Agel n Pressen cho wahl. fss tte nath h . K 2 ..—— —— tr. 40. Gießen, Sonntag, den 6. Oktober 1901. 8. Jahrg. 2 Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Sount gs⸗Jeit 2 9 r Abounemeutspreis: e Mitteldeutsche Parteigenossen! Unterschreibt die Petition gegen sen Brotwucher! Lübeck. In sechs, ja beinahe sieben arbeitsreichen lugen hat unser diesjähriger Parteitag seine lagesordnung erledigt. Und wir können auf me Arbeiten mit großer Befriedigung zurück⸗ cen. Sein Verlauf hat gezeigt, daß die — 5 nach wie vor 1 und geschlossen da⸗ scht, — 2 in Bezug auf prinzipielle wie tak⸗ ssche Fragen. Und wie wir es schon in der Urletzten Nummer voraus sagten, sind unsere geguer mit ihren Hoffnungen auf Spaltung ur Sozialdemokratie wiederum schmählich ge⸗ suscht worden. Denn solche wurden diesmal it Sicherheit erwartet. Drum ist auch der lerger nicht gering, der über den für uns tigen Verlauf des. in den gegne⸗ sschen Blättern 3 Ausdruck kommt. anche luchen die possterlichsten Sprünge, zeigen sich wahrhaft 8 Weise besorgt um das Johl unserer Partei; andere wieder lästern und schimpfen, wie es von jeher ihre Gewohn⸗ la wieder andere suchen uns tot zu schwatzen. lergeblich. Die Tage von Lübeck haben für se Einheitlichkeit und Kraft der ee hatischen e glaͤnzend Neun 8 abgelegt. bo ist die f„ welche Aehnliches leisten unn, deren Zusammenkünfte gleiche Bedeutung kanspruchen können? ewiß, es fiel manches harte Wort in den gebatten. Sicher ist der usch angebracht, ß künftig weniger das Persönliche und ehr das Sachliche in den Vordergrund * werde. Es liegt im Interesse der Sache, ib. wir uns bei allem sachlichen 2 5 17 der selbstverständlich ungeschmälert bleiben A und 77 frei halten von persön⸗ Ihem Zwist. Aber alle Reden waren doch Masen von dem Bestreben, der Sache in der en Weise zu dienen. Und in Frieden und Uitheit gingen die Delegierten auseinander. Trotzdem die Geister oft heftig aufeinander⸗ atzen, in leidenschaftlicher Erregung die Ein⸗ 1 ihre Meinung vertreten, 0 glätten sich Ich. bald bei der freien und ungeschminkten Aussprache die stürmischen Wogen und die Zeefligten bleiben gute Freunde und treue P et it Recht sagt unser Dresdener Partei⸗ Aan: Nicht nach seinen Debatten, nach seinen Zechlüssen muß man einen Parteitag beurteilen. ud da une das erfreuliche Ergebnis des Abecker Tages deutlich in die Augen: der 4. e Aus ang der Bernsteindehatte, den e Bebelsche Resolr e, gewährleistet, die lesen des Kampfes um den Hamburgischen Ee stedsspruch, die grundsätzliche Festlegung der Jartei in der 7 der Budgetbewilligung, In flammende Protest gegen den Brot- und Zalwucher, die richtunggebende Behandlung in Wohnungsfrage, die entschiedene Stellung⸗ murme zu den neuesten Erfahrungen mit der Mlitärjustiz, die fruchtbringenden Erörterungen Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere lusträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. surch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch % Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens — den Fan Wichtigkeit und Bedeutsamkeit für den Emanzipationskampf des Proletariats nicht erst bewiesen zu werden braucht. In seiner Begrüßungsrede hatte Bebel gewünscht, daß der alte hanseatische Geist kühner Entschlossen⸗ heit, aufrechter Mannhaftigkeit und wohlab⸗ wägender Gewissenhaftigkeit die Verhandlungen beseelen möge, dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Parteitagsbeschlüsse machen nicht den An⸗ spruch, Wahrheiten letzter Instanz zu sein; Politik treiben, heißt die Kräfte, die ihm Volke schlummern, wecken und in den Dienst der Wohlfahrt des Volkes stellen. Darum kann ein abschließendes Urteil über die Bedeutung eines solchen Tages immer erst in der Zukunft gefällt werden. Des aber sind wir gewiß, daß auch der Lübecker Parteitag segensvoll und förderlich für das auf dem Boden des Klassen⸗ kampfes um seine politische und wirtschaftliche Befreiung ringende deutsche und internationale Proletariat sein wird! Mögen drum die Feinde des aufstrebenden Proletariats ihre getäuschten Hoffnungen zu Grabe tragen, jeder zur besitzlosen Klasse Gehörige 7 5 seine Pflicht und arbeite mit an der Verwirklichung der hohen Ziele der Soztal⸗ demokratie! Unser Parteitag. Wir schlossen unsern Bericht über die Partei⸗ tagsverhandlungen in voriger Nummer mit der Rede Kautsky's, die derselbe zu dem Punkte „Presse und Litteratur“ am Dienstag Nachmittag hielt und in der er sich zu den Bernsteinschen Kritiken äußerte. Zur Bernsteinangelegenheit liegen zwei Resolutionen vor, die eine von Abg. Heine, die andere von Bebel beantragt, beide mit zahlreichen Unterschriften versehen. Die Bebelssche(später zur Annahme gelangte) Resolution lautet: „Der Parteitag erkennt rückhaltlos die Notwendig⸗ keit der Selbstkritik für die geistige Fortentwickelung unserer Partei an. Aber die durchaus einseitige Art, wie der Genosse Bernstein diese Kritik in den letzten Jahren betrieb, unter Außerachtlassung der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Trägern, hat ihn in eine zweideutige Position gebracht und die Mißstimmung eines großen Teils der Partei⸗ genossen erregt. In der Erwartung, daß der Genosse Bernstein sich dieser Erkenntnis nicht verschließt und danach handelt, geht der Parteitag über die Anträge Nr. 52, 91, 92 und 93 zur Tagesordnung über.“ Aus den Ausführungen Dr. Davids, der 1 Kautsky das Wort ergriff, sei folgendes wiedergegeben: Unwahr ist es zunächft, daß die Freunde Bernfteins von einer neuen Zeit gesprochen haben sollen, die mit dem Erscheinen von dessen Buch eintrete. Ebensowenig war von einem Jubel über dieses Buch etwas zu merken. Os wurde zunächst recht kühl aufgenommen. Erst als es Überscharf angegriffen wurde, da haben wir es geprüft und zu ruhigerer Betrachtung gemahnt. Ueber die Ver⸗ elendung haben wir uns ja schon in Hannover ausge⸗ sprochen. Ich habe schon damals gegen Kautsky das „Kommunistische Manifest“ angeführt, wo nicht von einer Tendenz die Rede ist, sondern von der faktischen Aus⸗ hungerung der Arbeitermasse. Auch von einer Gegen⸗ wirkung gegen das Kapital ist dort nicht die Rede. über unser Preßwesen— das sind doch alles Also hat es doch Leute gegeben, die auf solchem Boden standen, und daher kann doch Kautsky diese Auffassung der Verelendungstheorie nicht als verrückt erklären! Aendert man seine Meinung, so habe man auch den Mut, es zu bekennen. Parvus hat noch zuletzt in der „Neuen Zeit“ Meinungen geäußert, die jener alten Auf⸗ fassung der Theorie nahe stehen. Weshalb verhandeln wir über Bernstein aber heute? Der Anlaß dazu ist ein sehr harmloser: sein Vortrag im Studentenverein. Ich gebe zu, daß die Ausschlachtungen desselben in der bürgerlichen Presse Parteigenossen ärgerlich stimmen konnten. Aber nachdem der Vortrag im Druck vorlag, zeigte es sich doch ganz deutlich, daß es sich hier, wie Heine so hübsch gesagt hat, um die Theorie der Theorie, um recht formalistische wissenschaftliche Haarspaltereien handelte. Will man der Wahrheit die Ehre geben, muß man doch auch feststellen, daß die bürgerliche Presse durchaus nicht im allgemeinen auf Bernsteins Seite steht. Von der konservativen Presse ist Bernstein häufig als der Vertreter der allergefährlichsten Spielart innerhalb der Sozialdemokratie angesprochen worden. Bernsteins Vortrag ist in der„Frankfurter Zeitung“ nicht lobend, sondern mißbilligend kritisiert worden, Vor allem aber ist kein Wort daran wahr, daß Bernstein in seinem Vortrag dem Sozialismus das wissenschaftliche Funda⸗ ment entzogen habe. Bebels Resolution läßt den Vor⸗ trag Bernsteins im Studentenverein fallen, aber sie geht doch wieder auf den hannoverschen Streit ein, und den hielt ich für abgethan. Die Resolution spricht aber auch dem Genossen Bernstein eine Rüge für seine Thätigkeit aus. Diese Rüge halte ich für sehr ungerecht, denn die Resolution hat kein Wort des Tadels für die Gegen⸗ seite.(Sehr richtig!) Ich erinnere Sie daran, wie in der„Neuen Zeit“ Bernstein angegriffen worden ist, Ueberhaupt hat die„Neue Zeit“ in letzter Zeit Pole⸗ miten geführt, die gar nicht zu rechtfertigen waren. Man scheint in diesen Angriffen gar keine Grenzen mehr zu finden. Ich erinnere Sie nur an die Behandlung, die Auer und Vollmar sich in der„Neuen Zeit“ haben gefallen lassen müssen. Ich meine, Bebel sollte, um auch den Schein zu vermeiden, als wolle er ein Straf⸗ gericht über Bernstein herbeiführen, seine Resolution zurückziehen und sich der andern anschließen. Wir sind doch der Ueberzeugung, daß die Verwirklichung der Ziele unserer Bewegung bedingt ist durch die wirt⸗ schaftlichen Verhältnisse, daß in der notwendigen Ent⸗ wicklung der Dinge unsere Macht wurzelt, was soll da die Nervosität, wenn irgend Jemand einen Satz des „Kapitals“ bezweifelt. Was an dieser Kritik richtig ist, wird Bestand haben und sich durchsetzen, was nicht richtig ist, wird absterben. Wir werden neue Erfahrungen machen, die Wissenschaft geht durchaus nicht immer als Leuchte voran, sondern hinkt häufig hinter den Erfah⸗ rungen her. Ich meine, die neue Bernstein⸗Debatte wäre nicht nötig gewesen, schaden wird sie ja nicht, aber ich hoffe doch, daß sie für absehbare Zeit die letzte sein wird. Sie wird uns in unserm Kampfe nicht schaden, denn auch Selbstkritik gehört mit zum Kampfe gegen die Gegner. Wenn wir auf den Namen der wissenschaft⸗ lichsten Partei mit Recht Anspruch erheben, dürfen wir uns nie und nimmer dazu verstehen, einen Forscher wie Bernstein in seiner Thätigkeit in dieser Weise herunter⸗ zudrücken; wir müssen ihn in seinem Sinne zum Besten der Partei weiter arbeiten lassen; davon wird die Partei keinen Schaden haben.