Agsbor⸗ he Auf⸗ nltee. nig, — — 1 . 9 . 9 f f 9 . . 9 2 2 — — U Uhr ng im Löwen“ altung. 3 g noch au afl“ And abonnieren, bez. durch di l. Spediteute — 0 iger * vahl. ssiefel, 2 ua ien Cual ch Maas 1 rasch, 9 . 34 . en — Nr. 18. Gießen, Sonntag, den 5. Mai 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche ütags⸗ Medattion schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Dr Abounemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Schloßgasse 13; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluugen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) N Inserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼5/, und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Der Achtstundentag und der Kapitalismus. Der Achtstundentag ist die größte Kultur⸗ forderung unserer Zeit. Denn darüber besteht kein Zweifel mehr, daß das Schwergewicht der kulturentwickelung in den Volksmassen liegt. In dieser Beziehung ist in der öffentlichen Meinung im letzten Jahrzehnt eine Revolution der Vorstellungen zum Abschluß gekommen. Wie erinnerlich, hat man den Achtstundentag erst damit bekämpft, daß die Arbeiter ihre freie Zeit zum Wirtshaus hocken benutzen wer den, daß Trunkenheit und Verbrechen sich mehren würden und dergleichen mehr. Kein Mensch, der halbwegs beanspruchen darf, auf die Oeffentlichkeit einen Eindruck zu machen, wagt setzt diese Argumentation. Die bürgerliche Insinuation, daß im Proletariat ein neues Barbarentum erstehe, welches die Kultur be⸗ drohe, ist total verbraucht. Die. Arbeiterklasse hat durch ihre politische Bethätigung sich die Anerkennung ihres kulturellen Wertes errungen. Daß dies nunmehr überall durchgedrungen ist und unanfechtbar dasteht, war bisher vielleicht das wichtigste Ergebnis der Agitation für den Achtstundentag seit dem Pariser Kongreß von 1889. Denn, daß das kulturelle Interesse der Arbeiter einmal zugegeben, zeigt eine einfache Rechnung, welche enormen kulturellen Werte der Achtstundentag auslösen, freimachen würde. Wenn z. B. eine Million Arbeiter um zwei Stunden per Tag weniger in der Fabrik ein⸗ geschlossen bleiben, so sind es im Jahre 600 Millionen Lebensstunden, die neu gewonnen sind, die der freien menschlichen Bethätigung, dem Studium, der Litteratur, der Kunst, dem Sport, der in gewissen Grenzen ein sehr bedeutender Kulturfaktor ist, die der Politik gewidmet werden. Doch das Zahlenexempel giebt nur eine geringe Vorstellung von der kulturellen Tragweite des Achtstundentages.. Es handelt sich nicht allein um die Stunden der Fabrikstaverei, die dem Arbeiter durch den Achtstundentag erspart werden. Die über⸗ mäßige Arbeitszeit raubt dem Arbeiter auch den Lebensgenuß der ihm frei bleibenden knappen Stunden. Müde und abgehetzt, kann er an nichts mehr eine rechte Freude haben. Mancher Familienunfrieden hat seinen Ursprung in den überreizten Nerven, mit denen Mann und Frau aus der Fabrik zurückkehren. Wie viele giebt es noch, die im Nachtdunkel ihr Haus verlasseu und erst im Nachtdunkel zurück⸗ kehren. Die übermäßige Arbeit macht den Arbeiter stumpffinnig und roh. Ein solcher, schlimmer als Lasttier abgehetzter Mensch greift auch am liebsten zur Schnaps⸗ flasche. Erst schuf das Kapital durch über⸗ mäßige Arbeitszeit, durch rücksichtslose Aus⸗ beutung die Verrohung der Arbeiter— dann berief es sich auf diese Verrohung, um eine ewige, finstere Arbeitssklaverei zu etablieren. Jedoch die Arbeitermassen fanden in der Organisation die Macht, um sich den Weg zum Licht zu bahnen. f f Wie den überfüllten Kellerwohnungen Licht und Luft, so fehlt dem Proletariat freie Zeit zum kulturellen Genuß und kulturellen Wirken. Das Proletariat will hinaus aus der stickigen Luft, hinaus in deu Sonnenschein, wo man erst die Welt kennen lernt, wo man tief aufatmen und frei um sich blicken kann! Das Proletariat, das den materiellen Reichtum der Gesellschaft erzeugt, will mitwirken an der Entwickelung der Zivilisation— das be⸗ deutet seine Forderung des Achtstundentags! Der Achtstundentag ist aber nicht nur eine kulturelle Forderung, er ist das Gebot der sozialen Selbsterhaltung. Die kapitalistische Ausbeutung vererbt Elend, Siechtum und Krankheit. Sie untergräbt die körper⸗ lichen und geistigen Potenzen, die Entwickelungs⸗ fähigkeiten der kommenden Generationen. Sie tötet, verkrüppelt, entkräftet uud entnervt die Kinder. Zahllose Bände Statistiken und ganze Bibliotheken von Spezialforschungen bestätigen das. Wir wollen ein bezeichnendes Dokument aus den letzten Tagen anführen. In Frank⸗ reich wurde eine parlamentarische Kommission eingesetzt, um die Ursache der Entvölkerung des Landes zu ermitteln. Es geschah aus mili⸗ tärischen Rücksichten, denn die französische Bour⸗ geoisie braucht Soldaten. Der Bericht dieser Kommission findet nun die Haupturfache bes Uebels in der enorm großen Kindersterb⸗ lichkeit. Es stürben jährlich in Frankreich, berichtet sie, 170,000 Kinder unter einem Jahr, mindestens 200,000 Mütter seien ohne Hilfe, 100,000 Säuglinge stürben jährlich in Frank⸗ reich an Hunger, Elend und mangelnder Aufsicht. So die Kommission, die mit Sozialpolitik und Philanthropie nichts zu thun hat, die die einzige Aufgabe hatte, zu erforschen, warum das Kanonenfleisch zu knapp wird. Die Mütter haben keine Zeit, ihre Kinder zu nähren, zu pflegen, geschweige schon sich selbst, denn ihre Zeit ist vom Kapital mit Beschlag belegt! Die Arbeiterin muß am frühen Morgen in die Fabrik, am späten Abend kehrt sie zurück, ab⸗ gehetzt, todesmüde, überreizt oder schlaftrunken — davon, daß sie ihr Kind selbst stillen soll, ist ja von vornherein keine Rede, sie hat nicht einmal Zeit für die primitivste Pflege des Säuglings und wer sieht nach dem Kind, währenddem die Mutter in der Fabrik frohndet? Unsere Leser wissen, wie es dabei zugeht! Als aber in Frankreich der Arbeitstag der Frauen auf zehn Stunden heruntergesetzt werden sollte, erhob das Bürgertum ein Zetergeschrei dagegen, und sie hat es auch bis auf den heutigen Tag verstanden, durch Schwindel und politische Be⸗ einflussung die Durchführung der Maßregel zu hinter treiben. Kurze Arbeitszeit— langes Leben. Kurze Arbeitszeit— gesunde Kinder. Der Acht⸗ stundentag ist die erste Voraussetzung der Ent⸗ wicklung eines kräftigen und lebensfrohen Geschlechts. Der Achtstundentag ist ferner ein wichtiger Faktor der Produktionsentwickelung. Denn einerseits regt die Verkürzung der Arbeitszeit zur Erfindung neuer, arbeitsparender Maschinen an. Die Produktionsverfahren werden vervoll— kommnet, die Produktivität der menschlichen Arbeit steigt. Andererseits behält der Arbeiter bei kurzer Arbeitszeit seine geistige und körper⸗ liche Spannkraft und zeigt sich imstande, Auf⸗ gaben zu erfüllen, die für ihn früher unmöglich waren. Aber trotz dieser materiellen, humanitären und kulturellen Vorteile des Achtstundentags, trotzdem er der kapitalistischen Entwickelung nicht im Wege steht, diese vielmehr fördert, leisten die kapitalistischen Staaten Europas der Forderung des gesetzlichen Achtstundentags einen hartnäckigen, scheinbar unbezwingbaren Widerstand. Im Wege steht eigentlich nur der blinde Geiz der augenblicklichen Besitzer der Fabriken und ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeiterinteressen. Aber das genügt! Wenn es sich um ein Profitinteresse handelt, wie flink ist da der Staat bei der Hand, welcher Wagemut und welche Gewalten werden da ins Werk gesetzt! Um die abenteuerlichste, phantastischste Kolonialpolitik durchzuführen, werden Flotten gebaut, die Milliardeu kosten, und blutige Kriege geführt. Die Wüsten Afrikas werden mit Gold gepflastert, um die kapitalistische Ausbeutung der Neger zu ermöglichen. Aber um den Arbeitern Europas ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, scheut der kapitalistische Staat die geringste Anstrengung, das geringste Risiko. Und weil dem so ist, wird der Kampf um den Achtstundentag zum Kampf um die soztale Neugeburt. Das Proletariat will nicht mehr der blinde Maulwurf sein, der Schätze gräbt und häuft für das Kapital, das sie sinnlos vergeudet. Das Proletariat will die Werke seines Fleißes genießen und mit seiner Hände Arbeit der Menschheit Zukunft banen. Das bedeutet der Achtstundentag e 77...—————— Politische Rundschau. Gießen, den 2. Mai. Für den Brotwucher wollte der bekannte Bündlerhäuptling Dr. Dietrich Hahn die Berliner begeistern. Zu dem Zwecke hatte der konservative Wahl⸗ verein eine Volks⸗Versammlung nach der Ton⸗ halle einberufen. Der große Saal sowie auch die Gallerieen waren überfüllt. Die Mehrzahl der Anwesenden waren Freisinnige nud Sozial⸗ demokraten. Nach Hahn, der nicht weniger als drei Stunden sprach, um dadurch eine Diskussion unmöglich zu machen, ergriff Genosse Abg. Ledebour das Wort. Er widerlegte die Hahn'schen Ausführungen aufs Grünblichste und schlug eine Resolution vor, in der Bundes⸗ rat und Reichstag ersucht werden, für Beseitigung aller Zölle einzutreten. Auf einen Zuruf aus der Versammlung wurde gleich über die Reso⸗ lution abgestimmt. Unter großem Jubel stimmten fast alle Anwesenden mit wenig Ausnahmen dafür und schließlich wurde noch Herr Dr. Hahn beauftragt, die Protest resolution dem Reichs⸗ tage einzureichen! Als nach Ledebours Aus⸗ führungen der Vorsitzende(der Antisemit Ulrich) dem Bündler Hahn das Wort erteilen wollie und nicht dem Nationalsozialen v. Gerlach, entstand großer Lärm und der Vorsitzende schloß die Versammlung. Von ben Drohnen. 9,628,712 Mk. Reingewinn ist das Geschäftsergebnis der Badischen Anilin—⸗ Seite 2. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 18. und Sodafabrik in Ludwigshafen für das Jahr 1900. Im Vorjahr wurden„nur“ 8,948,652 Mk. erzielt. Der Aufsichtsrat hat beschlossen, 3 Millionen Mark für die Amortisation ꝛc. zurückzulegen, die übrigen % Millionen Mark aber unter die kleine Zahl der Aktionäre in Form einer Dividende don 24 Prozent zu verteilen. Die Herren werden diesen mühelosen Ertrag zu ihren Riesenreichtümern legen, ohne daran zu denken, daß die vielen Arbeiter der Fabrik, deren Arbeit dieser Ertrag zu danken ist, trotz ihrer gesundheitsschädlichen Arbeit fast noch Hunger leiden müssen. Sie werden die„göttliche Weltordnung“ preisen, die sie an die Sonnen⸗ seite des Lebens gebracht hat und mit Zähig⸗ keit diesen Zustand sozialer Barbarei zu erhalten suchen. Bei der Landtagswahl im Herzogtum Altenburg wurde im 5. Be⸗ zirk, einem ländlichen Wahlkreis, der Buch⸗ händler Horn(Sozialist) gewählt. Im 2. Wahlbezirk wurde unser Genosse Redakteur Käppler mit 1255 Stimmen gewählt. Sein Gegenkandidat Pfarrer Mälzer erhielt nur 558 Stimmen.