1 Nr. 31. Gießen, Sonntag, den 4. August 1901. 8. Jahrg. . mzüg Rl. 1.—5 eine Pan Ar D dell. 2 8 ——— — — e e eee 31 9 1 t ee 4 9 5 Die Mitteldeutsche Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 2 * itteldeutsche 1 * wWenaftiuns fuß Donnerstag Nachmiitag Ur Abounementspreis: Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger freit ens Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellun gen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Erpedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)] 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt —— Bei mindestens — Der Hungertarif. In den letzten Tagen der vorigen Woche st nun endlich die Bekanntgabe des neuen Zolltarifs im Reichsanzeiger erfolgt. Es war nicht mehr möglich, ihn noch länger geheim zu halten, nachdem die wichtigsten Sätze vom Stuttgarter Beobachter mitgeteilt waren, die man durch die amtliche Veröffentlichung lediglich bestätigt sieht. Eingeleitet wird die Veröffentlichung mit dem Ausdruck des Bedauerns über die Indis⸗ kretion, durch welche ein Teil der Zollsätze be⸗ kannt geworden war. Wie weiter berichtet wird, soll gegen die ermittelten Schuldigen strafrechtlich vorgegangen werden. In diese Affaire ist auch der jüdische Arbeitgeber Böckels und Hirschels verwickelt. Wir können natürlich nicht auf alle Posi⸗ tionen des Tarifs eingehen, wir müssen uns vielmehr vorbehalten, die einzelnen Schönheiten der Lebensmittel wucher⸗Tabelle erst nach und nach zu beleuchten. Für jetzt seien deshalb nur die für die wichtigsten Lebensmittel ange⸗ setzten Sätze des neuen Tarifs im Vergleich zu den bisherigen Handelsvertragssätzen angeführt. Da heben wir zunächst folgende hervor: Getreidezölle. Satz Bisheriger mehr: Vertragszoll . 6.— 3.50 2.50 R 6.50 3.50 3.— 4. 2.— 2.— 66 3.60 2.40 Malz aus Gerste.. 6.25 3.60 2.65 Dabei ist gleichzeitig durch den Entwurf zum Zolltarif⸗Gesetz vorgesehen, daß die„Ver⸗ tragszölle auf Roggen nicht unter 5 Mk., auf Weizen nicht unter 5.50 Mk., auf Gerste nicht unter 3 Mk. und auf Hafer nicht unter 5 Mk. herabgesetzt werden sollen. Von den Vieh- und Fleischzöllen sowie den Zöllen auf sonstige Lebens⸗ und Genuß⸗ mittel erwähnen wir folgende unter Gegenüber— stellung der Sätze des bisherigen Vertragszolles: (Per Doppelzentner, wo nichts Näheres angegeben) Zoll Bisheriger des neuen deutscher Tarifs Vertrags⸗Zoll Mk. Mk. ine 10,00 1 5,00 13200 8 25.00 5,00 9 i Jung vieh(15,00 2500 h „ 20200 5 0,0 frei Fleisch, frisch u. gefroren 30,00 1 Fleisch, gepökelt. 35,00 1517 9000— 00 8 Federvieh, tot 30,00 12,00 r 9200 20700 ülsen früchte 4, 5 0 1 75. 14,00 Gemüse, getrocknet 10,00—. Weintrauben 15,00 4,00 Aepfel, verpackt 6,00 frei Birnen, verpackt. 6,00 frei Zoll Bisheriger des neuen deutscher Tarifs Vertrags⸗Zoll Mk. Mk. Südfrüchte 12,00 4,00 Duttmnrn 30,00 16,00 Schmalz 12,50— Margarine 12,0— Nie 3900 15,00 Eier 6,00 2,00 Ein Blick auf diese Tabelle zeigt, daß kein einziges der notwendigen Lebensmittel der Ver⸗ teuerung entgangen ist und daß gerade die billigsten verhältnismäßig am meisten belastet sind, der Aermste also den größten Teil der Zeche zu zahlen hat. So sollen auch Mehl, Graupen, Gries, Grütze, Teigwaren Gen gedörrte Aepfel und Birnen, Speise⸗ ohnen, Linsen, Erbsen und gedörrte Gemüse mit Zöllen neu belegt werden, oder die bestehenden sollen erhöht werden. Beim Kilogramm bedeuten diese neuen Sätze eine Verteuerung von 2— 6 Pfg., wenn Handels⸗ verträge zu Stande kommen, wenn nicht, so steigt die Verteuerung auf 2—8 Pfg.— Heringe, die bisher frei waren, zahlen 3 Mk. das Faß oder 2 Mk. der Doppelzentner; Salz 6 Mk. Ferner sollen grobe Schuhwaren statt 50 Mk. 85 Mk. bezahlen, die armen Teufel drückt der Schuh noch nicht genug! Auch das Licht des Armen muß daran glauben, der Petroleumzoll soll von 6 ank. auf 10 Mk. erhöht werden. Kurz, eine ganz unerhörte Verteuerung aller Lebensmittel und nötigsten Haushaltungsartikel! Und das bei zunehmender Arbeitslosigkeit in verschiedenen Industriezweigen! Gegen eine so volksverderbliche Politik, wie sie hier von der Regierung zu Gunsten einer Handvoll Raubritter eingeleitet wird, müssen wir mit Aufbietung aller Kräfte ankämpfen. Aufgabe der Sozialdemokratie muß es sein, das Volk vor dem drohenden Raubzuge zu schützen und den Streich der Junker abzuwehren. Noch hat der Entwurf den Reichstag zu passieren, noch ist er nicht Gesetz, verhüten wir, daß er es wird! Was haben wir zu thun? Agitieren! Eifrig und unablässig, wo wir gehen und stehen! Zu Hause, in der Werkstatt, im Gasthaus, auf der Straße! Flugblätter ver⸗ breiten! Petitionen uuterschreiben! Die auf⸗ klärende Arbeiterpresse verbreiten! Keine Ver⸗ sammlung versäumen, in der gegen den Schutz⸗ zollwucher protestiert werden soll! Indirekte Steuerlasten. Es ist leider im Volke noch viel zu wenig, oder fast gar nicht bekannt, welch' enorme Lasten dem arbeitenden Volke in der Form indirekter Steuern von der besitzenden Klasse aufgehalst werden. Wäre sich Jeder der Min⸗ derbemittelten darüber vollkommen klar, so dürften die bürgerlichen Parteien mit ihrer Agitation für Welt⸗, Flotten⸗, Zoll⸗ und Brot⸗ wucherpolitik noch bedeutend weniger Anklang finden, als das jetzt ohnehin schon der Fall ist. Wie aber dem„kleinen Mann“ durch das ohne daß er eigentlich recht merkt woher, zeigt eine Berechnung, die neulich im Vorwärts ver— öffentlicht wurde. Da heißt es: Bei den Berechnungen der Belastung durch indirekte Steuern wird allgemein, auch in den sozialdemokratischen Schriften, über diesen Gegen⸗ stand so verfahren, daß man die Reichsein⸗ nahmen an Zöllen und indirekten Steuern durch die Kopfzahl der Bevölkerung dividirt und auf diese Weise eine Kopfbelastung von 14½ Mk. für das Jahr erhält, das ist für eine fünfköpfige Familie eine Steuersumme von etwa 75 Mk. Das ist nun zwar schon eine riesige Summe, wenn man bedenkt, daß sie auch eine Arbeiterfamilie, die ein Einkommen von 800 Mk. hat, erschwingen muß. In Preußen wird erst ein Einkommen von 3600-3900 Mk. so hoch direkt versteuert, wie indirekt auch die ärmste Proletarierfamilie steuern muß. Indessen diese Annahme von einer Durch- schnittssumme indirekter Belastung in der Höhe von 75 Mk. jährlich ist durchaus falsch. Sie ist nämlich bet weitem zu niedrig, und man wird nicht fehlgehen, wenn man mit einer Ver⸗ doppelung der Summe, also der Annahme einer jährlichen Belastung von 130 Mk. für die fünfköpfige Familie, noch nicht die volle Höhe erreicht. Daß die gewöhnliche Rechnung viel zu niedrig ist, zeigt eine einfache Ueberlegung. Erstens sind in ihr nur die Reichs einnahmen an direkten Steuern enthalten. Es fehlen die ganzen indirekten Steuern in den deutschen Einzelstaaten und den Gemeinden. In den Einzelstaaten betragen die indirekten Steuern etwa 200 Millionen; für die Gemeinden können wir im Augenblick keine Berechnung geben. Wie hoch aber die Belastungssumme durch die bloße Hinzurechnung der indirekten Staats- und Gemeindesteuern steigt, das beweist eine Auf— stellung unseres Genossen Keil in der württem⸗ bergischen Kammer, der gelegentlich der Steuer— beratungen zu folgendem Resultat kam: An Reichssteuern werden auf indirektem Wege 14,5 Mk. pro Kopf erhoben; dazu kommen 7,5 Mk. pro Kopf für indirekte Landessteuern und die Oktroiabgaben, die sich in Stuttgart pro Kopf ca. 6 Mk. stellen. Unter Zugrundelegung dieser amtlichen Zahlen komme man für eine fünf⸗ köpfige Familie auf eine indirekte Steuer von 13483 Mk. Aber auch diese Zahl ist noch erheblich zu niedrig. Denn, wie leicht ersichtlich, beruht diese Durchschnittsberechnung lediglich auf den Einnahmen der Reichs-, Staats- und Gemeinde⸗ kassen an indirekten Abgaben. Nicht berücksichtigt werden dagegen die eigentlichen Schutz zoll⸗ wirkungen der indirekten Abgaben. Es wird ja nicht nur das eingeführte Getreide um den Zoll verteuert, sondern der gesamte einlän⸗ dische Konsum. Das Volk zahlt nicht nur an die Reichskasse seine Abgaben, sondern auch an die Produzenten. Für das Getreide ist diese allgemeine Verteuerung unschwer zu berechnen. In jener Durchschnittsberechnung ist das Getreide nur mit einem Fünftel des Verbrauchs, nämlich des Konsums an auslän⸗ dischem Getreide und damit auch der Steuer— belastung angesetzt. Ebenso steht es mit dem Fleisch, nur daß hier die Schätzung äußerst schwer ist, weil das Deutsche Reich bisher nicht heutige Steuersystem die Taschen geleert werden 1 die Neigung gehabt hat, eine Fleischproduktions- T Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 31. und Konsumsstatistik zu bearbeiten. Es ist aber klar, daß die