—— 2 S r ỹ ASA r 78 * 2 2 — — Nr. 49. Gießen, Sonntag, den 8. Dezember 1901. 8. Jahrg. 755 Redaktion: Medaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Mitteldeuts che * n e N n Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens An die Parteigenossen Hessens. Sowohl der Landes⸗Kalender als auch das einheitliche Mitgliedsbuch der Landes⸗ organisation kommen in den nächsten Tagen zur Versendung. Wir ersuchen deshalb um als baldige Bestellung seitens der Kreise. Wenn nichts anderes bestimmt wird, gehen die Kalender an die früheren Adressen ab. Das Laudes⸗Komitee. C. Ulrich, J. Orb, Gr. Marktstr. 25. Geleitsstr. 12. Der Kampf um den Zolltarif hat am Montag im Reichstage begonnen. Da die Zollfrage schon seit Jahresfrist zur öffentlichen Erörterung steht und in Tausenden von Versammlungen und Zeitungsartikeln von allen Seiten behandelt wurde, konnte kaum ein Redner etwas Neues vorbringen. Der Reichskanzler, Herr v. Bülow, eröffnere mit einer kurzen Begründung der Vorlage die Debatte. Er versuchte sich weiter in dem Kunststück, die habgierigen Junker zu⸗ friedenzustellen, und dabei die Interessen der konsumierenden Masse des Volkes scheinbar zu vertreten. a Ausführlicher, aber mit gleich geringem Erfolge ist das ja schon in der Begründung der Vorlage versucht worden, von der wir in letzter Nummer einige Proben gegeben haben. Was vor sieben Jahren als eine rettende That epriesen wurde, stellt jene Begründung als schädlich für unser Volk hin; dagegen gilt jetzt der einst verurteilte Brotwucher als Ausfluß höchster staatsmännischer Weisheit. Sagt die Begründung an der einen Stelle, daß„bei der Mehrzahl der land wirtschaftlichenZollerhöhungen schwerwiegende Nachteile für die Verbraucher nicht zu befürchten“ seien, so rät sie ein paar Sätze weiter zur größten Vorsicht, damit nicht die Volksernährung erschwert werde. Liegt die letztere Möglichkeit vor, so ist doch die vorher ausgesprochene Behauptung hinfällig. Noch deutlicher drückt sich der Begründer aus, indem er sagt:„Seit der Aufhebung des Iden⸗ titätsnachweises sind die Inlandspreise für Weizen und Roggen annähernd um den Betrag des Eingangszolles höher als die Weltmarktspreise.“ Nun also, und dieser höhere Preis wird aber nicht von den Bäckern und Metzgern getragen, wie man uns glauben machen will, sondern einfach von den Ver⸗ brauchern. Daß dies der Fall, wird schließlich auch noch zugegeben, die verbrauchende Bevölke⸗ rung müßte aber die Lasten geduldig tragen, „um ernstere Gefährdung der Staats wohlfahrt intanzuhalten.“ 5 5 So 1 ähnlich lauteten auch des Reichs⸗ kanzlers Ausführungen. Einen hbeispiellosen Aufwand von Nichts, nennt sie der„Vorwärts. Die im Brustton der Ueberzeugung vorgetragene Rede hätte für jede Gelegenheit gepaßt, für jeden Gesetzentwurf, jede Richtung und jeden Standpunkt. Und wer einen Vordersatz an— flößig fände, den brauchte der Redner nur auf den Nachsatz zu verweisen, der ja den Vordersatz aufhebe. Der Entwurf ist das Ergebnis mehrjähriger sorgfältiger Vorberatungen, meinte Herr v. Bülow, und hervorgegangen aus den Bedürfnissen des deutschen Wirtschaftslebens und will unter gleichmäßiger Berücksichtigung aller berechtigten Interessen in erster Linie dem Wunsch nach Erhöhung des Schutzes der Land wirt⸗ schaft Rechnung tragen, deren Berechtigung unter den notwendigen Rücksichten auf die durch die gemeinsamen Interessen gezogenen Schranken anerkannt ist. Der Entwurf will aber auch den Mängeln abhelfen, welche sich bei der Handhabung des Tarifs für die Induftrie herausgestellt haben. Er soll eine bessere Waffe für zukünftige Handelsvertrags⸗Verhandlungen sein. Dieser Entwurf bedeutet also nicht die Absicht einer Abwendung von der Politik der Tarifverträge.(Lachen links.) Jedenfalls besteht auf Seiten der verbündeten Regie⸗ rungen die feste Absicht, im Interesse der Aus fuhr⸗ industrie diese Politik weiter zu verfolgen, selbstver⸗ ständlich unter Wahrung unseres Rechts, über dasjenige, was wir nach Abwägung unserer vitalen Interessen gewähren können, selbst zu entscheiden. Die Regierung hält, wenn sie auch auf heißen Kampf in diesem Hause gefaßt sein muß, diese Vorlage für eine geeignete Grund⸗ lage, um für die Bedürfnisse der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels eine gute Schutzwehr und einen billigen Ausgleich zu schaffen, wenn uns die Volksvertretung ihre Unterstützung nicht versagt. Bei der hohen Bedeutung und Wehrkraft des Reiches muß dieser Schutz gewährt werden. Deutschland ist weder ein Industrie noch ein Agrarstaat, sondern beides. Wir müssen bedacht sein, unseren Anteil an dem internationalen Güteraustausch zu sichern und zu erweitern. Wir haben das ernste Bestreben, in Verhandlungen mit dem Auslande unter annehmbaren Bedingungen zu Handels-Verträgen zu ge⸗ langen. Wir werden unsere Beratungen vor fremden Ohren führen. Dem Auslande gegenüber können wir nur dann entschlossen auftreten, wenn aus den Beschlüssen des Hauses der nationale Gedanke hervorleuchtet. Kein Wunder, daß der Herr Reichskanzler von der Vortrefflichkeit des Zolltarifs überzeugt ist. Wie das Volk darüber denkt, zeigt die ungeheuere Zahl der Unterschriften, die unsere Petition gegen den Brotwucher gefunden hat. Die mit 3431784 Unterschriften bedeckten Petitionslisten wurden am Mittwoch dem Reichs⸗ tage in mehreren Ballen im Gesamtgewichte von 15 Zentnern zugestellt. Ein gewichtiger Protest“— f Nach dem Reichskanzler sprach der Reichs— 11 Frhr. v. Thielmann. Er war er Ansicht, daß in dem famosen Wuchertarife alle Erwerbsstände berücksichtigt seien. Herr von Thielmann sprach auch von den sozialde— mokratischen Petitionen und schien sich merk⸗ würdigerweise darüber zu wundern, daß sich auch die Parteigenossinnen an dem Petitions⸗ sturm beteiligt haben, gerade als ob unsere Genossen darin irgendwie Zweifel gelassen hätten. Schließlich gab er der optimistischen Auffassung Raum, daß trotz der hohen Mindestverträge, Aussicht auf das Zustandekommen von Handels— verträgen vorhanden sei. n 5 Dann ergriff ein konservativer Agrarier, Graf Schwerin⸗Löwitz, Vorsitzender des deutschen Landwirtschaftsrats, das Wort, dem ja der von der Regierung vorgelegte Wuchertarif noch nicht genügt und unter dessen Vorsitz die bekannten exorbitanten Mehrforderungen der Agrarjfer be⸗ schlossen worden sind. Graf Schwerin-Löwitz hielt eine lange Rede, die aber im Grunde auch nichts weiter enthielt, als das so oft gesungene Lied von der großen Not der Land wirtschaft. der Lan dwirtschaft für bie Nähr⸗ Die Gegner der erhöhten Zölle suchte er vater⸗ landsloser Gesinnung zu zeihen, da ste das Ausland auf den Tarif⸗Entwurf gehetzt hätten. Nach dem Grafen gelangte der sozialdemo⸗ kratische Redner, Genosse MWolkenbuhr zum Wort, der in anderthalbstündiger ausgezeichneter Rede gegen den Brotwucher zu Felde zog. Molkenbuhr sprach mit großer Lebhaftigkeit, unter wiederholtem Beifall unserer Genossen. Er führte u. a. aus: Wir haben gegen die Zollmaßregeln deshalb protestiert, weil das Wort„Schutz“ auf diese Maßregel nicht an⸗ wendbar ist, sondern weil es Maßregeln find, welche auf Raub und Plünderung der Massen aus⸗ gehen.(Unruhe rechts.) Daß wtr auch für den Schutz der Landwirtschaft eintreten, haben wir bewiesen, indem wir für Aufhebung des Identitätsnachweises gestimmt haben. Graf Schwerin hat heute als eine der wesent⸗ lichen Ursachen der Not der Landwirtschaft wiederholt die gesteigerten Löhne der Arbeiter bezeichnet. Dar⸗ nach fragen Sie aber nicht, ob die Löhne ausreichend sind. Das ist Ihnen völlig gleichgültig. Beim Lesen des Entwurfs, wie bei den heutigen Reden vom Regie⸗ rungstisch, mußte ich an hen Satz denken:„Die Sprache ist dazu erfunden, um die Gedanken zu verbergen.“(Sehr gut! links.) Wenn heute die Bauernschaft so verschuldet ist, so ist sie in diese Verschuldung lediglich durch die Ablösungssummen geraten, die sie seiner Zeit zur Ablesung der Hand⸗ und Spanndienste den Junkern leisten mußte.(Sehr richtig!) Der Kampf, den die Herren führen, ist wirklich kein idealer, es ist ungefähr dasselbe, wie bei einem Schacherjuden, der einen mög⸗ lchst hohen Preis für seine Ware herausschlagen will. Sie stellen es so dar, als hätten Sie einen bestimmten Rechtsanspruch auf die Preise, die in irgend einer außer⸗ ordentlichen Periode einmal bestanden haben. Früher haben Sie für den Preisrückgang immer den Termin⸗ handel verantwortlich gemacht. Nun haben Sie das Verbot des Terminhandels, aber zufrieden sind Sie nicht. Woher stammt denn aber Ihr Anrecht auf eine fortwährende Steigerung der Grundrente? Das könnten Sie nur verlangen, wenn Sie bie Erde erschaffen hätten. (Große Heiterkeit.) In Zeiten des Steigens der land⸗ wirtschaftlichen Rente haben Sie nicht verlangt, daß diese Steigerung der Ertragsfähigkeit der Gesamtheit zu Gute komme. Warum kann denn eigentlich unsere Land⸗ wirtschaft zum Beispiel mit der amerikanischen nicht konkurrieren. Amerika zahlt eben seinen ländlichen Ar⸗ beitern erheblich höhere Löhne und es ist eine alte Er⸗ fahrung, daß die Produktion um so teurer wird, je niedriger die Löhne sind. Schlecht ernährte Arbeiter sind eben weniger leistungsfähig und schädigen dadurch die gesamte Produktion. Höhere Getreidepreise sollen keine Brotteuerung im Gefolge haben! Wenn auch nur die Hälfte des in Deutschland gebrauchten Roggen und Weizen für Brot verbraucht wird, so würde dies bei der beabfichtigten Erhöhung des Tarifsatzes allein für Roggen und Weizen eine Preiserhöhung für 110 Millionen Mark ausmachen. Diese Summe können weder die Müller bezahlen, noch die Bäcker, von denen Herr Oertel be⸗ hauptet, daß sie durch die Bäckereiverordnung so schwer geschädigt sein sollen. Es bleibt nur der Konsument; dieser muß Alles bis auf den letzten Pfennig aufbringen. Die Allerärmsten müssen die Kosten der Getreidezölle bezahlen, die arme Witwe, die sich mit ihren Kindern notdürftig durchschlägt, wird noch mehr Hungertage in der Woche haben, als schon bisher. Die Arbeiter aber werden ihre Interessen mit mindestens ebenso großer Zähigkeit verteidigen, wie Sie(nach rechts) die Interessen der Großgrundbesitzer; sie werden mit demselben Eifer für ihre hungernden Kinder kämpfen wie Sie für den Profit der Besitzenden.— Trotz der Erhöhung der Getreidezölle, trotz Branntwein⸗ und Zucker⸗Liebesgaben sind die Agrarier noch nicht befriedigt; im Gegenteil, die Land wirtschaft stellt sich als bankerotter hin denn je. Nach der Konkursordnung aber muß ein Geschäftsmann, Seite 2. Mitteldeutsche Sountaas- Zeitung. Nr. 49. der nicht existieren kann, sein Geschäft einstellen.(Sehr gut, links.) Sollte man nicht auch die Landwirtschaft in einer Weise bestehen lassen können, daß das ganze Volk einen Nutzen davon hat? Freie Arbeiter würden auf einem freien Grund und Boden sicherlich eine gute Existenz aus der Landwirtschaft herauswirtschaften. Die Agrarier operieren immer mit der angeblichen Gefahr einer Industriealisierung Deutschlands. Sie tragen aber selbst das meiste dazu bei, den Landarbeitern den Aufenthalt auf dem Lande zu verleiden. An der Entwickelung zum In dustriestaat sind die Agrarler mitschuldig, sie haben 1887 die indu⸗ striellen Schutzzölle mitschaffen helfen.