HS NN aS 8 8 — 8 8 — — — 5 8 —. N 8 — . 2 8 — 8 * — 8 2 Gießen, Sonntag, den 15. Dezember 1901. —. 8. Jahrg. 1 ö Nr. 50. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeuts che 2 MNedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 2 f 6. S . Abounuemeutspreis: die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Uusträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; sede Postanstalt und te Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluugen 1 Inserate 2 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Mut der Ueberzeugung. Daß die sozialdemokratische Bewegung in hen letzten Jahren ganz bedeutende Fortschritte semacht hat, bestreiten selbst unsere Gegner licht. Sowohl in der Breite, wie in der Tiefe sat der sozialistische Gedanke an Ausbreitung sewonnen. Nach der einen Richtung hin seweisen das die verschiedenen in der letzten geit stattgefundenen Wahlen, wodurch fast berall eine Steigerung unserer Wahlstimmen bnstatiert wurde, auf der andern Seite zeigt Ils ein Blick auf die sozialistische Litteratur ünschließlich unserer Tagespresse, daß die So⸗ aldemokratie über eine Fülle von geistiger kraft verfügt, wie sie keine andere Partei auch ur annähernd aufzuweisen hat. Viele objektiv irteilende Gegner haben rückhaltslos anerkannt, haß bei der sozialdemokratischen Presse das geistige und moralische Niveau ein bedeutend böheres ist, als bei der des Bürgertums. Mit echt wurden auf dem letzten Parteitage die kritiken Cal wers, der die sozialdemokratische Provinzpresse als schlecht geleitet hinstellte, urückgewiesen. Sicher ist, daß unser letztes brovinzblatt in Bezug auf den geistigen Wert nes Inhalts hoch über der bürgerlichen durchschnittspresse steht. Müssen wir so erfreuliche Fortschritte unserer zewegung konstatieren, so dürfen wir uns iderseits nicht verhehlen, daß es trotzdem viel schneller vorwärts gehen müßte. Gewiß, ie Entwickelung zur höheren Kultur braucht hre Zeit, sie macht keine Sprünge, läßt sich uch nicht mit Gewalt vorwärts treiben. Die ahrhunderte lang im Banne der Unwissenheit schaltenen Volkskreise lassen sich nicht in kurzer geit zu modernen Anschauungen bringen. Dazu hmmt noch, daß unsere Agitation durch Ent⸗ kellungen, Verdrehungen, Verleumdungen und ligen der Gegner erschwert wird. Wo es aber gar zu langsam vorwärts geht, uud zum guten Teile unsere Freunde— imentlich auf dem Lande— selbst schuld. die bethätigen vielfach ihre Ueber⸗ seugung nicht, verleugnen nicht selten ihre barteizugehörigkeit, halten mit ihrer politischen Leinung in der Oeffentlichkeit zurück. Es hl t sehr oft der Mut der Ueber zeugung! bir sagen damit nicht etwa, daß unsere Ge⸗ ussen bei jeder Gelegenheit großes Geschrei um ihrer Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie nachen sollen. Nein, in der Regel findet man gar, daß hinter den Leuten, die stets auf Heuem Markte verkünden:„Ich bin Sozial⸗ Amokrat!“ am allerwenigsten Ueberzeugungs⸗ tue steckt. Aber die Rücksichtnehmerei auf me mögliche Leute wird denn doch hier in userer Gegend entschieden übertrieben. Vor ukeln, Tanten, Vettern, dem Bürgermeister und dem Pfarrer und was sonst alles als nflußzreich“ im Orte gilt, glauben viele ihre Uberzeugung verbergen zu müssen. Ja, es ummt vor, daß angebliche Genossen ihre Partei⸗ litigkeit einschränken, oder ganz aufgeben zu nüssen glauben, wenn der Freund eines ent⸗ enten Verwandten von ihnen Aussicht hat, is Eisenbahn⸗Schaffner, Straßenwärter oder lust etwas in den„Staats“ dienst zu treten, Jan fürchtet, Jener könnte in seiner„Carriere“ Uchädigt werden, wenn es ruchbar wird, daß ein im soundsovielten Grade mit ihm Ver⸗ schwägerter zur f Sozialdemokratie schwört. Wie lächerlich! Einmal hat mit der Zeit auch in den Kreisen der höheren Staatsbeamten eine etwas freiere Auffassung in Bezug auf unsere Partei Platz gegriffen; wo aber Borniertheit und rückständiges Wesen die Befreiung der Befsttzlosen vermittelst des amtlichen Druckes niederzuhalten sucht, wird dieser Druck durch feiges Nachgeben unsererseits nur stärker. Und schließlich triumphiert die Reaktion! Gewiß, schon manchem soztaldemo⸗ kratischen Geschäftsmanne oder Handwerksmeister wurde von Behörden, rückständigen Kliquen., einflußreichen Personen, das Leben sauer ge⸗ macht. Sobald er aber seine Kundschaft redlich und ordentlich bedient und durch Wohlverhalten in jeder De bene sich Achtung erwirbt, wird er auch von dem Mächtigsten auf die Dauer nicht geschädigt werden können. Unsere Genossen müssen überall, wo es angebracht erscheint, mit Ruhe, Würde aber mit Entschiedenheit unsere Sache gegen Angriffe schmutziger und verleumderischer Gegner verteidigen. Niemals dürfen sie schweigen, wenn am Wirtshaustisch oder bei anderen Gelegen⸗ heiten unsere Partei heruntergerissen und ver⸗ dächtigt wird. Immer Farbe bekannt! Dabei auch Selbst⸗ kritik geübt! Stets das Wissen gesucht und die Kenntnisse erweitert, die Jugend belehrt und aufgeklärt! Unablässig gekämpft gegen Unverstand, Lüge, Verleumdung, Bosheit und Unterdrückung! Jeder unserer Parteigenossen muß den Mut haben für seine Ueberzeugung einzutreten, auch wenn er Nachteile dadurch hat, dann wird es mit unserer Bewegung schneller vorwärts gehen. Der Zolltarif im Neichs⸗ tage. Vorige ganze Woche verbrauchte der Reichstag mit der Beratung der anmaßenden agrarischen Forderungen, die Debatte ging sogar noch nicht zu Ende, sondern nahm noch diese Woche in Anspruch. Zu hitzigen Wortgefechten, wobei der agrarische Uebermut und die Junkerfrechheit unverhüllt zu tage trat, kam es am Donners⸗ tag. An diesem Tage wandte sich Bebel in einer großen Rede mit Leldenschaftlichkeit gegen den junkerlichen Brotwucher. Eingeleitet wurde die Debatte durch eine recht trockene und lang⸗ weilige Rede des Handelsministers Möller. Seine Ausführungen waren nach Migquel'schen Rezept zusammengebraut. Er sang der famosen Sammelpolitik ein Loblied. Industrie und Landwirtschaft sollen gemeinsam den Raubzug auf die Taschen des arbeitenden Volkes unter⸗ nehmen. Nach dem Minister sprach der Anti⸗ semit Dr. Vogel, der durch eine gründliche Entgleisung in seiner Bibelkenntnis eine nicht endenwollende, stürmtsche Heiterkeit entfesselte, wodurch er so aus dem Konzept kam, daß er abbrechen mußte.— Dann kam der bayrische Bauernbündler Nißler aus Dinkelsbühl. Das ist einer von den Leuten, die viel haben wollen, damit die Bauern soviel ausgeben I können, daß Handel und Industrie dadurch zur Blüte kommen. Dieses Vielbrauchen soll sich aber nur auf die Grundbesitzer beschränken, denn die Arbeiter und Dienstboten sollen fleißig, sparsam und sittlich sein. Für Arbeiter ist Genügsamkeit eine Tugend. Sehr scharf ging unser Genosse Bebel gegen die von Nißler vorgetragenen Grundsätze vor und wies nach, wie die Regierungen sich von dieser Sorte von Leuten zu den unglaub⸗ lichsten Maßnahmen verleiten lassen. Als Bei⸗ spiel griff er das Königreich Sachsen heraus, wo nur 14 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben und dessen Regierung einem Tarif zustimmt, wodurch die sehr zahlreiche arme Bevölkerung Sachsens auf das Schwerste getroffen wird. Freilich sei es in Sachsen kaum zu verwundern, denn während die Regierung fünf Millionen Mark zur Förberung landwirt⸗ schaftlicher Genossenschaften hergebe, schaffe man für die von Arbeitern gegründeten Konsum⸗ vereine eine Umsatzsteuer, wodurch den Arbeitern der größte Teil des Nutzens, den sie durch diese ed eee haben, wieder abgenommen wird. Unser Genosse führte dann eine Berechnung vor, nach welcher schon gegenwärtig die Lebensmittel um mehr als eine Milliarde verteuert werden, wovon zwar nur annähernd 200 Mtllionen in die Reichskasse, aber mehr als 800 Millionen den Grundbesitzern zufließen. Das sei auch der Grund, weshalb die Guts⸗ preise steigen und in einzelnen Gegenden geradezu eine schwindelhafte Höhe erreicht haben. Zu weiteren Steigerungen wolle die Regierung die Hand bieten und den Aermsten das Brot ver⸗ teuern. Dabei kümmere man sich nicht um die traurige Lage, in welcher sich die Arbeiter schon gegenwärtig befinden. Als Beispiel führte er eine Notiz aus einem katholischen Blatte an. Ein Lehrer schildert darin, wie er nach einer Beerdigung eines Schülers an die Kinder die Frage gerichtet hat, wer von ihnen auch be⸗ erdigt sein möge. Als sich dann ein Kind meldete und der Lehrer nach dem Grund fragte, antwortete es:„Weil ich dann nicht mehr zu hungern brauche.“ Da machte sich plötzlich der Graf Arnim bemerkbar, indem er rief:„Vielleicht hat der Vater Alles versoffen!“ Das war die echte Junkergesinnung, die hier zum Vor⸗ schein kam, die aber eine solche Flut von Ent⸗ rüstungsrufen hervorrief, wie sie im Reichstage wohl noch nicht gehört sind. Auch die Junker empfanden, daß dieses Zurschautragen der wahren Gesinnung ihrer Beutegier einen schlimmeren Stoß versetzt hatte, als die gepfeffertste Oppo⸗ sitionsrede. Bebel gab gleich seine Entrüstung in den schärfsten Ausdrücken zu erkennen. Graf Ballestrem rügte die Ausdrücke nicht. Erst nach Beendigung der Rede unseres Genossen erklärte er, daß er Bebel wegen der in Bezug auf den Grafen Aruim gebrauchten Ausdrücke „Infamie“ und„Gesinnungsroheit“ zur Ord⸗ nung rufe. Freilich müsse er auch bemerken, daß Graf Arnim durch seinen—„Zwischenruf“ unseren Genossen auf das Schwerste provoziert habe. In einer persönlichen Bemerkung wollte Graf Arnim die Sache drehen und dem Hause glauben machen, er habe nur gefragt, ob der Vater des Kindes ein Säufer sei. Aber mit dieser„Deutung“ hatte er auch kein Glück, . Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. „ 6 indem Ballestrem auf Grund des Stenogramms feststellte, daß der Ausruf so gelautet habe, wie er gerügt sei. Große Erregung hatte sich in⸗ folge dieser Szene des ganzen Hauses bemächtigt. 36 717 7 Unruhe herrschte, während der fol⸗ gende Redner, Minister v. Rheinbaben eine lange Vorlesung statistischen Materials hielt, womit er die Notwendigkeit der Wucherzölle beweisen wollte. Seine Rede ging aber in dem Lärm unter. Auch der sächsische Minister v. Metzsch, der einzelne Stellen der Ausführungen Bebels zu widerlegen suchte, hatte damit wenig Erfolg, obwohl er etwas ruhiger angehört wurde, als sein Vorredner.