— In Altenburg(Stadt) siegte ferner der Genosse Buchwald mit 1588 Stimmen gegen 1170 gegnerische. Zwei länd⸗ liche Wahlkreise dagegen sind uns verloren ge⸗ gangen. Bisher hatten wir 5 Vertreter in dem aus 30 Mitgliedern bestehenden Landtage. Das in Altenburg geltende Wahlsystem ist sorgfältig genug ausgeklügelt, um der Arbeiter⸗ klasse einen maßgebenden Einfluß auf die Landespolitik vorzuenthalten. Sittenbilder vom Lande. Die vielgerühmte Sittlichkeit auf dem Lande, die unsere Agrarier so gern in leuchten⸗ den Gegensatz zu den Sündenpfuhlen der Groß⸗ städte bringen, erscheint in sonderbarem Licht in folgender Mitteilung der„Augsb. Abendztg.“: „Im Jahre 1897 bewegte sich die Ster blich⸗ keitsziffer der Kinder unter einem Jahr in den Bezirksämtern Schroben hausen, Kelheim, Beilngries, Stadtamhof und Parsberg in Bayern zwischen 40,8 und 46,6 Prozent der Geborenen. Ueber die Gründe schreibt der Einsender:„Wie oft, heißt es a. a. O., versuche ich es, die Mutter eines kranken Kindes auf die Notwendigkeit hinzuweisen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und wie oft erhielt ich die grausige Antwort:„Ich gehe nicht zum Arzt, denn„er“— dieser„er“ ist der saubere Herr Gemahl— will aus dem Kinde einen Engel machen. Die Absicht, das arme Kind auf eine„feine Weise“ aus der Welt zu schaffen, wird da ganz offen geäußert, und das ländliche Publikum glaubt vielfach in dieser Absicht nichts Verbrecherisches sehen zu müssen. Da wird ganz frei und ohne jede Scheu und ohne jede Aeußerung des pri⸗ mitiosten menschlichen Gefühls, der Mutterliebe, dem Kinde das Todesurteil gesprochen, das heißt,„man schickt dem Himmel einfach einen Engel zu.“ Wie viele derartige Ver⸗ brechen tagtäglich auf dem Lande geschehen, wer kann das wissen? Nur so viel kann ich sagen, ich bin entsetzt über dieses e feige Verbrechertum, welches aus Furcht vor der Staatsgewalt nicht rasch Hand anlegt an das kleine Würmchen, sondern es langsam unter Qualen hinmordet. Den kleinen Kindern ist auf dem Lande nur zu oft ein furchtbares Schicksal beschieden. Es stehen die Dinge in dieser Beziehung schlimmer, als man ahnt, und darum wäre es nötig, daß in diese Zu⸗ stände ordentlich hineingeleuchtet würde.“ Es sci bemerkt, daß die„Augsburger Abend⸗ Fut nicht etwa ein vaterlandsloses sozial⸗ emokratisches Blatt, sondern eine Zeitung der ordnungsliebenden Bürger ist, die, wenn wir nicht irren, sogar als halbamtliches Organ der bayrischen Regierung gilt. In dieselbe Rubrik gehört auch folgendes neite Kulturbildchen. Aus Stendal berichten die Zeitungen: Eine 19jährige„Sachsen⸗ gänger in“, Marie Zinnowoda aus Lokowitz mordes vor dem Schwurgericht angeklagt. Es wurde festgestellt, daß sie nur drei Jahre eine Dorfschule besucht hat; vom neunten Lebensjahr ab hat sie keinen Unterricht mehr genossen! Sie war bis zum 14. Lebensjahr als Hütenmädchen auf verschiedenen Stellen beschäftigt. Kaum vier⸗ zehn Jahre alt, gebar sie einen Knaben, der jetzt bei ihren Eltern in Pflege ist. Einige Jahre später wurde sie zum zweiten Mal Mutter; das Kind starb bald darauf. In ihrem letzten Dienst zu Schönhausen in der Altmark gebar sie zum dritten Mal; das neugeborene Kind warf sie in den Abort. Dort wurde es aber bald gefunden und ist noch am Leben; es ist in Stendal in Pflege gegeben worden. Der Angeklagten, die weder lesen noch schreiben kann, wurde wegen ihres niedrigen Bildungsgrades mildernde Um⸗ stände zugebilligt; das Urteil lautete anf ein Jahr Gefängnis.— Wer wollte den ersten Stein auf diese Unglückliche wersen? Sie ist ein Opfer der überaus traurigen Kultur⸗ und Sittenzustände, die die Junkerherrschaft in den östlichen Provinzen gezeitigt hat.— Fälle dieser Art und Verhältnisse, wie sie oben von dem Einsender der„Augsb. Abendztg.“ geschildert wurden, zeigen, daß es mit der idyllischen Sittenreinheit auf dem Lande ein wenig anders aussieht, als uns gewisse Leute vorreden wollen. Leistungen des Antisemitismus. Bekanntlich haben schon seit Jahren die Antisemiten und die ihnen verwandten Christlich-Sozialen die Mehrheit im Wiener Gemeinderat und somit auch die Verwaltung der Stadt in den Händen. Daß die antisemitische Herrschaft für das Gemein⸗ wesen irgend etwas Gutes im Gefolge gehabt hätte, davon hat man noch nichts gehört; da⸗ gegen mehren sich die Klagen über das Regi⸗ ment Luegers von Tag zu Tag.— Aber auch in Paris, wo bei den vorjährigen Gemeinde⸗ ratswahlen die Antisemiten— in Frankreich nennen sie sich„Nationalisten“— im Verein mit der Pfaffenpartei die Mehrheit erlangten, haben diese„Retter des Mittelstandes“ in dieser Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, zu zeigen, wes Geistes Kind sie sind, und sie haben sich auch thalsächlich als eine durch und durch volksfeindliche, klerikale, reaktionäre Demagogen⸗ partei entpuppt. Sie haben auf allen Gebieten gewüstet. Die Schule, überhaupt das Unter⸗ richtswesen, die Armenpflege, den Kinderschutz, den Arbeiterschutz, alle Einrichtungen, die dem Volke notwendig und nützlich sind, haben sie verschlechtert, so gut wie sie sie verschlechtern konnten. Gleich zu Beginn ihrer Herrschaft sprachen sich die Nationalisten gegen die Verweltlichung der Schule und für die Aufrechterhaltung des berüchtigten Falloux'⸗ schen Schulgesetz aus. Bald darauf besetzten sie alle in den Schulaufsichtsbehörden freige⸗ wordenen Stellen mit geaichten Klerikalen. Das Schulbudget wurde verringert. Den Fortbildungsschulen wurden viel kleinere Sub⸗ ventionen gewährt als früher, Auch die den Fachschulen von dem vorigen Gemeinderat ge⸗ währten Subventionen wurden stark reduziert, in vielen Fällen um die Hälfte. Insbeson dere den Gewerkschaften, die solche Schulen einge⸗ richtet haben, wurde übel mitgespielt. Einer von einer Freimaurergruppe gegründeten Handels⸗ schule würde die Subvention entzogen, ebenso einem weltlichen Waisenhaus. Dafür wurden mehreren Pfaffenschulen und verschiedenen anderen klerikalen Instituten Subventionen bewilligt. Eine Summe von 100,000 Franks, die die Sozialisten dem Armendepartement zuweisen wollten, verwendeten die Nationalisten zur Veranstaltung eines Festes. Auch die von den Sozialisten eingerichteten Schulen zur weltlichen Heranbildung von Krankenpflegerinnen wurden von den Nationalisten gesperrt, um den Nonnen wieder Eingang in die Krankenhäuser zu verschaffen. Eine der ersten Thaten des nationalistischen Gemeinderats war die Auf⸗ hebung einer von den Sozialisten zum Schutz der Handlungsgehülfen getroffenen Maß⸗ in Oberschlesten war wegen versuchten Kindes- regel. Der Haß der nationalistische Macht⸗ haber gegen die Arbeiter zeigte sich bei ver⸗ schiedenen Gelegenheiten noch viel deutlicher. So wurde insbesondere der Pariser Arbeits- börse die ihr von dem früheren Gemeinderat alljährlich zur Verteilung unter die ihr ange⸗ hörenden Gewerkschaften bewilligte Subvention entzogen.— Kurz, es zeigt sich auf allen Ge⸗ bieten die rückschrittliche, volksfeindliche Tendenz sie erkennen! Kaiserhoch in neuer Form. Bei den Kontrollversammlungen in Eisenach wurden von militärischer Seite Ansprachen gehalten, in denen in schwungvoller Weise der letzten Kaiserrede über das freche und unbotmäßige Volk von Berlin, der Sozial⸗ demokratie, des Militärbefreiungsprozesses dc. gedacht wurde. Die sozialdemokratische Be⸗ wegung wurde scharf verurteilt, jedoch resigniert bemerkt, daß sie sich nicht aufhalten lasse. Zum Schluß erfolgte das Kaiserhoch in neuer Form. Zunächst ertönte das„Kommando:„Hut ab!“ Dann folgte das begeisterte Kaiserhoch und dann das weithin schallende Kommando:„Hut auf!“ Diese Form der Kaiserehrung soll sich als probat erwiesen haben in Rücksicht auf den Umstand, daß gewisse Leute bei dem bisherigen ue den Hut nicht lebhaft genug bewegt haben. Geängstigte Scharfmacher. Der Bierabend von Darmstadt, bei dem der hessische Großherzog mit dem Genossen Ulrich sprach, hat bekanntlich in bürgerlichen Kreisen großes Entsetzen hervorgerufen und die Aufregung im Lager der„Gutgesinnten“ über die von uns höchst gleichgültig aufgenommene Begebenheit will nicht zur Ruhe kommen. Der nationalliberale Lederkönig von Worms, Frei⸗ herr v. Heyl, hatte den Präsidenten der Zweiten hessischen Kammer, Geheimrat Haas, heftig angegriffen, weil der Abend ohne Ovation für den Großherzog verlaufen set. Haas antwortet nun in der Wormser Zeitung in einem längeren Schreiben, in dem es heißt: Auch der Kaiser hat mehrfach parlamentarischen Abenden und ähnlichen Veranstaltungen des Reichskanz⸗ lers sowie anderer Ressortchefs des Reichs und des preußischen Staats beigewohnt, ohne daß beim Eupfang, während der Anwesenheit und beim Weggang des Kaisers irgendwelche Ovationen dargebracht wurden. Mit Jug und Recht konnte ich deshalb. mich auf eine Gepflogenheit berufen und die entgegengesetzte Behaup⸗ tung des Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. Heyl steht mit den einschlägigen Thatsachen nicht im Einklang. Darum ist es dem Freiherrn v. Heyl aller⸗ dings weniger zu thun. Wie nun verhindern, daß nicht am Ende gar auch noch die Groß⸗ herzöge rötlich abfärben? Deutscher Reichstag. Beschlußunfähigkeit. Dieses alte Leiden des Reichstags ist in letzter Zen wieder besonders hervorgetreten. In geradezu beschämend geringer Zahl erfüllen die Reichsboten ihre Pflicht! an manchen Stitzungstagen haben kaum mehr als 40 Abgeordnete, manchmal noch weniger an den Verhand⸗ lungen Teil genommen.„Es machte einen komischen Eindruck“, schreibt die„Freis. Ztg.“, wenn ein Redner, wie z. B. der Abg. Arendt oder der Abgeordnete Oerte! von der Stellung seiner„politischen Freunde“ sprac und thatsächlich nur ein einziger solcher Freunde das? Vorhandensein einer Fraktion neben dem Redner markierte. In einzelnen Abschnitten der Verhandlung war d konservative Seite ganz menschenleer. 