— Die Arbeiter werden mit der Phrase abgespeist, daß mit hohen Preisen guter Verdienst Hand in Hand gehe. Im vorigen Jahre erzielte aber das Syndikat der Kohlenbarone ganz enorme Gewinne, von denen die Arbeiter nur einen verschwindenden Prozentsatz zu der Lohnerhöhung erhielten. Sie zahlen eben nur die Löhre, die sie notgedrungen zahlen müssen. Durch die Erhöhung der Lebensmit⸗ telpreise aber wird die Lebenshaltung des armen Ar⸗ beiters herabgedrückt; er wird einfach hungern müssen. Hohe Brotpreise werden eine Verschlechterung der Löhne herbeiführen. Demgegenüber verweist man auf Amerika. Die amerikanische Schutzzollpolitik hat die Milliardäre und Trusts gezüchtet, während die Farmer zu Proletariern degra— diert sind. In Amerika sind die Arbeitskräfte teuer; dabei sind die Fleisch⸗ und Brotpreise dort niedriger als in Deutschland, und der amerikanische Arbeiter kennt nicht die Hungertage des deutschen Arbeiters! Die höheren amerikanischen Löhne können aber nicht auf die amerikanischen Schutzzölle zurückgeführt werden. Preußen hat jetzt allein mehr als 6000 Millionäre. Unter den großen Plattfüßen jedes dieser Millionäre sind hunderte kleiner Existenzen begraben. Diese Millionärzüchterei kann auf Kosten der Arbeiter und der Minderbemittelten nur durch den neuen Tarif vermehrt werden. Vom Schutz der nationalen Arbeit spricht man bei uns nur, wenn man die nationalen Arbeiter ausbeuten und aus⸗ powern will! Wenn eine Neuwahl zum Reichstage unter der Parole für oder wider den Zolltarif stattfände, würden Sie einen Reichstag bekommen, bei dem man es garnicht wagen würde, einen derartigen Zolltarif überhaupt einzubringen! Nachdem Molkenbuhr unter dem Beifall unserer Genossen seine Rede beendet hatte, vertagte das Haus die Weiterberatung auf Dienstag. — An diesem Tage nahm zuerst der agrarisch gefärbte 12000 Mark⸗Graf Posadowsky das Wort zu der großen Rede, die zu halten eigentlich Sache des Reichskanzlers bei der Begründung gewesen wäre. Der Herr Graf beklagte sich über die Unsachlichkeit und Unkenntnis mit der über den Zolltarif, dieses„ernste Werk“ in der Oeffentlichkeit geurteilt werde und empfahl natürlich den Zolltarif zur Annahme. Dabei wagte er aber, den Agrariern zu bemerken, daß Deutschland seinen Getreidebedarf nicht decken könnte, auch von einer Ueberschwemmung mit ausländischem Getreide könne nicht die Rede sein; hier murrte die Rechte. Ferner warnte er die Junker freundschaftlich vor übertriebenen Forderungen.— Dann kam das Zentrum in der Person des Abg. Spahn zum Wort. Den Zentrumsmann erfüllt die Vorlage mit Ge⸗ nugthuung. Er stellte auch die Verwendung der Mehreinnahmen des Reiches für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtuugen in Aussicht. Dafür bedanken sich die Arbeiter! Nach der matten Brotwucherrede des Zen⸗ trumsmannes fesselte der freisinnige Führer Eugen Richter das Haus durch eine ganz bedeutende rednerische Leistung. Mit gutem Humor und polemischer Schärfe fertigte er die rückständigen Anschauungen des schutzzöllnerischen Absperrungssystems gründlich ab. Seine Spöt⸗ tereien erregten oft die Heiterkeit des ganzen Hauses mit Einschluß der Rechten. Die An- griffe Richters abzuwehren, ergriff der Reichs⸗ kanzler noch in später Stunde das Wort. Er verteidigte wiederum die Vorlage und pries es besonders als sein Verdienst, daß innerhalb der Bundesregierungen eine einheitliche Meinung in der Zollfrage vorhanden sei. Mittwoch kam der nationalliberale Prof. Paasche zum Wort. Das ist ein Freund des Bundes der Landwirte und es bewegten sich seine Ausführungen in durchaus agrarischem Sinne. Ihm antwortete Gothein von der freis. Vereinigung, der erst in diesem Sommer den ländlichen Wahlkreis Greifswald mit Hilfe unserer Partei eroberte. Natürlich bekämpfte dieser Redner den Zolltarif. Dann trat der konservative Gamp für die Zölle ein, sie sind ihm sogar noch nicht hoch genug. Den Schluß machte ein Pole, der sich ebenfalls im agrarischen Sinne aussprach. Die Debatte dürfte sicher noch die ganze Woche andauern. Den Verhandlungen über den Zolltarif ging am 28., 29. und 30. November voriger Woche die Weiter⸗ be ratung der Seemann sordnung voraus, die um ein gutes Stück gefördert wurde. Die bürgerlichen Parteien bringen dieser Materie allerdings sehr wenig Interesse entgegen, es liegt ihnen nichts am Schutze der Seeleute und sie sind nicht geneigt, der Ausbeu⸗ tungswut der Rheder⸗Millionäre ein klein wenig Zügel anzulegen. Nur die Sozialdemokratie war mit zahl⸗ reichen Verbesserungsanträgen auf dem Platze, welche die Genossen Schwartz, Metzger und Dr. Herzfeld fast bei jedem Paragraphen verteidigten. Bezüglich der Zusammensetzung der Seemanns ämter hatte das Zentrum noch am Dienstag unserem Antrag zugestimmt, wonach in jedem Falle einer der beiden Beisitzer der Seemannsämter ein Angehöriger des Seemannsstandes seiu muß; zwei Tage später schon grauste es dem Abg. Cahensly vor dieser allzu sozialen Anwandlung: jetzt sollte nur dann noch ein Beisitzer Seemann sein, falls das Verfahren sich gegen einen Schiffsmann und nicht gegen einen Kapitän oder Ofstzier richte. Dies mutig zurückweichende Kompromiß, für das nicht einmal das gesamte Zentrum stimmte, wurde denn auch angenommen. Ein Antrag Herzfeld, wonach als Vertreter der Rhedereien bei der Musterung keine gewerbsmäßigen Stellenvermittler fungieren dürfen, gelangte zur Annahme. Dagegen gelang es unseren Genossen nicht, mit ihrem Antrag gegenüber den Rhedereiinteressenten durchzudringen, daß jedem Seemann bei seiner Anheuerung eine bindende Angabe über die Zahl der Mannschaft, mit der das Schiff fahren soll, zu machen ist, sowie daß die Ueber⸗ stundenlöhne schon bei der Anheuerung festzusetzen sind. Die bürgerlichen Parteien wußten gegen dies billige Verlangen nur die leere Ausflucht vorzubringen, daß die Mannschaftszahl sich im Voraus oft nicht bestimmen lasse. Gar nichts zu sagen aber vermochte die arbeiter⸗ feindliche Mehrheit gegen unsern Antrag, der die mittel⸗ alterliche und brutale Bestimmung beseitigen wollte, daß ein Seemann unter gewissen Umständen durch polizeilichen Zwang„zur Erfüllung seiner Pflicht angehalten werden kann“. Man schwieg auf die Anklagen des Genossen Herzfeld und stimmte dann frohgemut auch dieser erz⸗ reaktionären Ausgeburt der Arbeitgeberwillkür zu. Politische Rundschau. Gießen, den 5. Dezember. Der Reichshaushalt weist nach der„Freis. Ztg.“ eine Verschlech⸗ terung in der Bilanz gegen das Vorjahr auf. Diese Verschlechterung betrage über 53 Mil⸗ lionen Mark, wozu noch 27 Millionen Mark kommen, welche den Einzelstaaten(aus den Exträgnissen der Zölle und indirekten Steuern) weniger überwiesen werden können. Nach dem ergeben die bisher bekannten Etats⸗ abschnitte einen gegen das Vorjahr höheren Anleihebedarf für diese Abschnitte von 20 Millionen Mark. Das meiste verlangt natürlich wieder der Militarismus. Die fortdauernden Ausgaben belaufen sich auf 443 281516 Mark, demnach 8100 000 Mark mehr als im Vorjahre. Die einmaligen Ausgaben betragen 43 980 780 Mk. Der allgemeine Pensionsfonds erfordert 66904 A417 Mk. gegenüber 63 727199 Mk. im vorigen Etat. Also auch hier eine bedeutende Steigerung der Militärausgaben. Immer mehr Soldaten! Das riesige Wachstum des Milita⸗ rismus zeigt die soeben dem Reichstag zuge⸗ gangene Uebersicht der Ergebnisse des Heeres⸗ ergänzungsgeschäfts für das Jahr 1900. Aus dieser Statistik ergiebt sich, daß in dem Ersatz⸗ jahr 1900 nicht weniger als 282581 Mann in das 835 und in die Marine eingestellt sind gegen 274116 im Vorjahre. Die Zahl der von Heer und Marine Beanspruchten hat sich also in diesem einen Jahr um mehr als 8000 vermehrt. Im Ersatzjahr 1890 betrug die Gesamtzahl der Eingestellten nur 208147. In zehn Jahren hat also das Jahreskontingent der Eingestellten um mehr als 74000 Mann zugenommen, das ist um mehr als 35 Prozent. —. Dem entsprechend sind natürlich auch die militärischen Lasten für die Steuerzahler größer geworden. Abgesägte. Pensioniert wurden in der deutschen Armee vom 1. Oktober bis 15. November: 3 Generalleutnants, 8 Generalmajore, 4 Oberste, 1 Oberstleutnant, 11 Majore, 22 Hauptleute, 6 Oberleutnants, 9 Leutnants. In Summe 64 Offiziere. Kosten pro Jahr zirka 240 000 Mk. Wir haben's ja! Zunahme des Duell⸗Blödsinns. Bei der Besprechung des Insterburger Duell⸗ mords im Reichstage hat der Kriegsminister darauf hingewiesen, daß die Zahl der Duelle zwischen aktiven Offizieren sehr gering sei und sinkende Tendenz zeige. Seine Statistik bezeichnet aber die„Volksztg.“ als nicht maßgebend; ein richtiges Bild erhalte man erst, wenn man auch die Duelle, an denen Reserve- und Nichtoffiziere beteiligt waren, mitgezählt. Und die Zahl der wegen Zweikampfes verurteilten Personen hat seit 1891 stets zugenommen. Verurteilt wurden: 1891 60 Personen, 1892 77 Personen, 1894 83 1 1896 110 5 1893 66 10 1895 107 5 1897 140 1 1898 154. Diese Zahlen zeigen also eine stetige Zunahme der Duellwut.— Wir bemerkten schon öfter, daß es uns eigentlich gleichgültig sein könnte, wenn sich die Angehörigen der besitzenden Klassen gegenseitig totschießen; aus sittlichen und recht⸗ lichen Gründen muß aber die Sozialdemokratie, wie sie es stets gethan hat, gegen den Unfug auftreten. Deutsche Kulturverbreiter in Afrika. Aus Kamerun wird berichtet, daß dort drei deutsche Kaufleute wegen empörender Miß⸗ handlungen von Eingeborenen abge⸗ urteilt wurden. Der Hamburger Witten⸗ berg, der einen Neger mit einem Ladestock gepfaͤhlt hat, erhielt fünf Jahre Zuchthaus. Der Kölner Keltenich, der die Hände eines Negers mit Petroleum begossen und dann an— gezündet hatte, wurde zu drei Jahren Zuchthaus und der Bremer Haesloop, der einem Häuptling mit der Peitsche ein Auge ausschlug, zu acht Nonaten Gefängnis verurteilt. Diese barbarische Verbrechen reihen sich denen der Leist, Peters und Konsorten würdig an. Ein Unterschted besteht nur darin, daß die Verurteilten Privatleute, Unternehmer, keine Reichsbeamten sind.