(Lebhafter Beifall.) Hierauf ergreift Genosse Bebel das Wort. Selbstkritik wolle kein Mensch in der Partei beseitigen Was Kautsky über die Verelendungstheorie gesagt hat ist völlig richtig. Schon 1872 hat Engels im Einver⸗ ständnis mit Marx erklärt, sie seien nicht mehr in der Lage, alle Grundanschaunngen des kommunistischen Manifestes aufrecht zu erhalten. Es besteht danach kein Zweifel, wie das Wort Verelendungstheorie bei Marx aufzufassen ist. Jeder der loyal ist, muß zugeben, daß Marx auch nur von relativer Verelendung gesprochen hat. Ich hätte bei David wirklich etwas mehr Objektivität erwartet, denn er weiß, worum sichs handelt. Er gehört Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 40. wirklich nicht zu den Unbedeutendsten unter uns. Das Schlimmste ist, daß Bernstein sich so unklar auszudrücken beliebt. Es ist mit ihm eine Diskussion fast unmöglich geworden, in so krausen, verschlungenen Gedankengängen bewegt er sich jetzt immer. Bernstein und ich kennen uns seit 31 Jahren. Ich weiß, daß die Umgebung auf Bernstein mehr als auf andere Leute einen starken Einfluß ausübt und in den Jahren seines unfreiwilligen Aufenthaltes in England hat fich bei ihm eine gehörige Umwälzung vollzogen. Früher hatten wir nur einen unter uns, den die Gegner lobten, jetzt haben wir leider beinahe ein halbes Dutzend hervorragender Genossen, die dies unverdiente Lob der bürgerlichen Presse bet jeder Gelegenheit erhalten. Ein Eingehen Bernsteins auf die Lobhudeleien der Gegner hätte ich sehr gewünscht. Haben wir es nicht als einen Geniestreich Bülows bezeichnen hören, daß er Bernstein die Rückkehr ermöglicht hat? Haben die Blätter der Gegner nicht geschrieben: Es könnte uns gar nichts Schlimmeres passieren, als Bern⸗ steins Rückkehr nach Deutschland? Bernstein kann gewiß nichts dafür. Die Stimmen sind uns charakteristisch für den Gedankengang der Leute. Wir sind eine Partei des Kampfes, aber auch eine theoretisierende Partei, die fortwährend die Grundlagen, auf denen sie steht, prüfen muß. Ich bin deshalb auch kein Gegner der Revision des Programms. Sie kann gar nicht mehr lange aufgeschoben werden. Spätestens auf dem nächsten Parteitag werden wir eine Kommission niedersetzen müssen, die sich damit beschäftigt. Ich be⸗ haupte, das ganze Auftreten Bernsteins hätte nicht den Erfolg gehabt, wenn wir uns nicht damals in einer Prosperitäts⸗Periode befunden hätten, für eine ganze Anzahl von Genossen, Parlamentarier, Redakteure und auch zahlreiche Gewerkschaftsführer hing der Himmel damals voller Geigen. Nun aber ist die Krisis gekommen. Das ist gewiß tief zu bedauern mit Rücksicht auf das entsetzliche Elend, das damit über Millionen unserer Arbeiter gekommen ist. Aber für unsere Partei war es geradezu eine rettende That, denn die Krise hat wie mit elektrischer Beleuchtung gezeigt, wie es in der That um unsere bürgerliche Gesellschaft bestellt ist. Wäre die Krise vor zwei Jahren gekommen, das Bernstein'sche Buch wäre nicht erschienen. Nehmen Sie die von uns vorgeschlagene Resolution an. Sie enthält kein Bernstein beleidigendes Urteil, sie konstatiert einfach nackte Thatsachen, wie sie in den letzten Jahren sich zugetragen haben und spricht die Hoffnung aus, daß Bernstein zu der Ueberzeugung kommen wird, daß er manchen Fehlschritt in der letzten Zeit gethan hat, und daß er wieder auf den alten Weg zurückkommen wird, wo wir ihn mit Freuden als den unsern im vollsten und ganzen Sinne des Wortes begrüßen werden. Es folgen hierauf eine lange Reihe persön⸗ licher Bemerkungen. Mittwoch wird die Debatte ortgesetzt. Daran beteiligen sich noch u. a. autert⸗Apolda, Stadthagen und Bern— stein. Die Resolution Bebels wird hierauf mit 203 gegen 31 Stimmen angenommen. Darauf wird die öffentliche Diskussion über die Presse fortgesetzt. Dazu sprechen noch Thiele⸗ Halle, Ehrhardt ⸗Ludwigshafen, Südekum und Richard Fischer.— Spät Nachmittags beginnt die Verhandlung über die Akkordmaurerangelegenheit. Bömel⸗ burg⸗Hamburg referiert hierzu, Auer ist Korreferent. Dieser begann seine zweistündige Rede erst /:6 Uhr abends. Am andern Tage (Donnerstag) sprachen in der Diskussion u. a. Elm, Legen, Hoch, Quarck, Bernstein ꝛc. Auf diese Verhandlung kommen wir noch aus⸗ führlich zurück. Den Bericht über die parlamentarische Thätigkeit erstattete Abg. Wurm, der sich kurz fassen konnte, weil ja ein eingehender Bericht gedruckt vorliegt. Er besprach zunächst den Antrag auf Einführung des zehnstün⸗ digen Maximalarbeitstages. Dies sei von Genossen getadelt worden. Wir verlangen darin aber nur die vorläufige Einführung des zehn⸗ stündigen Arbeitstags, um dann den Achtstundentag durchzusetzen. Wir wollen nicht den bürgerlichen Parteien goldene Brücken bauen, sondern vielmehr die Heuchelei ihrer Sozialreform entlarven. Es ist ein Irrtum, wenn man meint, das Zentrum komme uns sogar zuvor, indem es einen Antrag auf eine dreiundsechzigstündige Maximalarbeitszeit pro Woche eingebracht habe. Diesen Antrag vertrat nur eine Minorität des Zentrums unter Pro⸗ fessor Hitze, um ihre angebliche Arbeiterfreund⸗ lichkeit zu beweisen. Herr Hitze hat selbst im Reichstag erklärt:„Ich für meine Person halte den zehnstündigen Maximalarbeitstag heute für ganz gut durchführbar“ und gleich darauf vertrat sein Fraktionsgenosse Frhr. v. Hertling einen ganz entgegengesetzten Stand⸗ punkt.— Ferner behandelt Redner die Frage der Budget bewilligung in den Landtagen, die von den badischen Genossen, besonders von Fendrich aufgerollt worden ist. Dessen Ansicht, daß man nur daun das Gesamtbudget im Landtage verweigern solle, wenn Ausnahme⸗ gesetze bestehen, kann er nicht zustimmen. Also nur, wenn man uns mit der Hundepeitsche kommt, sollen wir nicht bewilligen! Ich muß sagen, die badische Regierung hat da mehr Charakter gezeigt, als der budgetbewilligende Genosse. Daß Ausnahmefälle vorkommen können, wo das Budget einmal bewilligt werden kann, geben wir zu. Solche Fälle hat auch Bebel in seiner Resolution über die Budgetfrage be⸗ rücksichtigt. In Hessen ist einmal solch ein Fall vorgekommen. Dort besteht nur für den Landtag das een e ee und die Genossen haben einmal das Budget bewilligt, um ein schlechteres Budget zu verhindern. Für das Linsengericht kleiner Reformen können wir nicht das Erstgeburtsrecht der Demokratie ver⸗ kaufen. Wir wollen die Wähler nicht einfangen, sondern mit offenem Visir kämpfen. Wir sind revolutionär, wie wir revolutionär waren und wir werden nicht mehr sein, wenn wir das nicht mehr sind. Wir prostituieren uns nicht. Ich schließe mit der Versicherung, daß wir auf der bisher beschrittenen Bahn weiterschreiten werden. Sie führt zum Siege.(Beifall.) An die Ausführungen Wurms schloß sich eine ziemlich lebhafte Debatte, in der nament⸗ lich Bebel das Verhalteu der badischen Land⸗ tagsabgeordneten in der Frage der Budget⸗ bewilligung kritisierte, während Fendrich⸗ Karlsruhe ihre Haltung zu verteidigen suchte. Eine Resolution von Bebel gelangt zur An⸗ nahme, in welcher den soz. Abgeordneten in den Landtagen aufgegeben wird, gegen das Gesamtbudget zu stimmen und nur aus beson⸗ ders zwingenden Gründen soll. werden.— Dann folgt das Referat Bebels über Zolltarif und Handelsverträge. Die hier beschlossene Resolution haben wir an anderer Stelle mitgeteilt, leider können wir die trefflichen Ausführungen Bebels wegen Raum⸗ mangels nicht wiedergeben.— Zur Maifeier spricht Metzner⸗Berlin; es wird eine ähnlich lautende Resolution wie im Vorjahre beschlossen. — Dann folgt ein sachkundiges und tief durch⸗ dachtes Referat des Abg. Südekum über die Wohnungsfrage, auf dessen Wiedergabe wir ebenfalls verzichten müssen. Dann kommen noch Anträge zur Verhandlung, welche fich auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages beziehen. Die„Alkoholfrage“ auf die nächste Tagesordnung zu setzen wird abgelehnt; dagegen auf Antrag Molkenbuhrs beschlossen,„Par⸗ tei und Arbeiter⸗Versicherung“ das nächste Mal zu verhandeln.