indirekte Belastung des Fleisches nicht nur in dem verhältnismäßig unbedeutenden eingeführten, durch Zölle belasteten fremden Vieh und Fleischwaren besteht, sondern vor allem in der durch Zölle und namentlich auch durch die Grenzsperrenb ewirkten außerordentlichen Ver⸗ teuerung des im Inland produzierten Fleisches. Die Millionensummen, die das konsumierende Volk auf diese Weise an die Junker und größeren Viehzüchter entrichten muß, sind um ein Wiel⸗ faches höher als die bloßen Zollerträge aus der Einfuhr von Vieh und Fleisch. Es wäre ein der wichtigsten Aufgaben der Statistik, einmal diese Fleischverteuerung durch das System der Zölle und Grenzsperren festzustellen. Einen Maßstab für die Höhe der Verteuerung gewinnt man ja, wenn man die teuren Fleischpreise, die der deutsche Arbeiter bezahlen muß, vergleicht mit den viel billigeren, die seinem österreichischen, englischen, amerikanischen und holländischen Genossen vergönnt sind. Aus alledem folgt: Rechnet man, wie es den Thatsachen entspricht, die indirekte Belastung nicht nur nach den Reichseinnahmen, und auch nicht nur nach den indirekten Steuererträgen in Staat und Gemeinde, sondern zieht man auch die durch das Schutzzollsystem bewirkte allgemeine Verteuerung, den kolossalen Tribut an die Großproduzenten hinzu, so ist die Summe von 150 Mark jährlicher indirekter Steuern für die Familie eher zu niedrig als zu hoch angesetzt. Und das gilt schon jetzt für die bestehen⸗ den Zollsätze und indirekten Steuern. Gelingt es den Wucherparteien und der ihnen hörigen Regierung aber, die fast abenteuerliche Erhöhung der Zölle durchzusetzen, die geplant ist, denkt man ferner daran, daß die durch das China⸗ abenteuer zerrütteten Reichsfinanzen durch neue Bier⸗, Branntwein⸗ und Tabaksteuern demnächst „verbessert“ werden sollen, damit man den maß⸗ losen Ansprüchen des Land⸗ und Wassermili⸗ tarismus zu genügen fähig werde, so erhellt daraus, daß künftig die deutsche Arbeiterfamilie mit einer jährlichen Belastung durch indirekte Steuern von mindestens 260 Mark zu rechnen haben wird. Diese furchtbare Be⸗ lastung einer Arbeiterfamilie, die nur 8 00 Mark Einkommen bezieht, entspricht in Preußen den direkten Steuern, die auf einem Einkommen von 8000 Mark ruhen. Ein volles Viertel des Einkommens, 25 Prozent, hätte die Proletarier familie an Reich, Staat, Gemein de und die Junker und größeren Grund besitzer zu entrichten, während die direkten Steuern in Preußen auch vom Millionär nur 4 Prozent fordern. Die Geduld und die Langmut des deutschen Volkes ist erschöpft. Der Sturm wird durch das Land brausen mit unerhörter Gewalt. Unter keinen Umständen ist eine Erhöhung der indirekten Steuern zu dulden, aber die Maß— losigkeit der wachsenden Ansprüche gebietet auch, endlich dem ganzen System der Ausbeutung der Arbeit und Armut durch indirekte Steuern ein Ende zu bereiten. Gerechtigkeit! Es war wohl bei der Beratung der Zucht⸗ hausvorlage im Reichstage, als dem Führer der Zentrumspartei, dem Abg. Lieber, der doch stets so wohlgesetzte und niemals ausfällige Reden hielt, es passierte, daß er von seinem Parteigenossen, dem Präsidenten Ballest rem mit einem Ordnungsrufe belegt wurde. Was hatte denn der Redner verbrochen? Er hatte die Rechtspflege in Deutschland als„himmel⸗ schreiend“ bezeichnet. Wohl Jeder, der die heutige Rechtsprechung einigermaßen objektiv betrachtet, wird dem Ausspruche Liebers zu⸗ stimmen müssen, der Freund des Rechtes würde noch ganz andere Redewendungen gebrauchen, wenn er seiner Meinung über die heutigen Zustände auf diesem Gebiete Ausdruck geben sollte. Unsere Partei kennt die Rechtspflege unserer Zeit aus der Praxis; viele ihrer An⸗ gehörigen haben die„Gerechtigkeit“ am eigenen Leibe empfunden. Zahllose Beispiele können unsererseits dafür angeführt werden, daß „Justitia“ manchmal sehr wohl im Stande ist, durch die Binde hindurch sich die vor ihr stehenden Personen anzusehen. Unsern Partei⸗ genossen und sonstigen armen Teufeln aus den Kreisen der Besitzlosen, die aus irgend einem Grunde der Gerechtigkeitsgöttin vorgeführt werden, gereicht das sehr zum Schaden. Hun⸗ derte von Gerichtsurteilen können wir als Beleg für diese Behauptung anführen. Wir erinnern nur an die von der Berliner Straf⸗ kammer unter Vorsitz des später in Geistes⸗ krankheit gefallenen Landrichters Brause⸗ wetter gegen unsere Genossen gefällten Urteile; an das Löbtauer Zuchthausurteil, den Essener Meineidsprozeß, die im vorigen Jahre erfolgte Verurteilung der Redakteure der„Thüringer Tribüne“ und der„Magdeburger Volksstimme“ wegen Majestätsbeleidigung. Trifft einen Sozialdemokraten die Strenge des Gesetzes, wenn auch unverdientermaßen, so regt sich die Oeffentlichkeit— damit meinen wir in diesem Falle das Bürgertum— nicht weiter auf. Doch ereignen sich manchmal Fälle, die unsern deutschen„Rechtsstaat“ im schönsten Lichte zeigen und die schließlich auch den Philister ein wenig aufrütteln. Zwei dieser Art, die das Rechtsgefühl eines jeden rechtlich denkenden Menschen aufs Empfindlichste ver⸗ letzen müssen, wollen wir hier gegenüber stellen. Wir berichteten schon in voriger Nummer über die Blutthat des gemeingefährlichen Guts⸗ besitzers, Rittmeister a. D. Baron v. Stieten⸗ cron in Oberweiler bei Saarburg(Clsaß), der einen italienischen Arbeiter ohne jede Ver⸗ anlassung niederschoß. Diese Arbeiter waren mit der Ausführung der Wasserleitung beschäftigt und plötzlich fiel es dem halbverrückten Stieten⸗ cron ein, die Weiterarbeit an der Leitung auf seinem Grundstücke nicht mehr zu gestatten. Er verlangte von den Arbeitern die Einstellung der Arbeit, welchem Verlangen natürlich die Arbeiter ohne Einwilligung der Firma nicht entsprechen zu können erklärten. Darauf schoß dieser Meusch ohne Weiteres einen Arbeiter nieder! Nun sollte man meinen, der Mörder wäre ohne Federlesen sofort gefesselt vom Platze und ins Gefängnis geführt worden. Weit gefehlt! Die„Straßb. Bürgerztg.“ berichtet darüber:: Auf die Kunde von der Blutthat hin erschien der Amtsrichter von Saarburg auf der Mord⸗ stelle und nahm den Thatbestand auf. Eine Vernehmung des Barons scheiterte an seinem(militärischen) Dispositionsverhältnis, und der Mann des Gesetzes, der einem Mörder gegenübergestanden, mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen. Noch am gleichen Vormittag erschien ein Militärgericht. Auch dieses nahm von einer Festnahme Abstand, da derselbe angeblich eine von dem Italiener Fossie erhal⸗ tene Verletzung am Arme hatte und noch nicht transportfähig war!! Dabei soll der gemeingefährliche Bursche schon mehr derartige Schießereien auf dem Kerbholz haben, immer mit geladenem Gewehr herumlaufen, weshalb sich niemand in die Gegend wagt! Und hier ein Gegenstück: Im vergangenen Winter hat die Arbeiter- frau Johanna Müller aus Labiau, als ihr Mann krank lag, aus der Forst von Klein⸗ Poppeln etwas trockenes 0 geholt. Der Förster bekundete als Zeuge, das Holz habe einen Wert von zwei Pfennigen gehabt. Die alte Frau, die fortwährend weinte und beteuerte, nur aus größter Not gehandelt zu haben, wurde von der Königsberger Ferien⸗ Strafkammer zu drei Monaten Gefäng nis verurteilt. Diesem Bildchen aus unserm Rechtsstaate brauchen wir weiter nichts mehr hinzuzufügen. Politische Rundschau. Gießen, den 1. August. Memel und Duisburg. Wenn es der bürgerlichen Presse— und besonders der nationalsozialen— bei verschie⸗ denen Gelegenheiten Vergnügen bereitete, davon zu reden, daß die Sozialdemokratie ihren„Höhe⸗ punkt überschritten“ habe und im Zurückgehen begriffen sei, angesichts der Resultate der Er⸗ satzwahlen von Memel und Duisburg hat sie wirklich keine Ursache zu solchen Leichenreden. Unter denkbar ungünstigsten Bedingungen hatte unsere Partei in beiden Wahlkreisen zu kämpfen. Oben im äußersten Osten die Beeinflussungen der Großgrundbesitzer, deren Interesse untere behördliche Organe liebevoll wahrnehmen. Mündliche Agitation durch Versammlungen war unsern Genossen fast unmöglich, weil ihnen keine Lokale zur Verfügung standen. In gleicher Weise war unsern Genossen im Kreise Duisburg die Agitation erschwert. Hier kam noch die Beeinflussung der zahlreichen Arbeiter durch das Fabrikantentum, sowie die bekanntlich sehr intensive und erfolgreiche Bearbeitung der katho⸗ lischen Wählermassen durch die Geistlichkeit hinzu. Trotzdem das sogar für uns selbst überraschende Wachstum der sozialdemokratischen Stimmen! Nach dem Endresultate verzeichnen Stimmen: Beumer(natl.) 25773, Rintelen(Zentrum) 20076, Hengsbach(Soz.) 14421, Renckhoff (freis.) 