eee ee ec 6e e 6b er 9 D ———jç—fç. e —— Nr. 19. Gießen, Sonntag, den 12. Mai 1901. 8. Jahrg. * Redaftion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Medafttonsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Her .——— 4. Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Druckerei Schloßgasse 13 jede Postanstalt und finden in der M. S. ⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗3.⸗K. 4814) 336% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabat? 2 Juserate Die 5 gespalt . Bei mindesteng bei 6 mal. Bestellun — t. ein Mitglied der Geschäftsleitung, Herr Dr. Ausnutzung der Maschinen. Leider hat der Der Achtstundentag Czapki, den Vorschlag, doch[teber sofort zum Vergleich durch Neuaufstellung von Maschinen in der Praxis. Wie notwendig unter den heutigen Produk⸗ tionsverhältnissen der achtstündige Arbeitstag für die Arbeiterschaft ist und welche segensreiche Wirkung seine Einführung auf die kulturelle Weiterentwickelung des gesamten Volkes aus⸗ üben müßte, ist in unserem Leitartikel der letzten Nummer näher dargelegt. Trotzdem wird von Seiten des Unternehmertums dieser Forderung, wie aller übrigen der Arbeiterklasse, hartnäckiger Widerstand entgegengesetzt. Unsere Gegner be⸗ zeichnen; den Achtstundentag schlankweg als sozialistische„Utopie“; seine Undurchführ⸗ barkeit steht für sie ebenso fest, wie die der Volkswehr, der progressiven Einkommensteuer, wirksamen Arbeiterschutzes und die unserer übrigen Forderungen. N Da müssen wir denn immer wieder nach⸗ weisen, daß der Achtstundentag nicht allein sehr wohl durchführbar ist, sondern daß man auch die besten Erfahrungen damit gemacht hat. Dabet kommt uns sehr zu statten, was über die Erfahrungen, die man mit dem Achtstun⸗ dentag in der optischen Werkstätte Karl Zeiß in Jena gemacht hat, berichtet wird. Diese Firma hat, wie wir schon früher erwähn⸗ ten, seit 1. April vorigen Jahres den Acht⸗ 1 durchgeführt und sie ist auf Grund er in diesem Jahre gemachten Erfahrungen gewillt, ihn dauernd beizubehalten. Dies erklärte der Leiter des Unternehmens, Professor Abbe in einem Vortrage, den er in einer großen Versammlung der Geschäftsange⸗ hörigen am 29. März gehalten hat. Professor Abbe erinnerte zunächst daran, daß Mitte der 60 er Jahre, als er zuerst mit der Werkstätte in Verbindung trat, wie allge⸗ mein in Jena, die Arbeitszeit 10½ stündig war. In den 80er Jahren wurde sie in dem Zeißschen Betriebe auf 10 und 9½ Stunden herabgesetzt und im Jahre 1891 wurde der Neunstundentag eingeführt. In der letzten Hälfte der 90er Jahre regte der Arbeiterausschuß wiederholt eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit an. Gegen den Achtstundentag hatte die Firma kein grunbsätzliches Bedenken; praktisch aber hatte sie das Bedenken, ob nicht durch die plötzliche Verminderung von 9 auf 8 Stunden eine wesemliche Verminderung der Gesamtleistung des Personals eintreten würde. In diesem Falle hätte die Firma von der Einführung des Achtstundentags absehen zu müssen geglaubt, u. d. auch deshalb, weil dann das von ihr eingeführte System der Gewinnbeteiligung der Arbeiter gefährdet gewesen wäre. Ein Arbeits⸗ ausfall von nur 4 oder 5 Prozent hätte den Verlust der ganzen Dividende zur Folge gehabt. Deshalb entstand die Frage: Wie ist es mög⸗ lich, eine Verkürzung der Arbeitszeit einzuführen, ohne eine Verminderung des Arbeits resultats und ohne eine für die Arbeiter schädliche Stei⸗ gerung der Anstrengung in den Kauf nehmen zu müssen? Im Winter 1899 kam die Anregung aus Arbeiterkreisen, doch einmal mit einer Verkürzung der Arbeitszeit um eine weitere halbe Stunde, also auf 8 ¼ Stunden, den Versuch zu machen. Als diese Anregung diskutiert wurde, machte Achtstundentag überzugehen. Für diesen Vor⸗ schlag war die Erwägung maßgebend, daß bei der Verkürzung um eine halbe Stunde immer noch Eßpausen in die Arbeitszeit eingeschaltet werden müßten, daß es mit den Minuten nicht so genau genommen werde usw. Nach dem Studium der namentlich in England gemachten Erfahrungen war die Firma da von überzeugt, daß der Achtstundentag ohne Produktionsausfall, ohne Verschlechterung der materiellen Lage der Arbeiter und ohne ungehührliche Ausnützung der Kräfte herbeigeführt werden könne, wenn nur der gute Wille und genügendes Selbstver⸗ trauen bei der Arbeiterschaft vorhanden wäre. Man war sich ferner bewußt, daß ein solcher Versuch über die nächsten Interessen hinaus Bedeutung erlangen würde: ein Mißlingen hätte den schadenfrohen Gegnern nicht nur Stoff zum Lachen gegeben, sondern vielleicht auch die anderswo auf Verkürzung der Ar⸗ beitszeit gerichteten Bestrebungen lahmgelegt. Man ließ deshalb die Arbeiter darüber ab- stimmen. Die Frage lautete:„Wer traut sich zu und ist zugleich gewillt, in der auf acht Stunden verkürzten Arbeitszeit bei Lohn oder Akkord dasselbe zu leisten wie hei der bisherigen neunstündigen Arbeitszeit?“ Die Einführung des Achtstundentages sollte erfolgen, wenn sich eine Dreiviertelmehrheit dafür erklärte. Am 15. März 1900 stimmten von den über 18 Jahre alten Geschäftsangehörigen 611 mit„ja“, 105 mit„nein“, 26 Zettel waren ungültig. Am 1. April wurde zum erstenmal 8 Stunden ge⸗ arbeitet. Die Geschäftsleitung hat nun seit der Ein. führung des Achtstundentages folgende Wahr⸗ nehmungen gemacht. Dafür, daß eine Produktionspverminderung nicht eingetreten ist, liegen Anzeichen direkter und indirekter Art vor. Eines dieser Anzeichen ist die vorläufig nur für das erste Halbjahr vorliegende Lohnstatistik; nach dieser ist— ob⸗ wohl die Akkordsätze trotz verkürzter Arbeitszeit nicht erhöht worden sind— selbst für die Akkord⸗ arbeiter ein Lohnausfall nicht eingetreten. Die Beobachtungen bei Arbeiten im Zeitlohn haben ergeben, daß dieselbe Quantität hergestellt worden ist wie früher bei der neunstündigen Arbeitszeit. Namentlich das letztere ist anfänglich in Zweifel gezogen worden, weil die Arbeiter ihre Abhän⸗ gigkeit von den Maschinen betonten. Obwohl die Maschinen in ein schnelleres Tempo nicht versetzt werden konnten, haben sie dieselbe Arbeit geliefert wie vordem, weil die Zeit zum Vor⸗ richten des von der Maschine zu bearbeitenden Produktes besser ausgenutzt wurde. Dafür liegen durch die Aufzeichnungen des Maschinen⸗ meisters ziffernmäßige Nachweise bezüglich der Abgabe des elektrischen Stromes vor. Es machte sich zunächst der pünktlichere Beginn bemerkbar; der Zeiger am Schaltbrett ging ruckweise in die Höhe, während früher beim Arbeitsbeginn der Zeiger sich nur langsam vorwärts bewegte. In den ersten vier bis fünf Monaten, so lange ein Vergleich möglich war, ist ein um 4 bis 5 Prozent stärkerer Strom abgegeben worden, als vorher bei der neunstündigen Arbeitszeit. Das ist ein äußerst charakteristisches Zeichen für di intenstvere nicht weiter fortgesetzt werden Die andere Frage ist, ob die erhöhte Arbeits⸗ leistung in kürzere Zeit eine erhebliche An⸗ spannung der Kräfte bewirkt hat. Professor Abbe antwortete darauf: An sich Unterliegt es keinem Zweifel, daß, wenn die Arbeit in rascherem Tempo vollzogen wird, dadurch eine Mehranspannung der Arbeits kraft bedingt ist. Die Hauptfrage richtete sich aber auf den Punkt, ob dies bewußterweise geschah. Die Frage müßte bejaht werden, wenn jeder sch hätte sagen müssen: von nun an mußt du dich zusammennehmen, um dasselbe zu leisten bezw. zu verdienen. Davon kann aber keine Rede sein. Denn ein solcher Aufwand von Energie und Kraft hätte vielleicht 14 Tage gedauert und dann jedenfalls wieder aufgehört. Davon ist aber nichts bemerkt worden. Es hat sich viel⸗ mehr eine Art automatischer Angewöhnung an den neuen Zustand vollzogen, die dem einzelnen Arbeiter keineswegs als Strapaze fühlbar ist. Dies hängt mit der phystologischen Thatsache zusammen, daß ein gesunder Mensch, wenn er ausgeschlafen hat und einen gewissen Grad von Energie besitzt, eine bestimmte Summe von Arbeit iunerhalb einer gewissen Zeit, auch in rascherem Tempo leisten kann, ohne das Gefühl der besonderen Anstrengung zu besitzen. Im zweiten Teil seiner Rede wandte sich Herr Professor Abbe den Voraussetzungen zu, unter denen eine Aufrechterhallung des Acht⸗ stundentages deukbar ist. Hierfür machte er zwei Hauptpunkte geltend: erstens das inten⸗ sivere Arbeitstempo, zweitens die ökonomische Ausnutzung der Zeit. Die erste Bedingung macht ihm keine Sorge. Denn wenn einmal die Gewöhnung vorhanden ist, so geht das von selbst weiter; es mußte sich denn einer absicht⸗ lich in das langsame Tempo zurückdrängen wollen. Das zweite dagegen ist in viel höherem Grade Sache des guten Willens. Da müssen die Arbeiter beim Glockenschlage an ihrem Platze stehen und auch nicht eher aufhören, bis die Glocke wiederum das Zeichen gegeben hat. Pünktlichkeit müsse strenges Gesetz sein; es müsse auch alles unterlassen werden, was die eigene oder die Arbeit des Nebenmannes beein⸗ trächtigen könne.