— 2 2 — 3 untags⸗Zeit Nr. 32. Eießsen, Sonntag, den 11. August 1901. 8. Jahrg. Redaktion: 0 2 edaktion uf: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche 8 Nachuitg 4 Uhr. —. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Austräger frei ns die Expedition unter Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Be stellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) — finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestelluns 33/% 2 Junserate 2 Die 5 gespalt Bei mindesten; Parteigenossen! Sorgt für zahlreiche Unter⸗ schriften der Petition gegen den Brotwucher! 386 meiner daß ic ö riebene 0 0 ———— Soldaten mißhandlungen. Vor Einführung der neuen Militärgerichts⸗ 0 0 0 75 ordnung hörte man im Allgemeinen nicht viel diebest 0 von Soldatenmißhandlungen. Die gerichtlichen ö 0 ö Liefer⸗ meine frieden Verhandlungen über derartige Fälle waren geheim und nur selten kam etwas davon ans Tageslicht. Nur in Bayern, wo schon längere Zeit vorher die Oeffentlichkeit im Militärprozeß eingeführt war, Unter⸗ gelangten Fälle dieser Art in größerer Anzahl zur Kenntnis des Publikums und so schien es fast, als sei gerade dort die Heimat dieser Verbrechen. 1 Aber der Erlaß des Prinzen Georg von Sachsen, der vor mehreren Jahren durch unser Zentralorgan veröffentlicht und dann im Reichs⸗ tage von den sozialdemokratischen Abgeordneten zur Sprache gebracht wurde, bewies, daß überall in der Armee Mißhandlungen Untergebener in großer Anzahl vorkommen. Damals hat sich besonders Gen. Bebel das Verdienst erworben, auf zahlreiche Fälle barbarischer Soldatenmiß⸗ handlungen hinzuweisen und energisch Abhülfe zu fordern. Dies Vorgehen ist dem Abg. Bebel duf bürgerlicher und— natürlich— militäri⸗ scher Seite, besonders vom jeweiligen Kriegs⸗ minister verübelt worden. Stellte sich die kleinste Ungenauigkeit in den Angaben Bebels heraus, o sagte man ihm, der doch nur auf die Zu⸗ berlässigkeit seiner Gewährsmänner angewiesen bar, geflissentliche Uebertreibung und noch Schlimmeres nach. Das ist allerdings eine sehr bequeme Art, ich gegen Anklagen zu verteidigen; That⸗ ch en sind aber halsstarrige Dinger und lassen sich dadurch nicht aus der Welt schaffen, haß man ste ableugnet. Und wer das Soldaten⸗ leben praktisch kennen gelernt hat, mußte Bebel echt geben. Noch mehr. Jeder gewesene Fol dat weiß, daß in Wirklichkeit viel mehr Hißhandlungen vorkommen, als bekannt werden. Man kann getrost sagen: die nicht zur Anzeige id folglich auch nicht zur Bestrafung gelangten fille sind zahlreicher, als die übrigen gerichtlich , Mitteilung thorstrehel und flisc 2, 3, Eig „ 21 — 1 ibzeurteilten. Schon jetzt aber, erst kurze Zeit nach Ein⸗ s% Anttärgerichten zeigt sich, wieviel früher der sas Leffentlichkeit vorenthalten blieb. In letzter 1 U det wurden allwöchentlich gerichtliche Bestraf⸗ „„ b e sind nicht weniger scheußlich, als die en Reichstag erörterten. 5 Reslauer Kriegsgericht gegen den Unter⸗ „ efzier Tourbier geführte Verhandlung. Aer Stellvertreter Gottes hatte es haupt⸗ Juli d. J. schlug der Unteroffizier Hübner at der Klopfpeitsche, wobei sich dieser bücken lirung der öffentlichen Verhandlung bei den nen wegen Soldatenmißhandlungen gemeldet , Das zeigt der Bericht über eine vor dem falich auf den Jäger Hübner abgesehen. Am sufte. Als die Hiebe ihm nicht recht zu ziehen schienen, versah er die Riemen des Klop⸗ fers mit 1 8 1 Knoten und schlug so noch etliche Male auf den in gebück⸗ ter Stellung befindlichen Mann kräf⸗ tig los. Später wurde Hübner einmal in die Stube des Unterofftziers gerufen. Dort mußte der Jäger seinen Rock ausziehen. Dann nahm Tourbier das Taschenmesser und säbelte Hemd, Hosenträger, Hosen und Unter⸗ beinkleider von Hübners Leibe her⸗ unter, bis dieser splitternackt dastand. Hübner mußte jetzt noch in der dritten Garnitur feldmarschmäßig vor Tourbier antreten und alles vor ihm ablegen. Darauf nahm der Angeklagte die Drillichhosen und schlug sie dem Manne um den Kopf, so daß er infolge eines Schlages, den er dabei mit der Schnalle erhielt, ein blaues Auge davontrug. Dann setzte es noch einige 1 und zum Schluß wurde dem armen Kerl befohlen, sich um 12 Uhr nachts bei Tourbier vorzustellen, um zu zeigen, daß er die von diesem abgeschnittenen Knöpfe wieder angenäht und die zerschnittenen Sachen geflickt habe, wozu ihm von 7 bis 10 Uhr abends Zeit gegeben worden war. Schlag 12 Uhr nachts fand sich denn Hübner auch dem Befehle gemäß vor des Angeklagten Bett ein, der ihn nach kurzer Revision der Sachen wieder entließ. Diese nächtliche Vorstellung und was ihr vorangegangen, war dem geplagten Hübner denn doch zu viel. Er faßte sich ein Herz und erstattete am nächsten Vormittage dem Ober⸗ leutnant Anzeige. Noch bevor Tourbier davon Kenntnis erhielt, schlug er den Hübner, weil dieser die Stube nicht sauber ausgefegt hatte, mehrere Male mit dem Lederkoppel auf den Kopf. Als er von der Anzeige erfuhr, drohte er seinem Opfer:„Wenn ich bestraft werde, murcks ich Dich ab, den ersten Tag mußt Du sterben, Du Hund, ich erschlag Dich auf der Stube.“ Das Gericht verurteilte ihn zu 9g Monaten Ge⸗ fängnis. Degradation wurde nicht ausge⸗ sprochen, der Soldatenschinder bleibt also Unter⸗ offizier. Weiter verurteilte das Kriegsgericht zu Insterburg den Unteroffizier Milkau von dem in Darkehmen garnisonierenden 2. Bataillon des Infanterieregiments Nr. 59 wegen mehrerer Soldatenmißhandlungen zu 3 Monaten Ge⸗ fängnis.— Wegen Mißhandlung Unter⸗ gebe ner in über hundert Fällen wurde ferner der Unteroffizier Brandes vom olden⸗ burgischen Infanterieregiment Nr. 91 vom Kriegsgericht zu einem Jahre Gefängnts verurteilt.— Nur 5 Monate Gefängnis erhielt ferner der Unteroffizier Stirner vor einiger Zeit vom Stuttgarter Kriegs⸗ gericht zudiktiert. Er hatte den Musketier Baum so scheußlich gequält, daß dieser sich erhängte, um der Schinderei zu entgehen! —, Das Brom berger Kriegsgericht berur⸗ teilte den Unteroffizier Busse vom Grenadier⸗ regiment zu Pferde wegen fortgesetzter Mißhandlung seiner Untergebenen mit acht Monaten Gefängnis und Degradation. Die Beweisaufnahme ergab u. A., daß Busse einen Mann seines Beritts so lange die Kuie⸗ beuge machen ließ, bis er erschöpft zu⸗ sammenbrach. Am nächsten Tag hat sich der Mann erschossen! —ů—— und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatg So könnten wir aus den letzten Monaten noch eine ganze Reihe solcher Fälle aufführen. Deren häufiges Vorkommen beweist aber, daß trotz aller Armeebefehle und Verordnungen die Soldatenschinderei noch immer nicht eingedämmt ist, die Söhne des Volkes noch vielfach brutalen Mißhandlungen von Seiten der durch die Militärgesetze geschützten Vorgesetzten ausgesetzt sind. Hoffentlich bewirkt die Oeffentlichkeit des Gerichts verfahrens eine Besserung! Um den Wuchertarif. Die Begründung des Tarifentwurfes soll von der Regierung längst fertiggestellt sein, doch wird mit der Bekanntgabe noch zurück- gehalten. Die Weisheiten zu hören, welche die Regierung veranlaßten, das Volk' dem Brot⸗ und Fleischwucher auszuliefern, wäre immerhin interessant. Unter dessen wird von den verschiedensten Seiten gegen den Entwurf im Ganzen und seine einzelnen Teile Stellung genommen. Auch von Abwehrmaßregel bes Auslaudes ist bereits die Rede. * * * Zum Butterzoll schreibt die Berliner Markt⸗ hallen⸗Zeitung:„Es muß danach gestrebt werden, den Zoll auf Butter ganz abzuschaffen, da die Einfuhr einem Bedürfnis entspricht, das durch die deutsche Produktion auch ihrer Art nicht befriedigt werden kann. Daß es ohne Zölle geht, hat das kleine Dänemark be⸗ wiesen. Dieses ist ohne Zollschutz in der Lage, seine Produktionsausfuhr von Butter jqährlich zu vergrößern, während das große Deutschland seine Buttererzeugung durch hohe Zölle schützen muß.“ ** * Im neuen Zolltarif ist auch für Eier eine ganz erhebliche Zollerhöhung vorgesehen. Au⸗ gesichts dessen weist die„Voss. Ztg“. darauf hin, daß die Eiereinfuhr an Wert die Roggeneinfuhr übertrifft, und daß Eier bei den wichtigsten Warengattungen, die ein— geführt werden, an 13. Stelle stehen. Die Eiereinfuhr wird gewöhnlich bedeutend unter— schätzt. Im Jahre 1897 sind für 67 Millionen Mark Eier eingeführt, im Jahre 1898 für 85, im Jahre 1899 für 96 und im Jahre 1900 sogar für 103 Millionen Mark. Nun soll nach dem neuen Zolltarifentwurf der Ein⸗ fuhrzoll für Eier 6 Mk. für den Doppel⸗ zentner betragen, während bisher die Eier zum weitaus überwiegenden Teil nur 2 Mk., zu einem sehr kleinen Teil 3 Mk. Zoll trugen. Der Eierzoll soll also im allgemeinen ber⸗ dreifacht werden. Zu dem neuen Zollsatz würde die Eiereinfuhr von 1900 einen Einfuhrzoll von rund 7,1 Millionen Mark tragen, während ste nach dem bisherigen nur etwa 2,4 Millfonen Mark Zoll kostete. Allein der erhöhte Eierzoll wird also das konsumierende Volk mit 4,7 Millionen Mark jährlich belasten. Ba der Einheitswert des Doppelzentners Eier bei der Einfuhr von 1900 mit 87,3 Mark an⸗ genommen ist, wird ein Zoll von 6 Mk. eine Belastung von 6,9 Proz. des Wertes ausmachen, während der bisherige Zoll nur 2,3 Proz. — Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 32. betrug. Hiernach wird der Preis der Eier[an deren Schicksalen nehmen. Doch hat man seiner Festtagsuniform den Eindruck eines nun einmal die Masse mit allen Mitteln der] wandelnden Mercerie⸗Ladens. Daß dadurch durch deu Zoll um 4,6 Proz. erhöht werden. ** * Aus Rußland kommt die Nachricht, daß die russische Regierung als Erwiderung auf deutsche Agrarzölle die Grenze für Preußen⸗ gänger sperren wird.