7 . — * 2 * e 3 3 . 8 2 Juve * * . e Aa no * W AA a ud S agu nnen 0 eee Dr 2 .. Gießen, Sonntag, den 20. Januar 1901. 8. Jahrg. Mebeftior: Kirchenplaß 11, Schloßgasse. n Mitteldeutsche Mebaltioneschruß Dommnerstog Nachmittag 4 Uh Damnerstag Nachmittag 4 Nh ——ů——ůů— ů n Abounementsprets: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogeu vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und 2 Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 28% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)[ 33½¼0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens N Urtheile Gelehrter über die Getreidezölle. In sehr beachtenswerter Weise hat sich Pro⸗ fessor Konrad über den Getreidezoll geäußert. Professor Konrad ist kein Politiker, sondern ein Gelehrter, ein bedeutender National- ökonom, und seine auf Grund seiner Studien gewonnen Ansichten, die durch keine Parteirück⸗ sicht und sonstigen Interessen beeinflußt sind, verdienen Beachtung. Der Gelehrte schreibt: „Der Schwerpunkt der Wirkung des Ge⸗ treidezolles liegt in der Belastung der Kon⸗ sumenten. In dem größten Theile von Deutsch⸗ land ist noch der Roggen das hauptsächlichste Nahrungsmittel, in Frankreich dagegen der Weizen. Der Roggenzoll belastet mithin hier die große Masse der ärmeren Bevöl⸗ kerung. Die Kaufkraft des Lohns des einfachen Arbeiters wird dadurch verringert, was namentlich gegenüber dem Ausland auch in der Zeit ins Gewicht fällt, wo ein allge⸗ meiner Preisrückgang den Zoll einigermaßen ausgleicht. Ein neu aufgelegter Zoll wird deshalb gleichbedeutend mit einer entsprechen⸗ den Lohureduktion sein und die Erfahrung hat gelehrt, daß es einer längeren Zeit und für den Arbeiter günstiger Konjunkturen bedarf, um eine Lohnerhöhung für den Arbeiter zu erwirken und dieses auszugleichen. Nur auf Grund harter Kämpfe und vieler Entbehrungen ist eine solche Ausgleichung zu bewirken. Eine Arbeiterfamilie in der Stadt mit fünf Köpfen zahlt allein an Getreidezöllen durch⸗ schnittlich 11-13 Mk. Nimmt man den Ver⸗ dienst auf 900 Mk. an, wovon 600 Mk. als Existenzminimum anzusehen find, so zahlt die⸗ selbe hierhin allein über 1,5 Proz. des Ein⸗ kommens, aber 5 Prozent des freien Ein⸗ kommens. Da nun außerdem der Arbeiter in Deutschland noch sür Petroleum, Kaffee, Schmalz und Fleisch, auf Heringe, Tabak, ganz abgesehen von dem Zoll auf Baumwollen⸗ und Wollenwaaren, Zoll zu zahlen hat, so erhöht sich der Zoll auf 6 Mk. pro Kopf, und rechnet man die Salz⸗ und Getränkesteuer hinzu, so er⸗ giebt sich ein Uebermaß der Steuerbelastung für die unteren Klassen durch die indirekten Steuern, welches durch den Getreidezoll in ganz bedeutendem Maße gesteigert wird. Die Belastung ist aber damit natürlich nicht vollständig berechnet, denn der Konsument zahlt nicht nur den Zoll, sondern außerdem einen höhern Preis an den produzierenden Landwirth, dem Zolle annähernd entsprechend und gemäß seines Konsums. Man rechnet im Durchschnitt für den Haushalt 10 Doppelzentner Brotge⸗ treide. Berechnen wir pro Zentner nur 3 Mark, statt 3 Mk., so würden immerhin 30 Mk. pro Haushalt und, natürlich im Ganzen in⸗ klusive der Abgabe, in Folge des Getreide⸗ zol les entrichtet werden; bei eiuer größeren Kinderzahl würde sich dieser Betrag, namentlich in den Städten noch nicht unbedeutend erhöhen. Wie viel für andere Agrarzölle hinzurechnen ist, besonders für Schmalz, Speck ꝛc., entzieht sich der Bestimmung.“ Noch ein anderer Gelehrter, der ber annte Nationalökonom Lujo Brentano, hat sich über die Nutzlosigkeit des Getreidezolles geäußert. Er schreibt:„Was ist der Zweck des Getreide⸗ zolls? Er soll den Getreidepreis steigern. In dem Maße, in dem der Zweck erreicht wird, steigt die Geldrente, welche der Boden abwirft. Der Ertragswerth des Bodens aber ist gleich der Geldrente, die er abwirft, kapitalisirt mit dem herrschenden Zinsfuß. Entsprechend der gesteigerten Geldrente steigt also der Bodenwerth. Die Folge des Getreidezolls, der seinen Zweck, die Steigerung der Getreidepreise, wirklich er⸗ reicht, ist also die Steigerung eben des Theils der landwirthschaftlichen Produktionskosten, wegen dessen Höhe das Inland mit dem Aus⸗ land nicht konkurriren kann. Möglich, daß dies vielen hochverschuldeten Grundbesitzern völlig gleichgiltig ist. Sie erhalten durch das Steigen des Bodenwerths die Hoffnung, ihren Grund⸗ besitz zu einem Preise zu veräußern, der die Schulden übersteigt; ja vielleicht gelingt es ihnen, beim Verkaufe besselben ein ausgezeich⸗ netes Geschäft zu machen. Wie aber steht es mit Denen, welche ihre Güter behalten, und mit Neuerwerbern von Gütern? Da der Ge⸗ treidezoll das Verhältniß des Bodenertrags zum Bödenwerth nicht verändert hat, bleibt der Ge⸗ treidebau nach wie vor unrentabel. Bleibt der Landwirth beim Getreidebau, so ist er noth⸗ wendig alsbald wieder nothleidend. Dann erschallt aufs Neue der Ruf nach aber⸗ maliger Erhöhung des Getreidezolls. Und so geht es fort. Es ist eine Schraube ohne Ende.“ Die Wirkung des Getreidezolles ist— so faßt Brentano das Ergebniß seiuer Untersuchung zusammen—, daß er die Ursache steigert, in welcher der Mangel an Konkurrenzfähigkeit wurzelt, und diesen, statt zu seiner Beseitigung zu führen, auf die Dauer erhöht. Der Getreide⸗ zoll ist demnach ein untaugliches Mittel zur Hebung der Landwirthschaft, ge⸗ rade jene Wirkung des Zolles drängt fort und fort zur Steigerung der Zollsätze. Das Volk auszupowern, dazu ist der Brotwucher aber vorzüglich geeignet. * Auch der deutsche Handelstag, der kürzlich in Berlin tagte, nahm eine Resolution gegen die Erhöhung der Lebensmittel— zölle, allerdings mit einer Mehrheit von nur vier Stimmen an. Diese geringe Mehrheit für die Resolution verzeichnen die Agrarier mit Genugthuung; in der That berechtigt dieser Umstand die Agrarier, einen großen Theil des Handelsstandes für die Brodwucherpolitik zu reklamiren.— Trotz der Kundgebung der Ge⸗ lehrten und des Handels werden natürlich die Junker mit aller Macht höhere Brodzölle zu erreichen suchen, unter welchen die Arbeiterklasse, die jetzt schn von Lohnverkürzuugen heimgesucht wird, am schlimmsten zu leiden hat. Unsere Aufgabe muß deshalb sein, den Kampf gegen den Brodwucher auf der ganzen Linie mit aller Schärfe zu führen. Politische Rundschau. Gießen, din 16. Januar. Die Reichspumpwirthschaft geht vergnüglich weiter. Wie der Frankfurter Zeitung aus New⸗York gemeldet wurde, suchte die deutsche Reichsregierung in Amerika eine. Anleihe von 600 Millionen aufzunehmen. Auf diese Art werden die Reichsschulden den Betrag von 3 Milliarden nicht nur bald erreicht, sondern sogar überschritten haben. Und die ungeheuere Zinsenlast muß zum größten Theil das werkthättge Volk in Form von in⸗ direkten Steuern auf die nothwendigsten Lebens⸗ mittel aufbringen.— Uebrigens muß bemerkt werden, daß der Regierung vom Reichstage nur Vollmacht zur Aufnahme von 30 Mill. Mark erhalten hat, wenn sich also obige Nachricht bewahrheitet, würde sich die Regierung wiederum einer Verfassungsverletzung schuldig machen. Höhere Zuckerpreise. Dem deutschen Volke ist von den Zucker⸗ baronen wieder eine neue Belastung auf⸗ gehalst worden. Das Zuckerkartell hat die Preise für Raffinade weiter um 1.10 Mk. pro Centner erhöht. Die Belastung des in Deutsch⸗ land verbrauchten Zuckers durch die Rübensteuer, deren gesammter Betrag und noch mehr dazu bekanntlich den Zuckerproduzenten in Form von Ausfuhrprämien wieder zufließt, sowie durch die künstliche Preistreiberei des Zucker⸗ syndikats beträgt jetzt über 5.25 Mk. pro Centager. Auf den gesammten Zuckerkonsum Deutschlands berechnet, macht das jährlich 75 Millionen Mark aus, die dem deutschen Volke abgenommen werden. Dafür liefern aber auch unsere deut⸗ schen, musterpatriotischen Zuckerfabrikanten den Engländern den Zucker für die Hälfte des Preises, den sie ihren Landsleuten aufdiktiren. Die Kanalvorlage ist dem preußischen Abgeordnetenhause bereits zugegangen. Es handelt sich dabei um ein ganzes Kanalsystem für das im Ganzen 389010700 Mark gefordert werden. Es ver⸗ lautet, daß die Agrarier, denen die Vorlage immer Bauchweh verursachte, vom Reichskanzler Grafen Bülow umgestimmt wurdeg, indem er ihnen Entgegenkommen in Bezug auf ihre Ge— treidezollforderungen versprach. So haben also die Agrarier Aussicht, ihre Brotwucherpläne verwirklicht zu sehen; sie können ganz getrost der Kanalvorlage zustimmen, umsomehr, als sie und ihre Sippe zu den Kosten wenig oder gar nichts beitragen, denn die müssen wie über⸗ all, so auch bei diesem Kulturwerke zumeist von den minderbemittelten Klassen aufgebracht werden. Ein Gutsbesitzer gegen die Getreide⸗ zollerhöhung. In der„Königsberger Hartung'schen Zeitung wendet sich ein ostpreußischer Gutsbesitzer ent⸗ schieden gegen die Erhöhung der Getreidezölle und zwar vom Standpunkte des Produzenten aus. Er erklärt, ein Vortheil aus der Er⸗ höhung treffe nur bei solchen Wirthschaften zu, wo ein veralteter Betrieb herrscht und man noch die Haupteinnahme aus der Getreide— produktion entnimmt.„Diese Betriebsform war vor 30 bis 40 Jahren die herrschende. Damals war der Getreidebau die Hauptsache; die Vieh⸗ haltung bestand in erster Linie der Dünger— produktion wegen; der Ertrag daraus stand weit hinter der Einnahme aus Getreide zurück. Seit jener Zeit hat sich eine allmählige Um⸗ Seite 2. Mttteldentsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 3. wandlung in unseren Wirthschaften vollzogen, verursacht durch den Umstand, daß die Vieh⸗ haltung rentabler, der Getreidebau hingegen unrentabel wurde. Wir wenden uns daher immer mehr dem Futterbau zu und verringern die Anbaufläche des Getreides, dadurch wird aber auch unsere Stellung zu den streitigen Zollfragen verändert. Guten Absatz und defriedigende Preise für unsere Vieh⸗ produkte können wir nur dann haben, wenn eine starke, kaufkräftige Bevölkerung im Reiche vorhanden ist. Fleisch, But⸗ ter, Milch sind Lebensmittel, deren Verzehr sich mehr einschränken läßt, als der des Brotes. Geht es der breiten Masse der Bevölkerung gut, so steigt der Bedarf an diesen Produkten erheblich und umgekehrt. Die Industrie ist nun abet die Haupternährerin der nichtlandwirth⸗ schaftlichen Bevölkerung; darum sind wir Land⸗ wirthe an ihrem Gedeihen stark interessirt. Wollen wir dieses Gedeihen fördern, so müssen wir für Handels verträge eintreten; deun ohne sie wird dem größeren Theil der Industrie, der Exportindustrie, der sichere Exi⸗ stenzboden entzogen.