat, wo Einer wahnsinnig geworden ist und ähnliches.“ So geht es noch eine Zeit lang fort. Dar, aus wird also Herr Wittko vom„Gieß. Anz. ersehen, daß er den Hirschel, Reuther und Konsorten nicht beikommen kann, die sind ihm entschieden„über“. Wenigstens im Schimp fen. Kölner Sternbergprozesse. Wegen Sittlichkeits⸗Verbrechen ähnlicher Art, als sie sich der Berliner Bankier Sternberg zu Schulden kommen ließ, wurden in Köln eine Anzahl Personen, meist den„besseren Ständen angehörig, verurteilt. Vier derartige Prozesse elangten dort am Freitag zur Verhandlung. 5 Kohlenhändler Befferstein wurde zu neun, der Taglöhner Kneisel zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der angesehene Schuh- machermeister und Schuhfabrikant Konrad Röger wurde von der Anklage freigesprochen. Röger hatte den Vater des betreffenden Mäd⸗ —— — ö u. 0. held, dach bee 1 glg Nach Oel huber berurt aten 5 10 6 liter der g lich (gene chen bogen Nacht Lage ds gun cle Sell Hau 5 auf! beo S 5 find Ron Pa! Ei Für 5 das trff der selne i mit der elke den Söhne in Stadt von Back r piel auf ler hei der mie wird rin, daß n hiestgen ung ange mitglieder lären und stzustellen bis 90, ers offen, unde Ein, den Falls nd. nefleisch Bekannt- hen. Die genehmen ohne be⸗ ekretteren. icht. Ob kümmert att. e kirllih u auf de cten ohne aun weiter c brauchte er that ist abe. Adermaßel etebakka cht, vi U dle Dieu 1 Mustkarte ner Al ige uftend zu 1 0 abt 4 richten 6 men. get Angel w sich gehängt 1 fiche ut, J, ez. Mi 1 1 se. flichel 1 ernhelhe 1 öl a0 üg 0 dhe Mon 9 ohe Nr. 29. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. chens, mit dem er angeblich die Handlungen vorgenommen haben soll, wegen Diebstahls an⸗ gezeigt und wurde nun von diesem wegen Ver⸗ brechens gegen§ 176 3 des Strafgesetzbuches angezeigt. Das Gericht nahm an, daß ein Racheakt vorliege und sprach Röger frei. Der vierte Fall betraf den Kaufmann Josef Hubert Zistig, der zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt wurde unter Anrechnung von 2 Mo⸗ naten Untersuchungshaft. Wieder Einer. Daß doch gerade immer die Frommen und Gläubigen den Versuchungen des Bösen unterliegen! In Biebrich wurde der Küster der Herz⸗Jesu⸗Kirche, Seiler, wegen Sitt— lichkeitspvergehen, begangen an seiner eigenen, bei ihm wohnenden Nichte, verhaftet, ebenso diese selbst und die Frau des Seiler wegen Verdacht des Kindesmordes. Die Nichte des Küsters gebar am Sonntag vor 8 Tagen im Keller des Pfarrhauses ein Kind, das dort von der Poltzei unter Umständen efunden wurde, die auf gewaltsame Tötung chließen lassen. Als Vater des getöteten Kindes gab die Wöchnerin ihren Onkel, den Küster Seiler an.— Der Pfarrer Nikolai, in dessen Hause die Geschichte passierte, will von dem Zustande des Mädchens nichts bemerkt haben. — Der Küster that sich früher im Schimpfen auf die Sozialdemokratie und ihre Presse ganz besonders hervor. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 18. Juli 1901. — Gewerkschaftsfest. Das diesjährige Sommerfest der hiesigen Gewerkschaften findet am Sonntag, den 28. Juli, von nachmittags 3 Uhr ab im Schloßgarten statt. Außer Konzert der als tüchtig bekannten hiesigen Kapelle Pauli wird auch der Arbeiter-Gesangverein „Eintracht“ einige Lieder zum Vortrag bringen. Für sonstige Unterhaltung ist durch Preiskegeln und Kinderbelustigungen verschiedener Art reich⸗ lich gesorgt. Ein Tanz im Saale wird den Schluß der Feier bilden. Hoffentlich ist das Wetter günstig, damit die Gewerkschaftskommis⸗ sion durch einen starken Besuch des Festes für ihre Bemühungen belohnt wird. Wir möchten uns bei dieser Gelegenheit die Frage erlauben, ob es nicht besser gewesen wäre, die Feier durch ein Waldfest in unserem zu solchen Festen so