— 44 die glän setrischen gratis u. nA 1180 v Gießen, Sonntag, den 17. März 1901. 8. Jahrg. Nr. 11. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mittel. U 85 2 9 4 9 5 eutsche Nebaktionesseuß. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche SonntagsZeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluugen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestelluns 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestens „Mauserung“ der Sozialdemokratie. Fast die gesamte bürgerliche Presse beschäf— tigte sich diese Woche mit einem an sich und für uns äußerst harmlosen Vorgange, den aber das Spießertum für ein welterschütterndes Er⸗ eignis hält. Einen bis auf die Knochen mo⸗ marchischen, königstreuen, nicht blos vor jedem gekrönten Haupte, sondern womöglich schon vor jedem„Von“ in tiefster Ehrfurcht ersterbenden Bürger muß allerdings das Blut in den Adern stocken, wenn er hört, daß ein wirklicher Groß— herzog sich mit einem waschechten sozialdemo⸗ kratischen Republikaner an den Biertisch setzt und mit ihm sichtlich interessiert, längere freundschaft⸗ liche Unterhaltung pflegt. Und es war That— sache, was das Depeschen⸗Büreau vorige Woche aller Welt mitteilte, daß sich der Großherzog von Hessen etwa ¼ Stunden mit den Ab⸗ geordneten für Offenbach, Genossen Ulrich, über allgemeine Fragen unterhielt. Unser Offen⸗ bacher Parteiorgan bemerkt dazu, daß es mit dem Genossen Ulrich der Meinung gewesen sei, der Vorgang sei so wenig von öffentlicher Bedeutung, daß er nicht erwähnt zu werden brauche, es gehe erst darauf ein, nachdem fich eine Anzahl Blätter mit der Geschichte beschäftigt hätten. Dann sagt es weiter: „Es handelt sich um den ersten parlamen⸗ tarischen Abend, der vom Präsidenten der zweiten Kammer, Herrn Geheimrat Haas, im Hotel„zur Traube“ in Darmstadt arran⸗ giert und auch vom Großherzog besucht war. Alle Parteien waren erschienen; auch unsere Genossen Berthold, Cramer und Ulrich nahmen daran Teil, nachdem ihnen durch den Präsidenten Haas versichert worden war, daß keinerlei monarchische Ovationen zu er warten seien. Und der Verlauf des Abends bestätigte das. Keinerlei militärisches oder monarchisches Ge⸗ präge war zu bemerken; einfach und schlicht, echt parlamentarisch, ging es her; und als die Tafel aufgehoben war, unterhielt man sich zwanglos bald mit diesem, bald mit jenem, bald mit einem Kollegen und bald mit einem Vertreter der Regierung. Der Großherzog ging ebenfalls von Tisch zu Tisch und kam so, ge⸗ führt vom Präsidenten Haas, auch an den Tisch, an welchem der Abgeordnete Ulrich saß, mit dem er nach stattgehabter Vorstellung durch den Präsidenten eine längere Unterredung anknüpfte, die teilweise recht lebhaft geführt wurde und 585 Allgemeinen um politische Tagesfragen rehte.“ Diesem„Ereignis“ widmen nun die bürger⸗ lichen Blätter tiefsinnige Betrachtungen. Wäh⸗ rend die einen, die nationalsozialen, die uns immer— allerdings zu spät— sagen müssen, wie wir unsere Taktik zweckmäßig einzurichten haben, weil wir sonst weder aus noch ein wüßten, die halbstündige Plauderei Ulrichs mit dem Großherzog als„einen Riesenschritt vor⸗ wärts für die Sozialdemokratie“ bezeichnen, damit natürlich die Bekehrung der Sozialdemo⸗ kratie zum Monarchismus meinen, entrüsten sich die Scharfmacherorgane darüber. Natürlich vorsichtig⸗ehrfurchtsvollst, damit sie nicht mit den Majestätsbeleidigungsparagraphen in Kon⸗ flikt kommen. Andere, wie die agrarische deut⸗ sche Tageszeitung, spötteln in verbissenem Grimm über Sozialdemokratie, deren Führer sich dem— nächst wahrscheinlich in Kniehosen an den höfi— schen Festen beteiligen würden. Solche Leute, die stets auf den revolutionären Charakter der Sozialdemokratie hinweisen, um damit die Notwendigkeit von Aus nahmegesetzen darzuthun, die gewohnt waren, uns von hoher Stelle aus als„vaterlandslose Gesellen“, als„Menschen, die nicht wert sind, den Namen Deutsche zu tragen“, bezeichnen zu hören und solchen Aeußerungen ihren leb— haftesten Beifall spendeten, mußte die gemütliche Unterhaltung des Großherzogs mit Ulrich pein⸗ lich berühren.„Sämtliche nationalliberale So⸗ zialistenfresser fragen sich entsetzt“, schreibt die Frkftr. Zig.,„wohin das noch führen soll: der Großherzog mit dem„roten Ulrich“ an einem Tisch beim Glase Bier in gemütlicher Unter⸗ haltung? Da müssen ja alle staatserhaltenden Triebe stocken. Im Ernst ist dieses Verhalten des jungen hessischen Großherzogs ein sehr er— freulicher Beweis für eine vorurteilsfreie und allen Parteien des Landes ohne Ausnahme unparteiisch gegenüberstehende Sinnesart.“ Das meinen wir auch. Will man bei dieser Gelegenheit von einem Fortschritt reden, so liegt er weniger auf sozialdemokratischer Seite, als vielmehr auf der des Großher— zogs, der beschränkten Vorurteilen einer emi⸗ nenten Kulturbewegung gegenüber keinen Raum giebt. Mit Recht weist der„Vorwärts“ auf die eifrige Mitarbeit hin, die unsere Partei im Landtag, sehr vielen Gemeindevertretuggen und besonders in Offenbach entfalte und die an⸗ erkannt werden müsse, auch von den regieren— den Kreisen. Unsere Parteigenossen, die diesen„Abend“ besuchten, sind zurückgekehrt zu ihrer Thätig⸗ keit, ohne Schaden an ihrer Gesinn⸗ ung erlitten zu haben. Dem offiziellen Besuch und Festessen bei Großherzogs, anläßlich der jeweiligen Eröffnung des Laud— tags werden unsere Genossen natürlich auch in der Folge fernbleiben und sie wären auch dem Besuche dieses parlamentarischen Abends ferngeblieben, wenn dabei monarchische Huldigungsakte, wie Hochs oder Hurrahs zu zu erwarten gewesen wären. Dieses war aber im Voraus aus geschlossen, weshalb irgend welche Bedenken zur Ablehnung der Einladung des Kammerpräsidenten nicht gut geltend zu machen waren. Ulrich wird auch nach der Un⸗ terredung mit dem hessischen Landesfürsten das bleiben, was er war. Und die Sozialdemokratie erst recht! Opfer der Arbeit. Wie wir in der letzten Nummer kurz mit⸗ teilten, hat sich auf der Zeche Konsolidation bei Gelsenkirchen eine Explosion schlagender Wetter ereignet. Einundzwanzig Arbeiter sind dabei Opfer ihres Berufes geworden. 11 von ihnen wurden als Leichen aus den Trümmern des Schachtes ans Tageslicht befördert, 10 Ar⸗ beiter wurden schwer verletzt, 8 von ihnen sind den erlittenen entsetzlichen Verletzungen erlegen, die noch verbliebenen 2 Verunglückten ringen mit dem Tode. So hat in 21 Familten namenloses Elend seinen Einzug ge⸗ halten. Eine große Kinderschar ist des Vaters, des Ernährers beraubt, Mütter beweinen den in der Blüte des Lebens jäh dahingerafften Sohn. Am Sonntag sind die Toten beerdigt worden. Noch ein paar Tage und außer den Bewohnern der nächsten Umgebung des Unsall⸗ ortes wird kein Mensch mehr der Toten ge— denken. 21 Bergarbeiter verunglückt! Der Arbeiter liest es, schreibt dazu unser Magdeburger Partei⸗ organ, er weiß, daß sie gefallen sind auf dem Schlachtfelde der Arbeit, das jährlich tausende Opfer fordert, er wird ihnen ein ehrendes An⸗ denken bewahren. Die bürgerligsen Blätter haben in dürren Zeilen die Kunde von dem Unglück verbreitet, wozu sollen sie ihre Leser auch durch Besprechung dieses Unglücks in irgendwelche Erregung versetzen, ihnen Gelegen— heit zum Nachdenken geben? Es waren ja nur 21 Arbeiter, und die Zahl der jährlich ver⸗ unglückenden Bergarbeiter ist Legion. Handelte es sich wie seiner Zeit bei dem Unglück auf der Zeche„Karolinenglück“ um mehr als 100 Men⸗ schenleben, dann würde auch die hartgesottenste Kapitalistennatur ein paar Tage rührselige Klagen über den„braven Bergman“ anstimmen. Von dem neuesten Unglück nimmt man kurz Notiz und bezeichnet es als Folge einer toxce majeur, als höhere Gewalt! In uns rief die Unglücksbotschaft die Er⸗ innerung wach an ein anderes Unglück, das wir gleich tief bedauern, das uns aber zum Ziehen einer Parallele veranlaßt; wir meinen bas Offenbacher Eisenbahnunglück vom 8. November v. J., das in seinen Einzelheiten noch in Aller Erinnerung ist. Damals waren alle bürgerlichen Zeitungen angefüllt mit spalten⸗ ja seitenlangen Berichten über das schreckliche Unglück, kein Ende wollte das Mitleid mit den bedauernswerten Opfern nehmen. Und die Ur⸗ sache dieser Erscheinung? Es handelte sra, wie gesagt, um Passagiere eines D⸗Zuges, um Angehörige der besitzenden Klasseu. Daher das überströmende Weitgefühl, das sich Luft machte in scharfen Verurteilungen der Thielenschen Eisenbahnpolitik und in Reform- vorschlägen für den Bau und die innere Ein⸗ richtung der D-Zug⸗Wagen. Gewiß, auch wir haben unumwunden unser tiefstes Bedauern über den Vorfall ausgedrückt, und es war alles andere nur keine Schmeichelei, was Herr von Thielen über sein System da⸗ mals in der sozial demokratischen Presse lesen konnte. Aber, fragen wir, wo bleiben jetzt die bürgerlichen Preßstimmen, die beim Offenbacher Eisenbahnunglück so tapfer in die Saiten griffen und die schärfsten Töne anschlugen? Warum erheben sie jetzt anläßlich des furchtbaren Gruben— unglücks nicht mit uns ihre Stimme für eine gründliche Reform der Berggesetzgebung, damit Leben und Gesundheit der Arbeiter mehr als bisher geschützt werden? O, sie werden sich hüten, hier den Hebel der Kritik anzusetzen und den Stachel zu löcken wider die nimmersatte Profitgier der Gruben⸗ magnaten. Und sollten einige Blätter den schüchternen Versuch wagen, ihre Haltung zu verteidigen, so werden wir den schon so oft gemachten Vorwand hören, gegen schlagende Wetter lasse sich so gut wie nichts unternehmen, gegen derartige elementare Gewalten sei man Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 11. machtlos. Gewiß, das mag teilweise richtig sein; aber abgesehen von jenen Katastrophen, deren Ursache schlagende Wetter sind, ist die Zahl der Grubenunglücke so groß, daß fast auf jeden Tag ein größeres oder kleineres Unglück entfällt. Diese statistisch erwiesene Thatsache veranlaßt uns, auch bei diesem Unglück wiederum auf unsere alte Forderung: Erlaß eines Reichsberggesetzes, hinzuweisen. Nur ein solches ist imstande, der im deutschen Bergbau auf Kosten der Arbeiter betriebenen Dividenden- wirtschaft einigermaßen einen Riegel vorzuschie⸗ ben. Doch wir geben uns keinen allzu großen Illusionen hin, denn bollte sich auch wirklich eine Reichstagsmehrheit finden, die unserer Forderung zustimmt, der Bundesrat wird sich hüten, in gewünschtem Sinne reformierend in die einzelstaatliche Berggesetzgebung einzugreifen. Dieser nichts weniger als rosige Ausblick, jedes neue Opfer an köstlichem Menschenleben, die brutale Gleichgültigkelt der besitzenden Klassen, müssen jedem Bergarbeiter das Gewissen schärfen und in ihm die Erkenntnis reifen, daß nur eine eng zusammengeschweißte Organisa⸗ tion hier Wandel schaffen kann. Von Staat und Unternehmertum ist eine freiwillige Besse⸗ rung der bestehenden Zustände nicht zu er⸗ warten, denn den Vorteil davon würden ja nur Arbeiter haben.