ö Nr. 48. Gießen, Sonntag, den 1. Dezember 1901. 8. Jahrg. Rebaktionsschluß Vonnerstag Nachmittag& Uhr 0 Redaktion: FNairchenplatz 11, Schloßgasse. — Abonnementspreis: die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere % Llusträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch ste Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen 1 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Erpedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 33½5%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 FF Harte Kämpfe ehen im Reichstage, der am Dienstag leder zusammengetreten ist, bevor. Zu Pfingsten war das Reichsparlament nicht, wie 6 sonst üblich ist, geschlossen, sondern nur bertagt worden, weil die umfangreichen Ar— heiten der Kommission für die Seemanns⸗ dnung mit den dazu gehörigen Gesetzen licht verloren gehen sollten. Alle übrigen Vor⸗ lagen, die unerledigt geblieben sind, hätte man schließlich fallen 6 5 mit dem Entwurf der Semannsordnung steht es anders, mit ihr hat ch die Kommisston in nicht weniger als 44 Sitzungen beschäftigt. Das spricht schon zur Genüge für die Wichtigkeit der Materie. Die Skemannsordnung ist sei dem Jahre 1872 un⸗ berändert geblieben, trotzdem sich die Verhält⸗ güisse in der Schiffahrt gründlich umgestaltet sahen. Die Dampfsschiffahrt hat die Segel⸗ schiffahrt zum großen Teile verdrängt, es werden iel größere Schiffe als früher gebaut, und aafolgedessen setzt sich die Mannschaft heute ganz anders zusammen. Dazu tritt die Notwendigkeit, die leider borläufig nur minimalen Vorzüge der sozial⸗ plitischen Gesetzgebung, von denen bislang die Seeleute ausgeschlossen waren, durch die See— annsordnung auch für sie zum Gesetz zu ghachen. Es sind natürlich wieder in erster Unie die Sozialdemokraten, die durch energische Jeitgreifende und wirksame Anträge hier etwas Vernünftiges schaffen bezw. die Regierungs⸗ hörlage verbessern wollen. Diese Aenderungen seziehen sich auf Einführung von Reichssee⸗ imtern, Krankenversicherung der Seeleute, Jerbesserung des Koalitionsrechts derselben und irdere wichtige Punkte. Unsere Genossen werden ien bürgerlichen Parteien Gelegenheit geben, dor aller Oeffentlichkeit zu beweisen, wie wenig unstlich es ihnen um das Wohl und Wehe hr Seeleute zu thun ist. i Den wichtigsten Beratungsgegenstand bildet lber die Zollvorlage. Darauf konzentriert ii das ganze öffentliche Interesse und darum bperden die heftigsten und erbittersten Kämpfe Jutbrennen. Das Ungeheuerliche der junkerlichen maßung kenn zeichnete der Vorwärts ganz schtig, indem er schrieb: Hunderte Millionen jedes Jahr wollen Funker und Großbauern vom Volk erpressen. banderte Millionen soll das arbeitende Volk des Jahr neuen Tribut zu all den bisherigen 1 Nansettibuten entrichten. Um viele hunderte I illionen soll das tägliche Brot, das schmale Etück Fleisch, sollen alle Nahrungsmittel der Emen und Aermsten verteuert werden. Viele inderte Millionen soll das Volk denen ge⸗ hühren, die des Volkes Unterdrücker sind, die n das Licht und die Luft des Lebens entziehen. Hunderte Millionen denen, die die Freizügig⸗ et bedrängen, die den Arbeiter leibeigen an i Scholle binden, die alle freie wirtschaftliche d geistige Entwicklung ersticken wollen! underte Millionen denen, die in selbstsüchtiger gier bereit sind, der deutschen Industrie blutige Hunden zu schlagen, die Arbeitslosigkeit verzehnfachen, den Lohndruck unerträg⸗ in zu machen, namenloses Elend über alle Aeitenden Schichten zu verhängen! Hunderte Uellionen denen, die, den Schutz der Landwirt⸗ schaft erheuchelnd, die Arbeitenden der Land⸗ wirtschaft im Elend und in der Entrechtung fesseln. Soll diese Junkerreaktion triumphieren und das deutsche Volk unter sein Joch beugen? Will das deutsche Volk diese schlimmste Be⸗ drückung ertragen?— das ist die Frage, die nun zur Entscheidung gestellt ist und über die alsbald im Reichstag die Schlacht geschlagen werden soll. Die Feinde des Vaterlandes und des Volkes glauben ihren Erfolg gesichert, da die Mehrheit des Reichstages in Abhängigkeit von den Herrschenden und Reichen bereit ist, den Hunger durch Gesetz zu dekretieren. Jedoch, die Sozialdemokratie wird ihre beste Kraft einsetzen, um das drohende Verhängnis abzuwenden. Getragen vom Protest der Millionen aus dem Lande wird die Partei der Arbeitenden den Kampf führen gegen die Parteien der Ausbeutung. Den Parteien des Brotwuchers sei es zuge⸗ sichert: sie sollen auf einen Widersacher treffen, dessen sie nicht Herr werden trotz ihrer Ueber⸗ macht, der das Kampfschwert nicht aus der Hand legt, bis das deutsche Volk vom Junker wucher frei ist! Die Begründung zum Zolltarif ist den Reichsboten in mehreren dicken Bänden eingehändigt worden. In dem allgemeinen Teile derselben wird versucht, dem Volke die Verteuerung der Lebensmittel mundgerecht zu machen. Das gelingt aber nicht; der Verfasser der Begründung giebt zu, daß aus einem Teile der landwirtschaftlichen Zoll- erhöhungen„schwerwiegende Nachteile für die Verbraucher zu befürchten“ sind. Welches dieser„Teil“ der Zollerhöhungen ist, glaubt der gefällige Begründer auch nicht ver⸗ schweigen zu müssen: es ist jener Teil, der die Brotpreise betrifft.— Weiter wird es als wissenschaftlich festgestellte Thatsache aner⸗ kannt, daß die Milliarden der Zollerhöhung „annähernd“ in ihrem ganzen Betrage von dem deutschen Volke, d. h. von seinen ärmsten Klassen getragen werden müßten. Das kann uns genügen, um unsern Ruf noch stärker und nachdrücklicher zu erheben: Nieder mit dem Brotwucher! Politische Nundschau. Gießen, den 28. November. Vom Reichstage. Bei der Wiederaufnahme der Reichstags⸗ verhandlungen am Dienstag wies das Haus eine gute Besetzung auf. Präsident Ballestrem begrüßte die Reichsboten und gedachte der ver⸗ storbenen Kaiserin Friedrich, des Todes des amerikanischen Präsidenten und des Ablebens früheren Reichskanzlers Hohenlohe, sowie der verstorbenen Reichstagsmitglieder. In der Ferien⸗ zeit sind gestorben: Wintermeyer, Dr. v. Sie⸗ mens, Dr. Schoenlank, Johannsen und Dr. Lehr. Zunächst gelangte die Strandungsord⸗ nung zur Annahme. Dann trat man in die Beratung der Seemannsordnung ein. Hierzu sprachen von unserer Seite die Abg. Schwarz⸗Lübeck, Metzger⸗ Hamburg und Herzfeld, die günstigere Bedingungen für die Seeleute herauszuschlagen suchten. Leider nimmt die Mehrheit des Reichstags mehr auf die Interessen der Rheder-Millionäre Rücksicht, als auf den Schutz der Seeleute und deshalb wurden die Anträge abgelehnt.— Mittwoch kam eine von Bassermann(natlb.) eingebrachte Inter⸗ pellation wegen des Insterburger Duells zur Erörterung. Dabei nahmen unsere Ge— nossen Haase(Königsberg) und Bebel die Gelegenheit wahr, den Duellunfug gebührend zu geißeln. Nützen wirds freilich nichts; die „bessere Gesellschaft“ wird die babarischen Gepflogenheiten weiter üben. Deutsche Brutalitäten. Während sich Alldeutsche, Kriegervereinler, Studenten ꝛc. über das Vorgehen der Engländer in Südafrika biedermännisch entrüsten und nicht scharfe Worte genug finden, um die Aeußerungen Chamberlains zu verurteilen, hat sich im bürger⸗ lichen Lager kein Mensch aufgeregt über Dinge, die sich im Osten des Reiches abspielten und die nicht weniger schlimm sind, als was man den Engländern vorwerfen kann. Vorige Woche ging in Gnesen ein Prozeß zu Ende, der über zahlreiche Meuschen schwere Strafen ge— bracht hat. Ein Angeklagter wurde zu 2½ Jahren Gefängnis, ein anderer zu 1 Jahr Zuchthaus, eine Anzahl anderer Angeklagter zu Gefängnisstrafen von 4 Wochen bis zu 2 Jahren verurteilt. Es handelte sich um einen Schulkrawall, der in Wreschen(Posen) statt⸗ gefunden hatte. Was war das Verbrechen der Verurteilten? Sie hatten sich empört wider die Mißhandlung ihrer Kinder. Die Schule wurde zum Marterinstrument, da sie Germanisierungs— werkzeug werden sollte. Die Regierung ordnete plötzlich an, daß der Religionsunterricht in deutscher Sprache erteilt werden sollte. Die Kinder weigerten sich, diesen deutschen Unter— richt entgegenzunehmen. Sie verweigerten die Antwort, sie lernten ihre Aufgaben nicht. An⸗ statt einzusehen, daß die Kinder einfach den Weisungen ihrer höchsten Autoritäten, den Eltern gehorchten, greift der Schulinspektor zum Zwange, zur Bestrafung. Als gefügiges Werkzeng seiner Regierung will er die Kinder zwingen, deutsch zu lernen, ohne zu bedenken, daß er damit die Schule als Erziehungsstätte zerstört und sie zur politischen Zwangsanstalt degradiert. Die Kinder werden schließlich empfindlich gezüchtigt! Ein Mädchen, Namens Tomaskowska, wurde dabei ohnmächtig davongetragen, ein anderes lag längere Zeit krank. Auch bei anderen Kindern erklärte ein Arzt, daß die Züchtigungen das erlaubte Maß überschritten hätten. Das bringt die Empörung der polnischen Eltern zur Explosion. Am 20. Mai wird das Schulhaus zu Wreschen von den aufgeregten Männern gestürmt. Zwar ist niemanden in Leid geschehen und es ist wohl auch nichts be— schädigt worden. Aber der Landfriedensbruch ist fertig. Die unkluge Verfügung wird zwar nun zurückgezogen, aber Verhaftungen ergehen und nach Monaten von Untersuchungshaft er⸗ folgt das harte Ulteil. Der Gerechtigkeit muß Genüge geschehen. Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Ar. 48. Wenn irgendwo, meint unser Dresdener Parteiorgan, so wird es hier wahr, daß die formale Gerechtigkeit die höchste Ungerechtigkeit bedeutet. Man kann die Geschichte dieses Pro⸗ zesses nicht lesen, ohne von heißem Ingrimm gegen die Polenpolitik der Regierung gepackt zu werden. Eine Politik, die dazu führt, daß Kinder mit dem Stocke die Religion, oder besser das Deutschtum eingebläut werden soll, ist eine Politik, zu deren richtiger Kennzeichnung der parlamentarische Ausdruck fehlt. Brutaler Gewissenszwang, das ist heute noch legales Mittel im Staatsleben. Wie tief stecken wir doch noch in der Barbarei! „Andenken“ aus China. Daß in China von unsern Kreuzzüglern nicht geplündert wurde, ist uns von der Ord⸗ nungspresse unablässig versichert worden. Wie es damit in Wirklichkeit ausgesehen hat, kann man sich denken, wenn man liest, was neulich die„Kattowitzer Ztg.“ berichtete: „Zu einem in Schoppinitz wohnenden Uhrmacher kam dieser Tage ein Chinakämpfer aus Zawodzie bei Kattowitz und brachte demselben eine hochelegante Stand⸗ uhr, die er aus dem kaiserlichen Palaste in Peking viel⸗ leicht auf unrechte Weise erworben hatte, zur Reparatur. Diese Uhr, aus feinem Golde gearbeitet, wobei das Zifferblatt mit kostbaren Edelsteinen besetzt war, reprä⸗ sentierte wohl einen Wert von über 1000 Mk.; der Chinakämpfer wollte sie für billiges Geld losschlagen. Ein Gendarm, welcher davon in Kenntnis gesetzt wurde, forschte nach dem Namen des Eigentümers und erfuhr, daß der tapfere Chinakämpfer noch drei solcher Uhren sich angeeignet hatte. Dieselben wurden alsbald in Beschlag genommen.“ Der Gendarm war wohl etwas zu dienst⸗ eifrig. Denn er muß doch von den zahlreichen Ausstellungen gehört haben, die Chinakrieger mit ihren„Erinnerungen“ veranstalteten und die niemand nach dem Erwerb dieser Gegen⸗ stände gefragt hat. Und wie stehts mit den astronomischen Instrumenten im Parke zu Sanssouci?— Außerdem sind aber noch etliche andere Gegenstände die Wege der Standuhren gewandelt. So wird aus Bremerhaven be— richtet: „Dem hiesigen naturhistorischen Museum ist von Herrn Obermaschinisten Bock vom Loyddampfer„Krefeld“ ein wertvolles und interessantes Geschenk überwiesen worden. Es sind zwei äußerst kunstvoll gearbeitete schmiedeeiserne chine sische Kanonen, welche auf der Stadtmauer von Peking nahe dem Südthore gestanden haben. Die Geschütze haben augen⸗ scheinlich ein hohes, wohl mehrere Jahrhunderte zäh⸗ 0 Alter und besitzen einen großen künstlerischen erte Man hat aber noch nichts davon gehört, daß sich die Bremerhavener Polizei für den Obermaschinisten Bock interessiert, oder sich über den rechtmäßigen Erwerb der Kanonen Sicherheit verschafft hätte. Wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe. Französische Missionare als Plünderer. Wie es in China zugegangen ist, läßt auch ein geheimer Bericht des Kommandeurs der französischen Expedition, General Voyron erkennen. Diesen Bericht veröffentlicht der Sozialist Sembat in der„Petite Republique“, nachdem seine Vorlesung in der Kammer abge⸗ lehnt worden war. Diesen amtlichen Aeuße⸗ rungen gegenüber werden die Verteidiger der Hunnen nicht mit Fälschungen und Uebertreib⸗ ungen kommen können. Voyron sagt, daß die französischen Truppen sich viel besser benommen hätten, als die Truppen der anderen Nationen. Es seien zwar Plün⸗ derungen durch Franzosen vorgekommen, doch habe es sich hier um vereinzelte Vorkommnisse gehandelt. Die Soldaten seien von den Mis⸗ sionaxen verleitet worden, für deren Rech⸗ nung sie die Plünderung ausgeführt hätten. Eines Tages begaben sich Missionare mit 40 Wagen und 300 eingeborenen Christen nach dem Palaste des Prinzen Li, um diesen zu durchsuchen. Sie nahmen dort bedeutende Summen in Silberbarren an sich und gaben jedem der Marinesoldaten, die bei der Plünderung geholfen hatten, Checks bis zu einem Betrage von 2000 Franken. Andere Soldaten, die dies erfuhren, nahmen dann für eigene Rechnung Silberbarren weg, die sie Privatleuten gegen Checks abtraten, da sie die Barren nicht selbst verwerten konnten. Den Soldaten diese Checks zu lassen, würde geheißen haben, ihnen eine Prämie für Plünderungen gewähren. Man versuchte, ihnen die Checks wieder wegzunehmen, die Marinesoldaten wei⸗ gerten sich aber, sie zurückzugeben. Schließlich wurden ihnen die Checks gelassen. Das ist gewiß eine nette Art, das Christentum zu verbreiten und man kann es den Chinesen wirklich nicht verübeln, wenn sie Christentum, Missionare ꝛc. zu allen Teufeln wünschen. Sozialistische Gemeinde⸗Wahlsiege. Zu den in letzter Nummer mitgeteilten Wahlerfolgen kommt noch Hanau hinzu, wo in der dritten Wählerabteilung zum ersten Male die Kandidaten unserer Partei in die Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung gewählt wurden. Damit ziehen vier Sozialdemokraten in das Hanauer Stadtparlament ein und zwar die Genossen Reichstagsabgeordneter Hoch, Dr. med. Wag ner und die Goldarbeiter Au kamm und Kraß. Für unsere Liste wurden 1171 Stimmen, für die der Gegner 1033 abgegeben. — Weiter errangen unsere Genossen in Crim⸗ mitschau(Sachsen) einen glänzenden Sieg. Dort wurden sieben Sozialdemo⸗ kraten und zwei Gegner gewählt.— Bei den Stadtverordnetenwahlen in Bernburg siegten fünf Parteigenossen mit 1130 bis 915 Stimmen. — Großen Erfolg brachte ferner unserer Partei die Ergänzungswahl in Mom bach bei Mainz. Bei sehr starker Wahlbeteiligung gingen drei Kandidaten der Arbeiterpartei als Sieger aus der Wahlurne hervor.— Ebenfalls zum ersten Male wurden in Güstrow drei Sozial- demokraten mit großer Mehrheit in den Bürgerausschuß gewählt. Mit dem Außfall dieser Wahl ist Güstrow die erste Stadt Mecklenburgs, die Sozialdemokraten in ihrer Stadtvertretung hat. Auch in Mecklenburg wird's hell.— Und in Eberswalde(Bran⸗ denburg) siegten alle vier soztaldemokra⸗ tischen Kandidaten in der Stichwahl mit be⸗ deutender Majorität. Zur Ersatzwahl in Breslau an Stelle unseres verstorbenen Gen. Schön⸗ lank haben die Breslauer Parteigenossen in ihrer am Montag abgehaltenen Parteiversamm⸗ lung Eduard Bernstein als Kandidaten aufgestellt. Vorgeschlagen waren außer Bern⸗ stein noch Schütz⸗Breslau und Liebknecht⸗ Berlin. Die Versammlung entschied sich im zweiten Wahlgange mit 223 Stimmen für Bernstein; auf Schütz fielen 210. Noch ein Sieg. Unsere Genossen in Zürich haben am Sonntag einen großartigen Erfolg erkämpft. Bei den Ersatzwahlen für die zwei bisher von den Demokraten eingenommenen Sitze im neun⸗ gliedrigen Stadtrat ist der Sozialdemo⸗ krat Professor Erismann mit 8193 und der Liberale Bankdirektor Bil leter mit 8091 Stimmen gewählt worden. Der Demokrat Müller⸗Cramer erhielt 7109 Stimmen. Die bürgerlichen Parteien waren gemeinsam vorgegangen. Die Sozialdemokraten haben nunmehr 3, die Liberalen 4 und die Demokraten 2 Sitze im kleinen Stadtrat. Tapfere Krieger. Die Vorstände der Bremer Kriegervereine haben vor dem Vorsitzenden des deutschen Krieger⸗ bundes, dem bekannten General z. D. v. Spitz, endlich doch den geforderten Kotau gemacht. Die Vorstände hatten bekanntlich dem scharf⸗ machenden Herrn General auf seine Versuche, die Affaire Weiland zum grausigen Fürsten⸗ mordversuch aufzubauschen, in gebührender Weise edient. Das war ein Verstoß gegen die heilige isziplin, die auch für den Krieger in Zivil noch gilt. Widerrede gegen einen leibhaftigen General, und wenn er auch blos z. D. ist, das kann in einer Kriegerorganisation nicht geduldet werden. Und die Bremer Vorstände haben das schließlich auch eingesehen und leisten jetzt geforderten Widerruf. Die Vorstandsmitglieder von drei Vereinen, welche sich nicht dazu ver⸗ stehen wollten, die Erklärung zu unterzeichnen, n in haben, der Eventual⸗Forderung des Vorstandes 19 f des Deutschen Kriegerbundes gemäß, ihre Vor⸗ aten standsämter„freiwillig“ niedergelegt. Womit ß da der Beweis geliefert ist, daß ein General immer lage! recht hat. 1 1 Doktor Sigl's Ende. 1 Vergangene Woche berichtete man aus 116 f München, daß der Journalist Dr. Sigl, der ihne bekannte Redakteur des„Bayr. Vaterland“ auf 10 Antrag seiner Frau wegen Geisteskrankheit ent 3 1 mündigt und sein Blatt verkauft worden sei. donn Sigl war der Vertreter eines eigenartig knorrigen f 1 Partikularismus, ein Preußenfresser mit engen. 