6 /. uo ꝙp Du its das uod 21D enen ui Ong a6 aan Iümtavatuzu ole 209189 9 r—.. N. 22, 8. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Gießen, Sonntag, den 2. Juni 1901. Mitteldeutsche Nedaktiousschluß: Donnerstag Nachmittag 4 57 n Abonnementspreis: Die Mttteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Eypeditton in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens ——x .——— —— Staatsmänner. Schon oft, wenn die Sozialdemokratie ihre auf Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat gerichteten Ziele darlegte, zuckten die Führer und Gelehrten des Bürgertums verächtlich mit den Schultern. Was? die Habenichtse, die Besitzlosen, woklen die Leute von Bildung und Besitz aus ihren Aemtern verdrängen, ihnen die Leitung der Staatsge⸗ schäfte, die Regierung aus den Händen nehmen? Lächerlich! Mangeln den Angehörigen der Arbeiterklasse nicht alle Kenntnisfe und Fähig⸗ keiten, deren Staatsmänner bedürfen? Und es wird über die„hirnverbrannte Anmaßung“ der Sozialdemokratie losgezogen. Aber nicht blos Verehrer des Bestehenden, auch Partei⸗ genossen haben sich schon dahin ausgesprochen, daß die Arbeiterschaft noch nicht soweit vorge⸗ schritten sei, um das Staatsschiff lenken zu können, im Falle sie die politische Nacht in Hände bekäme, was ja für die nächste 125 zum Troste für unsere. Spießer außer dem Be⸗ reiche der Möglichkeit liegt. Unser alter Lieb⸗ knecht trat aber dieser Anschauung die noch vor zwei Jahren in einer Versammlung in Pieschen bei Dresden entgegen, indem er darauf hinwies, daß man im Allgemeinen die Fähigkeiten der Regierungsleute viel zu hoch einschätze. Und wir müssen ihm bei allen Respekt vor den Kenntnissen unserer Regierungsleute zustimmen. Daß Sozialdemokraten eine bessere Politik machen würden, als die jetzigen Inhaber der Ministerstühle, beweist Genosse R. K. in der Münch. Post an der Hand von Thatsachen. In folgenden Ausführungen zeigt er in Bezug auf die jüngsten Ereignisse, daß sozialistische Steuerleute das Staatsschiff viel sicherer ge⸗ leitet hätten. Das Erste, was man von einem Minister verlangen muß, besteht doch darin, daß er die Folgen von Regierungsmaßnahmen ungefähr boraussieht. Ueberkommt ihn die Erkenntnis erst dann, wenn der Karren verfahren ist, so hilft dies dem Volk gar nichts, und ein solcher Minister verdient gewiß nicht den Titel Exzellenz, der bekanntlich auf eine vortreffliche Person hindeutet. Dummheiten erst einsehen, wenn sie zlücklich gemacht sind und die Bescheerung vor Aller Augen liegt, kann auch jeder andere Rensch, der nicht exzelliert. „Wie steht es nun bei den Herren Ministern, die das Reichsschiff steuern mit der Voraussicht der Folgen der Reichspolitik. An einigen sehr, sehr wichtigen Regierungsmaßregeln wollen wir bas untersuchen. Da find einmal die großen Flottenvor⸗— lagen von 1897 und 1899, sowie die Heeres⸗ korlage von 1899. Vor Allem verlangten die Narinevermehrungen unbändig viel Geld, aber her Herr Schatzsekretär Thielmann fand gar nichts dahinter. Er meinte, das Reich könne lie Mittel mit Leichtigkeit aufbringen, neue Steuern seien dabei gar nicht nötig. So sprach er 1897 im Reichstag:„Meine Kufgabe ist es, Ihnen zu zeigen, daß die An⸗ orderungen, die die Flottenvorlage an das keich stellt, die Geldauforderungen, sich har⸗ monisch in den Rahmen des Etats ineinfügen, ohne Zwang und ohne daß gend welche neue Deckungsmittel dafür erforderlich wären.“ Und hinsichtlich der Flot— tenvorlage 1899 meinte Herr Thielmann, daß sie„gar keinen Grund zu einer Besorgnis“ ebe. Die bisherige Entwicklung der Reichs⸗ inanzen lasse vielmehr erwarten,„daß sich eine jährliche Steigerung der Beauspruchung der ordentlichen Einnahmen für Marinez ecke in der vorstehend berechneten Höhe(von 169 Mil⸗ lionen im Jahre 1900 auf 323 Millionen im Jahre 1916) ohne neue Steuern decken lassen werde. Im Wonnemonat 1901 aber mußte Herr Thielmann, trotzdem noch kein Jahr seit Annahme der letzten Marinevorlage ver⸗ flossen war, eingestehen, daß seine Rechnung grundfalsch gewesen war, daß für 1902 ein Defizit von etwa 80 Millionen zu er⸗ warten sei und daher neue Steuern gefunden werden müßten. Wie hatten sich nun die Sozialdemo⸗ kraten zu den genannten Vorlagen gestellt? Sie wiesen von vornherein darauf hin, daß es nicht angehe, die künftige Finanzlage des Reiches so leichthin aus der Gegenwart abzuleiten, ste machten darauf aufmerksam, daß der wirtschaft⸗ liche Aufschwung sich bedenklich dem absteigenden Ast nähere und man daher der Zukunft doppelt vorsichtig entgegengehen müsse, undlendlich sagten sie voraus, daß der Flottenrummel ohne neue Steuern nicht abgehen werde. Aber dies waren damals natürlich lauter berufsmäßige, vater⸗ landslose Nörgeleien, wie sie von den geschworenen Feinden des Bestehenden gar nicht anders zu erwarten waren. Wem hat aber die Zeit Recht gegeben? Dem wohlweisen Herren Minister in Berlin oder den Sozialdemokraten? Wer waren die Gescheidteren! Doch die Umstürzler! Eine ebenfalls sehr wichtige Angelegenheit war die Expedition nach China. Mit heißer Gier griff man dabei in Berlin zu, 20,000 Mann wurden unter kolossalem Spektakel mobilisiert, der Weltmarschall nebst Asbesthaus, Wickelgamaschen und 10,000 Mark⸗Koch erschien mit gewaltigem Geräusch auf der Bildfläche, kurz, Herr von Bülow erhoffte offenbar eine neue Ruhmesperiode für Deutschland. Kühl bis ans Herz und mißtrauisch standen die Sozialdemokraten bei Seite. Bei der Ge— schichte, meinten sie, schaue gar nichts heraus, man dürfe gerade froh sein, wenn man wenig⸗ stens die verausgabten Millionen wieder be⸗ komme. Auf jeden Fall sei es sehr ungeschickt, daß Deutschland sich an die Spitze stelle, denn dadurch lade es sich das Odium des ganzen Zuges auf und komme in schwierige Situationen zu den anderen Mächten. Auch sei keine Aussicht vorhanden, daß die anderen Nationen Walder⸗ see's Kommando-Gewalt ernstlich anerkennen würden. Dies war natürlich auch nichts weiter, als„eine niederträchtige Nörgelei, die einen erschreckenden Mangel an nationalem Empfinden“ bewies. Und wem hat nun die Entwicklung der Dinge Recht ben Herrn v. Bülow oder den vaterlandslosen Nörglern? Wieder den Letzteren! Die ausgeschickten Truppen werden, soweit ste nicht schon als Kranke und Sieche die Heim⸗ reise angetreten haben, zurückkehren, ohne irgend eine nennenswerte Waffenthat— die„Gefechte“ in China können ernstlich doch nicht zählen— vollbracht zu haben; Graf Wal dersee, dessen Oberbefehl nur auf dem Papier stand, hat nur den Profit, daß ihm in seinem Alter noch der Spottname„Weltmarschall“ wurde und sein Asbesthaus und sein 10,000 Mark⸗Koch den Witzblättern reichlichen Stoff gaben. größte Kunststück, das er in Peking fertig brachte, bestand wohl darin, daß er trotz seiner 69 Jahre gewandt aus dem Fenster seines brennenden Asbesthäusl kraxelte. Auf jeden Fall war Graf Waldersee vor der China-Expedition eine imponierendere Erscheinung, als nach dieser. Mag er auch noch so sehr mit inländischen und ausländischen Orden behaugen und— was sehr wahrscheinlich— in den Fürstenstand er⸗ hoben werden, es haftet an ihm doch eine ge— hörige Portion Komik. So haben die Sozialdemokraten bei den wichtigsten politischen Vorgängen der letzten Jahre bewiesen, daß sie einen viel schärfeven Blick für die Zukunft haben, als die staatlich geaichten Exzellenzen, d. h. daß sie also die Gescheidteren sind. Und wäre nach ihren Rat⸗ schlägen gearbeitet worden, statt nach den Heften unser„Staatsmänner“, dann läge das Deutsche Reich heute nicht so tief in der Patsche. Die unnötige Provokation Rußlands durch das Khakiabenteuer wäre vermieden worden, Hunderte von deutschen Soldaten, die heute krank und elend sind, wären gesund geblieben, viele Mütter wären von dem traurigen Schicksal, ihre Söhne beweinen zu müssen, verschont geblieben, unsere künftigen Handelsbeziehungen zu China würden nicht unrettbar verfahren sein und endlich würde das deutsche Volk nicht von Teuerung und neuen Steuern bedroht. Damit ist wohl der Beweis geliefert, daß es um Deutschland be— deutend besser stünde, wenn statt der Thielmann, Bülow ꝛc. Sozialdemokraten am Ruder wären. politische Nundschau. Gießen, den 30. Mai. Steuern und Zölle auf Lebensmittel. Wer trägt die Steuern und Zölle auf Lebens⸗ mittel? Die Agrarier und ihre wisseuschaftlichen Klopffechter behaupten: bei den Zöllen das Ausland, bei den Inlandsteuern(Oktroi) der Produzent, womit dann natürlich jede Ver⸗ teuerung der Lebensmittel ausgeschlossen wäre. Sehr zur Zeit kommt daher eine Veröffeut⸗ lichung des Professors Laspeyres in dem letzten Hefte des Finanzarchivs über die Wir⸗ kungen der preußischen Mahl⸗und Schlachtsteuer und ihrer en im Jahre 1875. Diese preußische Mahl⸗und Schlachtsteuer war ein Gemeindeoktrot auf Mehl und Fleisch, die als Gegenstück zur preußischen Klassensteuer erhoben wurde. Im Jahre 1875 wurde die Steuer in den meisten Gemeinden abgeschafft. Professor Laspeyres untersucht nun, ob die Steuer eine 1 der Lebensmittel bewirkt hat oder nicht. Nach den Feststellungen des kgl. preußischen statistischen Amtes sanken z. B. die Preise für Weizen⸗ und Roggenmehl von Dezember 1874 bis Januar 1875 in den besteuernden Städten um 7,21 Pf. bezw. 2,77 Pf. pro Kilogramm mehr als in den Städten, die keine Mahl⸗ und Schlachtsteuer erhoben. Niemals, weder