2 2 4, — 47 nee ads. 9 l seuwahl vn ußmaun. 422222 Balelots 1 borzüh⸗ l etet Nr. 33. Gießen, Sonntag, den 18. August 1901. 8. Jahrg. f Redaktion: 9 RNebaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 1. 4 e Abouuementspreis: Die Mitteldeutsche Parteigenossen! Laut Beschluß des vorigen Parteitags findet der diesjährige in Lübeck statt. Auf Grund der Bestimmungen der 88 7, 8 und 9 der Partei⸗Organisation beruft die Partei⸗ leitung den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 22. September, abends 7 Uhr, nach Lübeck in das Vereinshaus, Johan- nisstraße 50/52, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Sonntag, den 22. September, abends 7 Uhr, Vorversammlung. Konstituierung des Parteitags. Festsetzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl einer Kommission zur Prüfung der Mandate. Mee den 23. September und die folgenden Tage: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes. a) Agitation. Wahlen. Kassenbericht. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. b) Presse, Litteratur, Kolportagewesen. (Geschlossene Sitzung.) 2. Bericht der Kontrollkommission. Berichterstatter: H. Meister. 3. Bericht über die parlamentarische Thätigkeit. Berichterstatter: E. Wurm. 4. Maifeier. Berichterstatter: Th. Metzner. „Die Wohnungsfrage. Berichterstatter: A. Südekum. Anträge zum Programm. . Sonstige Auträge. Wahl des Vorstandes und der Kon⸗ trollkommission. Parteigenossen! Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Vorarbeiten zu treffen, insbesondere die Wahl von Delegierten und die Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens den 7. Sept. in den Händen des Vorstandes, Adresse: J. Auer, Berlin SW. 57, Kreuzbergstr. 30 sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des 8 8 Absatz 2 der Partei⸗Organisation im „Vorwärts“ veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage für den Parteitag Aufnahme finden sollen. 6 Anträge von einzelnen Parteigenossen be⸗ dürfen der Gegenzeichnung des Vertrauens⸗ mannes oder des Vorstandes der örtlichen bezw. Kreisorganisation, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Genossen, welche Anträge einreichen, werden darauf aufmerksam gemacht, daß etwaige den Anträgen beigegebene Motive weder im „Vorwärts“ noch in der dem Parteitag vorzu⸗ legenden gedruckten Vorlage Aufnahme finden können. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem e entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen bertreten zu lassen; außerdem empfehlt es sich, wichtige Anträge vor dem Zusammentritt des Parteitags in der Presse zu erörtern. Berlin, den 10. August 1901. Mit sozial demokratischem Gruß Der Parteivorstand. N 0 Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) Jnserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 5 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun 33¼% ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestenz — Parteigenossen! Sorgt für zahlreiche Unter⸗ schriften der Petition gegen den Brotwucher! Arb itslöhne und Lebensmittelzölle. oa. In diesem Augenblick, da der Kampf um den Zolltarif und die Handels verträge mit neuer Heftigkeit entbrannt ist, scheut die gewissenlose konservativ⸗agrarische Demagogie kein Mittel, um die Arbeiter in die grobe Täuschung einzuzwingen, daß die Erhöhung der Lebensmittelzölle für sie von Vorteil sei. Bei sozialistischen Arbeitern wird man mit diesem Schwindel kein Glück haben; es giebt aber noch breite Schichten von Proletartern, namentlich auf dem Lande, die von der sozialistischen Lit⸗ terotur nicht erreicht werden und bei denen es manchmal den agrarischen und junkerlichen Lügenpropheten gelingt, ihnen einen ganz falschen Begriff von der Wirkung der vorgeschlagenen Zollerhöhungen beizubringen. So wird von den agrarischen Agitatoren vielfach behauptet, hohe Lebens mittelpreise bewirkten eine noch höhere Steigerung der Ar⸗ beitslöhne. Eine dreistere Lüge ist niemals öffentlich vorgetragen worden. Die Höhe der Arbeits- löhne wird bekanntlich durch ganz andere Fak⸗ toren bestimmt, als durch die Preise der not⸗ wendigen Lebensmittel. Der Preis der Arbeit reguliert sich auf dem Arbeitsmarkt und nicht auf dem Lebens mittelmarkt. Die Arbeitskraft erscheint auf dem Arbeitsmarkt als eine Ware, der Arbeiter als deren Verkäufer, der Unternehmer als Käufer. Wie bei allen Waren regelt sich auch bei der Ware Arbeits⸗ kraft der Preis nach dem Verhältnis von An⸗ gebot und Nachfrage; er steigt, wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften überwiegt, und er sinkt, wenn das Angebot überwiegt. Je mehr unbeschäftigte Hände vorhanden, desto niedriger muß der Stand der Löhne sein. Den sozialistischen Arbeitern sind diese That⸗ sachen bekannt. Wenn mit den Lebensmittel⸗ preisen die Löhne im Steigen Schritt halten könnten, dann wäre die Situation für die Arbeiter nicht so mißlich, wie heute. Aber man erinnere sich doch an die Zeit, als der Fünf⸗ markzoll auf Getreide bestand und als durch noch andere Umstände die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben waren. Es war zu Anfang der neunziger Jahre; eine förmliche Teuerung herrschte im Lande, aber die Arbeitslöhne 1 nicht; sie erfuhren erst später da und ort eine geringe Steigerung, als auf den Ab⸗ 10 der Handelsverträge der industrielle Auf⸗ chwung erfolgte. Im Ganzen und Großen blieben sogar in dieser Zeit der Prosperität die Löhne sich gleich. Als die Zölle herabgesetzt wurden und dadurch auch die Lebensmittelpreise etwas fielen, atmete Alles auf. Gegenwärtig ist die Situation eine ganz andere. Die Industrie hat sich in neue, teil⸗ K N— ̃— . weise riesige und verwegene Unternehmungen gestürzt, der Warenmarkt ist überfüllt und der Rückschlag tritt ein. Weder die Kolo⸗ nialpolitik noch das famose chinesische Abenteuer haben die ersehnten neuen Absatzgebiete erschließen können. Da stockt nun die bisher bis in's Fieberhafte gesteigerte Warenproduktion; Ar⸗ beitslosigkeit tritt ein, die Nachfrage von Ar⸗ beitskräften sinkt rapid unter das Angebot. Die industrielle Reservearmee schwillt gewaltig an. Das Alles drückt auf die Löhne. Und diesen ungeheuren Schaden, den die Arbeiter da leiden müssen, soll es ausgleichen, wenn Brot und Fleisch teurer werden! Ein größerer und gemeinerer Schwindel ist dem deutschen Volke noch niemals vorgemacht worden. Die Handelsverträge können ganz gewiß keine Wunder wirken. Aber sie können Einiges bessern. Daß während des unter den Handels⸗ verträgen erscheinenden industriellen Aufschwun⸗ ges die Löhne im Allgemeinen stabil geblieben sind, haben wir schon bemerkt; es ist dies be⸗ kanntlich auch amtlich konstatiert worden. Die Unternehmer hatten sich auch gegen die Lohn⸗ bewegungen unter den Arbeitern von vornherein vorgesehen. Aber die Handelsverträge brachten den Arbeitern den Vorteil, daß sie für Jahre ausreichende Arbeitsgelegenheit schufen. Daß die kapitalistische Spekulation dabei eine Ueber⸗ produktion herbeiführte, konnte man nicht vor⸗ aussehen; es war dies auch keine notwendige Folge der Handelsverträge. Fallen die Handelsverträge, so werden die Arbeiter eben un verhältnismäßig hohe Lebens⸗ mittelpreise haben, während zugleich die Ar⸗ beitslosigkeit sich steigert und die Löhne sinken. Das ist die ungeheure Gefahr, welche die neue Zoll⸗ und Handels⸗ politik mit sich bringt. Und diese Gefahr möchte man den Arbeitern verbergen, indem man ihnen mit der Phrase kommt, daß bei hohen Lebens- mittelpreisen auch die Arbeitslöhne steigen würden. Das Mißverhältnis zwischen Arbeitslöhnen und Lebensmittelpreisen ist eines der traurigsten Kapitel in der Leidensgeschichte der deutschen Arbeiterklasse. Die so zahlreich veröffentlichten Haushaltungsbudgets von Arbeiterfamilien be⸗ weisen, wie es einem Familienvater bei den heute herkömmlichen Arbeitslöhnen gar nicht möglich ist, seine bei der Arbeit verbrauchten Kräfte zu ersetzen, und zugleich seine Familie ordentlich zu kleiden und zu nähren, eine ordent⸗ liche Nahrung zu bezahlen und für die Aus⸗ bildung der Kinder zu sorgen. Daß unter solchen Umständen Frau und Kinder, wo es angeht, zum Mitverdienen herangezogen werden, ist sehr begreiflich. In diesen Familien wird man die geringste Steigerung der Lebensmittel⸗ preise am empfindlichsten verspüren. Wo das wohl Alles noch hinaus soll! Während die Gesetzgebung mit staatlichen und kommunalen Auflagen die Lebensmittel verteuert, machen sich auch die Besitzer der Produktionsmittel leider an's Werk, um die Preise ihrer Produkte zu„reguliren“. Kohlen, Zucker, Eisen, Papier und zahlreiche andere Waren bekommen ihre Preise von den Kartellen und Syndikaten vorgeschrieben. Es ist eine tolle Jagd nach Gewinn, wie wenn man am Vorabend einer großen Ungestaltung 95 Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. stände, die voraus geahnt wird, und als ob die herrschenden Klassen vor der„Sintflut“ noch einmal recht genießen und sich recht aus⸗ toben wollten. Man schröpft so viel und so gut man eben kann. Aber welche Aussicht eröffnet sich da den Proletariern? Wenn der Zolltarif durchgeht und die Handelsverträge fallen, wenn dann ein harter Winter kommt mit