* —— 75 68d0l. zuverläff e sich al chter Arhel ei 50 f beschäftig r Aufschef ostlagern 8 ter 1 blen, —2.40 0 30-2. nismäßig lage: Leucheh Glesstö eltersweß 1. Alicest. Vieseck g bins — — Arche 4 2 2 6 7 7 8 2 2 7 5 * 0 2 2 U. — 7 2 5 2 25 * e u Nr. 44. Gießen, Sonntag, den 3. November 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche itags⸗Zeit Webaktienefenas Donnerstag Nachmittag 4. 2 Ng. Abounemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 1 Juser ate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0, und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Parteigenossen! Wer die Petition gegen den Brot⸗ wucher noch nicht unterschrieben hat, thue es sofort. Die Listen müssen jetzt gesammelt und nach Berlin eingeschickt werden. —.—— „Unparteiische“ Zeitungs⸗ mache. Schon oft ist von sozialdemokratischer Seite und auch von anderer auf den verderblichen Einfluß hingewiesen worden, den die gefinnungs⸗ lose, sogenannte unparteiische Presse im öffent⸗ lichen und politischen Leben ausübt. Wenn die politischen Zeitungen, gleichviel welche Partei sie vertreten, bestimmten Grund sätzen und Forderungen Geltung verschaffen wollen, auf ihre Leser in einer bestimmten Richtung einzuwirken suchen, gewissen Idealen nachstreben — mag man auch von den bürgerlichen„Idealen“ halten, was man will— so verfolgen die unpar⸗ teiischen Zeitungen einfach nur den Zweck des Gelderwerbs für ihren erleger. Das sagte auch dieser Tage der Ober⸗ bürgermeister Schnetzler von Karlsruhe.„Solche hüten sich vielfach davor, in öffentlichen Streit⸗ fragen irgendwie Partei zu nehmen, aber nicht etwa aus Gerechtigkeit, sondern nur aus ängst⸗ licher Fürsorge für die Erhaltung möglichst zahlreicher Abonnements und Insertionen, und so fördern sie in weiten Kreisen die politische Charakterlosigkeit und Gleichgültig⸗ keit.“ Diese Gesinnungslumperei trat bei dem Breslauer„General-Anzeiger“ beim Erscheinen des Zolltarifs in besonders drastischer Weise zu Tage. Die Regierung hatte den Zolltarif veröffent⸗ licht und in dem Blätterwalde entspann sich eine lebhafte Diskussion darüber. Auch der Verleger des Breslauer Inseraten-Blattes hielt es endlich für nötig, daß sein Organ etwas über den alle Welt beschäftigenden Gegenstand sagen müsse und beauftragte einen seiner Tinten⸗ kulis mit der Abfassung eines diesbezüglichen Artikels. Unglücklicherweise war der vielleicht früher bei einem agrarischen Blatte beschäftigt gewesen, er entledigte sich seiner Aufgabe im Sinne der Brotverteuerer und glaubte sich damit die Zufriedenheit seines Arbeitgebers zu erwerben. Doch der arme Kopfarbeiter hatte sich verrechnet. Das tapfere„unabhängige“ Blatt hat(leider!) noch viel Leser in den Ar⸗ beiterkreisen, außer dem städtische Ins eratenkunden, die es sich mit der Empfehlung des Brotwuchers abwendig gemacht hätte. Das erwog der Zei⸗ tungsbesitzer wohl, aber es war nicht mehr möglich, den Artikel durch einen andern zu er⸗ setzen, sollte nicht das rechtzeitige Fertigstellen der großen Auflage in Frage gestellt werden. Da, ein rettender Gedanke! Man versah den agrarischen Artikel mit einer 1 und am andern Tage mußte der Redakteur, dessen wirtschafts⸗ polftische Ueberzeugung sich ganz nach den Wünschen des Zeitungsbesitzers richtet, einen II. Artikel bringen, der eine schlagende Wider⸗ legung des ersten wax. Diese nette Geschichte brachte einer unserer Genossen kürzlich in einer Breslauer Versammlung zum Ergötzen der An⸗ wesenden vor, die damit in die Geschäftsgeheim⸗ nisse der„unparteiischen“ kapitalistischen Presse einen erbaulichen Einblick erhielten. Die Ge⸗ schichte nahm sich folgendermaßen aus: Mipkes Artikel . II. am Sonntag: Eine fühlbare Ver⸗ teuerung der Lebens⸗ mittel fürchten wir nicht einmal, selbst wenn die vorgeschlagenen Agrarzölle wirklich angenom⸗ men werden... Wir haben unseren Lesern in der ersten Ausgabe unter Preß⸗ stimmen eine kleine Probe gegeben, wie die freih änd⸗ lerische Presse tobt, von „Attentaten auf die Lebenshaltung des Volkes“ spricht und von einer„Regierung, die ein⸗ seitig einen privilegierten Stand bei der Aushunge⸗ rung des Volkes unterstütze“. Wir können uns eines Lächelns nicht erweh⸗ ren, wie man gleich dem Kampfstiere, dem ein roter Lappen vorgehalten wird, so alle Besonnenheit verlieren kann! Und dabei bringt der Entwurf nicht einmal überraschend neues, ist gar kein urplötz⸗ lich entfalteter roter Lappen, sondern seit dem unoffiziellen Heraushängen aus der Re⸗ daktion des Stuttgarter Be⸗ obachter schon recht abge⸗ blaßt. (Dann wird weiter ge⸗ sagt, das Ausland trage den Zoll und sei gezwungen, auch bei Aunahme des Zoll⸗ tarifs Handelsverträge mit Deutschland abzuschließen). Also: am Montag: Wir können uns des Ge⸗ dankens nicht erwehren, daß Graf Bülow mit der Ver⸗ öffentlichung schließlich ein Diplomatenstückchen verbun⸗ den hat! Er will Material gegen sich selbst sammeln, um dann emphatisch erklären zu können:„Ja, ich habe Euch, den Agrariern und anderen Interessenten der vorliegenden Zollsätze, ent⸗ gegenkommen wollen; an meinem guten Willen sollte es nicht fehlen, aber seht: Dürfen wir einerseits die wirtschaftliche Isolierung Deutschlands wagen und andererfeits den Ar⸗ beitern, die ohnehin durch die so ungünstig gewordene Lage der Industrie trüben Zeiten entgegengehen, eine solche starke Verteue⸗ rung der notwendig⸗ sten Lebens mittel auf⸗ zwingen? Dürfen wir dem deutschen Mittel⸗ stande, der mit allen Le⸗ bensfasern an Handel und Wandel interessiert ist, und der darum auch günstige Handelsverträge mit dem Auslande wünschen muß, eine solche neue Lage zu⸗ muten, die viele seiner bisherigen Daseinsbe⸗ dingungen über den Haufen werfen würde?“ Zudem hat hier auch das Auzland mitzu⸗ sprechen, und es ist von größter Bebeutung dessen Meinungen zu vernehmen. am Sonntag findet der famose General⸗Anzeiger im Zolltarifentwurf„keine fühlbare Verteuerung der Lebensmittel“, er kann sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er die freihändlerische Presse gegen den Zolltarif „toben“ sieht. Und am Montag? Ja am Montag, da spricht er selbst, daß man den Arbeitern, die ohnehin schweren Zeiten ent⸗ egengehen, eine so starke Verteuerung der zebensmittel nicht aufzwingen darf, daß man die Daseins bedingungen des Mit⸗ telstandes mit dem Tarif über den Haufen wirft!! Und seine neue Meinung ist so stark, daß er„sich des Gedankens nicht erwehren“ kann, auch der Reichskanzler habe die gleiche Empfindung! So führen die„unparteiischen“ Blätter ihr Leserpublikum an der Nase herum. Sie sind heute königstreu, morgen republikanisch, je nachdem es die Geschäftsinteressen des Zeitungsbesitzers wünschenswert erscheinen lassen. Grundsatzlosigkeit und Gesinnungs⸗ losigteit ist bei ihnen Grundsatz. Manchmal, gewöhnlich vor dem Quartalswechsel wird anch in„Arbeiterfreundlichkeit“ gemacht, um Arbeiterabonnenten zu fangen, später wird die Arbeiterbewegung verleumdet und verdächtigt. In Gießen haben wir dafür ein klares Bei⸗ spiel. Wie floß der Hoppstädter erst über von Arbeiterfreundlichkeit! Nach und nach aber demaskierte er sich und entpuppte sich als So⸗ zialistenvernichter à la Schweinburg. Hopp⸗ städter ging, das„unparteiische“ Blatt ging in andere Hände über, man glaube aber nur ja nicht, daß es in anderem Geiste geleitet würde. Wie der oben charakterisierte, so schön herein⸗ gefallene Breslauer General-Anzeiger sind eben alle sogenannten unpartetischen Blätter! So gesinnungslos wie die„parteilose“ Presse, die die Interessen der Arbeiter mit Füßen tritt und nur die Geschäftsin⸗ teressen ihres Verlegers wahrnimmt, so ge—⸗ dankenlos— um nicht zu sagen: so ge⸗ wissenlos— handelt der Arbeiter, der jene Schundpresse durch ein Abonnement unterstützt. Laßt charakterlose Menschen die charakterlose Presse lesen! Ein klas⸗ senbewußter Arbeiter liest sein Par⸗ teiblatt, dessen Miteigentümer er ist. Zum Kampfe gegen den Brotwucher. Im Namen der Menschlichkeit! Wenigstens die Regierung eines deutschen Bundesstaates hat sich gegen die Erhöhung der Lebensmittelzölle erklärt und zwar die von Sachsen⸗Koburg⸗Gotha. Einer Deputation Gewerbtreibender gegenüber äußerte sich der gothaische Minister Hentig dahin, daß es Pflicht der Regierung sei, dem allgemeinen Besten zu dienen, besonders die Absatzgebiete der Landesindustrie zu wahren und ihre Ab⸗ schließung von den Auslandsmärkten zu ver⸗ hüten. In erster Linie sei sie verpflichtet, „die Erhaltung des Nahrungsstandes der Volksklassen mit dem niedrigsten und unsichersten Einkommen bei allen zollpolitischen Maßregeln im Auge zu behalten. Gerade die traurigen Erscheinungen auf dem Arbeitsmarkt, die wir gegenwärtig beobachten, legen diesem Gesichtspunkt aus Gründen der Menschlichkeit wie der Politik besondere Bedeutung bei. Die Regierung glaubt, in Ab⸗ wehr jeglicher Einseitigkeit zu einer klaren Er⸗ kenntnis dessen gekommen zu sein, was der Natur unserer Staatsgemeinschaft in der Frage der Handelspolitik entspricht. Auf der dadurch gebotenen Linie ihres Verhaltens wird sie mit Festigkeit beharren.