— Verbreitung deutscher Kultur! Mit diesem Schlagwort befürwortete man die Kolonialpolitik, die dem Volke ein schönes Stück Geld kostet. Die ait ee zeigen wieder einmal die kulturelle Thätig eit unserer Landsleute in recht eigentümlichen Lichte. China ⸗ Kämpfer wider Willen. Aus dem Briefe eines Chinafreiwilligen, den wir in unserer vorigen Nummer unter Gießener Angelegenheiten veröffentlichten, ging hervor, daß die jetzt noch in China befindlichen Soldaten, die sich nur„für die Dauer des Krieges, bis höchstens zwei Jahre“, verpflichteten, dort widerrechtlich festgehalten werden. Das wird durch einen andern Brief bestätigt, den der Würzburger Korrespondent unseres Nürnberger Parteiorgans zu Gesicht bekam. Darin schreibt der Chinakrieger aus Tientsin: „. Es ist halt immer noch keine Aussicht vorhanden auf ein baldiges Wiedersehen; es sind wirklich Verhandlungen vor, wegen unsere Verpflichtungen; wir haben uns blos unter⸗ schrieben so lange das Korps im Felde steh t, längstens Dauer von 2 Jahren, Krie ist keiner mehr, war überhaupt noch keiner Sa wir schon lange zu r 1 Jahr war es viel schöner, jetzt ist schwer Bruch viel schlimmer wie in einer Garnison: will es hier gar nicht schildern, Wahlre 9500 undi ichs 100 1 0 St n O ff der Schw. Haupt Eüimm 1 bet! 0 U Wahl, süssich en al ednet. sagten andi Vezirk gehen hen Henosf Sams — 2 2 5 S. — — — S — 2 —— v(—O— 1 bent, g Alalt Summ 00⁰0 1 uns. der Duel gemini der Dull 0 sel. bezeicun saßgebeuh, Venn nah the- u ihlt. ld erurteiltgh omm! 1 ersonen, 5 7 Zunahm chon te, in kön, en Klasen und reh semokkatl, den Ufa Atlas, daß dull ider Mi. en abq Witten! Ladesit chthauh, ande elch dau a Jahkei gesloc ein Augt fünga u sich k dig d daß er, Teilt heut urban Volle ih mel Thal cen Uh lllen. U e, d lige, r Gch 1 6 100% q 0 Faith 1 0 ele, 10 5 10 D 175 1 1 f 10 1 11 N g schel⸗ 90 10 1 ö 0 10 1 1 00% l, 110 1 Nr. 49. 116 70 6 900 N durch einen nattonalsozlalen Kalser verhindere. Nn 8 Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 8. davon später... es heißt ja bloß von manchem Herrn: wir Reservisten und Landwehrleute wären brotloses Gesindel, wir wären zum Räubern und Plündern herüber⸗ gekommen. Unsere Genossen im Reichstage werden sich voraussichtlich über die Sachlage bei dem Herrn Kriegsminister eingehend erkundigen. Recht erfreulichen Stimmenzuwachs hat unsere Partei bei der am vorigen Samstag stattgefundenen Reichstagsersatzwahl in Wies— baden zu verzeichnen. Bei der Hauptwahl 1898 hatten wir in diesem stark ländlichen Kreise 8050 Stimmen, die gesamten Gegner 16439. Diesmal erhielt nach dem amtlichen Wahlresultat unser Genosse Dr. Quarck 9500 Stimmen. Von den gegnerischen Kandidaten erhielten Crüger(freis.) 6400; Fuchs(Zentrum) 5896; Bartling(natl.) 5452 und Hatzmann(Bund der Landwirte) 944 Stimmen.— Es ist also Stichwahl zwi— schen Quarck und Crüger erforderlich, die auf den 10. Dezember festgesetzt ist. Wie die Stichwahl nun immerhin ausgehen mag, die auptsache ist, daß wir eine ganz erhebliche timmenzunahme um 1450 oder 18 Proz.— zu verzeichnen haben. Gemeindewahlen. In Wilmersdorf bei Berlin ergab die Wahl, daß drei unserer Genossen in durchweg aussichtsvolle Stichwahlen gelangen.— Bei den am Donnerstag stattgefundenen Stadtver— ordneten-Stichwahlen in Charlottenburg siegten infolge Kompromisses die Gegner. Unsere Kandidaten erzielten starke Minoritäten, in einem Bezirk unterlag z. B. Genosse Vogel mit 590 gegen 591 Stimmen, die der Gegner erhielt.— Einen weiteren glänzenden Sieg erfochten unsere Genossen in Wismar(Mecklenburg) am Samstag. Die Genossen Reinke, Kober, Oldach und Freier wurden in den Bürger— ausschuß gewählt. Ferner wurden in Lausanne(Schweiz) bei den Wahlen zum großen Stadtrate 15 Sozialdemokraten gewählt. Bedeutung der Dozialdemokratie. Wenn zwekl sich streiten, erfährt der dritte in der Regel die Wahrheit. So lautet ein deutsches Sprüchwort, das oft auch in einer andern Form zitiert wird, nämlich:„Wenn zwei Spitzbuben sich zanken, kommt der ehrliche Mann zu seinem Rechte.“ Daran erinnert eine jüngst stattgefundene Debatte in der bayrischen Abgeordnetenkammer. Dort rechnete unser Ge— nosse Ehrhardt(Ludwigshafen) nicht nur mit bayerischen Ministerexzellenzen ab, sondern be— leuchtete auch in gründlicher Weise den Cäsa— ris mus, der von Norden her immer offener zu Tage tritt. Am vergnüglichsten für uns ist aber die Thatsache, daß nun endlich einmal im bayerischen Landtag von den Reduern der beiden „großen“ Partelen auerkannt wurde, welche Bedeutung die Sozialdemokratie hat. Der Redner des Zentrums, Herr Dr. v. Daller, legte Wert darauf, vor versammeltem Kriegs— volke zu erklären:„Drei Soztlaldemokra— ten sind mir lieber wie fünf Liberale.“ Aber damtt hatte er nur den„liberalen“ Führer Casselmann herausgelockt, der Herrn v. Daller nun übertrumpfte, indem er mit dem hurrah— patriotischen Brustton liberaler Ueberzeugung konstatierte:„Mir ist ein Soztaldemokrat lieber als das ganze Zentrum“.— In diesem Falle war also die Sozialdemokratie der lachende Dritte. Die Partei der ganz Schlauen. Die braven Nationalsozialen, schreibt unser Hamburger Parteiorgan, müssen wiederum der Welt Kunde geben, daß sie eigentlich doch den Stein der sozlalen Weisheit endeckt hätten und daß nur verstockte Bosheit Andersgesinnter im Verein mit zufälligen, aber unabwendbaren Ereignissen immer wieder die auf dem Papler hübsch bastehende Seligmachung Deutschlands Pastor Naumann jammert in seinem Wochen— blatt: Der einzige Mann, der auf der Liste der möglichen Staatsmaͤnner gestanden und der mit dem Kaiser wirtschaftspolitisch einig war, sei Herr v. Siemens gewesen. Nunmehr sei dieser gestorben.„Was kann in dieser Lage der isolirte antiagrarische Kaiser thun? So groß seine Macht sonst ist, so hat sie doch Grenzen in der Art des Menschen— materials, mit dem er arbeiten muß.“ Die Parteien der Linken hätten in der Flotten— frage ihre Verbindung mit der Krone herstellen müssen. Nun kommen die Folgen des unbe— schreiblich großen Fehlers, den Eugen Richter und Auer zu verantworten haben. Richtig! Der Auer trägt die Schuld an der Wucherzollvorlage. Warum hat er nicht dem antiagrarischen Kalser die„Kähne“ demuts— voll zu Füßen gelegt und sich gleichzeitig für einen Ministerposten zur Verfügung gestellt!— Es ist nur zu verwundern, daß nicht wenigstens einige Nattonalsoziale, unter denen sich doch hochintelligente Leute befinden, das Wider— spruchsvolle der nationalsozialen Politik einsehen. Der freche Bebel. In einem der jüngst veröffentlichten Briefe Wilhelms J. an Bismarck heißt es:„Was soll aus der Besserung der Zustände auf die Dauer werden, wenn, wie Madai) mir heute meldete, der ausgewiesene Stadt-Verordnete aus Berlin N. N. sich so zu sagen an den Thoren Berlins als Cigarren-Händler etabliert,— wenn Bebel aus Wien ausgewiesen wird und er bei uns in dem Reichstag sitzt und seine frechen Reden halten darf? Das zeigt meiner Ansicht nach, daß das Auswelsungs-Gesetz nicht wirken kann, wenn solche Exempel vorkommen und ob darin etwas geschehen, das notwendig?“— Genosse Bebel wird sich über diese Eiuschätzung seiner Thätigkeit königlich amüsieren. Möge er noch recht lange und recht viel„freche Reden“ halten. ) Der damalige Berliner Pollzelpräsident. Hunnenprozesse. Am Montag kamen in Berlin vor der Strafkammer des Landgerichts 1 gleich drei Hunnenprozesse gegen die Redakteure des„Nor— wärts“ Rob. Schmidt, Wilh. Schröder und Paul John zur Verhandlung, die mit schwerer, geradezu unverständlicher Verurteilung der Angeklagten endeten. Schmidt wurde zu sechs, John zu sieben Monaten Gefäng nis wegen Beleidigung des Generals v. Ket teler verurtellt. Der Staatsanwalt hatte nur drei bezw. vier Monate beantragt. In der von Robert Schmidt gezeichneten Nummer war ein Artikel enthalten, in dem über viehische Bestlalttäten berichtet wurde. Da in dem Ar— tikel u. A. auch über verschledene Todesurtelle berichtet war, die Generalmajor v. Ketteler gefällt haben sollte, stellt dieser Klage. In weiteren dreil Nummern, für die die anderen beiden genannten Genossen verantwortlich zeich— neten, waren Hunnenbriefe zum Abdruck gelaugt. Der Fall Bredenbeck beschäftigte kürzlich die Dortmunder Stadt verordnetenversammlung. Herr Leusing, der Redakteur des Dortmunder Zentrumsblattes und Stadtverordneter interpellterte den Ober— bürgermeister wegen der Behandlung des sozial demokratischen Redakteurs Bredenbeck, der be kanntlich von der Dortmunder Polizei wie ein gemeiner Verbrecher behandelt und gefesselht uber die Straße geführt wurde. Das Stadt— oberhaupt Dortmunds hatte die Kühnheit, diese unerhörte Behandlung eines auständigen Meu— schen zu rechtfertigen.— Der Verein Berliner Presse und der Schriftsteller-Verein haben gegen die in diesem Falle zu Tage getretene Pollizet— willkür öffentlich protestiert. Einer der grösiten„alldeutschen“ Schreier im österreichischen Reichsrate muß wegen einer ziemlich unsauberen Affatre vom politischen Kampfplatze abtreten und hat sein Mandat niedergelegt. Er war ein Phrasenheld und politischer Abenteurer schlimmster Sorte. Für die„deutschnationale“ Partei in Oesterreich ist aber sein Abgang immerhin ein harter Schlag. Soziales. Endgiltiges Ergebnis der Volks- zählung. Vorige Woche veröffentlichte der „Reichs anzeiger“ die amtlichen Ergebnisse der Volkszählung vom vorigen Jahre. Danach zählte am 1. Dez. die ortsanwesende Bevölke— rung im Deutschen Reiche 56367178 Personen und zwar 27737247 männliche und 28629931 weibliche. Die Gesamtzunahme der Bevölkerung seit 1895 beträgt 4087277 oder 7,82 Prozent. Eine Abnahme der Bevölkerung weist allein die Provinz Ostpreußen auf und zwar um 10063 Personen oder ½ Prozent. Von den größeren Staaten haben Einwohner: Preußen 34472509; Bayern 6176057; Sachsen 4202216; Württemberg 2169480; Baden 1867944; Elsaß⸗ Lothringen 1719470; Hessen 1119893. Achtstundentag in den franz. Berg⸗ werken. Die Kommisston für Arbetltergesetz— gebung hat nunmehr den Achtstundentag im Prinzip mit 12 gegen 6 Stimmen angenommen. Der Artikel 1 des Gesetzes ist augenommen und bestimmt: Vom 1. Juli an, welcher der Veröffent— lichung dieses Gesetzes folgt, beträgt die Arbelts- zeit der unterirdisch heschäftigten Arbeiter in den Bergwerken 9 Stunden, von der Ankunft der letzten Arbeiter auf dem Grunde au gerechnet bis zur Auffahrt der ersten. Nach Ablauf von zwei Jahren wird die Arbeitszeit auf 8% und nach Ablauf einer neuen Periode von 2 Jahren auf 8 Stunden festgesetzt. Die übrigen Artikel werden in der nächsten Sitzung der Kommtssion zur Beschlußfassung kommen. Nach Artikel 2 sollen auch diejenigen Pausen, welche nicht über 30 Minuten betragen, in die vorer— wähnten Arbeitszeiten eingerechnet werden; soweit sie mehr betragen, müssen dieselben durch eine gleichgroße Verlängerung der Arbeitszeit wieder eingeholt werden.