1070, Czarlinski(Pole) 2687 Stim⸗ men. Unsere Stimmenzahl hat sich also an⸗ nähernd verdoppelt. Das ist ein Resultat, mit dem wir sehr zufrieden sein können. Ueber die Stellungnahme unserer Genossen zur Stichwahl zerbrechen sich die bürgerlichen Blätter die Köpfe. Die Sozialdemokraten werden sich eben nach der auf dem Hamburger Parteitage beschlossenen Resolution richten, in der die Forderungen näher bezeichnet find, für welche sich ein bürgerlicher Kandidat verpflichten muß, wenn wir für ihn eintreten sollen. Keiner der hier in Frage kommenden Kandidaten dürfte diesen Bedingungen entsprechen, deshalb werden unsere Genossen Stimmenenthaltung pro⸗ klamieren. 5 In Memel⸗Heydekrug ist in der am vorigen Samstag stattgefundenen Stichwahl der Agrarier Matschull zum Siege gelangt, wie das angesichts der schmählichen Haltung der Freisinnigen gar nicht anders zu erwarten war. Anstatt unter allen Umständen gegen den Brotwucher ihre Stimme in die Wagschale zu werfen, beschlossen die biederen Freisinnskämpen Stimmenenthaltung; sicher hat ein ziemlicher Teil von ihnen sogar direkt für den Agrarier gestimmt. Dieser erhielt 9106 Stimmen, unser Genosse Braun 6923.— Beide Wahlen be⸗ deuten aber unbestreitbare sozialdemokratische Erfolge! 1 * Zu dem Verhalten der Freisinnigen bei der Memeler Stichwahl sagt sogar die natio⸗ nalsoziale„Welt am Montag“: „Mit der Wahl Memel⸗Heydekrug hat der Freisinn offiziell seinen Bankrott ange⸗ meldet. Viel haben wir nie von ihm ge⸗ halten, aber wir glaubten wenigstens, daß er in Zollfragen feuerfest sei. Nun wirft er auch noch dies Prinzip— das letzte, was er noch hatte— über Bord. Was will er eigentlich noch? Dient er nur noch als Folie für Eugen Richters persönliche Politik? Jedenfalls muß sich vom heutigen Tage ab jeder ehrliche Mensch be⸗ sinnen, jener Partei von großmäu⸗ ligen Schächern anzugehören.—“ Die frommen christlichen Bank⸗ schwindler. Zum großen Leidwesen der antisemitischen Presse sind bei den Bankräubereien der letzten Zeit weniger Börsenjuden, sondern mehr gläubige und fromme Christen beteiligt. Man erinnert sich, daß der noch in Moabit befindliche Kom⸗ N— N „ fie 1 el erz lind liel, if fe 50 gluch aue 200 fate au. hal. Nag g. sse— ei bersch, bel, dabgn en, oh gunicgch le der gh, burg uu ichenkede nagen hal kämpft bung esse Ulle ahrnehmeg ungen un well ihn In gleiche f. dl, 4 — 5 f Duiebüg 1 noch de, elter durg untlich seh der kathge heit hinzu raschen Stimmen Stimmen; (Zentrum tenckhoff 687 Sti also an u Resultat können. r Genossen ürgerliche demokraten Hamburge lichten, in t füad, fil verpflichten H. Keine aten dürft alb werden tung plo⸗ in der al tichwahl J gelang, n Haltulg 1 erwarte gegen da agschale 1 Anskämpel ziemliche 1 n Abr 1 men, Une Bolle molratst I 1 1 b 0 die lol 121 1 sind. Die Schlächterei kann also weiter gehe Nr. 31. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. merzienrat Sanden sich eine Privatkapelle in seinen Garten gebaut und auch einen Haus⸗ geistlichen gehalten hatte. Und Gerhard Ter⸗ linden in Oberhausen, von dessen Schwinde— leien wir in voriger Nummer berichteten, hatte in seinem dortigen Privatbureau ein Emaille⸗ Schild aufgehängt, auf dem die Worte prangten: „Ehrlich im Handel, Christlich im Wandel!“ Auch hier wird wieder die alte Erfahrung aufs Neue bestätigt, daß hinter der öffentlich zur Schau getragenen Frömmigkeit, sich meist nur lasterhaftes und verbrecherisches Treiben verbirgt. Trocken gesetzt sind jetzt alle Aussichtsräte der Kasseler Treber⸗ trocknungsgesellschaft, worunter sich bekanntlich auch drei notleidende Agrarier befinden. Aus Kassel wird berichtet, daß in den letzten Tagen auch der stellvertretende Vorsitzende des Auf⸗ sichtsrats der Gesellschaft, Kaufmann Schlegel⸗ Kassel, sowie die Aufsichtsratsmitglieder Sum pf⸗ Greifswald und Schulze-Dellwig(Haus Selde bei Dortmund) verhaftet wurden. Demnach befindet sich jetzt der gesamte Aufsichtsrat in Haft.— Die„teuren“ Herren werden der Begünstigung zum betrügerischen Bankrott be⸗ schuldigt. Damit ihnen aber das sie betroffene Schicksal nicht allzu schwer werde, bleiben sie einstweilen in ihren Wohnorten interniert, um später nach Kassel überführt zu werden.— Die Landtagswahlen in Sachsen haben in diesem Herbste stattzufinden. Trotz⸗ dem vor mehreren Jahren die reaktionären Parteien dem Volke das vorher leidlich günstige Wahlrecht wegräuberten und die Dreiklassen⸗ Wahl“ einführten, so daß für unsere Partei kaum Aussicht vorhanden ist, auch nur ein ein⸗ ziges Mandat zu gewinnen, beteiligen sich die sächstschen Genossen diesmal geschlossen an der Wahl und rüsten jetzt zum Wahlkampfe. Be⸗ kanntlich lehnten bei den früheren Wahlen ein⸗ zelne Kreise, z. B. der Leipziger, die Wahl⸗ beteiligung ab, obwohl sie vom Landesparteitag beschlossen war, der Bewegung fehlte somit Einheitlichkeit. Jetzt sind die Differenzen in dieser Beziehung beseitigt, und wenn auch keine Mandate zu erwarten sind, so wird unsere Partei zweifellos bedeutende moralische Er— folge erzielen. Die Generalrats Stichwahlen in Frankreich fanden vorigen Sonntag statt. Es wurden 83 Republikaner und 11 Kon servative gewählt, so daß der Sieg der Republikaner noch vervollständigt wird. In Lille unter⸗ lagen unsere Genossen den Reaktionären. Ueberall sozialistische Siege! Im Pfaffenlande Tyrol hat die Sozial⸗ demokratie einen bedeutenden Erfolg zu ver⸗ zeichnen. Bei den Gemeinderatswahlen, die am vorigen Montag in Rovereto, einer mittleren Stadt in Südtyrol, nahe der italieni⸗ schen Grenze, Sitz bedeutender Seidenindustrie, stattfanden, errangen unsere Genossen einen glänzenden Sieg. Wie die„Frkftr. Ztg.“ berichtet, drangen alle 10 sozialdemokratischen Kandidaten mit ungeheuerer Majorität durch. Die sozialdemokratische Partei Welschtirols ver⸗ sügt über ein sehr gut redigiertes, schneidiges Blatt„Ill Popolo“, das auch wohl das erste war, welches die Obstruktion der italienischen Abgeordneten im Tiroler Landtage forderte. Immer vorwärts zum Siege! Krieg in Südafrika. Kein Eingreifen der Mächte. Viel⸗ fach war in letzter Zeit wieder von einer Ver⸗ mittelung der deutschen und holländischen Re⸗ gierungen zu Gunsten des Friedens in Süd— afrika die Rede. Jetzt wird von London aus berichtet, daß diese Gerüchte unbegründet Keinen Sold! Englische Zeitungen schrei— ben, daß viele Hundert teils kranke und arbeits⸗ unfähige englische Soldaten im Lande seien, die nur den geringsten Teil ihres ihnen zukommenden Soldes erhalten haben. Die Thätigkeit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. I. Bei dem Etat des Reichsversicherungs⸗ amtes wiesen unsere Abgeordneten auf die viel zu geringen Entschädigungen, die verunglückte Arbeiter er⸗ halten, sowie darauf hin, daß die neuen Bestimmungen nur dem Unternehmertum Vorteile bringen. Wenn wir auch den Verbesserungen des Unfallversicherungsgesetzes, die im vorigen Jahre die Novelle brachte, zustimmten, so erheben wir doch nach wie vor die Forderung, daß den Arbeitern eine volle Entschädigung und in größerem Maße als bisher die Anteilnahme an der Verwaltung gewährt wird. Ferner wurde darauf hingewiesen, wie einzelne Berufsgenossenschaften die zum Schutze der Arbeiter getroffenen neuen Bestimmungen umgehen. Nach der Unfallnovelle soll das ärztliche Gutachten im Allgemeinen von demjenigen Arzte ausgestellt werden, der den Verletzten behandelt hat; wenn aber der Arzt in einem festen Vertrags verhältnis zur Berufsgenossenschaft steht, hat der Arbeiter das Recht, das Gutachten eines anderen Arztes zu ver⸗ langen. Daraufhin haben die Knappschaftsberufs⸗ genossenschaften das Verhältnis so geregelt, daß die Aerzte nicht mehr ihre Vertrauensärzte sind, son⸗ dern die der Knappschaftskrankenkassen. Obwohl in letzteren die Unternehmer genau denselben Einfluß auch auf die Aerzte besitzen, wie in den Berufsgenossen⸗ schaften, hat das Reichsversicherungsamt diese offenbare Umgehung des Gesetzes für zulässig erklärt, und die Bergarbeiter haben nun kein Recht auf das Gutachten eines andern, wirklich unabhängigen Arztes! Die Beratung der Etats des Reichs⸗Eisen⸗ bahnamtes sowie der Post⸗ und Telegraphen⸗ Verwaltung gab unserer Fraktion Gelegenheit, ener⸗ gisch für die Interessen der Arbeiter und unteren Be⸗ amten dieser Verwaltungen einzutreten. Der Etat des Reichs⸗Justizamts veranlaßte eine ausgedehnte und lebhafte Debatte über die zahl⸗ reichen Miß stände und Aus wüchse, die sich bei der deutschen Rechtspflege in stets steigendem Maße geltend machen, während dringend notwendige Reformen zum Schutze gegen Mißgriffe der Justiz und zum Ausbau des Rechts unterbleiben. So