110 zur Branntweinsteuernovelle wollen die Herren zahlreich sich einfinden. Auch die Zentrumspartei war überaus schwach vertreten. Verhältnismäßig am stärksten! war die Sozialdemokratie vertreten. Scher weise ist schon wiederholt unter den Reichstagsabgeord⸗ neten geäußert worden, es könne auf diese Weise kommer in einem unbewachten Augenblick die Republik prokl miere. Jedenfalls sichert die Durchführung der Part diäten grade derjenigen Partei ein besonderes gewicht in der Präsenz, welche man geglaubt hat, durg die Diätenlosigkeit zu schwächen.“ a Am Mittwoch(24. April) war der Welchssa etwas besser besetzt. Es gab sogar etwas wie ein „großen Tag“, der Herr Reichskanzler ergriff selb das Wort, um die von daß die Mehrheit des Reichstages einmal plötzlich U 1 16. 4 Ne a pardllbe b fan 10 5 1 Mrogok gehehe, f m aber ufptdet assen. 9 ihr gen Tachgelom Banktonsor der die E sctel an ol das! die dreipr nehmen, b der Dar⸗ will.— größeres; pro jekt. die afrika Eisenbahn bauen, fi 0h wor d für die lich der! Mensch 9 schnöden für Deuts sucht. E deß Mate Seelen. Ausfälle Preußen Wüstenei Reden g lüge, del den die die Kon schlösser wohl hi der Kri übte, f Ablehm Wortfül ausschla konserba Agrarien sich aut innigen als zuli Do Leung dub fassung ts, da den 2 herbor auch unserer wurde unter nomme Bei ei Katastt Versich zu bef weil, Gel rm. cher Seite hwungbllg ungen g der Sozial atische Pe. ch resten lasse. Zum euer Forn. „Hut ab! sechoch un ando:„ut g soll se icht auf der u bisherigen kuug bewegt her. adt, hei den em Genosen bürgerlichm ufen und die innten“ über Aufgenommene Amen. De zorms, Fte⸗ der Zweite Haas, hefti Ovation fi 's antwort nem längere rlamentarisch des Reichslar eichs und dez helm Eupfans, gang des ale den. Mit dn mich auf eil gestzte Bchulf n b. Hehl fh im Einklang. v. Hehl al n berhindel och die Gib — 0. t. i 90 ih in lein en ihte 1 0 m naht 15 an den Lahe Nr. 18. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Eisenbahnbauten in Afrika handelnde Vorlage durchzudrücken. Ju der ostafri⸗ kanischen Kolonie soll eine Bahn don Dar⸗es⸗Salaam Mrogoro gebant werden. Daß dies von Reichswegen geschehe, lehnte der Reichstag vor einigen Monaten ab, nahm aber eine Resolution an, welche die Regierung auffordert, die Bahn durch privates Kapital bauen zu lassen. Mit einer Hurtigkeit, die man sonst just nicht bei ihr gewohnt ist, ist die Regierung dieser Aufforderung nachgekommen und hatte einen Vertrag mit einem Bankkonsorttum abgeschlossen; einen Vertrag allerdings, der die Spuren eiliger Arbeit mit handgreiflicher Deut⸗ lichkeit auf der Stirn trägt.— Mir nichts, dir nichts soll das Reich die Garantie erst für die vier⸗ dann für die dreipronzentige Verzinsung der 24 Millionen über⸗ nehmen, mit denen das betreffende Konsortium den Bau der Dar⸗es⸗Salaam—Mrogoro Strecke bewerkstelligen will.— Hinter diesem Bahnprojekt steckt aber noch ein größeres; nämlich das afrikanisce Centralbahn⸗ projekt. Diese Strecke soll ein Anfang für eine große, die afrikanischen Centralseen mit der Ostküste verbindende Eisenbahn sein. Das Projekt, in die Wüst ee Eisenbahnen zu bauen, findet bei dem Reichstage wenig Gegenliebe. Es war deshalb wohl nötig, daß der Reichskanzler sich für die Vorlage ins Zeug legte. Dasselbe that natür⸗ lich der Kolonialdirektor Dr. Stübel, der als guter Mensch glaubt, daß das deutsche Kapital nicht der schnöden Profitsucht halber, sondern aus purer Begeisterung für Deutschlands Herrlichkeit in den Kolonteen Verwendung sucht. Es giebt also doch noch in dieser schnöden Zeit des Materialismus gute und gläubige und gefühls volle Seelen. In wuchtigen und trefflichen, mit satirischen Ausfällen auf das Treiben der Kanalfronde— die in Preußen Kanäle verweigert, in den ostafrikanischen Wüsteneien aber Eisenbahnen bauen will— gespickten Reden geißelten Eugen Richter und Bebel die Vor⸗ lage, den an allerlei schöne Fabeln erinnernde Vertrag, den die Regierung mit dem Bankkonsortium eingegangen, die Konzertmalerei des Grafen Bülow sowie die Luft⸗ schlösserfabrikation der Kolonialfexe, die sich freilich sehr wohl hüten, in die eigenen Taschen zu greifen. Auch der Kritik, die der Zentrumsabgeordnete Mül ler⸗Fulda übte, fehlte es nicht an Schärfe, aber zur prinztellen Ablehnung gelangte natürlich der Reichssteuervater und Wortführer der allmählich nationalliberal gewordenen ausschlaggebenden Centremsfraktion nicht. Verschiedene konservative Redner traten für die Vorlage ein; der Agrarier Lucke wandte sich dagegen. Dafür sprach sich auch der Abg. v. Siemens aus, der der Frei⸗ sinnigen Vereinigung angehört und den man wiederholt als zukünftigen Fin anzminister bezeichnete. Donnerstag verhandelte man in der zweiten Lesung über den Gesetzentwurf betreffend die privaten Versicherungsanstalten. Durchweg leidet der Entwurf, auch in der Kommissions⸗ fassung, an bureaukratischer Schwerfälligkeit. So kam es, daß einige Anträge der Freisinnigen, die sich gegen den Bureaukratismus wandten, trotz des aus ihnen hervorschimmernden Pferdefußes des Manchestertumes auch bei anderen Parteien, wie beim Zentrum und unserer Fraktion, Zustimmung fand. In einem Falle wurde ein solcher freisinniger Antrag nach Befürwortung unter anderen auch unseres Genossen Segitz ange⸗ nommen. In einem anderen Falle wurde er abgelehnt. Bei einem driten sreisinnigen Antrage kam es zur Katastrophe. Der Antrag lief darauf hinaus, die Versicherungsanstalten von den Kosten für die Anfsicht zu befreien, mit denen die Vorlage sie belasten wollte, weil, wie von freisinniger Seite ausgeführt wurde, diese Gesellschaften doch diese Kosten auf die Versicherten ab⸗ wälzen würden. Als die Nationalliberalen durch den Mund des Abgeordneten Büsing sich gegen diesen Antrag erklärten, gegen den auch Graf Posadowsky sprach, und eine Ablehnung sicher schien, bezweifelte Eugen Richter die Beschlußfähigkeit des Hauses. Die Auszählung ergab die Anwesenheit von nur 135 Mit⸗ gliedern, das Haus war also wieder beschlußunfähig. Der Präsident bedauerte die beständige Abwesenheit vieler Reichsboten und setzt die nächste Sitzung auf Montag an. Am Montag war der Reichstag beschluß fähig. Das benutzte man, um die Beratung des Gesetzes über die Privatversicherungsanstalten energisch zu fördern. Die Sitzung zog sich wegen der vielen Abänderung s⸗ anträge, die zu der für Laien schwer verständlichen Ma⸗ terie gestellt waren, bis tief in die stebente Stunde hin. Auf die Einzelheiten können wir hier uatürlich nicht eingehen. Eine interessante Debatte gab es indessen bei dem§ 108. Es handelte sich um die Frage, ob die Rechtspraxis: Unkenntnis der Gesetze schütze nicht vor Strafe, für dieses Gesetz außer Kraft zu setzen set, wie die Kommission vorgeschlagen habe. Die Bestrafung eines Mannes, der ohne Erlaubnis Versicherungsgeschäfte betreibt, sollte von seiner Kenntnis abhängen, ob eine solche Erlaubnis erforderlich sei. Hiergegen wandte sich Graf Posadowsky, unterstützt von dem Zentrums⸗ juristen Spahn, während andere Redner— auch Juristen— vor allem aber Genosse Molkenbuhr' für die Kommisstonsfassung eintraten. Diese wurde jedoch von der Mehrheit in Stich gelassen und die Regierungsvorlage hier wiederhergestellt. Dienstag wurde diese Beratung erledigt.— Dann folgte die dritte Beratung des Urheberrechts und des Verlagsrechts, die am Mittwoch noch nicht ganz zum Abschluß gelangte, 3 Krieg in Südafrika. General French war wirklich ge⸗ fangen! Die seinerzeitige Meldung, welche dann von London aus in der Weise dementiert wurde, daß man telegraphierte, es sei dem Kriegsamt von der Gefangennahme„nichts bekaunt“, wird jetzt bestätigt. Das später ge⸗ meldete„Unwohlsein“ Frenchs erklärt sich jetzt in der Weise: General French leidet an Bullers Krankheit. Er ist in der Ge— fangenschaft der Buren gewesen und von diesen auf Ehrenwort freigelassen worden; er muß also heimkehren und damit die Liste der außer Kurs gesetzten englischen Helden vermehren. White, Yule, Warren, Gatacre, Baden⸗Powell, Buller, Coleville und schließlich auch Lord Roberts haben bei dem undankbaren Gewerbe, ein holländisches Hirtenvolk zu unter⸗ jochen, schlecht abgeschnitien. Ihnen gesellt sich French, ein Reitergeneral zu, der bisher Tüchtiges leistete. Er war mit White in Ladysmith ein⸗ geschlossen und hat den ganzen langwierigen Feldzug mitgekämpft. Einige Unglücks nachrichten für die Engländer liegen wieder vor. Nach Meldungen der Blätter aus Kapstadt überraschten 400 Buren 15 Meilen von Kroonstad eine 25 Mann starke Abteilung von Kolonialtruppen. Die Abteilung leistete den Buren acht Stunden lang hart⸗ näckigen Widerstand, wobei 14 Buren getötet und mehrere verwundet wurden. Als ihr Schießvorrat erschöpft war, er gab sie sich den Buren, welche sie entwaffneten und dann wieder in Freiheit setzten. Ferner wird von Ende voriger Woche aus Pretoria berichtet: Die Buren brachten einen nach dem Süden abgehenden, mit kranken Soldaten besetzten Lazaretzug zur Entgleisung. Einige der Kranken erlitten Verletzungen. Ein anderer Zug mit Pferden wurde in der Nähe von Springfontein in die Luft gesprengt, wo⸗ bei eine Anzahl Pferde getötet wurde. Weiter wurde aus Kapstadt telegraphiert: Cecil Rhodes entging am Samstag mit knapper Not seiner Gefangennahme durch die Buren unweit Kimberley. Diese sprengten die Bahn dicht vor seinem Zuge in die Luft. Englische Erfolge meldete Lord Kitchener einige Tage später: Seine Schützen unter Oberst Grenfell überfielen das Lager Vaurenburgs bei Klipdam, nördlich von Pietersburg. 7 Buren wurden getötet, 37 gefangen genommen. Außer⸗ dem wurden 8000 Packete mit Munition, sämt⸗ liche Wagen, Karren, Ochsen, Pferde und Maul⸗ tiere erbeutet. Auf britischer Seite wurde ein Mann verwundet. Von einer anderen Truppen⸗ abteilung wird gemeldet, daß 3 Buren getötet und 58 gefangen genommen wurden; 57 Buren ergaben sich freiwillig; auch ein Schnellfeuer⸗ geschütz wurde erbeutet. Auch in Lydenburg sollen sich 20 Buren ergeben haben. Krieg mit China. Ein ernster Kampf hat an der„großen Mauer“ stattgefunden. Warum eigentlich Wal⸗ dersee den Zug dorthin unternahm, weiß kein Mensch. Er meldete am 27. April, daß die Brigade Kettler sich in vier Kolonnen gegen die große Mauer in Bewegung gesetzt habe, wo der Feind sich in starker Stellung befand. Es wurde hartnäckig gekämpft. Erst nach elfstündigem Kampf wurde die Stellung genommen. Major Mühlenfels, Leutnant Richert wurden leicht, Leutnant Drewello schwer ver— wundet. Außerdem gab es 2 Tote und 6 schwer, 10 leicht verwundete Soldaten. Natür⸗ lich siegten die Deutschen und der Feind erlitt schwere Verluste.