. Nr. 42. d Aedieng b eisen und 6 4 0 Eießen, Sonntag, den 20. Oktober 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. FJonnt Mitteldeutsche Nedaktiousschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 2 * Abounementspreis: Die Mitteldeutsche — Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. ügs⸗ Zeitung Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) — —.—— Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindesteng Volksgesundung und Lebensmittel⸗ zölle. In welche schweren Widersprüche uns die agrarische Hochschutzzollpolitik hineinträgt, dafür werden von Tag zu Tag mehr Beispiele offenbar. Kürzlich kam aus Centrumskreisen die Anregung, die vorauszusehenden Mehrerträge aus den höheren Lebensmittelzöllen zur Witwen- und Waisenversor gung zu verwenden. Daß man dabei mit der einen Hand weit mehr weg⸗ nimmt, als man mit der anderen Hand geben kann, ist selbstverständlich, ganz abgesehen von allen anderen, einer solchen„Sozialpolitik“ ent⸗ gegenstehenden Gründen. In den letzten Wochen ist nun wiederholt aus ärztlichen Kreisen darauf hingewiesen worden, welche Bedeutung die Lebensmittel verteuerung für die Gesundheitspflege und die Volkshygieine hat. Hierbei kommt in erster Linie in Betracht die große Volkskrankheit Tuberkulose. Welch' eine verheerende Wirkung die Tuberkulose in unserem Volke anrichtet, dafür ist erst in neuerer Zeit nach und nach das Verständnis gewachsen, vor allem dank den wohlthätigen Bestrebungen weiter Kreise, die auf die Errichtung von Volks⸗Lungenheilstätten abzielen. In welcher Weise diese Bestrebungen durch die Lebensmittel⸗ verteuerungspolitik berührt werden, das kann man schon jetzt annähernd ermessen, wenn man den folgenden Passus aus dem Bericht des Generalsekretärs des deutschen Centralkomitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungen⸗ kranke, Dr. Pannwitz(„Der Stand der Tuber⸗ kulosebekämpfung im Frühjahr 1901“), liest: „Mehrfach ist eine Erhöhung der Pflegekosten, die in der letzten Zeit vielfach in Krankenhäusern vorgenommen wurde, auch in Lungenheilstätten eingetreten. Die allgemeine Steigerung der Lebensmittelpreise fällt für die letzteren deshalb noch mehr als bei gewöhnlichen Krankenanstalten ins Gewicht, weil das hygieinisch⸗diätetische Heilverfahren in erster Linie mit auf einer sehr reichlichen Ernährung jedes Einzelnen beruht, bei der namentlich die teueren eiweißreichen Nahrungsmittel, wie Fleisch und Milch, obenan stehen. Wird doch in Volksheilstätten per Kopf und Tag durchschnittlich ein Pfund Fleisch und zwei Liter beste Vollmilch gerechnet. Bisher ist fast allgemein in deutschen Volksheilstätten der Tagespflegesatz auf 3 Mk. normiert gewesen. Nur einige wenige verlangten, lokalen Ver⸗ hältnissen eutsprechend, schon jetzt 3.50 Mk. Wenn eine Erhöhung auch anderwärts auf die Dauer nicht zu vermeiden sein sollte, was für Volksheilstätten im Interesse der Verallge⸗ meinerung des Heilverfahrens freilich sehr zu bedauern wäre, so wird auch dieser Umstand dazu beitragen, daß man noch mehr als bisher auf die Schaffung von Nachkuranstalten mit ländlichem Betriebe bedacht ist, in denen die durch die Kur in der Heilstätte hin⸗ reichend Gebesserten unter im übrigen gleich günstigen Unterkunfts⸗ und Befähigungsverhält⸗ nissen billiger verpflegt werden könnten“ In Masius' Rundschau werden die obigen Ausführungen von Gollmer besprochen und mit folgenden Bemerkungen versehen:„Abgesehen pon der Andeutung, daß durch eine Steigerung der Leben⸗mittelpreise die Verallgemeinerung der Heilstättenfürsorge gefährdet sei, interessiert es hier vor allem, zu erfahren, daß Pannwitz als Geschäftsführer des deutschen Central⸗ komitees die reichliche Ernährung mit Fleisch und Milch als einen der wesentlichsten Faktoren des hygieinisch⸗diätetischen Heilverfahrens aner⸗ kennt. Und dabei hat man noch nie gehört, daß auch nur eine der zahlreichen einflußreichen Persönlichkeiten im Präsidium und im Ausschuß des genannten Komitees es gewagt hat, an maßgebender Stelle es als eine Versündigung am Volkswohl sondergleichen zu bezeichnen, wenn die Versorgung der breiten Volksschichten mit den notwendigsten Nahrungsmitteln irgend⸗ wie auch nur erschwert wird.“ Diejenigen hervorragenden Kreise, die sich in so verdienstlicher Weise um die Bekämpfung der Tuberkulose bemühen, müssen gegen die geplante Lebens mittelverteuerung Stellung nehmen, wenn sie ihre Aufgabe ernstlich durch⸗ führen wollen. Wir sind überzeugt, daß in jenen Kreisen zahlreiche verdienstliche Männer und Frauen sich befinden, die sich bei näherer Beschäftigung mit dieser Frage der Wahrheit nicht verschließen werden, daß man nicht auf der einen Seite die das Volk bedrohenden Seuchen durch Heilstätten bekämpfen kann, wenn man auf der anderen Seite durch Verteuerung der notwendigsten Nahrungsmittel denselben Seuchen Vorschub leistet. Ein Aufruf unseres Parteivorstandes weist auf die zum 26. November bevorstehenden Beginn der Reichstagssession hin, nach welcher sofort der Kampf um die Zölle entbrennen wird. „Der Erfolg des Kampfes, heißt es da, hängt wesentlich von der Unterstützung ab, die das Volk der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages angedeihen läßt. Einen großen Erfolg hat der Kampf gegen die Lebensmittel⸗ verteuerung bereits aufzuweisen. Große Massen katholischer Arbeiter haben sich der Volksbe⸗ wegung angeschlossen und gegen die zweideutige Haltung des Zentrums Stellung genommen. Diese Vorgänge bereiten dem Zentrum große Sorge. Denn ohne die Unterstützung der katho⸗ lischen Arbeiter kann das Zentrum seine Stellung als ausschlaggebende Partei nicht behaupten. Der betretene Weg muß eingehalten und weiter verfolgt werden. Deshalb ist es notwendig, daß die Partei⸗ genossen mit der Sammlung der Uuter⸗ schriften für die in Umlauf gesetzten Petitionen gegen den Brodwucher in allen Volkskreisen fortfahren, dabei insbesondere die katholischen Arbeiter auf die volksfeindliche Haltung des Zentrums aufmerksam machen. Nur dann, wenn der Unwille und der Zorn des Voltes über die Lebensmittel verteuerung millionenfach und ohne Unterlaß den offenen und verkappten Ausbeutern in den Ohren gellt, werden die wankelmütigen Volksvertreter der Stimme des Volkes Gehör schenken.. Nach den getroffenen Dispositionen ist es die Absicht des Vorstandes der sozialdemokrati⸗ schen Fraktion, dem Reichstage sofort nach seiner Eröffnung den Protest des deutschen Volkes gegen den Brodwucher durch Ueberreichung der in Umlauf befindlichen Petitionen zu notiftzieren.“ Der Parteivorstand ersucht deshalb die Ge⸗ nossen, dafür zu sorgen, daß die in Umlauf befindlichen Petitionslisten bis spätestens 31. Okt. an die Adresse: Buchdruckerei Max Bading, Berlin SW., Beuthstraße 2 eingesandt werden können, da das Ordnen, Zählen, Sichten und e der Listen längere Zeit in Anspruch nimmt. politische Hundschau. Gießen, den 17. Oktober. Der Tabak soll noch mehr bluten. Gegenwärtig hat der Tabak schon einen ganz gehörigen Zoll zu zahlen. Ausländischer muß 85 Mk. für den Doppelzentner Zoll ent⸗ richten, während von dem im Inlande erbauten Tabak 45 Mk. Steuer für den Doppelzentner erhoben werden. Angesichts dieser hohen Be⸗ lastung ist ja auch im Zolltarifentwurfe von einer Erhöhung der Tabakzölle Abstand ge⸗ nommen worden. Aber daß die Tabakkonsu⸗ menten ungerupft davon kommen sollten, paßt den Agrariern nicht; der Bund der Landwirte agitiert deshalb für eine Erhöhung des Zolles von 85 Mk. auf 125 Mk. für den Doppelzentner und auch die Versammlung der hessischen Agrarier in Darmstadt Mitte September trat für die gleiche Erhöhung ein. Und in der bayrischen Kammer kündigte Minister v. Feilitzsch an, die bayerische Regierung werde im Bundesrat den Antrag stellen, daß„die Position des Tabak⸗ zolles auch etwas erhöht werde.“ Wenn aber die Zollerhöhung eine Vermehrung der im In⸗ lande erzeugten Tabakmenge bewirkt— und das wollen ja die Agrarier— so bedeutet dies einen Verlust für die Reichskasse, weil die Inlandssteuer noch nicht den vierten Teil des Ertrags liefert als der Tabakzoll. Gegenwärtig beträgt die Inlandsproduktion nur etwa 25000 Tonnen, die Einfuhr dagegen 60 000 Tonnen. Die Inlandssteuer bringt dem Reich nur 12 Millionen, der Tabakzoll dagegen 53 Millionen Mk. Wird der, Schutzzoll noch erhöht, so bedeutet jeder Doppelzentner Roh⸗ tabak, dessen Produktion im Inlande an Stelle einer bisherigen Einfuhr tritt, einen Verluft für die Reichskasse um 40 Mk. Es kanm sich also in diesem Falle ein ganz beträchtlicher Ausfall für die Reichsfinanzen ergeben. Dabei klagen die Minister über die schlechte Finanz⸗ lage des Reiches! Das hindert sie aber nicht, piele Millionen im Sonderinteresse einer kleinen Anzahl von Tabakbauern preiszugeben. Sozialdemokratischer Wahlsieg. Bei den Stichwahlen zum Landtag in Reuß j. L. wurden unsere beiden Genossen Fiedler und Böttger gegen nationalliberale Gegner gewählt. Unsere Partei besitzt damit in diesem 16 Abgeordneten zählenden Landtage vier Mandate, vorher waren wir nur durch drei Abgeordnete vertreten. Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen hat sich bei den Landtagswahlen in Baden ergeben, trotzdem uns zwei Mandate verloren gingen. Gegen die letzte Wahl stiegen sie in Sts. 2 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42. dem verlorenen Karlsruhe um 1500, in Pforzheim Stadt um 600; in Lörrach, wo bei der Reichstagswahl nur 458 sozialistische Stimmen fielen, standen 645 sozialdemokratische Urwähler 619 gegnerischen gegenüber; gleichwohl hatten wir nur 18, jene 32 Wahlmänner; im stockkatholischen Schwarzwald⸗Industrieorte Furtwangen erzielten wir 300 Stimmen, doppelt soviel als 1897, das Zentrum 383. In Durlach⸗Land haben wir mit zirka 1500 Stimmen die relative Mehrheit. In Lörrach⸗ Land sind zum erstenmale eine Anzahl sozia⸗ listischer Wahlmänner durchgebracht, andere er⸗ zielten starke Minderheiten— Es geht überall ganz hübsch vorwärts! Die Abgeordneten wahlen zum sächsischen Landtage fanden am 11. Oktober statt. Ihr Ergebnis entsprach natürlich dem Ausfall der Wahlmänner⸗ wahlen; es wurden 20 Konservative, 7 National⸗ liberale und 2„Fortschrittler“ gewählt. Was das für eine Sorte„Fortschritt“ ist, den die beiden Letzteren vertreten, geht daraus hervor, daß der eine davon sich der konservativen Frak⸗ tion angeschlossen hat, der andere dem Bunde der Landwirte angehört!