— Politische Rundschau. Gießen, den 14. März. Natürlich! Wie wir schon in der vorigen Nummer vermuteten, bringen es einige reaktionäre Preß⸗ organe fertig, das Bremer„Attentat“, die That eines bedauernswerten kranken Menschen gegen unsere Partei auszunützen. Das Haupt⸗ organ der konservativen Partei, die„Kons. Korrespondenz“, die„Post“, sowie die konser⸗ vative„Schlesische Zeitung“ schämen sich nicht, die blödsinnige Behauptung aufzustellen, daß die Sozialdemokratie indirekt die Schuld daran trage, wenn ein unzurechnungsfähiger Schlosser ein Stückchen Eisen nach dem kaiserlichen Wagen wirft. Es verlohnt sich nicht, gegen diese kon⸗ servativen Verrücktheiten ein Wort zu sagen; es genügt, darauf hinzuweisen. Dabei muß aber bemerkt werden, daß derselbe Scharfmacher— pöbel wiederholt drohte, seine„monarchische Gesinnung zu revidieren“, wenn die Regierung nicht in den höheren Getreidezoll ein⸗ willige. Und die gegen den Kaiser zugespitzten Hetzereien, die in agrarischen,„alldeutschen“ und antisemitischen Blättern anläßlich der Zu⸗ rückweisung des Präsidenten Krüger, sowie in Bezug auf die englandfreundliche Haltung Wilhelm II. zu lesen wiren, seien auch nur nebenbei erwähnt. Natürlich werden sich ver⸗ nünstige und ehrliche Leute durch den Denun⸗ ziante e fer dieser gemeingefährlichen Preßknechte nicht becinflussen lassen, sondern die Sozial⸗ demokratie nach ihren kulturellen Leistungen beurteilen. Infamien, wie die angeführten, ist man ja von den konservativen Reaktionären gewohnt. Eine für das„liberale“ Bürgertum traurige und tiefbeschämende Erscheinung ist es aber, wenn „freisinnige“ Organe sich gleicher Sudelei schuldig machen, wie es der„Fränkische Kurier“ in Nürnberg thut. Traurige Gesellen! Stumm. In der Nacht zum 9. März ist der Freiherr v. Stumm auf Schloß Halberg gestorben. Der Manu ist nicht mehr, mit dessen Namen ein System rücksichtslosester Unterdrückung der Arbeiterbewegung verbunden ist. Entschiedenster Gegner der Sozialdemokratie, war er unfrei⸗ willig ihr wirksamster Agitator. Stumm war mehr als eine Persönlichkeit, sagt der Vorwärts, er war ein Synbol. Die Weltanschauung des industriefeudalen Kapitaliemus verkörperte sich in ihm so vollständig, in so grellen Farben, so brutal, daß die proletarischen, klassenbewußten Gegner dieser modernen Sklaverei, daß die Sozialdemokratie gar nichts hinzuzuthun brauchte, um an einer einzigen Erscheinung den totfeind⸗ lichen Gegensatz zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus zu demonstrieren. In Stumm war der Industrie⸗Kapitalismus an sich rein und restlos aufgegangen und verkörpert— grell und deutlich bis zur Abenteuerlichkeit. Stumm war gleichsam ein anatomisches Präparat, an dem die Sozialdemokratie in eindringlichem Anschauungsunterricht den Klassenkampf lehren konnte— und Zahllose sind an ihm zum be— wußten Sozialismus erzogen worden. Stumms kapitalistische Weltanschauung war klerikal ge⸗ artet. Sie beruhte auf dem katholischen Prinzip der bedingungslosen Unterwerfung unter die Autorität. Arbeiter waren für ihn nicht gleich⸗ berechtigte freie Menschen und Staatsbürger, sondern lediglich Werkzeuge für das gottgewollte und gotterwählte Unternehmertum. Hatten sich aber die Arbeiter ihres selbstbestimmenden Wil⸗ leus entäußert, hatten sie in Kadavergehorsam auf alle Menschenrechte und Menschenwürde Verzicht geleistet, dann fühlte auch der absolute Herrscher der Kapitalisten seinerseits Verpflich⸗ tungen, in gewissen Grenzen patriarchalisch für „seine“ Leute zu sorgen. Das waren denn die „Wohlfahrtseinrichtungen“, die zu preisen das Soldgesinde Väterchen Stumms nicht müde ward. Es wird ein unvergängliches kultur⸗ historisches Dokument bleiben, daß es sich noch an der Grenze des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland ein Fabrikherr herausnehmen konnte, zu bestimmen, ob seine Arbeiter sich verheiraten durften, welche Lektüre und welche politische Gesinnung ihnen erlaubt sei— der⸗ gestalt sich ein Oberrecht über die verfassungs⸗ mäßig gewährleisteten Rechte sich anmaßend und ausübend. .... Mit dem Freiherrn v. Stumm stirbt ein Stück Zeitgeschichte, nicht weil er persönliche Verdienste um die Entwickelung der Menschen oder auch nur eine irgend wie beträchtliche geistige Bedeutung gehabt hätte, sondern ledig— lich deshalb, weil er die Barbarenzeit des Kapitalismus in symbolischer Vollendung dar⸗ gestellt hat. Stumm wird vielleicht einst ein Mythus des lachenden Schreibers werden, wenn die Sonnenzeit des Sozialismus den Gespenster— glauben und die Gespenstermacht überwunden haben wird.— Vorläufig ist der Stumm'sche Geist in der Gesetzgebung und in der Regierung aber noch maßgebend; zu seiner Bekämpfung mut die Arbeiterschaft alle Kräfte zusammen⸗ fassen. Unter heulenden Wölfen. Kürzlich saßen in Berlin die Aktionäre der großen Berliner Straßenbahn in ihrer General- versammlung einmütig beieinander. Während die kleinen Aktionäre, die der Personen- aber nicht der Stimmenzahl nach die Mehrheit der Versammlung bildeten, den lebhaftesten Anteil an den Eröterungen nahmen, saß unter ihnen Einer, der schon durch seine äußere Erscheinung als ein Fremdling in dieser Versammlung von Kapitalisten auffiel und der auch an dem Streit um den größeren oder geringeren Anteil am Gewinn gar kein Interesse zu haben schien. Doch, jetzt meldet auch dieser Mann sich zum Wort, der in seiner einfachen Kleidung so sichtbar abstach von den behäbigen Gestalten, mit Siegel⸗ ringen an den Fingern und schweren Goldketten auf den Westen, die wohlgerundete Bäuche überspannten. Er war kein Anderer als Schumann, der Vorsitzende des von den „Großen“ so sehr gehaßten Zentralver⸗ bandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter, derjenigen Orga— nisation, der die Angestellten der Straßenbahn in ihrer großen Mehrheit angehören. Im Besitz einiger Aktien hatte Schumann das unanfecht⸗ bare Recht, in dieser Aktionär⸗Versammlung auch ein Wort mitzureden. Und er machte von diesem Recht Gebrauch. Anknüpfend an einige Aeußerungen der Vorredner wies Schu— mann darauf hin, daß die Klagen, welche im Publikum und in der Presse über den Betrieb der„Großen“ so häufig geführt werden, ver— schwinden würden, wenn die Gesellschaft die Ursachen der Klagen beseitige, indem sie die Angestellten hinsichtlich Lohn, Arbeitszeit und Behandlung so stellen würden, daß diese in der Lage wären, mit der nötigen körperlichen Frische und wünschenswerten Berufsfreudigkeit ihre schweren Pflichten auszuüben. Wenn ein in voller Fahrt dahin rasender elektrischer Wagen, dessen Bremsvorrichtung im entscheidenden Au⸗ genblick versagt, mitten in die Versammlung hineingesaust wäre, er hätte kein größeres Ent⸗ setzen hervorrufen können als diese Worte des Redners. Sobald es dieser Gesellschaft, die sich noch kurz vorher um die Verteilung der kapitalistischen Beute gestritten hatte, klar ge⸗ worden war, daß hier Jemand für die Inter⸗ essen der Angestellten einzutreten wagte, erhob sich ein Geschrei, gegen das der Radau, den eine Antisemitenversammlung machen würde, wenn Jemand den Ritualmord für Unsinn er⸗ klärt, das reine Kinderspiel ist.„Schluß! Schluß!“„Nicht weiter reden!“„Das Wort entziehen!“„Wir wollen nichts davon hören!“ So schwirrte es durch den Saal. Schumann hielt dem Getöse Stand.„Ich habe Zeit, bis die Herren still geworden sind. Je länger Sie schreien, desto später kommen Sie zum Diner“, sagte er ruhig, und setzte, als der Sturm sich gelegt hatte, seine streng sachlichen Ausführungen fort. Um überhaupt in dieser Versammlung von den Interessen der Angestellten reden zu können, mußte Schumann diese in Beziehung zu den Interessen der Aktionäre bringen. So legte er denn dar, daß die Direktion die In⸗ teressen des Publikums und der Aktionäre schwer geschädigt habe, indem sie es im vorigen Jahre zum Streik kommen ließ, der vermieden worden wäre, wenn die Direktion zu Verhand⸗ lungen über die Forderungen der Angestellten bereit gewesen wäre. Bei der Berührung dieser Angelegenheit erhob sich abermals wüster Lärm.„Was gedenkt die Verwaltung zu thun, um Betriebs störungen und Schädigungen der Interessen des Publikums, wie sie durch den Ausbruch des Streiks hervorgerufen worden sind, in Zukunft vorzubeugen?“ fragte Schu⸗ mann. Eine Antwort erhielt er darauf nicht, wohl aber setzten sich die Unterbrechungen und Zwischenrufe fort, so oft er auf die Verhält- nisse der Angestellten zu sprechen kam.„Da⸗ von wollen wir nichts wissen!“ rief man von allen Seiten.„Wir sind nicht hierher gekom— men, um über die Angestellten zu reden.“ „Verdienen wollen wir!“„Neues Geld wollen wir haben!“ So und ähnlich lau⸗ teten die Gesühlsäußerungen der Aktionäre. Einer der Herren rief dem Redner höhnend zu: „Verkaufen Sie doch Ihre Aktien für 350 an die Stabt, vielleicht wird's dann besser!“ Als Schumann davon sprach, daß die Zahl der Unfälle bedeutend abnehmen würde, wenn Wa⸗ genführer und Schaffner nicht übermäßig an⸗ gestrengt und ausreichend bezahlt werden, da rief der durch seine Reklame bekannte Waffen⸗ händler Hippolit Mehles:„Wir werden den Schaffnern Austern geben.“ Dieser „Witz“ reizte die Versammlung zu unbändiger Heiterkeit.