“ Unsere Agrarier werden aber von„Gründen der Menschlichkeit“ nichts wissen wollen, sie fragen den Teufel nach Menschlichkeit, wenn nur ihr Profit erhöht wird. ** *. Die frommen Schäflein rebellieren! Die Frage der Zollerhöhung auf Lebensmittel dürfte für die bisher ziemlich festgefügte Zent⸗ rumspartei erhebliche Erschütterungen bringen. Während das Zentrum in allen öffentlichen Kundgebungen für die Agrarzölle eintrat, ebenso die führenden Preßorgane und Personen sich Seie 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitune. ür den tarif ins Zeug legten, haben mehr⸗ sach Seeed katholischer Arbeiter ent⸗ schiedenen Proteß gegen den Brotwucher erhoben. Ein graßer Tell— womöglich der größte— der wͤhler sind Arbeiter und besonders im—— t das Zentrum in den In⸗ dustrie Arbettern seine Kerntruppen. Verweigern diese d Heertsfolge, so kann die Situation für die im Reichstag jetzt am stärksten vertretene Partei höchst kritisch wer den. Ihr Zerfall, der ohnehin uur eine Frage der Zeit ist, wird in unheimliche Nähe gerückt. Nicht mit Unrecht hat man deshalb den Zolltarif als„Spreng⸗ pulver“ für das Zentrum bezeichnet. Wie daß Sprengpulver wirkt, zeigt eine General⸗Bersammlung der rheinischen Orts⸗ gruppen des Cbrislichen Metallarbeiter⸗ Verbandes, die am Sonntag in Köln statt⸗ fand und auf welcher über die Stellungnahme zum Zolltarif verhandelt wurde. Diese Kund⸗ gebung gestaltete sich zu einer der bedeutungs⸗ vollsten aus ben Kreisen chriftlicher Arheiter. Als 5 trat der Verbands vorsitzende Wieder aus Duisburg auf, um seine Stellung⸗ nahme zur Zollfrage zu rechtfertigen. Man habe ihm verwehren wollen, im Verbandsorgan Stellung zu den Zollforderungen der Agrarier zu nehmen, weil diese Frage angeblich nicht in das Verbandsorgan hineingehöre. Sonderbarer⸗ weise habe sich niemand gerührt, als sich vor ihm mehrere christliche Gewerkschaftsorgane f ür den Zoll erklärten. Angesichts der Forderungen der Agrarier, die auch mit dem Zolltarifentwurf noch nicht zufrieden seien, müsse auch dem bescheidensten christlichen Arbeiter die Galle überlaufen. Er habe gewußt, daß er in ein Wespennest steche; Jeder komme in Acht und Bann, der nicht wie das Zentrum wolle. Die Bauern riefen viel lauter als die Millionen geplagter Arbeiter, und so werde geglaubt, als ob es ihnen schlechter als den letzteren gehe. Die Arbeiter aber hätten sich ködernlassen durch die paar Scheiner folge der letzten Jahre.(Lebhafte Zustimmung.) Alles verlange Zollschutz; da müsse man auch fordern, daß die Arbeitskraft des deutschen Arbeiters iche die preisdrückende Heranziehung auslän⸗ ischer Arbeiter geschützt werde. All der ge⸗ werkschaftliche Kampf sei gleich Null, wenn die Arbeiter nicht Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen. Sonst raube man den Arbeitern mit einem Mal, was sie in jahrelangem Kampf errungen haben. In der Diskussion sprachen sich alle Redner gegen den Zoll aus und erklärten sich mit Wiebers Haltung einverstanden. Mehrere Redner gaben der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Zollfreunde in den christlichen Gewerk⸗ schaften ihre bessere Erkenntnis preis⸗ gäben zu Gunsten der Zentrumspartei. Die Versammlung erklärte sich schließlich mit 117 gegen nur 8 Stimmen mit der Haltung Wiebers einverstanden. Ferner wurde nahezu einstimmig eine Resolution beschlossen, worin die Versammlung erklärt, daß die Zollerhöh⸗ ungen die Existenzverhältnisse des Arbeiterstandes auf das tiefste beeinflußt und verschlechtert, daß sie der Arbeiterschaft und mittleren Stadtbevölkerung schwere Opfer auf⸗ erlegt, ferner daß die beabsichtigte Zoller⸗ höhung nur einem Teil der Großgrundbesitzer zu gute komme. Endlich erklärt sich die Ver⸗ sammlung mit der bisherigen Verwendung der Zolleinkünfte nicht einverstanden, sondern giebt dem Verlangen Ausdruck, daß die Zoll⸗ einnahmen im ausschlteßlichen Interesse der breiten Schichten des Volkes, von denen sie aufgebracht, verwendet werden. Jn dieser Resolution tritt eine recht erfreu⸗ liche Einsicht in die thatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse zu Tage und der ganze Verlauf der Versammlung zeigt, daß sich die katholischen Arbeiter vom pfäffischen Gängelbande nach und nach befreien. Ein Vorkämpfer der schweizerischen Sozialdemokratie. Der weit über die Grenzen seines schweizerischen Vaterlandes hinaus und besonders innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung bekannte Karl Bürkli starb, wie wir in der vorigen Nr. bereits mitteilten, am Montag vor acht 8 Tagen in Roßau bei Zürich. Mit ihm ist der Veteran der sozialdemokratischen Arbeiter- bewegung der Schweiz dahingegangen, und das internationale Proletariat aller Länder teilt die Trauer der schweizerischen Partei. Mit Greulich und Lang ist Karl Bürkli der Träger der internationalen Beziehungen gewesen, die die schweizerische Arbeiterbewegung mit der des Auslandes so innig verknüpfen. Karl Bürkli hat mehr als ein Menschen⸗ alter für die Arbeitersache gearbeitet. Er war am 30. Juli 1823 geboren. Er stammte aus einer alten Patrizierfamilie und hatte eine gründliche Schulbildung genossen. In die sozialistischen Ideenkreise wurde er erst in Hamburg eingeführt, wohin er gekommen war, um das Gewerbe der Lohgerberei zu erlernen. Seine ersten Eindrücke empfing er aus den Schriften Fouriers, des genialen Utopisten, und als Schüler Fouriers hat er sich denn auch stets bekannt. Er durchwanderte Deutschland, Oester⸗ reich und Frankreich. Ueberall machten sich die Vorboten des Jahres 1848 bemerkbar, und Bürkli erwartete den Sieg der sozialen Revolution, die die Träume Fouriers erfüllen würde. In der Luft der Reaktion, die der Niederlage der revolutionären Bewegung folgte, konnte er es nicht aushalten. Er kehrte nach Zürich zurück und gründete den Arbeiterkonsumverein, der der erste Konsumverein der deutschen Schweiz über⸗ haupt war, und widmete seine ganze Kraft dem Versuch, die Arbeiter auf Grund eines sozial⸗ demokratischen Programms zu organisieren. Bis zum Auftreten Bürklis war die Sozial⸗ demokratie in der Schweiz nur auf die Vereine deutscher Arbeiter beschränkt und von den Schweizer Bürgern als ansländisches importtertes Gewächs betrachtet worden. Weitling, Marx, August Becker, die Führer der kommunistischen und anarchistischen Bewegung, waren Deutsche gewesen. Bürkli, den Sohn eines erbgesessenen Patriziers, konnte man nicht als Ausländer abthun. Schon 1851 wurde er in den Großen Rat des Kantons Zürich entsendet. An der Reorganisation der Züricher Verfassung nahm er hervorragenden Anteil. Im Kampf gegen die Züricher Oligarchie stand er in der vordersten Reihe. Um die demokratische Organisationen der Wehrverfassung hat er sich dauernde Ver⸗ dienste erworben. Als Schriftsteller ist Bürkli auch den deutschen Genossen vertraut, seine Schriften über direkte Gesetzgebung durch das Volk und das Pro⸗ portionalwahlsystem haben auf die Anschauungen der deutschen Partei zeitweise erheblich eingewirkt. Außerdem hat er mehrere Werke über die Geschichte seines Vaterlandes geschrieben, so „Der wahre Winkelried“,„Die Taktik der Ur⸗ schweizer“ und„Der Ursprung der Eidgenossen⸗ schaft aus der Markgenossenschaft“. Im Jahre 1898 eröffnete Bürkli den internationalen Arbeiterkongreß. Er, der an den ersten Kongressen der Internationale teilgenommen hatte, konnte mit Stolz auf den ungeheuren Fortschritt der Bewegung hinweisen. „Welch ein Vormarsch der proletarischen Be⸗ wegung!“ rief er aus,„in wenig mehr als einem Vierteljahrhundert. Damals waren es kleine Vereine begeisterter Männer, heute sind hier wirklich Millionen organisierter Arbeiter vertreten!“ Ein Führer auf diesem Marsch ist Karl Bürkli gewesen, und er hat es noch erlebt, daß die schweizerische Sozialdemokratie sich eine neue starke Organisation geschaffen hat. In der Geschichte des Befreiungskampfes der Arbeit wird das Andenken Karl Bürklis niemals verlöschen. Politische Rundschau. Gießen, den 31. Oktober. Folgen der deutschen Zollpolitik. Schon jetzt, ehe der Zolltarif noch in Kraft getreten ist, machen sich seine unheilvollen Wirkungen bemerkbar. Eine größere Firma der Ne Konfektionsbranche teilte der„Münchener Post“ mit, daß ihr Reisender diesmal aus Frankreich ohne einen einzigen Auftrag zurückge⸗ kehrt sei. Die ehemaligen Abnehmer fanden die neuen Muster zwar sehr schön, bedauerten aber, keine Bestellungen machen zu können, da ja doch nach Annahmee des neuen Zolltarif jedes Geschäft mit Deutschland aufhöre und da wollten sie ihee Kunden gar nicht erst an die neuen Artikel gewöhnen. So dürfte es noch manchen deutschen Geschäfts⸗Reisenden ergehen, wenn erst der Tarif Gesetz geworden ist. 1 Den Schaden hat hauptsächlich der Arbeiter zu tragen. Kaiser und agrarische Fordernun gen. „Kommen keine Handels verträge zu stande, so schlage ich alleskurz und klein“ soll der Kaiser gesagt haben. Bei der bekannten tueumonarchischen Gesinnung, die die Agrarier bekanden, werden sie nunmehr hoffent⸗ lich von ihren Wucherplänen lassen. Oder wollen sie die Republik proklamieren? MNehrausgaben für das Reichsheer soll der nächste Etat vorsehea. Die Jäger⸗ bataillone sollen Magazingewehr⸗ Abteilungen erhalten.