herrlich gelegenen Dammelsberg zu begehen, wie das früher fast immer der Fall war und welche auch stets sehr zahlreich besucht waren? — Kommunales. Großartige Projekte harren hier der Ausführung. Außer dem Um⸗ und Vergrößerungsbau des Hauptbahnhofes sind die Einführung elektrischer Beleuchtung, Erbauung einer Pferdebahn und Neubau eines 18 klassigen Volksschulhauses im Nordviertel beabsichtigt. Das sind alles zur Hebung des Verkehrs und der Volkswohlfahrt sehr notwendige Dinge; die elektrische Beleuchtung käme den Arbeitern nicht nur durch die Straßen⸗ beleuchtung, sondern hauptsächlich an den Arbeits⸗ plätzen, welche in dieser Hinsicht noch manches zu wünschen übrig lassen, zugute, während die Pferdebahn— bei der großen Ausdehnung der Stadt— hoffentlich ein billigeres und bequemeres Verkehrsmittel abgiebt wie die jetzigen Omnibusse, welche von geringeren Leuten nur wenig benutzt werden. Der Neubau eines Schulhauses ist ebenfalls sehr notwendig, da die übrigen Volks⸗ schulgebäude überfüllt und— da sämtlich in der oberen Stadt oder im Südviertel gelegen — von den Kindern im Nordviertel, ausgenommen die unteren Klassen, welche die Ketzerbachschule besuchen, teilweise nur nach Zurücklegung eines weiten Marsches erreicht werden können.— Sodann finden im November Neuwahlen zur Stadtverordneten⸗Versammlung statt. Es wäre daher sehr angebracht, wenn sich die nächste Parteiversammlung mit dieser Angelegenheit befassen und Stellung dazu nehmen würde. — Die Raiffeisen-⸗Darlehnskassenver⸗ eine für Hessen hielten am 17. und 18. Juli unter zahlreicher Beteiligung ihre diesjährige Hauptversammlung dahier ab. Kleine Mitteilungen. * Ernte⸗-Aussichten in Oberhessen. Nach den Mitteilungen, die in der am vorigen Samstag in Marburg stattgefundenen Kreis⸗ versammlung über den Stand der Frucht in Oberhessen gemacht wurden, ist eine recht gute Ernte in Roggen und Kartoffeln zu erwarten. Die Sommerfrüchte stehen gut, nur Weizen etwas geringer. Heuernte war im Allgemeinen gut. Der Kornschnitt hat schon allenthalben begonnen. * Beim Baden in der Lahn er⸗ trunken ist am Montag voriger Woche der 17 jährige Maurer Neeb von Naun heim. * Auf der Bühne verletzt wurde der Schauspieler Bauer in Frankfurt dadurch, daß er am Schluß der Samstags⸗Vorstellung: „Abschied vom Regiment“ in den Degen eines andern Darstellers lief, wodurch er sich eine klaffende Wunde an der Brust zuzog. k Ein Liebespaar erschoß sich am Montag in einem Hotel in Hanau. Angeblich war es aus Köln zugereist. *** Pulverexplosion. Bei dem am Sonntag in Siegen abgehaltenen Schützenfest explodierte ein Faß mit 50 Pfund Schieß⸗ pulver, das zum Böllerschießen bestimmt war. Das Haus, in dem das Pulverfaß stand, stürzte zusammen; vier Personen wurden getötet, vier schwer verletzt. * Kein Sittlichkeits verbrecher. Lehrer Krämer in Aschaffenburg, der an⸗ geklagt war, sich an Schulmädchen sittlich ver⸗ gangen zu haben, wurde von der dortigen Straf⸗ kammer freigesprochen. Den beiden als Zeuginnen auftretenden Mädchen wurde kein Glaube geschenkt; die eine, 13 Jahre alt, ent⸗ puppte sich sogar als ein sittlich schon ganz verdorbenes Geschöpf. * Milchpantscherei. Vor einiger Zeit fand in St. Ingbert(Pfalz) eine polizeiliche Milchrevision statt, bei der sich fast die gesamte Milch als stark gewässert herausstellte. Teilweise hatten es die klugen Händler für gut gehalten, der Milch gleich das Wasser zu gleichen Teilen zuzusetzen. Gewiß wollten ste damit ihr Geschäft, vielleicht auch den„Mittel⸗ stand“ heben. a Bei der Beigeordneten wahl in Trebur unterlag unser Genosse, der in die Stichwahl gelangt war. Der Antisemit wurde gewählt. In dem Offenbacher Antisemitenblatte wird von Ausschreitungen gefabelt, die von sozialdemokratischer Seite anläßlich dieser Wahl verübt worden wären. So etwas kommt bei unsern Genossen nie vor; das schwindeln höchstens die zwei Offenbacher Antisemiteriche nach ihren berühmten Wiener Vorbildern.