6 politischen Gesichtskreise, dabei ein Schimpfgenie bsi ersten Ranges. Seitdem das Zentrum Regierungs. 1 1 partei geworden ist, war er ihm in Bayern ein 15 ui gefährlicher Gegner. Auch wer ihm polltisch kn ferne stand, meint die„Süchs. Arb. ⸗ Zig, le konnte an dem eigenartigen Humor und der 6 uuf Schlagfertigkeit des urbajuvarischen Journalisten a seine Freude haben. Sein Einfluß auf dag 112 Kleinbürgertum war zeitweise recht groß. Daß N 10 Bismarck ihn mehrfach mit seinen berüchtigten n lithographiertenStrafanträgen wegen Beleidigung 5 beglückt hatte, sleigerte selbstverständlich seine hen Popularität erheblich.— 1893— 98 war er Reichstagsabg. für Rosenheim. n Hen. er I hät fe ie k blos Sozialistischer Bauerukongreß. Am Montag trat in Bologna(Italien) der erste von unsern Genossen einberufene Bauern⸗ Kongreß zusammen. Es waren nach der „Frkftr. Ztg.“ 704 Vereine mit 144178 Mit- —— 1 vertreten; 13 sozialistische Abgeordnete, in. arunter Turati und Ferri waren anwesend. it b Regierungsblätter bewundern die Rührigkeit 0 un der Sozialdemokraten. biet . lt Soziales. 0 15 Der 8 616 des bürgerlichen Gesetz⸗* uf! buches und die Kommunen. Man sollte Eh ic eigentlich denken, daß Staat und Kommunen an sich beeilen würden, in ihren Betrieben dem 0 Nanu. Gesetze Geltung zu verschaffen und nicht wie i j viele Privatunternehmer die Hinterthür des ntgh Privatbertrages, die leider der Gesetzgeber ge- 0 ter rade bei den den Arbeitsvertrag betreffenden iz d. Paragraphen offen gelassen, benutzen. Aber ur le weit gefehlt. Auch die Berliner städtischen Ir Arbeiter sollen nichts von den Vorteilen des mg § 616 genießen. Den Arbeitern der dortigen ma Gaswerke wurde vor kurzem eine neue Arbests⸗ Heiler ordnung vorgelegt und dem Arbeiterausschuß 0 unterbreitet. Dieser konnte sich jedoch nicht 9 damit einverstanden erklären, ganz besonders hun wegen des Ausschlusses des 8 616 nicht. Ein anwesender Oberinspektor versprach auch, Kult in diesem Sinne bei der Direktion zu wirken. 1 N50 Trotzdem bekamen die Arbeiter die Arbeits⸗ lie ordnung unverändert zur Unterschrift vorgelegt. ud Die Arbeiter weigerten sich um so mehr, ihre. Unterschrift zu geben, als noch Verhandlungen d schwebten. Am 16. ds. Mts. wurden dan pre 20 Arbeiter ohne Weiteres entlassen, dars? fz unter Leute, die bis zu 40 Dienst fahre e hinter sich hatten und Anspruch auf die höchste ur zulässige Penston haben. Sie wurden noch E dazu ohne Kündigung herausgeworfen. er dürfte sich um einen Schlag gegen die Organi⸗ fir sation der Berliner städtischen Arbeiter handeln. al — Auch anderswo wird ähnlich verfahren. un ur „ ö fh 289 1 Junkerfrechheit. Ein antisemitisches Kulturbild. eg Vor einigen Tagen wurde der berühmte 1 Dreschgraf Pückler aus Klein⸗Tschirne in 0 er in einer seiner„Reden“ zu Gewaltthätigkeiten aufgefordert hatte. Er kam deshalb so gelinde weg, weil das Gericht annahm, er habe aus 9 Gerich 0 Ber lui Berlin zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil mäß „ehrlicher Ueberzeugung“ gehandelt. jutsbesitzer nahm die Gelegenheit wahr, 5 5 70 0 ö 1 Sigl, a ö lande U kheit elt! worden f. cim gegierung Bahern ih m poll lrb.- J r und 0 burnali b auf roß. J berüchtihn Beleidn blich eh 98 w greß. alien) l Bauer! nach hu 4178 M Ibgeoron, Aube Rübrigk en Geset Man solle Kommune rieben d licht M erthür Nn sehgeber betreffeabl gen. N ädtisch orteilen — — 2 2 3 1 0 be * 0% Nr. 48. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. seinen Berliner Gesinnungsgenossen über seine Verurteilungen zu reden. Aus dieser famosen Rede, welche der Berichterstatter der„Berl. Volksztg.“ stenographisch aufgenommen hat, seien zur Erheiterung unserer Leser einige Stellen mitgeteilt. Einleitend bemerkte der Antisemitenhäuptling, man dürfe nicht ruhen, „bis das ganze fremde Judengesindel er⸗ schlagen am Boden liegt.“ Dann erzählte er, wie man ihn jüngst bei dem Dresdener Gericht habe vorführen lassen, weil er sich nicht gestellt habe: Es kamen der Amtsvorsteher von Klein⸗ Tschirne und ein Dresdener Gerichtsdiener morgens früh um 7 Uhr zu mir und sie sagten, sie müßten mich verhaften, ich sollte doch ja mitkommen und keine Schwierigkeiten machen, sonst müßten sie Gewalt anwenden. Ich war baff.(Heiterkeit.) Man wollte mich, einen preußischen Ritter jutsbesitzer und Irafen, mir nichts, Dir nichts verhaften. Na, ich ging aber doch mit und sagte zu dem Jerichtsdiener: Hären Se, mein Kutester, det is doch eine kolossale Unverschämtheit, daß Sie mich, den Irafen Pückler, verhaften wollen. Eigentlich müßte ich Sie jetzt nehmen und in den Schloßkeller von Klein⸗Tschirne sperren!(Heiterkeit.) Da erbleichte der Mann. (Erneute Heiterkeit.) Ja, sagte ich, und dann müßten Sie mal da unten so acht Tage bei meinen Mäusen und Ratten brummen. Da würde Ihnen wohl dann die Lust verjehen, einen preußischen Ritterjutsbesitzer verhaften zu wollen.(Große Heiterkeit.) Der Mann erbleichte immer mehr und sagte: Ach nee, Herr Graf, das hätten Se wohl doch nich gedhan. Was, sagte ich, nich jethan? Männeken, Sie dhun mir blos leid.(Anhaltende Heiterkeit.) Na, un denn ließ ich anspannen und denn jondelten wir los zum Bahnhof. Uffem Bahnhof sagte ich rund ae Jerichtsdiener, ick fahre Erster, selbstverständlich, und Sie werden natürlich Dritter fahren, sonst fahre ich überhaupt nicht mit.( Heiterkeit.) Aber härnse, sagt er da, das geht doch jar nich, Herr Iraf! Ach was sage ich, ob das jeht. Denken Sie, ich werde mit Ihnen Dritter fahren? Na denn fahre ich ähm ooch Erschter, sagt der Mann. Na, da lache ich natürlich und sage: Das jiebt es nich, Mann, ich werde doch nich mit Ihnen zusammen Erster fahren als preußischer Ritterjutsbesitzer? Wo denken Sie hin? Na, er stieg dann Dritter in, ich Erster, und so jondelten wir los. Auf dem Bahnhof in Ibrlitz, wo wir um Eins kamen, holte ich mir den Mann und sagte ihm, ich würde jetzt einen ganz energischen Fluchtversuch machen.(Stürmische Heiterkeit.) Na, da schrie er wieder Ach und Weh, er würde seine Stellung verlieren und so— na, und da bin ich denn wieder mitje⸗ fahren. Als wir in Dresden ankamen, nahm ich'ne Droschke und jondelte mit ihm zum „Europäischen Hof“(dem ersten Hotel in Dresden). Da verkehre ich immer, und wie nu der Ober⸗ kellner kommt, sage ich: Ober, ich bin verhaftet und hier steht der Mann, der mich verhaftet hat. Und der Mann erblaßte zum dritten Male. (Heiterkeit). Is das nich ne riesenhafte Frechheit, was, mich, einen schlesischen Ritter⸗ jutsbesitzer, zu verhaften? Det is doch nich dajewesen, daß man einen schlesischen Irafen so mir nischt, Dir nischt verhaftet. Nu können Sie sich denken, was das in dem Hotel, wo sie mich seit Jahren kennen, für'ne riestge Be⸗ stürzung war.(Heiterkeit). Nachdem ich mich erholt hatte, jing ich mit meinem Jerichts diener zum Landgericht. Na, die Verhandlung hat mir nu jar nich jefallen. Der Präsident fragt jleich: Geben Sie zu, daß Sie gesagt haben: Man soll die Juden mit Keulen und Dresch⸗ flegeln totschlagen, wo man fte trifft? Jawoll sagte ick. lind geben Sie auch zu, gesagt zu haben: Wir wollen ja die Juden nicht totschlagen, aber Haue müssen sie haben, Keile müssen sie kriegen, ganz unbändige Keile, daß ihnen die Schwarte knakt? Jawoll! sage ick. Na, det jenügt! sagte er. Und es jenügte ooch.