“ 13 Der Verfasser macht weiter geltend, für ein Gut von 1000 Morgen würde bei 600 Doppelzentner Wintergetreide eine Erhöhung des Getrei⸗ dezolls um Mk. 3 Mk. 1800 Mehrerlös bringen; dagegen würde an Viehproduktion ein Mindererlös von Mk. 2300 eintreten in Folge einer Verschlechterung von Vieh mit Mk. 3 pro Centner Lebendgewicht und von Milch von 1 Pf. pro Liter. Es wird an Nutz⸗ inventar gehalten: 50 Kühe, und daneben Auf⸗ zucht von Vieh, und zwar werden 20 Stück Jungvieh jährlich zugelegt und daher auch 20 Stück pro Jahr verkauft, außerdem kommen Schweine im Gesammtlebendgewicht von 100 Zentner zum Verkauf. Bei einer Differenz von 1& pro Liter stellt sich pro Kuh— abzüglich der für die Wirtschaft verbrauchten Milch— ein jährlicher Minderertrag von Mk. 28 heraus, macht in Summa Mk. 1400. Verkauf von 20 Stück Vieh à 10 Zentner Gewicht. Minderertrag von 200 Zentner à Mk. gleich Mk. 600. Minder⸗ ertrag von 100 Zentner Lebendgewicht an Schweinen à Mk. 3 gleich Mk. 300. Auch diese Belehrung wird bei den einge⸗ fleischten Agrariern nichts fruchten. Sie wollen eben ohne eigene Anstrengung und ohne Auf⸗ wendung von Mitteln für die Verbesserung ihrer Wirtschaft, auf rein mechanischem Wege der Preis treiberei sich höhere Einnahmen ver⸗ schaffen. Ob die Volksmassen darunter leiden, darum kümmern sie sich nicht. Der hessische Landtag nimmt seine Verhandlungen am nächsten Diens⸗ tag, den 22. Januar wieder auf. Zur Be⸗ rathung gelangt unter Anderen ein Antrag unserer Genossen, die Arbeiter-Verhältnisse in den Staatsbetrieben betreffend, sowie ein solcher auf Aufhebung sämmtlicher Rhein⸗ und Main⸗ brückengelder. Im letzteren Sinne bewegt sich auch ein Antrag des Abg. Schmitt u. Gen. Unternehmergewinn und Arbeitslohn. Ueber die Lage der Arbeiter bei dem Ein tritt der schlechteren Geschäftskonjunktur schreibt Ge⸗ nosse Calwer in einem Rückblicke auf das verflossene Jahr in der„Leipz. Volksztg.“: Es ist ein charakteristisches Merkmal der heutigen Wirthschaftsordnung, daß in Zeiten des Aufschwunges die Arbeiter die letzten sind, die an den Exträguissen theilnehmen, daß aber umgekehrt bei einer Krise die Arbeiterklasse am ehesten von deren verderblichen Folgen ge⸗ troffen wird. Nur langsam und in bescheidenem Maße hat die Arbeiterklasse an dem Aufschwunge der Jahre 1895 bis 1899 theilgenommen. Im Durchschnitt sämmtlicher gewerblicher Arbeiter hat nach derLohnstatistik der Berufsgenossenschaften der Jahres verdienst eines Arbeiters in dem ge— nannten Zeitraume eine Zunnahme von nur etwa 11,16 Prozent betragen. Da aber die Kosteu für die Lebenshaltung in der nämlichen Zeit von 9—10 Prozent bei gleich gebliebenen An⸗ sprüchen gestiegen sind, so verringert sich die thatsachliche Besserstellung der Arbeiter während der Jahre des Aufschwungs um ein ganz be⸗ deutendes. Eine genaue Berechnung ergiebt, daß unter Berücksichtigung d. Geldwerthveränderungen der wirkliche Jahres verdienst im Durchschnitt aller Arbeiter nur um etwa 4½ Prozent zugenommen hat. In doppelt und dreifach erheblicherer Weise hat dem gegenüber das Kapital die günstigen Jahre auszunutzen verstanden. Die Erträg⸗ nisse der gewerblichen Unternehmungen, des Handels und namentlich der Banken haben einen Zuwachs erfahren, der verhältnißmäßig min⸗ destens dreimal so groß war wie der An⸗ theil, den die Arbeiterklasse aus den Mehr⸗ erträgnissen der günstigen Konjunktur hatte.— Trotz dieser Thatsachen, deren Richtigkeit nicht zu bestreiten ist, geht die Unternehmerklasse an manchen Orten mit Lohnreduktionen vor. Waren die Arbeiter schon im vergangenen Jahre un⸗ günstiger gestellt, als 1899, so sprechen alle Anzeichen für eine weitere Verschlechterung in diesem Jahre. Desto fester und zahlreicher müssen sich die Arbeiter den Organisationen anschließen. Aus der deutschen Kinderstube. Eine Statistik über den Ordenssegen in Preußen wurde kürzlich veröffentlicht. Da⸗ nach sind nicht weniger als 10396 Orden und Ehrenzeichen im Jahre 1900 vom König von Preußen verliehen worden. Der Schwarze Adlerorden ist 9 mal, der Rothe Adlerorden in seinen zahlreichen Abstufungen 3090 mal(die vierte Klasse allein 2368 mal), der königliche Kronenorden 2163 mal(die vierte Klasse 1307 mal) und das Allgemeine Ehrenzeichen 3965 mal verliehen worden. Der vor einigen Jahren gestiftete Wilhelmsorden für Verdienste auf sozialpolitischem Gebiete ist— zwei⸗ mal und der Orden pour le mérite für Wissenschaft und Kunst gar nur ein⸗ mal verliehen worden. Man kann deraus ersehen, welcher Werthschätzung sich die Sozial⸗ politik und die Kulturaufgaben der Kunst und Wissenschaft erfreuen. Oder es muß auf diesen Gebieten nichts geleistet werden, da sich hier so selten Gelegenheit findet, für erworbene Ver⸗ dienste Auszeichnungen zu verleihen!— Wenn's übrigens so weiter geht, wird bald jeder Deutsche mit ein paar Orden ausgerüstet sein. Ver⸗ ständige Leute lächeln über solches Kinderspiel⸗ zeug. Antisemitischer Blödsinn. Lautere„antisemitische Wissenschaft“ ver— kündete in Berlin ein„alter Student“ in einem Vortrage, den er im„Germauischen Volks⸗ bund“ hielt. Nach der antisemitischen„Staats⸗ bürgerzeitung“ gab dieser hervorragende anti⸗ semitische Forscher seine Ueberzeugung dahin kund, „daß besonders dazu veranlagte Menschen sich zu einer geheimen Mördergenossenschaft ver⸗ schworen haben“, um„unschuldiges, reines Menschenblut alljährlich zu erlangen“. Der „Schächter der Menschenopfer“ sei, wie aus den Gerichtsverhandlungen über Skurz, Xanten, Polna und Konitz sich ergeben habe,„ein und derselbe Mann: ein erschreckend häßlicher, hinkender blatternarbiger, krätziger Hebräer.“ Dieser sei der„Kopf der Blut. mörderbande“. Wörtlich heißt es in dem Be⸗ richt der Staatsbürgerzeitung: Der seit Urzeiten einzig dazu befugte Schlächter des heiligen Blutopfers aber ist lediglich jener unstät umherwandernde Zadek, der sagenhafte Ahasverus der Juden, jener schon äußerlich als Typus des Teufels gekennzeichnete„krumme, hinkende Jude“. Es wird daher Sache der Regierungen sein, auf diesen krummen Inden und„heiligen Mann“ zu fahnden und nächst ihn, sein Gezücht und seine Beschützer unschädlich zu machen. Das hat also wirklich jemand in der deut⸗ schen Reichshauptstadt Berlin ernsthaft seinen Zuhörern vorgetragen und diese haben es w irk⸗ lich ruhig angehört. Es geht die Legende, daß der Hexenglaube mit dem Mittelalter in Deurschland verschwun⸗ den sei. Die Antisemiten des„germanischen Volksbundes“ beweisen, daß er in vergröberter Gestalt im zwanzigsten Jahrhundert sich zum Glanzabschnitt ihrer„Wissenschaft“ emporge⸗ rettet hat. Da behaupte noch irgend ein Nörg⸗ ler, daß die germanische Rasse sich vom Mittel⸗ alter bis heute geistig nicht gehoben und ver⸗ edelt habe!“— Die Wahlen in Oesterreich, dem Lande der Niedertracht und Korruption sind erst in dieser Woche zu Ende gegangen. Unsere Senossen können mit dem, was sie da⸗ bei erreichten, wohl zufrieden sein. Trotz des elenden Wahlgesetzes, trotz uuerhörter Beein⸗ flussung der Arbeiter Wähler durch die Beamten und die kapitalistischen Parteien, hat die für die Sozialdemokratie abgegebene Stimmenzahl eine gewaltige Zunahme erfahren. Sogar bei der Wahl in der privilegirten Kurie, in den snädtischeu Wahlkreisen, wo das Wahlrecht an einen ziemlich hohen Census gebunden ist, kamen die sozialdemokratischen Kandidaten in mehreren Kreisen in Stichwahl, ja, in Korneuburg hat unsere Partei ein Mandat erobert, Genosse Seitz wurde gewählt. Damit verfügt unsere Partei über 10 Mandate im Reichs rathe gegen 14 in dem vorigen. Der Mandatsverlust fällt gegenüber der Stimmenzunahme nicht in's Ge⸗ wicht.— Die Christlich⸗Sozialen(Antisemiten) erlitten arge Schlappen. Frauen bei der Wahlbewegung. Ueber die Betheiligung der Frauen bei der letzten Wahlbewegung in Oester⸗ reich schreibt die„Gleichheit“, daß die Frauen an der Wahlagitation bis zu Ende des Wahl⸗ kampfes den regsten Antheil nahmen. In Wien fanden fast täglich politische Frauen⸗ versammlungen statt oder Wählerversamm⸗ lungen, in denen Frauen referirten. Die Frauen⸗ versammlungen waren stets gut, oft glänzend besucht; die Zuhörerinnen— fast ausschließlich Proletarierinnen— folgten mit gespannter Auf⸗ merksamkeit den Ausführungen der Rednerinnen, welche das sozialdemokratische Programm ent⸗ wickelten und Wesen und Haltung der bürger⸗ lichen Parteien einer scharfen Kritik unterzogen. Selbstredend erörterten sie besonders eingehend die sozialdemokratischen Forderungen, welche im Interesse der Proletarlerinnen liegen und der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gelten. Die Versammlungen bewiesen, wie die bürgerlichen„Dokumente der Frauen“ er⸗ klären:„daß in Wien, welches ja heute weit und breit für die Stadt geistiger Versumpfung gilt, breite Schichten der weiblichen Arbeiter- schaft zu politischem Verständniß erwachen und nicht nur an dem Kampfe ihrer männlichen Klassengenossen thätigen Antheil nehmen, son⸗ dern auch immer weiter vordringen in der Er⸗ kenntniß, daß sie selber nothwendig der politischen Rechte und der politischen Bethätigung bedürfen, um ihre materiellen und geistigen Interessen zu fördern.“ Die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen waren auch zahlreich in den Wählerversamm⸗ lungen vertreten, ebenso wie Genossinnen in solchen referirten. Auch au der agitatorischen und sonstigen Kleinarbeit, welche die Wahlbe⸗ wegung mit sich bringt, nahmen die Genossinnen einen sehr regen Antheil, und in Sektionen, Kommissionen ꝛc. entwickelten sie neben den Genossen eine äußerst rührige Thätigkeit. Die als Rednerinnen bekannten Genossinnen ver⸗ mochten de Aufforderungen zum Abhalten von Versammlungen, zumal auch in der Provinz, nicht zu genügen. Ehre den energischen, opfer⸗ freudigen Kämpferinnen! Die frauzösische Deput irtenkammer verhandelte diese Woche über den Vereinsge⸗ setzentwurf. Durch denselben will die Re⸗ gierung besonders die Gleichstellung der reli⸗ giösen Orden mit den übrigen Vereinen er⸗ reichen. Bisher genossen erstere gewisse Vorlechte, die sie natürlich weidlich auszunützen verstanden. So haben die Orden riesige Kapitalien angesammelt; der Gesammtwerth ihres unbeweg⸗ lichen Vermögens allein wird auf 1100 Mil⸗ lionen Franks geschätzt. Dafür figuriren meist vorgeschobene Personen als Eigen⸗ thümer, wodurch dem Staate die Steuer ent⸗ .—— Auch Etats am schath be kanzlers zl dieser Eta wulde, ul wegung gl 100000 kämpfen u das Verhe Werstarbe. Werftbesit Schuppen Streilbrec zwischen d nothwend wohnen sperrung sitzer he Essenpreise Rede des, „balerland höchste üb Meichskanz wahrhei Der Ham die Anllaf Bei dem rathung n mann ei Scharfma scher wer Tempo der Kinde der Regler beten We bewies. haupt Streit kei ption gen. e da⸗ h des eein⸗ inen für zahl r hei n den gt an amen reren urg mosse isere gegen fällt 5 Ge⸗ liten) 5 auen ester⸗ rauen Wahl⸗ In luen⸗ samm⸗ rauen⸗ inzend ießlich F Auf⸗ innen, n ent⸗ ürger⸗ zogen. gehend che im ud der hlechts wie die “ er⸗ te weit pfung heiter en und lichen , son⸗ er Er⸗ itischen dürfen, essen zu frauen an en! rischen Lahlbe⸗ tionen, en den t. Die en bel⸗ tell bol droviaz, Fohfer⸗ Nr. 3. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. zogen wird. In der Debatte über den Gesetz— entwurf ergriff Genosse Viviani das Wort. Erkritisirt das Wesen der Kongregationen. Unter dem Deckmantel der Wohlthätigkeit sammelten sie Riesensummen für einen Staatsstreich; sie lösten sich vom Staat los durch die unlösbare Verbindung mit Rom. Man wolle die Frauen⸗ klöster schonen, wenn aber der Staat nicht die Frauen im Erwerb hinderte, würden sich nur wenige in die Klöster drängen. Das öffentliche Unterstützungswesen ist durch die Sünden der Regierungen in die Hände der Orden gefallen ebenso wie der Unterricht. Wir reklamiren diese Pflichten wieder für den Staat. Wir wollen an Stelle der Wohlthätigkeit die Solidarität setzen. Wir haben viel auszusetzen an dem vor⸗ liegenden Gesetz, aber das darf uns nicht ab⸗ schrecken, das Recht zu erkämpfen, über das sich die Orden hinweggesetzt haben. Von der Linken wurde die Rede mit stürmischen Beifall aufge⸗ nommen und Viviani beglückwünscht. Deutscher Reichstag. Auch bei der Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats am 10. Januar war der Reichstag nur sehr schwach besetzt. Zunächst stand das Gehalt des Reichs⸗ kanzlers zur Verhandlung. Während in früheren Jahren dieser Etarstitel von den Scharfmachern dazu benutzt wurde, um in langen Debatten gegen die Arbeiterbe⸗ wegung zu hetzen, erhielt diesmal der Reichskanzler seine 100,000 Mk., ohne daß er erst in langen Reden darum kämpfen mußte. Unser Genosse Molkenbuhr brachte das Verhalten der Werftbesitzer bei der Aussperrung der Werftarbeiter im vorigen Jahre zur Sprache. Jene Werftbesitzer hatten nämlich auf dem Freihafengebiet Schuppen errichtet, in denen die von auswärts geholten Streikbrecher wohnten, trotzdem auf Grund der Verträge zwischen dem Reich nud Hamburg Niemand. außer dem nothwendigen Aussichtspersonale im Freihafengebiete wohnen darf. Redner geht ausführiich auf die Aus⸗ sperrung der Werftarbeiter ein, welche die Werftbe⸗ sitzer hervorgerusen hätten, um einen Druck auf die Eisenpreise auszuüben. Bei dieser Sachlage mußte die Rede des Kaisers, in welcher der Streik als das Werk „vaterlandsloser Agitatoren“ hingestellt wurde, auf's höchste überraschen. Molkenbuhr ersucht deshalb den Reichskanzler, festzustellen, wer die offenbare Un⸗ wahrheit in den Mund des Kaisers gelegt habe. Der Hamburgische Senator Lappenb erg vermochte die Anklagen unseres Genossen nicht zu entkräften.— Bei dem Etat des Reichsamts des Innern, dessen Be⸗ rathung nun folgte, hielt der Nationalliberale Basser⸗ mann eiue Rede, die seinem Fraktionsgenossen von der Scharfmachergilde, den Herren Möller und Hilbeck sicher wenig gefallen hat. Er beklagte das lang same Tempo in der Sozialreform, schilderte das Elend der Kinderarbeit und verlangte eine freundlichere Haltung der Regierung gegenüber den Arbeiterorganisationen, für deren Wesen er immerhin ein ziemliches Verständniß bewies. Namentlich wies er gebührend die alberne Be⸗ hauptun g zurück, daß dieselben nur und ausschließlich Streikv reine seien. Ferner forderte er die Schaffung eines esonderen„Reichsarbeits amtes“, da das Reichs mt des Innern zu sehr überlastet sei. Zu seinen Klagen über das Stocken der Sozialreform gab Gen. Molken buhr die nöthige Erläuterung. Die Kommis⸗ sion für Arbeiterstatistik ist so gut wie lahmgelegt, die klaffenden Lücken in der Versicherungsgesetzgebung werden nicht ausgefüllt, die Heuerfrage ist in einer den See⸗ leuten wenig günstigen Weise geregelt, die Inspektion der Schiffe läßt sehr zu wünschen übrig. Auf alle diese energischen Angriffe wußte Graf Posado ws ky herzlich wenig zu erwidern; er sah sich sogar genöthigt, aus⸗ drücklich das Kinderelend in der Hausindustrie als vor⸗ handen anzuerkennen.— Am Freitag hielt der Reichs⸗ tag Gericht ab über die Knauserei des Reiches gegenüber denjenigen, die, wie die patriotische Phrase lautet, mit ihrem Blute das Vaterlaud geeint haben, der Kriegsin⸗ validen von 1870— 71. Hierbei glänzten aber die Regierungsvertreter durch Abwesenheit; nur ein einziger Geheimrath saß einsam und verlassen am Bundesraths⸗ tische. Bei der Berathung des Antrags des Konser⸗ vativen Niß ler, betreffend die Abänderung des Gesetzes über den Reichsinvalidenfond, waren, was gewiß selten vorkommt, alle Parteien einig. Selbst Dr. Arendt, die Nattonalliberalen Prinz Schönaich-⸗Carolath und Graf Oriola schwangen sich zu energischen Tönen auf. Großen Eindruck machte namentlich unseres Ge⸗ nossen von Vollmar ebenso wuchtige wie glänzende Rede. Er führte aus: Welche Summe von Noth und Elend bei Tausenden von Kriegsveteranen vorhanden, ist längst festgestellt. Wie beschämend ist die Nach⸗ lässigkeit des Reichs diesen Veteranen gegenüber. Die Schuld trifft ausschließlich die Regierung. Sie hält es heute nicht einmal für nöthig, uns anzuhören. Ihr einziger Vertreter vertröstet uns auf die Kommissions⸗ berathungen. Die Mittel sollen fehlen. Es giebt aber Dinge, für welche die Mittel unter allen Umständen vorhanden sein müssen. Es ist eine Schande für das deutsche Reich, das nun überall in die Welt hinausgehen will, um seinen Senf dazu zu geben, wenn ihm die Mittel fehlen sollen, um alte Schulden einzu— lösen. Wenn vom Kriege 1870s%1, wenn vom chinesi— schen Abenteuer gesprochen wird, dann redet man von „ewiger Dankbarkeit“ für die Heldensöhne des Vaterlandes. Ist die Geschichte aber vorbei, dann ist es ganz anders. Da vertröstet man die Veteranen, daß erst ihre Vormänner sterben müssen, bevor ihnen geholfen wird. Wenn Sie nur wirklich einmal die Konsequenzen ziehen wollten, die Herr Arendt heute für die Kolonial⸗ politik angekündigt hat, dann könnten Sie die Regierung schon zur Annahme Ihrer Forderung zwingen. Für die wirklichen Interessen der Armee als Landesvertheidi⸗ gung ist die Sozialdemokratie stets eingetreten. Sie hat am schärfsten sich gegen die Soldatenmißhandlungen gewendet. Schon 1895 haben wir für die In⸗ validen 360 Mark jährlich verlangt. Den Konservativen aber war diese Summe zu hoch. Da wir für jede Aufbesserung des Looses der Invaliden sind, werden wir auch dem Antrag Nißler zustimmen, wenn er auch noch viel Bedürftigkeit übrig läßt. Was den Chinakriegern recht ist, muß auch unseren alten Vete⸗ ranen billig sein. Der Antrag Nißler wird der Budgetkommission überwiesen.— Sodann wandte sich das Haus der Berathung der Anträge auf Abänderung des Gesetzes über die Gewerbegerichte zu, die theils von unserer, theils von Seite der„Sozialpolitiker“ des Centrums, Hitze und Trimborn, gestellt worden sind. Im Namen der sozialdemokratischen Fraktion begründete Tutzauer unseren Antrag: in klarer und übersichtlicher Weise legte er die Mängel und Schäden des gegenwär⸗ tigen Zustandes dar, die unter den vorliegenden Ent⸗ würfen einzig und allein der sozialdemokratische zu be⸗ seitigen geeignet ist. Herr Trimborn, der nach Tutzauer zu Worte kam, will auch einige Verbesserungen; den Dienstmädchen z. B. will er die Vortheile des gewerbe— gerichtlichen Verfahrens gönnen; aber vor Frauenwahlrecht, Aufhebung der Innungsgerichte usw. bebt er scheu zurück. — Samstag wurde die Berathung fortgesetzt, doch stand die berüchtigte 12000 Mark Affaire im Mittelpunkte der Verhandlung. Genosse Richard Fischer⸗ Berlin eröffnete den Reigen der Redner dieses Tages mit einem wuchtigen Angriff auf den Staatssekretär Grafen Posadowsky, einem Angriff, der weit über jene Affaire heraus sich zu einem vernichtenden Gesamt⸗ und Endurteil über die Sozial⸗ politik des Reichsamt des Innern im allgemeinen und dessen politische wie finanzielle Abhängigkeit vom Central⸗ verband der Industriellen im besonderen gestaltete. Zitternd vor Erregung, bleich vor Wuth mußte Posadowsky, der verlassen und allein an dem Bundesratstisch saß, diese Angriffe über sich ergehen lassen; einmal kam ihm sein Standesgenosse Präsident Graf Ballestrem zur Hilfe, der den nur zu berechtigten Ausdruck„skandalös“ als unparlamentarisch zurückwies. Am Schluß seiner Rede beantragte Fischer unter tiefgehender Erregung des Hauses die Einsetzung einer Kommission, die die delikaten Be⸗ ziehungen zwischen dem Scharfmacherverband und seiner Filiale, wie Fischer mit bitterem Humor das Reichsamt des Innern nannte, einer genauen Untersuchung unter⸗ ziehen soll.— Nun ergriff der Reichsgraf des Innern das Wort. Mit Klagelauten begann er seine Rede, klagend schloß er sie, Auf den Inhalt seiner Ausführungen irgend⸗ wie einzugehen, verlohnt sich wahrhaftig nicht.— Was soll man den auch weiter zu derartigen Späßchen sagen, wie sie der Herr Staatssekretär sich erlaubte, der es wagte, sich dem Hause und der Oeffentlichkeit als glühender An⸗ hänger sozialpolitischen Fortschritts vorzustellen? Natürlich fehlte auch in den Jeremiaden des Staats⸗ sekretärs das„monarchische Prinzip“ nicht, das immer unter Thränen der Rührung und mit gurgelnden Tönen der Begeisterung heraufbeschworen wird, wenn die Gegner der Sozialdemokratie vor Verlegenheit nicht ein noch aus wissen.— Der Wildliberale Abg. Roesicke-Dessau, der nach Posadowsky sprach, warf Fischer ganz mit Unrecht un— nöthige Schärfe vor, lobte die Flotten vorlage, pries die „uneigennützigen“ Flottenprofessoren, verlangte aber an⸗ dererseits endlich ein Aufhören der„Schonzeit der So⸗ zialreform“, wie er mit glücklich gewähltem, wenn auch freilich viel zu mildem Ausdruck den totalen sozialpoli⸗ tischen Stillstand bezeichnete.— Der agrarische Oer tel⸗ Sachsen erging sich in seinen gewohnten platten Witzen. Ihm haben es die armen Bäckermeister angethan, über deren angebliche Schädigung, Belästigung und Gott weiß sonst noch durch die Bäckereiverordnung er süch in herz⸗ ergreifenden Klagen erging.— Der Freistunige Dr. Wie mer schwankte in seinen Ausführungen herüber und hinüber; bald erkannte er die Nothwendigkeit erhöhten Arbeiterschutzes an, bald pries er die Segnungen des „freien Arbeitsvertrages“. Die Berichte der Gewerbeinspektion unterzog Genosse Wurm einer ebenso scharfen wie berechtigten und sach⸗ dem die undankbare Aufgabe der Vertheidigung der sozialpolitischen Maßnahmen seiner heimischen Regierung zufällt, vergebens zu entkräften suchte. Nachdem noch Genosse Fischer in einer persönlichen Bemerkung näher erläutert hatte, was er vorher über die mangelnde Lauterkeit einzelner Flottenprofessoren gesagt, schloß die Sitzung. Bei der Fortsetzung der Berathung am Montag eröffnete der„berühmte“ Sozialpolitiker des Centrums, der Verfasser der ebenso berühmten Küchenrezepte für Arbeiter, Kaplan Hitze die Debatte. Er blies überall zum Rückzuge; die 12000 Mark-Affaire will er begraben wissen, der arme Posadowsky soll fürder nicht mehr gekränkt werden; die Bäckereiverordnung mag, wenn die Bäckermeister und ihre Freunde auf der Rechten es denn durchaus nicht anders wollen, abge— ändert werden usw. Kräftig rechnete Genosse Hoch mit dem Centrum ab und nicht minder kräftig nahm er das Reichsamt des Innern ins Gebet. Der Redner unserer Fraktion streifte fast alle Gebiete der Sozialpolitik, und überall hatte er von Verfehlungen, Versäumni ken, im günstigsten Falle von Mißgriffen der Regierung und ihrer Organe zu melden. Ganz elegisch bat Graf Posadowsky um etwas mildere Kritik; er wie seine Adjutanten, der säch⸗ sische Geheimrath Fischer und der preußische Geheim⸗ rath Werner, präsentirten sich natürlich in der beliebten Rolle der verkannten Unschuld; der Letztgenannte setzte sich noch dazu aufs hohe Pferd und versuchte die Abge⸗ ordneten abzukanzeln, als ob er der Oberhofmeister v. Mirbach und der Reichstag die Stadtverordnetenver⸗ sammlung von Berlin wäre.