hat der Bundesrat im letzten Jahre eine Reihe von Resolutionen des Reichs⸗ tags abgelehnt, die dieser zum Teil einstimmig faßte, so die 1898 und 1899 beschlossene Forderung einer gesetzlichen Entschädigung für unschuldig er⸗ littene Untersuchungshaft. Das gleiche Schicksal hatten mehrere, vom Reichstag bei Beratung des bürger⸗ lichen Gesetzbuches angenommene Resolutionen, die das Jagd⸗, Fischerei⸗, Wasser⸗ und Bergrecht betrafen, ebenso eine schon 1897 beschlossene Resolution, welche die reichs⸗ gesetzliche Regelung der Rechtsverhältnisse zwischen länd⸗ lichen Arbeitern und Arbeitgebern verlangt. Wie die Justiz in manchen Bundesstaaten gehand⸗ habt wird, so daß die Meinung entsteht, sie sei ein Werkzeug der politischen Leidenschaft geworden, wurde auch an dem Meineidsprozeß gegen unsern Gen. Holst in Güstrow dargelegt. Auch noch andere für mecklenburgische Rechtszustände und Rechts⸗ begriffe bezüglichen Vorkommnisse wurden gegeißelt, wie überhaupt das ganze Verhalten der dortigen Be⸗ hörden und Gerichte gegenüber der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Die Kosten des Reichsheeres bezifferten sich auf 673124690 Mark, drei Millionen mehr als im Vorjahre. Die Friedenspräsenzstärke ist beständig gewachsen; für 1901 beträgt sie 574993 Mann nebst 29175 Offizieren, Aerzten und Beamten; seit 1887 stieg die Zahl der ständig unter Waffen Befindlichen um 35 Prozent! Dabei steht abermals eine neue Mili⸗ tärvorlage in Aussicht! Auch die Ausgaben für den Pensionsfonds steigen jedes Jahr; 1901 betrugen sie 71 Millionen Mark. Die Pensionierungen der Offiziere nehmen unablässig zu. Im Jahre 1900 sind in der deutschen Armee nicht weniger als 644 Offiziere pensioniert worden! Bei den Debatten tadelten unsere Redner, daß die Ausbildung der Soldaten trotz aller Lehren, welche die Kriege der Neuzeit geben, noch immer nach dem alten Zopf erfolge: Paraden, Griffekloppen und Knöpfeputzen spielen noch immer eine übergroße Rolle. Dabei beginnen jetzt auch schon militärische Kreise an dieser Heeresausbildung dieselbe Kritik zu üben, die wir seit anderthalb Jahrzehnten im Reichstage vorbringen. Bei einem sich auf wirkliche Kriegsausbildung beschränken⸗ den Dienst sei es auch leicht möglich, die Dienstzeit ganz bedeutend herabzusetzen. Das Milizheer kann, wie dies die Burensiege zeigen, bedeutend mehr leisten als das gedrillte Soldatenheer. Ferner waren die Ueberanstrengungen der Soldaten, ihre Beschäftigung als Konkurrenten der Zivilarbeiter, die Duellfexerei, sowie die noch immer zahlreich vorkommenden Soldatenmißhandlungen Gegen- stand der Kritik unserer Abgeordneten. Für die Marine wurden im Ganzen 207484172 Mk. aufgewendet, 85 Millionen mehr als vor 10 Jahren. Also seitdem eine Steigerung von 244 Prozent! Bei den Debatten wurde aufgedeckt, welch'„schwer⸗ wiegendes“ Interesse an der Vermehrung der Flotte die Inhaber der Panzerplattenwerke besaßen und besitzen, Leute, die in den von ihnen gekauften Zeitungen als glühende Patrioten gefeiert werden, da sie für die Weltpolitik agitieren, die sich aber dabei nicht scheuen, sich vom deutschen Reiche für die Panzerplatten Preise zu erzwingen, die um ein Fünftel höher sind als die, welche das Ausland für dasselbe Ma⸗ terial seinen Werken bezahlt. Die deutschen Werke von Krupp und Dillingen lassen sich für die Tonne Nickelstahlpanzerplatten 2320 Mark bezahlen, Nor d— amerika zahlt den dortigen Werken nur 1900 Mark, mithin 420 Mark weniger. Dabei müssen letztere an Krupp noch für jede Tonne 100 Mark Patentge⸗ bühren zahlen, so daß sie eigentlich um 520 Mark billiger verkaufen als Krupp. Da für ein Linienschiff Platten im Werte von 6 Millionen Mark erforderlich sind, so beträgt der Preisunterschied 1‘ Millio⸗ nen Mark, mithin bei dem durch das Flottengesetz bedingten Verbrauch 60 Millionen Mark, soviel wie etwa 11 kleine Kreuzer kosten! Diese Enthüllungen bestimmten die Budgetkommission, mit allen gegen vier Stimmen eine Resolution anzunehmen,„der Reichskanzler wolle in Erwägung ziehen, ob sich nicht im Interesse der Ersparnis die Errichtung eines Panzerplat⸗ tenwerkes auf Kosten des Reiches empfehle“. Darauf ließ Krupp eine lächerliche Preisermäßigung anbieten. Dieses Geschaftsgebahren der Panzerplatten⸗ fabrikanten wirft ein grelles Licht auf die Entstehung und Verbreitung der Flottenbegeisterung. Gerade diejenigen Zeitungen, die von Krupp und Stumm aus⸗ gehalten werden, haben am eifrigsten für Vermehrung der Flotte agitiert und jeden Gegner in niedrigster Weise beschimpft! Nimmt man dazu, daß auch der Zentralverband der Industriellen sich rühmt, daß„die von ihm veranstaltete große und denkwürdige Flottenkundgebung nicht unwesentlich dazu beitrug, Stimmung für das vielbestrittene erste Flottengesetz zu machen“, so ergiebt sich daraus, wie im wesentlichen diese ganze„Flottenstimmung“ durch persönliche Geschäfts⸗ interessen künstlich entfacht wurde. Der Kolonialetat balanziert mit 36603600 Mark, während der Reichs zuschuß sich auf nicht weniger als 29317600 Mark beläuft. Die Schutz⸗ gebiete decken also ihre Ausgaben nur zu ein Fünftel aus eigenen Erträgen(Zöllen und Steuern); vier Fünftel werden durch Zuschüsse des Reiches aufge⸗ bracht, also aus den Taschen der deutschen Steuerzahler und zwar hauptsächlich infolge des indirekten Besteue⸗ rungssystems, aus der Tasche der arbeitenden Be⸗ völkerung. Wem aber kommt der Kolonialbesitz zu gute? Der Wert der Gesamteinfuhr aus den Schutzgebieten betrug 5 Millionen Mark, der Wert der Gesamtaussuhr nach den Schutzgebteten 15,9 Millionen Mark, der Ge— samtumsatz also 20,8 Mkllionen Mark! Und um diesen Umsatz zu erzielen, ist ein Reichszuschuß von 29,3 Millionen Mark jährlich erforderlich! Wenn ein Privatkausmann bei einem Geschäft mehr Spesen hat als der Umsatz beträgt, wird er sich beeilen, dieses ihn ruinierende Geschäst aufzugeben; die deutschen Kolonialschwärmer dagegen wüunschen, das Reich möchte noch immer mehr Schuggebiete besetzen! Dabei ist ausch für die Zukunft an eine bedeutende Entwickelung des Handels mit den Schutzgebieten oder eine wesentliche Steigerung der Ertragsfahigkeit derselben nicht zu denken! Unsere Fraktion hat aus all diesen Gränden stets gegen den Kolonialetat gestimmt und bei den Debatten die Mißstände, die sich bei der Verwaltung zeigen, ener gisch bekämpft. Die Reichs⸗Einnahmen⸗ und Reichs⸗ Schulden. Unter den Einnahmen des Reiches, die beim Etat im einzelnen aufgeführt sind, stehen an erster Stelle die Zölle und Verbrauchssteuern. Im Etat für 1901 sind sie folgendermaßen veranschlagt: Zölle. 2; Nm Tabaksteuer 11 960 000„ Zuckersteuer 111380 000„ Salzsteuer 5 48 943 000„ Branntweinsteuer: Maischbollich u. Brenn⸗ materialsteuer 18087000 Mk. Verbrauchsabgabe u. Zuschlag zu derselben 109768000„ Brausteuer und Uebergangsobgabe an Beer Aversa(Abfindungen der außechalh der Zollgrenze liegenden Reichsgebiete) Insgesamt 127 855 000„ 31136 000„ 78850„ 810 380 850 Mk. eres —— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 31. Pon Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreihen. Parteigenossen allerorts! Um den Protest gegen den Brot- und Fleischwucher wirksam zu gestalten, ist es notwendig, daß die Petitionsbogen mit Tausenden von Unterschriften be⸗ deckt an den Reichstag eingesandt werden. Jeder Varteigenosse hat deshalb die Pflicht, soviel als möglich Unterschriften zu sammeln. Die Vertrauensleute müssen sich die Erfüllung dieser Aufgabe ganz besonders angelegen sein lassen und dafür sorgen, daß in ihrem Orte oder Bezirke jeder Gegner der Lebensmittelzölle unterschreibt. Alle großjährigen Personen, selbstverständlich auch Frauen können unterzeichnen.— Petitionslisten sind bei dem Kreisvertrauens⸗ mann A. Bock, Gießen, Dammstraße 22 erhältlich. In Gießen liegt die Petition zur Unterzeichnung auf bei C. Orbig, Wirt⸗ schaft(Rittergasse), L. Löb(Wiener Hof), sowie Redaktion und Expedition unseres Blattes, Kirchenplatz 11 u. Sonnenstr. 