— So hat diese Aktionärversamm⸗ lung bewiesen, was ja längst bekannt war, nämlich, daß die große Straßenbahngesellschaft nur das Profitmachen kennt, auf die Interessen des Publikums und die berechtigten Wünsche der Angestellten aber pfeift. Und so verfährt das Unternehmertum überall. Unangenehm mag es den Herren wohl gewesen sein, daß ein Arbeiterführer bei ihnen eindringen konnte, um die Arbeiterinteressen zu vertreten. Viel⸗ leicht beantragen sie demnächst Gesetze, die dem⸗ jenigen, der nicht für die rücksichtslose Profit⸗ macherei ist, die Erwerbung von Aktien verbieten. Was ist ein Junker? Unser Nürnberger Parteiorgan gräbt aus alten Heften eine Aeußerung des Breslauer Professors Dr. Reinhold aus, der folgendes anmutige Bild von dem Junker entwirft: „Wir lernten eine Anzahl mecklenburgischer und preußischer Grundbesitzer kennen— char⸗ mante Leute. Aber wir erfuhren aus ihren Reden bald, was ein Junker ist. Einer erwiderte auf meine Frage, ob er trotz der — Gi it dem der Kreuzz Million Kosten bo zu denken. Die zu ten Ruin bersen Hun des Reich 2 Der 80. Gebu sämtlicher und unn schenkte f Bildnis , ecgenbfd cumma le ist das hö bon Münce Kaiser a lex regis ist das hi bat der Lonialheld Mgerhäu und mit bohrte al erhalten. Kolonial Atenber q 15 Ja Jahren G auf Ausf worden. in solchen gespertt. umlu es Ent. orte des t, die ung d in g 8 dur agte 2 würde, sinn er⸗ Schluß! 5 Port hören!“ human geit, bis iger Sie Diner“, urm sich hungen mmlung eden zu eziehung en. So die In⸗ tionäre borigen ermieden Jerhand⸗ gestellten ag dieser wüster tung zu digungen ie dulch worden te Schu⸗ uf nicht, gen und Verhält⸗ .„Da⸗ man von r gekom⸗ eden.“ s Geld lich lau⸗ klionäre. nend zu: 350 an r“ A5 ahl der 5 Wa⸗ i510 m. den, d Waffel den den Dieser kbändiget sersamui⸗ gels uteresee Wünsche velfählt ein, . founte, 1 Piel⸗ die dell e Prof Lt aus preilauel folgendes irt: butzischt 1— 1 trob Ahle Ginel del cal“ Nr. 11. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Ernte abkömmlich sei, mit wieherndem Ge— lächter:„Arbeiten thun nur die Dum⸗ men!“ und wiederholte diese als Witz belachten Worte an mehreren nacheinander folgenden Tagen so oft, daß mir seine Gegenwart unerträglich wurde und ich andere Gesellschaft suchte. Diese anektodische Er⸗ innerung soll nur ein Beispiel sein. Ich habe alte Schulkameraden, früher durchaus konservative Leute, Pfarrerssöhne, christlich gesinnt, später im Osten wieder angetroffen oder mit ihnen Briefe gewechselt, die wilde.) Fortschrittsleute geworden waren, und auf meine Verwunderung, daß sie jetzt frei⸗ sinnig wählten, antworteten oder schrieben: „Es geht hier nicht anders“. Der Hoch— mut und Uebermut dieser Leute— der Junker— ist zu groß. Man wird in das Extrem getrieben, für den zahmen und versöhnlichen Nationalliberalismus ist hier kein Platz.“ Gine zweite Chinavorlage ist dem Reichstage zugegangen. Es werden jetzt 123322000 Mk. gefordert. Somit kostet der Kreuzzug bis jetzt die Kleinigkeit von 276 Millionen Mark. An einen Ersatz dieser Kosten von Seiten Chinas ist vorläufig nicht zu denken. Wofür Geld da ist. Die zum Ausbau der dem Kaiser geschenk— ten Ruine Hohkönigs burg geforderten di⸗ versen Hunderttausende hat die Budgetkommission des Reichstags wahrhaftig bewilligt. Verschiedene Anschauung. Der Prinzregent von Bayern, der seinen 80. Geburtstag feierte, sprach am Montag den sämtlichen Staatsministern sein unbegrenztes und unwandelbares Vertrauen aus und be⸗ schenkte jeden einzelnen Minister mit einem Bildnis in silbernem Rahmen und mit der eigenhändigen Unterschrift:„Salus publica cumma lex est.“(Das öffentliche Wohl ist das höchste Gesetz.)— In das goldene Buch von München schrieb bekanntlich der deutsche Kaiser als seinen Wahlspruch:„Suprema lex regis voluntas.“(Des Königs Wille ist das höchste Gesetz.) Eine gelinde Strafe hat der Mordprinz Arenberg, jener Ko⸗ lonialheld, der einen den Deutschen befreundeten Negerhäuptling hinterrücks in den Kopf schoß und mit dem Ladstock in der Wunde herum⸗ bohrte als der Verwundete noch Leben zeigte, erhalten. Auf eine Anfrage Bebels teilte der Kolonialdirektor mit, daß der Leutnant Prinz Arenberg seinerzeit zum Tode verurteilt, darauf zu 15 Jahren Zuchthaus und endlich zu 15 Jahren Gefängnis begnadigt wurde. Auch auf Ausstoßung aus dem Heere sei erkannt worden. Gewöhnliche Leute werden bekanntlich in solchen Fällen geköpft oder lebenslang ein— gesperrt. Ueber die Warenhaus steuer, die den Kleinkaufleuten und Handwerkern von den antisemitischen Mittelstandsrettern als vor⸗ zügliches Mittel zur Hebung ihrer Lage und Stärkung ihrer Konkurrenzfähigkeit angepriesen wurde, gab der Unterstaatssekretär Schraut im elsaß⸗lothringischen Landesausschuß ein ab⸗ fälliges Urteil ab. Er erklärte, daß die Ein⸗ führung einer Warenhaussteuer für Elsaß⸗ Lothringen noch nicht spruchreif sei, und fügte hinzu, die preußische Warenhaussteuer habe sich nicht bewährt. Deutscher Reichstag. Bei der Weiterberatung des Marineetats am Don⸗ nerstag erkundigte sich unser Genosse Bebel nach der Buchung und Verwendung der Gelder, die der Auslandsflottenverein der Marineverwaltung zum Bau von Kanonenbooten zur Verfügung stellen will. Hierauf erwiderte Herr v. Tirpitz, daß derartige Gelder zwar in Aussicht ge⸗ stellt, aber noch nicht eingegangen seien. Würde dem Reich ein Kanonenboot geschenkt, so könne man sich ein solches Geschenk schon gefallen lassen. Die Kosten, die aus der Annahme erwüchsen, müßten selbstverständlich vom Reichstage bewilligt werden. Genosse Molken⸗ buhr brachte unter besonderer Bezugnahme auf den Untergang der Gneisenau die hohe Verlustziffer von Mannschaften der Kriegsmarine zur Sprache, die ver⸗ hältnismäßig um die Hälfte höher sei, als die Zahl der bet der Handelsmarine verloren gegangenen Menschen— leben. Staatssekretär v. Tirpitz suchte die Rettungs⸗ maßregeln, die beim Untergang der Gueisenau angewandt worden sind, zu verteidigen. Vor allem wies er darauf hin, daß das Schiff in außerordentlich kurzer Zeit untergegangen sei. Ohne Debatte gelangte die Resolution der Budget⸗ kommission zur Annahme, welche die Einrichtung eines Panzerplattenwerkes auf Kosten des Reiches empfiehlt, um der Aus— beutung der Staatsfinanzen durch die Firmen Krupp und Stumm ein Ende zu bereiten. Der Berichterstatter der Kommisston, der Zentrumsabgeordnete Müller⸗ Fulda, sprach sich mit großer Schärfe gegen die Patri— oten Krupp und Stumm aus. Gelingt es dem Reiche, so Ermäßigungen zu erzielen, die auf ähnlichem Wege die Vereinigten Staaten bei den Panzerplattenlieferungen durchgesetzt haben, so würden die Kosten der Flotten⸗ vermehrung um nicht weniger als 60 Millionen geringer ausfallen. Staatssekretär v. Tirpitz machte dem Hause Mitteilung von Verhandlungen, die inzwischen mit der Firma Krupp eingeleitet worden sind. Die Preisdiffe⸗ renzen zwischen den amerikanischen Platten und den Kruppschen Platten wird dadurch etwa auf die Hälfte, von 400 Mk, auf 220 Mk., ermäßigt. Krupp will sich also mit dem geringen Verdienst von 30 Millionen begnügen. Doch hat er sich erboten, noch weitere Preis⸗ ermäßigungen eintreten zu lassen, wenn ihm die Her— stellung auf eine Reihe von Jahren gesichert werde. Herr v. Tirpitz hielt es für angemessen, dem Versuch des Panzerpatrioten, das Reich in unverschämter Weise über das Ohr zu hauen, noch einige Worte der Ent⸗ schuldigung zu widmen, die von der Linken mit Lachen aufgenommen wurden. Charakteristisch war es, daß gegen die Resolution im ganzen Hause nur Herr von Kardorff stimmte. Freitag verhandelte der Reichstag in einer sehr kurzen Sitzung das Unfallfürsorgegesetz für Reichs⸗ beamte und für Soldaten, die in unfallversicherungs⸗ pflichtigen Betrieben des Reichs beschäftigt sind. Dieses Gesetz dehnt nämlich die im vorigen Jahre beschlossenen Abänderungen an den Unfallversicherungsgesetzen auf diese Personen aus. Die Redner der bürgerlichen Par⸗ teien drückten ihr Einverständnis mit dem Entwurf aus; dagegen übte Genosse Molkenbuhr eine einschneidende Kritik an den einzelnen Bestimmungen. Da eine Kom⸗ missionsberatung dieses Entwurfes nicht beantragt wurde, findet die zweite Lesung im Plenum statt.— Später folgten Wahlprüfungen. Die Wahl des national⸗ liberalen Abg. Sieg wurde beanstandet. Bei der Ver⸗ handlung über die Wahl des konservativen Führers Grafen Stollberg-Wernigerode trat arger köonservativer Wahlschwindel zu Tage. Aus dem Bericht der Wahlprüfungskommission, den Genosse Fischer erstattete, geht hervor, daß der Nachtwächter Radzke aus Pistken in Ostpreußen einge⸗ standen hat, den Leuten die sozialdemokratischen Stimm⸗ zettel auf Anweisung seines Amtsvorstehers weggenom— men und ihnen„auf ihren Wunsch“ konservative dafür in die Hand gedrückt zu haben. Das ist ein nettes Wahlbild aus Ostelbien! Trotzdem reichten diese Unge⸗ hörigkeiten nicht aus, um die Wahl umzustoßen. Zu einer umfangreichen Diskussion kam es bei der zweiten Lesung des Kolonialetats, in die am Montag eingetreten wurde. Zuerst Ostafrika an die Reihe. Bebel, der zunächst das Wort ergriff, zeigte, wie die phantastischen Träume von der Bedeutung dieser Kolonie zerronnen seien und wie nichts übrig geblieben wäre als das graue Deficit. Eine harte Hüttensteuer wird erhoben, die die Neger zu 10 bis 12 tägiger Fronarbeit zwingt. Das Gegenstück seien Aufstände, die blutig niedergeschlagen würden und sich doch wiederholten. Das bureaukratische Verwaltungs⸗ system verhindere den Fortschritt. Und wie stehe es mit der Sklaverei? Diesen Angriff auf die Kolonial politik suchte Hasse mit recht mageren Gründen abzu— weisen. Auch der neue Kolonialdirektor Dr. Stuebel versuchte sich in einer Polemik gegen Bebel. Er, der lange blasse Herr, machte den Eindruck eines recht un— geschickten Redners. Aber eine gewisse Offenherzigkeit ist ihm nachzurühmen. So erzählte er mit großer Seelenruhe, daß in unseren Kolonien sich die Haus— sklaverei durch die Geburt fortsetzt, d. h. jedes Kind eines Elternpaares, das in gesetzlich verbotener Haus— sklaverei gehalten wird, ist durch den Akt der Geburt wieder Sklave. Vollmar und Bebel nagelten diese unerhörte Thatsache zum großen Leidwesen der Kolonial- apostel, des Grafen Stolberg und des Herrn v. Kardorff, sofort fest, das Zentrum, das von seiner Bekämpfung kam der Sklaverei so viel Wesens macht, verhielt sich mäus⸗ chenstill. Dem Beschlusse der Kommission, die Forderung von 1½ Millionen für Verlängerung einer Eisenbahn in Ostafrika zu streichen, trat das Haus bei. Bei der Abstimmung hierüber zeigte Herr v. Frege, der sächsische Vizepräsident, besondere Ungeschicklichkeit.