— Mehr Soldaten, mehr Panzerkähne, dabei Arbeitslosigkeit und Hungertarif! Einfach skandalös! Wie es dem wegen Preß vergehen ver⸗ urteilten Genossen Bredenbeck erging, als er in Dortmund in das Gefängniß eingeliefert wurde, erzählte er in„Vorwärts“ folgender⸗ maßen: „Durch den Polizeibeamten erlitt ich die schmachvollste Behandlung, indem er mich wie einen gemeinen Verbrecher gefesselt transportierte. Zureden und Proteste waren erfolglos. Als er mir das Schloß anlegte, zog er mir mehreremal die Arme auseinander, ob es auch fest genug sitze, bis es schmerzte. So geschlossen führte er mich durch die schon sehr belebten Straßen, am Wochenmarkt vorbei, zum Bahnhof hin. Am Burgthor traf mich das härteste, da dort Frau, Mutter und Bruder standen, die herbeigeeilt waren, um mir noch einen Abschiedsgruß zuzurufen. Der seelische Schmerz übermannt mich noch fortwährend, wenn ich an diesen Augenblick denke. Mit meinen Verwandten ein Wort zu reden, verbot mir der Beamte zunächst, gestattete es jedoch später, als meine Mutter in begreiflicher Aufregung hell auf⸗ schrie. Aber die Fesseln behielt ich, selbst während der dreistündigen Fahrt im Eisenbahu⸗ wagen wurden mir dieselben nicht gelöst. Hier in Herford führte er mich wieder geschlossen durch die Straßen der Stadt, allen neugierigen Blicken preisgegeben, bis ich endlich im schreck⸗ lichsten Zustande hier im Gefängnisse anlangte. Die seelischen Schmerzen, die ich erduldet, sind unbeschreiblich.“ Wahrhaftig, schlimmer wie in Rußland. Für diese Polizeiwillkür gehört dem betr. Beamten eine empfindliche Strafe; es ist doch beschämend für das ganze Reich, wenn ein anständiger Mann, der im höchsten Falle unvorsichtig im Ausdruck war, wie ein gemeiner Verbrecher behandelt wird. Soldatenschindereien. Das düstere Kapitel von den Sol daten⸗ mißhandlungen erfährt täglich neue Be⸗ reicherungen. Von den zahlreichen Brutalitäten, welche durch die jetzt wenigstens teilweise öffent⸗ lichen Militärgerichtsverhandlungen zur allge⸗ meinen Kenntnis gelangen, sind einige in der Sächs. Arbeiterztg. mitgeteilte ganz besonders empörend. Das Kriegsgericht verhandelte gegen den Sergeant Göpel vom 2. Feldartillerie⸗Rgt. in Pirna. Dieser schlug dem Kanonier Forkert bei dem Appell mehrmals mit der Faust ins Gesicht, daß diesem die Zähne bluteten. Die Reitabteilung hat mehrfach auf seinen Befehl das Essen in Kniebeugestellung einnehmen müssen. In der Instruktions⸗ stunde hagelte es oft förmlich Keile, so hat Göpel in einer einzigen Stunde einmal 5 3 Nr. 44. 1 sußerh lägli aut fle facht Hel Alben ihn ih lagte ee Sahl Lulte be la f b fh Ihen fr 9 gte 1 ele leut. 5 fin d nacht 5 0 ltat lun uch dan f def bent lit f bie lin erf Veg, 1 g U mitt 1 0 de 0 a0 9 0 rz und Dei der hoffen Oder sheer Jiger teilungen helihn, hen be , als g ugelieser olgender⸗ ich de Adem er gefeselt ie walel 0 kr ml es auch ecschlosse belebten Bahnhof rteste, du standes, sch einen Schmen un ich al rwandten F Beamte 3 meint ell au, ch, selbt ssenbahl⸗ st. Hie Hlossel gierige schrec⸗ aulangte lldet, f Rußland. Beumtel echöne ftärdigt sictg Berbreche oldatt neut 1 llc ae fe 1 all, 7 Nr. 44. Wittewentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Schläge ausgeteilt.— Nicht minder roh war das Verhalten des Gefreiten Fehr⸗ mamn. Er hat den Fahrer Jäckel im Februar und März im Reitstall wiederholt geohrfeigt, sowie am 30. April im Waschhaus und an der Thür des Speisesaales der Kompagnie eine rößere Anzahl Ohrfeigen versetzt. An diesem 9 hat sich der etwas schwermütig veranlagte Jäckel, der zu seinen Kameraden oft über schlechte Behandlung klagte, erhängt. Fehr⸗ mann, der die Mißhandlung an diesem Tage bestreitet, war damals mit den Funktionen als Geschützführer mit Unterofftziersdiensten betraut. Er will den Jäckel nur außerhalb des Dienstes geschlagen haben, wenn er sich als dessen Ka⸗ merad bezeichnete.) Aus Furcht vor weite⸗ rer schlechter Behandlung haben die Mißhandelten keine Anzeige erstattet. Den Anlaß zum Strafverfahren haben die wegen des Selbstmordes Jäckels angestellten Erörte⸗ (Dessen Eltern haben sich rungen gegeben. gleichfalls infolge Schwermut das Leben ge⸗ nommen.) Das Urteil des Kriegsgerichts lautete ö bei Göpel auf 10 Monate Gefängnis und De⸗ gradation, bei Fehrmann auf nur 2 Monate Gefängnis. Ferner wurde der Unteroffizier Model vom Kriegsgericht in Chemnitz wegen Mißhand⸗ lung Untergebener in neun Fällen zu drei Monat Gefängnis verurteilt. Unter den Gewaltthaten dieses Stellvertreter Gottes hatte die ganze Korporalschaft des Angeklagten zu leiden. Acht Mann von dieser standen als Zeugen vor dem Kriegsgericht; sie alle waren geschlagen worden. zehnmal Ohrfeigen erhalten während und außerhalb des Dienstes, Soldat A. ist fast täglich ins Gesicht geschlagen und mit der Faust gestoßen worden, während Soldat H. keine Woche ohne Schläge blieb. Diese Drei brachten den Angeklagten nicht zur Meldung, weil sie es noch nicht verstanden. Einige Soldaten hatten angeblich welche von den berühmten Ohrfeigen,„die kein Schmerz⸗ gefühl erregten“, bekommen. Der Ange⸗ klagte entschuldigte seine brutale Handlungs⸗ weise mit der Behauptung, daß er tüchtige Soldaten erziehen und Disziplin() in die Leute bringen wollte; nicht Rohheit, sondern Ehrgeiz habe ihn so handeln lassen. Er bat schließlich, vorschriftswidrige Behandlung, nicht Mißhandlung anzunehmen. Leidlich vernünftige Ansichten ließ vor einigen Tagen das Blatt des christ⸗ lichen Bergarbeiters Brust, der bekanntlich für die Wucherzölle eintritt, vernehmen. Er sagte da über die Gewerkschaften: „Die Gewerkschaft soll eben wie auch die Aktien⸗ gesellschaft usw. der Unternehmer parteipolitisch neutral sein. Ebensowenig wie die sozialdemokrati⸗ schen Gewerkschaften gegen die anderen Parteien an⸗ kämpfen und speziell sie zu verdrängen suchen sollen, und nur für die sozialdemokratische Partei Propaganda machen dürften, haben auch die christlichen Gewerkschaften als solche nicht speziell gegen die Sozialdemo⸗ kratie als Partei zu kämpfen und für andere Parteien Propaganda zu machen. Dieses lehnen wir auch ab. Im allgemeinen stehen wir auf dem Stand⸗ punkt, daß derjenige die Sozialdemokratie bekämpfen soll, der sie gezüchtet hat: der manchesterliche Großkapitalismus. Dieser behandelt uns gleich mit den Soztal⸗ demokraten und haben wir als Gewerkschaft⸗ ler nicht die geringste Veranlassung, gegen die sozialdemokratischen Gewerkschaften zu kämpfen und die Arbeiterschaft unnötig zu zersplittern; speziell der Sozialdemokratie wegen als Partei. Der lachende Dritte wäre eben der manchesterliche Großkapitalismus, bezw. dessen Vertreter, der inzwischen sämtliche Arbeiter, ob soztaldemokratisch oder christlich in aller Ge⸗ mütsruhe„scheeren“ würde.“. Recht so! Ganz een Nur fragt sich, wie lange dieser Standpunkt von dem Blatte vertreten wird, das bisher in rüdiger Weise die freien Gewerkschaften bekämpfte. ur Naturgeschichte eines christlichen . Gewerkschaftsfübrers⸗ Vor einigen Monaten fand in Fulda eine öffentliche christliche Gewerkschaftsversammlung Soldat L. hat mindestens statt, in der über die Getreidezölle verhandelt wurde. Im Laufe der Debatte ergriff auch ein gewisser Schreiner Möres das Wort und sprach sich für die Zollerhöhung aus. Dieser Möres spielt jetzt in Fulda eine führende Rolle bei den Christlichen, von Seiten eines Geistlichen sollen ihm 300 Mk. zur Gründung eines Geschäftes verschafft worden sein. Vor mehreren Jahren trieb er sich in Frankfurt herum, wo er sich den Anarchisten ange⸗ schlossen hatte. Wir erinnern uns noch, daß er sich in einer Holzarbeiter⸗Versammlung da⸗ hin aussprach, daß die Arbeiter, wenn sie infolge Arbeitslosigkeit in Notlage kämen, einfach— stehlen sollten, er würde in solchem Falle nehmen, wo er fände! Diese famose Theorie setzte er später(wenigstens seinen Genossen gegen⸗ über) in die Praxis um, er verduftete, ohne über den Verbleib gesammelter Gelder Rechen⸗ schaft abzulegen.— Jetzt spielt der ehrenwerte Bürger den Frommen, agitiert im Fuldaer Bezirke für Zentrum, christliche Gewerkschaften und Wucherzoll. Daß er das nur im Interesse des„Geschäfts“ thut, scheinen die biederen Fuldaer Christen nebst ihrem Hirten nicht be⸗ merkt zu haben, denn stie waren höchlichst er⸗ staunt, als in der erwähnten Versammlung ein zufällig anwesender Frankfurter Schreiner die Vergangenheit ihres Führers aufdeckte.