— Die Wahl des Partei⸗ vorstandes hat die Wiederwahl aller Mit- glieder des alten ergeben.— Der nächste Partei⸗ tag wird in München abgehalten. Singer schließt hierauf nach einer herzlichen Ansprache den Parteitag mit einem Wen en Hoch auf die internationale Sazialdemokratie. Zum Kampfe gegen den Brotwucher. Zur Zollpolitik nahm der Lübecker Parteitag in einer einstimmig angenommenen Resolution Stellung, die Genosse Bebel nach einem ausgezeichneten Referat über diese Frage vorschlug. Die Resolution lautet: Der vorliegende Zolltarifentwurf übertrifft nach jeder Richtung die schlimmsten Befürchtungen, die nach seiner Vorgeschichte und den Antecedenzien seiner Väter gehegt werden konnten. Durch diesen Tarifentwurf werden, wenn derselbe Gesetz wird, die Lebensinteressen der ungeheuren Volks⸗ mehrheit aufs tötlichste verletzt, wo hingegen durch den⸗ selben die Klasseninteressen des Agrariertums und der mit diesem verbündeten Großbourgeoisie in der maß⸗ losesten und schamlosesten Weise begünstigt werden. Der Entwurf, wenn verwirklicht, bedeutet den uner⸗ hörtesten Brot- und Lebensmittelwucher, die zunehmende Verarmung und Aushungerung der arbeitenden Klasse und ihre Unterjochung unter den Agrar⸗ und Industrie⸗ feudalismus; er bedingt ferner mit Notwendigkeit die Verfeindung Deutschlands mit allen Kulturnationen und seine wirtschaftliche und politische Isolierung. Der Entwurf ist mit einem Wort das volks⸗ und kulturfeindlichste Machwerk, das man einer zivilisierten Nation zumuten kann; er beweist, daß seine Urheber nicht nur die größten Feinde der Arbeiterklasse, sonderm auch die schlimmsten Schädiger der politischen und wirt⸗ schaftlichen Interessen Deutschlands find. Der Parteitag der dentschen Sozialdemokratie pro⸗ testiert mit dem größten Nachdruck gegen diesen vom brutalsten Agrar⸗ und Großunternehmerinteresse diktierten Tarifentwurf; er richtet an die gesamte deutsche Arbeiter klasse ohne Unterschied der Partei und des Geschlechts die Aufforderung, sich immer wieder durch Resolutionen in Versammlungen und Petitionen an den Reichstag in der unzweideutigsten und schärfsten Weise gegen diesen Entwurf auszusprechen, Insbesondere sollten auch die der Arbeiterklasse an⸗ gehörigen Wähler den von ihnen in den Reichstag Ge⸗ wählten keinen Zweifel darüber lassen, daß ein Abge⸗ ordneter, der diesem oder einem ähnlichen Zolltarifent⸗ wurf seine Zustimmung giebt, ein Verräter am arbel⸗ tenden Volke und unwürdig ist, sein Vertreter zu sein ** *. Pommersche Bauern gegen die Ge⸗ Wie norddeutsche Blätter be⸗ richten, fanden in der letzten Zeit in rein treidezölle. bäuerlichen Ortschaften des pommerschen Kreises Köslin zahlreiche e statt, in denen Redakteur Brandt⸗Berlin über„Handelsverträge und Landwirtschaft“ hielt. 1 ö Diese Versammlungen waren für ländliche Ver⸗ hältnisse zum Teil ganz bedeutende Kundgebungen. In dem Dorfe Thunow waren über 100, in Schwessin gegen 200, in Kordeshagen weit über 300 Landbewohner erschienen, alle ohne Aus⸗ nahme Bauern, kleine Besitzer und Eigentümer, teilweise auch ländliche Handwerker und Arbeiter. In sämtlichen Versammlungen wurden ohne Ausnahme und überwiegend ohne Widersprüche Beschlüsse gefaßt, die sich im Allgemeinen gegen den„Bund der Landwirte“ richteten und sich ganz entschieden gegen jede Erhöhung der Zölle auf Getreide und Futter⸗ mittel aussprachen.„Hohe Zölle“, so heißt es in den Beschlüssen,„belasten und schädigen den allergrößten Teil des Volkes, die armen und minder bemittelten Leute, auf's Schwerste, und besonders auch die große Mehrzahl der Landwirte, für die billige Futtermittel und eine gute Verwertung ihres Viehes das Wichtigste ist.“ Daraus kann man ersehen, was es mit dem Geschrei der Agrarier, die Zollerhöhung im Interesse der kleinen Bauern läge, auf sich hat. Politische Rundschau. Gießen, den 4. Oktober. Verbrauchte Offiziere. Nicht weniger als 120 Offiziere sind im eben abgelaufenen Vierteljahr penstoniert worden. Seit 15. August beträgt die Zahl der Verbrauchten nicht weniger als 70, waß dem deutschen Volke nicht weniger als 265000 Mark auf das Jahr berechnet, kostet. Dabe erfreuen sich die meisten der Pensionierten einen solchen Rüstigkeit, daß die Aussicht für sie be, teht, viele Jahre lung die Pension zu genießen, it ihren früher entlassenen Kameraden bilden 15 schon ein sehr stattliches Heer, das sich im ilitäretat recht sehr bemerkbar macht. Und die Penstonierten selbst machen den Zivilisten in allen Berufen Konkurrenz. Ein zweites Gumbinnen! Von einer Meuterei auf dem Kriegsschif „Gazelle“ wurde in den letzten Tagen berichtet Die Mannschaften verübten noch vor anz Ztg.“ aus Mißmut an den Ausrüftungs 5 Zerstörungen. Es wurden übe: ord geworfen zwei Schulterstangen, zwe Schlagbolzen, ein Abzugstock und eine Kurbe der Maschinenkanone, ein Kutterläufer und zwe Manilatrossen sind zerschnitten. An den Wänder war geschrieben:„Fort mit Leo!“ und„Wenn das so weiter geht, kommt ein zweit! Fall Krosigt“. Auf der Reede von Danz it 1 1 g. val Obern kung earl ktgeg facht D. f eil schtl , ber ce 1 fl d Rechen daß eln 5 en Jolla iter au a treter I. gen die Blätter elt in kel pommer lungen U lin Vorth chat ländliche undgebun über 10 igen weil l le ohne l d Eigentin, und Arbeh wurden i Widershrt emeinen eten un e Erhöhn nd Fut le“, so und schi 5, die ars Fo Schug e Mehr e Futtern Wehe“ man elf Agrarkl, leinen Bale son 4. Oils er. ffiziett 0 hat agt de als, 0 r ale 0 0 Nr. 40. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. wurde über die ganze Besatzung Bor d⸗Arrest verhängt. Die Untersuchungen sind im vollen Gange.— Weiter wird aus Kiel gemeldet, daß zwei Leute von der„Gazelle“ vor dem Kriegsgericht des 1. Geschwaders standen und zwar Oberbootmannsmaat Mix wegen Miß⸗ handlung eines Untergebenen u. der attose Ernst wegen Gehorsamsverwei⸗ erung vor der versammelten Mannschaft. Ersterer wurde zu 14 Tagen Mittelarrest, letzterer zu 4 Wochen strengen Arrest verur⸗ teilt. Nach dem„Lokal⸗Anzetger“ sollen drei Obermatrosen, welche als Schiffsjungen in die Marine eingetreten sind, in der Meutereiaffäre verhaftet sein.— Der Kommandant des Kreu⸗ ers, Reitzke scheint an den Exzessen doch nicht 10 ganz unschuldig zu sein. Er ist seines Kommandos enthoben und zur Verfügung des Chefs der Ostseestation gestellt worden. Vor⸗ läufig geht er 6 Wochen in Urlaub, während die armen Teufel von Soldaten schweren Strafen entgegensehen, vielleicht, weil sie den unbe⸗ rechtigten Zumutungen Widerstand leisteten. Große und kleine Diebe. Das Junkerorgan, die„Kreuzzeitung“, sagt in einem Artikel über die amerikanische Rechtspflege: Für reiche Diebe ist der sonst kaum ir⸗ gendwo anerkannte Begriff der„Klepto⸗ manie“ in die amerikanische Justizpraxis eingeführt. Ein Anwalt, der eine junge Ladendiebin aus der besten Gesellschaft zu verteidigen hatte, sagte:„Nennen Sie es Idiosynkrasie, Kleptomanie— nennen Sie es, wie Sie wollen— nur sagen Sie nicht, daß meine Klientin Diebstahl begangen hat.“ Freilich war sie geständig, über ein Dutzend Mal aus verschiedenen Läden wertvolle Sachen gestohlen zu haben, aber nach dieser über⸗ zeugenden Verteidigung erfolgte natürlich ein glänzender Freispruch. Ein sozialdemokrati⸗ sches Blatt sagte trocken:„Kleptomanie ist eine Krankheit der reichen und feinen Leute. Arme Leute müssen in's Gefängnis, reiche haben Klepto⸗ manie.“ Ganz gut gesagt; aber die„Kreuzzeitung“ hätte hinzufügen sollen, daß es bei uns genau so ist. Thatsächlich werden auch in Deutschland all⸗ jährlich eine ganze Anzahl reicher Diebe als„Kleptomanen“ freigesprochen. Aber nicht nur der Diebstahl, auch der Totschlag oder Mord findet in Deutschland mitunter eine mehr als milde Beurteilung, wenn von Angehörigen der„besseren Kreise“ begangen. Wir verweisen auf die Duellmorde, auf die Brüsewitzereien und besonders auch auf den kürzlich freigesprochenen lothringischen Schießbaron, der einen italienischen Arbeiter kurzweg niedergeknallt hat. Immer vor der eigenen Thüre kehren! Parteitag der Demokraten. Auch die Demokraten(Südd. Volks partel) fanden sich kürzlich in Fürth zu ihrem Partei⸗ tage zusammen. Der württembergische Land⸗ tagspräsident Payer referierte über die Thä⸗ tigkeit des eit 8, Rechtsanwalt Birndorffer über die Wohnungsfrage, Re⸗ dakteur Oeser sprach über Zolltarif und Handels verträge und zuletzt Abg. Hauß⸗ mann über Eisenbahnpolitik und„Tarife. Beim 3. Punkte wurde eine Resolution gegen Erhöhung der Getreidezölle einstimmig ungenommen. Der ae ee also in bdieser Frage Einigkeit gezeigt. Man erinnert 0 aber, daß vor nicht langer Zeit 7 schwäbische emokratische Landtagsabgeordnete für die Getreidezollerhöhung stimmten.