25. Sießener Angelegenheiten. — Die Gemeinderatswahlen sollen nach einer Bekanntmachung des Kreisamts Gießen im Monat September vorgenommen werden. Wo eine Beteiligung an denselben von unserer Seite stattfinden soll, müssen unsere Genossen deshalb sehr bald mit den nötigen Vorbereitungen beginnen, damit frühzeitig in die Agitation eingetreten werden kann. — Das Schiedsgericht für Arbeiter⸗ versicherung der Prov. Oberhessen hielt am 31. Juli hier eine Sitzung ab, in der sieben Streitfälle zur Verhandlung standen. In drei wurden die Kläger abgewiesen, weil die Rente richtig berechnet war; drei wurden vertagt, und in einem Falle wurde dem Kläger die entzogene Rente wieder zugesprochen. — Auf den Bericht der Reichstagsfraktion machen wir die Genossen noch besonders auf— merksam und empfehlen ihn zum eingehenden Studium. Wir können denselben allerdings nur auszugsweise wiedergeben; doch werden unsere Freunde viel Zahlenmaterial darin finden, was sich bei der privaten Agitation trefflich verwenden läßt. — Metallarbeiterfest. Diesen Sonntag feiert der Metallarbeiter-Verband, Filiale Gießen, sein zehntes Stiftungsfest auf der Pulvermühle. Sämtliche übrigen Gewerkschaften haben ihre Beteiligung zugesagt, es ist daher ein starker Besuch zu erwarten, der durch das, was dort an Unterhaltung geboten wird, auch gerecht⸗ fertigt ist. Sogar ein„Luftballonaufstieg mi! Fallschirmabsturz“ wird angekündigt. Den wollen wir sehen!— Die Festrede hält Gen. Fr. Ehrler aus Mühlhausen. — Die Bäckergesellen beschlossen in der am Sonntag abgehaltenen Versammlung, angesichts der noch mangel haften Organisation nicht in den Streik einzutreten, obwohl das die richtige Antwort auf das protzige Schreiben der Meister gewesen wäre. Wir halten den Beschluß für ganz vernünftig. Allerdings hätte das Publikum ein lebhaftes Interesse an der Abschaffung des Kost⸗ und Logiswesens bei den Meistern gehabt. In Bezug auf die Zustände in einzelnen Bäckereien sind uns in 11 00 Zeit haarsträubende Dinge mitgeteilt orden. Wieseck. r. Eines recht guten Besuches erfreute sich das vorigen Sonntag im„Gambrinus“ abge⸗ haltene Stiftungsfest des Gesangvereins„Sän— gerkranz“ und selbstverständlich verlief es! auch in schönster Weise zur vollen Befriedigung aller Teilnehmer. Zwei andere Wiesecker Ge⸗ sangvereine hatten ihre Beteiligung an dem Feste abgelehnt, obwohl sie doch als Arbeiter ebenfalls alle Ursache hätten, mit unserm Ver⸗ eine Hand in Hand zu gehen, um einen größeren Zusammenschluß der Arbettergesangvereine her— beizuführen. Dagegen war die Beteiligung von Seiten des Turnergesang vereins und der Gießener„Eintracht“ eine sehr starke; beide Vereine brachten verschiedene mit Beifall auf⸗ genommene Liedervorträge zu Gehör. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Alle die Ausführungen des Genossen Krumo m, der die Festrede hielt, die mit dem Wunsche schloß, daß die Arbeitergesangvereine es immer für ihre hohe Aufgabe halten möchten, das Frei⸗ heitslied, das Lied zum Preise der Arbeit und zur Verherrlichung unserer auf Erreichung einer höheren Kultur gerichteten Bestrebungen mehr und mehr in das Volk einzubürgern, damit endlich der mordspatriotische Singsang, der leider noch so oft unsere Ohren beleidigt, zurückgedrängt werde.— Mit Eintritt der Dunkelheit wurde ein vom Vorsitzenden zusam⸗ mengestelltes Feuerwerk abgebrannt, das allge⸗ mein Freude hervorrief.— Allen, die zum Gelingen unseres Festes beitrugen, sei hiermit herzlicher Dank abgestattet! Aus Friedberg. — l. Nächste Woche soll die Einweihung des neuen Gymnasiums vorgenommen werden. Nach dem Voranschlag soll der Bau 350000 Mark kosten; jedoch ist man in der ganzen Bürgerschaft der Meinung, daß da etwas gemacht wird, was weit über unsere Verhältnisse geht und daß in absehbarer Zeit manches zurück⸗ gestellt werden muß, was dringender gewesen wäre, als diese bauliche Verschwendung. Geringere Aufwendung hätte sicher denselben Zweck erfüllt. Dabei soll, wie man hört, die obige Summe noch nicht einmal ausreichen. Das scheinen auch unsere Stadtväter zu wissen und der Fall liegt ihnen schwer im Magen. Zu der Annahme muß man wenigstens kommen, wenn man die Zeitung des Gemeinderats Da m m liest. Da heißt es z. B.: Für Einweihung des Gymnasiums wurde auf Anregung des Gemein— rats Damm ein entsprechender Credit bewilligt. Ja, wie viel denn? Herr Damm, der Mutige, hat nicht mehr den Mut zu schreiben, wie viel er beantragt hatte. Oder hatte er es bis zu Hause schon wieder vergefssen? Heraus mit der Sprache, Herr Damm! 1. Die städtischen Steuerzettel für das neue Etatsjahr sind noch immer nicht zur Ausgabe gelangt und wir befinden uns schon im August. Woran liegt denn das? Will man vielleicht warten bis zum letzten Augenblick vor der Stadtverordnetenwahl, damit dann recht viele vom sogenannten„Lumpenzeug“, wie von gewissen Seiten die Arbeiter und Minder⸗ bemittelten bezeichnet werden, mit den Steuern im Rückstande sich befinden und nicht wählen können? Fast scheint es so. Oder fürchten manche den Sturm, der bei der Ausgabe der Zettel ent⸗ stehen dürfte? Also Zettel oder Antwort! Wetzlar. th. Eine Baugesellschaft, die sich die Erbauung bürgerlicher Wohnhäuser zum Zwecke gesetzt hat, ist vor längerer Zeit hier zusammen⸗ getreten. Sie hat schon größere Grundstücke erworben, die sie dazu auszunützen gedenkt. Der Gesellschaft gehören auch einige Stadtväter an, welche aber die Absicht ausgesprochen haben, ihr Stadtverordneten-Mandat niederzulegen, weil bei den Grundstücksspekulationen ihre In⸗ teressen mit denen der Stadt vielfach in Kollision geraten. Die Richtigkeit dieser Mitteilung vor⸗ ausgesetzt, kann man das Verhalten dieser Herren nur anerkennen. Sie gehen von der richtigen Erkenntnis aus, daß, wer Grundstücksspekula⸗ tionen treibt, einfach nicht in die Gemeinde— vertretung gehört. — Verunglückte antisemitische Agi⸗ tation. Seit längerer Zeit macht der Anti⸗ semit Reuther, Redakteur der Offenbacher „Volkswacht“ den Kreis Wetzlar mit seiner! Agitation unsicher. Mit welchem Resultate, zeigten zwei Versammlungen die am Samstag und Sonntag in Herrmannstein und Aßlar stattfinden sollten. Zur ersteren, auf 9 Uhr angesetzten, hatten sich erst gegen 10 Uhr einige Leute, meist Arbeiter eingefunden, selbst der Herr Referent erschien erst um diese Zeit und begann gegen ½ 11 mit seinem „Referat“. Dasselbe war ein fürchterliches Durcheinander. Weil er zum größten Theil Arbeiter vor sich sah, versuchte er diesen weis zu machen, daß seine Partei auch Arbeiter— interessen vertrete, was schmählich mißlang. Genosse Vetters, der sich zufällig an diesem Tage in Wetzlar befand, wies ihm sofort aus seinem eigenen Blatte nach, wie von seiner Seite die Arbeiterschaft stets beschimpft werde und zeigte im Weiteren die Verkehrtheit und Widersprüche der antisemitischen Politik. Die Versammlung in Aßlar kam überhaupt nicht zu Stande, weil fast niemand erschienen war, trotzdem der Referent selbst noch Leute zusammenzut rommeln suchte. Dabei stellte noch der Wirt des Lokals, ein früherer Erz⸗ Antisemit, die für einen Autisemiten bittere Bedingung, daß das Wort„Jude“ im Referat nicht gebraucht werde dürfe! Mit dem Bauerneinseifen wars also diesmal nichts, das Geld für diese Agitationstour ist hinaus⸗ geworfen. Oder zahlts der Bund der Land⸗ wirte?— Reuther berichtet bei alledem in seinem Blatte von Bauernvereinsgründungen in diesen beiden Orten. Na, die„Organi⸗ sationen“ möchten wir sehen. Ein Hunnenbriefprozeß. Genosse Quarck in Frankfurt hatte sich vor der Strafkammer als Redakteur der „Volksstimme“ wegen eines in seinem Blatte abgedruckten Hunnenbriefes zu verantworten. Der Kriegsminister hatte Strafantrag gestellt. Die Sache wurde vertagt, weil erst Bebel über die Echtheit des Briefes vernommen werden soll. Nachspiel zum Sternbergprozeß. Vorige Woche wurde in Verlin der Agent Adolf Kühne verhaftet, der im Sternberg⸗ prozeß unter der Bezeichnung„Kapitän Wilson“ viel genannt wurde, aber nicht aufzufinden war. Er wird sich wegen Verleitung zum Meineide und wegen Bedrohung zur Begehung eines Verbrechens vor dem Strafrichter zu verant⸗ worten haben. Die ihm zur Last gelegten Strafthaten fallen in die Zeit der Vorunter⸗ suchung zum Sternbergprozeß. Ebenso ist es erwiesen, daß Kühne zusammen mit Luppa den ehemaligen Kriminalkommissar Thiel im Poli⸗ zeipräsidium aufgesucht hat und mit Thiel auch sonst zusammengetroffen ist. Kühne war ehedem als Sekretär bei Luppa im Sternberg'schen Bureau beschäftigt. Mehr Licht! Den geistigen Tiefstand gewisser Kreise kenn⸗ zeichnet ein Inserat, das am 12. v. Mts. im „Karlshorster Anzeiger“ erschien. Es lautet: „Christliche wissenschaftliche Vereinigung „Kreuz“ Berlin heilt alle Krankheiten Kraft des Glaubens, Macht des Gebetes. Man wende sich gefl. an den Vorstand Franz Reuter, Berlin W., Körnerstraße 13 II. Schriftlich ist Rückporto erbeten.“ g Karlshorst liegt in nächster Nähe Berlins. Es muß ja eine nette„Wissenschaft“ sein, die in der famosen„wissenschaftlichen Vereinigung“ christlich-gläubig verzapft wird. Daß es noch Leute giebt, die hierauf hereinfallen und sich „gesund beten“ lassen, muß man leider mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Entweder sind die Leute vom„Kreuz“ ausgefeimte Betrüger, oder sie sind unrettbar im Banne schwärzesten Aberglaubens befangen. Das Schicksal des alten Arbeiters. Aus Köln wurde kürzlich der„Leipz. Volksztg.