— Ferner müsse verlangt werden, daß die anderweite Erwerbs⸗ thätigkeit in der freien Zeit, die dieselben Muskeln anspannt und die gleiche Aufmerksam⸗ keit erfordert, wie die gewöhnliche Arbeit, ein⸗ gestellt wird. Sonst könne man bon eirer Erholung nicht reden; es werde dadurch viel— mehr eine direkte Minderleistung bedingt. Professor Abbe schlotz mit der Erllärung, daß die Firma von jetzt ab am 1. Mat vor⸗ mittags 11 Uhr die Geschäftsräume schließen und den ganzen Tag bezahlen wird. Darau ist nur die Bedingung geknüpft, daß— wenn jemand auf die volle B ihlung dieses können. Tages uuspruch erhebt— er sich nich hulden kommen lassen darf, was die Ehre ur das Ansehen des Arbeiterstandes sa ädigt Das Vorgehen der 5 J Zeiß verdient ennung. Die hier 1 5 U Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeltung. Nr. 19. —. weisen auch die Haltlosigkeit der Redensarten vom„Ruin der Industrie“ und Anderem, die bürgerliche Soldschreiber jedesmal erheben, wenn die Arbeiter eine Verkürzung der Arbeits⸗ zeit fordern. Besonders unangenehm dürfte aber dem Scharfmachertum in die Glieder fah en, daß den Arbeitern bezüglich der Maffeier Zu⸗ geständnisse gemacht wurden. Hoffentlich wird dadurch ihre Maßregelungswut etwas abgekühlt. ** 85 Vielleicht wirkt das Beispiel der Zeißschen Fabrik auf die in unserer Nähe, in Wetzlar, befindlichen ähnltchen Betriebe vorbildlich. Während einzelne derselben die tägliche Arbelts⸗ zeit auf ein vernünftiges Maß reduziert haben, pestehen in anderen Fabriken sehr, sehr verbesse⸗ zungsbedürftige Arbeitsverhältnisse. Sache der Arbeiter muß es natürlich sein, ihre Inter⸗ essen nachdrücklich wahrzunehmen und sich zu diesem Zwecke fest zusammenzuschließen. Uunter⸗ nehmerwillkür macht sich desto mehr breit, je weniger sich die Arbeiter um ihre Organisation bekümmern. Soll doch, wie uns zu Ohren gekommen ist, ein ziemlich unbedeutender aber etwas nervöser Fabrikant„seinen“ Arbeitern Maßregelung angedroht haben, falls sie am 1. Mai die Arbeit ruhen ließen! Möchten die sogenannten„besseren“ Arbeuer aus alledem ersehen, daß zur Elringung besserer Arbeits⸗ bedingungen und zur Erhaltung des schon Eneichten auch für sie Anschluß an die Orgenisation eine unbedingte Notwen⸗ digkeit ist! Politische Rundschau. Gießen, den 6. Mai. Ein großer Ministerschub hat vorige Woche in Preußen und somit auch im deutschen Reiche stattgefunden. In erster Li zie gat der Sturm den preußischen Finanz⸗ uinister und Steuererfinder, den schlauen Fuchs Miquel hinweggefegt; außerdem wurde die Mimisterherrlichkeir Brefelds und v. Ham⸗ mersteins geknickt. An Stelle des Handels⸗ ministers Brefeld tritt der durchaus arbeiter⸗ feindliche westfälische Großindustrielle Möller, einer der Führer des Zentralverbandes der Industrieuen, der Scharfmacher⸗Gesellschaft. Hammersteias Nachfolger im Land wirtschafts⸗ ministerium wird der„schneidige“ Postgeneral Podbielski, während Miquel von dem bis⸗ herigen Minister des Innern Rheinbaben abgelöst wird. An dessen Stelle kommt ein anderer Hammerstein, der bisher in welterer Oeffentlichkeit kuum bekannte Bezirkspräsident in Metz, der als solcher durch massenhafte Versammlungsauflösungen und Verbote seine ungewöhnlich reaktionäre Gesinnung be⸗ kundete. Das Staatssekretariat des Reichs⸗ postamts wurde einem Fachmanne, dem bis⸗ herigen Direktor im Reichspostamt Krätke anvertraut.— Für uns hat dieser ganze Rummel keine große Bedeutung. Es ist nichts als ein„Figuren⸗Wechsel“, wie der Vorwärts sich mit Recht ausdrückt. Der Kurs des per— sönlichen Regtmems wird durch die„ueuen Herren“ auch nicht um eines Haares Breite verändert. Und man muß dem durchaus zu⸗ stimmen, was unser Zentralorgan über das „Ministerium des Zentralverbandes“ sagt:„Es wäre eig verhängnisvoller Selbstbetrug, wenn Jemand die Abwechselungen in den Minister⸗ ämtern zum Anlaß irgendwelcher Hoffnungen auf einen auch nur winzig gemilderten Reaktions⸗ kurs nehmen sollte. Die deutsche Arbeiter— klasse ist frei von solchen Täuschungen und weiß, daß nur durch ihre eigene Aktion eine heilsamere Richtung der deutschen und preußischen Politit erzeugt werden kann.“ Warum stürzten aber gerade diese drei? Warum warf man den vielgewandten Miquel gewisser maßen die Treppe hinunter? Es handelte ch darum, in Bezug auf den Grad der Er⸗ höhung der Brotzölle eine Enutscheidung zu treffen. Maquel har sich dabei anheischig gemacht die Kanalvorlage durchzubringen um den Preis von 6 Mark Zoll auf Getreide, nach anderen Nachrichten von 7 Mark auf Weizen und 6 Mark auf Roggen. Ihm sollen sich hierbei Brefeld und Hammerstein angeschlossen haben. Eine solche Zollerhöhung wurde aber von maßgebender Stelle als von vornherein un verein bar mit dem Abschluß von Handels⸗ verträgen angeschen. Darüber kam es dann zum Bruch. Diäten⸗Kerls. Bekanntlich hat der Reichstag fast alljährlich einen Antrag auf Zahlung von Diäten für seine Abgeordnete angenommen, immer aber hat der Bundesrat sich diesem Beschlusse gegen⸗ über ablehnend perhalten. In letzter Zeit schien es, als ob diese ganz selbstverstäudliche Forde⸗ rung endlich erfüllt werden sollte; eine Kom⸗ misston befaßt sich mit den Einzelheiten eines entsprechenden Gesetzentwarfes, von dem man hoffte, daß er die Zustimmung der Regierungen finden würde. Neuerdings sind aber seine Chaucen bedeutend gefallen. Es heißt, daß der Kaiser sich entschieden gegen die Zahlung von Tagegelbern ausgesprochen habe.— In Reichstagskreisen kursiert, wie der„Vorwärts“ berichtet, folgendes in derselben Sache gefallenes Wort:„Den Kerls auch noch Diäten. Ich gebe den Kerls keine Diäten.“ Ueber den Ursprung und den Urheber des Wortes, meint unser Centralorgan, wären die merkwürdigsten Gerüchte verbreitet. Und es fügt noch hinzu: Der Reichstags⸗ Antrag auf Diäten müsse irgendwo stark mißverstanden worden sein. Denn diese, wie alle anderen finanziellen Mittel im Reich gewährt keine Einzelperson, sondern bringt das ganze Volk auf. Diäten würden schließlich aus keiner anderen Quellen gewonnen, wie Ministergehälter und Krondotationen.— Die Reichsboten können also demnächst,— falls der Diäten-Entwuef zur Annahme gelangt— das M. d. R.(Mit⸗ glied des Reichstags) auf ihre Visitenkarte in D.⸗K.- Diäten⸗Kerl umändern! Gegen den Brotwucher fanden in Offenbach am 3. Mai und in Mainz am letzteu Sonntage große, vom Handelsver⸗ tragsverein arrangierte Versammlungen statt, in denen der Abg. Barth(Freistiauige Ver⸗ einigung) referierte. In beiden Versammlungen gelangte eine Resolution zur Annahme, die sich gegen jede Erhöhung der Getreidezölle aus spricht, da erhöhte Zölle die Lebenshaltung ver⸗ teuerten und die Abschließung neuer Haudels⸗ verträge auf Grundlage der alten erschwerten. — In der Mainzer Versammlung ergeiff auch Genosse Dr. David das Wort, um energischster Weise im Namen der sozialdemokratischen Partei gegen den junkerlichen Beutezug zu protestieren. Gute Geschäfte machten auch im verflossenen Jahre die Höch ster Farbwerke. Sie verteilen an ihre Aktionäre 20 Prozent Dividende. Uud die Arbeiter? Sie müssen für elende paar Pfenuige in den giftgeschwängerten Räumen sich abrackern, Ge⸗ sundheit und womöglich Leben aufs Spiel setzen. — Voriges Jahr heimsten übrigens die Glück⸗ lichen, die nicht arbeiten und nicht spinnen, die aber der himmlische Vater doch und zwar sehr gut ernährt, 26 Prozent ein; iufolge des südafrikanischen und chinesischen Krieges wurde der Profit etwas geringer. Gegen die Bäckereiverordnung wüteten bekanntlich die Mittelstandsretter kon⸗ servativer und antisemitischer Schattierung ganz besonders und erreichten denn auch, daß sich die Regierung geneigt zeigt, den Herren Bäcker⸗ meistern gegenüber mildere Saiten aufzuziehen. Wie wenig angebracht das ist, zeigt eine nette Entdeckung, die das Berliner Gewerbegericht machte. Aus Anlaß von Streitigkeiten im Backereigewerbe kamen vor dem Einigungsamt des Gewerbegerichts zahlreiche Unsauberkeiten zur Sprache. Das Gewerbegericht verfolgte die Angelegenheit weiter. Nach Auskünften von Krankenhäusern, Gewerkschaftsäͤrzten und Spezialärzten für Hautkrankheiten sind von ca. 5000 Bäcker geselllen in zwei Jahren etwa 1735 an Krätze, Bäckerkrätze und Geschlechts⸗-Krankheiten behandelt, von denen, zum Teil trotz Verwarnung der behandelnden Aerzte, etwa 325 in Arbeit blieben. Der Ausschuß für Gutachten und Anträge beschloß zunächst einen Antrag: Den Herrn Polizeipräsideuten von Berlin(unter Mitteilung des betreffenden Materials), gestützt auf§ 120 4a d. G. O. zu ersuchen, darüber Erhebungen anzustellen, ob die vor dem Einigungsamt des Gewerbegerichts Berlin im Juni 1900 und bei der Ausschußverhandlung im November vorigen Jahres besprochenen Un⸗ sauberkeiten bei einem Teil der Berliner Bäckereien bestehen.