— Die haarsträubenden Mißstände in der Glasindustrie schilderte unser ergrauter Genosse Horn. Die Mehrzahl der nicht eben zahlreichen Mitglieder der bürgerlichen Parteien, die zur Stelle waren, hielt es nicht für nöthig, den Ausführungen Horns zu folgen, aus denen sie viel hätten lernen können, denn gerade die Mißstände in der Glasindustrie schreien nach Abhilfe und die Regierung hätte sich längst ein⸗ gehender mit der Lage der Glasarbeiter befassen sollen. — Dr. Rösicke⸗Kaiserslautern, einer der wüthigsten Agrarierhäuptlinge, nahm den Staatssekretär Posadowsly wegen der 12000 Mark-⸗Affäre in Schutz, was sehr be⸗ zeichnend ist, griff ihn dagegen wegen Verzögerung der Einbringung des Zolltarifs an. Mit einer Interpellation des Cent⸗ rums wegen des Duellzwanges der Offi⸗ ziere beschäftigte sich der Reichstag am Diens⸗ tag. Der Fall, der dieser Interpellation zu Grunde liegt, ist folgender: Mitglieder einer katholischen Studentenverbindung, die um ihre Beförderung zu Reserveoffizieren nachsuchten, wurden einem Verhör über ihre Stellung zur Duellfrage unterworfen und fielen bei der Wahl, die bekanntlich vom Offizierkorps des betreffen⸗ den Regiments vorgenommen wird, durch— ersichtlich deshalb, weil die Verbindung, der sie angehören, prinzipiell den Zweikampf ver⸗ wirft. Herr Trim born behandelte in recht zahmer Weise den Fall; der Kriegs minister gab eine matte, ausweichende und nichtssagende Antwort. Und somit bleibt die Geschichte beim Alten. Zwar ist der Zweikampf verboten, wer aber das Gesetz befolgt, wird gesellschaftlich geächtet. Unter dem Motto:„Wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe“, setzen sich die„besseren“ Kreise über alle Gesetze hinweg. Alle bürgerlichen Diskussionsredner zeigten sehr wenig Euergie, während unser Gen. v. Voll⸗ mar in einer gut durchdachten Rede die Frage von einer höheren Warte aus behandelte und den Duell-Unfug energisch bekämpfte.— Bei der Fortsetzung der Etatsberathung ergriff Bebel das Wort und wies an zahlreichen Beispielen nach, wie wenig auf sozialpolitischem Gebiete jetzt in Deutschland geschieht. Er brachte interessante Beiträge zur Naturgeschichte des verflossenen v. Boetticher vor und fertigte die Schreier, die nach einer Abänderung der Bäckerei⸗ verordnung sich sehnen, gründlich ab. Krieg in Südafrika. Die Buren machen immer weitere Fort— schritte und sind im Begriff, den Engländern die Verbindung mit dem ganzen Süden abzu⸗ schneiden. Ihre Vorposten drangen bereits bis in die Nähe Kapstadts vor. Das englische Heer befindet sich in einer schlimmen Lage, die sich noch übler gestalten kann, wenn es den Buren⸗Generalen gelingt, mit Erfolg die in den Republiken befindlichen feindlichen Truppen knudigen Kritik, die der sächsische Geheimrath Fischer,! festzuhalten, während neue Verstärkungen in die Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 3 Kapkolonie eindringen, um durch ihr Erscheinen schon ihre Blutsverwandten, die in der Kolonie wohnenden Holländer, zur Erhebung gegen die englische Herrschaft aufzureizen.— Pretoria ist thatsächlich von Burenkorps eingekreist; so daß die ganze englische Armee in größter Gefahr, schwebt, abgeschnitten zu werden. Ob es dazu kommt, hängt von der Umsicht der Burenführer und der Zubverlässigkeit ihrer Truppen ab. Dem Kommando Botha's gelang es am Samstag früh, die Eisenbahn wenige Meilen südlich Pretoria sammt der Station Coalfontein zu zerstören. Von englischer Seite wird über den Kampf gemeldet: 800 Buren unter dem Kommando Beyers griffen Morgens, nachdem sie den Tele⸗ graphendraht abgeschnitten hatten, Coalfontein, den dritten Bahnhof im Süden Pre⸗ torias an. Die Besatzung bestand aus 120 Mann unter dem Kommando eines Leutnants. Die Buren umzingelten und beschossen die Station und unterhielten ein fortwährendes Gewehrfeuer. Schließlich erhielten die Eng⸗ länder Verstärkung und so konnten sie die Buren wieder zurückdrängen. Krieg mit China. Die„Einigkeit“ der Mächte ist nicht mehr zu überbieten. Die Vereinigten Staaten wollen ihren Gesandten zurückrufen, weil er die von Deutschland verlangte„unwiderrufliche“ Entscheidung unterschrieben hat. Die Amerika⸗ ner wollen mit Recht von einer Unwiderkuflich⸗ keit nichts wissen. Der russische Gesandte hält es für das gute Recht seines Landes, mit China Sonderabkommen zu schließen. Er„glaubt nicht“, daß Rußland die Mandschurei behalten werde, und vertheidigt in brüskem Ton die Erwerbung einer russischen Niederlassung bei Tientsin. Darob großes Erstaunen bei den übrigen Gesandten. Und weiter geht der Noten⸗ und Depeschen⸗ wechsel, weiter werden Konferenzen abgehalten, „Vereinbarungen“ getroffen— zu Ende kommt man nicht. Das ist Diplomatenkunst. Neueren Nachrichten zufolge soll Li⸗Hung⸗ Tschang jetzt endlich die Friedensbedingungen der Mächte unterzeichnet haben. Trotzdem dauert der Kriegszustand fort; weshalb man unter diesen Umständen so sehr auf die Unter⸗ zeichnung der Note gedrängt hat, isr eigentlich nicht verständlich. on Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. de Gewerkschaftskartell wurde beschlossen, im März ein allgemeines Gewerk— schaftsfest abzuhalten und die Vorbereitungen dazu baldwöglichst in Angriff zu nehmen.— Ferner findet am 7. Februar in Lony's Bier⸗ keller eine Rezitation des Dramas„Vor Sonnenaufgang“ von Gerhard Hauptmann durch Herrn Schauspieler Emil Walkotte statt. Eintrittskarten hierzu kosten 20 Pf. und gelangen durch das Gewerkschaftskartell und die Vorstände der Gewerkschaften demnächst zur Ausgabe. oy e Der sozialdemokratische Wahl- verein hält diesen Samstag seine regelmäßige Versammlung ab. Vielleicht infolge der Feier⸗ tage waren die beiden letzten Versammlungen so schwach besucht, dal nicht einmal die noth⸗ wendigen Geschäfte erlebigt werden konnten. Soll unsere Organisasion ihren Zweck erfüllen, so müssen alle Genossen die Versammlung besuchen. Für diesen Abend liegt in geschäftlicher Beziehung reichhaltiges Material vor; es wer— den die Berichte des Vorstaubs erstattet, außer⸗ dem mussen die Anträge zur Kreiskonferenz er— örtert, und die Wahl der Delegirten vorgenom- men werden. Also vollzählich erscheinen! . Die hiesige Filiale des Tapezirer⸗ Verbandes hielt am Sonntag einen Familien⸗ Abend ab. Derselbe war von Seiten der Ge⸗ werkschaften und einiger befreundeten Vereine so zahlreich besucht, daß leider der Platz nicht ausreichte und viele Gäste umkehren mußten. Das aufgeführte Theaterstück faud allgemeinen Beisal. Die Rollen waren vortrefflich besetzt, das Zusammenspiel vorzüglich. Zur Verloosung kamen noch recht schöne Sachen, besonders ge⸗ fielen einige gestiftete Erzeugnisse aus dem Polsterer Berufe namentlich ein Chaiselongue, Ruhebett in kleiner Ausführung. Von Seiten des Gesangshumoristen Schäfer Gießen wurden die Pausen durch vortreffliche Vorträge ausge⸗ füllt. Ueberhaupt verlief das Vergnügen ohne jede Störung. —„Unparteiisches“. Jetzt läßt in den „Gießener Neuesten Nachrichten“ der vor drei Wochen mit möglichster Reklame an⸗ gekündigte neue Redakteur sein Licht leuchten. Und wir müssen konstatiren, daß wir uns in unsern Vermuthungen nicht getäuscht haben. Getäuscht hat sich höchstens der Heraus⸗ geber dieses„unparteiischen“ Blattes, der sich entrüstete und uns Unwohrheit ꝛc. vorwarf, als wir die zukünftige Tendenz seines Blattes als nationalliberal bezeichneten. Er müßte, wenn er ehrlich sein will und etwas von Politik versteht, uns jetzt de⸗ und wehmüthig um Verzeihung bitten. Denn die Beschimpfungen, die sich sein neuer,„in allen Sätteln gerechter“ Redakteur inédem Leitartikel der Nr. 13 seines Blattes gegen die Arbeiterpartei leistet, würde jedes halbwegs anständige nationalliberale Blatt sich schümen aufzunehmen. Die dort verzapfte politische Weisheit steht noch einiges unter der nationalliberalen Schaukel⸗ und Dreh⸗ scheibenpolitik. Die G. N. N. zitiren da einen Artikel der„Täglichen Rundschau“— eines reaktionären Blattes— in welchem der Sozialdemokratie der Text gelesen wird, weil sie nicht inbrünstig zu der„Gesellschaft für soziale Reform“ betet, die Pfaffen Stöcker und Weber, die für den Brotwucher a g i⸗ tiren, sowie den Hunnenpastor Naumann nebst seinen flottentollen Freunden nicht für patentirte Arbeiterfreunde erklärt.— Ueber die Gesellschaft für soziale Reform und ihre Bestrebungen dis⸗ kutiren wir hier nicht, dazu wird sich noch oft genug Gelegenheit bieten. Wenn aber Herr H. von den G. N. N. darüber jammert, daß jeder, der ehrlich bestrebt sei, außerhalb der Sozial⸗ demokratie für die Forderungen der Arbeiter einzutreten, von dieser aus politischem Konkur⸗ renzneide heruntergerissen werde und dabei durchblicken läßt, daß er ähnliche Erfahrungen gemacht habe, so muß er zunächst wenigstens erst eiumal Beweise hierfür erbringen, dann muß aber auch festgestellt werden, daß nur wenige Sozialdemokraten eine Ahnung von der Existenz des Herrn H. haben, von seiner Sozialpolitik weiß kein einziger etwas. Er ist kein verkannter Arbeiterfreund, nicht einmal ein gekannter!— Uebrigens dürfte es unserer Partei, welche die Politik nicht als Geschäft treibt, wie die„unparteiischen“ Blätter, kaum schaden, wenn ihr die G. N. N. „politisches Anreißerthum“ nachsagen. Unver⸗ schämtheiten und Beschimpfungen dieser Art ist die Sozialdemokratie von ihren Gegnern gewohnt und legt sie lächelnd zu dem Uebrigen. — Gedenket der hungrigen Vögel! mahnt der Gießener Anzeiger seine Leser. Das ist ja ganz hübsch, wir schließen uns dem auch an; doch es könnte nichts schaden, wenn die Mahnung erginge, auch der hungernden und frierenden Menschen zu gedenken. Wieseck. ck. Einen recht erfreulichen Besuch hatte die am vergangenen Sonntage stattgefundene Versammlung des Arbeiterbildungs⸗ vereins aufzuweisen. Das war auch uöthig angesichts der wichtigen Tagesordnung, deren erster Punkt„Kreiskonferenz“ eine eingehende Erörterung fand. Alle Verathungsgegenstände, die für die Konferenz angesetzt sind, wurden durchberathen und drei Delegirte gewählt.