“ geschrieben: In den Räumen der hiesigen Aktien- gesellschaft Kölner Baumwollspinnerei und ⸗Weberei fand man einen alten Mann erhängt. 3 auf un Mal dec Zat Klin lieg stät We nad von schl Ie gel in beh der ab Nun lit Da eb f . 0 fan ift wer theit und tik. de überhauß erschienen och Leut bei stelle erer Erz, en bitter im Referat Mit dem lichts, das t hinaus- der Land- lledem in ründungen „Organi, f. hatte sich akteur de em Blalt antworten, ag gestel. Bebel über verden soll rozeß. der Agel Sternberg in Wilson“ finden wl u Meinel hung eint zu bela st gelegt Voruntel henso it e Luppa da im Pole Thiel aut ruberg sch Kreise kel .. 6 65 ln, Bereilihü N. 31. Mitteldentsche Sonnutags⸗Zeitung. Seite 5. In einer Tasche seines Rockes steckte ein Zettel folgenden Inhalts: g „Wir kündigen Ihnen hierdurch zum 22. Juni er. die Arbeit in unserer Fabrik. Köln, 11. Mai 1901. Kölnische Baumwollspinnerei und⸗Weberei Aktiengesellschaft. Eugen Langen. Wunnenberg. An den Spulmeister Joseph Schmidding, hier.“. Auf diesen Zettel hatte der Erhängte das eine Wort„Motiv“ geschrieben. Zweiund⸗ vierzig Jahre lang hatte der Mann im Dienste der Kölner Baumwollspinnerei und Weberei gefrohndet. Bis zum Obermeister hatte er es gebracht. Als er dann alt wurde, degradierte man ihn zum Untermeister, und jetzt erhielt er den Schein mit den wenigen, aber für den verbrauchten Mann inhaltsschweren Worten. Es war für ihn das Todesurteil. Er mußte einem jüngeren, schneidigeren Meister Platz machen.— Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Abgestürzt. In der Nacht von Freitag auf Samstag voriger Woche stürzte ein be⸗ trunkener Student die über 10 Meter hohe Mauer vom lutherischen Kirchplatz in den Hof des Bambergerschen Hauses. Erst nach längerer Zeit wurde er bemerkt und nach der chirurgischen Klinik verbracht, wo er schwer verletzt darnieder⸗ liegt. Das Gerücht vom Tode desselben be⸗ stätigt sich nicht, vielmehr soll er sich auf dem Wege der Besserung befinden. — In Ockershausen stürzte am Mittwoch nachmittag der Ackermann Konrad Greiff von einem Kirschbaume und mußte, anscheinend schwer verletzt, nach seiner Wohnung verbracht werden, wo sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wurde. — Der Bürgerverein beschäftigte sich in einer am Montag abend stattgefundenen Versammlung mit den kürzlich auch von uns behandelten brennenden Fragen der Einführung der elektrischen Beleuchtung, Pferdebahn, Schul⸗ hausneubau usw. Besonders über letzteren Punkt entspann sich eine lebhafte Debatte, welche mit der Annahme einer Resolution zu Gunsten des Schulhausneubaues auf dem städt. Platz neben der Oberrealschule endigte. Die meisten der Anwesenden enthielten sich jedoch der Ab— stimmung.— Unsere nächste Parteiversammlung wird sich ebenfalls mit diesen wichtigen Lokal⸗ fragen beschäftigen und hat sich ein älterer hiesiger Parteigenosse bereit erklärt, das Referat über diesen Punkt zu übernehmen. Die Ver⸗ sammlung verspricht deshalb recht interessant zu werden. R. Gewerkschaftsfest. Am Sonntag den 28. Juli fand das diesjährige Sommerfest der Gewerkschaften im Restaurant„Schloßgarten“ statt. Die Kapelle Pauli, welche schon von Nachmittags 3 Uhr an konzertierte, erntete für die einzelnen Solostücke reichen Beifall. Als⸗ dann fand die Kinderpolonaise statt, bei der jedes Kind doppelt beschenkt wurde. Preis⸗ kegein für Herren und Damen und Gesangs⸗ vorträge vom Arbeiter Gesang⸗Verein„Ein⸗ tracht“ boten den Festteilnehmern weitere Unter⸗ haltung. Von 9 Uhr ab begann der Tanz. Hätte der Besuch nachmittags etwas besser sein können, so war abends der Saal überfüllt. Genosse Haberland hielt hier die Festrede, welche mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde. Der Gesangverein trug hierauf noch einige Lieder vor und so verlief das Fest in schönster Weise bis gegen Morgen 3 Uhr, wo einige Ockershauser Burschen von der Marbach kommend, im Saale Streit anfingen. Den Leuten wurde natürlich in geeigneter Weise klar gemacht, daß man sich auf einem Arbeiter⸗ feste anständig zu benehmen hat. 8 — Der Arbeiter-Gesang⸗Verein „Eintracht“ feiert am Samstag den 3 August im Restaurant Schloßgarten sein I. Stiftungsfest.„ — Schwerer Unfall einer Arbeiterin. Die Metallwarenfabrik von Gebr. Seidel hatte eine neue Stanzmaschine in Betrieb gesetzt, zu deren Bedienung nicht der Mann, der vorher die Arbeit mit der Hand gemacht hatte, sondern ein 16 jähriges Mädchen eingestellt wurde. Als die Arbeiterin die Maschine 14 Tage lang bedient hatte, erklärte es seinen Vorgesetzten, daß sie die Arbeit an der Maschine nicht ver⸗ richten könne, da sie es nicht gelernt habe. „Wenn Du es nicht kannst, dann mußt Du es lernen“ gab ihr Herr Seidel zur Antwort. Und so mußte sie wohl oder übel für 1,20 Mk weiter arbeiten. Dieser Tage kam sie nun bei der Arbeit mit der Hand der Stanze zu nahe, geriet in die Maschine, die ihr drei Finger abquetschte, so daß sie sofort in die Klinik gebracht werden mußte. Die hies.„Oberhss. Ztg.“ giebt, wie das gewöhnlich von den bürger— lichen Zeitungen geschieht der Unachtsamkeit des Mädchens die Schuld. Gehört aber ein so junges Mädchen an eine derartig gefährliche Maschine? Allerdings, wenn Männer daran gestellt worden, würden paar Pfennige mehr Lohn gezahlt werden müssen. Deshalb behilft sich die Firma mit Arbeiterinnen, von denen sich einige in sehr jugendlichen Alter befinden. Den dort beschäftigten Arbeitern raten wir: schließt Euch dem Verbande an, damit Mißstände beseitigt werden! Kleine Mitteilungen. ** Neue Bahnstrecke. Die Teilstrecke Weidenhausen⸗Hartenrod der Nebenbahn Niederwalgern-Herborn wurde diese Woche eröffnet. Später soll die Bahn bis Herborn weiter geführt werden. * Unser Frankfurter Parteiorgan berichtet, daß sein zweiter Expedient Zappay mit 350 Mk. spurlos verschwunden ist. Anzeige wurde sofort erstattet. ** Ein schwerer Bauunfall ereignete sich am Samstag in Frankfurt an einem Neubau in der Taunusanlage. Beim Hinauf⸗ winden einer schweren Sandsteinplatte versagte die Bremsvorrichtung des Aufzuges, infolge— dessen stürzte die Platte herab, durchschlug einen Balkon, blieb aber darauf liegen. Durch die herabfallenden Steine wurde ein Arbeiter ge⸗ tötet, ein anderer schwer, drei leichter verletzt. k Vom Blitz erschlagen wurde am Dienstag der Eisenbahnarbeiter Sorg auf dem Bahnhofe in Schweinsberg. ** Von einer Lokomotive über⸗ fahren wurde am Donnerstag voriger Woche bei Nassau der Oberpostassistent Hensing aus Frankfurt. Es liegt Selbstmord vor, welchen der Unglückliche wegen einer unheil⸗ baren Krankheit ausgeführt haben soll. * Ein Großfeuer äscherte am Montag Nacht das Sägewerk von Schwertfeger in Griesheim bei Frankfurt vollständig ein. ** Blutvergiftungen durch Insek⸗ tenstiche wurden in letzter Zeit wieder mehr— fach gemeldet. So starb in einem Hanauer Krankenhause der 16 jährige Lehrling Heck von Rüdigheim infolge eines Fliegenstiches nach tagelangen qualvollen Schmerzen. Ueber einen ähnlichen Fall, der ein junges Mädchen betraf, wird aus Harburg berichtet.— Die schäd⸗ lichen Folgen der Insektenstiche kann man ver⸗ hüten, indem man die Wunde mit Salmiakgeist oder auch mit guter Kernseife einreibt. Bei jetziger heißer Witterung sollte man immer eins der beiden Mittel bei seinen Ausflügen ꝛc. mitführen. Partei-Nachrichten. * Sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Geschäftsleiter der Hamburger Parteidruckerei Auer& Ko. feierte am 27. Juli der Gen. R. Bérard in Hamburg. Seinem Fleiße, seiner Umsicht und Ge⸗ wissenhaftigkeit ist es hauptsächlich mit zu danken, daß das Geschäft nicht nur die Stürme des Sozialistengesetzes überdauerte, sondern sich auch weiter in der erfreulichsten Weise entwickelte. Die Hamburger Genossen ehrten den Jubilar, indem sie zur Feier des Tages eine kleine Festivität abhielten. * Im Wahlkreise Potsdam⸗Osthavelland wurde Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht, ein Sohn unseres verstorbenen„Alten“ als Reichstagskandidat aufgestellt. Sozialdemokratischer Wahlverein Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 11. August ds. Is., nachm. 1 Uhr: Kireiskonferenz in Gießen, im Lokale von Orbig, Rittergasse 17. Tages⸗Ord nung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht; Vorstandswahl. 2. Organisations⸗Entwurf des Landeskomitees. 