vorher S Das 5— Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. N. 22. noch nachher, weder in den besteuernden noch in den andern Städten, sind solche Preisbe⸗ wegungen vorgekommen. Auch verlief die Be⸗ wegung der übrigen Warenpreise, soweit über⸗ haupt eine solche in nennenswertem Maße vor⸗ handen war, in allen Städten gleichmäßig. Da nun der fortgefallene Steuersatz nur 6,67 Pfennig bezw. 1,67 Pf. betrug, so hatten danach die Konsumenten nicht nur die volle Steuer zahlen müssen, sondern auch noch einen Aufschlag von 8,1 Proz. des Steuerbetrags bei Weizenmehl und 63,9 Proz. bei Roggenmehl. Daß dieser Aufschlag bei Roggenmehl mehr wie achtmal so groß ist als bei Weizenmehl, ist sehr beachtenswert. Das Brot der Masse konnte also um acht⸗ mal mehr verteuert werden als das der Wohlhabenden. Es wurden allerdings Versuche gemacht, die Preise im Laufe des Jahres 1875 wieder auf die frühere Höhe zu steigern— der Ver⸗ such ist aber vollständig mißlungen. Im Gegenteil: ohne daß irgend ein anderer Grund zu entdecken wäre, als eben die Steuer⸗ aufhebung, war von Dezember 1874 bis An⸗ fang 1876 in den Städten, welche früher die Steuer besaßen, der Preis für Weizenmehl um 8,02 Pf. mehr gesunken als in den anderen Städten zur gleichen Zeit; ebenso der Preis für Roggenmehl um 3,93 Pf. mehr. Nach dieser endgiltigen Feststellung hatten alss früher die Konsumenten neben der Steuer noch einen Aufschlag von 20 Proz. bei Weizen⸗ mehl tragen müssen und von 135 Proz. bei Roggenmehl. Die preußische Mahlsteuer hat 1879 eine hervorragende Rolle in dem Streit um die erste Einführung des Getreidezolls gespielt. Man wies damals mit großem Pathos darauf hin, daß die Aufhebung dieser Steuer auf die Bewegung der Preise ganz ohne Einfluß ge⸗ blieben sei: demnach habe sie auch keine Ver⸗ teuerung der betr. Waren herbeigeführt. Auch heute wieder spielen die alten Ar⸗ gumente in dem Kampfe um die Getreidezölle dieselbe Rolle. Es ist daher von großer Be⸗ deutung, daß auf unwiderlegliche Weise der ziffernmäßige Beweis für die Wirkung der Lebensmittelsteuern geliefert wird. Der Kon⸗ sument trägt ausschließlich jede staat⸗ liche oder gemeindliche Belastung seiner notwendigsten Lebensmittel. Und noch mehr: er trägt auch noch den be⸗ sondern Aufschlag, den die Produzenten und Händler den Staats⸗ und Gemeinde⸗ steuern hinzuzufügen belieben.— Die„Verjüngung der Armee“ macht weitere Fortschritte. Vom 1. April bis zum 15. Mai wurden in der deutschen Armee pensioniert: 5 Generäle der Infanterie, Kavallerie ꝛc., 10 Generalleutnants, 14 General⸗ majore, 8 Oberste, 9 Oberstleutnants, 25 Ma⸗ jore, 26 Hauptleute, 7 Oberleutnants, 5 Leut⸗ nants. In Summa 109 Offiziere. Die Kosten 705 Offizierspenstonierungen betragen jährlich 570000 Mark. Wir haben's ja dazu. Zur Diätenfrage wollen mehrere Blätter wissen, daß der Bundes- rat geneigt sei, hierin nachzugeben und dem vom Reichstag angenommenen Gesetzentwurf über die Anwesenheitsgelder für Reichstags⸗ abgeordnete beizutreten.— Dann sollen also „die Kerls“ Diäten haben! Man wird das übrigens erst'mal abwarten müssen. Mit der Diätenlostgkeit glaubte man unsere Partei schädigen und sozialdemokratische Abgeordnete vom Reichstage fernhalten zu können; das ist aber gründlich mißglückt. Im Gegenteil em⸗ pfinden bürgerliche Parteien den Mangel an Diäten viel schwerer als die Sozialdemokratie. Christliche Gewerkschafts führer. Schweres Pech verfolgt die christliche Ge⸗ werkschaftsbewegung, von der Arbetterfeinde die Zersplitterung und damit Schädigung der meinen Arbeiterbewegung erhofften. Aus hen ⸗Gladbach wird berichtet, daß gegen de küheren Vorsitzenden des 4000 Mit- glieder zählendenchristlichen Textilarbeiter⸗ Verbands, Tekaat, wegen dringenden Verdachtes der Unterschlagung von Verbands⸗ geldern Untersuchung eröffnet worden ist. Gleiche Vergehungen werden dem früheren Bezirksvorsteher des Rheydter Zweig⸗ vereins jenes Verbandes, Kaiser, zur Last gelegt; infolgedessen ist auch gegen ihn Unter⸗ suchung eingelegt. Besonders bloßgestellt wird aber der Führer des Gewerkvereins christlicher Berg⸗ arbeiter, August Brust durch eine Ent⸗ hüllung der„Deutsch. Berg⸗ und Hüttenarbeiter⸗ Ztg.“ Letztere ist das Organ des„alten“ Verbandes, der von den Genossen Möller und Hus geleitet wird. Dieser und der christ⸗ liche Gewerkverein bekämpften sich bekanntlich bis 1899 mit ziemlicher Heftigkeit, dann aber arbeiteten sie friedlich nebeneinander und gingen in bestimmten Fällen zusammen. Obgleich nun der alte Verband und sein Organ sich redlich bemühten, im Interesse der gesamten Arbeiter⸗ schaft sich mit den„Christlichen“ zu vertragen, wurden sie in letzter Zeit vom christlichen Ge⸗ werkverein wieder heftig angegriffen und be⸗ schimpft. Da riß nun Hus die Geduld und er zeigte den christlichen Gewerkschaftsführer Brust in seiner in der Fülle seiner christlichen Tugenden. Der erwähnte Friedensschluß war, wie Genosse Hus erzählt, dadurch zu Stande gekommen, daß Hus darauf verzichtet, den Bericht eines Prozesses zu veröffentlichen, den er mit Brust wegen gegenseitiger Beleidigungen hatte und der am 26. Juni 1899 vor dem Essener Schöffengericht stattfand. Diesen Prozeßbericht, den die Bergzarbeiterzeitung erst jetzt veröffentlicht, mußte Brust allerdings fürchten; die gerichtsnotorisch gewordenen Thaten hätten ihn moralisch vernichtet, um das zu ver⸗ hüten, ergriff er die Hand zum Frieden. In jenem Prozesse erklärte Hus zunächst, er könne sich auf einen Einigungsversuch nicht einlassen, denn es müsse endlich klargestellt werden, mit welchem Recht Brust behaupte, Hu gaunere, lüge, verleumde, habe unredliche Geschäftsführung u. dgl. m. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob Brust dafür den Wahrheitsbeweis antrete, erklärte dessen Rechtsanwalt:„Mein Klient (Brust) kann den Wahrheitsbeweis nicht führen!“(Bewegung.) Dann fragte der Vorsitzende, ob Hus den Beweis für seine Behauptung erbringen wolle, Brust sei„ein moralisch verkommener Mensch“. Hus bejaht. Zum Beweis wird von Zeugen u. a. vorge⸗ bracht, daß Brust in Versammlungen dem schlimmsten Alkoholgenuß sich ergab, sich unanständig benahm, ungehörige Redens⸗ arten führte usw. Dann kam die Hauptsache. Es erklärte: Zeuge Ströttgen: Oefter habe ich mit Brust über die Bergarbeiterbewegung gesprochen und gewann die Ueberzeugung, daß Brust das nicht öffent⸗ lich vertritt, wovon er innerlich überzeugt ist. Vor einiger Zeit war er krank und besuchte mich⸗ Da sprach ich mit ihm über den Streit zwischen den Verbänden. Brust erklärte mir, Hué sei ein ehr⸗ licher Mann! Auch die Verwaltung der Verbands⸗ gelder sei ehrlich. Als ich ihn dann zur Rede stellte, wie er denn aber dazu komme, die Verbandsleitung und Hué als Gauner, Betrüger u. s. w. hinzustellen, da antwortete mir Brust: „Das ist mein Geschäft.“(11!) (Allgemeine Bewegung im Zuhörer⸗ und Zeugenraum.) Dann erzählte der Zeuge weiter, daß Brust ihm gegenüber gelegentlich zugab, daß die Sozialdemokratie Recht habe! Und auf den Einwand von Brust's Verteidiger, daß Brust damit wohl nur einen Spezialfall ge⸗ meint habe, blieb Ströttgen bei seiner Aus⸗ sage, daß Brust von der Sozialdemokratie all⸗ gemein sprach und fügte hinzu, er(Str.) habe die Ueberzeugung, daß Brust das Gegenteil von dem denkt, was er thut.— Brust vermochte die Bekundungen dieses von ihm selbst als wahrheitsliebenden Mann bezeichneten Zeugen in keiner Weiie zu erschüttern. „So steht ein christlicher Gewerkschafts⸗ führer aus! Solche Leute braucht das Unter⸗ nehmer⸗ und Pfaffentum, um in die Reihen der Arbeiterschaft Uneinigkeit zu tragen und so im Trüben zu fischen.— Vor nicht langer Zeit wurde Brust von agrarischer und antisemitischer Seite den übrigen, den Brotwucher bekämpfenden 3 Arbeitern als Musterknabe vorgestellt, weil er für Erhöhung der Getreidezölle eingetreten war. Auf diesen Bundesgenossen braucht die„not⸗ 8 0 Land wirtschaft“ wirklich nicht stolz zu ein. Eine Ersatzwahl zum Reichstage fand vorige Woche in dem pommerschen Kreise Grimmen⸗ Greifswald an Stelle des ver⸗ storbenen konservativen Abg. v. Bismarck⸗Bohlen statt. Dabei erhielt der kenservative Kandidat Landrat v. Behr 7419, der Frei⸗ sinnige Gothein 6142 und der Sozial⸗ demokrat Knappe 1828 Stimmen. Der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen um ca. 700 seit der 98er Wahl, so sehr er zu bedauern ist, erklärt sich wohl aus der That⸗ sache, daß die Wähler von vornherein die eigentliche Entscheidung zwischen den Agrariern und den liberalen Anti⸗Agrariern herbeiführen wollten. Vom allgemeinen politischen Stand⸗ punkt ist das Wahlergebnis dennoch zu begrüßen. Denn trotz lebhaftester Wahlbeeinflussungen, trotz der Kandidatur des im Kreise amtierenden und persönlich beliebten Landrats haben in dem stark agrarischen Wahlkreise die agrarisch⸗ konservativen Stimmen um 1000 abge⸗ nommen, dagegen ist die Zahl der Wähler, welche eine agrarische Zoll⸗ und Brod⸗ wucherpolitik ablehnen, erheblich ge⸗ stiegen. In der am Mittwoch stattgefundenen Stichwahl siegte der Freisinnige Gothein mit mehr als 2000 Stimmen Mehr⸗ heit. Zwar fehlen im Augenblick, wo wir dies schreiben, noch 78 Orte, diese werden jedoch an dem Resultat nicht mehr viel ändern. Dieser Ausgang ist erfreulich; ein Agrarier weniger im Reichstage! Auch in dem ostpreußischen