Nr. 15 i 9. 1 — 1 1 2 8 D iger * wahl. stiefel, stex Qual, nach Maas e Tach, gu r. 64. —— zenden csorgt, . 00 ager 1 fel fl. genchl (l. Nr. 16. 8. Jahrg. Redaktion: Mebaktionsschluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 3 U — 5 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331/00 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestens —— Arbeiter, Genossen! Das Fest der Arbeit naht heran! Der 1. Wai ist die feierliche Kundgebung der Arbeiter aller Länder für internationalen Arbeiterschutz, der Massenprotest der Arbeit gegen die Ausbeutung durch das Kapital, gegen den Terrorismus der Kapitalsherrschaft, gegen den Uebermut der Junker und Schlotbarone, gegen den Krieg in jeder Form— der 1. Mai ist die internationale Kundgebung des klassenbe⸗ wußten Proletariats für den Frieden der Ge⸗ sellschaft und für den Frieden der Völker, gegen Zollkriege und künstliche Sperren. Zum zwölften Male kehrt nun der Tag wieder, an dem die Arbeiter aller Länder sich im Bewußtsein ihrer Klassenlage im Geiste die um von Neuem zu bezeugen, Ich festhalten an dem großen zum Ausdruck kommt in Rüstet euch deshalb überall, die Maifeier in würdiger Weise zu begehen. Agitiert für das Fest, trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Genossen wohnen, muß dem Maigedanken Ausdruck gegeben werden. Drum auf zur Maifeier allerorts! Die Wirkung der Getreidezolle. Vor nicht langer Zeit hat sich ein Arbeiter, der Führer der christlichen Bergarbeiter-Organi⸗ sation, W. Brust, in dem von ihm redigierten Blatte für die Erhöhung der Getreidezölle er⸗ klärt. Seitdem wird Brust von den Agitatoren und den Preßorganen der Wucherzöllner als glänzendes Beweisstück für die Notwendigkeit der Lebensmittelverteuerung vorgeführt. Man lobt ihn als„einsichtsvollen und verständigen Arbeiter“, der die Notlage der Land wirtschaft anerkenne; seine 8 wird als Beweis dafür angesehen, daß die Erhöhung der Zölle keinen Nachteil für die Arbeiter mit sich bringt, daß die Behauptung von der Verschlechterung der Lebenshaltung, vom Brotwucher, von der Habsucht der Junker eine böswillige Erfindung der vaterlandslosen Sozialdemokratie ist. Natürlich ist es das gute Recht der Agrarier, die Stellungnahme des katholischen Arbeiter⸗ führers in ihrem Sinne auszubeuten; sie täuschen sich aber gewaltig, wenn ste glauben die ganze katholische Arbeiterschaft sei mit Brust ein⸗ verstanden. Schon vor einigen Wochen erklärten Ange⸗ hörige der christlichen Arbeiter⸗Organisation in einer Versammlung in München⸗Gladbach, in der unser Genosse Erdmann aus Köln gegen die Getreidezölle sprach, ihr volles Einver⸗ ständnis mit dem Referat und ihre Gegnerschaft gegen die Getreidezölle. Gleiche Ansichten äußerte dieser Tage die„Westdeutsche Arbeiter⸗ zeitung“, das Organ der katholischen Arbeitervereine. Sie fragt die Centrumsabge⸗ ordneten, ob sie etwa glaubten, über die katholische Arbeiterschaft zur Tagesordnung übergehen zu können, weil ste arme Schlucker und keine Gutsbesitzer wären und erklärt, die Arbester würden nicht mehr für die Er⸗ höhung der Zölle eintreten, es herrsche in den Kreisen der katholischen Arbeiter über⸗ haupt keine Begeisterung für Getreide⸗ zölle. Die Centrumspartei kommt dadurch in eine schwierige Lage. Ihre Reichstagsmitglieder traten alle für die Erhöhung dieser Zölle ein, haben aber auch Rücksicht auf die Arbeiterschaft zu nehmen, weil viele von ihnen das Mandat Arbeiterstimmen verdanken. Man sucht die Arbeiter deshalb damit zu trösten, indem man ihnen vorredet, die Erhohung der Zölle ziehe keine Verteuerung der Lebensmittel und somit keine Verschlechterung der Lage der Arbeiter nach sich. Ein schlechter Trost! Kann man auch die Wirkung der Zollerhöhung nicht ganz genau in Zahlen ausdrücken, so steht doch fest, daß sie eine schwere Belastung des Konsums bedeutet. Das hat auch ein Zentrumsabgeordneter und zwar der Vertreter für den Wahlkreis Dillingen, Dr. Eugen Jäger in Speyer, selbst zugegeben. Dieser veröffentlichte nämlich in den Jahren 1882 bis 1893 sozialpolitische Studien, worin er sich sehr eingehend über die Wirkung der Getreidezölle ausspricht und zwar in abfälligem Sinne. Genosse Calwer hat sich das Verdienst erworben, jene Abhandlungen des Centrumsmannes der Vergessenheit zu eut⸗ reißen und die hauptsächlichen Stellen daraus zu veröffentlichen. Und trotzdem sie schon zehn Jahre alt sind, treffen sie noch heute in gleicher Weise zu. So sagt Dr. Jäger bei Besprechung des Unterschieds zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Schutzzöllen, daß der Zoll auf Nahrungsmittel einer Lohnherab⸗ setzung gleichkomme. Er führt aus: „Diese(Nahrungsmittel) kann man sich nicht versagen, eine unnötige Verteuerung trifft hier also sehr schwer und lastet besonders hart auf den arbeitenden und besitzlosen Klassen, welche die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bilden. Für diese Klassen bedeutet jeder Getreidezoll, sobald er den Brotpreis verteuert, eine Lohnherab— setzung, die sich vielleicht gar nicht oder aber erst nach langem Kampfe wieder ausgleicht.“ Jäger stellt nun fest, daß durch Schutzzölle die Lebens mittelpreise erhöht werden. Er schreibt:„Weil aber der Unter⸗ schied der wechselseitigen Produktionskosten im Steigen begriffen ist, und wir bezüglich der ausländischen Konkurrenz aller Wahrscheinlich⸗ keit nach erst im Anfange einer ungekannten und schwer absehbaren Entwickelung stehen, so bedürfen wir immer höherer Schutzzölle auf fremdes Getreide und Fleisch. Damit erhalten wir aber steigende Lebens mittelpreise und infolgedessen wieder steigende Industrie⸗ schutzzölle mit lästigen Ausfuhrvergütungen für die Erportartikel der Industrie. Wir müssen uns daher wohl überlegen, ehe wir unserer Landwirtschaft durch Getreide⸗ zölle in Form von Schutzzöllen zu helfen gedenken.“ Außerdem weist Jäger nach, daß die Ge⸗ treideschutzzölle nur dem Großgrundbesitz zu Gute kommen— genau wie das von unserer Seite jederzeit betont worden ist. Er sagt darüber:„Die Preiserhöhung, welche sie(die Zölle) herbeiführen, kommt vorwiegend dem Großgrundbesitzer zu Gute und daher besonders den östlichen und nördlichen Ländern des deutschen Reiches.... Ein Teil des dentschen, besonders des südwestdeutschen Bauernstandes, der Parzellenbauer, pflanzt vorzugsweise Handelsgewächse, als: Tabak, Hopfen, Wein, Obst, oder er verlegt sich auf die Milch⸗ und Eierproduktion, sowie auf die Geflügel⸗ zucht. Diese Leute müssen sich Brot und auch ein wenig Fleisch kaufen, so daß ihnen dje fremde Einfuhr zu statten kommt. Im Ganzen ist diese Klasse, über ganz Deutsch⸗ land genommen, nicht so sehr zahlreich, wenn auch für manche und gerade die wohlhabendsten Teile Deutschlands von großer Bedeutung. Der größere Teil des Bauernstandes erzeugt Getreide, Kartoffeln und Vieh für sich selbst, kann sich aber infolge g ng, wie sie die modernen Bedürfni Hracht haben, nicht wie früher auf eine fast reine Naturalwirtschaft beschränken, sondern muß von seinen Erzeugnissen verkaufen und leidet dabei Schaden durch die amerikanische Konkurrenz. Er spürte diese um so stärker, je mehr die kapitalistische Gestaltung unseres Staates und besonders unseres Steuerwesens ihn zum Ver⸗ kaufe seiner Produkte nötigt, weil derjenige Teil, welcher als Beitrag zu den öffentlichen Lasten bestimmt ist, erst durch die Geldform hindurch gehen muß, wobei der Bauer leicht zur kurz kommt. Dieser Teil unseres Landvolkes bilder die überwiegende Mehrheit und verlangt Schutz, sowohl gegen die fremde Einfuhr, wie gegen die kapitalistisch- liberale Strömung, deren Träger ihn rupfen, so oft er mit ihnen in Berührung kommt und die durch die Gesetz⸗ gebung dafür gesorgt haben, daß er mit ihnen in Berührung kommen muß. Anders ist es mit dem Großgrundbesitzer. Dieser bewegt sich durchweg in der Geldwirt⸗ schaft, weil vermöge seiner sozialen Lebens⸗ sphäre, die mit jener der sog. höheren Stände zusammenfällt in seinem Bedürfniskreis der Naturalverbrauch stark zurücktritt und dafür eine Menge anderer Bedürfnisse erscheinen, welche nur durch Geld erworben können. Für diesen Stand ist unter den heutigen Verhält⸗ nissen des Weltmarktes, falls keine Abhilfe möglich, ein Schutz gan nicht zu entbehren: ihm kommt ein solcher Schutz aber auch am meisten zu Gute. Daher ist der Ein⸗ wand nicht ganz unberechtigt, daß der Ge— treideschutzzoll ihm zum Vorteil ge— reiche auf Kosten der industrie- und parzellenreichen, beson ders der mitt⸗ leren, westlichen und südlichen Ge— genden Deutschlands.“ Nach Jäger vermehren die Getreidezölle die Verschuldung der Grundbesitzer und erhöhen dadurch das Uebel, dem man abhelfsen wollte. Er weist darauf hin, daß unter der gegenwärtigen kapistalistischen Gesetzgebung auch die landwirtschaftlichen Schutzzölle keine Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 16. dauernde Abhilfe für die Notlage der Landwirtschaft enthalten. Denn aller Gewinn derselben, sagt er, welchen der Landwirt und Bauer für sich selbst erhofft, fällt dem Kapital zu.