Arbeitslosigkeit und Brotverteuerung, und wenn dann die Kohlenbarone unbarmherzig die Preise schrauben? Wie sollen sie ihre Familien vor Hunger und Frost schützen? Gewiß, der Kampf um die Lebenshaltung, der zur Zeit in Deutschland sich abspielt, ist von einer Bedeutung, wie noch wenig sozial⸗ ökonomische Kämpfe zuvor. Möge das deutsche Volk in diesem Kampfe nicht erlahmen und von der agrarischen Demagogie sich nicht mit falschen Vorspiegelungen verführen lassen. Fort mit den Lebensmittelzöllen und die Handelsverträge verlängert— eine andere Parole kann es für das arbeitende Volk gar nicht geben. Um den Zolltarif. Wirkung hoher Schutzzölle. Die deutsche Landwirtschaft vermag den Bedarf Deutschlands an landwirtschaftlichen Produkten selbst zu decken, so behauptet die Bündlerpresse, sobald ihr nur ein„angemessener“ Schutzzoll bewilligt wird. Daß im Gegensatz zu dieser Behauptung die Produktion gerade im umge⸗ kehrten Verhältnis zur Höhe des Zollsatzes stehen kann, dafür haben die deutschen Eichen⸗ schälwaldbesitzer den eklatanten Nachweis geliefert. Trotzdem ihnen Ende der 70er Jahre ein Rindenzoll von 50 Pfg., d. h. von 10 pCt. des Wertes der Ware zugestanden wurde, blieb der Umfang der Rindenerzeugung äußerst gering, der des Schälwaldes hatte sich in den Jahren von 18831893 nur um ca. 2 pCt. gehoben, vermochte also trotz des Schutzzolles den Bedarf bei Weitem nicht zu decken. Und warum war dies so? Die hochschutzzöllnerischen Industriekreisen nahestehenden Berliner Pol. Nachrichten charakteristeren die Sachlage wie folgt:„Die Eichenschälwaldbesitzer gaben auf Pflege und Kultur des Waldes ret wenig, ließen die Rinden verkommen, kümmerten sich um die für die Gerberei durchaus notwendig gewordenen Aenderungen beim Bezuge des Gerbmaterials gar nicht, kurz, bewirkten durch ihre Verharrung auf völlig veralteten Geschäftsgrundsätzen, daß die deutsche deutsche Gerberei genötigt wurde, sich nach dem Gerbmaterial des Auslandes noch mehr als vorher umzusehen.“ Also die durchaus un⸗ rationelle Wirtschaftsweise der deutschen Eichen⸗ schälwaldbesitzer ist an ihrer eigenen Notlage schuld. Und da soll zu Gunsten der Bequem⸗ lichkeit zahlreicher in ihrer Rückständigkeit verharrender deutscher Landwirte mit noch weiter erhöhten Schutzzöllen experimentiert werden, um schließlich voraussichtlich wieder zu dem gleichen Resultat zu kommen, daß mit hohen Schutzzöllen dem landwirts chaftlichen Betrieb nicht gedient ist?! * Kündigung der Handels verträge. Dem agrarischen Wunsch auf Kündigung der Handelsverträge vor Beratung des Zolltarifes im Reichstag wird, wie die Allgem. Ztg. zu berichten weiß, die Regierung nicht nachkommen. Die bestehenden Handelsverträge laufen am 31. Dezember 1903 ab. Die Kündigungsfrist ist eine einjährige, so daß sie frühestens am 1. Januar 1903 gekündigt werden können. Es liegt demnach nicht die geringste Veranlassung vor, schon vor dem 1. Januar 1903 zu kündigen. * Die Handelskammern vieler Städte nahmen bereits gegen den Zolltarif Stellung. Unter anderen die von Hanau und Gießen. In der Resolution der letzteren heißt es u. a.: „Die ins Auge gefaßten 11 Eingangszölle, darunter ganz besonders die hohen(zum Teil überdies nach unten gebundenen) Zölle auf die notwendigen Lebensmittel würden nicht nur die Produktions⸗ und Entstehungskosten des deutschen Handels wesentlich erhöhen und da⸗ durch ihren heimischen Absatz, sowie ihre Kon⸗ kurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkte erheblich beeinträchtigen, sondern auch die Lebenshaltung weiter, und gerade der unbemittelten Kreise unserer Bevölkerung empfindlich erschweren.“ AA Prozeß Stietencron, ein Kapitel aus der deutschen Rechtspflege. Wir müssen gestehen, was die deutsche Rechts⸗ pflege anbetrifft, sind wir auf Dinge wunder⸗ lichster Art stets gefaßt; auf Grund reicher Erfahrungen mußten wir an dem Vorhandensein der„Gleichheit Aller vor dem Gesetz“ stets gelinden Zweifel hegen. So stark waren aber unsere Zweifel nicht, daß wir geglaubt hätten, der„tolle“ Baron Stietencron, der einen ita⸗ lienischen Arbeiter rücklings ermordete, würde für seine That straflos ausgehen. Und doch ist das Unglaubliche geschehen. Das Saarburger Kriegsgericht, das am Donnerstag und Freitag über den Fall ver⸗ handelte, kam zur Freisprechung des Mörders! Stietencron soll aus Notwehr gehandelt haben. Bei der Beweisaufnahme bekundeten Sach⸗ verständige, daß der Weg, welcher zur Anlegung der Wasserleitung benutzt wurde, ein Gemeinde⸗ weg und nicht Privateigentum Stietencrons sei. Bürgermeister Bichet von Niederweiler sagt aus, der Weg, an dem die Wasserleitung angelegt wurde, sei seit undenklicher Zeit öffent⸗ lich. Der Baron hatte also gar kein Recht, dort die Wasserleitungsarbeiten zu untersagen. Ferner sagten die italienischen Arbeiter, die doch aus nächster Nähe den Vorfall mit angesehen, zu Ungunsten des Angeklagten aus; alle be⸗ kundeten übereinstimmend, daß der Baron auf den fliehenden Fazzi geschossen habe. Die vorgelndenen Sachverständigen waren gleichfalls einmütig in ihrem Urteil, daß die Kugel vom Rücken nach dem Hals den Arbeiter durchschlagen habe. Mit diesem Gutachten war die Behaup⸗ tung des Herrn Rittmeisters Baron von Stie⸗ tenkron, er habe in Notwehr gehandelt, als Unwahrheit erwiesen. Drei Zeugen sagten allerdings zu Gunsten des Barons aus; bekundeten, daß dieser zuerst von dem Arbeiter Fazzi mit der Schaufel ge⸗ schlagen worden sei. Diese Zeugen sind jedoch bei dem Baron bedienstet, von ihm abhängig, weshalb ihr Zeugnis wenig glaubhaft erscheint. Dabei der Leumund des Angeklagten! Er wurde von der Bevölkerung geradezu als ge⸗ meingefährlich angesehen; ständig lief er mit dem Schießprügel herum und war schnell bei der Hand, davon Gebrauch zu machen. Das Gericht legte aber auf das Vorleben des Angeklagten wenig Gewicht, es beschränkte sich darauf, eine wegen Mißhandlung erfolgte Verurteilung zu 30 Mk. Geldstrafe festzustellen. Entgegen dem Gutachten der Sachverständigen nahm das Gericht an, daß der tötliche Schuß nicht vom Rücken her, sondern von vorne durch den Körper des Arbeiters gegangen sei, Stieten⸗ cron habe deshalb in Notwehr gehandelt, diese auch nicht überschritten und somit erfolgte der Freispruch! Weite Volkskreise werden das Urteil nicht verstehen und sich fragen, ob denn wohl der Italiener frei ausgegangen wäre, wenn er in berechtigter Notwehr den Baron erschlagen hatte. Die Zahl derer wird aber auch nicht ering sein, die so wenig Vertrauen in ie heutige Rechtspflege setzen, daß ste keinen andern Ausgang erwartet haben. Und das ist noch e dasselbe th s0 i 1 „Wenn zwei dasselbe thun, so ist es ni dasselbe!““) Es lebe die Gerechtigkeit! ) Siehe unter„Rechtsprechung.“ 3 l N Politische Rundschau. Gießen, den 15. August. Zum Lübecker Parteitag. Der Parteivorstand hat den diesjähri zen Parteitag auf den 22. September einberufen. Die Tagesordnung ist diesmal nicht sehr reich⸗ haltig. Unserm Dresdener Partetorgan, der Sächs. Arbeiter⸗Ztg., erscheint sie zu mager; sie meint, daß zum Beispiel eine Stellungnahme zum Zolltarif unbedingt notwendig sei. „Man könnte einwenden“, schreibt sie,„daß die deutsche Sozialdemokratie bereits auf den Tagen in Stuttgart und Mainz handelspolitische Er⸗ örterungen gepflogen habe und in der Sache selbst einig sei. Aber einmal liegt nach der Veröffentlichung des Tarifs Material vor, das den früheren Tagen noch unbekannt war, und zweitens haben einige schriftstellerisch thätige und der Reichstagsfraktion angehörende Partei⸗ genossen, wie Schippel und Calwer, letzthin Ansichten verlauten lassen, die zu erörtern schon deshalb im Interesse der Partei liegt, weil unsere Gegner sich mit Vorliebe aus den Pu⸗ blikationen von Schippel und Calwer Waffen gegen die Haltung der Gesamtpartei zu holen suchen. Besonders kommt es aber auf die demonstrative Bedeutung eines Parteitags⸗ beschlusses in dieser Frage an.“ Ferner wünscht das Dresdener Parteiblatt, daß der Krise und dem Krach die nötige Auf⸗ merksamkeit zugewandt werde. Der Parteitag müsse die politische Direktive geben; die Auf- merksamkeit der Proletarier müsse auf die ihnen zunächst zur Lösung aufgezwungenen Probleme gelenkt werden.„Die Parteitags verhandlungen machen einen viel tiefer gehenden Eindruck auf die organisierten Arbeiter, als die Debatten in den Parlamenten. Und die Leitung der Partei mußte erwägen, daß schon aus der Tagesord⸗ nung Schlüsse auf die politische und materielle Situation des deutschen Proletariats gezogen werden.“ Die„Sächs. Arb.⸗Ztg.“ erkennt an, daß solche Erörterungen sich auch an den Be⸗ richt des Parteivorstandes und der Fraktion sich anschließen können, meint aber,„es wäre besser gewesen, sie als selbständige Punkte auf die Tagesordnung zu setzen, bestimmte Referenten mit kurzen sachdienlichen Einleitungen zu be⸗ auftragen und so der Diskusston Plan und Ziel zu geben.