— Die Verhältnisse in Kamerun geben selbst dem Konservati⸗ ven Schrempf zur Kritik Veranlassung. Er sprach sich mit einer von konservativer Seite unerhörten Schärfe über die ungenügende Ernährung und Bezahlung der Plantagenarbeiter aus. Herr Schrempf ist zwar ein Anhänger der Prügelstrafe, aber in Kamerun scheint selbst ihm zu viel geprügelt zu werden. Auch auf un⸗ sittliche Exzesse der Europäer wies er hin und drohte, sein ganzes Anklagematerial öffentlich zu entrollen, wenn Herr Stuebel nicht sofort eine Untersuchung der einzelnen Fälle veranlassen würde. Das versprach Herr Stuebel, und so ging dieser Sturm vorüber. Beim Etat für Südwestafrika brachte Bebel die Begnadigung des prinzlichen Mörders Arenberg zur Sprache. An einer eingehenden Kritik wurde er aber von dem Präsidenten gehindert. Mit Recht meinte unser Genosse, er müsse zwar schweigen, im Volke werde man aber sein Schweigen zu würdigen wissen. In der Dienstagssitzung stand der Etat des Reichseisenbahnamtes auf der Tagesordnung. Der Präsident desselben, Dr. Schulz, zählte die Ver⸗ besserungen auf, die man eingeführt habe und noch einführen werde. Unsere Genossen Stolle, Stadt- hagen und Zubeil brachten bei dieser Gelegenheit zahlreiche Mißstände im Eisenbahnwesen zur Sprache. Stadthagen ging zu einem scharfen Angriff auf die gesamte Reichs- und Landeseisenbahn⸗ politik über; mit ebenso großer wie berechtigter Schärfe geißelte er die Art und Weise, wie der Minester v. Thielen laut eigenem Eingeständnis das reichsgesetzlich verbürgte Koalitionsrecht der Eirsenbahnarbeiter illusorisch macht. Zubeil geißelte in einer wirkungsvollen Rede die er— bärmliche Bezahlung der Eisenbahnarbeiter und die schauderhaften Zustände in der vierten Wagenklasse. Dann machte die bürgerliche Mehrheit Schluß. Aus dem hessischen Landtag. Am Samstag erklärte Finanzminister Gnauth bei der Position Fortbildungs- schulen, er habe gleich bei seinem Amts⸗ antritt die Uebernahme wenigstens der persön⸗ lichen Kosten der Fortbildungsschulen auf den Staat beabsichtigt, sich aber angesichts der Finanzlage für dieses Budget beschieden. Er werde aber, sobald es ohne Zurückgreifen auf die Ueberschüsse früherer Jahre möglich sei, eine Entlastung der Gemeinden in dieser Hia— sicht herbeiführen. Bei der Positson Volksschule werden von verschtedenen Seiten Klagen über die ge⸗ werbliche Nebenthaätigkeit der Lehrer vorgebracht, durch wilche die steuerzahlenden Gewerbetreibenden, namentlich auf dem Lande, geschädigt würden. So soll in Rheinhessen von Lehrern ein schwunghafler Weinhandel betrieben werden. Ministerialrath Eisenhuth hält es für sehr schwer, hierin eine generelle An⸗ ordnung zu treffen. Es sei bedauerlich, wenn Lehrer oder andere Beamte Nebenbe— schäftigungen, die nicht unmittelbar mit dem Berufe zusammenhängen, treiben. Aus wüchsen werde die Regierung in jedem Einzelfalle ent⸗ gegentreten. 5 Abg. Ulrich erwartet, daß, nachdem durch die neue Besoldungsordnung die Ursachen der Nebenbe schäftigungen beseitigt sind, nun auch die Folgen verschwinden werden. Gegen Ueber— nahme von Genossenschaftskassen durch die Lehrer an kleineren Orten sei nichts einzuwen⸗ den, weil sie dort nicht zu Spekulanten werden können. Für größere Kassen sind sie aber in den meisten Fällen nicht geeignet. Redner bittet dann die drei oder vier alten Herren, die schon vor Erlaß der Pensionsordnung von 1878 pen— sionirt worden sind, aus dem Dispositionsfonds etwas mehr zu bedenken. Abg. Haas⸗Darmstadt möchte die Unter— stützung der Lehrer im Genossenschaftswesen nicht missen. Das Haus beschließt mit großer Majorität, entgegen dem Wunsche der Regier— ung, die Gesammtkosten für die Fort- bildungsschulen in Höhe von 145000 M. in den Etat einzustellen. Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 11. Bei dem Kapitel„Gewerbeaufsicht“ wünscht Abg. Reinhardt langsames Vorgehen bezüglich der Fabrikaufsicht. Hiufiger Wechsel der Personen müsse vermieden werden. Er stehe allen über die Vorschläge der Regierung hingusgehenden Anträgen vorläufig ablehnend gegenüber. In der Auswahl der Assisten⸗ tinnen solle man Damen gereifteren Alters, am Liebsten verheirsteten, den Vorzug geben. Es empfehle sich vielleit, den Stand der In⸗ dustrielehrerinnen dabei zu berücksichtigen. Ge⸗ nosse Cramer weiß es der Regierung Dank, daß sie bei der Berufung von Vertrauensper⸗ sonen in der Ministerial⸗Abteilung für Laud⸗ wirtschaft, Handel und Gewerbe, die gewerk, schaftliche Organisation berücksichtige. Er wünscht eine ähuli he Berücksichtigung für die Fabrik⸗ aufsicht. Das Ideal seiner Partei, an dessen Verwirklichung sie allerdings zunächst selbst noch nicht denken könne, sei die Wahl der Fabrik⸗ inspektoren durch die Arbeiter. Die Etatsposi⸗ tion wird genehmigt. Der Zegtrumsautrag auf Schaffung einer Zenktralinstanz wird mit geringer Mehrheit abgelehnt, der auf andere Einteilung der»heinhessischen Juspektionsbezirke angenommen. 8 Krieg in Südafrika. Schon seit längerer Zeit wird von englischer Seite über Verhandlungen berichtet, die zwischen Lord Kitchener und dem Burengeneral Louis Botha zwecks Uebergabe des Letzteren statt⸗ gefunden hätten. Mit der Unterredung scheints seine Richtigkeit zu haben; von einer Ueber⸗ gabe Bothas ist jedoch noch nichts bekannt geworden. Er habe einen Waffenstillstand ver⸗ langt, um mit Dewet in Verbindung zu treten. Man glaubt, Botha werde sich ergeben, wenn Dewet es nicht thue.— Die Eisenbahn zwischen Lorenco Marques und Pretoria ist frei von Buren. Da sie keine Munition für ihre Ar⸗ tillerie haben, vergraben sie nicht nur ihre schweren Geschütze, sondern auch die Pompom- und Maximgeschütze.— Die Pest greift in Kapstadt immer mehr um sich. von Mah und gern. Mittetlungen aus unserem Seserkreise sind uns jederzett will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengfte Sewissenhaftigkett bei Ueber mittelung von Nachrichten.— Air bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschretben. Gießener Angelegenheiten. ck. Ueber die Genossenschaftsbe⸗ wegung wird am Samstag Abend im Orbig'schen Lokale Gen. Kaufmann, der Leiter der Hamburger Großeinkaufsgesellschaft, einen Vortrag halten.(S. Inserat) Bei dem lebhaften Interesse, das diesen Fragen gegen⸗ wärtig in Arbeiterkreisen entgegengebracht wird, darf ein zahlreicher Besu) erwartet werden. Die Mitglieder⸗Versammlung des Wahlvereins beginnt nach dem Vortrage. — Märzfeier. Zur Erinnerung an den Freiheitskampf im Jahre 1848 und zum Ge⸗ dächtnis der gefallenen Kämpfer veranstalten auch in diesem Jahre die Gießener Parteige⸗ nossen eine kleine Feier. Dieselbe findet am Sonntag, 17. März, abends 8 Uhr im Lokale des Genossen Orbig statt und besteht in Ge— sang, Festrede und Deklamationen. Die Ge— nossen sind gebeten, sich recht zahlreich zu be— tetligen. * Ueber die Zustände in der Gie⸗ ßener Aktienbrauerei wird von den Ar⸗ beitern lebhaft Klage geführt, vor allem über die Behandlung, die den Leuten von Seiten einiger Vorgesetzten oder solcher, die es sein wollen, zuteil wird. Davon laufen nämlich dort eine ganze Menge herum, man sagt sogar, es seien mehr Befehlende als Untergebene vor— handen. Wo aber dies der Fall ist, wo ein Arbeiter den ar deren kommandirreu, womöglich chikanieren wia, werden immer Zustände ein⸗ reißen, die nicht nur den Kebeitern, sondern schließlich auch dem Betriebe zuu Schaden ge⸗ reichen. Manche bieser„Vorgesetzten“ gelang⸗ ten auch keineswezs durch ihre Fähigkeiten, sondern aus anderen Gründen zu ihrem Posten und grade solche treten oft nach unten hin brutal auf, um nach oben ihre Tüchtigkeit zu beweisen. So soll der„Obermälzer“ Schmidt die ihm unterstellten Leute empörend behandeln. Fast Jeder geräth mit ihm in Differenzen. Erst vorige Woche wieder gab er zur plötzlichen Eutlassung eines Mauncs, der stets seine Ob⸗ liegenheiten pünktlich erfüllte, Veranlassung. Einen anderen, etwas beschränkten, jetzt ver⸗ storbenen Brauer, der ebenfalls stets ordentlich seine Arbeit verrichtete, schlug der Genannte bei einer Gelegenheit ins Gesicht, während er ihn ein andermal in der Malzdarxre, wo eine Temperatur von 60 Grad K. herrscht, es ein Mensch also nur ganz kurze Zeit aushalten kann, Fenster putzen ließ. Auf zahlreiche ähn⸗ liche Fälle wollen wir vorläufig nicht eingehen. Verwunderlich bleibt, daß Herrn Direktor Lemmé, der als gerechtigkeitsliebender Mann geschätzt wird, die geschilderten Zustände nicht bekannt geworden sind, denn sonst würde er zweifellos Ord aun; geschaffea haben. — Die Protestversammlung gegen den Brotwucher, die Dienstag Abend im Leib'⸗ schen Saale stattsand, erfreute sich eines sehr zahlreichen Beiuches. Der geräumige Saal war vollbesetzt, unsexre Parteigenossen waxren stark vertreten. Pünktlich eröffnete Herr Justizrat Metz die Versammlung und erteilte Herrn Dr. Jung das Wort, der in äußerst sachlicher und wirksamer Rede alle gegen die Erhöhung der Getreidezölle sprechenden Gründe vortrug. Er wies hin auf die Periode wirtschaftlichen Aufschwunges, die mit dem Abschluß der Handelsverträge eingesetzt habe. Letztere und zwar nicht die alleinige Ursache des Auf⸗ schwungs, aber doch die Basts der besseren wirt— schaftlichen Entwickelung. Dies zeigte der Red⸗ ner an unwiderleglichen Zahlen. Treffende Worte fand Herr Dr. Jung zur Charakterisier⸗ ung der agrarischen Agitation und der Agrarier selbst, die auch heute noch gleich ihren Vor⸗ fahren dem Grundsatze huldigen: Und der König absolut, wenn er unsern Willeu thut! Seine klaren Ausführungen, die wir leider wegen Raummangels nicht ausführlicher wieder— geben können, schloß Redner mit der Aufforde⸗ rung, gegen die gemeingefährlichen, reaktionären Brolverteurer energisch Front zu machen.