— Der Sozialdemokratie ver⸗ blieb an diesem Tage der moralische Sieg. Viel ruhiger als am Donnerstag floß am Freitag die Debatte dahin. Eine lange Rede des bayerischen Zentrums⸗ abgeordneten Speck leitete die Verhandlungen dieses Tages ein. Herr Speck ist Zollbeamter, er hat sich von Berufswegen mit der Erhebung der Zölle zu befassen und die Liebe zu seinem Berufe scheint er auch aufs politische Gebiet zu übertragen. Er hielt eine recht agrarisch gefärbte Rede, sprach sich durchaus für die hohen Zollsätze des Tarifs aus und polemisierte des Langen und Breiten gegen die Sozial⸗ demokratie, speziell gegen unsere Redner Molken⸗ buhr und Bebel. Nach dem bayerischen Abgeordneten sprach ein bayerischer Minister, Herr von Riedel, Der alte Herr mit grauem Haupthaar unter- nahm die schwierige Sache, beweisen zu wollen, daß für die große Masse der Industriearbeiter und ihre Lebenshaltung aus der Zollerhöhung kein Schaden erwachsen werde. Die Aufgabe war 10 ihn um so schwieriger und unangenehmer, als der alte Herr ja schon lange Jahre Minister ist und schon vor neun Jahren die Zollberatung mitgemacht hat. Während er damals den Kurs Caprivi⸗Marschall mitsteuerte, zeigte er heute, daß er auch anders kann. Aus dem Hause kam dann der süddeutsche Volksparteiler Payer zu Wort. Er gehört ja zu den Demokraten alten Schlages, er ist ein prinzipieller Gegner der Getreidezölle, aber seine Position ist ihm erschwert, denn selbst in diese radikale bürgerliche Partei haben sich Elemente festgesetzt, die von den Heilverheißungen des Bundes der Landwirte bethört, ins Lager der Brotverteuerer abgeschwenkt sind. Festge⸗ stellt sei, daß der Redner für seine Parteifreunde im Reichstage Einmütigkeit in der Abwehr nicht nur der Minimalzölle, sondern jeder Zoller— höhung für Getreide proklamieren konnte. Dem württembergischen Kam merpräsiden⸗ ten folgte der württembergische Min ister prä⸗ sident Pischek. Die Rede des schwäbischen Regierungsvertreters machte ein gewisses Auf⸗ sehen. Auf der Rechten hörte man sie erstaunt an, auf der Linken wurde sie mit viel Zustim⸗ mungsxrufen begleitet. Herr Pischek machte nämlich den Zollgegnern ganz bedeutsame Kon⸗ zessionen, man merkte ihm an, wie schweren Herzens sich die Regierung Württembergs ins agrarische Fahrwasser hat drängen lassen. Schließlich bezeichnete er auch den Entwurf für die mittlere Linie, auf der die Verständigung möglich sei. Der letzte Redner war der hessische Nationalliberale Herr Heyl, der Lederkönig von Worms. Er bändelte mit unsern Genossen an und suchte unsern Parteifreund Calwer Har das Gros der Fraktion auszuspielen. err Heyl erklärte sich mit allen seinen groß⸗ industriellen Freunden für den Doppeltarif. Samstag war das Haus nur sehr schwach besucht und die Debatte schlich langsam dahin. Der Elsässer Stadtpfarrer Winterer redete eiuem mäßigen Schutzzoll das Wort und erregte ebenso wenig ein allgemeines Interesse, wie der Vertreter seines Landes am Regierungs- tische, Herr v. Schraut, der ihm, man wußte nicht recht warum, antwortete. Zu längeren Ausführungen ergriff nun Herr Schrader von der Freisinnigen Vereinigung das Wort. Dann kam der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Herr von Wangenheim, dem natürlich der Bülow'sche Hungertarif nicht ge⸗ nügt. Er schwärmte für den Antrag Kanitz und drohte der Regierung den Aufruhr der bisher staatserhaltenden Parteien und ihr Bündnis mit der Linken an, wenn nicht alle agrarischen Blütenträume im Bülo w'schen Garten reifen sollten. Der freisinnige Gutsbesttzer Bräsicke, das letzte Ueberbleibsel aus der liberalen Aera Ost⸗ preußens, erregte den höchsten Unwillen der Standesgenossen von der Rechten durch die bitteren Wahrheiten, die er thnen sagte. Der dritte Zentrumsredner, Abg. Herold, be⸗ schränkte sich auf Wiederholungen seiner Frak⸗ tionskollegen Spahn und Speck.— Die Herren Hilpert(bayer. Bauernbund) und der schwäbische Agrardemagoge Schrempf erhei⸗ terten das Haus durch die freiwillige und unfreiwillige Komik ihrer Reden. Montag zeigte das Haus eine gähnende Leere. Die Interpellation Arendt betr. die Kriegsinvaliden, wurde von der Tagesordnung abgesetzt und die Debatte über den Zolltarif weiter fortgesetzt. Zuerst ergriff der Nachfolger Möllers im Wahlkreise Duisburg, General⸗ sekretär des Zentralverbandes Deutscher Indu⸗ strieller, Beumer, das Wort. Er nannte sich zwar mit vielem Pathos einen„Freund der Arbeiter“, seine Rede bestätigte aber die alte Erfahrung, daß man sich am liebsten jener Tugenden rühmt, die man nicht hat. Sein Eintreten für ein Zusammengehen von Judustrie und Landwirtschaft und für höhere Industrie⸗ zöͤlle bewiesen ebenso wie sein Loblied auf die Syndikate, die erst kürzlich vom Abg. Gothein so treffend als ein„Fluch der Schutzzölle“ charakteristert wurden, daß ihm nur das Wohl seiner geliebten Gu oßindustriellen am Herzen liegt, die ihm ohne Zollschuzz am Ende gar sein Generalsekretärgehalt kürzen müßten. Roesicke überbot natürlich als Vorstands⸗ mitglied des Bundes der Landwirte den Vor- redner an unverschämt Wucherforderungen. Die Regierung wollte en am liebsten 1 an Händen und Füßen gebunden den Agrariern ausgeliefert haben.— Zum Schluß gab noch der Zentrumsmann Aigner eine verwirrte und unverständliche Rede zum Besten. *. Mittwoch verteidigte zunächst der Graf Kanitz den Wucherzoll. Er machte den Witz, die Junker als die besten Freunde der Arbeiter vorzustellen. Selbstver⸗ ständlich sang er das alte bis zum Ueberdruß gehörte Lied von der Not der Landwirtschaft wieder von neuem. Singer antwortete ihm in einer ausgezeichneten Rede, worin er die von den Wucherzöllnern vorgebrachten Gründe schlagend widerlegte. Dann folgte eine Hans⸗ wurstlade des bayrischen Zentrumsmannes Dr. Heim. Den Schluß machte der preußische Landwirtschaftsminister, der ehemalige Postgeneral Podbtelsky, der nichts Bemerkenswertes zu Tage forderte. Dienstag wurden die Zollverhandlungen durch die Interpellation der Polen über die Vorgänge in Wreschen unterbrochen. Die gewaltsame„Germanl⸗ stierung“ in den polnischen Landesteilen und besonders die Züchtigung der polnischen Schulkinder, sowie die unerhört harte Bestrafung der bei dem Schulkrawall in Wreschen Beteiligten bildeten die Veranlassung zu der Interpellation. Nach der Begründung derselben durch den polnischen Großgrundbesitzer, Fürsten Radziwill, erhob sich der Reichskanzler, um in einer längeren Er⸗ klärung dem Hause mitzuteilen, daß er die Interpellation nicht beantworten könne. Er stollte sich auf den bequemen Standpankt, daß es sich hler um eine rein preußische Angelegenheit handele, die im preußischen Landtag ver⸗ handelt werden müsse. Die Demonstrationen im Aus⸗ lande, in Warschau und Lemberg, nahm er auf die leichte Achsel, die russische und die österreichische Regie⸗ rung haben ihr Bedauern über den Sturm auf die deutschen Konsulate ausgedrückt und damit ist alles im Reinen. Als der Reichstag gegen die Stimmen der Rechten die Besprechung der Interpellation beschlossen hatte, zog der Reichskanzler mit seinen beiden Kollegen ab, verließ sozusagen unter Protest das Lokal. Auch die übrigen Bundesratsmitglieder verschwanden. Großen Eindruck machte diese Demonstration auf das Haus nicht. Jedenfalls verhinderte sie nicht eine recht ausgiebige Besprechung der Interpellation. Das Zentrum hatte eines seiner demokratischsten Mitglieder damit betraut, die Stellung der Fraktion zu kennzeichnen. Herr Roeren ist in allen Kunstfragen ein sehr be⸗ schränkter Mann, aber in politischen Dingen denkt er lüberal. Er bekämpfte die Schulpolitik, die im Osten getrieben wird mit großem Erfolge und sagte der Re⸗ gierung bittere Wahrheiten. durch Annahme folgender Resolution: e Konservative und Nationalliberale suchten die 6 ald waltpolitik den Polen gegenüber zu verteidigen. feel Den Standpunkt unserer Partei entwickelte Geno, bel Ledebo ur in trefflicher Weise, in der bei der schwiertag ufd ö Behandlung des nationalen Problems überall der pe sch l. listische Standpunkt durchleuchtete. lassen. Daz 4 4 Cin Politische Rundschau. d ber Gießen, den 12. Dezembes bed Der Reichshaushalts Etat, 0 der jetzt dem Reichstag zugegangen ist, stelln tl, Einnahmen und Ausgaben auf 2349 742 1% al Mk. fest. Der Ekat weist an Matritaln vba beiträgen 568 135000 Mk, auf(im Vorsaß 570933 000 Mk.), die Ueberweisungen an besse Bundesstaaten betragen 544 235000 Mark(% Vorjahre 570933000 Mk.). Der Reichslaß cher, ler wird ermächtigt, zur Bestreitung der einmalsaß ate außerordentlichen Ausgaben 182 058 p date Mark im Wege des Kredits, also des Pumpe 1 flüssig zu machen. Das sind für die deutsche Steuerzahler keine günstigen Aussichten. Allg, Wa die Zinsen für die Reichsschuldenlast betrag in du in diesem Etat nicht weniger als 94 Mil let, lionen. Huch Folgen der deutschen Zollpolitik, 1 Daß die ungeheuerlichen Zollsteigerungg um d wie sie in dem deutschen Tarif zum Ausdeiß d g kommen, das Ausland zu Repressalien ver mn d lassen würden, war vorauszusehen. Rußlaß Juan droht schon jetzt damit. In einem russisch nan Blatte, das als Organ des russischen Fina der e ministers Witte gilt, wird erklärt, wenn d Kart deutsche Zolltarifentwurf, der auf dem Prin D. des nationalen Egoismus beruhe, angenommch acht würde, so müßte der russische Tarif den A ine dürfuissen der russischen Industrie mel Naß angepaßt werden. Das heißt, Rußland wü ech seine Industriezölle erhöhen, wodurch besonden Lot die deutsche Elsenindustrie erheblichen Schau gegen zu leiden hätte. Die Ausfuhr nach Rußlall mehr. betrug im Jahre 1900 allein an Eisenwara(ar Maschinen, Kurzwaren, Instrumenten dc. eu den 120 Millionen Mark. Sperrt Rußland fen nah Grenzen für die deutschen Industrie⸗ Artie müssen türlich unsere Arbeiter empfind ll darum eeiden. de 6 Bauern gegen den Brotwucher. Dr. Eine am Sonntag in Sanet Tönis b 1 Krefeld tagende Versammlung katholischer Baue 0 a und Arbeiter nahm nach einem Vortrag d 110 Dr. Maurenbrecher, Berlin mit großer Mehl 0 heit eine Resolution an, die Getreidezül 1 15 als dem rheinischen Bauern schädlich verw a0 und den Abg. Fritzen auffordert, seinen Einf t im Reichstag und in der Fraktion dahin 154 110 zu machen, daß die geplante Getreidezollerhöhun af noch verhindert werde. Widerspenstige ristliche Gewerk schaftsmitglieder. ö 90 Bekanntlich haben sich mehrere Führer chr lu. licher Gewerkschaften bezüglich der Zollfre be in das Schlepptau des Zentrums begeben u. Hal 0 für den Brotwucher eingetreten. 1 0 unerhalb der Mitgliedschaften eine ergae t Opposition gegen das Vorgehen der Vi 0 Stegerwald, Gisberts ꝛc, geltend m 0 und in Versammlungen Resoluttonen gegen 0 1 Brotwucher beschlossen wurden, erklaͤ ten 0 einmal die Verbandsleiter und berschier g de 0 Zentrumsleute, daß diese Frage, 11 ir u die Gewerkschaft 191101 Das war natür 9 fe ein hinterlistiger Trick zu Gunsten der Agrare der und zum Nachteile der Arbeiterschaft. Erft, 0 lichen Gewertschafter nicht verblüffen, son nehmen energisch gegen die von ihren Fuhr. und Verbandsorganen vertretene Arden 10% l Stellung. Das that auch am 1. Hufe 1 eine Holzarbeiterversammlung in Dutsbiuf licherweise lassen sich ein großer ell der chr i 1 e Die heute tagende Versammlung des ch lichen Holfarbetterberbandeg erklärt 0 ö folgendes: Die Zahlstelle Duisburg ist. suchten ö* etebigg 4 ertuidth babe bo ö dera du 12. Degen, 8. Etat, 2319 725 17 an Mu eam d eisungen g 5000 M Der Rech ig der einm 182 0380 ö o deß Pug für die e dichten. J ldenlast hen als 94% Zollpolill Zolleigen, F zum Aus, ressalen sehen. u einem lu ussischen dh klärt, wen auf dem Ii. the, augen, e Tarif den. Industie g. „Rußlaub. odurch hae eblichen E r nach Ru an Eise umenten. L e Nußlnd! zudustre⸗ iter kü rotwuhn Act Tie holiccel em Voll it gioßte S — — — zädlich 1 F ion dach edenll be Gen. ber. ere Fühle 0 N 10 ume b ö —— Nr. 50. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. ————— — Seite 3. der Haltung ihres Zentral vorsitzenden Steger⸗ wald zur Zollfrage und zur Stellungnahme gegen die Leitung des christlichen Metall⸗ arbeiter⸗Verbandes absolut nicht einverstauden und stellt dem Herrn Stegerwald anheim, 55 lieber von den Agrariern bezahlen zu assen. Das ist gewiß deutlich. Ein anwesender Verbandsbeamter wehrte sich wütend gegen die Annahme der Resolution, aber vergebens war sein Bemühen. Es wurde geltend gemacht, daß nach Meinung der Mit⸗ glieder die„christliche Gewerkschaft“ gegründet worden sei, um die Lbenshaltung der Arbeiter zu verbessern, da müsse es doch höchlichst verwundern, wenn die Verbandsleitung m Verbandsorgan für Verteuerung der Lebens⸗ mittel eintrete. Wenn das so weiter gehe, sei es besser, man bekümmere stch überhaupt nicht mehr um den Verband.— Hier zeigt es sich wieder, wie von Seiten der christlichen Gewerk⸗ schafts führer die Interessen der Arbeiter verraten werden. Delikatessen— für Arbeiter! Was sich die Junkersippe an Verhöhnung der Arbeiter und deren schlechter Lebenshaltung leistet, zeigte der Zwischenruf des Grafen Arnim. Durch einen anderen Zwischenruf enthüllte ein Agrarier ebenfalls seine innerste Herzensmeinung. Als Bebel in der Sitzung am 5. Dezember von der Belastung der Arbeiterfamilien durch die Zollerhöhungen sprach, die sich nicht satt an Brot essen könnten, und die ungeheure Quantitäten von Kartoffeln verzehrten, vernahm man aus dem Munde des Direktors des Bundes der Landwirte, Dr. Rösicke, den Zwischenruf: „Kartoffeln sind doch auch ein Nahrungsmittel!“ — Diese Thatsache ist den Arbeitern gewiß nicht unbekannt. Nähren sie sich doch kaum von etwas anderm als von Kartoffeln. Die Aeußerung des Herrn Dr. Röstcke ist aber gleichfalls ein beredtes Zeugnis für die Herz⸗ kosigkeit und Mitleidslosigkeit der Herren Agrarier gegenüber dem Elend des Volkes.— In mehreren Berichten lautete der Zuruf Rösickes: „Kartoffeln sind eine Delikatesse!“ Wir halten den Zwischenruf in dieser Form sehr für wahrscheinlich. Die Stichwahl in Wiesbaden, die am Mittwoch zwischen unserm Genossen Dr. Quark und dem Freisinnigen Dr. Crüger stattfand, hat mit dem Siege des letzteren ge⸗ endet. Dieses Resultat war, nachdem das Zentrum für die Freisinnigen einzutreten be⸗ schlossen hatte, vorauszusehen. Genaue Stim⸗ menzahlen liegen noch nicht vor; jedoch zeigt auch die Stichwahl ein Anwachsen der sozial⸗ demokratischen Stimmen. Quarck erhielt zirka 11500 Stimmen(1898 nur 10084); Crüger zirka 15000, etwas weniger als 1898 auf den freistnnigen Kandidaten entfielen. Kommunalwahlsiege. Mit sehr großer Mehrheit siegten unsere Genossen bei den Stadtverordnetenwahlen in Luckenwalde(Brandenburg). Es erhielten die Genossen Scheller 756, Schmidt 758 und Haubenreiser 766 Stimmen, während die drei gegnerischen Kaudidaten je 176 Stimmen er⸗ hielten. Damit ist die ganze dritte Abteilung sozialdemokratisch vertreten. Neun„Mandate gegen bisher acht sind in unseren Händen.— In der Stadtrats⸗Stichwahl zu Barmen siegte ein Sozialdemokrat.— Bei den Königs⸗ berger Stadtverordnetenstichwahlen gewannen wir drei Mandate und sind nunmehr durch sechs Genossen im Stadtverordneten⸗Kollegium vertreten.— Bei der am Freitag in Stutt⸗ gart stattgefundenen Gemeinderatswahl stegte die sozialdemokratisch⸗volksparteiliche Liste bis auf einen Namen. Gewählt wurden drei Sozialdemokraten, vier Volkspar⸗ teiler, und ein Deutschparteiler. Die bisherige Vorherrschaft der Deutschparteiler und Konser⸗ vativen auf dem Rathaus ist durch diesen Sieg gebrochen. Von den 24 Gemeinderäten gehören nunmehr 16 der Linken an; darunter 4 Sozial⸗ demokraten, 11 Volksparteiler, 1 Freisinniger, außerdem sitzen 6 Deutschpartetler, 1 Konser⸗ vativer und 1 Zentrumsmann im Rathaus. Die Wahl war eine lebhafte.— Am Montag fand in Mainz die Stadtverordnetenwahl statt. Dort hatten sich, wie in der letzten Nummer schon mitgeteilt, die Nationalliberalen, Frei⸗ sinnigen, Demokraten und Sozialdemokraten gegen das Zentrum vereinigt. Die vereinigten Parteien erzielten einen glänzenden Sieg. Für diese wurden 5636 reine Zettel abgegeben, während das Zentrum nur 1365 reine und 945 gestrichene Zettel aufbrachte. Lässige Justiz. Wenn Leute aus den besitzenden Klassen mit dem Strafgesetze in Konflikt geraten, erlebt man in der Regel, daß die strafende Gerechtig⸗ keit langsam und vorsichtig einschreitet. Auch die Aufsichtsräte der Schuckertgesellschaft in Nürnberg sind, wie es scheinen will, recht nachsichtig behandelt worden. Gegen den Vor⸗ stand und Aufsichtsrat der Gesellschaft erhob am Freitag Genosse v. Haller in der bayri⸗ schen Kammer schwere Anklagen und beschuldigte ste, daß sie gegen die Bestimmungen des Handels⸗ gesetzes verstoßen hätten. Er forderte das Ein⸗ schreiten des Staatsanwaltes gegen den Vorstand und Aufsichtsrat der Gesellschaft. Die Justiz habe nicht zu warten vor den Thüren der Reichen, auch nicht, wenn Reichsräte der Krone Bayerns dabei beteiligt seien.— Der Justizminister erklärte, es sei ihm nicht bekannt, ob der Staatsanwalt Veranlassung hätte, ein⸗ zugreifen. Nachdem aber der Abg. Haller öffentlich Vorstand und Aufsichtsrat der Schuckertgesellschaft strafbarer Handlungen be⸗ schuldigte, werde die Staatsanwalt sich jeden⸗ falls mit der Sache befassen. Er bedaure nur, daß Haller hier öffentlich auch Reichsräte der Krone Bayerns beschuldige, bevor überhaupt festgestellt sei, ob eine Schuld bei der Schuckert⸗ gesellschaft vorliege. Wahlreform in Bayern. Im bayrischen Landtage besitzt das Zentrum die Mehrheit. Dazu haben ihm bei der letzten Wahl unsere Genossen verholfen, weil die Zentrumsleute unter Anderem für eine Wahl⸗ reform einzutreten versprachen, durch welche das direkte Wahlrecht für den Landtag eingeführt werden sollte. Was jetzt aber von dieser„Reform“ an's Tageslicht kommt, sieht wirklich nicht hübsch aus und rechtfertigt die schlimmsten Befürchtungen. Für ein Unrecht, das man gezwungen ist, fallen zu lassen, schafft man eine ganze Anzahl andere und größere Wahlentrechtungen und Ungerechtigkeiten. Das Alter der Wahlberechtigung soll hin⸗ aufgeschoben werden, die Frist der Staats- angehörigkeit soll verlängert werden, das steht schon jetzt fest. Damit nicht genug, wird! noch eine Erhöhung des Wahlzensus geplant. Auch wollen die„Schwarzen“ die Wahlkreise nach ihrem Geschmack zuschneiden. Stichwahlen soll es nicht mehr geben, entscheiden soll die relative Majorität, aber nur dann, wenn sie über ein Drittel der Stimmen beträgt, d. h. die Ultramontanen lassen sich das Hinter⸗ pförtchen offen, um sich in einem zweiten Wahl⸗ gang mit den Liberalen gegen die Sozialdemo⸗ kratie zu koalieren. Diese Taktik des Zentrums drängt selbstverständlich unsere bayerische Land⸗ tagsfraktion zu einer immer schärferen Opposttion. Aus dem gemeinsamen Schaffen der Sozial⸗ demokratie und der bürgerlichen Parteien im Wahlreformausschuß ist nichts geworden. Jetzt überlegen sich unsere bayerischen Genossen die Sache anders; immer schärfer tritt das Ver⸗ langen hervor, durch ein kräftiges agitatorisches Drauflosgehen die Sache der Wahlreform an das Volk zu bringen. Soziales. Gute Erfahrungen mit dem Acht⸗ stundentage hat auch das städtische Gaswerk in Offenbach gemacht, wie aus dem Geschäfts⸗ berichte desselben hervorgeht. Es heißt dort an einer Stelle, daß trotz der a der Achtstundenschicht bei den Feuerleuten, die seiner Zeit au er Direktion geschah und unter Peibehar rung der für die frühere Zwölf⸗ stundenschicht gezahlten Löhne die Gaserzeugungs⸗ kosten pro 1000 Kubikmeter sich nicht erhöht, sondern gegen das Vorjahr noch vermindert haben. Dies liegt, wie der Bericht erwähnt, auch daran, daß relativ die Leistungsfähigkeit des einzelnen Mannes gegen das Vorjahr ge⸗ stiegen ist. Auf Grund dieses Berichts empfahl in der letzten Stadtverordnetensitzung Genosse Ulrich den anderen städtischen Ressorts, sich diese günstigen Erfahrungen zu nutze zu machen. Krieg in Südafrika. Lebhaftere Thätigkeit entfalten die Buren wieder, wie sich aus verschiedenen Anzeichen und Mitteilungen ergiebt. Aus Pretoria wurde anfangs der Woche berichtet, daß mehrere Kommandos wieder im Oranjefreistaat aufgetaucht sind, darunter ein größeres, das anscheinend von Dewet befehligt wird. Viljo en steht mit 400 Mann nördlich von Belfast an der Delagoabahn und wartet die Ereignisse ab. Beyers zieht nach Süden auf Sandriverpoort zu, augenscheinlich in der Abstcht, sich westlich von Warmbad mit Badenhorst zu vereinigen.— Sogar bis in die Umgebung von Johanne s⸗ burg dringen die Buren vor. Größere Kommandos, wahrscheinlich unter Delarey, bedrohen die Außenlinien und die Stadt selbst. Dadurch hat sich der Einwohnerschaft große Unruhe bemächtigt. Die Militärbehörden erließen zur Verteidigung des Platzes Justruktionen für die Truppen und Zivilisten, die an allen Ecken angeschlagen wurden. Die Verluste der englischen Armee in Südafrika betragen seit Beginn des Krieges bis Ende des Monats November 18 798 Tote, 62 864 Verwundete und Invaliden, die nach der Heimat zurückbefördert worden sind. Buren als Verräter? Londoner Blätter berichteten aus Pretoria, daß die früheren Feld⸗ kornets der Buren, Meyer und Collins, sich den Engländern angeschlossen und sogar noch eine erhebliche Anzahl Burenrekruten mitgebracht hätten. Hierdurch werde die eng⸗ lische Feldarmee erheblich verstärkt. Diese Mitteilung erscheint schwer glaublich. Nachdem die Buren so lange und so hartnäckig sich ver⸗ teidigten, wäre es ja unerhört, wenn sich Ver⸗ räter, noch dazu in größerer Anzahl, in ihren Reihen fänden. Man wird erst die Bestätigung dieser Nachricht abwarten müssen. Kämpfe. Ein englischer Konvoi, bestehend aus 30 Wagen unter Führung des Leutnant de Cock, ist zwischen Lambertsbay und Clam⸗ billiam von den Buren erbeutet worden. Es fand ein heftiger Kampf statt, in welchem Leutnant de Cock verwundet und mehrere Mann getötet wurden. Die Uebrigen ergaben sich den Buren. r Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengst 7 Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wi; bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf eine Seite zu beschreiben. An die Parteigenossen Hessens. Sowohl der Landes⸗Kalender als auch das einheitliche Mitgliedsbuch der Landes⸗ organisation kommen in den nächsten Tagen zur Versendung. Wir ersuchen deshalb um alsbaldige Bestellung seitens der Kreise. Wenn nichts anderes bestimmt wird, gehen die Kalender an die früheren Adressen ab. Das Landes⸗Komitee. Gießener Angelegenheiten. — Arbeitslose giebt es jetzt doch in Gießen eine ganze Anzahl. Bei dem Gewerk⸗ schaftskartell meldeten sich ca. 30 Mann, die durch Vermittelung desselben Arbeit bei der Stadt zu erhalten wünschten. Von Seiten der Stadtverwaltung wurde auf die diesbezügliche 8 eee ee Seite 4. 