— Die Franzosen, die erst auch von der Partie sein wollten, waren an den Kämpfen nicht beteiligt; sie trafen zu spät am Bestimmungsorte ein.— Bei der Kolonne Kettler explodierte durch Unvorsichtigkeit eines Mannes eine mit Pulver gefüllte Kiste, wobei vom 3. Regiment ein Musketier getötet und drei leicht verwundet wurden. Beuteverteilung. Eine kaum verständ⸗ liche Mitteilung brachte das Depeschenbureau Hirsch aus Marseille vom 30. April. Sie lautete: Gestern fand die Verteilung der Kriegs- beute unter die Soldaten der Chinaexpedition statt. Der Anteil eines jeden beträgt ca. 1000 Fr. Seiner Zeit hieß es, daß das Beutemachen streng verboten sei. Und nun wird der Dieb⸗ stahl und die Plünderung organisiert. Die Griesheimer Katastrophe. Wir konnten in unserer vorigen Nummer nur ganz kurz die ersten Meldungen über die entsetzliche Katastrophe in der chemischen Fabrik„Elektron“, der zahlreiche Arbeiter zum Opfer fielen, wiedergeben. Im Allgemeinen waren ja die von uns mitgeteilten Thatsachen zutreffend; nur müssen wir berichtigen, daß es sich nach weiteren Mitteilungen nicht um Ex⸗ plosion von Kesseln mit Nitroglycerin und Benzin handelte, sondern daß das ausgekommene Feuer die in Thonbehältern verwahrte Pikrin⸗ säure zur Explosion brachte. Pikrinsäure wird zur Herstellung rauchlosen Pulvers ver⸗ wandt. Sehr getadelt wird, daß, als das Feuer mehr um sich griff, von der Betriebsleitung, die doch die Gefahr erkennen mußte, nicht die Räumung der Fabrik angeordnet wurde. Nachrichten, welche von 100 Toten berichteten, bestätigten sich glücklicherweise nicht.— Vor weiteren Mitteilungen wollen wir unserem Frankfurter Parteiorgan über die Arbeiter⸗ verhältnisse in dieser Fabrik das Wort geben. Die„Volksstimme“ erinnert daran, daß ihr oft genug Schmerzensschreie aus den Kreisen der Arbeiter jener Fabrik zugegangen; sie habe jene bitteren Klagen oft gemildert, minder wichtige nicht veröffentlicht; also gewiß nicht„gewissenlos gehetzt“, wie die Gegner der Arbeiterpresse stets vorwerfen.„Wenn wir aber jetzt rückschauend die Summe von kapi⸗ talistischem Fabrikelend überblicken, das aus allen jenen Mitteilungen sprach, den veröffeut⸗ lichten und den nicht veröffentlichten, so erscheint uns die furchtbare Kataprophe allerdings in einem ganz besonderen Lichte.“ Die chemische Fabrik„Elektron“, deren Brand und Explosioa jetzt zwei Ortschaften, zahlreiche Meuscheuleben und eine Menge bescheidener Haushaltungen verwüstet haben, ist ein echtes Erzeugnis kapitalistischer Ent⸗ wickelung. Sie wuchs zu ihrer Größe durch Aufsaugung zweier benachbarter Betriebe, zahlte zuletzt 16, schreibe sechzehn Prozent Divi⸗ dende bei riesigen Abschreibungen und Rück⸗ lagen und entlohnte und behandelte ihre Arbeiter so, wie es im Bezirke der Höchster Fabrikpaschas der chemischen Industrie üblich ist, jenem zweiten Saarabien, in dem jede selbständige Arbeiter⸗ organisation aufs Heftigste verfolgt und bekämpft wird, obgleich er vor den westlichen Thoren des roten Frankfurt liegt. Selbstverständlich hatten die Vertreter der großen Fabrik auch in der Grlesheimer Ge⸗ meindeverwaltung das große Wort. Wesentlich an ihrem Widerspruche scheiterte die Errichtung eines Krankenhauses für das längst zum kleinen Städtchen mit 8000 Einwohnern ge⸗ wachsene Dorf, so oft dies die Arbeiter auch angesichts der hohen Krankenziffer der Fabrik und der zahlreichen Unglücksfalle in derselben verlangten. Die 2000 Arbeiter der Fabrik hatten, so viel wir wissen, einen einzigen Arzt, sein Stellvertreter wohnte über dem Main drüben und schwer erreichbar in Schwau⸗ heim. Kranke wurden oft in die Schlafsäte der gesunden Arbeiter transportiert, wenn sie dort starben, wie der kürzlich erkrankt im Wäldchen beim Orte Gefundene, vom Schlaf— sale direkt auf den Friedhof in einer Weise und einem Sarge, die helle Entrüstung der Ueberlebenden hervorriefen. Erst kürzlich er— — Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 18.. hielt ein in der Fabrik durch die Beschäftigung mit Aetzkali schwer Erkrankter, der wochenlang in einem Frankfurter Krankenhause lag, seine Kündigung in schroffster Weise, mit elf brief⸗ lichen Worten, ein paar Tage vor seinem Tode! Gewisse Abteilungen des Betriebes hießen bei den Arbeitern„Schlachthaus“, und wer sich dort zur Beschäftigung meldete, war, wie die Frankfurter städtische Arbeitsvermittelung be⸗ stätigen wird, in äußerster Arbeitsnot; sonst mied er diese„Arbeits gelegenheit“. Unser „Arbeiterschutz“ im Reiche christlicher Sozial⸗ reform, unsere Gewerbeinspektion und unsere Gesundheitspolizei stand solchen Zustäuden ohnmächtig gegenüber. Es wird auch einer der interessantesten Punkte der gerichtlichen Untersuchung sein, festzustellen, ob die Fabrik in solcher Nähe menschlicher Woh⸗ nungen das Recht hatte, so gefährliche Betriebe zu haben, ob sie sich das Recht dazu nahm oder ob sie es wagen durfte, wegen sträflicher Nachsicht oder Unachtsamkeit der Auf⸗ sichtsbehörden.“ 4 * Ueber die Entstehung des Brandes wurde berichtet: Kurz vor der Vesperpause, also vor halb vier, begann es in dem Fabrikgebäude zu brennen, in welchem die Pikrinsäure hergestellt wird. Auch andere Rohstoffe rauchlosen Pulvers, Bi⸗ und Tri⸗Nitron z. B., werden dort fabri⸗ ziert. Während das Feuer um sich griff, be⸗ gann die Pause. Statt die Arbeiter auf die Gefahr aufmerksam zu machen und sie zum Verlassen der Fabrik zu veranlassen, ließ man sie unaufgekärt. Die Leute gingen zum Speise⸗ haus der Fabrik, während die Beamten, Kauf⸗ leute oder Chemiker in den nicht gefährdeten Gebäuden ruhig weiter arbeiteten. Die Fabrik besitzt eine eigene Feuerwehr; diese suchte dem Feuer in dem brennenden Gebäude von der Hinter⸗ front aus Einhalt zu thun; nun soll Professor Lepsius den Löschmannschaften befohlen haben, schnell das Feld zu räumen, da eine Explosion zu befürchten sei. Während sich die Feuerwehr⸗ leute und die zuschauenden Arbeiter Hals über Kopf zu retten suchten, erfolgte die furchtbare Detonation. Unter unbeschreiblich heftigem Luft⸗ druck wurde die Säure nach allen Seiten hin geschleudert, Gebäude stürzten ein und begruben die Löschmannschaften, die in ihrer Nähe die gefährliche Arbeit thaten und die nun mit dem Tode ihren kühnen Opfermut zu büßen hatten. Die Katastrophe war von furchtbarer Gewalt. Ein Augenzeuge schildert, daß im Umkreis des Gebäudes völlige Dunkelheit eingetreten sei, Qualm, Staub, zertrümmertes Fachwerk schlugen in einer gewaltigen Wolke, mit Flammen untermischt, nach allen Seiten. — Die Folgen der Explosion waren furchtbare. Nur wenige Fensterscheiben im Orte waren ganz geblieben. Die öden, von Menschen verlassenen Straßen waren mit Glas⸗ scherben, Fenstertrümmern und sonstigen, durch die Explosion hingeschleuderten Gegenstäuden bedeckt. Je näher man dem Ort des Unglücks kam, desto intensiver zeigte sich die Verheerung. Ganze Mauern waren umgeworfen, Lattenzäune durch den Druck der Luft fortgeschleudert, Sand⸗ steinmauern dicht über dem Boden umgebrochen, Wellblechhallen waren teils umgeworfen, teils ihrer Dächer beraubt. Schornsteine sperrten die Straße. Es sah aus, als ob Griesheim wochenlang mit Granaten beschossen worden wäre.— Aber auch in dem über dem Main liegenden, ziemlich entfernten Schwanheim war die Wirkung fast ebenso schlimm, als in Griesheim selbst. Große Eisenteile und schwere Steine wurden kilometerweit geschleudert. Durch glühende Eisenstücke wurden denn auch in Schwanheim drei Scheuera und der Wald in Brand gesetzt. * 2* Die Flucht aus Griesheim. Von der Fabrikleitung war an die Bewohnerschaft die Warnung ergangen, sofort den Ort zu verlassen, da mög i herweise noch mehr Explostonen ein⸗ treten köunten. Jufolgedessen flüchteten die Bewohner zu Tausenden ins Freie. Auf dem nahen Exerzierplatze spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Weiber und Kinder hatten ihre arme Habe ins Freie getragen, mit Kühen, Ziegen, auch Pferden und anderen Habselig⸗ keiten hockten die Aermsten auf freiem Felde und schauten voll banger Angst nach den mäch⸗ tigen Rauchsäulen da drüben. Sie erwarteten jeden Augenblick furchtbare neue Katastrophen. Zum Glück wurde das Furchtbarste abgewendet. Der Wind blies zwar mächtig, aber er trieb die Flammen nach dem Main zu und von den Behältern mit den gefährlichen Stoffen weg. Polizei und Militär hatten den ganzen Ort besetzt und Niemand durfte die Straßen betreten. Die Fuhrwerke mußten Halt machen und um⸗ kehren, und selbst der Presse war es fast un⸗ möglich, die Postenkette zu durchdringen.— Die Fliehenden begaben sich meist nach Frank⸗ furt, wo sie Schutz und Hilfe fanden. Ueber die Zahl der Opfer läßt sich absolut Genaues noch nicht angeben. Zwölf wurden am Montag unter Beteiligung von Tausenden Leidtragender beerdigt. Der getötete Chemiker Dr. Jakobi— einer der beliebtesten Vorgesetzten— wurde in Bockenheim beerdigt. — Weiter verstarben im Höchster Krankenhause 2 Verunglückte. Im Ganzen rechnet man bis jetzt 23 Tote; unser Frankfurter Parteiorgan glaubt auf Grund weiterer Mitteilungen, daß die Gesamtzahl 31 betragen könne. * * Für die Verstümmelten und die Hinter⸗ bliebenen der Toten wird hoffentlich ausreichend gesorgt werden. Es wurde gemeldet, daß die Gesellschaft„nur“ 5 statt sechzehn Prozent Dividende verteilen wolle, um das überbleibende Geld für Unterstützung der Opfer zu verwenden. Außerdem greift die öffentliche Wohlthätigkeit ein. a Pon Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. — Sießener Angelegenheiten. Zur Maifeier! Auf das am Sonntag stattfindende Wald⸗ fest machen wir nochmals aufmerksam. Um es zu einem rechten Volks⸗ und Arbeiterfeste zu gestalten, müssen wir für zahlreiche Be⸗ teiligung sorgen. Agitiere deshalb ein jeder fleißig in seinen Freundes- und Bekanntenkreisen! Ferner richten wir an alle Freunde die Bitte, die Komiteemitglieder zu unterstützen und, wenn es etwa 0 sollte, helfend mit eingreifen zu wollen. Muß das Fest wegen ungünstiger Witterung verschoben werden, erfolgen Sonntag Vormittag entsprechende Bekanntmachungen. Die Maifeier hat auch in diesem Jahre, nach den bisher vorliegenden Nachrichten wie derum unter größerer Beteiligung als im Vorjahre statt⸗ gefunden. Schon am vorigen Sonntage wur⸗ den entsprechende Versammlungen— um zu⸗ nächst von unserer näheren Umgebung zu reden— in Wieseck und in Heuchelheim abgehalten. Beide waren gut besucht. In ersterem Orte fand das klare und überzeugende Referat des Genossen Krumm allgemeinen Beifall. Nach dem Vortrag trug der erst kürzlich gegründete Arbeitergesangverein einige Lieder vor; abends wurde die Feier bei Musik und Vorträgen fort⸗ gesetzt. Auch in Heuchelheim fanden die Aus⸗ führungen Orbig's, der dort die Bedeutung des Tages auseinandersetzte, lebhafteste Zu⸗ stimmung. Die weiter unten abgedruckte Reso⸗ lution fand einstimmige Annahme. Das Fest⸗ Lokal war hübsch dekoriert.