„Der Kapitalwert eines Gutes ergiebt sich aus dem Geldwerte seines Durchschnittsertrages nach dem landesüblichen Zinsfuße kapitalisiert, selbstverständlich nach Abzug der Steuern und anderweitigen Betriebs- Ausgaben. Steigt dieser Kapitalwert durch Schutzzölle, so wird das Gut bei der nächsten Verteilung höher veranschlagt, beim nächsten Verkauf höher ge⸗ wertet und der künftige Inhaber muß als Tribut der Erde und der Arbeit an das arbeis⸗ lose Kapital noch mehr Zins und Amortisation bezahlen, wie der vorhergehende. Nach kurzer Zeit ist die Lage wieder die gleiche, wie jetzt: Ueberschuldung und als Folge derselben das Defizit. Dann erhebt sich neuerdings der Ruf nach Schutzzöllen, um dadurch der Landwirt⸗ schaft wieder aufzuhelfen und so eine künstliche Grundrente an Stelle der natürlichen zu schaffen. Kaum ist dies geschehen, so beginnt das Spiel von Neuem, die Verschuldung durch neue kapi⸗ talistische Belastuug vermehrt sich wieder und so geht es fort in beständigem Wechsel zwischen E höhung des Schutzes und Erhöhung der Versculdung, während der Kapitalismus durch tausend Saugarme jeden Vor⸗ teil, den die produzierenden Klassen vom Zollschutz haben könnten, in sich sammelt.“ So ist es. Die Ausführungen des Zentrums— abgeordneten laufen auf dasselbe hiuaus, was auch von unserer Seite über die Wirkung der Getreidezölle gesagt wurde, nämlich, daß am letzten Ende doch nur der Großkapitalist den Vorteil und der Kleinbauer das Nachsehen hat. Und der Wert der Jäger'schen Argumentationen wird ebensowenig dadurch abgeschwächt, daß sie älteren Datums sind, noch dadurch, daß die Zentrumspartei jetzt eine andere Stellung in der Frage einnimmt. Den klerikalen, antisemi⸗ tischen ꝛc.„Bauernfreunden“ müßten diese von einem der ihren angeführten Gründe gegen die Getreidezölle gebührend unter die Nase ge⸗ halten r N Politische Rundschau. Gießen, den 18. April. Das Hunnenblld, das der„Vorwärts“ seiner Osternummer bei— legte und das wir in unserer letzten Nummer besprachen, hat sich als unecht erwiesen. Es stammt aus einem älteren Reisewerke und soll hingerichtete Räuber in Siam darstellen. Der „Vorwärts“ bemerkte schon bei der Veröffent⸗ lichung des Bildes, daß es vorher in einem christlichen Missionsblatte abgedruckt worden sei. Entweder ist nun der Soldat, der diese Photo⸗ graphie mit in die Heimat schickte, selbst ge⸗ täuscht worden, oder er hat andere getäuscht. Natürlich fällt die gesamte Ordnungspresse, die Muckerblätter im Verein mit den„unpar⸗ teiischen“ Organen wütend über den„Vorwärts“ her und kläfft ihn ob seines Irrtums an. „Seht“, rufen die Hunnenverteidiger jubelnd aus,„so sieht das Anklagematerial gegen den Hunnenzug aus— alles Schwindel!“ Der „Vorwärts“ hat mit vollem Recht erwidert, daß ein einzelner Irrtum nichts gegen das gesamte übrige massenhafte Material beweise, daß jedenfalls für diese eine falsche zahlreiche echte hunnische Photographien beigebracht werden könnten. Das scheert aber die Gesellschaft nicht. Wir meinen sogar, daß nach den zahlreichen übereinstimmenden Berichten zu schließen, viel grausigere Scenen stattgefunden haben, als die auf dem Bilde dargestellte. Die Ent⸗ rüstung über den einen Irrtum des sonst sehr gut unterrichtsten„Vorwärts“ ist also höchst unangebracht, die guten, frommen„Patrioten“ sollten sich lieber über die von Europäern be⸗ gangenen Greuelthaten entrüsten, deren gerade jetzt eine japanische Zeitung wieder eine ganze Menge und zwar höht grauenvolle berichtet. Der Zolltarif dürfte in dieser Reichstagssession kaum erledigt werden. Bis jetzt gelang es noch nicht, ihn an den Bundesrat zu bringen, es erscheint da⸗ her, nach Meinung der„Frkftr. Ztg.“, voll⸗ ständig ausgeschlossen, daß der Entwurf in dieser Session noch dem Reichstage zugeht. „Not der Landwirtschaft.“ Seit Jahren schon stimmen die Agrarier bewegliche Klagen über die Not der Landwirt⸗ schaft an, der durch Erhöhung der Zölle auf das Doppelte und Dreifache abgeholfen werden soll. Mit der„Not“ ist es aber nicht so schlimm, besonders nicht bei den Landwirten, die am lautesten nach Echöhung schreien. Dafür lieferte wiederum die„Mindener Ztg.“ ein schlagendes Beispiel. Danach verkaufte im vorletzten Winter der Rittergutsbesitzer Schmidt sein Rittergut Wietersheim für einen sehr anständigen Preis an zwei Braunschweiger, die Brüder v. Lauingen. Dieselben bewirt⸗ schafteten dasselbe während eines Jahres und kürzlich verkauften sie das Rittergut Wieters⸗ heim an den aus den Peiner Gegend stammen⸗ den Oekonomen Steinmeyer mit einem Ge⸗ winn von Mk. 50000. Außerdem haben die Brüder von Lauingen den Viehbestand um das Kapital von Mk. 30 000 verringert, so daß diese beiden adligen Agrarier in dem einen Jahre einen Gewinn von Mk. 80,000 gemacht haben. Da Stein⸗ meyer ein tüchtiger Landwirt sein soll, so muß er doch die Ueberzeugung haben, daß es mög⸗ lich ist, die Verzinsuug der mehr bezahlten Mk. 80 000 aus dem Gute herauszuwirtschaften. Denn ihrer schönen Augen wegen hat er doch sicher das Mehr von Mk. 80 000 an die Herren v. Lauingen nicht bezahlt. Gutbezahlte Agitatoren des Bundes der Landwirte. Man muß anerkennen, daß sich der Bund der Landwirte in Bezug auf die Bezahlung seiner Agitatoren nicht lumpen läßt. Das zeigt eine Erklärung des Führers des bay⸗ rischen Bauernbundes, des Herausgebers der „Neuen bayr. Landesztg.“, Memminger. Mit dem Bunde der Landwirte, der die Mitglieder des bayrischen Bauernbundes gerne kapern möchte, will letzterer nämlich nichts zu thun haben und beide Organisationen führen einen erbitterten Krmpf gegeneinander. Gelegentlich einer Auseinandersetzung erklärte nun Memmin⸗ ger:„Der Bund der Landwirte ließ mir 1893 für jede Versammlungsrede 50 Mk. außer den Reisespeseag, dann 70 Pfg. jährliche Ver⸗ gütung für jedes Exemplar meiner Zeitung an⸗ bieten. Das hätte für mich per Jahr an 10000 Mark Mehreinnahme aus⸗ gemacht, ich habe sie bestimmt abgewiesen.“ Also der Bund zahlt unter Umständen recht anständig. Die gutbezahlten Agitatoren fühlen sich dafür natürlich verpflichtet, in ihren Ver⸗ sammlungen über die„gewerbmäßigen und be⸗ zahlten Hetzer“ der Sozialdemokratie zu schimpfen. Herr v. Heyl vergrößert seinen Grund besitz. Vor einiger Zeit veröffentlichte die„Darm⸗ städter Ztg.“ eine Bekanntmachung des Amts⸗ gerichts Oppenheim, aus der hervorgeht, daß Freiherr v. Heyl zu Herrnsheim, Fabrik- und Großgrundbesitzer in Worms, das in der Ge⸗ markung Guntersblum gelegene Fideikommiß Guntershausen durch Angliederun! einer Reihe von Grundstücken, die in den Gemarkungen Gundernhausen, Großzimmern, Lampertheim, Seehof, Viernheim und Lorsch liegen, zu ver⸗ größern beabsichtigt.— Da Herr Heyl schon wiederholt„angegliedert“ hat, so ist wohl anzu⸗ nehmen, daß er mit den Erträgen aus seiner Land wirtschaft bisher nicht allzu schlecht abge⸗ schnitten hat. Und in Zukunft solls ja durch die Kornzoll⸗Erhöhung noch besser werden. Merkwürdige Gesundheitsrücksichten. Dem württembergischen Kriegs minister Schott von Schottenstein wurde das ein⸗ gereichte Rücktrittsgesuch in Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand bewilligt. Welcher Art diese Gesundheitsrücksichten sind, teilten wir kürzlich mit. Der genannte Herr sollte nämlich in einem Kuppelei-Prozesse als Zeuge ver⸗ nommen werden; zuletzt nahm man jedoch von seiner Vernehmung Abstand, da der Angeklagte sich bereit finden ließ, auf sein Zeugnis zu verzichten. Dem Entlassenen wird der Justiz⸗ minister Breitling in der Ministerpräsident⸗ schaft nachfolgen. Unternehmergewinne. Die Donnersmarckhütte erzielte im Jahre 1900 einen Bruttogewinn von 4,307,740 Mk.(im Vorjahre 3,706,561). Der Aufsichtsrat beschloß, die Verteilung einer Dividende von 16 pCt. (im Vorjahre 15 pCt.) vorzuschlagen. Außer⸗ dem wurden verwendet 806,714 Mk. zu Ersatz⸗ bauten, 1,440,500 Mark zu Abschreibungen, 200,000 Mark für Rückstellungen, 93,026 Mark für den Reserve⸗Fonds, 72,656 Mark für Tan⸗ tiemen, 77,689 Mark zu Wohlfahrtszwecken. Hauptaktionär ist Graf Henckel v. Don⸗— nersmarck.