— Danach scheint die Fest⸗ setzung der Arbeitszeit in Bäckereien auf 12 Stunden durch Bundesratsverordnung noch keinen Erfolg nach dieser Richtung hin gehabt zu haben und es liegt wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung vor, die Verordnung irgendwie abzuschwächen. Das antisemitische Hauptorgan in Sachsen, die von dem früheren Abgeordneten Zimmermann geleitete„Deutsche Wacht“ ist an einen Ausländer, den österreichischen Zeitungsverleger Faber verkauft worden. Der neue Eigentümer soll bereits mehrere deutsch⸗ radikale Zeitungen besitzen und in den Reihen der österreichischen Mittelstandspolitiker eine führende Stellung einnehmen. Ob die Urteutschen mit Hilfe des Auslandes bessere Geschäfte machen, muß abgewartet werden. Bei den Landtagswahlen in Altenburg hat unsere Partei, wie das nunmehr vorliegende Endergebnis zeigt, über 1000 Stimmen Zu⸗ wachs zu verzeichgeu. Wir haben also, trotz⸗ den wir zwei Mandate verloren, recht gut abgeschnitten. Von gegnerischer Seite ist natür⸗ lich auch bei dieser Wahl mit allen Mitteln der Beeinflussung„gearbeitet“ worden. Die Zweite hessische Kammer wird Montag den 13. Mai zu einer kurzen Tagung zusammentreten. Nach Erledigung der dringendsten Sachen wird sich die Kammer bis zum Herbst vertegen. Möglich, daß eine Eingabe betr. die Nichtansteklung jüdischer Richter mit zur Verhandlung kommet. Geistliche Kontrolle bei den Zeitungen Jüngst hielt der hessische Pfarrve rein seine Jahresversammlung in Friedoerg ab. Dort nahm er nach der Frlfr.„Volksstimme eiue merkwürdige Haltung ein. Plarrer Bernbeck⸗ Staden hielt einen Vortrag über die Frage: Wie ist die Ueberwachung und Veeinflu ssung der Presse einzurichten und zu organisteren? Nach längerer Diskusston wurde eine Erklärung beschlossen, derzufolge die Herren Pfarrer eine „Beaufsichtigung“ und„Beeinflussung“ der hessischen Presse für„notwendig“ erachten. Viel Glück wird die Geistlichkeit bei diesem Beginnen kaum haben. Aber bezeichnend ist der förmliche Beschluß für die in der modernen Geistlichkeit herrschende Stimmung. Man will neben die weltliche noch möglichst viel geist⸗ liche Polizei setzen. Wir bezweifeln, daß dies der Kirche und Geistlichkeit gut bekommt. — Außerdem zeigt der Beschluß noch, wie wenig Arbeit die Herren Pfarrer haben müssen. Deutscher Reichstag. Der Reichstag erledigte in seiner Donnerstag⸗ Sitzung die dritte Lesung des Gesetzes über die privaten Versicherungsanstalten. Das Werk war sehr schnell gethan: Auf nationalliberalen Antrag wurde die ganze Vorlage, wle sie aus der zweiten Lesung hervorgegangen, im Ganzen angenommen.— Nicht so schnell ging es mit dem Urheberrecht, von dem noch ein ziemlicher Rest zur Beratung staud. Von ver⸗ schledenen Seiten wurde versucht, die„Schußfrilt“ für Werke der Bühnen⸗ und Tonkunst von 30 auf 50 Jahre auszudehnen. Eine solche Bestimmung war in der Regierungsvorlage enthalten gewesen, von der Kommissio⸗ Ablehuane lags un band de Antrages bewebt, einmal 1 dich. do ö werden Frxchcbere Stimmen Mlle Freit hesct; ei Wandelgä lbhaft be Nachfolger langen ul der bishe zu nacher ber das De Die Vor hesserungs holler un Singer lehntz d der früh genomr bon Pet eine Pe. echt agre erlangt. lichen A branchen, zu schreie hethinder. Bezahlun Abenslag Meichskanz Beratung Vor Schl ehen ein ssch aud die sich kannt Griesh IN 1 iu britker Leung a Henossn neten O sedrigen den dur Mbeeitzor Vbiertreter und ja Wurden ar die Haft eummisft lachden i Nebe erordnung gan geordneten e Wacht“ reichischen worden. mehrere ud in den Depolitiker Oh die es bessere erden. tenburg vorliegende men Zu⸗ also, trotz recht gut e ist natür⸗ litten det e Kammer „daß eine ul. eitungen ein seie ab. 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Fischer befürworteten An⸗ trags unserer Fraktion, den fliegenden Gerichts⸗ stand der Presse aufzuheben, sowte die Ablehnung eines Antrages Müller⸗Sagan, der in derselben Richtung sich bewegt, aber minder weit ging. Das Haus glaubte einmal wieder der schönen Verheißung vom Bundesrats⸗ tisch, daß die Sache demnächst„befriedigend“ geregelt werden würde.— Die Schsußabstimmung über das Urheberrecht ergab die Annahme der Vorlage gegen die Stimmen einiger weniger Freisinniger(Müller⸗Meiningen, Müller⸗Sagan.). ö Freitag war der Reichstagssgal wieder schwächer besetzt; eine große Zahl Abgeordnete hielt sich in den Wandelgängen auf, wo man die Ministerkrisis in Preußen lebhaft besprach. Man unterhielt sich über Miquel's Nachfolger, ohne über die Person zur Einigung zu ge⸗ langen und bemühte sich krampfhaft, auch für einige der bisherigen Collegen Miquel's Nachfolger ausfindig zu machen.— Inzwischen debattterte man im Saale über das Gesetz betreffend die Versorgung der Kriegsinvaliden. Die Vorlage ging fast unverändert durch; ein Ver⸗ besserungsantrag Schwarz⸗München wurde nach kraft⸗ voller und humoristischer Begründung durch Genossen Singer auf den Wink der Regierungs vertreter abge⸗ lehnt; dagegen wurde ein Antrag Riff zu Gunsten der früheren Angehörigen der französischen Armee an⸗ genommmen.— Dann ging das Haus zur Beratung von Petitionen über. Zu langen Erörterungen gab eine Petition von Bienenzüchtern Anlaß, die in echt agrarischem Geiste die N Färbung des Kunsthonigs verlangt. Genosse Wurm geißelte in mehrfachen treff⸗ lichen Ausführungen die Sucht der Nahrungsmittel- branchen, fortwährend nach derartigen Spezialgesetzen zu schreien, um den Gebrauch von Surrogaten zu verhindern, der doch nur ein Produkt der schlechten Bezahlung und eine Begleiterscheinung der schlechten Lebenslage der Arbeiter ist. Die Petition wurde dem Reichskanzler zur Berücksichtigung überwiesen.— Die Beratung der übrigen Petionen bot weniger Interessantes. Vor Schluß der Sitzung verlas der Präsident mehrere eben eingelausene Interpel lationen, unter denen sich auch eine von unserer Fraktion gestellte befindet, die sich darnach erkundigt, ob es dem Reichskanzler be⸗ kannt ist, daß gewisse reichsgesetzliche Vorschriften in Griesheim außer Kraft gesetzt worden sind. In der Samstags⸗Sitzung wurde das Gesetz über Unfallfürsorge für Personen des Soldatenstandes in dritter Lesung wesentlich nach den Beschlüössen zweiter Lesung angenommen, doch mit einem auch von unseren Senossen unterstützten Antrag des Zentrumsabgeord⸗ neten Opfergelt zu Gunsten der an Orten mit niedrigen Tagelöhnen verunglückten Soldaten, denen er den durchschnittlichen Tagelohn ihres gewöhnlichen Arbeitsortes angerechnet wissen will. Die Regierungs⸗ vertreter spreizten sich gegen den Antrag. Das Gesetz wird ja aber wohl nicht daran scheitern.— Dann wurden Petitionen beraten. Die wichtigste derselben war die um Regelung der Arbeitsverhältnisse im Gastwirts gewerbe. Sie wurde auf Vorschlag der Kommission dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen, nachdem Genosse Molkenbuhr in trefflicher Rede auf die Reformbedürftigkeit der Zustände in dem genannten Gewerbe hingewiesen hatte. Montag erledigte der schlecht besetzte Reichstag die zweite Beratung des Weingesetzes. Das Gesetz be⸗ trifft im wesentlichen die Wein kontrolle; die ur⸗ sprüngliche Regierungsvorlage ist in der Kommission ganz wesentlich umgeändert worden, und diese Kom⸗ missionsfassung wurde zum Beschluß des Hauses erhoben. Die Debatte bewegte sich zumelst um Spezialfragen ohne allgemeines Interesse. Der lustige nationalliberale Pfälzer Deinhard hielt eine Rede, die sehr ulkig ge⸗ wesen sein mag, nur hörte man leider nicht viel davon. Genosse Wurm machte darauf aufmerksam, daß eine Nachtkontrolle sehr dringend sei, weil sonst die am Tage verhinderten Weinpantschereien unter dem Schutz der Dunkelheit verübt werdeu und beklagte den Mangel an fachmännisch gebildeten Sachverständigen für die Lebens⸗ mittel⸗Kontrolle. Dienstag kam die Interpellation nnserer Genossen wegen des Griesheimer Ungücks zur Sprache. Das Haus war nur mäßig besetzt, der neugebackene Handels⸗ minister Möller, der hier unbedingt hätte dabei sein ssollen, nicht anwesend. Genosse Hoch begründete die die Sozialdemokratie verantwortlich zu machen. Interpellation. Er brachte in trefflichen Ausführungen die Außerachtlassung der gesetzlichen Vorschriften in den chemischen Fabriken in Griesheim zur Sprache und er⸗ kundigte sich nach den Vorkehrungen, die der Reichs⸗ kanzler zu treffen gedenke, um in Zukunft solchen Un⸗ glücksfällen vorzubeugen. Graf Posadowsky beant⸗ wortete die Interpellation, indem er— übrigens in ziemlich höflicher Form— die Gewerbeinspektion wie die Fabrikverwaltung nach Möglichkeit reinzuwaschen suchte und sich im übrigen in beliebter Weise auf die noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen berief. Bei der Diskussion fand Müller⸗Fulda einige milde Worte des Tadels über die Handhabung der Vorschriften in Griesheim. Um so energischer rückte, mit einem reich⸗ haltigen Matecial versehen und als Chemiker mit voller Sachkenntnis ausgerüstet, Genosse Wurm, dem Staats⸗ sekretär zu Leibe, der sich nur recht schwächlich zu ver⸗ teidigen wußte.— Aus der weiteren Verhandlung unserer Interpellation ist noch der Zusammenstoß des Genossen Singer mit dem Kanal⸗ und Clektrizitäts⸗ feind v. Kardorff zu erwähnen. Dieser zog die Berliner Straßenbahnen in die Debatte und brachte das Kunst⸗ stück fertig, für die Unglücksfälle, die diese anrichten— Singer leuchtete unter großer Heiterkeit des Hauses dem Ritter von St. Laura gründlich heim. Bet einer weiteren Interpellation, die von welfischer Seite ausging, verlangte v. Hodenberg Aufklärung über die Behandlung ge⸗ fangener deutscher Missionare in Südafrika und tadelte das Verhalten der Reichsregierung den Engländern gegenüber. Krieg mit China. Mit dem Vorgehen Waldersees in Tschili und namentlich mit der letzten deutschen Erpedition nach der großen Mauer scheinen die Vertreter der Mächte durchaus nicht ein⸗ verstandenzusein. Pekinger Nachrichten zufolge wirft man in nerhalb der„Verbündeten“ bereits die Frage auf, ob ein weiteres Zusammen⸗ wirken mit den Deutschen unter diesen Umständen noch erwünsicht sein könne.