— Wenn sich diese Nachricht bestätigt, so wird ger ade die Land⸗ wirtschaft Ostelbiens von einem großen Ausfall von Arb eitskräften betroffen werden. Es ist bekannt, daß die aufblühende russische Industrie nichts sehnlicher wünscht, als einen Damm gegen das Abziehen der russichen Arbeiter nach den besseren Arbeitsgelegenheiten Deutschlands. Vermutlich ist sie es auch gewesen, die durch ihren Einfluß auf den Finanzminister Witte und höchste Petersburger Kreise Erhebungen über die Lage der„Preußengänger“ veranstaltet hat, mit der ziemlich durchsichtigen Absicht, das— natürlich recht schwarz gemalte— Ergebnis dieser Erhebungen dem Zaren zu unterbreiten, um von ihm im Interesse der durch„gewissen⸗ lose Agenten“ nach Deutschland gelockten und dort ausgebeuteten armen russischen Landeskinder ein väterliches Verbot zu erwirken. Ebenso hat der deutsche Zolltarif in den Produzenten⸗ und Industriellenkreisen Italiens eine große Erbitterung hervorgerufen. Von allen Orten gehen dem römischen Ministerium Zu⸗ schriften, Vorstellungen, Warnungen, Hilferufeund Denkschriften zu. Viele Handelskammern haben fachgemäße Erhebungen über die ihren Sprengeln drohenden Schädigungen angeordnet. Italien schätzt die wirtschaftliche Belastung seiner nach Deutschland gehenden Bodenprodukte allein nach den Ergebnissen der vorjährigen Statistik auf mehr als 18 Millionen Lire. Aus allen In⸗ dustriezentren wird von dem Ministerium die anna Anordnung scharfer Abwehrmaßregeln verlangt. Politische Rundschau. Gießen, den 8. August. Kaiserin Friedrich ist am Montag Abend auf ihrem Schlosse in Cronberg i. T. an einer schweren inneren Krankheit(Krebsleiden) gestorben. Sie war die Tochter der in diesem Jahre ebenfalls ver⸗ storbenen Königin Viktoria von England und 1840 geboren. Schon mit siebzehn Jahren verheiratete sie sich mit dem nachmaligen Kaiser Friedrich. Auf diesen soll die als klug und unterrichtet gerühmte Frau großen Einfluß ausgeübt haben. Dem Berliner Hofe blieb sie stets fern, nur in den ersten Jahren nach dem 1888 erfolgten Tode ihres Gemahls war ste einige Mal in Berlin. Von Bismarck und der Junkersippe wurde sie ingrimmig gehaßt, weil sie der bismärckischen gewaltthätigen Unter- bdrückungspolitik verschiedentlich Widerstand ent⸗ Pon alia und, wie man sagt, auch manche ru alität Bismarcks verhinderte. Wenn das richtig ist, verdient sie dafür alle Anerkennung. 11 2* Etwas merkwürdig mutet der Bericht an, der wach dem Berl. Lokal⸗Anz. über Vorgänge egeben wird, die sich kurz nach dem Tode der aiserin abgespielt haben. Es heißt da:„So⸗ pald die Standarte der Kaiserin auf Halbmast ging, sprengten Gendarmen und Husaren heran und besetzten das Schloß auf allen Seiten. Die Infanterieposten wurden verstärkt und empfingen scharfe Patronen. Die Ordre lautete, daß auf jedermann, der widerrechtlich in den Park eindringen würde, scharf geschossen werden solle. Ordonanzen Zu Rad und Pferd jagten vom Schloß an die Stadt. Im Augenblick waren Trauerfahnen gehißt. Die Bevölkerung nahm die Trauer⸗ nachricht mit inniger Teilnahme auf. Dazu bemerkt unser Leipziger Parteiorgan: „Auch wir empfinden es sicherlich als eine höchst unangenehme Erscheinung, daß Leute, die mit Kunst zu dieser Art der darf sich nicht 8 bürgerliche Kreise von ihr ergriffen zeigten. Daß man aber die blauen Bohnen bewirten und Zeichen der Anteilnahme mit scharfen Schüssen quit⸗ tieren sollte— das verstehe, wer will!“ fentlich erfolgt Aufklärung darüber, wer die durchaus gesetzwidrige und gefährliche Anord⸗ uung gegeben und fremde Menschenleben so ist das Ergebniß des Rechnungsjahres kein Loyalität erzogen und wundern, wenn sich wenigstens zudringlichen Gäste m it Hof⸗ gering geachtet hat. Im Reichs baushalt erfreuliches. Es hat sich ein Fehlbetrag von 19325567 Mk. ergeben. Der wirtschaftliche Niedergang spiegelt sich in dem Rückgang der Einnahmen aus den Zöllen! Wir stehen erst am Anfang der mageren Jahre und schon haben wir ein Defizit! Das wird sich zukünftig noch steigern, und dem sucht nun unsere weise Regierungspolitik durch Erhöhung der Brot⸗ und Fleischzölle zu begegnen! Der Weltmarschall Waldersee ist dieser Tage aus China zurückgekehrt und in Hamburg eingetroffen. Er hat glücklicherweise außer dem Verlust seines Asbesthauses weiteren Schaden nicht erlitten. Seine Expedition kostet aber dem deutschen Volke ein schönes Stück Geld, ohne daß sie irgend etwas zur Besserung der Verhältnisse in China beigetragen hätte. Große Empfangsfeierlichkeiten sind wegen des Ablebens der Kaiserin Friedrich unterblieben; der Graf muß sich also mit den bei der Abreise empfangenen„Vorschußlorbeeren“ begnügen. Unseres Erachtens genügen die auch. Die Schaffung einer Kolonialarmee soll nach Zeitungsberichten abgemachte Sache sein. Schon im Frühjahr habe die Regierung beschlossen, eine ostasiatische Bes atzungsbri⸗ gade, wie sie jetzt in China zurückgelassen ist, als Stammtruppe für eine deutsche Kolo⸗ nialarmee dauernd zu behalten. So sei es auch erklärlich, warum die von Deutschland in China zurückgelassene Truppe in einer außer⸗ dem geradezu unerklärlich großen Stärke be⸗ lassen worden ist.— Daß die Schaffung einer besonderen Kolonialtruppe das praktische Er⸗ gebnis der Hunnenfahrt sein würde, haben die sozialdemokratischen Blätter und Vertreter schon vor Monaten vorausgesagt. Neu wäre an diesen Mitteilungen also nur, daß„innerhalb der Regierung“ schon im Frühjahr ein ent⸗ sprechender Beschluß gefaßt worden ist. Die Regierung weiß, was sie dem deutschen Reichstag bieten kann. Militärische Abzeichen. Das Uniform⸗Zubehör des deutschen Heeres hat in den letzten Jahren eine stetige Bereiche⸗ rung erfahren. Der Soldat muß schon mit einer außergewöhnlichen Gedächtniskraft begabt sein, wenn er sich alle die Orden, Uniformen, Medaillen und Abzeichen, die es in der Armee giebt, merken will, für geistig schwächer Veran⸗ lagte ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Ueber eine neue Schießauszeichnung berichten jetzt die Blätter: „Die Auszeichnung besteht für die Offiziere aus einer goldenen Schützen schnur, für die Mannschaften aus einer gelben Schnur. An derselben hängt an einer kürzeren Schnur die Kaiserkrone mit Szepter und Schwert. Von jedem Regiment hat die am besten schießende Kompagnie ein Gefechtsschießen abzuhalten, zu dem der Kaiser die Aufgabe stellt. Die beste Kompagnie erhält das Ab⸗ zeichen. Der Kompagniechef trägt es dauernd, bei der Entlassung mit ꝛe. entbehrlichen Zierstücke vorhanden die Mannschaften bekommen die Auszeichnung Wenn es noch eine Zeit lang so fort geht, wird auf der Vorderseite unserer Vaierlands⸗ verteidiger bald kein Platz mehr für solche un⸗ beh. sein und es muß schließlich noch die Reversseite damit be⸗ die Kriegstüchtigkeit und Schlagfertigkeit der Armee irgendwie erhöht wird, glaubt wohl kein Mensch. Herr von Köller, der bisherige Oberpräsident in Schleswig, ist zum Staatssekretär in Elsaß⸗Lothringen ernannt worden. Seine Ernennung erfolgte, trotzdem einflußreiche elsässische Kreise mitsamt der ganzen Bevölkerung dagegen opponierten und sogar Bülow widersprochen haben soll. Köller, der Vater der Umsturzvorlage, Gewalt⸗ politiker und Reaktionär hat sich im Elsaß schon früher als Unterstaatssekretär bei den Elsässern äußerst unbeliebt gemacht. Die Stichwahl in Duisburg. Bei der am vorigen Freitag stattgefundenen Stichwahl in Duisburg siegte der, nationalliberale Fabrikant Beumer mit 33534 Stimmen über den Zentrumsmann Rintelen, der 27728 erhielt. Auf beiden Seiten zeigt sich eine bedeutende Stimmenzunahme, so daß es auf den er sten Blick aussieht, als hätten unsere Genossen der für Wahlenthaltung ausgegebenen Parole nicht Folge geleistet. Sicher hat aber das Fabrikan⸗ tentum für den Scharfmacher, ebenso wie das Pfaffentum für den Zentrumsmann den letzten Wähler vermittels ungeheuerlichen Druckes an die Wahlurne geschleppt. Vielleicht waren auch viele Arbeiter infolge ihrer Abhängigkeit ge⸗ zwungen, diesem Drucke nachzugeben und zur Stichwahl zu gehen, damit sie sich nicht als Sozial⸗ demokraten erkennen ließen. Daß der Beein⸗ flussungsapparat lebhaft thätig war, beweist auch die Abgabe von beinahe zweitausend ungültigen Stimmzetteln. Noch bei keiner Wahl sind eine so große Zahl ungültiger Zettel abgegeben. worden. ** Der Ausfall der Duisburger Wahl giebt der nationalsozialen„Hess. Landesztg.