— Bezüglich der Gründung eines Arbeitergesang— vereins einigte sich die Versammlung dahin, eine Gesangsabtheilung innerhalb des Arbeiter⸗ bildungsvereins zu gründen. Es soll am Sonn⸗ tag den 20. Jan. eine Liste zirkuliren, in der sich einzutragen alle sangeskundigen Mitglieder gebeten werden. Am darauffolgenden Sonntage soll dann eine weitere Versammlung stattfinden, in der auch die Vorstandswahl vorgenommen Wir weisen die Mitglieder hier nochmals auf diese Versammlung hin, die hoffentlich noch stärker besucht wird. werden soll. Aus Wetzlar. — Lohnreduktionen. Kaum hat die gute Geschäftskonjunktur etwas nachgelassen, so wird auch schon von vielen Seiten von Lohn⸗ herabsetzungen berichtet. Natürlich haben die Arbeiter, deren Löhne in den besseren Jahren kaum zur Bestreitung einer menschenwürdigen Lebenshaltung hinreichten, wieder in erster Linte unter dem schlechteren Geschäftsgang zu leiden, während das Unternehmerthum riesige Profite einheimste und sich diese auch jetzt keineswegs schmälern läßt. Hätten sich die Arbeiter bei guter Zeit in den Organisationen zusammen⸗ geschlossen, so könnten die Abzüge nicht in dem Maßstabe vorgenommen werden. Verschiedent⸗ lich erlauben sich die Betriebsleitungen, einfach durch Anschlag bekannt zu geben, daß von einem gewissen Zeitpunkte an, eine Verringerung der Löhne von so und soviel Prozent eintrete. So wurde in Lollar verfahren und auch aus dem Wetzlarer Kreise wird uns ähnliches berichtet. Die zahlreichen industriellen Arbeiter Wetzlars sollten diese Lehren beherzigen und sich der modernen Arbeiterbewegung anschließen. — ,Wohlthätigkeit“. Aus O den⸗ hausen schreibt man uns, daß ein Millionär aus dem Rheinland, der in dortiger Gemarkung die Jagd gepachtet hat, zu Weihnachten sein edles Herz entdeckte und in Odenhausen Kleider⸗ stoffe an Bedürftige durch die Ortsbehörde ver⸗ theilen ließ. Nun, der Krösus wird sich da⸗ durch nicht allzusehr angestrengt haben; befindet er sich doch in der glücklichen Lage, reichliche Jag dbeute zu machen, ohne daß er Ersatz für den Hasenschaden zu leisten braucht. Davor schützt das Gesetz bekanntlich die reichen Jagd⸗ pächter. Mit der Wohlthätigkeit ist'? immer so eine eigene Sache. Man giebt löffelweise, nachdem man scheffelweise genommen.— Hoffentlich kamen die Wohlthaten wenigstens an wirklich Bedürftige, wenn auch aus der behördlichen Bekanntmachung nicht recht ersicht⸗ lich war, wer zum Empfang derselben berechtigt sein sollte.— Auch etliche Enwohner in Salz⸗ böden sollen von demselben Jatzdpächter mit solchen Geschenken beglückt worden sein. th.— Illuminirt! So erging anläßlich der Preußenfeier die Aufforderung an die braven Bürger. Die Veranlassung dazu werden zwar viele nicht ohne weiteres einsehen können, sinte⸗ malen ein ziemlicher Theil in seinem innersten Herzen von der absoluten Nothwendigkeit der Monarchie durchaus nicht überzeugt ist, noch weniger von den Tugenden die den„Herrschern“ der Vergangenheit angedichtet werden. Allerlei Rücksichten gebieten aber dem biederen Bürger, sich vorschriftsmäßig zu begeistern. Hätte man für die Kosten der Illumination Heizmatertal für frierende Menschen angeschafft, wäre weit patriotischer gewesen.. — Warnung vor Ar zueischwindel. Vor einiger Zeit warnte das Kreisamt Gießen amtlich vor dem„Blutreinigungsthee“ eines Franz Wilhelm in Neunkirchen. der in Zeitungen angepriesen wird und bezeichnete den⸗ selben als werthloses Gemisch. Wir machen unsere Leser darauf aufmerksam, da dieses Arzneimittel trotzdem im Juseratentheile des amtlichen„Wetzlarer Anzeiger“ empfohlen wird. Allerdings kaun eine Zeitungsexpedition die Reellität der in den Inseraten angepriesenen Waaren nicht immer nachprüfen. Schlechter Familienvater. Ueber das Bran dunglück in Köln, das mehrere Menschenleben vernichtete, erstattete der Oberbürgermeister in der Kölner Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung Bericht. Er bersicherte, daß vor Eintreffen der Feuerwehr der Laden⸗ inhaber Ries sich bereits in Sicherheit ge⸗ bracht habe, unbekümmert um das Schick⸗ sal seiner gesammten Familie, die er in den brennenden Räumen des Erdgeschosses zurückließ. Es sei unbegreiflich, daß der Besitzer nicht auch seine Kinder gerettet habe, die er vom Dache des Abortes aus bequem erfassen herein Le leit mach scstben * 9 die Er renhei nöthige K* meiste bergen 910 leister * Zeit w Witte Nach g und ih krön Velten, bald K fl üb 9 Her 10 don G Spren, schwer kinen ** Gegen handelte Unterofft hatte sich zu schulbe an einer Dieser Monat Nach Vor gekichts gegen di und Fr einem „Staats Staatsa er kurz gelbesen Reichsge flͤssen g borher! Veröffen erlangte Vewesse Veleidis ultheilt bei der del, da Motib habe er r. 3 bier ö die mmen⸗ 1 dem ledent⸗ einfach eiuem ng der So 15 dem lichtet. etzlars ch der 0 U E llionär larkung en sein kleider⸗ de ber⸗ ich da⸗ befindet tichliche satz für Dabor „Jagd- immer elweise, nen.— nigstens aus der ersicht⸗ rechtigt Salz⸗ ter mit 5 mläßlich e braben en zwar el, sinte⸗ innersten keit der st, noch chern Allerlei Bürger, itte man terial zäre Weit windel. iam! ugsther der in be den. 5 90 0 dieseß heile Des N fahle een priesenen 44 00 öl, bar ö Nr. 3. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitnag. Seite 5. konnte. Diese Aeußerung des Oberbürgermeisters deckt sich mit den in der Stadt umlaufenden Gerüchten, wonach der Mann zunächst sein Geld gerettet habe, alsdann aus dem Hause geflüchtet sei, aus dem wenige Minuten später die verkohlten Leichname seiner Angehörigen hinausgeschafft wurden. Fortschritte der Genossenschafts⸗ bewegung. kk. Der Konsumverein Leipzig⸗Plag⸗ witz, der auf dem besten Wege ist, sich zum größten drutschen Konsumverein zu entwickeln, hat im Monat Dezember einen Umsatz von über 1,056,002 Mk. zu verzeichnen gehabt. Der letzte Halbjahr umsatz betrug 4,792,401 Mk. gegen 3,560,167 Mk. in der entsprechenden Zeit des Vorjehres. Vom 1. Juli bis 31. Dez. traten 2359 neue Mitglieder dem Vereine bei, 1194 gaben die Mitgliedschaft auf. Die gegen⸗ wärtige starke Entwicklung ist in erster Linie die Fruckt der Verschmelzung mit dem Konsum⸗ verein Leipzig⸗Ostvorstadt. Das Wort„Einig⸗ keit macht stark“ gilt für die Konsumgenossen⸗ schaftsbewegung in ganz besonderem Maße. Aus der Ferienkolonie. Gegen einen araen Soldatenschinder ver⸗ handelte das Militärgericht in Breslau. Unteroffizier Barton vom Leibkürassier⸗Regiment hatte sich schwere Mißhandlungen eines Kürassiers zu schulden kommen lassen; u. a. ließ er denselben an einer Krippe festbinden und Heu kauen. Dieser Stellvertreter Gottes wurde zu fünf Monaten Gefängniß verurtheilt. Nachspiel zum Pternberg⸗Prozeß. Vor der 7. Strafkammer des Berliner Land⸗ gerichts fand am Montag die Verhandlung gegen die Zeugen im Sternberg⸗Prozesse Arndt und Frl. Platho statt. Ersterer hatte in einem Artikel, den er in der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung“ veröffentlichte, den Staatsanwalt Dr. Isenbiel beschuldigt, daß er kurz vor dem Revisionstermin in Leipzig gewesen sei, wo er vermuthlich die Richter am Reichsgericht zu Gunsten Sternbergs zu beein⸗ flussen gesuckt habe. Diesen Artikel hatte er vorher dem„Vorwärts“ angeboten, der die Veröffentlichung jedoch ablehnte. Frl. Platho erlangte Freisprechung wegen Mangels an Beweisen; Arndt wurde wegen verleumberischer Beleidigung zu 9 Monaten Gefängniß ver⸗ urtheilt. In der Urtheilsbegründung heißt es, bei der Abmessung der Strafe sei erwogen wor⸗ den, daß der Angeklagte aus den schäbigsten Motiven gehandelt habe. Mit dem Golde habe er angefangen und mit der Rache aufgehört. Kleine Mittheilungen. Neue Landesirrenanstalt. Für die Errichtung der dritten hessischen Landes⸗ irrenheilanstalt in Kleiulinden ist das dazu nöthige Baugrundstück vorgesehen. 71 In Großen⸗Buseck endete die Bürger⸗ meisterstichwahl mit dem Siege des bis⸗ herigen Polizeidieners Schwalb, welcher 185 Stimmen erhielt. Sein Gegner, der Bürger⸗ meister Meyer erhielt 178 Stimmen. Die Wahlbetheiligung war so stark, wie selten zuvor. ** Tod durch Kohlengas. Längere Zeit waren die Läden an der Wohnung der Wittwe Fischer in Weilburg verschlossen. Nach gewaltsamer Oeffnung fand man die Frau und ihren zwanzigjährigen Sohn infolge Aus⸗ strömens von Gas bewußtlos in den Betten. Die Frau war todt, der Sohn starb bald darauf. Arbeiter⸗Schicksal. Am Montag früh bebunglückte in einem Steinbruche bei Herrmannstein der Arbeiter Reh durch Ex⸗ ploston einer Patrone, auf die er beim Loslösen von Gestein gerieth und die wohl von früheren Sprengungen noch unversehrt im Bohrloche stecken geblieben sein mochte. Reh wurde so schwer im Gesicht verletzt, daß der Verlust des einen Auges zu befürchten ist. Wieder Einer. Verhastet wurde in Weidenhahn der Kassirer der Darlehuskasse wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung. Der Ehrenmann war nebenbei im Kirchen⸗ vorstand und Präsident des Krieger⸗ vereins. Die Unterschlagungen belaufen sich auf 9000 Mark. Lernte der im Kirchenvorstand und Kriegerverein das„Theilen“ auf diese Art? * Opfer der Bergarbeit. Auf der Zeche„König Ludwig“ bei Recklingshausen wurden schon wieder zehn Bergleute durch schlagende Wetter getödtet. Eine ordentliche Wetterführung könnte solche Katastrophen ver⸗ hüten; die kostet aber Geld und schmälert den Profit der Grubenbarone.— Auch in der Sil⸗ bergrube bei Holzappel(Lahn) ertrank ein Bergmann infolge Wassereinbruchs, drei andere konnten sich nur mit knapper Noth retten. * Zwei berühmte Persönlichkeiten sind dieser Tage gestorben. Am 16. Jauuar starb in Florenz Arnold Böcklin, einer der bedeutendsten Maler unserer Zeit. Er erreichte ein Alter von 73 Jahren.— Cbenso bekaunt war Johann Faber, der Nürnberger Blei⸗ stiftfabrikant, der dortselbst am 15. Jan. ver⸗ storben ist. Wahlkreis Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 17. Januar 1901. — Partei-⸗Versammlung. Wir ver⸗ fehlen nicht, nochmals auf die am Samstag, den 19. d. M., Abends 9 Uhr, bei D. Jesberg stattfindende Parteiversammlung aufmerksam zu machen. — Gewerkschaftsfest. Die Vorberei⸗ tungen zu dem am 3. Februar d. Js. im Café Quentin bahier stattfindenden Winter fest der Gewerkschaften schreiten rüstig vorwärts. Das Programm wird ein sehr reichhaltiges werden; kommen doch, außer verschiedenen Konzertstücken der als recht tüchtig bekannten hiesigen Musik⸗ kapelle Pauli und mehreren Chorliedern (darunter eines„Die Arbeit“, mit Musikbe⸗ gleitung) unseres Gesangvereins„Eintra cht“, zwei Theaterstücke u. a. m. zur Aufführung. Nach der Abendunterhaltung findet Tanz statt. So dürfte das diesjährige Winterfest seine Be⸗ sucher wohl in jeder Beziehung zufriedenstellen. — Die aktiven Mitglieder des Gesangvereins „Eintracht“ machen wir außerdem noch auf den Versammlungskalender in heutiger Nummer d. Bl. aufmerksam. — Vermißt wird seit einigen Tagen ein hiesiger Metzgergeselle. Derselbe soll spät Abends den Zug in Kirchhain verfehlt haben und von da nach Anzefahr marschirt sein, wo man ihm in einer Wirthschaft den richtigen Weg hierher beschrieb. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. Arbeiterbewegung. T Metallarbeiter⸗Maßregelung. Auf den Pantherfahrradwerken in Magdeburg sind am letzten Samstag 35 Mann entlassen worden, angeblich wegen Arbeitsmangel, in Wirklichkeit geht aber aus den begleitenden Umständen hervor, daß die Betriebsleitung mit den Entlassungen einen Schlag gegen die Orga⸗ nisation zu führen beabsichtigt, da besonders die in der Gewerkschaft hervorragend thätigen, sowie die älteren, tüchtigen Arbeiter, die schon viele Jahre im Betriebe beschäftigt sind, davon betroffen wurden. Die Arbeiter forderten die Wiedereinstellung der Entlassenen und, wenn wirklich Arbeitsmangel vorhanden sei, Reduzi⸗ rung der Arbeitszeit. Das lehnte die Firma ab, worauf am Montag die Arbeiter in geheimer Abstimmung mit 173 gegen 29 Stimmen be⸗ schlossen, die Arbeit nicht wieder aufzu⸗ nehmen. F Buchdrucker-Maßregelung. Die amtliche Dortmunder Zeitung hat die in ihrer Druckerei arbeitenden Verbandsmit⸗ glieder aufgefordert, schriftlich zu erklären, daß sie aus dem Verbande austreten; andernfalls sollten sie ihre Stellung als gekündigt betrachten. Es handelt sich also um eine direkte Maßrege⸗ lung wegen Verbandszugehörigkeit. Der Ver⸗ band hat den ihm aufgezwungenen Kampf an— genommen. T Die streikenden Spitzenweber von Calais(Frankreich) ersuchen die deutsche Ar⸗ beiterschaft um Unterstützung. Der Parteivor— stand hat bereits 1000 Mark für die Ausstän⸗ digen bewilligt. Gelder für diese aimmt die General⸗Kommission der Gewerkschaften in Empfang.— Zum Handschuhmacherausstand in Halberstadt. Die Firma Steinmann u. Bondy, welche, wie schon bekannt, zum großen Verdruß des Fabrikanten⸗Vereins ihre Arbeiter wieder einstellte, wurde von genanntem Verein aufge⸗ fordert, dieselben wieder zu entlassen. Als die⸗ sem Wunsche nicht entsprochen wurde, bedrohte man sie mit allen möglichen Maßnahmen. Der Ausschluß aus dem Fabrikantenverein wurde der Firma per eingeschriebenen Brief mitgetheilt. Das Angebot des Oberbürgermeisters, zwischen den streikenden Parteien zu vermitteln, wurde von den Fabrikanten abgelehnt. Partel-Machrichten. Ein braver Genosse gestorben. Donnerstag voriger Woche starb in Falken⸗ stein im sächsischen Vogtlande der Parteigenosse Hans Künzel, Redakteur der Vogtländischen Volks⸗Zeitung. Künzel war mit der Partei⸗ bewegung im Vogtlande eng verwachsen und hat stets eine aufopferungsvolle Parteithätigkeit entfaltet. Lange Gefängnißstrafen, die er sich in seiner öffentlichen Thätigkeit zuzog, unter⸗ gruben seine Gesundheit und nun ist er ihnen vollends erlegen. Die Parteigenossen werden sein Andenken in Ehren halten. Von Eduard Bernstein, dem ehemaligen Redakteur des Züricher„Sozialdemokrat“ be⸗ richtet der Vorwärts, daß die gegen den Ge⸗ nossen schwebenden Strafverfahren nicht mehr erneuert würden, er also nach Deutschland zu⸗ rückkehren könne. Auch sein Leidensgenosse und Exilgefährte Julius Motteler, der„rothe Post⸗ meister“, der die Expedition des Sozialdemokrat besorgte, kann aus den gleichen Gründen in die Heimath zurückkehren. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Kreis⸗Kouferenz. Gemäß der in der letzten Kreis⸗Konferenz in Großen⸗ Buseck gefaßten Beschlüsse beruft der unterzeichnete Vor⸗ stand die erste Kreis⸗Konferenz für 1901 hiermit auf Sonntag, den 10. Februar Vormittags 10 Uhr nach Daubringen in das Lokal W. Albach ein. Die vorläufige Tages⸗Orduung ist wie folgt fest⸗ gesetzt: 1. Geschäfts⸗ u. Kassenbericht vom II. Halbjahr 1900. 2. Neuwahl des Vertrauensmannes. 3. Die nächste Reichstagswahl. 4. Ausbau der Organisation im Kreise. 5. Unsere Presse. Die Genossen im Kreise werden ersucht, die Wahl von Delegirten baldigst vorzunehmen, sowie etwaige Anträge dem Vorsitzenden des Kreiswahlvereins G. Beck⸗ mann, Gießen, Grünbergerstr. 44 einzusenden. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 19. Januar. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. 9 Uhr Versammluug bei Orbig. b Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 81½ Uhr Versammlung bei Wirth Ludwig Mandler. Marburg. Oeffentliche Parteiversammlung. Abends 9 Uhr bei D. Jesberg. Sonntag, ven 20. Januar. Steinberg⸗Datzenborn. Arbeiter⸗Bildungs⸗ verein. Abends 7¼ uhr General⸗Versamm⸗ lung im Lokale„Zur Wilhelmshöhe“. Tagesordnung: 1. Rechnungsablage; 2. Vorstands⸗ wahl; 3. Verschiedenes. Pünktliches und vollzähliges Erscheinen wird gewünscht. Der Vorstand. Narburg. Gesang verein„Eintracht“. Nach⸗ mittags ½4 Uhr Generalversammlung bei D. Jesberg.— Nächste und darauffolgende Woche jeden Dienstag und Donnerstag Abends 9 Uhr Gesangsstunde. Montag, den 21. Januar. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Tapezierer⸗Verband. Abends /9 Uhr Versammlung bei Lö b. Tagesordnung: 1. Kon⸗ ferenz in Offenbach; 2. Abrechnung vom Vergnügen; Abends 3. Verschledenes. Vollzählich erscheinen.! Seite 6. — 5 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. f Nr. 3 Unterhaltungs-Cheil. Winter. In Schnee gebettet will die Flur Ihren Winterschlaf jetzt machen. Wir aber wollen schlafen nicht, Wir wollen rüstig wachen. Wir wollen wachen, erwecken auch, Die noch im Schlummer versunken, Aufrütteln, die schleppen ihr Sklavenjoch, Gedankenlos, schlafestrunken. Und ob von allen Seiten rings Die Nacht und die Nebel dunkeln. In unseren Köpfen sollen hell Die Lichter der Wahrheit funkeln. Mit den Lichtern der Wahrheit wollen wir Die finsteren Köpfe erhellen, Und jämmtlichen Dunkelmännern zum Trotz Erleuchten die düsteren Zellen. Und ob der Bäche, der Flüsse Lauf Gehemmt wird vom tückischem Eise; Wir kennen Stillstand nimmermehr, Stets vorwärts! die Loosung heiße. Und wenn in den Lüften grimmig und rauh Die Winterfröste weben: Wir sind von Jugendfeuer durchglüht, Durchpulst von warmem Leben. Und ob im Felde Rabengekrächz Erschallt in häßlichen Chören: Den Lerchensang der neuen Welt Im Geiste wir wonnig hören. Mag noch so wild des Winters Grimm Wüthen und toben auf Erden: Im Menschenreiche knospet's und blüht's, Da will es Frühling werden. Ein Tropf. Ein Zeitbild von Karl Ewald. (Fortsetzung.) „Laß ihn hereinkommen, Frida! Heute bei dem Hundewetter soll man keinen Bittenden von seiner Thür weisen. Wenigstens ich überlasse das den Scheinheiligen, welche ihr hartes Herz hinter dem gleißnerischen Schilde Mitglied, des Vereins gegen Verarmung und Bettelei“ ver⸗ bergen.“ Frida eilte wieder hinaus und kam gleich darauf mit einem hübschen, schwarzäugigen, jungen Manne herein, aus dessen Zügen deut⸗ lich Intelligenz und Unternehmungslust sprachen. „Verzeihen Sie, wenn ich so früh störe, aber das Wetter und der leere Geldbeutel trieben mich, weil ich trotz aller Mühe keine Arbeit bekommen, schon zeitig aus den Federn. Heute muß ich von früh an schon sorgen, wenn ich nicht in die bitterste Verlegenheit geraten soll.“ Das scharfe Auge des Meisters ruhte einen Au enblick prüfend auf dem jungen Menschen. Er mußte mit seiner Beobachtung zufrieden sein. „Kenne das, habe auch gewalzt, auch oft fechten müssen, ich kenne das. Sind Sie organisirt?“ „Natürlich,“ entgegnete der Gefragte rasch, indem er in die linke innere Brusttasche seines sturmerprobten Ueberziehers griff,„hier ist mein Verbandsbuch. Leider hat mir dasselbe in dieser Gegend bisher wenig genützt. Hoffentlich ist es hier anders, daß ich bald Arbeit bekomme.“ Der alte Meister betrachtete mit Genugthuung das ihm bekannte Buch. „Frida, rasch Kaffee und einige Butter⸗ semmeln!“ rief er statt aller Antwort.„Sie werden's vertragen können. Nehmen Sie Platz. Wir wollen sehen, was sich machen läßt. Ihre Papiere sind gut.“ Das Mädchen eilte hinaus, des Vaters Befehl zu erfüllen; auch sie hatte offenbar Wohlgefallen an dem jungen Manne gefunden. Dieser thaute in der behaglichen Stube bald auf und ließ sich das vorgesetzte Frühstück vor⸗ züglich munden. Vater Grad pflegte ein Werk nie halb zu thun. Nachdem er seinem Gaste noch ordentlich auf den Zahn gefühlt, sagte er kurz entschlossen: „Sie können vorläufig hier bei uns blaben. Ein kleines Stübchen steht für Sie berel und für Arbeit will ich sorgen. Sie haben sch als Mechaniker versucht. Solche Leute steh, die Firma Stolz& Komp. mit Vorliebe aud in schlechter Zeit ein. Eins jedoch müssen die mir versprechen: Sollten es die Verhältnisf. fügen, daß es hier zu Lohnkämpfen käme, dann“ dürfen Sie nicht gegen die Interessen Ihrer Mitarbeiter handeln. Geben Sie mir Ihre Hand darauf!“ Rasch schlug der junge Mann ein.„Ich bin schon mehrfach selbst Leiter einer Lohnbe⸗ wegung gewesen und darf sagen, daß ich meine Pflicht stets gethan habe,“ erwiderte er. „Na, oft ist es ungleich schwerer, als ein⸗ faches Gewerkschaftsmitglied fest im Kampfe zu stehen,“ meinte Vater Grad trocken, indem eine Wolke des Unmuths für einen Augenblick seine Stirn beschattete. So wurde der junge Arbeiter Wilhelm Rührig ein Mitglied des Grad'schen Haushaltes und Arbeiter in dem großen Etablissement der Firma Stolz& Komp. Vater Grad hatte seinen Entschluß nicht zu beklagen. Der junge Mann zeigte sich anstellig in der Fabrik, kollegial zu den Kameraden, zu⸗ vorkommend gegen Alle, besonders aber gegen die blondlockige Tochter seines Wohlthäters. Was nicht ausbleiben konnte, geschah. Wil⸗ helm Rührig verliebte sich schnell in die junge Hausgenossin, und der Alte mußte wohl oder übel seinen Segen zu dem Liebesbund geben. Behaglich war ihm dabei nicht zu Mute. „Noch habe ich keinen Scheffel Salz mit ihm gegessen,“ dachte er bei sich„und schon muß ich ihn als Schwiegersohn in spe will⸗ kommen heißen.“ Daß Rührig lebhaften Anteil an der hohe Wogen schlagenden Gewerkschaftsbewegung in Wemberg nahm, konnte dem alten Meister schon recht sein, daß Wilhelm dabei aber unverkenn⸗ bar ehrgeizig nach einer hervorragenden Stelle in derselben strebte, das erfüllte ihn mit Miß⸗ trauen. Dasselbe wuchs, als der Fabrikdirektor sich lebhaft für den aufgeweckten neuen Arbeiter zu interessieren begann. „Das Ding bekommt einen Haken,“ argu⸗ mentirte Grad.„Da gilt es aufzupassen.“ Wilhelm blieb indessen scheinbar derselbe. Der alte Praktikus sand keine Veranlassung, seinen Bedenken Ausdruck zu geben. Der Sommer kam mit der Zeit heran. Im Herbste sollte die Hochzeit des jungen Paares sein; aber das Geschick hatte es anders bestimmt. Die Firma Stolz u. Komp. plante eine bedeutende Lohnreduktion. Arbeitslose waren genug vorhanden und das Vorhaben erschien durchaus Erfolg verheißend. Eines Tages wurde der alte Meister in das Privatkontor der Csefs beschieden.„Meister Grad“, wurde ihm hier kurz und bündig be⸗ deutet,„wir haben unter Berücksichtigung der allgemeinen Gesckäftsflaue beschlossen, den Wochen⸗ und Akkordlohn unserer Leute um fünfzehn Prozent zu ermäßigen. An Ihnen ist es nun, die Leute darauf vorzubereiten. Wer zu dem neuen Lohnsatz nicht weiter arbeiten will, der kann sofort aufhören. Nun, was sagen Sie dazu? Sie scheinen Bedenken zu hegen.“ „Meine Bedenken kommen hier wenig in Frage, meine Herren,“ erwiderte Grad bedächtig, aber Ihre Arbeiter werden sich sagen, daß man es ihnen schlecht lohne, wie sie damals in der guten Zeit trotz besserer Anerbietungen ven anderer Seite bei Ihnen blieben. Sie versprachen damals, in etwa kommender schlechterer Zeit keine Abzüge am Lohne vorzunehmen.