— Die Beschlußfassung über die weiteren Artikel wurde vertagt. Krieg in Südafrika. Ueber dieLage der Engländer in der Kapkolonte hielt der Premierminister Sprigg in Kapstadt eine Rede, worin er ziemlich Schönfärberei trieb. Er meinte, die Fel d— armee, des Kaplandes zähle 18,000 Maun, von deuen drei Viertel beritten seien. Die Regierung und die Milttärleitung gingen völlig Hand in Hand. Die Lage des Landes bessere sich täglich. Der Feind und die Aufständischen würden allmählich niedergeworfen. Die außer— ordentlichen Ausgaben für die Aufrechterhaltung einer so gro en Streitmacht im Felde sei eine große Last, allein die Aussichten seien nicht ent⸗ mutigend, obwohl eine sehr erhebliche Auleihe habe aufgenommen werden müssen. Waffenstillstand? Gerüchtweise ver— lautet aus London, daß zwischen Kitchener und Louis Botha Wasfsenstillstandsverhandlungen, die als Vorläufer des Frtedeus gelten, gepflogen werden. Die Königin Wilhelmige, unterstlltzt von Frankreich und Rußland, sei bereit, ihre Vermittlung anzubleten, falls Aussicht auf Annahme der Vermittlung seitens der en lischen Regierung vorhanden wäre. Dagegen stellte der Trausvaal-Gesandte Leyds, der wieder nach Brüssel zurückgekehrt ist, alle Friedens— gerüchte in Abrede. Hessischer Landtag. Zwelte Kammer. Glsenbahnfragen verhandelte die Kammer am 27, November, wobel von mehreren Selten den Elsen⸗ bahnschmerzen Ausdruck gegeben wurde, welche durch die Betriebsgemelnschaft mit Preußen hervorgerufen worden sind. Bei Erörterung elner Anfrage wegen Erbauung einer normalspurigen Bahn von Alsfeld nach Hersfeld erklärte Finanzmintster Gnauth, daß nach der Melnung der preußischen Elsenbahn verwaltung dlese Bahn kelne Bedeutung für den Durchgangs- verkehr habe. Preußen werde sich ulcht betelllgen, Die Reglexung sel daher außer Stande, dem Er Seite 4. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. 7 ö „ Nr. 49. 2 suchen der Landstände zu entsprechen, sie sei aber bereit, auf Grund des Nebenbahngesetzes, falls die Bahn durch einen, Privatunternehmer erstellt werde, den gesetzlichen Zuschuß zu leisten. Abg. Gun drum(Freis.) weist auf eine Reihe von Mängeln hin, welche sich seit der Verstaatlichung auf den oberhessischen Bahnen gezeigt haben. In Berlin herrsche eben der preußische Geist, der dann immer den Ausschlag gebe. Finanzminister Gnauth führt aus, daß Hessen bei der Betriebsgemein⸗ schaft schlecht behandelt werde, dafür liegen keine Anhalts— punkte vor, wenn auch nicht zu leugnen sei, daß ein mehr patriarchalisches Verhältnis Anklang fände. Selbst durch Beschlüsse der Ersten und Zweiten Kammer könne Preußen von der Notwendigkeit der Bahn nicht über— zeugt werden, und aus diesem Grunde sei jedes Weitere ohne Erfolg. Abg. Molthan(Zentrum) bedauert, daß man in Hessen stets auf den guten und schlechten Willen des preußischen Eisenbahnftskus angewiesen sei. Er hätte erwartet, daß ein gewlisses Solidarltätsgefühl bei Preußen bestehen werde. Er habe sich aber hierin gründlich getäuscht. Das heiße einfach die Bankerott⸗ erklärung des hessischen Staates in Eisen— bahnfragen, da Preußen die Beschlüsse der hessischen Kammer einfach ignoriere und diese daher gleich Null selen.— Genosse Abg. Dr. David meint, daß bei der Regierung eben ein milderer Wind in Eisenbahnfragen wehe als früher, habe seinen Grund in dem Wunsche, auch bezüglich der Main-Neckarbahn die Gemeinschaft zu Stande zu bringen. Hessen habe seine Souveränität in Eisenbahnfragen aus der Hand gegeben. Die Kammer möge Alles aufbieten, um das JZustandekommen dieser geplanten Gesamteisenbahngemeinschaft zu verhindern. —.————— 1 N 1 Von Uah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns lederzett will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bet Uebermtttelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck besttimmten Einsendungen nur auf einer Sekte zu beschrelben. Hessisches. Der Ehescheidung des Großherzogs von Hessen— Die treumonarchischen bürger— lichen Soldschreiber neunen es:„Trennung der hohen Lebeuswege“— steht unmittelbar bevor. Ob der Großherzog die Ehe durch das Ober— landesgericht scheiden lassen oder es selbst besorgen wird, wozu er befugt ist, bleibt noch dahinge— stellt.— Die Angelegenheit hat übrigens noch eine„bedeutsame“ Maßregel im Gefolge gehabt. Das in Mainz garnisonirende Infanterie- Regiment Nr. 117, das bisher den Namens— zug der Großherzogin auf den Achselklappen trug, soll nämlich neue Achselklappen erhalten, die lediglich die Nummer 117 tragen. Wann dann die neue Großherzogin kommt, kriegen die Hundertsiebzehner wieder ihren Schnörkel. Warum hat man aber nicht gewartet, vielleicht hat die Neue den nämlichen Vornamen und dann wären die Kosten vermieden worden. Wie der Militarismus Dörfer ver— wüstet. Für das 18. Armeekorps wird die Errichtung eines großeren Truppenübungsplatzes im nördlichen Oberhessen geplaut. Dem Bürgermeister von Wermertshausen ist vom Landratsamt in Marburg mitgeteilt wor— den, daß Wermertshausen im Kreise Marburg und Rüddingshausen im Kreise Gießen wahr— scheinlich vom Erdboden verschwinden müßten. Beide Orte liegen in der Mitte des von den Orten Deckenbach, Roßberg, Weiters— hain und der Babnulinie Grünberg-Londorf- Lollar umgrenzten Gebiets, das zum Uebungs— latz ausersehen ist. Die Umgebung ist holzreich, as Gebiet selbst hat vorzügliche Quellen; die Entfernung nach Gießen und Marburg ist etwa gleich weit nicht groß. Gießener Angelegenheiten. — Zu der nationalsozialen Ver⸗ ammlung, die vorigen Freitag im Café bel tagte, hatte sich ein zahlreiches, meist aus Akademikern bestehendes Publikum eingefunden. Der als Referent erschienene Sekretär der nat. oz. Partei Dr. Maurenbrecher sprach über le„Zukunft der Landwirtschaft“. Im Vorder- grunde seiner Darlegungen stand natürlicher— weise der Zolltarif, gegen welchen der Redner viel Treffendes sagte; ebenso wandte er sich gegen die Lebensmittelzölle uberhaupt. Was er hingegen in Bezug auf die Reform der Landwlrischaft, wie sie das nat.⸗soz. Agrar- programm fordere(Aufgabe des Großgrund— besitzes, Kreditgewährung und Vermittelung durch die Gemeinden) vorbrachte, erscheint zur „Hebung“ der Landwirtschaft nicht geeignet. Herr Schlenke verteidigte die Zollforderungen des Bundes der Landwirte; sie(die Agrarier) wären bereit, auf die Zölle zu verzichten, wenn auch die Industriezölle beseitigt würden. Um der schönen Augen der Agrarier willen bringe die Regierung nicht die Zollvorlage ein.— Das wohl nicht, antwortete ihm Gen. Vetters, wir wissen aber, daß die Regierungsleute alle— zeit getreue Diener der besitzenden Klassen sind, der Agrarier- wie der Industrie-Kapitalisten. Beweis: 12000 Mark-Bettelei. Der Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen bestehe wie überall, so auch in der Landwirtschaft. Die Klein bauern befänden sich gewiß in Notlage, nicht aber die Mittel- und Großbauern.— Im Gieß. Anz. polemisierte Herr Schlenke weiter gegen Maurenbrecher, worauf Dr. Strecker antwortet. Mit Bezug darauf schreibt uns Genosse K.: Herr Schlenke setzt die mit den Nationalsozialen begonnene Diskussion im„Gießener Anzeiger“ fort. Ich will darauf nicht eingehen, da ich nicht in der Versammlung sein konnte und den Vortrag des Herrn Dr. M. nicht hören konnte. In seinem Artikel im G. A. fällt mir nun ein Satz des Herrn Schlenke als recht zutreffend, auf. Die Industrie- und speziell die Eisenzölle, führt Herr Schlenke aus, ermöglichen den deutschen Fabrikanten, und sie werden dies sicher thun, den hohen Eingangszoll auf ihre eigenen Fabrikate zu schlagen. Herr Schlenke hat vollständig recht. Aber dies trifft nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Herrn Agrarler zu. Sie wollen genau ebenso ihre Produkte um den Betrag der Zölle verteuern, wie auch die Industrieellen. Diese Thatsache wird aber gerade von den Agitatoren des Bundes der Land— wirthe bestritten.„Das Ausland bezahlt den Zoll, der Zoll kommt in der Preisbildung nur minimal zum Ausdruck“ und wie sonst die schönen Reden lauten, mit denen die Gimpel auf den agrarischen Leim gelockt werden sollen. Noch eine Frage an Herrn Schlenke: ist es gerecht, daß deutscher Zucker, deutscher Spiritus, dem Ausland zu Vorzugspreisen, auf Kosten der in⸗ ländischen Verbraucher, geliefert wird? Das wird auch Herr Sch. nicht als gerecht bezeichnen können und so wiederhole ich seine Worte: Was nicht ge— recht ist, ist auch nicht national. — Unsern Genossen Ulrich ver⸗ dächtigt das Gießener Amtsblatt in einem der Thätigkeit des Landtags gewidmeten Artikel, indem es ihm in Bezug auf seine Haltung zum Fleischbeschaugesetz unterschiebt, er halte bei dem amerikanischen Fleische Untersuchung nicht für nötig, das inländische Fleisch ver— lange er doppelt untersucht. Das ist ein ganz dreister Schwindel, wie sich jeder aus den Reichstags- und den Kammerberichten über— zeugen kann. — Zeichen der Krise. Kürzlich war in dem„Gieß. Anz.“ in einer Notiz zu lesen, daß die Kaufleute sehr über schlechte Geschäfte klagten. Die Inhaber von Laden der Nahrungs- und Genußmittelbrauche behaupteten,„daß der Konsumverein für Eisenbahnbeamte und der neuerdings von Arbeitern ins Leben gerufene Konsum-Verein ihnen viel Kundschaft wegnehme. Hierzu komme, daß auch besser gestellte Beamte vielfach einen großen Teil ihres Bedarfs von außerhalb kommen lassen.“— Letzterer Umstand dürfte für den Minderumsatz der Kleinhändler sicher mehr in's Gewicht fallen, als die Konsum— vereine. So groß ist die Mitgliederzahl der Knnsumvereine noch nicht, daß sich ihr Ein⸗ fluß im Kleinhandel bemerkbar machte. Was aber den schlechten Geschäftsgang hauptsächlich verschuldet, das ist der geringe Verdienst vieler Arbeiter, deren Löhne herabgedrückt sind, wenn sie nicht ganz und gar ohne Arbeit und Einkommen dastehen. Es ist die Krise, die sich hier bemerkbar macht! Aber„Potstand existirt nicht!“— für manche Leute. — Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen, das vergangene Woche seine Sitz— ungen pro IV. Quartal abhielt, hatte nur 5 Fälle zu verhandeln. Wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge wurde der Benedikt Reupert aus Obersinn zu 4 Jahren Ge⸗ sängnis verurteilt.— Gegen den 60 Jahr alten Landwirt Heinrich Klug und seine 29 Jahre alte Schwiegertochter, Witwe Sybille Klug aus Metzlos⸗Gehag wird Dienstag wegen Blutschande und Kindestötung verhandelt. Heinrich Klug erhält 1 Jahr 3 Monate Ge⸗ fängnis; seine Schwiegertochter 2 Jahre 1 Monat Gefängnis.— Freigesprochen wurde der des Sittlichkeitsverbrechens angeklagte Landwirt Balduin Traut von Herbstein. Diese Verhandlung wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt. — Die allgemeine Sterbekasse hält diesen Sonntag, Nachmittag 4 Uhr, im Saale „Lonys Bierkeller“ ihre Generalversammlung ab. Die Mitglieder werden um zahlreiches Erscheinen ersucht.