— Ueber den Zug nach der großen Mauer lassen sich Londoner Blätter aus Peking schreiben: Die Chinesen wehklagen darüber, daß durch die letzte Expedition friedliche Gegenden beun⸗ ruhigt worden sind und daß die ausländischen Kolonnen Rcquisitionen vorgenommen haben, um Stellungen anzugreifen, die chinesische Soldaten Monate lang angesichts der franzö⸗ sischen Vorposten besetzt gehalten hätten, ohne daß diese sich zum Vorgehen veranlaßt sahen. Die deutsche Poltuik in Tschili, so wie sie Graf Wal dersee interpretiert, habe austatt die Pro- vinz zu beruhigen, den größeren Teil in Anarchie versetzt. Die Unordnung sei Jo vollständig, daß die Umgebung Pekings für Ausländer und Christen un stcherer fei, als je seit der Besetzung Pekings. Der Handels⸗ verkehr im Innern set gelähmt, sämtliche chtuesische Polizei sei unterdrückt und ihre Waffen konfisziert und nur Räuber und Boxer seien bewaffnet. Die Unruhe wachse mit jedem Monat. Waldersee hat, nachdem ihm sein As⸗ besthaus abgebrannt ist, auf einem Lazaret⸗ Schiff Wohnung genommen. Krieg in Südafrika. In elender Verfassung soll fich das englische Heer befinden. Das ergiebt sich aus einem Briefe, den die„Times“ aus Kronstadt erhielt und der in London viel Aufsehen erregt. Darin wird die Lage des englischen Heeres in Südafrika in den düstersten Farben geschildert. Der Versuch, die Oranjekolonie von den Buren zu säubern, sei, wenn auch nicht gänzlich ge⸗ scheitert, so doch nicht besonders erfolgreich ge⸗ wesen. Nicht weniger als 75,000 Mann seien zur Bewachung der Eisenbahn erforderlich. Außerdem erheischen die Hauptstädte an den Verbindungslinien eine starke Besatzung. Es sei folglich nur ein Drittel der Armee für die Operationen gegen den Feind verfügbar und dieses leide unter Krankheit. Die Truppen seien durch den Oranjefeldzug ermattet und apathisch geworden. Ueberdies seien ste nicht beweglich genug. Die Armee bedürfe der Ruhe; werde diese ihr nicht gegönnt, so müsse sie durch frisches Blut ergänzt werden.— Auch aus anderen Berichten ist ersichtlich, daß die eng⸗ lischen Soldaten durch Entbehrung, Hunger und Ueberanstrengung fürchterlich herynterge⸗ kommen sind. Im April betrugen die eng⸗ lischen Verluste: 8 Offiziere und 122 tot, 20 Offiziere und 206 Mann verwundet, 3 Offi⸗ zier und 93 Mann gefangen.— Unter allen diesen Umständen werden die Jingos endlich ängstlich. Aus London wird darüber berichtet: Einflußreiche hiesige und südafrifanische Finanz⸗ kreise, sowie Mineninteressenten sind angestrengt bemüht, wahrscheinlich nicht erfolglos, einen Vergleich herbeizuführen, um den Friedens⸗ schluß und schleunige Wiedereröffnung der Gruben zu ermöglichen. Rhodes rät dringend weitgehende Konzessionen an, weil die Feindseligkeit der Kapholländer stets anwächst b Gesamtlage täglich ussichtsloser wird. Wir marschieren! Alle Berichte, die über den Verlauf der Maifeier sowohl aus Deutschland wie auch aus dem Auslande eingelaufen sind, stellen eine gegen früher erheblich größere Beteiligung der Arbeiterschaft au der internationalen Kund⸗ gebung fest. Der Arbeiterfeiertag hat sich immer mehr bei dem arbeitenden Volle in allen Ländern eingebürgert, und über seine Bedeutung herrscht in den Reihen des vorwärtsstrebenden Proletariats volle Klarheit. Man erkennt die Notwendigkeit, die Forderungen und die Ge⸗ danken des internationalen Sozialismus durch eine kraftvolle Kundgebung zum Ausdruck zu bringen, die Gemeinsamkeit der Interessen der Besitzlosen und Ausgebeuteten zu betonen. Von Jahr zu Jahr nahm auch die Zahl derer zu, die den 1. Mai durch Arbeits ruhe feiern. So waren beispielsweise bei der ersten Maifeier im Jahre 1890 in Frankfurt nur etwa 120150 Mann in der Vormittagsversammlung anwesend, diesmal betrug die Zahl der Feiernden mindestens 3000. Dasselbe Verhältnis zeigt sich überall, wo es denkende Arbeiter giebt. Wir waren sogar höchlich erstaunt, als wir in der„Münchener Post“ von Maifeiern lasen, die hoch oben in Orten des bayrischen Hoch⸗ gebirges unter zahlreicher Beteiligung stattge⸗ funden haben. Dort war noch vor einem halben Jahrzehnt an eine Arbeiterbewegung nicht zu denken; vor zehn Jahren kannte die dortige Bevölkerung die Sozialdemokratie höchstens durch die gruseligen Schilderungen, die von der Kanzel gegeben wurden. Kurz, wir sehen unsere Bewegung überall mächtig vorwärts schreiten; im Verhältnis zu der großen Masse der Enterbten ist die Zahl der Anhänger der Sozialdemokratie uns immer noch viel zu gering; trotzdem hat die Partei eine von uns früher nicht geahate, großartige Entwickelung genommen, in der Breite wie in der Tiefe. Mit der Zahl unserer Truppen wuchs die sozialpolitische Einsicht und die prin⸗ zipielle Klarheit der einzelnen Genossen. Wir können also im Allgemeinen zufrieden sein. Doch unsere Gegner sind es nicht. Es wäre auch ein Unglück für uns, wenn sie mit uns zufrieden wären. Bald sind wir dem einen die alten Umstürzler geblieben, die wir von je waren und gegen die man Kanonen und Bajonette anwenden muß, bald haben wir uns nach dem andern total gemausert, unser Endziel aufge⸗ geben und in kurzer Zeit dürsten wir in den „staatserhaltenden“ Parteien aufgegangen sein. Ansichten der letzteren Art tischte der„Gießener Anzeiger“ seinen Lesern zum 1. Mai in einem Artikel auf, der so viele Unrichtigkeiten über die Sozialdemokratie und eine so verkehrte Beurteilung derselben enthält, daß zu seiner Widerlegung und Richtigstellung der zehnfache Raum nötig wäre, der uns zur Verfügung steht. Bei verschiedenen Gelegenheiten vertrat das Gießener Aemterorgan einen etwas fortge⸗ schritteneren Standpunkt, die rückstäudige Scharf⸗ macher⸗ und Muckerpolitik wurde von ihm in der letzten Zeit weniger verfolgt. Umsomehr muß die in dem Artikel zutage tretende Un⸗ kenntnis verblüffen. Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 19. Er kritisierte zunächst den Inhalt der Mai⸗ festzeitung, bestreitet, daß es richtig sei, wenn diese von der sozialistengesetzlichen Zeit sagte: „aller Idealismus erstarb in wüstem Interessen⸗ hasse. Bereichert euch, war die Losung. Ser⸗ vilität, Byzantinismus, Muckerei begann ver⸗ heerend zu grassieren. Um des Geschäfts willen war man zu jedem Verrat bereit, log und betrog man. Das wiberlichste Strebertum wurde zum Geiste dieser Zeit.“ Stimmt das ewa nicht? Wir meinen, des alles trifft auch heute noch auf das Bürgertum zu. Man braucht nur die Augen aufzuthun, um zu sehen. Dann wird den Sozialisten gesagt, daß sie den Mund zu voll nehmen, wenn sie von der Weltmacht des internatonalen Sozialismus reden. Diese Weltmacht habe noch nicht den kleinsten noch größten Krieg verhindern können. Zunächst ist das wohl etwas viel von der Sozialdemokratie verlangt; sie hat die poli⸗ tische Macht noch nicht erobert; sind wir so⸗ weit, so wird es keine Kriege mehr geben. Uebrigens sind wir der Meinung, daß im Hin⸗ blick auf die Sozialdemokratie vielleicht schon oft internationale Konflikte unterblieben, weil die Machthaber den heftigsten Protest der Massen gegen den Massen word fürchteten.— Wenn es dann von ihr weiter heißt:„Heute aber existiert neben ihr noch eine Anzahl recht kräftiger und zukunftsfreudiger, auch siegeszuversichtlicher Parteien, und wenn eine Partei von ihren letzten Idealen Erhebliches resigniert dahinge⸗ geben hat, so ist es die Sozialdemokratie, die auf ihren erträumten Idealstaat heute längst weise Verzicht geleistet hat“, so kann man sich nur schwer eines Lächelns erwehren. Wo sind denn die„zukunftsfreudigen“ Parteien? Sind es etwa die Junker?„Siegeszuversichtlich“ mögen die allerdings sein und sie haben leider alle Ursache dazu. Keine der bürgerlichen Parteien vettritt aber höhere Menschheitsideale, nicht die Juteressen der Gesamtheit, sondern ihte eigenen. Das Amtsblatt stellt weiter noch ganz merkwürdige und total falsche Behauptungen über die Maifeier auf. Diese sei heute, so orakelt es, eine ganz andere,„als sie die Führer der Soztalisten vor 12 Jahren erträumt hätten.“ Die Maifeiern seien„friedliche Volksfeste geworden“, Konflikte wären unterblieben, die Forderung der Arbeitsruhe werde „mehr in den Hintergrund gedrängt“. Soviel Worte, soviel Unwahrheiten. Zunächst dachte vor 12 Jahrn überhaupt noch niemand an die Maifeier. Und vor 11 Jahren, bei der ersten, „erträumten“ die Führer sich nicht nur keine Wunderdinge von dieser internatinalen Demon— stration, eine ganze Anzahl war sogar dagegen. Aber mit jedem Jahre ist die Kundgebung machtooller und imposanter geworden, ihre agttarorische Kraft ist gar nicht zu bestreiten. Etwas anders als friedliche Volksfeste sollten die Malfeiern nie sein; Konflikte hervorzu⸗ rufen hat die Sozialdemokratie stefs den Polizeispitzeln überlassen. Angesichts der Thatsache, daß die Zahl der am 1. Mai Feiernden jedes Jahr zunimmt, ist die Be⸗ hauptung des G. A., Arbeitsruhe werde weniger geübt und kaum noch gefordert, geradezu lächerlich. Daß viele Arbeiter nicht feiern können, weil sie sonst ihre Existenz gefährden, sollte schließlich auch dem G. A. bekannt sein. Feigheit, Knechtseligkeit, übertriebenes Pflicht⸗ gefuͤhl mag bei einem anderen Teil die Ursache der Nichtesustellung der Arbeit am 1. Mai sein. Daraus erklärt sich leicht, daß die Arbeitsruhe iu manchen Gegenden noch nicht in größerem Um⸗ fange eintrat.