8 Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 50. Anfrage des Kartells erklärt, sich die Arbeits⸗ losen nur bei der Arbeitsnachweis⸗ stelle melden sollten, sobald eine genügende Anzahl Leute vorhanden sei, würde mit den Notstandsarbeiten begonnen. Doch werden nur in Gießen wohnhafte Reflektanten be⸗ rücksichtigt. Es wird 8 Stunden gearbeitet und die Stunde mit 25 Pfg. bezahlt.— Viel ist das gewiß nicht; wer aber jetzt vor den Feiertagen verdienstlos dasteht, wird gerne zugreifen. — Im soz.⸗dem. Wahlverein be⸗ sprach in der Versammlung am Samstag Gen. Krumm die politischen Vorkommnisse der letzten Wochen, wobei er die im Reichstag statt⸗ gefundenen Kämpfe um den Zolltarif eingehend würdigte. Dann wurde noch einem Vorschlage des Gewerkschaftskartells zugestimmt, der dahin geht, nach Neujahr einen öffentlichen wissen⸗ schaftlichen Vortrag über:„Die Entstehung der Erde“ von einem auswärtigen Vortragenden halten zu lassen. Nach Erledigung einiger ge⸗ schäftlicher Angelegenheiten schloß die gut be⸗ suchte Versammlung. — Allgemeine Sterbekasse Gießen. Die am letzten Sonntag in Lon y's Bierkeller stattgefundene Generalversammlung der Kasse war gut besucht. Aus dem Vorstandsbericht ist zu erwähnen, daß die Mitgliederzahl wiederum ewachsen ist und jetzt über tausend beträgt. 5 waren 114 Sterbefälle zu verzeichnen, in welchen Sterbegelder von 75 bis 200 Mark ausgezahlt wurden. Bei der Wahl des Vor⸗ standes und Aufsichtsrates wurden fast alle bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Vorsitzen⸗ der ist Herr Schneidermeister Pfaff, Wall⸗ thorstraße 25, der in allen die Kasse betreffenden Fragen gerne Auskunft erteilt. — Von der letzten General versammlung der Ortskrankenkasse ist hervorzu⸗ heben, daß sich diese dem Proteste des hessischen Krankenkassenverbandes gegen die Erhöhung der Zölle auf Lebensmittel anschloß. Die Vorstandswahl ergab auch hier die Wieder wahl der seitherigen Mitglieder. — Für den Brotwucher trat im„Gieß. Anz.“ im Anschluß an die nat.⸗soz. Versammlung außer Herrn Sch lenke auch noch eine andere Zuschrift„aus akademischen Kreisen“(?) ein. Was da zur Rechtfertigung des junkerlichen Raubzuges vorgebracht wird, ist ja schon hun⸗ dertmal als unrichtig nachgewiesen worden. Etwas stark ist es aber, wenn der Herr Oeko⸗ nomierat, nachdem er die„hohen“ Löhne der Landarbeiter angeführt hat, sagt:„Auch die landwirtschaftlichen Arbeiter erhalten eventuell Krankengeld, freien Arzt und Apotheke, Inva⸗ liden⸗ und Altersrente. Sie sind auf Kosten der Arbeitgeber(2) gegen Unfälle im Betriebe versichert. Jh setze voraus, daß Herr Dr. Strecker über die Höhe der Beiträge unterrichtet ist; und nun bitte ich den Herrn Dr. Strecker zu erwägen, was mehr zu bedauern ist, der landwirtschaftliche Arbeitgeber oder der Arbeiter. Wer augenblicklich mehr der Fürsorge bedarf, jener oder dieser?“— Natürlich der Arbeitgeber. Die ausgezeichneten Arbeitsverhältnisse der Land⸗ Arbeiter und das sorglose Schlemmerleben, das sie führen, werden Herrn Schlenke veranlassen, sich zum nächsten Ziel als Knecht bei einem Vogelsberger Bauer zu verdingen. — Viel gekauft wird vor dem Weih⸗ nachtsfeste doch, wenn auch das Geschäft infolge der Krise nicht so gut wie frühere Jahre sein mag. Wohl in jeder Familie, auch der ärmsten, wird irgend ein Gegenstand angeschafft, wenn er auch nur von geringem Wert sein mag. Dann giebt es noch eine große Anzahl Vereine, die Weihnachtsverlosungen veranstalten und nicht unbedeutende Mengen Waren einkaufen. Dabei wird sogar manchmal recht unverantwortlich verfahren, unnützes und wertloses Zeug wird eingehandelt. Soweit die uns nahestehenden Vereine und Gewerkschaften in Frage kommen, wird die Mahnung auch nicht unangebracht sein, daß bei solchen Gelegenheiten nur nützliche und brauchbare Gegenstände zur Verlosung kommen. Da könnte es nicht schaden, auf unsere reiche Parteilitteratur hinzuweisen; ein gutes Buch oder Broschüre wird immer von dem Gewinner mit Vergnügen entgegengenommen werden. Un⸗ sere Genossen ersuchen wir dann noch, solche Geschäfte in erster Linie berücksichtigen, die in unserm Blatte inserieren. Gestern noch auf stolzen Rossen! Vorige Woche fand sich im„Gieß. Anz.“ eine amtliche Bekanntmachung des Inhalts, daß über das Vermögen des Redakteurs Lehner Konkurs eröffnet werde. Das ist der frühere Redakteur der„Gieß. Neueste Nachrichten“, der Nachfolger Hoppstädters. Er hat hier bedeu⸗ tende Einkäufe gemacht, seine Wohnung sehr komfortabel eingerichtet, doch ist es nun sehr fraglich, ob die Geschäftsleute auch nur einen Teil ihrer Forderungen erhalten. — Im Stadttheater geben die„Te⸗ gernseer“ vom 19. bis 22. Dezember vier Gastsptele. Die Darbietungen dieser Natur- spieler erfreuen sich großer Beliebtheit und die Gastspiele können auch hier großen Zuspruch erwarten. Kein Freund lebens⸗ und natur⸗ wahrer Darstellung sollte die Gelegenheit vor⸗ übergehen lassen, den Tegernseern einen Besuch abzustatten. Aus dem Nreise gießen. Der„Zukunftsstaat“ in der Schule. Vielleicht weil es ihm an den nötigen Stoff für den Unterricht in der Fortbildungsschule fehlte, hielt ein Lehrer in Ortenberg vor seinen Fortbildungsschülern einen Vortrag über den sozialistischen Zukunftsstaat, welchen er unter Benutzung der Eugen Richter'schen Spar⸗ Agnes⸗Broschüre natürlich grausig genug hin⸗ stellte. Es ist auch möglich, daß sich der gute Mann verpflichtet hielt, sein Möglichstes zur Sozialistenbekämpfung beizutragen. Wir meinen aber, in der Schule sollte er das schön beiseite lassen; sich lieber bemühen, den Schülern so⸗ viel als möglich posittves Wissen beizubringen und nicht die Schulstunden mit Erörterung von Problemen vergeuden, mit denen er sich selbst wohl nur sehr ungenügend beschäftigt hat. Fühlt er das Bedürfnis, dem Drachen Sozia⸗ lismus auf den Leib zu rücken, so hat er sicher in Versammlungen hinreichend der eh dazu. Uebrigens hat doch gerade der Lehrer⸗ beruf alle Ursache, eine Aenderung der Gesell⸗ schaftsordnung in sozialistischem Sinne zu wünschen, wie das Prof. Dodel in seinem Buche„Entweder— oder!“ eingehend darge— legt hat. — Volksversammlungen fanden am Samstag in Ortenberg und Sonntag in Bergheim bei Ortenberg statt. Genosse Vetters sprach über den Zolltarif und die Schädlichkeit der Zollerhöhung für das gesamte Volk. Seinen Ausführungen wurde zugestimmt. Der Besuch beider Versammlungen war ein befriedigender. Die Löhne der Arbeiter in dieser Gegend sind sehr niedrige und würde infolgedessen eine Ver⸗ teuerung der Lebensmittel um so drückender empfunden werden. — Kleptomanie. Darunter versteht man eine krankhafte Neigung zum Stehlen. Es ist das eine Krankheit der„besseren“ Leute. Oft kam es schon vor, daß Angehörige der besseren Gesellschaft wegen Langfingereien vor Gericht standen, sie wurden aber frei⸗ gesprochen, weil das Gericht annahm, daß der oder die Angeklagte an Kleptomanie leidet, weil sie ja im Besitze von Mitteln sind und nicht nötig haben zu stehlen. Dieser Grund fällt aber bei einem armen Teufel weg, der stiehlt stets aus purer Bosßhett und um sich einen rechtswidrigen Vermögens vorteil zu ver⸗ schaffen, deshalb gehört ihm empfindliche Strafe. In Daubringen bildete ein Fall von Kleptomanie das Tagsgespräͤch. Dort stahl ein wohlhabender Bauer in einem Spezereiladen ein Glas Bienenhonig, wurde aber von der Ladeninhaberin erwischt und mußte die Beute wieder herausrücken. Jetzt erinnert man sich auch einer Anzahl früher vorgekommener Diebstahle, wo der Thäfter niemals ermittelt wurde. Es ist der allgemeine Wunsch, daß der Kranke bald ge⸗ heilt werden möge. Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen. n. Aus Büdingen. Die Düdelsheimer⸗ straße befindet sich in der Gegend der Glas⸗ fabrik in einem derartigen Zustande, daß sie bei dem reguerischen Wetter der letzten Tage fast einem Sumpfe glich und kaum passierbar war. Am schlimmsten ist es nachts; es fehll an der nötigen Beleuchtung und wenn sich der Mond nicht erbarmt, herrscht dort eine egyptische Finsterniß. Der Gemeinderat sollte doch wenigstens die Herstellung eines Fußweges veranlassen, damit die dort wohnenden Steuerzahler nicht bis über die Knöchel durch den Schlamm waten müssen. Für solche Zwecke ist das Geld jeden⸗ falls besser angewandt, als für Errichtung von Ehrenpforten bei fürstlichen Empfängen.— Die Gründung eines Arbeitergesangvereins wird demnächst hier erfolgen. Ein solcher ist hier thatsächlich Gebesen. und wir wünschen demselben bestes Gedeihen. Rreis Alsfeld⸗Cauterhach. Was sich die Leute Alles gefallen lassen. Aus einem Dorfe der Umgebung von Lauterbach wird berichtet, daß, als sich dort ein Brautpaar zur Ziviltrauung auf dem Standesamt 1 5 der Pfarrer des Ortes dorthin kam und der Braut den Kranz sowie auch dem Bräutigam den Strauß abnahm, mit dem Hinweis, daß die Braut sich in guten Salut befinde und nicht berechtigt sei, den chmuck zu tragen. nicht ganz gehörig zurückgewiesen wurde. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Das Schwurgericht in Limburg wird am 14. Dezember gegen den Hunnen Seligmann verhandeln, der bekanntlich einen Bauer in Weilburg tötlich verletzte. Möglicher⸗ weise kommt an diesem Tage auch noch der Mörder des Schreinermeisters Haupt, Nagel, zur.— Den Messerheld Schwanz, ter Brumm erstach, verurteilte ige der den Arbe 1 das Schwurgericht zu 4 Jahren Gefängnis.— Mit einer recht gelinden Strafe kam am 11. Dez. der Heinrich Meister davon, welcher im Sommer den Arbeiter Lenz ebenfalls derart mit dem Messer bearbeitete, daß dessen Tod eintrat. Es wurde in diesem Falle nur auf 1 Jahr Gefängnis erkannt. f h. Wider wärtige Reklame leisten sich die„unparteiischen“„Wetzl. Nachrichten“, die sich jetzt„Generalanzeiger“ nennen. Mit was für einer Sorte Presse man es bei„unpartei⸗ ischen“ Blättern zu thun hat, das haben wir schon oft dargelegt. Diesen gilt es eben blos um„det Jeschäft“. Daß trotzdem diese arbeiter⸗ feindlichen Zeitungen hier und da aufkommen, ist die Schuld der Arbeiter, die sie meistens lesen. Wird aber gar noch um die egoisttschen Interessen des Zeitungsbesitzers zu fördern der Herrgott angerufen, wie das in der Abonnementseinladung jenes Blattes geschieht, doch die Heuchelet etwas zu Weder das billige Schundblatt noch der„Watzl. Anz.