(Heiterkeit) Denn wie se wieder raus⸗ kamen, war ich zu 100 Mk. Geldstrafe ver⸗ urteilt. Na, ich wollte denn noch gleich wieder 'ne Versammlung in Dresden abhalten, denn ich war trotzdem der Meinung, daß wir nicht ruhen dürfen, ehe nicht das ganze Judentum vernichtet und zerschmettert am Boden liegt. (Stürmischer Beifall.) Aber die Dresdener hatten Angst gekriegt und wollten keine Versammlung mehr machen. Da bin ich denn losjejondelt, denn mit Leuten, die Angst kriegen, will ich nischt zu thun haben.(Beifall.) Vorjestern stand nu hier in Berlin Termin gegen mich an. Na, das war nu erst'ne Ver⸗ handlung. Oede und langweilig, rein zum Verzweifeln. Der Präsident schnauzte mich jleich an, sowie die Verhandlung losjejangen war, blos weil ich den Zeugen Polizeileutnant v. Sanden mit den Worten: „Aber, verehrter Herr Leutnant!“ angesprochen hatte. Ich kann das doch nicht wissen; und so fluchte und wetterte denn der Vorsitzende in Einem fort, schließlich wurde mir sogar das Wort entzogen.(Hört! Hört!)... Aber trotzdem haben sie mich verurteilt. Na, ich werde mich ja nich dabei beruhigen. Diese Handlungsweise gegenüber einem Aristo⸗ kraten und Patrioten ist einfach un⸗ erhört, und ich erkläre das Urteil einfach für inkorrekt und unstatthaft. Wie man mit mir umgegangen ist, das ist einfach doll, und die janze Verhandlung machte einen kläglichen Eindruck. Ich verlange als preußischer Ritter jutsbesitzer, af und Patriot Respekt und Achtung, und der Deubel soll mir Den holen, der mir diese Ach⸗ tung nicht entjejenbringt.(Stürmischer Beifall.) Ich stehe jetzt auf dem Standpunkte, daß man unseren Behörden und namentlich den Herren am jrünen Tisch energisch und barbarisch die Wahrheit geigen muß, so geigen, daß die Kerle auf den Rücken fallen Nicht wahr, das wäre ein famoser Anblick, wenn die Leute da in Moabit unter' m Tische lägen und ich stolz, wie ein Spanier, den Saal verließe?(Donnernde Heiterkeit.) Das kann ich Ihnen sagen, wenn ich in Klein⸗Tschirne zu befehlen hätte, so würde ich dekretieren: 8 1. Jeder Jude kann durch⸗ jehauen werden.§ 2. Jeder Jude kann rausjeschmissen und mit Dreschflegeln verdroschen werden.§ 3. Jeder sehr freche Jude kann sogar aufjehangen werden.(Donnernde Heiter⸗ keit.) Eigentlich müßte man auch so über mein Urteil lachen, wenn es nicht so traurig wäre, daß sich darin wieder die Furcht vor den Juden zeigt. Unsere Behörden laufen eben wie doll und verrückt hinter den Juden her und a Hier erklärte der überwachende Polizei⸗ leutnant, welcher den tollen Grafen schon mehrfach zur Mäßigung gemahnt hatte, die Versammlung für aufgelöst.— Gegenüber diesem gräflichen Hanswurst zeigt sich die Polizei überaus nachsichtig. Spräche ein Sozialdemokrat so, er müßte sicher einige Jährchen brummen. Ein sozialdemokratischer Ehrenmann, der dem Preßgesetz zum Opfer fiel, wird gefesselt über die Straße geschleppt. Der Graf, der sich weigert, an Gerichtsstätte zu erscheinen, fährt erster Klasse und zwingt seinen vor Angst zitternden Transporteur, dritter Klasse zu reisen.— Wir leben auch in einem Rechtsstaate. Krieg in Südafrika. Der Boykott der englischen Schiff— fahrt kann als gescheitert gelten, obwohl dieser Tage noch eine Zeitungsnachricht ver⸗ breitet wurde, nach welcher das Komitee in Amsterdam beschlossen habe, mit dem Boykott am 16. Dezember zu beginnen.— Der große, erhabene Plan, für den eingetreten zu sein das Proletariat stets ehren wird, der aber trotz alledem praktisch undurchführbar ist und schließ⸗ lich nicht zum Ziele führt, scheiterte haupt⸗ 9 infolge der ablehnenden Haltung der eutschen Gewerkschaften. a Das Haager Friedens⸗Schieds⸗ gericht erklärt sich für unzuständig. Das Ergebnis des seiner Zeit auf Anregung des russischen Zaren stattgefundenen Friedens⸗ kongresses im Haag war, daß ein Friedens- Gericht niedergesetzt wurde, mit der Aufgabe, Streitfälle zwischen einzelnen Nationen zu schlichten. An dieses wandten sich vertrauens⸗ voll die Buren um Vermittelung in der süd⸗ afrikanischen Kriegstragödie. Das famose Friedensgericht erklärte sich aber, nachdem es ganze fünf Minuten über den Antrag der Buren beraten hatte, für Verwerfung desselben, weil, wie berichtet wikd,„die Buren durch den beleidigenden Ton die diplomatische Eti⸗ kette verletzt hätten!“ Nunmehr wollen die Buren keine Schritte mehr zur Herstellung des Friedens unternehmen, was man ihnen nach diesen Erfahrungen wahrhaftig nicht verdenken kann. Hier zeigt sich so recht die Unfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsord⸗ nung, die Kriege zu verhüten und die Wert⸗ losigkeit der ganzen„Diplomaten“ kunst. Eine Schlappe der Engländer. In Kämpfen mit dem Kommando Buys bei Villiers⸗ dorp wurde der Kommandant der englischen Truppen getötet und drei englische Offtziere verwundet. Eine Abteilung von Mannschaften des Eisenbahnregiments wurde von den Buren gefangen genommen. Auch andere britische Truppenteile hatten Verluste. Die Eisenbahn⸗ truppen wurden von dem Burenkommando Buys umzingelt, das von dem Kommaudo Roß verstärkt worden war. Hessischer Landtag. Zweite Kammer. Donnerstag, den 21. November kam das Fleisch⸗ beschaugesetz zur Erörterung. Dazu haben die Ab⸗ geordneten Korel] und Genossen den Antrag gestellt, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat für die Kom⸗ missionsbeschlüsse zu stimmen. Eine Ablehnung oder Abschwächung derselben würden sie als eine schwere Schädigung der deutschen Landwirtschaft und einer nationalen Wirtschaftspolitik entgegenstehend erachten, die das Vertrauen zur Regierung zu erschüttern(ö) geeignet sei. Abg. Ulrich(Soz.) wendet sich scharf gegen die Ausführungen Korell's, der das Vertrauen der Agrarier zur Regierung davon abhängig mache, ob ihre Taschen gefüllt werden oder nicht. Bei den Agrariern handle es sich weniger darum, die Einfuhr gesundheitsschädlichen Fleisches zu verhindern, sondern es sei nur auf eine einem direktem Verbot gleichkommende Erschwerung der Einfuhr fremden Fleisches abgesehen. Alle Bestimmungen des Fleischbeschaugesetzes, die Korell als im Interesse der gesamten Landwirtschaft liegend hingestellt habe, seien nur im Juteresse weniger Tausende. Aber das deutsche Volk und der große Teil kleiner Bauern, für die das Fleisch nur eine Sonntagsspeise bildet, würden sich dagegen verwahren. Ministerialrat Braun erklärt gegenüber einer Be⸗ merkung des Abg. Korell, der Entwurf sei dem Bundesrat schon vor mehreren Wochen zugegangen. Graf Oriola protestiert gegen den Vorwurf des Abg. Ulrich, die Verbündeten Regierungen hätten in dem Gesetz nichts anderes bezweckt, als den Großgrundbesitzern Geld in die Taschen zu werfen. Im Weiteren versucht er, das eingeführte Fleisch als minderwertig und gesund⸗ heitsschädlich hinzustellen. Ulrich entgegnet, daß die von den Agrariern be⸗ hauptete schlechte Qualität des amerikanischen Fleisches von Sachverstandigen bestritten werde. Mit der Kontrolle bei der Hausschlachtung sei keine Knebelung beabsichtigt gewesen, sondern man wollte nur dieselbe Sicherheit gegen den Genuß ungesunden Fleisches wie bei dem eingeführten Fleische.— Auf die gruseligen Geschichten, die Graf Oriola über große Chicagoer Schlächtereien erzählt hatte, entgegnet Ulrich, daß Alle, die jene großartigen Anlagen gesehen hätten, die dort herrschende musterhafte Reinlich⸗ keit und gewissenhafte Untersuchung anerkennen.— Cramer bemerkt, die Hausschlachtung sei so gut wie frei. Im Reichstag habe ein Agrarier die wahre Absficht verraten und rund heraus gesagt: die deutsche Land⸗ wirtschaft ist nicht im Stande, so viel Vieh zu produ⸗ zieren, als der deutsche Kansument notwendig hat; aber wenn das amerikanische Fleisch abgesperrt wird und das deutsche Vieh im Preis steigt, so daß wir unsere Rech⸗ nung dabei sinden, so wird die deutsche Landwirtschaft auch in der Lage sein, das nötige Quantum zu produ⸗ zieren. Schließlich wird der Ausschußantrag, der baldiges Inkrafttreten des Fleischbeschaugesetzes und Erlaß der Bundesratsverorduungen fordert, angenommen. Freitag handelte es sich um Bildung kleiner Sanitäts⸗ bezirke und Anstellung staatlich besoldeter Bezirksärzte. Hierbei wies Genosse Ulrich darauf hin, daß man, um auf diesem Gebiete eine Besserung zu schaffen und na⸗ ee eee Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 48. mentlich den Landbewohnern ärztliche Hilfe zu gewähr⸗ leisten, für die staatliche Uebernahme des Heilwesens eintreten müsse. Dafür ist aber die Mehrheit des Land⸗ tags nicht zu haben. Die Anträge des Ausschusses, welche im Allgemeinen die Regierung auffordern, der öffentlichen Gesundheitspflege im erhöhten Maße ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, angenommen.