“— Man kann gegen diese An⸗ sicht nicht viel einwenden. Was die geschlossene Sitzungbetrifft, die bei der Beratung des 1. Punktes der Tagesordnung vorgesehen ist, halten wir eine solche für ent⸗ behrlich. Will man Partei⸗Interna behandeln, so kann man das in Kommissionssitzungen, zu denen die Beteiligten herangezogen werden können. Erfahrungsgemäß bleibt gerade das am We. nigsten vor der Oeffentlichkeit verborgen, was man vorher mit der Marke„Vertraulich“ ver? steht. Wir sind doch bei der bisherigen Be⸗ handlung unserer Angelegenheiten ganz gut gefahren; eine Aenderung halten wir deshalb nicht für nötig. Vom endlosen Chinarummel. Mit der Beendigung des Chinakonflikte⸗ hats noch gute Weile. Die Gesandten sind sich wegen der Entschädigungsfrage erneut in die Haare geraten. England erhebt gegen die Erhohung der Seezölle Widerspruch, weil dadurch seine Handelsinteressen empfindlich geß⸗ schädigt würden.— Der chinesische Hof kündigt an, daß er dieses Jahr nicht nach Peking zurückkehren werde. Er macht also auch neue Schwierigkeiten. Hunnisches. Unter den mit Waldersee zurückgekehrten 630 Mann Chinatruppen befanden sich nicht weniger als sechzig Strafgefangene, die teils zu Gefängnis, teils zu Festungsstrafen verurteilt sind und zur Abbüßung ihrer Strafen nach Köln und Lüneburg transportiert wurden. Diese Mitteilungen stammen von zuverlässiger Seite, so daß man an der Wahrheit derselen nicht zweifeln kann. Weshalb sind denn ein lad age keine ele Der Ende bor! der f 9 täri liehe ein s den kom Mil Reg Reg lach Ja! als die bl if 2 ka desse 18 den J. her Waffe i zu hol er auf 9 Parteitag Parteiblat nötige Au, T Partein 1j die Al Uf die ihne n Problen handlung zindruck a. Dehaten g der Punt r Tagesol d mater ats gezog erkennt an den er Frakte 1 al Punkte n e Referent ngen zu l. Plan 1 0 N Ages orb lche für e N behande stzungel, erden kön a5 am 1 Horgen,“ 115 1 herigel! Wir Deshb mel. a nato sandten!“ frage en, erhebt 10 dspruch, f e of 0 0 Nr. 33. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. so großer Teil der Leute so schwer bestraft worden? Das sollte doch auch nicht verschwiegen bleiben! Jedenfalls kann man daraus nicht auf ein solches Maß von Wohlverhalten schließen, wie es die Khakipresse den Kreuzzüglern in allen Tonarten nachrühmt. Von der Hunnenbrieffabrik in Luzern, die Herr Schweinburg entdeckt haben wollte (s. Nr. 30 der Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.), ist's auf einmal ganz still geworden. Der Absender jener gefälschten Hunnenbriefe, der geheimnisvolle Handlungsgehilfe, konnte bis jetzt noch nicht gefunden werden; wohl aber befindet sich der berüchtigte Spitzel Normann⸗Schumann in Luzern, der bekanntlich in dem Tausch⸗ Prozesse eine Rolle spielte und in ihm vermutet man wohl nicht mit Unrecht den Besitzer der Hunnenbrieffabrik. Der offiziöse Schwindel ist wieder gründlich vorbeigelungen. „Triumphzug“ des Ex⸗Weltmarschalls. Graf Waldersee hat, seit er sich wieder in Deutschland befindet, eine ganz respektable Rundreise gemacht. Unaufhörlich geht es von Stadt zu Stadt; aber die feierlichen Empfänge tragen doch etwas Gekünsteltes an sich, es will keine rechte Begeisterung aufkommen, trotz der vielen Reden, die der abgebrannte Graf hält. Der Spektakel hat nun hoffentlich bald ein Ende, sonst macht uns der Walderseerummel vor dem Auslande noch lächerlicher, als uns der ganze Chinazug schon blamiert hat. Dem Weltmarschall wurde auch eine mili⸗ tärische Ehrung„für ewige Zeiten“ ver⸗ liehen. Eine kaiserliche Ordre bestimmt,„daß ein schleswigsches Regiment für ewige Zeiten den Namen Waldersees führe.“— Hoffentlich kommt sehr bald die Zeit, die den heutigen Militarismus, das stehende Heer mit seinen Regimentern nicht mehr kennt, mögen diese Regimenter getauft sein, wie immer! Die Kosten der Spritztour Waldersees nach China sind nicht gering. Sein persönliches Jahreseinkommen betrug dort nicht weniger als 174000 Mk. Dabei sind aber natürlich die Kosten des Asbesthauses und sonstiger kost⸗ spieliger Ausrüstungsgegenstände nicht inbe⸗ griffen. Außerdem begleiteten ihn bekanntlich 2 kaiserliche Leibgendarmen und ein Leibkoch, dessen Jahresgehalt 10000 Mk. betrug. Verurteilter Antisemitenhäuptling. Von der Strafkammer in Halle wurde der Geschäftsführer des Bundes der Landwirte, Bruno Kreutz wegen Unterschlagungen, die sich etwa auf 12000 Mark belaufen, zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Kreutz war früher Redakteur der antisemitischen„Sachsen⸗ schauB“ in Magdeburg. Das Geld hatte er infolge eines Verhältnisses mit einer Schau⸗ spielerin verpulvert. Der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie wird am 29. September in Wien abgehalten werden. Auf der Tagesordnung steht außer den geschäftlichen Angelegenheiten: Bericht über die parlamentarische Thätigkeit. Organisation der Gesamtpartei. Revision des Parteipro⸗ gramms. Handelsverträge und die Interessen der Arbeiter in Oesterreich. Alters- und In⸗ validitäts⸗Versicherung für Wittwen⸗ u. Waisen⸗ versorgung. Franzesko Crispi, der frühere italienische Ministerpräsident ist am Sonntag in Neapel gestorben. Er ist 82 Jahre alt geworden, sein Leben war ein äußerst bewegtes. Revolutionär und Freiheits⸗ kämpfer in den vierziger Jahren verfolgte er als Minister eine rückständige und gewaltthätige Politik; als die schmählich ausgebeuteten und hungernden Schwefelarbeiter in Sizilien revol⸗ tierten, glaubte er in reaktionärer Borniertheit das Elend der Armen dadurch aus der Welt schaffen zu können, indem er die dem Elende Preisgegebenen brutal niederknallen ließ. Auch in Bankschwindeleien war er verwickelt, er verstand es, sich Reichtümer zusammenzu⸗ gaunern, mit Mühe entging er damals der öffentlichen Anklage.— Somit können wir dem Verstorbenen nichts Gutes nachsagen, höchstens, daß er mit Energie den volksverderblichen Ein⸗ fluß des Pfaffentums zu bekämpfen suchte. Tortur in Spanien. Das spanische Blatt Diluvio in Barcelona enthüllt einen neuen Skandal im dortigen Gefängnis. Der Beamte Tefjada soll ver⸗ schiedene Gefangene furchtbar gefoltert haben. Ein infolge der Mißhandlungen krank gewordener Gefangener versuchte, eine Klage an den Präsidenten des Landgerichts gelangen zu lassen, wurde aber durch Drohungen des Gefängnisdirektors davon abgehalten. Der Diluvio verlangt eine exemplarische Strafe Tejadas.— In dem Pfaffenlande existieren Zustände, die den russischen nichts nachgeben. Krieg in Südafrika. Lord Kitchener hat eine Proklama⸗ tion erlassen, in der allen Kommandanten, Feldkornets und sonstigen Anführern der Buren angedroht wird, daß sie, wenn sie sich nicht bis zum 15. September 1 für immer aus Südafrika verbannt wer⸗ den. Die Kosten der Unterhaltung der Familien der Bürger im Felde, die sich am 15. September nicht ergeben haben, fallen den betreffenden Bürgern zur Last, und sowohl das bewegliche wie das unbewegliche Eigentum dieser Bürger in beiden Kolonien soll dafür haften. Das ist der schmählichste Völkerrechtsbruch, der fich denken läßt. Diese neue Schandthat der britischen Regierung macht nun auch glaub⸗ lich, was vor Kurzem von französischen Blättern berichtet wurde, England habe sich bemüht, die Mächte zu bestimmen, sie sollten den Buren die Rechte einer kriegführenden Macht absprechen. Die Mächte haben einhellig das ihnen gestellte Ansinnen abgelehnt. Nun begeht England die Gemeinheit auf eigene Faust. Die Proklamation wird selbst von einigen englischen Blättern als eine von Chamberlein verübte gemeine Barbarei bezeichnet, sie sei der „Schrei einer geleerten Börse.“ Hinrichtungen gefangener„Rebel⸗ len“ durch die Engländer kommen öfter vor. Vier solcher Fälle werden allein von der letzten Woche berichtet. In Dordrecht, Cradock, Middleburg und in Graaf Reinet mußten die holländischen Einwohner zur festgesetzten Stunde zusehen, wie 1 201 ihrer Landsleute, die für die Burensache zur Waffe gegriffen hatten, wie ganz gemeine Räuber und Mörder am Galgen aufgeknüpft wurden! Zum Ueberfluß wird sogar aus Kapstadt berichtet, daß die Standgerichte, die solche„Todesurteile“ fällen und zur Ausführung gelangen lassen, sich stets mit den geringsten Beweisstücken begnügen und wie auf Bestellung ihr Urteil abgeben, das verschiedenen Mitmenschen auf die entehrendste und grausamste Weise das Leben kosten soll. Das ist dieselbe Praxis, die England im ame⸗ rikanischen Unabhängigkeitskriege angewandt hat und die für die Engländer die schlimmsten 5 7 hatte. Es ist sehr leicht möglich und denkbar, daß historisch bewanderte Buren sich daran ein Beispiel nehmen. So wird der Krieg immer mehr zu einem wilden, gegenseitigen Zerfleischen. f Kitchener meldet Siege. Seinen „Streckenbericht“ vom 18 August bezeichnet er als die größte Liste, die er bis jetzt in einer Woche gehabt habe. Seit dem 5. August hätten die Truppen gemeldet, daß 39 Buren gefallen, 20 Verwundet und 685 gefangen genommen worden seinen, während 85 sich ergeben hätten. Ferner seien 244000 Patronen, 754 Wagen, 5580 Pferde, 33 000 Stück Rindvieh und eine große Anzahl andere Tiere erbeutet worden. Der größere Teil dieser Beute entfalle auf den Oranje⸗Freistaat.— Bei genauerem Zusehen dürfte sich wohl die Sache nicht gar so schlimm für die Buren heraus stellen. 