Wahlkreise Memel ⸗Heydekrug muß demnächst eine Ersatz⸗ wahl stattfirden. Von unserer Partei ist Ge⸗ nosse Otto Braun in Königsberg als Kandi⸗ dat aufgestellt. Der Kreis ist für die Partei durchaus nicht aussichtslos. In der Hauptwahl 1898 erhielt unser Kandidat 3015, die frei⸗ sinnige Volkspartei 3226, der Littauer 3504 und der Konservative 5557; in der Stichwahl siegte der littauische Kandidat mit 7818 gegen 6456 Stimmen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diesmal der Sozialdemokrat in die Stich⸗ wahl kommt. Gut entwickelte Konsumgenossenschaft. Der Breslauer Konsumverein, der größte in Deutschland, hat in seinem verflossenen 35. Geschäftsjahre bei 76,548 Mitgliedern einen Umsatz von 12,474,168 Mk. zu verzeichnen ge⸗ habt, der Durchschnittsumsatz betrug demnach 163 Mk. Im vorigen Jahre hatte der Verein bei 76,762 Mitgliedern einen Umsatz von 11,345,560 Mk. Der Bruttogewinn betrug 2,146,746 Mk. Nach Abzug der Unkosten und der Abschreibungen im Betrage von 560,401 Mk. bleibt ein Reingewinn von 1,586,395 Mark. Zur Verteilung gelangen 11⅛ Prozent Divi⸗ dende. Ausland. Die ungarische Sozialdemokratie hielt an beiden Pfingsttagen ihren Parteitag in Budapest ab. Er war von 400 Dele⸗ gierten besucht und verlief im Gegensatz zu dem im vorigen Jahre in voller Ruhe. Beschlossen wurde, für die bevorstehenden Reichsratswahlen eine lebhaftere Agitation zu entfalten und in allen Wahlbezirken Kandidaten aufzustellen. Der Kongreß der franz. Sozialisten wurde am ersten Pfingsttage in Lyon eröffnet. Alle sozialistischen Gruppen, mit Ausnahme der Guesdisten, waren vertreten. Die Zahl der Delegierten beträgt über 400. Zum Präsidenten wurde Augagneur, der Bürgermeister von Lyon, gewählt. Heftige Debatten verursachten die Anträge, welche die Ausschließung des Handelsministers Millerand aus der Partei bezweckten. Diese Auträge wurden abgelehnt. — ange g 99 f Waldeck 8 der babaft And it en nalistisch hundes. De tthängte trotzdem e gelang ihn Seil zu be fenster auf Strafart. safe und Wahnfinn füngniswa Wort„Ne Wiede herborgeh im Kampf bringen! Burenber Konzentra große En Ationen Eng! ging eine hedeute am 2. M Iretoria, unter de habers D hachs, 150 Be Geschütze Marschier Fulzing Süden. mit den die En, sungene. ind die eubschläh srariern eführen Stand- grüßen. fungen, elenden in dem arisch⸗ abge⸗ Wähle, Brod⸗ 0 ge⸗ undenen innige Mehr⸗ vo wir jedoch andern. Igrarier ihlkreise Ersatz⸗ ist Ge⸗ Kandi⸗ Partei Iptwahl e frei⸗ 3504 ichwall d gegen geinlich Stich⸗ schaft. größte jossenen n einen nen ge⸗ ent Nekein h bol bettug n und 01 Mk. Mark. N Dubi⸗ 0 U Nr. 22. Witteldentsche Sountags⸗Zeitung Seite 3. Schließlich gelangte eine Resolution Briands zur Annahme, die Millerand außer Partei- 0 kontrolle stellt. Antisemitischer Attentäter. Waldeck Rousseau, der französische Minister⸗ präsident, machte am ersten Pfingstfeiertage eine Vergnügungstour nach Havre. Während ihn dort einige Hundert Menschen sympathisch be⸗ grüßten, schleuderte ein Individuum mit dem Rufe:„Sie sind verkauft, hier das für Loubet!“ Eier und Orangen nach dem Wagen des Ministers. Frau Walbeck, die sich vorbeugte, um ihren Mann zu decken, wurde auf die linke Wange getroffen und erhielt eine Kontusion. Der Minister blieb unverletzt. Der Begleiter Waldecks ergriff den davoneilenden Attentäter, der verhaftet wurde. Er heißt Ernst Parfait und ist ein bekannter Anhänger des natio⸗ 1 0 8 8(antisemitischen) Jugend— bundes. Der Königsmötder Bresci erhängte sich vorige Woche in seiner Zelle, trotzdem er stets scharf bewacht wurde. Es gelang ihm, sich aus seinen Beinkleidern ein Seil zu verfertigen, mit dem er sich am Gitter⸗ fenster aufknüpfte. Die über Bresct verhängte Strafart war fürchterlich, schlimmer als Todes⸗ strafe und mußte ihm früher oder später den Wahnfinn in die Arme treiben. In die Ge⸗ fängniswand ritzte er mit dem Fingernagel das Wort„Rache“ ein. Krieg in Südafrika. Wieder liegen Nachrichten vor, aus welchen hervorgeht, daß die Buren nicht daran denken, im Kampfe nachzulassen. Die Londoner Blätter bringen Meldungen, welche von einer starken Burenbewegung in Natal berichten. Die Konzentration der Buren ruft in London eine große Enttäuschung hervor, da mau größere Aktionen von ihnen nicht mehr erwartet hatte. Englische Niederlagen. Im Haag ging eine amtliche Depesche ein, welche einen bedeutenden Sieg meldet, den die Buren am 2. Mai bei Kalkheuvel, in der Nähe von Pretoria, errungen haben. Die Buren standen unter dem Oberbefehl Beyers, Unterbefehls⸗ habers Delareys, und unter dem Befehl Breiten⸗ bachs. Die Engländer verloren 49 Tote, 159 Verwundete, 600 Gefangene und sechs Geschütze. Neueren Nachrichten zufolge marschierte ein starkes Burenkommando unter Kruitzinger von Middelburg aus nach dem Süden. Bei Muraltberg kam es zum Gefecht mit den Engländern. Die Buren warfen die Engländer zurück und machten 41 Ge⸗ fangene. Im östlichen Teil von Transvaal sind die Buren dem englischen Kesseltreiben entschlüpft. Krieg mit China. Ende des Hunnenzuges. Deutschland will es nun endlich des grausamen chinesischen Spiels genug sein lassen. Das deutsche Panzer⸗ geschwader, das ja überhaupt nicht in Aktion trat, ist zurückbeordert worden und die Auflösung des dentschen Aruee- Oberkommandos wird vorbereitet. Verschiedene Linienschiffe in Ost⸗ asien treten bereits die Heimreise an. Damit ist endlich der erste offizielle Schritt zurück von einem kriegerischen Unternehmen gethau, meint die Frkftr.„Volksstimme“, das Deutsch⸗ land unseres Erachtens mit sehr geringen Ehren bestanden hat. Im Sommer vorigen Jahres gingen die ersten deutschen Truppentransporte, ging der Weltmarschall Waldersee unter den bekannten Reden und Kundgebungen nach China ab, nachdem die Lammsgeduld der Chinesen durch die Wegnahme von Kiautschou als„Sühne“ für gemordete Misstonare, von denen nun ein⸗ mal die Zopfträger nichts wissen wollen, und durch das schroffe Auftreten der europäischen Vertreter in Peking zur offenen nationalen Empörung umgewandelt worden war. Die Angriffe auf die Takuforts so geschürt, daß die Ermordung des deutschen Gesandten in Peking die Folge war. Sein Blut ist durch die furchtbare Kriegführung in der Provinz Pet⸗ schili mehr als gerächt worden und heute schon ist der Zorn aller rechtlich Denkenden über den Bruch des Völkerrechts durch den chinesischen Gesandtenmord weit überholt durch die Em⸗ pörung über die militärischen Thaten, die das große Kulturgebiet eines fleißigen Volkes ver⸗ wüsteten und entvölkerten, das nur den einen Wunsch hat, von den„Segnungen“ unserer kapitalistischen Zivilisation verschont zu bleiben, so weit es sich dieselben nicht durch eigenen Entschluß friedlich aneignet. Von Ruhm und Gewinn, den wir nach Hause brächten, kann keine Rede sein; höchstens, daß sich die Ham⸗ burger Rheder rüsten, durch neue Dampfschiff⸗ fahrtslinien schnell den Profit abzuschöpfen, der so lange zu holen ist, als noch die schreck— hafte Nachwirkung den Hunnenzuges auf die Chinesen dauert. Ist sie vorüber, so wird, das fürchten wir, Deutschland am schlechtesten beim friedlichen Verkehr mit den schlitzäugigen Söhnen des himmlischen Reiches abschneiden. Hessischer Landtag. Die Zweite Kammer, deren Mittlieder am Donnerstag im Verein mit Regierungsvertretern einen Ausflug in den Odenwald unternommen hatten, setzte ihre Verhandlungen am Freitag fort.— Bei Be⸗ gründung eines Antrages auf Besserstellung der Haltestellens ufseher der ßreußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft weist Abg. Backes darauf hin, daß jene Beamten sich jetzt trotz einer Gehalts⸗ erhöhung pekuniär nicht besser stehen als früher, da die Nebeneinnahmen in Wegfall gekommen seien. Dazu sei ihre Behandlung eine viel schlechtere geworden. So müßten sie zum Teil jetzt sogar Arbeiterdienste verrichten. Sie lebten in einer erstaunlichen Furcht vor ihren Vor⸗ gesetzten und der Direktion. Sie hätten ihn zum Bei⸗ spiel, als er sich bei ihnen über ihre Beschwerden er⸗ kundigen wollte, himmelhoch gebeten, nur ja nicht ihre Namen zu nennen, da sie sonst gemaßregelt würden. In dieser mehr als militärischen Schneidigkeit gehe man entschieden zu weit. Für berechtigte Beschwerden müßten die vorgesetzten Behörden stets ein offenes Ohr haben. Das scheine leider in der Gemein⸗ schaftsverwaltung nicht der Fall zu sein. Ministerialrat Ewald bestreitet, was die Gehaltsnormierung betrifft, die Berechtigung za Beschwerden. Was die Arbeits⸗ einteilung angehe, so könne er sich darüber nicht äußern, da das lediglich Sache der Gemeinschaftsverwaltung sei. Abg. Genosse Dr. Da vid hält es für sehr nützlich, wenn der⸗ artige Verhältnisse der Gemeinschastsverwaltung zur Sprache gebracht würden, namentlich im Hiablick auf die Bestrebungen gewisser Kreise in anderen süddeutschen Staaten, diese der preußisch-hessischen Gemeinschaft anzu⸗ schließen. Solche Dinge köunen jenen zur Warnung dienen. Interessant sei es, daß es gerade ein Ange⸗ höriger der natlonalliberalen Partei wiederum sein mußte, der diese Beschwerde erhoben, der Partei, die für jenen Vertrag mit verantwortlich sei. Nach einer Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Dr. David und dem Finanzministerialpräsidenten Gnauth über die Schädigung der Main⸗Neckar⸗Bahn durch die von Preußen kürzlich herbeigeführte Umleitung