— Ferner kommt der Antrag Ulrich, die Ueberführung der Apotheken in Staatsbetrieb zur Verhandlung. Der Antragsteller hofft, daß die Regierung auf dem beschrittenen Wege weiter geht, heimgefallene Apotheken aus dem Privatbesitz in Gemeindehände zu geben. Wenn neben den monopolisierten' Apotheken eine Anzahl Ge⸗ meindeapotheken entsteht, so wird dadurch der eminent hohe Preis der Arzneien naturgemäß sinken. Redner ist mit dem Ausschußbericht zufrieden, da er zeigt, daß man mit der Zeit dem angestrebten Ziele immer näher kommt. Der Antrag des Ausschusses,„unter Beobachtung der seitherigen Praxis bei Vergebung neuer oder Wieder⸗ vergebung heimgefallener Apothekenkonzessionen in erster Linie Gemeinde⸗ oder Kommunalverbände zu berücksichtigen“, wird angenommen. pon Uah und Lern. — Die witzigen Bauunternehmer. Als der Wahlkampf zu den Stadtverordneten⸗ wahlen noch im Gange war,— soweit da von einem„Kampfe“ überhaupt die Rede sein kann— hatten auch einige„Handwerks⸗ meister“ eine Versammlung in die Wirtschaft „Zu. Schiffenbergerthal“ einberufen, um zu der Sache Stellung zu nehmen und womöglich mehreren der Ihren Mandate zuzuschachern. Wie wir schon mehrfach bemerkten, giebts ja bei der hiesigen Gemeindewahl einen Wahl⸗ kampf um Grundsätze nicht, sondern einzelne gute Freunde setzen sich zusammen und stellen die Kandidaten auf. Als solche werden natür⸗ lich Diejenigen herausgesucht, welche die egoisti⸗ schen Interessen ihrer Auftraggeber rücksichtslos vertreten. Was in jener Ver sammlung vorge⸗ bracht wurde, ist nicht von Belang. Nur soviel sei gesagt, daß ein Teil der dort zusammen⸗ gekommenen ehrenwerten Bürger eine derartige Unkenntnis und so verschrobene Ansichten in Bezug auf die öffentlichen und städtischen An⸗ gelegenheiten verriet,, daß der gewöhnlichste Arbeiter sich solcher Rückständigkeit geschämt hätte. Wie diese Herren über die Arbeiterschaft und deren Bestrebungen denken, konnte man daraus entnehmen, daß der Einberufer, Herr Bauunternehmer Pfaff einen gedruckten Zettel mitgebracht, hatte und verlas, worin die Bau⸗ arbeiter in“ der scheußlichsten Weise verhöhnt werden. Herr Pfaff wurde bei der Verlesung unterbrochen— Einzelne empfanden doch so etwas wie Scham— man konnte also den Inhalt des Zettels nicht erfahren, wir bekamen ihn auch nicht in die Hände. Jetzt ist uns 1 das famose Aktenstück zugegangen. Hier ist es: „Bauarbeiter⸗Gesuch.“ Es werden Maurer und Zimmerleute unter folgenden Bedingungen gesucht: Dere Mann erhält 9 Mark Tagelohn nebst freier Kost, Bier und Zigarren. Die Arbeiter werden nur in guten Landa nern nach dem Bauplatz gefahren; nach Hause können sie reiten. Die⸗ Arbeit beginnt früh 8 Uhr, wo die Leute Kaffee mit Sahne und Zucker erhalten. Wer Thee trinken will, kann sich Rum oder Milch dazu nehmen. Es werden dazu frische Käse⸗ käulchen oder Semmeln verabreicht, wer sich dieselben schmieren will, erhält dazu Butter, Gänsefett oder Honig. Von 9 bis 10 Ühr wird Thee mit Rum serviert, dazu giebt es weiche“ Eier, Kaviar, Sardellen, e rohen Schinken und Schweizerkäse. Der Polier liest dabei die „Gießener Neueste Nachrichten“ vor. Von 12 bis 2 Uhr wird zu Mittag gespeist. Hinsichtlich der traurigen Verhä ltnisse kann nur Suppe, Rindfleisch mit Gemä se, Braten und Salat, Mehlspeise, Butter, Käse und Brot 1 werden. Der Mann erhält 3 Liter agerbier dazu, zum Dessert ein, Glas Kümmel und Kognak. Der Polier liest die„Fliegenden Blätter“ vor. Von 3 bis 4 Uhr wird Kaffee getrunken, wozu frischer Kuchen verabreicht wird. Um 6 Uhr ist Feierabend und wird ein Imbiß von kaltem Braten, Wurst, Schinken, Heringen, Briken oder geräuchertem Lachs verabreicht, wozu der Mann 3 Liter Lagerbier oder eine halbe Flasche Doppelkümmel erhält. Jeden Morgen werden pro Mann 8 Stück Zigarren, ein halbes Pfund Prim⸗ oder Schnupf⸗ tabak verteilt, dazu Feuerstein mit Schwamm. Von 4 bis 6 Uhr spielt die Mllitärkapelle. Außerdem liegt ein Faß Bier zum beliebigen Gebrauch bereit. Wir hoffen, daß wir unter solchen Bedingungen die genügende Anzahl Arbeiter finden und sich dieselben dann nicht mehr zum Streik verleiten lassen werden. P. S. Erwünscht ist es allerdings, daß die Pausen mit ruhiger Arbeit ausgefüllt werden. Man sieht, die Herren wissen zu leben, denn sie haben offenbar diesen höhnischen Speisezettel nach ihren eigenen Lebensgewohnheiten auf⸗ gestellt. Und die Angehörigen der edlen Bau⸗ unternehmerzunft sind keine Freunde vom Fasten, alle habe sich Ränzlein angemäst' als wie der Doktor Nother, ihre vollen roten Wangen und dito Nasen legen Zeugnis ab vom starken Konsum bester Weine und Biere. Dabei sind sie ganz entschiedene Gegner des Achtstunden⸗ tages, weil es ihnen ein Greuel ist, auch nur eine Stunde des Tags zu arbeiten! Schlecht informiert sind die guten Leute über die Zeitungslektüre der so begehrlichen Arbeiter. Diese lassen sich kein„unparteiisches“ Wurstblatt vorlesen, sondern würden sich den „Vorwärts“ und„Wahre Jakob“ gewählt haben. Wir raten Herrn Pfaff, dies bei einer Neuauflage zu berücksichtigen. Uebrigens scheint das Machwerk nicht in Gießen das Licht der Welt erblickt zu haben, einzelne Ausdrücke(Käsekäulchen, Semmeln) lassen Sachsen als sein Geburtsland erscheinen. Vielleicht ist das Manuskript in der Nähe des berühmten Leberecht Hartwig in Dresden entstanden, dem bieder en antisemitischen Stadt⸗ vater, dem gerichtlich attestiert wurde, daß er ganz merkwürdige Begriffe von Treu und Glauben habe. Dadurch hat der es aber auch „zu Etwas gebracht“. Die Maurer- und Zimmergesellen, Tag⸗ löhner ꝛc., die sich täglich für 2 Mk.— 2.50 abrackern müssen, sehen hier, wie ihre Ausbeuter mit ihnen Schindluder spielen, sie ob ihrer traurigen Lage noch verspotten! Solchem Ueber⸗ mute müssen die Arbeiter durch festgeschlossene Organisation einen Dämpfer aufsetzen! — Vom Genossen Segitz erhalten wir aus München folgende Zuschrift:„In einer der letzten Nummern der ,„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ befindet sich unter der Spitzmarke„Stadtverordnetenwahl“ ein Artikel, der sich auch mit mir befaßt. Danach hätte ein Nationalsozialer gesagt: Segitz habe im bayerischen Landtage erklärt, aus Rücksicht auf die Bäcker und Metzger nicht für die Aufhebung des Oktrois in Fürth eintreten zu können. Der Nationalsoziale scheint demnach zu glauben, Bäcker und Metzger hätten ein In⸗ teresse daran, Brot und Fleisch mit Zöllen zu beschweren, bezw. die Zölle zu erhalten. Das beweist an sich eine hochgradige Unkenntnis der Verhältnisse; aus naheliegendsten Gründen er⸗ streben Bäcker und Metzger die Beseitigung der örtlichen Gefälle. Das nur nebenbei. Hauptsache ist mir, festzustellen, daß die Aus⸗ führungen des Nationalsozialen in jeder Richtung auf Unwahrheit beruhen. Ich habe niemals im bayerischen Landtage die mir unterstellten Aeußerungen gemacht, die gegen mich erhobene Anschuldigung ist völlig aus der Luft gegriffen. Die Beseitigung des Oktrois in Fürth ist über⸗ haupt nicht von dem Willen der Sozialdemokratie abhängig. Von 17 Stimmen im Stadtmagistrat Fürth verfügt unsere Partei nur über 3 Stimmen, von 36 Stimmen des Gemeindekollegiums fallen 13 Stimmen der Sozialdemokratie zu. Die Konsequenz ergiebt sich daraus von selbst. Durch energische Opposition ist es den sozialdemokra⸗ tischen Gemeindevertretern in Fürth gelungen, eine geplante Erhöhung des Lokalmalz⸗ aufschlages zu verhindern, die Beseiti⸗ gung der gemeindlichen Aufschläge aber liegt nicht in unserer Macht. Weil die Möglichkeit eines Mißverständnisses vorliegen konnte, haben wir den national 1 sozialen Redner von der Zuschrift des Genossen Segitz in Kenntnis gesetzt. Derselbe erklärt, daß er habe sagen wollen, Segitz sei in diesem Falle nicht für Aufhebung des Oktrois ein⸗ getreten, weil nur die interessierten Bäcker und Metzger Vorteil davon hätten. Gestützt habe er sich auf die Ausführungen in Damaschkes „Aufgaben der Gemeindepolitik“. Daß kein Sozialdemokrat in Rücksicht auf Interessenten⸗ gruppen das Oktroi verteidigen wird, sei ihm bekannt. Er sei aber gern bereit, seine Aus⸗ führungen auch in ihrer berichtigten Form zurückzunehmen. Sie hätten ja nicht auf Böswilligkeit beruht, sondern seien eingegeben gewesen von dem gemeinsamen Bemühen, der Sache des Volkes zu dienen. Ueber die letzten Stadtverordnetenwahlen verhandelte der soz.