— Der zwelte Redner, Dr. Bürner, erläuterte die Ziele des Handelsvertragsvereins und em— pfahl Anschluß an denselben. Hierauf erhielt unser Genosse Krumm das Wort. Er wandte sich zunächst gegen den anwesenden Oekouomierat Schlenke, der in einem Eingesandt des„Gieß. Anz.“ behauptet hatte, daß viele kleinere Grund⸗ besitzer nicht als Landwirte anzusehen seien. Krumm sagte ihm, damit werde die Position der Agrarter keineswegs verbessert. Seit 20 Jahren bringen wir Opfer für bie„Landwirt⸗ schaft“(d. h. für die Junker); wenn die vielen Millionen ihr bisher nichts nützten, so wird ihr auch durch einen 10 Mark-Zoll nicht zu helfen sein. An der Hand statistischer Zahlen weist er nach, daß nur ganz wenige Grundbe⸗ sitzer einen Vorteil von den Zöllen haben, würde auch den kleinsten Landwirten geholfen, so ließe sich noch darüber reden. Es sollen aber die Aermsten und Armen geplündert werden, um die Taschen der Junkersippe zu füllen! Dagegen wenden wir uns mit Entschiedenheit! Ginge das Junkertum bankrott, so könne sich das deutsche Volk getrost drei Feiertage leisten! Lebhafter Beifall und Heiterkeit folgten diesen Worten. Der Nationalsoziale Erdmanns⸗ dörffer⸗Marburg, dessen Ausführungen mit ironischen Bravos und Zwischenrufen begleitet werden, stimmt den Ausführungen der Vor⸗ redner zu. Juteressant war die Mitteilung, daß es seiner Partei schwer gefallen sei, in dieser Frage auf die Seite der Liaken zu treten. Schließlich glaubte Herr E. Erfolg mit der witzig sein sollenden Bemerkung zu erzielen, Krumms ruhiger Ton sei jetzt nicht zu verwun⸗ dern, da in Hessen die Sozialdemokratie hof⸗ fähig geworden sei. Der erwartete Beifall blieb aber vellständig ans. Eromannsdörffer schnitt überhaupt schlech! ab, wir hörten allgemein auch von Nichtparte igenossen das Auftreten C's. höchst abfällig beurteilen.— Nun erhielt Herr Oekonomierat Schlenke, ein Agrarier, das Wort, um natürlich für den Brotwucher einzu⸗ treten. Er klagte über Steigerung der Arbeits⸗ löhne, der Preise der Bedarfsartikel und Ar⸗ beitermangel. Bezeichnend war die Bemerkung, daß die Arbeiter sich viel Geld sparen könnten, wenn sie nur nicht so viel Bier trinken möch⸗ ten. Dr. Kehm und Genosse Krumm wider⸗ legten treffend die agrarischen Behauptungen. Uaser Genosse bemerkte noch, man solle die Gelder, die für überseeische Erpeditionen ver⸗ pulvert werden, im Juteresse der Landeskultur verwenden. Glänzend und unter stürmischem Beifall führte er Herrn Erdmannusdörffer mit seiner Bemerkung über die hoffähige Sozialde⸗ mokratie ab. Er versprach ihm, wenn er einmal hessischer Landtagsabgeordneter werden und auf ein Hoffest kommen sollte, wolle er Herrn E. einige Süßigkeiten mitbringen! Nach weiteren Bemerkungen Schlenkes und einem kräftigen Schlußwort Dr. Jungs gelangte die vorge⸗ schlagene Resolution gegen vereinzelte Stimmen zur Annahme. — Wegen Majestätsbeleidigung hatte sich der Pferdehändler David Leopold am 9. März vor der Gießener Strafkammer zu verantworten. Landwirt Lahm aus Bin⸗ genheim hatte ihn aus Rache darüber denunztert, weil er über Lahm's Vermögen den Konkurs beantragt hatte. Nach dem Zeugnis des De⸗ nunzianten solle die Beleidigung gegen den Kaliser am Himmelfahrtstage vorigen Jahres Vormittags zwischen 9 und 10 Uhr in seiner Wohnung in Bingenheim gefallen sein. Dem Angeklagten war es möglich, nachzuweisen, daß er zwar an dem Tage in Bingenheim bei Lahm war, daß er aber dort zwischen 7 und 8 Uhr geweilt habe und um 8 Uhr 18 Minuten schon wieder im Zuge gesessen habe, der von Gettenau nach Nidda fuhr. Der Staatsanwalt beantragte selbst die Freisprechung, da man auf die Aussage des einen Zeugen allein, der unter Eid es mit der Wahrheit betreffs der Zeit nicht genau genommen habe, eine Verurteilung nicht gründen könne.— Dem rachsüchtigen Denunzianten hätte noch eine exemplarische Strafe wegen falscher Anschuldigung gehört. Wieseck. * Herr Pfarrer Hellwig scheint den Stock für das geeignetste Mittel zu halten, der Jugend die nötige christlich⸗religiöse Gesinnung beizubringen. Einen seiner Schüler prügelte er nämlich am vorigen Freitag während der Religiousstunde dermaßen durch, daß an dem Körper des 14 jährigen Jungen die Spuren dieser„Behandlung“ tagelang sichtbar waren, quer über den Kopf zog eine bein ahe finger⸗ dicke, blutunterlaufene Schwiele. Nach uns gewordenen Mitteilungen soll noch nicht ein mal hinreichender Grund für diese Züchtigung vor⸗ handen gewesen sein. Sicher läßt das Betragen der 14 jährigen Bueschen viel zu wünschen übrig; niemals darf aber eine Züchtigung zu Miß⸗ handlung ausarten. Deun die Eltern, die mit Mühe und Not ihr Kind soweit brachten, haben doch den größten Schaden davon, wenn ihm durch die Prügel auf den Kopf vielleicht zeit⸗ lebens körperliche Mängel anhaften. Drum sollte der Herr Pastor etwas vorsichtiger mit dem Stocke hantieren, wenn er iha in seinem Amte nun absolut nicht entbehren zu können glaubt. In Trohe sprach am Sonntag Genosse Vetters in einer öffentlichen Versammlung über die Belastung des Volkes und zwar gerade des ärmsten durch die indirekten Steuern und den von den Jun⸗ kern in Gestalt der Erhöhung der Getreidezölle geplanten neuen Raubzug. Die Ausführungen unseres Genossen, der auch die Verderblichkeit der Kolonial⸗ und Chinapolitik für das Volk darlegte, fanden allseitige und lebhafte Zustim⸗ mung. Der Besuch der Ve sammlung hätte etwas besser sein können; der Kampf gegen den Brotwucher muß auf bas energesch te geführt werden! 17 das it. Geld es. g mit 5 N. b urg abe nan bele Die Militäl den Rekrllte brauchen u werden. . Geg pom deutsch Getränke Saalbau e Dr. Coll. mäßigen A J Vteressante jprrach dar Akoholgen fand Her! 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Seite 5. Aus dem Kreise Friedberg. J. Handel in der Kaserne. Einige gerückt sind, stellen sich in der Regel Händler in der Kaserne ein, um für teures Geld vatrio⸗ lische Bilder, Bücher und ähnliche schöne Sachen zu verkaufen. Vielfach assistieren dabei die Unteroffiziere, wodurch die Soldaten eher zum Kauf verenlaßt werden. Wer kein Geld hat, den überredet mau, ratenweise abzuzahlen und sich die Beträge am Löhnungstage abziehen zu laͤssen. Mitunter geschieht das wenig freiwillig. So klagt ein Soldat seinen hiesigen Angehörigen: „.. Ich habe gleich nach dem Einrücken in der Dummheit ein Armee-Album bestellt, das ist jetzt angekommen und ich habe kein Geld es zu bezahlen. Seid so gut und schickt mir 5 Mk., sonst wird es mir an der Löh— nung abgezogen und die paar Pfennige, die man bekommt, braucht man so notwendig.. Die Militärverwaltung sollte dafür sorgen, daß den Rekruten nicht derartige Dinge, die sie nicht brauchen und bezahlen können, aufgenötigt werden. l. Gegen den Alkohol. Veranstaltet vom deutschen Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke fand am Sonntag im Friedberger Saalbau eine Versammlung statt, in der Herr Dr. Collatz aus Darmstadt über deu über⸗ mäßigen Alkoholgenuß und seine Folgen einen interessanten Vortrag hielt. In der Diskussion sprach dann Herr Pfarrer König über den Alkoholgenuß auf dem Lande und im weiteren fand Herr Dr. med. Weckerling treffliche Worte über die soziale Not und das Elend, wodurch viele Männer dem Alkoholismus in die Arme getrieben würden. Im weiteren be— dauerte er, daß die Sozialdemokratie, die doch in der Regel das Richtige getroffen habe, in Mainz diese Frage als etwas unwichtiges be— hanbelt habe. Hierauf ergriff unsererseits Gen. Busold das Wort, die Stellungnahme der So— zialdemokratie verteidigend. Die Sozialdemo⸗— kratie wisse sehr wohl, welche Gefahr in dem übermäßigen Alkoholgenuß unserem Volke drohe. Ja wir könnten behaupten, daß der Alkohol als einer unserer größten Feinde von uns mit am Entschiedensten bekämpft werde, wenngleich der Schnapsteufel in den von der Sozialdemo⸗ kratie stärker durchsetzten Gegenden weniger Verheerungen anrichtet. Will mau aber einem Uebel mit Erfolg begegnen, muß man seine Ursache beseitigen. Und die Ursachen, die namentlich den minderbemittelten Teil der Be⸗ völkerung zum Schnapsgenuß treibt, suche unsere Partei zu beseitigen. Dabei sollten uns die Alkoholgegner unterstützen! Redner schilderte dann das Wohnungselend in der Stadt und auf dem Lande, die Ställen vergleichbaren, sogenannten Wohnungen in den Ziegeleien, die lange Arbeitszeit und Ueberarbeit, die teuren Eisenbahnfahrpreise, die viele in der Stadt beschästigten, aber auf dem Lande wohnenden Arbeiter zwingen, ihrer Familie wochenlang fern zu bleiben. Redner kam noch auf das mangelhafte Koalitionsrecht, besonders der länd— lichen Arbeiter zu sprechen, ferner auf die Un⸗ zulänglichkeit des Lohnes, der jetzt noch durch höhere Brotpreise infolge der Getreidezölle ver— kürzt werden sollte.„Die Getreidezölle, wenn sie in Kraft treten, werden mehr Trinker schaffen als Sie mit ihren Bestrebungen dem Alkohol abwendig machen, helfen sie mit und erhebeu sie mit uns Protest egen diese volksverderbende Politik.“ Reicher Beifall folgte diesen Worten von Seiten der ganzen Versammlung. In der weiteren Diskussion wurde den Ausführungen des Ge— nossen Busold allseitig zugesrimmt. Nur Herr Pfarrer Dr. Weiffenbach konnte es sich nicht bversagen, Busold entgegenzutreten und meinte, die Getreidezölle seien eine politische Frage und gehörten nicht hierher, gleichzeitig wetterte er gegen die vielen Wirtschaften, gegen die vielen Vereine und deren Lustbarkeiten, wohl nicht bedenkend, daß gerade der hiesige evangelische Arheiterverein, unter Aufsicht der Pfarrer, nachweislich die meisten Vergnügen abhält. Auch in dem zu frühen Heiraten der unteren Stände fand er ein Haar. Wie stark er sich über die Ausführungen des Genossen Busold aufgeregt hatte, gigg aus der nochmaligen Aeußerung hervor:„Wir sind hier in keiner sozialen Versammlung.