leer. Nfg 2 — 1 Jeumanuo 2. 101 2 und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen dieselben nicht mit einem Finger regen.“(Matth. 23, H).„Wehe Euch, fat —— — ur. 1. — N 5 1 „ * 3 1 schärften Arbeitslosigkeit, Gießen, Sonntag, den 7. April 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Jon M Webaltionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 U . Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land- die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Be 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% 2 Juserate gespalt. Bei mindestens stellung dee Frühlingsglaube. g= Nun ist vorbei des Winters Toben, Das die Natur in Frost gebannt, Und alles Blühen, alles Leben Umschloß mit rauhem ESisgewand. Und wie das Raubgetier sich flüchtet In seine Höhlen nach der Nacht, So ist der Winter nun gewichen Des Sonnenlichtes Saubermacht. Welch' Leben, welche Pracht und Fülle! Wo noch vor Wochen alles tot, Dort blüht und singt und rauscht und strahlt es, Vom Morgen bis zum Abendrot. Nur du mein Volk bleibst ernst und traurig Bei all' dem Blühen, allem Sang Und keine Frühlingssonn' erwärmet Dein Herz zu stolzem Thaten-Drang. Dein Leben ist ein ew'ger Winter, Der Geist und Körper niederhält Und jede Lust und Schattensfreude Im Daseinskampf dir vergällt. Doch darfst du deshalb nicht verzagen, Nicht der Verzweiflung Gpfer sein; Auch dir erstrahlt nach finstern Tagen Des Frühlings heller Sonnenschein! Schon schwingt dein Geist im kühnen Fluge Sich auf zur Freiheit lichten Höh'n, Schon ahnst auch du des Frühlings Kommen, Der Menschheit endlich Aufersteh'n. Bald ist der letzte Stein gefallen Der festen Burg der Tyrannrei, Bald sind die Schranken all durchbrochen, Die dich gehemmt und du bist frei! Drum auf mein Volk, zum heil'gen Streite, Wirf ab dein Elend und dein Leid, Dann wird und muß sie endlich kommen, Die heißersehnte Frühlingszeit. R. Preußler. Ostern. Wieder ist es für die nördliche Erdhälfte Frühling geworden. Sehnsüchtiger als je wurde in diesem Jahre der Ankunft des Lenzes entgegengeharrt. Für die Millionen der Lohnsklaven und Besitzlosen bedeutet der Winter eine Periode schwererer Leiden, härterer Entbehrungen. Und der ver⸗ flossene dehnte seine Herrschaft ungebührlich lange aus; hartnäckig hielt er die Erde mit seiner Eiskruste umspannt, lange blieb er Sieger im Kampfe mit dem Frühling. Dazu ver⸗ Kohlenteuerung die Not. Desto inniger begrüßen die Armen die Wiederkehr des Lenzes; umso freudiger feiern sie das Fest des Frühlings, das Osterfest. Ostern ist ebensowenig als Weihnachten und Pfingsten ein spezifisch christliches Fest. Schon Jahrtausende vor Christo feierten es die Völker als das Fest der wiedererwachenden Natur. Die christliche Kirche ließ, zur Macht gelangt, die althergebrachten Feste bestehen, legte ihnen nur eine andere Bedeutung unter. So wurde Ostern das Fest der„Auferstehung“ Christi, des„Sohnes Gottes.“ Unsere Blicke werden hingelenkt auf den Kampf und den Märtyrertod jenes edlen und reinen Menschen, nach dem die christliche Kirche sich nennt. Mit welchem Feuereifer bekämpfte er die Lüge und Heuchelei der Pfaffen, der Pharisäer und Schriftgelehrten, wie thatkräftig nahm er sich des armen Volkes gegen seine Bedrücker an! Wuchtige Anklagen schleuderte er der herrschenden Klasse entgegen. „Sie binden schwere und unerträgliche Bürden ihr Pharisäer und Schriftgelehrten, ihr Heuchler, die ihr der Witwen Häuserfresset.“(Matth. 23,14.) „Wehe euch, ihr Reichen, ihr habt euern Trost 0 dahin.“ Er rief das Volk zum Kampfe auf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert!“ Er predigte den Umsturz. „Es ging, wie noch immer in der Geschichte bis heute. Den Freund der Wahrheit und ber Armen klagten die Herrschenden, die„Ord⸗ nungs“leute seiner Zeit der Volksverhetzung und des Hochverrats an— er mußte den schimpflichen Kreuzestod erleiden. Wir ehren sein Andenken. Nicht im Sinne frömmelnder Heuchler, die seine reine Lehre der G erechtig⸗ keit und Menschlichkeit verfälschen, zur Unterdrückung und Knebelung des Volkes miß⸗ brauchen. Wir ehren ihn, indem wir seinem Beispiele folgen und ohne Rücksicht auf Be⸗ schimpfungen und Verfolgungen gegen Lüge, Un⸗ gerechtigkeit und Ausbeutung ankämpfen. Bete lige sich jeder nach besten Kräften an diesem Kampfe! Obwohl schon manches erreicht, bleibt noch sehr viel zu thun übrig! Und wie der Frühling siegt über Winters Gewalt, so werden unsere Ideale: Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle Menschen zum Siege gelangen, trotz der feindlichen Gewalten der Finsternis und des Rückschritts. In diesem Sinne: Fröhliche Ostern! Die hessische Laudtagswahlreform. Vor einiger Zeit hat die hessische Regierung den Gesetzentwulf, die Landstände betreffend veröffentlicht. Durch diesen Gesetzentwurf, der, wie wir gerne zugeben wollen, eine Aenderung des bisher in Hessen bestehenden Wahlrechts zum Landtag in einigermaßen freiheitlicher Rich⸗ tung vorsieht, hat sich die Regierung heftige An⸗ griffe von Seiten des reaktionären Scharfmacher⸗ tums zugezogen. Von dieser Seite betrachtet man die Entwickelung der Dinge in Hessen schon seit längerer Zeit mit scheelen Augen. Schon mehrfach erregten gewisse Vorgänge und Regierungshandlungen, in denen auch der größte Angstmeier nichts„Radikales“ oder gar„Re⸗ volutionäres“ finden wird, den höchsten Miß⸗ fallen und Aerger der preußischen— und anderer— Rückwärtser, die sich nun einmal keinen Minister denken können, der sich nicht mit Haut und Haaren dem Junkertum und den Rittern vom Schlot verschrieben hat. Auch der vorliegende Gesetzentwurf geht den Scharf— machern wider den Strich. So schrieb die ⸗Post“— die bekanntlich der verstorbene König Stumm finanziell unterstützte— darüber: Die Regierung macht diese Vorlage, ohne irgend welche Kompensationen zu fordern oder gar erhalten zu haben. Sie folgt dabei Anregungen, die aus der Kammer heraus an sie ergangen sind. Von irgend einem Versuch, das Wahlrecht und etwa die Wahlkreise zeitgemäß zu ändern: unter Aufrechthaltung zuverlässiger Garantien gegen die Herrschaft der Masse, ist keine Rede... Man scheint sich in dem Ruhme zu gefallen,„das freisinnigste Wahl⸗ recht aller Bundesstaaten“ zu haben. Weite Kreise der Bevölkerung sind, wie uns aus Darmstadt geschrieben wird, von dieser Vor⸗ lage auf das Peinlichste berührt und erblicken darin eine große Gefahr für die dortigen öffentlichen Zustände. Die Ver⸗ mehrung der Abgeordneten der Städte be⸗ deutet bei direkter Wahl ohne weiteres eine Vermehrung der sozialdemokratischen Sitze, und solche hat man in Darmstadt bereits vier oder fünf.(Es sind ihrer sechs! Red.) Wir können uns diesem uns zuge⸗ gangenen absprechenden Urteil über diese Vor⸗ lage nur anschließen, die auch wir im staatserhaltenden Sinne für unheil⸗ voll ansehen müssen. So und ähnlich ertönt das Wutgeheul der patentierten Ordnungshelden an der Spree und ihrer Soldschreiber. Man will der hessischen Regierung das Gruselu vor ihrer Vorlage bei⸗ bringen. In diesem edlen Bestreben werden die preußischen Scharfmacher von ihren hes⸗ sischen Gesinnungsverwandten weidlich unter⸗ stützt; auch die Antisemiten, die natürlich bei jedem reaktionären Streich dabei sind, tuten in dasselbe Horn. Ihr Offenbacher Blatt faselt in seiner Nr. 21 davon, daß dieser Wahl⸗ gesetzentwurf eine Bevorzugung des Prole⸗ tariats bedeute, sogar zudessen Herrschaft führe,„die einem Lande zum Verderben sei.