— Der Aufsichtsrat der Höchster Farbwerke beschloß, der Generalversammlung der Aktionäre pro 1900 eine Dividende von 20 pCt. vorzuschlagen. Im vorigen Jahre gab es 26 pCt. Die Herren Farbwerk-⸗Patrioten erfahren somit eine kleine Einbuße gegen das Vorjahr, was auf den allgemeinen Rückgang in Handel und Industrie infolge der Chinapolitik zurückzuführen ist. Die Landesversammlung der württem⸗ bergischen Sozialdemokratie, die Ostern in Stuttgart tagte, war von 112 Ortschaften mit 260 Delegierten beschickt, 13 Ortschaften und 39 Delegierten mehr als im Vorjahr. Den ersten Punkt der Tages⸗ ordnung bildete ein Referat des Genossen Kloß über die Thätigkeit der sozlaldemokratischen Fraktion im Landtag. Einer Anregung der Stuttgarter Genossen entsprechend verbreitete sich Kloß besonders oaesah ehe e Forde⸗ rungen des sozialdemokratischeff Prögramms in Beziehung auf die Schule, deren Neuorgani⸗ sation in Württemberg demnächst in Folge einer Petition Landtag aktuell werden dürfte. Eine vom Landesvorstand eingebrachte Resolution, daß die Landesversammlung ihr volles Einverständnis mit der Thätigkeit der Fraktion ausspricht und insbesondere in den Befreiung der Schule von religiöser Bevormundung und Aufsicht den Ausbau der Volksschule zur Einheitsschule sowie der Unentgeltlichkeit der Schule unter Uebernahme der Schullasten auf den Staat die wichtigsten Aufgaben der Fraktion im Landtag erblickt, fand einstimmige Annahme. Alsdann sprach Genosse Landtagsabgeordneter Hilden⸗ brand über die Stellung der Partei zu den Fragen der Handelspolitik, insbesondere zu der brennenden Frage der Getreidezölle. Er entwickelte das Programm der Partei in dieser Sache aus taktischen, wirtschaftspolitischen und allgemein kulturellen Gesichtspunkten und brachte eine scharfe Resolution des Landes⸗ Parteitages gegen die Getreidezölle zur Annahme. Dem von Wasner erstatteten Bericht des Landesvorstandes ist zu entnehmen, daß der Verkehr mit den Mitgliedschaften ein sehr leb⸗ hafter war. Eingelaufen sind 1110 Post⸗ — der Volksschullehrer an den sendungen, denen an Ausgängen 1007 Briefe, 4 Postkarten ꝛc. gegenüberstehen. Die Zahl der Mitgliedschaften hat sich um 15 vermehrt. Der Schwäbische Tagwachtkalender wurde in 16,000 Exemplaren abgesetzt. Der Kassen⸗ bericht weist eine Jahreseinnahme von Mark 25,786,93 und eine Ausgabe von Mk. 25,527,11 auf. Ferner wurde beschlossen, innerhalb des nächsten halben Jahres einen Parteisekretär anzustellen. Kampfesweise unserer Gegner. Was die Gegner der Sozialdemokratie in Bezug auf Roheit der Sprache, Gemeinheit der Gesinnung, Fertigkeit im Lügen, Verdrehen und Entstellen leisten können, wenn es sich darum handelt, unsere Partei zu bekämpfen, wissen und 4 tisch Geno Weit ert. 163 534 ll. a allen von betohlenen Gelder(ill he Wegen gro 12 Gerossin Nach die Menschheit J Puraus!“ 80 fil leich del! Diese Gesel punkte der man sieht, 0 zemlic zur im 3. Sund vo Und mit Genossen! 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Seite 3. Beispiel dafür lieferte die Oesterreichische Frauen⸗ zeitung, das Organ der Lueger-Amazonen, die Folgendes über die deutsche Sozialdemokratie zusammenlügt: „Sozialistenehrlichkeit. Im Laufe des Jahres 1900 sind 423 sozialdemo⸗ kratische Konsumvereine in Deutschland krachen gegangen! Dabei wurden nicht weniger als 286 sozialdemo⸗ kratische Genossen wegen Diebstahl und Betrug einge⸗ sperrt. Weiters defraudierten 76 Obmänner von sozial⸗ demokratischen Krankenkassen Geldbeträge in Höhe von 163 534 Mk. Schließlich beläuft sich der Betrag der bei allen von den Sozialdemokraten arrangierten Streikes bestohlenen und durch die Obergenossen verjubelten Gelder(inklusive des Kohlenstreikes) auf 124 468 Mk. Wegen grober Unsittlichkeit wurden 198 Genossen und 12 Genossinnen gerichtlich abgeurteilt! Nach diesem Rezepte wird also die Zukunft der Menschheit zubereitet werden. Wir danken schon im Voraus!“ So führen die Christlichsozialen in Oester— reich den Kampf gegen die Sozialdemokratie. Diese Gesellschaft steht politisch auf dem Stand— punkte der deutschen Antisemiten. Wie man sieht, gleichen die beiden Parteien einander so ziemlich; der unbefangene Beurteiler wird nur im Zweifel sein, welcher er den höchsten Grad von Gemeinheit zuerkennen soll. Und mit solchem Gesindel müssen sich unsere Genossen herumschlagen. Zwei geborstene antisemitische Säulen. Kurz vor Ostern verschwand aus Bitter⸗— feld der antisemitische Agitator und Geschäftsführer des Bundes der Land⸗ wirte, Bruno Kreutz. Mit ihm zugleich verschwanden aber auch 8000 bis 10,000 Mark ihm anvertranter Gelder. Vorigen Donnerstag wurde er in Halle verhaftet. Durch seine Unterschlagungen soll er besonders kleine Bauern geschadigt haben. Die agrarische„Deutsche Tagesztg.“ bemerkt zu dem Falle, Kreutz habe zu den bei den Anti⸗ semiten sehr häufigen Politikern gehört, denen die Politik lediglich Geschäftssache ist. — Ein Zweiter von derselben Sorte, Sekretär der Staatsanwaltschaft in Kottbus, Johannes Krüdecke, machte in Halle einen Selbstmord⸗ versuch. Krübecke war langjähriger Vor⸗ sitzender der Kottbuseruntisemitenpartei. In dieser Eigenschaft leitete er die Versammlungen, in welcher Abg. Liebermann von Sonnenberg über den„Mord in Konitz“ sprach. Es war sein letztes öffentliches Hervortreten. In der Nacht zum Donnerstag versuchte er in Halle a. S., wohin er zu diesem Zweck gefahren war, seinem Leben ein Ziel zu setzen, wie man erzählt, um der Untersuchung wegen Unterschlagungen zu entgehen, mit denen er in Verbindung gebracht worden ist. Der Schuß, den er gegen sich richtete, führte seinen Tod nicht herbei, er wurde verhaftet und zunächst in die Klinik gebracht.— Wird die anttsemitische Presse ihren Lesern von diesen Vorfällen Mitteilung machen? Wir glauben es nicht. Gleich zwei auf ein Mal bedeutet auch scheußliches Pech. * Ueber den erstgenannten Biedermann Kreutz schreibt das„Volksblatt für Halle“: Der Kämpfer für Religion, Ordnung und Sitte ist besonders den sozialdemokratischen Arbeitern im Wahlkreis Delitzsch⸗Bitterfeld bekannt. Herr Kreutz war es auch, der bei der 98er Wahl so kräftig Propaganda machte für den königstreuen, staatserhaltenden, religiösen Herrn Baumeister, dem bekanntlich auch das Reichstags⸗ mandat zufiel, und sich weidlich entrüstete über die un⸗ moralischen Sozialdemokraten, die da teilen und den Bauernstand ruinieren wollten. Besonders der „Jude Singer“ hatte seinen Zorn erregt und oft genug wurde ihm vom sozialdemokratischen Reichstagskandidaten dieses Kreises in den Verfammlungen mit der Gegenrede gedient, daß die Arbeiter sich zehnmal lieber um den Juden Singer, als um den christlichen Kreutz schaaren. Der„Jude Singer“ arbeitet weiter für das Wohl der arbeitenden Klassen und der Christ Kreutz sitzt hinter Schloß und Riegel, um sich baldigst vor dem Gericht zu verantworten, weil er durch seine Unterschlagungen den kleinen Bauer n⸗ stand, für den er in seinen Reden so warm eintrat, geschädigt hat. gerächt, das, was er uns unterschob, dessen ist er nun angeklagt. sonderem Haß auf die proletarische Bewegung werfen. Das Schicksal hat sich an Kreutz So sehen die Leute aus, die sich mit be⸗ 4 Ausland. Fortschritte der Sozialdemokratie in Dänemark. Wir erwähnten in letzter Nummer schon die günstigen Ergebnisse, die bei den Wahlen zum dänischen Abgeordnetenhaus für unsere Partei zu verzeichnen sind. Nachdem nun die genauen Zahlen der für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen bekannt geworden sind, stellt sich der Erfolg noch viel bedeutender heraus; die sozialdemokratische Partei ist die einzige, die seit den Wahlen von 1898 einen Zuwachs an Stimmen zu verzeichnen hat, alle anderen Parteien haben Verluste erlitten. Nach den jetzt vorliegenden genauen Berichten wurden abgegeben für die 1898: 1901: Stimmen Stimmen Radikalen 8072 96 503 Konserbgtidenßn 88 757 5 Sozialdemokraten 31872 42955 eee, 22 260 Soweit hat die Sozialdemokratie 11088 Stimmen- 35 Prozent gewonnen. Dem Verhältnis der Stimmen entsprechend müßten die Radikalen nur 47 statt der ge⸗ wonnenen 73 Mandate erhalten, die Sozial⸗ demokraten aber 22 statt 14; die Konservativen 26 statt 8, die Moderierten 12 statt 15. Als die Sozialdemokratie sich im Jahre 1871 zum erstenmale an den dänischen Wahlen beteiligte erzielte sie ganze 286 Stimmen. Von Wahl zu Wahl stieg ihre Stimmenzahl, die jetzt die oben angegebene Höhe erreichte. Es geht also überall recht hübsch vorwärts, dem Geheul der Rückwärtser zum Trotz! Soziales aus Fraukreich. Den Achtstundentag führte der fran⸗ zösische Handelsminister Millerand für die Arbeiter der Telegraphen⸗ und Telephon⸗ verwaltung in Paris ein. Deutscher Reichstag. Dienstag beganneu die Verhandlungen des Reichs⸗ tags wieder. Präsident Ballestrem begrüßte die nicht sehr zahlreich erschienenen Abgeordneten mit einer herzlichen Ansprache.— Gegenstand der Beratung ist der jetzt endlich eingebrachte Gesetzentwurf betreffend die Versorgung der Kriegsin validen und ihrer Hinterbliebenen. Mit der Grundtendenz der Vor⸗ lage find sämtliche Parteien einverstanden. Die Grafen Oriola und Roon, der erstere nationalliberal, der zweite konservativ, hielten Reden von ziemlich über⸗ flüssiger Länge. Der Zentrumsabgeordnete Dr. Bach em meinte nicht mit Unrecht, daß sich eigentlich unsere Kriegsinvaliden bei den chinesischen Boxern bedanken könnten, da sie ohne dieselben wahrscheinlich noch lange hätten warten können. Eben derselbe Abgeordnete ließ das Gespenst der Wehrsteuer aufsteigen, welche die Mehrheitspartelen bei diefer Gelegenheit einzuschmuggeln große Lust bezeigen. Das schreiende Mißverhältnis in der Höhe der den Offizieren und der den Soldaten ge⸗ währten Zulagen geißelte in gebührender Weise Singer, der ferner, wie die Redner anderen Parteien, auf die Notwendigkeit einer definitiven und umfassenden Regelung des ganzen Pensionswesens hinwies. Die folgenden Redner, der Reichsparteiler Dr. Höffel, die Freisinnigen Beckh und Pachnicke, Prinz Schönaich-Carolath, Dr. Jäger vom Zentrum usw. brachten nichts erhebliches vor Die Vorlage wurde an die Budgetkommission verwiesen“ Krieg in Südafrika. Ueber Dewet wurden in der letzten Zeit Nachrichten verbreitet, die seinen Gesundheits— zustand als äußerst ungünstig bezeichneten, so⸗ gar Dewet als geistesgestört hinstellten. Daran ist kein wahres Wort, selbst englische Zeitungen bezeichnen jene Nachrichten als völlig unbegründet. 