“ Hier konnte er jeden⸗ falls sozial und sozialdemokratisch nicht von einanderhalten. Unserseits ergriff noch Genosse Repp das Wort, um dem gelehrten Herrn Professor auseinander zu setzen, was politische, wirtschaftliche und soziale Fragen sind. Das Christentum habe sich fast immer unfähig gezeigt, soziale Schäden zu heilen; mit dem Christentum führe der christliche Staat den Fusel in die afrikanischen Kolonien ein. Schließlich forderte auch dieser Redner unter Beifall zum nachdrück— lichen Protest gegen die Getreidezölle auf. Nachdem noch ein Seminarlehrer über den Alkoholgenuß unter den Studenten und Schü⸗ lern und ein Taubstummenlehrer einen unver⸗ ständlichen, fast humoristischen Vortrag über Menschenfresserei oder so etwas ähnliches ge— halten hatte, wurde die Versammlung, indem man vom Vorstandstische aus den Ausfüh⸗ rungen unserer Genossen zustimmte, geschlossen. Der Herr Pfarrer hatte sich vorher zurückge⸗ zogen. Fürwahr eine eigenartige Protestver⸗ sammlung gegen die Getreidezölle! Bad Nauheim. u. Wo ist die Baupolizei? So kann man rufen, wenn man sich den Neubau Villa „Rheingold“ einmal betrachtet. Ueberall zeigt er bedenkliche Risse. Viele Sandsteine und Fensterbänke sind schon gebrochen und es ist geradezu ein Wunder zu nennen, daß er bis jetzt noch steht. Und dennoch wird ruhig weiter daran gearbeitet, bis— vielleicht so und soviel Mann unter den Trümmern liegen. Jedenfalls könnte die Baupolizei sich einmal für dieses Rheingold interessieren. Aus Wetzlar. Achtung Geuossen! Zur Verteilung von Fluablättern gegen den Brotwucher wollen sich die Genossen bei mir melden. A. Fauth, Sophienstraße 26. —t. Kapitalistenprofit und Arbeits⸗ löhne. Der Aufsichtsrat der Buderus'schen Eisenwerke beschloß kürzlich, der Generalver- sammlung eine Dividende von neun Prozent vorzuschlagen. Und dies trotz ganz enormer Abschreibungen. Der Reingewinn beträgt 645891 Mk. Man sieht, das Geschäft war außerordentlich günstig— für die Aktionäre. Leider haben die Arbeiter nichts davon. Wie wir schon neulich berichteten, fanden im Gegen- teil Lohnreduktionen statt. Auch sonst sucht man überall die Löhne zu schmälern. So wurden bisher den Arbeitern, die Sonntags Doppelschicht hatten, eine Prämie in der Höhe eines Schichtloznes ausbezahlt. Diese Prämie entzog man den Arbeitern ohne Weiteres; es hat bereits eine Schicht und zwar die unter der Führung eines muckerischen Meisters befindliche, zu den verschlechterten Bedingungen gearbeitet. jedoch die zweite Schicht erklärte am Sonntag, sie würde keine Doppelschicht machen, wenn sie nicht dieselben Lohne wie früher erhalte. Sie blieben auch trotz der Drohungen des erst kürz⸗ lich aus Schlesien hierher gekommenen Verwal- ters Debus dabei und legten am Sonntag Abend 6 Uhr die Arbeit nieder. Erst dem Di⸗ rektor Jantzen gelang es durch das Versprechen, daß die Prämie vom 1. April wieder auf 6 Monate ausgezahlt werden solle, die Leute zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Wür⸗ den sich die Arbeiter zusammenschließen, könnten sie natürlich dieser kapitalistischen Willkür viel wirksamer entgegentreteu. Der Mörder des RNittmeisters Krosiak ist noch nicht entdeckt. Allerdings waren schon eine ganze Anzahl Unteroffiziere als des Mordes verdächtig festgenommen, mußten aber zumeist wieder entlassen werden. Einer der zuletzt Verhafteten, der Unteroffizier Merten, ent⸗ floh am Dienstag aus dem Untersuchungs⸗ gefängnis. Er rief unter einem Vorwand zwei Aufseher in seine Zelle, eilte hinaus und schlug die Thür zu. Sofort ausgesaudte Patrouillen fanden keine Spur von dem Flüchtigen, erst am Donnerstag wurde er wieder ergriffen. Aus dem Wahlkreis Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 14. März 1901. Zum Krüppel geworden. Wie s. 3. auch in diesem Blatte mitgeteilt wurde, stärzte im vergangenen Herbste ein hiesiger Einwohner mit seinem Söhnchen im Walde oberhalb der Militärschießstände in einen alten, nicht mehr benutzten Steinbruch. Der Mann hatte sich in der Dunkelheit verirrt und war einem Fuß⸗ pfade nachgegangen, welcher nach jenem Stein⸗ bruch führte und, da am Rande des Abgrundes keinerlei Schutzvorrichtung angebracht war, in diesen hinabgestürzt, wo beide schwerverletzt bis gegen Mitternacht liegen. Unter vielen Mühen und Schmerzen gelang es ihnen endlich, sich bis nach der chirurgischen Klinik zu schleppen, wo ihnen die erste Hilfe zuteil wurde. Vor einigen Tagen wurde nun der Mann— als Krüppel— wieder entlassen, denn der rechte Arm ist ihm vollständig gelähmt. Er hat na⸗ türlich gegen den Fiskus eine Schadenersatzklage angestrengt und wünschen wir ihm, daß dieselbe erfolgreich sein möge.— Bemerkenswert ist noch, daß nach dem Unglücksfall eine Schutz⸗ vorrichtung an jener gefährlichen Stelle ange⸗ bracht worden ist. — Ein netter Herbergswirt scheint der Gastwirt Georg Hermann VI. in Nie⸗ der weid bach zu sein. Zu demselben war am 15. Dezember v. J. ein reisender Hand⸗ werksbursche gekommen, um zu übernachten. Der Wirt wies ihn aber hinaus. Der Hand⸗ werksbursche, müde und hungrig wie er war, setzte sich nun auf die Haustreppe, von wo ihn aber der Wirt ebenfalls vertrieb und ihm außer⸗ dem drohte, ihn mit einem Knüttel totzuschlagen. Der Handwerksbursche ging nun zum Bürger⸗ meister und erstattete Anzeige. Dieser stellte fest, daß der Reisende noch 45 Pfg. bei sich hatte, wofür ihn dann der andere Wirt des Dorfes aufnahm. Hermann wurde auf Grund eines alten Polizeistraf⸗Gesetzes zu 6 Mk. Strafe verurteilt, wogegen er gerichtliche Entscheidun beantragte. Das Schöffengericht zu Gladenba bestätigte indessen die Strafe. Am vergangenen Dienstag wurde nun die Sache, nachdem H. Berufung eingelegt, vor hiesiger Strafkammer berhandelt. Der Wirt machte geltend, der Reisende sei sehr abgerissen gewesen und hätte er befürchtet, derselbe würde ihm Ungeziefer ins Haus bringen. Er habe zwar nicht fest⸗ gestellt, daß jener 45 Pfg. bei sich gehabt habe, er hätte ihn aber auch nicht hierfür behalten können, denn sein geringster Satz sei 50 Pfg. Außerdem logierten bei ihm bessere Gäste, z. B. Jagdpächter aus Gießen ꝛe. Durch das Zeug⸗ nis des Bürgermeisters Schmidt werden diese Einwendungen entkräftet. Dem Angeklagten sei bekannt gewesen, daß die Gemeinde, falls das Geld der reisenden Handwerker nicht reiche, für das Manko aufkomme, nur damit die Rei⸗ senden nicht fortgewiesen zu werden brauchten. Er(Bürgerm.) habe aber mit dem Angeklagten wegen des Fortschickens von Reisenden schon immer Scherereien gehabt. Auch das Zeugnis der Dienstmagd des Angeklagten, nach welchem der Handwerksbursche zerrissene Stiefelsohlen gehabt habe, nützte ihm nichts, es blieb bei der Volizeistrafe. In den Gründen wurde betont, daß in der Konzessionserteilung zugleich die Erwartung ausgedrückt sei, daß nun auch die Gastwirte der damit verbundenen Herbergs— verpflichtung nachkämen. Versammlungs⸗ Kalender. Samstag, den 16. März. Marburg. Parteiversammlung Abends 8 ½ Uhr bei D. Jesberg Gießen. Sozialdem Wahlverein. Ver samm⸗ lung bei Orbig nach dem öffeutl. Vortrage. Sonntag, den 17. März. Gießen. Märzfeier im Lokale Orbig, Abends 8 Uhr. Montag, den 18. März. Gieszen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Tapezierer. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Briefkasten. G. S. Leihgestern. Nächste Nummer. Besten Dank. Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. i 7 A CE ee „ Unterhaltungs-CTeil. ——— A 90 90 MNarzklange. Das braust und klingt wie Frühlingswehen! Es ist der laute Gruß des März! Könnt Ihr die Klänge noch verstehen Klopft Euch nicht stürmisch noch das Herz? Es tönt in diesen Klängen wieder Die Seit voll Leben, Sturm und Drang, Die alten kühnen Freiheitslieder, Die einst das Volk im Märze sang. Das war ein kampfesfrohes Singen Bei Trommelschlag und Fahnenwehn! Das war ein Hoffen, Werben, Bingen, Das war ein Frühling reich und schön! Ein Ringen nach den höchsten Sielen, Dem er die Schwerterweihe gab, Bis seine weißen Blüten fielen Auf der gefallenen Kämpfer Grab. Und sind schon längst verweht die Klänge, Der junge März erneut sie doch; Und hört sie nicht das Ohr der Menge, Der Freund der Freiheit hört sie noch. Wohl ist es nur ein leises Mahnen Und nicht ein heller Weckruf mehr, Wohl zieht auf dieses Frühlings Bahnen Die junge Freiheit nicht daher. Doch wenn der Klang Dein Ohr getroffen, Des Märzes siegesfroher Klang. Erwacht mit frischer Glut Dein Hoffen: Einst tönt der neuen Freiheit Sang. 1848. Märztage in Wien. (Aus dem„Wahren Jacob“.) Die Leibeigenschaft war gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Oesterreich abgestreift worden; noch gegen die Mitte des 19. drückten die Splitter des Joches garstig, doch als muster— haft erzogenes Lasttier trug sie der Bauer mit Geduld. Daß es einen Staat gab, merkte er daraus, daß seine blanken Gulden in die Steuer⸗ kasse, seme Söhne in die Kaserne abgeliefert werden mußten. Und wollte ihm beim Anblick sauler Pfaffen und schlemmender Edelleute der rote Zorn ins Gesicht steigen, so bändigte ihn auch gleich die Ehrfurcht vor dem„Koasa“. Abgesperrt nach außen durch Zöllnerschwärme genoß die Monarchie im Junern schwarzgelbe Ruhe. Gendarmen und Schreiber erhielten sie „aufrecht“ und wachten, daß fortgewurstelt wurde. Hans Kublich, der vielgenannte Acht⸗ undvierziger, war 1841 Student und wünschte in den Ferien zu Fuß von Wien nach seiner Provinz zu pilgern. Ob er nicht ein wenig von der im Passe festgesetzten Route abweichen dürfe, fragte er.„Was fallt Ihnen ein?“ ward er angeschnauzt,„glaubens denn, das Kaiserreich ist so ein Taubenhaus, wo a Jeder herumlaufen kann, wie er mag?