— Zur Versamm⸗ lung in Gießen hatten sich am Mittwoch Abend im Orbig'schen Lokale zwar eine ganz respektable Anzahl Genossen eingefunden, aber bet solchen Gelegenheiten müßte sich das Lokal als viel zu klein erweisen. Hier schilderte Genosse Vetters die Schäden, die die lange Arbeitszeit, übermäßige Anstrengung und schlechte Ernährung der Arbeiter für die Gesamtheit hervorruft und wies an Beispielen die Durch⸗ führbarkeit des Achtstundentages schon unter den heutigen Verhältnissen nach. Wie notwendig wirksamerer Arbeiterschutz sei, bewiesen die zahlreichen Bergwerkskatastrophen und jetzt wieder das Griesheimer Unglück. Nach dieser Richtung hin müsse mehr gethan werden; nicht viele Millionen Mark für Zerstörung, für Hunnenzüge verpulvert! Hierauf ergriff ein Chemiker, Herr Weber, das Wort, um sich eingehender mit der Griesheimer Explosion zu beschäftigen. Seine fachmännischen, ganz interessanten Ausführungen gingen dahin, daß zwar in der Fabrik alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, doch dürften auch nach seiner Ansicht Fabriken dieser Art nicht in der Nähe menschlicher Wohnungen liegen. Weitere Dis⸗ kussion fand nicht statt. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme: Angesichts der fortschreitenden Entwickelung der kapitalistischen Produktion, der Vervollkommnung der Technik und der dadurch hervorgerufenen erhöhten Aus⸗ beutung der Arbeiter, erklärt die Versammlung aufs Neue die Einführung eines für alle Kulturländer gesetz⸗ lich festzulegenden Normalarbeitstages von 8 Stunden für dringend notwendig im Interesse der Erhaltung der Arbeiterklasse und der kulturellen Weiterentwickelung der Menschheit.— Der Achtstundentag ist in allen wirt⸗ schaftlich entwickelten Ländern schon heute ohne Schädigung der allgemeinen Interessen durchführbar; seine gesetzliche Einführung mit allen Kräften anzustreben, muß eine Hauptaufgabe der internationalen Arbeiterbewegung sein. Die Anwesenden erklären ferner ihre Zustimmung zu den Beschlüssen des Internationalen Arbeiterkongresses zu Paris und geloben im Verein mit den Arbeitern aller Ländern für alle Klassenforderungen der Arbeiter⸗ schast eintreten zu wollen. Die Versammlung protestiert deshalb gegen die Zer⸗ tretung der Kultur durch die Kriegsgreuel in Südafrika und China, gegen Unterdrückung und Ausbeutung überall! Die Versammlung tritt ein für Freiheit der Arbeit, den Völkerfrieden und die Einigkeit und Solidarität der Arbeit aller Länder. Brüderlichen Gruß allen heute in gleichem Sinne ver⸗ sammelten Klassengenossen der ganzen Welt! Ferner waren am Abend des 1. Mat in Lollar im Weinrich'schen Lokale die dortigen Genossen ziemlich zahlreich versammelt, um die Gedanken der Maifeier zum Ausdruck zu bringen. Hier sprach ebenfalls Genosse Orbig. Auch die Lollarer Arbeiter machten obige Resoltution zu der ihrigen.— In Friedberg war die Beteiligung sehr stark. Mit Begeisterung wurden die Ausführung des Genossen Rep p aufgenommen. Gemütliche Unterhaltung schloß sich dem Referate an. Jun Watzenborn⸗Steinberg, Trohe, Altenbuseck, Daubringen, Rodheim und anderen Orten finden erst am Soantag Feiern statt. — Frankfurt hatte vormittags fünf, abends sechs Versammlungen, die sämtlich sehr stark besucht waren. Es feierten mehr Arbeiter als in früheren Jahren; die Straßen der Arbeiterviertel zeigten sonntägliches Aus⸗ sehen.— Großartig verlief der Festzug in Offenbach; er dehnte sich auf eine mehr als halbstündige Wegstrecke aus. Auch Sturt⸗ gart und Hamburg hatten imposante Fest⸗ züge. In Berlin und seiner näheren Um⸗ gebung tagten am Mittwoch über sechzig Versammlungen! Von Karlsruhe, Köln, München, kurz, von allen Großstädten wird starte Beteiligung gemeldet, ebenso vom Aus⸗ lande.— Maßregelungen von Seiten des Unternehmertums sind in Berlin, Leipzig und anderen Städten vorgekommen. — Herrn Gewerbeinspektor Engeln ist vom I. Mai ab die Gewerbeinspektion Worms übertragen worden. An seine Stelle tritt der bisherige Assistent bei der Darmstädter Gewerbe⸗ inspektion Hr. Dr. Gerhardt. Herr Engeln hatte sich hier durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen das Zutrauen der Arbeiter in hohem Maße erworben. ö — Der Geschäftspolitiker in den „Gießener Neust. Nachr.“ fühlt sich fortgesetzt berufen, als„unparteiischer“ Hecht uns faule sozialdemokratische Karpfen durcheinander zu jagen. Die Versuche fallen aber selbstverständ⸗ lich trotz eines ziemlichen Aufwandes von Witzchen und Mätzchen kläglich aus. Der Hecht gehört zur Familie Plumphecht, sondern mel Blätter, irren, au scmählie wird 10 eschafs. 9 0-0 Abend be den Kele kommen, 0 1 erfolgte im Gesie berbraun Gashahn Gas her halb kur Unglück 1 recht er berg bo Herr K sch fel schieden hat er anläßl ein Lob zeit eit ließ u. 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Bekanntlich schoben bürgerliche Blätter die ganze Schuld an dem Aerztestreik der Sozialdemokratie zu, die den Kampf gegen die Aerzte hervorgerufen habe und ihn führe. Nun steht aber fest, daß die Führer auf Seiten des Kassenvor⸗ standes— in diesem Falle kommt es sehr auf die Führer an— keine Sozialdemokraten, sondern konservative c. Kommerzienräte, unzweifelhafte„Ordnungsleute“ waren. Jene Blätter, das Gießener war, wenn wir nicht irren, auch dabei, hatten also wieder einmal schmählich gelogen. Und diese Thatsache wird durch keine Verdrehungskunst aus der Welt geschafft. Aus dem Kreise Friedberg. o- Friedberg. Vergangenen Sonntag Abend begab sich der Wirt Hertel dahier in den Keller, um Bier anzustecken. Unten ange⸗ kommen, zündete er ein Streichholz an, um Licht zu machen und in demselben Moment erfolgte eine Explosion, wobei sich Genannter im Gesicht und auch sonst am Körper stark verbrannte. Man hatte vorher übersehen, den Gashahn zuzumachen und war dadurch das Gas herausgeströmt. Da Herr Hertel inner⸗ halb kurzer Zeit verschiedentlich in der Familie Unglück hatte, wird er allgemein bedauert. 1. Kratzige Geschichten. Es sind ja recht erbauliche Dinge, die man sich in Fried⸗ berg von dem Kirchenbaumeister Kratz erzählt. Herr Kratz ist einer von denen, die es verstehen, sich selbst zu beweihräuchern. In die ver⸗ schiedensten Kirchenblätter und sonstige Zeitungen hat er Artikel gebracht, in denen er sich selbst anläßlich der Renovierung unserer Stadtkirche ein Loblied singt. Er war es auch, der seiner⸗ zeit eine Anzahl Steinmetzen kurzer Hand ent⸗ ließ und dann, als man an höherer Stelle Neigung zeigte, sie weiter zu beschäftigen, es durchsetzte, daß sie abziehen mußten. Heute muß sich derselbe Herr von den Lehrbuben sagen lassen: In vierzehn Tagen kannst Du gehen. Seit Jahren verfolgt er schon ihm unterstellte Arbeiter mit Angriffen, die wir hier nicht näher bezeichnen wollen, ohne daß es bisher in die Oeffentlichkeit gedrungen wäre. Jetzt, wo sich nichts mehr verheimlichen läßt, jetzt häufen sich die Anklagen derartig, daß man sich nur wundern muß, daß es sich so lange vertuschen ließ. Unbegreiflich ist es aber, daß, nachdem schon die ganze Stadt davon redet, dieser saubere Patron, bis heute, wo wir dies schreiben, noch immer seinen Dienst an der Kirche weiter versieht. Hat vielleicht die Aufsichtsbehörde keine Kenntnis davon? Das möchten wir doch sehr bezweifeln. Aus Wetzlar. —h. Unglücksfall. Vorigen Samstag verunglückte ein 18—19 jähriges Mädchen in der Druckerei des„Wetzlarer Anzeiger“ dadurch, daß es beim Putzen der Maschine mit der rechten Hand in die Räder geriet. Dabei wurden ihr dret Finger zerquetscht resp. abgerissen. Die Verunglückte brachte man in die Gießener Klinik. Schutzvorrichtung soll wohl vorhanden sein, doch wäre sie nicht an⸗ ebracht gewesen. Vom Geschäft wird der aschinenmeister als der Schuldige bezeichnet; er soll in der Aufsicht lässig gewesen sein. Nach den an uns gelangten Mitteilungen muß sich die Maschine während des Putzens im Gange befunden haben, was absolut unzulä ssig ist.— Für das arme Mädchen, das bei dem Riesenlohn von 6 Mk. sicher keine Erspar nisse zurücklegen konnte, wird hoffentlich die als sehr vermögend und auch nobel geltende Firma ausreichend sorgen, verhilft ihr we nigstens zu einer anständigen Rente. h. Schlecht organisiert sind in Wetzlar neben vielen anderen Berufen auch die Buch⸗ drucker. Die Folgen davon bleiben nicht aus. So ließ die Druckerei Imgart(Wetzl. Nach⸗ richten) einen jungen Buchdrucker aus Leipzig kommen, dem sie 18 Mk. Lohn pro Woche versprach, aber nach 8 Tagen erklärte nur 15 eben zu können. Der einzelne Arbeiter hat mmer den Schaden, wenn er nicht in der Organisatton sich befindet. Eine Ersatzwahl zum hessischen Landtage sand im Kreise Höchst i. O. statt. Der Bau⸗ assistent Georg Häusel(natlbr.) zin Michel⸗ stadt wurde einstimmig wiedergewählt. Von den beiden antisemitischen Schwindlern Kreutz und Krüdecke(siehe Nr. 16 unseres Pen hat das Offenbacher Antisemitenblatt seinen Lesern kein Sterbens wörtchen er— zählt. Wenn es ja einmal vorkommt,— was ja glücklicherweise bei unserer Partei trotz ihren zahlreichen Anhänger sehr selten geschieht— daß irgend ein Vertrauensmann unserer Partei oder ein Gewerkschaftskassterer einige Mark veruntreut, wie schnell sind die teutschen Brüder darüber her und verkünden es der Welt mit großem Geschrei! Wir verurteilen natürlich solche Dinge flets; entschuldigen und verteidigen ste nicht, verheimlichen sie nicht, auch wenn sie unsere Partei angehen. Bei den Antisemiten ist aber in allen Wipfeln Ruh', wenn viel schlimmere Sachen bei ihnen vorkommen. Die wahrheitsliebenden Autisemiten. Wegen unseres durchaus wahrheitsgemäßen Berichtes über die antisemitische Versammlung in Hungen werden wir in dem Blatte des Herrn Hirschel in der bei den Antisemiten üb⸗ lichen und gewohnten Weise angepöbelt und uns Un wahrheit, Verleumdung ꝛc. vorgeworfen. Wir hätten nicht das Geringste dagegen einzuwenden, wenn die Leute wirklich etwas zu berichtigen hätten, erklärteu, daß diese oder jene Aus⸗ führung in der Versammlung in einem anderen Sinne gemeint sei, anders verstanden sein wolle. Da hätten wir einfach davon Notiz genommen und die Sache war erledigt. Durch Ver⸗ drehungskunststückchen lassen wir uns aber nicht täuschen und rüpelhafte Schim pfereien können wir nicht als Beweise anerkennen. That⸗ sache ist, daß Herr Hirschel sagte, verständige Arbeiter hätten gegen die Eryöhung der Ge⸗ treidezölle nichts einzuwenden; was im Verein mit den Kommerzienräten über Brodwucher schreie, sei der Abschaum der Bevölkerung. Was will er dagegen nach seinem Blatte gesagt haben? Er bestreitet zunächst wieder, die städtischen Arbeiter als Abschaum der Groß⸗ städte bezeichnet zu haben, er habe erklärt: „mit den Arbeitern wäre in der Getreidezoll⸗ frage eine Verständigung zu erzielen, aber die Großkapitalisten wiegelten mit Hilfe der Sozial⸗ demokraten den Abschaum und Hefensatz der Großstädte auf, sodaß eine Verständigung vor⸗ erst nicht möglich sei.