- dem. Wahlverein in seiner letzten Versammlung. Während einzelne Genossen ihrer Ent⸗ täuschung über den Wahlausfall Ausdruck gaben, war man im Ganzen darüber einig, daß die wenn auch nicht bedeutende Stimmenzunahme angesichts der Verhältnisfe entschieden einen Erfolg bedeute. Thatsache sei leider, daß etwa 700 Arbeiter nicht gewählt haben, ein Beweis dafür, daß es für unsere Agitation noch eln weites Feld hier in der Stadt zu bearbeiten gebe. Be⸗ zeichnend sei, daß im bürgerlichen Lager derjenige die meisten Stimmen erhalte, der nicht wisse, was er wolle. Die Erörterung schloß damit, daß man die bessere Auz⸗ gestaltung der Organisation für notwendig erklärte. — Höhere Fleischpreise! Die Metzger haben den Preis des Schweinefleisches, das ohnehin kaum zu bezahlen war, wiederum gesteigert. Wo soll das hinaus, wenn erst noch die Zölle erhöht werden? Auf den Fleischgenuß darf der Minderbemittelte dann ganz und gar verzichten. Nach Ansicht des„Gieß. Anzeigers“ existiert aber„kein Notstand“, denn der Bürger⸗ meister habe es in der Stadtverordnetenversammlung selbst erklärt. Notstand existiert wohl erst, wenn die Leute verhungert auf der Straße liegen? — Das Resultat der Wiesbadener Reichstagswahl, die diesen Samstag(30) stattfindet, wird am Abend des Wahltages in der Wirtschaft Or big bekannt gegeben werden. — Katzenjammer des Chinakriegers. Daß die Mehrzahl unserer Rachekrieger von dem Verlauf des Kreuzzuges gründlich ent⸗ täuscht sind, ist bekannt. mit„tausend Masten“ wie's bei Schiller heißt, mit Begeisterung und Hurra in den Ozean und kehrte still heim, froh, wenigstens leidlich gesund und unbestraft sein Vaterland wiederzusehen, wo ihm noch Arbeits⸗ und Verdienstlosigkeit entgegengähnte. Jetzt scheinen sich auch keine Abenteuerlustige mehr finden zu wollen, denn in den Amtsblättern werden oft noch Freiwillige gesucht, Meldungen scheinen aber wenig ein⸗ zugehen. Das ist erklärlich. Denn thatsächlich ist von der vorjährigen China-Begeisterung nicht ein Hauch mehr zu spüren; auch die Erfahr⸗ ungen der Zurückgekehrten wirken sicher auf keinen verständigen Menschen verlockend. Wie gedrückt die Stimmung unter den ostasiatischen Truppen ist, geht aus einem Briefe hervor, den ein Chinafreiwilliger an einen seiner hiesigen Bekannten richtete. Der Briefschreiber war hier selbständiger Gewerbetreibender und er hatte mit seiner Familie, die aus Frau und drei Kindern bestand, sein leidliches Auskommen. Allgemein wurde damals das thörichte Verhalten dieses Mannes verurteilt, der sich dem Hunnen. zuge anschloß und hier seine Familie hilflos zurücklies, die dann später, weil hier nicht unterstützungsberechtigt, nach seinem bayerischen Heimatsorte abgeschoben wurde. In dem Briefe teilt der Hunne zunächst mit, daß er eben aus dem Lazaret gekommen sei, wo er 4 Wochen an Malaria darnteder gelegen habe. Er er⸗ kundigt sich nach dem Schicksal seiner Familie, der er noch nicht geschrieben hier ist. Dann heißt es weiter in dem Briefe: „Lieber Fr... ich habe schon vieles mit durchmachen müssen in China. Der Krieg it schon lange zu Ende, wir haben den Dienst, wie in der Garnison und das nicht so wenig. Es kommen viele Widersetzlichkeiten im Dienst vor. Die Leute sagen sich alle wir müßten läugst zu Hause sein, da wir uns nur auf die Dauer des Krieges verp haben. Ich kann und darf Dir nicht alles Gar mancher schiffte abe, hat also offenbar keine Ahnung, daß sie nicht mehr flichtet 15 f ele 5 9 Arier 1 Tell dehalle elosse chere gelosse fe At te ent Agenor 1 1 u der Hache 5. K u Hol ulklon fal. 6 dacht Ae B ih die naue cht g Ahe w dug a itte duch, d af dai der utde ahden che kb Shluß zetenwahhg n feiner ai sen ihrer ce ic gaben, Nl enn auh 1 er Vehilgh f ace sei fh It haben, ation noch ten gebe. r derjenige waß er wü ie bessere l J erllärte. Neger hel iehin kaum oll das hing n? df mn ganz u. g. Amel in der Bin enbersamnle rst, wenn badel mstag Vahltagez eben werd. zakriegen krieger ündlich c. cher schfs chiller ah u Ofean eidlich ge iederzusche dienstlofgke 9 auc fl pollen, de da wenig that, terung l, die El n sichet Meld. l riese h einen Brieschll bend! i dun Auto oft, 1 Nr. 48. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. .—. Seite 5. schildern, wie es hier zugeht. Wir werden jedenfalls unsere zwei Jahre aushalten müssen. Die Hauptsache ist, wenn ich wieder gesund nach Deutschland komme. Einmal nach China und nicht wieder. Dein Georg“. Man wird mit dem Manne wirlich kein großes Mitleid empfinden können. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. — Gegen den Zollwucher fand in Düdelsheim am Sonntag eine Protestver⸗ sammlung statt, welche so stark besucht war, daß sich das Lokal als zu klein erwies und viele umkehren mußten. Unsere Genossen hatten das gar nicht erwartet. Genosse Busold referierte. Reicher Beifall wurde dem Redner zu Teil. An der nun folgenden sehr lebhaften Debatte beteiligten sich von unserer Seite noch Genosse Harris-Himbach, von gegnerischer mehrere Bauern, hauptsächlich Antisemiten. Geuosse Busold widerlegte mit leichter Mühe ihre Ausführungen und wurde am Schlusse eine entsprechende Resolution gegen 3 Stimmen angenommen. Die Gründung eines Wahlver⸗ eins wurde sofort in die Wege geleitet, und hat derselbe schon eine stattliche Mitgliederzahl. Welcher Ort machts nach? Aus dem Rreise Weßlar. h. Kreiskonferenz. Vergangenen Sonntag fand im Lokale Orbig in Gießen eine recht gut besuchte Kreiskonferenz für den Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen statt. Genosse Beckmann⸗Gießen erstattete zunächst Bericht über den Verlauf des Lübecker Parteitages, mit dessen Beschlüssen sowie dem Verhalten des Delegierten sich die Versammelten einverstanden erklärten. Vom Vertrauensmann wurde dann der Jahres- und Kassen⸗ bericht gegeben. Dabei wird bemerkt, daß im verflossenen Jahre wohl die Agitation eine lebhaftere war, aber in Bezug auf die finanziellen Verhältnisse sind keine Fort⸗ schritte zu verzeichnen. Die Genossen werden deshalb ersucht, etwas mehr an Munition zu denken. Abrechnung und Kasse wurden geprüft und für richtig befunden. Bei der nun folgenden Neuwahl des Vertrauensmannes wurde Genosse Fauth⸗Wetzlar einstimmig wiedergewählt, Nachdem noch über verschiedene Parteiangelegenheiten eine lebhafte Diskussion stattgefunden hatte, erfolgte Schluß der Konferenz. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. St. Eine Protestversammlung gegen die Erhöhung der Getreidezölle fand hier am Freitag abend im Saalbau statt. Dieselbe war don den National sozialen einberufen und hatte sich eines guten Besuches, auch von unserer Seite, zu erfreuen. Herr Redakteur v. Ger⸗ lach zerpflückte in längerer Rede den Entwurf betr. Erhöhung der Zölle und wies die Schäd⸗ lichkeit derselben für das gesamte Volk schlagend nach. Seine Ausführungen wurden von großem Beifall begleitet. Diskussion fand nicht statt, da sich Gegner nicht zum Worte meldeten. Eine Protestresolution gelangte mit allen gegen 4 Stimmen zur Annahme. 5 — Kommunales. Die am Dienstag und Mittwoch d. W. hier stattgefundenen Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenver⸗ sammlung brachten etwas Leben in die hiesige Bürgerschaft, da es galt, den sog. Rathaus⸗ (Kandidaten⸗) Zettel niederzustimmen. Hatte auch die Wahl für uns wenig Interesse, so konnte man doch sehen, daß die Arbeiter, trotz⸗ dem keine eigenen Kandidaten aufgestellt waren, ihr Wahlrecht doch ausüben wollten, denn es war eine größere Anzahl derselben erschienen, um ihre Stimmen für die Kandidaten der bürgerl. Opposttionsliste abzugeben. Die Wahl⸗ beteiligung war gegen früher sehr stark, indem ein Drittel der Wahlberechtigten gewählt haben. Der Kandidat der Opposition, Herr Mechanikus Engel, um dessen Wahl es sich hauptsächlich handelte, gelangt mit drei anderen in Stich⸗ wahl; zwei hiervon sind zu wählen.