— Merk⸗ würdig, der Entwickelungsgang der„Anarchisten“ ist doch fast immer derselbe! Eutwickelung der deutschen Konsum⸗ genossenschaften. Welch' gewaltigen Aufschwung das Genossen⸗ schaftswesen und besonders die Konsumvereine in Deutschland in den letzten Jahren genommen haben, zeigt der Umsatz der Hamburger Groß⸗ einkaufsgesellschaft. Diese liefert nur Waren an Konsumvereine und hatte in den drei ersten Quartalen des Jahres 1901 einen Umsatz von nicht weniger als 9287200 Mk., fast das Doppelte der gleichen Periode im Vorjahre, wo für 4912 670 Mk. umgesetzt wurde. König Eduard von England soll nach Zeitungsmeldungen schwer erkrankt sein und zwar an Kehlkopfkrebs. Mehr⸗ fache Operationen mußten schon vorgenommen werden. An derselben Krankheit starb bekannt⸗ lich Kaiser Friedrich III. Prompte Justiz. Czolgosz, der Mörder des Präsidenten Me. Kinley ist am Dienstag früh auf moderne Art mittels Elektrizität hingerichtet worden. Alles vollzog sich programmmäßig. Der Todes- kandidat schlief die ganze Nacht fest und mußte morgens wach gerüttelt werden. Nachdem er auf dem elektrischen Stuhl Platz genommen hatte, sagte er:„Ich bereue meine That nicht.“ — Am Abend vorher sprach er eingehend mit dem Gefängnisdirektor über das Attentat und beantwortete dessen Fragen anscheinend wahr⸗ heitsgemäß. Er habe die That einfach begangen, weil er sich dadurch einen Vorteil für die arbeitende Klasse versprochen habe; er habe den Revolver ganz offen, ohne Taschentuck, getragen und leugnete schließlich nochmals, mit Genossen bei der That gewesen zu sein.— Daß er des Glaubens ist, durch seine Mordthat der Arbeiter⸗ klasse einen Dienst zu leisten, zeigt seine geistige Beschränktheit. Krieg in Südafrika. Hafenarbeiter zu Gunsten der Be— endigung des Trans vaalkrieges. Von den Amsterdamer Hafenarbeitern ausgehend ist eine Bewegung im Gange, welche den Boykott der englischen Handelsschiffe zum Zwecke hat. Dadurch wollen die Arbeiter einen Druck auf die englische Regierung zu Gunsten des Friedensschlusses ausüben. Ver⸗ treter der Amsterdamer Dockarbeiter trafen in voriger Woche in Brüssel ein, um mit den belgischen Dockarbeitern bezüglich des Boykotts der englischen Frachtdampfer zu verhandeln. Sie wurden im Volkshause empfangen und erhielten dort die schriftliche Zusage, daß sofort eine Sympathieadresse in diesen Sinn von den Brüsseler Arbeitern angenommen werden würde. Die Delegierten reisten alsdann nach Gent, wo sie die gleiche Zusage erhielten. Andere Vertreter der Amsterdamer Dockarbeiter reisten nach Bremen, Hamburg, Marseille, Havre, Genua und Newyork, um auch dort die Zusagen bezüglich des Boykotts ein— zuholen. Sobald diese Zusagen im Prinzip erteilt sind, wird das Komitee der Amsterdamer Dockarbeiter der englischen Regierung hiervon Mitteilung machen, mit der Bemerkung, daß der Boykott am 1. Januar 1902 in Kraft treten wird, falls bis dahin der südafrikanische Krieg nicht beendet sei.— Daß durch einen derartigen, wenn auch nur teilweisen Boykott, dem englischen Handel empfindlicher Schaden zugefügt werden kann, leuchtet ohne Wetteres ein. Gewiß kann man über die Zweckmäßigkeit dieser Maßregel verschiedener Meinung sein, möglich auch, daß dadurch der Friede nicht hergestellt wird; sicher ist aber das opferwillige Vorgehen der braven Arbeiter nur anzuerkennen und steht himmelhoch über dem faden Geplärre gewisser„alldeutscher“ und sonstiger Burenfreunde. Den Burengeneral Botha wollen die Engländer„beinahe“ gefangen haben, er ist aber wieder entschlüpft. Dagegen erlitten die Engländer in der Nähe des Marrico-Flusses eine gehörige Schlappe. Arbeiterbewegung. T Mit dem neuen Buchdruckerterif sind die Buchdrucker nicht überall zufrieden. In zahlreichen Versammlungen wurde besonders der Staffeltarif eine Verschlechterung genannt; auch die Antelegraphierung des 12000 Mark⸗ Grafen Posadowsky durch Vertreter der orga— nisierten Buchdrucker wurde vielfach kritisiert. Eine Hamburger Versammlung beschloß folgende Resolution:„Die am 13. Oktober 1901 in Schwaffs Ballhaus zahlreich versam⸗ melten Hamburger Buchdruckergehilfen erklären sich mit dem Resultate der Tarifberhaudlungen durchaus nicht befriedigt, da die eingetretene Erhöhung von 7½ Prozent nicht entfernt die seit 1896 eingetretene Verteuerung aller Lebens⸗ bedürfnisse ausgleicht. Allermindestens erwar⸗ teten die Hamburger Buchdrucker eine ent⸗ sprechende Erhöhung des Lokalzuschlages. Eine wesentliche Verschlechterung des Tarifs erblickt die Versammlung in der Einführung des Staffel⸗ tarifs, zu der ein zwingendes Bedürfnis in den letzten fünf Jahren der Tarifgemeinschaft sich nicht ergeben hat. Die Hamburger Gehilfen erblicken in dem Resultat der Tarifvereinbarung eine Ausnutzung der gegenwärtigen wirtschaft⸗ lichen Krise seitens der Prinzipale durch ihre Vertreter, die mit dem Geiste einer Tarifgemein⸗ schaft unvereinbar ist. Gleichzeitig drückt die Versammlung ihr Befremden aus über die all— zugroße Nachgiebigkeit der Gehilfenvertreter bei den Verhandlungen. Ende des Tabakarbeiterstreiks. Wie die Erfurter„Tribüne“ berichtete, wurden die Kommissionen der Tabakarbeiter nochmals bei den acht Fabrikanten vorstellig, um bezüglich der Einstellung der Arbeiter zu unterhandeln. Die Fabrikanten erklärten zunächst, einen kleinen Teil einstellen zu wollen. Hierauf wurdeu die Abstimmungen in den einzelnen Fabriken vor⸗ genommen und einigte man sich überall dahin, den Widerstand des ungünstigen Standes des Kampfes wegen aufzugeben. Das wirk⸗ liche Ende des nunmehr in der 27. Woche tobenden Kampfes dürfte nach den gegebenen Verhältnissen noch eine Zeit ausstehen. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, nehmen die ein halbes Jahr im Kampfe ge⸗— standenen Tabakarbeiter die Arbeit wieder auf. Das Koalitionsrecht ist errungen. Die acht Fabrikanten haben erklärt, nichts gegen den Verband fernerhin unternehmen zu wollen. Der größte Teil der Kämpfenden liegt zur Zeit noch auf der Straße und ist die Not in den Reihen der Männer und Frauen eingerissen; die Unterstützung ist deshalb nach wie vor eine Notwendigkeit. Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. pon nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns federzeit will kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich ae Gewissenhaftigkett dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiden. Gießener Angelegenheiten. Zur Stadtverordnetenwahl! Wir machen unsere Genossen nochmals auf die bevorstehende Wahl der Gemeindevertretung aufmerksam. Wie verlautet, soll dieselbe am 14. November stattfinden. Jeder unserer Freunde hat die Aufgabe in seinem Bekannten„Collegen und Freundeskreise für die Wahl der von uns aufgestellten Kandidaten zu wirken.— Für den Bezirk Grünbergerstraße und Umgebung findet Samstag Abend 9 eine Wähler versamm⸗ lung im„Mainzerhof“, Grünbergerstr., statt, in der die Genossen Krumm und Keßler über die Bedeutung der Stadtverordnetenwahl sprechen werden. — Geheimer Justizrat Dr Reatz. In Nr. 42 dss. Blattes mußten wir uns leider mit der Aufsichtsratsthätigkeit des oben genannten Herrn beschäftigen. Zu diesem Artikel schweigt Herr Reatz genau so, wie zu den recht deutlichen Ausführungen der„Frankf. Zeitg.“ und im„Berliner Tage⸗ blatt. Es scheint also festzustehen, daß die egen Herrn R. erhobenen Vorwürfe begründet nd. Laut„Frkftr⸗Ztg“ vom 27. Oktober hat man in der neuerlichen General-Versammlung wiederum Herrn Reatz vorgeworfen, daß er ein „freventliches Spiel“ getrieben habe. Kann man gegen Jemand einen schwereren Vorwurf erheben? Schweigt Herr Reatz auch diesem Vorwurf e dann dürfte es an der Zeit sein, daß sich die Anwaltskammer und noch andere Stellen der Sache annehmen. Daß ste nicht totgeschwiegen und vertuscht wird, dafür werden wir nach Möglichkeit sorgen. Den Gießener Bäckermeistern muß der Konsumverein arg im Magen liegen, sie haben offenbar Angst, daß ihr wahr⸗ haftig nicht kleiner Profit durch Konsumgenossen⸗ schaften auf ein normales Maß zurückgeführt wird. In einer Versammlung am Mittwoch Abend beschloß die ehrenwerte Zunft, keine Backwaren an den Konsumverein zu liefern. Wer gegen den Beschluß verstößt, soll 300 Mk. Kondentionalstrafe zahlen; außerdem soll in diesem Falle der Preis des Brotes allgemein um 4 Pfg. der Laib her⸗ abgesetzt werden. Das beweist also, daß die Ritter vom Backtrog bisher für jeden Laib Brot 4 Pfennige zuviel genommen haben. Möglich ist das schon, denn als das Oktroi für Mehl abgeschafft wurde, behielten die Herren die alten Preise bei, wodurch ihnen Zehntausende Mark Liebesgaben zufielen. Hoffentlich findet sich zum Heile der Bevölkerung ein Bäcker, der für den Konsumverein liefert, daun wird wenigstens das Brot billiger! Man sieht, welchen Nutzen für die Gesamtheit der Konsumverein stiftet, Grund für Jeden, ihm beizutreten! Die teig⸗ knetenden Zünftler werden ihn in seiner Ent— wickelung nicht stören! — Geflügel- und Vogel⸗ Aus ⸗ stellung. Wir machen auch an dieser Stelle auf die höchst sehenswerte Ausstellung von Geflügel und Vögeln, welche am Freitag, Sams— tag und Sonntag im Etablissement Philosophen⸗ wald