des Güter⸗ verkehrs, wobei Gnauth darauf hinweist, daß lediglich Baden dadurch geschädigt werde, nicht aber Hessen, da dessen Anteil an der Maln-Neckarbahn rechnerisch zur Gemeinschaft gehöre, bemerkt Abg. Backes, seine Partei sei wohl mit Schuld am Abschluß des Vertrages, sie sei aber nicht mit verantwortlich zu machen, wenn die Ausführungsbestimmungen nachlässig oder nicht richtig aufgefaßt würden. Abg. Noack(fraktionslos) meint, in den vom Abg. Backes geschilderten Verhältnissen liege eine ernste Warnung, die bei den Verhandlungen über den angestrebten Uebergang der Main-Neckar-Bahn in die Gemeinschaftsverwaltung zu berücksichtigen sein werde. Bezüglich der Behandlung der Bahnbeamten ist Finanz⸗ ministertalpräsident Gnauth der Ansicht, daß man für die/ der Gesamtheit ausmachenden hessischen Beamten doch wohl keine anderen Bestimmungen verlangen dürfe wie für die übrigen/ des preußischen Anteils. Da könne Hessen eben nichts thun und müsse sich beschoiden. Er könne den Beschwerden eine Folge dahin nicht geben. Bei einer anderen Gelegenheit kommt Abg, Molthan (Ctr.) auf den Brief des Freiherrn v, Heyl zu sprechen, den der Abg. v. Wöllwarth in der württembergischen Zweiten Kammer zitierte, um den Widerspruch auch der hessischen Zweiten Kammer gegen die Fiskalität der von Preußen beherrschten Gemeinschaftsverwaltung als Erhebung der in ihrem Sinne patriotischen Chinesen wurde dann durch die internationalen den Ausfluß der persönlichen Verstimmung einzelner Abgeordneten hinzustellen. Frhr. v. Heyl sei danach anscheinend über die Stimmung der Zweiten Kammer und des Landes recht mangelhaft unterrichtet. Nicht die Verstimmung über die Berücksichtigung persönlicher Wünsche, sondern die traurige Erfahrung, daß Hessen auf Schritt und Tritt bei Preußen auf die A b⸗ lehnung der berechtigsten Wünsche stoße und daher gar nichts thun könne, als bei Preußen zu petionieren, schaffe die Abneigung gegen deu Gemeinschafts vertrag, die jetzt so ziemlich alle Parteien in Hessen beherrsche.— Nach Erledigung einer Anzahl kleinerer Sachen vertagt sich die Kammer bis zum November. Rechtssprechung. Kaun ein Arbelter vor Fertigstellung der ihm übertragenen Akkordarbeit entlassen werden? Diese Frage hatte kürz⸗ lich das Gewerbegericht in Leipzig zu entscheiden. Ein Steinbildhauer klagte gegen seinen Meister auf 131.25 Mk. wegen Entziehung der Akkord⸗ arbeit. Er hatte längere Zeit an der ihm übertragenen größeren Akkordarbeit gearbeitet, mußte aber dann plötzlich eine andere dring⸗ lichere Arbeit im Tagelohn herstellen und wurde, als die letztere beendet war, entlassen, ohne die zuvor angefangene Akkordarbeit fertigstellen zu können. Kündigung ist in dem Geschäft ausgeschlossen. Der Obmann der Gewerbe⸗ gerichtsbeisitzer, der den am Erscheinen ver⸗ hinderten Kläger vertritt, weist darauf hin, daß hier ein Sondervertrag vorliege. Wenn auch die Kündigung im allgemeinen ausgeschlossen sei, so sei im Bildhauergewerbe darunter nur zu verstehen, daß der Gehilfe nicht berechtigt ist, nach Fertigstellung eines Stückes andere Arbeit zu verlangen. Ein abgeschlossener Akkordvertrag müsse dagegen eingehalten werden. Anderen— falls müsse auch der Arbeiter berechtigt sein, die Arbeit zu verlassen, ohne den ihm über— tragenen Alkord fertigzustellen.— Gewerbe⸗ richter Dr. Roth konnte sich dieser Ansicht nicht anschließen. Ein Akkordvertrag hebe wohl die Lohn vereinbarung auf, habe aber auf den Kündigungsvertrag gar keinen Einfluß. Natürlich sei auch der Arbeiter berechtigt, in Fällen, wo die Kündigungs⸗ frist nicht bestehe, die Arbeit zu verlassen, ohne den ihm übertragenen Akkord fertig zu stellen. Das Gewerbegericht kam zu der Ansicht, daß sich die Kündigungsfrist nicht nur auf die Lohnarbeit, sondern auf das ganze Ar⸗ beitsverhältnis erstreckt. Würde man diesen Standpunkt verlassen, so würden sich daraus die ungeheuerlichsten Konsequenzen er- geben. Der Beklagte wurde zur Zahlung vou 36 Mk. für thatsächlich geleistete Arbeit ver— urteilt, im übrizen wurde die Klage abgewiesen. Arbeiterbewegung. T Der Berg⸗ und Hüttenarbeiter⸗ Verband hielt in der Pfiugstwoche seine 12. Generalversammlung in Kassel ab. Es waren 72 Delegierte anwesend. Der Jah⸗ resbericht des Vorstandes weist am Ende des Jahres 1900 36,410 Mitglieder nach. Die Mitgliederzahl ist gegen das Vorjahr um 3240 gestiegen. Die Auflage des Verbandsorgans ist 38,000. Der Vorstandsbericht sagt, die Zunahme an Mitgliedern sei nicht befriedigend. Durch die Streiks in Mitteldeutschland und im Wurmbecken ginz die Mitgliederzahl zeit— weilig stark zurück, da die Werksbesitzer viele Hunderte Mitglieder entließen und eine große Anzahl aus Furcht vor Maßregelung sich streichen ließen. Erst im 3. Quartal 1900 stieg die Mitgliederziffer wieder. Erfreulicher sei die finanzielle Fundierung des Verbandes. Wäh⸗ rend im Jahre 1895 die Einuahme nur 11796 M. betrug, war dieselbe im verflossenen Jahre auf 215186 Mk. gestiegen. Die gesamte Ausgabe in diesem Jahre beträgt 151264 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 86395 Mk. verbleibt.— Die Generalversammlung erklärte sich mit der bisher beobachteten neutralen Taktik des Vor- standes und der Haltung des im gleichen Sinne geleiteten Verbandsorgans einverstanden. Feruer beschloß der Kongreß eine Resolution, die sich entschieden gegen die Erhöhung der Lebens— Seite 4 Mitteldeutsche Souutags⸗Zeitung. Nr. 22. mittelzölle ausspricht.— Der bisherige Name der Organisation wurde in:„Verband deut- scher Bergarbeiter“ umgeändert. Der dritte Kongreß christlicher Gewerkvereine Deutschlands, der über Pfingsten in Krefeld tagte, lehnte mit 39 gegen 11 Organisationen eine Resolution ab, welche die christliche Gewerkschaften für jetzt und alle Zukunft auf polttive christliche Grund⸗ sätze festlegen wollte. Wir können einen der⸗ artigen vernünftigen Beschluß nur mit Freude begrüßen; die Religion hat mit den wirtschaft⸗ lichen Kämpfen nichts zu thun, sintemalen ja die Unternehmer sich auch nicht um Religion in ihren Organisationen bekümmern. Es ist traurig genug, daß es noch Arbeiter giebt, die sich gegen ihre andersdenkenden Kollegen von bezahlten Schmocks des Unternehmer⸗ tums aufhetzen lassen; mögen sie sich ein Bei⸗ spiel an den konfessions⸗ und parteilosen Unter⸗ nehmerverbänden nehmen. *Der Glasarbeiterstreik in Nien⸗ burg a. d. W. dauert noch immer fort; Unterstützung ist dringend notwendig. von nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen,. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich stren, sta Geswolssenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Sinsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Angelegenheiten. — Folgender Unsinn war am Dienstag im Gieß. Anzeiger zu lesen: „In Berlin ist zum Pfingstfeste ein par⸗ tieller Barbierstreik ausgebrochen. Von sozialdemokratischen Volksbeglückern bethört, hat eine Anzahl von Barbiergehilfen die Ar⸗ beit niedergelegt, nachdem die Prinzipale ihre ungebührlichen Forderungen abgelehnt haben. In den Vorstädten haben die Streikenden etwa 60 fliegende Varbierlokale eröffnet, die übrigen sitzen in Parteikneipen und empfangen 1 f. pro Tag aus der großen Streik⸗ kasse. In der Stadt selbst ist von dem Aus⸗ stande nichts zu verspüren. Es heißt, daß nach Pfingsten das Einigungsamt zusammen⸗ treten soll.“ Wenn obiges dumme Zeug in den„Gieß. N. Nachrichten“ gestanden hätte, wäre uns das gar nicht aufgefallen. Aber der Anzeiger ent⸗ hielt sich in der letzten Zeit solcher scharfmache— rischen Hetznotizen, deren Unwahrhaftigkeit für jeden Einsichtigen klar zu Tage liegt. Natür⸗ lich, wenn Arbeiter ihre Lage zu verbessern suchen, dann sind sie immer von„sozialdemo⸗ kratischen Volksbeglückern bethört“! Wo die „große Streikkasse“ sein soll, die vier Mark tägliche Unterstützung auszahlen kann, ist Ge⸗ heimnis des Gieß. 1 Derartiges seinen Lesern vorzusetzen, ist eine ziemliche Kühnheit. — Der neue Sammel politiker. Jetzt endlich läßt der berühmte Redakteur der„Gieß. Neuesten Nachrichten“ seine unparteiische Maske fallen. In einer langen Schimpferei, mit der er unsere Ausführungen in voriger Nummer entkräften zu können glaubt, ruft er das Bür⸗ gertum zur Sammlung auf, damit es unter seiner Führung einen heiligen Kreuzzug gegen die vertrackte Sozialdemokratie unternehme, die bedauerlicherweise Herrn Hoppstädter noch im⸗ mer nicht den Gefallen thut, vom Erdboden zu verschwinden. Es mischt sich aber in die n schon als Wermutstropfen das bittere Gefühl der Erkenntnis, daß sein Kampfruf wirkungslos verhallen, das Bürger— tum ihm nicht folgen, sondern ihm allein die Rettung des Vaterlandes überlassen wird. Bedauernswertes Vaterland, das von ihm „gerettet“ werden soll! Aber warum prokla— miert denn der in allen Sätteln Gerechte erst jetzt den Vernichtungskrieg gegen die Sozial⸗ demokratie? Als sich Herr H. mit so großem Vomp hier ankündigte, empfahl er sich einem ehrlichen Publikum als gewesener national⸗ aler Reichstagskandidat, Magistratsmit⸗ von Lachterfelde 2c.— Letzteres war, bei bemerkt, auch geflunkert.