3000 Burenflüchtlinge, die im Norden des Oranjestaates streifende britische Kolonnen zusammengebracht hatten, sind in Brandfort angekommen. Ihr Gesundheitszustand ist ein jammervoller. Fälle von Diphtherie und anderen bösartigen Krankheiten treten so zahlreich auf, daß um schleunige Zusendung von Aerzten und Medizin ersucht werden mußte.(Frtftr. Ztg.) Van Rhyn, Mitglied der Kapregierung, ist vor einigen Tagen von den Buren gefangen genommen worden. Kreiskonferenz des Wahlkreises Gie ßen⸗Grünberg⸗Nidda. Zu der im Lokale Orbig am Sonntag stattge⸗ fundenen Kreiskonferenz waren 21 Delegierte er⸗ schienen, die 10 Orte vertraten. Nach der Bureauwahl gelangte der Kassenbericht des Kreiswahlvereins zur Verlesung. Die Einnahmen betrugen im letzten Halbjahr Mk. 238.05; die Ausgaben Mk. 190.70; es verbleibt somit ein Kassenbestand von Mk. 47.35. Von den Revisoren wird die Richtigkeit der Abrechnung bestätigt und ihrem Antrage gemäß der Kassierer von der Kon⸗ ferenz entlastet.— Die darauf folgende Neuwahl des Vorstandes des Kreiswahlvereins ergiebt die Wieder⸗ wahl der bisherigen Vorstandsmitglieder mit Ausnahme eines einzigen, das verzichtete.— Hierauf wird zum zweiten Punkt der Tagesordnung:„Stellungnahme zur Landeskonferenz“ übergegangen und zunächst das vom Landeskomitee entworfene Or ganisations⸗ statut durchberaten. Einwendungen werden nur gegen den§ 5 desselben erhoben, welcher bestimmt, daß jedes Mitglied der Organisation monatlich 20 Pfg. Beitrag zu entrichten habe. Gegen diese Beitragsfestsetzung wen⸗ den sich die Delegierten Muhl⸗Altenbuseck, Schmidt⸗ Wieseck und andere. Man befürchtet von einer Beitrags⸗ erhöhung bedeutende Verluste an Mitgliedern. Nament⸗ lich würde den Genossen, die noch anderen Vereinen angehörten, die Beitragslast zu hoch. Die Delegierten von Daubringen und Gießen erklären, daß in ihrer Organisation schon jetzt 20 Pfg. monatlich erhoben würden; von ihnen, wie noch von anderen Rednern wird betont, daß, wer diesen Beitrag nicht bezahlen wolle, kaum den richtigen Begriff von seiner parteigenössischen Pflicht habe. Man könne auf solche Leute verzichten. Die heutigen Verhältnisse erforderten vielmehr, daß jeder, der gegen die heutige Unterdrückung auf allen Gebieten ankämpfen will, auch Opfer bringen muß. Wir in Hessen müßten auch dafür sorgen, daß von hier der Parteikasse mehr zugeführt werde, bisher hätten nur Berlin und Hamburg den weitaus größten Teil der Parteiausgaben bestritten, während von Süden nur wenig geleistet würde. Nach längerer Debatte gelaugt eine Resolution mit 12 gegen 5 Stimmen zur Annahme, durch welche der Beitragserhöhung zugestimmt wird. Weiter wird beschlossen, zu dem Organisationsstatut zu beantragen, daß von je 10 Pfg. der Beiträge vier— statt wie vorgesehen nur drei— Pfennige der Lokalkasse verbleiben und drei Pfg. an die Kreisorganisation ab⸗ geführt werden sollen. Weiter wird der Kommunalprogramm⸗Entwurf durch⸗ beraten. Gegen einzelne Forderungen desselben werden besonders von dem Genossen Krumm Einwendungen erhoben. So z. B. sei es nicht ohne weiteres möglich, die Gehälter der obersten Beamten einer Kommune zu beschneiden., wie das im Programm gefordert werde, weil eben diese vertragsweise angestellt seien. Auch gegen die Forderung der Errichtung von Krematorien in größeren Städten ließe sich einwenden, daß, solange die Leichenverbrennung nicht obligatorisch eingeführt sei, die Gemeinden sich dadurch stark belasten würden.— Be⸗ seitigung der submissionsweisen Vergebung der Lieferungen für die Gemeinde und der Gemeinde⸗ Arbeiten müsse vorläufig auch noch ein frommer Wunsch bleiben. Bei deren turnusmäßiger Vergebung, wie sie das Programm fordere, könne das Gemeinwesen fehr leicht von einer Clique Unternehmer oder Lieferanten übervorteilt werden.— Es sei ferner auch nicht recht einzusehen, warum sich unsere Partei nicht an den Bürgermeisterwahlen beteiligen solle, wo sie das mit Aussicht auf Erfolg thun könne. Es würde sich ja zeigen, ob die Regierung einen als Bürgermeister gewählten Genossen die Bestätigung versagen werde. Nichtbeteiligung bei diesen Wahlen führe unter Umständen zur Zersplitterung unter unseren Genossen und fördere die in manchen Gemeinden zu Tage tretende Vettern⸗ wirtschaft.— Besondere Anträge zu dem Kommunal- programm werden nicht gestellt. Zum dritten Punkt„Parteitag in Lübeck“ be⸗ spricht Genosse Vetters kurz die dort voraussichtlich zur Verhandlung gelangenden Gegenstände, die Thätigkeit der Fraktion, den Schiedsspruch in Sachen der Ham⸗ burger Maurer. Im Weiteren bezeichnet er die von den Gegnern an das Auftreten Bernsteins geknüpften Redereien über die„Mauserung“ der Sozialdemokratie als lächerlich und weist darauf hin, daß bis jetzt noch von keiner Seite ein Antrag auf Aenderung des Pro⸗ gramms eingelaufen sei. Die so sehr herbeigesehnte Spaltung der Sozialdemokratie wird nicht eintreten, Seite Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung. Nr. 3 unsere Gegner werden darauf vergeblich hoffen.— Er empfiehlt die Beschickung des Parteitags, da Gießen doch noch immer einen Delegierten geschickt habe. Die Kon⸗ ferenz beschließt demgemäß. Als Delegierter wird Gen. Gg. Beckmann einstimmtg gewählt. An Diäten wird dem Delegierten der bisher übliche Satz zugebilligt und beschlossen, die Kosten per Listen aufzubringen. Nachdem der Vorfitzende noch aufgefordert hatte, für zahlreiche Unterschriften der Petitions listen gegen den Brot⸗ wucher zu sorgen, ferner für Verbreitung unseres Partei⸗ organs, der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ und der sonstigen Parteilitteratur recht thätig zu sein, schließt er die Konferenz mit einem Hoch auf die Sozial⸗ demokratie. Pon Nah und fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebtetet natürlich stren ste Gewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten, Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Angelegenheiten. — Protestversammlung gegen den Lebens mittelwuch er. Voraussichtlich wird Montag, den 26. August eine Volksversamm⸗ lung im Lokale„Lonhs Bierkeller“ stattfinden, in der Genosse Landtagsabg. Da vid über den Zolltarif sprechen wird. — Zur Versammlung des Wahlvereins diesen Samstag werden die Mitglieder und be⸗ sonders die Bezirks⸗Vertrauensleute um recht zahlreiches Erscheinen gebeten. Es handelt sich um wichtige Dinge, besonders um Organisation der Protestbewegung gegen den Brotwucher. g. Das Schiedsgericht für Arbeiter⸗ versicherung für Oberhessen hielt am Mittwoch eine Sitzung unter Vorsttz des Herrn Kreisamtmann Böckmann ab, in der im Ganzen neun Fälle zur Verhandlung standen. Davon seien folgende als bemerkenswert hervor⸗ gehoben. Der Zimmermann K. in Staufenberg geriet im Herbst 1899 mit der Hand in die Kreissäge, wodurch ihm ein Finger ganz, ein anderer zur Hälfte abgerissen wurde. Er erhielt zunächst 30 Prozent Unfallrente, diese setzte ihm die Berufsgenossenschaft wiederholt und so auch jetzt wieder auf 10 Prozent herab. Das Gericht erkannte einen Rentenanspruch von 30 Prozent als berechtigt an.— Der Tagelöhner Pf. in Lauterbach zog sich bei der Arbeit in der Schneidemühle eine Verletzung des Kniees zu, die ihm namentlich bei Witterungswechsel starke Schmerzen verursachte und ihn in seiner Er⸗ werbsfähigkeit beeinträchtigte. Seinen Antrag auf Gewährung von Unfallrente wies die Berufsgenossenschaft ab. Das Gericht erkannte seinen Auspruch als berechtigt an und sprach ihm ebenfalls 30 Prozent Rente zu.— Ziemlich schwierig liegt der Fall des Werkmeisters Sch. in Heuchelheim, der Auspruch auf Invaliden⸗ rente erhebt. Sch. arbeitete lange Jahre als Werkführer in einer Zigarrenfabrik. Durch Krankheit entstand vor Jahren eine Lähmung der rechten Hand, wodurch er für seinen Beruf arbeitsunfähig wurde. Sachverständige begut⸗ achteten, daß Kläger seinen Beruf allerdings nicht ausüben könne, während die ärztlichen Gutachten die Erwerbsfähigkeit nur zu 15 bis 20 Prozent beeinträchtigt erklärten. Das Ge⸗ richt hielt den Beweis 905 erbracht, daß Kläger im Sinne des Invalidenversicherungs⸗Gesetzes dauernd erwerbsunfähig sei und verurteilte die Versicherungsanstalt, die Rente vom 1. Septbr. 