— Wirklich, eine nette „Volksvertretung“! Die letzten Wahlen haben aber gezeigt, daß der Unwille über das Drei⸗ klassenwahlrecht und die Wahlrechtsräuber im Wachsen begriffen ist und hoffentlich wird der Volkszorn die Klassengesetzgebung eines schönen Tages hinwegfegen. Der freihändlerische Antisemit. Die in der letzten Nummer von uns er⸗ wähnte Proklamation des Reichtagsabge⸗ ordneten für den Wahlkreis Gießen, Bürger⸗ meister Köhler von Langsdorf, hat natürlich bedeutendes Aufsehen erregt, allerdings nicht in einem von ihrem Verfasser erwünschten Sinne. Niemand nimmt die tönenden Redensarten ernst, man faßt das Dokument humoristisch auf. Was soll man auch dazu sagen, wenn Köhler„seine Bauern“ feierlich beschwört, sich nicht auf Andere zu verlassen: erstens nicht auf die Beamten, zweitens nicht auf die evangelischen Pastoren, drittens nicht auf die Gelehrten, besonders nicht auf die Professoren, die meistens über⸗ geschnappt seien vor lauter Weisheit, viertens nicht auf die Industriellen, denn sie sind zu egoistisch, fünftens nicht auf die Hand⸗ werker, denn„sie sind zu sehr geistig be⸗ schränkt“, sechstens nicht auf die Kaufleute, denn sie sind fast alle unsere heftigsten Feinde. „So stehen wir Bauern denn einer Welt voll bewußter Feinde, verhetzter Dummköpfe, übergeschnappter Professoren, gewis⸗ senloser Egoisten und Streber gegen⸗ über. Verlassen von aller Welt wie die Buren, kommen wir dann endlich wohl selbst zu der Idee, daß ein solches Gemeinwesen uns lieber heute gestohlen werden möge als morgen, und ein Mittel dazu wäre der gänz⸗ liche Freihandel. Würde mir Jemand dazu nunmehr die Hand bieten, ich würde der eifrigste Verteidiger des Freihandels werden.“ Köhler legt alsdann dar, wie der Freihandel Vorteil für den Bauernstand überall mit sich bringe; aber das Deutsche Reich werde nicht gut dabei fahren. Wir meinen, Jemanden zu finden, der für den Freihandel eintritt, kann nicht schwer sein, wir wären unter Umständen in der Lage Herrn Köhler behilflich zu sein. Fraglich ist aller⸗ dings, ob Jemand einen so unzuverlässigen Kantonisten„die Hand bitten“ würde.— Was sollen den aber nun die Bauern sagen, denen Herr Köhler stets die höchsten Schutzzölle als Allheilmittel hinstellte, wenn er nun auf ein⸗ mal den Freihandel als gut und nützlich für die Bauern anpreist? 2— Während alle Welt über das Köhlersche Pronunziamento lachte, fühlten sich einige Pastoren gekränkt und machten ihrem Groll im„Gieß. Anz.“ Luft. Einer meint, Köhler und seine Freunde sollten„dem Bauer das Beispiel in einer rationellen Wirtschaft geben“ d. h. Köhler verstünde nichts von der Land— wirtschaft. Das hat er nun davon Antisemitische Vaterland, tiebe und Königstreue. Unsolid wie alles bei den großmäuligen Urteutschen ist auch ihre in aufdringlicher Weise bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit beteuerte Treue zu Fürst, Kaiser und Reich; auch mit ihrer Vaterlandsliebe siehts höchst windig aus. Diese Tugenden üben sie blos, wenn sie dafür angemessen entschädigt werden; ihre monarchische Gesinnung ist stärker oder schwächer, je nachdem sie dadurch mehr oder weniger materielle Vorteile einheimsen. Genau so wie die württembergischen Agrarier den Grad der Anhänglichkeit und„unwandelbaren Treue“ zu ihrem angestammten Herrscherhause nach den Zolltarifsätzen bemessen, zu denen sich die Re⸗ gierung verstehen will, so werden demnächst die essischen Antisemiten einen Preiskourait für ethätigung vaterländischer Gesinnung heraus- geben. Auf dem Leipziger Parteitage der Partei der dummen Kerle drohte nämlich gar fürchter⸗ lich der Offenbacher Kämpe Reuther: „Wenn hier immer so sehr der monarchische Geist betont wird, der uns beseelt, so muß ich doch sagen, daß derselbe bei uns in Hessen nicht vorhanden ist. Die Liebe zum Vaterland wird und muß in uns Hessen ertötet werden, wenn wir sehen müssen, wie densozialdemokratischen Volks- vertretern Audienzenbewilligt werden, wie unser Landesfürst die Sozialdemokraten aufsucht und wie sie karessirt werden, während wir Bauern Not leiden. Darum müssen wir in erster Linie verlangen, daß der nationale Geist auch an der Stelle, wo gegenwärtig ein anderer Geist— ob jüdischer oder euglischer, ist gleichgiltig— herrscht, wieder zum Durch⸗ bruch gelange, ehe wir wieder zu einem Verständnis für die monarchische Entwicklung gelangen.“ Also die antisemitischen Patent⸗ Patrioten kündigen auch ihr Loyalitätsgefühl! Und das Alles aus Aerger über die halbstündige Unter⸗ redung des Großherzogs mit dem Abgeordneten Ulrich! Der Unwille der biederen Teutschen ist aber ganz berechtigt. Wenn man das ganze Jahr in Byzantinismus das Menschenmögliche leistet, in den Versammlungen sich die Kehle durch die Hochs auf den Fürsten wundschreit, sich noch schließlich mit Gesetzentwürfen abquält, welche die Erhaltung des Thrones für die regierende Familie bezwecken sollen— und dann solche Undankbarkeit! Das ist allerdings zum republikanisch werden!— Und wir Verstockte empfinden angesichts der fürstlichen Bevorzugung noch nicht einmal Freude! Wir schreien nicht Hoch und ob uns irgend eine hohe Person als brave Kerle oder vaterlandslose Gesellen be⸗ zeichnet, ist uns tout meme chose— vollständig Schnuppe! Ein prügelnder Landesvater. Liebe und getreue Unterthanen pflegen selbst in den eigentümlichsten Neigungen und Launen ihrer angestammten Herrscher von Gottes Gnaden fürstliche Tugenden zu erblicken. Meist finden sich auch vaterländisch gesinnte Geschichtsschreiber, welche die Ruhmes⸗ und andere Thaten der diversen gekrönten Häupter gewissenhaft auf⸗ zeichnen, damit sie der Nachwelt überliefert werden. So saugt die Schuljugend schon während ihr mühsam das A BC beigebracht, wird,„Liebe zum Herrscherhause“ und„gute Gesinnung“ ein. Was aber jetzt von dem Herrscher über das große Reich Reuß ältere Linie berichtet wird, dürfte sich kaum zur Auf⸗ nahme in das Ruhmesregister eignen. Dieser gefällt sich nämlich in der Rolle eines Büttels, indem er Kinder in seiner Gegenwart prügeln ließ oder auch selbst prügelte. Wie er dazu kommt, teilt die Erfurter„Tribüne“ in Fol⸗ gendem mit: Es kommt wie anderwärts auch in jenem gelobten Lande manchmal vor, daß Kinder, die eben das strafmündige Alter— 12 Jahre— erreichten, sich irgend ein Vergehen zu schulden kommen lassen, das durch den Richter mit einer mäßigen Gefängnisstrafe geahndet wird. Es ist erklärlich, daß die Eltern solcher Kinder oft den lebhaften Wunsch hegen, dieselben vor dem Gefängnis bewahrt zu sehen und sich deshalh an den Landesherrn um Begnadigung wenden. In der Regel ist der liebe Landes bater auch geneigt dazu: aber das Interessante ist die Bedingung, unter welcher dieser Her rscher von Gottes Gnaden, der sich selbst als den Frömm⸗ sten im Lande betrachtet, die Begnadigung ge⸗ währt; dieselbe tritt nur ein, wenn die Eltern ihre Zustimmung geben, daß an Stelle der Gefängnisstrafe eine harte, körperliche Züchtigung tritt, die vor dem Landes⸗ vater zu vollziehen ist und über welche die Eltern zu strengem Schweigen sich verpflichten müssen. Diese Prozedur geht folgendermaßen vor sich. Das begnadigte Kind wird mit dem Vater, manchmal auch allein, auf das Schloß befohlen und in ein entlegenes Zimmer, dessen Fenster⸗ vorhänge herabgelassen sind, vor den Herrscher geführt. In dem Zimmer befindet sich ein Stuhl, auf den das Kind mit entblößtem Hinterteil, manchmal nach nackt geschnallt wird. Hierauf reicht unser Herrscher von Gottes Gnaden dem Vater des Kindes eine grüne Gerte, mit der dieser das Kind derart zu züchtigen hat, daß nach den ersten Hieben das Blut zum Vorschein kommt. An dem Schreien und dem Blute weidet sich der fromme Landes⸗ vater! Zwei besonders haarsträubende Fälle sind in den letzten Jahren vorgekommen. In dem einen handelte es sich um zwei Mädchen, die wegen Kartoffelauflesen— man denke! — zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt waren. Ihre Eltern hatten um Begnadigung ebeten, worauf die Kinder auf's Schloß be⸗ chieden und vor den Landesherrn geführt wurden, der diesmal in höchsteigener Person die Züchtigung vornahm. Und zwar mußte das eine der Mädchen sich nackt ausziehen, wohingegen das zweite die Kleider unter den Arm zu nehmen hatte.— Natürlich waren die Eltern darüber höchst aufgebracht und entsetzt über den Zustand, in dem sich ihre Kinder befanden. Und obwohl diese barbarischen Mißhandlungen in der Bevölkerung trotz der Schweiggebote bekannt geworden waren, wagte niemand, sich öffentlich dagegen zu beschweren, aus Furcht vor dem Majestätsbeleidigungs⸗ paragraphen. Schlimm genug ist aller dings, daß sich Eltern zum Werkzeug solcher krank⸗ haften fürstlichen Neigungen gebrauchen ließen. Angesichts dieser Vorkommnisse wäre es gar nicht zu verwundern gewesen, wenn sich die Erbitterung in Attentaten Luft gemacht hätte. Behandlung politischer„Verbrecher“ in Preußen. Neulich wurde der Redakteur des„Vorwärts“, Genosse John, der etwelche„Preßvergehen“ hinter schwedischen Gardinen gesühnt hatte, in dem grünen Wagen zwischen allerhand gemeinen Verbrechern nach dem Gerichtsgebäude trans⸗ portiert, um von da aus entlassen zu werden. Eine noch skandalösere Behandlung widerfuhr dem Redakteur Genossen Bredenbeck in Dortmund. Dieser verbüßt eine längere Gefängnisstrafe in Herford und mußte einige Termine in Dortmund wahrnehmen. Auf dem Rücktransport wurde er den weiten Weg vom Dortmunder Amtsgerichtsgefängnis zum Baha⸗ hof gefesselt transportiert, beide Hände waren übereinander geschlossen. Bredenbeck ist wie ein gemeiner Verbrecher behandelt worden. Die ihm zu Teil ge⸗ wordene Behandlung erregt mit Recht in den weitesten Kreisen Entrüstung.— Bankräuber und Millionenspitzbuben werden dagegen oft genug mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Unsere Genossen haben weiter nichts gethan, als ihrer Meinung und der weiter Volkskreise über die herrliche„Ordnung“ Ausdruck gegeben; sie sind Ehrenmänuer in den Augen aller recht⸗ lich Denkenden. Schlappigkeit des Freisinns. In der Berliner Stadtverordneten⸗ Versammlung sind die Freisinnigen in der großen Mehrheit. Ihr lahmes Verhalten gegen⸗ über den Eiusprüchen des Katsers in der Stadt⸗ bahn- und Märchenbrunnen⸗Angelegenheit geißelt N ———— ß7„54„FFͥ̃ĩ ˙ AAA ut zun reien um e Lanbez sträubeub⸗ cgelomme ei Mädchen man denke! e beturteil egnadigung Schloß he hlt wurden, erson dit war mußt 13 ziehen er unter -Malüllig aufgebrach m sich ihn varbarischen troz de ren, Wag beschwertn, leibigung⸗ ler dings, cer kal. hen ließe, ie es fl m sich M gacht halt. brechet Borwäll! vergeht t halle, f 5 gene de Hal zu nadel vide . 0 E 0 1 ge lille 0 te til Nr. 42. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. die„Berl. Volksztg.