“ Zunächst sind wir der Meinung, daß die Herr⸗ schaft des Proletariats ein Segen für das Land und das gesamte Dolk wäre. Dann gehört aber eine starke Portion bürgerlicher Beschränktheit und Angstmeierei dazu, solche Wirkung von dem vorliegenden Gesetze anzu⸗ nehmen. Vielleicht spricht das antisemitische Blatt derartige Befürchtungen auch nur aus, um die Verschlechterung des Entwurfes vorzu⸗ bereiten und noch rückschrittlichere Bestimmungen als er ohnehin schon enthällt, hineinzubringen. o Rabat: Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. Dadurch glaubt die in unaufhaltsamen Auf⸗ lösungsprozeß befindliche antisemitische„Volks⸗ partei“ ihre Existenz noch eine Weile zu fristen. Aber auch auf parteigenossischer Seite be— grüßte man den Entwurf sympathisch. Und doch ist er, an unsern Programmforderungen gemessen, reaktionär. Gewiß ist die Ein⸗ führung der direkten Wahl gegenüber dem alten Wahlgesetze ein Fortschritt. Das ist aber auch Alles. Zunächst bleibt das Zweikammer⸗ sy stem bestehen. Dadurch sind von der Regierung nur der besitzenden Klasse bedeutende Vor- rechte eingeräumt; ihr das Uebergewicht dem Volke gegenüber gesichert. Die er ste Kammer, die sich aus Prinzen und Adligen zusammen⸗ setzt, bildet außerdem einen Hemmschuh für jeden Fortschritt. Wir fordern das Stimmrecht für alle 20 Jahren alten Reichsangehörigen ohne Unter⸗ schied des Geschlechts. Daß man stch dazu auf⸗ schwingen würde, endlich auch den Frauen das Wahlrecht einzuräumen, war von vorn— herein nicht zu erwarten, obwohl kein vernünf— tiger Grund besteht, es ihnen vorzuenthalten. Ebenso wenig kann ein solcher gegen die Aus⸗ dehnung des Wahlrechts wenigsteus auf alle Großjährigen angeführt werden. Warum soll der Bürger, der dem Staate gegenüber Pflichten zu erfüllen hat, nicht auch Rechte genießen? Die Bestim mung, daß jeder Wähler seit drei Jahren die hessische Staats ange— hörigkeit besitzen muß, ist nun ganz und gar rückständig. Dadurch sind zahlreiche Bürger thatsächlich rechtlos gemacht, viele davon nur, weil sie versäumt haben, eine Formalität zu erfüllen. Ueber die Forderung der drei⸗ jährigen Staatsangehörigkeit heißt es in der Begründung, daß, wer an den Wahlen zum Landtag teilnehmen wolle, Gewähr dafür bieten müsse, daß er nicht vom augenblicklichen In⸗ teresse geleitet sei,„sondern daß die Ausübung des Wahlrechts vom richtigen Verständniß für die Verhältnisse und Bedürfnisse des Landes getragen sei.“ Was man darunter zu verstehen hat, darüber gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Mancher„Ausländer“, der ein halbes Jahr in Hessen wohnte, kann mehr Verständnis für die Bedürfnisse des Landes als ein geborener Hesse besitzen. Wir meinen, es genüge vollkommen, wenn als Voraus⸗ setzung des Wahlrechts gefordert wird, daß der Wähler ein Jahr innerhalb der rot-weißen Grenzpfähle wohnt.— Auf die Wahlpflicht, deren Aufnahme in das Gesetz von national⸗ liberaler und antisemitischer Seite verlangt wird, wollen wir in der nächsten Nummer ein⸗ gehen, ebenso auch noch einige andere Be— stimmungen des Entwurfs. Politische nundschau. Gießen, den 7. April. Bajonette gegen die Bürger. Erst wenige Tage sind verflossen, seitdem der Kaiser in seiner Ansprache an die Präsidenten des Abgeordnetenhauses alle Stände für das Sinken der Autorität der Krone verantwortlich machte und schon erregt eine neue Rede allgemeines Kopfschütteln. Vorigen Donnerstag bezog das Alexander⸗Grenadier⸗Regiment in Berlin seine neue Kaserne. Dieses Truppenquartier liegt ganz in der Nähe des kaiserlichen Schlosses, ist festungsartig gebaut und mit Schieß⸗ scharten versehen. Der an sich so unbe— deutende Vorgang der Umquartierung eines Truppenkörpers gestaltete sich zu einer aufsehen⸗ erregenden Kundgebung. Der Kaiser selbst führte das Regiment in die neue Kaserne. Dort bildeten die Truppen Karree und der Kaiser hielt folgende Ansprache: „Wie eine feste Burg ragt dieses neue, schöne Regimentshaus in nächster Nähe meines Schlosses. Ihr seid darum ge⸗ wisser maßen die Leibwache des preußischen Königs und müßt bereit sein, Tag und Nacht Euer Leben in die Schanze zu schlagen, Euer Blut zu ver⸗ spritzen für Euren König! Ich bin der festen Ueberzeugung und dessen gewiß, daß Ihr der Tradition und der Geschichte des Regiments entsprechend, Eure Pflicht allezeit treu er⸗ füllen werdet, wenn jemals wieder schwere Zeiten kommen sollten, wie diejenigen, welche dieses Regiment durchgemacht hat. Wenn die Stadt Berlin noch einmal wie im Jahre 1848 sich mit Frechheit und Unbotmäßigkeit gegen den König erheben wird, dann seid Ihr, meine Grenadiere, dazu berufen, mit der Spitze Eurer Bajo⸗ nette die Frechen und Unbotmäßigen zu Paaren zu treiben.“ Natürlich mußte diese Rede, in der die Furcht vor einem Straßenaufstand der Berliner Bürger zum Ausdruck kommt, in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregen. Umsomehr, als zu einer derartigen Befürchtung nicht die geringste Veranlassung vorliegt. Kein Mensch in Berlin denkt an einen Aufstand. Man weiß also nicht recht, gegen wen sich diese Worte richteten, und gegen wen die Kaserne mit den Schießscharten Schutz bieten soll. Fürchtet man, so bemerkt der„Vorwärts“, daß eines Tages aus dem benachbarten Zirkus Busch die agrarische Rebellion hervor— brechen werde, nachdem die Nachkommen der einstigen Adelsrebellen die Verweigerung höchsten Kornzolles mit der Empörung der märkischen Bauern bedroht haben? Oder hat der Kaiser an die Sozialdemokratie gedacht, die allerdings die weitaus stärkste Partei in Berlin ist und seit dem Regierungsantritt des Kaisers, der einst sagte:„Die Sozialdemokratie über⸗ lassen Sie mir,“ gewaltig in die Höhe wuchs? Die Sozialdemokratie wuchs trotz aller unab— lässigen Aufwendungen gewaltigster Machtmittel gegen sie. Sie wuchs trotz Militarismus, Ausnahme⸗ und Umsturzgesetz und alledem. Für die Sozialdemokratie sind die Schieß— scharten von Zwing Cölln umsonst gebaut. * Schon mehrfach hat der Kaiser die Soldaten als wirksamster Schutz gegen„den innern Feind“ angerufen. Im Jahre 1891 sagte er zu den Rekruten: „Ihr habt nur einen Feind, und das ist mein Feind! Und müßte ich Euch einst vielleicht— Gott wolle es verhüten— dazu berufen, auf Eure eigenen Verwandten, ja Geschwister und Eltern zu schießen, so denkt an Euren Eid.“ Im November 1893 sagte der Kaiser ähnlich bei der Rekruten⸗ vereidigung:„Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor dem äußeren und inneren Feind zu schützen.“ Und bei gleicher Gelegenheit sagte der Kaiser auch im vorigen Herbst:„Ihr habt dea Feind niederzukämpfen, Ihr habt auch im Innern die Ordnung aufrecht zu halten.“ * 5* Die Besorgnis des Kaisers vor Revoluttonen sei in Berlin altbekannt, schreibt die„Freis. Ztg.“ Sogleich nach der Thronbesteigung ließ der Kaiser den bis dahin seit undenklicher Zeit freien Durchgang durch den Schloßhof absperren, obwohl dadurch eine erhebliche Verkehrserschwerung eingetreten ist zwischen dem Lustgarten und dem Schloßplatz. Weiterhin ließ der Kaiser die eisernen Thore der Schloßhöfe mit Schießscharten für Flintenläufe versehen, wie jedermann wahrnehmen kann. Aus der⸗ selben Anschauungsweise weist denn auch jetzt der kastellartige Neubau für das Alexander⸗ Regiment 160 Schießscharten auf. Pensionierte Offiziere. Seit dem 15. Februar wurden in der deutschen Armee nicht weniger als 112 Offiziere pensioniert. Das kostet dem deutschen Volke jährlich 305,000 Mk. Abgesägt. Den bisherigen Vizepräsidenten des Reichs⸗ tags, den Agrarier von Frege will man nach den Osterferien von seinem Posten entfernen. Das hat der Mann durch die an den Tag ge⸗ legte Unfähigkeit reichlich verdient. Entschädigung unschuldig Verhafteter. Auf Anregung unseres Genossen Ulrich hat der Gesetzgebungsausschuß der hessischen Zweiten Kammer beschlossen, die Regierung um Vorlage eines Gesetzes zu ersuchen, das eine feste Entschädigung der zu Unrecht verhafteten Personen vorsieht. Das ist eine schon oft er⸗ hobene Forderung; ihre Verwirklichung wäre entschieden ein Fortschritt. Einen Sieg über die Pfaffen nebst ihren monarchistischen und antisemitischen Anhang hat die französische Regierung da⸗ von getragen. Das Vereinsgesetz, das in der Kammer schon monatelang beraten wird, ist am Freitag mit 303 gegen 224 Stimmen angenommen worden. Es richtet sich gegen die geistlichen Orden und Kongregationen, das sind Verbindungen mehrerer Klöster zu einer Or⸗ ganisation. Diese genossen bisher gewisse Vor⸗ rechte, die von ihnen zur Stärkung des Pfaffen⸗ tums und oft genug auch gegen die Staatsge⸗ walt ausgenützt wurden. Besonders beeinflußten die Orden das Schulwesen im antirepublika⸗ nischen Sinne.— Von dem ursprünglichen Entwurfe ist manches abgemildert worden, so daß die Klerikalen keine Angst zu haben brauchen. Ein Antrag der Sozialisten, die Güter der toten Hand zu konfiszieren und sie zu Gunsten einer Altersversicherung für Arbeiter zu ver⸗ wenden wurde abgelehnt. Das Schwergewicht des Gesetzes liegt in der Bestimmung, welche den Mitgliedern der verbotenen Orden die Unterrichtserteilung verbietet. Trotz vielfacher Abschwächungen bedeutet das Gesetz einen Sieg des Ministeriums und namentlich des Präsi⸗ denten Waldeck-Rousseau, der sich das Zustande⸗ kommen desselben besonders angelegen sein ließ. Die revolutisnäre Bewegung in Rußland, die in der Ermordung des Unterrichtsministers Bogoljepow und in Studentenunruhen zum Ausdruck kommt, gewinnt nach Mitteilungen, die über Wien kommen, fortgesetzt an Aus⸗ dehnung. In Petersburg, Moskau, Charkow und Odessa steht das Militär beständig unter Waffen, die Gefängnisse sind überfüllt. Die russische Presse kann natürlich von diesem Stande der Dinge nichts verraten. Die Zensur sorgt für ein undurchdringliches Lügendunkel. Es geht auch das Gerücht, daß der Dichter Graf Tolstoi verhaftet werden solle.