„Offenkundiger Vertragsbruch“ soll es nach dem„Anz.“ sein, wenn sich der Arbeiter mitten in der Woche einen Feiertag erlaubt. Daun wäre es auch Vertragsbruch, wenn ein katholischer Arbeiter seinen Feiertag hält, der nicht allgemein gefeiert wird. Und wie oft zwingt der Unternehmer seinen Ausbeutungs⸗ objeklen Feiertage auf! Ueber den„Vertrags— bruch“ schlafen wir ruhig, keine Bedenken tragend, thu Arbeitern anzuralen. Nein, die Sozialdemokratie hat von ihren Ztelen noch nicht ein Jota aufgegeben. Sie verfolgt noch immer ihr altes, programmatisch festgelegtes, revolutionäres Ziel: Die Umwandlung der kapitalistischen Pro⸗ duktion in gesellschaftliche. Dies wird sie auch nie aus den Augen verlieren. Von Nah und fern. Nitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Sewissenhaftigkett bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Angelegenheiten. — Das Maifest im Walde am vorigen Sonntag war vom Wetter außerordentlich be— günstigt und stärker besucht als in früheren Jahren. Es mögen wohl 1000— 1200 Personen auf dem Festplatze gewesen sein. In Bezug auf das Wetter trat thatsächlich das berühmte „Schweineglück der Sozialdemokratie“ iu Er⸗ scheinung; schon der Montag brachte Regen⸗ wetter, das, wenn es am Sonntag eingetreten wäre, das Waldfest unmöglich gemacht hätte. Die Festrede des Genossen Krumm fand allge— meinen Beifall. Jung und Alt vergnügte sich bis zum Eintritt der Dunkelheit durch Spiel und Tanz. Gegen ½9 Uhr wurde der Heim- marsch angetreten. Am Bahnübergange mußten die Heimkehrenden längere Zeit warten, weil der zu erwartende Eisenbahnzug etwas länger als gewöhnlich ausblieb. Deshalb glaubten einige, der betr. Bahnwärter habe absichtlich die Barrière früher geschlossen und machten ihm Vorhalte. Der Mann war aber durchaus im Rechte; sein Verhalten muß als taktvoll und vorsichtig anerkannt werden.— Auch in den übrigen Orten, die ihre Maifeier am Sonntag abhielten, erfreuten sich die Veranstaltungen eines guten Besuches. Ju Altenbuseck sprach Genosse Beckmann unter großem Beifalle. Für Trohe und Daubringen war es leider nicht möglich gewesen, einen Redner zu bekom⸗ men, trotzdem sich der Vertrauensmann um einen solchen nach Frankfurt gewandt hatte. Das ist immer sehr fatal, manchmal aber auch nicht zu ändern. Solche Vorkommnisse sollten elnzelne Genossen kleinerer Otte veranlassen, sich ihre weitere Ausbildung angelegen sein zu lassen, damit sie gelegentlich einspringen können. — Recht gut war auch die Feier in Watzen⸗ boru⸗Steinberg besucht. Die Ausführungen des Genossen Vetters wurden beifällig auf— genommen. — Ausflüge. Am Donnerstag, 16. Mai (Himmelfahrtstag), unternehmen die Mitglieder des Wahlvereins einen Ausflug nach Leihgestern. Treffpunkt an der Aktienbrauerei morgens 7 Uhr. — Der Schneiderverband(Filiale Gießen) beabsichtigt am zweiten Pfingstfetertage vormittags die Wetzlarer Kollegen zu besuchen. — Gewerbe⸗Gericht. Am Donnerstag wurde das Urteil in einem interessanten Falle verkündet, über den bereits im vorigen Termine verhandelt war. Ein Tagelöhner der Brauerei Deninnghoff hatte seine Kündigung erhalten. Gleich darauf erkrankte er jedoch und war eine Woche arbeitsunfähig. Er arbeitete dann noch den Rest seiner 14 tägigen Kündigungs⸗ frist. Für die Zeit seiner Krankheit hatte er keinen Lohn erhalten. Unter Hinweis auf § 616 des Bürgerl. Gesetzbuches verlangt er den Lohn für die Woche seiner Krankheit ab— züglich des Krankengeldes in der Höhe von ca. Mk. 10. Der erwähnte§ 616 lautet bekanntlich: „Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, daß er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Er muß sich jedoch den Betrag anrechnen lassen, welcher ihm für die Zeit der Verhinderung aus einer auf Grund gesetzlicher Verpflichtung bestehenden Kranken- oder Unfallversicherung zukommt.“ Die Klage wurde abgewiesen; eine Woche sei in diesem Falle eine erhebliche Zeit. — Durchgebrannt ist am vorigen Sams⸗ tag ein bei den Bahnhofsumbauten beschäftigter Schachtmeister. Er nahm den 14tägigen Ar⸗ beitslohn für 40 Mann 1250 Mk. mit. — Antisemitisches⸗Liberales. Der hiesige Kaufmännische Verein hat in seiner letzten Generalversammlung beschlossen, dem antisemitischen Handlungsgehülfen⸗Verband seine Räume im Kaufmännischen Vereinshaus ferner nicht zur Verfügung zu stellen. Unser Ge nosse Krumm sprach und stimmte in genannter Versammlung gegen den Ausschluß, den er unklug und thöricht nannte. Wie recht Krumm hatte, geht aus der Reklame hervor, die die Märtyrer machen. Das Offenbacher Antisemitenblatt beschäftiat sich schon in zwei Nummern mit der welterschütternden Be— gebenheit und auf diese Art ist die sonst in weitesten Kreisen unbekannte Sektion Gießen obengenannten Verbandes berühmt geworden und die treu⸗teutschen Seelen im ganzen Lande schwelgen in Entrüstung ob solchen Frevels. — In besouders boshafter Weise beschäftigt sich die„Volkswacht“ mit dem Gießener Sta dt⸗ vordneten Herrn Emil Schmall. Herr Schmall hätte sich in dieser Versammlung besonders ener gisch gegen die antisemitischen Bestrebungen der Handlungsgehülfen gewandt. Darob schreibt das Antisemitenblatt entrüstet:„Wir wundern uns, daß der Stadtverordnete Schmall besonders als eifriger Verteidiger seiner jüdischen Mit⸗ bürger namhaft gemacht ist. Wir erinnern uns einer Zeit, da der betreffende Herr in einer Versammlung in Rodheim a. d. Bieber ein dreifaches Hoch auf zwei antisemitische Reichstagsabgeordnete ausgebracht, daß er am anderen Tag sich zum Frühschoppen im antisemitischen Lager, bei unserem Freund Luft eingefunden hat und in Berlin deu beiden obenerwähnten antisemitischen Reichstagsabgrordneten auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Damals war allerdings der Gel d— beutel in Gefahr, denn der betreffende Herr ist Zigarrenfabrikant und damals lag die Tabak⸗ steuer in der Luft. So sieht ein freisinniger Charakterkopf aus!“ Da das Autisemiten⸗ Organ immer im siegreichen Krieg mit der Wahrheit lebte, nehmen wir auch in diesem Falle an, daß es aus süßer alter Gewohnheit fluukert, sollte es aber einmal ausnahmsweise etwas Wahres geschrieben haben; dann wäre allerdings das Auftreten des Herrn Schmall gegen die Handlungsgehülfen mindestens als „wunderbar“ zu bezeichnen. Lollar. Eine Versammlung des Sozialdemo⸗ kratischen Wahlvereins findet am Sonn⸗ tag, den 12. Mat, vormittags ½11 Uhr im Lokale von Schupp statt.— Ferner ist auf Dienstag den 14. Mai, abends ¼9 Uhr eine Metallarbeiterversammlung in das Lokal von Weinrich 1 8 Zahlreiches Erscheinen ist in beiden Versammlungen not- wendig. in der Höhe von Friedberg. l. Die Maffeier in Steinhäusers Garten war von mehr als 600 Personen besucht und nahm einen prächtigen Verlauf. Genosse Busold hielt die Festrede und erntete lebhaften Beifall. Ebeuso gefielen die von Genosse Stenzel ge⸗ stellten„lebenden Bilder“ sowie auch die Pyramiden des Athletenklubs„Germania“. Die Festteilnehmer vergnügten sich bis spät nachts durch Musik und Tanz; nicht die ge⸗ ringste Störung kam vor. Ein Gegenstück zu dem gutverlaufenen Maifeste bildet die Turufahrt der Friedberger Turner, die sie im Verein mit ihren Nauheimer Turnbrüdern nach Cransberg unternahmen. Vielleicht wollten sie ihre Mitglieder von der Beteiligung an der Maiseier abhalten? Genug, es kam bei der Abfahrt von dort zu einer Schlägerei. Eiuer der Leiter des hiesigen Vereins wurde zwecks vorläufiger Feststellung seiner Personalien verhaftet.— Auch bei einer am gleichen Tage im Saalbau abgehaltenen Tanzmusik prügelte mau sich schließlich. In Rodheim bei Friedberg war die Mal⸗ feier ebenfalls stark besucht. Nach der Festrede, die hier Genosse Repp hielt und die begeisterten N 0 F 1. lb. N gefal 0 mur Kol Backen if bei bemel von dene schasten fausen. Eit Aus der l. berhältnis als Pol purde, wurden mit Rebol ließ man! und kauft. einfache auntmann und Gel riminal Beamter, augestelt Wespred und auc jährliche leisten! meisters dem O. J. 