“— eine bürgerliche, aber gut demokratische Zeitung, folgendermaßen: „Das Parkett der Stadtverordnetenversammlung ist ein Boden, auf dem die Sozialdemokratie Triumphe über Triumphe feiert. Wer sich auf der Tribüne auf⸗ hielt, als unten über die Lindenangelegenheit(d. i. die Frage der Ueberführung der Stadtbahn über die Straße „Unter den Linden“; nach dem Wunsche des Kaisers soll die Bahn jene Straße unte rirdisch kreuzen, wäh⸗ rend nach dem Projekt Ueber führung vorgesehen ist. D. R.) verhandelt wurde, der konnte bemerken, wie das gesamte Publikum, das seinem Aeußern nach durchaus nicht aus Anhängern der Marxschen Lehre bestand, durch die Worte Singers elektristert und durch die der bürgerlichen Redner enttäuscht wurde.“ Das ist eine scharfe, aber durchaus berechtigte Kritik der Wasserstiefler! Böse Ge schichten sagt man einem Berliner Stadtverordneten nach. In der„Welt am Montag“ war ohne Namensnennung ein bekannter einflußreicher freisinniger Stadtverordneter betrügerischer und unehrenhafter Handlungen im Geschäfts⸗ leben und des Mißbrauchs seines Einflusses als Stadtverordneter beschuldigt worden. Auf Ersuchen des Stadtverordnetenvorstehers hat der Redakteur des Blattes den Stadtverordneten Leopold Jacobi als denjenigen bezeichnet, dem die Angriffe gelten. Herr Jacobi erließ nun eine Erklärung, daß er sofort die notwen⸗ digen Schritte ergriffen habe, damit in gericht⸗ licher Verhandlung die böllige Unwahrheit der gegen ihn ausgesprochenen Verleumdungen ben werde.— Am Dienstag erstattete der Angegriffene vor einer Wählerversammlung Bericht über seine Thätigkeit. Dem Antrage, Jacobi möge bis zur Klarstellung der gegen ihn erhobenen Angriffe auf das Mandat ver- zichten, trat Stadtverordneten⸗Vorsteher La n⸗ gerhans mit der Motivierung entgegen, daß man dann der Verleumdung Thür und Thor öffne. Schließlich stellte die Versammlung Jacobi wiederum als Kandidaten auf.— Eine ähnliche Geschichte wird aus Lichtenberg(bei Berlin) berichtet. Dort versuchte nämlich ein Agent des Fürsten Henckell von Donnersmark die Mitglieder der Gemeindevertretung zu be⸗ stechen. Es handelte sich um die Frage der Ausgemeindung des dem Fürsten gehörigen Terrains aus der Gemeinde Lichtenberg. Unsere Genossen in der Gemeindevertretung deckten diese unverschämten Bestechungsversuche auf, wobei der Parteigenosse Grauer mitteilte, daß am Tage der Gemeinderatssitzung ein dunkler Ehrenmann bei ihm erschienen sei und ihm 10000 Mk. geboten habe für den Fall, daß er am Abend der Ausgemeindung zustimme. Diese wurde infolge der Enthüllungen natürlich abgelehnt und der Schluß akt dieser Geschichte dürfte sich vor dem Strafrichter abspielen.— Man sieht, mit welchen Mitteln der Kapitalismus 5— 80 Falle der Großgrundbesitz— arbeitet. Abgeordneter als Schwindler entlarft. Stadtverordneter und Landtagsabgeordneter Heusinger in Ko burg, seines Zeichens liberaler Redakteur, mußte seine Mandate nie⸗ derlegen, weil sich herausgestellt hat, daß er sich den Doktor⸗Titel aus eigener Machtvoll⸗ kommenheit zugelegt hatte, um damit seinen Mitbürgern zu imponieren und besser„empor“ zu kommen. Möglicherweise verstand er auch noch auf mancherlei andere Art das Glück zu korrigieren. Und wie mag dieser tapfere Ord⸗ nungsmann oft mündlich und schriftlich gegen „verderbte und vaterlandslose“ Sozialdemokratie gedonnert haben! Rönigstreuer Mörder. „Es lebe Kaiser Wilhelm II.“, so rief der am Mittwoch in Görlitz wegen Ermordung und Beraubung seiner 76 jährigen Tante hin⸗ gerichtete Raubmörder Emmerich aus, als er am Fuße des Schaffots stand. Nachdem ihm nämlich die Kabinetsordre verlesen war, in welcher der Monarch auf das Begnadigungs⸗ recht verzichtet, wurde ihm auf seine Bitte die Unterschrift des Kaisers gezeigt. Darauf brachte er das Hoch aus und wandte sich dann an den Scharfrichter mit den Worten:„Machen Sie es kurz“, worauf in 5½ Sekunden der Gerech⸗ tigkeit genügt war. Was würde wohl die Scharfmacherpresse gesagt haben, wenn es dem Raubmörder eingefallen wäre, ein Hoch auf die — Sozialdemokratie auszubringen? fragt unser Leipziger Parteiblatt. Natürlich würde sie sich beeilt haben, den Verbrecher der Sozialdemo⸗ kratie an die Nockschöße zu hängen, wie das vor einigen Jahren in Straßburg geschah, wo ein Verbrecher thatsächlich ein Hoch auf die Sozialdemokratie bei seiner Hinrichtung aus⸗ brachte. Damals war das reaktionäre Zeitungs⸗ geschwister aller Schattierungen sofort bei der Hand, den Verbrecher als abschreckendes sozial⸗ demokratisches Beispiel hinzustellen. Autisemitische Gaunerei. Die antisemitische Partei— wenn wir von einer solchen ohne näheren Zusatz reden, so meinen wir immer diejenige Zimmer⸗ mann'scher Couleur, welche sich offiziell als„Deutsch⸗soziale Reformpartei“ bezeichnet und zu der auch die hessische Compagnie unter Führung der Häuptlinge Köhler und Hirschel nebst Herrn Hans Pinsel gehört— die anti⸗ semitische Partei also fühlt sich berufen und hält es für ihre Aufgabe den jüdischen Geist u bekämpfen, die angeblich spezifisch jüdischen raktiken im Erwerbs- und Wirtschafts leben auf das Gründlichste auszurotten. Deshalb zieht auch die antisemitische Presse jeden Misse⸗ thäter rücksichtslos an's Tageslicht und zeigt ihn und seine Sünden mit tiefer Entrüstung dem Volke— vorausgesetzt natürlich, daß er einer andern Partei angehört. Von anti⸗ semitischen Schwindlern, deren im Laufe der Zeit gar nicht wenige auftauchten, schweigt man Hüglich. Noch heute wissen z. B. die Leser des Offenbacher Arizona ⸗Kikers, genannt „Volkswacht“ nichts von der schon vor einem halben Jahre erfolgten Verurteilung der anti⸗ semitischen Leuchten Krüdecke und Kreutz zu mehrjährigen Gefängnisstrafen wegen ganz gemeiner Betrügereien und Unterschlagungen. Von Bonkatz, der im vorigen Jahre hessische Bauern um die Kartoffelgelder prellte, verl autete auch kein Wort. Trotzdem weiß die Oeffentlich⸗ keit, daß es mit der so oft betonten antisemi⸗ tischen Moral nicht weit her ist; verschiedene Vorkommutsse(Ahlwardt, Lieferarbeiten anti⸗ semitischer Reichstagsabgeordneter für den „Juden“ Hamburger ꝛc.) haben das klar be⸗ wiesen. Eine ganz besondere Skandalgeschichte aber, die die Echtheit der antisemitischen Korruption auf's Neue erweist, spielte sich jetzt mit dem antis. Parteiblatte in Dresden ab. Dieses ward vor etwa 8 Jahren mit 250,000 M. Aktien⸗ kapital gegründet, vor einigen Monaten wurde es um(nominell) 58,000 M. an einen Herrn aus Oesterreich verkauft. Daß die Herren Aktionäre(mit Ausnahme weniger, die vorsichtig genug waren), keinen Pfennig erhielten, ist selbstverständlich. Es waren zwar größtenteils „kleine Kapitalisten“,„Leute aus dem Mittel⸗ stand“, denen mit der Gründung eines Partei⸗ organs geholfen werden sollte,— es ist ihnen auch von einigen Tausend Mark geholfen worden, die in Form von Gehalten, Agstationsfonds ꝛc. in die Taschen der antisemitischen Führer flossen. — Es kommt aber noch besser. Als der neue Käufer die Druckerei übernommen hatte, samt dem Blatt, sah er, daß er— betrogen worden war. Er drohte den Herren Liqutda⸗ toren, die als Verkäufer des liquidirten Preß⸗ unternehmens„Deutsche Wacht“ fungirten, mit einem Prozeß, worauf sich die Mitglieder des Aufsichtsrates und einige wohlhabende„Freunde“ verpflichteten, den„Fehlbetrag“ von etwa 9500 M. baar zu ersetzen. Kennzeichnend für die Art und Weise, wie dieser Fehlbetrag zu Stande kam, ist aber, daß in die Verkaufs⸗ inventur Guthaben von notorischvermögens⸗ losen Leuten, von Einem, der hinter Schloß und Riegel sitzt, von längst bezahlten Posten zꝛc. als Aktiv posten iengestellt waren, ganz abgesehen von„Veruntreuungs“⸗Guthaben, deren es auch einige gab. So sieht die ehrliche Wirtschaft der Antisemiten unter sich aus, und diese Presse, die laut aufschreit, wenn ein Kauf⸗ mann, der zufällig Jude ist, Konkurs ansagt, sie wird selbst in geradezu strafbarer Weise geleitet, ihre Macher müssen es sich gefallen lassen, wenn ihnen mit Recht der Vorwurf gemacht wird:„Kehrt vor eigner Thür.“ Die antisemitische Moral hat in Dresden also wieder ein gehöriges Loch bekommen, falls es noch Esel giebt, die den Antisemitismus der Lieber⸗ und Zimmermänner für echt halten. Die geschäftliche Moral dieser Politiker ist durch die falschen Bilanzen der Deutschen Wacht erwiesen, die politische Moral kennt man zur Genüge. Aus der besten der Welten. Ein tief trauriges Bild aus der heutigen Ordnung, die von ihren Verteidigern als die „gottgewollte“ bezeichnet wird, entrollte eine Verhandlung vor der neunten Strafkammer des Landgerichts J in Berlin. Dort halte sich dieser Tage der 72 jährige Töpfer Otto Salbach zu verantworten, ein Mann, welcher nicht weniger als 37 Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern zugebracht hat. Jetzt war er wieder dabei er⸗ tappt worden, als er einen Bodendiebstahl begehen wollte. Zwischen dem Präsidenten und dem Angeklagten entwickelte sich folgendes Ge⸗ spräch. Präs.: Aber Salbach, was sollen wir nun mit Ihnen anfangen, wir müssen Sie ja wieder ins Zuchthaus schicken. Angekl.: Ja, Herr Präsident, es wird wohl nicht anders werden. Was soll ich alter Mann denn weiter machen als stehlen? Arbeiten kann ich doch nicht mehr. Präs.: Wäre es denn nicht besser, Sie nähmen die Wohlthätigkeit Ihrer Mit⸗ menschen in Anspruch? Angekl.: Ach, Herr Präsident, ich habe das letzte Mal wegen Bettelns zwei Jahre Arbeitshaus erhalten, das thue ich nicht wieder. Lieber gehe ich ins Zuchthaus, das ist doch meine Heimat. Präs.: Sollten Sie denn nicht in irgend einem Asyl Unterkunft finden? Angekl.: Wenn ich wieder heraus- komme, werde ich es versuchen, aber welches Asyl nimmt denn einen alten Zuchthäusler auf? Als der Angeklagte das auf zwei Jahre Zuchthaus lautende Erkenntnis vernahm, war er augenscheinlich sehr zufrieden, er erklärte, die Strafe sofort antreten zu wollen. Fortschritte der Sozialdemokratie zeigten auch die am 11. Oktober vorgenommenen Wahlen zum böhmischen Landtage. Man⸗ date konnten unsere Genossen bei dem reaktio⸗ nären Wahlgesetz natürlich nicht gewinnen, doch zeigen die sozialdemokratischen Stimmenzahlen gegen die letzte Wahl eine bedeutende Steigerung. Gewählt wurden 35 Jungtschechen, 10 Deutsch⸗ fortschrittler, 10 Altdeutsche und einige sonstige Reaktionäre. Unruhen in Epanien. In Sevilla kam es bei Gelegenheit eines allgemeinen Ausstandes zu Ruhestörungen. Wie berichtet wird, hätten die Streikenden Gewalt⸗ thätigkeiten gegen die nicht am Streik Beteiligten verübt, Läden und das Karmeliterkloster mit Steinen bombardiert. Bei der tendenziösen Berichterstattung der amtlichen Telegraphen⸗ bureaus läßt sich ein abschließendes Urteil über diese Vorkommnisse nicht abgeben. Aufstände in Spanien finden in der dort von den korrupten Behörden und den Pfaffen geübten Unterdrückung des Volkes ihre ganz natürliche Erklärung. Anarchistenhetze in Amerika. Durch das Attentat Czolgosz haben die Yankees auch den Anarchistenkoller bekommen. Joh. Most wurde zu einem Jahre Ge⸗ fängnis verurteilt wegen eines Artikels, den er in seinem Blatte Freiheit veröffentlickt hatte. Der Artikel ist vor 50 Jahren geschrieben und von Most nur wieder abgedruckt worden, stammt af offenbar von einem bürgerlichen Ver⸗ fasser. Thronwechsel in Afghamistan. Kürzlich starb der Emir von Afghanistan, Abdurrhaman. Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil in jenem astatischen Reiche sowohl England als Rußland ihren Einfluß zu vermehren trachten und beider Interesse schon oft in Konflikt gerieten. Obwohl dort Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42. 4 bei Proklamation eines neuen Emirs innere Unruhen auszubrechen pflegten, bei denen na⸗ mentlich Rußland im Trüben zu fischen gedachte, ging bis jetzt alles ruhig vorüber. Krieg in Südafrika. Präsident Krüger soll nach bestimmt auftretenden Mitteilungen in seinem gegenwär⸗ tigen Aufenthaltsorte Hilversum GHolland), trotz aller gegenteiligen Versicherungen, schwer erkrankt darniederliegen. Die englischen Henker. Aus Middel⸗ burg wurde berichtet: Der Burenführer Lotter wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde von Kitchener bestätigt und er ist Ende voriger Woche bereits erschossen worden. Fünf andere, die dem Kommando Lotters angehörten, wurden ebenfalls zum Tode verurteilt, doch wurde diese Strafe in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. — Ferner wurde ein Offizier Lotters, Wool⸗ faardts, sowie der Burenkommandant Schoe⸗ mann ebenfalls zum Tode verurteilt und das Urteil bereits vollstreckt.— Ob durch diese barbarischen Mittel der Widerstand der Buren ebrochen wird, ist natürlich mehr als zweifel⸗ aft. Vielmehr drohte Botha bereits mit Gegenmaßregeln und wird nicht zögern solche anzuwenden, worin ihm alle rechtlich denkenden zustimmen werden. Ueber die Lage Bothas treffen recht ungünstige Nachrichten ein. Solche aus eng⸗ lischer Quelle bezeichnen die Gefangennahme des Generals als unmittelbar bevorstehend. Hoffentlich bewahrheitet sich das nicht. Aber auch in der Umgebung Krügers soll große Be⸗ sorgnis herrschen. Pon Uah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Zur Stadtverordnetenwahl! Die Wählerlisten werden Freitag den 18. Okt. veröffentlicht. Unsere wahlberechtigten Freunde ersuchen wir, dieselben genau zu prüfen und falls sie ihre Namen nicht verzeichnet finden, sofort zu reklamieren. Wer keine Zeit dazu erübrigen kann, wende sich unter Angabe seiner Personalien und der einschlägigen Ver⸗ hältnisse an unsere Redaktion, Kirchenplatz 11 III, oder an E. Krumm, Bahnhofstr. 40, oder an C. Orbig, Rittergasse, von wo aus dann Weiteres veranlaßt wird. Man beachte: Wer nicht in der Liste steht, kann nicht wählen! Wahlberechtigt ist, wer 4 Jahre in Gießen wohnt und seit 1. April 1900 zur Gemeinde⸗ steuer herangezogen ist. Jeder veranlasse auch seine Freunde, Bekannte und Mitarbeiter, die Liste nachzusehen! n — Rezitation. Als im vorigen Winter Herr Rezitator E. Walkotte-Berlin üns hier Hauptmanns Drama„Vor Sonnenaufgang“ vorführte, wurden vielfach Wünsche laut, daß derartige Veranstaltungen wiederholt werden möchten. Diesen Wünschen hat das Gewerk⸗ schaftskartell Rechnung getragen und Herrn Walkotte für Donnerstag den 7. Nopbr. einge⸗ laden, wo er in Lonys Bierkeller das Drama Ph. Langmann's„Bartel Turaser“ vortragen wird. Der Beifall, den die vorige Rezitation des Künstlers hier gefunden hat, läßt auch diesmal zahlreichen Besuch erwarten. Karten à 20 Pfg. sind bei den bekannten Stellen zu haben. N — Das Stiftungsfest des Gesangver— eins Eintracht, das diesen Samstag statt⸗ finden sollte, wird eingetretener Störungen halber 8 Tage später, den 26. Oktober, im Saale des Casé Leib abgehalten. — Das Parteitagsprotokoll von Lübeck ist jetzt erschienen. Es ist diesmal sehr umfangreich— 362 Seiten— und kostet 60 Pfg. Die Verhandlungen der Parteitage sind fur jeden Genossen interessant und lesenswert, wir lönnen deshalb die Anschaffung des Protokolls nur empfehlen. S. Am Samstag, den 12. Oktober feierte der Deutsche Schneider⸗ und Schneiderinnen-Verband, Zahl⸗ stelle Gießen, sein 13 Stiftungsfest im Saale des Café Leib. Fast sämtliche Gießener Kollegen sowie solche von Wetzlar waren erschienen, um einige vergnügte Stunden zusammen zu verleben. Ein kleines Theater⸗ stück, bei welchem recht flott gespielt wurde, Couplet⸗, Musik⸗ und Gesangsvorträge, sowie ein daran an⸗ schließendes Tanzvergnügen ließen keine Langweile auf⸗ kommen und hielten die Erschienenen bis zum frühen Morgen in recht animierter Stimmung zusammen. — Vom Schwurgericht freigesprochen wurde am Samstag Abend die des Mordes angeklagte Witwe Lisette Schneider und ihr Sohn August aus Sta mm⸗ heim. Der Freispruch hat Aufsehen erregt, da durch die Beweisaufnahme die Angeklagten erheblich belastet wurden. — Ein Aufsichtsrat! Schon wochen⸗ lang wird in auswärtigen Blättern die son⸗ derbare Thätigkeit, welche unser Gießener Mitbürger, Geheimer Justizrat Dr. Reatz als Vorsitzender des Aufsichts⸗ rats der Fabrik feuer- und säurefester Produkte in Vallendar a. Rhein(Wirges) entfaltet hat, besprochen. Diese Thätigkeit ist so eigenartig, daß wir glauben unseren Lesern schuldig zu sein, ihnen wenigstens einen, der in letzter Zeit häufig genannten Aufsichtsräte in seinem Wirken vor⸗ zuführen. Schon in der General-Versammlung vom 11. August wurden gegen Herrn R. unglaub⸗ liche Vorwürfe erhoben. Während die Revisoren feststellen, daß gröbliche Verschleierungen und Fälschungen der Bilanzen vorgenommen wurden(statt Gewinn von Mk. 675300 war ein Verlust von Mk. 1293402 vorhanden), wie auch bis 1895 keine Prüfung der Bilanzen durch besonders bestellte Revisoren stattgefunden hatte, bescheinigt Herr Reatz, daß er bei vor⸗ genommener Prüfung alles in schönster Ord⸗ nung gefunden habe. Und in der Generalver⸗ sammlung räumt der Herr Geheime Justizrat ruhig ein, daß er von dem materiellen Inhalt der einzelnen Konti keinen Wend gehabt habe. nd nun die Honorare für diese recht mangelhafte Aufsichtsratsthätigkeit! 35000 Mk. Tantiemen, 25100 Mk. sonstige Hono⸗ rare, Gebühren, Spesen de. Ferner erhielt Herr R. von Direktor Böing (dessen Thätigkeit er als Aufsichts rats mitglied zu überwachen hatte), noch 27 Aktien. Ohne sein Zuthun und vorbehaltlich späterer Abrechnung, sagt Herr Reatz, habe er letzteres Geschenk genommen; diese Abrechnung sei aber von Jahr zu Jahr verschoben worden, und so sei er mit dem Direktor Boeing ausein⸗ andergekommen und so— fügen wir hinzu— hat dann Herr Reatz die Aktien behalten. Ferner entnehmen wir aus der General⸗ versammlung vom 4. Oktober noch folgende auf Herrn Reatz bezügliche Ausführungen der „hl, Zeitung „Aus dem Aufsichtsrat haben bekanntlich gegen Verzicht auf Regreßansprüche der Gesellschaft die zwei Herren Tuchen Mk. 750000, Baron d'Ablaing Mk. 250000 offeriert. Geh. Justizrat Dr. Reatz⸗Gießen lehnt jede Zahlung ab und erklärt sich für ver⸗ mögenslos. Gegen Dr. Reatz wurde geltend gemacht, er habe noch in der Generalversammlung vom 2. August 1899 als Vorsitzender eine Erklarung abgegeben, die zwar die Thatsache erwähne, daß im Juli 1899 im Auftrage der Berliner Handels-Gesellschaft eine Begut⸗ achtung durch zwei Sachverständige erfolgt war, aber deren abfälligen Inhalt verschwieg und statt dessen ver⸗ sicherte, diese Prüfung habe keinen Anlaß gegeben, an der Richtigkeit der Angaben des Vorstandes zu zweifeln oder die Befürchtung doloser Handlungen zu rechtfertigen. In der neulichen Versammlung wurde die Verlesung des damaligen Gutachtens von Direktor Liebig (Glashütte Siemens) vergebens gefordert, doch wurde im Verlaufe der Versammlung daraus bekannt, es seien darin die Zustände bei der Gesellschaft als ganz unglaub⸗ liche geschildert, unordentliche Buchführung, fehlende Un⸗ terlagen für die Vermögensaufstellung, ein Fehlbetrag von Mk. 430000 ec. festgestellt worden. Damit stehen die Erklärungen von Dr. Reatz im schroffsten Widerspruch; wäre an ihrer Stelle damals das Gutachten Liebig bekannt gegeben worden, so hätte man die in der Versammlung vom 2. August 1899 be⸗ schlossene Vermehrung des Aktienkapitals um weitere Mark 2 Millionen nicht mehr durchführen können, von denen noch am 25. August 1899 Mark 1 Million zu 170 Prozent den Aktionären angeboten wurde.“ Hat Herr Reatz wirklich so gehandelt wie ihm hier vorgeworfen wird, dann kann seine Thätigkeit noch eine Fortsetzung an anderer Stelle finden; wenn Jedermann(ohne juris⸗ tische Kenntnisse) für seine Thaten haftbar ist, dann muß auch ein Jurist haftbar sein; es ist zweifellos, daß Herr Reatz seine Aufsichts⸗ ratsthätigkeit nicht so ausgeübt hat, wie es das Interesse der Aktionäre und des Werkes erfordert hätte und deshalb nehmen wir an, daß auch anderswo die Thätigkeit des Herrn Reatz noch ö unter die Lupe genommen wird. Wir berichten nach der„Frankf. Zeitung“ und dem„Berliner Tageblatt“, die uns als Handelsblätter als durchaus zuverlässig bekannt sind; wir gehen deshalb ausführlich auf die Sache ein, weil unsere Gießener bürger⸗ lichen Blätter den Fall Reatz einfach totschweigen. Uns wundert dies nicht; diese Blätter, welche getreulich berichten, wenn irgend ein armer Teufel von Arbeiter in irgend einer Gesetzesmasche hängen bleibt, sie sind stumm wie das Grab, wenn es sich um einen Ange⸗ hörigen der„gebildeten“ und„besitzenden“ Klasse handelt. Dies Schweigen gehört zu dem System der unparteiischen general anzeigerlischen Kapitalistenpresse. Aus dem Rreise gießen. Wie seck. Eine Protestversammlung gegen die Lebensmittelzölle findet diesen Sonntag, den 20. Oktober, Nachmittags 3½ Uhr im Saale„Zum Gambrinus“ statt. Das Referat hat Genosse E. Krumm⸗ Gießen übernommen. Zur Bürgermeisterwahl in Wieseck, die am Samstag den 26. Oktober stattfinden soll, wird uns geschrieben: In Wieseck stehen wir zur Zeit vor der Wahl des Bürgermeisters. Der dermalige Bürgermeister leitet und versieht sein Amt seit 18 Jahren in ruhiger, gerechter und zufriedenstellender Weise zum Wohle der ganzen Gemeinde. Es wird nun offenbar von eigen⸗ nütziger und selbstsüchtiger Seite gegen den bewährten Beamten unter Verbreitung falscher Thatsachen gehetzt uud geschürt, und so u. a. das Gerücht verbreitet, der Bürgermeister würde nach Ablauf von 25 jähriger Dienst⸗ zeit Berechtigung auf Pension haben. Wie unsinnig und unwahr eine solche Behauptung ist, ergiebt schon die Thatsache, daß nur Gehalt empfangende Beamte Anspruch auf Pension haben, die Bürgermeister der Landgemeinden aber nur Bureaukosten als Besoldung erhalten und dann überdies eine solche Pension nur durch Landesgesetz geregelt werden kann. Stichhaltiges gegen den Bürgermeister können diese Leute nicht vor⸗ bringen und es wäre daher im Interesse der ganzen Gemeinde und deren Bürger sehr zu wünschen, daß der Bürgermeister, dessen bisherige Thätigkeit man anerkennen muß, möglichst einstimmig wieder gewählt würde. Aus dem Rreise Weßlar. h. Die Alkoholfrage wurde in einer am Samstag Abend abgehaltenen vom Guttempler⸗Orden einberufenen Versammlung erörtert. Wir kommen auf die dort gemachten Ausführungen in nächste Nr. zurück. Antisemiten-Quatsch. Der Antisemi⸗ terich Reuther in Offenbach, der seine mo⸗ marchische Gesinnung vorläufig in die Ecke ge⸗ stellt hat, schildert den Lesern seines Weltblattes folgendermaßen die Verderbtheit der Sozial⸗ demokratie. Dem Genossen Leutert wäre bei seiner Rede auf dem Parteitage zugerufen worden:„Sie halten hier wohl eine Volksversammlung ab.