stattfindet, aufmerksam. Liebhaber von Tieren, sowie Freunden der Vogelwelt ist der Besuch der aus ganz Deutschland reichhaltig beschickten Ausstellung nur bestens zu empfehlen. Besonders für unsere ländlichen Leser ist es gewiß interessant, die schönen Tiere zu betrachten. —Aufdie Rezitation des Herrn Walkotte nächsten Donnerstag in Lonys Bierkeller weisen wir nochmals hin. l — Eintracht. Das Winterfest des Arbeitergesangvereins„Eintracht“, das amSams⸗ tag im Leibschen Saale abgehalten wurde, er- freute sich eines sehr starken Besuches und ver⸗ lief in der schönsten Weise. Die Gesangs— und sonstigen Vorträge, wie auch das Theater- stück wurden recht gut ausgeführt und mit vielem Beifall aufgenommen. Nach Beendigung des Programms folgte Ball, welcher die Teilnehmer bis spät zusammenhielt. i — Mit der Lage der Konfektions⸗ schneider beschaͤftigte sich eine am Dienstag im Orbig'schen Lokale stattgefundene recht gut besuchte Schneiderversammlung. Von Seiten des Schueiderverbandes ist eine auf vie Kon⸗ fektions arbeiter bezügliche Petition aus⸗ gearbeitet worden, über welche öffentliche Ver⸗ sammlungen beschließen sollen. Darin sind die zur Beseitigung der Mißstände in der Koufektion notwendigen Forderungen formuliert, deren hauptsächlichste das Verbot der Mitgabe von Arbeit nach Hause an Werkstattsarbeiter, ferner die Ausdehnung der Schutzbestimm ungen der Gewerbeordnung, sowie der Arbeiter⸗ versicherung auf die Heimarbeiter sind. Koll. Mirus von Frankfurt begründete die in der Petition erhobenen Forderungen in klarer und eingehender Weise; wir behalten uns vor, später noch auf die teilweise sehr schlimmen Zustände in der een e zurück⸗ zukommen. Eine Resolution im Sinne des Referats fand einstimmige Annahme.— Der- selbe Gegenstand wurde auch in Versammlungen in Wetzlar und Marburg behandelt, wo Mirus ebenfalls referierte. Aus dem Rreise gießen. — Kontrollversammlungen im Kreise Gießen finden wie folgt statt: 1. In Gießen im Kasernenhofe am Brand für die Orte: Annerod, Allendorf a. d. Lahn, Burkhardgfelden, Gießen mit Schiffenberg u. Herrnwald, Großen⸗ Linden, Heuchelheim, Kleinlinden, Langgoͤns, Leihgestern, Oppenrod, Watzenborn und Stein- berg, Hausen. Es haben zu erscheinen: Am 4. November, vormittags 9 Uhr: Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1894 und 1895 eingetreten sind. Am 4. November, nachmittags 2 Uhr: Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1896 und 1897 eingetreten find. Am 5. November, vormittags 9 Uhr: Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in fund Jahren 1898, 1899 und 1900 eingetreten nd. Am 5. November, nachmittags 2 Uhr: Sämtliche zur Disposition der Truppenteile und der Ersatzbehörden entlassenen sowie alle übrigen im Reserveverhältnis stehenden Mann- schaften. 2. In Lollar am 6. November, vor⸗ mittags 8 Uhr; 3. In Grünberg am 7. November, vormittags 9½¼ Uhr; 4. In Hungen am 8. November, vor⸗ mittags 9½ Uhr; 5. In Lich am 8. November, nach⸗ mittags 3 Uhr für die zu den genannten Versammlungsorten gehörigen Ortschaften. Aus dem Rreise Friedherg-Büdingen. J. Friedberg. Das erste diesjährige Wintervergnügen der Gewerkschaften fand am Samstag Abend im Saalbau statt. Ein flott gespieltes Theaterstück leitete die Fest⸗ lichkeit ein. Dann folgten mehrere lebende Bilder, wovon das erste die„Forderungen der Arbeiter“, das zweite den„Weckruf an die in⸗ differenten Arbeiter“ darstellte. Drei Weitere folgten dem Gedankengange des bekannten Volks- liedes„Am Brunnen vor dem Thore“. Fraͤu⸗ lein Will trug dann das schöne Gedicht in meisterhafter Weise vor:„Und sie bewegt sich doch“. Zuvor hatte Genosse Repp eine Er⸗ läuterung desselben sowie eine kurze Biographie Galileis gegeben und so zum besseren Verständ⸗ nisse des schönen Gedichtes beigetragen. Sämt⸗ liche Darbietungen, um deren Arrangierung sich wiederum Geuosse Stenzel verdient ge— macht hatte, wurden dankbar angenommen und ganz besonders auch die Mühe, welche letzterer darauf verwendet hatte, allgemein 8 Hoffentlich stellt er seine Kraft in dieser Be⸗ ziehung noch recht oft in den Dienst der All⸗ gemeinheit. Den Schluß bildete der unver⸗ meidliche Tanz, der die Teilnehmer bis zum frühen Morgen zusammenhielt. 5 s. Graf Oriola, der agrarische Reichs⸗ tagsabgeordnete für unsern Wahlkreis erstattete 10 0 am Sonntag vor 8 Tagen in Wenings bei 1 Büdingen Bericht über seine Thätigkeit im cen Reichskage. Er sei für die Flottenvorlage ein. n getreten— führte er aus— wie nötig uns 3 eine große Flotte sei, habe sich im chinesischen a Kriege gezeigt. So eine thörichte Behauptung! tg Die Panzerkähne, welche nach Ostasien gondelten, haben mit dieser Reise doch gar nichts ausge? richtet, wie überhaupt der 9 Rachezug uns 1 nichts nützte, sondern höchstens lächerlich ge⸗ macht hat. Natürlich trat der Herr Graf für den Zolltarif ein, erklärte, die Regierungsvor⸗ lage sei das Al lermindeste, was die Land⸗ wirtschaft überhaupt verlangen könnte; ig, die Landwirtschaft hätte noch ganz andere Wünsche und er sei der Meinung, daß ein noch höherer Zoll verlangt werden müßte und er ache würde mit seiner ganzen Person dafür ein⸗ 5. treten.— Selbstverständlich, er müßte kein net Agrarier sein.— In der Diskussion ergriff al Genosse Harris⸗Himbach das Wort. Kaum fat Ju hatte er aber ein paar Minuten gesprochen, bc erklärte man ihm, er dürfe nur„Fragen stellen“, ade fe worauf H. natürlich verzichtele. Dem Herrn] ou Grafen war die Situation offenbar unan enehm ee geworden; Harris errinnerte ihn an verschiedene u der seiner nicht e Wahlversprechungen von a 1898 her. Mehreren von den 40 anwesenden 1 nationalliberalen Mannesseelen paßte das nicht ah und sie riefen dem Redner zu:„Hinaus mit 0 0 ihm!“ Daran erkennt man vaterländisch I det gesinnte Ordnungeleute. 1 — n. In Gambach fand am Sonntag d vor 8 Tagen eine gutbesuchte Versamm⸗ n fiut lung gegen den Zollwucher statt. den d Das Referat des Genossen Busold wurde ng beifällig aufgenommen; eine entsprechende Re- und solution fand einstimmige Annahme.. N u de Aus dem Rreise Wetzlar. ue h. We u finden in 171 Kreise Wetzlar wie folgt statt: In Wetzlar⸗ 1 Stadt: 6. November vorm. 8 Uhr; Weßlar⸗ e Land(für Hof Altenberg, Bahnhof ⸗ Wetzlar, Garbenheim, Nauborn, Niedergirmes, Oberbiel J d und Steindorf): 8. November vorm. 8 Uhr im fl. Schützengarten; in Dutenhofen(für Atzbach, 0 Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach und 1 la: hausen): 5. November 8 Uhr vorm.; in Krof 1 Ludto dorf(für Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Oden. 0 hausen, Salzböden, Vetzberg und Wismar): Wulf 5. November, 12 Uhr Mittags. de h. Nichts W und nichts ver wc gessen. Das Wort läßt sich mit Recht auf inge die Zünftler anwenden, welche noch immer nicht 0 eingesehen haben, daß mit Befähigungsnachwels, 9 Meistertitel, der ganzen Zwangsinnung und 1 1 anderen schänen mittelalterlichen Sachen das um Handwerk absolut nicht zu„heben“ ist. Am 9 nh allerwenigsten wird das bei dem Schuhmacher ⸗ bd handwerk möglich sein, weil in diesem Berufe 1 der Großbetrieb sich mehr als in jedem andern daf eingebürgert hat. Trotzdem wird von Seiten l der Handwerkskammer in Wetzlar an dem Zu⸗ a standekommen einer Schuhmacher⸗Zwangsinnung un gearbeitet. 5 ber Eine jüngst zu diesem Zwecke einberufene 18 Versammlung kam wegen schwachen Besuches 950 nicht zu stande, es soll deshalb ein zweiter Ver. ed uch gemacht werden. Den biedern Meistern ie lud die Mißerfolge der Zwangsinnungen ander⸗ 100 wärts wohl unbekannt geblieben, sonst würden sie es ablehnen, fur eine zwecklose Sache Opfer] in, zu bringen. ue aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. 0 — Die Petitionslisten gegen die Ge e treidezoll⸗ Erhöhung haben in Marburg über 1100 Unterschristen erhalten. Möchten dieselben. 0 mit dazu beitragen, das geplante Attentat auf 1 die Lebenshaltung der unteren Klassen abzu- c wenden! — Parteiversammlung. tag, den 9. November, abends 9 N im Lokale von D. Jesberg hier eine fag u liche Parteiversammlung mit eiger sehr— 1 haltigen Fee Zunächst 118. Genoffe Beckmann ⸗ Gießen über den d 101 00 jährigen Parteitag referieren; sodann erfo er de — 5 E. E 85 ati m Hinessch hauptun unde ts aug gehug uz aii g, Graf fl ungen die a e j, d 0 Munch höhet 5 Und el afür ch nüͤßte en U rhef kt. Rau gesprocen en stelle em Hemm nangenchn erschlehen ungen un anwesend e daß nig sinaus m merländic u Sonn ersann her fil d puh chende. . n fiden b in Wetzlar ö Wetlo. of⸗ Mela 3, Oberhl 8 Uhr für Achah Münchah in Kto bach, Ol Win icht l t Rech ll immer nac kunuug Sachel N10 U st. N ah esem Bac edem m bon Ei Nr. 44. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. sse Rechnungsablegung des Vertrauensmannes und der Kolportagekommission und hiernach die Neuwahl des Vertrauensmannes sowie des Preßkommissionsmitgliedes für Marburg, Möge s jeder Genosse als seine Pflicht erachten, zu scheinen. — Wegen Verbrechens im Amte wurde in der letzten Dienstagssitzung der Strafkammer iesigen Landgerichts der 26 jährige Postassistent Alfred Opificius aus Wiesbaden zu einer Gefängnisstrafe von 7 Monaten verurteilt. Der Angeklagte, welcher zuletzt in Gladenbach stand, par mit einer Dame in Wiesbaden verlobt, welcher er namhafte Geschenke in Schmucksachen gemacht hatte. Bei seinem geringen Einkommen (cg. 3.50 Mk. täglich) war es denn auch kein Wunder, daß er in Schulden geriet. So hatte er u. a. an einen Juwelier in Breslau noch 75 Mk. zu zahlen, den er aber durch allerlei Manöver längere Zeit hinzuhalten wußte, bis derselbe endlich klagte. Die Briefe des Bres⸗ lauer Juweliers an das Amtsgericht in Gladen⸗ bach brachte der Augeklagte beiseite Schließlich wandte sich der Juwelier an die Ober postdirektion und so kam die ganze Geschichte heraus. Der junge Mann stammt aus einer geachteten Familie. Zur Befriedigung der standesgemäßen Ansprüche langte eben das Gehalt nicht. — Die Universität weist in diesem Semester einen ziemlich starken Besuch auf, es sind schon mehr als 1000 Studierende anwesend. Mit deren Ankunft haben auch die nächtlichen Skandale wieder begonnen. So fand in der Nacht zum Montag voriger Woche am Steinweg ein fürchterlicher Spektakel statt. Aber hiermit allein begnügten sich die Herren mit der„höheren Bildung“ nicht, sie stürzten vielmehr noch ein ganzes Stück des Straßengeländers mitsamt den Steinen und einem Teil der Mauersteine auf die Plantage hinab. Von unseren Nacht- wächtern und der Polizei ließ sich niemand sehen, trotzdem der Tumult wohl eine Stunde andauerte. Die Stadtverordneten wahl in Offenbach findet am nächsten Mittwoch, den 6. November statt. Unsere Genossen haben am letzten Sams⸗ tag ihre Kandidatenliste veröffentlicht. Sie stellen nur zehn Kandidaten auf, obwohl 15 Stadtverordnete zu wählen sind. Von Seiten der Gegner wird in Offenbach mit den bekannten Mitteln der Verdächtigung und Verleumdung gtarbeitet, um den Sieg unserer Genossen zu vereiteln. Das wird ihnen hoffentlich nicht gelingen. Antisemiten⸗ Disputation. Auf die Angriffe des Antisemiten v. Mosch in der Staatsb.⸗Ztg., die wir in letzter Nummer wiedergaben, antwortet der antisemitische Reichs⸗ tagsabgeordnete Bindewald, daß Herr v. Mosch „in der Weise Don Quixotes mit bekannter Tapferkeit“ zu Felde ziehe. Bindewald be⸗ hauptet, die Gespensterfurcht mache Herrn v. Mosch in Verbindung mit seinen Phantaste⸗ reien nachgerade überall zur komischen Figur. Herr v. Mosch sei gleich bei der Hand, dle Behauptung vor Gericht zu beeiden, daß Binde wald erklärt habe, beantragen zu wollen, daß die deutsch⸗soziale Reformpartei zum Volksbund übertrete. Dies beweise„höchstens einen Leicht⸗ finn in der Auffassung dessen, was ein Eid ist, der geradezu ans erstaunliche grenzt,“ weiter beweist es aber auch nichts.„Daß Herr v. Mosch die Gelegenheit benutzt, mitzuteilen, daß er von mir erfahren habe, in unserer Parteikasse seien bei den letzten Hauptwahlen pro Wahl⸗ kreis ganze 90 Mk. gewesen, so ist diese Mitteilung zwar an sich richtig, aber eine Indiskretion bleibt sie auf alle Fälle. Herr v. Mosch zeigt hier sein wahres Gesicht. Man sieht, wie vorsichtig man Leuten wie Herrn v. Mosch gegenüber sein muß. Was würde dieser Herr dazu sagen, wenn ich private Aeuße⸗ rungen, wie er sie z. B. über Herrn v. Lieber⸗ mann gemacht hat, preisgeben wollte, den er jetzt als Eideshelfer anrufen möchte. Der„auf deutscher Hochwacht“ stehende Herr Hans v. Mosch scheint keine Skrupel dabei zu empfinden, wenn der Zweck die Mittel heiligen soll.“ Wir wissen nicht, ob Mosch, der Bindewald Gemeinheit und Verleumdung vorwarf, oder Bindewald, der Mosch des Meineids für jähig hält, Recht hat. Vielleicht alle Beide. Kleine Mitteilungen. »* Bei der Wiesecker Bürgermeist er- wahl siegte der bisherige Bürgermeister Sommerlad mit 285 Stimmen. Der Gegner erhielt 105. * Selbstmord. In Rödgen bei Nau⸗ heim erhängte sich vorigen Samstag der Gemeinderechner K. Hartmann. Zu diesem Schritte sollen den Mann, der als vermögend galt, Zahlungsschwierigkeiten veranlaßt haben. * Durch Explosion einer Petroleum⸗ lampe gerieten am Montag in Cassel die Kleider einer Frau und deren drei Kinder in Brand. Die Frau ist sehr schwer, die Kinder leicht verletzt. * Leopold Sonnemann, der Heraus- geber der„Frankfurter Zeitung“, Stadtver⸗ ordneter in Frankfurt, vollendete am 29. Oktober sein stebzigstes Lebensjahr. Bis 1884 war er auch Reichstagsabgeordneter für Frankfurt; bei der damaligen Wahl eroberte unsere Partei mit ihrem Kandidaten Sabor das Frankfurter Mandat und behauptete es bei allen folgenden Wahlen. * Durch Großfeuer wurde am Freitag eine Möbelfabrik in Philadelphia zerstört. Die Flammen griffen in dem neunstöckigen Hause so schnell um sich, daß sich viele Personen nicht retten konnten und 24 Menschen verbrannten. * Gatteumord. Vor einiger Zeit wurde die junge, erst 18 Jahr alte Ehefrau des Försters Lachmut in Merscheid bei Trier ver⸗ haftet, weil sie in dem Verdacht steht, ihren Mann vergiftet zu haben. Nunmehr ist auch der frühere Geliebte der jungen Ehefrau ein junger Beamter aus Gleiwitz in Schlesien, unter dem Verdachte der Mitthäterschaft an dem Gattenmord verhaftet worden. ** Ungetreuer Gewerkschaftskassie- rer. Der Kassterer der Breslauer Filiale des Malerverbandes, Th. Jörgler, wurde flüchtig. Er hat die im letzten Vierteljahr vereinnahmten Beiträge von 1014 Mk. mitge⸗ nommen. Auf seine Kollegen hat der Durch⸗ brenner stets einen soliden Eindruck gemacht; trotzdem ist auffallend, daß er über eine so hohe Summe verfügen konnte, weil überschüssige Gelder doch an die Hauptverwaltung eingesandt werden müssen. Vorkommnisse dieser Art müssen die Arbeitervereinigungen durch sorgfältige Aus⸗ wahl der Personen und strenge Kontrolle un- möglich machen. * Diebischer Priester. In Compiégne (Frankreich) wurde der kath. Priester Millot wegen Diebstahls verschiedener Kunstgegen⸗ stände, darunter eines Kruzifixes im Werte von 3000 Franks, verhaftet. Partei-Machrichten. Bruno Schoeulank gestorben. Am Mittwoch früh erlöste der Tod unsern Genossen, den Reichstagsab⸗ geordneten für Breslau⸗West und Redakteur der Leipziger Volkszeitung Dr. Bruno Schoenlank von dem schweren Leiden, das ihn im Frühjahr befiel. Mit ihm ging ein außerordentlich befähigter Schriftsteller und Jour⸗ nalist dahin; unsere Partei verliert an ihm einen mit reichem Wissen und auf allen Gebieten ausgestatteten Abgeordneten und unermüdlichen Kämpfer.— Schoenlank war 1859 als Sohn eines Lehrers in Mühlhausen i. Th. geboren. Er studierte in Berlin, Leipzig, Kiel und Halle Philologie und Nationalökonomie. Seit 1883 gehörte er der Partei an, war Redakteur in München, Nürnberg und sei 1890 am„Vorwärts“. 1894 übernahm er die Redaktion der„Leipz. Volksztg.“, aus der er ein großes und angesehenes Blatt machte.— Dem Reichstage ge⸗ hörte er seit 1898 an. Die Partei wird dem gefallenen Streiter ein dauerndes Andenken bewahren. — Ju Sachen der Hamburger Akkord⸗ maurer scheint Aussicht auf eine Verst ändigung vorhanden zu sein. Wenigstens erklärte sich eine Ver⸗ sammlung der Akkordmaurer dafür und wählte 9 Personen, die im Verein mit der von den Hamburger Parteivereinen gewählten Kommisston und 9 Verbandsmaurern eine Einigung anbahnen sollen, Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Diejenigen Vertrauensleute, welche noch im Besitz von Petitionslisten find, wollen solche sofort an mich zurücksendenz oder auch am Sonntag zu der Kon⸗ ferenz in Rodheim mitbringen. H. Busold. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 10. November, nachmittags 3 Uhr, findet in Alsfeld im Lokale„Zur Pfeffer⸗ höhe“ eine Kreiskonferenz statt mit der Tages⸗ ordnung: 1. Bericht des Vorstands vom Kreiswahlverein und Neuwahl desselben; 2, Bericht des Kreisvertrauensmannes und Neuwahl desselben; 3. Die Agitation im Wahlkreis; 4. Verschiedenes. Die Genossen werden ersucht, fich zahlreich zu be⸗ teiligen und die Wahlen der Delegierten sofort vorzu⸗ nehmen. Der Kreisvertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 2. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 4. November. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 5. November. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Briefkasten. R.⸗Marburg. Traf zu spät ein; wir wollen das Kapitel nächstes Mal vornehmen. F—.— B—— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebote. 22. Adolf Schmall Schlosser⸗ mit Minna Nahrgang, dahiler. 23. Heinrich Unverzagt Unteroffizier dahier mit Anna Platt in Biebrich. 24. Otto Heib, Schlosser mit Christiane Schultheis dahier. 25. Karl Borst, Photograph, mit Marie Christine Schulze, dahler. 28. August Selpp, Wagner dahier mit Elise Jäckel in Leusel. 29. Emil Jüngst, Dr. phil. in Essen a. Rhr., mit Karoline Prinz dahier. 30. Philipp Möbus, Fuhrmann, mit Elisabeth Henkel, dahier. Wilhelm Schmidt, Bahnarbeiter, in Alten⸗ Buseck mit Katharine Hartmetz dahier. Eheschließ ungen. 