— Der Student Kargowitsch, der den Minister erschoß, wurde zu 20jähriger Zwangsarbeit und dem Verlust aller Rechte verurteilt.— In der russischen Staatskasse soll sich ein Unterschleif von 44 Millionen Rubel herausgestellt haben. Aus dem hessischen Landtag. Vier Tage lang verhandelte die Zweite Kammer mit kurzen Unterbrechungen über die in Bezug auf die Erhöhung der Getreidezölle gestellten Anträge. Etwa vierzig Abgeordnete hatten sich durch Unterschrift für einen Antrab des Abg. Haas-Darmstadt(Präsident der Kammer) erklärt, der verlaugt, daß die hess. Regierung im Bundesrat„für eine die Notlage der Landwirtschaft voll berücksichtigende aus⸗ reichende Erhöhung der bestehenden Getreide⸗ und Viehzölle, sowie der Zölle auf alle land⸗ wirtschaftliche Erzeugnisse eintritt“. Zu Gunsten dieses Antrages hatte auch Herr Köhler⸗ Langsdorf seinen früheren zurückgezogen, in dessen Begründung er das rote Gespenst an die Wand malte und mit Revolution drohte, wenn nicht Wucherzölle zur Einführung gelangen. Außer dem Antrage stand nur noch der Antrag unserer Genossen, der gegen die Lebens mittel⸗ zölle gerichtet ist, zur Beratung. Im Laufe der Debatte führten unsere Genossen ein geradezu erdrückendes Material gegen die agrarische Politik vor und wiesen die Verderblichkeit der Zölle für das gesamte Wirtschaftsleben des Volkes schlagend nach. Aber wenn sie auch mit Engelszungen geredet hätten, sie hätten die Zöllner nicht überzeugt, weil diese sich nicht J 1 Machdel Abo ⸗ Heid b achnwelset ausgesproche Redner Gent scc zunächs dorf, der 1 Mnimalzol späteren An Geetreidezölle weiterem K „bereinigten noch ein Daß man Punkt 4 d will, könne Bundes de man den schweren w kennt nicht nur die e Die deutse Bodens n Jahrzehnte wirtschaftli Fleischberso eine nicht daß den 3 Illand get. bedeute eine der Arbeiter fahigkeit.! nähtungsfte für Lungen wäte es, wirken. S notwendig zu vermind fertigen la höhere Lö! bommen h. durch würd Nbeitklosg werden. und Junker Gelredezöl leinen und Zentrumzle Brot gieh Mase dez altung n. würden ne sundem fir Ag. wollten du wülshuft; ägen ni wirscaft chen Bett ben eri zunduirte; der Get, Best edel n sliscen ung da⸗ ds in u wird, Ummen 9 gegen en, das ner Or⸗ se Vor. 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Von den Ausführungen der einzelnen Redner können wir in Rücksicht auf den uns zur Ver⸗ fügung stehenden Raum nur das Hauptsächlichste wiedergeben. ** * Nachdem schon am Dienstag der Berichterstatter Abg. Heidenreich die Notwendigkeit höherer Zölle nachzuweisen versucht und sich für den Antrag Haas ausgesprochen hatte, ergriff am Mittwoch als erster Redner Genosse Haa s-Mainz das Wort. Ex beschäftigte sich zunächst mit den Anträgen des Abg. Köhler⸗Langs⸗ dorf, der in seinem Antrag vom 8. Februar einen Minimalzoll von mindestens 7 Mark verlangte, in dem späteren Antrag mit einer Verdoppelung der bestehenden Getreidezölle zufrieden gewesen, und der nunmehr unter weiterem Kompromisseln dem berühmten Autrag der „vereinigten Zollfreunde“ beigetreten sei, in dem nur noch ein„ausreichender Zollschutz“ verlangt werde. Daß man neben der Forderung hoher Agrarzölle in Punkt 4 des Antrages neue Handelsverträge anstreben will, könne nicht ernst gemeint sein, da das Organ des Bundes der Landwirte offen ausgesprochen habe, daß man den Abschluß von Handelsverträgen als einen schweren wirtschaftlichen Fehler betrachte. Redner ver⸗ kennt nicht die Notlage der Land wirtschaft, sie set aber nur die eine Seite der allgemeinen sozialen Notlage. Die deutsche Landwirtschaft habe über die Hälfte ihres Bodens mit Getreide bestellt, könne aber schon seit Jahrzehnten den Bedarf an Brotkorn und anderen land⸗ wirtschaftlichen Produkten nicht decken. Auch die Fleischversorgung durch die deutsche Landwirtschaft sei eine nicht ausreichende, und die Statistik weise nach, daß den Zoll für die eingeführten Lebensmittel das Inland getragen habe. Die Erhöhung der Getreidezölle bedeute eine Herabdrückung der Lebenshaltung der Arbeiter und damit eine Herabsetzung ihrer Leistungs⸗ fähigkeit. Und während man im Begriff stehe, die Er⸗ nährungsfrage zu erschweren, errichte man Heilstätten für Lungenkranke und Genesungsheime; viel wirksamer wäre es, den Ursachen dieser Krankheiten entgegenzu⸗ wirken. Statt dessen aber dazu zu helfen, den aller⸗ notwendigsten Fonds von Kraft, die der Arbeiter braucht, zu vermindern, das sei eine That, die sich nicht recht⸗ fertigen lasse. Höhere Lebensmittelpreise bedingten nicht höhere Löhne. Im Gegenteile, durch das Nichtzustande⸗ kommen von Handelsverträgen leide die Industrie, da⸗ durch würden Tausende von Arbeitern brotlos und die Arbeitslosigkeit bedinge wieder, daß die Löhne niedriger werden. Jetzt kämpften Kleinbauern, mittlere Bauern und Junker gegen die Industrie, der letzte Kampf um die Getreidezölle würde aber ausgekämpft werden zwischen kleinen und mittleren Bauern gegen die Junker. Die Zentrumsleute lehrten das Volk beten: Unser täglich Brot gieb uns heute. Sie trügen aber dazu bei, die Masse des Volkes in ihrer ohnehin kümmerlichen Lebens⸗ haltung noch herunterzudrücken. Die Sozialdemokraten würden weder für eine mäßige, noch für eine ausreichende, sondern für gar keine Zollerhöhung zu haben sein. Abg. Dr. Frenay(Zi.) erklärt, seine Freunde wollten durch die Zollgesetze im Reichstage die Land⸗ wirtschaft schützen, aber den Abschluß von Handelsver⸗ trägen nicht gefährten. Durch die Zölle soll die Land⸗ wirtschaft in die Lage versetzt werden, mehr Kapital in ihren Betrieb zu stecken und dadurch die Produktlons⸗ kosten veringern. Auch unsere kleineren und mittleren Landwirte hätten ein Interesse daran, sür die Verbesserung der Getreidepreise einzutreten, denn es sei schon bei einem Besitz von 3 Hektaren der Fall, daß Getreide verkauft würde. Höhere Preise wirkten in günstigem Sinn auch für die Allgemeinheit; wenn die Landwirte höhere Preise für ihre Produkte bekämen, wären sie auch Abnehmer für die Industrieprodukte.— Abg. Reinhardt: Je mehr Industrie und Handel sich entwickelten, sei es Pflicht der Mehrheit für die Minderheit mit aller Kraft einzutreten, damit die Landwirtschaft und die übrigen Gewerbe lebensfähig erhalten werden. Die amerikanische Lederindustrie sei durch die Erhöhung der amerikanischen Eingangszölle auf 40 Prozent des Wertes konkurrenz⸗ fähig geworden. Möchten die notleidenden Gewerbe aus den zukünftigen Handelsverträgen Vorteil ziehen im Interesse des Arbeiterstandes, um diesen iu seinem Einkommen hochzuhalten.— Wolf(Antisemit) wendet sich gegeu eine Broschüre des Handelsvertragsvereins, in der den Bauern gesagt werde, daß sie entweder nur Körn erbau oder Viehzucht treiben sollten. Das sei unmöglich; Beides müsse nebeneinander bestehen. Er protestiere dagegen, daß die Agrarier, die für ihre be⸗ rechtigten Forderungen eintreten, mit Spitzbuben ver⸗ glichen werden. Er werde so wie seit Jahren den Ruf „Bauer wache auf!“ in das Land hineinrufen. Er schlteßt mit einigen Phrasen.— Staats minister Rothe: Erst wenn die Zollvorlage eingebracht sei, könne die Regierung Stellung nehmen. Der Antrag Haas Darmstadt sei weit gefaßt, ihm könne die Regierung zustimmen, wenn seitens der Reichsregierung Rücksicht auf die Industrie und das Zustandekommen neuer Handelsverträge genommen wird. Jedem solle werden, was ihm gebührt.— Abg. Genosse David findet, daß die Antwort der Regierung noch allgemeiner ge⸗ halten ist, als der Antrag Haas⸗Darmstadt.