3. Parteitag in Lübeck. Alle Orte im Kreise werden ersucht, sich an der Konferenz zu beteiligen. Jeder Delegierte muß mit einem Mandat versehen sein; Formulare sind bei A. Bock, Gießen, Dammstraße 22 II erhältlich. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungskalender. Samstag, den 3. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Rech⸗ nungsablage; 2. Vorstandswahl; 3. Stellungnahme zur Kreiskonferenz. Montag, den 5. August. Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.— Tapeziererverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof). Dienstag, den 6. August. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 10. August. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Mit⸗ glieder⸗Versammlung bei Müller, Hirschberg 12.— Metallarbeiter. Mitglieder⸗Versammlung bei Jesberg, Wehrdaerweg. Briefkasten. Friedberg, Marburg und Wetzlar. Einiges mußte zurückgestellt werden. Red. Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. 28. Juli: Otto Eifenberg, Dr. med., in Schweinsberg mit Lilt Baumann in Forsthaus Strup¾hach b. Königsberg. 30. Wilhelm Richter, Küchenchef in Koblenz mit Bertha Friedrich in Töpen. 1. August, Jakob Müller, Wegenwärter auf Nicolausstollen b. Oberscheld. 1. Wilhelm Feiser, Kaufmann in Unterliederbach mit Anna Senßfelder dahier. Eheschließ ungen. 27. Juli: Azust Keamer Lackirer, mit Marie Schillig dahier. Geborene. 22. Juli: Dem Taglöhner Balthaser Jung e. T. 23. Dem Brauereidirektor Anton Von⸗ hausen e. T. Dem Maurer Heinrich Müller e. T. Dem Friseur Georg Lotz e. T. Dem Kaufmann Karl Koch e. S. 25. Dem Briefträger Karl Rück e. T. Dem Cigarrenfabrikant Guido Günther e. T. 26. Dem Kulturtechniker Karl Buhl e. S. Dem Taglöhner Jo⸗ hannes Hahn e. T. Dem Gerber Ludwig Mühlhause e. S. Dem Arbeiter Philipp Reuschling e. T. 27. Dem Dreher August Stürtz e. S. Dem Schreiner Wilhelm Walter e. T. Dem Taglöhner Heinrich Schneider XIII. e. T. 30. Dem Bahnarbeiter Georg Horst e. T. 31. Dem Schreiner Johannes Vogel II. e. S. Gestorbene. 28. Juli: Ottilie Zörb, 10 Mte. alt. 29. Heinrich Fleischer, 47 Jahre alt, Taglöhner dahier. 31. Haus Böttger, 1 Mt. alt. Auf Genossen werbt Abonnenten für die „Mitteldeutsehe Sonntagszeitung“ —— ͤ— Arbeiterbewegung. T Generalstreik der Glasarbeiter. Mit dem 27. Juli lief die Kündigungsfrist der Flaschenmacher ab, und es besinden sich von diesem Tage an etwa 6000 Flaschenmacher im Ausstande. Reichstagsabgeordneter Horn rich⸗ tete vorige Woche ein Schreiben an die Glas⸗ hüttenbesitzer, in dem er am Verhandlung zwecks Anbahnung einer Verständigung ersuchte. Die Unternehmer haben aber darauf gar nicht geantwortet, infolgedessen ist der Kampf in allen Flaschenfabriken Deutschlands mit wenigen Ausnahmen entbrannt. In Flensburg legten am Samstag sämt⸗ liche Arbeiter der Glasfabrik die Arbeit nieder. In Dresden und Döhlen traten etwa 700 —— ——— Seize 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Flaschenmacher in den Streik. In der dortigen Siemens⸗Glashütte hatte die Polizei eine Wacht⸗ stube eingerichtet; die Gendarmen patrouillierten unter Führung der Beamten der Fabrik mit geladenem Gewehr herum. +Beispiellose Opferwilligkeit legen die Glasmacher in Wirges(Westerwald) an den Tag. Sie sind nicht an den Generalstreik beteiligt, weil die dortige Hütte alle Forderungen der Arbeiter bewilligt hat und auch dem Fabri⸗ kantenring nicht angehört. Deshalb haben sich die dortigen Glasarbeiter eine Steuer von wöchentlich 3 Mk. für Verheiratete und 4 Mk. für Ledige auferlegt. Auf diese Art brachte dieser einzige Ort pro Woche 7-800 Mk., in der letzten Woche sogar 984 Mk. zusammen, die an die Zentralkasse abgeführt wurden. Dieses Zeichen echt kollegialischer Solidarität erscheint in um so schönerem Lichte, wenn man erwägt, daß diese Beiträge gewissermaßen am Munde abgespart werden müssen. Solche Opfer⸗ willigkeit muß allen Arbeitern als leuchtendes Beispiel dienen! a Der Streik der Hamburger Kupfer⸗ schmiede währt nun schon zwölf Wochen und trotzdem haben sich die Arbeitgeber noch nicht herbeigelassen, mit den Gesellen zu unterhandeln. Auf das letzte Schreiben vor zirka sechs Wochen haben die Arbeitgeber noch nicht geantwortet, und sind die Streikenden deshalb wiederum mit einem Schreiben an die Arbeitgeber heran⸗ getreten, in dem sie diese ersuchen, Zeit und Ort zu einer Unterhandlung bestimmen zu wollen. Im Wesentlichen ist die Stimmung der Streiken⸗ den gut, und sollten die Arbeitgeber sich auf dieses Schreiben noch nicht herbeilassen, in Unterhandlungen zu treten, so sind die Kupfer- schmiede gewillt, den Kampf nach wie vor weiterzuführen. Streikbrecher haben sich bisher nur vereinzelte gefunden. aibgkarbeltkerstreik in Nordhausen. Die jüngst eingeleiteten Einigungsverhandlulngen sind geschei⸗ tert. Das ist, so schreibt die Erfurter„Tribüne“, das Ergebniß der neuesten Versuche, den schweren Kampf der Nordhäuser Tabakarbeiter zu beenden. Die Unter handlungen mußten abgebrochen werden, weil die Unternehmer von den Ausständigen die Sanktionirung ihres Beschlusses verlangten, einen Teil der Ausgesperrten dauernd brot⸗ los zu machen. Man will die intelligentesten Tabakarbeiter dauernd von Nordhausen ver⸗ bannen, um ein desto willigeres und unauf— geklärtes Personal in den Fabriken zu haben. Die Zumutung, daß die Arbeitersch aft dauernde Aussperrung ihrer erprobtesten Kämpfer billigen soll, muß durch verschärfte Führung der Waffen zurückgewiesen werden. Kein Mann darf auf der Strecke bleiben, dafür muß die gesamte Arbeiterschaft sorgen! T Ein Riesenstreik ist in Amerika ausgebrochen. Mehr als 200000 Stahl- arbeiter, die in den Werken des mächtigen, fast alle amerikanischen Stahl- und Eisenwerke umfassenden, von dem New⸗Yorker Finanz⸗ mann P. Morgan gegründeten Stahltrust beschäftigt sind, legten die Arbeit nieder. Sie verlangen die Ein führung der von der Stahlarbeiter⸗Union festgesetzten Lohnskala. Die Sympathien der Bevölkerung stehen auf Seiten der Arbeiter, sie erhalten auch von allen Seiten Unterstützung. Die bisher statt⸗ gefundenen Einigungsverhandlungen haben noch zu keinem Resultate geführt. — ͤ K— w——————————— Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 1. August: Butter per Pfd. Mk. 1.10— 1.25, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., Enteneier 1 St. 7— 8 Pfg. Gänseeier per St. 11— 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 9.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00— 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.80— 1.40, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20. Gänse per Pfd. Mk. 00.0— 0.00. Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg., Hammelfleisch 50— 70 Pfg. 22 T be een f nlerha Ungs⸗- eil. . Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer. 5(Schluß) Eines Morgens machten sie sich auf den Weg. Wie war die Welt inzwischen so schön geworden, Alles grünte und blühte in voller Pracht, der blaue Himmel lachte in all' die Herrlichkeit hinein. Und in ihm, dem armen Jost, war es so dunkel, so hoffnungsleer. Dieser Gegensatz preßte ihm in seiner Schwäche Thränen aus. Babett aber verstand ihn zu trösten. Sie war jetzt so lieb und gut zu ihm, und begierig, wie die würzige Sommerluft, sog er ihre trostreichen Worte ein. Am Ziele an⸗ gekommen, fühlte er sich kräftiger als zu Anfang des Weges. Herr Sievert, der Fabrikant, empfing ihn an seinem Schreibtisch sitzend. Es war ein Mann von behäbiger Gestalt mit schon ziemlich gelichteten Haupthaar und einer goldenen Brille auf der sanft geröteten, fleischigen Nase. „Morgen, Herr Bachler,“ rief er im Weiter⸗ schreiben, halb nach dem Eintretenden gewendet, in raschem, munterm Ton.„Freut mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich. Gleich zu Ihren Diensten. Bringen gewiß Geld. Freut mich, freut mich.“ Als nun Jost, nachdem Herr Sievert die Feder niedergelegt, seine Sache ziemlich weit⸗ schweifig vorbrachte, begann Jener eine in⸗ grimmige Miene aufzustecken und mit Fingern ungeduldig an der Tischplatte zu trommeln. „Der langen Rede kurzer Sinn ist also,“ unterbrach er Jost:„Sie können wieder nicht zahlen. Gründe sind ja billig. Bald sind die Kunden säumig, bald fällt die Ernte schlecht aus. Jetzt wollen Sie gar bestohlen sein. Schließlich bin ich der Bestohlene.“ „Verzeihen Sie, Herr Sievert, wenn ich, das Wort für meinen Mann ergreife,“ fiel hier Babett ein, die, von dem Fabrikanten unbemerkt, an der Thür stehen geblieben war.