(Siehe Inserat.) Aus dem Nreise gießen. — Eine Volksversammlung fand am Sonntag in Nidda im Lokale zum„Gam⸗ brinus“ statt. Durch verspätete Bekanntmachung war der Besuch leider nur ein mäßiger. Gen. Vetters sprach über die gegenwärtigen wirt⸗ schaftlichen und politischen Fragen, besonders über die Zollerhöhung. In etwa fünfviertel⸗ stündiger Rede wies er eingehend die schweren Schädigungen nach, welche den Minderbemit— telten und Besitzlosen durch das Zollsystem zu— gefügt werden und wie damit auch dle politische Unterdrückung des Volkes durch die Junker und Agrarier Hand in Hand gehe. Seine Ausfüh⸗ rungen fanden volle Zustimmung bei den An⸗ wesenden. Aus dem Rreise griedherg-Püdingen. l. Friedberg. Wie überhaupt bei jeder Gelegenheit, wo es gilt in Patriotismus zu machen, so feierten auch die hiesigen Elsenbahner Großherzogs Geburtstag. Das dauert schon seit der jetzige Stationsvorsteher hier ist, so an. Alle Augenblicke ein Fest. Natürlich immer alles anwesend, was abkommen kann. Dann die üblichen Reden und— ungeheurer Beifall. Wie sollte es auch anders sein. Und wenn man dann in unsern beiden Lokalblättern die Berichte liest von dem schönen Verlauf dieser Veranstaltungen und der schönen Einigkeit und Zufriedenheit, so könnte man glauben, daß den wirklich so sei. Aber weit gefehlt. Wenn je die Arbeiter unzufrieden waren, dann fetzt. Früher wurde niemals auf die Religion des einzelnen Rücksicht genommen. Heute erzählt sich die ganze Stadt, daß fast nur noch katholische Arbeiter ankommen können, weil— nun der Vorsteher ist auch katholisch. Vielleicht ist das die Ursache. Wenn sich heute ein Arbeiter bet einem andern erkundigt, ob er vielleicht auf der Bahn ankommen könne, so fragt gewöhnlich der andere: Bist du katholisch, wenn nicht, dann hats keinen Wert. Aber auch in anderer Hinsicht liegen Klagen gegen den Vorsteher vor, auf die wir vorläufig nicht eingehen wollen. Nur eins sei gesagt. Wenn die Friedberger Eisenbahner, die wir früher bei Wahlen zu fürchten hatten, heute unsere Verbündeten sind, so hat der Herr Vorsteher bei all seinen vielen Festen und Ausflügen, Hochs und Hurras, sein gut Teil schuld daran. Unseres Dankes darf er sicher sein. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Folgen der Muckerei. In Wetzlar und seiner Umgebung steht die Frömmelei in ganz besonderer Blüte. Von christlicher Nächstenliebe bemerkt man allerdings wenig, im Gegenteil, wohl nirgends kommen so ro Körperverletzungen und Messerstechereten zahl⸗ reicher vor, als in hiesiger Gegend. Fielen doch in letzter Zeit kurz hintereinander drei Menschen⸗ leben niederträchtigen Messerhelden zum Opfer! Erst der Gastwirt in Reißkirchen, dann der Schuhmacher in Werdorf und zuletzt Schreiner⸗ meister Haupt. Es zeigt sich also, daß die Frömmigkeit keineswegs bessernd auf die Mensch⸗ heit einwirkt. Natürlich hat man es mit Fröm⸗ migkeit in gutem Sinne nicht zu thun; was da gezüchtet wird, ist religiöser Fanatismus. Und zu welchen Folgen dieser führt, zeigt ein Vorfall, der vor wenig Tagen aus For (Lausttz) gemeldet wurde. Dort war eine dae aus 9 Personen bestehende Familie vom reite sösen Wahnsinn befallen. Die Nat. Ztg. berichtete darüber: 90d 0 0 hört e öl 5 bier Gbele k 5 dale el gol del lei 1 eiter hre fut, gabel. ligt t. 4 Joie faber 0 b gew gl erh Die hu sih fuel J ane Med slben, srig! fle a. 0 hoc Alg fen M a al egen Vorha 0 dot Hräfte salchel Abzug U fung Dibld schreil wurde Das Mit allee an K Straf zu fü berluf 0 hr dersell 10 fal nehre fing Junge Daß Lutbr * Ife due! se 9 Hach gan 10 u in flo a 0 Vird war l ehe dal d fü 5 lt i fin und ne def iger. Gg tigen witz 1 besonden fünfpiertel die schweng An derben Ushstem 0 de palttsch Junker und ne Augflh⸗ hei den A Idingen. upt bei jeher otismus g Essenbahne auert scho r ist, so an lich imme un. Dan rer Beifal. Und wen lättern) rauf die inigkeit ul en, daß di Wenn dann fei keligion 9 ute etz! 9 katholsg — nun de ict Arbeiter H, leicht a gewöhnt ven nich in abel orteher i Friedel Valle deten seh einen bal urras, 1 dankes dn Nr. 49. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. In dem Dorfe Datten enthielten sich die Familien⸗ angehörigen des Bauers Kaschka(der Vater, die Mutter, ein 18jähriger Sohn, eine 19jährige Tochter), die Magd und vier Bauernfrauen, seit Sonnabend aller Speise. Gebete murmelnd und Litaneien singend, springen die Leute zeitweise unbekleidet im Hause, im Hofe und vor dem Gehöfte umher. Sie halten sich für Auser⸗ wählte Gottes. Ein kürzlich vom Militär losgekommener Sohn Kaschkes, der den Humbug nicht mitmachen wollte, wurde von den fanatischen Menschen schwer mißhandelt. Der Gemeindevorsteher mußte Anordnungen treffen, da⸗ mit der Viehbestand Kaschkes nicht Hunger leide; zwei Ortseinwohner teilen sich lediglich in die Arbeit der Fütterung. Am Donnerstag wurde Frau Kaschke tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Ihr Gesicht ist blut⸗ rünstig, die Todesursache wird erst amtlich festgestellt werden. Neben der Leiche liegen die anderen Personen in religiösen Verzückungen. Es ist ein furchtbarer An⸗ blick. Die kranken Menschen gehören der Sekte der Irvingianer an.(Diese Sekte wurde von dem Schott— länder Edw. Irwing— gest. 1834— begründet und gewann seit 1848 auch in Deutschland Verbreitung. Sie erwartet die baldige Wiederkunft Christi.) Dieser Fall erinnert an einen ganz ähnlichen, der sich in der Nähe von Wetzlar, vor reichlich zwei Jahren ereignete und wo ebenfalls eine ganze Familie sast zu Grunde ging. Besonders in Rechtenbach, Lützellinden und anderen Orten treiben verschiedene Sekten ihr Unwesen, die eifrig Anhänger werben, auch über eigene Bet⸗ säle ꝛc. verfügen. Diese Menschen sind in einem so hochgradigen, geradezu Mitleid erregenden, religiösen Fanatismus befangen, daß es gar kein Wunder ist, wenn sie schließlich dem Wahn⸗ sinn anheimfallen. Obwohl wir keinem Menschen wegen seiner religiösen Ansichten irgendwie Vorhalte machen wollen noch dürfen, so muß es doch unsere Aufgabe sein, soviel in unsern Kräften steht, aufklärend zu wirken, um dadurch solcher gemeingefährlichen Muckerei das Wasser abzugraben. h. Kapital und Arbeit. Die Verwal⸗ tung der Buderusschen Eisenwerke schlägt eine Dividende von 6— 7% bei höheren Ab⸗ schreibungen als im Vorjahre vor. Den Arbeitern wurden aber wiederholt Lohnabzüge gemacht.— Das Zementwerk Zisseler arbeitet nur noch mit verminderter Arbeitszeit; auch in Haiger sollen 100 Arbeiter gekündigt worden sein. — Wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen an Kindern unter 14 Jahren, verurteilte die Wetzlarer Strafkammer vorige Woche einen Kaufmann aus Haiger zu fünf Jahren Zuchthaus und zehnjährigem Ehr⸗ verluft. In der Verhandlung wurde sogar ein erst 6 jähriges Mädchen als Zeugin vernommen.— Aus derselben Verhandlung ist noch die Verurteilung eines 10 jährigen Schülers zu 5 Monaten Gefängnis wegen mehrerer Diebstähle zu erwähnen. Fünf Monate Ge⸗ fängnis für ein Kind! Ob die Richter glauben, den Jungen dadurch zu bessern? Wir sind der Ueberzeugung, daß er sich auf die Art erst recht zum vollendeten Verbrecher entwickeln wird. * Der Antisemiterich Reuther aus Offenbach hat am Samstag in Dutenhofen eine Versammlung abgehalten, sich aber gehütet, sie vorher in seinem Arizonakiker bekannt zu machen, jedenfalls weil er die Anwesenheit unserer Genossen fürchtete. Triumphierend berichtet er, daß man auf ihn ein Hoch ausgebracht habe, in welches die Versammlung zeinstimmig ein⸗ stimmte“. Schön gesagt. Will er damit sich selbst oder die Versammlung kennzeichnen? Aus dem Nreife Marburg⸗Rirchhain. St. Der Gesangverein„Eintracht“ wird auch in diesem Jahre wieder— und zwar am ersten Weihnachtstage, abends von 7 Uhr ab— im Lokale von D. Jesberg dahier eine Weihnachtsfeier veranstalten, an welcher auch Gäste teilnehmen können. Durch Versteigerung eines Christbaumes, Geschenkver⸗ losung, Liedervorträge u. a. m. ist für Unter⸗ haltung reichlich gesorgt und dürfte dieser Familienabend voraussichtlich einen recht gemüt⸗ lichen Verlauf nehmen. f f 85 Die Frequenz der hiesigen Universi⸗ tät beträgt in diesem Wintersemester 1148 Hörer, darunter 6 Damen; also 32 Studirende mehr als im vorigen Winter. Es sind fast sämtliche größere Nationen vertreten. Rußland und England sind vorherrschend. Auch 8 Astaten, eine Anzahl Amerikaner und ein Australier befinden sich hier. — Eine Neueinschätzung der Grund⸗ stücke nach dem gemeinen Wert wird gegenwärtig in hiesiger Stadt seitens der Einschätzungs— kommission vorgenommen. Vom sozialen Stand⸗ punkt aus betrachtet ist diese Einschätzungsmethode, welche auch schon in mehreren größeren Staͤdten ausgeführt wurde, ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Der Ertrag der Grundsteuer wird dadurch nicht erhöht. Maßgebend ist bei der neuen Einschätzung, daß Grundstücke, deren Ertrag an sich wohl gering ist, die aber durch ihre Lage erheblich im Werte sich steigerten, und zwar ohne Zuthun der Besitzer, sondern nur allein durch die von der Allgemeinheit aufge— brachten aus der Stadtkasse fließenden Mittel, zur Steuer herangezogen werden. Die seither festgehaltenen Baugrundstücke werden dadurch billiger und gelangen eher zum Verkauf. Auch dürfte dadurch das Bauen befördert und die Mieten billiger werden, was für uns die Haupt⸗ sache ist. — Zur Stadtveror dnetenstichwahl am Freitag, 13. d. Mts. entfalten die bürgerlichen Kreise eine rege Agitation. Auch uns sucht man hauptsächlich für die Wahl der Herren Lehrer Dörbecker und Kupferschmied Klee zu animieren. Wenn wir auch persönlich nichts gegen diese Leute einzuwenden haben, so möch— ten wir doch alle Arbeiter, welche sich an der Wahl beteiligen wollen, auffordern, ihre Stim⸗ men nur solchen Kandidaten zu geben, welche unabhängig von der Stadt sind oder keine Arbeiten für dieselbe ausführen. Da bleiben nur die beiden andern Kandidaten, Mechanikus Engel und Rentmeister Vial übrig. Weitere Wahlerfolge außerhalb Hessens sind zu berichten aus Hachenburg, wo Genosse Kaufmann Richter mit großer Mehrheit in die Stadtverordneten⸗ Versammlung gewählt wurde. Man sieht, auch im Westerwalde geht's vorwärts!— Ferner wurden in Schwelm(Westph.) zum ersten⸗ male 2 Genossen mit über 500 Stimmen in der dritten Klasse gewählt; in Langerfeld bei Schwelm ebenfalls zwei, die Wahl des einen wurde jedoch für ungültig erklärt. Kleine Mitteilungen. * Vergiftung durch Thee. Der Gast⸗ wirt Krupp in Wiesbaden hatte wegen seines Asthmaleidens Thee aus einer Apotheke bezogen. Nach Genuß desselben erkrankte er selbst, sowie seine beiden Kinder sehr schwer. * Eine gehörige Pleite. Zum Kon⸗ kurse des früheren Direktors der Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Kassel, Schmidt sind nach Zeitungsmeldungen im ganzen Forderungen in Höhe von mehr als 127 Millionen an⸗ gemeldet worden. Das ist wirklich keine Bagatelle! ** Durchgebrannter Bankdirektor. Unter Mitnahme von 100000 Mk. flüchtete der Bankdirektor Blembel in Leipzig. Die von ihm geleitete Firma R. Blembel und Ko. hat ihre Zahlungen eingestellt. f ** Zwei schwere Eisenbahunfälle ereigneten sich vorige Woche. Auf der Strecke Köln⸗Düren bei Buir entgleiste am 28 Nov. ein Personenzug, wobet mehrere Passagiere getötet und zahlreiche verwundet wurden.— Zur gleichen Zeit stieß bei Seneca(Staat New⸗York, V. St.) ein Schnellzug auf einen Einwandererzug, der zertrümmert wurde und in Brand geriet. 80 Tote und 150 Verwundete werden gemeldet. ** Wegen Ermordung seiner Ge⸗ liebten wurde in Gotha der Student der Rechte, Fischer zu 10 Jahren Zuchthaus und Ehrverlust von gleicher Dauer verurteilt. Das Motiv der That war Eifersucht. Merkwürdiger⸗ weise hatte die Mutter der Ermordeten das Bild ihrer Tochter dem Angeklagten ins Gefäng⸗ niß geschickt,„weil er ihr so leid that.