25. Johannes Find Schneider, dahier mit Helene Herzinger in Wächtersbach. 26. August Ockel, Magazinverwalter, mit Anna Köhler, dahier. 31. Ludwig Becker, Sergeant mit Elisabethe Vogel, dahier. Geborene. Dem Zimmermeister August Helfen⸗ bein e. S. Dem Weißbindermeister Karl Nikolaus e. S. Dem Schlosser Heinrich Höbel e. T. 19. Dem Schuh⸗ macher Heinrich Aff e. T. 21. Dem Ingenieur Albert Kosche e. S. Dem Metzger Max Langzettel e. S. Dem Schneider Karl Göbel e. S. Dem Taglöhner Peter Theiß e. S. 27. Dem Fabrikarbeiter Heinrich Nachtigall e. S. Dem Südfrüchtehändler Johann Baptist Toscani e. T. Dem Auslaufer August Kersten e. T. Dem Kellner Martin Stockert e. T. Dem Dienstmann Wilhelm Gelzenleuchter e. S. 27. Dem Landbriefträger Ludwig Jung e. S. 31. Dem Schlosser Heinrich Storck e. S. Gestorbene. alt, Kaufmann dahier. Am 24. Wilhelm Textor, 29 Jahre 27. Karl Vetzberger, 61 Jahre alt, ohne Beruf, dahier. Karl Hägele, 56 Jahre alt, Weißbinder dahier. 29. Johann Lapp, 3 Mte. alt, Sohn von Dachdeckermeister Johann Lapp dahier, 30. Wilhelm Schmidt, 12 Jahre alt, Sohn des Fuhr⸗ manns Karl Schmidt III dahier. Karoline Fischer, geb. Bieber, 75 Jahre alt, Witwe des Güterexpeditions⸗ vorstehers Ludwig Flscher dahier. 2—— Gießener Stadttheater. Sonntag, den 3. November 1901: Das Milchmädchen von Schöneberg. Posse in 3 Akten von Mannstädt. Dienstag, den 5. November 1901: Volkstümliche Vorstellung: 4 Die Hoffnung. (Op Hope van Zegen). Seestück von Heyermann jr. Mittwoch, den 6. November 1901: Das Bild des Signorelli. Schauspiel in 4 Akten von Richard Jaffe. Freitag, den 8. November 1901: Leontinens Ehemänner. Schwank in 3 Akten von Alfred Capus. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 22 M CD „ AUnterhaltungs-Ceil. ———————ů 2 Berbst. Im Garten welkt dahin die letzte Rose, Und öder wird es dort mit jedem Tag, Trübes verheißend blüht die Herbstzeitlose Am abgemähten fahlen Wiesenhag. Da ist die Seit, die uns viel Schaden kündet Und wo des Herbstes Nebel uns bedroht, Wo man so wenig Sonnenschein noch findet Und die Natur sich schickt zu Schlaf und Tod. Wo uns der Herbstwind jene alte Klage Naunt in das Ohr, von der Vergänglichkeit, Wo tief uns sinkt der Schönheit goldene Wage, Wir selbst uns schmücken mit dem Trauerkleid, Doch zu verzagen, wie wär' es vermessen, Uns zeigt die Hoffnung ewig neue Spur; Wir dürfen nie, auch heute nicht vergessen: Ein neuer Lenz schmückt wieder unsre Flur! Drum spannen wir uns eine goldene Brücke, Hinüber bis zur Zukunft lichten Höh', Dann fürchten wir nicht mehr des Winters Tücke, Uns treibt die Hoffnung Blüten unterm Schnee! Frida Pritzlaff. Der Korrekte. Von Hans Heinrich. Er hieß Otto von Bodenstedt. Tadellos war seine Kleidung, tadellos seine Frisur, tadel⸗ los der ganze Mensch. Schon seine Geburt vollzog sich unter absolut normalen Umständen und ohne jeglichen Zwischenfall. Mit einem Jahre konnte er gehen, nach einem weitern halben Jahre fing er an zu sprechen. Alles verlief normal und korrekt. Als er sechs Jahre alt war, kam er zur Schule. Er war artig, folgsam und fleißig, brachte genügend gute Zeugnisse nach Hause und blieb niemals„sitzen“. Er machte sein Abiturium, bezog die Universität und trat in ein schlagendes Korps ein. Auf den Kommersen trank er als junger Fuchs schon seinen Ganzen wie ein altes be⸗ moostes Haupt, und wenn ihn ein Mensch fixierte, schickte er ihm seine Karte, um die Beleidigung mit dem Schläger in der Hand zu rächen.— Nachdem er Assessor geworden war, lernte er die reizende siebzehnjährige Tochter eines armen Handwerkers kennen. Selbstverständlich nahm er an, daß er von dem Mädchen geliebt würde, und weil er ein gutes Herz besaß und nicht das Objekt einer unglücklichen Liebe sein wollte, liebte er sie wieder, ging mit ihr aus und schnitt ihr nach allen Regeln der Kunst die Kour. So ein junges, armes Mädchen mußte doch auch etwas vom Leben haben. Die kleine Gertrud war ganz verschossen in ihn, vertraute ihm wie einem Gotte und meinte, es müsse immer so bleiben. Sie malte sich aus, wie schön es sein würde, wenn sie nun erst seine angetraute Frau sei! Otto hatte ihr zwar nicht direkt gesagt, daß er sie heiraten wollte — aber das konnte doch gar nicht anders sein, zumal sie so intim mit einander verkehrten.. Schließlich war es denn so weit. Sie beichtete es ihrem Vater. Im Dezember würde das Kind kommen und jetzt war es Juni. Der Alte schimpfte und fluchte auf Gott und die Welt und weinte bittere Zornesthränen in seinen grauen Bart, denn Trudel war sein einzigstes Kind. Dann ging er hin zu dem Verführer. Herr Otto von Bodenstedt empfing ihn sehr liebenswürdig, bat ihn, Platz zu nehmen, und bot ihm eine Zigarre an. Der alte Vater war aber zu ungebildet, um dieses korrekte Betragen würdigen zu können: er blieb stehen und fragte, 15 557 von Bodenstedt denn nun zu thun gedenke. Ganz erstaunt sah Herr von Bodenstedt den alten Mann an. Was er zu thun gedenke? Selbstverstandlich würde er seinen Verpflichtungen in jeder Weise gerecht werden, entweder in Form einer monatlichen Rente oder einer einmaligen Abfindungssumme, ganz wie es dem Herrn Papa beliebe! Der alte Vater wußte nicht, was er sagen sollte. Schließlich aber übermannte ihn ein ganz unmotivierter Zorn und er schleuderte Herrn von Bodenstedt einige Sätze ins Gesicht, die von gemeiner Handlungsweise, ehrloser Gesinnung und dergleichen sprachen. Zu solch ungerechtem Urteil kann der Zorn den Menschen hinreißen! Ja, der Alte ging sogar noch weiter: als von Bodenstedt ihn nun an den Armen faßte, um ihn sanft hinauszusühren, schlug der Mann ihn mit der Faust ins Gesicht! Darauf warf von Bodenstedt ihn natürlich die Treppe hin⸗ unter, denn das durfte er sich nicht gefallen lassen! Satisfaktionsfähig war der Kerl ja nicht— also handelte er vollständig richtig. Bedauerlicherweise brach der arme Mann beim Herunterfallen sich beide Beine. Dafür konnte von Bodenstedt natürlich nicht; auch das Gericht sprach ihn auf erhobene Anklage der Körperverletzung nichtschuldig, denn er hatte in der Notwehr gehandelt, also vollständig korrekt. Auch daß Trudel sich durch Ertränken im nahen Flusse das Leben nahm, darf man nicht auf das Konto von Bodenstedts setzen, denn er hatte seine Pflicht gethan, indem er sich zur Erstattung sämtlicher entstehenden Kosten und zum Unterhalt des zu erwartenden Kindes bereit erklärte.— 5 Um diesen trotz alledem etwas unangenehmen Vorfall einigermaßen zu vergessen, suchte er Zerstreuung bei der Frau seines Freundes, des Rittmeisters von Roßkamp. Diese war ein junges, ziemlich unerfahrenes kleines Frauchen, aber sehr hübsch und sehr liebenswürdig. Ste liebte ihren Mann ganz außerordentlich und war ihm bisher mit jeder Faser ihres Herzens treu gewesen. Sie konnte reizend plaudern; halb naiv, halb kokett. Was Wunder, daß Otto mit Vergnügen ihre Gesellschaft suchte? Namentlich dann suchte, wenn sein Freund, der Gatte dieses entzückenden Wesens, nicht zu Hause war? Uebrigens ver⸗ nachlässigte von Roßkamp seine liebenswürdige Frau ein wenig; er saß gern im Kasino und hatte die Leidenschaft, manchmal bis spät in die Nacht hinein zu spielen. Er spielte nicht hoch, aber eben sehr lange. Dies war nun weniger seiner Frau als Otto angenehm, zumal von Roßkamp seinen Freund bat, seiner Gattin in solchen Fällen Gesellschaft zu leisten Eines Abends kam der Gatte, wie es denn so geht, früher nach Hause, als man erwartet hatte. Er hätte das nicht thun sollen, denn er zerstörte damit sein Eheglück. Er fand seine Gattin und den Freund in einer Situation vor, die jeglichen Zweifel über den Zweck derselben ausschloß. Otto von Bodenstedt schlug selbstverständlich sofort die Hacken zusammen und stellte sich zu Roßkamps Verfügung. Er zeigte damit wieder einmal, daß er ein Mann von Welt sei und stets wußte, wie er zu handeln habe. Am andern Morgen um fünf Uhr ging denn auch die Knallerei los. Kugelwechsel auf zehn Schritt Distanz bis zur vollständigen Kampf⸗ unfähigkeit des einen Gegners. Roßkamp schoß und fehlte. Bodenstedt, welcher bedeutend besser schießen konnte, knallte ihn nieder. Sterbend wurde der Rächer seiner Ehre nach Hause gefahren, während Bodenstedt sich eine Zigarette anzündete, die Hände in die Tasche seines Sommerüberziehers steckte und mit seinen Sekundanten in die Kneipe ging. Er hatte seine Schuldigkeit gethan. Nachdem dieses sich ereignet hatte, war er der Löwe der Gesellschaft, das Entzücken der Damen, die Schwärmerei der Backfische. Die Herren begrüßten ihn mit Hochachtung und aufrichtiger Bewunderung und die Gattinnen derselben warfen ihm manchen verheißungsvollen Blick zu, namentlich diejenigen, welche ältliche, gebrechliche Männer hatten.