— In Lämmerspiel wurden zwei unserer Ge⸗ nossen in den Gemeinderat gewählt. ** Betrügerische Fabrikdirektoren. Wegen bedeutender Unterschleife und Betrügereien wurde der Direktor Bennigs der in Konkurs geratenen Spinnereimaschinenfabrik Popp in Werdau in Sachsen verhaftet. Der zweite Direktor Teichmann ist flüchtig. Beide führten die Bücher falsch und täuschten die Aktionäre durch falsche Berichterstattung.— Ebenfalls durchgebrannt ist der Bankier Löwenberg in Berlin nach Unterschlagung bedeutender Sun men. * Typhus im Heere. Unter den auf der Wahner Haide bei Köln befindlichen Truppen ist Typhus ausgebrochen. Eine Anzahl Kranker wurde in das Deutzer Garni⸗ sonlazarett transportiert. Zwei Pioniere sind bereits gestorben.— Ferner wird aus Zeithain(Sachsen) berichtet, daß dort unter den Soldaten des in Leipzig garnisonierenden Artillerie-Regiments typhusartige Erkrankungen aufgetreten sind. Nach neueren Nachrichten läge in letzterem Falle kein Typhus vor; verschiedene Batterien wären nur vorsichtshalber ssoliert worden. f onitz und bein Ende, Pom Schwurgerichte in Konitz wurde am 13. Juli der Privatdetektiv Schiller wegen Verleitung zum Meineid zu 2½ Jahren Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Par tei-Nachrichten. Sozialdemokratischer Wahlverein Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 11. August ds. Is., nachm. 1 Uhr: Kreiskonferenz in Gießen, im Lokale von Orbig, Rittergafse 17. Tages⸗Ordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht; Vorstandswahl. 2. Organisations⸗Entwurf des Landeskomitees. 3. Parteitag in Lübeck. Alle Orte im Kreise werden ersucht, sich an der Konferenz zu beteiligen. Jeder Delegierte muß mit einem Mandat versehen sein; Formulare sind bei A. Bock, Gießen, Dammstraße 22 II erhältlich. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Das Liebknechtdenkmal geht in der Werk⸗ stätte des Genossen Bildhauer Mai in Dresden seiner Vollendung entgegen. Es besteht aus einem schwarzen Granitsockel mit der Büste Liebknechts in Bronze und einer etwa zwei Meter hohen und ebenso breiten Syenitwand, die den stimmungsvollen Hinter⸗ grund für das Denkmal abgiebt. Auf der Abschluß⸗ wand sieht man in flach modellierter Reliefarbeit zwei lebensgroße Gestalten: ein Arbeiter im Arbeitskleid und eine Minerva halten gemeinsam einen Lorbeerkranz über das Haupt des Toten. In den beiden symbolischen Figuren soll der Grundzug des Liebknechtschen Charakters und das Wesen der deutschen Sozialdemokratie überhaupt zum Ausdruck kommen. Der Arbeiter deutet auf die Erkenntnis, daß die Befreiung der Menschheit nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann. Die Minerva soll das wissenschaftliche Streben der deutschen Sozialdemo⸗ kratie verkörpern. Auch die Reliefs werden aus Bronze hergestellt. Das Denkmal, dessen Kosten auf 8000 Mk. berechnet sind, wird am 29. März 1902, am Geburtstag des Toten, enthüllt werden. Genosse Mai hat vor dem Sozialistengesetz mit Liebknecht und Bebel in Leipzig in freundschaftlichem Verkehr gestanden. Versammlungskalender. Samstag, den 20. Juli. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. Arbeiter⸗Gesang⸗Verein. General⸗ Versammlung bei Ph. Walter(Feldschlößchen). Zahlreiche Beteiligung wird gewünscht. Marburg. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr im Lokale von Jesberg Versammlung. T.⸗O.: Die Gewerkschaften während der Krise. Ref. Vetters⸗Gießen. Sonntag, den 21. Juli. Gießen. Glaserverband. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Mittwoch, den 24. Juli. Altenbuseck. Volksverein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Becker. Zahlreiches Er⸗ scheinen notwendig. Driefkasten. S.⸗Altenbuseck. Daß die Handlungen der frommen Christen sehr oft mit den Geboten des Christentums und wahrer Frömmigkeit im schreiendsten Widerspruch stehen, ist bekannt. Wenn deshalb der Sohn eines dortigen wohlhabenden Bauern, der besondere Frömmig⸗ keit an den Tag legt und nebenbei den Sozialistenfresser spielt, am hellen Sonntag Nachmittag ein Bund Ried nach Hause schleppt, so zeigt das ja, wie der „gute Christ“ das dritte Gebot achtet, aber zu längerer Besprechung in unserm Blatte ist die Sache nicht wichtig genug. Eruß! Brgr.⸗Gieß. Wir wissen nicht, wo der ge⸗ werbmäßige Sozialistentöter und»Verleumder sein Thätigkeitsfeld eröffnet hat. Es kümmert uns auch weiter nicht. Unsere Genossen sind ja überall auf dem Platze und werden sich den Helden genauer ansehen. eee P ͤ ˙·⁰w-m Aus dem Gießener Standesamtsregister. Auf gebotene. 12. Juli: Dr. Friedrich Köster, Oberarzt dahier mit Elsa Rahm in Potsdam. 18. Peter Castein, Kommis hierselbst mit Mathilde Garn dahier. Eheschließungen. 18. Juli: Christian Hütten⸗ berger, Kurmusiker in Hdmdurg v. d. H. mit Minna Braehme dahioer. Geborene. 7. Juli: Dem Friseur Georg Wahl e. S. 8. Dem Hauptmann und Kompagnlechef Paul Nücker e. S. Dem Briefträger Georg Reul e. S. 9. Dem Dachdecker Wilhelm Thielmann e. T. Dem Schlosser Johannes Roth II. e. S. 11. Dem Schuhmacher Christian Löber e. S. Dem Kaufmann Wilhelm Ockel e. S. 12. Dem Gefangenwärter Karl Stork e. S. 13. Dem Arbeiter Johannes Funk e. S. 14. Dem Dachdeckermeister Jo⸗ hann Lapp ein Sohn. Dem Schlosser Martin Fischer e. S. Gestorbene. 12. Juli: Marie Freifrau Röder von Diersburg, geb. Gail, 46 Jahre alt, Ehefrau dahier. Wilhelm Sartorius, 1 Jahr alt, dahier. 15. Wilhelm Schudt, 35 Jahre alt, Tapezier dahier. Friedrich Borsch⸗ bach, 1 Monat alt, dahier. 18. Ludwig Arnold, 67 Jahre alt, Taglöhner dahier. 5 — 1 —— 31 0 Seige 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 29. i N „ Anterhaltungs-Ceil. 2——— A wer ist ein eehter Demokrat? Ein Mann, der offen spricht und denkt, Deß Geist parteilos, unbeschränkt, Dem die Vernunft ein Kompaß ist, Nach dem sein Thun er stets ermißt; Der sittlich gut und rechtlich lebt, Der nicht an alten Formeln klebt; Vicht schmeichelt, um der Hohen Gunst, Gern unterstützet Fleiß und Uunst, Der nicht sein Heil im Stillstand sieht, Nicht vor dem Geldsack betend kniet, Der redlich strebt nach Unterhalt, Nicht bleibt beim Elend Andrer kalt Den Mährchen nicht und Fabel stört, Der sorgsam prüfet, was er hört, Der nicht im Vorwitz gleich verdammt, Was nicht von seiner Farbe stammt, Der nicht in Täuschung wie schon oft, Das Heil der Welt von oben hofft, Der nur für Recht und Wahrheit glüht, Im Volk nicht stets Banditen sieht, Der nicht den alten Schlendrian Als Bürgerglück erkennt im Wahn, Der Gleichheit will, kein Vorrecht liebt, Nur dem Verdienst die Krone giebt, Der keine Nochgebor'nen kennt, Wenn sich ihr Thun nicht redlich nennt; Nicht feig, nicht bänglich leckt und kriecht, Der willig dem Gesetz sich fügt, Das frei vom Volk gemacht im Staat— Der ist ein echter Demokrat. Reichenbacher Wochenblatt, 18. Febr. 1851. Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer. S (Fortsetzung) Nachdem er sich gesättigt, stopfte er seine kurze Pfeife und saß nun schmauchend beim Glase Bier, zum ersten Male seit langer Zeit mit einem Gefühl des Behagens. Unterdessen füllte sich die Wirtsstube mit Marktleuten. Dichter Rauch und Stimmengewirr erfüllten die Luft. Auf einem erhöhten Platz an der Thür produzierte bisweilen musikalisches Wan⸗ dervolk, wie es auf Jahrmärkten zusa mmen⸗ strömt, seine Künste. Da trat auch ein Paar herein, das die Zunächstsitzenden neugierig auf⸗ schauend machte. „Zigeuner, seht doch,“ so flüsterte man und stieß sich mit dem Ellenbogen an. Und in der That konnte man namentlich die Frau für eine echte Zigeunerin halten. Unter ihrem gelben Kopftuch quoll tiefschwarzes Haar, in Löckchen gelöst, hervor und in dem blassen, bräunlichen Gesicht glühten und blitzten zwei dunkle Augen. In zierlicher, leichter Stellung, ein Tamburin in der erhobenen Linken, stand sie da. Ihr Begleiter, ein schlanker Bursche in Schlapphut und lose über die Schultern hängendem Mantel, og jetzt eine Geige hervor und begann eine kelodie zu spielen, nach deren Rhythmus die anmutige Frauengestalt sich hin und her wiegte. Es war kein eigentlicher Tanz. Ihre Füße bewegten sich kaum von der Stelle. Nur die Arme, der Leib, das Köpfchen folgten den Tonwellen, in welche das Tamburiu von Zeit zu Zeit sein Schellengeklingel hineinwarf. Mit dem schneller werdenden Takte steigerte sich auch das Feuer der Bewegung, bis endlich ein wilder Wirbel um sich selbst und ein dicker Geigenstrich die Vorstellung schloß. Jetzt brach ein wahres Beifallstoben aus. Man stampfte, klatschte, schrie. Nur einer in der Menge regte sich nicht. Todtenblaß, den Hals vorgestreckt, die Augen so gierig auf das Paar gerichtet, als sollten sie ihm aus den Höhlen guellen, hatte er die ganze Zeit dagesessen. Dieser Eine war Jost Bachler, der Schuhmacher. In der Tänzerin hatte er sein Weib erkannt. Niemand von den Umsitzenden gab auf ihn Acht. Alles reckte die Köpfe und schaute nach dem reizenden Weibe, das nun mit dem Tamburin den ihr gebührenden klingenden Lohn einsammeln ging. Lächelnd wanderte sie von Tisch zu Tisch, um jeden die Runde machend. Nun kam sie auch zu dem, an welchem Jost noch immer wie eine Bildsäule und verdeckt von den breiten Rücken seiner Nebenmänner saß. Da, was war das? Ein Klingeln, ein Schrei. Der jetzt hoch aufgerichtete blasse Mann dort hatte dem Weibe das schon ziemlich gefüllte Tamburin aus der Hand geschlagen, daß die Münzen weit umher rollten, und hielt die vor Schreck halb Ohnmächtige an beiden Schultern wie mit eisernen Klammern gepackt. Alles erhob sich, drängte sich hinzu. Was war's mit den Beiden? War der Mann verrückt oder hatte er ein Recht auf sie? Einige suchten ihn von ihr loszureißen, Andere wollten diesen wehren. Es entstand ein Handgemenge, das in eine Prügelei auszuarten drohte. Da durchbrach der Geigenspieler plötzlich den dichten Knäul und warf sich auf Jost. Dieser ließ jetzt die Un⸗ glückliche fahren und wandte sich gegen seinen Angreifer. „Du Hund, Du hast sie mir geraubt,“ schrie er und holte gegen den Wütenden aus, aber schon blitzte dessen Messer, das er Jost mitten in die Brust stieß. Wie eine aufgescheuchte Krähenschaar stürzte Alles hinaus, dem Mörder nach, den es aber nicht gelang festzunehmen. In kurzer Zeit war die Gaststube geleert bis auf Jost, der, von den entsetzten Wirtsleuten umringt, blutend am Boden lag.—— Gegen Abeud des dritten Tages erwartete Frau Bachler ihren Sohn aus der Stadt zu⸗ rück. Von Zeit zu Zeit trat sie in die Haus⸗ thür und schaute die von Weiden eingefaßte Landstraße hinab. Die Sonne ging unter, an dem grünlichen Frühlingshimmel traten einzelne Sterne und die Mondsichel golden hervor, aber wer nicht kam, war Jost. Die alte Frau saß bis tief in der Nacht auf der Thürschwelle, mit gespanntem Ohr auf jedes Rädergeroll in der Ferne lauschend. Immer umsonst. Als auch der nächste Tag den Sohn nicht brachte und sich dazu die Kunde im Dorfe verbreitete, daß ihm ein Unglück zugestoßen sei, da war ihr Entschluß gefaßt. Beim Morgengrauen des nächsten Tages bestellte sie ihr Haus, löschte die glimmende Asche auf dem Herde, streute den Hühnern reichlich Futter und übergab die Ziege dem Dorfhirten, der tutend mit seiner Heerde vorbeizog. Dann holte sie einen Tragkorb, packte ihn voll Heu und setzte den Knaben oben darauf. Den Korb nahm sie alsdann auf den den Rücken, ihren Regenschirm in die Hand und so trat sie, nachdem sie ihr Haus hinter sich abgeschlossen hatte, den drei Meilen weiten Weg nach der Stadt an. Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Das Büblein schaute seelenvergnügt von seinem hohen Sitz in die blühende Welt hinein, mit Hüh und Hott sein Peitschchen schwingend, das ihm die Großmutter zur Unterhaltung in die Hand gegeben hatte. Das war ein lustiger Ritt, noch schöner, als wenn der Vater ihn auf die Schulter nahm oder auf den alten Schimmel hob. Jeden Augenblick gab es etwas zu sehen. Die Leute, die des Weges kamen, neckten sich mit dem Knaben und lachten über das seltsame Hähnchen, das die Alte zu Markte trug. Um Mittag wurde an einer schattigen Stelle Halt gemacht und das Kind mit Milch und Brot erquickt, welch beides die Alte im Korbe mitgenommen hatte. Dann ging es wieder tapfer weiter. Noch bei guter Zeit war die Stadt erreicht und der Aufenthalt des Sohnes aufgefunden. Die Wirtsleute, bei denen das Unglück geschehen, hatten den Verwundeten bei sich aufgenommen, der uach dem Ausspruch des herbeigerufenen Arztes zwar nicht tödlich verletzt war, aber zu seiner Wiederherstellung längerer Zeit bedürfen würde. Der Wirt hatte ihn nscht behalten und nach dem Ausspann schaffen lassen wollen, in dem Jost sein Wägelein eingestellt und auf dem Heuboden genächtigt hatte. Allein die Wirtin bestand auf ihrem Sinn.—„Das wär' noch schöner,“ meinte sie,„wenn Eins nicht mal so viel Menschlichkeit hätt', sich eines Lands⸗ manns im Unglück anzunehmen. Oben in der Kammer, wo ich meine Vorratsbetten hab', da ist Platz genug, da kann er sich ausheilen.“ In der Stadt und auf dem Markt sprach man von nichts Anderem als von dem Mord⸗ anfall und der entlaufenen und wiedergefundenen Frau, deren Vorgeschichte nun auch zur Sprache kam. Und so entstand ein Gewebe aus etwas Wahrheit und viel Dichtung, zu dessen Einschlag die Erscheinung der Bachlerin mit dem Kinde einen neuen Durchschußfaden lieferte. Ohne sich zu verruhen oder Speise und Trank zu sich zu nehmen, verlangte die Frau ihren Sohn zu sehen. Nur den Korb setzte sie ab und nahm den Kleinen auf den Arm. Dann folgte sie der Wirtin die Stiege hinauf. Als ste in die schon dämmerige Kammer traten, in der der Kranke in starkem Wundfieber lag, erhob sich eine Gestalt vom Boden, die vor dem Bette gekniet hatte. Es war Babett, aber wer hätte in diesem abgehärmten Wesen die noch vor wenigen Tagen so blühende junge Frau erkannt! Von Reue und Seelenqualen gefoltert, hatte sie sich heimlich zu ihrem schwer gekränkten und durch ihre Schuld an den Rand des Grabes gebrachten Manne geschlichen, und die Wirtin, die den Zusammenhang ahnte, ihr dessen Pflege überlassen. (Fortsetzung folgt.) Sozialismus und Kunst. (Schluß.) Mit einem Schein von Berechtigung wendet man dagegen ein, die ästhetische Entwickelung werde gehemmt sein, wenn die Künstler in einem sozialistischen Staat der Hilfsquellen beraubt wären, die ihnen in der Zeit des Privateigentums die Gunst fürstlicher oder bürgerlicher Maecene erschloß; gerade von diesem Luxusbedürfnis der Reichen, sagt man, leben sie ja. Und doch ist der Einwand nur komisch. Er stammt von Bewunderern der bourgeoisen Gesellschaftsordnung. Die Bourgeoisie als Nährmutter der geistigen Arbeiter! Muß man wirklich erst daran erinnern, zu welchen Mitteln die meisten Geistesarbeiter heute ihre Zuflucht nehmen müssen, um sich das Stück