(Heiterkeit.) Das war aber auch das beste, was die Regierung in diesem Falle thun konnte. Wenn sie sich bemüht, allen Bevölkerungskreisen Rechnung zu tragen, wird sie der Auffassung der Sozialdemokratie näher kommen, als der der Gegenseite. Redner weist an der Hand der von der Regierung aufgenommene Statistik unter An⸗ führung einer großen Zahl von Landgütern nach, daß die kleinen Bauern keiuen Nutzen von den Zöllen haben können, weil sie nicht nur kein Getreide verkaufen, fondern noch Futtermittel zukaufen müssen. Nahezu drei Fünftel der deutschen Landwirtschaft hat einen direkten Schaden von einer Erhöhung der Getreidezölle. In Hessen haben die Gütchen unter zwei Hektar nicht nur keinen Nutzen von den Getreidezöllen, sondern direkten Schaden, weil ihre Besitzer Brotgetreide hinzukaufen müssen. In dieser Lage befinden sich aber von den 5½ Millionen land wirtschaftlichen Betrieben ganz Deutschlands 48 Prozent, nämlich ca. 31/ Millionen. Bei den Gütern zwischen 2 und 4 Hektar heben sich Gewinn und Verlust auf, und nur die Güter über 5 Hektar hätten Nutzen aus den Zöllen. Das sei etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Bei diesen fange, wie es scheine, nach Ansicht der Agrarier das wirkliche Volk erst an. Den kleinen und mittleren Bauernstand könne man nicht durch Getreidezölle heben; eine Entlastung bedeute es vielmehr, wenn die Aufhebung der reinen Finanzzölle, der Zölle auf Kaffee und Petroleum er⸗ folgte.(Zustimmung bei den Antisemkten.) Durch die Getreidezölle werden den 25,000 Großagrariern und Junkern, die sschon jetzt aus der Kontingentierung des Spiritus und der Zuckerprämien vom Reiche jährlich ganz erhebliche Liebesgaben beziehen, erneut die Taschen gefüllt, auf Kosten der Aermsten und Allerärmsten in Stadt und Land. Das sei gewiß keine Politik zur Erhaltung der Landwirtschaft. Noch niemals war das Junkertum zum Vorteil der Bauern thätig. Freiherr v. Heyl kaufe die Bauern aus. Helfen werde man dem Landwirte nicht durch künstliche Verteuerung der Lebens⸗ mittel, sondern dadurch, daß man ihm die Ausnützung der Fortschritte der Technik und Wissenschaft durch staatliche Unterstützung erleichtere, ihn durch staatliches Eintreten bei Seuchenverlust usw. vor großem Schaden bewahre. Dafür sind auch die Sozialdemokraten zu haben. Ministerialrat Braun: Die Erörterungen hätten nur soweit Wert, als sie sich mit den speziellen Verhältn issen Hessens befassen. Hierauf sei nur Abg. David einge⸗ gangen. Er habe betont, daß wir Hessen die relativ höchsten Getreidepreise hätten und daß die Zahl der zwangsweisen Veräußerungen des landwirtschaftlich be⸗ nutzten Bodens zurückgegangen set. Nach der ihm(dem Redner) vorliegenden amtlichen Statistik seien die Ge⸗ treidepreise gesunken, der landwirtschaftliche Betrieb sei intensiver geworden, und wenn auch die Zwangs ver⸗ steigerungen zurückgegangen seien, so sei doch nach der Hypothekstatistik die Ueberschuldung der Landwirtschaft erschrecklich angewachsen. Indem Redner in der Zoll⸗ erhöhung ein gutes Mittel zur teilweisen Zurückdämm ung der Krankheitserscheinungen erblicke, sei er sich nicht zweifelhaft darüber, in welchem Lager die Regierung in der Stunde der Entscheidung zu stehen habe. Abg. v. Brentano dankt dem Regierungsvertreter für seine warmen Worte. Die Erhöhung der Zölle ver— langten insbesondere die kleinen und mittleren Bauern. Für die Begriffe des Redners sei es verwerflich, von Brotwucher zu sprechen Die endlosen Zahlenreihen des Abg. David seien absolut nicht zu kontrollieren. Frei⸗ herr v. Heyl habe durch den Ankauf von 1400 Morgen Land vielleicht Manchem eine Wohlthat erwiesen. Redner polemisiert gegen den Abg. Haas, der das christliche Gebet ironisiert habe. Redner bestreitet, daß das deutsche Vaterland nicht im Stande sei, durch seine eigenen Brotfrüchte sein Volk zu ernähren. Noch weit e Strecken wären anbaufähig, wenn sich der Anbau ren⸗ tieren würde.— Abg. Graf Oriola tritt für die Zollerhöhung ein. Woher kommt in erster Linie der große Preissturz? Weil der Getreidepreis heute abhängt von den Produktionskosten ganz anderer Länder, der überseeischen Länder. Für die deutsche Landwirtschaft sei der Körnerbau das Wichtigste. Schließlich verliest Redner einen Artikel aus dem Hamburger Echo mit solchem dramattschen Schwung, daß sogar der Abg. Ulrich ruft: Bitte lesen Sie doch noch ein bischen! Köhler⸗Langsdorf wendet sich gegen die Theore⸗ tiker und besonders gegen den Abg. David, der die Bauern unter sich uneins machen wolle, indem er be⸗ haupte, daß die mit über 30 Morgen die Unterdrücker der übrigen wären. David war früher auch Schul⸗ meister, und das hat seine ganze Politik verdorben. Redner verliest am Schlusse seiner längeren, oft von Heiterkeit unterbrochenen Ausführungen ein Gedicht aus dem Offenbacher Abendblatt, daß die„Notlage“ der Junker behandelt, und dann, um die Vergnügungssucht, der Arbeiter zu illustrieren, Inserate aus demselben Blatt. Ministerialrat Braun sucht nachzuweisen, daß Hessen in guten Erntejahren seinen Bedarf decken könne. Man müsse Körnerbau und Viehzucht treiben. Abg. Gutfleisch(freis.) spricht sich gegen die Zollerhöhung aus. Gegenseitige Belehrung sei auf diesem Gebiete fast unmöglich Am Freitag kamen noch die Antrag⸗ steller und Berichterstatter zum Wort. Genosse Ulrich weist in einer beinahe zweistündigen Rede die von den Zollfreunden angeführten Gründen zurück. Er beginnt mit der Ankündigung, daß er nicht nur an der Hand allgemein deutscher, sondern auch hessischer Ziffern nachweisen werde, welche Gefahr die Zollerhöhung auch für Hessen sei. Der Antrag der Vierzig habe ihm riesiges Vergnügen gemacht; er sage gar nichts und wolle Alles sagen. Der Staatsminister habe schon ge⸗ sagt, es sei so allgemein gefaßt, daß man keine Bedenken tragen könnte, ihm zuzustimmen. Er sei ebensv nichts⸗ sagend, daß es möglich gewesen sei, den Grafen Ortola Arm in Arm mit Köhler-Langsdorf in die Arena marschieren zu sehen. Ein schönes Bild!(Heiterkeit.) Der Bauer Köhler mit dem Großagrarier Oriola! Wenn sie„ausreichende“ Erhöhung der Getreidezölle wollten, könnten sie, davon sei Redner felsenfest überzeugt, keine Handelsverträge bekommen. Caprivi habe schon als der Zoll 5 Mark stand, gesagt, es erscheine ihm zweifellos, daß auf diesem Wege fortzufahren nicht nur der Ruin unserer Industrie und unseres Arbeiterstandes, sondern des ganzen Volkes sei. Wenn ein Mann in so verantwortlicher Stellung angesichts des Fünf⸗ markzolles von der Gefahr eines Krieges Aller gegen Alle spreche, dürfte für manchen klar werden, daß die Forderung auf Verdoppelung der Zölle die Autorität mehr untergräbt, als alles, was die Sozialdemokraten thun. Der Hinweis der Agrarier auf den Patriotis⸗ mus sei bei dieser Sache, wo es sich um ihren Profit handle, schlecht angebracht. Wenn man, wie Redner, jahrelang in Fabriken gearbeitet habe, wisse man. wie es einem Arbeiter zu Mute ist, der bei 16 und 18 Mark Wochenlohn 3 bis 4 Kinder ernähren muß, dann wisse man, was Brotwucher heißt. Das vielgeschmähte Wort stamme vom Kaiser, der damit Recht gehabt habe. Wolf habe den Ausspruch gethan:„Was macht es dem Arbeiter aus, wenn der Laib Brod 4 Pfennig mehr kostet!“ Der deutsche Arbeiter müsse sein Brot 5 in Millionen von Fällen als Fleisch zu Kartoffel essen. Nach dem vom kaiserlichen statistischen Amt auf den Kopf der Bevölkerung ausgerechneten Getreidekonsum müsse der deutsche Arbeiter in Folge einer Zollerhöhung 20 Mark mehr ausgeben. Das bedeute für den Arbeiter mehr als den Verdienst einer Woche. 60 Prozent der Bauern seien in Hessen gezwungen, Getreide zuzukaufen, und von diesen 60 Prozent mit nicht einmal 8 Morgen. Das beweise, daß die große Mehrheit der hessischen Bauern kein Interesse an höheren Zölle habe und die Uebrigen hätten kein Recht, Vorteile zu verlangen, die man den anderen nicht geben könne. Darauf werde man sagen: dann hätten die Arbeiter auch kein Recht auf höhere Löhne. Ja, aber die Arbeiter bekämen doch keine höhere Löhne durch Staatshilfe, sondern sie müßten darum kämpfen, Brotverteuerung komme einer Lohn⸗ erniedrigung gleich. Der Arbeiter müsse wieder kämpfen, um das zu erhalten, was ihm genommen worden sei. Redner protestiert schließlich gegen den Antrag der Vierzig im Namen dee Mehrheit der hessischen Be⸗ völkerung. Nachdem sich Abg. Schmitt(Centr.) in längeren Ausführungen für den Antrag Haas ⸗Darm⸗ stadt ausgesprochen, wird dieser von vierzig Abgeordnete unterstützte Antrag gegen 5 Stimmen angenommen. Vorher erfolgte die Ablehnung des Antrages Ulrich gegen dieselben Stimmen. Krieg in Südafrika. Noch immer gelang es den Engländern nicht, den Burengeneral Dewet, dem sie stets „auf den Fersen folgten“ und schon oft genug „umzingelt“ hatten, zu erwischen. Jetzt wird englischerseits berichtet, daß Dewet eine Zu— sammenkunft mit Both a haben wird. Letzterer sei in bedrängter Lage bei Petrusberg, wo sich auch die Engländer konzentrieren. Die Zahl der bis heute gefangenen Buren beträgt 17,350 Mann.