— Er reagierte jedoch vorläufig nicht auf diese Lockungen, denn Wichtigeres stand für ihn auf dem Spiele. Es galt, einen gut dotierten Posten un der Verwaltung zu bekommen, der von mehreren ausgezeichneten Männern umworben war. 3 diesen gehörte auch er. Zwar war er der Jüngste unter den Anwärtern— aber war er nicht der Makelloseste? Ja, er war es, denn die Andern hatten, wie er in Erfahrung gebracht hatte, sämtlich irgend einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit. Der Eine hatt ein armes Mädchen geheiratet, welches ihm schon!“ sechs Monate nach der Hochzeit einen Sohn gebar... Der Andere hatte als Leutnant eine Broschüre über ein sozialpolitisches Thema ge⸗ schrieben und deshalb sein Abschiedsgesuch ein reichen müssen; der Dritte hatte sich vor Jahren von einem betrunkenen Studenten„Esel“ schimpfen ö lassen und ihn nicht gefordert; der Vierte halle sich einmal von einem Arbeiter anrempeln lassen und ihn nicht geohrfeigt. Und so weiter. Solche Männer durften doch unmöglich in 0 ein Amt berufen werden, das neben außerge⸗ ö wöhnlichem Wissen auch besonderen Takt und vor allen Dingen einen tadellosen Ruf erforderte. Also war er verpflichtet, die Thatsachen, die 135 den Ehrenschild der andern Bewerber beflecktem, 0 fl zur Kenntnis der maßgebenden Kreise zu bringen und sich, den in jeder Weise Korrekten, in das 0 955 Au zu setzen. Und er that es und erhielt as Amt.— Gen Er war inzwischen dreißig Jahre alt ge⸗ 1 500 worden und noch immer unbeweibt. Nun, nach⸗ dem er sich eine einflußreiche, gut dotierte Lebenz⸗ U stellung errungen hatte, mußte er auch einmal den an das Heiraten denken. Er wollte auch in du, dieser Beziehung seine Pflicht als Staatsbürger(Vene erfüllen. Also ging er auf die Brautschaun. Nachdem er Umschau unter den Töchtern der Stadt gehalten hatte, kam er zu der Ein⸗ sicht, daß ihn eine besondere Neigung zu der Tochter des Oberbürgermeisters hinziehe. Diele EIL 1 war zwar kein Ausbund von Schönheit und Geist, aber sehr tugendhaft und absolut makellos, Der beste Beweis dafür war, daß keine der ehrenwerten ältern Damen der Stadt über see sprach. N rr! (Schluß folgt.) at u rech Gemeinnütziges. Die Mauserzeit der Hühner begimt gegen den Herbst und dauert sechs bis acht Wochen. Während dieser Zeit verlangen die Tiere eine ganz besondere Pflege. Da bei der Mauser die alten Federn absterben und nach und nach durch neue ersetzt werden, so ist dies so anstrengend für die Hühner, daß sie sich dabei unwohl befinden und das Legen einstellen, 5 2 == S Sr 8 1 7 Während der Mauser sind die Tiere auch sehr empfindlich gegen Nässe und Kälte, und müssen daher einen warmen Stall und kräftiges Futter haben. Betifedern reinigt man, indem man einen kupfernen Waschkessel über einem gelinden Kohlenfeuer erwärmt, die Federn in kleinen Quantitäten hineinthut und sie recht oft mii einem Stock umwendet. Sobald die Feder ihr Volumen erweitern, nimmt man sie zun Abkühlen aus dem Kessel und füllt sie in de, neuen oder gereinigten Bettschläuche. N Das Faulen der Kartoffeln in 79 0 Kellern verhindert man durch Dazwischenstre. von ungelöschtem Kalkstaub. 0 Humoristisches. 00 Eingelenkt.„. Schade, daß Sie Vegetarlan“ sind! Ich hatte Ihnen eine Wurst von meinem gestern geschlachteten Schwein zugedacht!“—„Nun, einen 4 kleinen Bekehrung s versuch könnten Sie ja immerhi machen!“ a Vor⸗ u. Rückseite eines Abreißkalenders. Wir leben nicht, um zu essen, sondern wir essen, um du leben.— Rückseite) Krebssuppe, Rheinsalm mit 3 Gänsebraten mit Rosenkohl, Spargelgemüse, Salat Kompott. Pariert. An einem Tische im Restaurant sttzet mehrere Studenten, an einem anderen Tisch ein een Ei Herr, vor den soeben ein Student getreten ist. Studen! Il „Mein Herr, Sie haben in auffallender Weise unserer Tisch fixiert, Sie werden mir Genugthuung geben!“ Herr:„Bitte sehr gern. Nehmen Sie Plat und fixieren Sie den meinen!“ Nr. 44. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. 0 9 N verbunden mit der War g ern chen den großen Räumen des Etablissements„Philosop une Eröffnung der Ausstellung Freitag, den 1. November, u , Agen, Geflügel- u. Vogel- Ausste fung e. Proy.-Verbands-Ausstellung Operhess. Geflügelzüchter- Vereine henwald“ zu Giessen. Aar achm. 2 Uhr, sowie Samst e bn 2. l e den 3. November, vorm. von 9 bis l 7 e 1000 von g ner as: Großes Concert in der Zugstellung. Ale hh SO0O Stämme Rasse-, Nutz- und Zierzeflükel 65 ihm U Kanarlen-Konkurrenzaänger, Abteil. für Vögel, Geräte u. Gehauer ete. einen Eintrittspreise: Freitag den 1. November, nach der Eröffnung 3 r.. d g à Person 50 Pfg., Sonn⸗ cut lig den 3. November bis 12 Uhr Mittags 50 Pfg. à Person. Während der übrigen Zeit à Person Then Pfg. 55 8 1 5 unter 10 Jahren zahlen die Hälfte.— Geschlossene Klassen der Volksschulen in Be⸗ döges% geitung der Lehrer zahlen am Samstag bis Vormittag 10 Uhr Mk. 3.— pro Klasse, doch wird um much% urherige Meldung gebeten. Vor Je Nee d h 6 5 11 5 Frdl. Stübchen 0 Deutscher Holzarbeiter-Verband. fü einen rugigen, sollden drr eln la 1 eiter zu vermieten. Näheres wein Zahlstelle Giessen. Schützenstr. 4, 1 Treppe. unmöglih amstag, den 16. No 5 31; 10. Stiftungsfest e uf erf 0 uppen Verzierungen. 5 5 0 5 5 Kurzwaren und Gebrauchsartikel. „0 9. bestehend in Neuheiten in 10 u. 50 Pf.⸗Artikeln. 11. a Musik⸗ u. Gesangsvorträgen, Deklamationen, Theater 5 Preisliste 231 0 e Wieder⸗ zu buch und IB ALI. verkauf! ten, in Friedr. 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Müll 0.— 11 hrten sind zu haben bei den Herren H. Schneider, Sonnen⸗( C. Müller, Langgons. aße 26, Karl Orbig, Rittergasse 17, L. Löb, Wiener Hof, 1 1 sowie bei sämtlichen Kartell-Mitgliedern. V N * N Diret aus dem Pberbrn N ache Marburg. ere e Fee Da 5 1 Sonnabend, den 9. November, abends 9 Uhr: 115 droben Beifall aufgenommenen hen und i O ö* 3 1 0— a Oeffentl. Paärteiversammlung ⸗Gänsefedern? bat fe f U berg' 2 2 2 eise per Pld.; Gänseschlachtsed. wie daß f im Jesberg'schen Coal, Wehrdaerweg 2. fte gtupft werd, 1 50 M., auge g fe gage ardnung F re Nc 1. Vortrag des Gen. Beckmaun⸗Gießen: Der Parteitag; ift hin und wied. eine graue feed. vor. S Ib f 5 en des Vertrauensmannes; i ern 43 1 3. Abrechnung der Kolportage; volldaunige Federchen 2, n e 2 üftiges 0 5 Neuwahl des Vertrauensmannes; 0 ee e 5. Neuwahl des Preßkommissionsmitgliedes; halbw. 2,50, weiß 2,75, 3,00, 3,50, schne⸗ idem.. 6. Verschiedenes. 8 weiß 4.00, schneew., sehr daunig 450 M. ile Ae Daunen, halbw. 3,50, weiß 4.50, hoch⸗ inen ul, Der Vertrauensmaun. prima 5,50 M. Cyines. Entensed. 9. 5, inelt. 50 Ker bie we 8 1 in He 5 ö 5 b e 2485 e l 65 SS Bee nenen e. en et 1— sermbglichen diese äußerst solid, ab. jest. ) die 14. 5 7 77 5 Preise Jedecbaare wird in mein Jabrit aun fa erren- u. Knaben-Anzüge delten gen der ende. gen lt se Tuche und Buxkin l Risiko. Jeder kann vorher fest berfichert 1 sein, daß er nur reelle Wa are erhält, die che., fl, Anfertigung nach Mass 75 ber bene ur eite und In Arx. f Sserkige Betten Preisliste ertrale he Markus Bauer, Giessen e Kirchenplatz II gegenüb, d. 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Stricken von Strümpfen, Röcken ꝛc. wird billigst besorgt. Auch stehen Musterröcke zum Anstricken gratis Verfügung. 5 2 2 Soeben beginnt der 20. Jahrgang der Neuen Zeit Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Unter ständiger Mitarbeiterschaft von A. Bebel, P. Lafargue, 25 Mehring, F. A. Sorge U. 2 redigirt von Karl Kautssiy. Die angesehene Stellung, welche sich die„Neue Zeit“ bei Anhängern und Gegnern der Sozialdemokratie erworben hat, verdankt die Zeitschrift ihrer Eigenschaft als Organ des wissenschaftlichen Sozialismus, nicht minder aber auch der einer volitischen Revue ersten Ranges. Die Er⸗ eignisse des Tages, die von weiter reichender Beden⸗ tung sind, werden, namentlich soweit sie auf die Arbeiterbewegung und den Sozialismus Bezug haben, eingehender besprochen, als es in der Tages⸗ presse möglich ist, während gleichzeitig die wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur und Kunst, der Naturwissenschasten und der Technik an⸗ gemessene Berücksichtigung sinden. Die„Neue Zeit“ darf als unentbehrliche Zeitschrift für alle diejenigen bezeichnet werden, welche ein mehr als flüchtiges Interesse für die große Tagesfrage der sozialen Entwicklung haben. Die„Neue Zeit“ erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buchhandlungen und Kolporteure zum Preise von Mk. 3.25 pro Quartal zu beziehen. Das einzelne Heft kostet 25 Pfennige. 2 Hochachtungsvoll J. H. W. Dietz Kachf., Stuttgart. Zu beziehen durch die Expedition der„Mitteldeutschen Souutags⸗Zeitung“ in Gießen, Sonnenstr. 25. Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nur durch ganz bedeutende Reise-Hüte von 98 Pfg. an. Garnierte Hüte für Damen u. Mädchen von 98 Pfg. an bis zu den hoch⸗ elegantesten. Kinder-Hüte, sehr kleidsame Formen, in allen Preislagen. Damen-Jacketts mit Klappe⸗Verzierung von Mk. 2.90 an. Damen-Jacketts in eleganter Aus⸗ führung von Mk. 5.— bis Mk. 30.—. Damen-Paletots von Mk. 10.— bis zu Mk. 40.—. Golf. 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