“„Und das ge⸗ schieht von einer Partei— so entrüstet sich Reuther— deren ganze Stärke doch nur in den Volksversammlungen begründet wurde. Es gemahnt dies an das Verhalten des sozial⸗ demokratischen Redakteurs, der eben in Gießen untergebracht ist, er war früher Schreinergeselle in Frankfurt, was ihn aber nicht hindert, über unseren Vorsitzenden in Aßlar zu spotten, weil er ein einfacher Bürstenbinder war. Wann gehen dem Volke über die Gesellschaft die Augen auf.“ 8 Was soll denn das alberne Gewäsche? Sind etwa auf dem Parteitag die Volksversammlungen „beleidigt“ worden? Selbstverständlich braucht man auf dem Parteitage keine Agilationsreden zu halten und nur in diesem Sinne ist der Zuruf zu verstehen, was eigentlich auch ein Reuther begreifen sollte.— Geschwindelt hat er aber wieder— das thut er gewohn⸗ heitsmäßig— wenn er behauptet, sein Ver⸗ trauensmann in Aßlar sei verspottet worden, weil er Bürstenbinder wäre. Wir haben nur darauf hingewiesen, daß er als Bürstenbinder ö 1 60 ein, 10 el machn fed b. de ö a ben 1 all e J lic aft e 1 u ge ä ul ö I die cat hulke a feng fteg i ben Ig lab Lua a de J hal Aicher bude —— eseck, deu oll, vnd m Zeit bor ie e Bürgernen ten in rühlge, um Wohle dn zer bon eig den bewähnen atsachen gehgh verbreitet, da jähriger Diegs⸗ Wie unsung „ergiebt shun gende Van germeistt ie als Beeolbun e Pension un Such hals ute nicht bos esse det ganz schen, daß l. man anakenng t würde. l. in einet an eule Olle r kommen I tt N. Jul er Aatsen, T seine l die te Will der Sl e Nr. 42. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. och keine Ursache haben könne, für die Zoll⸗ erhöhung einzutreten.— Im Uebrigen kann Iich Reuther nicht gegen den Vorwurf der bewußten Lüge vertheidigen, den wir ihm in 1 Ar. 38 mit Recht gemacht haben. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. St. Der Konsumverein für Marburg und Umgegend ist nunmehr definitiv gegründet worden. In der am vorigen Samstag im Jesbergschen Lokale abgehaltenen Versammlung, welche ziemlich gut besucht war, wurden zunächst hüe Statuten, welche dem Hamburger Konsum⸗ herein entnommen sind, beraten und gelangten mit einer ganz unwesentlichen Aenderung zur Unnahme. Alsdann wurde der Vorstand, be⸗ stehend aus dem Geschäftsführer, dem Kassirer und dem Kontroleur, sowie ein aus sieben ersonen bestehender e e ede Der Verein zählt bereits über 60 Mitglieder und 1 also das Bestehen desselben gesichert. Mit dem 1. Januar n. Js. soll die Verkaufsstelle, möglichst im Mittelpunkt der Stadt gelegen, öffnet werden. Der Geschäftsanteil beträgt ho Mitglied 30 M., wovon 6 Mk. innerhalb ines halben Jahres eingezahlt werden müssen; er Rest kam ratenweise von der jährlich im Dezember zur Auszahlung gelangenden Dividende nm Abzug gebracht werden. Das Eintritts⸗ geld für die Mitglieder beträgt 50 Pfg. und t möglichst bald zu entrichten. Möge der erein zum Segen der Arbeiter und ihrer Familien blühen und gedeihen! — Rezitation Walkotte. Zu dem un Freitag, den 8. November d. J. stattfindenden ezitationsabend des Herrn Walkotte—„Das berlorene Paradies“, Schauspiel in 3 Aufzügen don Ludwig Fulda— bemerken wir noch, daß eitens der Gewerkschaftskommission das Ein⸗ srittsgeld für Herren auf 25 Pfg., für Damen auf 15 Pfg. festgesetzt wurde. Hierdurch ist es dem Arbeiter ermöglicht, sich für einen ge⸗ ngen Betrag einen sehr genuß⸗ und lehrreichen Ubend zu bereiten und hoffen wir, daß der Quentin'sche Saal bei dieser Gelegenheit bis nuf den letzten Platz gefüllt sein möge; denn o bald wird uns etwas derartiges hier nicht wieder geboten werden. — Mit Strafen von 10 bis 15 Mk. vurden eine Anzahl hiesiger Einwohner bedacht, die einer Waschfrau, welche früher bei ihnen gearbeitet, der sie aber die Invalidenmarken qu kleben unterlassen eine Arbeits⸗Bescheinigung, zwecks Erlangungen der Invalidenrente, ausge- stellt hatten. Der Waschfrau wurde die Rente und eine Nachzahlung gewährt. s — Gesunder Schlaf. Ein Ockershäuser Fünwohner, der schon am Samstag im Kreise liner Freunde die Kirmes tüchtig vorgefeiert hatte, schlief am Sonntag den Schlaf des Herechten und begab sich, als er gegen 6 Uhr lwends erwachte, in der Meinung, es sei bereits Montag früh, auf den Acker zum Kartoffelaus⸗ machen. Er wurde erst seinen Irrtum gewahr, as es anstatt heller, immer dunkler wurde. Da nahm er seine Hacke und schlich nach Hause. Gemeindewahlen in Hessen. Am 10. Oktober wurden in Finthen bei Nainz der Nationalliberale Veit, der Demokrat 9. Reichert und der Zentrumsmann Hoch⸗ haus in den Gemeinderat gewählt. Unser benosse P. Reichert unterlag, er war aber hät 182 Stimmen nur um 3 Stimmen hinter dm Letztgenannten zurück. Diesmal zählte man 11 reine sozialdemokratische Zettel gegen 131 bi der letzten Gemeinderatswahl, es ist also en recht erfreuliches Wachstum unserer Stim⸗ tenzahl zu verzeichnen.— Auch in Bretzen⸗ heim bei Mainz wurde bei der am 9. Oktober luttgefundenen Wahl der von unsern Genossen afgestellte Steindrucker Meyer mit 199 Stim⸗ nen gewählt. Drei andere Gewählte entfielen af die bürgerliche Liste. In Sachen des Konitzer Mordes let die Danziger Obermedizinalbehör de en Gutachten veröffentlicht, in dem festgestellt Mrd, daß erstens der ermordete Gymnastast Pinter nicht an Verblutung, sondern an (erstickung gestorben ist. Zweitens sei der Halsschnitt kein Schächtschnitt, sondern nach dem Tode beigebracht, wie die übrigen Schnitte, um den Körper zu zerstückeln und leichter zu beseitigen. Drittens hat das Medi⸗ zinalkollegium festgestellt, daß Winter sich bei der Ermordung in Ausübung des Geschlechts⸗ aktes befunden hat, was durch das Gutachten des Berliner Gerichtschemikers Dr. Bischoff ebenfalls ausgesprochen wird; und endlich wären die Blutflecke in Rock und Weste des Ermordeten erst nach dessen Tode durch geronnenes Blut verursacht worden. Eine demnächst er⸗ scheinende Broschüre soll diese Feststellungen eingehend begründen.— Ob man nun den wirklichen Thäter ermitteln wird, bleibt ja noch immer zweifelhaft, aber es ist wenigstens Hoff⸗ nung vorhanden, daß die Affaire aufgeklärt wird. Möglicherweise wurde der ertappte Winter durch einen Eifersüchtigen getötet, ohne daß ein Mord beabsichtigt war. Durch die antisemitische „Ritualmord“-Hetze sind aber zahlreiche Personen in schwere Strafe gekommen! Kleine Mitteilungen. ** Von der elektrischen Bahn über⸗ fahren wurde in Frankfurt am Sonntag Vormittag der Schlosser Franz Schmidt. Er wollte auf der Bergerstraße auf einen Wagen der Straßenbahn springen, glitt aber aus und kam unter die Räder des Anhängewagens, wo⸗ bei ihm der Kopf abgefahren wurde. Natürlich war er sofort eine Leiche. ** Durch einen großen Einbruchs⸗ diebstahl sind in einem Hamburger Uhren- geschäft nicht weniger als 500 Uhren im Werte von etwa 30000 Mk. geraubt worden. Die Diebe haben sogar eine Mauer durchbrochen, um in den Uhrenladen zu gelangen. * Lebendig begraben! Am Samstag wurde der Brunnenmacher Thiele in Grimma (Sachsen) als er mit der Ausmauerung eines 20 m. tiefen Brunnens beschäftigt war, verschüttet. Glücklicherweise war er unverletzt; es war durch die Leiter ein wenn auch enger hohler Raum im Schachte geblieben, durch den die Verständig⸗ ung mit dem Verunglückten möglich war. An seiner Rettung wurde mit aller Anstreng⸗ ung gearbeitet, Pioniere wurden telegraphisch von Dresden herbeigerufen, aber erst am Donnerstag gelang die Rettung. Fünf Tage mußte der Bedauernswerte in der verzweifelten Situation aushalten, in Gefahr, von den Erdmassen erdrückt zu werden. Arbeiterbewegung. Der Kampf der Tabakarbeiter in Nordhausen dauert fort. Gesperrt bleiben nach wie vor die folgenden acht Firmen, die den Schiedsspruch noch nicht anerkannt haben: C. A. Kneif, G. A. Hanewacker, Berlin und Bona, F. C. Lerche, H. R. Wittig, Rothard und Co., G. Reddersen, Salfeld und Stein. (Gail⸗Gießer) Arbeiter Deutschlands! Unter⸗ stützt den Kampf der Tabakarbeiter nach Kräften durch Zusendung direkter Mittel und durch den Bezug von Kautabak nur von den folgenden Firmen: Grimm und Triepel, Hendeß und Schumann, Walther und Sevin, Atenstädt und Bachrodt, Steinert und Hellmund, Nordhäuser Kautabak⸗ arbeiter⸗Genossenschaft Nordhausen Kasseler Straße. Paul Kuntze, Nottrodt und Co., Klein⸗Werter bei Nordhausen. Ein deutscher Kürschnerverband wurde kürzlich in Leipzig gegründet. Sitz der Organisation ist Hamburg. T Das Organ des Zentralvereins der Former„Glückauf“ stellte mit der Nr. 39 sein Erscheinen ein, weil der Former⸗ verband in den Metallarbeiterverband überge— treten ist und den Mitgliedern somit die „Metallarb.⸗Ztg.“ geliefert wird.„Glückauf“ hat während der elf Jahre seines Bestehens die gewerkschaftlichen Interessen der Former nach besten Kräften vertreten. Einen Generalstreik beabsichtigen die französischen Bergarbeiter zu proklamieren, wenn nicht bis zum 1. November ihre Forde⸗ rungen auf gesetzliche Einführung der Alters— pensionen, Achtstundentag und Minimallohn gewährt werden. Ueber diese Frage wurde eine Urabstimmung vorgenommen, welche 40000 Stimmen für und 10000 gegen den General⸗ ausstand ergab. Die Mehrheit der 127000 Stimmberechtigten enthielt sich der Abstimmung. — Partei- Nachrichten. Parteigenossen! Die noch im Umlauf befind⸗ lichen Petitionslisten gegen den Brotwucher müssen jetzt möglichst bald eingesammelt werden, damit ihre Absendung nach Berlin erfolgen kann. Es wird deshalb gebeten, die Listen, auch wenn sie noch nicht voll beschrieben sind, an folgende Adressen abzuliefern: Für Gießen: A. Bock, Dammstraße 22; Wirtschaft C. Orbig; Redaktion oder Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. Für Marburg: G. Härtling, Hofstatt 24 III. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Zur Beachtung! Am 3. November, Nachmittags 2 Uhr, findet in Rodheim vor der Höhe bei Gastwirt Winn eine Kreiskonferenz statt, in der über die Auf⸗ stellung eines Kandidaten zum Reichstag verhandelt werden soll, Die zum Wahlkreis Friedberg Büdingen gehörigen Orte wollen für die Entsendung mindestens eines Delegierten Sorge tragen. Wo die Wahl eines Delegierten nicht möglich ist, hat unbedingt der Ver⸗ trauensmann zu erscheinen. Busold, Kreisvertrauensmann. Unsere Totenliste. Vorigen Mittwoch starb in Nürnberg Genosse August Kynast, Verbands⸗ sekretär des Vereins deutscher Schuhmacher im Alter von erst 34 Jahren. Seine Gewerkschafl so⸗ wohl, wie auch die sozialdemokratische Partei verlieren in ihm einen überzeugungstreuen und hochbegabten An⸗ hänger. Ferner starb am Sonntag in Hamburg der langjährige Prokurist und Kassierer der Buchdruckerei⸗ Auer und Ko., früher Kassierer der Zentralkranken⸗ kasse der Tischler, Genosse Wilhelm Gramm. Er war 1837 in Cleve a. Rh. geboren und erlernte das Schreinerhandwerk. Zunächst schloß er sich der Hirsch⸗Dunkerschen Gewerkschaft an, später kam er zur Sozialdemokratie. In den siebziger Jahren, als er in Hannover als Geschäftsführer einer Tischlerei und Ja⸗ lousiefabrik thätig war, erlitt er einen schweren Unfall, wobei er sich den einen Fuß so erheblich verbrühte, daß derselbe nicht mehr gebrauchsfähig und Gramm— ein Opfer mangelhafter Schutzvorrichtungen— zum Krüppel wurde. Im Jahre 1879 wurde Gramm zum Haupt⸗ kassierer der Zentralkrankenkasse der Tischler ꝛc. gewählt und wirkte in dieser Eigenschaft in Hamburg verschiedene Jahre; auch Mitbegründer und Herausgeber der„Tischler⸗ zeitung“ war er. Während des Ausnahmegesetzes ge⸗ hörte Gramm zu jenem kleinen Personenkreis, dem die Kontrolle des Geschäftsbetriebs der Hamburger Parteidrucke⸗ rei oblag. Als nach dem Fall des Sozialistengesetzes das Parteigeschäft einen großen Aufschwung nahm, trat am 1. Oktober 1890 Gramm als zweiter Prokurist und Kassierer in die Buchdruckerei ein und hat diesen Posten bis zu seiner tötlichen Erkrankung gewissenhaft ausgefüllt. Versammlungskalender. Samstag, den 19. Oktober. Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Mitgliederversammlung bei Orbig: T.⸗O.: 1. Be⸗ richterstattung über den Parteitag. 2. Die Stadt⸗ verordnetenwahlen.— Die Genossen werden um zahlreiches Erscheinen gebeten. Lauterbach. Abends /½9 Uhr Oeffentliche Volks⸗ versammlung bei Gastwirt Kaut. T.⸗H!ꝛ: Wem nützen die Zölle? Ref.: Vetters. Sonntag, den 20. Oktober. Angersbach. Nachmittags 3 Uhr Volksversammlung. T.⸗O.: Wem nützen die Zölle? Ref.: Vetters. Schlitz. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Mit⸗ gliederversammlung bei Gastwirt Schmidt. Montag, den 21. Oktober. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 27. Oktober. Friedberg. Nachmittags 3 Ühe: Oeffentliche Ver⸗ sammlung der Nichtgewerblichen Arbeiter. T. O.:„Gelernte und ungelernte Arbeiter“. Ref.: Gen. Letsch⸗Vilbel. = Aus dem Gießener Standesamtsxregister. Aufgebotene. 11. Oktober: Philiop Götz, Bergmann in Philippstein mit Ottilie Warnke dahier. 15. Georg Bantelme, Fußgendarm dahier mit Katharine Wagold in Elpenrod. 16. Karl Wilke, Schutz mann in Worms mit Christine Guldan dahier. Heigrich Simmer, Friseur dahier mit Anna Katharine Mühlensiepen, Frankfurt a. M. Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42. Die Wirtin kam und erzählte mir gähnend Jetzt fragten wir nicht mehr.— Unsch „ Knterhaltungs-Ceil. —— —— A Brüder, reieht die Band zum Bunde: Brüder, reicht die Rand zum Bunde! Diese schöne Feierstunde Führ' uns hin zu lichten Höh'n! Caßt, was irdisch ist, entflie hen, Uns'rer Freundschaft Harmonien Dauern ewig fest und schön. Ihr, auf diesem Stern die Besten, Menschen all' im Ost und Westen, Wie im Süden und im Nord! Wahrheit suchen, Tugend üben, Alle Menschen herzlich lieben, Das sei unser Cosungswort! Komp. von Mozart. Kriegerische Abenteuer eines Kriedfertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke. 9 GCvortsezung) Gefährliche Gesellschaft. Die dicke Wirtin pflanzte sich vor meinen Tisch hin, setzte beide Arme in die Seite, und fragte: ob ich über Nacht zu bleiben gedächte? — Antwort: Nein.— Ob ich noch nach dem Städtchen wolle?— Antwort: Ja! Es war mir recht lieb, daß die Neugierige fragte, denn ich war noch viel neugieriger zu wissen, auf welcher Straße, in welcher Weltgegend ich sei und wohin ich führe.— Ob ich nicht ein junges Frauenzimmer mit dahin nehmen wolle, daß zu Fuß angekommen wäre, und jetzt wegen über⸗ großer Ermüdung, auf dem Bette läge? es könnte mir ein gutes Trinkgeld eintragen.— Antwort: Recht gern! und das ging mir von Herzen, besonders wegen des Trinkgeldes, dann auch wegen der Gesellschaft.— Ob ich nicht besser thäte, mit Tagesanbruch weiter zu reisen? denn die Nacht sei keines Menschen Freund, zu⸗ mal bei Kriegszeiten. Es streife viel Franzosen⸗ volk umher, und zerstreutes preußisches Militär, das sich zu retten suche. Es gehe kein Tag ohne Mord und Totschlag und Plünderung vorüber.— Ich nickte schaudernd mit dem Kopf. — Man wolle mich und das Mamsellchen eine oder zwei Stunden vor Tag wecken; ich käme noch immer zu guter Zeit an Ort und Stelle; meine Herrschaft würde gewiß nicht schmälen. — Das glaubte ich selbst.— Also blieb ich. Es that mir, den Rossen und dem„Mamsellchen“ wohl. Doch beschloß ich, früh aufzubrechen, denn ich berechnete psychologisch gut, des Morgens müsse die Straße am sichersten sein, weil die, welche gut finden, sie des Nachts in Gefahr zu setzen, sich aus Ermüdung oder Furcht vor Tagesanbruch verbergen; und die, welche am Tage wandern wollen, dazu nicht die Nacht zu wählen pflegen. Mein Stallbett, auf dem ich nur bangen Schlummer hatte, fesselte mich nicht lange. Als es in der Dorfkirche vier Uhr schlug, war ich bei meinen Pferden, herrlichen Kutschgaulen. Ich machte Lärmen im Haus. Während der Knecht anspannte, beleuchtete ich mit der trüben Laterne mein neues Eigentum, die Chaise. Der Kasten war von mehreren eingedrungenen Flintenkugeln durchlöchert. Im Wagen lag eine Säbelscheide ohne Säbel, in einer der Seitentaschen befand sich eine zierliche Tabaks⸗ pfeife mit silberbeschlagenem Meerschaumkopf, dabei ein seidener Tabaksbeutel mit Stickerei, Vergißmeinnichtchen, und darum die zärtlichen Worte: Souvenir de l'amitie. Vermutlich galante Eroberung meines ehemaligen Herrn, des Employé, von irgend einem deutschen Mädchen. Der Kasten des Wagensitzes war fest verschlossen; 15 Schlüssel hatte der Employé unnützerweise ehallen. haarklein, was ich und meine Pferde alles gegessen und getrunken hätten. Ich fand das sehr langweilig, weil ich es ohnedem wußte, und fertigte sie mit dem Bescheid ab:„Mamsellchen wird schon für mich bezahlen.“ Dann stieg ich in den Wagen, und setzte mich an die Stelle meiner gewesenen Herrschaft; da saß ich bequemer und wärmer, auch rechnete ich auf meine ange⸗ nehme Gespräche mit Mamsellchen. Es kam endlich; man hob es zu mir in den Wagen: ich rief Adieu, und fort ging's. Aus dem angenehmen Gespräch aber ward nichts. Die Reisegefährtin schob sich in den Winkel des Wagensitzes so weit als möglich von mir, antwortete einigemale auf meine bescheidenen Bemerkungen, daß es sehr frisch, oder sehr finster, oder nicht gut fahren sei, ein schläfriges Ja und Nein, und überließ mich meinen fernern Betrachtungen. Diese Betrachtungen wurden immer wunder⸗ licher, als meine schöne Gesellschafterin— zwar im Dunkeln ließ sich mehr Schönheit ahnen, als sehen— im Schlafe, wie der Wagen schaukelte, sich näher und näher gegen mich senkte. Aus bloßem Mitleiden mit dem guten Kinde, daß es nicht zu sehr umhergeworfen werde, rückte ich ihm drei bis vier Zoll näher. Nach einem Weilchen lehnte der Kopf der Schläferin an meiner Achsel— ein hartes Kissen. Ich legte mit schüchternem Erbarmen meinen linken Arm um ihren schlanken Leib, und hielt die Schlummernde an meiner Brust. Sie schlief sanft wie die Unschuld, und erwachte selbst von den unruhigen Schlägen meines Herzens nicht, während ich wie ein Verbrecher zitterte. Zum erstenmale lag ein schlafendes Mädchen an meiner Brust— zum erstenmale hielt ich stundenlang ein weibliches Wesen mit dem Arm umschlungen— ach, vergieb, Friederike, wenn ich dir in diesen Augenblicken— nein, untreu ward dir meine Seele auch da nicht, denn ich gedachte deiner. Oft bildete ich mir ein, daß ich dich so zur Gefährtin habe; der sanfte Druck, mit dem ich die Fremde an mich zog, galt dir; mein verstohlener Seufzer dir, und dir der gottlose Kuß, den ich leise auf— ihre Haube drückte. Aber zu einem Weibe, dessen Busen nach der Melodie des sanften Odems steigt und fällt, dessen Anschmiegen mit einer fremdartigen Glut erfüllt,— zu solch einem Wesen setze man einen Mann von Schnee, aber keinen Hagestolz, ach! von neununddreißig Jahren. Schönes Morgenrot. Sanft schlich der Wagen im Sande fort. Ich ließ den Pferden ihren beliebigen Schritt, hielt meine schlummernde Unschuld fest im Arm, schloß die müden Augenlieder, um bequemer von Friederiken, Pfarrei und allen Himmeln zu träumen, die mir das Wachen nicht gab, und so ward aus dem willkürlichen Geträum zuletzt wirklicher Schlummer. Ich und meine Schlafgenossin erwachten fast zu gleicher Zeit, als der Wagen aus dem milden Sande plötzlich über einen holprigen Prügeldamm fuhr. Es war schon hell. Vor uns im Hintergrunde der Landschaft brannte ein prächtiges dunkelglühendes Morgenrot, welches blendend auf unsere Augen fiel. Erst sah ich auf meine braven Pferde, dann auf meine Reisegesellschafterin. Sie rieb sich mit beiden Händen die Augen; ich rieb mir die meinigen. Dann sahen wir uns ganz trocken einander an. Sie rieb sich wieder die Augen; ich mußte desgleichen thun, denn das Morgen- rot hatte mich, glaube ich, blind gemacht. Ich sah sie wieder an; sie mich. Und nun erst war ich überzeugt, daß ich noch schlafe und von Friederiken träume, denn sie saß, so kam es mir jetzt vor, neben mir. „Aber mein Gott, Herr Doktor, sind Sie es?“ fragte sie mit ihrer leisen, schönen Silber⸗ stimme, und betrachtete bald mein Angesicht und den werdenden Schnurrbart— Ueberrest meiner ehemaligen Generaladjutanten⸗Uniform— bald meinen beschmierten und zerrissenen Bauernkittel. „Ach, Friederike!“ rief ich,„wie kommen Sie hieher? und zu mir?“ Augen verdunkelten sich jetzt in den Thräug wehmütiger Seligkeit— ich ließ das Leite fallen— wir schlossen Brust an Brust, Mun an Mund; und in langen Küssen tauschten Leben um Leben, Seele um Seele.