5 Friedensverhandlungen sollte der Burengeneral Botha mit Lord Kitchener an— geknüpft haben. Das scheint ebenfalls unrichtig zu sein. Vielmehr wird daran erinnert, daß schon vor Monaten Lord Roberts Botha zu bestechen suchte, indem er ihm eine Jahresrente von 200 000 Mk. anbot, wenn er die Buren zur Uebergabe bestimme. Jetzt wird aus der Umgebung des Präsidenten Krüger mitgeteilt, daß Lord Kitchener sich in derselben Rolle gefällt, wie sein Vorgänger, daß auch er den Versuch gemacht hat, im Auftrage seiner Regierung Botha zu bestechen. Einiger⸗ maßen humoristisch wirkt dabei der Umstand, daß die damals für„Botha-Bestechung“ aus⸗ geworfene Summe sich mit der bezüglichen von heute fast vollkommen deckt; die englische Re— gierung scheint also einen förmlichen Bestechungs⸗ tarif aufgestellt zu haben, und zwar mit ziem⸗ licher Generosität, denn das für Botha ausge⸗ schriebene Lockmittel ist kein Pappenstiel. Botha wird auch diesmal nicht auf den Leim gehen. General Freuch gefangen? Ueber London wurde eine Meldung verbreitet, wonach die Buren, vom Nebel begünstigt, General French mit 500 Mann gefangen nahmen. An amtlicher Stelle wird die Richtigkeit der Mel⸗ dung bestritten.— Freuch ist einer der tüch⸗ tigsten englischen Generale; seine Gefangen— nahme waͤre ein großer Erfolg der Buren. Die Nachricht ist indeß noch unbestäligt. Krieg mit China. Ueber den Tod des Hauptmanns Bartsch fehlen noch genauere Nachrichten. Während es früher hieß, es sei aus ge⸗ schlossen, daß ein Chinese an dem Morde beteiligt sei, wird jetzt ein junger Chinese, Namens Howan, der auch verhaftet ist, als der Mörder bezeichnet. Er sei geständig und rühme sich der That. Er behauptet nach den eingegangenen Telegrammen, der Hauptmann habe ihn auf dem Wege überholt; er, Howan, habe gegrüßt, aber Bartsch habe ihn im Vor⸗ beireiten über den Kopf geschlagen. Darauf zog Howan, wie er weiter erzählt, einen Re⸗ volver ältesten Systems hervor, feuerte und rannte weg. Hauptmann Bartsch verfolgte ihn einige Schritte weit, aber sein Pferd bockte plötzlich; er wurde aus dem Sattel geworfen und stürzte in einen Graben. Das Pferd lief davon. Howan fing es aber mit Hülfe eines anderen chinesischen Spießgesellen— der gleich⸗ falls verhaftet wurde— wieder ein und beide setzten sich darauf. Später wurden sie verhaftet. — Wenn sich die Sache wirklich so abgespielt hat, dann wäre also der Hauptmaun ein Opfer der Hunnenkultur, die er verbreiten wollte. Man des ke: Ein Chinese ist so unkultiviert, den ihm zu Pferde begegnenden deutschen Offizier höflich zu grüßen, und der Kulturhunne zieht ihm dankend dafür einen schmerzenden Streich über den dummen Schädel, um ihm deutsche Höflichkeit und deutsche Bildung aber gleich gehörig plausibel zu machen. Wenn da dem armen Teufel von Chinesen die Galle ins Blut geschossen ist und er aus seiner alten Pistole einen Schuß auf den deutschen Kulturträger abgegeben hat, kann man das warhaftig ver— stehen. — Zurückgekehrt. Mit dem Transport⸗ dampfer„H. H. Meyer“ trafen am Dienstag 834 Mannschaften und Offiziere aus Ostasten ein. Die Meisten wurden alsbald als Reser⸗ visten entlassen. — Kaiser Kwangsu ließ die Vertreter der Mächte wissen, daß er nicht nach Peking zurückkehren könne, bevor die Stadt nicht von den auswärtigen Truppen geräumt sei. — Großer Brand in Peking. In Kaiserpalaste in Peking brach in dem vom Grafen Waldersee bewohnten Teile Feuer aus, das sehr schnell um sich griff. Graf Walder⸗ see konnte sich nur mit Muhe burch ein Fenster seines Asbesthauses retten. Letzteres wurde ebenfalls vernichtet. General Schwarzhoff wird vermißt, man vermutet, daß er umge— kommen ist. Das Feuer brach in der Wohnung des abwesenden Majors Lau enstein aus und ist wahrscheinlich absichtlich angelegt worden. Rechtssprechung. „Aussetzen“ der Arbeit. Oft genug wird Arbeitern von Unternehmern zugemutet, die Arbeit aus irgend einem Grunde eine Zeit lang„auszusetzen“. Vielfach ist das nichts anderes, als eine Entlassung ohne Innehaltung der vereinbarten Kündigungsfrist. Nach einer Teite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Entscheidung des Gewerbe-Gerichtes in Leipzig kann einseitiges Aussetzen der Arbeit nicht stattfinden. Der Steinmetz G. war bis zum 1. April d. J. bei der Firma D. u. T. als Polier thätig gewesen. Von dieser Zeit an sollte G. als Akkordarbeiter thätig sein. G. ist aber nicht ganze drei Tage als folcher beschäftigt worden, sondern es ist ihm eröffnet worden, daß er aussetzen müsse, weil keine Pläne da seien. G. behauptete, daß er gegen das Aussetzen protestiert habe und fordert deshalb 70 Mark Entschädigung für die Kündigungszeit von 14 Tagen. Der Beklagte mußte zugeben, daß Kläger nicht mit dem Aussetzen einverstanden war, er bestritt nur die Angemessenheit der Forderung. Das Gericht verurteilte die Firma zur Zahlung von 56 Mark. In der Begründung des Urteils wurde vom Vorsitzenden Dr. Roth ausgeführt, daß ein festes Arbeits verhältnis nicht ohne weiteres durch Aussetzen beendet werden könne, wenn der andere Teil seine Zustimmung nicht gäbe oder nicht mehr gäbe. In diesem Falle müsse die Kündigungszeit, in diesem Falle 14 Tage, eingehalten werden. Pon Nah und Fern. Sießener Angelegenheiten. K. Buchdrucker versammlung. Sonn⸗ tag Vormittag fand eine von Gießen zahlreich, sowie auch von Grünberg, Friedberg, Nauheim und Alsfeld besuchte Bezirksversammlung des Verbandes deutscher Buchdrucker statt, in der die Delegierten über den Verlauf des Gautages, der an den Osterfeiertagen in Offenbach tagte, Bericht erstatteten. Die Ausführungen der Delegierten fanden den Beifall der Versamm⸗ lung, die ihnen für ihre Thätigkeit und aus⸗ führliches Referat dankte. Nur mit den Er⸗ gebnissen der Generalversammlung der Witwen⸗ und Waisenkasse war man nicht einverstanden. — Schließlich bewilligte die Versammlung 20 Mk. aus der Bezirkskasse für die Glas⸗ arbeiter in Nienburg und Schauenstein. Am Nachmittag trafen sich die auswärtigen und Gießener Kollegen zu geselligem Beisammensein. — Der Tapezierer⸗ Verband, Filiale Gießen, hält am 28. April seine General⸗ versammlung im Wiener Hof bei Löb ab. Der Beginn derselben ist auf Punkt ½9 Uhr festgesetzt, weil sich an die Mitgliederversamm⸗ lung eine öffentliche Tapezierer⸗Versammlung anschließen soll, zu welcher ein auswärtiger Referent erscheinen wird. Mögen deshalb alle im Tapezierer⸗Gewerbe Beschäftigten recht zahl⸗ reich erscheinen! — Eine Bäckerversammlung, in der Genosse Jöst aus Frankfurt unter lebhaftem Beifalle der zahlreich erschienenen Bäcker, die Bestrebungen des Verbandes auseinandersetzte, fand am Mittwoch im„Wiener Hof“ statt. Die überzeugenden Ausführungen des Referenten fanden allseitige Zustimmung.— Der Wirt zur„Stadt Cassel“, Kaplaneigasse, Herr König, bei dem die Bäcker und auch die Buchdrucker bisher ihr Vereinslokal hatten, verweigerte sein Lokal für diese Versammlung. Dem Manne ist Arbeiterkundschaft offenbar unangenehm; es muß deshalb dafür gesorgt werden, daß er von Arbeitern nicht mehr belästigt wird. — Bürgermeister Köhler, Reichs- u. Landtagsabgeordneter ꝛc. ꝛc. stritt sich mit seiner Gemeinde vor dem Provinzialausschuß wegen der Bureaukosten von 752 Mk. jährlich, die ihm seine Gemeinde nicht zahlen will. Die Amtsvergütung wurde ihm aber zugesprochen. Wieseck. Für Wieseck findet die Maifeier am Sonntag den 28. April im Lokale von Adam Ziegler statt. Die Festrede wird Genosse Krumm-⸗Gießen halten. Gesangs⸗ vorträge, Deklamationen, theatralische Auffüh⸗ rungen werden unsern Genossen reichliche und angenehme Unterhaltung bieten. Sorge ein Jeder in seinen Freundes- und Bekanntenkreisen für zahlreiche Beteiligung; angesichts der junker⸗ freundlichen Politik der Regierung ist fester Zusammenschluß der Besitzlosen und entschiedene Betonung unserer Klassenforderungen notwendig! — Samstag, den 20. April wird Gen. Vetters über den hess.Landtagswahlgesetzentwurf sprechen. Autisemiten⸗Versammlung in Hungen. Um die Junker in ihrem Raubzuge auf die Taschen des werkthätigen Volkes nach Möglich⸗ keit zu unterstützen, hatten die Antisemiten, die sich früher einmal als„Volkspartei“ be⸗ zeichneten und im Interesse des Mittelstandes „reformieren“ wollten, sich aber mehr und mehr zu einer Schutztruppe der adligen, brotwucherischen Großgrundbesitzer entwickeln, ihren Anhang mobil gemacht uud eine Versammlung nach Hungen einberufen. Zu der Versammlung, die dort im„Solmser Hof“ am Sonntag statt⸗ fand, hatten sich die Bauern aus der Umgebung zahlreich eingefunden. Herr Köhler führte den Vorsitz und Herr Hirschel hielt das Referat, in dem er natürlich die Getreidezoll— erhöhung als einziges Mittel pries, um„die Landwirtschaft“ vor dem Ruin zu schützen. Vorher ließ man den Großherzog hochleben, ein Zeichen, daß die Herren noch nicht unter die Revolutionäre gegangen sind, wie sie es mehrfach angedroht haben. Wer aber glaubte, daß Hirschel den Bauern das Wesen der Zölle und ihre volkswirtschaftliche und handelspolitische Wirkung einigermaßen auseinandersetzen würde, wenn auch von seinem Standpunkte aus, der war gründlich getäuscht. Seine Rede war nichts als eine wüste Schimpferei auf die Sozialdemo⸗ kraten, die, bezahlt von dem jüdischen Groß— kapital, sich gegen die Forderung der Land⸗ wirtschaft wenden und so deutlich sind, von Brotwucher zu sprechen.