— Eine Schlappe erlitten die Eng— Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeiinug. Nr 14. N länder in den Zuurbergen, wo eine Kolonne durch die Buren gefangen wurde.— Englische Zeitungen berichten aus Middelburg, daß im Hinblick auf das Herannahen des Winters in Südafrika eine allgemeine Nordwärtsbewegung der Buren nach dem Buschveldt erfolgt, daß aber auf beiden Seiten der Bahnlinie umher⸗ schwärmende Abteilungen zurückbleiben.— Die Pest in Kapstadt gewinnt noch immer an Ausbreitung; es kommen täglich Todes— fälle vor. Krieg mit China. Die englisch-russischen Streitig⸗ keiten wegen der Eisenbahn Tientsin⸗ Peking sind mit Mühe und Not wieder beigelegt worden. Neue Meinungsverschiedenheiten haben sich aber schon wieder unter den Gesandten ergeben. Man streitet darüber, wie in dem Gesandtschaftsviertel die Polizei aus⸗ geübt werden soll. Einige Gesandte ziehen ernstlich die Frage in Erwägung, ob es nicht angebracht sei, ihre Regierung zu ersuchen, den Beschluß, starkeesandtschaftswachen einzurichten, einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen, da die Einrichtung solcher Wachen nicht nur den Hof von der Rückkehr nach Peking abhalten, sondern auch für den Verkehr mit den Chinesen eine Quelle der Gefahr bilden würde, weil es unmöglich sei, die Truppen ganz innerhalb des Gesandtschaftsviertels zu halten, worauf Tsching und Li⸗Hung⸗Tschang bestehen.— Erörte⸗ runngen über die Entschädigungsfrage haben ebenfalls stattgefunden, jedoch zu keinem Ergebnis geführt. Von Rah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Sinsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Angelegenheiten. — An die Frauen. Von der That⸗ sache ausgehend, das in Arbeiterkreisen meist die Frau die Zeitung bestimmt, die in der Fam lie gelesen werden soll, daß sie aber hier⸗ bei sehr oft infolge ihrer— unverschuldeten— mangelhaften geistigen Bildung nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, wendet sich unser Kasseler Parteiorgan an die Arbeiterfrauen mit folgenden sehr richtigen und sehr beherzigens⸗ werten Sätzen: Es sind manchmal die neben⸗ sächlichsten Dinge, die bei der Wahl einer Zeitung für sie ausschlaggebend sind. Ein Haufen Papier, das albernste Waschblatt mit dem fadesten Geschreibsel sind ihr manchmal lieber, als eine Zeitung, die ausschließlich für den Arbeiter geschrieben ist. Sie merkt nicht, daß für eine gewisse Sorte von Preßerzeugnissen die sogen.„Unparteilichkeit“ nur das Aus hängeschild ist für die Be⸗ treibung des Abonnentenfangs. Mit frecher Stirn schlägt man oft darin ihrem Stande ins Gesicht, um ihm dann wieder einmal einen Köder hinzuwerfen. Und die Frau ist so gut⸗ mütig, zu glauben, diese Zeitungen vertreten ihre Interessen! Weit gefehlt. Nein, diese Preßkonglomerate haben nur eigene Inter⸗ essen, sie verkörpern das nackte kapitalistische Prinzip, das in dem Arbeiter nicht den denkenden Menschen, sondern nur eine Ware erblickt, aus dem man nach Belieben Kapital schlagen kann. Gerade die Zeitung, die offen und ehrlich für die Verbesserung der Lage der Arbeiterfrau und ihrer Familie kämpft, stößt oft bei ihr auf einen uner⸗ klärlichen Widerstand. Sie denkt nicht daran, daß sie sich damit nur selber schädigt! Hat jemals die Arbeiterfrau in einer gegne⸗ rischen Zeitung gelesen, daß sie offen und ehr⸗ lich für irgend eine Lohnerhöhung, überhaupt für eine Verbesserung der Lage der Arbeiter eintreten? Vergeblich wird sie auf der Suche nach einem solchen Artikel die Zeitung drehen und wenden. Das mögen die Arbeiter- frauen bedenken!— Dem können wir uns nur anschließen. Will die Frau, die in unsern kultivierten Deutschland nach vielen Richtungen hin rechtlos ist, sich auf politischem Gebiete Geltung verschaffen, auf Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse hinwirken, so muß sie nach besten Kräften den Einfluß der Arbeiterpresse, unserer Parteipresse zu vermehren suchen, indem sie dieser möglichste Verbreitung verschafft. Das ist gerade jetzt, wo durch den übermächtigen Einfluß der Junker notwen— dige Lebensmittel und Haushaltungs⸗ artikel verteuert werden, ein Gebot der Pflicht! Bestellt deshalb die„Mittleldeutsche Sonntags⸗ Zeitung!“— Unser Blatt kostet nur 25 Pfennige den Monat. — Maifeier. Die Arbeiterschaft Gießens wird die diesjährige Maifeier in der bisher üblichen Weise begehen. Am 1. Mai abends findet eine Versammlung statt, für die das Lokal noch bestimmt wird. Sonntag den 5. Mai wird ein Waldfest abgehalten. Weger Liefe⸗ rung der Maizeitung wollen sich die aus⸗ wärtigen Vertrauensleute recht bald unter An⸗ gabe der von ihnen benötigten Zahl Exemplare an den Genossen Bock, Dammstr. 22 wenden. — Gewerkschaftsfest. Nach den Vor⸗ bereitungen zu schließen, die für das am zweiten Feiertag in Steins Garten stattfindende Ge⸗ werkschafts fest getroffen sind, dürfte das Fest in Bezug auf Darbietungen frühere ähnliche Ver⸗ anstaltungen weit übertreffen. Das Komitee hat sich Mühe gegeben, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Musik hat die Kapelle des Herrn Pauli sen., Marburg, übernommen, die in dem Rufe besonderer Leistungsfähigkeit steht. Es gelangen ferner zwei Theater⸗ stücke zur Aufführung; Gesänge, Couplets, Deklamationen vervollständigen das Programm. Daß auch die Tanzlustigen auf ihre Rechnung kommen, ist ebenfalls gesorgt. So steht zu hoffen, daß zahlreicher Besuch die Bemühungen des Gewerkschaftskartells belohnt, sich die Arbeiter Gießens und der Umgebung in statt⸗ licher Zahl einfinden, um miteinander einige vergnügte Stunden zu verleben und dem Ge⸗ danken der Arbeiter-Solidarität Ausdruck zu geben.— Auswärtige erhalten Eintritts⸗ karten zum Preise von 50 Pfg. nur von Kartelldelegierten. An der Kasse kostet der Eintritt 1 Mk. — Ausflug. Der Schneiderverband unternimmt am zweiten Feiertag Vormittag einen Ausflug über Hangelstein, Lollar, Staufenberg ꝛc. Treffpunkt morgens 7 Uhr am Wallthor. Rückkehr per Bahn 12 Uhr Mittags. — Wieder ein Majestätsbeleidi⸗ gungsprozeß spielte sich am Freitag vor acht Tagen vor der Gießener Strafkammer ab. Auch in diesem Falle kam das Gericht zur Freisprechung des Angeklagten. Der Gene— ralagent W. Hartenfels aus Gießen war von seinem ehemaligen Bureauvorsteher Annussek angezeigt worden, daß er in mehreren Fällen den Kalser beleidigt habe. Der als Zeuge vernommene Denunziant beschwor seine Behaup⸗ tungen, doch schenkte der Gerichtshof ihm keinen Glauben, und zwar weil man annahm, die Denunziation sei aus Rache geschehen, da An⸗ nussek aus seiner Stellung entlassen sei. Uebri⸗ gens hat sich der Angeber Strafthaten zum Nachteil seines ehemaligen Arbeitgebers zu schulden kommen lassen. Noch ein weiterer Majestätsbeleidigungsprozeß, der dritte seit kurzer Zeit, gelangte am Dienstag vor der Strafkammer zur Verhandlung. Auch in diesem Falle erfolgte Freisprechung; der Denunziant hatte es vorgezogen, nach Amerika zu flüchten, weil ihm sonst der Prozeß wegen Meineids gemacht worden wäre.— Bedauerlich genug ist, daß auf die Bekundungen irgend eines erbärmlichen Subjekts hin, ein Prozeß eingeleitet werden kann, der, wenn er auch mit Freisprechung endet, dem Betroffenen Aufregung und Kosten verursacht. Heuchelheim. Im Sommer dieses Jahres sind 10 Jahre seit der Gründung des Arbeiterbildungs⸗ vereins Heuchelheim verflossen. Aus diesem Anlasse beabsichtigen die Heuchelheimer Genossen am 9. Juni eine arößere Festlichkeit zu veran⸗ stalten. Alle parteivolitischen und gewerkschaft⸗ lichen Organisationen in der Umgegend sollen dazu eingeladen und ein besonders reichhaltiges Programm soll aufaestellt werden. Es sei deshalb schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, damit die einzelnen Vereine sich für den anae⸗ gebenen Tag nicht anderweit verpflichten. Da in unserm Kreise ein derartiges Fest zum ersten Male in größerem Umfange stattfindet, ist eine große Beteiligung aller Parteiorganisationen zu erwarten. Alten ⸗Buseck. Mit der drohenden Erhöhung der Getreide f zölle beschäftigte sich eine am Sonntag bei Wirt Becker abgehaltene Volksversammlung. Genosse Vetters zeigte bei eingehender Be⸗ sprechung des indirekten Steuersystems, wie die Junker und Junkergenossen es jederzeit ver⸗ standen hätten, die Klinke der Gesetzgebung für ihre Interessen und ihre Habgier in Bewegung zu setzen. Eine kleine Zahl Besitzender fülle sich die Taschen auf Kosten der besttzlosen Volksmehrheit, deren Lebenshaltung durch die Getreidezölle noch mehr herabgedrückt werde. Die Kleinbauern, die von hohen Zöllen Vor⸗ teile erhofften, und als Mitglieder des Bundes der Landwirte, Junkern, Großgrundbesttzern und Getreidewucherern Vorspanndienste leisten, werden bald zu ihrem Schaden die verderbliche Politik der Agrarier erkennen.