— Ueber die Bedeutung der Partei giebt auch der Kassen⸗ bericht Aufschluß, der vom Kassierer als relativ Pünsetg bezeichnet wird. Etwas über 4000 Mk. betragen die Einnahmen in zwei Jahren; soviel etwa wie bei unserer Partei ein mittelmäßiger Wahlkreis vereinnahmt. Das Bat wahrhaftig Herr Sonnemann allein ezahlen können! Uusere„Ablöser“, die Nationalsozialen gielten vergangene Woche ihren Parteitag im Gewerkschaftshause in Frankfurt ab. Pfarrer Naumann eröffnete denselben am Sonntag Abend, selbstverständlich mit einem Kaiserhoch. Dann hielten noch Damaschke und Pfarrer Esenweln aus Württemberg Ansprachen. Montag früh begannen die eigent— lichen Verhandlungen. 133 Vertreter waren anwesend. Der Jahresbericht Dr. Mauren⸗— brechers ist ziemlich hoffnungsfreudig über die gemachten Fortschritte, drückt aber am Schlusse den Wunsch nach kräftigerer finanzieller Unterstützung aus.„Wir haben mit der kleinen Summe großen Lärm in der Oeffentlichkeit gemacht“ sagte der Berichterstatter mit Offenheit und man muß es den Nattonalsozialen lassen, die Pauke verstehen sie ordentlich zu schlagen. — Sodann wurde der bekannte Exsozialist und Schuldner der„Sächsischen Arbeiterztg.“, Herr Lorenz, sanft von den Röckschößen der Nau⸗ mannianer abgewimmelt und demselben empfoh⸗ len, Anschluß bei den Konservatiben zu suchen. Den politischen Jahresbericht erstattete Redakteur Wenck. Gegen die„Tägliche Rundschau“ und deren Angriffe gegen die nationalsoziale Partei wurde Klage geführt. Nach einem Referat v. Gerlachs wurde ein Resolution gegen den neuen Zolltarif angenommen. Die sächsischen Landtagswahlen sind so ausgefallen, wie es bei dem skandalösen Dreiklassenwahlrecht vorauszusehen war. Kein einziger sozialdemokratischer Kandidat ist gewählt worden, obgleich in der 3. Abteilung fast nur soztaldemokratische Wahlmänner ge⸗ wählt wurden. Doch gelang es unsern Genossen nicht, in der zweiten Abteilung auch nur einen Wahlmann durchzubringen, was ja auch ganz erklärlich ist. Es werden demnach die letzten vier sozialdemokratischen Abgeordneten aus dem Landtage verschwinden. Von den bisherigen soztaldemokratischen Mandaten gehen drei in konservativen und eins in nationallibe⸗ ralen Besitz über. Da die Konservativen auch das Mandat des zurückgetretenen„fortschritt⸗ lichen“ Abgeordneten Uhlemann an sich gerissen haben, und der 17 5 als„Fortschrittler“ ge⸗ wählte Gemeindevorstand Träber diesmal als reiner Konservativer kandidiert hat, so werden die Konservativen einen Zuwachs von fünf Mandaten gegen den Bestand der letzten Sitz⸗ ungsperiode zu verzeichnen haben. Damit sind aber die Konservativen die absoluten Herren in der Zweiten Kammer geworden, denn ste verfügen nunmehr über die absolute Majorität. Die Konservativen können nunmehr ungestört und ungehindert ihren gemeinschäd⸗ lichen Sonderinteressen im Landtage fröhnen; das werden sie namentlich bei den Beratungen über die Steuerreform thun. Die National- liberalen aber sind nun an die Wand gequetscht und hängen völlig von der Gnade der Konser⸗ vativen ab. Hoffentlich dauert die Freude der Wahl⸗ rechtsräuber über ihren Sieg nicht allzulange. Auch in der nichtsozialdemokratischen Bevölke⸗ rung wird man sich nach und nach klar über das schreiende Unrecht, das die Reaktionäre dem Volke durch die Einführung des Geldsackwahl⸗ rechtes angethan haben und die Antwort wird bei deu Reichstagswahlen nicht ausbleiben. Sozialdemokratische Wahlsiege. Vorigen Donnerstag fanden die Landtags- wahlen im Fürstentum Reuß ä. L. statt, bei welchen im dritten und vierten Wahlkreise unsere Genossen siegten. Außerdem sind sie an drei aussichtsvollen Stichwahlen beteiligt. Dagegen unterlagen unsere Genossen bet den Gemeinderatswahlen in Straß⸗ burg dem vereinigten Kuddelmuddel. Die Sozialdemokraten verloren einen Sitz. Natürlich liegt das an den dort geltenden, für uns höchst ungünstigen Gemeindewahlrecht. Die Landtagswahlen in Baden stehen bevor, die Agitation ist bereits lebhaft im Gange. In Mannheim beschlossen die Demokraten für den sozialdemokrattschen Kandidaten einzutreten. Auch in Karlsruhe schweren Ver Seite 3. gehen die Demokraten mit unsern Genossen zusammen. Vollmar sprach dort am Mitt— woch in einer großen, von 3000 Personen be— suchten Versammlung. Der Demokrat Rechts⸗ anwalt Muser, der dort das Wort ergriff, warf den Freisinnigen polttische Heuchelei vor; er segne die Stunde, wo sich in Baden Freistinn und Demokratie getrennt hätten.— Die Wahlmännerwahlen finden bereits am 4. Oktober statt. ee im Schwarzburg⸗ Nudolstadt. Das kleine Fürstentümchen Schwarzburg— Rudolstadt, das man nur mit Mühe auf der deutschen Landkarte findet, macht in letzter Zeit viel in Sozialistenvernichtung. Der„Ruhm“ der königlich sächsischen Staatsmänner läßt jedenfalls die von Schwarzburg nicht schlafen. Kürzlich verbot die Regterung den sozialdemo⸗ kratischen Landesparteitag und als Antwort darauf hatten unsere Parteigenossen zahlreiche Protestversammlungen einberufen, die fast alle verboten wurden. Der Landrat in Rudolstadt hatte sämtliche Versammlungen seines Bezirks auf Grund des Gesetzes vom 5. Januar 1894 verboten,„weil mit den Versammlungen eine Demonstration der sozialdemokratischen Partei gegen die Staatsregierung wegen Verbots des Parteitages in Grafinau bezweckt und deshalb Gefahr für die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu befürchten sei.“— Derartige Schildbürgerstreiche werden natürlich den Fort⸗ schritt unserer Bewegung auch in Thüringen nicht aufhalten. Krieg in Südafrika. Kitchener hat eine neue Proklamation erlassen, die über den Verkauf der Güter der noch im Felde stehenden Burghers gemäß der in einer seiner früheren Proklamationen bekanntgegebenen Bedingungen Bestimmungen trifft. Danach wird die Unterhaltung der Familien solcher Burghers, die noch nach dem 15. September im Felde stehen, als eine Last angesehen, für die aus dem Vermögen dieser Burghers Deckung zu nehmen ist. Die Prokla⸗ mation regelt im einzelnen die Art der Ver⸗ wertung dieser Güter und die Verwendung des Erlöses. Kämpfe. Donnerstag vorige Woche griffen die Buren mit etwa 1500 Mann, die unter Grobelaars Kommando standen, das Fort Prospektan. Der Kampf dauerte den ganzen Tag und wurde am folgenden aufs neue von den Buren aufgenommen.— Ferner berichtet Kitchener vom 2. Okt.: Der Nachtangriff Delareys auf das Lager des Obersten Kekewich hei Moedwill am 30. September wurde vom Feinde, der etwa 1000 Mann zahlte, mit großer Energie eee Nach zwei⸗ stündigem, erbitterten Nahkampfe wur den die Buren mit beträchtlichen Verlusten zurückgetrieben. Englischerseits sind die Verluste schwer. Zwei Offiziere und 31 Mann fielen, elf Offiziere und 48 Mann wurden schwer, dret Offtziere und 26 Mann leicht verwundet. Außerdem wurden etwa 40 Mann verwundet, von denen man nichts 7 1 weiß. Meldungen von usten des Feindes bei den Forts Itala und Prospect bestätigen, daß 250 Buren getötet und 300 verwundet sein sollen. Vom Rücktritt Lord Kitcheners war in der letzten Zeit vielfach die Rede. war wurden diese Gerüchte widerrufen. ifferenzen desselben mit dem Kriegsminister haben jedoch bestanden. Englische Blätter er⸗ klären dazu, Lord Kitchener finde seine Hände mehr oder weniger gebunden und mache, da ihm nicht gestattet werde, jedes zweckmäßige Mittel zur Beendigung des Krieges zu ver⸗ suchen, seine Stellung zum Gegenstande ernst⸗ licher Erwägung. Kitchener wünsche die Verhängung der Todesstrafe über Rebellen, anstatt Gefängnisstrafen von geringer Dauer, auch verlange er neue, ausgebildete Truppen und die Verkündigung des Standrechts in Kapstadt und an anderen Orten. Sei ie 4. Mittel deussche Sountags⸗Zeilung. 3 Nr. 40. Von Nah und Lern. Hessisches. Amtliche Erhebungen über die wirtschaftliche Lage. Die Hessischen Handelskammern sind von den oberen Ver⸗ waltungsbehörden ersucht worden, Erhebungen über die von seiten der Kammern gemachten Wahrnehmungen über die gegenwärtige Lage des Arbeiterstandes und der Industrie zu veranstalten, und zwar insbe⸗ sondere über die Lage des Arbeitsmarktes, Produktions⸗ und Arbeiterverhältnisse und Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung. Parlamentarisches aus Hessen. Bei der zweiten Kammer sind eine Reihe Anträge und Interpellationen angebracht worden. Abg. Backes beantragt, die Regierung möge einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Ausbildung der israelitischen Religionslehrer, deren Anstellung und Besoldung zeikgemäß regelt.— Der Abg. Köhler⸗-Langsdorf beantragt die Umgestaltung der ländlichen Fortbildungsschulen in Ackerbau⸗ Vorschulen.— Abg. Berthold hat wegen der strittigen Frage des zwischen der Großh. Domanialberwaltung und der Gemeinde Nau⸗ heim geplanten Waldtausches eine Inter⸗ pellation an die Regierung gerichtet.