(Hirschel sagte dabei nicht, daß er und seine Parteifreunde Böckel und Werner für jüdische Journalisten be⸗ zahlte Berichte lieferten). Die städtischen Arbeiter bezeichnete er ais Abschaum der Bevölkerung; sie lebten herrlich und in Freuden, was er aus Inseraten des Offen⸗ bacher Abendblattes, in denen Wirte ihre Lokalitäten empfehlen, zu beweisen suchte. Schließlich wandte er sich noch dagegen, daß man nach dem hessischen Wahlgesetzentwurf dem Lumpenzeug, das nach Hessen zugezogen sei,(damit meinte er offeubar die Arbeiter) das Wahlrecht geben wolle. Genosse Vetters ergriff hierauf das Wort, um unsere Ansichten über die Getreidezölle darzulegen. Er bemerkte zunächst, daß, so wie das große Kapital auf allen Gebieten den kleineren und mittleren Besitz aufsuche, es auch bei der Zollerhöhung den größten Vorteil haben werde, während der Kleinbauer keinen Nutzen davon habe. Daß unsere Partei die Interessen des Kapitals vertrete, glaube Hirschel wohl selbst nicht. Unerhört sei, daß dieser die städtische Arbeiter, unter denen sich doch auch Söhne von Bauern befänden, als Abschaum der Menschheit bezeichne. Die Arbeiterschaft habe schon jetzt schwer zu kämpfen, die Arbeits⸗ löhne sinken, während Lebensmittelpreise und Wohnungsmieten steigen, letztere durch die Parteifreunde Hirschels in die Höhe getrieben. Hätten die Bauern Nutzen von den Zöllen, so müßten sie seit 20 Jahren, seitdem sie einge⸗ führt sind, etwas gemerkt haben. Getreidezoll⸗ erhöhungen, wie sie von agrarischer Seite ver— langt würden, bedeute allerdings Brot wucher. Vetters wurde oft durch minutenlanges Gebrüll unterbrochen. Dann erging sich der Redakteur vom Offenbacher antisemitischen Blatte noch eine zeitlang in einer niedrigen Schimpferei auf die Arbeiter und unsere Partei. Genosse Busold aus Friedberg sagte Hirschel: er dürfe nicht so verächtlich von den Arbeitern, die ge⸗ zwungen wären, ihren Wohnsitz zu wechseln, sprechen, das könne ihm auch passieren. Sein Blatt könne auch einmal verkrachen wie das Dresdener Antisemitenorgan, daun müsse er auch andere Unterkunft suchen. Hirschel suchte die gemachten Einwendungen zu entkräften, be⸗ hauptete, daß Offenbacher Fabrikbesitzer die Sozialdemokratie unterstützten, konnte aber auf Aufforderung Vetters, keinen Namen nennen. Als Hirschel aus einer von Köhler in Langs— dorf aufgenommenen Statistik Nutzen für die Kleinbauern durch die Zölle nachweisen wollte, rief uns ein Bauer aus Langsdorff zu: das stimmt nicht, Köhler hat allen vorge⸗ sagt, was sie schreiben sollen! Nun, wir wollen uns die Statistik gelegentlich näher ansehen. Natürlich wurde die Refolution für die Zölle gegen die Stimmen unserer Genossen(es waren nur einzelne anwesend)? angenommen und schließlich gröhlte man das berühmte Deutsch⸗ land, Deutschland über Alles! Aus dem Kreise Friedberg. — d. Chinakämpfer gesucht. Bei der Kontrollversammlung in Friedberg fragte Major Peytsch, ob Jemand Lust habe als Nachtschub nach China freiwillig mitzugehen. Nur tadel⸗ lose Leute mit guten Zeugnissen sollten sich melden, damit keine Hunnenbriefe mehr herüber können. Diese Bemerkung nahm man mit allgemeinem Lachen auf, doch meldete sich nicht ein einziger. Baienheim. Hier hat am Mittwoch voriger Woche ein braver Bergarbeiter auf eigenartige Weise sein Leben eingebüßt. die Hecke, wobei er sich durch einen Dornenstich eine Blutvergiftung zuzog, an deren Folgen er Freitag Nacht verschied. Die Teilnahme an dem traurigen Vorfall ist eine allgemeine. Aus Bad Nauheim Man schreibt uns: Als vor einigen Wochen die Nachricht hierher kam, die Regierung beab— sichtige die Errichtung eines staatlichen Badehotels, da bemächtigte sich einer An⸗ zahl Interessenten, Hoteliers usw. eine große Erregung. Sie verstanden es in meisterhafter Weise, weite Kreise unseres Kleinbürgertums, Villenbesitzer und den gesamten Gemeinderat mobil zu machen, ungefähr in derselben Weise, wie die Junker in Sachen Getreidezölle für ihre Interessen zu arbeiten verstehen. Und als dann in der Kammer die Angelegenheit zur Sprache kam, da schrieb der Bad Nauheimer Anzeiger: die und die Abgeordneten waren da⸗ für und auch—„Ulrich, auf den man hier Nicht ein⸗ mal, daß man auch nur an den nationalliberalen Abgeordneten für Bad Nauheim erinnert hätte, der doch nie etwas von sich hören läßt, so großes Vertrauen setzt.“ während man von dem Sozialdemokraten Ulrich unbedingt verlangt, daß er Bad Nauheims Interessen wahrnimmt. Bei der Wahl freilich da sind die Sozialdemokraten nicht Diejenigen, die Bad Nauheims Interessen wahrnehmen und auf die man großes Vertrauen setzt!— Doch zur Sache selbst. nichts gegen die Errichtung eines Badehotels einwenden und wir teilten den Standpunkt des Genossen Ulrich. Heute sind wir jedoch einer anderen Meinung. eine Unsicherheit in unsere Erwerbs⸗ verhältnisse gebracht, die für Hunderte von hier und der Umgegend unheil⸗ voll werden muß, wenn die Regier ung Was die Regierung in Verbindung mit der Kammer seit nicht allen Ernstes eingreift. einer Reihe von Jahren zur Förderung des Bades geschaffen hat, droht innerhalb kurzer Zeit verloren zu gehen. Vor allem muß versucht werden, die Bevölkerung zu beruhigen und dazu gehört auch das Fallen⸗ lassen des Badehotel⸗Projekts. Man wird ohne⸗ hin genug Mühe haben, für den Sommer genügend Fremde heranzuziehen. Aber auch von einem andern Gesichtspunkte empfiehlt sich, den Plan aufzugeben. Einsichtige Sachkenner sowie auch, wie wir gehört haben, hervorragende Bergbeamte, sind der Meinung, daß im Winter vorerst unsere Quellen nach Möglichkeit geschont werden müssen, um sie für den Sommer zu kräftigen, wenn nicht ähnliche Vorkommnisse, wie in diesem Jahre, sich wiederholen sollen. Und dieser Mahnung sollte man nachkommen. Der jetzige Augenblick ist der allerungceeignetste für die Verwirklichung des erwähnten Planes. EXE Im Prinzip ließ sich damals fdet— Die letzten Vorkommnisse haben hier eine Erregung gezeitigt und — 1 50 der Redalt f Algans sol Er schnitt auf dem Frie dhofe Genossen Manusktip natürlich! * S. Strafkami Lehrer Be anderthall lichkeits rig hne die Straff eine aus 60 Mk. K. 2 Aachen mann,! Polizeich keits berge berhaftel. ** G Samstag machers ihren Kell zündete si bemerkten die Ungl Frau ha bersuche Anz 1 am Mittt der Gene welcher s Referat i Sountag wird da hekanntli at, eine sangsbort sih beide zu erfreu „ untional „„der ber eitung“, brffer sichlige, kbequ Provinz cba Agesze 5. 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Vielleicht nehmen auch unsere Ge— nossen in der Kammer Veranlassung, sich ein⸗ gehender über diese Zustände zu unterrichten, damit sie die Regierung auf zweckmäßige Mittel zur Abhilfe der Kalamität aufmerksam machen können. Auch unsere Verwaltungsverhältnisse lassen manches zu wünschen übrig. Doch dar— über ein andermal. . Kleine Mitteilungen. ** Kirchenraub. Sonntag Nacht brachen Diebe in die sog. Waldkapelle von Probbach (bei Weilburg) ein und stahlen den Inhalt der Opferstöcke und auch noch sonstige Gegenstände. Man ist den Thätern auf der Spur. * Gehaussucht wurde am Samstag in der Redaktion unseres Frankfurter Partei- organs sowie in der Wohnung des Redakteurs Genossen Quarck. Die Polizei suchte das Manufkript eines Hunnenbriefes, fand natürlich nichts. f * Schlimmer Jugenderzieher. Die Strafkammer in Darmstadt verurteilte den Lehrer Benjamin Roos von Oberamstadt zu anderthalb Jahren Gefängnis wegen Sitt⸗ lichkeits verbrechen an drei noch nicht vier— zehnjährigen Mädchen. * Wegen Milchpantscherei verurteilte die Strafknammer in Darmstadt zwei Frauen, eine aus Hausen, die andere aus Offenbach zu 60 Mk. Geldstrafe. ** Sittlicher Regierungsrat. In Aachen wurde der Regierungsrat Schnee⸗ mann, der ehemalige Vertreter des dortigen Polizeichefs, unter dem Verdacht, ein Sittlich⸗ keitsvergehen an Kindern begangen zu haben, verhaftet. *r Grausigen Selbstmord beginn am Samstag die 62 Jahr alte Frau des Schuh⸗ machers Zahn in Mainz. Sie begab sich in ihren Keller, übergoß sich mit Petroleum und zündete sich an. Als die Nachbarn den Rauch bemerkten und in den Keller eindrangen, war die Unglückliche bereits total verbrannt. Die Frau hatte früher schon mehrfach Selbstmord⸗ versuche gemacht. Ans dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 18. April 1901. — Maifeier. Zur diesjährigen Maifeier findet— wie aus dem Inserat ersichtlich— am Mittwoch den 1. Mai eine Versammlung der Genossen im Jesbergschen Lokale statt, zu welcher Stadtverordneter Krum m⸗Gießen das Referat übernommen hat.