— Eine Protest⸗ resolution gegen die Lebensmittel fand ein⸗ stimmige Annahme, nachdem in der Diskussion zu festem Zusammenschlusse in unseren politschen Organisationen und zur Unterstützung den sozialdemokratischen Presse aufgefordert worden war.— Der Besuch der Versammlung war zufriedenstellend. Aus Wetzlar. Kontrollversammlungen. Für Wutz⸗ lar⸗Stadt finden die Kontrolversammlungen statt: am 9. April, vorm. 8 Uhr im Schützen⸗ garten für Ersatz-Reserve; am 12 April 1.30 nachmittags ebendaselbst für Reserve, und Landwehr. Für Wetzlar⸗Land, wozu die Orte: Hof Altenberg, Bahnhof-Wetz⸗ lar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Oberbiel, Steindorf gehören, am 11. April vormittags 8 Uhr im gleichen Lokale. In Krofdorf, Stiel, am 16. April, vormittags 8 Uhr für Gleiberg, Krofdorf, Lannsbach, Odenhausen, Salzböden. Vetzbera, Wißmar. In Dutenhofen, am Bahnhof, 16. April, 12 Uhr 30 Nachmittags für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach, Münchholzhausen. th. Die Buderusschen Eisen werke haben kürzlich für 1901 ihren Geschäftsbericht erscheinen lassen. Der ist auch für die Arbeiter insofern interessant, als darin mitgeteilt wird, daß der Reingewiun Mk. 745,891.58 also fast dreiviertel Millionen betrug; gegen das Vorjahr sich fast verdoppelte. Es wird weiter mitgeteilt, daß die Verschlechterung der Marktlage die Ergebnisse des Werkes nicht nachteilig beeinflußte. Trotzdem haben wir schon mehrfach von Lohnreduktionen, die gerade mit der ungünstigeren Geschäftslage be⸗ gründet wurden, berichten müssen. Die Ar⸗ beiter ersehen daraus, daß die Abzüge durch⸗ aus nicht gerechtfertigt waren. Bemerkenswert ist noch, daß an Beamte 7000 Mk. Be⸗ lohnungen gezahlt wurden. * Vor der Strafkammer stand am Mittwoch ein Steiger von der Grube„Amanda“, der schweren Körperverletzung angeklagt. Dieser soll er sich dadurch schuldig gemacht haben, daß er Leute, denen er eine gefährliche Arbeit im Schacht übertrug, darüber nicht genügend in⸗ struierte. Der am 23 Nov. v. Js. erfolgte Absturz des Arbeiters Jung von Reißkirchen, der dabei schwere Verletzungen erlitt, soll durch die Nachlässigkeit des Steigers veranlaßt worden sein. Der Staatsanwalt beantragt 100 Mk. Geldstrafe, das Gericht erkeunt jedoch auf Freisprechung. ——ñ zahlen kein fosse und e imm: Eil oder Gevaht und Waisen Nachteile 5. Hand. Il Fündig Arb mindestens, Trankenbersic zu einer stal bondigen Ar geholt, wel folgenden hultnts stant wenn auf& eine Uufall⸗ währt wird. Zahl der 2 des Lohnal sicherungsge ilsoweit in Bearbezüge sehenen M werden. A sowie die e achtenden 15. Lebensj 120 Mark; Murk in de jährlich 60 Erfol Am 1. Firma Ra den Achtstr Leiter der vor der Ar keilte, sind fahrungen von der erden n bier Gele um I Uhr sclofen, d. einer usbezahlt Bur de am Samsta Leutnant 9 Stlei sürtgtact senlsunden 1 elke n i Heladene 1 J muczuwese thun etreide⸗ ag bet mlung. vie die it her⸗ ng für begung r fülle itzlosen ch die Werde. Vor⸗ undes esttzern leisten, bliche otest⸗ id oin⸗ kussion litschen g den worden g war Weh lungen hüthen⸗ lpril erbe, and, f⸗Wetz⸗ firme, April 1 nittags 1shach, ißmar, pril, horlar, N. werke bericht lrbeiter b wird, 8 also gecen 65 sterung nich en wil U, die je Ar⸗ durch; s welt Be⸗ 7 2 ö 1 1 5 Nr. 14. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitnng. Seite 5. Hessens Vevölkerungsziffer. Nach dem nunmehr endgiltig festgestellten Ergebnis der letzten Volkszählung weist Hessen 1,120,426 Einwohner auf. Davon entfallen auf Starkenburg 489,734, Oberhessen 282,144, Rheinhessen 348,548. Eine Versorgungsanstalt für staatliche Arbeiter im Großherzogtum Hessen. Durch Verordnung des hessischen Ministeriums ist die Errichtung einer Versorgungsanstalt für ständige staatliche Arbeiter, deren Witwen und Waisen angeordnet worden. So begrüßenswert die Neuerung ist, so krankt sie doch an einem Hauptnachteil: die Arbetter zahlen keine Beiträge in diese Versorgungs⸗ kasse und es ist darum auch ausdrücklich be— stimmt: Ein Rechtsanspruch auf Bewilligung oder Gewährung von Ruhegehältern, Witwen⸗ und Waisengeld steht Niemand zu. Die Nachteile dieser Bestimmung liegen auf der Hand. Im Uebrigen wird bestimmt: Als ständige Arbeiter gelten solche Personen, welche mindestens 40 Wochen eines Jahres in einem krankenversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis zu einer staatlichen Verwaltung standen. Die ständigen Arbeiter haben Aus sicht auf Ruhe⸗ gehalt, wenn sie in zehn aufeinander⸗ folgenden Jahren in einem solchen Ver⸗ hältnis standen. Der Ruhegehalt wird gewährt, wenn auf Grund der Arbeiterversicherungsgesetze eine Unfall⸗, Invaliden⸗ und Altersrente ge⸗ währt wird. Der Ruhegehalt steigt nach der Zahl der Dienstjahre von 30 bis auf 75 pCt. des Lohnanschlages. Die auf Grund der Ver⸗ sicherungsgesetze bewilligten Renten kommen insoweit in Anrechnung, als hierdurch die Barbezüge nicht unter die Hälfte der vorge⸗ sehenen Mindestsätze jährlich herabgemindert werden. Als Hinterbliebene gelten die Witwen, sowie die ehelichen und die ehelichen gleichzu— achtenden Kinder des Vaters bis zum vollendeten 15. Lebensjahre. Das Witwengeld steigt von 120 Mark jährlich in der vierten bis auf 240 Mark in der ersten Klasse. Jedes Kind erhält jährlich 60 Mark. Erfolg des Achtstundentages. Am 1. April vorigen Jahres führte die Firma Karl Zeiß in Jena versuchsweise den Achtstundentag ein. Wie nunmehr der Leiter der Firma, Professor Abbé, in einem vor der Arbeiterschaft gehaltenen Vortrag mit— teilte, sind die in dem Jahr gemachten Er⸗ fahrungen so günstige, daß der Achtstundentag bon der Firma dauernd beibehalten werden wird. Professor Abbé teilte bei dteser Gelegenheit noch mit, daß am 1. Mai um 11 Uhr vormittags der ganze Betrieb ge⸗ schlossen, dem Personal aber der ganze Tag ausbezahlt wird. Mildes Urteil. Vor dem Oberkriegsgericht in Metz fand am Samstag die Verhandlung gegen den Ober— leutnant Rüger statt, der bekanntlich infolge einer Streitigkeit, die bei der Kaiserge⸗ burtstagsfeier der Offiziere in Mörchingen 0 1 1 diemeinen 1 0 zuchthaus! Ein„gewöhnlicher“ Mensch wäre entstanden war, den Hauptmann Adams ohne Weiteres niederknallte. Von der Verteidigung ztladene medizinische Sachverständige verfuchten fachzuweisen, daß der Angeklagte bei der Be— (hung der That unzurechnungsfähig gewesen et. Sie beantragten, den Angeklagten in die sychiatrische Klinik des Professor Sommer ain Gießen unterzubringen. Der Staatsanwalt bidersprach dem, und beantragte 12 Jahre chthaus und Eatfernung aus dem Heeree as Urteil lautete auf 6 Jahre Zuchthauk. ind Entfernung aus dem Heere. In der ersten Iustanz war eine Strafe von 12 Jahren uchthaus ausgesprochen worden.— Der An⸗ (klagte legte Revision ein. Wegen eines Mordes nur ein paar Jährchen n gleichen Falle zweifellos zum Tode ver⸗ teilt worden. Unerwarteter Freispruch. Die Strafkammer in Metz verhandelte irzlich gegen den Pfarrer Thilmont, ü ö Direktor einer Besserungsanstalt für katholische Knaben wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen. Zwölf Belastungszeugen sagten übereinstimmend gegen ihn aus. Der Staats⸗ anwalt beantragte 6 Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust. Das einige Tage später verkündete Urteil lautete jedoch auf Freisprechung. Ein erschütterndes Familiendrama hat sich in Lüneburg abgespielt. Dort ver⸗ giftete die Frau des Rittmeisters v. Tungeln ihre drei kleinen Töchter durch Morphium. Darauf suchte sie sich selbst auf dieselbe Weise zu töten, doch vorerst ohne Erfolg. Die un⸗ glückliche Frau fürchtete, da ihre älkeste Tochter an Epilepste leidet und ihre Mutter geisteskrank ist, für die Gesundheit ihrer Kinder, und diese Befürchtungen steigerten sich bei ihr zu Wahn⸗ vorstellungen.