— Die Stichwahl findet am Freitag, den 13. Dez. morgens von 9 Uhr bis Mittags 1 Uhr statt. Am Samstag abend fand im Café Quentin noch in letzter Stunde eine Versammlung der Opposttion statt, in welcher auch die Arbeiter aufgefordet wurden, einen Kandidaten zu stellen, welcher die Unterstützung der Gegner des 1 55 . finden sollte. Warum so spät äre man uns früher entgegengekommen, so würden sicher sämmtliche Arbeiter für diese Oppositionsliste eingetreten sein und wäre dieser dann auch höchst wahrscheinlich der Sieg zu⸗ gefallen. Hoffentlich wird das Versäumte bei der nächsten Wahl nachgeholt. — Achtung! Das Protokoll des diesjähr. Parteitags in Lübeck ist erschienen und ist noch eine Anzahl derselben bei den Mitgliedern der Kolportagekommission und bei Gen. Härtling, Hofstadt 24 III. zu haben. — Die Kreis⸗Krankenkasse hielt am Mittwoch vormittag hier ihre Herbst⸗ Generalversammlung ab. Es wurde zunächst die Ergänzungswahl ausscheidender Vorstands⸗ mitglieder(ein Arbeitgeber, drei Arbeitnehmer) vorgenommen. Wiedergewählt wurden Lang, Löchel und Dörr, neugewählt Happel-Drei⸗ hausen; ersterer als Vorsitzender. Alsdann er⸗ folgte die Aenderung einer Anzahl von der Regierung beanstandeter Paragraphen des Statuts, in derselben genehmer Weise statt. Nachdem noch verschiedene interne Angelegen⸗ heiten besprochen waren, erfolgte der Schluß der Versammlung. Kleine Mitteilungen. k Bei dem Brande der Turnhalle in Darmstadt haben sich, wie berichtet wird, schwere Fehler hinsichtlich der Bauart des Gebäudes gezeigt. Besonders wird der Mangel eines feuersicheren Verputzes der Treppen nach den oberen Stockwerken getadelt; wäre ein solcher vorhanden gewesen, so hätten sich die oben schlafenden Dienstmädchen retten können. Auch war das Wohnhaus nicht feuersicher von dem Saalgebäude abgeschlossen. Außerdem hat sich die Darmstädter Feuerwehr bei diesem Brandunglück keineswegs auf der Höhe ihrer Aufgabe gezeigt. *** Gattenmörder. Vorigen Donnerstag erstach der Mühlenbauer Geier in Merken⸗ fritz(bei Gedern) seine Frau. Der angetrunkene Mörder war vorher mit seiner Ehehälfte in Streit geraten. Uuhbektiebter Seelsoe ger Die durchweg katholische Gemeindevertretung in Salzschlirf wandte sich mit einer Eingabe an den Bischof zu Fulda und den Regierungs- präsidenten in Kassel, in welcher sie verlangt, daß der erst seit einem Jahre in Salzschlirf thätige katholische Pfarrer von dort wegver— setzt werde.. * Gebrochene Ordnung sstütze. Von der Strafkammer in Neustadt O. Schl. wurde der Amtsanwalt Wocke wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen zu 3 Zahren Zuchthaus verurteilt. ** Noch einer. Der Amtsanwalt Leutnant a. D. Wentz in Hanau wurde von der Strafkammer wegen versuchten Sittlichkeits⸗ verbrechens an schulpflichtigen Kindern zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt.— Viel zu wenig! ** Skandalprozeß. In dem großen Prozeß gegen 20 gut situierte Frauen aus Weimar sowie gegen einen Einwohner aus Er⸗ furt wegen fortgesetzter schwerer Verbrechen nach 8 219 des Strafgesetzbuches(Abtreibung der Leibesfrucht), erkannte das Schwurgericht nach dreitägiger Verhandlung gegen die Haupt⸗ angeklagte Hähnlein auf zwei Jahre Zucht⸗ haus. Sämtliche übrige Angeklagte wurden, da die Geschworenen die Schuldfrage verneinten, freigesprochen. ** Wegen Unterschlagung von ca. 40000 Mk. empfangener Gelder wurde der Rendant der städt. Sparkasse in Schlüch⸗ tern, Weitzel, vom Hanauer Schwurgericht zu 1 Jahren Gesängnis verurteilt. Partei-Nachrichten. In Sachen der Hamburger Akkord⸗ maurer ist jetzt von der Einigungskommission das letzte Wort gesprochen worden. Sie empfiehlt, nachdem alle Einigungsversuche an dem Widerstand der Akkord⸗ maurer gescheitert sind, den Vorständen der Hamburger Wahlkreisvereine, entsprechend einer am 18. Oktober gefaßten Resolution, den Ausschluß der Mitglieder der „freien Vereinigung“ aus den Parteiorganisationen zu vollziehen, die nicht bis zum 1. Dezember d. J. dem Schriftführer der Kommission, dem Genossen Berard die schriftliche Erklärung abgeben, daß sie, im Gegensatz zu dem am 19. November d. J. gefaßten Beschluß der „Freien Vereinigung“, gesonnen sind, sich dem Zentral⸗ verband der Maurer wieder anzuschließen und sich den Beschlüssen desselben zu fügen.— Das Verhalten der Akkordmaurer, die sich Parteigenossen nennen, ist geradezu unverständlich. 3,376,000 Unterschriften hat die sozialdemo⸗ kratische Petition gegen den Brotwucher bisher erhalten. Das ist eine ganz enorme Zahl, wie sie noch niemals ein öffentlicher Aufruf erreicht hat. Die Zahl der Zollgegner ist natürlich noch viel größer, weil in zahlreichen Bezirken Unterschriften gar nicht oder nur lässig eingesammelt woreen sind. Wahlsieg. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Brandenburg wurden in der dritten Abteilung sämt⸗ liche sozialdemokratischen Kandidaten mit 2200 Stimmen gewählt. Die gegnerischen Kandidaten erhielten nur etwas über 700 Stimmen. Versammlungskalender. Samstag, den 30. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 1. Dezember. Gießen. Gesang⸗Verein„Eintracht“, Mitgl. des Arbeiter-Sängerbundes Rhein- und Maingau. Abends 8 Uhr Zusammenkunft bei Mitgl. Na u im„Mainzerhof“, Grünbergerstraße. Montag, den 2. Dezember. Gießen. Schneiderverband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 3. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Büdingen. Wahlverein. Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat Versammlung. — 2— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebote. 23. November: Ludwig Nos, Tag⸗ löhner in Wolf mit Wilhelmine Becker in Alten⸗Buseck. 24. Karl Hofmann, Schreiner in Lich mit Marie Wenzel dahier. 26. Jakob Sandor, Schauspieler mit Anna Rehder, Schauspielerin dahier. Gustav Becker, Ober⸗ Lokomotivführer dahier mit Adele Hackemann in Wun⸗ storf. 27. Johann Beck, Zeitungsexpedient mit Dorothea Waag dahier. Eheschließungen. 23. November: Otto Heib, Schlosser mit Christiane Schultheiß dahier. Philipp Möbus, Fuhrmann mit Elisabethe Henkel dahier. 26. Emil Jüngst, Dr. phil. in Essen a. Rhr. mit Luise Prinz dahier. Geborene. 15. November: Dem Taglöhner Josef Schumann e. S. Dem Agent Johann Baum e. T, 18. Dem Bäckermeister Ludwig Rühl e. S. Dem Metzger Wiegand Wagner e. T. 20. Dem Buchhalter Hugo Engel e. T. 21. Dem Besitzer einer chemischen Wäscherei Karl Herr e. S. 22. Dem Bahnarbeiter Heinrich Rethwisch e. S. 23. Dem Goldarbeiter Karl Schmidt e. S. 24. Dem Küfermeister Julius Well⸗ höfer e. T. 26. Dem Privatdozenten und prakt. Arzt Dr. Hans Koppe e. T. Dem Kapellmeister Paul Polster e. T. Gestorbene. 21. November: Moses Hammer⸗ schlag, 56 Jahre alt, Kaufmann. 22. August Hofmann, 55 Jahre alt, Metzgermeister. 23. Lina Geyer, geb. Bartels, 54 Jahre alt, Ehefrau. 25. Hermann Löhlein, 54 Jahre alt, Professor. 26. Friedrich Hattenhauer, 35 Jahre alt, Kellner. 28. Elisabethe Münch, 84 Jahre alt, Privatin. Gießener Stadttheater. Sonntag, den 1. Dezember 1901: nachmittags 4 Uhr Kindervoystellung! Goldlieschen oder: König Faulpelz u. Prinz Lustig, abends 3 Uhr: Das Volk, wie es weint und lacht. Volksstück mit Gesang von Kalisch, Musik von Conradi. Dienstag, den 3. Dezember 1901: III. Volksvorstellung! Haus Lonei. Luftspiel in 4 Akten von A. O Arronge. Mittwoch, den 4. Dezember 1901: 7 voltstümliche Vorstellung! Die Zuillingssehwester. Luftspiel in 4 Akten von Ludwig Fulda. Freitag, den 6. Dezember 1901: Gasispiel von Willy Loehr vom Hoftheater in Darmstadt. Romea und Julia. Trauerspiel in 5 Akten von William Shakespeare. eee ——— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung“ Nr. 48. 1 7 Unterhaltungs-Ceil. 17 7—— N—. 5 Der Verweis. Die 91 e Frau stand im Nachtkleid beim offenen 45 und lauschte den wimmernden und schluchzenden Tönen, die aus einer benach⸗ barten Wohnung in die Stille der Nacht hinaus⸗ drangen. Dann hörte sie einen schrillen Auf⸗ schrei, gleich darauf einen r beer Fall oder Schlag, das Gekreisch einer heiseren Weiber⸗ timme, dann die klagenden Worte:„Bitt' schön, zutterl, ich will schon brav sein!