“ ** Ein falscher Burenfreund. Die Strafkammer des Landgerichts Passau ver⸗ urteilte den Bauzeichner Emmerich aus Magde⸗ burg, der sich als Ingenieur v. Deutschmann von Johannesburg ausgab und einen Vortrag über die Kriegführung der Buren halten wollte, in Wirklichkeit niemals einen Buren gesehen hat, zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus.— Uebrigens sind mehrere„unechte“ Buren in Deutschland herumgezogen, die Vorträge über den südafrikanischen Krieg hielten und dabei Geld verdienten. Arbeiterbewegung. T Der Metallarbeiter streik bei der Firma Giese und Co. in Offenbach wurde beigelegt. Die Firma hat von der ursprünglichen 25 prozentigen Lohnreduktion 15 pCt. nachge⸗ lassen, sodaß die Arbeiter 10 pCt. zu tragen haben. Die Firma verpflichtet sich, außerdem diejenigen Arbeiter(5 an der Zahl), welche nicht sofort eingestellt werden können wegen Mangel an Arbeit, bei eintretender Besserung zuerst ein⸗ zustellen, bevor andere Arbeiter anfangen können. Im Weiteren verpflichtet sich die Firma, nachdem die im Geschäft vorhandene gegenwärtige un⸗ günstige Geschäftslage überwunden ist, die alten Akkord⸗ und Lohnsätze wieder zu bezahlen. Daraus ergiebt sich wiederum die Lehre, wie nützlich die Organisation für den Arbeiter wirkt. Ohne dieselbe hätten sich die Arbeiter eine 25 prozentige Lohnreduktion gefallen lassen müssen und sie hätten in drei Wochen soviel an Lohn eingebüßt, als die Gewerkschaftsbeiträge das ganze Jahr hindurch betragen. Die Wahlen zum Reichs ver⸗ sicherungsamt, die vor einiger Zeit stattfanden, sind nach dem Korrespondenzblatt der Gewerkschaften in größerem Maaße zu unsern Gunsten Zzusgefallen. Nur den reak⸗ tionären Aucharbeitern von der Seeunfall-Be⸗ rufsgenossenschaft ist es diesmal noch gelungen, den Sieg über unsere Genossen von der See— schiffahrt davonzutragen. Versammlungskalender. Samstag, den 7. Dezember. Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Mitgliedersammlung im Lokale Orbig. Sonntag, den 8. Dezember. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig.— Gesang⸗Verein „Eintracht“. Abends 8 Uhr Zusammenkunft Albold„Zum Gambrinus“. Montag, den 9. Dezember. Gießen. Tapezierer. Abends 9 Uhr Versamm⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Wilh. Becker. Pünttliches und vollzähliges Erscheinen unbedingt erford erlich. Samstag, den 14. Dezember. Friedberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New-⸗York. Sonntag, den 15. Dezember. Gießen. Metallarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Orbig. Volksversammlungen: Samstag, den 7. Dez. in Ortenberg und Sonntag, den 8. Dez. in Bergheim(Kreis Büdingen). 2——————— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebote. 28. November: Friedrich Büttner, Friseur dahier mit Auguste Henrich in Soden. 3. De⸗ zember: Karl Berg, Bäcker mit Anna Hinkler, geb. Backhaus dahier. 4. Dr. phil. Franz Kummer, Gym⸗ nasial⸗Oberlehrer in Chemnitz mit Marie Rudolph da⸗ hier. 5. Emil Mayer, Kaufmann in Wiesbaden mit Else Friedberger dahier. Eheschließ ungen. 30. November: Wilhelm Schmidt, Bahnarbeiter in Alten⸗Buseck mit Katharine Hartmetz dahier. Georg Zimmer, Bahnarbeiter mit Anna Röhrig dahier. Wilhelm Hedderich, Schreiner mit Friederike Berthel dahier. 4. Dezember: Gustav Maisch, Zimmermann dahier mit Katharine Haas in Annerod. 5 Geborene. 23. November: Dem Kreiskasserech⸗ ner Adam Kaus e. T. Dem Eisendreher Justus Horn e. T. 27. Dem Schneider Christian Vaubel e. T. 28. Dem Schaffner Karl Henkel e. S. 30. Dem Taglöhner Konrad Döring e. S. 1. Dezember: Dem Buchhalter Peter Castein e. T. 2. Dem Lokomotivheizer Karl Buseck e. S. Dem Lackierer Philipp Weigel e. S. Gestorbene. 30. November: Wilhelm Aumann, 1 Jahr alt. 1. Dezember: Hermann Homberger, 62 Jahre alt, Fabrikant. 2. Victoria Wagner, 1 Monat alt. Ernst Lotz, 49 Jahre alt, Rentner. 4. Wilhelm Hirdes, 4 Monate alt. Johann Schneider, 63 Jahre alt, Schlosser. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung“ 4 Nr. 4b. e 10 Unterhaltungs-Ceil. 7 — 1 Trost im Winter. Ein rauher Wind kam her von Nord, Die letzten Blüten mußten fort, Der Winter kam zu töten! Die Blätter fegte er vom Baum, Sie konnten vor Entrüstung kaum Und ile mehr erröten. Mit Starrsinn führte er sich ein, Aus Groll besteht sein ganzes Sein, Die Erde starb vor Kummer; Doch ew'ge Furcht fühlt der Tyrann, Daß ein Erlöser aus dem Bann Sie weckt, aus Tod und Schlummer. Die Lehre kennt er, weise, alt: Noch nie konnt' schlimme Rohgewalt Sich lang auf Erden halten— Ein Bess'rer nimmt die Hügel fest Und heilt der Erde schwer Gebrest, Durch gutes, weises Walten. Durch edles Thun, gerecht und klug, Den Wunden, die der Winter schlug Gilt rasch sein erstes Sorgen. Nur Gutes schafft er Schlag auf Schlag Und läßt ersteh'n aus düsterm Tag, Den sonnengoldnen Morgen! Das ist der Lenz, der Freiheit Sohn, Er stürzt den Winter von dem Thron Mit seinen starken Händen! Ein Zukunftsbild— nach starrem Leid Wird auch der Held, der neuen Seit, Der Menschheit Schicksal wenden. Srlösung! jubelt dann die Welt, Der Unechtschaft starre Fessel fällt! Nach rauher Stürme Wehen, Dann, einem Paradiese gleich, Aus Trümmern wird ein goldnes Veich, Im Völkerlenz erstehen! Frieda Pritzlaff. Der erste Schnee. Skizze von E. Schröpel. Nachdruck verboten. Auf den Stufen der Domkirche saß ein altes, notdürftig bekleidetes Mütterchen. Sie achtete nicht des rauhen Herbstwindes, der mit den Blätterleichen der nahen Anlage ein tolles Spiel trieb, sie schlen auch die empfindliche feuchte Kälte nicht zu fühlen. Regungslos, zusammen— gekauert, die matten Augen starr auf den Aus- gang der Kirche gerichtet, saß sie da, ein Bild menschlichen Jammers. Der Gottesdienst war beendet, die Kirchen— besucher strömten dem Ausgange zu. Doch Niemanden aus der„frommen Schax“ rührte das stumme Flehen der greisen Bettlerin. Die Kirche war geleert und alsbald kam der behäbige Meßuer, das Thor zu sperren. Er wies harsch das arme Weib von ihrem Sitze; mühsam raffte sich dieses empor und stieg unsicheren Schrittes die Stufen herab. Unschlüssig, Hilse suchend, stand die Greisin auf der bereits erhellten Straße. Der Wind wurde elsiger und ungestümer, einzelne, große Schneeflocken jagten dahin, es fiel der erste Schnee. Die suchenden Blicke der Bettlerin blieben auf einen Bäckerladen haften, in dessen Schau— fenster das Gebäck verlockend ausgestellt war. Einem raschen Eutschlusse folgend, trat sie in denselben ein. Doch kaum, daß die Alte die Thür hinter sich geschlossen hatte, fuhr sie der Eigentümer des Ladens mit den Worten grob an: „Scher Dich hinaus, alte Hexe und lasse mir die Kälte nicht herein!“ „O sind ste alle herzlos— die Menschen!“ rief die Greisin, als sie sich wieder auf der Straße befand, verzweifelt und voll Bitterkeit. Sie hatte noch mehr als eine Wegstunde zurückzulegen, um das Ziel ihrer Wanderung, das Asyl für Obdachlose, zu erreichen. Mit dem Reste der ihr bereits versagenden Kräfte schleppte sie sich durch die verödeten Straßen der Stadt mühsam fort. Das Asyl lag außer⸗ halb der Stadt, eine langgestreckte Chaussee führte dahin. Die frosterstarrten Füße wollten den müden, ausgehungerten Körper nicht mehr tragen; völlig erschöpft ließ sich das arme Weib auf einen abseits befindlichen Steinhügel nieder und alsbald senkte sich ein tiefer Schlummer auf ihre schweren Augenlider. Der Wind hatte sich etwas gelegt, doch der Schnee fiel immer dichter und dichter. Wie kam es, daß die noch vor wenigen Jahren in zwar bescheidenen, aber geordneten Verhältnissen lebende Greisin, in diese verzweifelte Lage geraten war? Er währte nicht lange, der moderne, gesellschaftlicheZerstörungs— prozeß, dem jährlich tausende und abertausende brave und rechtschaffene Arbeiterfamilien zum Opfer fallen. Mehr als zwanzig Jahre lebte ste glücklich und zufrieden an der Seite ihres Gatten, eines Maschinenbauers. Eines Tages wurde sie be— nachrichtigt, daß ihm in der Fabrik ein Unglück zugestoßen sei. Ein schweres Eisenstück war auf den Unglücklichen beim Abladen gestürzt und hatte ihm den Brustkorb eingedrückt. Er war bereits eine Leiche, ehe man ihn ins Krankenhaus gebracht. In diese Zeit fiel ihres einzigen Sohnes Milttärpflicht. Einige Monate nach dem harten Schlage traf die unglückliche Witwe ein neuer— licher, wuchtiger Schlag. Ihr Sohn war den Strapazen, welchen er bei dem Kaisermanöver ausgesetzt war, erlegen. Nun war sie auch ihres letzten Trostes, ihrer einzigen, künftigen Stütze beraubt. Und so kam es, daß das bejahrte, von den harten Schlägen eee Weib gezwungen wurde betteln zu gehen.— Am nächstfolgenden Tage brachten die Tages— blätter glossenreiche Berichte über den a ten Schneefall und Eintritt der Winterzeit. Neben— sächlich wurde auch erwähnt, daß der erste Winter— frost schon ein Menschenopfer gefordert habe. „Ein altes, verkommenes Weib,“ hieß es in den Zeitungen,„das auf dem Wege nach dem Asyl für Obdachlose, offenbar im trunkenen Zustande in den Straßengraben gefallen war, wurde heute früh von Landleuten im Schnee verweht, erfroren aufgefunden.“— Unter dem Pantoffel stehen. Man sagt, daß man die Ehen in zwei große Arten teilen könne, in unglückliche und in solche, wo der Mann„unter dem Pantoffel stehe“. Mit dieser letzteren Redensart bezeichnet man allgemein die Ehe, wo die Frau das Regiment im Hause führt. Diese Redensart erklärt sich aus einem Rechtsaltertum der Deutschen. Bei den Germanen galt nur der als vollgiltiges und selbstständiges Gemeindeglied, der alle Pflichten, die die Gemeinde auferlegte, zu er— füllen vermochte. Da dies der Frau unmöglich war, war damit auch schon ihre Unselbstständig— keit ausgesprochen und sie in die Gewalt des Mannes gegeben, der sie nach außen hin zu schützen und zu vertreten hatte. Mit der Hochzeit trat die Frau aus der Mundschaft des Vaters in die des Gatten. Altdeutsche Sitte war es nun, diese Mundschaftsübertretung dadurch sinn— bildlich zu bezeichnen, daß der Bräutigam der Braut ein Paar Schuhe schenkte. Sobald diese die Schuhe anzog, in den Schuhen des Mannes also stand, stand sie auch unter seiner Gewalt. Wenn nun in einer Ehe der Mann unter der Herrschaft der Frau stand oder steht, so kann man von einer solchen Ehe sagen, der Mann steht in den Schuhen der Frau. Und als im 17. Jahrhundert für den leichten Frauenschuh der Name Pantoffel aufkam, hieß die allgemeine Redensart: Der Mann steht in dem Pantoffel der Frau. Wie aber ist es zu erklaren, daß die Redens. nicht„in dem Pantoffel“, sondern„unter dem 9 Pantoffel“ lautet. Alte Bücher erzählen, daß 11750 mächtige Könige den unterworfenen Fürsten 0 d ihre Schuhe schickten, welche diese zum Zeichen threr Unterwerfung tragen mußten. Aber nicht ö f, etwa an den Füßen, sondern auf der Schulter, damit die Besiegung allgemein erkennbar sel. Solche Fürsten waren also thatsächlich unter den Schuh gekommen. Erinnert sei hierbei auch% fl! an die Sitte des Altertums, wo der Sieger dem Besiegten den Fuß auf den Nacken setzte. a Auch bei den wilden Völkern findet sich dieselbe! Sitte: Freitag setzte zum Zeichen seiner Unter- würfigkeit den Fuß Robinsons auf seinen Nacken.