— Kurze Zeit nach ihren Kindern starb sie ebenfalls an den Folgen der Vergiftung. — Frau v. Tungeln war die Tochter des verstorbenen nationalliberalen Reichstagsabge⸗ ordneten und Geschichtsschreibers v. Treitschke. Ein Aerztestreik. Seit Langem liegen die Aerzte in Leipzig mit dem Vorstand der dortigen Ortskranken⸗ kasse in Konflikt. Der hat sich nun soweit zugespitzt, daß sämtliche Aerzte, 143 an der Zahl, das Vertragsverhältnis kündigten. Das Vorgehen des Kassenvorstandes wurde von den Kassenmitgliedern gebilligt; man glaubt den Kassenmitgliedern trotzdem ärztlichen Beistand gewährleisten zu können. Aus der Haft enutlassen wurde der Genosse Laadtagsabgeordneter Opi⸗ ficius in Pforzheim,(Baden) dessen Verhaf⸗ tung wegen der im dortigen Lebensmittelbedürf⸗ nisverein vorgekommenen Uuregelmäßigkeiten erfolgt war. Damit wird unsere in vorige Nummer ausgesprochene Vermutung, das O. sich in keiner Weise an dem Vereinseigentum vergangen hat, bestätigt. Kleine Mitteilungen. ** Defraudation. Stationsassistent Fiege in Vilbel wurde am Dienstag wegen Unterschlagung und Fälschung der Bücher ver— haftet und nach Gießen übergeführt. Der Verhaftete soll an dem neulich gemeldeten Kassendefekt die Schuld tragen. Gewerbegerichtswahlen. Unsere Parteigenossen in Köln errangen bei der am 29. März vorgenommenen Gewerbegerichtswahl einen glänzenden Sieg. Die Liste der freien Gewerkschaften erhielt 9062 Stimmen, während es die Christlichen nur auf 4300 brachten. Ein äußerst erbitterter Wahlkampf ging voraus. Immerhin zeigt die hohe, auf die christliche Liste entfallene Stimmen⸗ zahl, noch bedeutende Rückständigkeit innerhalb der Kölner Arbeiterschaft an.— Bei der in Altenburg stattgehabten Gewerbegerichtswahl siegte bei der Wahl der Beisitzer aus dem Arbeitnehmerstande die vom Gewerkschaftskartell aufgestellte Liste mit 1437 Stimmen. Eine von einem konservativen Vereine aufgestellte Liste brachte es auf— 51 Stimmen. Das Gewerbegericht, um das die Arbeiterschaft elf Jahre gekämpft hat, ist für Altenburg eine neue Einrichtung. Aus dem Wahlkreis Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 28. März 1901. — Lokalvergrößerung. Unser Gen. D. Jesberg hat sich endlich dazu entschlossen, sein Lokal durch Hinzufügung eines dritten größeren Zimmers und Eutfernung eines Teiles der Zwischenwand zu erweitern, sodaß einem oftmals recht fühlbaren Platzmangel demnächst abgeholfen sein wird. Wir begrüßen diesen Entschluß mit Freuden, ist es uns doch dadurch möglich geworden, die diesjährige Maifeier hier in der Stadt zu begehen. Seither waren wir wegen Mangel an einem passenden Lokal gezwungen, nach auswärts zu wandern, was manchmal, besonders bei ungünstiger Witterung, recht unangenehm war. Aber auch für die Versammlungen der einzelnen Gewerkschaften ist die Lokalvergrößerung von Bedeutung; ebenso für die Parteiversammlungen. Hoffent⸗ lich werden die hiesigen Arbeiter künftig durch zahlreichen Besuch der Versammlungen wie der Wirtschaft unseres Gen. Jesberg, diesem für seine Aufwendungen Dank wissen; für gute Speisen und Getränke ist, wie seither, aufs beste gesorgt. Duellfexerei. Am Montag fand zwischen einem Beamten und einem Studenten ein Pistolenduell im Walde in der Nähe Biedenkopf's statt. Beim zweiten Gang er⸗ hielt der Student einen Schuß in die Shulter. ———— Kon trollversammlungen im Kreise Gießen finden wie folgt statt. Für Gießen und die dazu gehörigen Orte im Os waldsgarten: Am 12. April, vorm. 8 Uhr: Reser⸗ visten der Infanterie, die in den Jahren 1893 und 1894 eingetreten sind; Vormittags 10 Uhr: Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1895 und 1896 eingetreten sind. Nachmittags 2 Uhr: Reservisten der In⸗ fanterie, welche in den Jahren 1897, 1898, 1899 und 1900 eingetreten sind, sowie sämtliche zur Disposition der Truppenteile und der Er— satzbehörden entlassenen Mannschaften der In⸗ fanterie. 4 Am 13. April, vor mittags 8 Uhr: Wehrleute des 1. Aufgebots der Infanterie. Nachmittags 2 Uhr: Reservisten, sowie zur Disposition der Truppenteile und der Ersatz⸗ Behörden entlassenen Mannschaften aller übrigen Waffen. Am 13. Avril, vormittags 8 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller übrigeu Waffen. Vormittags 10 Uhr: Ersatz⸗Reser⸗ visten der Jahraänge 1894, 1895, 1896, 1897, 1898, 1899 uud 1900. Nachmittags 2 Uhr: Ersatz⸗Reservisten der Jahrgänge 1888, 1889, 1890, 1891, 1892 und 1893. In Lollar, Grünberg, Lich, Hungen finden die Kontrollversammlungen am 16., 17., 18. und 19. April statt. Wahlkreis Gießen Grünberg Nidda. Die von der Konferenz in Daubringen be⸗ schlossene, im April abzuhaltende Kreiskonferenz findet Sonntag, den 21. Avril, Nach⸗ mittags 1 Uhr im Lokale des Genossen Orbig in Gießen statt. Tagesordnung: J. Ausbau der Organisation. II. Verschiedenes. Wir bitten, die Wahlen der Delegierten sofort vorzunehmen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 6. April. Friedberg. Nichtgewerbl. Arbeiter. Abends 8 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork. Alle Mitglieder haben zu erscheinen und das Mit⸗ gliedsbuch mitzubringen. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“. Donnerstag den 11. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. ——— Holzversteigerungen im Gießener Stadtwald. Donnerstag 11. April, vormittags von 9½ Uhr ab, im Distrikt Fernewald; Zusammenkunft an der St angswiese beim Pflanzengarten. Zur Ver⸗ steigerung kommen: 4 Eichen- u. 115 Fichtenstämme; 1786 Fichtenstangen; ferner Buchen- Eichen- Birken⸗ und Nadel⸗ Scheit und Knüppelholz; vieles Reisig. Briefkasten. Quittung. Für das Liebknechtdenkmal ging weiter: B. S. Hachenburg: Mk. 0.50. Der Vertrauensmann, H. P. Marburg. Es liegt da eine Verwechs⸗ lung mit Ihrem Sohn vor. Die Schuld daran liegt nur an uns. Das Unglück ist aber doch nicht so groß! —— e eee r Partel-Nachrichten. Seite 6. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. IA N N b Unterhaltungs-Ceil. 2—— Der Rebell. Im Jahre 1848 war es, just am Grün⸗ donnerstag. Eis und Schnee waren den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne ge⸗ wichen und zartes Grün drängte sich in Wald und Feld hervor,— eine stille Revolution in der Natur. Aber auch die Menschen befanden sich in einer Revolution, die nicht so lautlos vorübergehen sollte. Droben auf der Scheideck, der Höhe des Passes zwischen dem Städtchen R. und dem Dorfe Sch. am süblichen Abhange des Schwarzwaldes, standen sich bewaffnete Männer gegenüber. Es waren etwa tausend Freischärler, die von den Hessen unter General v. Gagern bedrängt wurden. Das Scharmützel begann und eines der ersten Opfer war der hessische General. Auf beiden Seiten hatte man Tote und Verwundete zu beklagen. Das Scharmützel endete mit dem Rückzuge der Freischar. i Die scheidende Sonne küßte die bleichen Gesichter der Toten. Unter einer Eiche lagen zwei Männer in ihrem Blute, der eine mit grauem Haar und Bart, der andere noch ein Jüngling. Der Greis ist tot, eine hessische Kugel hatte sein Herz durchbohrt; der Jüng⸗ ting, welcher nur verwundet war, erhebt sich, suchend schaut er umher— da erblickt er neben sich den Toten: es ist sein Vater. Drohend streckt er die geballte Faust empor und seine Lippen murmeln einige unverständliche Worte, dann fällt er wieder in Ohnmacht. * * Siebenundvierzig Jahre sind seitdem ver⸗ flossen. Auf der Straße nach dem Dorfe Sch. im schönen Wiesenthal wankt ein gebeugter Greis daher. Schneeweiße Locken wallen unter seinem breitrandigen Hut hervor und ein langer Bart ziert sein Gesicht. Seine ärmlichen Kleider verraten den Proletarier. Eben hat er das sogenannte alte Kloster erreicht und erschöpft sinkt er auf einen Stein nieder. Gleich rechts erhebt sich die Kloster⸗ kirche, die, aus dem Mittelalter stammend, zu⸗ erst ein katholisches Ordenskloster war; zur Reformationszeit wurde sie in eine evangelische Kirche umgewandelt. Vor einigen Jahren mußte sie wegen Baufälligkeit geschlossen werden, worauf sie ein Kapitalist erwarb, der das ehr⸗ würdige Gebäude in ein prächtiges Schloß um⸗ wandelte, aber soweit als möglich die alte Architektur erhalten ließ. Der Greis stützt sein Gesicht in die Hand und verfällt in tiefes Nachdenken. In dieser Kirche, wo jetzt üppige weltliche Lust herrscht, wurde er getauft und konformiert und droben am Waldsaume liegt der Kirchhofe, wo seine Eltern schlafen; sein Vater starb als Kämpfer für Freiheit und Recht, er fiel als Freischärler am Gründonnerstag 1848 auf der Scheideck, wo auch er, der Sohn, verwundet wurde. 