“ zahlen ihr Setzerpersonal tarifmäßig.— Bemerkt sei noch, daß das„un⸗ parteiische“ Blatt in seinem Reichstagsbericht vom 7. Dezember 5 den Genossen Calwer das Wort ergreifen laßt, dieser hat aber zum Zolltarif noch e 1! Gewissen⸗ afte Berichterstattung N 1. W e kostet Geld, darum nimmt es die Koblenzer Handwerks⸗ kammer, von wem sie es immer kriegen kann. Eine Anzahl Geschäfte, die sich nicht zum 255 bejischen Handwerk rechnen, haben sich deshal mit einer Beschwerde an die Handelskammer, für die sie ebenfalls Beiträge zahlen müssen, gewandt; sie wollen nicht an zwei Organisationen berappen. Die Handelskammer hat die Be⸗ schwerde dem Regierungsprästdenten unterbreitet. h. Ist kein Dreschgraf da? Der deutsche Sprach verein veranstaltete am Sonntag einen„patriotlschen Unterhaltungs- abend“. Durch Beklamattonen vaterlündisgen Dichtungen soll das Deuntschtum geförder werden. Was sagen aber unsere Urteutschen dazu, wenn ein Angehöriger der semttischen so ist das denn weit getrieben. Rasse als Deklamator auftritt? Zwar war es nur der kleine Sextaner Seligmann; Das ist doch eine ganz unerhörte Anmaßungz des Pastors; es ist nut zu verwundern, daß er von den Brautleuten 0 flieder berbin. Theolt solchen 1 Se der E ließ ft nd s Volke I pr fh st egen Ur schädi Staa Wied Abor sollte unser there Apot I 8 ander aufal hort fark saß ander aur m 9 6 2 ers steie igen eis zen sch ö MA 0 e wege „berunlase dahler amm U Gad i dichtung 00 gen.— 9 Ag bpereins m solch i wine . d gefallg gebung hy iB, als f ing auf he des Ou Kranz un ab nahs sch in gur igt sei, hy 9 eine gn es it y Braatleue vurde. fl. Vimbur den Hunt inntlich ein Mögliche ch noch l. pt, Nagel Schwaß „ berutteil efängulb.— am II. Aa welche l falls bela dessen Tos lle nur ah e Leiten richten 1 . Mit u „u r haben 1 11 0 diese arbelle auffomn se nale egolfic freu 9 i 15 ge 1 tb ndl e paß das 110 e ae Nr. 50. Mitteldeutsche Souuntags⸗Zeitung. Seite 5. aber ein wahrhaft deutsches Gemüt wird doch sicher auch dadurch empfindlich verletzt. Da muß Pückler mal Ordnung schaffen. o. Für Kulturzwecke ist kein Geld da. Das zeigt sich wieder so recht bei den Schulverhältnissen in Krofdorf, wo nicht einmal genügend Schulräume zum Unterricht der Kinder vorhanden find. Die Schulklassen müssen abwechselnd einen Raum benutzen. Aus dem Nreise Marburg-Nirchhain. St. Gebildete Leute. Wie es mit der Bildung unserer besseren Jugend eigentlich beschaffen ist, das konnte man dieser Tage in einer Wirtschaft zu Ockershausen wieder einmal so recht beobachten. Saßen da nach einem opulenten Schlachtekohl ein halbes Dutzend Brüder Studio und soffen— Pardon, tranken— etliche Cognaks und Bittere und darauf noch unzählbare Glas Bier(natürlich immer nur„Ganze“). Da aber auch selbst ein Studentenmagen bei einer solchen Zecherei„rebellisch“ werden kann, so hatten die Herren— der Einfachheit wegen — gleich den Kohlenkasten auf den Tssch gestellt und, sobald einer zuviel eingenommen, erfolgte die nötige Entladung. Wirklich, ein widerwärtiges Schauspiel.— Am Dienstag abend, nach 11 Uhr, verursachten einige Mit⸗ glieder der christlich⸗evangelischen Studenten⸗ verbindung„Wingolf“— größtenteils aus Theologen bestehend— auf der Hofstadt einen solchen Skandal, daß die ganze Nachbarschaft in Schrecken und Aufregung geriet. Obwohl der Spektakel über eine halbe Stunde währte, ließ sich nremand von der Nachtwache blicken. Und solche Leute sind dazu berufen, später dem Volke von der Kanzel herab Zucht und Ordnung zu predigen!— Solange diese Herren unter sich sind, mögen ste's ja treiben wie sie wollen. Gegen einen gediegenen Studentenwitz haben wir schließlich auch nichts einzuwenden, aber diese nächtlichen Skandalszenen und Be⸗ schädigungen des öffentlichen Eigentums von Staat und Gemeinde— erst kürzlich wurde wieder am Bahnhof ein Teil des Daches vom Abortgebäude heruntergerissen und verschleppt— sollte man unterlassen und ist zu wünschen, daß unsere Polizei diesem Unfug ein Ende macht. — Plötzlicher Tod. Ein Sohn des Be⸗ sitzers der hiesigen„Traubenapotheke“, ebenfalls Apotheker, welcher nach einem Vergnügen sich zu Hause aufs Sopha gesetzt hatte, wurde am anderen Morgen tot aufgefunden. Ein Schlag⸗ anfall hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet. — Aus Kirchhain wird berichtet, daß die dortige Herberge vom 9. zum 10 d. Mt. so stark von arbeitslosen Wanderern belegt war, daß noch ca. 30 Leute auf Kosten der Stadt anderwärts untergebracht werden mußten. Ein trauriges Zeichen der Zeit; und wir stehen erst am Anfang des Winters! Sozialdemokratische Kreistags⸗ abgeordnete. Am 14. Dezember hat die Stadtverordneten⸗ Versammlung in Offendach die Wahl der Kreistagsmitglieder vorzunehmen. Da unsere Genossen dort jetzt noch über die Mehrheit ver⸗ fügen, so ist die Wahl sozialdemokratischer Kreistags delegirter sicher. Zum Fall Stietencron. Die Zivilkammer des Landgerichts Zabern hatte sich am Dienstag mit der Affäre Stieten⸗ cron zu befassen. Den Gegenstand der Ver⸗ handlung bildete eine Klage der Hinterbliebenen des von Rittmeister zur Disposition von Stietencron in der Nähe von Niederweiler er⸗ schossenen italienischen Arbeiters Fazzi auf Gewährung einer Entschädigung. Sttetencron wurde nach der Frkf. Ztg. verurteilt, an die 62jährige Mutter und an den Großvater, der im 83. Lebensjahr steht, je eine Rente von vierteljährlich 30 Mark und zwar auf Lebens⸗ zeit den beiden zu bezahlen. Dieses Urteil des Zivilgerichts bildet einen frappanten Gegensatz zu der Entscheidung des Kriegsgerichts, das bekanntlich im August d. J. Rittmeister von Stietencron von der Anklage des Todt⸗ schlags freifprach, da er dem Arbeiter Fazzi gegenüber in Notwehr gehandelt habe. Sauberer„alldeutscher“ Vorkämpfer. Der frühere Abgeordnete im österreichischen Reichsrate, Wolf, der wegen höchst unsauberer Ehegeschichten seine öffentlichen Aemter nieder⸗ legen mußte, hat sich jetzt bereit erklärt, ein Reichsratsmandat für Trautenau wieder anzu⸗ nehmen und eventuell der alldeutschen Vereini⸗ gung wieder beizutreten. Wackere Hüter„teut⸗ scher Sitte“! Sauberer Priester. In München hatte sich mehrere Jahre ein italtenischer Ordenspriester Dr. Natili aufgehalten, der einen weiblichen „Orden zum heiligen Joseph“ für ambulante Krankenpflege errichtete, die„Schwestern“ in Ordenstracht einhergehen ließ und sich viel Geld dabei machte und bei frommen Leuten viel galt. In einer Gerichtsverhandlung, in der er Kläger war, wurde nun aufgedeckt, daß er mit den Schwestern allerlei geheime Kurzweil getrieben, in dem„Ordenshaus“ gewissermaßen einen Harem besessen habe usw. Auf diese Aufdeckungen hin wurde Dr. Natili polizeilich ausgewiesen. Das erzbischöfliche Ordinariat entzog ihm das Recht, priesterliche Funktionen auszuüben und löste den illegitimen „Orden“ auf. Nun hatte eine in Salzburg kommissarisch vernommene„Kranken- schwester“, die in München Oberin des Natilischen Ordens gewesen war, eidlich ausgesagt, daß sie weder je in intimen Be⸗ ziehungen zu Dr. Natili gestanden habe, noch unsittlichen Angriffen seitens Natilis aus⸗ gesetzt gewesen sei, und daß sie überhaupt nichts Unrechtes im Münchener Ordenshaus gesehen habe. Die Salzburger Gerichte haben des⸗ wegen gegen die„Schwester“ Katharine Rösl aus Niederbayern mit dem„Ordensnamen“ Monika die Anklage wegen Meineids erhoben. Die Anklageschrift behauptet, daß„Schwester“ Monika ein Kind von Natili gehabt habe und daß sie wußte, daß Natili auch mit anderen „Schwestern“ Umgang gepflogen habe. Kleine Mitteilungen. **: Wieder ein Messerstecher. In Lollar stach am Sonntag Abend ein ange⸗ trunkener Mensch nach voraufgegangenem Streite einen jungen Burschen in die Brust und verletzte ihn schwer. ** Ungetreuer Hirte. Der Schäfer in Dutenhofen ist verhaftet worden, weil er im Verdachte steht, Schafe gestohlen und seiner Heerde einverleibt zu haben. ** Wegen Meineids wurden die früher in München⸗Gladbach angestellten Polizei⸗ beamten Meyer und Jordans verhaftet. * In Offenbach stand am Mittwoch der seitherige Stationsvorsteher Seitz vom dortigen Lokalbahnhofe vor dem Darmstädter Schwurgericht unter der Anklage der Urkunden⸗ fälschung und Unterschlagung. Seitz wurde zu 10 Monaten eig verurteilt; er war in jeder Hinsicht geständig. l 99 9 ch wasser ist infolge der letzten Tage im Rheingebiete und dem der Nebenflüsse eingetreten. In Köln ist der Rhein um 1 m. gestiegen. Die Wupper führt Hochwasser, wodurch mehrere Ortschaften überschwemmt sind.— Auch sonst wird Unwetter, Sturm, sogar Gewitter aus fast allen Teilen Europas gemeldet. Besonders auf der Nordsee wüteten schwere Stürme. Rechtssprechung. „Schwarze Listen“ erlaubt! Das Oberlandsgericht zu Köln hat die Abweisung der Klage mehrerer ehemaliger Arbeiter der Emaillirwerke von Wertmann und Elvers bestätigt, die wegen schwarzer Listen, durch die die Firma ihnen jede Arbeits möglichkeit in ihrer Branche abgeschnitten hatte, auf 30 000 M. Schadenersatz klagten. Schwerste Strafe dem, der andere an freiwilliger Arbeit hindert. Arbeiterbewegung. 7 Ausgesperrte Glasarbeiter waren Ende November noch 272 vorhanden, wovon 205 Verheiratete. Die Glasindustriellen wollen die Arbeiter, weil sie für das Koalitionsrecht Kämpften aushungern und womöglich den Ver⸗ band sprengen. Die Leiter der organisterten Arbeiterschaft werden ersucht, mehr als bisher für eine thatkräftige und wirksame Unterstützung Sorge zu tragen. Man denke an die Unbilden der Winterkälte, die besonders die von allen Mitteln entblößten Ausgesperrten schmerzen, und an das bevorstehende Fest der Liebe. Arbeiter Deutschlands! Verlaßt die ausgesperrten Glas⸗ arbeiter nicht in ihrer Not! Gedenkt ihrer fe bei den Vorbereitungen zum Weihnachts- fe Partei-Nachrichten. Parteigenossen! Bedenkt daß die e 0 beste Waffe im Kampfe gegen Volksaussaugung und Unterdrückung unsere Parteipresse ist, sorgt deshalb für deren weiteste Ver⸗ breitung und werbt eifrig Abonnenten fuͤr die „Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ des einzigen in Oberhessen erscheinenden Arbeiterblattes! In der Hamburger Akkordmaurer⸗ Angelegenheit ist es nun zum Ausschluß der Akkordmaurer gekommen. Letztere benah⸗ men sich bei den Einigungsverhandlungen äußerst schroff und ablehnend, so daß ihr Ausschluß erfolgen mußte. Selbst die„Frankftr. Ztg.“ wundert sich darüber, daß alte Sozialdemokraten, die die Akkordmaurer sein wollen, so die Dis⸗ ziplin verletzen konnten. Noch mehr wundern wir uns über die verschrobenen Ansichten, die von diesen Leuten in Bezug auf die Akkord⸗ arbeit zu Tage gefördert wurden. Versammlungskalender. Samstag, den 14. Dezember. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versam m⸗ lung bet Löb„Wiener Hof“. Vortrag über:„Die heutige Gewerkschaftsbewegung. Ref. Vetters.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 15. Dezember. Gießen. Gesang⸗Verein„Eintracht“. Abends 8 Uhr Zusammenkunft bei Orbig. Wieseck. Arbeiter⸗ Bildungsverein. Nachmit⸗ tags 3 Uhr Versammlung bei Heinrich Keller. Zahlreiches Erscheinen gewünscht. Der Vorstand. Freitag, den 20. Dezember. Gießen. Verband der Fabrik- und Hilfs⸗ arbeiter. Abends 8 Uhr Mitgliederversammlung bei Löb(Wiener Hof). Samstag, den 21. Dezember. Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Mitgliedersammlung im Lokale Orbig. ————— 2 Letzte Nachrichten. Der Reichstag beendet am Donnerstag die erste Beratung des Zolltarif⸗Entwurfs und überwies die Vor⸗ lage einer Kommission von 28 Mitgliedern. Das Haus vertagte sich darauf bis 8. Januar. 1 4 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 50. „ Anterhaltungs-Ceil. Agitator Winter. Nun, Freunde, laßt gemach das Reden sein, Ein Agitator kam, der„über“ doch uns allen: Wo er erscheint, da schlägt er sicher ein, Mag seine Art auch manchem nicht gefallen, Es schert ihn kein Verbot der Polizei, Der peinlichen, der leicht gekränkten Dame, Und unter off'nem Himmel hält er frei Versammlung ab, und— Winter ist sein Name. Wen sonst kein Wort, kein Mahnen auch vielleicht Aus seines Elends dumpfem Traum gerüttelt, Er fährt empor, wenn ihn sein Arm erreicht, Wenn seine Hand mit rauhem Griff ihn schüttelt. Er ruft ihm zu: Was bist du arm und blos, Und sind doch andre warm und weich geborgen? Ist's deine Schuld, daß Elend nur dein Cos, Krankheit und Not und Thränen heut' und morgen d Was frierst du, sprich, und hungerst, arbeitslos? Wuchs Brot genug nicht allen Menschenkindern? Birgt Kohlen nicht genug der Erde Schoß, Den harten Frost durch heiße Glut zu mindern P Wohl manchem schon mein Hauch zum Tode traf, Der gleich verhaßt bei Armen wie bei Reichen, Doch wer auch sank vor mir in Todesschlaf, Stets war's ein Armer, stets nur deinesgleichen. Noch drang ich ein in keines Reichen Haus; Der schlug mir zu die Thüre vor der Nase. Nur sucht ich manches Opfer schon mir aus Auf offnem Feld, auf schneeverwehter Straße. Doch ob auch rauh und häßlich meine Art, Und hundert schon vor mir am Wege starben, Nicht ist mein Herz, wie das der Menschen hart, Die fühllos seh'n, wie ihre Brüder darben. Und also mahnt der Winter hier und dort, Und wo kein„Retzer“ noch bisher erhob die Stimme, Da predigt er— und wär's der fernste Ort, Ein Agitator nun mit scharfem Grimme. Da kündet er des Volkes bittre Not Trotz Polizei, Gendarm und Feierstunde; Kein Staatsanwalt, der ihm das Wort verbot, Und weiß es doch, daß er mit uns im Bunde. D. Ein Wunder. Eine Dorfgeschichte. Die alte Geschichte hatte sich auch da zu⸗ getragen. Das alte, ewig neue, so vielfach wechselnde Lied: Verliebt— verführt— ver⸗ lassen! Wer„Sie“ und„Er“ waren, ist für diese Geschichte völlig belanglos; genug an dem, daß sie auf einer Lustreise mit dem, zur Zeit noch, Geliebten darauf kam, wie niederträchtig er an ihr zu handeln im Begriff stehe. Ein junges, impulsives Geschöpf, das sie ist, verführt, aber nicht schlecht, entflieht sie ihm, und, sozu⸗ sagen, auch sich selbst und rettet sich mit ihrer sichtbar werdenden Schande mitten aus der luxuriösen Reise heraus in ein weltvergessenes Gebirgsnest. Dort bleibt ste, bis das Kind am Leben ist, und hat in der Zeit sich selbst wieder gefunden. Ob er sich die Mühe gab, sie zu finden, weiß sie nicht und frägt nicht danach. Diese seelische und körperliche Leidenszeit hat klärend auf sie gewirkt. Sie erkennt, daß seine Liebe nur Genußsucht war und die ihre nicht viel mehr. Da sie mit dem Kinde am Arm sich nur schwer durch das Leben sinden konnte, so beschließt sie, das Kind hier in dem Orte, bei der Frau, wo es zur Welt kam, zu lassen und sich allein einen Platz zu erringen, der es ihr möglich macht, das Kind zu holen. Das ist so ihr Plan für die nächste Zukunft, und sie führt ihn aus. Was sie an Geld entbehren kann, läßt sie zurück für das Kind, und mit dem schen Mute wiedererlangter Gesundheit geht e zurück iu die Welt. Sie schlägt sich tapfer urch und hat Erfolg. Bald glaubt sie, das Kind holen zu können, als sie die Nachricht trifft, daß es gestorben ist. Zeit und Umstände aller Art erlauben 11 für den Moment nicht, selbst zu dem Begräbnis zu eilen. Sie sendet also Geld für ein hübsches Grab mit einem Kreuze, auf welchem der Name des Kindes, Geburts- und Todestag stehen sollen. Zeit und Umstände halten sie immer länger ab von der beabsichtigten Reise, aus der auch nach Jahresfrist nichts wird. Wohl sendet sie ab und zu Geld zur Erhaltung des Grabes; die Nachrichten von dort werden aber immer seltener, und die letzte, von fremder Hand, meldet ihr den Tod der alten Pflegerin ihres Kindes. Nun hat sie niemand mehr in dem weltvergessenen Neste, völlig ausgelöscht ist die schmerzlichste Episode ihres Lebens, und sie kann, ruhig den Besuch des kleinen Grabes hinausschieben, bis ihre Existenz eine so unab⸗ hängige ist, daß sie, ohne jemand Rechenschaft über das Wohin und Warum geben zu müssen, hinreisen kann. Da tritt die Liebe das zweite Mal in ihr Leben. Diesmal ist es die echte, und selig schaut ste zu dem Manne auf, der bereit ist, ihr seinen Namen zu geben, der kein höheres Glück kennt als ihren Besitz. Sie könnte zugreifen, sich mit einem Worte eine glückliche Zukunft sichern, aber sie ist zu ehrlich, sie erzählt ihm die Geschichte des kleinen Grabes in dem weltvergessenen Neste. Er aber bleibt fest in seiner Liebe. Er frägt nicht nach der Vergangenheit, er hofft alles von der Zukunft und will die Gegenwart genießen. Sie heiraten, und er selbst schlägt ihr nach einiger Zeit die Reise zu dem kleinen Grabe vor. Er selbst ist es auch, der sich in dem Bahnhof ein⸗ findet mit einer lieben Ueberraschung für die geliebte Frau. In einer Schachtel, wohlverpackt, bringt er eine herrliche Blumenspende für das kleine Grab. So geht denn die Reise erst mittels Bahn in das kleine Landstädtchen und von dort des anderen Tages mit Wagen hinauf in das Gebirgsnest. Ein prächtiger, kühler Herbsttag und ein Sonntag dazu. Berg und Wald ein⸗ gehüllt in den feinen, grausilbernen Nebelduft, tiefe Stille ringsum, so fahren sie dahin, Hand in Hand, und die Herzen voll Glück. Je näher in ihrer Brust die Erinnerung an die dort verlebte kummervolle Zeit. Nöllig ausgestorben scheint das Dorf, als sie einfahren. Alles war wohl in der Kirche dort oben auf dem steilen Hügel, und dort oben, um die Kirche herum, lag auch der Friedhof. Am Fuße des Hügels hielt der Wagen, und sie bat ihren Mann, hier unten zu bleiben. Allein wollte sie sein, allein all' des Schmerzlichen gedenken, das nun ver⸗ gangen war. Einen langen, weißen Spitzen⸗ schleier um den Kopf, zum Schutze gegen Staub und Wind auf der Fahrt, die Blumen unter dem wallenden, hellen Staubmantel verborgen, so schritt sie den Hügel hinan und betrat den völlig einsamen Friedhof. Aus der Kirche quollen die Orgeltöne und ungeschulte, aber frische Stimmen sangen dazu. Die Sonne hatte nun auch den Nebelschleier zerrissen, und die nassen Gräser und Blumen funkelten in ihrem Lichte. Still schritt sie dahin, froh, un⸗ bemerkt zu sein, und forschte nach dem kleinen Grabe mit dem Kreuze. Wie genau sie aber auch suchte, nichts war zu finden. Kein Kreuz, kein Hügel, und sie mußte wohl daran glauben, daß die Zeit jegliche Spur verwischt habe oder die Pflegerin das bestellte Kreuz gar nicht auf⸗ richten ließ. Danach forschen bei Pfarrer oder Bürgermeister wollte sie nicht, und so stand sie da, nicht wissend, was sie mit der kostbaren Blumenspende in der Hand beginnen solle. Im Begriff, fortzugehen, war sie auch zu dem hinter der Kirche belegenen Beinhaus gekommen. Die Thür war offen, und man sah drinnen in dem feuchtkühlen Raume auf einer Tragbahre einen geschlossenen Sarg. Er beherbergte wohl einen Toten aus armer Familie, denn das Bahrtuch war arg abgebraucht und geflickt. Die Leiche sollte wohl noch heute beerdigt werden, und ste erinnert sich jetzt auch, ein aufgeworfenes Grab gesehen zu haben. Rasch entschlossen holte sie ihre Blumen hervor und legte das farbenprächtige, duftige Gewinde andächtig auf den ärmlichen Sarg. Dann kniete sie nieder zu einem kurzem, innigen Gebet. Von der Kirche tönte das Glocken⸗ zeichen des Sanktus, und ste wußte, daß die sie dem kleinen Orte kamen, desto lauter wird Messe nun schnell beendet sein würde. Noch einmal überflog sie andächtigen Blickes den ärm⸗ lichen Sarg, auf dem die kostbaren Blumen sich seltsam genug ausnahmen, und dann schritt sie leicht hinaus, zwischen den Gräberreihen durch, hinab zu dem wartenden Wagen. Daß aus einem Winkel des Friedhofes des alten, stumpf⸗ sinnigen Totengräbers Blicke ihr überrascht folgten, hatte ste nicht bemerkt. Dieser traute seinen Augen nicht, als er die lichte, schlanke Erscheinung über die Schwelle des Beinhauses und durch den Friedhof gleiten sah. Eben als sie wieder aus dem stillen Dörfchen hinausfuhren, war oben die Messe zu Ende. Tief aufatmend verließ die Schar der An⸗ dächtigen die Kirche. Wie wohl that die milde Herbstsonne gegen die fröstelnde Luft in der Kirche. Sie hatten auch noch eine andere Ursache, aufzuatmen. Der Herr Pfarrer hatte heute gar bös über sie alle losgezogen, und zwar wegen einer Sache, in der sich fast alle die jungen Leute schuldig fühlten. Ach ja!— Die Jugend und die Liebe! Sie gaben oft und oft Ursache zu einer Predigt, und der Herr Pfarrer war gar streng. Freilich, heute hatte er wohl Grund, zu zürnen, der Herr Pfarrer. Ein Selbstmord war vorgekommen! Ein Selbstmord in dem kleinen Neste!