“ „Die Verhältnisse sind mächtiger als wir Menschen,“ warf der Fabrikdirektor zynisch ein, und Alle sind wir ja ein Produkt dieser Ver⸗ hältnisse, wie die Herren Sozialdemokraten das immer mit Vorliebe so laut verkünden. Ist's nicht so, Meister Grad?“ fügte er lauernd hinzu. „Herr Direktor, weil Sie den alten Grad um seine Meinung fragen, sollen Sie auch eine Antwort haben, die weder Hörner noch Zähne hat. Als Angestellter und Meister der Firma Stolz u. Komp. werde ich Ihren Arbeitern von der Lohnreduktion eine sachgemäße Mit⸗ theilung machen. Befürworten kann und darf ich dieselbe nicht, weil ich sie vor meinen Ka⸗ meraden nicht vertheidigen kann. Fünfzehn Jahre habe ich treu und redlich meine Pflicht gethan, ohne mit meinen Arkeitskollegen in Konflikt zu gerathen, und als ehrlicher Mann will ich meine grauen Haare nicht durch einen Verrath an meinen Mitarbeitern entweihen.“ „Ist das Ihr letztes Wort?“ fragte der Ateste der Chefs nachdrücklich.„Ich hoffe, Siewerden sich noch besinnen. Bedenken Sie, daß ie nicht unersetzlich sind!“ „Llleichtkenne ich meinen Ersatzmann schon,“ sagte Eid bitter.„Jüngere Kräfte eignen sich am Endebesser für Sie als ich alter Mann. Bei dem, wöͤ ich gesprochen, bleibe ich.“ „Besinnen die sich!“ ermahnte der jüngere Fabrikbesitzer deillten noch einmal. Er mochte den Meister persönch gut leiden. f Meister Grad hik. Wort, aber auch die Arbeitgeber wichen un keines Haares Breite von ihrem Entschlusse. 4s er die einstimmig ablehnende Antwort der beiter überbrachte, erhielt er mit allen Andern kübliche vierzehn⸗ tägige Kündigung, und nag vierzehn Tagen sah die große Industriestadt Vemberg zum ersten Male seit drei Jahren wier einen jener unerbittlichen sozialen Kämpfe, wehe von bei⸗ den Seiten mit äußerster Aus dier geführt wurden. 1 Eine Weile standen die Sache. für die Feiernden günstig. Mit der Zeit ab fanden sich fremde Arbeiter ein, welche die Slen der Ausständigen einnahmen. Trotz aller hatte die Firma noch lange nicht gesiegt, lil die neuen Leute alle ungeübt waren, undes vor Allem an einer tüchtigen leitenden Kre, Wie die Grad's war, immer noch fehlte. Wilhelm Rührig schien ganz in seind Ele⸗ mente zu sein. Ueberall wußte er seinen der That großen Erfahrungen glücklich für e ge⸗ meinsame Sache zu verwerthen. Offenbapoffte er, die Leitung der ganzen Ausstandsbetgung in seine Hände zu bekommen. Je ernster Grad wurde, desto eifrig ge⸗ bärdete sich sein zukünftiger Schwiegeohn. In der zweiten großen allgemeinen Versum⸗ lung, welche über die weitere Gestaltun des Verhaltens der Arbeiter entscheiden sollteent⸗ hüllte er, seinem lebhaften Naturell die ägel schießen lassend, seine ehrgeizigen Pläne. lach seiner Meinung sollte ein Generalstreik al“ in derselben Branche Arbeitenden angeregt ween⸗ Grad war dem Plane entgegen. Er ußte wohl, daß die Zeit für das Gelingen des er⸗ suches durchaus nicht geeignet war, vielehr nur das lokale Elend verallgemeinern koite⸗ Ruhig und entschieden trat er wider denzu⸗ künftigen Schwlegersohn auf. Nun wurde Wilhelm Feuer und Flame. „Kameraden, entweder folgt Ihr meem Vorschlage oder Ihr seid Feiglinge! Weunf halbem Wege stehen bleibt, kann niemals sien, eiferte er. Seine Mühe war vergebens. Die göte Mehrzahl der Ausständigen trat auf die eite Grad's. l Tief in seinem Ehrgeize verletzt, entfate sich Wilhelm.„Ihr sollt Alle noch von air hören. Wenn ich Euer Narr sein soll, den will ich doch lieber alleine sehen, wo ich bleibe rief er beim Weggange. Tagelang sprach er kein Wort mit Grad; auch zu Frida war er kälter als gewöhnlich. Endlich am sechsten Tage nach dem Vorfalle trat er zu Grad in das Zimmer. „Vater Grad,“ sagte er,„ich muß dem Dinge ein Ende machen, seitdem ich gesehen habe, daß wir mit all unserer Mühe doch nichts erreichen werden. Kurzum, ich habe das Anerbieten angenommen, welches mir die Firma Stolz u. Komp. unter der Hand machte. Am nächsten Montage soll ich die Meisterstelle in der neuen wieder eingestellt werden, sobald Sie darum angehen. Das habe ich als meine erste und einzige Bedingung für Sie erwirkt.— Unter uns gesagt, angesichts der scharfen Maßregeln gegen jede Streikbewegung ist es doch besser, Abtheilung der Fabrik antreten; auch Sie sollen — — — zum fei (le 0 uuwilkhnli kreten. 1„Ailhel Der Er „Die. 5 Ihuen leic lichen Wor dung auc, hebender S gem san „Ich fi des Prolet Glad. Schlages! Wuthse Renegat d bösen Lei Plan soll nunzirte i wegen MN Die e Verhaftun Einflusse! trotz aller Aussage 9 niß berur nüge gesch befriedigt. sollte er! Verachtur Arbeitern kannte f der Firn zu biel. kleine Er bon allen Dienste n Vater G. eine Ein und den lurier m geben: a baren S sand gl längst u Angeben ganz in in der Wilheln treifen gehört, „Die! die Na dauulg N die dar lend f klemen mühen. heuuc Ju gute 3 . Jahr g nn 0 Uinge A den und Schwächlinge aufzuopfern.— Ich habe 3 mich entschieden. einverstanden?“ fügte er zu tenden Frida fragend Nr. 3. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. bei Zeiten einzulenken, statt sich für Hohlköpfe Unsere Hochzeit kann noch zu der festgesetzten Zeit stattfinden.— Bist Du der gerade eintre⸗ hinzu. In den Zügen des Mädchens malten sich die widerstreitendsten Gefühle. Sie war ganz aus dem Holze, aus dem Ihr Vater geschnitzt. Vor dem Zynismus Ihres Bräutigams regte sich der edle Stolz ihres jungfräulichen Herzens. „In dieser Sache mag der Vater entscheiden,“ versetzte sie würdig. „Meine Tochter wird nie mit meiner Ein⸗ willigung einen Schurken, Heuchler und Ver⸗ räther heirathen!“ rief der alte Grad voll Zorn, „und keine Macht der Erde soll mich um eines Haares Breite von dem abbringen, was ich als Recht erkannte. Lieber würde ich Hochverräther als zum feilen Judas Ischariot werden 1 Blitzenden Auges hatte der Alte gesprochen, unwillkürlich war das Mädchen an seine Seite getreten. „Wilhelm, kehre um!“ rief sie warnend. Der Ergrimmte hörte nicht. „Die Pforten des Zuchthauses könnten sich Ihuen leicht öffnen! Gedenken Sie der kaiser⸗ lichen Worte! Fürchten Sie in Ihrer Verblen⸗ dung auch diese nicht?“ schrie er mit wuth⸗ bebender Stimme, als er sich erkannt, seinen ganzen saubern Plan durchschaut sah. „Ich fürchte nichts, wo ich das gute Recht des Proletariers vertheidige,“ erklärte Vater Grad.„Nun aber hinaus! Für Gelichter Ihres Schlages ist unter meinem Dache kein Raum.“ Wuthschnaubend, rachedurstig eilte der junge Renegat davon. In seiner Seele waren alle bösen Leidenschaften entfacht. Ein teuflischer Plan sollte Vater Grad verderben.— Er de⸗ nunzirte ihn, den Vorgang sophistisch entstellend, wegen Majestätsbeleidigung. Die eifrige Staatsanwaltschaft schritt zur Verhaftung des furchtlosen Alten. Unter dem Einflusse des Klassenkampfes wurde Vater Grad trotz aller Gegenbemühungen auf die eidliche Aussage Rührig's hin zu einem Jahre Gefäng⸗ niß verurtheilt. Der Gerechtigkeit mußte Ge⸗ nüge geschehen. Die Rache des Renegaten war befriedigt. Die Früchte seiner Denunziation sollte er indessen nicht ernten. Die allgemeine Verachtung traf ihn, die Erbitterung unter den Arbeitern und Bürgern der Stadt Wemberg kannte keine Grenzen. Selbst den Inhabern der Firma Stolz u. Komp. war das Bubenstück zu viel. Sie zahlten dem Elenden lieber eine kleine Entschädigungssumme, als daß sie den von allen ehrlichen Leuten Gemiedenen in ihre Dienste nahmen. Unter der Nachwirkung von Vater Grad's harter Verurtheilung kam bald eine Einigung zwischen den feiernden Arbeitern und den Fabrikanten zu Stande. Die Prole⸗ tarier mußten zwar für den Augenblick nach⸗ geben: aber moralisch halten sie einen unbestreit⸗ baren Sieg erfochten. Der alte Meister über⸗ stand glücklich seine Haft. Heute lebt er, der längst wieder lohnende Beschaftigung gefunden, ungebeugt in Frieden mit seiner Tochter, welche ganz in der Pflege des geprüften Vaters und in der Sorge für sein Wohl aufgeht. Von Wilhelm Rührig, der ruhelos die Welt durch- streifen soll, hat man in Wemberg nichts wieder gehört. Gemeinnütziges. Die Verstopfung beim Geflügel, meistens die Folge schlechter und unregelmäßiger Ver⸗ dauung und Fütterung, äußert sich dadurch, daß die damit befallenen Thiere den Rücken auffal⸗ lend krümmen und beständig bereit sind, Ex⸗ kremerte abzustoßen, doch ohne Erfolg sich ab⸗ mühen. Weiches Futter, sauere Milch, in Essig getauchtes Brot schaffen gewöhnlich Abhilfe. Zur Behandlung der Zuchtsau. Eine gute Zuchtsau erzielt man, wenn man sie ein Jahr alt werden läßt, ehe sie tragend wird. Sie kann alsdann gleich mehr und bessere Ferkel bringen, als wenn man sie schon in einem Alter von einem halben Jahr beibringt. J In den ersten zwei Monaten der Trächtigkeit müssen die Zuchtsäue mager gefüttert werden, und erst im dritten oder vierten Monat lege man 1—1½ Kilogramm Weizenkleie zu. In den letzten vierzehn Tagen ist übrigens ein Zusatz von Milch erforderlich, damit sich das Euter gut entwickeln kann. Zwei bis drei Tage vor dem Werfen lasse man aus dem Schweine⸗ stall alles Stroh und den Dünger herausschaffen⸗ den Stall trocken kehren und den Fußboden mit Häcksel beschütten. Diese Einstreu bietet den Vor⸗ theil, daß die Ferkel von der Sau nicht so leicht erdrückt werden können, weil sie viel leichter aus- weichen können, während sie sich im Stroh leicht verhaspeln. Wasserdichtes Schuhwerk im Wiuter. Der Winter mit seinen nassen Tagen, mit seinem das Leder durchdringenden Schneewasser und dem schmelzenden Eis bringt uns gar manch⸗ mal kalte Füße und im Gefolge davon bösen Rheumatismus. Um das Schuhwerk wasser⸗ dicht zu machen, dazu eignet sich sehr gut das Rizinusöl, das man in jedem Droguenladen kaufen kann. Das Leder schluckt begierig große Mengen dieses Oeles, füllt damit seine Poren und macht sich undurchlässig für das Wasser; zugleich wird das Leder zart und geschmeidig, widersteht also leichter dem Bruche, der sich so gerne einstellt, namentlich wenn die vom Schnee⸗ wasser durchtränkten Schuhe am warmen Ofen getrocknet werden. Neue Sohlen behandelt man am vorteilhaftesten mit heißem Leinöle, das man so lange aufträgt, bis das Leder kein Oel mehr schlucken kann. Vor dem Tragen lasse man die Sohlen gründlich trocknen. Erziehung und Unterricht. Eiue Maßnahme, die Nachahnung verdient. wird aus Frankenberg(Sachsen) gemeldet, Bei der Anmeldung der Kinder zur Schule erhielten alle Eltern einen Frage⸗ bogen ausgehändigt, durch welche der geistige und körperliche Zustand des in die Schule ein⸗ tretenden Kindes ergründet werden soll. Um mißtrauische Eltern zu beruhigen, steht folgendes an der Spitze des Formulars;„Es gilt nicht, das Kind zu richten, sondern zu verstehen. Will der Lehrer sein Erziehungswerk recht beginnen, so muß er die Eigenart des Kindes kennen und wissen, wie es 1 0 erzogen wurde. Jede Erinnerung, jeder Wink von seiten der Eltern ist der Schule werthvoll, denn dem Hause ist der Geisteszustand der Seinen immer am durch⸗ sichtigsten.