1900 an zu zahlen. r. Anerkennenswerte Findigkeit legte die hiesige Post in einem Falle an den Tag. Ein Vorstandsmitglied des Konsumver⸗ eins verschickte eine Anzahl gleichlautender Post⸗ karten, von denen versehentlich eine ohne Adressen⸗Aufschrift geblieben war. Diese kam an den Absender zurück, trotzdem derselbe aus dem Inhalt der Karte in keiner Weise ersichtlich war! — Das hiesige Kriegsgericht ver⸗ urteilte am Montag den Unterofftzier Kühne wegen Mißhandlung Untergebener zu einer Gesamtstrafe von vier Wochen Mittelarrest. Wieseck. d. Die Versammlung des Arbeiter⸗ Bildungsvereins, die auf diesen Samstag, den 17. August, angesetzt war, findet erst 8 Tage später, am 24. August statt, weil Sonntag und Montag die Kirmeß abgehalten wird und daher dieser Samstag zur Abhaltung einer Versamm⸗ lung nicht geeignet erschien. Die Tagesordnung bleibt dieselbe. Sie ist wichtig genug, um alle Genossen zum Besuche der Versammlung zu veranlassen, besonders müssen wir der bevor⸗ stehenden Gemeinderatswahl volle Aufmerksam⸗ keit schenken. Aus Langsdorf schreibt man uns: Als vor etwa 4 Jahren der Reichs⸗ und Landtagsabg. Köhler mit noch zwei andern Bewerbern um den hiesigen Bürgermeisterposten kämpfte, machte er schrift⸗ lich und mündlich alle möglichen Versprechungen, besonders versprach er die Interessen der „Geringen“ wahrnehmen zu wollen. Er ge⸗ wann die Schlacht und fügte seinen zahlreichen Aemtern ein weiteres hinzu. In der ersten Zeit seiner Amtsthätigkeit schien es auch, als wollte er seine Versprechen wahr machen, er suchte wirklich den Minderbemittelten einige Er⸗ leichterungen zu verschaffen. Heute hat er aber seine Versprechungen vergessen; die Ge⸗ meindepolitik wird im Interesse der Begüterten geführt. Jetzt z. B. baut Herr Köhler eine große Fruchthalle, aber anstatt dabei einheimische Ar⸗ beiter zu beschäftigen, die doch hier in genügen⸗ der Zahl vorhanden sind, zieht man aus⸗ wärtige heran, während die hiesigen sich aus⸗ wärts Arbeit suchen dürfen. Warum denn das? Aus Friedberg. Achtung! Arbeiter und Partei⸗ genossen bon Friedberg! Die Wähler⸗ liste zur Stadtverordnetenwahl liegt bis zum 22. dieses Monats auf der Bürger⸗ meisterei offen. Versäume keiner, sich davon zu überzeugen, ob er in den Listen steht. Wer keine Zeit hat hinzugehen, wolle sich in der Stadt New⸗York bei Gen. Ihl einzeichnen, damit für ihn nachgesehen wird. J. Die am vorigen Sonntag in Vilbel stattgefundene Kreiskonferenz war stark besucht. Als Delegirter zum Parteitage wurde Gen. Busold gewählt.(Wir mußten den ausführlichen Bericht auf die nächste Nr. zurück⸗ stellen.) D. R. Aus Vilbel. Samstag ertrank beim Baden in der Nidda ein 17jähriger, zu einer Schiffsschaukel gehöriger Arbeiter. Die Leiche wurde kurz darauf geländet und in das Leichenhaus auf dem Friedhofe gebracht. Geradezu beschämend für Vilbel ist es, schreibt man unserm Offenbacher Parteiblatt, daß derartige verunglückte Personen auf einer Tragbahre, mit einem alten Tuche zugedeckt, am hellen Tage unter polizeilicher Bedeckung nach dem Friedhofe gebracht werden, während man das gefallene Vieh in einem fein lackierten Wagen forttransportiert. Es wäre zu wünschen, daß in Vilbel auch solche verunglückte Personen in geschlossenen Wagen befördert werden. Als eine grobe Fahrlässigkeit muß es auch bezeichnet werden, daß weder Warnungstafeln, noch ein Rettungsball an den gefährlichen Stellen am Niddaufer angebracht sind. Wetzlar. th. Die Gerber der Firma Dietrich, die vorige Woche die Arbeit niedergelegt hatten, 15 5 sie am Montag wieder aufgenommen. ie Arbeiter erreichten die zehnstündige Arbeits⸗ eit, ebenso wurde ihnen der geforderte Lohn für Ueberstunden bewilligt. Das ist ein recht anerkennenswerter 1 0 jede, wenn auch ge⸗ ringe Verkürzung der Arbeitszeit stellt einen bedeutenden Fortschritt in Bezug auf die Lage der Arbeiter dar, weshalb auch bei allen ge⸗ werkschaftlichen Kämpfen darauf das Haupt⸗ ewicht gelegt wird. Heute weiß auch 5 der etzte Arbeiter, daß überall dort, wo die Ar⸗ beitszeit auf ein menschliches Maaß beschränkt ist, die Löhne besser stehen, als dort, wo es beinahe keinen Feierabend giebt.— Die Ent⸗ lassung des Werkführers konnte nicht durchgesetzt werden; wir wiesen schon in letzter Nummer auf die Schwierigkeiten hin, die sich in der Regel solchen Forderungen entgegenstellen. Fester Zusammenhalt der Arbeiter ist aber auch hier das Mittel, sich gegen Uebergriffe zu schützen. — Nationale Arbeitgeber. Kürzlich nahm die Firma Stein Arkeiterentlassungen vor. Davon wurden zum Teil Arbeiter be⸗ troffen, die schon jahrelang dort beschäftigt waren, während erst später eingestellte Italiener behalten wurden. Dabei sind aber die Inhaber der Firma„national“ bis auf die Knochen!— Uebrigens sollen dort noch weitere Entlassungen beborstchen wie solche denn jetzt aus fast allen Industriegegenden gemeldet werden. Wenn aber die sozialdemokratische Presse darauf hinweist, so plärren die Kreisblätter von„Schwarz⸗ malerei“, wie das vor nicht langer Zeit im „Wetzl. Anz.“ geschah. Natürlich war dieser Artikel irgend einem Unternehmerblatte ent⸗ nommen und er büßte dadurch nichts an Rich⸗ tigkeit ein, daß zwei Tage später der„Anz.“ die Geschäftsflauheit als thatsächlich bedrohlich bezeichnete. Bald so, bald so, wie's trifft. * Herr Heinzenberg, der Sekretär der Handwerkskammer, Abteilung Wetzlar, sendet uns bezüglich der Notiz in der letzten Nummer, den Handelskammerbericht betreffend, eine Be⸗ richtigung dahingehend, daß er nicht an den Sitzungen der Schneiderinnung, sondern der Schmiede innung teilgenommen habe. Damit sind auch unsere weiteren an diesen Satz ge⸗ knüpften Bemerkungen hinfällig.— Soweit wäre das in Ordnung. Wenn aber Herr Hein⸗ zenberg uns„Entstellung des Berichts“ vor⸗ wirft, so müssen wir das mit aller Ent⸗ schiedenheit zurückweisen, in dem Bericht im„Wetzl. Anz.“ hat klar und deutlich Schnei⸗ der innung gestanden. Wenn er dann weiter auch noch ein Belegblatt verlangt, treibt er die — Bescheidenheit doch ein bischen gar zu weit. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 14. August 1901. — Kommunales. Die auf Mittwoch voriger Woche anberaumte Stadtverordneten: sitzung konnte wegen Beschlußunfähigkeit nicht stattfinden. Es war deshalb auf Montag, den 12. ds., eine neue Sitzung mit derselben Tages⸗ ordnung auberaumt. Erwähnenswert sind aus derselben besonders die Verhandlungen über den Erlaß einer Polizeiverordnung betr. Reinigung der Schornsteine in hiesiger Stadt. Da letztere seither in zwei Kehrbezirke eingeteilt war und die Hausbesitzer auf den jeweiligen Schorsteinfegermeister allein angewiesen waren, so hatten sich allerlei Unzuträglichkeiten, speziell im Südbezirk eingestellt. Aber nicht allein die Hausbesitzer und Mieter hatten sich über Grob⸗ heiten und zu hohe und unrichtige Rechnungs⸗ aufstellung zu beklagen, sondern auch die Gesellen und Lahr linge dieses humanen Meisters konnten ein Liedlein über die gute Behandlung seitens desselben singen. Der hiesige Hausbesitzerverein hatte sich deshalb mit einer Eingabe um Grlaß oben angeführter Pol.⸗ Verordnung an die städt. Behörde gewandt, was auch von Erfolg begleitet war. Durch die Annahme der neuen Verordnung ist diesem kleinen schwarzen„König Stumm“ das Handwerk gründlich gelegt worden, denn es bleibt in Zukunft den Hausbesitzern überlassen mit der Schornstein⸗Reinigung den. jenigen Meister zu beauftragen, der ihnen genehm ist. Sodann muß die Reintgung 24 Stunden vorher angesagt werden. Ferner sind die Haus⸗ 1 besitzer verpflichtet, jede Zuwiderhandlung der Schornsteinfegermeister gegen die polizetlichen Vorschriften anzuzeigen. egen verfuchter Erpressung hatte sich in der Dienstagssitzung der hiesigen Straflkammer der Handelsmann Weinberg aus Treysa zu verantworten. Derselbe hatte einem Schmied aus Spießkappel durch Droh⸗ ungen, er wolle ihm eine Hofraite, auf welche der Schmied im ersten Verkaufstermin das Höchstgebot abgegeben hatte, im zweiten Termin durch Ueberbieten recht teuer machen, wenn er ihm nicht 400 Mk. Abstandsgeld bezahle, ver? folgt und, als der Schmied hierauf nicht ein⸗ 1 19 1 — ͤ —.— inne 1 L Kam! Kirch Fron hätte 9 Fre (17. ssung; dane bach ö Ilallegt e Inhahe gel wassunge g n ale Wenn aher Jin we, N war, 4 Zelt ih war diese latte ent 5 an Rich er„Anz. haucht trifft. kkretür de ar, sendg Num, „eine Be ht an del dern den e. Dan n Satz 90 — Sobel Herr Hei, ichts“ vo ler Ent dem Berich 9 Schnei ann weile teibt er d ar zu wel burg⸗ ugust 1901, Mitt erordnettn igkeit nic kontag, de lben Tag rt sind aß igen ie ung bel iger Sia fe eingelll n jeweilig esen wall ten, spegl t allein 1 über Gh Rechnuls die Gel ers kon lung sel, bestzerbel, b 10 00 Nr. 33. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. ging, die Forderung auf 150 Mk. ermäßigt. Aber auch hierauf ging der Schmied nicht ein. Der Handelsmann bot nun wirklich im zweiten Termin gleich 18000 Mk. für die Hofraite, die er übrigens gar nicht kannte, an; der Schmied erstand dieselbe um den hohen Preis von 18800 Mk. und machte nun gegen den Weinberg Anzeige wegen versuchter Erpressung. Das Benehmen des Angeklagten vor Gericht war übrigens derart, daß der Vorsitzende drohte, ihn einstecken zu lassen, wenn er sich nicht mäßige. In den Urteilsgründen wurde das gemeingefährliche Thun des Angeklagten gebrand⸗ markt, der in müheloser Weise versuche, das Publikum auszubeuten. Der Gerichtshof sei des⸗ halb erheblich über das vom Statsanwalt bean⸗ tragte Strafmaß hinausgegangen. Das Urteil lautete auf zwei Monate Gefangnis nebst Tragung der Kosten. Der Angeklagte legte Reviston gegen das Erkenntnis ein. Ueberfall. Nachdem vor einigen Tagen schon ein Bauer, der zu einem Arzt in die Stadt wollte, im Walde hinter den Schießstän⸗ den des Jägerbataillons von Strolchen über⸗ fallen und seiner Barschaft beraubt worden war, wurde am Montag abend wiederum ein Landbriefträger von drei Strolchen angefallen. Dem Briefträger gelang es, obwohl er verfolgt wurde, durch eilige Flucht der Gefahr zu en⸗ trinnen. Kleine Mitteilungen. * Verhaftung. Wegen Diebstahls wurde in Lich der im fürstlichen Hause bedienstete Kammerdiener Kraft verhaftet. Als fleißiger Kirchenbesucher war der Verhaftete bei den Frommen besonders angesehen und Niemand hätte Dinge dieser Art von ihm erwartet. * Das neue Gewerkschaftshaus in Frankfurt ist jetzt vollendet. Diesen Samstag (17.) dieses Monats soll es seiner Bestimmung übergeben werden. Am Donnerstag fand eine Besichtigung aller Räumlichkeiten durch Vertreter der städtischen Behörden und der Presse statt. Für Samstag ist eine kleine Einweihungsfeier vorgesehen.