— Der Landtagsabg. Schubart(Natl.) ist am Freitag in Frankfurt infolge eines Schlagaufalles plötzlich verschieden. Der Verstorbene vertrat den Wahl⸗ kreis Hirschhorn⸗Beerfelden⸗ Wimpfen und ist dieser in derselben Legislaturperiode zum dritten Male vor eine Neuwahl gestellt. Gießener Angelegenheiten. — Zur Stadtverordnetenwahl! Weil vielfach über die Wahlberechtigung zur Stadt⸗ vertretung noch Zweifel herrschen, sei Folgen⸗ des mitgeteilt: Wahlberechtigt sind: 1. alle Ortsbürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche seit mindestens zwei Jahren den Unterstützungs⸗ wohnsitz erworben haben, d. h. also vier Jahre in Gießen wohnen; seit spätestens 1. April 1900 ab zur Steuer herangezogen wurden; am Wahltag das vierte Ziel der Kommunalsteuer bezahlt und am Wahltage das 25. Lebensjahr erreicht haben. Deshalb zahle jeder seine Steuer! 175 Steuerreste hat, verliert sein Wahl- recht! Schweinburgerei im Amtsblatt. Der„Gießener Anzeiger“, dem wir in letzter Zeit mehrmals Anständigkeit gegenüber der Arbeiterbewegung nachrühmen konnten, scheint neuerdings die Arbeiterbewegung durch die Brille eines Polizeisergeanten zu betrachten. In einem längeren Artikel über den Glas⸗ arbeiterstretk leistet er sich folgende ebenso plumpe als niederträchtige Hetzerei: „Die Hauptmacher im Streik, die durch ihre unter⸗ geordneten Hetzer die Arbeiter zum Aufgeben der Arbeit zwangen, sind schön heraus; sie hatten eine Budike, die namentlich während des Streiks ganz vorzüglich gegangen sein soll. Es ist eine alte Er⸗ fahrung, daß die Einzigen, die beim Streik große Geschäfte machen, die Hauptagkttatoren mit ihrer Budike sind.“ Da behauptet das Amtsblatt Unwahres wider besseres Wissen. Allerdings waren diese Verdächtigungen als von dem„Berliner Korre⸗ spondent“ stammend bezeichnet und zweifellos ist das so ein Schmock, der für die gewerbs⸗ mäßige Verleumdung der Arbeiter vom Unter⸗ nehmertum gut bezahlt wird; aber der An⸗ zeiger mußte wissen— denn er nahm selbst Notiz davon— daß die Glasarbeiter durch Urabstimmung mit großer Mehrheit den General⸗Streik beschlossen, sowie daß vor dem Streik die Verbandsleiter Girbig und Horn sich alle Mühe gaben, eine Verständigung zu erzielen, wozu es aber die Unternehmerprotzen nicht kommen ließen. Tausende von Arbeitern zum Streik zwingen! Welcher Blödsinn! Solche Verrücktheiten können nur im Hirn eines geistig unhellbar Kranken oder eines ausge⸗ machten Schuftes geboren werden. Und wo mögen denn die Hauptagitatoren ihre„Budike“ haben?! Die Leser sollten ob der Zumutung, das zu glauben, Klage erheben! — Die Umstürzler an der Arbeit. Keine Privilegien sind den„Roten“ heilig. Jetzt fahren sie sogar I. Klasse in der Eisen⸗ bahn, wie die„Hamburger Nachrichten“ der Welt verkünden und sämtliche Amtsblätter fein säuberlich nachdrucken. Man denke: in der J. Klasse, worin zu fahren sonst das Vorrecht liberaler Kommerzienräte und ähnlicher für die Welt nützlicher Elemente ist, sitzen leibhaftig der Singer und der Bebel! Nicht genug, daß Frau Liebknecht ein seidenes Kleid besaß, nein, jetzt wird die Frivolität sogar bis zur I. Klasse getrieben. So sinnen die Umstürzler immer auf neue Wege und Schliche das„B estehende“ umzukrempeln und die heilige, segens⸗ reiche Ordnung zu stören. Dem„Gießener Anzeiger“ wollen wir im Vertrauen verraten, daß hier in der guten Stadt Gießen noch Schlimmeres passterte. Ein hiesiger Sozialdemokrat hat neulich im Hotel Großherzog bei einem Schöppchen Moselwein gesessen; eine ganze Anzahl soll so⸗ gar Hosen anhaben, die nicht zerrissen sind; sozialdemokratische Kinder sollen sogar manchmal pure ungewässerte Milch zu trinken bekommen. Solcher Greuelthaten sind uns noch einige bekannt! Möge unser Amtsblatt ein wachsames Auge auf solchen Umsturz haben und möge es mit⸗ helfen zu verhüten, daß die s ozialdemokra⸗ tischen Agitatoren nicht ein allzu reichliches Schlemmerleben mit den„Arbeiter⸗ groschen“ führen. Sie gehören in die vierte Klasse und damit punktum. — Protestversammlung gegen den Brot⸗ wucher. Eine vom Freifinnigen Verein einberufene Versammlung, in der Reichstagsabgeordneter Ko psch über„Zolltarif und Handelsverträge“ sprechen sollte, tagte Mittwoch Abend in Steins Saale. Der Besuch ließ zu wünschen übrig, auch unsere Genossen waren nur in geringer Anzahl erschienen. An Stelle des angekündigten Referenten sprach Abg. Dr. Gold⸗ schmidt über dasselbe Thema. In sehr klaren und überzeugenden Ausführungen wies er auf die ungeheuren wirtschaftlichen Schäden hin, die dem Volke durch den Zolltarif, wenn er Gesetz würde, geschlagen werden. Das Volk müsse sich einmütig gegen die agrarische Wucherpolitik erheben. Genosse Vetters konnte sich mit den Ausführungen des Referenten durchaus einver⸗ standen erklären und erkannte besonders an, daß Herr Goldschmidt hervorragendes Verständnis für die Lage der arbeitenden Klassen gezeigt und die Hebung derselben im Interesse der Kultur als notwendig bezeichnet habe. Nur bedauerte er, daß die Freisinnigen den Kampf gegen die Junker in der Praxis nicht mit der nötigen Energie führen, im Wahlkreise Memel⸗Heydekrug hätten fie das Mandat dem Agrarier ausgeliefert. Dr. Gol d⸗ schmidt antwortete, daran sei die ungehörige Kampfes⸗ weise der Sozialdemokraten schuld gewesen. Vetters be⸗ merkte darauf, daß 1898 in vielen Wahlkreisen, auch in dem Gießener so wie in Memel von den Frei⸗ sinnigen verfahren worden sei.— Schließlich wurde eine gegen den Zolltarif gerichtete Resolution gegen wenige Stimmen angenommen. r. In einer Buchdruckerversammlung, die am Mittwoch im Vereinslokale bei Anwesenheit aller hiefigen Verbands⸗Mitglieder tagte, berichtete der Ge⸗ hilfenvertreter des 3. Tarifkreises C. Dominé⸗Frank⸗ furt über die in Berlin gepflogenen Verhandlungen des Tarif⸗Ausschusses. Er besprach eingehend alle geänderten Tarifpositionen; erwähnt davon sei, daß mit dem In⸗ krafttreten des geänderten Tarifs(1. Januar 1902) das Berechnen an den Setzmaschinen abge⸗ schafft wird. Ferner beträgt von da ab das Mini⸗ mum ausschließlich Lokalzuschlag für unter 21 Jahre alte Gehilfen 21 Mk., solche von 21—28 Jahr 22 Mk. und für über 28 Jahre alte 22.50 Mk. Einen großen Fortschritt bedeutet ferner die Einführung der parit ä⸗ tischen Arbeits nachweise, die in allen 9 Kreisen an Stelle der jetzt bestehenden Arbeitsnachweisen der Arbeitgeber uud nehmer treten. Dadurch wird das Koalitionsrecht der Buchdrucker gewahrt. An die Ausführungen des Referenlen, dem der Dank fuuͤr seine Thätigkeit ausgesprochen wurde, schloß sich eine kleine Debatte, in der für und gegen Rexhäuser gesprochen und Domine Aufklärung über das an den Reichskanzler und an Posadowsky gesandte Telegramm gab. Darauf wurde eine Resolution angenommen, worin fich die Versamm⸗ lung mit den Ergebnissen der Verhandlungen einverstanden erklͤrt, aber erwartet, daß der Lokalzuschlag entsprechend der Teuerungsverhältnisse erhöht werde und verspricht für die Durchführung der Abmachungen zu wirken.— Hierauf ging man zum„gemütlichen Teil“ über. Aus dem Rreise gießen. 1 Zur Heuchelheimer Gemeinderats wahl. Herr Beigeordneter Volkmann. Heuchelheim sendet uns durch seinen Rechts“ anwalt in Bezug auf die Notiz aus Heuchel“ heim in voriger Nummer folgende Erklärung; 0 „Ich bin der einzige Beigeordnete in Heuche!“ heim und mit dem Arbeiter B. scheint den 0 Wasenmeister Wilh. Becker gemeint zu seln — Ich habe nun bestimmt zu erklären, daß ich irgend eine Wahlbeeinflussung nicht ve sucht habe, auch nicht die in Nr. 39 daf Sonntagszeitung erwähnte. Wilhelm Becher mit dem ich seit Monaten nicht gesprochen habe, wird dies selbst bestätigen, wie er auch bereits bei der Vernehmung durch da Herrn Bürgermeister anerkannt hat.