„Er hat sich halbtot gearbeitet, um Sie zu bezahlen. Und mit dem Diebstahl, mit dem hat es seine volle Richtigkeit. Mein Mann ist Keiner, der Einem was vorlügen thut. Und der Herr Sievert braucht auch nur in der Stadt nach⸗ zufragen. Bezahlt wird der Herr werden, bei Heller und Pfennig, und wenn wir arbeiten sollten, daß uns das Blut unter den Nägeln vorspritzt.“ Herr Sievert hatte seine Brille, die nur für die Nähe taugte, auf die Stirn geschoben und starrte die Sprecherin mit seinen wasserblauen Augen an. „Das ist Ihre Frau, Herr Bachler?“ fragte er gedehnt.„Kommt mir so bekannt vor, muß sie schon irgendwo gesehen haben.“ Bachler erschrack bis in die tiefste Seele. Sollte Herr Sievert ihr in ihrem abenteuernden Leben begegnet sein? Babett aber sagte ruhig: „Da irrt sich wohl Herr Sievert. Ich wenigstens sehe den Herrn zum ersten Mal.“ Der Fabrikant fuhr fort, Babett anzu— starren. „Wenn man fragen darf: Sind sie aus Ottersweiler gebürtig?“ „Nein, die Gemeind' hat mich aufgenommen. Meine Mutter wurd' nämlich erfroren auf⸗ gefunden, kurz vor dem Dorf. Ich war noch ganz klein.“ „So?— Und von wo kam Ihre Mutter? Es ist wohl sehr neugierig von mir, darnach zu fragen?“ lächelte er gezwungen. „Ach, garnicht. Aber das weiß ich nicht, und das weiß Keiner. Aber sie muß wohl hier durch die Stadt gekommen sein. Sie war übrigens keine Bettlerin,“ fügte Babett mit auf⸗ wallendem Stolze hinzu.„Sie hat fünfzig Mark in der Tasche gehabt. Die fünfzig Mark haben sie mir aufbewahrt und ausbezahlt, nach⸗ dem ich mich verheiratet hab'.“ Herr Sievert preßte die Lippen zusammen und betrachtete Babett immer wieder mit prüfen⸗ dem Blick. „Seltsam.— Ja, wes ich sagen wollte,“ stieß er dann heraus und erhob sich.„Also, Herr Bachler— Ihre Geschichte thut mir sehr leid. Man sieht Ihnen auch an, daß Sie krank gewesen sind. Wir wollen also über die Sache einstweilen nicht weiter reden. Ich kenne Sie ja als ehrlichen Mann. Sie werden zahlen, sobald Sie können.“ Bachler erhob sich unter vielen Danksagungen. Als die Beiden das Freie gewonnen hatten, sahen sie sich gleichzeitig lächelud an. „Den hast Du aber windelweich gemacht,“ sagte Jost zu seiner Frau. „Ja, es scheint, der muß fest angepackt werden, wenn er Vernunft annehmen soll. schin kurios war's doch, wie er so plötzlich um⸗ ug.“ Während die Eheleute so sprachen, saß Herr Sievert mit düsterer Miene an seinem Schreibtisch aufgestützt. Eine böse Erinnerung war heut' in ihm wachgerufen worden, nicht wie früher mitunter, durch ein Wort, ein Bild, nein, durch ein Wesen von Fleich und Blut. Schon als er die Stimme gehört, hatte es ihn seltsam berührt, aber das Gesicht, die Gestalt, das leibhaftige Abbild jener reizenden Bauern⸗ dirne, mit der er als junger, damals hübscher Bursche während einer Sommerfrische getändelt hatte, bis die Tändelei das gewöhnliche Ende vom Liede genommen.„Komm' nur zu mir, wenn Dir was zustößt,“ hatte er beim Ab⸗ schied gesagt, in der leichfertigen Meinung, daß sie das Kommen wohl bleiben lassen würde. Aber sie war gekommen. Von den ihrigen verstoßen, hatte sie mit ihrem Kinde den weiten Weg bis zu ihm gemacht, der gerade im Be⸗ griffe stand, eine Frau zu nehmen. Er hatte sie beschworen, zu gehen, ihn nicht unglücklich zu machen. Und das arme Geschöpf war gegangen, mit elenden fünfzig Mark, die er freilich regel- mäßig zu erneuern versprochen. Aber die eisige Nacht und die Verzweiflung machten das Herz⸗ blut des armen, jungen Weibes stocken. Sie legte sich hin, um nicht wieder aufzustehen. Er hatte den Vorfall in einer Lokalnotiz seiner Zeitung gelesen und längerer Zeit bedurft, sein Gewissen zu Ruhe zu bringen. Nun, da er die Geschichte läugst begraben gewähnt, war das Gespenst in Gestalt der Tochter jenes Weibes aufgetaucht. Er mußte es beschwören um jeden Preis. Das nächste war wohl, daß er die Schuld Bachlers quittirte; nicht auffällig, bei Leibe nicht. Er würde sogar die etwaigen Abschlagszahlungen acceptieren, ihm aber das Material zu den billigsten Preisen liefern, ja, er sollte sogar gutes Material erhalten, wie er es sonst nur an prompte Zahler abgab. Der Mann fühlte sich durch diese edlen Entschüsse außerordentlich erleichtert. Frau Bachler übergab den heimkehrenden Kindern Haus und Hof in bester Ordnung. Aber sie blieb bei ihrem Entschluß, nach ihrem Heimatsdorfe, eine Stunde bachabwärts, zu gehen, um dort für den Rest ihres Lebens einen Unter⸗ schlupf zu suchen. Das nächtliche Bekenntniß Babettens hatte ihr die Augen geöffnet. Sie mußte das Feld räumen, wie sehr ihr auch das Herz über die Trennung von Sohn und Enkel blutete. „Wenn ihr mich braucht, ruft mich nur, dann komm' ich,“ sagte sie, Alle zum letzten Male küssend. Nach einiger Zeit fiel es Babett auf, daß der Kleine öfters mit hochgeröteten Bäckchen von seinem Spielplatz im Garten kam und in seinem kindlichen Geplauder viel die Großmutter nannte. Babett paßte nun auf, und siehe, eines Tages fand sie tief versteckt in der Gais⸗ blattlaube die alte Frau mit dem Knaben auf dem Schooße, ihn herzend und küssend. Jetzt verstand Babett Alles. Die Groß⸗ mutter hatte es nicht aushalten können, ohne ihren Abgott, den Kleinen, von Zeit zu Zeit zu sehen, und war heimlich hergeschlichen, um ihr altes Herz an dem Kinde zu laben. Nr. 314. = 2—. E kenne S 80 gen zahlen lsagungen nen haln gencch, angepach men sol. ozlich un, achen, fab an seinen vrinnerl 0 rden, nich en Bil und Blut, ite es ih ie Gestal n Bauer hübsche e getändel liche Ende ur zu mii, beim Ab. Meinung sen würde u ihrigen den weiten de im B., Er hatt unglücklich gegangen, lich regel die eisthe das Hel cken. Si tehen. U otiz feine must, en kun, da el ahnt, wal ster ent beschwölel wohl, daß t auffalln, e ktwal ige F aber do liefern,/ en, wi. 10 Oel gab. 155 schie mlehteudl 19 Ordnull Nr. 31. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Babett war gerührt. Sie nahm die Mutter ohne Weiteres in den Arm und führte sie dem Hause zu, vor dessen Thür gerade Jost von der Arbeit verschnaufte. „Die Mutter bleibt jetzt bei uns,“ rief sie ihm in ihrer entschiedenen Art zu.„Brauchen thun wir sie bald so wie so, da lassen wir sie garnicht erst wieder fort. Gelt, Mann es aist Dir doch recht? und das Mutterle sagt Ja und Amen!“ Wer war glücklicher als Jost! Das hatte ihm zu seiner vollen Zufriedenheit gefehlt. Jubelnd schloß er die drei geliebten Wesen in eine Umarmung. Gemeinnütziges. In jetziger heißer Jahreszeit müssen die Hühnerställe mit Kalk, dem man etwas Kreolin beimischt, gut ausgetüncht werden um die darin befindliche Läusebrut zu zerstören. Die Sitzstangen werden mit Lauge gewaschen, die Legenester sind öfters zu reinigen und mit frischer Einstreu zu versehen. Auch im Hühner⸗ hofe ist in jeder Beziehung auf Reinlichkeit zu halten. Alle Schlupfwinkel, unreine Wasser⸗ läufe, sind zu reinigen und zu desinfizieren: nur auf eine solche Art wird man die Hühner ungeziefer⸗ und seuchenfrei erhalten können. Vorsicht mit Kunstdüngersäcken! Viel⸗ fach geschieht es, daß Säcke von künstlichem Dünger in Gebrauch genommen werden, bevor sie gut gereinigt und ausgewaschen sind. Es haben dadurch schon oft Landleute sehr schlimme Erfahrungen gemacht, wenn in solche Säcke Viehfutter geschüttet und den Tieren daraus vorgeschüttet wurde. Namentlich gefährlich ist dieses Verfahren mit Chilisalpetersäcken, aus denen die Salpeterreste schwer zu entfernen sind. Bekommt das Vieh davon, so verendet es meistens. Humoristisches. Spekulativ.„Du, Alte, ich glaub' alleweil, ich sollt' doch auch dem Antialkohol-Verein beitreten!“ —„Was willst denn Du dort, Du alter Saufaus?!“ —„Na, Propaganda machen! Weißt, wenn die Leut' weniger Bier trinken, muß's ja billiger werden!“— Entsprechend. Frau: Aber Gustav, Du hast doch jetzt jeden Tag einen Spitz!“— Mann: Ja, wir leben doch jetzt auch in den Hundstagen!“ Fl. Bl. Die große Reform. Ein Wunder ist geschehen! Europa staunet sehr— Es blüht in Thielens Reiche Ein Fortschritt im Verkehr. Hast Du nun Haft sechs Wochen, Wie ist das doch so nett, Dann fährst Du zur Bastille, Mit dem Retourbillet. „W. Jakob.“ Marbur Vom 1. Juli a verkau fe eine Partie fertiger Herren- Marburg. Zünglings- und Knaben-Anzüge, Sommer- Paletots, Havelocks, Gummimäntel, Hosen und WVesten, Joppen in Wolle und Leinen in vorzüg⸗ licher Qualität und einzig ge Verarbeitung.— Die Artikel einzeln aufzuführen, ist wegen der Riesenmasse, es sind 6420 gestellt, absolut unmöglich. einzelne Sti zum Verkauf Besichtigen Sie unter allen umständen mein Lager, es bietet viel Schönes und Vorteilhaftes und gereicht Ihnen zu Nutzen. Gehrock-Anzug für Herren Mf. 20.— ewigen ung für Herren Mk. 12. 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