— Mit Fertigstellung des Baues ist für die Frankfurter Gewerkschaftsbewegung wieder ein Schritt vorwärts gethan, besonders der Lokalmangel, der sich in früheren Jahren fühlbar machte, wenn nicht ganz beseitigt, so doch gemildert. * Ausbrecher. Vier im Klapperfeld⸗ gefängnis in Frankfurt befindliche Gefangene, darunter ein zu Zuchthausstrafe verurteilter, brachen in der Nacht zum Sonntag auf höchst verwegene Weise aus, nachdem sie die Fenster⸗ traillen durchsägt hatten. Einer hatte sich beim Sprunge von der Mauer verletzt, ihn erwischte man wieder, die andern entkamen. * Raubmord. In Mannheim fand man die stark verweste Leiche des schon längere Zeit vermißten Vorarbeiters Schwab mit durchschnittenem Halse in seiner Wohnung vor. Durchdringender Verwesungsgeruch hatte die übrigen Hausbewohner zur Oeffnung der Woh⸗ nung veranlaßt. Allem Auscheine nach liegt ein Raubmord vor. Zwei Italiener, die bis vor Kurzem im Hause wohnten, wurden ver⸗ haftet, später aber wieder freigelassen, da ver⸗ schiedene Umstände für ihre Schulblosigkeit sprechen. Dagegen wurde die Frau Schwabs in Untersuchungshaft genommen. * Hüter der Sittlichkeit. Der in der Düsseldorfer evangelischen Gemeinde wirkende Pastor Duesberg hat in Folge sittlicher Verfehlungen das Amt eines Vorsitzenden des Presbyteriums niedergelegt und überhaupt seine Amtsthätigkeit eingestellt. Die Angelegen⸗ heit erregt in der Bürgerschaft peinliches Auf⸗ sehen.— Ferner wurde der Händler Schlatter in Knittelfeld bei Wien, ein angesehener Führer der dortigen Christlich⸗Sozialen(Anti⸗ semiten) und Vorstandsmitglied mehrerer christ⸗ lich⸗sozialen Vereine, wegen Schändung von Mädchen, die bei ihm einkauften, zu „ schweren Kerkers ver⸗ urteilt. e Arbeiterbewegung. Bei fächste(IV.) deutsche Gewerk⸗ schaftskonkreß soll auf Grund der Beschlüsse des Gewerkschaftsausschusses im kommenden Jahre in der Zeit von 18.—23. Juni in Stuttgart stattfinden. Der Mannheimer Bäckerstreik ist beendet. Eine Anzahl der größten Bäckereien haben ihren Gehilfen Lohnerhöhungen zugestanden und sich auf diese Weise mit denselben geeinigt. Wenn die Organisation genügend gestärkt ist, wollen die Gehilfen für Abschaffung des Kost⸗ und Logiswesens energisch eintreten. Der Streik der Flaschenmacher dauert fort, hat in den letzten Tagen sogar an Ausdehnung zugenommen. Immerhin ist noch ein kleiner Teil der Arbeiter stehen geblieben, wodurch die Lage der Streikenden erschwert wird.— In Dresden nahm sich die Polizei der Unternehmer liebevoll an, indem sie ver⸗ schiedene ausländische Glasmacher rücksichtslos des Landes verwiesen hat. Darunter befinden sich auch Verheiratete, denen man aufgab, binnen 3 Tagen das Königreich Sachsen zu verlassen! Auf erhobene Beschwerde hielt die Kreishaupt⸗ mannschaft den Ausweisungsbefehl aufrecht. Die Betroffenen wenden sich nunmehr ans Ministerium. Rechtssprechung. Wegen Verrufserklärung verbunden mit Beleidigung verurteilte das Schöffengericht in Nürnberg einen Arbeiter zu 10 Tagen Gefängnis. Bei einem Sreik hatte der Augeklagte zu einem Arbeits willigen gesagt: „Streikbrecher, schämst Du Dich nicht?“— Hätte der Mann lieber einen ttalienischen Arbeiter totgeschossen, da konnte ihm nichts passieren. Partei- Machrichten. Zum Schiedsspruch in Sachen der Ham⸗ burger Akkordmaurer. Gegen die von uns in Nr. 30 mitgeteilte Entscheidung des Schiedsgerichts, den Ausschluß der Hamburger Akkordmaurer betreffend, reichten die Hamburger Wahlvereine Beschwerde an die Kontrolleure ein. Diese haben in ihrer Sitzung am 9. August den Spruch des Parteischiedsgerichts beraten und gutgeheißen. Nunmehr werden die Hamburger Genossen den Parteitag als letzte Instanz anrufen. Versammlungskalender. Samstag, den 17. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Bericht von der Kreiskonferenz; 2. Stellungnahme zur Landes⸗ konferenz. Sonntag, den 18. August. Heuchelheim. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Hch. Volkmann. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird gewünscht. Montag, den 19. August. Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.— Tapeziererverband. Abends 1/9 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof). Samstag, den 24. August. Wieseck. Arbeiter⸗ Bildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei G. Schneider. Rödgen und Trohe. Abends 9 Uhr Volks ver⸗ sammlung bei Schneider in Rödgen. Tages⸗ ordnung: Die Zollpolitik. Ref. Vetters. . Aus dem Gießener Standesamtsregister. Auf gebotene. 6. August: Jakob Platte, Kauf⸗ mann in Essen a. Rhr. mit Hermine Waswuth dahier. 7. Ludwig Raab, Feldwebel hierselbst mit Maria Betz in Eschenrod. 10. Georg Gries, Kgl. Amtsgerichts⸗ sekretär in Friedewald mit Lina Lyncker dahier. Georg Jost, Gr. Regierungsbaumeister hierselbst mit Elisabethe Fleckenstein in Darmstadt. 13. August Rühl, Bureau⸗ Vorsteher hierselbst mit Margarethe Arnold dahier. Joseph Wiegand, Eisenformer hierselbst mit Anna Messer in Hofheim. Jakob Dany, Friseur mit Ottilte Sinden⸗ struth dahier. Eheschließungen. 3. August: Friedrich Winkler, Bildhauer mit Lina Wagner dahier. Georg Rüger, Blumenhändler mit Karoline Ritze dahier. Gustav Güldenpfennig, Schlosser mit Elise Ruppert dahier. 10. Heinrich Storck, Schlosser mit Elisabethe Wießner dahier. Johannes Martin, Taglöhner mit Elisabethe Grölz, geb. Bachmaun, dahier. Peter Castein, Kommis mit Mathilde Garn dahier. 12. Heinrich Gebhardt, Gr. Regierungsassessor in Darmstadt mit Käthe Blumen⸗ hagen dahier. Dr. Karl Gaehtgens, prakt. Arzt in Königswalde mit Gertrude Curschmann dahier. Geborene. 3. August: Dem Weißbindermeister Friedrich Zutt e. T. Dem Kaufmann Jakob Althaus e. T. 6. Dem Fuhrmann Wilhelm Hahn II. e. S. Dem Arbeiter Peter Stoll e. T. 8. Dem Metzgermeister Ludwig Klein e. S. Dem Straßenkehrer Wilhelm Müller II. e. S. 10. Dem Eisendreher August Gnn⸗ trum e. S. 13. Dem Bildhauer Leonhard Ludäscher e. T. Gestorbene. 8. August: Oskar Dreher, 12 Tage alt. 9. Valentin Neumann, 44 Jahre alt, Standes⸗ amtsgehülfe. 11. Margarethe Metzger, geb. Bender, 70 Jahre alt, Hospitalitin. Elise Neun, 6 Monate alt. 12. Karl Strack, 17 Jahre alt. Hermann Kraft, 53 Jahre alt, Mechanikus. Heinrich Michel, 73 Jahre alt, Wollspinner. 13. Johann Schmidt, 9 Monate alt. Eleonore Seitz, geb. Lich, 54 Jahre alt, Privatin. 14. Mathilde Schlatter, geb. Dietz, 46 Jahre alt, Ehefrau. 15. Peter König, 42 Jahre alt, Gastwirt. Katharine Stühler, 4 Monate alt. Gemeinderatswahlen in Hessen. Bedeutende Erfolge errang unsere Partei bei der Gemeinderatswahl in Wixhausen bei Darmstadt. Von unsern vier aufgestellten Kandidaten wurden drei mit großer Mehrheit Neude trotzdem gegnerischerseits die größten nstrengungen gemacht wurden.— Bei der am Montag stattgefundenen Wahl in Bieber errangen unsere Genossen in hartem Kampfe 4 Sitze. Gewählt wurden die Genossen Herzing, Groh, Mahr und Gresser mit 317, 295, 288 und 286 Stimmen. Außerdem wurden zwei Kandidaten der„Bürgerpartei“ gewählt. Konferenz der Gewerbegerichtsbeisitzer. Von der Organisationskommission der Arbeitnehmer-Gewerbegerichtsbei⸗ sitzer Deutschlands wird an diese folgender Aufruf gerichtet:„Am 10. und 11. September findet in Lübeck die Versammlung des Ver⸗ bandes deutscher Gewerbegerichtsbeisttzer statt. Es werden die Arbeitnehmerbeisitzer auf⸗ gefordert, soweit es noch nicht geschehen ist, bei der Gemeindeverwaltung den Antrag zu stellen, auf Gemeindekosten Beisttzer zu delegieren, im Ablehnungsfalle jedoch möglichst auf Kosten der Gewerkschaften auf dem Verbandstage zu er⸗ scheinen. Die Organisationskommission der Ge⸗ werbegerichtsbeisitzer ersucht die Delegierten der Arbeitnehmerbeisitzer, schon am 9. September in Lübeck anwesend zu sein. Daselbst findet im Gewerkschaftshause eine Vorbesprechung statt, und ist der Beginn derselben auf 6 Uhr Abends festgesetzt. Alle Vertreter der Arbeitnehmer wollen sich bis spätestens 1. September beim Vorsitzenden der Organisationskommission Franz Matißek, Leipzig, Ranstädter Steinweg 12, melden. Ende des Falles Ziethen. Der Barbier Ziethen, der in Berlin 1884 wegen Ermordung seiner Frau zum Tode ver⸗ urteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurde, ist im Zuchthaus zu Verden gestorben. Der Fall Ziethen hat bekanntlich seit vielen Jahren die Oeffentlichkeit beschäftigt. Eine sehr starke Bewegung hatte sich geltend gemacht, um das Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen, da in sehr zahlreichen Kreisen, auch unter vielen Juristen, auf Grund des Verhandlungsergebuisses und der späteren Selbstbezichtigung eines Lehrlings von Ziethen, die Ueberzeugung von der Unschuld Ziethens vorhanden war. Männer, wie unser Lieb⸗ knecht, Egidy u. A. hatten an der Spitze dieser Bewegung gestanden. Aber alle Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurden stets von den Gerichten abgelehnt. Jetzt hat der Tod allem Kampf ein Ende gemacht. Patriotische Feste. Ueber ein Turnerfest und Wett⸗Turnen, das vom Turnerbund„Mainthal“, dem hessische und bayrische Vereine angehören, am 4. Aug. im bayrischen Orte Hör stein bei Seligenstadt abgehalten wurde, schrieb man der „Darmstädter Ztg.