“ Demgegenüber ist zu bemerken, daß thatsächlih“ der Wasenmeister die Erzählung von der au geblichen Aeußerung des Beigeordneten an ver schiedenen Stellen genau in der Weise, wi es von uns wiedergegeben wurde, vorgetragen hat. Das giebt er auch selbst zu; nur b. hauptet er jetzt, er habe damals die Unwahrhel gesagt, in Wirklichkeit habe der Beigeordnes jene Aeußerung nicht gethan. So unwah scheinlich das nun klingt, so müssen wir dot nach Lage der Sache Herrn Volkmann glaube und den in der beregten Nottz enthaltenen Von wurf zurücknehmen. Unser Gewährsmann ven fuhr ganz gewissenhaft; er konnte nicht annehmen daß die im ganzen Orte erzählte Geschicht einfach aus der Luft gegriffen war. Wiesecker Parteigenossen. Seid all zur Gemeinderatswahl, die Samstag den 5. Oktober nachm. von 4—7 stattfinden auf dem Posten! Geht Mann für Mann zu alt damit unseren Kandidaten der Sig zufällt! Gemeinderatswahl in Watzenbort Steinberg!. Arbeiter! Di Wahlstunden sind am Samstag den 5. Oktob e auf 5—½8 Uhr festgesetzt. Versäume keine seine Stimme abzugeben. aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen. n. Eine öffentliche Volksversamm lung sollte am Sonntag im Lokale„Zun Hirschgraben“ stattfinden, Genosse Vetter! aus Gießen sollte das Kommunalprogramm e hessischen Sozialdemokratie erläutern. Die Ven. sammlung wurde aber vereitelt, weil der Win des genannten Lokales dasselbe verweigerte Was den tapferen Bürger dazu bewogen hal“ seine noch am Tage vorher bestimmt gegeben“ Zusage kurz vor der Versammlung zurückzuziehen konnte noch nicht festgestellt werden. Jedenfalé hat ihm irgend Jemand etwas von Umstürzlern in die Ohren geplauscht und dann bekam er A mit der Angst zu thun. Unter den Angehörigu des ehrsamen Gewerbes der Gastwirte giebt eine große Anzahl, die um Alles in der We! nicht„oben“ anstoßen möchten und wenn“ ähnliches befürchten, kriechen sie vor Angst dur“ Schlüsselloch, womöglich passiert ihnen nos etwas anderes, menschliches. Fürchterlic 0 schrecklich wäre es gewesen, wenn schließlich da „Ferscht“ davon gehört hätte, daß eine Le, sammlung stattgefunden, in der ein f 2 2 0 demokrat gesprochen, um die getreuen Einwo un aufzuwiegeln! i a 1 Wir können aber leider den biedern Bürgen 0 den Gefallen nicht thun, auf unsere Versamm 1 lung zu verzichten; ste wird trotzdem abgehalta 4 „ werden und zwar schon kommenden Sonnta Schrecklicher Tod eines Taucher Vorigen Samstag hat sich in der Eisenerzgru 3 bei Oberroßbach ein schwerer und ebenso une klärlicher Unglücksfall ereignet. Dort war en Taucher aus Bochum in den ersoffenen Schal hinabgelassen worden, um Abhülfe zu schase, Als man ihn nach längerer Zeit wieder 12 90 age wollte, stellte sich heraus, daß 0 a8 Seil als der Luftschlauch gerissen und e mit der Unglückliche in der Tiefe ertrun 1 war. Auffallen muß, daß die Leute,* 0 den Verunglückten hinunter ließen, den Bun ö des Seiles nicht bemerkten, ebenso dürste lebte kaum auf seine Festigkeit geprüft worden 10 1 Genaue Untersuchung des traurigen Falles wür 8— 8. 5 r S r r SD Jr——% K... ̃ 9ũĩ eu ⁸;8 ,,,],,, ,,,... b hat. daß thahst bon ohn neten an er Welt, e, borgehz zu; un die Unwah, er Beige So ig üssen un kann gl athalteuen! qähremam nicht aneh ihlte Geh dar. seu. Sab! die San 7 faattfl für Mam 'daten der e Watzenhe Arbeiter den ö. Oil Versäume l Hiding Lsberseh Lokale iosse Bel Hprogton tern. Dai eil del be herbe u bewöge finn, 0 Arüchh au. J von Ui un bela! den Mulch stwirk l 5 in id bb, bol Aust“ fert i i Nr. 40. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. sehr zu wünschen.— Weitere Nachrichten besagen, daß Seil und Luftschlauch zerschnitten waren. Daß dies der Taucher selbst gethan haben soll, weil sich das Seil vielleicht irgendwo festge⸗ hängt habe, wie man annimmt, klingt etwas unwahrscheinlich. Rreis Alsfesd⸗Cauterbach. J. Alsfeld. Vorsicht bei auswärtigen Ar⸗ beits angeboten dürfte immer am Platze sein. Vor etwa drei Jahren wurden 4 hier beschäftigte Stuhlbauer von der Firma Emil Baumann, die in Horgen (Schweiz) eine Fabrik gebogener Möbel errichtet hatte, unter allen möglichen Versprechungen nach dort gelockt. Den Leuten, die mit ihren Familien dorthin reisten, hat aber die saubere Firma, nicht nur das Versprochene nicht gehalten, sondern sie auch bei jeder Gelegenheit mit Lohnabzügen, brutaler Behandlung ꝛc. bedacht, so daß von einem menschenwürdigen Lebensunterhalt gar keine Rede sein kann nnd mehrere dort zugereiste Familten sich in bitterster Not befinden, wie einer der nach Horgen Gereisten an seinen hiesigen Kollegen schreibt, indem er vor etwaigen Arbeitergesuchen der Firma Baumann warnt. Die dort Beschäftigten standen vor einigen Wochen im Begriff, einer weiteren Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen mit allen Kräften entgegenzutreten. — Warum gehen aber die Leute ins Ausland? Einfach, weil sie hier durch ihren Verdienst ihre Familie auch kaum ernähren können. Thatsächlich sind auch in der hiesigen Fabrik gebogener Möbel die Arbeits verhältnisse äußerst ungünstige und die Behandlung läßt so gut wie alles zu wünschen übrig. Die hiesigen Arbeiter sollten endlich auch einmal versuchen, durch festen Zusammen⸗ schluß auf Verbesserung ihrer Lahe hinzuwirken. Aus dem Nreise Wetzlar. — Wegen Vergehen gegen das Vereinsgesetz hatte Genosse Fauth einen Strafbefehl von 15 Mark erhalten und ebenso der Wirt„Zum Ring.“ Bei diesem soll näm⸗ lich im Sommer eine Versammlung stattgefun⸗ den haben, in der Fauth als Redner aufge⸗ treten sei. Zur Zeit als die Bäckerbewegung in Wetzlar in Fluß kam, trafen sich einige Bäcker in der genannten Wirtschaft zusammen und zufällig war auch Fauth anwesend. Na⸗ türlich lenkte sich bald das Gespräch auf die Bäckerbewegung und möglich, daß auch Fauth dazu einige Worte in privater Unterhaltung äußerte. Diese„Versammlung“ war nun nicht angemeldet, wie es das preußische Vereinsgesetz vorschreibt. Sehr natürlich, denn kein Mensch wollte eine Versammlung abhalten. Gegen den Strafbefehl hatten beide Beschwerde einge⸗ legt. Das Schöffengericht konnte auch das Wirtshausgespräch nicht als Versammlung an⸗ sehen und sprach die Angeklagten frei. Aus dem Rreise Marburg⸗-Rirchhain. — Konsum⸗Verein. Die am Sonnabend den 28. September zwecks Gründung eines Konsum⸗Vereins bei D. Jesberg tagende Ver⸗ sammlung war nur mittelmäßig besucht, was in Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung zu bedauern ist. Dessenungeachtet nahm die Versammlung einen guten Verlauf und zeitigte das erhoffte Resultat: die Gründung eines Konsum⸗Vereins wurde deftnitiv beschlossen. Nach einem Vortrage über Zweck und Nutzen der Konsum⸗ Vereine für die Arbeiter, an welchen sich eine lebhafte Diskussion schloß, wurde eine Kommission gewählt, welche die nötigen Vorarbeiten, Ausarbeitung des Statuts ec. erledigen und in der in 14 5 stattfindenden konstituierenden Versammlung Bericht über ihre Thätigkeit herstellen soll. In die aufgelegten Listen zeichneten sich 35 Personen ein, welchen später noch mehrere folgten, sodaß bereits jetzt mit einer Mitgliederzahl von 50— 60 gerechnet werden kann und das Bestehen des Vereins gesichert ist. — Buchdrucker⸗Versammlung. Am Dienstag Abend fand im Lokale von D. Jesberg eine gut besuchte Buchdrucker ⸗Ver⸗ sammlung statt, in welcher der Gehilfe des 3. Tarifkreises über die in vergangener Woche in Berlin stattgefundenen Verhandlungen der Tarifkommission referirte. Koll. Domine entledigte sich in ungefähr einstündiger Rede seiner Aufgabe, indem er den Auwesenden ein Bild von den harten Kämpfen der Gehilfen⸗ vertreter vorführte, unter welchen diese den Prinzipalen die verschiedenen Verbesserungen des neuen Tarifes, welcher am 1. Jauuar 1902 in Kraft tritt, abringen mußten. Es wurde eine 7½ prozentige Lohnerhöhung und außer vielen kleinen Verbesserungen, die Abschaffung der sog. Maschinenmeister⸗Klausel erzielt. In Anbetracht der großen Arbeitslosigkeit im Buch⸗ druckgewerbe(es kommen auf 8 Gehilfen ein Arbeitsloser) immerhin ganz annehmbare Er⸗ rungenschaften. Die Dauer des Tarifes sowie der Arbeitszeit bleiben wie seither. In der Diskussion sprachen sämtliche Redner ihre Zu⸗ friedenheit über das Erreichte aus und bedauerte man nur, daß nicht auch eine Verkürzung der Arbeitszeit und die Beseitigung der Ausnahme⸗ bestimmungen für Städte unter 20,000 Ein⸗ wohnern durchgesetzt wurden. Nach Erledigung einiger Interna wurde die Versammlung geschlossen. L Etine öffentliche Versammlung findet am Samstag, 5. Oktober, abends 9 Uhr im Jes ber g'schen Lokale statt, in welcher Gen. Gräf aus Frankfurt a. M. über die Getreide⸗ zölle sprechen wird. Nach dem Vortrag findet freie Diskussion statt und hat Jedermann Zu⸗ tritt. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung 5 55 wohl auf einen starken Besuch zu rechnen ein. — Walkotte⸗Vortrag. Wie nunmehr bestimmt feststeht, findet der Walkotte⸗ Abend am Freitag, den 8. November d. J., abends 8½ im Saale des Café Quent in(Hoeck) statt. Der beliebte Rezitator wird uns„Das verlorene Paradies“ rezitiren. Trotz des un⸗ günstigen Tages hofft die Gewerkschaftskommission ein volles Haus zu bekommen, was hoffentlich der Fall sein wird. Gemeinderatswahlen in Hessen. Bei der in Lollar am Freitag stattgefundenen Gemeinderatswahl wurden gewählt: H. Rie hm VI; H. Schön; Ph. Schmidt und H. Rohr⸗ bach. Die beiden ersten gehörten dem Gemeinde⸗ rat schon früher an. f In Lich wurde der Brauereibesitzer Ihring, ferner H. Heller, Ph. Zimmermann und Konr. Zimmer gewählt. Sie erhielten in obiger Reihenfolge 196, 167, 143 und 125 Stim men. Eine Typhusepidemie ist im Kreise Bochum, besonders in Gelsenkirchen ausgebrochen. Die Zahl der Erkrankten wird auf etwa 1200 geschätzt. In den Krankenhäusern sind alle Räume, ja die Flure mit Betten belegt. Andere Kranke wurden entlassen, um Raum für die Typhuskranken zu schaffen. Auch die Kleinkinderschulen und Armenhäuser sollen zu Hospitälern hergerichtet werden. Gegenüber der Ansicht, daß das Leitungswasser an der Epidemie die Schuld trage, erklärt Medizinal⸗ rat Dr. Tenholt, im Gelsenkirchener Leitungs⸗ wasser seien keine Typhusbazillen gefunden; weder er noch andere hätten solche gefunden. ä Kleine Mitteilungen. * Tod im Gerichtssaale. Am Mitt⸗ woch starb bei einer Schwurgerichtsverhandlung in Darmstadt der Vorsitzende, Landgerichtsrat Schneider in dem Beratungszimmer, eben als die Geschworenen im Begriff waren ihren Wahr⸗ spruch abzugeben. Ein Hege hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Natürlich mußte nun eine neue Verhandlung stattfinden. k Der Millionenspitzbube Terlin⸗ den aus Oberhausen, der bekanntlich in Amerika verhaftet wurde, wird möglicherweise noch nicht einmal ausgeliefert. Wie die Frkftr. Ztg. berichtete, soll schon eine Anklage gegen ihn abgewiesen worden sein. Da könnte der fromme Gauner in aller Gemütsruhe seinen Raub genießen. * Mord und Selbstmord. Am Mon⸗ tag früh fand man in Nürnberg eine Prosti⸗ tuirte und ihren Zuhälter mit durchschnittenem Halse tot auf. Partei- Nachrichten. Im Kampfe gefallen. Eines plötzlichen Todes starb der Genosse Bergmann in Markranstädt. In der in der„Parkschänke“ zu Markranstädt am Sams⸗ tag vor 8 Tagen abgehaltenen Versammlung des Ver⸗ eins„Vorwärts“ meldete sich der 37 jährige Genosse als Redner in der Diskussion zum Wort. Als B. etwa zwei Minuten gesprochen hatte, fiel er kopfüber nach vorn, wurde jedoch von seinen Tischnachbarn gehalten und auf den Fußboden gelegt. Der in kurzer Zeit her⸗ beigekommene Arzt konnte nur noch den Tod durch Herzlähmung konstatieren. Bergmann war drei Jahre Vorsttzender der Parteiorganisation und außerdem Be⸗ vollmächtigter des Maurerverbandes. Er war unaus⸗ gesetzt für die Arbeiterbewegung thätig. Versammlungskalender. Samstag, den 5. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bet Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.) Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Th. L. Mandler. Wieseck. Sozialdem. Wahlverein. 8 Uhr Zusammenkunft bei Gastwirt Will. Lauterbach. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Gastwirt Kaut. Montag, den 7. Oktober. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. —. Der Schneiderverband Gießen hält sein 12 Stiftungsfest nächsten Samstag, den 12. Oktober im Saale des Cafs Leib ab. Im gleichen Lokale feiert der Gesang⸗ verein„Eintracht“ das seine am 19. Oktbr. Briefkasten. Lollar und andere. Wegen Raummangel mußten mehrere Einsendungen zurückgestellt werden. Gießener Stadttheater. Sonntag, den 6. Oktober 1901 Das Mädel ohne Geld Volksstück mit Gesang in 3 Akten von(6 Bildern) von Berg und Jacobson. Dienstag, den 8. Oktober 1901 Hans Muekebein Schwank in 3 Akten von Blumenthal und Kadelburg. Mittwoch, den 9. Oktober 1901 Volkstümliche Vorstellung Minna von Barnhelm Lustspiel in 5 Akten von G. E. Lessing. Freitag den 11. Oktober 1901 Der Kaufmann von Venedig Schauspiel in 5 Aufzugen bon W. Shakespeare. Abends Kommunal-Programm der Sozialdemokraten Hessens. Die von den Parteigenossen als Vertreter der Sozial⸗ demokratie zu wählenden Gemeinderäte müssen das Programm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands als für sie bindend anerkennen, und iu der Richtung folgender Forderungen wirken: 1. Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden. Die Gemeindevertretungen müssen aus sich heraus eine Revifion der Städte⸗ und Gemeindeordnung anstreben im Sinne größerer Selbstständigkeit gegenüber den staat⸗ lichen Behörden. Allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen für die Gemeinderäte, Beigeordnete und Bürger⸗ meister, Beseitigung des staatlichen Bestätigungsrechtes. Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen. Gesetzliche Fest⸗ setzung aller Gemeindewahlen auf einen Sonn⸗ oder Feiertag. Stellungnahme gegen den reichsgesetzlichen Zwang, Subalternbeamtenstellen im Gemeindedienst mit Militär⸗ anwärtern zu besetzen. Erweiterung des Expropriationsrechts der Gemeinden. 2. Steuern. Die Deckung der durch Steuern aufzubringenden Kosten des Gemeindehaushalts hat durch direkte, stufenweis steigende Einkommensteuer zu erfolgen. Neue Verbrauchssteuern sind abzulehnen; die vorhandenen sind abzuschaffen. Wo dies wegen finanzieller Folgen nicht sofort möglich ist, soll die Abschaffung nach und nach geschehen. 3. Verwendung von Gemeindemitteln. Gemeindemittel dürfen nur im Interesse der Gesamtheit oder ausgleichender Gerechtigkeit verwandt werden. Alle Forderungen, die darauf hinausgehen, aus Mitteln der Gemeinden militärische oder monarchische Feste zu begehen oder zu verherrlichen, sind abzulehnen. Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 40. Gemäß unserer Forderung auf strengste Trennung von Kirche und Staat dürfen für kirchliche und religtöse Zwecke, sofern nicht gesetzliche oder vertragliche Verpflich⸗ tungen vorliegen, Gemeindemittel nicht verwendet werden, und ist auf Beseitigung solcher Bestimmungen, welche z. Z. einzelne Gemeinden noch zwingen, öffentliche Mittel für kirchliche oder religiöse Zwecke zu bewilligen, hinzuarbeiten. 4. Arbeiterfürsorge. Gründung vou Gemeinde⸗ Arbeitsämtern, welchen die unentgeltliche Arbeitsvermitte⸗ lung, die Aufnahme von kommunalen Arbeits⸗ und Arbeitslosen⸗Statistiken und unentgeltliche Auskunfts⸗ gebung in Fragen der Kranken-, Unfall-, Alters⸗ und Invaliditäts⸗Versicherung und sonstigen bürgerlichen Rechtsfragen obliegt und die zur Gewähr einer unpar⸗ teiischen Handhabung ihrer Geschäfte unter die Kontrolle der Gewerbegerichte zu stellen sind. Zweckentsprechende und lohnende Arbeitslosen⸗Beschäftigung im Winter. Erlaß von Polizeiverordnungen zum Schutz von Leben und Gesundheit der Arbeiter, wo immer dieselben nötig werden; insbesondere Schaffung von Ortsbaustatuten und Baupolizeiordnungen, die allen hygienischen und sonstigen Forderungen des Arbeiterschutzes entsprechen. Allmähliche Kürzung der Arbeitszeit für die Gemeinde⸗ arbeiter auf 8 Stunden pre Tag. Gewährung eines jährlichen Urlaubs von mindestens acht Tagen bei voller Auszahlung des Lohnes und Gründung einer Pensions⸗ kasse für sämtliche Gemeindearbeiter. Völlige Koali⸗ tions freiheit für die Gemeindebediensteten. 5. Wohnungswesen. Erhaltung und Vermeh⸗ rung des Gemeinde⸗Grundeigentums. Erbauung von Gemeinde⸗Wohnhäusern, welche den Bedürfnissen der wirtschaftlich schwächeren Bevölkerung nach gesunden kleineren Wohnungen entsprechen. Festsetzung von Miet⸗ preisen für dieselben, die lediglich zur Deckung von Ver⸗ zinsung, Amortisation und Instandhaltung dienen sollen. Beteiligung der Mieter an der Verwaltung dieser Häuser. Unterstützung von Baugenossenschaften, welche nach diesem Prinzip thätig sind und das Eigentumsrecht der Gesamt⸗ heit wahren. Organisation von kommunalen Wohnungs⸗ ämtern, zum Zwecke regelmäßiger Wohnungsstatistik, zur Ausübung einer auf Beseitigung aller Mißstände in den Wohnungen gerichteten Wohnungs⸗Inspektion und als Zentralstelle für unentgeltlichen Wohnungs⸗Nachweis und Auskunfts⸗Erteilung in allen Fragen des Mietrechtes. 6. Schulforderungen. Einheitsschule, Unentgelt⸗ lichkeit des Schulunterrichts und der Lehrmittel. Förde⸗ rung befähigter Schüler durch weitere Ausbildung auf Gemeindekosten. Anstellung von Schulärzten zur ein⸗ gehenden Beaufsichtigung der Schüler und Schuleinrich⸗ tungen. Angliederung obligatorischen Kochschulunterrichts an den obersten Mädchenklassen und Verabreichung von Frühstück und, wo notwendig, Mittagessen an bedürftige Kinder, ohne daß dies als Armenunterstützung im Sinne des Gesetzes angesehen werden darf. Einrichtung von Schulwärmehallen für die Winterszeit, sowie von Schul⸗ dädern. Verminderung der Schülerzahl in den Klassen als Voraussetzung gedeihlichen Unterrichts. Obligatorische Fortbildungsschulen für Mädchen. Größere Berücksichtigung des Handfertigkeitgunterrichts. Für noch nicht schulpflichtige Kinder: Einrichtung sog. Krippen für Säuglinge solcher Mütter, welche tagsüber außerhalb des Hauses dem Erwerb nachgehen müssen, auf Gemeindekosten, nach den Anforderungen der modernen Gesundheitspflege und unter weltlicher Leitung. Für Kinder vom 2. bis 6. Lebensjahre Gemeinde⸗„Kinder⸗ garten“ ⸗Anstalten, ebenfalls unter Leitung weltlicher Kindergärtnerinnen. 7. Gesundheitswesen. Bildung von Gesund⸗ heitsämtern für Stadt und Kreis, unter Heranziehung von Aerzten, Vertretern der Stadt⸗ und Landgemeinde und Arbeitern.— Durchführung von Wasserleitung und Kanalisation. Weitgehendste Herabsetzung der Wasser⸗ preise. Errichtung öffentlicher Volksbäder, Waschanstalten und Bleichen und Erwerb der Konzession neuer Apotheken durch die Gemeinden.— Kostenlose obligatorische Des⸗ infektion der Wohnungen bei ansteckenden Krankheits⸗ fällen.— Umfassende Straßenhygiene.