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In dessen Betriebe ist nach Angabe von Zeugen keine andere Waschvorrichtung als ein Eimer vorhanden, der gleichzettig zum Pfer de⸗ tränken benutzt wird. Zu den Milchgefäßen sollen die Katzen ungehindert Zutritt haben, ohne daß dadurch die Milch minderwertig wird, zum Backen ist sie Trumpheller gut genug. Neben⸗ bei bemerkt, ist dieser Muster⸗Bäcker auch einer von denen, die ihr Brod billiger auf die Ort⸗ schaften fahren, als sie es in der Stadt ver⸗ kausen. Ein unbezahlter Wachtmeister. Aus Bad Nauheim schrieb man jüngst der„Kl. Presse“ über die dortigen Polizei⸗ perhältnisse:„Als 1898 Herr Assessor Ortwein als Polizeiamtmann nach Nauheim versetzt wurde, begann ein großes Reformieren. Es wurden vier Schutzleute angestellt und sogar mit Revolvern bewaffnet; für das Polizeigebäude ließ man ein wertvolles Wappenschild anfertigen und kaufte euch eine mächtige Fahne. Auf das einfache Versprechen des damaligen Polizei⸗ amtmannes, er werde für staatliche Austellung und Gehalt sorgen, kam von Gießen der Kriminalschutzmaun Weiß, ein äußerst tüchtiger Beamter, hierher und wurde als Wachtmeister angestellt. Die hesfische Regierung gab auch Versprechungen, zahlte aber dann doch nichts und auch die Stabt, die bereits etwa Mk. 15,000 jährliche Kosten für die große Polizeimacht zu leisten hat, lehnte die Anstellung des Wacht⸗ meisters ab. Nur die Badedirektion zahlte dem Beamten jährlich Mk. 1750, aber am 1. April d. J. hat auch diese Behörde ihre Zahlung gekündigt und somit erhält Weiß zur Zeit von keiner Seite Gehalt! Hier ist man der Ansicht, daß ein Poltizeiamtmann und ein Wachtmeister zuviel höhere Beamte für Nauheim sind.“— Diese Dinge mögen wohl mit dazu beigetragen haben, daß die Steuerschraube in der letzten Zeit hier sehr kräftig angezogen wurde, wie wir schon mehrfach berichteten. Verhafteter Durchbrenner. Otto Boeing, der frühere Seneral⸗-Direktor der Fabrik säure⸗ und feuerfester Produkte Nau⸗ heim⸗Wirges, der sich vor einiger Zeit aus seinem Wohnsitze Nauheim entferut hatte, ist wegen jahrelanger Bilanzfälschungen am 4. Mai verhaftet worden. Wetzlar. r. Ue ber die Reichstags⸗Kandidatur im Kreise Wetzlar⸗Altenkirchen haben nach den„Deutsch⸗sozial. Blättern“ Verhand⸗ lungen stattgefunden. Zwischen dem heiligen Stöcker und dem Judenknecht Hirschel soll der Kuhhandel bereits abgeschlossen und schrift⸗ lich niedergelegt sein. Ein Kandidat ist zwar noch nicht genannt; aber bei dieser Sachlage ist es möglich, daß der frühere Apotheker und jetzige Rentier Dr. Burkhard in Godesberg, der bei der letzten Wahl von den. Uf alle Fälle müssen unsere Genossen in diesem Kreise recht thätig sein, damit sich bis zum 1 nächsten Wahltage unsere Stimmen vermehrt haben und wir auch ein entscheidendes Wörtchen mitreden können. Ans dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 9. Mai 1901. — Maifeier. Unter zahlreicher Beteiligung g fand am vergangenen Sonntag im Lokale von D. Jesberg hier eine recht gemütliche Familien⸗ feier statt. Die Kapelle Pauli e uch die Gesangs vorträge unseres Gesangvereins „Eintracht“ wunden recht beifällig aufgenom⸗ men. Das Fest verlief daher zu aller Zufrie⸗ denheit.— Von der Maffestversammlusg haben wir noch nachzutragen, daß von früheren Ver⸗ leger der„Hess. Landesztg.“, Geu. Bader, ein telegraphiscger Matengruß in poetlscher Form eingelaufen war und unter allgemeinem Beifall verlesen wurde. — Metallarbeiter⸗Versammlung. Am Samstag, den 4. Mai, fand im Lokale von D. Jesberg eine öffentliche Versammlung der Metallarbeiter statt. Dieselbe war leider schwach besucht. Unbegreiflich ist es, daß, trotz der miserablen Verhältnisse in der Metallindu⸗ strie, speziell hier in Marburg, die Arbeiter so wenig Interesse für die Bessergestaltung ihrer Lebenslage zeigen. Es ist vor allem notwendig, daß persönliche Reibereien unterbleiben; es ist kleinlich zu sagen: Wenn der oder jener nicht dabei wäre, würde ich auch der Organisation beitreten. Die einige Arbeiterschaft kann vieles erreichen, der Einzelne aber nichts. Genosse Martersteig aus Offenbach, welcher referierte, schilderte den Anwesenden in ruhiger, sachlicher Weise den Aufschwung und Niedergang der Indnstrie, sowie die für die Arbeiterschaft haupt⸗ sächlich in Betracht kommenden Gesetze. Auch gab er näheren Aufschluß über das Institut der Gewerbe⸗Inspektoren. Er sprach fast zwei Stunden in fesselnder Weise und erntete reichen Beifall. Nach einer lebhaften Diskussion und nachdem noch zwei Neuanmeldungen erfolgt waren, wurde die Versammlung um 12 Uhr geschlofsen. Kleine Mitteilungen. * Fürchterliche Blutthat. Im Keller der Rheinischen Brauerei in Weisen au bei Mainz erschlug der Braubursche Albert den Gährführer König mit einer Eisenstange. Die Beiden lebten schon längere Zeit in Feind⸗ schaft und gerieten am Mittwoch früh wiederum in Wortwechsel. Die Frau des Erschlagenen fiel beim Anblick der grauenvoll zugerichteten Leiche in Ohnmacht; man fürchtet für ihr Leben, da sie sich in gesegneten Umständen befindet. Während der Unhold am Tage des Mordes keine Reue zeigte, schützte er später sinnlose Trunkenheit als Entschuldigung vor. Krankheiten aller Art werden durch auswärtige Arbeiter eingeschleppt. Aus Nieder⸗Wiesen wird berichtet, daß die vom Laudwirtschaftlichen Verein eingeführten ungarischen Arbeiter die Krätze mitgebracht haben, die in der Gemeinde stark um sich greift. — Aus Hannover meldeten die Blätter, daß russische Landarbeiter die Pocken einschleppten. — Folgen der Lohndrückerei! * Familientragödie. In Leipzig stürzte sich am 2. Mai Mittag die 31 Jahre Frau des Arbeiters Joseph Mader mit ihrem 5jährigen Knaben und zwei 4 und 2 jährigen Mädchen von der Ketteubrücke in den Flut⸗ kanal. Alle drei Kinder ertranken. Die Frau ward noch lebend ans Ufer gerettet und wurde dem Hospital übermittelt. ** Nette Arbeits verhältnisse. Auf der Grube„Wolfgang“ und„Mehlbach“ bei Weilburg mußten die Arbeiter Maschinen, Erze de. pfünden lassen, um zu ihrem schon monatelang vorenthaltenen Lohn zu kommen. Arbeiterbewegung. T Die Maurer in Mainz gerieten mit den Bauunternehmern in Lohndifferenzen. Vermittelung durch das Gewerbegericht lehuten die Unternehmer ab, weil das nicht aus Fach⸗ männern zusamwengesetzte Gericht in der Lohn⸗ bewegung der Bauarbeiter nicht entscheiden köune. Treffend bezeichnete die„Frkf. Ztg.“ diese faule Ausrede als einen sehr bequemen, einfachen, aber auch sehr beschränkten Stand- punkt. Erst später gelang es dem Oberbü ger⸗ meister Gaßner eine Verhandlung mit beiden Parteien zu Stande zu bringen. In derselben verzichteten die Unternehmer auf ihre Forderung, daß die Parliere aus dem Verbande auszutreten hätten, wollten auch auf Verlangen den 1. Mai freigeben, wenn keine dringenden Arbeiten vor liegen. Der Vertrag soll 2 Jahre in Gültigkeit bleiben. Die Bedingungen wurden am Dienstag Abend von einer Maurerversammlung gegen 2 Stimmen angenommen. Somit ist der Streik L abgewendet. Briefkasten. Für Parteizwecke gingen ein: M.⸗Gießen Mk. 1 Wbr.⸗Leihgestern Mk. 1. 5 W.⸗Marburg. Bericht über die Bauarbeiter⸗ versammlung nächste Nummer. Aus dem Gießener Stande samts register. Aufgebotene. 2. Mai: Karl Seibel, Kaufmann hierselbst mit Angelika Lenz in Klein⸗Linden. 3. Wil⸗ helm Thielmann, Anstreicher hierselbst mit Wilhelmine Paulus dahter. 5. Johann Runzheimer, Taglöhner in Wornshausen mit Katharine Runzheimer, Dienstmag d dahier. 6. Georg Lyncker, Spediteur hierselbst mit Helene Füll in Wiesbaden. Ernst Hirsch, Gr. Amts⸗ richter in Höchst i. O. mit Sibylle Ploch dahier. Georg Reitz, Schreiner in Groß⸗Karben mit Elise Röding da⸗ hier. Heinrich Lich, Kutscher hierselbst mit Pauline Vogel dahier. 7. Ferdinand Schramme hierselbst mit Augusta Möllerhenn dahier. Philipp Heyligenstädt, Kaufmann hierselbst mit Paula Knauff in Frankfurt a. M. Emil Wißner, Fabrikarbeiter hierselbst mit Eltsabethe Menz, Fabrikarbeiterin in Burkhardsfelden. 9. Rudolf Hahn, Kaufmann hierselbst mit Auguste Merten in Münher. Eheschließungen. 4. Mai: Philipp Eisenhardt, Geometer hierselbst mit Karoline Valentin dahier. Christian Weeg, Schuhmacher hierselbst mit Luise Noll dahter. Gustav Giese, Oberleutnant hierselbst mit Ella Sartorius dahier. Dr. Emil Dieffenbach, Chemiker in Griesheim am Main mit Charlotte Textor in Gießen. Geborene. 28. April: Dem Hausier er Heinrich Pitz eine Tochter. 29. Dem Schneider Johannes Welter ein Sohn. 30. Dem Fahrkartenausgeber Karl Christ ein Sohn. 1. Mat: Dem Polizeigehilfen Ludwig Sier ein Sohn. Dem Eisenbahnbetriebs⸗Inspektor Wilhelm Horstmann eine Tochter. 5. Dem Gr. Staatsanwalt Friedrich Zimmermann ein Sahn. 6. Dem Banquter Albert Heichelheim ein Sohn. Gestorbene. 2. Mai: Karl Blum, 1 Monat alt. Karl Schmitt, 69 Jahre alt, Gr. Universitäts⸗Rentamt⸗ mann i. P. dahier. Ludwig Lehmann, 5 Monate alt. Walter Naue, 9 Monate alt. 4. Katharine Rühl, 33 Jahre alt, Dienstmagd dahier. 5. Christiane Gail, geb. Banß, 73 Jahre alt. Johannette Sack, 61 Jahre alt, dahier. 8. Karl Gerbode, 73 Jahre alt, Oberpost⸗ sekretär i. P. dahier. Das Griesheimer Unglück. Die Aktionäre der Griesheimer Unglücksfabrik hielten am 1. Mai ihre Generalversammlung ab. Sie war von 31 Aktionären besucht, die 3659 Aktien vertraten. Nach dem Vorstands⸗ bericht betrug, wie die„Frkftr. Ztg.“ daraus mitteilt, der Reingewinn im verflossegen Jahre nicht weniger als 2120392 Mk. einschließlich 385 081 Mk. Vortrag. Angesichts des Unglücks schlug der Aufsichtsrat vor, statt 1 440 000 Mk. (16 Prozent) Dividende nur 450 000 Mark (5 Prozent) zu verteilen, dagegen 300,000 Mk. für einen Unterstützungsfonds bereit zu stellen.— Dieser Vorschlag war sicher allen Aktionären höchst unangenehm. Es wurde be⸗ antragt, die Dividende von 5 auf 8 Prozent zu erhöhen. Die Herren Dr. Fritsch und Justizrat Baist verwiesen darauf, daß zahl⸗ reiche Aktionäre die als sehr solid geltenden Griesheimer Aktien ausschließlich in ihrem Vermögensstand hätten und durch die Er⸗ mäßigung der Dividende auf mehr als ein Drittel in ihrer Lebenshaltung schwer beeinträchtigt würden.