“ Da Kublich die kleine Aenderung sich gleichwohl gestattete und dabei ertappt ward, fehlte nur wenig und man hätte ihn auf dem Schub zurück nach Wien transportiert. Wie diese Grundsätze der Ordnung dem Verkehr zu statten kamen, ist leicht zu ermessen. Versuche, politisch zu denken, führten in den Kerker; der Geist der Oeffent— lichkeit war verboten. Tanzen und mustzieren mochten die Uuterthanen, fleißig zu Posse und Rührstück und Oper rennen, sich ob dem Thea⸗ ter erhitzen— das lenkte ab vom Raisonnieren. Auch erwas Liederlichkeit ward gerne gesehen. Schöngeister, läppischer Schwatz fuͤllte die Blät⸗ ter. Kein unerschrockenes Wort— die Zensur⸗ scheere zwickte es weg. War eier,„dem's am Herzen fraß“, so mußte er über die Grenze mit seinen Beschwerden, im Ausland einen Drucker dafür suchen und sehr, sehr vorsichtig sein, um nicht in die Krallen der Polizei zu geraten. Poeten, sofern sie nicht harmlos pfei⸗ fende Stubenvögel waren, erfuhren Mißliches; Lenau klagte bitter über die„legalisierten Be⸗ stien“, welche durch brutale Auslegung brutale Gesetze verschärfen. Jüngere Autoren schweiften in die Fremde; Leipzig beherbergte ihrer eine ganze Kolonie und von der„alten Seestadt“ aus wurden Broschüren und Bücher die Menge in die Heimat eingeschwärzt. Die breiten un⸗ teren Schichten hatten nichts davon, die Litte⸗ ratur ging über ihre Köpfe hinweg; die intelli⸗ genteren Kreise aber verschlangen gierig die verpönten Schriften, und passionierte heimliche Leser gab es selbst unter dem Beamtenstand viele. Fort war der Glaube an die alte Staatsweisheit— sie grinste zu verlogen und verwahrlost. Die morschen Pfeiler mußten bei dem erster Anstoß bersten, es fühltens alle Klugen; aber wer rannte an? Man ist doch nicht umsonst klug. Und obendrein war man zu schlaff und träg, zu sehr auch unbeholfenes Kind. . ** Einen Einsturz brachte der Lenz den Wie⸗ nern, den Zusammenbruch eines entkräf⸗ teten Regiments, und blitzschnell sprang die Revolution herzu, an welche niemand ge⸗ dacht. Freilich, als die ersten Donner in der Ferne grollten, da hatte Siegfried Kapper feurige Strophen geschrieben von der roten Rose, die er auf den Hut sich stecke, jetzt, da verheißende Zeichen leuchten: Die zeigten's uns, wie man's beginne, Die auf Palermos blutger Zinne Der Lust der Freiheit waren inne; Die in Milano machten's nach. Die in Paris, die alten Meister, Die wachten auf, die Juli⸗Geister, Ein Trugwerk ging aus Leim und Kleister, Bald folgten auch die andern nach. Wohin mein Auge sich auch wendet, Von Morgenschimmer wird's geblendet; Wer glaubt jetzt nicht, daß bald geendet Die alte Pestuacht fern und nah? Die ersten Lerchen hör ich schlagen, Die ersten Lichter seh ich tagen, Bald werdens auch die andern wagen, Dann— in excelsis gloria? Nur blieb die Dichtung, weil zu meuterifch klingend, vorerst im Pult, und die amtliche Wiener Zeitung bellte, auf die Pariser Kata⸗ strophe weisend, den heiseren Satz, das Heil der Regierten beruhe einzig auf dem festen Anschluß an die Regie ungen. Nur schade, daß just oben die Festigkeit in diesem Momente zweifelhaft ward, die ehr— würdigsten Nägel urplötzlich locker saßen. Auf dem Throue saß der wunderliche Fer— dinand; er war der Kaiser, und Meister war der Haus-, Hof- und Staatskanzler Metternich, der unsaubere Hort der europäischeu Reaktion. Noch immer am Unsegen der Völker arbeitend, stand er mit seinem falschen Lächeln am Ruder, doch fehlte die frühere Zuversicht. Die volle Gewalt war nicht mehr sein, er hatte sie zu teilen. In den allerhöchsten Gemächern ward gegen ihn gewühlt, und vornehmlich war es die Erzherzogin Sophie, nach deren Ansicht seine Kunst und seine Kraft verbraucht war. Die Dame sägte längst an den Beinen des Kanzlerfauteuils; man sollte die Peitsche schnei— diger führen, meinte sie. Metternich setzte da— mals dem Grafen Hübner auseinander, er wisse wohl, daß„etwas“ geschehen sollte; aber es halte schwer, bei einem alten Bau die Mauern zu durchbrechen, neue Fenster und Thüren zu öffnen, Veränderungen im Innern vorzunehmen. Einfältige begriffen nicht, daß alles neu zu machen sei. Wären seine Vorschläge einstmals gewürdigt worden, es ließen vielleicht die Gefahren sich bewältigen:„Jetzt ein Re⸗ formwerk beginnen, ist unmöglich. Wir können nur die Segel reffen, um je nach Umständen zu steuern. Aber, dies merken Sie sich, mein Rücktritt ist gleichbedeutend mit Revolution.“ Der ahnungsvolle Haus-, Hof- und Staats⸗ Engel hatte Nase, nur nicht genug, er witterte just das Rechte nicht. Die Katastrophe kam, weil er nicht weichen mochte, mit seinem Ab⸗ gang säumte; sie schaute nicht auf seine Kanzlei⸗ Uhr.(Schluß folgt.) Bauernehre. Von Georges de Lys. Autorisierte Uebersetzeng von Wilhelm Thal. 15 Mit sonnverbrannter Stirn, das Käppi schräg auf dem kurzgeschnittenen Haare, stand der Soldat Jean Drevon auf dem Perron der Station und betrachtete mit dem gutmütigen Lächeln der Dankbarkeit die Gegend. Hinter ihm setzte sich der Zug in Beweg⸗ ung; auf das heisere, mühselige und langsame Keuchen folgte ein betäubendes Rollen, das über die Schienen rasselte und sich in einem undeutlichen Lärme, flüchtig wie das Echo einer Erinnerung, verlor. Drevon gab sein Billet dem Beamten, ging durch die Glasthür uad betrat den Kreuzweg unter dem Hochwalde von Renardiere. Die Vergangenheit lebte wieder bei der Eigentüm⸗ lichkeit des Weges, auf den sein Blick traf, auf, und von neuem erwachte seine Erinnerung. Hier hatte er auf seinen ersten Hasen geschossen und ihn— welch ein Triumph!— auch glück⸗ lich erlegt. Er warf einen wohlgefälligen Blick auf das gelbe, grün eingefaßte Band, an dessen Ende sich glitzernd die Militärmedaille schaukelte. Mit aufgeknöpftem Mantel sog er tief die heimatliche Luft ein, während ein frischer Wind durch die Stämme heulte. Neben ihm floß ein kleines Bächlein dahin, und dieses Rauschen führte seine Gedanken auf den Zeitpunkt zurück, als er seinen Hauptmann vor sechs Monaten vor dem Ertrinken gerettet— o, er hatte sich seine Medaille wohl verdient. Jean Drevon sah bald den väterlichen Pacht⸗ hof am Ende einer Wiese sich abzeichnen; noch ein paar Schritte, und der Anblick eines Daches zieht eine Falte in seine Stirn, während über seine Lippen ein Lächeln huscht. N 5 Mit kräftiger Hand hat er die Thür geöffnet, die die Hecke vom Eingang trennt. Er tritt in den Hof mit deu grob gepflasterten Steinen. Die Magd, die den Schweinen das Futter bringt, bemerkt ihn, dreht sich halb um und ruft:„Ein Soldat, Bäuerin!“ Die Mutter Drevon erscheint auf der Thür⸗ schwelle und trocknet an ihren Schürze die von Kleie und Kartoffeln schmutzigen Häude ab; sie zittert, ihre Mutteraugen täuschten ste nicht; er ist's, ja er ist's!„Mein Janet, mein Junge 5 Nach langer Umarmung trit sie zurück, be⸗ trachtet ihn mit langem Blicke und sagt be⸗ wundernd:„Wie schön, wie stark und braun Du aussiehst!“ „Ach ja,“ versetzte der Soldat,„die Sonne ist dort unten heiß. Als Junge bin ich folt⸗ gezogen, doch als Mann komme ich wieder.“ Inzwischen hat sie ihn in die Stube geführk, den Tisch abgewischt und eine Flasche Wein, ein Glas, eine Schnitte Schinken und das große Schwarzbrot darauf gestellt, aus dem man so schöne große Stücke schueiden kann; und während Jean mit kräftigem Appetit, den die Reise und die heimatliche Luft noch ver⸗ mehrt, speist, fragt ihn die Mutter, ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen, erzählt ihm von der Familie und der Ernte und spricht, spricht immer weiter, während sie ihm dabei sein Glas üllt. f„Und der Vater?“ fragt der Soldat, wäh⸗ rend er sich mit einer Bewegung der Befriedi⸗ gung mit dem Handrücken den Schnurrbart abtrocknet. „Er arbeitet in Catelière, geh' zu ihm, mein Junge, er wird sich freuen, Dich zu sehen.“ Jean erhob sich und verließ das Zimmer, während der glückliche Blick der Mutter ihm folgte. I. Just Drevon, der Vater, war ein großer, alter Mann, knochig und trocken, den nur die Feldarbeit ein wenig gebeugt hatte. Ein grauer Bart rahmte den untern Teil des Gesichts ein und verband sich mit den fast weißen Haaren. Schon aus der Ferne bemerkte er den Soldaten, doch er achtete nicht auf ihn, sondern war nur damit beschäftigt, seine Ochsen anzutreiben, Bun er selbst mit aller Kraft auf den Pflug rückte. 4 1 ö 4 1 1 Gespann zu. 0 Bo fel in schwe Furche grub lend die —.—— „in tüchti letzte Mal licht.“ Ic he kauft, er he Gegend ber „Die Bi „Es ist Katherine! die Eltern wo man u fortgezogen „Die K „Nun; hat nicht Kleinen ist sonst hätle wieder gut so hat dog könnte sein 1 die Schürze Leute in de 1 machen wit Fan m ö —— 1 zu und ful „Denn 10 „ate bor zwei; 1„Later, bealkend,, 110* lartinatag Just bet 1 ate. ente Stin Zeichen de 1 die Ehre 9 , sch das Angel * 0 D. 1 Lück, sch; e 1 1 zu. . Die p. f 1. chen d arr und be 9 die sie erst ö legt das 9 9 608 de 1„Frau“ b 5 früh 5 „Was 0 Augekömm rwi * i schräg bal 0 und liegen und betrachtete seinen Sohn. hast ja die Medaille,“ sagte er nach einer Pause, 0 0 und zwei große Thränen furchten seine sonn⸗ 1 1 N . on der, mütigeg 0 „Vene, langsam lea, daß An einem cho einer ben, gin sreuzweg elt. Dit igentüg traf, auß, iunerung. geschosse uch glück t auf das sen Ende schaukelte, tief die cher Wind ihm floß Rauschen kt zurücz, Monaten hatte sich yen Pacht⸗ nen; noch 8 Daches rend über r geöffnet, Er tritt 1 Steinen. ue Fulter um und er Thür⸗ e die bol de ab; si licht; el Junge!“ rü, be sagt be ie Sonse ich foit hieder.“ 9e geführ, che Well, und das aus dem kann dell dab, ui i Beftiell nurrbotl Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. „Vater!“ rief Jean. Der Alte drehte sich um, ließ Alles stehen Du 75 verbrannten Wangen.„Du hast die Medaille!“ wiederholte er. Seine zitternden Hände schüt⸗ telten die seines Sohnes und das ganze Herz des Vaters lag in diesem Händedruck. „Ja, Vater, und außerdem ein Loch in der Haut. Heute habe ich meinen Abschied und kehre zu unsern Feldern zurück.“ „Du wirst nicht zuviel sein; so kräftig ich auch bin, so genüge ich doch für unser Gut nicht mehr; diese gefräßige Erde verschlingt uns, bevor sie uns ernährt. Zwei Arme, wie die Deinigen, mein Sohn, werden besser auf den Pflug drücken.“ „Nun gut, laß sehen, ob ich mich noch dar— auf verstehe,“ versetzte der junge Mann fröhlich, entledigte sich seiner Tunika und ging auf das Gespann zu. Er schnalzte mit der Zunge und die Ochsen setzten sich in Bewegung. Die Erde siel in schweren Klumpen um sie herum; die Furche grub sich in langer, tiefer Linie, wäh⸗ rend die Ochsen kräftig und geduldig zogen. „Ein tüchtiges Gespann, Vater; als ich das 1 5 Mal auf Urlaub kam, hattest Du es noch nicht.