“ wieder einmal Veranlassung, don Fehlern und Diszi⸗ plinlosigkeit unserer Genossen zu reden. Diese hätten nach ihrer Meinung für den„sozialre⸗ formerischen“ Zentrumsmann stimmen sollen, statt Stimmenenthaltung zu proklamieren; außerdem wird ohne Weiteres behauptet, daß unsere Stimmen den Scharfmacher Beumer zugefallen wären. „Das zeigt einmal einen starken Mangel an Disziplin und dann eine hervorragende politische Unklarheit, die man der Sozial⸗ demokratie, wenn sie sich wieder zur Richterin über andere Partei⸗Entscheidungen bei Stich⸗ wahlen aufhält, gehörig vorhalten wird.“ Da wird schon die Sozialdemokratie dem Freunde des Hunnenpastors zu antworten wissen. Zu⸗ nächst dürfte die Frage, welcher von den beiden Kandidaten der schwärzeste Reaktionär ist, kaum zu beantworten sein, dann ist es doch auch mindestens fraglich, ob überhaupt eine Wahl⸗ beteiligung unserer Genossen stattgefunden hat. Die Herren Nationalsozialen brauchen also mit ihren Kritiken nicht so voreilig zu sein, sollen sich lieber mehr darum bekümmern, daß sie nicht mehr, wie schon öfter, den Reaktionären zum Siege verhelfen. Muster⸗Zwangsinnung. Bei der Neuwahl der Verwaltung der Schreinerzwangsinnung in Nürnberg wurden nur Gegner der Innung gewählt und es setzt sich somit die ganze Verwaltung aus solchen zusammen. Auch dieser haltlosen Zuständen der ganze Innungsrummel führen muß. Die Schreinermeister müssen einer Organisation angehören, die sie nicht für wirken halten und der sie nicht angehören wollen! Schutz für Steinarbeiter. Eine Konferenz im Reichsamt des Innern beschäftigte sich kürzlich mit dem Schutze der Steinarbeiter. An ihr beteiligten den Regierungsvertretern 5 Gewerbeinspektoren, 13 Arbeitgeber und 13 Arbeiter. fürstlichen Personen gesellschaftlich nicht ver⸗ kehren, ein übermäßiges vordringliches Interesse hangen werden. Der Soldat macht dann in Fall zeigt, zu welchen sich außer Die für die 10 Steinarbeiter geplanten Schutzbestimmungen, zu rpg, mila ponserten ben sol, Na ag schon Elsässe cg. efundenen alliberale men über Wethiel. edeutende den ersten nossen der role nicht Fabrikan⸗ ) wie das den letzten ruckes an garen auch igkeit ge⸗ fund zur ls Sozial der Beil, „ beweis tausend Noch be ungültigtt ahl get g.“ wiede ind Diaz en. Dies „sozialle⸗ gen sollen, klamierel. uptet, daß r Beuel en Mangel porragesle er Sosil. r Richteill 1 bei Elch 1 wird. am eren issen. 90 1 den bel ir it, lun doch u eiue Lad funden 1 en alf 6 sein, 10 1, d faul Nr. 32. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. denen die bekannte Denkschrift der Arbeiter⸗ organisation den wesentlichen Anstoß gegeben hat, sollen auch für die Bildhauer, so weit es sich nicht um Künstler handelt, die Modelle selbst anfertigen und in eigenen Ateliers in Stein ausführen lassen, Geltung haben. Alle Betriebe und wenn es auch Bildhauermeister sind, die Modelle in Stein vervielfältigen, fallen unter die festzusetzenden Bestimmungen, so weit sich nicht technische Schwierigkeiten ergeben. Sozialismus des Kriegsministers. Bei der Enthüllung eines Denkmals für Viktor Considérant, des bekannten franzö⸗ sischen Sozialisten, die neulich in Paris statt⸗ fand, hielt der französische Kriegsminister André eine Rede, in der er ausführte, daß die Regie⸗ rung„von modernen Idcen erfüllt“ sei und es als ihre Aufgabe erkläre,„die soziale Frage nach wissenschaftlichen Prinzipien zu lösen“. Sie sei erfüllt vom Geiste der Toleranz, und in diesem Sinne habe sie ihn, den Minister, beauftragt, bei der Gedenkfeier dieses Apostels der Toleranz anwesend zu sein. Die Ansprache wurde mit großem Beifall aufgenommen. Ge⸗ redet ist das ja ganz schön. Hoffentlich läßt die französische Regierung auch entsprechende Thaten sehen. Krieg in Südafrika. Ein englischer Erfolg. Der Buren⸗ Kommandant Fronemann ist bei Wynburg etötet worden. Er befand sich im Besitz einer nzahl Schriftstücke von besonderem Interesse. Eine englische Kolonne erbeutete bei Boshop einen Park von 70 Wagen. Die Kriegskosten der Engländer betragen für das eine Vierteljahr von Ende April bis Ende Juli nicht weniger als 640 Mil⸗ lionen Mark! Man muß sich wirklich wun⸗ dern, daß das englische Volk nicht die Regierung, die eine solche wahnsinnige Politik treibt, längst zum Teufel gejagt hat. Zu einer internationalen Protest⸗ kundgebung gegen die südafrikanischen Greuel fordert ein belgisches Sozialistenblatt in Char⸗ leroi auf. Es schlägt vor, sofort einen inter⸗ nationalen Sozialistenkongreß nach Brügge einzuberufen, der Mittel und Wege beraten solle, um den Frieden in Südafrika schleunigst herbeizuführen. Lord Kitchener soll nach Telegrammen englischer Blätter leidend sein. Die jüngsten Auskünfte über den Verlauf der Krankheit melden, dieselbe sei die Folge einer Verwundung; Kitchener müsse gesundheitshalber daher nach England zurückkehren. 5— Die Thätigkeit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. II. Wie aus dem letzten Artikel hervorgeht, sind in den Einnahmen des Reichshaushaltsetats für 1901 810 330850 Mk. an Zöllen und Verbrauchssteuern aufgeführt. Diese Zölle und Verbrauchsabgaben sind indirekte Steuern, die auf die ärmeren Bevölkerungsschichten weit schwerer drücken, wie auf die reicheren. Namentlich, seit 1878 Bismarck die Schutz zoll politik einführte, der sich die Liebesgabenpolitik anschloß, sind diese indirekten Steuern Jahr für Jahr noch weit über das Maß der Bevölkerungszunahme hinaus gestiegen. 1881 betrugen die Nettoeinnahmen 353,8 Millionen Mk., 1901 sind sie mit 810,3 Millionen Mk. veranschlagt, so daß auf den Kopf der Bevölkerung gegen 14,5 Mk. entfallen, was auf eine Familie von durchschnittlich 5 Köpfen jährlich 72¼ Mk. indirekte Steuern ausmacht. Zu den Netto⸗Zolleinnahmen kommen noch 63 Millionen Mark Erhebungskosten und 37 Millionen Mark Ausfuhrprämien für Zucker, zusammen also 100 Millionen Mark, die ebenfalls von den deutschen Konsumenten gezahlt werden müssen. Die Zölle und Verbrauchsabgaben treffen: 1 kKg Brot mit 4 Pfg., 1 kg Fleisch mit 15 Pfg., 1 kg Schmalz mit 10 Pfg., 1 kg Speck mit 20 Pfg., 1 kg Reis mit 4 Pfg., 1 kg Salz mit 12 Pfg., 1 kg Zucker mit 20 Pfg., 1 kg Kaffee mit 40 Pfg., 1 kg Gewürz mit 50 Pfg., 1 1g deutscher Tabak mit 22 Pfg., 1 kg ausländischer Tabak mit 85 Pfg., 1 Cigarre von aus⸗ ländischem Tabak mit 1 Pfg., 1 Hering(je nach Größe mit ½— 1 Pfg., 1 Liter Bier mit 1 Pfg., 1 Liter Branntwein mit 28 Pfg., 1 Liter Petroleum mit 6 Pfg. Unsere Fraktion hat bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, wie in Folge dieser indirekten Besteuerung es hauptsächlich die armen und arbeitenden Massen sind, die die Einnahmen des Reiches zusammenbringen müssen, da sie ja an Kopfzahl die kleine Schar der Wohlhabenden und Reichen um mehr als das Achtfache übersteigen. Wir forderten, daß diese indirekte Besteuerung durch eine direkte abgelöst werde, die um so höher ansteige, je größer Einkommen, Vermögen und Erbschaft betragen. Von einer solchen progressiven direkten Besteuerung wollen aber die Vertreter der besitzendeu Klassen nichts wissen, da sie keine Lust haben, ihren Militär⸗ und Flotten⸗ kultus vorwiegend aus der eigenen Tasche zu bezahlen, sondern vielmehr diese Ausgaben mit Hülfe der indirekten Besteuerung auf die Arbeiter abwälzen wollen. Die Reichsschulden betrugen 1880: 387,5 Mil⸗ lionen Mark, 1890: 1241 Millionen Mark, 1900: 2418,5 Millionen Mark, mithin sind sie in 20 Jahren um mehr als das Sechsfache gestiegen! Die Zinsen der Reichsschuld betragen für 1901 88,8 Millionen Mark; seit 1876 sind mehr als 1000 Millionen Mark Zinsen bezahlt worden! Dem durch die Zuckersteuergesetzgebung hervorgerufenen Zuckerwucher kritisierte die Fraktion energisch. Durch die Verbrauchsabgabe wird jedes Pfund Zucker mit 10 Pfennigen belastet. Dadurch werden 154 Mil⸗ lionen Mark Brutto⸗Einnahmen erzielt, von denen 37 Millionen Mark als Ausfuhrprämien den Zuckerfabrikanten zu Gute kommen. Dazu treten uoch jährlich an 45 Millionen Mark, um die das Zucker⸗ kartell, der Ring der Zuckerfabrikanten, den Zucker⸗ preis erhöht. Im Ganzen sind es gegen 99 Mil⸗ lionen Mark, um die zu Gunsten der Zuckerindustrie⸗ ellen der Zucker dem deutschen Volke verteuert wird und hierzu kommen noch 117¾ Millionen Mark Nettoein⸗ nahme der Zuckersteuer, das macht zusammen 2165/ Millionen Mark. Auf den Kopf der Bevölkerung giebt das eine Belastung von 3 Mk. 87 Pfg. Jedes Pfund Zucker wird durch die Verbrauchsabgabe und den Kartellwucher um 18/ Pfennige verteuert, das ist eine Verteuerung um 130 Prozent des Wertes! Hätten wir nicht einen Einfuhrzoll von 20 Mk. pro Zentner Zucker, so könnte der Zuckerring solche Preis⸗ treibereien nicht ermöglichen! An der Spitze des Zucker⸗ kartells steht der„berühmte“ Vorsitzende des Industrie⸗ ellen⸗ Zentralverbandes nebst verschiedenen gräflichen Agrariern. Der Engländer erhält von der deutschen Fabrik den Zucker um 20 Pfennige billiger als der Deutsche! Die Ausfuhrprämie, die aus den Taschen des deutschen Volkes bezahlt wird, abzuschaffen wie überhaupt die Verbrauchsabgabe für Zucker, das ist die Forderung, die von unserer Fraktion auch diesmal wieder erhoben wurde. Ihre Erfüllung liegt im Interesse der Konsu⸗ menten und der Industrie. Das Branntweinsteuergesetz sollte der an⸗ geblichen Notlage der Brennereibesitzer ein Ende machen; in Wirklichkeit hätte es die ärmere Bevölkerung noch mehr geschröpft