— Das dachten die ältesten Leute nicht. Und so ein junges Ding, wie die Anna Marie! Da lag sie jetzt im Beinhaus unter der vielgeflickten Sargdecke. Nachmittags sollte sie ganz still eingegraben werden, ohne Ein⸗ segnung, und auch das Geleite der Gespielinnen hatte der Pfarrer soeben verboten. f Gruppenweise schritten die Leute den Kirchen⸗ hügel hinab, und die Jugend besprach es flüsternd ob sie nicht doch teilnehmen sollten an Anna Maries Begräbnis. Sie that ihnen ja so leid, wenn freilich dieses Leid auch mit etwas Grauen gemischt war, Grauen vor dem selbstgewählten Tode. Auch hier das alte Lied: Verliebt, ver⸗ führt, verlassen! Nur hatte es hier anders geendet als bei jener, die eben an der Seite ihres Mannes hinausfuhr, dem Glücke entgegen. Die arme Anna Marie hatte nicht wie jene mit ihrer Schande flüchten können, nicht genesen an Leib und Seele, und daher auch nicht wieder zurückfinden in das Lebeu, aus dessen stumpfer Eintönigkeit sie ja nicht herausgekommen war. Feinfühliger als viele ihrer Kameradinnen, ohne Hülfe von außen oder innen, hatte ste sich der Verzweiflung hingegeben und war ihr erlegen. Ja, das alte Lied! Nur wieder mit einem anderen Schlusse, der dem Herrn Pfarrer Stoff gab zu einer gar wirksamen Predigt. Wie hatte die Mutter der Selbstmörderin geweint bei des Herrn Pfarrers Worten, die allen Anwesenden die Teilnahme am Leichenbegängnis verbot. So sang⸗ und klanglos sollte sie begraben werden, shre arme Tochter, deren Sünde die Mutter nicht so recht begriff. Freilich, die biblischen Worte, den Wortlaut der Sünde verstand ste schon, das hatte ihr der Herr Pfarrer ja oft genug erklärt, aber der Jammer, den die Arme mitgemacht hatte, galt denn der gar nicht? Aber eben in der Ursache dieses Jammers, in der sündigen Liebe lag ja das Vergehen! wurde ihr geantwortet. Wollte die Alte das garnicht ver⸗ stehen?! Freilich, ja freilich, sie verstand schon, aber so thaten sie fast alle, die jungen Leute und so gingen die Gedanken in ihrem armen, alten Kopfe immer rundum und sie wußte. keinen Rat. Vergeblich redete ihr der Schul⸗ meister zu, der sie eben den Hügel herab leitete. Er war nicht ganz mit dem Herrn Pfarrer et verstanden, der Schulmeister. Mit allem Respe natürlich meinte er, man müsse milder sein gegenüber so viel Herzeleid. Und aus fen milden Herzen heraus tröstete er die Alte 12 sprach ihr von Gottes Güte und Barmherzigkeit und von Gottes Engel, der ganz gewiß Anne Maries Grab stehen würde, damit sie nicht so verlassen sei in der tiefen Grube. So tröstend und zuredend kamen sie alle 1 im Dorfe an und eilten in die Häuser, das Mittag⸗ essen zuzurichten. Auch der Totengräber war mit seiner Arbeit a 3 zu Ende und ging, seine Geräte ins Beinhau zu tragen. Dee helle Erscheinung von fen spuckte noch in seinem Hirne, und er schritt 55 Sinnes über die Schwelle. Ein starker fee einem auf de boran Schult shrer hurch alle b hgeraue der B i da zart fl duften freilich gescher einma Unter Grube W Uinset ein N geben, dachte lünfti Den Jed ung fata Haute schlanke haustz ben dlz uhren, der dh, ie wih In der lach eute gay r wegen ungen Jugelb ag rer um Grund, bostral in den en Neuf ie Num 8 Unter 98 solle hne Ei pielinnen Kirchen, flüstern in Aung so lah, 5 Grauen ewählte sebt, bel⸗ afbetz er Sele eutgegel ine m een al t walt ume en Wal, en, ohle . fich del d klegkl, it ellen r Eiff Wie hat 1 bel de ec bellll e Mu bölsce tun 1er 0 die Al c“ I „ i f rde“ 15 b a5 f Gul Nr. 50. MitteldeutscheSountags⸗Zeitung. Seite 7. wehte ihm entgegen. Er hob die Augen— was war das?!— auf dem Sarge der Sünderin lagen Blumen, wie er sie noch nie gesehen. Wo waren die her!? Diese fremdartigen Blumen und die Erscheinung von vorhin, die helle Gestalt, der gleitende Gang, ja, und jetzt glaubte er auch, sich deutlich zu entsinnen, daß ein Strahlenkranz die Gestalt umgeben habe. Blitz⸗ artig tauchte es in seinem Kopfe auf— das war ein Engel! Das war's, und ein Wunder war geschehen, nur ein Wunder hatte diese nie gesehenen Blumen hierhergezaubert auf den Sarg der Sünderin zum Zeichen der Vergebung. So schnell ihn seine alten Füße trugen, eilte er in's Dorf und berichtete den Staunenden seine Mär. Ungläubig lief die Erzählung von einem zum andern, und der Nachmittag sah alles auf den Beinen hinauf zum Friedhof. Allen voran die alte Mutter, wieder geleitet vom Schulmeister und zitternd vor Glück, Gott könne ihrer Anne Marie Vergebung gesendet haben, durch ein sichtbares Zeichen. So standen sie alle vor dem Beinhaus, und als der Sarg herausgebracht wurde, ging ein lautes„Ahl, der Bewunderung durch die Menge. Da war ja das„Wunder“! Auf seltsam geformten, zart silbergrauen Blättern lagen prächtig gefärbte, duftende Orchideen, Blumen, die den Dörflern freilich fremd waren. Wer hatte je solche Blüten gesehen? Wo wachsen diese? Die gab es nicht einmal drinnen in der Stadt. Fast jubelnd, unter lauten Gebeten wurde der Sarg zur Grube geleitet. Wer vermißte mehr des Herrn Pfarrers Einsegnung! ein Wunder gesendet, hatte der Sünderin ver⸗ geben, und alle die Burschen und Mädchen dachten leichteren Herzens vergangener und— künftiger Sünden. Der Richter vor der Himmelspforte. Ein orientalisches Märchen von W. Doroschewitsch. Asrail, der Todesengel, flog über die Erde und berührte mit seinem Flügel den weisen Osman. Der Richter starb und seine unsterbliche Seele trat vor den Propheten Es war vor dem Eingang in das Paradies. Aus dem Hintergrund einer Baumgruppe kam ein Gesang der Engel, die zu den himm⸗ lischen Genüssen einluden. In der Ferne erscholl der Klang eines Horns; die Paradiesesbewohner jagten in dichten Wäldern auf wunderschönen fchneeweißen ara⸗ bischen Pferden. a „Lass' mich in das Paradies,“ sagte der Richter Osmann. „Gut,“ antwortete der Prophet;„aber zuerst mußt Du mir sagen, wodurch Du es verdient hast. e bei uns im Himmel Gesetz. Gesetz?“ Der Richter neigte sich tief und drückte die Hand auf die Stirn und auf die Herz gegend als Zeichen der größten Achtung. „Das ist ganz gut, daß ihr Gesetze habt, die ihr befolgt. Das Gesetz soll überall existtren und es soll überall Anwendung finden. Das ist bei Euch sehr gut eingerichtet.“ Gott hatte durch seinen Boten „Also, wodurch hast Du das Pardies ver⸗ dient?“ fragte der Richter. „Ich kann keine Sünden haben,“ antwortete der Richter;„ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, um Sünder abzuurteilen. Ich war ein Richter, dort, auf der Erde. Ich urteilte und urteilte sehr streng.“ „Wahrscheinlich lag auf Dir der Glanz besondere Tudenden, wenn Du andere Leute aburteiltest? Und dazu noch streng!“ sagte der Prophet. Der Richter runzelte die Stirn. Der Richter runzelte die Stirn. „In Bezug auf die Tugenden... das will ich nicht behaupten. Ich war gerade so wie andere Menschen. Aber ich urteilte des⸗ halb, weil ich dafür einen Gehalt bekam.“ „Na, das ist keine besondere Tugend,“ lä⸗ chelte der Prophet,„den Gehalt einzustecken! Ich kenne keinen sündigen Menschen, der dar— auf verzichtet hätte. Also es kommt darauf heraus: Du hast Menschen abgeurteilt, weil ihnen dieselben Tugenden fehlten, die auch Du nicht besessen hast. Und dafür hast Du noch einen Gehalt bekommen! Leute, die einen Ge⸗ halt bekommen, verurteilen andere Menschen, die keinen Gehalt haben. Der Richter darf den Sterblichen aburteilen. Und der Sterbliche darf den Richter nicht aburteilen. Mir ist das nicht ganz klar.“ Die Stirne des Richters runzelte sich stärker. „Ich urteilte nach den Gesetzen,“ antwortete er trocken.„Ich hatte alle Gesetze inne und urteilte nach denselben.“ „Und die Menschen, die Du u eurteil⸗ test, haben sie die Gesetze gekan n!?“ fragte der Prophet nengierig. „O nein,“ antwortete der Richten stolz. „Woher denn? Das kann nicht jeder!!“ „Da hast Du also die Menschen für die Nichterfüllung der Gesetze verurteilt, die ste nicht einmal kannten,“ schrie der Prophen auf. „Nun, hast Du Dich wenigstens bemüht, die Menschen aufzuklären?“ „Ich richtete,“ antwortete mit Trotz der Richter. „Hast Du, als Du sahest, daß gegen Ge⸗ setze gehandelt wurde, Dich bemüht, so einen Zustand einzuführen, daß es den Menschen nicht nötig wäre, die Gesetze zu umgehen?“ „Ich habe den Gehalt bekommen, um zu richten!“ Der Richter warf auf den Propheten einen düsteren Blick. Er runzelte noch stärker seine Stirn, seine Augen funkelten. „Du sprichst ungebührliche Dinge, Prophet, ich muß Dir das bemerken,“ sagte er streng, „fehr gefährliche Dinge! Du denkst zu fret, Prophet. Nach Deinen Worten vermute ich, Du seiest ein Schiit), Prophet. Ein Sunnit darf nicht so denken, Prophet. Deine Worte sind im Buche Sunn vorgezeichnet.“ Der Richter dachte nach. „Und deshalb, auf grund des vierten Buches Sunn, Seite 123, vierte Zeile von oben, die zweite Hälfte, und auf grund der Kommentare 4) Schiiten und Sunniten sind zwei Richtungen des Miachan eden uns(etwa wie Katholizismus und Proteslantismus im Christentum). der weisen Alten, unserer Heiligen, klage ich Dich an, Prophet.“ Das hielt der Prophet nicht aus und lachte laut auf. „Geh' zurück auf die Erde, Richter,“ sagte er;„für uns bist Du zu streng. Bei uns im Himmel sind wir viel besser, viel nachsichtiger.“ Und er schickte den weisen Richter zurück auf die Erde. „Aber wie willst Du es machen, wenn ich gestorben bin? In welche Formel willst Du das bringen?“ „Ich ersuche Dich, Deinen Tod für ungiltig zu erklären,“ lächelte der Prophet. „So ist es gut! Auf grund dieser Erklärung geht es. Ich bin einverstanden.“ Und der Richter kam zurück auf die Erde. (Aus dem Russischen von Dr. L. Sokolewsky.) CT....———.... Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. 4. Dezember: Johann Bürger, Wirt dahier mit Elisabeth Stegmann in Iserlohn. 5. Otto Schmidt, Schreiner dahier mit Marie Lang in Ehringshansen. 6. Friedrich Deiß, Schlosser mit Anna Nicolai dahier. 7. Karl Horn, Bäcker mit Elisabethe Prang dahier. Karl Stork, Kutscher mit Margarethe Mootz dahier. 9. Johann Börstel, Lehramtsassessor in Nidda mit Ottilie Lund dahier. Hermann Klotz, Spengler, mit Lina Klingelmeier dahier. Eheschließungen. 7. Heinrich Abel, Fuhr⸗ mann mit Elisabethe Reuschling, dahier. Heinrich Decker, Metzger, mit Anna Schlapp dahier. 9. Johann Kloos, Taglöhner, mit Katharine Wormschlag, dahier. 10. Ludwig Schneider, Kaufmann, mit Katharine Döpfer, dahier. Geborene. Dem Taglöhner Nikolaus Ißberg e. T. Dem Metzgermeister und Wirt Gustav Trinkaus e. T. 5. Dem Kaufmann Joseph Seeler e. T. 6. Dem Schlosser Hermann Güldenpfennig e. T. Dem Werk⸗ meister Wilhelm Schmidt e. S. 7. Dem Eisendreher Franz Ganß e. T. 8. Dem Friseur Otto Rottmann e. T. 11. Dem Handlungsgehülfen Hans Greilich e. T. Gestorbene. Am 6. Margarethe Jörg, geb. Glas, 51. Jahre alt. 11. Elisabeth Grau, 18 Jahre alt, ohne Beruf dahier. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 12. Dezember: Butte v d. Mk. 1,20— 1,35, Hühnereier 1 St. 8 10 P eneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg. Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 0—0 Pfg., Erbsen per Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 3,20— 3,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,00 5,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 1,00, Hühner per St. Mk. 1,00— 1,20, Hahnen per St. Mk. 0,70— 1,00, Enten per St. Mk. 1,20 bis 2,50, Gänse per Pfd. 52— 60 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 70 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg., Hammelfleisch 50—70 Pfg. K. 0 Ac ß ß. An unsere Leser! Die Kolporteure sind gehalten, bis zum 15. jeden Monats abzurechnen; wir bitten die Abon⸗ nenten, dies zu beachten. . Die Expedition. — — —ͥͤ——— Unsere Freund e und Genossen bitten wir, bei ihren Einkäufen in erster Linie die Geschäfte zu berücksichtigen, die in unserer Zeitung annonc ieren. lleuchelheim. Bringe hiermit meiner wer⸗ ten Kundschaft ein in empfehlende Erinnerung. 