—— wir hatten uns wieder; nach der langen, ewigg Trennung, wieder! und wie unverhofft, wunderbar! Vergessen war aller Schmerz de Vergangenheit! Vergessen alles Elend des Leben meine Sorgen, ihre Thränen; vergessen eh Gewitterwolke der Zukunft. Wir atmeten einer schönern Welt. Das Irdische fiel von uns— alles war selige Verklärung. Nur der verruchte Prügeldamm, auf der der Wagen so unbarmherzig stieß, daß sich sest unsere küssenden Lippen beständig voneinande verloren und mühsam wieder suchen mußten nur der Prügeldamm, bei dessen Anlage ma vermutlich solche rührende Scene nicht berechng hatte— nur er trennte uns, da wir glauben der Tod könne uns nicht wieder scheiden. wie gern wären wir Brust an Brust gestorben Ich nahm das Leitseil wieder zur Hanz Und nun ging's ans Fragen her und hin. iin ob wir uns gleich sahen, und ob wir einandg wir, uns im engen Wagen voneinander zu bel lieren, wurden wir doch zweifelhaft, ob wir; auch wirklich wären.— Sie war schöner, al ich sie jemals gesehen; das Morgenrot umstrahll sie mit einer Glorie. Ich mußte noch einmal das Leitseil fallen lassen. „Was ich von meinen kriegerischen Abenteuen Friederiken erzählte, wissen meine Leser; abe Friederike hörte sie aufmerksamer und begierige an, als sie gelesen werden mögen.— De au ehen meiner Verlobten waren ungleich Sie hatte von ihrer Herrschaft d einfacher. Entlassung erhalten. der Franzosen in die Hauptstadt flüchtete di Herrschaft nach Stettin, und der Himmel wesß wohin. Friederike schwebte meinetwillen in Todesängsten; bekam endlich einen Brief von ihrer betagten Mutter, und den Befehl, Berlin zu verlassen und zu ihr zu kommen. Sie reißt also, eine gehorsame Tochter, ab, nachdem sie meinetwillen alle nötigen Anzeigen hinterlassen hatte; fuhr mit Gelegenheit bis Frankfurt, und machte sich von da, weil die Franzosen alle Pferde und Wagen in Beschlag genommen, oder weil in dem Augenblick niemand dergleichen zu einer unsichern Reise hergeben mochte, ziemlich Kurz vor dem Einrücken heroisch zu Fuß auf dem Weg. Müde und matt kam sie gestern Abend in das Dorf, von wo an ich die Ehre hatte, ihr Leibkutscher zu werden. (Schluß folgt.) —— Ein Vermächtnis. Auf dem Parteitage theilte unser Partel⸗ kassirer Gerisch mit, daß der verstorbene Genosst Schmitz in Aachen seine ganze Hinterlassen⸗ schaft im Betrage von über 40 000 Mk. det Partei vermacht habe. Ueber die Persönlichkeit des Verstorbenen schreibt unser Solinger Partei⸗ organ: Der 80 Jahre alt gewordene Erblasser, ein Junggeselle und einer gut katholischen Famil entstammend, war von Beruf Apotheker und eit durchaus wissenschaftlich gebildeter Mann, selt Vater war vor langen Jahren Professor an Karlsgymnasium zu Aachen. Schon früh 3 er fortschrittlichen Ideen und an des reignissen von 1848 hat auch er thätigen Ar⸗ teil genommen. Obgleich er, nachdem sich in Laufe der Jahre die deutsche Sozialdemokrat entwickelte, als Parteigenosse nicht an de Oeffentlichkeit getreten, woran ihn in den letzte Jahrzenten auch sein hohes Alter hinderte, hab er stets und reichlich für seine Ueberzeugun 1 materielle Opfer gebracht. Aber auch son war er ein warmer Freund der Armen und heute bedauert manche und mancher Arme it Aachen, daß der liebe alte Herr Schmitz gestorbes ist. Durch Vermittlung eines hiesigen Parte genossen, der Schmitz aus früheren kannte, kam Letzterer vor mehreren Jahr nach Solingen und diktirte hier vor dem könik Jahre! 10 00 e A l. f f. f d upon dell acht Nef gleich fest Hand in Hand hielten, als fürchte unte lde, 1 Al n de ae fach ng 1! M e Malz 1 u. Ui N Aan 1 ut 0 10 Kutte Ui 1 3 9 0 den N f 8 Wache 91 1 e 1 1 0 N ungen 100 m 1 Süneh end her h dergesen 10 b pir chm, als ficht ander zu lhaft, ob U ar schöner rot umftrag le noch en, hen Abentag ine Leser; g. und hege nögen.— J waren unge Herrschaft) dem Eisrich dt flüchtete) Himmel u neinetwilig inen Brief. Befehl, Bal len. Sie iu ab, nachden“ gen higtenos Frankfurt, Franzosen! genommen h. h dergleiche mochte, eu 0. Müde U das Dolf Valbkutcht gerwandten, N n von 10,000 Mark besaß, durch das Nr. 42. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. schen Notar Plütz seinen letzten Willen; er ermachte, die eingangs vermerkt, der Partei in ganzes Hab und Gut, abzüglich zweier segate an Dienstmädchen, ein Legat an den Iterschutzberein in Aachen und eine Anzahl tike Gegenstände an das Suermonds⸗Museum Aachen. Engere Verwandte hat der ver⸗ sborbene Parteigenosse nicht hinterlassen, urd se entfernteren Familienangehörigen, die sich benigstens in den letzten Jahren nie um den ten Mann bekümmert haben, fanden sich bei er Nachricht von dem Ableben des Herrn Ichmitz schleunigst als„trauernde Hinterbliebene“ itt, um— ja, um sich zu vergewissern, wie kal och die Hinterlassenschaft sei und ob ein Testa⸗ gent vorhanden. Der eine dieser Verwandten hrigens ein sehr reicher Mann, wollte sich ber mit dem vermeintlich auf ihn fallenden Frbe nicht begnügen, sondern ließ in aller Eile uch den vermeintlichen Theil eines anderen von dem er eine ausgeklagte ericht mit bedinglem Arrest belegen. Dleser Selbsttäuschung folgte vor einigen dagen bei der Testamentseröffnung eine un⸗ wartete Ernüchterung, um so mehr, als kund purde, wer die wirklichen Erben sind. Es ist 1 erklärlich, als unser Solinger Genosse, der jon dem Erben mit ausreichender Vollmacht kgitimirt, die Erbschaft antrat, als„roter kübschleicher“ titulirt wurde. Heute ist das bermögen unseres verstorbenen Genossen geborgen, umd es bedarf gewiß keiner weiteren Versicherung, saß es für die Verwirklichung des hohen Ideals Verwendung findet, dem Genosse Schmitz nüt uns und allen Parteigenossen zustrebte: bine Neugestaltung der politischen und sozialen Zustände durch die Sozialdemokratie! Zwei Tage nach dem erfolgten Tode wurde inser alter Genosse im Krematorium zu Mann⸗ heim, seinem Wunsche gemäß, durch Feuer bestattet. Ein Kolossalbild des Reichstages. Der Münchener Historienmaler G. Walten⸗ lerger, dessen„Weltuntergang“ bei den Kunst⸗ lusstellungen in München 1896 und in Dresden 97 sich goldene Medaillen errang, arbeitet, he die„Münchner Allg. Ztg.“ erfährt, an nem neuen Kolossalbild. Das bereits weit ber die Skizzierung hinaus gediehene Werk fellt den„Deutschen Reichstag“ mit einer größeren Anzahl feiner Mitglieder in halb lebensgroßen borträts dar, wie eben Reichskanzler Graf v. bülow von seinem Platze aus spricht. Wir hen seitwärts über dem Redner das wohlge⸗ koffene Bild des Reichstagspräsidenten Grafen „ Ballest rem, in vornehm militärischer 5 aufmerksam dem Redner lauschend. Im Vordergrunde, ganz nahe an den zum ettze des Reichskanzlers führenden Stufen, hen in lebensvoller Gruppierung Dr. v. petzow, Fürst Radziwill, Dr. v. Frege d Graf v. Kanitz. Hart daran lehnt an mer Stiegenbrüstung in spannender Haltung Auer, dessen blonder Kopf an den„Vollblut⸗ lemanen“ erinnert. Diesem zur Seite steht singer, mehr im Vordergrunde Bassermann ud dahinter in voller Figur, selbstbewußt und gesgewiß, Bebel. Nun folgen, wirkungsvoll Mitte des Bildes einnehmend, Freiherr v. deyl, Graf v. Hompesch und Dr. Lieber, vor srsen dreien v. Kardorff. Hieran reihen sich er Mann mit der eisernen Stirne“, v. Voll⸗ nur, sitzend in stolz zurückgebeugter Haltung, meben Dr. Schädler und Gröber, davor brinz v. Arenberg. Eine weitere interessante Nuppe bilden Träger, Münch⸗Ferber und Dr. eiherr v. Hertling, diesen rückwärts zur Seite dul Wetterle. Alle Köpfe auf dem Bilde sind gemein belebt und sehr ähnlich, da die be⸗ uffenden Reichstagsabgeordneten dem Künstler bederholt in liebenswürdigster Weise Sitzungen Gilligt haben. Leider fehlt noch der Abge⸗ nete Richter. Dieser hat auf die Bitte des emstlers um die Bewilligung einer Sitzung semeinend geantwortet. Neue Baiefstempel. Kürzlich sind an einigen größeren Postämtern, so in Hamburg, Leipzig und Berlin, elektrische Stempelmaschinen in Betrieb gestellt worden. Diese Maschinen sind ameri⸗ kanischen Ursprungs und versehen die Briefe mit einem langgestreckten Stempel, der die vom Winde nach rechts bewegte Flagge der deutschen Reichspost darstellt. Die Farben schwarz und rot sind in heraldischer Weise wiedergegeben. In dem runden Felde in der Mitte befindet sich die Kaiserkrone mit dem Posthorn. Links von der langgestreckten Flagge befindet sich der Ortsstempel. Der gesamte Stempel muß eine gewisse Länge und Breite haben, um die Marke zu treffen, auch wenn sie nicht immer az der⸗ selben Stelle steht. Die Briefe werden in eine etwa einen halben Meter lange Rinne gelegt und dort von der durch einen kleinen Motor betriebenen Maschine erfaßt und an dem Stempel vorbeigeführt. Die Maschine vermag 120 Briefe in der Minute zu stempeln. Ein fürchterliches Eisenbahnunglück. ereignete sich vor kurzem bei Turnu⸗ Severin in Rumänien, nahe der ungarischen Grenze. Von der Station Palota wurde 5 Minuten nach dem Eilzug ein Petroleumzug mit 16 vollen Waggons abge⸗ lassen. Da die Bremse des letzteren versagte und das Geleise dort starkes Gefälle aufwies, geriet der Zug in rasend schnelles Rollen und fuhr in einem Einschnitt in den Eilzug hinein, welcher in Folge eines falschen Notsignales stehen geblieben war. Beide Züge wurden förmlich zertrümmert. Das Petroleum ergoß sich aus den Reservoirs über den ganzen Ein⸗ schnitt und wurde von der Lokomotive in Brand gesetzt. Sofort bildeten beide Züge ein Flammen⸗ meer. Nur der Bremser des letzten Lastwaggons, Lokomotivführer und Heizer des Eilzuges und der Bukarester Schlafwagen-Inspektor Markovics samt Frau retteten sich. Letzterer Tochter, sowie alle übrigen Passagiere und das ganze Personal verbrannten, ins gesamt 40 Personen; sechs wurden schwer verwundet ins Spital nach Turnu⸗ Severin überführt. Gemeinnütziges. Darf man Nübenblätter an Schweine verfüttern? Eingesäuerte Rübenblätter sind kein gutes Futter für Schweine. An Mast⸗ schweine dieselben zu verfüttern, ist überhaupt nicht anzuraten. Ist Futtermangel vorhanden, so können an Zuchtschweine, mit Ausnahme der tragenden Sauen, geringe Quantitäten im rohen Zustande verfüttert werden. Besser über⸗ läßt man dieses Futter dem Rindvieh. An was erkennt man gute Lege⸗ hennen? Das erste Zeichen liefert der Kamm und Bart. Je dunkelscharlachroter dieselben zur Zeit, wenn die Hühner Eier legen, sind, um so bessere Eierleger sind die Hühner. Mittel mäßige und schlechte Legerinnen haben mehr blaßrot gefärbte Kämme und Bärte, während die Ohren- scheibe schmutzig⸗weiß und gelblich-rosarot ist. Unter das Hühnerfutter eine hinreichende Menge Eierschalen oder Kalk gemengt, bewirkt nicht nur ein begieriges Fressen desselben, sondern die Hühner legen auch mehr Eier als sonst. Eine gut genährte Henne ist im Stande, eine Menge Eier zu legen, jedoch kann sie das nicht, ohne das nötige Material zur Schale zu er⸗ halten, wenn ihr Futter auch sonst nahrhaft ist; sie muß mit dem Legen ganz aufhören, wenn sie uur mit kalkfreiem Futter ernährt wird. Humoristisches. Berliner Witz. Schwuppke:„Ick habe mir fier heute Abend bei meine Olle Rührei mit'n Kotau bestellt!