0 Wir kennen den Wanderer, es ist jener Tapfere, der am Abend des 20. April 1848 hoch droben im Wald als Schwerverwundeter an der Seite seines toten Vaters lag. Eine schwere Zeit mußte der Jüngling über sich ergehen lassen. Nach seiner Wiederher⸗ stellung erwartete ihn langjährige Gefängnis⸗ haft und später, nach seiner Freilassung, wurde er in seinem heimatlichen Dorfe verhöhnt und vertrieben, weil er seine„rebellischen Gesinnungen“ nicht aufgeben wollte. Er zog in die Stadt, um sich dort ein neues Heim zu gründen. Aber das Unglück verfolgte ihn auch hier. Als es ihm nach einer Reihe von Jahren gelungen war, zu einer ge⸗ wissen Selbständigkeit zu gelangen, raubte ihm der Tod seine Frau, dann verunglückte sein ältester Sohn in einer Maschinenfabrik und den Jüngsten holte sich der Moloch Militarismus als Opfer; er wurde bei einem Manöver von einem Hitzschlag tötlich getroffen. Nun stand der„Rebell“ wieder allein: arm, alt und— krank. Aber verlassen war er dennoch nicht. Der„Rebell“ hatte unentwegt zur Fahne der Freiheit, der Sozialdemokratie gehalten und die Parteigenossen vergalten es dem alten Kämpen, soweit sie dazu in der Lage waren. Sie wußten, daß es der sehnlichste Wunsch des Alten war, noch einmal seine Heimat und die Stätte wieder zu sehen, wo er seine Brust den landsmännischen Kugeln dargeboten hatte. Eine kleine Sammlung brachte die Mittel hier⸗ zu auf und der alte„Rebell“ machte sich an einem schönen Maientag auf den Weg. Jetzt ist er dem Ziele nahe und müde er⸗ hebt er sich vom Stein, um in das heimatliche Dorf einzuziehen. Verwundert sehen ihm die Bauern nach, keiner kennt ihn, keiner grüßt ihn, und still geht der Alte seines Wegs bis zum Gasthaus, wo er erst nach Vorzeigung der 1 Barmittel eine Schlafstelle angewiesen erhält. Am lächsten Tage zieht's den Alten auf die Scheideck; auch die Eiche steht noch da, unter welcher er einstmals mit seinem Vater den Blutbund mit der Freiheit besiegelte. Heller erglänzen seine Augen, als die Sonnen⸗ strahlen den Platz mit goldenem Lichte um⸗ fluten, laut schmettern die Vögel und der Wald umgiebt ihn mit seinem geheimnisvollen Zauber. Und wieder streckt er die Hand dem Licht ent⸗ gegen, als winke er den Scharen zu, die sein geistiges Auge in ungezählten Schwaden heran⸗ brausen steht, zum Kampfe für Freiheit und Recht.— Langsam sinkt die Hand herab, das Haupt fällt auf die Brust und sanft nimmt der grüne Waldesbode nden zusammenbrechenden Körper auf und bettet ihn ihn in Moos und duftenden Blumen und Kräutern. Noch einmal schlägt der Greis die Augen auf, der blitzenden Sonne entgegen, dann schließen sie sich auf immer. Der alte„Rebell“ hauchte seinen letzten Atemzug auf dem Schlachtfeld aus. * * Nach einigen Tagen steht ein schmuckloser Armensarg im Spritzenhause des Dorfes Sch. In denselben ist der Alte zur letzten Ruhe ge⸗ bettet. Aus den Papieren, die sich in den Kleidern der Leiche auf der Scheideck vorfanden, wurde festgestellt, daß es der längst verschollene Hans Müller, bekannt unter dem Namen„der Rebell“ sei. Mit saurer Miene entschlossen sich die Bauern, die Beerdigung der Leiche zu übernehmen; sie schimpften weidlich auf den „Rebellen“, daß er ihnen im Tode noch Kosten verursachte. Zum dritten Male läutete die Totenglocke und die vier Träger waren eben im Begriff, den schmucklosen Sarg aufzunehmen, als ein Zug Männer nahte, der von Kindern nach dem Spritzenhause zur Leiche geführt wurde. Es waren Parteigenossen, die aus der Zeitung den Tod des Alten erfahren hatten. Sie säumten nicht, eine längere Bahnfahrt zu machen, um ihm noch das letzte Geleite geben zu können. Schnell wurde der Sarg mit Kränzen und roten Bändern geschmückt, und in feierlichem Zuge ging's zum Kirchhofe. Verdutzt schauten die Bauern aus ihren Häusern heraus und dem Ortsbüttel ward's über den roten Schleifen ganz„köllerisch“ zu Mute, aber er wagte es 1 dem Zuge Hindernisse in den Weg zu egen. Auf dem Kirchhofe angelangt, hielt einer der Leidtragenden eine ergreifende Rede, die er mit den Worten Freiligrath's schloß: So lagen die Tapfern an Wien und Spree: So lagen die Turner am Eiderfluß; So lagen auf jener Schwarzwaldhöh' Die Freistaatmänner, gefällt vom Schuß. So liegen und lagen sie hundertweis, Die der März gefordert und der April; So findet sie liegen die Rose des Mai's, Daß ihr Grab sie bekränze freundlich und still. Hierauf wurde der Sarg in die Gruft ge⸗ senkt. Bald war der Hügel aufgeworfen und mit Kränzen und Blumen bedeckt, unter dem 5„alte Rebell“ endlich seine Ruhe gefunden hatte. N Sozialdemokrat und Großherzog. 1 Zu diesem kürzlich viel erörterten Kapitel Parteiorgans: 7 6 dichtete der Wochenplauderer unseres Hamburger 0 ¹ f Der rote Ulrich von Offenbach Der hat das Eis gebrochen, Mit einem leibhaft'gen Großherzog Drei Viertelstunden gesprochen. Der rote Ulrich von Offenbach, Geruhsam sitzt er am Ttsche Und hält sein Bierglas gegen das Licht, Zu prüfen Farbe und Frische. Da that d'e Flügelthür sich auf Was sind das für neue Gäste? Da kommt der hessische Großherzog Zum parlamentar'schen Feste. Der Fürst grüßt höflich und sieht sich um, Ein Plätzchen sich selbst zu wählen, Und setzt zum roten Ulrich sich hin, Mit Dem sich was zu erzählen. Der rote Ulrich von Offenbach Hat sich nicht lange besonnen Und hat gleich mit Serenissimus Vergnügt zu plaudern begonnen. Ich denke, sie sprachen allerlei, Von Bier und Holländer Käse Und was man Neues vom Burenkrieg Im„Darmstädter Tagblatt“ lese. Dann sieht der Großherzog auf die Uhr: „Nanu? Schon zehn Uhr! Ich denke, Daß nach der heimischen Klause ich Nunmehr meine Schritte lenke. Gut' Nacht, Herr Ulrich, ich muß nach Haus Und darf nicht länger mehr zaudern. Ich hoffe, wir seh'n uns dann und wann, Um wieder ein Stündchen zu plaudern.“ Der rote Ulrich von Offenbach Hat noch ein Gläschen Ke Und ist über sein Erlebnis wohl Tief in Betrachtung versunken: „Ein netter Mann, unser Großberzog! Recht schlicht und keinerlei Posen! 5 Doch ist es gut. daß ich heut zog an Vorahnend die schwarzen Hosen.“ Humoristisches. Eifersüchtig. Richter(zum Angeklagten):„Bei dem Einbruch in die Buchhandlung haben Sie, außer der Ladenkasse, auch noch ein Buch:„Die Kunst, jungen Damen zu gefallen“ eingesteckt!“ Die Frau des Angeklagten(aus dem Publikum heraus):„Na, komm' Du mir nur nach Haus, Du alter Esel!“ Umschwung.„Sie haben mein Leben gerettet — nun werde ich es Ihnen ganz weihen!“ „Bedaure, mein Fräulein— ich bin schon ver⸗ heiratet!“ a „Na, dann hätten Sie mich auch von jemand anderem aus dem Wasser ziehen lassen können!“ (Fl. Bl.) Hereinfall. Das in Hechingen(Hohenzollern) erscheinende Zentrumsblatt„Der Zoller“ veröffentlichte folgendes ihm eingesandte Gedicht: An das Zentrum. Kämpfe weiter für des Volkes Rechte, Achte nicht der Bösen schlecht Getrieb'! Mutig vorwärts, Gott will keine Knechte! Endlich wird der Wahrheit doch der Steg. Einen Trost mag Dir der Spruch gewähren: Längst des Volkes Herzen Dir gehören.“ 1* . 1 1 145 1 * 1 Wenn man sich die ersten Buchstaben der sechs 1 Zeilen des Gedichtes genauer ansieht, erkennt man mit Bedauern, daß ein arger Schalk das ultramontane Blättchen hineingelegt hat.(Kladderadatsch.) Litterarisches. Auf das bei J. H. W. Dietz Nachf. erschienene, 4 von Emanuel Wurm herausgegebene Lieferungs⸗ werk: Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie machen wir wiederholt alle Genossen empfehlend aufmerksam. Aus dem Inhalt der eben er⸗ schienenen Hefte 21 und 22 heben wir hervor: Die Jufektionskrankheiten. — Nährstosfe und 1 ben cel Bei nur 5 nellen neu e Sp 4 10 3 0 . 0 1228 Am Hbauft man 1 K Schirme Koftmaß. Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. Tafeln, welche die darstellen. Außerdem enthalten die Hefte zwe! Zusammensetzung der Nahrungsmittel Das Werk wird in Lieferungen von je 32 Seiten 0 zum Preise von 20 Pfennig erscheinen und in 25 Heften komplett vorliegen. Zu haben in allen Buchhandlungen. tr. 14 zog. Nr. 14. Mitteldeutsche Sountags-geitung. Seite 7. Napitk Das Möbel- Betten⸗u. Ausstatfungs⸗Geschäft H. C. Werner upfiehlt sein reichhaltiges Lager einem verehrlichen hiesigen und answärtigen Publikum bei eintretendem Bedarf zur gefälligen Benutzung. 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