(1) Vielleicht könne man eine schnell tilgbare Anleihe zur Deckung der benötigten Summen aufnehmen. Doch wurde der Antrag abgelehnt und 5 Prozent ge⸗ nehmigt. Man wagte es offenbar in Rücksicht auf die Oeffentlichkeit nicht, eine höhere Divi⸗ dende zu beschließen. Mit Recht bemerkt unser Frankfurter Parteiorgan dazu: Das Lamento der Herren Fritsch und Baist über die bean⸗ tragte Reduktion der Dividende angesichts des fürchterlichen Unglücks wirklich ein starkes Stück! Denn wer sein Kapital in In dustrie⸗ papieren aulegt, der spekuliert doch und muß unter Umständen riskieren, daß er fast alles verltert, statt einen Gewinn zu haben. Wer dagegen auf eine bestimmte sichere Rente rechnen will, der muß sein Geld in guten Hypotheken oder Staatspapieren anlegen und daun erhalt er wohl höchstens 4 Prozent Zinsen. Wenn sich jemand aber etwa für ein Dar⸗ lehen 16 Prozent Zinsen bezahlen ließe, käme er sicher mit dem Wucherparagraphen in Konflikt. 5* Die genaue Zahl der Toten ist noch immer nicht bekaunt. Von der Fabrikdirektion e 1 1 Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. wurde bekannt gegeben, daß 24 Tote zu ver⸗ zeichnen seien und niemand mehr vermißt werde. Infolge dieser Erklärung herrscht, wie die „Volksstimme“ schreibt, unter der Bevölkerung in Griesheim und umliegenden Orten eine große Erregung, da man das der Fabrikleitung nicht glaubt und wahrscheinlich die Erklärung nur den Zweck hat, die Gemüter zu beruhigen. Es zirkulierte das Gerücht, daß noch zirka 43 Mann vermißt werden— 38 Mann sollen Arbeiter sein, welche auf der Durchreise nur kurze Zeit Beschäftigung fanden, außerdem sollen noch 5 Schlosser vermißt werden, die an einem Neubau beschäftigt waren. Daß man von Seiten der Fabrikleitung nur Diejenigen für getötet hält, die als Leichen geborgen wur⸗ den, ist eben unrichtig.— Aehnlich spricht sich das katholische„Volksblatt“ aus.— Besonders tadelt man, daß die Direktion der Presse keine genauen Erklärungen giebt. Ein Priester als Mörder. Spanien ist seit einiger Zeit der Schauplatz von teils blutigen Unruhen, die sich besonders gegen die Klöster und die Geistlichkeit richten. Und allerdings hat letztere alles ge⸗ than, um sich den Haß des Volkes zuzuziehen. Seit Jahrhunderten hat dieses Land unter Pfaffenherrschaft, durch welche es unterdrückt, ausgebeutet und aus gesaugt wurde, schauderhaft gelitten; Ausschreitungen oller Art wurden tag⸗ täglich von Geistlichen verübt. Einen neuen erbaulichen Fall meldete neulich die„Frkftr. Ztg.“ In Andarias, Provinz Zamora, hat ein Pfarrer im Einvernehmen mit einer Frau deren Mann Namens Jose Madrid erschossen. Der Pfarrer wurde verhaftet, nachdem er am letzten Sonntag noch das Hochamt gefeiert hatte und samt seiner Geliebten eingekerkert. Verbrecherische Pfaffen. Das Berl. Tagebl. meldete aus Rom: In Neapel schoß ein Pfaffe eine Frau und ihr Kind nieder.— In Avellino(Italien) hat vor einigen Tagen ein Geistlicher Namens Tedeschi seinen siebzigjährigen Vater ermordet um ihn endlich beerben zu können. Er hattte schon seit Langem in Unfrieden gelebt, da dieser ihm nicht so viel Geld gab, als er zu seinem flotten Leben brauchte. Wiederholt hatte ihn der nichts⸗ würdige Pfaffe bei solchen Streitigkeiten mit dem Revolver bedroht. Nach der Mordthat er⸗ griff er die Flucht, wurde aber von der Polizei erwischt und dem Gerichte eingeliefert. Partei-Nachrichten. In Leihgestern starb am 3. d. Monats unser alter Parteigenosse Johannes Schild iin Alter von 62 Jahren. Der brave Arbeiter erfreute sich bei allen, die ihn kannten, großer Beliebtheit und seine Persönlichkeit wird des⸗ halb überall in gutem Andenken gehalten werden. Genosse Zielowski, Redakteur der Frankfurter„Volksstimme“, hat am 2. Mai die ihm wegen Beleidigung zudiktierte Gefängnis⸗ strafe von drei Mongten in Butzbach ange⸗ teten. Dort wurde ihm Selbstbeköstigung und Beschäftiaung gestattet. Genosse Dr. Bruno Schönlank in Leip⸗ zig, Reichstagsabgeordneter für Breslau, Chef⸗ reh akteur der„Leipziger Volkszeitung“, litt schon seit dem Winter an einer schweren Ner⸗ veykrankheit. Nach einer kurzen Besserung im Frühjahr verschlimmerte sich in den letzten Tagen sein Zustand derart, daß er am Dienstag in eine Heilanstalt gebracht werden mußte. Ausgewiesen aus Preußen wurde der Vorsitzende der Hanauer Filiale des deutschen Schuhmacherverbandes. Er ist ein Oestreicher und hat sich dadurch„lästig“ gemacht, daß er ein tüchtiges Mitglied seiner Gewerkschaft und auch bes sozialdemokratischen Vereins war. Das genügt der preußischen Polizei ihn außer Lundes zu jagen. Bezeichnend ist, daß der junge Mann in Bayern geboren und er⸗ zoßen ist und bis jetzt nur in Deutschland gearbeitet hat. Trotzdem ist er„juristisch“ ein Ausländer, weil sein Vater ein Oester⸗ reicher gewesen sst. Nun muß er den„gast⸗ lichen“ preußischen Boden verlassen. Hoffentlich wird unser Genosse dadurch nicht geschädigt. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. An die Mitglieder des Kreis wahlvereins! Infolge der Beschlüsse der Konferenz in Gießen am 21. April wird für die Mitglieder eine Unterstützungs⸗ kasse errichtet. Die Einrichtung ist obligatorisch. Jedes Mitglied hat hierfür vom 1. Mai ab einen monatlichen Beitrag von 5 Pfg. zu entrichten, wofür bei Sterbe⸗ fällen eine Unterstützung an die hinterbliebenen Ehe⸗ gatten gewährt wird. Die näheren Bestimmungen wollen die Mitglieder aus dem Statut ersehen, das ihnen baldigst zugehen wird. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungskalen der. Samstag, den 11. Mai. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T⸗O.: 1. Vortrag über Handelspolitik und Sozialdemokratie. 2. Ver⸗ schiedenes. Sonntag, den 12. Mai. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Generalversammlung bei L. Krök. T.⸗O.: Unsere Festlichkeit. Marburg. Arbeiter⸗Gesang⸗Verein„Ein⸗ tracht“. Jeden Donnerstag, Abends ½9 Uhr Gesangsstunde bei D. Jesberg.— Anmeldungen werden dortfelbst entgegengenommen. Sonntag, den 12. Mai. Metallarbeiter. Ausflug nach Wehrda. Ab⸗ marsch: Nachmittags 3 Uhr von Jesberg. Montag, den 13. Mai. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Tapezierer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb(Wien er Hof). Freitag, den 17. Mai. Gießen. Preßkommssion(Gießener Mitglieder). Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Aus dem Gießener Standesamtsregister. (Vorige Woche) Aufgebotene. 25. April: Jacob Dillenburger, Fußgendarm in Ober⸗Erlenbach mit Anna Graf in Worms. 26. Jacob Schupp, Gießereiarbeiter mit Margarethe Wagenbach dahier. 26. Jacob Frey, Metzger in Klein-Linden mit Elisabethe Inng, Dienstmagd daselbst. 1. Mai: Lud⸗ wig Arnold, Bäcker hierselbst mit Elisabethe Michel dahier. Eheschließungen. 27. April: Karl Braun, Hilfsheizer hierselbst mit Dina Wacker dahier. 27. Ludwig Linkmann, Gärtner in Bad⸗Nauheim mit Dorothea Immel dahier. 29. Otto Mayer, Kaufmann hierselbst mit Elisabeth Appel, geb. Christ, Witwe des Kaufmanns Daniel Appel dahter. Geborene. 21. April: Dem Stadtkassegehülfen Hermann Peter eine Tochter. 22. Dem Vicefeldwebel Peter Euler eine Tochter. 22. Dem Kaufmann Gustav Schadt ein Sohn. 24. Dem Taglöhner Karl Pitz eine Tochter. 25. Dem Bäckermeister August Deibel ein Sohn. 26. Dem Schuhmacher Heinrich Wiegand ein Sohn. 26. Dem Rangierer Konrad Schomber ein Sohn. 28. Dem Kaufmann Robert Hasse ein Sohn. 30. Dem Gerichts⸗ schreibergehilfen Wilhelm Sartorius eine Tochter. 1. 10 Dem Hilfsführer i. P. Hugo Strohbach ein Sohn. Gestorbene. 26. April: Mathilde Bohling, 1 Jahr alt. 27. Karoline Sack, 75 Jahre alt, Pfründnerin dahier. 27. Elisabeth Töpfer, 4 Monate alt. 30. Philipp Leo, 80 Jahre alt, Uhrmacher dahier. — Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 9. Mai: Butter per Pfd. Mk. 1.00— 1.20, Hühnereier per St. O0— 0 Pfg., Enteneter 2 St. 12— 13Pfg. Gänsecier per St. 10— 11 Pfg., Käse 1 St. 5— 8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 7.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 6.50— 7.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 1.00 bis 1.20, Hühner per St. Mk. 1.50— 2.20 Hahnen per Stück Mk. 1.30— 2.00, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20. Gänse per Pfd. Mk. 00.0 0.00. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68— 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 74 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 78 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60 66 Pfg., Hammelfleisch 50—66 Pfg. Auf dem Fruchtmarkte in Limburg kosteten am 8. Mai durchschnittlich 100 Kilo: Weizen 13,35, Korn 11,28, Gerste 00,00, Hafer 7,10, Erbsen 00,00. 2 b Unterhalfungs-Teil. 55 5.— N 7) . Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. 