— Einrichtung von Asylen für Schwangere und Wöchnerinnen. Als Uebergang dazu Anstellung von Gemeinde⸗Wochenpflege⸗ tinnen, Unentgeltlichleit der Geburtshilfe.— Billige Beschaffung von guter Milch für Säuglinge durch Er⸗ richtung städtischer Milchanstalten.— Ferienkolonien für schwächliche und kranke Kinder.— Verschmelzung sämt⸗ licher Ortskrankenkassen einer Gemeinde in eine einzige Kasse mit Familien⸗Verficherung. 8. Beerdigungswesen. Unentgeltlichkeit der Leichenbestattung und Uebernahme der Kosten auf die Gemeindekasse, Abschaffung der Klassenbeerdigung, Ein⸗ führung der allgemeinen Benützung der Leichenhallen; in größeren Städten Errichtung von Krematorien für die Anhänger der Leichen verbrennung. 9. Armenpflege. Ausreichende Fürsorge für arbeitsunfähige Arme. Namentlich Beseitigung des un⸗ würdigen Zustandes, daß Arme und Waisenkinder zur Unterhaltung an den Wenigstnehmenden ausgeboten und vergeben werden. Beseitigung aller Beschränkungen der bürgerlichen Rechte infolge von Armenunterstützungen. 10. Verkehrs⸗ und Beleuchtungswesen. Alle Lokalverkehrsmittel(Trambahnen, Straßen⸗ und Ringbahnen, Fähren und Ueberfahrtsboote), Krafterzeug⸗ ungs⸗, Wasserversorgungs⸗ und Beleuchtungsmittel sind in Gemeindebetrieben zu errichten resp. zu übernehmen. — Herstellung möglichst vieler und rascher Verbindungen der Städte mit den Vororten.— Verbilligung der Gas⸗ und Clektrizitätspreise. Verkauf des bei der Gasfabri⸗ kation gewonnenen Koacks zum Selbstkostenpreis an die ärmere Bevölkerung. 11. Gemeindearbeiten. Uebernahme von Ge⸗ meindearbeiten in eigene Regie. Vergebung der Gemeinde⸗ arbeiten und Lieferungen an Diejenigen, welche die mit den Arbeiterorganisationen vereinbarten Lohnsätze und Arbeitszeit anerkennen und einhalten. Beseitigung des Submissionsunwesens durch Einheitspreise, welche von unbeteiligten Sachverständigen und den Bauämtern all⸗ jährlich vorzuschlagen und von den Gemeindevertretern festzustelleu sind. Abenteuer eines Kriedfertigen. Erzählung von Hein rich Zschokke. 7(Fortsetzung) Stallknecht und Kutscher. Ich mochte eine Stunde gelaufen sein— denn der elenden, kotigen Straße zum Trotz lief ich mich außer Atem— fand ich's rätlich, gemächlicher einher zu schreiten. Unter meinen müden Füßen spürte ich einen milden Sand; rings um mich her säuselte im Abendlüftchen ein Kieferhain; über meinem Haupte wallte der berühmte Silbermond durch graue, gebrochene Wolken. Ich fand meine Lage sehr romantisch, sogar poetisch; hätte aber doch ein gutprosaisches Nachtessen nebst Strohbett nicht verschmäht. Die Frage entstand: wohin wollen Ste, Herr Exgeneraladjutant? wovon gedenken Sie in Zukunft zu leben?— Ich wußte wahrhafti weder das eine noch das andere. Und es i fei daß man in der Welt zuweilen solche leinliche Nebendinge nicht weiß. Eben das reizt die Lust des Lebens, wenn man so auf Geratewohl im Weltall forschreitet, ohne zu wissen wohin. Neugier und Hoffnung tragen uns weiter. Ich habe einen reichen Mann gekannt, der vollauf zu leben hatte und den Spleen dazu. Vielleicht war sein Ueberdruß und Ekel am Einerlei des Lebens gerade eine olge seines Reichtums. Er verachtete das eben, das ihm nie eine Sorge machte. Er war nahe daran, Selbstmörder zu werden, ver⸗ mutlich um der langen Weile eines Daseins zu entgehen, mit dem er nichts zu machen wußte. Und was hielt ihn von einem Tage zum andern ab, den Faden seiner Stunden zu zerreißen? — Die Haude⸗Spenersche Zeitung. Er wollte nur noch immer vor seinem Tode wissen, was aus der Welt werden würde?— Und wenn er die Zeitungen gelesen hatte, dachte er: das wäre also nach meinem Tode geschehen, wenn ich mich 15 1 5 mit einer Kugel selbstranzioniert hätte. Es ist doch gut, daß ich dies noch vor meinem seligen Ende erfahren habe. Und so überlebte sich der herzbrave Mann von einem Zeitungstage zum andern, bis ein paar Kauf⸗ leute die Gefälligkeit hatten, ihm durch einen sehr höflichen Spitzbubenstreich, Bankerott genannt, einen großen Teil seines Vermögens abzunehmen. Nun hatte er Not zu arbeiten; und die Not heilte seinen Spleen. Der Hunger ist nie 9 le als wenn man nicht weiß, womit ihn stillen; und das Leben nie reizender, als wenn man nicht weiß, wie es retten. Das mochten unterwegs im obenerwähnten säuselnden Kieferhain auch meine Gedanken sein. Ich schleppte mich auf müden Füßen weiter, voller Neugierde, was aus mir noch werden, und wohin ich am Ende von meinem Schicksal verschlagen würde. Da bellten Hunde— da leuchteten ferne Fenster— ich kam also zu einem Dorfe. Vor dem Wirtshause stand eine offene halbe Chaise mit zwei Rossen bespannt, und zwar in der gleichen Richtung des Wegs, den ich zu wählen hatte. Das Standbrett hinter dem Kasten der Chaise— ich rekognoszierte das Lokal— hatte zum Glück keine Eisenstacheln und Schutzwehren gegen blinde Passagiere, die sich gern auf fremde Kosten durch die Welt schleppen lassen. Also konnte ich— und das war kein geringer Trost— meinem matten Leichnam ein Ruheplätzchen schaffen, und mit Bequemlichkeit flüchten.— Der Wagen war leer, also der Eigentümer noch im Wirtshaus. Ich wühlte in meinen Taschen— kein roter Pfennig darin, und doch hätte ich gern ein Stück Brot gekauft. Betteln konnte ich nicht, als wolte aber wohl in Requisitton setzen. 80 wollte mein Glück versuchen, ich trat ins aus. Da lag auf einem alten Futterkasten ein runder Hut, ein Bauernkittel und eine Peitsche. — Heil dem braven Mann, der in der Welt die Geistesgegenwart erfunden hat!— Wetter- 197 71 flog mein militärischer Sturmhut auf en Boden, der grobe Filz auf meinen Kopf; der blaue lange Ueberrock des Offiziers auf den Kasten; mein schlanker Leib in den breit⸗ schultrigen Bauernkittel. Hätte ich noch ein Schlachtschwert gehabt, ich würde es gegen die Peitsche vertauscht haben, welche ich dennoch als Zugabe in die Hand nahm, um mich irgendwo einmal meiner Haut wehren zu können, wenn auch nur gegen unhöfliche Dorfhunde. Daß ich nun, als qualifizierter Dieb, an ein Nachtessen im gleichen Hause nicht denken konnte, verstand sich von selbst. Das war e genug. Aber doch hatte ich nun das ergnügen, vor französischen Nachstellungen gestcherter, inkognito reisen zu können. Ich stand noch in der Hausthür, mit dem Gesicht auf der Dorfstraße herumspähend, wo ich verborgen den Wagen beobachten könnte, um bei der Abfahrt mein Plätzchen hintenauf in Besitz zu nehmen. Da sprang jählings hinter mir eine Thür auf— eine französische Stimme donnerte— ich bekam von zwei gottlosen Fäusten hinterrücks einen so gewaltigen Stoß vorwärts, daß ich, so lang ich war, vor mit hinstürzte in den Kot, so tief er war. Das eschah miteinander in wunderbarlicher Eilfertig⸗ eit. Noch jetzt begreife ich nicht, wie man zu dem allem in so wenigen Augenblicken die nötige Zeit fand. „Allons bougre, allons!“ rief der Fran. ose einmal um's andere, der mich für seinen uhrmann halten mochte. Ich war mit mir noch nicht im reinen, ob ich mich tot stellen, oder als Dieb aufspringen und davon laufen müsse, ehe ich gehenkt würde. Der Franzose entschted für keins von beiden; packte mich mit wahren Teufelskrallen beim Kleid im Nacken, riß mich in die Höhe, pflanzte mich neben das Vorderrad zum Fuhrsitz, und schrie:„Sitzen dick auf!“— sprang in den Wagen und rief: „Allons! en avant!“) 5 Mir gleichviel! dachte ich, setzte zich an Kuschers Platz, gab den Pferden einen derben Hieb und jagte zum Dorfe hinaus. Statt des bescheidenen Hintenauf hatte ich nun die Ehren⸗ stelle vorauf. Der um 6 5 Gaderobe und Beamtung betrogene Kutscher, nämlich mein Vorfahr, konnte nun statt meiner General- adjutantendienste thun, falls er nicht freiwillig die Kleider im Stich gelassen hatte, um dem Franzosen inkognito zu entwischen. * Los, vorwärts! (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Unverfreren. Richter:„Sie wissen also be⸗ stimmt, daß es der Dorfbader war, welcher Ihnen bel der Naufercl die drel Zähne ausgeschlagen hat)“ Zeuge:„Natürlich, am nächsten Morgen war er sogar dei mir, und wollte fürs Stück noch füufzig Pfennig bezahlt haben!“ Berschnappt. Mann:„Das Dienstmädchen bat ja in jedem Strumpf ein Loch!“— Frau:„O. die 0 5 Person; da hat sie gewiß wieder ein Paar von an!“ N . 11„1a32⸗64“»⁰ä ä.. * fin I Nr. 00. offen ind 1a in 0 1 dn ie d gige age, N fr 50 0 itt fon sete 1 ich tut f wrlgle 0 eine Pei in der I 7. Weh urmhut g leinen Ray, Offers ch n den hit ich noch t es gegen! ich denne lich irgenht önnen, e. nde. ter Deb, nicht dent Das v. ich nun d kuchstelung nen. nspähend, chten kinn hen hinten ihlingz bn siche Stun pei gotlhl algen El war, vun d. F war. A. cher Gilf vie man enblictn 1 f der fl ich füt fen wat mt ch tot le Dabol 10 Den F hür, nit hn Nr. 40. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. eee 3 Bahnhofstr. 1 Richard Loewenthal& Co. 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