“ Sodann folgen Fragen wie die: Lernte das Kind zeitig oder spät sprechen? Sind jetzt noch Störungen der Sprache zu bemerken? Welche Krankheit hat das Kind überstanden? Sind Spuren derselben zurückgeblieben? Leidet das Kind zur Zeit noch an Nachwirkungen einer vor kurzem überstanden frankheit? Wie schläft das Kind? Ist es blutarm oder bleichsüchtig, nervös oder nervenleidend, lungen- oder herz⸗ krank, kurz⸗ oder weitsichtig, schwerhörig, nasen⸗ krank? Liegt Schwäche der Blase oder des Darms vor? Liegt eine Verbiegung der Wirbelsäule vor? Leiden oder litten Vater oder Mutter an Lungen⸗ krankheiten, Geistes⸗ oder Nervenkrankheiten, Kurzsichtigkeit? Zwölf Gesundheitsregeln. In M. Harden's Zukunft äußert sich Herr Prof. Dr. Ernst Schweninger über die Beziehungen zwi⸗ schen Arzt und Patient: Der Arzt kann nichts Anderes thun, als das mehr oder minder defekte Individuum nach bestem Wissen und Gewissen behandeln. Immerhin kann er auch ein paar allgemeine Rathschläge ertheilen. Mich hat die Erfahrung die folgenden Leitsätze schätzen gelehrt: 1. Schafft Euch einen gesunden, genuß⸗ und arbeitsfähigen Körper, übt ihn, aber überan⸗ strengt ihn weder im Genuß noch in der Arbeit. 2. Fürchtet nicht den Exzeß, aber seire zur Gewohnheit werdende Wiederholung. 3. Macht Euch frei und hütet Euch vor der Schablone. 4. Liebt den Muth und haßt die Aengstlichkeit. 5. Fürchtet nicht die sogenannten Feinde von außen(Bazillen, Witterungseinflüsse usw.), sondern wappnet Euren Körper gegen ihren Einfluß und ihren Einbruch. 6. Hütet Euch am meisten vor den eigenen Fehlern. Seite 7. eee, 7. Glaubt nicht, daß Euch Gesundheit oder Genesung geschenkt wird, sondern wißt, daß ste erarbeitet werden wollen. 8. Helft dem Arzt also bei seiner Arbeit, wie Ihr hofft, daß er Euch helfe. a 9. Vergeßt nie, daß es hauptsächlich auf Euch ankommt, daß Euer Körper das Instru⸗ ment ist, auf dem der Arzt in Tagen, wo es Euch schlecht geht, spielt, daß er sein wichtigstes Heilmittel ist. 10. Meidet die Gewohnheit. 11. Strebt nach körperlicher und seelischer Harmonie. 12. Lernt Euch selbst erkennen, kritistren, diszipliniren! Auch diese Sätze werden den Tod nicht bannen, das Leben nicht über die natürliche Grenze hinaus verlängern. Wer sie befolgt, darf aber hoffen, nicht eher vom Licht scheiden zu müssen, als bis in weiser, sparsamer und doch nicht knauseriger Lebensökonomie der letzte Rest seiner Kraft verbraucht ist. —— Lesefrüchte. Ein Tag wird kommen, wo es keine andern Schlachtfelder mehr geben wird, als die Märkte, die sich dem Handel eröffnen und die Köpfe, die sich den Ideen eröffnen. Es wird ein Tag kommen, wo die Kugeln und Bomben ersetzt sein werden durch die allgemeine Abstimmung der Völker, durch das ehrwürdige Schiedsgericht eines großen unabhängigen Senates. Viktor Hugo. *.* * So lang' nicht Poesie als Taub' im Schnabel Des ew'gen Völkerfriedens Oelzweig trägt, So lange, sag' ich euch, trotz der Fanfaren Des Fortschrittsjubels, sind wir nur B arbaren. Robert Hamerling. * . * Mars“) ist ein treuloser Gott. Wie thöricht sind Nationen, die ihre Größe im Ruhme der Waffen suchen. Eine jede besaß solchen einmal und verlor ihn wieder. Gregorovius. ) Bei den Römern der Kriegsgott. ** * Schließlich liegt der große Trinmph der Zivilisation darin, daß der gesetzliche Schieds⸗ spruch an Stelle der grausamen rohen Waffen⸗ gewalt trat. Lord Salisbury. Humoristisches. Sanden⸗Sünden. Mir klingt ein alter Vers im Ohr, Ich hört' ihn einst im Kirchenchor: „Wer nur den lieben Gott vertraut, Der hat auf keinen Sand gebaut“. Die Zeit verging, das Lied verklang, Und ganz verändert tönt der Sang: „Die Armen, die auf Sanden bau'n, Sie rettet nicht ihr Gottvertrau'n!“ (Aus dem„Ulk.“) „Das ist ganz echter Schlechte Empfehlung. den Rhein Rheinwein, lieber Herr!“—„Glaub's schon, schmeckt man ja ordentlich heraus.“ Verlorene Liebesmüh. Fremder:„Sagt' mal, warum bessert ihr das Dach nicht aus? Es regnet ja herein!“— Ländlicher Wirt:„Heute kann man's doch net ausbessern, bei dem Wetter!“— Fremder:„Ihr könnt es aber reparieren, wenn's schön ist.“— Wirt: „Wenn's schön is, is nimmer nöhthi.“ Großer Unterschied(Pfälzisch). De Hannarm (Johann Adam) isch emol e paar Woche noch' m Herbscht vun're Kerwe heemgange; 8s war schun gege Morge. Er geht nämlich immer früh heem, de Hannarm. wann er so wu g'west isch. Wie er vors Dorf kummt, sieht er am e Baam angelehnt e Mann stehe. Bim Näherhingucke merkt er, daß es e Stadtherr isch, schön un fein angezoge. De Kopp hat er ziemlich tief nun⸗ nergeboge g'hatt un sei G'sicht hot ausg'sehe wie Appel⸗ brei. Dabei macht er die gröschte Austrengunge, uff e ganz deutlichi Art sei innerschte G'fiehle auszedricke. —„O Du armer Deiwel,“ ruft Hannarm,„deß kenn' ich. Gell, nunner zu hot de Neue(Wein) besser g'schmackt wie nuff zu?“ „ Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags Zeitung. Nr. 2. Jeder Genosse versäumt seine Pflicht, wenn er nicht nach besten Kräften für die größtmöglichste Verbeitung der Parteipresse sorgt. Die Interessen des werkthätigen Volkes, der Besitzlosen und Ausgebeuteten werden allein von der sozialdemokratischen Presse wahrge⸗ nommen. Auch die sogenannten „unparteiischen“ Blätter verfolgen nur ihre Geschäftsinteressen, spekuliren auf die Arbeitergroschen, leisten der Reaktion Heeresfolge und verdächtigen bei jeder Gelegenheit die Arbeiterbewegung. Deshalb abonnirt nur die Parteipresse! Aus Nah und Fern. „Freudiges Ereigniß“ im Frauenkloster. Ein vielgesuchter Arzt aus dem Bezirk Staffelstein(Bayern) wurde kürzlich in ein Frauenkloster gerufen, da es hieß, die Präfektin sei schwer erkrankt. Der Arzt war jedoch in der Lage alsbald zu erklären, daß der Fall nicht in sein Fach einschlage, sondern, daß eine weise, hülfreiche Frau zur Amtirung gerufen werden möge. Wie aus Bamberg gemeldet wird, handelt es sich um die Oberin der eng⸗ lischen Fräulein in Kirchschletten bei Scheßlitz. Da der dortige Pfarrer sich weigerte, sothanes kleines Kindlein zu taufen, mußte sich der jüngste Kaplan von Bamberg hinbemühen. Die„Sün⸗ derin“ soll aus dem Hause ausgestoßen und in ihren Heimathsort verbracht werden. Wer mag aber der„Sünder“ sein? Zur Konitzer Mordaffaire wird berichtet, daß verschiedene Kleidungsstücke des ermordeten Ernst Winter und zwar Jacket und Weste gefunden wurden. Sie lagen un⸗ weit der Stelle, an der seinerzeit der Kopf Winters gefunden wurde. Die Aermel des Jackets sind stark mit Blut durchtränkt. Diese Thatsache wird den antisemitischen Hetzern, die mit dem Märchen vom„Blutab⸗ zapfeln“ hausteren gehen, schwere Berlegenheit machen. Die Kleidungsstücke können übrigens erst vor wenigen Tageu am Fundort niederge⸗ legt sein, weil die 1 wiederholt abgesucht worden war. Die Beinkleider Winters fand man später mitten in der Stadt im Logen⸗ garten.— Ferner wurde am 15. der Ueber⸗ zieher des Ermordeten im Hofe der Mädchen⸗ schule gefunden. Dem Staatsanwalt war um dieselbe Zeit ein unangenehmes Schreiben zu⸗ gegangen, in welchem angekündigt wurde, deß der Ueberzieher auf dem Grabe zu finden werde. Angesichts dieser Vorkommnisse und der dabei e zu Tage tretenden Frechheit des Mörders herrsche in der Bevölkerung große Erregung. N Giessener Kaditheater. Dienstag, den 22 Januar 1901. Flachsmann als Erzieher. Donnerstag, den 24. Januar. Gastspiel vou Thea von Gör dau vom Niesidenz⸗ theater in Berlin. Niobe. Schwank in drei Akten von Pauldor. Freitag, deu 25. Januar 1901. Letztes Gastspiel von Thea von Gördau. Im weißen Nösl. Lustspiel in 3 Akten von Blumenthal und Kadelburg. befindet sich jetzt Ischuhwaarengeschäftz Adolf Bevesstein 3 351 Neustadt 31. 895 Tagesordnung: J) 2) Vorstandswahl. Prüfungscommission. Beiträge. 5) Wahl 3) Wahl schiedenes. 5 Bollzähliges Saasen enen en es, schr erwünscht. Sanitätsverein. Sonntag, den 20. Januar, Nachmittags präcis 3½ Uhr auf Lony's Bierkeller. Generalversammlung. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. einer Rechnungs⸗ 4) Antrag auf Erhöhung der Nickeltaschenmesser eines neuen Arztes an Stelle rikat); des setherigen Herrn Dr Schliephake. Vollzähliges Erscheinen, der wichtigen Tagesordnung Der Vorstand. 375 Stück um M. 3.50. 1 reizend vergoldete Uhr mit prachtvoller Goldinkette, genau gehend, 8 jähr. Garantie; 1 pracht⸗ volles Collier aus orientalischen Perlen, modernster Damenschmuck für Arm, Hals oder Haar, mit Patentverschluß; 1 hochelegantes (amerik. Fab⸗ 1 prachtvolle Lederbörse; 1 ff. Cigarettentasche(Neuheit); 1 hochelegante Cigarrenspitze mit Bernstein; 1 feines geb. Notiz⸗ buch; 1 Garnitur ff. Doublegold⸗ Manschetten⸗ und Hemdenknöpfe 6) Ver⸗ Ortskrankenkasse Gießen. Mit Wirkung vom 1. 1. 01 stehen unseren Kassen⸗ deren Familienaugehörigen, folgende mitgliedern nebst Aerzte zur Verfügung: 1. Für die Stadt Gießen, a) Herr Dr. Zinßer, Westanlage 35, Sprechstunden: Vormittags von 8— 9 Uhr, Nach⸗ mittags von 2-3 Uhr, Sonntags nur von 8-9 Uhr. b) Herr Dr. Ploch, Asterweg 9, Sprechstunden wie Herr Dr. Zinßer. c) Herr Dr. Hanau, Nordanlage 21, Sprechstunden: Vormittags von 9— 10 Uhr, Nach⸗ Sonntags nur von mittags von 2—3 Uhr, Die so sehr beliebten noch vorräthig. 10 Pfg. für Porto. Arbeiter-Notizkalender für 1901, Preis 60 Pfg. H. Schneider, Gießen Sonnenstr. 25. 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Für die Orte Großlinden, Allendorf a. d. Lahn, Leihgestern, Hörnsheim, Hochelheim, Lützel⸗ linden, Dornholzhausen, a) Herr Dr. Kipper, Gteßen. b) Herr Dr. Platz, Groß-Linden. 5. Für den Ort Angerod, 1 Sue Dr. Bockler und Gengnagel in Großen— useck. In allen anderen Bezirken bleibt die Behandlung der Herren Aerzte wie seither. In denjenigen Orten, in welch u die Kassen⸗ mitglieder oder deren Angehöriger die Wahl zwischen zwei ode. inehreren Aerztenh ben, darf während einer Krankheit der Arzt nicht ewechselt werden. Der Vorstand. 10 Pfg.. Wie ein Pfarrer Fozialdemekrat wurde 10 1 Herzl. Dank! Christenthum und Sozialisauus 10 Pfg. als besonders empfehlenswerthe Schriften stets vorräthig bei H. Schneider,. Buchhdlg., Gießen. Sonnenstraße 25. Zum Abschluß von Fe ner versich erungen iu 41 ee Leilungsträger Cad 5 e. gesucht. Exped. d. M.⸗S.-Ztg. Ebelstraße 32. 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Adolf Jensen und Frau, Vulneral Créme, gesetzl. geschützt⸗ Verlag der Mitteld. Sonntagszeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei Gießen. Kitchen die Mitte Austräge Dutt die die Gibedit — Vel Anttoo des berüht der Iudus 1890, alo Ministers Textilindu hat. Die in det La mit Recht öffentli schreibt u. Daß w klein mit! Wunsck minis soweit nach. zu den Brefe Thätig Volsitze dern ic hung n und me alte J in meit bei Cf wir f verke Bezie sind di hei ein Ich 1 und al sei, um