“ Und so lautet denn unsere Redensart: Unter dem Pantoffel stehen. Mit diesen alten Rechtsgebräuchen hängt dann auch mancher noch heute geübte Hochzeits⸗ ö gebrauch zusammen. An manchen Orten ist es— noch heutzutage üblich, daß der Bräutigam der Bräutigam der Braut vor der Hochzeit ein Paar Schuhe verehrt. Mancherorts lebt auch der Glaube, daß der Teil, der dem anderen de — während der Trauung auf den Fuß tritt, die ue: Herrschaft in der Ehe erlange. Gelingt dies r der Frau, so wird ihr Mann ein Pantoffel⸗ 1 5 held. In anderen Gegenden wieder glaubt“ man, daß der Frau die Herrschaft zufalle, wenn 11 es ihr gelänge, sich vom Bräutigam den linken 10 65 Schuh zubinden zu lassen. 10 Wer soll nun den Pantoffel schwingen, Frau oder Mann? Die Frage ist so wichtig nicht, wenn nur die Gatten in Eintracht, Liebe und Treue miteinander den Lebensweg gehen, „In einer guten Eh' ist wohl das Haußt der Mann. Jedoch das Herz das Weib, das er nicht missen kann.“ Schrieb Moltke doch auch an seine Braut; „Ich verlange nichts Besseres, als unter Deinem kleinen Pantoffel zu stuhen, und es wird Deine Aufgabe sein, mich durch Sauftmut, Nachgiebig⸗ keit und Güte auch dahin zu bringen.“ Ein Sprüchwort. Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt. Uever diesen oft von den Agrariern wiederholten Satz äußerte sich der verstorbene Zentrumsführer Abg. Peter Reichensperger n einer 1887 erschienenen Schrift„Die Gemein⸗ schädlichkeit der in Aussicht gestellten Erhöhungen der Kornzölle“ wörtlich wie folgt:„Dleser Spruch ist ja im allgemeinen vollkommen richtig, allein er bezieht sich auf den Erutesegeh, der vom Himmel fällt und als solcher, wie mit seinem Geldertrage, direkt oder indirekt allen zu gute kommt. Hier aber handelt es sich um Geld, das dem Städter erst abgenommen werden soll, um wie man sagt, damit den Bauer, zum Vorteil des Städters, kauffähig zu machen. Diese Kunstleistung scheitert indessen schon daran, daß nach dem Vorhergesagten nur eine kleine Minderheit von Bauern, keineswegs der wirklich massenhafte Bauernstand, durch dle 0 Brotverteuerung wohlhabender und kauffähiger wird, der letztere vielmehr ebenso wie alle übrigen Volksklassen durch die Verteuerung an Kaufkraft verliert. Handel und Judustrie können U daher auch nicht indirekt wieder gewinnen, was 10 sie direkt durch Verteuerung des eigenen Brotes, außerdem aber noch indirekt durch die in freund⸗ liche Aussicht gestellte, eventuelle Lohnerhöhung 1 der Arbeiter verlieren müssen, ganz abgesehen davon, ob bei einer solchen Lohnerhöhung noch die Konkurrenz unserer Industrie mit der aus⸗ 2 ländischen bestanden werden kann.“ Heute singt 1 auch das Zentrum anders. Gemeinnütziges. 105 um die e der Schweine zu erhöhen, empfiehlt es sich, jedem Tier täglich etwa zwei Hände voll gesalzenen Hafer zu geben. Der Hafer ist zwei Tage in der Weise in ein Gefäß zu legen, daß zwischen jede Luge Körner eine dünne Schichte Salz aufgestreut ö wird, und darüber kommt nach dem Eindrücken ö mit den Händen etwas Wasser. Zu beachten 1 — Orlen ift dutigam 1 acht t lebt a en andere ug tritt, Gelingt U u Pantoff ieder glaah zufalle, wen n den linke schwing t so wich tracht, Oh weg gehe V Haußt hy das er nic seine Bra nter Deinen Wird Da Nachgebg gen.“ die gate n Aglatfah r berstorbel aushel Die Gennel Cr Thöhung 0 lt:„ael men. 0 rn me cel, dire 11 0 1 es sich f geo damit fauffahh tert! de ang 1 Nr. 49. Mitteldeutsche Sonutaas⸗Zeitung. Seite 7. ist dabei, daß der Hafer tüchtig anquillt, wes⸗ h das Gefäß nicht vollständig gefüllt werden dar —— Splitter. Der ist in Allem der Beste, der selbst sich Alles zurecht legt; Tüchtig ist dann auch Jener, der weiser Rede Gehör gibt; Doch wer selber nicht denkt, noch Andret Rede vernehmend, Selbe im Herzen erwägt, der ist ein völliger Nichtsnutz. Hesiod. Humoristisches. Die kleine unschuld. Bekannter vom Hause: Nun, Hänschen, möchtest Du noch ein kleines Schwesterchen haben? Hänschen: Ach ja! Bitte be⸗ sorg' mir eins, aber weißt Du, ohne daß Mama es merkt— wir wollen sie damit überraschen! Aha!„Es ist doch eine ganz andere Sache, wenn man verheiratet ist; früher hatte ich nie einen Knopf am Hemd—„Na, und jetzt, wo Du eine Frau hast?“—„O, jetzt hab ich gelernt, wie ich mir welche annähe!“ Schlau. Staatsanwalt: Warum haben Sie Ihre vierzehn Tage noch nicht abgesessen? Ich wollte warten bis Mitte Dezember, weil da die Tage am kürzesten find. Kämpfe, Freund, weil der Weihnachts mann, Dir die Freiheit nicht schenken kann. Litterarisches. Die Sozialistischen Monatshefte haben soeben das Dezemberheft ihres siebenten Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Paul Göhre: Wandlungen der National- sozialen.— Paul Müller: Seemanns Leben und Leiden.— Dr. Wilhelm Ellenbogen: Der Partei- tag der österreichischen Sozialdemokratie.— Eduard Bernstein: Glossen zur österreichischen Programm- diskusston.— Richard Calwer: Die Forderungen der Konfektionsarbeiter in handelspolitischer Beleuchtung. — Isegrim: Skizzen aus der sozialpolitischen Litteratur und Bewegung. VII. Tirpitz hat gesagt...— Paul Hirsch: Das kommunale Wahlrecht in Preußen. — Dr. Hans Müller: Karl Bürkli.— Julius Bab: Der Zusammenhang.— Wilhelm Bölsche: Die Schule und die Sprache.— Rundschau: Politik von Richard Calwer.— Wirtschaft: von Marx Schip⸗ pel ꝛc.— Als Beigabe bringt das Heft ein charakte⸗ ristisches Portrait vou Karl Bürkli,— Der Preis des Heftes beträgt 50 Pfg., pro Quartal 1.50 Mk. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 3. Dezember: Butter per Pfd. Mk. 1,20— 1,35, Hühnereier 1 St. 8— 10 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 0—0 Pfg., Erbsen per Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 3,20—3,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,00 5,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,70 bis 1,00, Hühner per St. Mk. 1,00— 1,20, Hahnen per St. Mk. 0,70— 1,00, Enten per St. Mk. 1,20 bis 2,50, Gänse per Pfd. 52—60 Pfg. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 70 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60—66 Pfg., Hammelfleisch 50—70 Pfg. Auf dem Fruchtmarkt in Limburg am 4. Dez. kostete durchschnittlich pr. Malter: Roter Weizen 13.86 bis 00.00 Mk., Weißer Weizen 00.00- 00.00 Mk., Korn 10.19 Mk., Gerste 9.03 Mk., Hafer 7.40 Mk. gut und billig!— SGG Sessel, Vertikows, Kleider⸗ Eigene große Schreinerei. 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Was können die Gewerkschasten d Adressen der Gewerkschafts-Organt⸗ sattonen, Gewerbe-Inspettoren, Arbettersekretariate. Neue Arbeiterschutzbestimmungen. Prakt. Winke für Arbeitsverhältuiß. gestalten diesmal den Kalender für Cewerkschaften und Partei .... Ceneral-Fersammlung der allgemeinen Sterbekasse Gießen Sonntag, den 8. Dezember, nachm. 4 in er Restauration Zum Lolly's Bierkeller ar 1000). Tag agtassenbericht. 1. Geschäfts⸗ und Kassenberi 2. Neuwahl des Vorstands und Aufsichtsrats. 3. Erhöhung des Sterbegeldes. 4. Verschiedenes. i Um zahlreiches, pünktliches Erscheinen wird, wegen Wichtigkeit der Tagesordnung, ersucht. Gießen, den 1. Dezember 1901. zu einem besonders prantischen und J agltatorlschen Hachlchlagebuch. 1 Durch jede Buchhandlung zu beziehen. Buchhandlung Vorwärts Perlin SW., Benthstr. 2. 5 9 Seite 8. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 49. I 0 Richard Loewenthal& COO. Bahnhofstraße! 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Ottmanns Druckerei, Gießen. 1 — — — - CCC KT — 2 S Beilage eur Mitteldeutschen Sonntags-Teitung. Nr. 49. Gießen, Honntag, den 8. Dezember 1901. 8. Jahrg. Lassalle und die Gräfin Hatzfeldt. Vorige Woche meldete ein Telegramm aus London, daß dort der bisherige deutsche Bot⸗ schafter Fürst Hatzfeldt am 22. Nov. gestorben sei. Wenige Tage vorher hatte er seinen Posten oe d und dieser Umstand gab unserm Genossen Mehring Veranlassung, die Kämpfe in Erinnerung zu bringen, die vor einem halben Jahrhundert Ferdinand Lassalle führte, um der Mutter des Verstorbenen und diesem selbst 1 ihrem Rechte zu verhelfen. Für die sozial⸗ emokratischen Parteiangehörigen sind diese Dinge wichtig und interessant genug, daß wir es für angebracht halten, einen Teil der Ausführungen Mehrings in der„Neuen Zeit“ auch in unserm Blatte wiederzugeben. Geboren am 8. Okt. 1831, ist Graf Melchior Paul Hatzfeldt das dritte und jüngste Kind aus der Ehe, die Graf Edmund von Hatzfeldt⸗ Kinsweiler am 9. August 1822 auf dem Schlosse Allner mit der Gräfin Sophie Hatzfeldt, einer Tochter des Fürsten Hatzfeldt, geschlossen hatte. Diese Heirat war einer jener Kaufkontrakte, die der bürgerlichen Ehe nach der Meinung ihrer Bewunderer eine so besondere„Heiligkeit“ ver⸗ leihen. Die Braut vollendete am Trauungstage 3 ihr sechzehntes Lebensjahr: in so zarter ugend, noch kindisch, geistig und, wie spätere ärztliche Zeugnisse feststellten, auch körperlich unreif, wurde sie dem Grafen Hatzfeldt über⸗ antwortet, der landauf landab am Rhein als sardanapalischer Wüstling berüchtigt war. Majoratsstreitigkeiten zwischen der fürstlichen und der gräflichen Linie des Hauses Hatzfeldt, die sich auf den Revenuengenuß und die Admi⸗ nistration der Herrschaften Trachenberg und Schönstein⸗Wildenburg bezogen, hatten es als ein erwünschtes Auskunftsmittel erscheinen lassen, daß der damalige Status quo*) fortbestehen solle, der Graf Edmund Hatzfeldt aber eine Tochter des Fürsten Hatzfeldt zu ehelichen und mit ihr in Gütergemeinschaft zu treten habe. Der Graf wählte die sechszehnjährige Sophie, obgleich ihre beiden älteren Schwestern noch unverheiratet waren. Was ihn zu dieser Wahl bewog, war ein öffentliches Geheimnis. Seine Hauptmaitresse, eine Gräfin Nesselrode-Ehreshoven, hatte ver⸗ langt, daß er sich für die kindische, unentwickelte und allgemein für beschränkt geltende Sophie entscheiden sollte, um desto ungestörter ihr Ver⸗ hältnis mit dem Grafen fortsetzen zu können. Sogar die Eltern der Braut wußten, woran sie waren, doch bei den Moralbegriffen, die in den Kreisen„der Edelsten und Besten“ herrschen, begnügten sie sich, in den Ehepakten, festzusetzen, daß der Graf seiner Gattin mit der reinsten, zärtlichsten Liebe und Treue lebenslänglich bei⸗ wohnen solle, und ihm das feierliche Ehrenwort abzunehmen, daß er seine Hauptmaitresse mit der Ehe verabschieden werde. Natürlich dachte der Sünder nicht daran, seine Versprechungen zu halten. Vielmehr machte er seiner jungen Gemahlin vom ersten Tage der Ehe an das Leben zu einer Hölle, deren ausgesuchte Foltern jeder Beschreibung spotteten. Sie ertrug es lange, bis die raffiniertesten Kränkungen ihrer Mutterliebe endlich etwas von der Löwin in ihr erweckten, die um ihre Jungen kämpft. Es gelang dem Grafen, den äͤltesten Sohn als den Majoratserben ganz von ihr abzusperren, und die Tochter, das zweit⸗ geborene Kind, in ein Wiener Kloster zu ver⸗ graben. Um so furchtbarer entbrannte der Kampf um das letzte Kind, den Sohn Paul, der mit ärtlicher Liebe an der Mutter hing. Vergebens suchte ihn