4(Fortsetzung.) Der Mitgesell Berthold's wetterte und fluchte über den Geizteufel, wie er über die rote Gundel und den Narren, den die Mutter an ihr gefressen hätte, sich lustig machte. Aller⸗ dings nur, wenn er sicher war, von ber Meisterin nicht gehört zu werden. Anton, der Lehrling, mußte entgelten, was ihn innerlich grimmte; er war überhaupt ein roher Mensch, und Berthold geriet schon in den ersten Tagen mit ihm in Streit, weil er den Lehrling gegen ihn in Schutz nahm. Seine Roheit war echt, aber die grobe Sprache, die Veit Eitelhans gegen Jedermann im Hause führte, war es nicht immer. Er verstand es sehr wohl, in ihr dem Meister und Frau und Tochter zum Munde zu reden. Das feine Ohr Berthold's hörte es bald heraus. Nur blieb es ihm zu seinem Schaden allzulange unverständlich, wozu es der Preuß', wie Veit Eitelhans nach seiner Heimat genannt wurde, that. Seine eigene offene Natur fühlte sich dadurch abgestoßen und Jeuner schien nichts dadurch zu erreichen. Wenigstens blieben Mutter und Tochter, die erste in ihrer herben Strenge, die andere in ihrem Hochmut, gegen ihn gleich. Berthold fühlte Mitleid mit der armen Gundel, die sich große Mühe gab, ihr Gebrechen zu versteckeu. Sein Zartgefühl trieb ihn an, ihr freundlich zu begegnen und geduldig Rede zu stehen, wenn sie, wie es bisweilen geschah, in die Werkstätte kam und aus Langeweile nach Diesem und Jenem fragte. Eigentümlich war es, daß sein Benehmen nicht von der Tochter, sondern nur von der Mutter bemerkt zu werden schien. Vielleicht war es auch das Lob, welches Meister Schönhauer der Geschicklich⸗ keit Berthold's zollte, daß die Frau ihren scharfen Ton gegen diesen mit der Zeit zu mildern versuchte. Mochte dem nun sein, wie ihm wollte: Berthold kümmerte sich nicht um Gunst oder Ungunst, sondern verfolgte gelassen seinen Weg. An den Wagen, wie man zu sagen pflegt, ließ er sich nicht fahren. Gefiel ihm auf seiner gegenwärtigen Arbeitsstelle Manches nicht, die stillen Gedanken an zwei muntere braune Augen ließen es ihn ertragen, und der Sonntag gewährte ihm reiche Ent⸗ schädigung. Am Vormittage ging Meister Schönhauer mit seinem ganzen Hause in die Kirche von St. Marien, wie das im Bürger⸗ stande unverbrüchliche Sitte war, und Berthold konnte sich nicht ausschließen. Nachmittags aber war er frei und da wanderte er hinaus in die Vorstadt und saß in der traulichen Stube des Färbers. 11 Das waren für Berthold glückliche Stunden. Da saßen sie um den Tisch herum: er, Meister Weigand, dessen Tochter und deren Base, und redeten Ernstes und Heiteres, erzählten, plau⸗ derten, scherzten. Berthold begehrte einstweilen nicht mehr, als in Trudens Nähe zu sein, sie zu sehen, ihre jugendfrische Stimme zu hören. Er hatte dessen kein Arg, daß sich in seinen Blicken und in dem Ton seiner Worte verriet, was in seiner Brust keimte, besonders in der Stunde zwischen Licht und Dunkel mit ihrer weicheren Stimmung. Und der Winter, der darüber in's Land kam, rückte die vier Meuschen noch näher zueinander. Eines Sonntags fand Berthold den Alten über einem dicken Hefte mit starkvergilbtem Papier und altmodischen Schristzügen. Dranu⸗ ßen ließ der Wind die Schneeflocken wirbelnd durch die Straßen tanzen; in der Stube war, es behaglich warm. Wie der Meister erzählte, indem er seine Hornbrille auf die Blätter legte, 5 20 Jahle Nelahlthett selehct unt i Zwickal gerufen U Martenkirc die Kanzel deh Offen mpfangen um nicht Welke bet. ute aus ihm zufiel Zalt gewe als wie el während! scumpft Er ne Wandte fi sie wiede — II. Außbal Aufbau leider Ga 8 Nr — 1 Y N * 5 9 1 14 1 . N 1 — 10 gegen ar echt Eitelhan und Jun Wenigstenz de in ihre Hochmut, ger armen Gebrechen eh ihn ah, dig Med r bemerkt auch daß geschicklih⸗ Frau ihren er Zeit zu g sein, wie licht Un gte gelassel 0 man il el. Gestel lrbeitsstel n an zwe ertrage! reiche Cle 9 Meile ause in Ne n Vith 9 Bertholb Nr. 19. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. hatte er das Manuskript auf dem Boden seines bauses in einem Kasten, der in dem finstersten Winkel stand, unter allerlei Gerümpel entdeckt. „Darin hat einer meiner Ahnen,“ fuhr der Meister, die Ahnen humoristch betonend, fort, „was sich zu den Zeiten des Pfeifer und des Doktor Thomas in unserer Stadt hat zugetragen, herzeichnet. Er hat es selbst erlebt. Ja, ja, vir Weigands sind gar bemooste Karpfen. nser Aeltervater soll ein Höriger der Grafen von Stollberg gewesen sein und sich frei gemacht gaben, indem daß er nach Mühlhausen floh, ellwo er ein Wollkrempler wurde. Stand damals das Gewerk der Tucher in großer Blute. Zu Stolberg ist denn auch der Tho⸗ sttas Münzer Anno 1490 oder 93 geboren und oll sein Vater ein vermögender Mann gewesen sein. In meinem Buch steht nichts weiter von ihm. Der Thomas aber ist schon, wie er erst 20 Jahre clt war, ein Doktor der Gottes⸗ gelahrtheit gewesen, hat in den Lateinschulen gelehrt und ist Prediger an der Marienkirche zu Zwickau gewesen, ehe daß er nach Allstedt berufen wurde. Ja, wenn der in unserer Marienkirche in der Stadt drinnen wieder auf die Kanzel träte und die heilige Schrift nach den Offenbarungen, die er in seinem Geisie empfangen hat, auslegte, und daß das Christeu⸗ tum nicht durch den Glauben, sondern durch Werke bekannt werden müßte, er rüttelte die Leute aus ihrer Oedheit wohl auf, daß sie ihm zufielen wie damals. Muß eine gewaltige Zeit gewesen sein, wie der hier schreibt, gleich als wie ein Sturm, der Alles mit sich fortreißt, während dem daß heut Alles klein und ver⸗ schrumpft ist im Bürgerthum.“ Er nahm seine Brille von dem Buche auf, kpandte sie nachdenklich hin und her und legte fie wieder nieder. Seine Zuhörer harrten in Weile. gespanntem Schweigen. Er fuhr fort:„Wohl, er fühlte sich berufen, sein Volk zu befreien und an seinen Unterdrückern zu rächen. Schon in Zwickau soll es ihm deutlich aufgegangen sein, daß die Revolution des deutschen Reiches werden müßte. Wie er uun von den sächsischen Fürsten nach Weimar gefordert wurde. um vor ihnen seinen Glauben aus der Schrift zu erweisen, denn der Doktor Luther hatte ihn bei ihnen angegeben, daß er ein Schwarmgeist und ein Aufrührer sei; da trat er tapfer vor sie hin. Aber es burde ihm deutlich, daß sein Bleibens in Allstedt fürder uicht sein würd', und er entwich mit seinem jungem Weib und kleinem Kinde unserer Stadt. Er hatte wie der Doktor Luther eine ausgetretene Nonne gehei⸗ ratet. Und wie dieser, hatte der Heinrich Pfeifer seine Mönchskutte in die Dornen geworfen und das Regiment der Sechsundneunzig gestürzt, welche in Mühlhausen die einzig Freien waren, den Rat ausmachten und alle Aemter inne hatten und besetzten. Die Bürgerschaft erhielt Sitz und Stimme im Rat. Was aber die Ehrbaren sind, als wie die Füchse und Meister im falschen Spiel, kriegten es fertig, daß der Pfeifer ausgetrieben wurde, er und der Münzer. Aber ihr Triumph währte nur eine gar kleine Das nämliche Jahr, 1524, war noch nicht an seinem Ende, da führten die Bauern und die Vorstädter von St. Nikolaus den Pfeifer mit Gewalt wieder zurück, und der Doktor Münzer kam im nächsten März ihm nach.“ (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Ein Schlauberger. Leutnant v. A.: Ehe⸗ ä———.——¾¼ demokratie im Heer. Is Unsinn: jiebt's nich. Leutnant B.: Glauben Kamerad? Leutnant v. A.: Jiebt's nich. Da neulich auch Umfrage jehalten. Hundert Rekruten jefragt: Wer is Bebel?... Hat nicht einer geantwortet. — Litterarisches. Ich fühle es, ich weiß es, aber ich kann's nicht von mir geben! Wie oft hört man diesen Ausspruch, wenn in einem größeren Kreise von Per⸗ sonen, Vereinen und Versammlungen Beschlüsse gefaßt werden, die den anderen wider den Strich gehen. Da hilft uur: Reden lernen, um für die Zukunft zweckwidrige Beschlüsse zu vereiteln. Das freie Wort muß Gemein⸗ git aller Deutschen werden. Diese Devise hat sich der als Redner rühmlich bekannte Schriftsteller Manfred Wittich gestellt, indem er das Werk:„Die Mun der Rede“, Verlag von Rich. Lipinski, Leipzig, Reud⸗ nitzerstr. 11, Preis 1 Mark, verfaßte. Den Zweck seines Werkes faßt der Autor in der Vorrede kurz da⸗ hin zasammen:„Ich will kein gelehrtes System der Rhetorik, kein Schulbuch mit pedantischen Paragraphen und Regeln, sondern eine lesbare, anschauliche und praktische Anweisung geben, wie sich ein Kind des Volkes die geistige Unbefangenheit und formale Fähigkeit zu öffentlichen Reden aneignen kann. Ich will am„Web⸗ stuhl der Zeit“ mitarbeiten und mitwirken insofern, als ich das allen gemeinsame Instrument der Rede, der Sprache wirksamer machen will, als es bisher gewesen ist.“ Und wahrlich, wer dies aus tiesstem Erfahrungs⸗ schatze herausgeschriebene Werk liest, der wird sagen, ja warum erschien solch ein Werk nicht früher schon. Soll aber der beabsichtigte Zweck erreicht werden, dann muß das gut ausgestattete Werk die welteste Verbreitung finden, die es verdient. Der Verfasser behandelt in dem 108 Seiten umfassende Werke, den Redner, die Sprache, den Satzbau, den Schmuck der Rede, die Vorbereitung des Redners, die verschiedenen Arten der Reden, das Verhältnis zwischen Redner und Hörer und die Ge⸗ mal'ger Kamerad da jüngst was jefaselt von Sozial⸗ chäfts führung einer Versammlung. 8 Wer beim Kauf will Geld ersparen SIAUNEIII RKaplansgasse eilt in 85 7 22 ER 8. 1. Kaplansgasse Ein großer Posten Satteltaschendivans mit Plüscheinfassung 2 und 3⸗sitzig unter Garantie, von 8 Mark an. 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