— Am darauffolgenden Sonntag, 5. Mai, von nachmittags 4 Uhr ab, wird dann noch in demselben Lokale, welches bekanntlich eine bedeutende Erweiterung erfahren hat, eine Familienfeier mit Concert und Ge⸗ sangsvorträgen veranstaltet. Hoffentlich werden sich beide Veranstaltungen eines guten Besuchs zu erfreuen haben. 105 — Redaktionswechsel. Die hiesige nationalsoziale„Hess. Landeszeitung“ schreibt: „Der verdiente Leiter der„Hessischen Landes- zeitung“, Chefredakteur Erdmanns⸗ dörffer, welcher dieses Vlatt durch seine um⸗ sichlige, geschickte und in durchaus national⸗ sozialem Geist geführte Leitung weit über das Niveau eines Lokalblattes oder einer kleineren Provinzialzeitung gehoben hat, gedenkt die Redaktion einer in Wilhelmshaven geplanten Tageszeitung zu übernehmen und darum am 15. Mai aus seiner jetzigen Stellung aus z u⸗ scheiden.“ Weiter wird noch mitgeteilt, daß der bisherige Sekretär Wenck die Redaktion . der„Hess. Landesztg.“ übernehmen werde. In der am iskrankenkasse, Mittwoch abgehaltenen General versamm⸗ lung wurde die Jahresrechnung vorgelegt. Dieselbe weist eine Einnahme von insgesamt 51 462.12 Mk. auf. Darunter befinden sich: Zinsen von Kapitalien 892.69 Mk.; Eintritts⸗ gelder 861 Mk.; Beiträge 43 778.99 Mk.; Zurückgezogene Kapitalien 5200 Mk. Die Aus⸗ gaben stellen sich auf 5069 2.69 Mark. Darunter: für ärztliche Behandlung 10 976.80 Mark; Arznei und Heilmittel 5 972,35 Mk.; Sterbegelder 890 Mk.; Krankengelder 18 225 Mark; Wöchnerinnenunterstützung 30 Mark; Kur⸗ und Verpflegungskosten 4720.50 Mk.; Kapitalanlage 5 692.69 Mk.; Verwaltungs⸗ ausgabe 3 387.09 Mk. Das Reservevermögen der Kasse beträgt 28 934,76 Mk. Dem Rendanten Nückel wurde Decharge erteilt, nachdem Herr Bauer die einzelnen Posten der Abrechnung näher erläutert hatte. Für ein ausgeschiedenes Vorstandsmitglied wurde eine Ersatzwahl vor⸗ genommen. Ferner wurde mitgeteilt, daß mit den Aerzten in der näheren Umgebung Mar⸗ burgs ein Vertrag betreffend die Behandlung von Kassenmitgliedern in Vorbereitung be— griffen sei. — Gewerkschaftliches. Auf dem an beiden Ostertagen im„Saalbau“ der Gewerk— schaften zu Offen hach a. M. stattgehabten 12. Gautag des Gaues Frankfurt-Hessen des Verbandes der D. Buchdrucker wurde u. a. beschlossen, den nächsten Gautag hier in Mar⸗ burg abzuhalten. Hoffentlich haben wir bis dahin hier auch ein so großartiges aufs prak— tischste eingerichtete Heim wie die Offenbacher Genossen und Gewerkschaften es sich gemeinsam errichtet haben. Doch wird es für uns wohl bei dem Wunsche bleiben. Arbeiterbewegung. + Die Schreiner in Dar mstadt befinden sich in einer Lohnbewegung. Sie fordern Mk. 3.50 Tagelohn. Möglicherweise kommt es zum Ausstand. * Unternehmerterrorismus. Wie der „Vorwärts“ mitteilte, hat der Bund der Arbeit⸗ geber im Berliner Baugewerbe beschlossen, alle Arbeiter, die den 1. Mai feiern, bis zum Schlusse der Woche aus zusperren. Hoffent⸗ lich werden die Berliner Bauarbeiter die richtige Antwort auf diese Unverschämtheit finden. Partei- Nachrichten. —s. Ein Genosse ermordet oder verunglückt. Aus Coblenz kommt die Nachricht, daß der Schreiner Christian Neu, der am 11. November v. Is. spurlos ver⸗ schwand, als Leiche bei Remagen aus dem Rhein gezogen wurde. Da Ueberzieher und Rock sowie Uhr nebst Kette fehlten, muß ange⸗ nommen werden, daß unser Genosse einem Verbrechen zum Opfer fiel. Seit langen Jahren war Neu in der Partei. Schon vor dem Sozialistengesetz hatte er sich ihr in Frank⸗ furt a. M. angeschlossen und bekleidete den Posten des Bibliothekars im dortigen Partei⸗ verein. Während des Sozialistengesetzes be⸗ teiligte er sich an der gewerkschaftlichen Orga⸗ nisation; mehrfach wurden ihm Vorstandsämter im damaligen Fachverein der Schreiner über⸗ tragen. Er verfügte über nicht unbedeutende literarische und volkswirtschaftliche Kenntnisse; übte auch an allen Parteiverhältnissen gern scharfe Kritik, weshalb er zu sozialistengesetzlicher Zeit von manchem Genossen ganz mit Unrecht als Polizeispion angesehen wurde. Solchem Verdachte war einer zu jener Zeit leicht aus⸗ gesetzt. 1886 traf auch ihn die berüchtigte Weihnachtsausweisung. Zuerst nahm er in Ems, dann in Coblenz Axbeit. Lange Jahre arbeitete er hier in einem Zugjalousie-Geschäft zur großen Zufriedenheit seines Arbeitgebers. Neu war unverheiratet. Ehre seinem Andenken! Inserate für die nächste Nummer, die in einer größeren Auflage hergestellt wird, bitten wir uns rechtzeitig zu überweisen. Die Expedition. Wahlkreis Gießen— Grünberg Nidda. Die von der Konferenz in Daubringen beschlossene, im April abzuhaltende Kreiskonferenz findet Sonntag, den 21. April, Nachmittags 1 Uhr im Lokale des Genossen Orbig in Gießen statt. Tagesordnung: 1. Ausbau der Organisation. 2. Verschiedenes. Die Delegierten werden um pünktliches Erscheinen ersucht. Der Vorstand des Kreiswahlvereins Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 20. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr bei Müller, Hirschberg 12. Abends 9 Uhr bei Jesberg, Wehrdaerweg. Trohe. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Konrad Volk Wieseck. Arbeiterbildungs verein. Abends 9 Uhr Versammlung(nach der Singstunde) bei B. Wacker. Tagesordnung: Delegiertenwahl zur Kreiskonferenz. r ʃͤÜ—— Holzuersteigerungen Montag, den 22. April vormittags 9½ Uhr im Gießener Stadtwald. (Distrikt Neuhege und Haingesboden.) Zusammenkunft an dem Bahnwärterhaus Licherstraße. Zur Versteiger⸗ ung kommen: Eichen-, Fichten⸗, und Kiefernstämme; Eichen⸗ und Nadel⸗Scheitholz und Knüppelholz, Eichen⸗ und Nadelreisig. Dienstag, den 23. April im Gemeindewald Großen linden. Zur Versteigerung kommen: 7 Eichen⸗ u. 12 Fichtenstämme; Eichen⸗ und Fichten⸗Derbstangen; 1130 Eichen⸗, 7040 Fichten⸗Wellen Aus dem Gießener Standesamts register. Aufgebotene. 9. April Karl Herrmann, Schreiner in Darmstadt mit Emilie Volz daselbst. 10. Hermann Hammel. Metzger in Grünberg mit Margarete Klein in Landen⸗ hausen. Andreas Lassen, Tabakspinner in Plön mit Veronika Pospieszynski, Fabrikarbeiterin daselbst. 11. Hermann Heß, Kaufmann dahier mit Betty Höxter in Frankfurt a. M. Ernst Beling, Universitätsprofessor dahier mit Antonie Helm in Darmstadt. Traugott von Bursztini, Hauptmann dahier mit Amalie Haller hier⸗ selbst. 12. Jacob Groß, Eisenbahn⸗Stationsgehülfe in Haiger mit Karoline Kraiker dahier. 13. Ludwig Jung, Postbote hierselbst mit Elisabeth Niederhöfer dahier. Adam Weber, Former hierselbst mit Marie Schneider dahter. Edwin Becker, Repetent hierselbst mit Sophie Gros in Darmstadt. 16. Karl Storck, Lokomotivpheizer hierselbst mit Luise Michel dahier, 17. Martin Hotz, Pfarrver⸗ walter in Ober⸗Gleen mit Luise Albach dahier. Eheschließungen. 13. April: Louis Eisenträger, Schreiner in Lollar mit Juliane Jung dahler. 17. Rudolf Köhler, Hoboist hierselbst mit Charlotte Werner dahier. Geborene. 10. April: Dem Weißbinder Heinrich Stühler II. eine Tochter. 11. Dem Steinmetzen Louis Schmidt ein Sohn. 12. Dem Taglöhner Friedrich Schupp eine Tochter. Dem Taglöhner Christoph Henß ein Sohn. 13. Dem Bäcker Heinrich Sieglinger eine Tochter. 14. Dem Hausburschen Kohrad Heckroth ein Sohn. Gestorbene. 12. April: Anton Henrich VI., 83 Jahre alt, Geometer dahier. 15. Heinrich Feußer, 52 Jahre alt, Fleischbeschauer dahier. 