“ Uns zuzumuten, der⸗ artige Taschenspielereien ernst zu nehmen, das ist beinahe unverfroren. Was man unter dem „Abschaum der Großstädte“ verstehen kann und muß, das kümmert sich nicht um Poli⸗ tik, beteiligt sich nicht am Kampfe gegen den Brotwucher; es bildet keine Macht, hat keinen Einfluß. Es ist doch eben die sozialdemokrattsche und zum größten Teil auch die noch anders⸗ denkende Arbeiterschaft, die gegen die Zölle Protest erhebt. Und wenn Hirschel diese nicht verdächtigen wollte, so mußte er die Kreise gen auer bezeichnen, die er mit jenem beleidigenden Ausdruck treffen wollte. Ebenso verhält es sich mit der Aeußerung „Lumpenzeug.“ Hirschel will da nach seinem Blatte gesagt haben, indem er sich gegen den Vorschlag Dr. Davids gewandt habe, daß auch den Nichthessen das Wahlrecht gegeben werden solle,„das gäbe schöne Zustände, wenn Leute, die heute hier und morgen dort ihren Wohn⸗ sitz hätten, mithin gar kein Interesse an dem Gedeihen Hessens hätten, wenn Polacken, Stromer und sonstiges Lum penzeug, das sich gerade einmal in Hessen aufhielten, sofort zum Landtage wählen könnten.“ Daraus könne man nicht folgern, daß Arbeiter gemeint seien! Lächerlich! Laufen denn soviel Stromer, Polacken ꝛc. in Hessen herum, daß sie selbst bei ihrer Wahlbeteiligung merklichen Einfluß ausüben könnten? Hirschel kann sich deshalb nur auf die aus nichthessischen Landesteilen zuziehenden Arbeiter bezogen haben. Daß die Herren Antisemiten den Arveitern das Wahl⸗ recht abschneiden wollen, ging ja auch aus einem Artikel hervor, der vor nicht langer Zeit in der „Volkswacht“ erschien. Wenn das Blatt sich erdreistet, von Verleumdung zu reden, so ist diese nur auf seiner Seite zu suchen. Hirschels Angriffe auf die Arbeiterschaft sind von derselben Qualität, Gewissenlosigkeit, wie seine Behauptung, daß Offenbacher Fa⸗ brikanten die Sozialdemokratie unterstützten, wofür er nicht den ger ingsten Beweis zu er⸗ bringen vermag. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 2 Mai 1901. — Maifeier. Unter zahlreicher Beteiligung der Genossen von hier und Umgegend, fand am Mittwoch, den 1. Mai, abends im Lokale von D. Jesberg die offizielle Maifeier statt, bei welcher Stadtverordneter Krumm⸗ Gießen die Festrede über die Bedeutung des 1. Mai hielt. Als der Referent eben seine Rede beginnen wollte, kam der überwachende Beamte auf die merkwürdige Idee, die Ent⸗ fernung der Frauen zu verlangen. Genosse Krumm mußte ihn erst auf die gesetzlichen Be⸗ stimmungen aufmerksam machen, die nirgendwo die Anwesenheit der Frauen bei öffentlichen Versammlungen untersagen. Nach diesem Zwischenfall konnte der Referent in seinem Vortrage fortfahren. Seine begeisternden Aus⸗ führnngen fanden fürmischen Beifall. Dem in der Gießener Resolution zum Ausdruck gebrachten Proteste gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Hunnentum schloß sich die Versammlung ein⸗ stimmig an.— Am Sonntag, den 5. Mai, findet in deuselben Lokale noch eine Familienfeier statt, welche voraussichtlich einen recht gemütlichen Verlauf nehmen dürfte. Da außer Konzert der Kapelle Pauli auch der A.⸗G.⸗V.„Ein⸗ tracht“ seine Mitwirkung zugesagt hat, so wird es hoffentlich auch bei dieser Veranstaltung an einem zahlreichen Besuche nicht fehlen. — Gewerkschaftliches. Samstag Abend, den 4. d. M., findet im Lokale von D. Jes⸗ berg eine öffentliche Metallarbeiter⸗Ver⸗ sammlung statt, zu welcher Koll. Marter⸗ steig aus Offenbach das Referat übernommen hat.— Sonntag Nachmittag, den 5. d. M., findet im Geißler'schen Saale eine öffentliche Versammlung aller Bauarbeiter von hier und der Umgegend statt, in welcher sehr wichtige Angelegenheiten derselben erledigt werden sollen. Es ist Pflicht eines jeden Bauarbeiters sowohl wie der Metallarbeiter, die es mit der Ver⸗ besserung ihrer Lebenslage ernst meinen, diese Versammlungen zu besuchen.— Der hiesige Bezirksverein des Verbandes der Deutschen Buchdrucker unternimmt am Sonntag, den 12. Mai, einen Ausflug nach dem romantisch gelegenen Bergstädtchen Biedenkopf. Dort⸗ selbst findet nachmittags die zweite Bezirks⸗ versammlung statt, zu welcher auch die Bieden⸗ köpfer Buchdrucker(speziell die Nichtverbändler) eingeladen werden. Hoffentlich gelingt es dies⸗ mal, dieselben zum Beitritt in die Buchdrucker⸗ Organisation zu bewegen. — Zwangsin nung. Eine Anzahl hie⸗ siger Konditoren und Pfefferküchler hat beim Regierungspräsidenten in Kassel die Gründung einer Zwangsinnung beantragt. —— Kleine Mitteilungen. ** Ein Großfeuer zerstörte am vorigen Freitag in Windecken ein Wohnhaus und fünf Nebengebäude. Zwei Jungen sollen durch Spielen mit Streichhölzern das Feuer hervor⸗ gerufen haben. * Bergmannsloos. Durch eine Ex⸗ plosion verunglückten auf der Grube Nord⸗ stern bei Aachen 13 Bergarbeiter. Sieben davon sind bereits gestorben; weitere 3 werden kaum zu retten sein. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 4. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. — Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 18. Unterhaltungs-Ceil. ———ů— Den Frauen. Den Frauen heut ein Frühlingsgruß! Euch allen, die in harten Mühen In Schmerz und Schweiß das Dasein schleppt, Euch sollen Maienrosen blühen! Greift lachend in die rote Pracht: Ein Morgen glüht, den keine Wolke In schwarze Schatten hüllen wird, Ein Festtagsmorgen allem Volke! Den Frauen heut ein Maiengruß! Ihr tragt die Zukunft unter'm Herzen, Ihr säugt die Freiheit an der Brust,— Das ist ein heilig Recht der Schmerzen: Das ist ein göttlich Frauenrecht, Das haltet fest mit starkem Wollen. Und Eure rote Blume blüht, Wenn rings umher die Wetter grollen. Euch Frauen heut ein Festtagsgruß! Denn Ihr vor allen seid berufen, Daß Ihr die Menschheit beten lehrt Fromm an der Freiheit Altarstufen, Daß Ihr dem beutegierigen Speer Die Spitze brecht mit reinen Bänden: Nicht Eurer Kinder rotes Blut,— Der Liebe Rosen sollt Ihr spenden! Und ob Ihr wohnt am Seinestrand, An Skandinaviens Felsenthoren, Ob Londons Nebel Euch umspinnt, Ob Rußlands Steppe Euch geboren, Ob Euch Italiens Sonne scheint, Ob Euch Germaniens Eichenstärke Die Muskeln spannt: ich rufe Euch Zu einem großen Maienwerke! Den Haß, der die Nationen trennt, Soll Eure Ciebe überwinden, Wenn schwesterlich die Hände sich Zum letzten, großen Kampfe finden. Des Sturmjahrhunderts Morgenschein Soll Eurer Rechte Sieg verklären: Erst müßt Ihre freie Menschen sein, Um freie Menschen zu gebären! Dann wird nicht mehr die harte Not Des Mädchens Wange rauh entfärben, Dann wird nicht mehr in Sklavenfrohn Des Weibes Seele dürstend sterben,— Die Sehnsucht, dir ihr Sein durchflammt, Wird der Erfüllung Blüte treiben: Am Uind, das sie geboren hat, Wird ihr das Recht der Mutter bleiben! Aus märchenblauen Seiten klingt Ein Segenswort: Den Fluch des Bösen, Der auf das Haupt der Menschheit fiel, Wird einst die Hand des Weibes lösen. Aus Lügenschlamm und Gassenstaub Wird sie den Schatz der Wahrheit heben Und segnend ihn als Hort des Rechts Den kommenden Geschlechtern geben. Den Frauen heut ein Segensgruß! Aus alter Kindermärchen Alarheit Lacht hell in all den Sonnerglanz Das heilige Angesicht der Wahrheit. Kein Traumglück mehr, kein Sehnsuchtlaut: Es gilt den Kampf! Auch Such, den Frauen— Und Eure Kinder werdet Ihr Der Freiheit Maitag feiern schauen! Clara Müller in der„Gleichheit“. Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. 