— Wir ge⸗ a en uns die Bemerkung, daß nunmehr die G. N. N. im natitonalliberalen Fahrwasser segeln würden. Darauf schwört Hoppstädter, der bisher in seinem Lichterfelder Blättchen für agrarische Interessen eintrat, hoch und teuer, daß er absolut unparteiisch sei. Wir zeigen diese„Unpartetlichkeit“ an einigen Bei⸗ spielen und jetzt erklärt sich der Besinnungs⸗ tüchtige für die Sammelpolitik und die Sozialistenvernichtung für seine Speztalität! „Das ist mein Geschäft“ hätte er mit dem „christlichen“ Bergmann August Brust offener und richtiger sagen sollen. Nach dem, was wir bisher von den tapferen Kämpen gehört haben, ist sicher, daß H. morgen mit gleicher „Ueberzeugung“ für die Zentrums, antisemitische und schließlich auch für die sozialdemokra⸗ tische Partei schreiben würde, wenn er seinen materiellen Vorteil dabei findet. Solches Verhalten bezeichnet man aber bei uns als Gesinnungslumperei!— Im Uebrigen antwortet er in seinem längeren Geplärre lediglich mit Retourkutschen; drückt sich mit albernen Redensarten um die Sache, um die es sich handelte, herum und läßt den schweren Vorwurf der Lüge, den wir ihm in mehreren Fällen mit Recht gemacht und begründet haben, auf sich sitzen. Unsere Aufforderung, für seine Behauptung, daß bel dem von den Hamburger streikenden Kupferschmieden an ihre Arbeitgeber gerichteten Schreiben„ge— werbsmäßige Hetzer“ mitgewirkt haben sollen, den Beweis zu erbringen, beantwortet er damit: es bedürfe gar keines Beweises, man könne das„wohl annehmen!“ Ist eine größere Gewissenlosigkeit möglich? Die schmutzigen Angriffe der G. N. N. auf unseren allgemein und auch bei den Gegnern geachteten Genossen Krumm haben auch unserer Partei ferne stehende Leute empört, die zufällig von den Hoppstädter'schen Schimpfereien Kenntnis erhielten. Das konnten wir mehrfach wahr⸗ nehmen. Die Entrüstung darüber wäre all⸗ gemein, wenn die G. R. N. nicht blos in wenigen Exemplaren zelesen würden. Das edle Blatt täuscht sich, wenn es glaubt, durch solche bübischen Angriffe das Ansehen unseres Genossen schädigen zukönnen.— Den Arbeitern möge aber die Naturgeschichte der G. N. N. zur Warnung dienen! Aus dem Hause mit dem„unpartetischen“ Gelichter, auch wenn es eine arbeiterfreundliche Maske vorhängt! Unser Genosse Krumm schreibt uns noch: Unser kleiner Schweinburg in den G. N. N. leistet sich eine Glanznummer. Der Rohrspatz will nun ein Mal nicht darauf verzichten die streikenden Kupferschmiede in Hamburg Anstand zu lehren; diese Leute welche in ihrem Schreiben eine Wendung brauchten, die von fast allen Behörden angewendet wird, werden in der dreisten und großschnauzigen Art, die Gemeingut dieser Sertbenten ist, an⸗ geflegelt und mit den hübschen Kosenamen „rüde Gesellen“,„Frechheit“, Dumm⸗ heit“„Rempeleien“ usw. beehrt. Wir brauchen wohl nicht 1 Au auf welcher Seite Frechheit un üpelhaftigkeit zu Hause ist, uns will bedunken, daß sich Herr Hoppstädter zum Anstandslehrer noch weniger als ein Kuhhirt eignet. Die übrigen Mätzchen von der„Verrohung“ der Sozialdem., dem Kampf für die„heiligsten Güter der Nation“, gegen die„Zersetzung und Verhetzung“ das Verkennen der volks⸗ freundlichen Männer vom Schlag Schwein⸗ burgs, daß es keine Paktieren mit der Soz.⸗D. geben dürfe,„Vernichten der Autorität“, „Volksvergifter“, Volksverroher“ dies alles über⸗ gehen wir in aller Seelenruhe. So schreiben die journalistischen Hausknechte der Scharf⸗ macher alle, ob sie in Steßen oder in Lich⸗ terfelde die Sitten„veredeln“! Bei seiner bildreichen Sprache braucht sich Herr Hopp⸗ städter übrigens nicht Ju wundern, daß die „gebildeten Kreise“ des Volkes in seinem Kampfe gegen uns meist„Gewehr bei Fuß“ zu sehen; er unterschätzt das Reinlich⸗ keitsgefühl weiterer Volksschichten, die bet aller Gegnerschaft gegenüber der Soz.⸗D. sich doch bedanken unparteiischen Geschäfts⸗ leuten beim Bauernfang behilflich zu sein. Ueber die Anpöbelungen meiner Perf verliere ich kein Wort. Von dieser Seite konn mir keine bessere Anerkennung zu Teil werden. Es ist ehrenvoll für mich, die Zielscheibe des besonderen Hasses dieser übelduftenden Blüte am Baume der deutschen Journalistit zu sein. Mag Herr Hoppstädter weiterflunkern für die heiligsten Güter der Nation, die Sache, die mit den Schwein burgischen Mitteln verteidigt wird, ist bei allen anständigen Leuten gerichtet, davon wird sich auch Victor Hoppstäbter noch überzeugen. — Maurerversammlung. Vor einer sehr gut besuchten Maurerversammlung, die am Mittwoch im„Wiener Hof“ stattfand, sprach Koll. Horder aus Dresden über„Gesellen⸗ Organisation in alter und neuer Zeit.“ In ruhlgen und klaren Ausführungen schilderte der Redner die Organisationsbestrebungen der Ar⸗ beiter vom Mittelalter an bis heute. Zum Schlusse betonte er die Notwendigkeit festen Zusammenschlusses aller Berufskollegen, ohne welchen eine Besserung der Lage der Lohn⸗ arbeiter nicht zu erkämpfen sei. Besuch und Stimmung der Versammlung bewies, daß die Maurer trotz der im vorigen Jahre erlittenen kleinen Schlappe treu zu ihrer Organisation halten. Das ist sehr vernünftig. Die Weiß⸗ binder sollten sich an den Maurern ein Bei⸗ spiel nehmen; wenn sie nicht ein Gleiches thun, werden sie die Folgen ihres Verhaltens recht bald sehr empfindlich zu spüren bekommen. Wieseck. Traurige Pfingsten mußte unser stets thätiger Genosse Dech verleben. Ihm ver⸗ starb am Pfingstsamstag seine Frau nach kurzem Krankenlager. D. war erst seit einem Jahre verheiratet, seine Frau hatte sich kaum vom Wochenbett erholt, als sie die tuͤckische Lungen⸗ krankheit niederwarf, der ste zum Opfer fiel. Das harte Geschick des braven Arbeiters er⸗ regt allgemeine Theilnahme. Wie der Kaiser reist. Vor einigen Tagen besuchte der Kaiser Elsaß⸗ Lothringen. Zu seinem Schutze waren, wie das gleich nach dem Bremer Vorfall an⸗ gekündigt wurde, ganz außergewöhnliche Maß⸗ 1 getroffen. Besonders streng war die Absperrung in Metz. Sämtliche in Straßburg und Mühlhausen entbehrliche Schutzmannschaft und die berittenen Gendarmen aus ganz Lothringen waren nach Metz kommandiert. Ueberall wurde innerhalb der Sadt das Publikum auf den freien Plätzen auf 40—50 Meter Ent⸗ fernung zurückgehalten; die engen Straßen wurden ganz abzesperrt und stellenweis mußten Thüren und Fensterläden geschlossen bleiben. Außerhalb der Stadt ritten Dragoner⸗ abteilungen vor und hinter und teilweise neben dem kaiserlichen Wagen, und es wurde im stärksten Trab gefahren, so daß der Kaiser in der Staubwolke kaum zu erkennen war.— Unter solchen Umständen zu reisen, kann kaum noch ein Vergnügen sein. Die Ofsiztersträgödie in Mörchingen fand am Samstag mit der Verhandlung vor dem Reichsmilitärgericht ihren gerichtlichen Ab⸗ luß. Das Kriegsgericht der 33. Division in etz hatte bekanntlich den Oberleutnant Rüger, der nach der Feier von Kaisers Geburtstag den Hauptmann Adams erschossen hatte, zu zwölf Jahren Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heere verurteilt. Das Oberkriegs⸗ gericht des 16. Armeekorps setzte die Strafe auf sechs Jahre Zuchthaus unter Aus⸗ stoßung aus dem Heere herab. Gegen das Urteil des e eee haben der Ange⸗ klagte und der Korpskommandeur General v. Häseler Revisien angemeldet, jener wegen Ablehnung der Anträge der Verteidigung auf Untersuchung 1 7 Geisteszustandes, dieser rügt, daß nicht auf Grund des§ 211 des Reichs⸗ strafgesetzbuches die Verurteilung zum Tode wegen Mordes er. ist. Nach längerer Ver⸗ handlung, die te Oeffentlichkeit geführt wurde, wurden die An⸗ träge abgelehnt, so daß es bei der sech-* 3 lweise unter Ausschluß den — Vor de Ospreuß egen 10 Kl in der J unbekaun war bei fußerst u Marten Serkeant 5 omi ur bor eutlasel, chu ulld der? Wenn und seis zur Spra keit aus Was de Folge blattbetbt erzählt eit Stg.“: 1 (Himmelf „Geuosser unter gom dem ehen schrift. erkeilt. auf der wurde 9 er denn sind Sch Wachtme gehen!“ sagte der Die Aust Arheiter⸗ Wie det wird Nobf vos schweren eines Ve Schul länder dem„. längere; Tömisch⸗ weltlei (Unter 9 die Dam Jo schöne berhandl funden n fene eher An W A Vor eilt n dee a ud, spng „Oesell Zeit.“ g ilderte 1 eu der lt. Zu eit fee gen, oh der Loh desuch „ daß 1 erlittene ganisati die Weiß 1 ein B. sches th tens fett mmen. unser ste Ihm hu ach kurz dem Jah. aum bu he Lunge Opfer f beiters et Kuß dtze wake Jorfall a iche Maß Par Straß mannscha aus g Amandiel Publiar 915 U Straße muß schlosse Drago pelse fh wurde Kaiset wal. dann all ching lung l. lien. Nr. 22. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. jährigen Zuchthausstrafe verbleibt. Für einen Mord ist das eine sehr gelinde Strafe. Man vergleiche damit die vor zwei Jahren erfolgten Löbtauer Verurteilungen! Der Mord in der Kaserne. Vor dem Kriegs gericht in Sumbinnen (Ostpreuß.) begann am Mittwoch der Prozeß wegen der Ermordung des Rittmeisters von Krosigk, der bekauntlich am 21. Januar in der Reitbahn der Dragoner⸗Kaserne von unbekannter Hand erschossen wurde. v. Krosigk war bei den Unteroffizieren und Mannschaften äußerst unbeliebt. Angeklagt ist der Unteroffizier Marten wegen Mordes und dessen Schwager, Sergeant Häckel, sowie der Uuterofsftzier Domning wegen Beihilfe dazu. Letzterer wurde kurz vor Ostern aus der Uuntersuchungshaft entlassen. Alle Angeklagten erklären sich für nichtschuldig. Die Vernehmung der Angeklagten und der Zeugen ergab nur bereits Bekanntes. — Wenn die Charaktereigenschaften v. Krosigk und sein Verhältnis zu seinen Untergebenen zur Sprache kamen, wurde die Oeffentlich— keit ausgeschlossen. Was der Pastor schreibt, muß gut sein. Folgendes Geschichtchen von der letzten Flug⸗ blattverbreitung im Militscher Kreise(Schlesten) erzählt ein Leser der erzkonservativen„Schlesis chen Stg.