trockenen Brotes zu verschaffen, das Berlioz sich am Denkmal Heinrichs des Vierten mit Rosinen versüßte? Schiller war Professor der Geschichte. Balzac bekam kaum ein paar lumpige tausend Franken für seine zehntausend Seiten füllende Komödie der Menschheit. Ehe Ludwig der Zweite in Wagners Leben eingriff, war der Meister gezwungen, eine Begleitung für zwei Kornet à Piston zur„Favoritin“ zu schreiben. Beethoven schrieb am Ende seines Lebens an seinen Freund Ries über eine Sonate, sie sei unter den elendesten Verhältnissen entstanden; denn es sei traurig, für das liebe Brot schreiben zu müssen.„Und so weit bin ich nun!“ Unter den größten Schöpfern verdankt die weitaus größte Zahl derer, die nicht im schwärzesten Elend lebten, ihre Existenz entweder einer Be⸗ schäftigung, die ihrer Kunst ganz fern lag, einem einträglichen Nebenamt oder der späten Gunst des immer nachhinkenden Publikums. Nach jeder Richtung würde die kommunistische der heutigen Gesellschaft überlegen sein.„Die neben ihrer Kunst einen anderen Beruf ausüben müßten, hätten mehr freie Zeit. Die jetzt für irgend einen bürgerlichen oder königlichen Maecen arbeiten, würden dann— wie einst Rembrandt und Hals— für Gemeinschaften, Gruppen, öffentliche Anstalten thätig sein, deren Kollektiv ⸗ luxus die Eitelkeit und Knauserei des privaten Luxus verdunkeln würde. Und die endlich, die mit amtlichen Sphären nichts zu thun haben wollen und sich lieber direkt an das Publikum wenden, könnten dann von dem Ertrag ihres Pinsels oder ihrer Feder viel leichter und besser leben, weil sie ein viel größeres, reiferes und verständigeres Publikum hätten als jetzt. Ganz thöricht ist der Einwand, die Menge werde ein schlechter Richter sein und die glanzende, ins Auge fallende Mittelmäßigkeit der schlichten Größe des ursprünglichen Talentes vorziehen. Lehrt die Erfahrung nicht, daß der hartnäckigste Widerstand gegen die neuen Kunstformen nicht von der Masse, sondern im Gegenteil von den Geh bein —— 22 2 — 222 2 g wendet wickelung intler in lfsguellen Zeit det her oder on diesem an, leben r komisch. urgeoisen isie als Nuß man n Mitteln. Zuflucht trockenen sich am Rosinen deschict. e tausend x fillende dwig del wär der für zwei schreiben. ehens al , sie i standen schreiben 1 lie weital wäre einer Ve fern lol 1 ö 9.5 nile ein. f ausüben J in Mach sembral Gruppe, oll b ublich, 1 ul. ch Nr. 20. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. privilegierten Kasten ausgeht? Als Walther Stolzing von den Meistersingern zurückgewiesen wird, wendet er sich an die guten Nürnberger. Nicht im Hotel Rambouillet, sondern bei der Masse siegte Corneille mit seinem Polyeucte. Die wirklich großen Schöpfungen, die eines anzen Volkes Seele wiederspiegeln, wurden stets zuerst von dem Volk selbst oder mindestens doch von dem Bruchteil des Volkes verstanden, der noch nicht ganz von der Macht der Finsternis unterjocht war. Wie die beiden großen Epochen, die im ewigen Weben und Werden der Geschichte ruhmvoll bis in unsere Tage leuchten, so wird auch der Sozialismus sein Werk mit einer neuen Aesthetik krönen. Man hat oft gesagt, die Kunst sei nichts anderes als der vielleicht schlecht gerahmte, aber immer getreue Spiegel der Gesellschaft. Heute zeigt er uns die schlaffe Mutlosigkeit der sterbenden Bourgeoisie, die Sorgen und Qualen, aber auch die Hoffnungen des im Leid lebenden, im Leid erstarkenden Proletariates. Morgen wird er die ruhige Heiterkeit glücklicher Geschlechter zeigen, die dem Sumpf des Elends entronnen sind und durch die Kraft ihres Fleißes, ihres mutigen Mühens die souveraine Herrschaft der Arbeit gesichert und das Reich solidarischer Nächsten⸗ liebe begründet haben. Viktor Hugo zeigt uns in einem seiner herr⸗ lichsten Gedichte den bocksfüßigen Waldgott auf des Olympos Höhe, wie er struppig und schwarz in der stolzen Versammlung der Götter auftaucht. Man höhnt ihn mit scharfen Worten. Er antwortet mit einem herausfordernden Lied. Merkur giebt ihm seine Flöte. Bezwungen reicht ihm Apollo seine Leier. Der revolutionäre Gesang schallt mit wachsender Gewalt bis ans Gewölbe der Himmelsveste und auch der Sänger wächst, während er singt, bis sein dunkler Schatten den unendlichen Raum erfüllt. Eine Welt steht auf und stürzt Jupiters Thron.. Ist der Sozialismus nicht der Satyr dieses Gedichtes, wie er anfangs struppig und schmutzig, beim ersten Auftauchen verachtet, im Wachsen gefürchtet? Doch er wächst höher, greift nach der Flöte Merkurs, nach Apollos Leher, nützt alles, was die Kunst an Schönheit bietet, bedient gerade der Schönheit sich als seiner Waffe, reckt sich hoch und stolz vor denen auf, die sich un⸗ sterblich dünken, und wird ihnen bald, während er auf ihren Thron den Erobererfuß setzt, in der Vollkraft seines Siegerbewußtseins zurufen: Raum für alle! Ich bin Pan! Auf die Kniee mit Dir, Allvater Zeus!— Gemeinnütziges. Zur Bekämpfung des Alkoholismus. Der Verein gegen den Mißbrauch geistiger Ge⸗ tränke richtet an die Eltern folgende recht be⸗ herzigenswerte Mahnung, der wir uns nur anschließen können: Gebt Euren Kindern keinen Wein! kein Bier! keinen Brannt⸗ wein! Warum? Weil Alkohol jeder Art, auch in geringer Menge, den Kindern nur Schaden bringt. Warum? 1. Alkohol hemmt die körperliche und geistige Entwickelung des Kindes. 2. Alkohol führt schnell zur Ermüdung, macht faul und unaufmerksam in der Schule. 3. Alkohol befördert die Unbotmäßigkeit gegen⸗ über den Eltern. 4. Alkohol erzeugt Schlaf⸗ losigkeit und frühe Nervosität. 5. Alkohol ge⸗ fährdet die Sittlichkeit der Kinder. 6. Alkohol schwächt die Widerstandskraft des Körpers und erleichtert dadurch die Entstehung von Krank⸗ heiten aller Art. 7. Alkohol verlängert die Dauer jeder Krankheit. 8. Alkohol ruft immer neues Durstgefühl hervor und führt deshalb leicht zum gewohnheitsmäßigen Trinken. r Lesefrüchte. Werden Gründe mitgeteilt, so weiß ich über⸗ haupt nicht, wie man von Gehorsam sprechen kann. Kellner. „Lüge mag siegen, aber die Triumphe der Lüge sind bloß die Triumphe eines Tages. * B. Macaulay. * * O seht mir doch die klugen, satten Leute, Wie sie mit einem Walle von Gesetzen Sich wohlverwahret gegen allen Andrang Der schreiend überläst'gen Hungerleider! Weh' dem, der diesen Wall durchbricht! Bereit sind Richter, Henker, Stricke, Galgen,— Je nun! manchmal gibt's Leut, die das nicht scheun. 1 H. Heine. * Mann gegen Mann die Kraft erproben Im Kriegskampf: ja, ich muß es loben; Jedoch der Kräfte schönste Wette Ist, wo es lautet: Rette, rette! Fr. Th. Vischer. Humoristisches. Majestätsbeleidigung. Richter: Sie sind beschuldigt, während eines Kaiserhochs in der Versamm⸗ lung sitzen geblieben zu sein. Angeklagter: Ich bin aber gar nicht in der Versammlung, sondern draußen auf dem Abort gesessen, wie das Hoch geschrieen wurde. Richter: Das ist ganz egal. Deswegen hätten Sie doch aufstehen können!(Postill.) Auch ein Grund. Sie: Höre, Emil, Du bist gestern wieder ohne mich zum Sommerfest gegangen! Wie kannst Du nur so schlecht sein? Er: Ja, wenn ich nicht so„schlecht“ wäre, dann wärst Du ja nicht meine„bessere Hälfte.“ Litterarisches. Von Kurt Eisner wird demnächst unter dem Titel„Taggeist“ eine Sammlung von„Kultur⸗ glossen“ aus dem ersten Jahrzehnt des„neuen Kurses“ herausgegeben werden. Das Buch, das in 3 Abteilungen (Zur Politik, Litterarisches, Maskenspiel) zerfällt, erscheint im Verlage Dr. John Edelheim zu Berlin. Marhur Vom 1. 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