“: Das erste Preis⸗Turnfest fand wieder alles Erwarten einen wenig erfreulichen Abschluß. Unzufriedene Elemente verursachten bei und nach der Preis⸗ verkündigung allerlei Exzesse, die rasch in Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. 0 regelrechte Keilereien ausarteten. Zahlreiche Personen wurden durch Messer⸗ stiche verletzt und mußten teilweise wund⸗ ärzlichen Beistand in Anspruch nehmen. Einen ähnlichen Verlauf nahm das Fest der„gutgesinnten“ Turner in Hoof bei Cassel. Darüber berichtet die„Hess. Dorfzeitung“: Sechs Vereine mit gleichen Bestrebungen verschönern die Feier durch ihre Anwesenheit; es wird viel geturnt, noch mehr getrunken, unsagbar viel gebrüllt— und dann folgen„Freiübungen“ ohne Commando. Die Schaar theilt sich in zweit Gruppen, teils mit Biergläsern, teils mit Messern versehen, und mit erstaunlicher Sicherheit sausen Biergläser auf die erhitzten Köpfe, die stumpfen Taschenmesser werden nicht weniger zielsicher geschwungen, und als das Zeichen um Festzug ertönt: Vorn die Kapelle, 1 11155 die drei heilgebliebenen Festteilnehmer, so zeigt sich die Turnerschaft dem staunenden Volke.“ Natürlich die„patriotische“ Turnerschaft. Jeden vaterländisch Gesinnten muß das Vor⸗ handensein und die Bethätigung von so viel deutscher Kraft und Kampfeslust mit inniger Freude erfüllen. Sozialdemokratische Vereine bringen solche Hunnenschlachten bei ihren Festen nicht zu Stande. Heil! Heil! ———— 8 Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 10. August: Butter per Pfd. Mk. 1.10— 1.25, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., Enteneier 1 St. 7— 8 Pfg. Gänseeier per St. 11— 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 5.00— 9,00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00— 10.00. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.70— 1.20, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20, Gänse per Pfd. Mk. 00.0— 0.00. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg., Hammelfleisch 50— 70 Pfg. e Der Kornzoll. Epigramme von Edgar Steiger. Chor der Junker: Der Arbeiter: Hurra! Der Kanzler lebe hoch! Es kriselt schon das ganze Jahr, Viel höher, als die Zölle noch!] Und hapert mit den Löhnen. Wir Junker triumphieren. Jetzt soll ich mir zum Winter gar Hurra! Der Kanzler ging 0 Das Schwarzbrot abgewöhnen. Joch. 2 ir ieren! f . Der Sozialdemokrat: Der Liberale: dere Bülow, Dante Wel if ümmt sich, was ein Häk⸗ Euch gleich 5 115 chen 1 7 Im Hetzen und im Wühlen? Und jedes Näschen rümpft sich. Ihr gießt, wie keiner eich immste Junker wird 7 Reich, 8 gekirrt Wasser auf uns're Mühlen! Mit„Weizen 6 Mark 50“ Der Offiziosus: Was soll, Ihr Herren, der Skan⸗ dal, Das leidige Protestieren? Ihr nennt Euch ja doch liberal, 80 übt Euch im Spendieren! Der Bund der Land⸗ wirte: Wenn Einer mir die Schulden blecht, So lass' ich mich nicht lumpen Und kommeübers Jahr erst recht, Aufs neu ihn anzupumpen! Der Kanalgegner: Auf ewig heut' vergessen sei. Was ich noch jüngst gesprochen. Jetzt bin ich wieder königstreu Bis auf den letzten Knochen. Der Kleinbauer: Der Kornpreis steigt— ersehn⸗ tes Ziel! Jetzt könnt'ich michverschnaufen, Besäß' ich Aermster nur so viel, Um etwas zu verkaufen! Der Industrielle: Verlor denn alles den Verstand? Es singen rings die Leute: „Gerettet ist das Vaterland, Die Industrie ist pleite!“ Der Kaufmann: Wir leben im Jahrhundert des Verkehrs, So sagen stolz die Mächt'gen und Gelehrten, Mir aber scheint es fast, als wär's Mehr das Jahrhundert des Verkehrten. Das Zentrum: Wer hilft mir Aermsten aus dem Sumpf? Mir wird ganz melancholisch. Ich weiß: Katholisch ist zwar Trumpf, Doch, ist der Zoll katholisch? Der Bäcker: Die Obrigkeit thut, was sie soll; Doch darf, was sie, auch unser⸗ einer: Verdoppelt sie fürs Korn den Zoll, Mach' ich die Brötchen vier⸗ mal kleiner! Der diplomatische Agent für Handels⸗ verträge: Was jetzt auch kommen mag, mir ist es schnuppe. Nur wunderr's mich, daß sie sich nicht genieren: Erst spucken sie mir höflich in die Suppe, Dann soll ich ander'n Leuten sie servieren! Einer aus Byzanz: Wer sagt, daß Zoll den Preis erhöht, Der sündigt an der Majestät. Besinnt Euch doch ein wenig! Schon Shakespeare spricht— Wißt ihr's denn nicht?—, Daß jeder Zoll ein König! (Jugend.) Anterhaltungs-Cril. — —— 2 Kriegerische Abenteuer eines Kriedsertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke. Neununddreißigster Geburtstag. Am 6. Oktober 1806— ich wohnte in einem etwas erhaben gelegenen kleinen Gelehrtenstübchen zu Berlin— war mein neununddreißigster Geburtstag. Als ich erwachte, die Kirchen⸗ glocken läuteten schon, es war an einem Sonntag, überlief mich kalter Schauder. Denn, dacht' ich, übers Jahr ist dein vierzigster Geburtstag; der vierzigste! Im neunzehnten Jahre erwartet der Jüng⸗ ling noch mit Vergnügen die Ehre des Zwan⸗ zigers; denn so lange er in den Zehnern läuft, hält ihn die Welt unreif zu allerlei Dingen, für die er wohl reif sein möchte. Aber im neunundzwanzigsten Jahre bringt der junge Mann schon sauersüße Miene zum dreißigsten Geburtstag. Die Flatter⸗ und Flitterzeit des Lebens ist vorbei. Aher gar der vierzigste!— ach, vierzig Jahre! Und ohne Amt, und ohne Lebensgenossin! „In diesem Falle war ich; wahrscheinlich nicht aus eigner Schuld. Daher beschloß ich in meinem geheimen Rat, so lange ich noch Mitglied vom Orden der Hagestolzen bleiben müsse, nie älter als neununddreißig, nie jünger als achtunddreißig zu sein, und sollte ich darüber neunundachtzig werden und neunundneunzig. Mit diesem verzweiflungsvollen, doch weisen Entschluß stand ich auf und wählte meine Sonntagskleider. Aber, wie gesagt, die Seele war voll bittern Schmerzes. Bald vierzig, und noch einsam! noch immer nichts, als ein armer Candidatus theologiae, ohne Anstellung, ohne Aussichten!— nicht einmal die Lehrerstelle an einer Stadtschule hatte ich eringen können. Wozu meine ganze Gelehrsamkeit, mein dreißigjähriger Fleiß, mein, ich darf's wohl sagen, reiner Lebenswandel? Ich hatte keine Verwandte, keine Fürsprecher, keine Gönner. Da lief ich noch immer, Woche aus, Woche ein, von Straße zu Straße, Privat⸗ unterricht zu geben, mir ein ärmliches, freuden⸗ loses Leben zu fristen. In Erholungsstunden war ich Schriftsteller, arbeitete in Journalen und Almanachen. Ach, das ist saure Arbeit! Die Buchhändler zahlten mir die Pracht⸗ schöpfungen meiner Musen nur mit Kupfer⸗ münze. Man hatte mich zwar überall lieb; man lobte meine Talente, aber keiner half mir— höchstens ward ich zu Gast geladen. O ihr Himmelsträume meiner Jugend, wie hattet ihr mich getäuscht!— Andere, die nicht gearbeitet hatten, wie ich, freuten sich der Goldernten. Nun bedauerten sie mich. Hätten sie mich lieber gehaßt!— Und die gute Friederike, ach sie war mir vergebens treu! auch sie mußte verblühen, wie eine Alpenblume in der Einsamkeit, die niemand kennt. Hier schossen mir die Thränen ins Auge. Ich überließ mich ungehindert meinem Schmerz. Ich schluchzte und weinte, wie ein Kind. O, hätte mich mein guter Vater das geringste Handwerk erlernen lassen! Friederike war seit neun Jahren meine versprochene Braut. Fromm, wie eine leidende Heilige, stand sie so unverwandt und vergessen und arm in der Welt, wie ich; sah nur auf mich. Sie war eines Hofrats Tochter, der nach einem Bankerott plötzlich gestorben war. Ihre alte Mutter, die in einer kleinen Stadt der Neumark an der polnischen Grenze in kläg⸗ lichen Umständen lebte, war zu arm, um ihre Tochter bei sich zu haben. Friederike diente in einem Hause zu Berlin, als Gesellschafterin einer gnädigen Frau, oder redlicher gesprochen, als— Kammerjungfer, und unterstützte die bedürftige Mutter.— Trotz meines fröhlichen Humors wäre ich oft verzweifelt, hätte mich die edle Friederike nicht wie mein besserer 0 Engel, wieder erhoben. Nun aber rückt' ich den Vierzigern zu, und Friederike war schon sechsundzwanzig! Ich noch immer ein armer frommer Candidatus theologiae, und sie— Kammerjungfer. Der Brief. Unter diesen trostlosen Betrachtungen hatte ich mich angekleidet. Da ward geklopft. Der Briefträger trat herein. Ein dicker Brief; er kostete mich fünf Groschen. Schwere Ausgabe für eine fast zum Boden leere Kandidatenkassel Ich warf mich gemächlich auf meinen Stroh. sessel hin, um ein Viertelstündchen aus Adresse und Siegel den Schreiber zu erraten. Das thue ich immer gerne, meine Neugier zu be⸗ kämpfen; nebenbei auch, mich am Spiele schöner Hoffnungen zu ergötzen, deren Erfüllung mir aus dem Brief entgegensteigen könnte. Die Frage war, ob ihn öffnen, oder das Lesen biz morgen verschieben?— Denn— heute war mein Geburtstag— mochte ich keine, vielleicht üble, Nachricht lesen. Sie wäre mir schlimme Vorbe⸗ deutung fürs ganze Jahr gewesen. Man ist abergläubisch, wenn man unglücklich ist, trotz aller Freigeisterei nebenbei. Ich zog das Los. Es entschied für Nicht⸗ entstegeln. Böses Zeichen!