“:„Am Morgen des genannten Feiertages (Himmelfahrt) hatten wieder einmal verschiedene „Geuossen“ Agitationsausflüͤge in die Umgegend unternommen und auf den Dörfern die von dem ehemaligen Pastor Göhre verfaßte Flug, schrift:„Wie ich Sozialdemokratwurde verteilt. Einer dieser Agitatoren begegnete auf der Landstraße einem Gensdarmen und wurde von diesem angehalten und gefragt, was er denn da für Drucksachen herumtrage.„Das sind Schriften von einem Pastor, Herr Wachtmeister, wollen Sie hier den Namen sehen?“„So, so, na da gehen Sie nur!“ sagte der Gensdarm und ging beruhigt weiter. Die Austräger waren Mitglieder des Breslauer Arbeiter⸗Radfahrer⸗Vereins. Fromme Geistlichkeit. Wie den„Münch. N. N.“ aus Graz gemel⸗ det wird, wurde der Redemptoristenpater Josef Kopf vom Kreisgericht Leoben zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt. Er hatte sich eines Verbrechens der Verführung beichtender Schulmädchen schuldig gemacht.— Das Mai⸗ länder Strafgericht erledigte dieser Tage, wie dem„Bund“ berichtet wird, einen sich schon längere Zeit hinziehenden Prozeß zwischen einem römisch⸗katholischen Geistlichen und einer Hal b⸗ weltlerin, die sich gegenseitig anklagten. (Unter Anderem bezahlte der Diener Gottes die Dame mit falschen Wechseln.) Es kamen so schöne Sachen zur Sprache, daß die Gerichts⸗ verhandlungen bei verschlossenen Thüren statt⸗ finden mußten. Der Priester wurde zu 15 und seine ehemalige Mätresse zu 10 Monaten Zucht⸗ haus verurtheilt. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St, Marburg, 30. Mai 1901. — Wegen Beleidigung hatte s. Zt. der Archivar Dr. Theuner, als Leiter jener Protestversammlung gegen die Fällung schad⸗ hafter Alleebaͤume, einen Prozeß gegen den Ober⸗ bürgermeister angestrengt. Es handelte sich um eine Aeußerung, die derselbe in der Stadt⸗ verordneteusttzung von 6. Dezember v. Is. nach einem Bericht der„Oberh. Ztg.“ gethan haben sollte. Durch einen Sturmwind war nämlich einer jener Bäume entwurzelt und auf einen gerade vorüberfahrenden Fuhrmann gefallen, welcher dadurch zum Krüppel geworden ist. Der ee ee soll nun, wie die „Oberh. Ztg“ mitteilte, in obiger Sitzung ge⸗ äußert haben:„leider Gottes habe das traurige Geschick nicht einen jener Naturfreunde sondern einen andern ereilt.“ Der Privatkläger wurde aber mit seiner Klage vom Amtsgericht und nun auch mit seiner Berufung beim Land⸗ gericht abgewiesen. — Mord. In der Nacht vom Pfingst⸗ sonntag auf Montag wurde in unserem fried⸗ lichen Marburg eine schreckliche Mordthat be— gangen. Der in der Vorstadt Weidenhausen wohnhafte Tischler David Krantz, ein ruhiger, nüchterner Mann, hat aus bis jetzt unaufge⸗ klärten Motiven seiner Frau den Hals durch⸗ schnitten und dann versucht, sich selbst die Puls⸗ adern zu öffnen, was ihm aber nicht gelang. Er entfernte sich dann aus der Wohnung und soll eine Zeit lang brütend am Ufer der Bahn gesessen haben, worauf er sich gegen 4 Uhr morgens zur Polizeiwache im Rathaus begab und dort angab, daß er seiner Frau den Hals abgeschnitten habe. Zwei Wachtleute wurden sofort nach K.“s Wohnung geschickt und fanden leider dessen Angaben bestätigt. Die Frau lag mit durchschnittener Kehle tot im Bette. Der Mörder wurde natürlich sofort nach dem Ge— fängnis abgeführt und sieht man der weiteren Entwickelung des traurigen Dramas mit Spannung entgegen. K. ist Vater von dret unmündigen Kindern. Als er bei der Obduktion zur Leiche geführt wurde, fiel er in Ohumacht. Kleine Mitteilungen. * Die Weinernte in Hessen betrug im Herbst 900340 714,1,3 Hektoliter; sie stellt einen Gesammtwert von rund 12 504 380 Mk. dar. * Durchgebrannt. Der Verleger, Drucker und Redakteur des„Vogelsberger Boten“ in Sedern, A. Vonalt, ist spurlos verschwunden. Ueber sein Vermögen soll Konkurs eröffnet sein. — Gbenfalls durchgebrannt ist vorige Woche der Immobilienmakler Hertz in Frankfurt. Ihm legt man Unterschlagungen in der Höhe von 60,000 Mk. zur Last. Auf Sand gebaut. Die neue Husaren⸗ kaserne in Mainz kann nicht bezogen werden, da der Bau durch Nachgeben des Moor- und Sandbodens sich zu senken beginnt. ** Wozu der Majestätsbeleidigungs⸗ paragraph gut ist. In Mainz beging ein beschäftigungsloser Arbeiter vor einem Schutzmann Majestätsbeleidigung, damit er Unterkunft im Gefängnis fände. * Angenehme Flitterwochen. Der Gärtner Horn, in Kastel bei Mainz der erst seit einigen Wochen derheiratet ist, schleppte Dienstag Nacht seine Frau bei einem Spazier⸗ gang in einen in der Gemarkung liegenden Steinbruch, um sie dort zu ermorden. Zum Glück wurde er bei diesem schrecklichen Versuch von Krämpfen befallen und die Fran konnte sich flüchten. Als Horn am anderen Taze von der Polizei verhaftet werden sollte, floh er, verfolgt von Schutzleuten an den Rhein und stürzte sich in den Strom. Plötzlich aber schwamm er wieder zum Ufer zurück und ließ sich dort von der Polizei festnehmen. Durch Blitzschlag wurden mehrere Personen am dritten Pfingstfeiertage im Frank⸗ furter Stadtwalde verletzt. Diese waren, wie üblich, zum„Wäldchestag“ in den Wald bei Niederrad gegangen, als sich kurz vor 5 Uhr, um die Zeit, wo sich große Menschenmengen im Walde befanden, ein heftiges Gewitter entlud. Der Blitz schlug in eine Gruppe hoher Fichten, wodurch eine Anzahl in der Nähe be— findliche Personen verletzt und betäubt wurden, glücklicherweise ohne erheblichen Schaden zu nehmen. — Erschossen hat sich in Frankfurt der Gerichtsassessor bei dem Kriegsgericht, Hoertsch, angeblich wegen eines Nervenleidens. — Auf der Festeburg bei Frankfurt stürzte der Hausbesitzer Schnell in seinen ca. 40 Meter tiefen Brunnen, als er eine Reparatur an demselben vornehmen wollte. Er konnte nur als Leiche von der Feuerwehr ans Tageslicht befördert werden.— Am Samstag verbrannte in Frankfurt ein 2½ jähriges Kind. Ver⸗ mutlich hatte es, während es allein in der Wohnung war, mit Streichhölzern gespielt. ** Schaaren von Bergarbeitern verunglückt. Massenhafte Opfer hat in der vergangenen Woche die Bergarbeit gefordert. Im Herrmannsschachte bei Waldenburg i; Schl. wurden durch einen Grubenbrand 21 Bergarbeiter getötet. Etwa 80 Berg⸗ leute fielen einer Explosion in der Universal⸗ Kohlengrube bei Cardiff(England) zum Opfer. 20 Menschenleben vernichtete eine Grubenexplosion tim Staate Tennesee in Amerika. e Reichstagsmandat erledigt. Der Zentrumsabgeordnete Bender, Vertreter des Wahlkreises Neuwied, ist in Vallendar ge⸗ storben. Er hat dem Reichstage seit 1878 angehört. * Graf Wilhelm Bismarck, der zweite Sohn des Fürsten Bismarck, Oberprä⸗ sident der Provinz Hannover, starb am Donnerstag in Varzin. In den achtziger Jahren war er Landrat in Hanau. f Wieder einer. Das Landgericht in Landshut hat am Samstag einen niederbayeri⸗ schen katholischen älteren Landgeistlichen wegen Verbrechens wider die Sittlichkeit, be⸗ gangen an zwei schulpflichtigen Mädchen, zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Versammlungskalender. Samstag, den 1. Junk. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Lob„Wiener Hof“. Vortrag über die Stilarten.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 4. Junk. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Briefkasten. D. Wieseck. In Ihrem Falle findet eine Rück⸗ zahlung der Invaliden⸗Beiträge nicht statt. Es verhält sich damit so, wie bereits mündlich mitgeteilt. F. Wetzlar. War für diesmal nicht möglich. Nächfte Nummer! Quittung folgt. —.—.— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene, 24. Mai: Reinhold Rehme, Hand⸗ schuhmacher hterselbst mit Emilie Semmler dahier. Richard Felber, Schlosser hierselbst mit Bertha Denz dahier. Gustav Homberger, Fabrikant hlerselbst mit Jenny Speyer in Osnabrück. 25. Peter Diehl, Werk⸗ meister in Oberschöneweide mit Karoline Vaubel dahier. 28. Theodor Palm, Arbeiter in Quedlinburg mit Marie Brambeer, Arbeiterin daselbst. Emil Würz, Schlosser hierselbst mit Wilhelmine Müller in Niedershausen. 30. Friedrich Dörr, Metallgießer in Wiesbaden mit Johanna Schelper dahier. Eheschließungen. 24, Mal: Jakob Stecker, Fabrikarbeiter hierselbst mit Elisabethe Leismann dahier, Karl Leschhorn, Fuhrmann hilerselbst mit Marie Keßler in Rödgen. 25. Albert Stoll, Kaufmann hierselbst mit Johanna Noll dahier. Maximilian Jaskowsky, Kauf⸗ mann hierselbst mit Margarethe Müller dah ier. 29. Martin Hotz, Pfarrverwalter in Ober⸗Gleon mit Luise Albach dahier. Geburten. 17. Mai: Grünewald eine Tochter. Schwalb eine Tochter. Kaspar eine Tochter. Abends 9 Uhr Dem Heizer Christian 19. Dem Geometer Wilhelm 22. Dem Schneider Heinrich 24. Dem Schmied Karl Schneider eine Tochter. Dem Goldarbeiter Eduard Völker eine Tochter. 25, Dem Rangirmelster Balthaser Wisker eln Sohn. Dem Oberleutnant Gustav Stephan eine Tochter. Dem Händler Adolf Sieglinger eine Tochter. Dem Hilfsbremser Heinrich Wilker ein Sohn. 28. Dem Schlosser Wilhelm Krämer eine Tochter. Gestorbene. 25. Mai: Willy Schäfer, 2 Monate alt. 26. Kaspar Janz, 1 Jahr alt. Anna Gatzky, 2 Monate alt. 28. Karoline Jöckel, 62 Jahre alt, Privatin dahier. 29. Karoline Krauskopf, 74 Jahre alt, Rentnerin dahier. 