als dies schon jetzt durch das bestehende Branntweinsteuergesetz geschieht. Dieses belastet die Branntweintrinker, die ja die Steuern schließlich bezahlen, mit jährlich 128 Millionen Mark, die in die Reichskasse fließen, außerdem aber noch mit der soge⸗ nannten Liebesgabe in Höhe von 43½½ Millionen Mark jährlich, die den Brennereibesitzern zu Gute kommt und zwar derart, daß die größeren Bren⸗ nereien den Hauptanteil erhalten, nämlich etwa 3800 Brennereien an 40 Millionen Mark und die 11300 übrigen Brennereien nur 3 Millionen Mark. Die Liebes⸗ gabe entsteht dadurch, daß der Brenner für jedes Hekto⸗ liter Spiritus, das er innerhalb der ihm durch Gesetz begrenzten(kontingentierten) Produktionsmenge brennt, 20 Mark mehr Steuer vergütet erhält als er Steuer für dasselbe zahlt, beim kontingentierten Spiritus werden 70 Mark Steuer in Anrechnung gebracht, während nur 50 Mark pro Hektoliter gezahlt werden. Im Ganzen ist demnach jeder Hektoliter Spiritus mit 86 Mark be⸗ steuert(70 Mark Verbrauchsabgabe und 16 Mark Maisch⸗ raumsteuer), mithin jeder Liter Branntwein um etwa 28 Pfg., während er bis 1887 nur mit 5 Pfg. belastet war. Da die größeren Brennereien sich zu einem Ring, der Zentrale für Spiritusverwertung, vereinigt haben, welche die Spirituspreise wesentlich in die Höhe trieb, ist die Produktion von Spiritus sehr gestiegen, so daß die Brenner befürchten, das Ueberangebot an Ware werde einen Preisrückgang hervorrufen. Um diesen zu verhindern, haben sie sich einen schlauen Plan aus⸗ gedacht, den das Reichsschatzamt als Gesetzentwurf dem Reichstage vorlegte. Danach sollte eine Strafsteuer für diejenigen Brennereien eingeführt werden, welche mehr als eine festgesetzte Menge Spiritus erzeugen und diese nicht zu Brenn spiritus denaturieren. Dadurch soll die Ueberproduktion auf den Brennspiritus hinge⸗ leitet werden, was einen Preissturz desselben zur Folge hätte und im Interesse der Arbeiter läge. Aber diese sollen die Preisdifferenz dadurch wieder bezahlen, daß der Trinkbranntwein im Preise erhöht wird. Deshalb erhob unser Redner gegen diesen Vorschlag Protest, zumal er sämtliche Brennereien auch zwingt, sich jenem Spiritusring anzuschließen, der schon jetzt drei Viertel der Betriebe umfaßt und die Preise will⸗ kürlich diktiert. Sobald der Ring erst ohne jede Kon⸗ kurrenz die Macht besitzt, wird er die Preise grenzenlos steigern können. Die Kommissionsberatungen über diese Vorschläge hatten begonnen, als der Reichstag durch seinen Senioren⸗ konvent beschloß, sich bald zu vertagen. Da aber das bestehende Brennsteuergesetz am 30. September abläuft, nahm der Seniorenkonvent einstimmig an, es solle ein Notgesetz vorgelegt werden, das das bestehende Gesetz auf ein Jahr verlängert, die Umänderung desselben solle in der kommenden Session zur Beratung gelangen. Die nimmersatten Agrarier, deren Vertreter im Seniorenkonvent zugestimmt hatten, mißbrauchten jedoch ihre Macht in der Kommission und beschlossen, zwar den Verwertungszwang vorläufig fallen zu lassen, die Brennsteuer aber um die Hälfte zu erhöhen. Der Ertrag derselben dient zu Vergütungen für exportierten oder denaturierten Spiritus, kommt also den Brennern selbst wieder zu Gute, muß aber vom Publikum im Branntweinpreise mitgezahlt werden. Der Fraktion gelang es, mittels der Obstruktion diesen Raubzug zu verhindern und den Junkern eine empfindliche Schlappe beizubringen. Das Gewerbegerichtsgesetz, das seit 1890 besteht, weist eine Anzahl Mängel auf, die bereits bei Schaffung dieses Gesetzes von uns hervorgehoben wurden. Unsere Verbesserungsanträge wurden aber damals abge⸗ lehnt. 1895 stellte unsere Fraktion dieselben wiederum, auch das Zentrum kam mit einigen, wenn auch nicht so durchgreifenden Anträgen wie die unserigen es waren. An den Verhandlungen über diese Initiativanträge im Januar 1899 nahm die Regierung gar nicht teil, die Kommissionsvorschläge gelangten im Plenum nicht zur Beratung. Im November 1900 wiederholte unsere Fraktion ihre Anträge, indem sie einen durchgearbeiteten Gesetzentwurf einbrachte, ebenso verfuhr das Zentrum. Vom Januar bis Juni dieses Jahres wurden im Plenum des Reichstags und in einer Kommission die Gesetzent⸗ würfe durchberaten und ohne Verschlechterung des be⸗ stehenden Gesetzes Verbesserungen beschlossen, die zwar bei weitem nicht alle unsere Wünsche erfüllen, uns aber doch ermöglichten, für das Gesetz zu stimmen. Die Diätenlosigkeit der Reichstagsabge⸗ ordneten, durch die Bismarck einst unsere Partei zu schädigen dachte, wird gerade von unseren Gegnern am drückendsten empfunden. Etwa zum zehnten Male stellten diese dah er einen Antrag, Diäten zu gewähren und nach Beratung in einer Kommission beschloß der Reichstag am 8. Mai 1901 eine Bestimmung in die Verfassung aufzunehmen, welche 20 Mk. Anwesenheitsgelder für die Reichstagsmitglieder vorsieht. Der Bundesrat hat den Antrag dem Ausschusse für Verfassungsfragen überwiesen; voraussichtlich wird dieser ihn ablehnen, da„die Kerls keine Diäten kriegen“ sollen! Die Geschichte und die Verhandlung über die 12000 Mark ⸗Affaire bespricht der Bericht sehr eingehend und weist nach, wie das Reichsamt des Innern gewissermaßen unter der Botmäßigkeit des Scharfmacherverbandes steht. Zum Schluß heißt es: Wie der Bericht ergiebt, ist unsere Fraktion stets den Grundsäßen der sozialdemokratischen Partei getreu vorgegangen. Durch die intensteve Beteiligung an den Reichstagsverhaudlungen haben wir unsere Gegner ge⸗ zwungen, bei jeder Gelegenheit Farbe zu bekennen, so daß das Volk zwischen ihren Wahlversprechungen und Thaten zu richten vermag; andererseits haben wir, wo nur unsere Machl ausreichte, Verbesserungen zu Gunsten der Arbeiter erkämpft, Augriffe gegen Wohlergehen und Freiheit des Volkes zurückgewiesen. So ins Einzelne gehend aber auch unsere Thätigkeit war, niemals hat die Fraktion, wie ihr Verhalten in Wort und That beweist, aus dem Auge verloren, daß auf dem Boden der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nichts als Ab⸗ schlagszahlungen für die Arbeiter erlangt werden können und nach wie vor die Hauptaufgabe ist und bleibt: Die Umwandlung des Privateigentums an Produktions⸗ mitteln in gesellschaftliches Eigentum und der kapi⸗ talistischen Warenproduttion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produkti on. Dieses Endziel ist nur durch den Klassenkampf der Arbeiter gegen den Kapitalismus zu erreichen. Parteigenossen in Hessen! Denkt an die bevorstehenden Gemeinde— ratswahlen und trefft die nötigen Vorbereitungen! Seite 4. Milieldentsche Seunlag⸗Zeilung. Nr. Von Uah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Auf die am Sonntag, den 11. August statt⸗ findende — Kreiskonferenz— machen die Genossen im Kreise Gießen noch- mals aufmerksam. Dieselbe beginnt pünkt⸗ lich 1 uhr im Lokale Orbig in Gießen. An die Frauen! „Der Zolltarif ist da!“ Ihr Arbei⸗ terfrauen, habt Ihr begriffen, was die in ihm enthaltenen Zahlen bedeuten? Sie bedeuten eine Verteuerung der wichtigsten Nah⸗ rungsmittel. Brot, Fleisch, Gemüse, Alles soll teurer werden, weil die Großgrundbesttzer schreien, daß sie Not leiden. Sie und ihre Herren Söhne können das flotte Leben, das sie zu führen gewohnt sind, nicht mehr recht fortsetzen. Darum verlangen sie vom arbei⸗ tenden Volk, daß es ihnen von seinem geringen Lohn abgeben soll. Getreide, Fleisch und andere Nahrungsmittel, die vom Auslande eingeführt werden, weil in Deutsch⸗ land nicht genug wächst, sollen mit einem höheren Zoll belegt werden. Das ausländische Getreide soll teurer werden, damit die Großgrundbesitzer auch für ihr Brot⸗ korn, für Fleisch und Gemüse höhere Preise verlangen können. Da die Zollsätze sehr hoch sind, so wird auch die Preissteigerung der wichtigsten Nah⸗ rungsmittel eine große sein. Das Volk kann hungern, wenn nur die Großgrundbesitzer zu Gelde kommen. Schon bei dem heutigen Zoll bezahlt eine fünfköpfige Arbeiterfamilie allein für ihren jährlichen Brotbedarf 35 Mk. indirekte Steuern! Das soll nun Alles noch viel schlim⸗ mer werden. Und nicht nur die Lebensmittel sollen teurer werden, auch der Lohn wird geringer, die Arbeitslosigkeit größer, wenn der neue Zolltarif Gesetz wird. Das Geld, um das der Arbeiter das Brot teurer zahlen muß, muß er an anderen Bedürfnissen einsparen. Er kann nicht mehr so viel für Kleidung, Schuhe usw. ausgeben. Diese Fabriken be⸗ kommen weniger zu thun und müssen Arbeiter entlassen, die dann wieder um jeden Preis Arbeit suchen müssen und so die Löhne drücken werden. „Wie soll das noch werden? Ist die Arbeits⸗ losigkeit noch nicht groß genug? Die Arbeits⸗ verhältnisse werden von Tag zu Tag schlechter! Und die Forderungen der Agrarier werden von Tag zu Tag unverschämter! Arbeiterfrauen! Ihr habt am aller- metsten darunter zu leiden! Ihr sollt mit dem geringen Gelde, das schon heute nicht reicht, Eure Lieben ernähren! Kann es Euch wohl gleichgültig sein, wenn Euren Kleinen das tägliche Brot geschmälert wird, damit die Agrarier ihr üppiges Leben weiter treiben können? Nein! Tausendmal nein! Ihr Frauen müßt Hand in Hand mit Euren Männern donnernden Protest dagegen erheben, das man mit dem täglichen Brote Wucher treibe!!! Fordert Eure Schwestern und Brüder auf, ein⸗ zustimmen in den Ruf: Wir wollen 1 155 täglich Brot behalten! Nieder mit dem Brotwucher! Sießener Angelegenheiten. — Wilhelm Liebknecht. Vergangenen Mittwoch war ein Jahr verflossen, daß uns zunser Alter“ durch den Tod entrissen wurde. Wir gedenken seiner mit Treue und mit Dank⸗ barkeit für das, was er für die Enterbten, für die ganze Menschheit gethan. Wir können diese Dankbarkeit nicht besser bekunden, als indem wir in dieser Zeit schwerer Kämpfe um das Brot der Armen seiner Mahnung folgen: „„Agitieren, organisieren, Schriften ver⸗ breiten,— ohne Unterbrechung die Pavtei stärken und klären, das soll und muß einem Jedem von uns als Pflicht vorschweben, das muß nuser Leitstern sein!