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Uebermut eines gräflichen Brotwucherers. „Der Vater wird wohl Alles ver⸗ soffen haben!“ So rief im Reichstage der Junker Graf Arnim dem Genossen Bebel zu, als er schilderte, wie in Köln ein Kind auf die Frage des Lehrers, warum es denn gerne im Himmel sein möge, geantwortet habe:„Dann hätte ich keinen Hunger mehr!“ Jener Zuruf, den das Gräflein gewiß bereute, als er dem Gehege seiner Zähne entschlüpft war, wirft aber ein grelles Licht auf die Denkart der Wucher⸗ zöllner. Die schmachvolle Roheit und Gewissen⸗ losigkeit des Junkertums und seiner Trabanten trat in diesem Zwischenfalle klar zu Tage. Wenn es auch vereinzelte Fälle geben mag, wo infolge schlechten Verhaltens oder Trunk⸗ sucht der Eltern die Kinder darben müssen— fast immer liegt aber auch dies in unserer „göttlichen“ Gesellschaftsordnung begründet. Aber bei einer Schilderung der Notlage weiter Bevölkerungsschichten, die jedem Fühlenden nahe gehen muß, die Armen ob ihrer Notlage zu berhöhnen und ihnen die Schuld dafür auf⸗ zubürden, während doch die Herrschenden allein die Schuld trifft— das ist eine unerhörte Gemeinheit. Graf Arnim hat die Wucherparteien schwer getroffen, meint der Vorwärts, indem er ihre wahren Gesinnungen, die sie klug zu ver⸗ bergen versuchten, in beschränkter Tölpelhaftig⸗ keit vor aller Welt kund machte. Die elemen⸗ tare Empörung in den sozialdemokratischen Reihen, die der Cynismus des Mitglieds der Stummpartei erregte, wird weithin in das Land fortschwingen und die Aufreizung der Massen gegen den Wuchertarif und die Parteien des Wuchertarifs fördern. Wir sind dem Grafen Arnim, dem Verteidiger des Hänge⸗Peters und aller Kolonialabscheulichkeiten dankbar verpflichtet, daß er auch im jetzigen Kampf das richtige Wort für das Treiben der Wucherparteien gefunden.— Und wer ist der Mensch, der solchergestalt die Armut verhöhnte? Es ist gut, sich seine Verhältuisse etwas anzusehen. Graf Arnim besitzt in Schlesten im Kreise Rothenburg und im Kreise Sagan nicht weniger als 18 Ritter⸗ güter, die eine Gesamtfläche von 31632 Hek⸗ taren Land umfassen. Außerdem besitzt der Graf im Niederbarnimer Kreise das Rittergut Elisenau⸗Blumberg, das 1185 Hektare umfaßt. Demnach hat der Graf von Arnim einen Grundbesitz 32817, Hektar. Zur Veranschaulichung der Größe dieses von Arnim⸗ schen Riesengrundbesitzes sei angeführt, daß der gesamte Kreis Spremberg in der Mark Bran⸗ denburg nur 31019 Hektar in sich schließt. Der Vorteil, welcher dem Grafen Arnim aus dem Getreidezoll erwächst, berechnet sich folgendermaßen: Von den 2464,52 Hektaren Ackerland mag nur die Hälfte, also 1232,26 Hektar, mit Getreide, das zum Verkauf dient, bepflanzt sein. Nach Abzug der Einsaat erntet ein Großgrundbesitzer im Durchschnitt mindestens vom Hektar Roggenboden 880, Weizenboden 1223, Gerstenboden 1190, Haferboden 1020 Kilogramm. Das giebt also, schlecht 1194005 durchschnittlich vom Hektar Getreideland 100 Kilogramm oder eine Tonne Getreide. Jede Mark Zoll erhöht den jährlichen Ertrag jedes Hektars des Großgrundbesitzes also um 10 Mk. Der Zoll beträgt zur Zeit 35 Mk. pro Tonne Roggen und Weizen. Also erwächst dem Grafen b. Arnim aus dem bestehenden Getreidezoll ein Vorteil von 43 129 Mk. jqährlich. Werden aber die Zölle nach den Wünschen der Junker⸗ partei, der Arnim angehört, erhöht, also auf Mk., so steigt der jährliche Vorteil des Grafen v. Arnim allein durch die Getreidezölle nuf 86 288 Mk. Dazu kommt, noch der Vorteil, den der Graf aus den Holzzöllen be⸗ zieht und diese Summen sind bei einem Wald— besitz von 28677 Hektaren nicht gering. Dagegen betragen die Löhne, die den ländlichen Arbeitern, in den Kreisen, wo die Arnim'schen Güter liegen, gezahlt werden, nach amtlichen Feststellungen 1.20 Mk. für männliche und 65 Pfg. für weibliche erwachsene Arbeiter, einschließlich der Naturalleistungen! Aus diesen Zahlen ersteht man, was für Summen dieser zu den„Edlen und Besten der Nation“ gehörige„Volksvertreter“ durch die Wucherzölle, die von den Aermsten aufgebracht werden müssen, einheimst. Er verlangt, daß ihm die Gesetzgebung ein üppiches Leben ermög⸗ liche; mögen dabei die Kinder des Armen ver⸗ hungern, er hat dafür nur Spott und Hohn! Bezeichnend für das Organ der hessischen Trabanten des Bundes der Landwirte, der antisemitischen Offenbacher„Volkswacht“ ist es, daß es der gräflichen Gemeinheit zustimmt. Zu wundern braucht man sich darüber aller- dings nicht. Bei dieser Gesellschaft ist die Scham längst zu den Hunden entflohen; ihre antisemitische Ueberzeugung hindert sie bekannt⸗ lich auch nicht, jüdischen Zeitungsbesitzern Be⸗ richte zu liefern, wenn sie dabet ein Geschäft machen können, warum sollen sie sich an Ge⸗ meinheit und Rüpelhaftigkeit von einem Grafen übertreffen lassen? .* Zu dem von Bebel erwähnten Vorfall mit dem Schüler erklärt der betreffende Lehrer in der„Köln. Volksztg.“, daß der Vater des Kindes kein Trinker sei, sein Verdienst sei aber unzureichend. Es handelt sich um eine siebenköpfige Familie, die in einer Dachstube wohnt. Das älteste Kind ist sieben Jahr alt; die Frau kränkelt. Bebels Erzählung beruht also durchaus auf Thatsachen. Und solchem Elend gegenüber haben vollgefressene Junker und antisemitische Mittelstandsretter nur Spott und Hohn! f Von Nah und Fern. Die Lokomotive im Wartesaal. Der Frankfurter Hauptbahnhof war am Freitag früh der Schauplatz eines eigentümlichen Eisenbahnun⸗ glücks, das unter Umständen ein fürchterliches Blutbad hätte anrichten können, aber glücklicherweise ohne schwere Verletzungen von Menschen abging. Der Orient⸗Expreß⸗ zug Ostende⸗-Wien war, von Ostende kommend, von Mainz mit 85 Minuten Verspätung abgefahren. Um etwas Zeit einzuholen, hat der Lokomotivführer zwischen Mainz und Frankfurt ein sehr schnelles Tempo einge⸗ schlagen. Bei der Einfahrt in den Frankfurter Haupt⸗ bahnhof fuhr der Zug mit einer Geschwindigkeit von 82 Kilometer pro Stunde, während das vorgeschriebene Einfahrtstempo 20 Kilometer ist. Nun war es, da die Bremse versagte, dem Führer unmöglich, den Zug anzuhalten. Er überfuhr am Ende der Geleise zunächst die Kiesschüttung und das dahinterliegende, etwa 20 Centimeter starke Asphaltpflaster, riß dann den schweren eisernen und stark verankerten Prellbock wie ein Streich⸗ holz zusammen, fegte im Weiterrasen die Buchhandlungs⸗ bude mit ihrem gesamten Inhalt weg, überfuhr den Querperron und durchschlug die Vorderfassade des Em⸗ pfangsgebäudes zum südlichen Wartesaal erster und zweiter Klasse, und blieb mitten im Wartesaal stehen, da zentnerschwere Quadersteine, die eine Säule tragen, die Weiterfahrt hemmten. Verletzt ist außer einem Bahnsteigschaffner Niemand. Fürchterlicher Schreck ergriff natürlich die wenigen im Wartesaal anwesenden Personen. Beschädigt ist nur die Lokomotive, die Wagen hatten vorher sich losgerissen.— Der betreffende Lokomotiv⸗ führer fuhr den Expreßzug nur vertretungsweise. Schon in Bingerbrück stieß dieselbe Maschine mit einem Güterzug zusammen, indessen blieb dieser Unfall ohne ernstere Folgen, möglich ist aber, daß der Führer sich infolge dessen in Aufregung befand. Wie Ritualmordmärchen entstehen zeigt folgende Geschichte, die kürzlich aus Arns⸗ wal de berichtet wurde. Vor etwa sechs Jahren verschwand aus dem Dorfe„Mienken der dreijährige Sohn des Besitzers Fenske. Nachdem alles Nachsuchen vergeblich gewesen, nahm ein Theil der Bevölkerung an, daß das Kind von einer um diese Zeit in der Gegend gesehenen Zigeunerbande entführt worden sei; die Antisemiten aber suchten hier wieder einen Ritualmord zu konstruiren. Jetzt ver⸗ lautet nach der„Volksztg.“, daß ein in jener Gegend wohnender Förster R. auf seinem Sterbette bekannt habe, daß er den Knaben ver⸗ sehentlich erschossen und dann aus Angst, bestraft zu werden, verscharrt hätte. Die Behörde beschäftigt sich bereits mit dieser Angelegenheit und so wird es hoffentlich gelingen, Licht in die mysteribse Sache zu bringen.— In ähnlicher Weise haben sich manche„Ritualmorde“ aufge⸗ klärt und es sollte uns gar nicht überraschen, halte es in dem Konitzer Falle sich ähnlich ver⸗ ielte. Kleine Mitteilungen. ** Verschütteter Brunnenbauer. In Wollmar bei Marburg wurde der Brunnen⸗ bauer Koch bet seiner Arbeit durch Erd massen verschüttet. Bergleute begaben sich sofort ans Rettungswerk, leider konnten sie den Verun⸗ glückten nicht mehr retten; nach angestrengter Arbeit fand man ihn mit zerschmettertem Kopfe ** Plötzlicher Tod in der Gerichts⸗ sitzung. Freitag wurde mitten in einer Sitzung des 4. Strafsenats beim Reichsgericht in Leipzig Reichsgerichtsrat Braunbehrens vom Schlage getroffen und war auf der Stelle tot. * 4 Personen ertrunken. Drei Tech⸗ niker in Bingen und ein bei ihnen zu Besuch weilender Freund mieteten sich am Sonntag Nachmittag einen Nachen und fuhren stromauf nach Geisenheim. Auf der Rückfahrt nach Bingen sind sie wahrscheinlich infolge des herrschenden Sturmes verunglückt. Der Nachen und die Leiche des einen wurden am Dienstag bei Kemp⸗ ten(oberhalb Bingen) geländet, am Mittwoch auch die Leichen der drei anderen. * Mpsauer und To? In alting(Oberbayern) wurde der Pfarrer und Distriktsschulinspektor Graf wegen Sittlichkeits⸗ delikten, begangen an Schulkindern, verhaftet, aber nach Erlegung einer hohen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. Er amtirt nun ruhig als„Seelsorger“ weiter, nur die Schulinspektion wurde ihm abgenommen. Schon sechs Jahre lang hat der Schweinepriester jene Verbrechen begangen und mag in dieser Zeit schon manches Kindergemüt vergiftet haben. Splitter. Gab es denn jemals eine Herrschaft, welche Deuen, die im Besitz derselben waren, micht natürlich erschien? f Mill. ** * Von all den Beschuldigungen, die man gegen den Sozialismus anführt, giebt es keine, die man nicht einst gegen das Christentum erhoben hätte. Cötvös, Humoristisches. Ein braver Handwerksmann. Schreiner: „Der katholisch' und der protestantisch' Pfarrer san meine Kundschaft und mach'n z'gleich a B'stellung. Was thoa? Hab' i zu an jeden schö stad g'sagt, daß i den andern an rechten Schund liefer', da war'n s' z fried'n und i a!“ Bedenklicher Trost. Unteroffizier: Herr Feldwebel, die Leute beklagen sich, daß die Mehlsuppe zu dünn wäre. Feldwebel: Lassen Sie ste nur erst ein paar Monate hier sein, dann werden sie sie schon dick kriegen. eee Seite 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 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