30. Wilhelm Hofmann, 11 Mo⸗ nate alt. Stiftungsfest des Arbeiter-Bildungsvereins Heuchelheim Sonntag, den 9. Juni Die Mitglieder der Gewerkschaften, des Sozialdemokratischen Wahlver—⸗ eins und des Gesangvereins„Eintracht“ versammeln sich Mittags 1 Uhr auf der Pulvermühle. 1 Uhr Abmarsch nach Heuchel⸗ heim mit Mufik. Zu zahlreicher Beteiligung ladet ein Das Gewerkschaftskartell. 2 Der einzige weg. In allen deinen Leidenstagen Hilft dir kein Jammern und kein Klagen, Kein feiges Winseln schafft dir Brod Und wehrt dem Stachel deiner Vot. Du sollst nicht bitten und nicht betteln Und nutzlos deine Kraft verzetteln— Allein bist du ein schwaches Rohr Und pochst umsonst an Thür und Thor Nur deiner Ohnmacht wird man spotten, Und wie ein Rund kannst du dich trotteu, Doch ohne jeglichen Gewinn, Mit deinem demutsvollen Sinn. Hier hilft nur Kämpfen dir und Ringen Und mutig in die Bresche springen Ein wack'rer Streiter sollst du sein Und fechten in der Brüder Reih'n. Anstatt zu jammern und zu klagen, Sollst du die Schlachten helfen schlagen, Mitstehen auf der Freiheitswacht Und mehren deiner Brüder Macht. Sonst— du magst bitten oder betteln Und nutzlos deine Kraft verzetteln Bleibst du, trotz deinem guten Recht, Derselbe notgepeitschte Knecht. A Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. 8(Fortsetzung.) Reidhammel!“warf die Meisterin verächtlich hin. Er that, als hörte er es nicht, sondern fuhr fort:„Mir thut blos die Jungfer Gundel leid. Meinetwegen mag's kommen wie es will, ich werd' ihr's nicht nachtragen. Heiraten thut der Helder, sowie er Meister ist, ja wohl; aber mit der Gundel ist's nix. Da hat die Frau Meisterin sich verspekulirt.“ Diese zuckte zusammen; aber sie beherrschte sich.„Du Gro⸗ bian, Du,“ rief sie und setzte mit einem schrillen Lachen hinzu:„Der Helder wäre mir der Rechte gewesen. Noch lang' nicht.“ „Na, um so besser,“ bemerkte Veit trocken. „Ich mag schon grob sein; dieweil mir aber die Gundel an's Herz gewachsen ist, so hab ich den Helder gefragt, wie's mit ihm steht. Ich die Gundel heiraten? Niemals“ Das hat er mir geantwortet.“ Frau Schönhauer verschwand aus der Thür und er klopfte zufrieden an dem Bankrande seine Pfeift aus. Einige Wochen später zogen die Störche gen Süden. Auf ihrer Amtsstube saßen die Aeltermänner von der Zunft der Schlosser und Metallarbeiter. Meister Schönhauer und Bert— hold's ehemaliger Lehrherr befanden sich unter ihnen. Verschiedene Schriftstücke gingen unter ihnen von Hand zu Hand und auf dem Tische stand ein kleiner Kasten, zur Aufbewahrung wichtiger Papiere, Geld und Schmuck bestimmt. Er war von polirtem Eisen, ruhte auf Löwen⸗ klauen und war von zierlichem Blattwerk um⸗ schlungen, zwischen dem allerlei Figürchen hervorlauschten. Es war Berthold's Meisterstück und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, so ward es von der Aeltermännern höflich gelobt. Meister Schönhauer, der sichtlich verlegen und unruhig auf seinem hochlehnigen Stuhl saß, wurde darob rot und seufzte. Nun ergriff der Ob⸗ mann das Wort:„Werte Meister, aus den Attesten und Zeugnissen, so zur Hand sind, werdet Ihr ersehen haben, daß der Berthold Helder von beiderseits freien und unbescholtenen Eltern geboren ist. Seine Führungszeugnisse loben seinen Fleiß und sein Betragen, und auch den Beweis hat er gebracht und eidlich erhärtet, daß er das Meisterrecht aus eigenem Vermögen zu entrichten im Stande ist, und daß ihm bei seinem Meisterstück Niemand geholfen hat, satt,“ wandte der Obmann ein„Meines Be⸗ dünkens haben wir in Mülhausen schon allzu⸗ viel Schlosser.“ Er schaute sich am Tische um und die Mehrzahl pflichtete ihm durch Kopf nicken bei. Er fuhr mit einem Blick auf Schönhauer fort:„Freilich, wenn der Helder in die Zunft hineinheiratet, dann ist das was Anderes. Der Helder soll doch wohl Euer Eidam werden, Meister Schönhauer?“ „Nein, daran ist kein wahres Wort,“ stotterte dieser und fühlte sich ganz elend, denn er meinte, es läse Jeder in seinem Gesicht, welche Hoffnung seine Freu sich auf Berthold gemacht hatte und welcher Predigten das eheliche Bett Zeuge gewesen war, bis er seinem Weibe ver⸗ sprochen, gegen Helders Zulassung zur Meister⸗ schaft zu stimmen. Es erfolgte denn auch auf seine Erklärung ein allgemeines Verwundern und der Obmann räusperte sich stark, bevor er folgendermaßen das Wort ergriff:„Na, viellteben Meister, unsere heiligste Pflicht ist's, wohl Acht zu haben, daß unserer ehrbaren Zunft kein Schaden geschieht. Lasset uns deß gründlich Rat pflegen!“ Sie griffen nach den zinnernen Bierkrügen und holländischen Thonpfeifen, welche auf ein Pochen des Obmanns der Wirt des Zunfthauses herbeibrachte, thaten tiefe Züge und bald umwob dichtes blaues Gewölb die Häupter der nach alter deutscher Sitte ratschlagenden Meister. Der Zopf aber, hing ihnen hinten. * Trude stand hinter den Gelbveigelein, roten Nelken und Reseda, die auf dem Fensterbrett blühten, und späte erwartungsvoll auf die Gasse. Wo er nun blieb? Endlich sah sie Berthold rasch daherkommen. Sie trat zurück und als der Geliebte die Stubenthur öffnete, rief sie fröhlich, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte:„Grüß' Dich Gott, Meister Helder!“ Aber betroffen ließ sie die Hände sinken. Sein Gesicht war von heftiger Auf⸗ regung gerötet und verzerrt und seine Augen funkelten.„Meister?“ keuchte er.„Abgewiesen haben sie mich.“ Trude erblaßte, mit weit⸗ geöffneten Augen starrte sie ihn an; dann schrie sie grell auf und fiel weinend an seine Brust. Ihre Thränen dämpften seinen Zorn.„Laß gut sein,“ versuchte er sie zu trösten.„Wenn Du mir bleibst, ist nichts verloren.“ Sie richtete ihren Kopf von seiner Schulter auf und er⸗ widerte, ihre Thränen unterdrückend:„Mich reißt nichts und Keiner von dir; ich bin Dein für's Leben, was auch kommen mag. Aber wie ist's denn möglich, daß sie Dich zur Meister⸗ schaft nicht zugelassen haben? Warum denn?“ „Gründe verlangst Du auch noch?“ ant⸗ wortete er mit einem höhnischen Lachen.„Die waren wie Seifenblasen, sie schillerten hübsch, aber drinnen war nichts wie Luft. Brotneid! Ueber's Jahr soll ich es wieder versuchen. Und zwei Thaler hab' ich zahlen müssen, die haben sie in Bier versoffen.“ „Du Armer! Aber wir sind ja Beide noch jung und können noch ein Jahr warten.“ So bemitleidete und suchte ihn Trude zu trösten. Er aber fragte mit finsteren Brauen:, Glaubst Du, daß sie über's Jahr minder abgünstig sein werden? Und dann? Weil sie mir Unrecht gethan haben, werden sie mir erst recht abgünstig und feindlich sein.“ Seine Aufregung litt ihn nicht lauge bei der der Geliebten. Er bat sie, dem Vater zu sagen, wie es stände, und lief durch die Gassen vor's Thor. Allein das Gefühl des Unrechts, das ihm geschehen, bohrte fort und fort in seiner Bruft. Es verleidete ihm seine Vater⸗ stadt; jetzt war es an der Zeit, ihr den Rücken zu kehren. Seine Liebe aber ließ ihn nicht fort, er hätte es nicht ertragen, Trude nicht mehr zu sehen, und gerade jetzt in seinem Unglück erwies sie sich als die Mutigere, die sich nicht beugen ließ. Was hätte er auch draußen Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. Rr. 22. 2 was Meister Schönhauer bestätigt. Soweit] gewonnen? Glichen sich doch allerwärts die 14 wäre dann Alles in Ordnung.“ Zunftverfassungen wie ein Ei dem anderen. 2 CS D N„Auch mit der Arbeit. Das ist ein Stück, Ja, wenn er in ein Land hätte gehen können 55 14 was dem aneh drm Ehre 7b rief 9 7 der feel schaff 1 11. Jan f f 7 einer von den Aeltermännern und ein paar gab, wo er frei schaffen konnte! Aber bei seinem D Unterhaltungs- Ceil 8 andere stimmten zu. Meister konnte er nicht bleiben, schon wegen ——„Ehre ist ein gut Ding, aber sie macht nicht] der roten Gundel nicht. Der Meister war — 2 gekniffen gegen ihn und wagte nicht mehr, ihn anzusehen, und die Meisterin war gegen ihn wie scharfer Essig. Er verließ das Haus und mietete sich in der Vorstadt St. Nikolaus eine Kammer. Es wäre ihm leicht gewesen, sogleich wieder Arbeit zu finden, hatte doch schon vorher dieser und jener Meister einen Wink fallen lassen, daß er in seine Werkstatt übertreten möchte. Denn wie einig sie auch zusammenstanden, ihr Gewerk nach Außen zu schützen und Vorteile für dasselbe zu erringen, so wenig Bedenken hegten sie, einander heimlich ein Bein zu stellen, geschickte Arbeiter einander abspenstig zu machen und die Kunden an sich zu locken. Nein, Bert⸗ hold wollte nicht noch ein Jahr lang und, wenn es wieder mißlang,— alle Zeit seines Lebens von früh vier Uhr bis abens sieben bei schmaler Kost, schlechter Behausung und kärglichem Lohn für die Meister schuften. Es mußte anders werden und es schoß wie Krystalle in seinem Kopfe zusammen, was er bisher über die Lage der Gesellen gedacht und mit Trudens Vater über das Zunftwesen gesprochen hatte., Eingesponnen in seine Liebe, hatte er bis⸗ her kaum mit anderen Gesellen verkehrt und außer bei den Morgensprachen, bei denen er erscheinen mußte, war er auf der Gesellen⸗Trink⸗ stube ein äußerst seltener Gast gewesen. Jetzt ging er häufig dorthin, hielt den Genossen ihre unwürdige Stellung vor, malte sie ihnen mit beredten Worten aus und daß es eine Schande sei, sich noch länger von den Meistern aus⸗ beuten zu lassen. Das Privilegium des Meister⸗ rechts müßte abgeschafft, das ganze Zunftwesen über den Haufen gestürzt werden. Er wuchs in dieser Zeit gleichsam über sich hinaus, sein Wesen wurde noch männlicher, sein Blik tiefer und leuchtender, und Trude mußte im Stillen wiederholt an ihres Vaters Erzählungen von Thomas Münzer denken. Der Vater aber machte bedenkliche Mienen und warnte ihn, daß er sich vergebens die Finger verbrennen würde.