17. Babette Bauer, geborene Bomberg, 48 Jahre alt, dahier. Meine Schnellbesonl- Anstalten befinden sich Wolkengasse 20 dchlossgasse J. Ich bitte meine werte Kundschaft um geneigten Zuspruch. ant 2 Johannes Hecker. Schuhmacher. — Metallarbeiter. Seite 6. Nr. 16, Von Nah und Lern. Elberfelder Militärbesreiungsprozeß. Vor Jahresfrist war ein aufsehenerregender Adel iu Elberfeld verhandelt worden. Es andelte sich um das Freimachen der Söhne wohlhabender Eltern vom Militär, indem die Militärpflichtigen durch Einnehmen von Pillen der verschiedensten Zusammensetzung Krankheiten angaben, die sie nie besaßen. Die zweite Auflage dieses Prozesses begann am Mittwoch vor acht Tagen in Elberfeld. Diesmal sind 33 Per⸗ sonen angeklagt, die das Freimachen vom Militär durch Bestechung bewirkten. Die Hauptangeklagten sind der 67jährige Rentier Hermann Baumann und die 46jährige Wittwe Ernst Dickhoff, welche ein förmliches Bureau eingerichtet und von den übrigen Angeklagten, meist Fabrikanten, Kaufleuten und Landwirten, Geld erhalten hatten, um Militärärzte damit zu bestechen. In die Affäre sind mitverwickelt Oberstabsarzt Dr. Schimmel vom 11. Husaren⸗ regiment in Düsseldorf, z. Z. verhaftet, und der vor 2 Jahren verabschledete Generalarzt Dr. Lindemann, früher in Münster. Die Verhandlung dauert voraussichtlich wochenlang; 209 Zeugen und 17 Sachverständige sind geladen. Die Kaufleute C. W. Tasche jun. und sen., die Habrikanten Heinr. Felde jun. und sen. sämmt⸗ h aus Remscheid, der Drogist Albert Garschagen— wecklingshausen, dessen Vater der Spezereiwaren⸗ andler Albert Garschagen-Remscheid, sowie der luppenschmied Heinr. Hufschmidt⸗Remscheid und dessen Vater der Werkzeugfabrikant Albert Huf⸗ ichmidt gaben zu, mit dem Angeklagten Baumann in Verbindung gestanden zu haben. Die beiden Hufschmidt bekennen, ihm 2000 bezw. 3000 Mark dezahlt zu haben, ferner bekennen dieselben, von Baumann Pillen erhalten zu haben, durch welche Gelbsucht künstlich erzeugt wird. Baumann leugnete hartnäckig, die Zeugen zu kennen. Zur Erwordung des Rittmeisters von Krosigk. Kriminalkommissar von Backmann, der die ersten Ermittelungen zur Entdeckung des Mörders des Rittmeisters von Krosigk leitete, hat dem Kriegsminister Vortrag über die Ergebnisse seiner Untersuchung gehalten. Diese sind nicht so günstig, als man annimmt. Die Berliner Beamten hatten bei der Unbeliebtheit des getöteten Ritt⸗ meisters eine recht schwierige Aufgabe zu lösen. Gegen den zuletzt verhafteten und jetzt wieder freigelassenen Unteroffizier Domning lag so wenig Belastungsmaterial vor, daß der zustän⸗ dige Auditeur sich längere Zeit gegen die Verhaftung des Domning sträubte. Die beiden zuerst Verhafteten, Sergeant Häkel und Unter⸗ offizier Merten, sollen demnächst vor das Kriegs⸗ gericht der zweiten Division in Insterburg gestellt werden, doch rech net man in eingeweihten Kreisen schon jetzt mit einer Freisprechung der Angeschul⸗ digten. Von einer blutigen That eines Priesters wird aus Neapel berichtet: Ein Priester, namens Piekro Potenza in Neapel, wohnte bei einer Witwe mit zwei Kindern. Er versuchte, durch die Reize der schönen Neapoletanerin bestrickt, mit dieser ein Liebes verhältnis anzufangen. Immer nieder von der tugendsamen Frau in seine Schranken zurückgewiesen, drohte er end— lich sie zu ermorden, wenn sie seinen Wünschen nicht nachgebe. Da sich die Aermste der Bru⸗ talitäten nicht mehr er wehren konnte, entschloß jie sich, mit ihren Kindern nach Amerika auszu⸗ wandern. Sofort besorgte sich auch der Priester einen Auswandrerpaß. Nun endlich wandte sich die Frau an die Polizei. Anf dem Weg zur Quästur aber ereilte sie der Priester und schoß sie nieder. Als sich der die Mutter begleiteude Knabe jammernd über den Leichnam warf, tötete er auch biesen durch einen Revolverschuß. l Auf Genossen werbt Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. 1 A Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. 12 Der Herbst sonnte sich auf Thüringens Bergen. Ein Wanderbursche kam von Westen auf der schlecht unterhaltenen Landstraße daher. Wo diese einen Buckel machte, blieb er auf⸗ atmend stehen, lehnte sich mit beiden Händen rückwärts auf seinen Knotenstock und schaute gespannten Auges auf die in geringer Ent⸗ fernung vor ihm liegende Stadt, aus deren altertümlichem Mauernkranz die schlanken Kirch⸗ türme hoch in die blaue Luft ragten. Es war die ehemals freie Reichsstadt Mühlhausen. Dort, auf dem Probach in der Vorstadt von St. Nikolaus, hatte er das Licht der Welt er⸗ blickt. Fünf Jahre lang war er in der Fremde gewesen und weit umhergekommen in dem von unzähligen Herrschaften zerstückten und zerrissenen Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation, von dem auch klügere Leute wie Berthold Helder nicht begriffen, wie es nur noch zusammenhielt. Daß der morsche Bau bei dem ersten harten Stoße zusammenstürzen mußte, fühlte Mancher. Noch aber stand die Welt im Zeichen des Zopfes und Puders, der Schöapflästerchen und des Reifrocks. Dem Wanderbursche hing kein Zopf im Nacken; sein krauses, schwarzes Haar ließ sich nicht bändigen und auch sein Inneres sträubte sich gegen die weibische Mode, die dem Manne den Zopf aufzwang und den Bart verpönte. Nicht das Heimweh führte Berthold Helder zurück. Es war ihm draußen gut ergangen, und in seiner Vaterstadt hatte er kaum etwas anderes erfahren; niemand harrte seiner Wiederkehr. Seine Eltern hatte er früh ver⸗ loren und seine Lehrzeit war nur durch Püffe, Stöße, Faustschläge und Prügel in sein Ge⸗ dächtnis eingegraben. Heute vermochte er wohl mit einigem Humor daran zu denken, wie die Meister das Lehrgeld, das für ihn gezahlt worden, in die Tasche gesteckt und obendrein eine Dienstmagd an ihm erspart hatte. Wasser vom Brunnen holen, Holz spalten, Oefen heizen, Stuben und Werkstätten fegen, Gemüse putzen, die Kinder warten und dergleichen mehr hatten sein Haupttagewerk ausgemacht. Die Schlosser⸗ kunst, in der er unterwiesen werden sollte, war Nebensache gewesen. Ein tüchtiger und ge— schickter Arbeiter in seinem Fache war er erst in der Fremde geworden. Aber ein Gutes hatte die rohe Behandlung durch Meister und Gesellen während seiner vier Lehrjahre dennoch für ihn gehabt. Sie hatten ihm alle Gleichgültigkeit wider Unrecht, Gewalt und Tyrannei gründlich ausgetrieben. Er war inzwischen mündig geworden und nur nach Hause gekommen, um mit dem Vor⸗ munde, der ihm vom Stadtrate gesetzt worden, Abrechnung zu halten. Dann wollte er wieder sein Bündel schnüren. Seiner ernsten Gemüts⸗ art hatte das lebhafte und muntere Wesen am Rhein besonders zugesagt, und er beabsichtigte, dort irgendwo als Meister sich zu setzen. Trotz alledem wurde ihm warm um's Herz, als seine dunkle Augen nun auf der Vaterstadt ruhten. War sie doch der einzige Ort auf der weiten Welt, wo er keiner polizeilichen Erlaubnis be⸗ durfte, um daselbst zu leben und zu sterben — oder auch zu verderben, wenn es das Schicksal so fügte. Aber ihn auch ohne obrig⸗ keitliche Genehmigung zu betreten? Nein, das durfte er nicht, wie er sogleich erfuhr, als er jetzt, das Felleisen auf der linken Schulter, wie es für zuwandernde Handwerksgesellen zünftig ist, an das Thor der Vorstadt von St. Nikolaus kam. Er mußte erst über das Woher und Wohin Red' und Antwort stehen und durch sein Wanderbuch sich ausweisen, bevor ihm der Weg freigegeben wurde. Das spitzsteinige, unebene Straßenpflasten that seinen müden Füßen weh. Die Neugierde ließ es ihn jedoch vergessen und er schaute eifrig links und rechts, während er die Gasse zum inneren Stadtthor hinunterhumpelte. Es hatte sich kaum etwas an den Häusern und Häuschen verändert, die ihre Giebel der Straße zukehrten und die Löwenrachen und Drachen⸗ mäuler ihrer Dachrinnen weit über dieselben vorstreckten. Anders verhielt es sich mit den. Menschen, die ihm begegneten. Mancher kam ihm zwar bekannt vor, allein er war seiner Sache nicht gewiß; Mancher sah ihn auch scharf an, ging dann aber gleichgültig weiter. Es gab nur einen in Mühlhausen, mit dem er be⸗ freundet gewesen. Sie hatten zusammen den Konfirmanden-Unterricht bei dem Prediger an St. Nikolaus besucht, hatten auf der gleichen Bank nebeneinander gesessen und auch bei der 1 8 Einsegnung Seite an Seite vor dem Altar ge⸗ standen. kommen, er zu einem Schlosser und Leo Weigand zu einem Tuchmacher, und die harte Zucht hatte sie nur selten einmal des Sonntags zu⸗ einander kommen lassen. Als er auf die Wanderschaft gegangen, hatte Leo Weigand ihm den Ranzen bis weit vor die Stadt, auf Frankenhausen zu, getragen. Er sah ihn wieder deutlich vor sich, den Goliath, das war sein Spitzname gewesen, weil er, seinem Alter vor⸗ ans, gar mächtig in die Höhe geschossen war. Was wohl aus ihm geworden sein mochte? Auf die Wanderschaft war sicher auch er ge⸗ gangen, aber vermutlich schon längst wieder daheim. Ah, da war des Goliath Vaterhaus mit dem Wahrzeichen der Färber! Es lag in der Nähe des inneren Stadtthores und war ein gar eng Gehäuse, nur drei Fenster breit und zwei Geschosse hoch. Wie müde lehnte es sich an seinen Nachbar; der verwitterte Giebel mochte, wie der zernagte Thorturm, der Jahr⸗ hunderte manche überlebt haben. Berthold be⸗ trachtete es eine kleine Weile. In den beiden Fenstern neben der Hausthür blühten Reseda und Gelbveigelein, ein menschliches Wesen ließ sich nicht blicken. Plötzlich kam ihm der Einfall, daß er sich, ebensogut wie später, sogleich nach dem Jugendfreunde erkundigen könnte. breiten Stirn und klopfte an die Stubenthür. Es blieb still. Schon wollte er sich entfernen, als die Thür sich aufthat und in dem Rahmen ein schlankes blühendes Mädchen erschien, das die Hand nach ihm ausstreckte, um ihm einen Zehrpfennig zu reichen. Er trat mit glühendem Gesicht zurück. Es war aber wohl weniger das Almosen, das die Glut entzündete, denn er hatte um ein solches während seiner Wander⸗ jahre ja manches liebe Mal an die Thüren klopfen müssen, war, wie der Kunstausdruck lautete, auf die Fahrt gestiegen, als der Anblick des hübschen Kindes. Nun errötete dieses bis zu den braunen Flechten, welche die weiße Stirn umkränzten. „Die Jungfer ist gar gut,“ stotterte er. „Aber es ist mir nicht um's Fechten. Ich wollte blos was fragen.