—„Nein, dem Schicksal Trotz geboten, und die abergläubische Furcht verbannt!“ flüsterte in mir die Neugier im Panzerrock des Heldenmutes.— Weg war das Siegel, und ich las— las, und meine Augen wurden von Thränen dunkel. — Ich mußte den Brief weglegen, um mich zu fassen. Ich las ihn wieder— o ewige Vorsehung, 9 Friederike!— Ich warf den Brief hin, und mich auf die Knie, und beugte meine Stirn auf den Erdboden nieder und weinte vielleicht die ersten Thränen des Entzückens in meinem Leben, und dankte dem Allversorger im Himmel für so viel Gnade. Der Brief kam nämlich von einem einzigen Gönner, einem Handelsmanne in Frankfurt am Main, in dessen Familie ich lange als Hauslehrer, gelebt hatte. Durch Zufall, durch Verwendung meines gütigen Freundes hatte ich in den Patrimonialgütern eines mediatisierten Reichsgrafen den förmlichen Ruf als Pfarrer erhalten, mit siebenhundert Gulden Gehalt, freier Wohnung, Garten, Holz u. s. w., und dazu noch die Hoffnung, wenn ich das Glüch hätte, dem Herrn Reichsgrafen persönlich zu gefallen, Lehrer seines jungen Sohnes, 30 u dem sonderer Gehaltszulage, zu werden. Ende sollte ich mich am neunzehnten Oktober unfehlbar in Magdeburg einfinden, wo an diesem Tage der Herr Graf auf einer Reise eintreffen würde, und mich zu sehen verlangte.— Mein Frankfurter Mäcen konnte mir vom Charakter des Grafen, seines Freundes, nicht Lobeserhebungen genug machen.— Im Briefe lag die Vokation(Berufung) selbst eingeschlossen, vom Grafen unterschrieben. So stand ich nun unverhofft am Ziele meiner zwanzigjährigen Wünsche!— Ich vol⸗ lendete in der Geschwindigkeit meinen Anzug, und, mit der Vokation in der Tasche, ging ich sogleich— nein, flog ich zu der Freundin. Ihre Herrschaft war zum Glück in der Kirche. Ich fand Friederiken allein. Sie erschrak, als sie mich sah. Ich war atemlos. Mein Gesicht glühte. Meine Augen funkelten. Sie führte mich ängstlich in ihr Stübchen. Ich wollte ihr mein Glück verkündigen, aber ich konnte nicht reden. Ich weinte— schloß sie mit Heftigkeit an mein Herz, und legte mein brennendes Gesicht auf ihre Schulter. Sie zitterte erschrocken in meinen Armen. „Welches Unglück ist Ihnen denn begegnet, daß es Ihren alten schönen Mut so ganz zermalmt hat?“ sagte ste.—„Ach, Friederike!“ rief ich:„des Leidens ist mein Herz gewohnt; ich wollte wohl das schwerste Schicksal mit Lächeln begrüßen. ) Beschützer von Kunst und Wissenschaft. ö einzigen Aber die Freude ist mir ein unge? SSS See Sssse —— q A A d für Nit „Nein, d.. bergläubist die Neuss — Weg in und meh kel.— J ch zu fasa Jorschung, ief hin, un meine Sint inte viele in meint im Himm gem ein Frank lange Zufall, dul undes hal nedigtistan als Pfau den Gehl s. W., I 0 das Gl sersönlic nes, 101 n. Zu d fen Oli hen, wo.! einer. erlangte. e mit l, undes, 10 0 Veh ingeschlos Nr. 33. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. wohnter Gast; gegen sie stehe ich ganz ohne Waffen. Ich schäme mich, aber sie beugt mich Philosophen mit Zentuerlast.“ „Die Freude, Herr Doktor?“ sagte Friederike erstaunt. Wohlverstanden, ich war von Universitäten her Magister bonarum artium, wollte aber aus modischer Bescheidenheit lieber Doktor der Philosophie, als Meister aller freien Künste ßen. 1(Fortsetzung folgt.) Die erste Eigenschaft eines Richters ist meines Erachtens, Mensch zu sein, und zwar„ein Mensch seiner Zeit“, der, weit davon entfernt, der Anbeter eines traditionellen Formalismus zu sein, sich bemüht, von der so berschieden gearteten Welt, die ihn umgiebt, nichts zu verkennen, die Mannigfaltigkeit der auf jeder Stufe der sozialen Leiter herrschenden Gefühle zu unterscheiden und davon in seinen Entscheidungen freien und wohlüberlegten Ge⸗ brauch zu machen. Glauben Sie, die Gerechtigkeit würde, selbst wenn das Gesetz sich gleich bliebe, nicht ganz anders ond werden, wenn sie nicht mehr gehandhabt würde durch Richter, die im Wohlstand geboren und aufgewachsen sind, sondern durch Richter, die direkt aus dem Proletariat hervorgehen oder doch wenigstens nicht jede Fühlung mit ihm verloren haben? Ist denn die Haltung des Beamten wirklich so revolutionär, wenn er angesichts der Ver⸗ schiedenheit und Zerfahrenheit der Entscheidungen vergangener Zeiten fühlt, wie relativ der Begriff der Gerechtigkeit ist, und daher im Augenblick der Beratung versucht, die geistige Verfassung und die materielle Lage derer zu erfassen, für welche die Gesellschaftsordnung nichts als Ungleichheit und Ungerechtigkeit in sich schließt? Soll denn der Wunsch, die Gerechtigkeit „juristisch“ zu handhaben, demjenigen vorgehen, der eine billige Gerechtigkeit anstrebt, eine Gerechtigkeit, die übereinstimmt mit dem natürlichen Recht, mit dem Geiste unserer Zeit, mit den Ideen sozialer Ausgleichung? Magnaud, Prästdent des Gerichts in Chäteau⸗Thierry. Gemeinnütziges. Zum Obstessen. Nach dem Genuß von Obst stellt sich gewöhnlich Durst ein; dieser wird am besten vermieden, wenn man zum Obst zugleich Brot genießt. Wenn Eltern ihre Kinder gesund erhalten, insbesondere vor Durch⸗ fall bewahren wollen, so sei ihnen empfohlen, 2 daran zu gewöhnen, Obst nur mit Brot zu essen. r Humoristisches. Der ganze Unterschied. Ein Bäuerle in sagt zum Herrn Pfarrer:„Aber, Hochwürden, warum eiferts denn Oes gar so gegen die Leichen verbren⸗ uung? Ich hab doch g'lesen, daß Oes früher a d'Leut verbrennt habt's!“— Pfarrer:„Ja woaßt, Bauer, dös is was anders, dieselb'n san halt lebendi gwen!“ Schofel.„Was hier für Leute im Hause wohnen, sage ich Ihnen... als wir neulich Gesellschaft gaben, habe ich mir bei drei verschiedenen Parteien die Teller zusammenpumpen müssen, weil jede nur ein halbes Dutzend besaß.“(„Fl. Bl.“) Hieb. Er:„Weibchen, an meinem Hemde fehlt ein Knopf.“— Sie:„Wenn Du jetzt mich nicht hättest!“ — Er:„Na, dann würde der Knopf vielleicht nicht fehlen.“ GO deu eröffnet! 8 2 Lang& Wiederst Marktstrasse No. 4 empfehlen ihr Großes Lager in Glas-, Porzellan und Steingutwaren Gebrauchsgeschirre weiß, wie Kaffee- und Milenkannen, eller, Tassen, Salatschisseln, Suppen- terrinen u. s. w. in allen Größen und Fagons. Kaffee-, Bier-, Wein- und Lib ör-serviee in allen Preislagen. Rlumenvasen. Zuckersehalen, Goldtassen. 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V. 86s Scheller's . 2 2— 2— 22 — 3 N 8— 1 2 0— 2 —— Se 8 5 SS 85 F— 2— 82 b S 8 —— 7 2„2 8 S S 2 SAS 22 2 1 o[(S S S — 212 2 22 S S 2 725 S S 0 2 W 2 5 2 288 2 2* 2 „ 8 .———* 2— 2 See s ERNIE R Kaplansgasse Wer beim Kauf will eilt in 7. r e 17. 25 708 5 1 8 . 1 2 7 75* 7 N — GIESSEN Geld ersparen EBEI-LA UE Kaplansgasse STIAUNE T! Ein großer Posten Satteltaschendivans mit Plüscheinfassung Außbaumpoliert gett mit Miuschelaufsak Lackierte Lhür. Kleiderschränke von 20 Mk. an ß Außbaumpoliert. mit Marmorplalte von 10 M. an. c 8 15 77 Aa schrün chen„ 3 1 +„„ Kleiderschräuke, poliert, mit Aufsatz 7 58.„ Sophas„ 0„ FVerlihutes, 15 2 8 2 Nische, Stiihle und alle sunsligen Möbel zu den billigsten Preisen reichhaltig am Lager, auch auf Abzahlung nach Vereinbarung. Größte Auswahl in Gardinen und Vorhängen H. C. Werner. Seite 8. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 33. Wirtschafts-Erxöffnung. Einem verehrlichen Publikum die ergebene Mitteilung, daß ich in Lollar, Hauptstraße 120 eine Wirtschaft* Metzgerei eröffnet habe. Mein eifrigstes Bestreben wird es sein, durch zuvor⸗ kommende Bedienung und durch Verabreichung von nur guten Speisen und Getränken die Zufriedenheit meiner werten Kunden zu erlangen. ö Indem ich mein Unternehmen hiermit bestens empfehle, bitte ich um geneigten Zuspruch. Hochachtungsvoll Karl Volkmann. Kirchweihfest Zu Lollar. 2 rchwespkest Wieseck 8 Sonntag den 18. und Montag den 19. August 82 Gutbesetzte Tanzmusik G wozu ergebenst einladen die Wirte: S B. Wacker. G. Schneider. A. Ziegler. W. Freitag. G Frisch geschlachtet. Frisch geschlachtet. Marburg. wunereinélessen Sonntag, 18. August, vormittags — 31. iert der 10 Uhr findet in Lony's Bier⸗ Sonnabend, den 31. August, Abends 83 Uhr feiert der delle e ere f 1 5 0 5 1 1 aht“ e Arbeiter-Gesangrerein„Eintracht? antennen Sonntag, d. 18. u. Montag, d. 19. August sein General-Versammlung 1 9 2 9. wozu ergebenst einladen die Wirte L STIF Tux SS FEST EAA 85 1. Bericht des Vorsitzenden. 2.—— im Restaurant Schloßgarten. schluß 190 8 3. Be⸗ Ludwig Bierau Ill, Es ladet ergebenst ein der Vorstand. schlußfassung der Statuten, 8 S 70 3 5 Wahl des Aufsichtsrates. 5. Wahl„Zum chwanen Eintritt 50 pfa- Eintritt 50 Pfg. des Vorstand. d. Verschiedenes g Die Mitglieder werden dringend 7 7 7 7 (((. ddü ten, pünktlich zu erschenen. Friederich Weinrich Für Arbeiter und Landleute Der Vorstand.„Zur Traube.“ empfehle mein reichhaltiges* 95 3 i schuh aren- linger Gesucht zugust Will. Friedberg in lessen in jeder Preislage und reicher Auswahl. 1 4 5 i Arbeiter Schuhe und Stiefel, Sountagsstiesel, dchlossergeselle, Hause des Sicke g. sein reichhaltiges sowie alle sonstigen Schuhwaren in den besten Quali⸗ 5 0 täten zu den billigsten Preisen. 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