„Thu' doch die Augen auf! Siehst Du denn nicht, wie sie Alle katzenbuckeln, wenn der Büttel durch die Gassen geht oder gar der gestrenge Herr Bürgermeister? Aus Liebedienerei und Knecht⸗ sinn sind sie alle zusammengebacken und ahnen nicht einmal, was sie für Lumpen sind von unten bis oben.“ Berthold ließ sich nicht bedeuten. Nun waren die Gesellen seit Alters keine⸗ Sie hatten schon manchen Tumult eregt, etwa wegen zu geringer Kost, oder weil man ihnen den blauen Montag wegs ein ruhig Völklein. nehmen oder ihren Lohn um einen Pfennig ver⸗ kürzen wollte, und waren sammt und souders aus der Stadt gezogen, wenn sie ihr Stück nicht durchzusetzen vermochten. Es gefiel ihnen denn auch ganz gut, daß das Zunftwesen beseitigt und sie Alle freie und gleiche Arbeiter sein sollten. Daß sie aber Alle für Alle arbeiten sollten, damit einem Jeden seine Notdurft aus dem gemeinsamen Säckel gereicht werden könne, vermochten sie nicht zu begreifen, oder es sträubte sich ihre Selbstsucht dagegen. In allen Werk⸗ stätten Mühlhausens wurde über Berthol's Ideen und Pläne geredet und gestritten. wurden, auch wenn des unter den Gesellen selbst keine schwarzen Schafe wie Veit Eitelhans gegeben hätte. Eines Morgens in aller Frühe a erschien ein Stadtwachtmeister in Berthold's Gs konnte daher nicht fehlen, daß die Meister aufmerksamn wie blos J gude f zufciede ire. le ibergangen u Stelle. F Wen eit, Jo dh 5 die übrig aus fomme! Apen du das! bekomme. ben Geundsa ih daun 5 folder, önnen hunde beginne damit u damit auf wir du nur z Weil er d folgte, kam Als Höchtbet scheslimmte er Amit einem li uh, und s eine Wün burden wohl sliebenswürdi und eine Ku Wenn er Landgut, ein biehausstellut E pohl erle SEtück Vieh; e rara av Aichenswürdi, ir zufti Kunchbar lan n muß legen! Und Hallen besc Fi die Ne geen und u, dazu kl Ffätenblasen a„Die n K. drreme n. 00 Kammer und hieß ihn mitgehen auf's Polizeiamt. (Fortsetzung folgt.) r Die Zufriedenen. Ich habe gar nichts gegen zufriedene Leute, solange sie ruhig bleiben. Aber laßt sie um des Himmels willen nicht über die Stränge schlagen und, wie sie es so gern thun, ausrufen, daß sie die wahren Vertreter der ganzen Gattung seien. Sie sind die„Nassauer“, die Drohnen im großen Bienenstock, die Bummler, die 1 — Bedenke u seellg zu mache kein, Ber lung un et eint kehrt unt denen len⸗Trul sen. Jg Uossen ihn ihnen i le Schar stern auß 5 Reiste Zunftwesz Nr. 22. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. )herumlungern und die Werkleute an⸗ affen. Und diese Zufriedenen sollen sich auch nicht inbilden, wie sie so gern thun, daß sie sehr veise Philosophen find und daß es eine Kunst st, zufrieden zu sein. Es mag wahr sein, daß ein zufriedenes Herz überall glücklich ist,“ ber ein Esel ist es auch, und die Folge st, daß beide überall geplagt und auf ide Weise mißhandelt werden. „Ach, um den brauchst du dich nicht zu hnnühen,“ sagt man,„der ist so ganz zu⸗ bieden und es wäre schade, wenn du ihn brtest.“ Und so wird der zufriedene Knabe sbergangen und der Unzufriedene erhält seine btelle. Wenn du dumm genug bist, zufrieden zu ein, so laß es nicht merken, sondern brumme gie die übrigen; und wenn du mit Wenig em lus kommen kannst, so fordere viel. Denn zeun du das nicht thust, wirst du gar nichts eko mmen. Es ist nötig in dieser Welt, m Grundsatz der Kläger auf Schadenersatz sh zu eigen zu machen, d. h. zehnmal mehr imforderu, als man wirklich beansprucht. önnen hundert Mark dir Genüge leisten, so kainne damit, auf tausend zu bestehen. Wenn u damit anfängst, hundert zu verlangen, so iir du nur zehn erhalten. Weil er diesen einfachen Grundsatz nicht be⸗ lte, kam J. J. Rousseau in so große Not. ils Höchstbetrag seiner irdischen Glückseligkeit stimmte er sich ein Leben in einem Obstgarten lit einem liebenswürdigen Weibe und einer suh, und selbst das erreichte er niemals. deine Wünsche hinsichtlich des Obstgartens surden wohl erfüllt; aber das Weib war uicht gebenswürdig, und sie brachte ihre Mutter mit, ud eine Kuh hatte er nicht. Wenn er nun seine Gedanken auf ein großes lundgut, ein Haus voll Engel und eine Mast⸗ sehausstellung gerichtet hätte, dann hätte er wohl erlebt, einen Küchengarten und ein etück Vieh zu besitzen, und möglicherweise solch e rara avis(seltener Vogel), ein wirklich Abenswürdiges Weib, erlangt. Für zufriedene Leute muß das Leben ein Archtbar langweiliges Geschäft sein. Wie un⸗ guem muß ihnen die Zeit anf dem Halse gen! Und womit mögen ste wohl ihre Ge⸗ mnmken beschäftigen, wenn sie welche haben? gr die Mehrzahl von ihnen scheint Zeitungs⸗ len und Rauchen die geistige Nahrung zu Lu, dazu kommt bei den Thatkräftigern noch Alb tenblasen und Straßenklatsch. Alus:„Die müssigen Gedanken eines Mässigen“ von 2. Jeröme nach der Fr. Tgspst.) Arbester-Bifdungs-Vereln, Lesefrüchte. Herren sind am meisten Dienern gewogen, Von denen sie am meisten werden betrogen. Hoffmann v. Fallersleben. * * Ersatz. Zu füllen die leeren Köpfe Haben sie Prunk und Geld; Zu füllen das weite Herze Hast Du die weite Welt. Und haben sie Glanz und Ehren, Jegliches irdische Sut— So hast Du der himmlischen Schönheit Selig am Busen geruht. * 5 Ludwig Pfau, „Endlich habe ich mein eigenes Heim,“ sagte der Redakteur, da wurde er in Einzel⸗ haft gesteckt. * Die Leute, die mik allen Wassern ge⸗ waschen sind, sind trotzdem oft die schmutzigsten. 4 Für Menschen, die nicht wissen, was ste wollen, sind Wegweiser überflüssig. Wenn die Könige reden, haben die Staats⸗ anwälte zu thun.(W. Jakob.) D Humoristisches. Talentvoll. Kunde:„Scheint ein aufgeweckter Junge zu sein, Ihr neuer Lehrling!“— Wein⸗ händler:„Na, ich sag' Ihnen, er ist erst drei Mo⸗ nate bei mir... aber der Bengel macht schon einen besseren Rotwein wie ich!“ Empfangs vorbereitungen. Junge(zum Vater, der ein Lorbeerblatt aus der Suppe fischt): O jieb mich det! Vater: Schafskopp! Wozu brauchst denn die ollen, abjelutschten Lorbeeren? Junge: Die heb' ick uf vor den Waldersee, wenn der wieder aus China kommt. („Südd. Postillon“). Spruch. Wenn dich das Schicksal auch traktiert Mit unmanierlich groben Püffen, Bleib sattelfest und treu dem Spruch: „Mein Junge, laß dich nicht verblüffen!“ („Südd. Postillon“. Versuchung. Ein Mucker wollt' in die Sitzung gehn Des Männerbundes für Sitte, Da hat er ein reizendes Mägdlein gesehn, Da folgt er ihrem Schritte. Das Mägdlein hat ss verlockend gelacht, Verlockend zum Küssen und Lieben— Der Mucker aber ist selbige Nacht Der Sitzung ferngeblieben. Sonntag, den 9. Juni 1901 im Garten des Herrn Ludwig Kröck. Litterarisches. Emanuel Wurms„Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie liegt jetzt komplett vor. Die letzten Hefte enthalten: Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.— Die Genuß⸗ mittel.— Normale Ernährung und Volksernährung. — Säuglings⸗, Kinder⸗ und Volkshygiene.— Die erste Hilfe bei Unfällen. Die Krankenpflege.— Die Wasserheilkunde.— Berufskrankheiten und Arbeiter⸗ schuz,— Städtehygiene.— Sachrechister nebst In⸗ halts verzeichnis. Außerdem enthalten die Hefte drei Tafeln, von denen die ersten beiden in schönen Farben⸗ drucken die eßbaren Pilze dem Beschauer vor Augen führen; die dritte Tafel veranschaulicht die„Erste Hilf e⸗ leistung bei Unfällen.“ Wir können das Werk, das in Lieferungen A 20 Pfg. von unserer Expedition bezogen werden kann, jeder Familie bestens empfehlen. E Zahlenrätsel. 4 9 2 27 Haushaltungsgegenstand. 88 Bezeichnung für Feier. 1 Werk von Mascagni. 7 Bewohnerin eines Klosters. Titel. 2 Zum Bauen nötig. 47 13 Schulgegenstand. 4 14 9 Weiblicher Vorname. 9 12 8 13 9 15 Ort in Böhmen. Nach Auflösung ergeben die Aafaugsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unlen nach oben gelesen den Namen von Feiertagen und Festen, die um diese Zeit gefeiert werden. (Auflösung in nächster Nummer.) 0 3 8 11 2 2 10 9 4 9 2 12 9 4 7 14 14 do A D N O c Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 21. Mai: Butter per Pfd. Mk. 1.25— 1.35, Hühnereier per St. 0—0 Pfg., Enteneier 2 St. 12— 13 Pfg. Gänseeier per St. 10—11 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 7.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00— 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.80 bis 1.00, Hühner per St. Mk. 1.20— 1.70 Hahnen per Stück Mk. 1.30— 2.00, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.30. Gänse per Pfd. Mk. 00.0 0.00. —: 3 5 Beschwerden f über den Inhalt der„Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ ersuchen wir unsere Ge⸗ nossen direkt an die Redaktion, Kirchen⸗ platz 11 zu richten; wegen mangelhafter Zustellung wende man sich an die Expedition, Sonnenstraße 25. —:. guchelheim 10 jähr. Stiftungsfest Honcert s e Gesaungsrortruge e s Hindersniele 6 Tan. 2½ Uhr Festzug; 3¼ Uhr: Festrede von Dr. Ed. David, Mainz. Eintritt pro Person 20 Pfg. Schnellbesohlanstalten Wolkengasse 20 Schlossgasse 5 Johannes Hecker Von 5 Uhr ab Tanz. ff. Biere, per Glas 10 Pfg. 99999 Regenschirme Sonnenschirme besohlt gut. S pazierftöcke kauft man wirklich gut und billig. 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