3(Fortsetzung.) II. Am folgenden Morgen hatte Berthold Helder einen benommenen Kopf. Nicht die von allerlei Dünsten und Gerüchen verderbte Luft auf der Herberge trug allein die Schuld daran. Mehr der Anblick so manchen vergebens Arbeit suchen⸗ den Elends, das von den Landstraßen hier zusammengeflossen war. Er kannte dieses Elend nur zu gut aus seinen Wanderjahren und wußte auch, daß ein großer Teil dieses Elends seine Wurzeln in den harten Zunftgesetzen hatte, welche einerseits, um die Konkurrenz unter den Meistern selbst zu verhindern, diesen vorschrieben, mit wie viel Gesellen und Lehrlingen jeder in seinem Handwerk arbeiten durfte; andererseits es den Gesellen nach Möglichkeit erschwerten, das Meis⸗ terrecht zu erwerben. In der erhöhten Stim⸗ mung, in der Berthold das Haus des Färbers verlassen hatte, fiel ihm das harte Los seiner Mitgesellen schwerer als sonst auf das Herz und er grübelte auf seiner Lagerstätte lange darüber, wie den Uebelständen abgeholfen werden könnte. Nachdem er sich am nächsten Morgen gründ⸗ lich gesäubert hatte, begab er sich zuvörderst zu seinem Vormund. Die frische Luft that ihm wohl und führte ihm das Bild Trudens wieder vor die Seele. Das schreckliche Schicksal seines Jugendfreundes verstärkte sein Gefühl für dessen Schwester und er setzte sein Herz gleichsam zum Erben des unglücklichen Leo ein. Sein Vor⸗ mund, der Rendant an dem städtischen Akzise⸗ amt war, empfing ihn, als ob er ihn nur gestern zum letzten Male gesehen hätte. Herr Elias Hungerbühler war nur noch eine Rechenmaschine und das einzige Lebende an ihm seine Neigung zum Schnupftabak, dessen braune Körner denn auch reichlich das aus der Schooßweste ich blähende Jabot bestreuten. Er hatte die Hinterlassen⸗ schaft von Berthold's Eltern mit Genehmigung des Vormundschaftsgerichts verkauft, um Bert⸗ hold's Erziehung, Kleidung, Lehrgeld usw. bestrei⸗ len zu können, und das Ergebnis war, daß sein Mündel nach Abzug der Unkosten und Auslagen und Zuschlag der inzwischen angelaufenen Zinsen noch 52 Thaler 13 Silbergroschen 8 Pfennige gut hatte. Das„tintenklexende Säkulum“, wie Schiller das achtzehnte Jahrhundert genannt, hatte über die Führung der Vormundschaft ein dickleibiges Aktenheft entstehen lassen; das schleppte Herr Elias Hungerbühler herbei, um daraus Alles und Jedes bis auf Heller und Pfennig zu belegen. Berthold schob es lachend bei Seite und brachte sich bei seinem Vormunde in den Geruch des grenzenlosen Leichtsinns, weil er ihm auf's Wort glaubte und ohne Weiteres die Generalquittung unterzeichnete. Merkwürdig war es, wie nachdenklich er mit dem Gelde in seiner Tasche seiner Wege ging, und wie nachdenklich er zu den bewalde⸗ ten Höhen hinüberschaute, in deren Tannengrün das welkende Laub der Birken wie goldene Flämmchen leuchtete. Seine Geschäfte in Mühl⸗ haufen waren abgethm. Es geschah daher wohl, um von den Gräbern seiner Eltern auf dem Friedhof von St. Nikolaus Abschied zu nehmen, weshalb er Nachmittags in die Vorstabt hinausging. Trude stand just hinter ihren Blumen am Fenster und der Schelm blitzte aus ihren Augen, als er sie grüßte und— nicht vorbeiging, sondern in das Haus kam. Zu ihrer Verwunderung aber klopfte er nicht an die Stubenthür. Nein, er ging gerade aus durch den Flur auf den Hof, wo der Meister mit einem Gesellen und einem Lehrling beschäf⸗ tigt war, frisch aus der Färbe gekommene Tuche guirlandenartig an den Trockenstangen aufzuhängen.„Kommst die Jause nachholen?“ scherzte Meister Weigand.„Ist recht.“ Bert⸗ hold versetzte jedoch, indem er rot wurde:„So ausverschämt bin ich nicht. Ich wollte was mit dem Meister reden.“„Ja, dann mußt Du schon noch eine Weile warten. Geh' in die Stube!“ Berthold lehnte diese Aufforderung ab. Während einiger Minuten sah er der Arbeit zu, dann hielt er Umschau auf dem Hofe, der sich bis an das Ufer der Unstrut erstreckte. An den beiden Zäunen, die ihn von den Nachbar⸗ grundstücken trennten, zogen sich an der einen Seite Fliederbüsche entlang, auf der anderen Seite stand eine von Geißblatt umsponnene Laube; die Mitte nahm ein Bleichplatz ein. Ein mit Ketten am Ufer befestigtes Floß schwamm auf dem Wasser.„Ein Staatskerl“, sagte der Meister zu sich selbst mit einem wohl⸗ gesälligen Nachblick auf des jungen Schlossers ebenmäßige, muskulöse Gestalt, die heute nicht der leinene Wanderkittel verhüllte. Weigand fand ihn später am Flusse, auf dem die Nach⸗ mittagssonne flimmerte und glitzerte. Er hätte eine große Bitte an ihn, begann Berthold und erzählte, daß er am Morgen sein Erbe ausge⸗ zahlt erhalten hätte: der Meister möchte ihm das Geld aufheben, da er nicht wüßte, wo und wie er es sicher verwahren könnte. Der Meister war dazu bereit.„Aber Du wolltest ja gleich wieder fort,“ setzte er hinzu.„Frei⸗ lich,“ gab Berthold mit einiger Verlegenheit zur Antwort;„aber bis zum Frühjahr bleib' ich wohl noch. Der Booß(der Herbergsvater) sagte mir, daß just ein Geselle von dem Schlosser⸗ meister Schönhauer seine Abkehr genommen hätte. Ich hab' mich gemeld't und heute Abend trag' ich meinen Ranzen hin.“—„Hast Recht gethan,“ lobte der Färber.„Ein rollender Stein setzt kein Moos an. Ist's viel?“ Berthold hatte die Summe aus seinen Ersparnissen auf sechzig Thaler abgerundet, die er Weigand in die Hand zählte.„Das langt, wenn Du Dir eines Tages das Meisterrecht kaufen willst,“ sprach dieser.„Jetzt komm' aber in's Haus! Muß Dir doch für's Leben und Sterben einen Empfangschein ausstellen.“ Er ging voran und Berthold folgte ihm mit einiger Befangenheit. Denn was mußte Trude von ihm denken, daß er schon so bald wieder⸗ kam? Was diese dachte, erfuhr er jedoch nicht. Er wurde von ihr und der Base wie ein alter Bekannter begrüßt und während der Meister mit schwerfälliger Hand den Schein ausstellte, sollte er berichten, wie es ihm auf der Herberge ergangen wäre und vor allen Dingen, was er geträumt hätte. Denn solche erste Träume erfüllten sich, versicherre Trude ernsthaft. Er hatte aber nichts geträumt und nun brach stie ein fröhliches Lachen aus. Es klang ihm wie die schönste Musik und er hatte noch öfters Gelegenheit, an derselben sich zu ergötzen, denn Trude war ein munteres Mädel und ihr Mutterwitz brachte auch den Ernst des jungen Gesellen mehr als einmal aus dem Gleich⸗ gewicht. Daß er einstweilen in Mühlhausen blieb, schien ihr gleichgültig zu sein, wie er mit innerer Betroffenheit in ihren Mienen las. Die Base, ein stillgeschäftiges Frauchen, nickte ihm zu und sagte:„Bleib' im Lande und nähre Dich redlich.“ N Er wollte jetzt gehen. Es gob jedoch ein Wort noch immer das andere, so daß er noch lange festgehalten wurde. Zuletzt, als er schon die Thürklinke in der Hand hatte, rief Trude ihm noch nach, indem sie ihren Zeigefinger scherzhaft warnend in die Höhe hob:„Und hüte Er sich vor der roten Gundel!“ Wer diese sei, weigerte sie zu sagen. Bert⸗ hold erfuhr es erst am nächsten Tage. Cs war die Tochter seines neuen Meisters und das einzige Kind, das diesem der Tod von mehreten gelassen hatte. keine Schönheit, und Gundel puderte deshalb das ihrige reichlich mit feinem Weizenmehl. Eine Schönheit konnte sie überhaupt nicht genannt werden. Sie war zudem etwas ver⸗ wachsen und die zarte weiße Haut ihres schmalen länglichen Gesichtes, wie solches bei Hoch⸗ blonden häufig ist, war von Sommersprossen übersprenkelt. Trotz dieser Mängel ihrer äußeren Erscheinung trug sie den Kopf sehr hoch und Berthold bedurfte nicht viel Zeit, um gewahr zu werden, daß ste in dem elterlichen Hause zwar nicht regierte, aber herrschte. Das Regi⸗ ment führte die Mutter, und Meister, Gesellen und Lehrling mußten nach ihrer Pfeife, tanzen. Es war eine Pfeife, die schrill durch das ganze Haus tönte. Berthold's Vorgänger hatte. wider den Stachel zu löcken gewagt und unwiderruf⸗ lich sein Bündel schnüren müssen, obgleich der Meister ihn gern behalten hätte. Meister Schönhauer war ein gutmütiger Mann und es half ihm daher seine massige Gestalt und herkulische Körperkraft nichts gegen den Willen seiner dürren Ehehälfte. Außer der Werkstatt hatte er nichts zu sagen. Der Harnisch seiner Frau hatte nur eine schwache Stelle. Das war ihre Liebe zu Gundel. Liebkosung standen ihr auch für diese nicht zu Gebot, aber nie bekam sie von ihr ein hartes Wort zu hören. Rotes Haar galt damals für; ö Die Tochter konnte von ihr Alles verlangen. was sie begehrte, ja sie brauchte nicht einmal darum zu bitten. Die Mutter sah ihr jeden Wunsch an den Augen ab. schaffte sie unermüdlich, versagte sich selbst, was — Um ihretwillen denon küte Abend »ast Rech rolle ele lber aus seinen under, de 0 lung, keisterrech komm abe Leben un! ellen.“ G um mt ußte Trude ld wieder; jedoch nicht de ein alter er Meiste 1 dusstelt, er Herberge te Träume sthaft. Ei u brach sie ig ihm wi noch öfter götzen, denn und ihr des jungen dem Gleich Mühlhausen „wie er mit u las. Die nickte ihm und näht jedoch eil aß er noc als er schos rief Trud Zeigefinge hob:„und 76 Tage. 05 hk. 5 ers und dal on mehrelel Nr. 18. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Im Oberhessischen Kleider-Bazar von H. Möller, Marburg. 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Herren⸗Gegeltuchschuhe für 3.50 Mark 1 extra schwere Lederhose, einfarbig und gestreift, oder: 1 Kinder⸗Auzug für 3—7 jähr., für 5 Mark 5 1 Mauns⸗Bartiu⸗Jackett Oder: 1 P. starke Herren⸗Zugstiefel oder: 1 P. eleg. Herreuhalbschuhe, sür 6 Mark 1 Paar Herreu⸗Zugstiefel mit Doppelsohlen oder: 1 hochelegaute gestreifte Kammgarn⸗Hose oder: Stoff zu einem Mauus⸗ Wasch⸗Anzug oder: Stoff zu einem leichten Cyeviot⸗Auzug, für 9 Mark 1 Herreu⸗Anzug in allen Größen und Farben, für 10 Mark 1 Sommer⸗Oavelock oder: Stoff zu einem feinem Cheviot⸗ Auzug(blau, schwarz, braun). Hochzeits⸗Auzüge. Versandt Hach außerhalb. Maunchester⸗ Hosen. Das Lager umfaßt stets über 1000 Auzüge u. 3000 Hosen. nicht durchaus notwendig war und sparte und geizte auf jede Art. Die Kost, welche auf den Tisch kam, war nicht nur mager, sondern die Frau Meisterin verfolgte auch mit mißgünstigen Augen jeden Bissen, den die beiden Gesellen und der Lehrling zum Munde führten. Die Tochter entschädigte sie heimlich durch Leckereien. (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Gegen die Brotwucherer! Ein nervöser Mensch.„Ich sage Ihnen, Aaitatio i erhö mein Mann ist so nervös, dabon machen Sie sich kaum der Wut adele bf ine kleine Schult zue einen 1797 0 a 815 der 19 571 Holz sägen sieht, dem Titel„die Brotwucherer“ erschienen 1 Juversichtlich 1(Sertaner, der vom die in flotten, satirischen Versen und Illu⸗ Ordinarius schon verschiedentlich Strafarbeiten erhielt, strattlonen das Treiben der Brotwucherer als 9 a audlure wird) N e e die auf 15 0 le 0 100 105 5 5 5 1 n 1085 wenn einma nister werd'— Du bist der e. Erste, den ich absäg'!“ trefflich geeignet ist. Das Schriftchen, das im Kasernenhofblüte. Feldwebel(in Tientsin): Verlage der Sozialistischen Monatshefte Berlin Was is denn mit Euch los— keinen einzigen Boxer erscheint, wird 10 Pfg. kosten. Es sei allen abgeschossen? Kerls, Ihr glaubt wohl, wir werden hier Partei⸗Organisationen bestens empfohlen. eine Maifeier mit Arbeitsruhe veranstalten? 2! 00 („Der Wahre Jacob. Hyperbel. Unteroffizier:„Na, Einjähriger, Sie lönnen sich uff Ihr restauriertes Gesichte ooch wat einbilden! Det sieht j'rade aus, wie ne Speisekarte, uff der Allens jestrichen is!“ Minister und Hofnarr.„Eure Witze sind fürtrefflich, lieber Minister, ich hätte Lust, Euch zu meinem Hofnarren zu machen.“—„Serenissimus wollen huldvollst davon abstehen, als solcher hätte ich ja die Pflicht, Serenissimo die Wahrheit zu sagen.