“ 0 — Sozialdem. Wahl verein. In der am 3. August stattgefundenen General ver⸗ sammlung erstattete zunächst der Kassterer über das erste Halbjahr 1901 den Kassen⸗ bericht. Danach 1 die Einnahmen inkl. Kassenbestand Mk. 154.09; die Ausgaben Mk. 82.54, so daß ein Kassenbestand von Mk. 71.55 verbleibt. Die Richtigkeit der Ab⸗ rechnung wird von den Revisoren bestätigt. Dann folgt Vorstandswahl, deren Ergebnis die Wiederwahl fast aller bisherigen Vorstands⸗ mitglieder war. Die Genossen Beckmann, Petersen und Holtberg wurden als Vor⸗ sitzender, Kassterer und Schriftführer bestimmt, Diehl und Strobel als Beisitzer. Vor der Wahl der Delegierten zur Kreiskonferenz wurde der vom Landeskomitee ausgearbeitete Organisationsentwurf durchberaten, an dem nur wenig Aussetzungen gemacht wurden. Bezüglich des Lübecker Parteitages wied beschlossen, bet der Konferenz die Beteiligung an demsel ben durch einen Delegierten zu beantragen. Wie gewöhnlich wurden drei Delegierte gewählt und zwar die Genossen Baum, Petersen und Vetters. — Sehr verspätete Berichtigung. Etwa um Ostern herum brachten wir eine Notiz mit der Spitzmarke:„Aufseher⸗Rücksichts⸗ losigkeit“, in der behauptet wurde, daß ein Aufseher im Gail'schen Thonwerke Ar⸗ beitern den nötigen Urlaub zur Teilnahme an einer Beerdigung verweigert. einem mit:„Mehrere Arbeiter“ unterzeichneten, am 3. August im„Gieß. Anz.“ erschienenen„Ein⸗ gesandt“ wird die Richtigkeit der von uns be⸗ haupteten Thatsachen bestritten und gesagt, es wäre zehn Arbeitern der gewünschte Urlaub bewilligt worden, nur drei wären freiwillig auf Wunsch des Aufsehers zurückgeblieben, weil die Arbeit gedrängt habe.— Zunächst bez wei⸗ feln wir, daß das Eingesandt wirklich von Arbeitern ausgeht. Denn die hätten doch auch den Weg zu uns gefunden, wenn sie etwas richtig zu stellen hatten; ste wissen auch, daß ihnen dazu, wie für sonstige Angelegeaheiten von allgemeinem Interesse der Raum unseres Blattes gern zur Verfügung steht. Wir sind sogar für Berichtigung des etwa Unzutreffenden in unserem Blatte sehr dankbar, wir wollen keine Unwahrheiten verbreiten und es ist Pflicht jedes deukenden Arbeiters, mit dafür zu sorgen, daß das nicht geschieht.— Im vorliegenden Falle müssen wir das von uns damals Gesagte vollständig aufrecht halten, solange die betr. Arbeiter sich uns gegenüber nicht namhaft machen und für ihre Behauptungen eintreten. Unser Gewährsmann wird wohl dazu auch noch etwas zu sagen haben. — Das Stiftungsfest der Metall⸗ arbeiter, das am Sonntag auf der Pulver⸗ mühle stattfand, erfreute sich eines außerordent⸗ lich zahlreichen Besuches, und verlief, wie sich das gehört, in durchaus würdiger Weise. 10 Jahre sind seit der Gründung des Metall⸗ arbeiter⸗Verbandes verflossen, die im Jahre 1891 in Frankfurt erfolgte. Seitdem hat sich diese Gewerkschaft zur stärksten Deutschlands entwickelt. Ihre Mitgliederzahl, die bei der Gründung ca. 18000 betrug, stieg in 1900 auf 100 762, in 441 Verwaltungsstellen. Die Einnahmen betrugen im verflossenen Jahre mit dem Vermögenbestand 1578379 Mk., denen 1007775 Mk. Ausgaben gegenüberstehen. Angesichts dieser Entwickelung darf die Or⸗ ganisation wohl mit Befriedigung auf das arbeitsreiche verflossene Jahrzehnt zurückblicken und ein Fest feiern. Auch die Gießener Metallarbeiter haben Anteil an diesen Erfolgen, leider nicht in dem Maaße wie es wünschenswert wäre und bei der großen Zahl der hier be⸗ schäftigten Metallarbeiter sein müßte. Hoffent⸗ lich hat das Fest am Sonntag und besonders die schwungvolle Festrede des Genossen Ehrler aus Mühlhausen der Organtsation wieder neue Kräfte zugeführt. Denn die Werbung solcher ist auch ein Zweck unserer Feste und wahr⸗ scheinlich nicht der geringste!— Viel Heiter⸗ keit erregten Luftballons, deren drei aufsttegen. Auch der„Fallschirmabsturz“ ging programm⸗ mäßig von statten, der waghalsige papierene Aeronaut kam glücklich wieder zur Erde. Gegen Mitternacht ging das Vergnügen zu Ende, das gewiß alle Theilnehmer befriedigt hat. — Kollegen aus Marburg, Lollar und vielen andern Orten der Um⸗ gebung beteiligten fich an dem Feste. — Ueber eine Beleidigungsklage des Brauers Petter gegen den Braumeister Peschina von der Aktienbraueret verhandelte am Dienstag das Schöffengericht. Der Braumeister hatte durch den Kaufmann Georgi in der Wallthorstraße die übrigen Brauereien vor der Einstellung des von ihm entlassenen Petter gewarnt, indem er diesen als Aufhetzer 2c. bezeichnete. Natürlich bekam der Brauer infolgedessen auch keine Arbeit. Durch die Beweisaufnahme konnte nicht festgestellt werden, das Peschina die Worte Aufwiegler und Aehn⸗ liches in Bezug auf den Brauer gebraucht habe, weshalb Abweisung der Klage 1— Daß sich der Georgi dazu gebrauchen läßt, in dieser Weise einen Arbeiter in seinem Erwerb 80 schädigen, gereicht ihm wahrlich nicht zur re — Die Revision des Raubmörders Ermer gegen das Urteil des Gießener Schwur⸗ gerichts, durch welches er im Juni zum Tode und zu 10% Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hat das Reichsgericht verworfen. — Sonntag früh machte der Studiosus Quentell, Sohn des Seminar-⸗Direktor Qu. in Friedberg, im Hause der Burschenschaft „Allemannia“ einen Selbstmordver such, indem er drei Schüsse auf sich a Schwer verletzt wurde er in die Klinik gebracht. Ueber die Gründe der That verlautet nichts Näheres. — Skandalböbs benahm sich ein„Stell⸗ vertreter Gottes“ am Sonntag bei dem Rad⸗ fahrerfest auf dem Schützenhaus einem Kellner gegenüber. Als dieser nämlich kurz vor Schluß des Lokals von dem Unteroffizier die Be⸗ gleichung der Zechschuld verlangte, verweigerte derselbe die Zahlung unter thörichten Redens⸗ arten und wies den Kellner an einen am gleichen Tische sitzenden Herrn. Dieser zahlte auch schließlich. Als der Kellner nun im Begriff war, Geld am Büffet auszuwechseln, überfiel ihn der Unteroffizier, schlug mit einem Glase auf ihn ein und brachte ihm damit eine schwere Verwundung im Gesicht bei. Der Verletzte, ein verheirateter Mann, mußte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Für seine Hunnen⸗ that dürfte dem Menschen— er heißt Zinn und steht bei der 11. Comp.— wohl die ge⸗ bührende Strafe treffen. Wieseck. d. Das Kriegerdenkmal auf dem Friedhofe soll hergerichtet und mit einem schmiedeeisernen Geländer umgeben werden. Die Kosten dafür hat der Gemeinderat schon vor langer Zeit bewilligt. Viele sind der Meinung, daß die Verschönerung des Krieger⸗ denkmals wohl nicht so geeilt hätte, das wäre noch lange ohne Einfassung gut gewesen. Das Geld dafür sollte man zu nützlicheren Dingen verwenden, z. B. wäre die Errichtung eines Badehanses unbedingt notwendig, denn die jetzigen Zustände sind unter aller Kritik. Notwendiger waͤre wohl auch die bean⸗ tragte Anstellung eines 7. Lehrers gewesen, die der Gemeinderat aber abgelehnt hat. Wetzlar. Petitionslisten gegen die Getreide⸗ zölle liegen bei A. Fauth, Sophienstr. 26 II zur Unterzeichnung auf.. th. Zur Arbeitseinstellung schritten am Dienstag sämtliche Gerber der Firma Oskar Dietrich. Sie hatten folgende Forde⸗ rungen gestellt: 1. Entlassung des„Werkführers“ Müller; 2. Einführung der 10 stündigen Arbeits⸗ zeit; 3. Möglichste Beschränkung der Ueber⸗ stunden, Vergütung derselben mit 45 Pfg. pro Stunde.— Diese Forderungen hatten die Ar⸗ beiter am 3. August ihrem Arbeitgeber einge⸗ reicht und um baldige Antwort gebeten. Als sie sich am 6. August nach dem Stande ihrer Angelegenheit erkundigten, erklärte ihnen Herr Dietrich, daß er sich die Sache noch nicht überlegt habe; wem es zu lange dauere, könne Wetzlar, 115 hun Je ge dies fwies Fe Dek He J. 0.4 zenbe Schn slielt! onder Schle gekom 6 e Vualte fluattg poial lcbha ewa! burge demo och Das maß in L Fern Klei Wahl AUlser til faßt . ur b abmörden r Schun zum Tod. verurteilt fen. Studiosuz ktor Ou schenschaf versug Schwe ht. Lehe 5 Näheres in„Stel dem ab m Kellue or Schloß die Be. er weigert u Reden im gleiche ihlte auc m Beglff „ übelft em Glo ne schwel Verletzt, t ärztlich e Hunfel⸗ eißt Zi hl die ge auf del nit eilen werbe erat saol sind gal 5 Kriegel das bal gewese fützlicee Errichll notwelhl ter all Nr. 32. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. gehen. Das faßten die Arbeiter als Ablehnung auf und stellten mit Ausnahme eines einzigen, namens Befort, der vorher ebenfalls die Forderungen unterschrieben hatte, die Arbeit ein. — Die 10 stündige Arbeitszeit wird in allen übrigen Gerbereien zum Teil bei höheren Löhnen innegehalten, nur bei Dietrich wurde 11 Stunden gearbeitet. Ebenso war die Ueberzeitarbeit an der Tagesordnung, in letzter Zeit wurde öfters morgens 3 Uhr begonnen. Der Werkführer hat sich bei den Arbeitern äußerst unbeliebt gemacht; zu seinem Posten hat er sich weniger durch geschäftliche Tüchtigkeit, als vielmehr durch andere, weniger lautere Mittel aufge⸗ schwungen.(Trotzdem hat sich erfahrungsgemäß die Jorderung der Entlassung oder Einstellung eines Arbeiters stets als schwer durchführbar erwiesen.) Ehrenpflicht für jeden Gerber ist es, seine Kollegen in ihrem Kampfe zu unterstützen. — Erkläret mir... Im Berichte der Handwerkskammer, Abteilung Wetzlar, wird u. a. gesagt, der Sekretär der Kammer, Hein⸗ zenberg, habe mehrfach an den Sitzungen der Schneiderin nung teilgenommen. Nun exi⸗ stiert aber in Wetzlar gar keine Schneiderinnung, sondern nur eine Vereinigung selbständiger Schneider und die hat Herrn H. nie zu sehen bekommen. Gemeinderatswahlen in Hessen. Einen glänzenden Sieg für unsere Partei brachten die am Freitag voriger Woche stattgefundenen Wahlen in Isenburg. Alle sozialdemokratischen Kandidaten wurden bei sehr lebhafter Wahlbeteiligung mit großer Mehrheit gewählt. Von 15 Vertretern, die der Isen⸗ burger Gemeinderat zählt, sind sieben Sozial⸗ demokraten; es fehlt unsern Genossen also nur noch eine Stimme an der absoluten Mehrheit. Das erfreuliche Resultat entschädigt einiger⸗ maßen für die Schlappe, die sich unsere Geuossen in Langen durch ihre Lässigkeit zuzogen.— Ferner wurden zwei unserer Genossen in Klein⸗Krotzenburg gewählt. Von 364 Wahlberechtigten stimmten 331 ab. Die von unserer Partei aufgestellte Liste, auf der auch drei Nichtsozialdemokraten standen, ging mit großer Mehrheit durch.— Vollständiger Sieg unserer Genossen wird aus Hausen bei Offen⸗ bach gemeldet. Unsere drei Kandidaten er⸗ hielten 170, 105 und 94 Stimmen, zwei Gegner brachten es nur auf 78 und 85 Stimmen. Ebenso siegten wir in Dietes⸗ heim. Dort fielen auf unsere drei Kandidaten 172, 162 und 155 Stimmen; die Gegner er⸗ hielten nur ca. 100.— In Großger au unterlag unsere Liste. Zwei Zugentgleisungen. Am Montag früh entgleiste bei der Station Oberrad der Lokalzug Offenbach⸗Sachsenhausen. Ein Personenwagen wurde dabei völlig umge⸗ stürzt, daß die Räder nach oben standen. Leider ist auch ein Menschenleben zu beklagen. Der Schaffner Jeckel starb an den erhaltenen Verletzungen nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Außerdem sind mehrere Per⸗ sonen, wenn auch nicht schwer, verletzt. Schuld an dem Unfall soll falsche Weichenstellung sein; der Weichensteller Diehl wurde verhaftet— Eine Unglücks bahn scheint die neueröffnete Strecke Friedberg⸗Hom burg zu sein. Am Sonn⸗ tag Abend sprang schon wieder ein Packwagen aus dem Geleise, das dadurch längere Zeit gesperrt war. Wir haben schon neulich auf das mangelhafte Material hingewiesen, das beim Bau dieser Strecke verwandt wurde. Ein ehrlicher Demokrat. Vorigen Freitag verstarb in Frankfurt der frühere Redakteur der„Kleinen Presse“ Franz Schreiber. Der Verstorbene war ein sehr begabter Journalist, der bedeutende sozialpolitische Kenntnisse besaß und vor allem es mit seiner Demokratie ehrlich meinte. Des⸗ halb stand er denn auch auf dem linken Flügel der süddeutschen Volkspartei, neigte mehr den wirtschaftlichen Anschauungen unserer Partet zu. „Es ist sehr zu bedauern“, schreibt unser Frank⸗ furter Parteiorgan,„daß dieser hochbegabte Mann nicht die Kraft gewann, konsequent zu handeln und sich ganz in den Dienst der Sache zu stellen, zu der ihn seine Neigung zog. Statt dessen ließ er sich in früheren Jahren mitunter zu dem Gegenteil hinreißen, und wir selbst hatten mit ihm seiner Zeit recht unliebsame Polemiken auszufechten. Indessen während der letzten Zeit war dies nicht mehr der Fall; und so wollen denn auch wir nicht länger mit dem toten Helden der Feder hadern, sondern ihm gerne die gebührende Ehre zollen.“ Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 8. August 1901. — Parteiversammlung. Am Samstag, den 17. d. Mts., abends 9 Uhr, findet im Lokale von D. Jesberg hier eine öffentliche Parteiversammlung statt, in welcher außer der Abrechnung der Kolportagekommisston und Neu⸗ wahl der Revisoren Stellung zu den in letzter Zeit die Gemüter beschäftigenden kommunalen Angelegenheiten genommen werden soll. Das Referat hierzu hat ein mit diesen Sachen ver⸗ trauter hiesiger Parteigenosse übernommen, der seiner Aufgabe vollkommen gewachsen ist. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist es Pflicht aller Parteigenossen, speziell aber der Kommunal- Wahlberechtigten, in dieser Ver⸗ sammlung zu erscheinen und dadurch zu zeigen, daß sie nicht nur für die allgemeinen großen Ziele unserer Partei ein Interesse haben, sondern auch für die Aufgaben, die uns auf dem kommunalen Gebiete erwarten, wenn wir die Lage der besitzlosen Klassen verbessern wollen. — Eine Stadtverordnetensitzung findet am Donnerstag, den 8. d. Mts. im Rathause statt. In derselben wird u. a. über den Erlaß einer Polizeiordnung betr. Reinigung der Schornsteine, sowie eines Statuts betr. die Erhebung von direkten Gemeindesteuern und die Abfuhr der Fäkalstoffe Beschluß gefaßt werden. — Akademisches. Endlich ist für die Bewohner unserer schönen Universitätsstadt etwas mehr nächtliche Ruhe eingetreten, indem die Studenten ihre Sommerferien angetreten haben. Zum Schluß des Semesters fanden noch zum allgemeinen Gaudium, speziell der Straßenjugend, einige ulkhafte Studentenaufzüge statt, indem verschiedene Commilitonen wegen Duell⸗ u. dgl. Affären zum Carcer geleitet oder von dort abgeholt wurden.— Unsere Polizisten und Nachtwächter dürften sich aber wohl am meisten der nun eingetretenen Ruhe freuen. R. Einen Arbeits nachweis haben die Holzarbeiter errichtet. Derselbe befindet sich bei C. Müller, Hirschherg 12.— Kleine Mitteilungen. ** In Lich wurde am vorigen Sonntag eine Ausstellung von Schülerarbeiten der gewerblichen Lehranstalten in Oberhessen er⸗ öffnet, die bis zum 18. Aug. dauern soll. Ausgestellt sind Zeichnungen und Modelle der Gewerbeschulen zu Gießen, Friedberg, Alsfeld und Büdingen ꝛc. Die Webschule zu Lauter⸗ bach ist mit Weberarbeiten und Zeichnungen, sowie mit dem Lehrmaterial vertreten. * Wegen Kindesmord sind in Flen⸗ sungen 2 Frauen, Muttter und Großmutter des ermordeten Kindes, verhaftet worden. Sie haben die That eingestanden. * In selbstmörderischer Absicht sprang am Mittwoch voriger Woche in Alsfeld ein Mann aus dem Fenster seiner im 3. Stock belegenen Wohnung. Die Verletzungen sind ziemlich schwer; vorher hatte er die Pulsadern zu öffnen versucht. * In Oberrad bei Frankfurt brannte die Schuhfabrik von Strauß u. Ko. in der Nacht zum Mittwoch vollständig aus. Maschinen, Vorräte ꝛc. wurden vernichtet. * In Kassel⸗-⸗Wehlheiden vernichtete ein Großfeuer die Schreinerei Hch. Spohr Ein 13 jähriger Junge rettete dabei sein erst wenig Monat altes Schwesterchen vom Flammentode. * Gegen den Baron Stietenkron wurde am Donnerstag vor dem Kriegsgericht in Niederweiler bei Saarburg wegen Er⸗ schießung des Italieners Fossi verhandelt. Freitag dauerten die Verhandlungen noch fort. * Zum Krosigk⸗Proze ß. Die Revisionsverhandlung gegen die der Ermordung des Rittmeisters Krosigk ange⸗ schuldigten Unteroffiziere Marten und Hickel soll am 15.—20. August in Gumbinnen stattfinden. Versammlungskalender. Samstag, den 10. August. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 12. August. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Samstag, den 10. August. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Mit⸗ glieder⸗Versammlung bei Müller, Hirschberg 12.— Metallarbeiter. Mitglieder⸗Versammlung bei Jesberg, Wehrdaerweg.— Buchdrucker-Be⸗ zirks verein. Bezirks⸗Versammlung bei Jesberg. Samstag, den 17. August. Wieseck. Arbeiter⸗ Bildungsverein. 9 Uhr Versammlung bei G. Schneider. Briefkasten. Langsdorf. Nächste Nummer. Im Uebrigen seid doch froh, daß Ihr so einen berühmten Bürgermeister habt!— Brgr.⸗Gießen. Diese Erzählung wurde in der„M. S.⸗Ztg.“ vor Jahren schon veröffentlicht. Gute, für unsere Genossen passende Romane sind nicht leicht zu finden. Ihren Wunsch, gute Volkslieder abzu⸗ drucken, weil deren Text vielfach nicht bekannt sei, haben wir berücksichtigt. 2———— Aus dem Gießener Standesamts register. Geborene. 27. Juli: Dem Wirt Wilhelm Dreher e. S. 28. Dem Stationsgehülfen Philipp Göbel e. S: 30. Dem Eisenbahnbetriebsingenieur Oskar Klose e. S. 31. Dem Taglöhner Friedrich Menz e. S. 1. August. Dem Kaufmann Wilhelm Textor e. T. Dem Bahn⸗ werkstättearbeiter Franz Henn e. S. Dem Kaufmann Rudolf Bohn e. T. Dem Schreiner Johannes Pitz e. T. 2. Dem Kaufmann Samuel Elsoffer e. S. 3. Dem Maschinisten Wilhelm Semmler e. S. 4. Dem Schuh⸗ macher Heinrich Stoll e. S. Dem Vizefeldwebel Hein⸗ rich Ewald e. S. 7. Dem Lehrer Otto Görlach e. T. Gestorbene. 