“ Strobel:„Mit'n Kotau??“ Schwuppke:„Nu— mit drei Bücklinge!“ Gerechter Vorwurf. Professor(dessen Frau sich auf einer Gebirgstour aus Versehen auf sein Frühstück gesetzt hat, vorwurfsvoll):„Hier sind ja nun ca dreimalhunderttausend Quadratmeter ohne Butter— brot, und natürlich Du setzt Dich auf den einen Quad⸗ ratmeter, wo das meine liegt!“— ———ĩ— Lm Litterarisches. Sozialistische Monatshefte. Das Oktober⸗ Heft enthält: Fr. Hertz: Der neue Programmentwurf für die österreichische Sozialdemokratie.— Heinrich Kauffmann: Großeinkaufsgesellschaften deutscher Kon⸗ sumvereine.— Wolfgang Heine: Die Lehren des Gumbinner Militairstrafprozesses.— Eduard Bern⸗ stein: Der Kernpunkt des Streites.— Otto Lang: Der Sozialismus in der Schweiz.— Gustav Heinke: Die Aufgaben der politischen und gewerkschaftlichen Or⸗ ganisationen in der Frage des Bauarbeiterschuzes.— Wally Zepler: Mutterschaft und geistige Arbeit.— Net Gorki: Frühlingsmelodieen.— Rundschau: Politik: von Richard Calwer.— Wirtschaft; von Max Schippel.— Sozialistische Bewegung; von Oskar Petersson.— Gewerkschaftsbewegung; von Heinrich Bürger.— Genossenschaftsbewe gung; von Gertrud David.— Soziale Kommunal politik; von C. Hugo.— Technik; von Dr. Heinrich Lux. Der Preis des Heftes beträgt 50 Pfg., durch alle Buchhandlungen und Postanstalten zu beziehen, auch durch die Expedition der„Mitteld. Sonntags⸗Zeitung.“ Der Wert der öffentlichen Neinung kann heutzutage im öffentlichen Leben nicht mehr entbehrt werden. Gegen was sich die öffentliche Meinung richtet, das ist am Fortkommen ge⸗ hindert, wofür sie sich aber erklärt, das blüht und gedeiht. Letzteres ist nun im e Maße der Fall mit einem Hausmittel, das im Kampf gegen Hals⸗ und Brustleiden merkwürdige Heilerfolge gehabt hat. Der von Herrn Er nst Weidemann in Liebenburg a. H. herge⸗ stellte russische Knöterich⸗Brustthee hat sich jetzt in Palast und Hütte eingebürgert; er ist, wie Tausende von Anerkennungsschreiben dokumen⸗ tieren, das wirksamste Mittel bei den Erkrank⸗ N der Respirationsorgane, wie Kehlkopf⸗ und Luftröhrenkatarrhe, Heiserkeit, Husten, Asthma, Lungenkatarrh, Atemnot, Blutspucken, Lungenaffektionen, Brustbeklemmungen ꝛc. und folgerichtig hierdurch der beste Schutz gegen die mörderische Lungenschwindsucht. Man versäume nicht, vöengenannten Herrn um Zusendung einer diesbezüglichen instruktiven Broschüre zu er⸗ suchen, die gratis und kostenlos erfolgt. Die öffentliche Meinung hat sich ganz entschieden, wie wiederholt sei, für den Knöterich⸗Thee aus⸗ gesprochen. Um den Patienten den Bezug dieser Pflanze in wirklich echter Form zu ermöglichen, versendet Herr Ernst Weidemann den Knöterichthee in Packeten a 1 Mark. Jedes Packet trägt eine Schutzmarke mit den Buchstaben C. W. und sind diese, sowie„Weidemanns russischer Knö⸗ terich“ patentamtlich geschützt worden, so daß sich Jeder vor wertlosen Nachahmungen schützen kann. Man weise daher jedes Packet ohne Schutzmarke und den Namen E. Weidemann zurück. Um im Publikum Vertrauen zu er— wecken, haben sich auch Nachahmer gefunden, welche die Weidemann'sche Broschüre teilweise abgedruckt haben() und damit ihren angeblich 0 Knöterich in den Handel bringen wollen. Aus dem Gießener Standesamts register. Eheschließungen⸗ 12. Friedrich Hofmann, Schutzmann in Bielefeld mit Margarethe Jung dahier. Christian Franz, Schutzmann in Darmstadt mit Elisa⸗ bethe Belloff dahier. Kourad Bellersheim, Kaufmann in Siegen mit Antonie Schad dahier. 15. Wilhelm Georg, Gr. Bezirkskassen-Assistent in Mainz mit Luise Kinzenbach dahier. Geborene. 5. Dem Instrumentenmacher Ludwig Roth II e. T. 7. Dem Mechaniker Hermann Bauer II e. T. 9. Dem berittenen Gendarm Theodor Geißler e. S. Dem Postschaffner Heinrich Rühl e. S. 12. Dem Fabrikant Eduard Silbereisen e. S. Dem Rechtsan⸗ walt August Wagner, Zwillinge(Mädchen). Dem Taglöhner Johann Georg Gebhard e. T. 13. Dem Cigarren macher Heinrich Grebe e. T. Gestorbene. 1. Anna Flamme, 9 Monate alt, Tochter des Wirts Ludwig Flamme dahier. 11. August Wagner, 41 Jahre alt, Rechtsanwalt dahier. Elise Merz, geb. Schmidt, 35 Jahre alt, Ehefrau von Flaschenbierhändler Heinrich Merz dahier. 12. Hermine Bohling, geb. Koruschewitz, 49 Jahre alt, Ehefrau von Tapezier Wilhelm Bohling dahier. Adam Ritzel, 47 Jahre alt, Oberpostassistent dahier. 15. Katharine Größer, geb. Fischer, 60 Jahre alt, Ehefrau von Aufsetzer Johannes Größer dahier. 16. Henriette Friederike Pfannkuchen geb. Flügel, 80 Jahre alt, Witwe von Forstaufseher Johannes fannkuchen, dahier. Seite 8. Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung. Nr. 42. N Circa 1000 Lodensoopen von Mk. 3,60 bis Mk. 9,75. Ubssef Posten Paletots von Mk. 12,75 bis Mk. 30.— Außerdem großes Lager Herrenanzüge, f Pelerinen Mäntel, Havelocks u. s. w. Carl Frensdorf Bahnhofstr.! Giessen deset eustadt. empfehle ein hervorragend bestehend in — Bier im Glas.— Es ladet freundlichst ein 54 eee Gesangverein Eintracht Gießen. Samstag den 26. Oktober, abends 8 Uhr im Festsaale des Café Leib: Feier des 28. Sliftungskestes, Gesang, Theater und Tanzunterhaltung. Karten im Vorverkauf à 75 Pfg. bei den Herren H. Schneider, Sonnen⸗ straße, P. Berg, Stadt Marburg, Orbig, Rittergasse, Rottmann, Friseur, Kaplansgasse, Albold⸗Gambrinus, Wahl, Friseur, Neustadt.— Abends an der Kasse Mk. 1.—. * * N latte Tur 0 Der Vorstand. Fee 4. Wieseck! 2 Wieseck! Sonntag, den 20. Oktober, abends 8 Uhr: im Saale des Herrn Wacker„Zum Gambrinus“. Tages⸗Ordnung: Wem nützen die Zölle? Referent: Stadtverordneter E, Krumm, Gießen. Oeffentliche Volks- Versammlung 1 U 0 f. 0 1 1 Prov. Oberhessen In jedem Ort eine zuverläsig Person gesucht, welche sich de ein Kind mit ganz leichter Age wöchentl. 1 Stunde bei 50 Bfg und mehr Verdienst beschäftige will. Offerten unter der Ausschel Soeben beginnt der 20. Jahrgang der Ueuen Zeit Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Unter ständiger Mitarbeiterschaft von A. Bebel, P. Lafargue, 61 70 Mehring, F. A. Sorge U. 8 redigirt von Karl Lautskn Kang nan, Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges 1E ND Schuhwarga lager gediegenen, soliden 158 72 „AnleHeetc.ED,. Qualitäten zu billigsten Preisen. 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Kamin kat Uhrmacher 1 1 giessen, Marktplatz 18 ft Vorteilhafte Bezugsquelle it 1 Wolde Uhren, Gold⸗ 8 Sil b Perrsched! ih J, Taufe bete ul. „ AJNiligesehene Stellung, welche sich die„Neue Zeit“ M Anhängern und Gegnern der Sozialdemokratie erworben hat, verdankt die Zeitschrift ihrer Eigenschaft als Organ des wissenschaftlichen Sozialismus, nicht minder aber auch der einer politischen Revue ersten Ranges. Dis Er⸗ eignisse des Tages, die von weiter reichender Beden⸗ tung sind, werden, namentlich soweit sie auf die Arbeiterbewegung und den Sozialismus Bezug haben, eingehender besprochen, als es in der Tages⸗ presse möglich ist, während gleichzeitig die wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur und Kunst, der Naturwissenschafsten und der Technik an⸗ gemessene Berücksichtigung sinden. e Die„Neue Zeit“ darf als unentbehrliche Zeitschrift für alle diejenigen bezeichnet werden, welche ein mehr als flüchtiges Interesse für die große Tagesfrage der sozialen Entwicklung haben. Die„Neue Zeit“ erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buchhandlungen und Kolporteure zum Preise von Mk. 3.25 pro Quartal zu beziehen. kostet 25 Pfennige. Hochachtungsvoll J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart. Zu beziehen durch die Expedition der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ in Gießen, Sonnenstr. 25. rbeiter sollte neben seiner Zeitung noch auf die Witzblätter„Der Pale Juscob“ und „Der Süddeutsche Poslillon“ abonnieren. Preis pro Nummer 10 Pfg. Exped. der M. S.⸗Z. und durch sämtl. Spediteure. Jeder Gießener Stadttheater. Sonntag, den 20. Oktober 1901 Die Anna-Lise. Lustspiel in 5 Akten von Hermann Hersch. Dienstag, den 22. Oktober 1901 Haus Lonei. Lustspiel in 4 Akten von L'Arronge. Mittwoch, den 23. Oktober 1901 “Volks⸗Vorstellung! Die Macht der Finsternis. Donnerstag, den 24. Oktober 1901 Gastspiel: Carl Schönfeld. Der Kaufmann von Venedig. (Shylock Freitag den 25. Oktober 1901 Die zärtlichen Verwandten. H. Schneider, Gießen 25. Sonneustr. 25. 0 (Schummrich Verlag der Mitteld. Sonntagszeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen. 3 wie sie von der 1 Gänsefedern 8 kommem ist 1.50 p. Pfund, aussort. nur kl. Fed. u. i Daunen 2.00, etwas kl. u. dauniger 5 Gwisch. dies. 3 Sort. ist hin u. wied eine he, graue Fee anden Halbdaunen, ft ganz kl. weiße, volldaunige Federchem 1 L. 65, zarter u. dauniger 3.00, höchprima öh fast Daune, 3.50. Gerissene Fed. grau, f 1.75, halbweiß 2.50, weiß 2.75, 3.00, f.% i Un schneew. 4.00, schneew., sehr daunig, 4.50.1 10 100 Daunen, halbw. 3.50, weiß 4.50, hoch⸗ 1 0 prima 5.50. Chines. Eutensed. 0.75, Ci 1.00, Halbdaune 1.50, 1.75. Daune 200d. an Jede re wird in mein. Fabrik saub ee ereinigt, daher vollkomm krock, klar fte 0 staubfeel⸗ Unbedingt reell u. preisw. liche! ährl. Umsatz ca. 3000 Ctr. Garantie: le 0 Zurücknahme. Für Bettstosse u. fertige 10 0 Betten Preisliste extra. Krohn,, 0 Lehrer a. D., Alt-Reetz( Oderbruch!“ 15 2 ettgänse pr. Pid. 56 Pig. ut 2 aas Das einzelne Heft 2 het e Arbeiter- Do. s e Kalender 1902 * 0 Mit mehreren Juustrationen Mate u. A.: Entwurf von let ciebknechts Grab ⸗ Denkmal. ag . 00 Pg. norte 10 Pf. 0 ig f Inhalts⸗ Auszug. en Qie neuen Gesetze betr. Soldaten Aae Unfallfürsorge 100— a 3 U Versor N äutert vo u, Zu bez durch die N Neichstagswall-Gcgel, e g nisse m. alen Nachwahlen bis Auger] 1001.— Veneste Volkszählung“ Im „ Resultate in Reich, Einzelstaaten um 0 ö Städten über 100,000 Einwohner. 4 Framzösische Arbeiterführer mit Per, ff fraits von Guesde, Jaurés, 0 rand, Vaillant.— ilitär lasten.“ e Steigerung seit 94.— iffenswerthe“ A über 3 und Bundes rath.— 1 1 uberkulose⸗Merkblatt. N f Gewerkschaftliche Artitel,. B. bt Deutsche Streihstatisi 1890— 1800. N Deutsche Gewerkschaftsersolge.. he Was können die Gewerkschaftenn ö Adressen der Gewerkschafts Organ“ e sationen, Gewerbe⸗Inspektoren 1 Arbettersekretariate. Mu Aecue Arbeiterschutzh nene 7 it Prakt. Winke für Arbeits verhält 1 a gestalten diesmal den Kalender füt 1 1 Sewerklchaiten und Alle 1 0 zu einem besonders praktischen und* 10 agltatorischen LTachidige N 9 Carl Schönfeld.) durch jede Buchhandlung zu beziehe 1 f Buchhandlung Vorwärts 4 Berlin SwW., Benthstr. 2. für ö 1 Carl Schönfeld.) 8 Nun 5 Wal