“ (Fortsetzung folgt.) Zur Gesundheitspflege der Schulkinder. Ueber diesen Gegenstand veröffentlicht Dr. N. Ohne mus in unserem Harburger Partei⸗ organ eine längere Abhandlung, die den Eltern, deren Kinder jetzt in die Schule aufgenommen wurden, wertvolle Winke giebt und die deshalb entschieden Beachtung verdient. Wir entnehmen derselben Folgendes: Die allgemeine Erfahrung hat festgestellt,. daß Kinder vor dem vollendeten sechsten Lebens⸗ jahre in der Regel noch nicht die genügende körperliche und geistige Reife erlangt haben, um ohne Schaden für ihre Gesundheit Schul⸗ unterricht zu empfangen. Wie zahlreiche Messungen ergeben haben, zeigt bis zu diesem Alter das Gehirn, das Organ des Geistes, eine sehr rasche Zuuahme an Maß und Gewicht, Dann waren Beide in die Lehre ge⸗ Er trat deshalb ins Haus, nahm den kleinen Dreispitz ab, strich das schwarze Kraushaar aus der — . n 3— . 2 Frschlaffunt Finder pfleg Fßrgeßige die Kleinen Juahre pit Schreiben licht erreg der kleine Pelt so bie Ind zu iht Thätigkeit sch selbst! baun, jai als vorwa vor dem übungen, viel Ru an solche ß;urderlich stehen; und Anl. Gewöhnu liches An Itt ei körperlich Fehlern b beginn lie lich ratsar englischer sind; 2. d eupfiehlt se ö Bei in meinem Nr. 16 denpsas le bel e fan Nr. 16. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. „ Maute die Gate“ während es in den folgenden Jahren nur lang⸗ zur Schule haben; 3. deren Eltern Lungen- Schule mitnehmen. Das Tragen derselben all.(3 sam und verhältnismäßig wenig zunimmt. schwindsucht, schwere Geistes⸗ oder Nerven- stets rechts unter dem Arm oder in der Hand Aer u Auch das Längenwachstum des ganzen Körpers krankheiten aufweisen. befördert durch einseitige Belastung die Ent⸗ Shah, pflegt um diese Zeit nur langsam fortzuschreiten. Unter den kleinen Schulkindern giebt es stehung von Rückgratsverkrümmungen und Drache. Jetzt hat das Kind den nötigen Vorrat an pspychisch überzarte Geschöpfchen, welche weinen[Schiefwuchs. Gerade in den unteren Klassen 8 diebe körperlichen und geistigen Kräften gesammelt, und zittern, wenn die Stunde kommt, da sie setzen die Kinder eine besondere„Ehre“ darein, mit den um durch einen regelmäßigen Unterricht nicht zur Schule gehen sollen. Aengstlich schmiegen einen großen Bücherpack zu haben. Auch sind cher an, mehr geschädigt zu werden. Die Schule er⸗ sie sich an die Mutter und sind nicht von ihr die Mütter oft mit schuld daran, indem sie war seine fordert ziemlich viel Widerstandskraft durch wegzubringen. Hier spreche man zunächst mit dem Kinde sagen:„Nimm doch lieber die paar auch hn den stundenlangen Aufenthalt in geschlossenen dem Lehrer, ob sie auch sonst in der Schule Bücher alle mit, wenn Du nicht genau weißt, eiter. 6 Räumen mit ost recht wenig guter Luft, durch so weinerlich sind, und mit dem Arzt, ob ein] welche ihr braucht.“ Die Breslauer Schul⸗ dem er de. die Aufmerksamkeit beim Unterricht und die organisches Leiden vorliegt. Ist dies der Fall, behörde hat sich s. Z. veranlaßt gesehen, hier⸗ Amen den damit verbundene Geistesanstrengung endlich so schone man die Kleinen noch ein Jahr, im über ein Mahnwort an die Eltern zu richten. kebigeregg auch durch die Aufregung bei Lob und Tadel anderen Falle lasse man sie regelmäßig durch[Es wäre ganz gut, wenn die Lehrer von Zeit r gleichen des Lehrers. befreundete Schulkinder abholen und wende zu Zeit die Schultaschen revidierten, damit die ich Ni de Aerztliche und pädagogische Erfahrung mehr freundliches Zureden als Strenge an, Kinder sich nicht schwerer bepacken als nötig ist. Altar g. stimmten darin überein, daß nach vorzeitiger gebe ihnen aber nie nach und behalte sie nicht Von den Büchertaschen sind nur empfehlenswert Lehre g, Anspannung des kindlichen Geistes meist baldige ein einziges Mal zu Hause. i f die Tornister, welche mittels nicht zu harter 0 Weigan) Erschlaffung eintritt; die zu früh unterrichteten Der Morgenunterricht sollte bei den kleinen und zu schmaler Riemen über beide Schultern arte uch Kinder pflegen blaß, nervös, schläfrig zu werden. Abe⸗Schützen auch im Sommer nicht vor 8 Uhr geschnallt werden. In den meisten Berliner untagz zy Ehrgeizige Mütter mögen dies beherzigen und beginnen. Elf Stunden Schlaf müssen in jenem Mädchenschulen ist diese Rückenmappe, der auf d die Kleinen nicht schon im vierten oder fünften Alter als naturgemäß gefordert werden, aber„Ranzen“, schulbehörlich vorgeschrieben. hand ihn Jahre privatim zu Hause mit Lesen und vor 8 Uhr abends kann man sie doch nicht in's Undenklich vieles muß man bei den zarten Stadt, n Schreiben quälen. Das kindliche Gehirn ist Bett bringen, und morgens müssen sie mindestens Abc⸗Schützen bedenken und berücksichtigen, damit ihn wenn. leicht erregt aber auch leicht erschöpft. Da nun 1 Stunde vor Schulbeginn aufstehen. Denn sie körperlich und geistig nicht Schaden leiden. nok seh der kleine Erder bürger in der ihm noch neuen da soll das Kind ausgiebig, womöglich am Bei diesen kleinen Lieblingen ist das Versäumte Aller bn, Welt so viel zu sehen, zu betrachten, aufzufassen ganzen Körper, kühl abgewaschen werden, es später nur sehr schwer wieder einzubringen, die ossen wal und zu thun findet, ist sein Vorstellungs⸗ und soll schon selbst anfangen sich anzukleiden, seine wirklichen Schäden sind fast nie mehr gut zu in noc Thätigkeitstrieb so rege, daß man ihn getrost Zähne zu putzen, soll ohne Hast frühstücken, machen. Mögen dies alle Eltern beherzigen zu uc tr ge sich selbst und der Schule des Spiels überlassen die sonstigen natürlichen Bedürfnisse sollen be- ihrem und ihrer Kinder Nutz und Frommen! gst wiede kann, ja 11 1 1 ng, Ale 1 0 5 1 e 1 Trab zurück⸗ Vaterbant als vorwärts treiben und anregen muß. o gelegt werden. Gesundheit ganz zu ver⸗ ü itati 8 ela u vor dem Schulanfang keine häuslichen Vor⸗ werfen, ist jene in manchen Gegenden herrschende e e e e und 10 übungen, aber aller sorgfältigste Körperpflege, Sitte, die oft von weiteren Wegen erhitzten lung Vorwärts, Berlin Beuthstr. 2, eine lehrreiche aer bel viel Ruhe und Schlaf, sowie Gewöhnung oder durchnäßten Kinder vor Beginn des Früh⸗ Schrift: Handelspolitik und Sozialdemo⸗ 4 kite 6 an solche Eigenschaften, welche in der Schulzeit unterrichtes in die Kirche zu senden; mit Recht kratie. Von Karl Kautsky, welche eine äußerst 74 Giebe förderlich sind: Morgens rechtzeitig es Auf- hat die Elsaß-Lothringsche Schulkommission da- populär geschriebene Darstellung der ganzen handels⸗ N 0 stehen; sorgsältiges, nicht überhastetes Waschen vor gewarnt. Sonst ist es ganz gesund, wenn politischen Streitfragen giebt. Alle die schwierigen den 5 und Ankleiden; langsames, ruhiges Frühstücken; die Kinder vor und nach dem Schulunterricht Fragen: Schutzzoll, Freihandel, Finanzzölle, Agrarzölle, fathalde Gewöhnung an aufmerksames Juhören; deut⸗ etwa 20 Minuten gehen müssen. Dabei ver⸗ Hand lsbilanz, Haudelsverträge usw. werden in ihren den aun liches Antworten, klares Sprechen. weichliche man sie nicht mit Halstüchern und h 15 wirtschaftlichen Zusammenhängen in n ee Ist ein Kind mit vollendetem sechsten Jahre Ueberziehern; letztere sind nur bei Schnee und 1 ee e 1 5 5 Asen körperlich oder geistig noch zu schwach oder mit Frost notwendig. Aber Regenschirm und Ueber- Und damit die Schrift. ue e deu U, Fehlern behaftet, so warte man mit dem Schul⸗ schuhe sollten bei nassem Wetter stets mitge⸗ und Aufklärung über diese schwierigen Fragen schaffen gleich aa beginn lieber noch ein Jahr. Das ist nament⸗ nommen werden, und zu Hause sind die könne, ist der Preis für die Agitationsausgabe der 96 „„an lich ratsam bei Kindern, 1. die mit Tuberkulose, Strümpfe zu wechselu. f Seiten starken Schrift auf nur 30 Pfg. festgesetzt worden. 1 Drei englischer Krankheit oder Skrofulose behaftet Nicht unbedenklich ist oft die Menge und Vereine, Agitationskomitees können in größeren Partien . beni sind; 2. die mehr als eine halbe Stunde Schwere der Bücher, welche die Kinder zur zu Agttationszwecken die Schrift noch billiger erhalten. tubenthül, entfernen, 8 5 q N 8 5 85 2 em Rahmen 8 592 Das Möbel- Betten⸗u. Ausstattungs⸗Geschäft ihm eines. 5 glühenden N 8 N l wenige 225 1 25 erer er Wande ä die Thule ausdrül er Anbli 0 dieses bi beiße Stil ttotterte d. empfiehlt sein reichhaltiges Lager einem verehrlichen hiesigen und answärtigen Publikum bei eintretendem Bedarf zur gefälligen Benutzung. 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