1. August: Frieda Fourier, 5 Mo⸗ nate alt. 2. Julius Schadt, 3 Monate alt. Johannes Fischer, 43 Jahre alt. 4. Wilhelm Schmincke, 5 Mo⸗ nate alt. Katharine Wiesmüller, 7 Monate alt. 5. Otto Schädlich, 2 Jahre alt. Ludwig Schmidt, 5 Monate alt. 8. Margarethe Meier, 6 Monate alt. Arbeiterbewegung. 1 In Nordhausen dauert der Tabak⸗ arbeiterstreik noch fort. Die Arbeiter werden ersucht, nur Kautabak der Firmen: Grimm& Triepel, Hendeß& Schu⸗ mann, Walter& Sevin, Altenstädt & Bachrodt, Steinhard& Hellmund zu konsumieren. + Der amerikanische Stahlarbeiter⸗ streik hat sich noch weiter ausgedehnt und dauert fort. T Zum Generalstreik der Glasar⸗ beiter. In einem flammenden Aufruf an die gesamte Arbeiterschaft des In⸗ und Aus⸗ landes legt der Vorstand des Zentralverbandes der Glasarbeiter Deutschlands die Ursachen dar, die zum Generalausstand der Flaschenarbeiter führten. Seit dem 1. August 1900 sind 180 Glasarbeiter in Schauenstein ausständig, seit dem 1. März 1901 540 Glasarbeiter des Glaskönigs Heye in Nienburg. Die Arbeiter kämpfen um ihr Vereinigungsrecht. Um den im Kampfe gegen den übermächtigen Fabrikau⸗ tenring fast verblutenden Arbeitsbrüdern zu Hilfe zu kommen, beschlossen die Flaschenarbeiter fast einstimmig, die Arbeit niederzulegen. Am 27. Juli sind 4700 Flaschenarbeiter in den Ausstand eingetreten. Die Arbeiter werden ihre Arbeitsbrüder nicht im Stich lassen!— Briefe sind zu richten an Gustav Hamann, Berlin S80., Lausttzerstr. 26, I. 1 Ueber 300 Mannheimer Bäcker⸗ gehilfen sind am Montag in Ausstand getreten. Abends Seine 6. Nr. Die Hauptforderungen sind: Kost und Logis außer dem Hause, Minimallohn 20 Mk. per Woche. In der Versammlung welche den Streik beschloß, traten mehrere Gehilfen auf, die ekelerregende Mißst ände in dortigen Bäckereien unter Namensnennung der Meister aufdeckten. Einige der Gehilfen, die schon in vielen anderen Großstädten gearbeitet, erklärten, die Mannheimer Bäckereien ständen in Bezug auf Reinlichkeit an letzter Stelle. Eine schärfere und amtliche Kontrole sei dringend notwendig. Sozialdemokraten Hessens! Die diesjährige Laondeskonferenz findet auf Beschluß des Landeskomitees am Sonntag, den 1. September 1901, Vorm. 10 Uhr in Offenbach in den Räumen des Saalbaues(Austr. 26) statt. Die vorläufige Tagesordnung lautet: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. Referent: Genosse Ulrich⸗Offenbach. 2. Rechnungs⸗Ablage. Referent: Genosse Orb- Offenbach. 3. Der bevorstehende Parteitag in Lübeck. Referent: Genosse Rau⸗ Mühlheim. 4. Die bevorstehenden Landtagswahlen und der Wahl⸗ gesetz⸗Entwurf. Referent: Genosse Cramer⸗Darmstadt. 5. Die Landesorganisation, bezw. der Entwurf für die⸗ selbe. Referent: Genosse Dr. David⸗Mombach. 6. Das Gemeinde⸗Programm. Referent: Genosse Berthold-Darmstadt. 7. Einlaufende Anträge. 8. Wahl des Landes⸗Komitees. Parteigenossen! Die Wichtigkeit der Tages⸗ ordnung macht eine zahlreiche Beschickung der Konfe⸗ renz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Dele⸗ gierte gewählt werden. Diskutiert die Tages⸗ ordnung und sendet etwaige Anträge rechtzeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komitee und werden vom Genossen Ulrich bezogen. Offenbach, 13. Juli 1901. Das Landes⸗ Komitee: C. Ulrich, Gr. Marktstr. 25. J. Orb, Geleitsstr. 14. —. Quittungen. Fy.⸗Gbtch. 240 Mk. Zm.⸗Ndh. 5.— Mk. Jz.⸗ Och. 5.55 Mk. Sgfr.⸗Abck. 8.— Mk. Bsr.⸗Rdgn. 3.— Mk. Schwd.⸗Ggn. 5.— Mk. Stck.⸗G. 3.40 Mk. Wklr.⸗Rdhm. 14.40 Mk. Kft.⸗Wsmr. 7.20 Mk. Kl.⸗ Rdgn. 8.80 Mk. Sg. ⸗Hst. 5.60 Mk. Wtr.⸗Ww.⸗Lbch. 2.— Mk. Mth.⸗Gbch. 10.10 Mk. Schfr.⸗Gbch. 4.20 Mk. Pths.⸗Lllr. 4.80 Mk. Kch.⸗Kfdf. 7.— Mk. Dthfr.⸗ Ogst. 3.60 Mk. Rinn⸗Hchhm. 26.40 Mk. Gge.⸗Hdbgn. 7.40 Mk. Hddch.⸗Kzbch. 4.60 Mk. Kbch.⸗Wek. 32.80 Mk. Bbr.⸗Rogn. 1.20 Mk. Fth.⸗Wtzlr. 29.— Mk. Bgr.⸗ Dlbg. 3.60 Mk. Hchstdt.⸗Ka. 9.60 Mk. Ggr.⸗Mbg. 28.80 Mk. Schb.⸗Hsn. 8.40 Mk. Lth.⸗The. 2.20 Mk. Rtr.⸗G. 2.40 Mk. Schdt.⸗Stbg. 15.— Mk. Ccht.⸗Gbg. 5.80 Mk. Mhl.⸗G. 25.25 Mk. Rg.⸗Ltbch. 24.— Mk. Hp.⸗Bdhm. 4.80 Mk. Fy ⸗Gbtch. 2.60 Mk. Vlpl.⸗Lllr. 24.80 Mk. Wbr.⸗G. 1.40 Mk. Zm.⸗Ndh. 4.— Mk. Sgfr.⸗Abck. 7.80 Mk. Bsr.⸗Roͤgn. 2.— Mk. Pf.⸗Odh. 2.— Ml. Wtzl.⸗Wtzh. 4.20 Mk. Wtr.⸗Lbch. 6.40 Mk. Wtr.⸗Wwe.⸗Lbch. 2.— Mk. Mhl.⸗B. 3.— Mk, Kch.⸗ Kfd. 35.— Mk. Dthfr.⸗Igst. 3.60 Mk. Schwd.⸗Ggn. 4.70 Mk. Gge.⸗Hoͤbgn. 7.40 Mk. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 8. August: Butter per Pfd. Mk. 1.10— 1.25, Hühnereier 1 St. 6— 7 Pfg., Enteneier 1 St. 7— 8 Pfg. Gänseeier per St. 11— 12 Pfg., Käse 1 St. 5— 8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 9.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00— 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.80— 1.40, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20. Gänse per Pfd. Mk. 00.0— 0.00. Fleis ch p reise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 dis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg., Hammelfleisch 50— 70 Pfg. »Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. b Anterhaltungs-Ceil. —— 2 Ceieht Gepäck. Ich bin ein freier Mann und singe Mich wohl in keine Fürstengruft, Und Alles, was ich mir erringe, Ist frische freie Nimmelsluft. Ich Habe keine stolze Veste, Von der man Länder übersieht, Ich wohn' ein Vogel nur im Veste, Mein ganzer Reichtum ist mein Lied. Ich dürfte nur wie And're wollen, Und wär nicht leer davon geeilt, Wenn jährlich man im Staat die Rollen Den treuen Knechten ausgeteilt. Doch ich, ich hab' nie zugegriffen, So oft man mich herbei beschied; Ich habe fort und fort gepfiffen, Mein ganzer Reichtum ist mein Lied. Der Lord zapft Gold aus seiner Tonne, Ich aus der meinen höchstens Wein, Mein einzig Gold die Morgensonne, Mein Silber all der Mondenschein! Färbt sich mein Leben herbstlich gelber, Kein Erbe, der zum Tod mir riet, Denn meine Münze prägt' ich selber, Mein ganzer Reichtum ist mein Lied. Herwegh. Im RNausch. Aus dem Französischen. Lange hatte Frau Hubard in ihren Sohn hineingeredet, er möge doch den Vater aus dem Wirtshause holen; jedenfalls habe er sich wieder festgesessen und bringe einen Rausch heim. Endlich gab André nach. Es war eine unfreundliche Nacht und empfindlich kalt. André zog die Mütze tief über Stirn und Ohren und klappte den Kragen seines Mantels ganz hoch, während er die Enden des Halstuches vor den Mund hielt. Als er durch eine kleine Seitengasse ging, um den Weg abzukürzen, hörte er an der Ecke der Haupt⸗ straße lautes Lärmen und Streiten, das aus einer Kneipe drang. Plötzlich wurde die Thür der Kneipe aufgerissen und in dem hellen Licht⸗ schein, der auf die Straße fiel, erkannte André seinen Vater. Er schlug sich mit anderen Betrunkenen herum und wurde endlich hinaus⸗ geworfen. André lief dem Vater nach, der hastig 11 ging.„Halt' doch Bleib stehen!“ rief er.„ Hubard, in seinem Rausch, glaubte sich von einer seiner Kneipgenossen verfolgt. „Was? Du willst mir zu Leibe“, rief er mit heiserer Stimme. h ile Weiter kam André in seinem Zuruf nicht, denn der Vater hatte sich jählings umgewendet und, ohne seinen Gegner im Dunkel zu erkennen, mit voller Wucht einen Stockschlag auf den Kopf des vermeintlichen Verfolgers geführt. Der stürzte denn auch wie eine schwere Masse auf das Trottoir und Hubard, plötzlich ernüchtert, machte sich rasch davon. Einen Augenblick lief er aufs Geratewohl vorwärts; als er außer Atem war, hielt er an und suchte sich zu orientieren. Er mußte durch verschiedene kleine Querstraßen gelaufen sein, denn er befand sich in der Ceresstraße, einer der Hauptstraßen. Sein Renkontre hatte ihn etwas ernüchtert; er war mit sich unzufrieden und sprach laut für sich: Ich habe vielleicht ein bischen rasch zuge⸗ schlagen, aber warum wollte er mich festhalten? .. Ich mußte mich doch wehren Schad't nichts, ich habe doch zu stark geschlagen Ach was! Der Kopf wird ihm ein bischen brummen, weiter nichts. ....„„ Rasch nach Haus, Mutter wird schon böse sein.“ Er kehrte heim und stellte seinen Stock in eine Ecke. Frau Hubard la ihm bittere Vorwürfe. 2 „Wo kannst Du Dich nur um solche 806 0 noch herumtreiben“, sagte sie. schon zu Bett und macht „Wenn Du darnach gefragt wirst, so sag 5 nur, Du weißt es nicht,“ antwortete der Tischler. „Immer muß man dich erst holen. WW ist denn André? Ich habe ihn nach dem Café Austerlitz geschickt.“ „Wie oft habe ich Dir schon gesagt, daß 90 ich nicht geholt sein will!. das noch mal thust, bleibe ich einfach weg.“ Der Tischler fing an, sich auszuziehen, behielt „Wenn De jedoch die Beinkleider noch an; allmählich wurde Del 0 er nüchtern. „Wo nur André weilt?“ sagte die Mutter, „wenn ihm was passirt wäre?“ „Was soll ihm denn passiren?“ antwortete der Tischler und zuckte die Achseln.„Ihr Frauen habt immer Angst!“ ** * Hubard hatte sich eine Pfeife angezündet, um den Sohn zu erwarten. Die Uhr schlug Zwei. Nun wurde er unruhig. Plötzlich klopfte es an der Ladenthüre. Hubard lief rasch hin, weil er glaubte Andre sei es. „Wer ist da?