der Vater erst in einem Freiburger Jesuttenkloster, dann in der Potsdamer Kadetten⸗ austalt zu einer willenlosen Puppe zu dressteren; vergebens wandte er jedes Mittel der List und der Gewalt an, den Sohn von der Mutter zu trennen. ) Bisherige Zustand. Aus diesem vieljährigen Kampfe mögen hier nur zwei Episoden erwähnt werden, die zugleich für vormärzliche Zustände höchst bezeichnend find. Indem der Graf Hatzfeldt die viehische Verleumdung verbreitete, seine Frau sei eine Messaline, die den siebenjährigen Knaben zu unnatürlichen Ausschweifungen verleite, ließ er das Kind in Baden-Baden, wo sich Paul mit seiner Mutter aufhielt, durch einige Banditen von der Promenade rauben. Sobald die Gräfin durch das Ausbleiben des Kindes und seiner bestochenen Wärterin Verdacht schöpfte, suchte und fand sie schnell entschlossen die Spur der Entführer, sandte Estafetten voraus, um die Poststationen zu benachrichtigen, jagte selbst mit den schnellsten Gäulen hinterher, die sie auf⸗ treiben konnte, holte die Verbrecher in Hatters⸗ heim ein und rief die schnell zusammen strömende Bevölkerung an, vor deren drohenden Haltung die Banditen das Kind wieder herausgaben. Gefährlicher war ein zweiter Ueberfall. Die Gräfin war mit dem Kinde zu ihrem Bruder, dem Fürsten Hatzfeldt in Breslau geflüchtet. Der Graf aber hatte eine Kabinettsordre des Königs Friedrich Wilhelm IV. erwirkt, wonach ihm das Kind ausgeliefert werden sollte; eine so gottesfürchtige Majestät, wie dieser Monarch, nahm natürlich die Partei des sardanapalischen Wüstlings und nicht die Partei der schändlich verschacherten Frau. Kaum war aber die Kabinetsordre ausge⸗ führt und das Kind von Militär- und Polizei- Beamten gewaltsam aus seinem Asyl entführt worden, wandte sich der Bruder der Gräfin in einem energischen Schreiben an den König, in welchem er die Herausgabe des Kindes ver⸗ langte, andernfalls wolle er den offenen Rechts⸗ weg betreten. Das wirkte. Der König gab klein bei, die Gräfin erhielt ihren Sohn zurück. Gleichwohl wäre sie auf die Dauer unter⸗ legen, wäre sie den Tod der Infamie gestorben unter der unerschöpflichen Flut von Verleum⸗ dungen, die von den litterarischen Lakaien ihres Mannes gegen sie verbreitet wurden und in der lakaienhaften Presse des vormärzlichen Deutsch⸗ lands ein bereitwilliges Echo fanden. Was sie allein retten konnte, hatte ihr Bruder richtig erkannt, aber wenn der„offene Rechtsweg“ diesem Feudalherrn gut genug war, um damit seinen angestammten König einzuschüchtern, so war er ihm längst nicht gut genug, um darauf seine unglückliche Schwester zu retten. Lieber mochte sie langsam hingemordet werden, ehe die Brandmarkung des Mörders den feudalen Glanz des Hauses Hatzfeldt befleckte! Wie die Gräfin und ihr Sohn dennoch gerettet wurden, das ist bekannt genug. Der junge Lassalle wurde der Mutter zum treuesteu Freunde und dem Sohne zum sorgsamsten Erzieher; er beschritt den „offenen Rechtsweg“, und in einem achtjährigen aufreibenden Kampfe rettete er der Mutter und dem Sohne das große Allodialvermögen des Hauses, das ihr natürlicher Beschützer eben seinen Dirnen zu verschreiben beflissen war. Es sind Zeugnisse genug dafür vorhanden, daß Graf Paul Hatzfeldt von schöner Dankbar⸗ keit gegen seinen und seiner Mutter Retter erfüllt war. Man braucht nur die„Neue Rheinische Zeitung“ aufzuschlagen, um zu er⸗ kennen, wie frisch und munter der achtzehnjährige Jüngling in den Jahren 1848 und 1849 an Lassalles Seite den revolutionären Emanzipa⸗ tionskampf der rheinischen Arbeiter mitgemacht hat. Wenn er später andere Wege gegangen ist, so verdient er deshalb so wenig einen Vorwurf, wie er dadurch der Sache geschadet hat. Junker bleiben doch immer Junker, und selbst die frischeren Zweige solcher vermorschten Stämme pflegen keinen Samen zu zeitigen, der in revolutionärem Erdreich gedeiht. Die Gräfin Hatzfeldt war sicherlich eine ungewöhnlich ge. scheite Frau und jede Faser ihres Herzens war von dankbarer Gesinnung gegen Lassalle getränkt, aber doch hat sie nur Unheil gestiftet, als sie nach Lassalles Tod sich in die Arbeiterbewegung mischte. Sie ist dadurch selbst, wider ihren Willen, undankbar gegen ihren Retter geworden, indem sie die ihr testamentarisch vermachten Briefschaften und Papiere Lassalles nur denen zur Einsicht anvertrauen wollte, die sich der unmöglichen Bedingung unterwarfen, von vorn⸗ herein auf jede konfuse Vorstellung der Gräfin zu schwören. Diese Briefschaften und Papiere nun herauszugeben hält Mehring für eine An⸗ standspflicht des Grafen Hatzfeldt gegen seinen Beschützer. Durch seinen plötzlich erfolgten Tod sind die Dokumente wieder in andere Hände übergegangen und es besteht nur wenig Aussicht, daß sie je ans Tageslicht kommen. Von Nah und Fern. Wie das Volk lebt. Von entsetzlichem Elend zeugt folgende Mitteilung der„Dresdener Zeitung“, die wahr⸗ scheinlich aus Lehrerkreisen stammt: In einer sächsischen städtischen Bezirksschule(eine nähere Bezeichnung giebt das Blatt leider nicht) ver⸗ anstalteten mehrere Lehrer durch Befragen der Kinder eine stille Zählung, wie viel Kinder jetzt kein warmes Mittagessen haben, und was die— jenigen, die ein solches haben, meistenteils mittags essen. Es stellte sich heraus, daß un⸗ gefähr 25 bis 30 Prozent seit Monaten kein Mittagbrot haben, sondern statt dessen eine trockene„Bemme“, das ist ein trockenes Stück Brot. Das sogenannte Mittagbrot der Glück⸗ lichen bestand in rund 50 bis 60 Prozent aus Kartoffeln mit Leinöl; Fleisch, Speck, Wurst gab es nicht. Zu diesem herzergreifenden Bericht gehören folgende Begleitworte der Herren Aerzte und Lehrer, durch deren Hände er gegangen ist:„Und von dem armen Volke wollen unsre Agrarier und Konservativen jetzt erhöhte Lebens- mittelzölle nehmen! Sie mögen sich schämen!“ Es sind in verschiedenen Teilen Sachsens solche Zählungen vorgenommen worden; sie werden Aufsehen erregen, denn man wird sie nicht ver— borgen halten. Kommunalwablen in Hessen. Bei der am 30. Nov. stattgefundenen Stadt⸗ verordnetenwahl in Darmstadt wurden zum ersten Male zwei sozialdemokratische Kandidaten, die Gen. Cramer und Stephan gewählt. Von den zwei bürgerlichen Listen, die in Vorschlag kamen, berücksichtigte die der Bezirksvereine alle Parteien, während die Nationalliberalen Sozial⸗ demokraten ausschlossen. Daraufhin stimmten unsere Genossen auch für keinen Nationalliberalen. — Bei der Wahl in Alzey wurde einer unserer Genossen gewählt. Dort hatten sich merk⸗ würdiger Weise sämtliche Parteien mit Ein⸗ schluß der sozialdemokratischen gegen die Frei⸗ sinnigen vereinigt.— Die Wahl in Mainz geht am 9. Dezember vor sich; dort gehen unsere Genossen mit den Nationalliberalen, Freisinnigen und Demokraten zusammen gegen das Zentrum.— Die Wahl in Bürgel bei Offenbach ist beanstandet worden, weil der Bürgermeister verschiedene Verfehlungen beging. Es muß eine Neuwahl stattfinden, wobei der Bürgermeister die auf die Gemeinde entfallenden Kosten übernimmt. Den gemachten Fehlern lag keine unlautere Absicht zu Grunde. Nachspiel zum Sternberg Prozeß. Während des großen Prozesses gegen den Bankier Sternberg war sehr oft von einem „Kapitän Wilson“ die Rede, dessen Existenz aber eine zeitlang zweifelhaft war. Später stellte sich jedoch heraus, daß unter dieser Flagge ein gewisser Adolf Kühne segelte, der als Agent Sternbergs mehrere Zeuginnen durch Geldge— schenke zu falschen Aussagen zu Gunsten Stern⸗ bergs verleitete. Für diese Thättgkeit hatte Kühne Monate lang 20 Mk. Diäten von dem„Geschäftsführer“ Sternbergs, Luppa, be⸗ zogen. Der Verleitung zum Meineid angeklagt, wurde Kühne am 29. Nov. von der Straf⸗ kammer beim Berliner Landgericht 1 zu 2½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Dre eee Seite 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. e FPaletots Ill te pat Flocone, Ratinéè und Double mit Plaid futter und Sammtkragen S MX. — —ů—ů ůůůů 300 feine Kamm. garn Anzüge 13.50 MK. „„ Einen Riesenposten 16PPEU mit Futter, Muff taschen u. Schnallen etc. 3.50 MIX. EEE BM?V.. ð ͤ.———ů——ůͤ— z Alles für Erwachsene. b yꝓy—— Oberhess. Kleider-Bazar Marburg. Versand gegen Nachnahme Casseler. 1 . 2 Schirmfabrik Th. Budde& Co. Giessen, Marburg L., Puppen- und Kinder- Sportwagen. J. H. 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Für Mlagenleddende 5 Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, zu heißer oder zu kalter Speisen, oder durch unregelmäßige Lebensweise ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdauung oder Vor⸗ schleimung zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt sind. Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der Hubert Ulrich che Kräuter-Wein. Dieser Kräuter-Wein ist aus vorzüglichen, heilkräftig hefundenen Kräutern mit gutem Wein bereitet, und stärktt und belebt den ganzen Nerdaunngsorganismu⸗ des Menschen, ohne ein Abführungsmittel zu sein. Kräukerwein beseitigt alle Störungen in den Blut- gefäßen, reinigt das Blut von allen verdorbenen, kraukmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Nen⸗ bildung gesunden Blutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen bbveralieten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft 5 nach einigen Mal Trinken beseitigt. 55 1655 und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: n Kolikschmer- Men, UHerzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen in Leder, Milz und Pfortadersystem(Hämorrhoidalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, Entkräftung sind meist die Kalz schlechter Verdaunng, 8 mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ haften Zustandes oer Leber. Bet gänzlicher Appetitlosigkeit unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, schlaflosen Nächten, Kräuter⸗Wein ischen Impuls. Z um sowie häuftgen Kopfschmerzen, siechen oft solche Kranke langsam dahin. giebt der geschwächten Lebenskraft einen N Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und Ernährung, regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven unnd schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗ Wein ist zu haben in Jlaschen a Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, Groß ⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. usw. in den Apotheken. 7 Auch versendet die Firma„Hubert Ullrich, N Weststrasse 82, 3 u. u. mehr Flaschen Kräuterwein zu Ork⸗ ginalpretsen nach allen Orten Deutschlands porto- u. kistefret. 1 Vor Nachahmungen wird gewarnt. N Man verlange ausdrücklich Hubert Ullrieh'schen Kräuter-Wein. Mein Kräuter⸗Wein ist kein Geheimmittel; seine Bestandteile sind Malagawein 450,0, Weinsprit 100,0, Glycerin 100,0, Roth⸗ wein 240,0. Ebereschensaft 150,0, Kirschfaft 320,0, Fenchel Anis, Helenenwurzel, Enzianwurzel, a Kalmuswurzel Aa. 10.0. amerik. Kraftwurzel, A onn oon T feat al e iert t en achließl ben nt ber i ann 5 elende oh bei age! oheres! cht wi selten Juublnz wückger obinz es lurchsch Mü wegu Idersei cnell . 0 u Zei ag nie thun halten, f I unge gen d