“ „Ich habe es dem Nachbar Brichet abge⸗ kauft, er hat es mir billig gelassen, als er die Gegend verließ.“ „Die Brichets sind nicht mehr in Sangris?“ „Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, ihre Katherine hat sich verführen lassen. Da wollten die Eltern nicht länger in einer Gegend bleiben, wo man mit Fingern auf sie deutete, und sind fortgezogen.“ „Die Katherine?“ „Nun ja... und das Schlimmste ist, sie hat nicht sagen wollen, wer der Vater ihres Kleinen ist. Sicherlich ein Taugenichts, denn sonst hätte er wohl Alles durch die Hochzeit wieder gut gemacht. Wenn auch nicht reich, so hat doch der Vater Brichet Vermögen und könnte seiner Tochter einen Sack Thaler in die Schürze schütten, die sie für alle jungen Leute in der Gegend zu einer passenden Partie machen würde.“ Jean war blaß geworden, er hörte bestürzt zu und fuhr endlich mühsam fort:„Wann ist denn das Kind zur Welt gekommen?“ „Warte einmal... kurz nach der Ernte, 11 55 vor zwei Jahren...“ ind bral „Vater,“ murmelte der Soldat, den Kopf senkend,„vor drei Jahren war ich am Sankt Martinstage hier.“ Just betrachtete seinen Sohn, und es herrschte ein tiefes Schweigen. Endlich erhob sich die ernste Stimme des Vaters:„Du trägst das Zeichen der Ehre auf der Brust, thue, was die Ehre Dir befiehlt.“ Es schlug Mittag, die Dorfglocke stimmte das Angelus an. Die Drevons kehrten nach dem Pachthof zurück, schirrten die Ochsen ab, und gaben ihnen Futter; dann setzten sie sich zu Tische, ohne ein Wort zu wechseln. Die Mutter Drevon beobachtete sie, während sie ihnen das Essen auftrug. Der Vater war starr und kalt, der Sohn machte ein sorgen⸗ schweres Gesicht. Die Rückkehr des Kindes, die ste erst so fröhlich gestimmt, bedrückte ihr jetzt das Herz mit unklarer Angst. Was war z wischen den beiden Männern nur vorgegangen? „Frau,“ sagte Just, sich erhebend,„lege die Sachen für den Jungen zurecht, er zieht morgen früh fort.“ 8 er ist doch erst „Was, er zieht fort angekomuen... Was hat er Dir denn gethan, Drevon?“ „Er wird wiederkommen, die Pflicht ruft ihn.“ Sie wollte ihn fragen, doch er befahl, auf die Dienstleute deutend:„Ruhe, schweig'!“ 11 III. „Er wird also Brichet's Katherine heiraten?“ 0 seufzte die Mutter Drevon, als ihr ihr Mann em Abend Alles mitgeteilt hatte. 1 1 l„Aber das it doch kein Mädchen für ihn, man sagt, sie seien ruiniert.“ ö 4 „Es muß sein“, versetzte der Alte,„er ist der Vater des Kindes.“ „Er will sich verheiraten, und Du erlaubst das, Drevon? So haben wir ihn für eine andere erzogen, die uns keinen Pfennig zu⸗ 5 und er hat uns doch soviel Geld ge⸗ kostet.“ „Schweig', Frau... Allerdings rechnete ich auf die Rückkehr des Jungen, um das Gut zu verbessern, aber soll ein Drevon etwa nicht seine Schulden bezahlen?... Das Wort sagt alles... siehst Du, ich werde ihm unser Gnt verpachten; er ist jung, kräftig und wird es schon hoch bringen... Sangris ist zu ver— pachten; o, ich werde alt, das genügt für meine Kraft.“ „So willst Du also für das große Gut das kleine eintauschen, und alles für die Katherine. Schämst Du Dich nicht, Drevon? Ich soll meinen Platz diesem Mädchen abtreten?“ „Dieses Mädchen ist unsere Schwiegertochter, da der Junge sie heiratet. Sein Sohn ist unser Enkel, also schweig', ich habe es so be— schlossen.“ Die Alte brummte noch ein bischen, doch Just, den der gefaßte Entschluß beruhigt, schlief bald stark und friedlich ein. Die Mutter Drevon, die stets gezwungen war, sich dem Willen ihres Mannes zu unterwerfen, dessen Charakter sie übrigens achtete, wurde schließlich gerührt bei dem Gedanken an ihren Jungen, den Janet, dem ihr geiziger Sinn immer noch ein bischen grollte.(Schluß folgt.) Rechtssprechung. Der Ausdruck„Pfaff“ eine Beleidi⸗ gung. Aus Traunstein wird gemeldet: Der Gastwirt Joseph Feichtner in Kirchensuhr hatte mit Bezug auf einen Hundeprozeß, der damit endete, daß der Expositus Vikar Johann Baptist Reisberger in Kirchensuhr vergleichs— weise eine Entschädigung bezahlte, geäußert: „Jetzt hat der Pfaff doch 30 Mark zahlen müssen!“ Im Prozesse selbst nanute er ihn einen Lügner und äußerte in zwei weiteren Fällen zu Dritten mit Bezug auf Reisberger: „Ich gehe später, bis dahin ist der Pfaff auch fort“; ferner bei einer anderen Gelegen⸗ heit:„Das ist die Frau Lehrer und das ist dem Pfaffen seine Köchin.“ Das Schöffen— gericht beim Amtsgerichte Wasserburg hatte den Angeklagten kostenlos freigesprochen mit der Begründung, der Ausdruck„Pfaff“ enthalte keine Beleidigung ꝛc., sei vielmehr gang und gäbe. Die Strafkammer hob das Urteil auf und verurteilte Feichtner wegen übler Nachrede und Beleidigung zu im Ganzen 30 Mark Geld⸗ strafe eventuell sechs Tage Gefängnis, die Kosten beider Instanzen und sprach dem Be⸗ leidigten die Publikationsbefugnis zu. Der Vorsitzende führt aus, daß die Bezeichnung „Pfaff“ zwar im Mittelalter durchaus keine Beleidigung enthalten habe, daß aber mit diesem Ausdruckheut zutage eine Miß⸗ achtung kundgegeben werde. Von Nah und Fern. Ein Pfarrer als Brandstifter. Vor dem Schwurgericht in Straßburg hatte sich vorige Woche der katholische Pfarrer Buhr aus Ottersthal wegen Brand⸗ stiftung zu verantworten. Buhr hatte mit einer gewissen Elise Horter in unerlaubten Beziehungen gestanden, sich jedoch mit ihr entzweit, weil sie im Dorfe von ihrem geschlecht⸗ lichen Verkehr mit dem Pfarrer erzählt hatte. Um sich zu rächen, zündete Buhr mit Pelroleum, das er in der Nacht vom 18. August 1900 an den Ort der That brachte, einen in unmittel⸗ barer Nähe des Pfarrhauses gelegenen, den Eheleuten Eugen Horter gehörigen Schuppen an in der Absicht, den Verdacht der Brandstiftung auf die Elise Horter zu lenken. Der teuflische Plan mißlang. Der Brand wurde rasch gelöscht, ohne daß dadurch erheblicher Schaden entstand. Die Elise Horter aber blieb von dem Verdachte, den Brand an— gelegt zu haben, bewahrt, da sie sich in der kritischen Nacht gar nicht in Ottersthal, sondern in der Nervenklinik in Straßburg befand. Der Verdacht, den Brand verursacht zu haben, lenkte sich vielmehr bald auf Pfarrer Buhr, nachdem man in dem Schuppen eine dem Buhr gehörige Petroleumflasche gefunden hatte. Buhr leugnete Anfangs, gestand jedoch bald darauf seine That ein. Das Geständnis war durch ein dem Untersuchungsrichter in die Hände ge⸗ fallenes Schreiben des Bistums Straßburg veranlaßt worden, das dem Buhr mitteilte, nach allem, was man von seinem Betragen in Bezug auf Sittlichkeit gehört und was er selbst eingestanden habe, könne er nicht mehr länger in der Seelsorge bleiben. Falls er in ein Kloster gehe, werde er nicht vor das geistliche Diözesan⸗Gericht gestellt werden. Als der Untersuchungsrichter Buhr das Schreiben vor— hielt, brach der Pfarrer zusammen und bekannte sich zu der That. Später nahm er dies Ge⸗ ständnis teilweise zurück und er wollte einen Unbekannten zu der That angestiftet haben. Heute verlegte er sich wieder aufs Leugnen und versicherte, er sei zur Zeit des Geständnisses nicht recht bei Sinnen gewesen. Das Geständ⸗ nis habe er nur abgelegt, um von dem Unter⸗ suchungsrichter nicht wieder belästigt zu werden. Ein psychiatrischer Sachverständiger der Kaiser⸗ Wilhelm⸗Universität konstatierte, daß der An⸗ geklagte, obwohl dessen Mutter wahnsinnig ge⸗ wesen sei, zurechnungsfähig sei und die angeb⸗ liche vorübergehende Geistesstörung nur simuliere. Die Geschworenen sprachen Buhr von dem Ver⸗ suche der Brandstiftung frei und erklärten ihn nur für schuldig, eine Sachbeschädigung verübt zu haben. Er habe nicht die Absicht gehabt, den Schuppen niederzubrennen, da er, sobald er gesehen habe, daß es brannte, seinen Onkel und seine Tante gerufen habe, um die Löschung des Feuers in die Wege zu leiten. Das Ur⸗ teil lautet auf ein Jahr Gefängnis. Lesefrüchte. Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen; diese springen umher und zünden da, wo sie sonst nicht gewirkt hätten. Goethe. ** * Das, weiß ich, ist Pflicht: wenn man die Wahrheit lehren will, muß man sie ganz lehren, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurück⸗ haltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit lehren. * Lessing. E Einen Zustand, den du selbst nicht erleiden willst, rufe auch nicht bei einem andern hervor! Du willst nicht Sklave sein, dulde also auch keine Sklaven um dich her! Wie sich der Ge⸗ sunde nicht von Kranken bedienen lassen mag, also erträgt es der Freie nicht, von Sklaven bedient zu werden oder mit Skaven umzugehen. . Philosoph, geh. 50 n. Chr. Den„Hund“ übertreffen in Hundenatur, Fürwahs, das kann der Mensch doch nur. Humoristisches. Beständigkeit. Erster Ehemann: Es heißt immer, die Frauen seien unbeständig; das könnte ich von der meinigen nicht sagen. Zweiter Ehemann: Wodurch zeigt sie ihre Be⸗ ständigkeit? Erst er Ehemann: Sie besteht ganz fest dar⸗ auf, daß ich ihr ein neues Frühjahrskostüm kaufe. Nur keine Politik. Märzensonne und Frühlingshauch Ei, das gefällt dem Philister auch, Hält nur die Polizei davon Fern die politische Demonstration. Alles neu. Im Märze sich der Frühling naht, Es schmilzt das Eis, es keimt die Saat; Es will die Natur sich erneuern— Der Miquel erfindet Steuern. Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Nr. 11. Tröffnung der Abteilung für Putz. Garnierte und ungarnierte Mädchen- und Damen⸗Hüte sowie alle modernen zum Putz gehörige Artikel. ten Fee ite aüf unsese Kchalfenste-Alsstelug! Gleichzeitig empfehlen zur Honsirimalium: Oberhemden von Mk. 1,75 an, Kragen von Serriteurs von 17 Pf. an, Crapatten voi Corsetts von 58 Pf. an, Tasch 15 Pf. an, Schürzen, Strümpfe, Tücher, Richard Loewenthal& CO. 12 Pf. au, Manschetten von 24 Pf. an, schwarze und farbige Handschuhe von 10 Pfg. an, entücher von 8 Pfg. an. Mützen ete. Bahnhofstr. Für Arbeiter und Landleute empfehle meiu reichhaltiges 1 0— Schuhwaren- Lager Honfirmandenstiefel in jeder Preislage und reicher Auswahl. 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