“ fragte er. 7 der Polizei⸗Wachtmeister, machen Sie au 17 an sein Abenteuer. Der dumme Schlag! Wahr⸗ scheinlich wollte man ihn verhören, vielleicht gar festnehmen. Für einen ehrsamen Hand⸗ werker und Familienvater wahrhaftig nicht sehr ehrenvoll, sich mit Strolchen auf der Sraße zu prügeln... So sah er denn ziemlich betreten aus, als er dem Beamten die Thür, die auf den Gang führte, öffnete. i „Herr Hubard,“ sagte der Wachtmeister, der den Tischler kannte, mit gedämpfter Stimme, „ich möchte Sie gern allein sprechen. Kann Ihre Frau uns von hier aus hören?“ „Nein, sie liegt im Bett.„ich weiß schon.. Sie kommen wegen.. „Hubard,“ meinte der Beamte und griff nach des Mannes Hand,„seien Sie mal recht mutig, ich bringe Ihnen eine böse Nachricht.“ Der Tischler wurde vor Schreck blaß. „Ich bin absichtlich als erster gekommen, um Sie vorzubereiten,“ fing der Beamte wieder an; e ist Ihrem Sohn ist was zuge⸗ stoßen.“ „Meinem Sohn! Herr Gott... Frau Hubard hatte den Ruf gehört, not⸗ dürftig bekleidet, kam sie herbeigestürzt. l 1 Andrée.. ist ein Unglück passirt?“ jammerte sie.— „Er ist überfallen worden.“ Der Tischler streifte zornbebend, wie zum Kampf, die Hemdärmel in die Höhe. „Stern und Hagel!“ rief er und schlug mit der Faust auf eine Holzbank.„Ueberfallen— den schwächlichen Jungen! Das muß ja ein Tier, aber kein Mensch sein. Wie kann man so ein Kind angreifen!“ f a „Ruhig, Hubard— sie 1 ihn schon. „Herr Wachtmeister, sagen s 5 heit,“ jammerte die Mutter,„ist es sehr schlimm? Der Mann zog Hubard bei Seite. g „Hubard, Sie sind doch ein Manu! Beweisen Sie es jetzt; es ist sehr, sehr schlimm, aber ich verspreche Ihnen, daß wir den Thäter schon finden werden.“ „Ja wohl, Herr Wachtmeister.“ „Weit soll der feige Mörder nicht kommen!“ „Mörder?“ schrie der Tischler,„man hat Der Polizei⸗Wachtmeister? Hubard dachte eien 0 Fullic Summe nicht ge Mit Wersteck Ein bedeckte Di Un den Machfe war b Hu Eß 9 15 105 l ze I Nel nt! hie n 2 t 1 ie die Wahr⸗ mein Kind— ermordet!? Heiliger Gott!! Er rang nach Luft, während seine Frau in die Knie gesunken war und das Gesict schluchzend in den Händen barg. „Freund, Freund, geben Sie sich nicht so der Verzweiflung hin“, suchte der Beamte zu trösten.„Es ist ein fürchterliches Unglück.. Er hat allem Anscheine nach einen Stockschlag bekommen Bei den Worten wurde der Tischler leichen, blaß. Ein entsetzlicher Gedanke tauchte in ihm auf. Angstvoll stotterte er:„Sie glan — 5 1 1 0 0 Au. n und nut irst, sy 0 1 holen. z. dem 0 gesagt, Wenn 9. 0 W a en, he 00 lic 1 die Nut antworte eln. N angezünde r gal lich lich aubte Andy machen E ward dach flag! Wah. n, bielleic men Hanh ig nicht se r Straße lich betrett hür, die au tmeister, d. ter Stimm chen. Kun 1“ ö ich wel 15 1d griff na recht mul ht.“ blaß. e gekome eamte wiede st waß zug 1 gehöt, 10 i, ein Uugl ld, wir dl . Vater 0 g 1 Nr. 32. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. au.. üben, daß er mit einem St. 4 R „Jedenfalls,“ sagte der Wachtmeister.„Wir nden den Knaben besinnungslos auf der gtraße liegen. Ich richtete ihn vorsichtig auf; schlug die Augen auf und auf meine Frage: Wer hat Sie geschlagen?“ flüsterte er wie sschrocken:„Ich weiß nicht“, und dann sank in Ohnmacht.“ „Und?“ sagte die Mutter. „Und gleich darauf war er tot! Aber der lerbrecher soll seiner Strafe nicht entgehen! die Unthat ist in der Rue,(spr. rü= Straße) batelin geschehen.“ Der Tischler schien wie vom Schlag gerührt; lter Schweiß bedeckte sein Gesicht, die Augen nollen ihm fast aus den Höhlen heraus, er potterte einige unzusammenhängende Worte und wäre haltlos vornüber gestürzt, wenn der beamte ihn nicht aufgefangen hätte. * Im selben Augenblick erschienen Leute, die uf einer Trage den toten Knaben brachten. Die Mutter stürzte sich auf den Toten, nd beim Anblick der klaffenden Schädelwunde shrie sie auf. Während man das arme Weib ortzuführen suchte, hatte sich der Tischler hinter nen Haufen Bretter geflüchtet; bis zur Un⸗ knntlichkeit verändert, rief er mit jammernder Stimme unausgesetzt: „Ich hab's ja nicht gewollt! Ich hab's ja konnte man ihn aus seinem licht gewollt!“ Mit Mühe nur Bersteck hervorholen. Er war tobsüchtigg Ein zahlreiches Geleite folgte dem von Blumen bedeckten Sarge Andrés. Die ganze Polizeimacht war aufgeboten, um den Verbrecher zu entdecken, die genauesten Nachforschungen wurden angestellt.. Alles par vergeblich! Hubard's Wahnsinn war unheilbar Eßbare und giftige Schwämme. Regeln für Schwämmesucher und Pilzesser. 1. Man sammle nur junge und frische Pilze, denn alte können, wenn sie sich schon u zersetzen beginnen oder durch langes Stehen im Regen wässerig geworden sind, auch bei den sonst eßbaren Arten schädlich werden. Auch hüte man sich vor Uebermaß in der Pilzkost. 2. Man meide die lichten Blätterpilze, die mit knollenförmig verdicktem Stiele aus einer häutigen Scheide emporwachsen und unterhalb des Hutes am Stiele einen nach abwärts ge⸗ richteten Ring haben, denn es sind die gefäh. lichen Wulstblätterpilze darunter, von denen der gefürchtete Schierlings pilz oder Knollen⸗ blätterschwamm mit dem Champignon oft ver⸗ wechselt wurde, aber nicht wie dieser rosafarbige, sondern weiße Blätter, und nicht einen vollen, unten freien, sondern einen hohlen, unten mit einer Wulstscheibe versehenen Stiel hat. 3. Von den gelben Blätterpilzen ohne Ring ist nur der Eierschwamm mitt rein dotter⸗ gelber Farbe und fettigem Glanze des wellen⸗ förmig gebogenen Hutes und am Stiele herab⸗ laufenden Blättern genießbar; von den gelben bis braunen, in Büscheln aus modernden Baum⸗ stämmen hervorwachsenden Pilzen nur der honig⸗ gelbe Hallimasch mit glattem, nicht ge⸗ schupptem Stiele und weißlichen Blättern und das Stockschwämmchen mit gegen den Rand dunkler werdendem zimmtbraunen Hute. Schäd⸗ lich ist der ockergelbe Schwefelkopf mit grün⸗ lichen Blättern, gebogenem ringlosen Stiele und blaßgelbem Fleische. 4. Gefahren birgt auch der rote, weißgefleckte, weißstielige und weißfleischige Fliegenpilz, dagegen ist der gleichfalls rote, weißgefleckte, aber gelbstielige und gelbfleischige Kaiserschwamm wohlschmeckend und ungefährlich. 5. Im Uebrigen hüte man sich vor allen roten, blauen und grünen Blätterschwämmen ohne Scheide und Ring, denn es sind die ge⸗ fährlichen Täublinge, wie der berüchtigte Brechtäubling, darunter. Alle Bärentatzen mit verschiedenfarbigem, karfiol⸗ oder korallen⸗ förmig verzweigtem Fruchtkörper kann man dagegen essen. Ebenso die Stachelpilze, wie den gelben Stoppelschwamm und den Habichtschwamm. 6. Von den Milchschwämmen, die beim Zerbrechen Milchsaft absondern, ist nur der Brätling mit weißer Milch und der Reizker mit orangeroter Milch genießbar; ungenießbar sind dagegen alle Milchschwämme mit rotbrau⸗ nem und wässerigem, wenn auch weißlichem Safte, denn es ist unter ihnen der gefährliche Birkenreizker mit weißen Zotten am Hutrande. 7. Gefährlich sind auch die Röhrenpilze, deren Fleisch im Bruche die Farbe verändert und blau anläuft, wie der Satanspilz. Der Steinpilz, Herrenpilz oder Pilzling mit weißem, farbenbeständigen Fleische zählen dagegen zu den besten. 8. Von den Schlauchpil zen sind die unterirdischen, auf dem Anschnitte marmorierten Trüffel von der schädlichen falschen Trüffel (Scleroderma) zu unterscheiden, die oberirdisch wächst, eine dicke, weiße Haut und ein hartes, blauschwarzes, nicht marmoriertes Fleisch hat. 9. Die Morchel mit regelmäßig grubigem, stumpfem, dunklem Hute ist genießbar; die be⸗ denkliche Spitzmorchel mit unregelmäßig faltigem Hute ist aber zu meiden. 10. Im Allgemeinen gilt, daß man alle Schwämme zurückweisen soll, die nicht ganz, sondern nur in Stücken gebracht werden, und von getrockneten Schwämmen alle, die man nicht selbst im frischen Zustande vollständig vor sich gehabt und als eßbar erkannt hat. Humoristisches. Ausrede. Richter:„Machen Sie nur tei. Ausflüchte; der Polizist traf Sie doch dabei, wie Si gerade dem Zeugen, der betrunken auf einer Bank lag“ die Stiefel auszogen!“ Angeklagter:„Stimmt; ich hörte ihn nämlich so furchtbar seufzen, und da dachte ich, die Stiefel drücken ihn halt!“ Heldenmäre. Es fuhr ein Recke wohl über das Meer, Nach Abenteuern stand sein Begehr. Er war so tapfer, er war so wild, Des kühnen Etzel ein Ebenbild, Doch wie er trompetet in alle Welt, Kein Abenteuer erlebt der Held. Was hilft der Mantel, der nicht gerollt? Was hilft ein Recke, der bloß gewollt? (Simplicissimus.) Die notleidende Landwirtschaft. Vater: „Du wurdest gestern dabei gesehen, wie Du mit der Magd in den Roggen gingst?“— Der junge Baron: „Ja, Papa, es ist ein Jammer, wie miserabel niedrig das Getreide steht.“ r e Beschwerden über den Inhalt der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ ersuchen wir unsere Ge⸗ nossen direkt an die Redaktion, Kirchen⸗ platz 11 zu richten; wegen mangelhafter Zustellung wende man sich an die f Expedition, Sonnenstraße 25. 822... 2 Giessens grösstes —— 2 .— Schuhlager. Reich haltigste Auswahl in braunen Herren-, Damen⸗, Mädchen- und Kinderschuhen zu allerbilligsten und billigstes und Stiefeln aber festen Preisen. 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Ver antw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen. 00 her di Au d 9 leit E nach! aft. U Sonn 0 g 0 Mon