“ 2 Malfeier in Glessen! Sonntag, den 5. Mai Großes Maifest im Gießener Stadtwalde, erste Schneise rechts. Hongerl, Gesa, Folks- t. Hindler spiele Bretael verteilung) 5 d%% o Tuns. Festrede des Genossen Stadtverord. E. Krumm. Eintritt 20 Pfg. Abmarsch Punkt 2 Uhr Licherstr. Bei ungünstiger Witterung findet das Fest 8 Tage später statt. 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Der Satz ist nicht so zu verstehen, daß Genossen, die wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und großer Armut einen Beitrag nicht zahlen können, als nicht zur Partei gehörig betrachtet werden. Das wäre ja bei einer Arbeiterpartei, wie sie die Soz'aldemokratie darstellt, ein un⸗ haltbarer Beschluß. Aber der Parteitag ist von der Ueberzeugung ausgegangen, daß ein engerer Zusammenschluß aller Sozialdemokraten erfor⸗ derlich ist, wenn wir auf unserer bisherigen Siegesbahn weiter schreiten wollen. Darum muß auch für die Partei eine festgefügte große Organisation geschaffen werden, die über regel⸗ mäßige Einnahmen verfügt. Durch den An⸗ schluß au diese erfüllt ein Genosse den er⸗ wähnten Parteitagsbeschluß. So wie die Zu⸗ gehörigkeit zu der Gewerkschaft für jeden verständigen Arbeiter selbstverständlich ist, muß jeder Parteigenosse Mitglied der Parteior— ganisation sein. Soll etwas erreicht werden zum Wohle der besitzlosen Klasse, so müssen unsere Parteivereine mehr Mitglieder aufweisen, als es bis jetzt der Fall ist. Die in unseren Wahlvereinen und Arbeiterbildungsvereinen erhobenen Mit⸗ gliederbeiträge sind so niedrig, daß Jedem der Beitritt ermöglicht ist. Tretet deshalb unge⸗ säumt unseren Parteivereinen bei! Wo solche noch nicht bestehen, müssen welche gegründet werden, wenn eine genügende Anzahl Partei⸗ genossen vorhanden ist. Der Urheber des Achtstundentages. Man schreibt der„Fkf. Ztg.“: Jetzt begeht man in allen Erdteilen den Arbeiter- feiertag am 1. Mai, da wird überall das Motto verkündet: acht Stunden nach eigener Wahl; aber nirgends fragt man, wo dieses Ideal entstanden, wer es zuerst vertreten habe. Solche neuen Ziele erhalten wir langsamen Europäer in der Regel aus den Kolonien. In der Hauptstadt von Neu-Seeland (Australische Inseln), in Wellington, findet man vor der städtischen Frei-⸗Bibliothek einen bescheidenen Trinkbrunnen und darüber eine fast unleserliche Tafel: diese aber ist von den Arbeitern Wellingtons dem Manne gewidmet, der für sie und Andere zuerst den achtstün⸗ digen Arbeitstag gefordert hat. Es war ein Zimmermann Samuel Duncan Par⸗ nell, aus London stammend. Er gehörte keinem Gewerkverein aa, sondern verlangte, nachdem er in Neu⸗Seeland eingewandert war, ganz aus sich heraus für sich und seine Kameraden den Achtstundentag. Im Februar und März 1840 riß er so viele seiner Genossen mit sich fort, daß von da an in den Bauge⸗ werken seine Forderung erfüllt wurde. Später wurde das Prinzip sogar von der Gesetzgebung seiner Kolonte anerkannt und Parnell erlebte auch noch, daß ein jährlicher Achtstundentag(Arbeiterfeiertag) als staatlicher Feiertag in Neu⸗Seeland anerkannt wurde. Er starb in Wellington im Jahre 1890 als Achtzigjähriger. Auf dem Festlande Australiens ist der Achtstundentag für die Bauhandwerker seit 1856 durchgeführt; dort feiert man den 23. April als„demonstration day“(Kund⸗ berichtet Kulemann in seinem großen Werke über die Gewerkschaftsbewegung. Arbeiterbewegung. Der Bäckerverband hat auf seiner Mainzer Generalversammlung u. A. beschlossen, an Stelle der seitherigen Monats⸗ beiträge Wochenbeiträge einzuführen und sollen für die Woche 30 Pfennig von jedem Mitgliede des Verbandes erhoben werden. Eine längere Diskusston veranlaßte die Frage der„Bäcker⸗ schutzgesetze und deren Durchführung“. Nach eingehender Beratung dieses Gegenstandes wurde eine Resolution angenommen, laut deren sich die Generalversammlung bezüglich der seitens der Regierung geplanten Umänderung des 12 stündigen Maximalarbeitstages(Bundesraths⸗ verordnung am 6. März 1896) in eine 8—9 stündige Minimalruhezeit für Aufrechterhaltung der Verordnung ausspricht. Ferner fordert die Resolution die gesetzliche Festlegung einer Arbeits⸗ zeit von 10 Stunden, Beseitigung der Nacht⸗ arbeit, einheitliche Regelung des 8 105e der Gewerbeordnung(betr. die Sonntagsarbeit im Bäckergewerbe). Unterstützung der Revisions⸗ beamten durch von Arbeitern gewählte Fachleute, Einschränkung der Sonntagsarbeit auf acht Stunden bilden weitere Forderungen der Reso⸗ lution, für deren Durchführung der Verband mit allen Mitteln eintreten wird.— Eine in schärfster Form abgefaßte Protestresolution gegen die Er⸗ höhung der Getreidezölle, sowie gegen alle in⸗ direklen Steuern auf Lebensmittel fand einstim⸗ mige Annahme. + Der Maur erstreik in Halle, der jetzt schon monatelang dauert, dürfte sich zu einem allgemeinen Bauhandwerker⸗Ausstand entwickeln. Den Zimmerern ist nämlich ein Abzug von 4 bis 5 Pf. pro Stunde vom Arbeitgeberbund zugemutet. Wahrscheinlich werden die Zimmerer diese Herausforderung nicht ruhig hinnehmen. Die Bau⸗Hilfs⸗ und Erdarbeiter beabsichtigen auf den Bauten, wo Streikbrecher beschäftigt sind, die Arbeit einzu⸗ stellen, um den Streikenden auf diese Art Un⸗ terstützung zu gewähren. Der Beschluß soll erst gefaßt werden, wenn der Hauptvorstand der Bau⸗ Hilfsarbeiter seine Zustimmung gegeben hat. + Der Töpferstreik in Erfurt ist zu Gunsten der Gehilfen beendet. Die aufgestellten Forderungen sind von den meisten Firmen voll erfüllt, von den anderen in den wesentlichsten Punkten anerkannt worden. 7 Die stärkste Gewerkschaft Deutsch⸗ lands, der Metallarbeiter⸗Verband, ver⸗ veröffentlichte seine Jahresabrechnung für 1900. Der Verband hat sich trotz der eingetretenen Wirtschaftskrise, die verschiedene Zweige der Metallindustrie hart betroffen hat, kräftig weiter⸗ entwickelt; er zählte am 31. Dezember 1900 100762 Mitglieder gegen 85013 des Vor⸗ jahres; die Zunahme beträgt also 15749.— Der Rechnungsabschluß für das Berichtsjahr balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 1578 379,23 Mk. Die hauptsächlichsten Posten sind: Einnahmen: Vermögensbestand am 31. Dezember 1899 385 148,31 Mk., Beitritts⸗ gelder 20 618,40 Mk., Beiträge 1145 683,80 Mk.; sonstige Einnahmen 24 147,26 Mk. Ausgaben: Agltation 36 140,85 Mk.,„Deutsche Metall⸗ arbeiter⸗Zeitung“ 78 329,80 Mk., Reisegeld 69 191,63 Mk., Ortsunterstützung 50 577,27 Mk., Streikunterstützung 335 675,56 Mk., Notfall⸗ unterstützung 31622,39 Mk., Rechtsschutz 5917,94 Mark ꝛc.— Auf Antrag des Vorstandes soll eine Einteilung der Mitgliedschasten in Ver⸗ waltungsbezirke(Gaue) nach Art der Buch— drucker und des Holzarbeiterverbaudes statt⸗ finden. 10 solcher Bezirke sollen geschaffen werden und an die Spitze eines jeden ein besoldeter Beamter gestellt werden. aufsicht. Das Regierungsblat veröffentlicht eine Ver⸗ ordnung über eine mit dem 1. Mai in Kraft tretende Neuregelung der Gewerbeaufsicht im Großherzogtum. Danach werden fünf Auf⸗ sichtsbezirke eingerichtet und zwar die Gewerbe⸗ inspektion Darmstadt für die Kreise Darmstadt, Groß Gerau, Bensheim und Heppenheim, die Gewerbeinspektion Offenbach für die Kreise Offen⸗ bach, Dieburg und Erbach, die Gewerbeinspek⸗ tion Gießen für die Provinz Oberhessen, die Gewerbeinspektion Mainz für die Kreise Mainz und Bingen, die Gewerbeinspektion Worms für die Kreise Worms, Oppenheim und Alzey. Für den Wahlkreis Offenbach⸗Dieburg hielten unsere Genossen am Sonntag in Ober⸗ roden Konferenz ab. Der Besuch derselben war zahlreicher als in früheren Jahren; 61 Dele⸗ gierte aus 32 Orten waren anwesend. Der Kassenbericht verzeichnet einschließlich des Kassen⸗ bestandes vom vorigen Jahre 4650.92 Mk. Ein⸗ nahme für 1900. Im gleichen Zeitraum betrug die Ausgabe 3716.22 Mk., sodaß ein Kassen⸗ bestand von 934.70 Mk. verbleibt. Unter den Ausgaben befinden sich die Kosten der Land⸗ tagswahl von 1899 mit 670 Mk.; außerdem wurden 500 Mk. an die Parteikasse nach Berlin und 1000 Mk. an das Landeskomitee abgeführt. Im weiteren Verlauf der Verhandlungen sprach Genosse Ulrich über den neuen hessischen Landtagswahlgesetzentwurf. Es wurde betont, daß unsererseits besonders gegen die Forderung der dreijährigen hessischen Staats angehörigkeit aufgetreten werden müsse. Der Landtagsfraktion wurde überlassen, je nach Lage der Sache ent⸗ giltig Stellung zu nehmen. Charakteristik eines Arbeitswilligen. Das„Volksblatt“ in Halle schreibt: Unter den hiesigen arbeitswilligen Maurern befindet sich einer, der vor ca. 7 Wochen seine Frau und zwei Kinder im Alter von 6 und 2 Jahren in Sporbitz bei Dresden verlassen hat. Während dieser Zeit hatte derselbe bis zum 21. April seiner Familie weiter nichts wie eine Ansichtspostkarte geschickt. In⸗ folgedessen hat die arme Frau die Miete nicht bezahlen können und sind ihr vom Hauswirt verschiedene Möbel einbehalten worden. Jetzt hat die Frau in Mügeln, Bezirk Dresden, Unterkunft bei Verwandten gefunden. In be⸗ wegten Worten schildert die arme Frau in einem an das Arbeitersekretariat gerichteten Schreiben ihre traurige Lage. Das Sekretariat hat dem betreffenden Arbeitswilligen einen Brief der Frau zugestellt und ihn daran erinnert, daß er als Familienvater gesetzlich verpflichtet sei, für Frau und Kinder zu sorgen. Dem Vorstand des Arbeitgeberbundes, Hildebrandt, ist seitens des Sekretariats ebenfalls ein Schreiben zugegangen, damit der Arbeitgeber des betr. Maurers diesen auf seine Pflichten als Familienvater aufmerksam machen kann. In dem Schreiben wurde betont, daß Herr Hildebrandt als Stadtverordneter sowie einzelne Maurermeister, die zugleich Armenpfle er seien, sehr gut beurteilen könnten, wie die Gemeinden durch die Handlungsweise eines solchen Jami⸗ lienvaters eventuell belastet würden.— Und solche Leute werden nach allen Regeln geschützt und verhätschelt und von der bürgerlichen Presse als die nützlichsten Elemente des Staates der Gesellschaft hingestellt. 0 Salomonische Weisheit. Vater:„... Und merk Der mein Sohn: wenn aner genug getrunken hat, verkaaf ihm kan' Branntwein mehr.“ Sohn:„Und wie waaß ich, wenn er genug ge— trunken hat? Vater:„Wenn er ka Geld mehr hat.“ Seite 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 18. 4 Das Möbel- Beklen⸗u l. Ausstattungs⸗Geschaft Werner empfiehlt sein reichhaltiges Lager einem verehrlichen hiesigen und auswärtigen Publikum bei eintretendem Bedarf zur gefälligen Benutzung. 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