“ Dann schluchzte und wimmerte es weiter. Die Frau am Fenster weinte laut auf, dann weckte sie ihren Gatten, der von einer längeren Reise müde nach Hause gekommen, und so fest eingeschlafen, daß der unheimliche Lärm ihn nicht störte. Er erschrak, als er seine junge Frau weinen sah, denn im 19 657 Augenblick dachte er, sie sei krank oder es habe irgend ein schmerz— liches Erlebnis sie betroffen. „Mann,“ sagte sie, als er sie fragend ansah, „sie prügeln das Kind schon wieder.. Ich kann das nicht anhören. Entweder Du gehst in aller Frühe zur Polizei und Du setzest durch, daß diese Szenen aufhören, oder wir ziehen aus dieser Wohnung aus. Das ansehen und anhören kann ich nicht. Das wären mir schöne Flitterwochen.“ Der Mann schwieg nachdenklich. Er wußte im ersten Moment nicht, was er antworten 19 55 denn bisher hatte er sich, seitdem er nach einer Verheiratung das bescheidene Heim be— gag hatte, in dem er seinen Hausstand ge— 15 udet, um die Nachbarschaft nicht gekümmert. as gingen ihn auch die Leute an, die rechts und links von ihm auf dem Korridor wohnten? Sein Beruf ließ ihm keine Zeit, sich um andere Leute zu kümmern. Allerdings hatte er davon reden gehört, daß da auf Thür Nummer 4 ein Ehepaar wohnte, das mit zwei Kindern eingezogen war, jetzt aber deren drei besaß, weil ein fünfjähriges vom Lande„aus der Kost“ nach Hause gekommen war, und seine junge Frau hatte ihm auch er⸗ hatt daß dieser neue Ankömmling von der Mutter 05 häufig geschlagen werde. Aber es war vielleicht ein schlimmes Kind, daß der Züchtigung bedurfte, und er hatte weiter über den Fall nicht nachgedacht. Jetzt sah er seine Frau 9 7 7 und zitternd; es war ihm klar, daß das Schicksal des fremden Kindes ihrem Herzen naheging. „Unsere Mutter hat uns auch strenge ge— halten,“ sagte stie,„und es hat uns Nichts ge— schadet, daß sie uns manchesmal ein bisserl hart 1 hat, wenn wir's verdient haben. Das will ich Dir nur sasen, damit Du nicht viel⸗ leicht glaubst, daß ich gar so wehleldig bin. Ich bin überhaupt nicht sentimental. Aber das, was ich da hier erlebe, das, lieber Mann, dürfen wir nicht dulden, das arme Geschöpf hart mir,.“ „Seien die Szenen sich schon öfter ereignet?“ „Seit voriger Woche, seitdem Du wegge⸗ fahren bist, jeden Tag und jede Nacht. Vor- gal habe ich das arme Kind auf der Stiege ge 10 067 Es ist ein hübsches, liebes Mäderl mit blauen Augen, aber das eine Auge war ganz berschwollen und im Gesicht hat die Kleine einen Ausdruck von Betrübnis, ich sag' Dir, Mann, ich kann Dir das nicht schildern, wie Einem dieser traurige Anblick das Herz abdrückt. So ein hübsches, junges Kind, und so traurig! Ich 16 0 die Kleine angesprochen, und wie ich sie beim Kinn anfassen will, ist sie vor Schrecken dhe zugane Ben Dann hat sie so eine ner— vöse, zuckende Bewegung mit dem Kopferl ge— macht, als wenn sie sich fürchten würde, daß sie eine Ohrfeige bekommt.“ In diesem Augenblick hörten die Gatten eluen klatschenden Schall.... Ja, das war eine jener Ohrfeigen, vor denen das Nachbars— kind zittern mußte... Die Gatten sahen sich einander an; die junge Frau blaß und zerstört, der zunge Ehemann erregt. Zornig ballte er die Faust, zog rasch einen Rock an und hastig schritt er der Thüre zu. „Oskar, was willst Du thun?“ „Nichts, was ich zu bereuen hätte, liebes Kind, aber dieser Sache muß ich ein Ende machen „Oskar, das sind rohe Menschen daneben....“ Der Mann hatte diese Warnung nicht mehr gehört, denn schon stand er auf dem Korridor und donnerte mit gewaltigen Schlägen an die Thür Nr. 4.„Aufmachen! Aufmachen!“ schrie er mit lauter Stimme. Thür Nr. 4 wurde bald geöffnet. Ein hagerer, großer Mensch mit finsterem Blick und eine robuste Frauensperson standen in der ge⸗ öffneten Thür. „Was wollen's denn da mitten in der Nacht?“ fragte der hagere Mann.„Was machen's denn da für einen Spektakel vor einer fremden Wohnung?“ fragte die Frau. „Das werde ich Ihnen sofort sagen, was ich will. Sind Sie der Herr Hummel?“ „Wer? Was? Ob ich der Herr Hummel bin? Nein! Ich heiße nicht Hummel.“ „Aber Sie könnten Hummel heißen! Ver⸗ stehen Sie mich?“ „Hörst, Alter!“ schrie jetzt die Frau des Mannes, der nicht der Hummel war,„weißt, was der Herr meint? Ob Du nit der Hummel bist, der sein Kind umbracht hat, und nachdem wär' ja ich die Frau vom Hummel.. So eine Keckheit...“ Die Frau schickte sich nun an, ihren Mann in die Wohnung zurückzudrängen und die Thür zuzu'chlagen, aber Herr Oskar trat einen Schritt vor und seiue energische und ruhige Haltung schten dem Ehepaar zu imponieren. Mittler⸗ weile war die junge Frau, besorgt, daß ihrem Mann ein Leid zugefügt werden könnte, auf den Korridor getreten und auch andere Haus— leute mit Lichtern in der Hand waren aus dem Schlaf gestört worden und erkundigten sich nach der Ursache des nächtlichen Lärms. „Hören Sie mich ruhig an,“ sagte Oskar zu seinem Nachbar von Nummer 4,„ich mein es gut mit Ihnen und mit Ihrem Kinde... Vielleicht können wir Ihnen und dem Kinde helfen „Unser Kind geht Ihnen einen Schmarrn au!“ schrie jetzt die Mutter dieses Kindes, und kaum hatte sie diese Worte herausgekreischt, stieß sie den fremden Mann zurück auf den Korridor und dröhnend fiel die Thür ins Schloß. N * N. Das kleine Mädchen stand zitternd vor einem mit grünem Tuch bedeckten Tische, auf dem ein großes Kruzifix stand. Ein freundlicher Herr, der einen Talar trug, 170. in liebevollem väterlichen Tone zu dem Kinde. „Du bist das kleine Annerl,“ sagte er,„geht's Dir gut?“ Das Kind blickte ängstlich nach links hin- über. Dort saßen der Vater und die Mutter auf einer Bank. „Also liebes Kind,“ wiederholte der Richter, „wie geht's Dir denn?“ Das Kind wollte weinen, aber es bekämpfte die Thränen und sagte:„Gut.“ „Bist Du auch immer brav?“ Nein.“— 2 „Also bist Du manchesmal schlimm?“ a“ „Ia. „Bekommst Du öfter Schläge?“ Jetzt konnte das Kind oder wollte nicht antworten, seine Brust hob und senkte sich, aus den Augen blickte eine unsägliche Augst. Der Vater und die Mutter sahen unabläͤssig auf die Lippen des Kindes, das zu wissen schten, daß von seiner Antwort das Schicksal von Vater und Mutter abhänge und auch sein eigenes ferneres Schicksal im Elternhaus. Noch mit einigen Fragen versuchte es der Richter, aber mit dieser Zeugin war Nichts zu machen. Veelleicht reichte die kindliche assungs⸗ kraft nicht aus, vielleicht war sie so verschüchtert, daß auch der Richter ihr Furcht einflößte, ob- leich er alle Güte und Sanfimnt in den Ton 4 Stimme zu legen sich bemühte. Das ärztliche Parere tonstatierte, daß Annen ein kräftiges Kind, aber in ihrem Ernährung“ zustand herabgekommen sei. Im Gesicht ne dem rechten Auge befindet sich eine blutunter⸗ laufene, bläulich und gelb gefärbte Stelle, na Anf de der Eltern von einem Fall herrü u Rutenstreichen herrührend, Merkmale, die inz⸗ gesamt als leichte Verletzung erklart werden. „Ich werde das Urteil berkünden,“ sagte“ der Richter.„Angeklagte, Sie haben sich gegen Ihr Kind lieblos benommen, Sie züchtigen es in einer Weise, die über die Befugnis der Eltern Im Sinne des Gesetzes en“ teile ich Ihnen die Strafe des strengen Ver⸗ Ich ermahne Sie! Seien Sie ein weit hinausgeht. weises. gedenk der Pflichten, welche die Natur und das bürgerliche Gesetz Ihnen auferlegen!“ 1 Die Augeklagten senkten scheu und trotzig den Blick zur Erde. Dann, nachdem der Richter die Verhandlung für geschlossen erklärt hatte, faßte die Mutter das Annerl bei der Hand und führte es hinaus. Draußen preßte ihre nervige Faust die Hand des Kindes fester zusammen und aus dem Munde der Mutter kamen mit häßlichem Gezisch die Worte!„Wegen so einem elendigen Bankert!“ Herr Oskar und die Nachbarn der unruhigen Partei von Nr. 4 Sie haben die Wohnung im Stich gelassen, weil sie bei Nacht immer ängstlich aufhu 0 mußten, ob nicht aus den Nebenräumen de Weherufe eines gequälten Kindes zu ihnen ö Für ein Ehepaar, das mit seinem“ dringen. jungen Glück zu thun 1970 ist das keine ange nehme Beschäftigung. 0 den Armen, auf dem Rücken, auf dem G säß befinden sich Striemen, augenscheinlich von seine Frau sind nicht mehr 1 ielleicht werden sie bald selbst ein kleines Annerl haben, dem ihre uon 1 Liebe und ihre ganze Zärtlichkeit gehören wird. . 1 N N mii a Sie waren ja nichts weniger als teilnamslos gewesen gegenüber dem Schicksal des Nachbar kindes, aber sie hatten ihre Menschenpflicht e- füllt und bei der Polizei die Sache angezeigt, Dem kleinen Annerl, bei dem das gestern ge- 1 prägte Wort eines Richters Auwendung finden konnte, daß das Märchen von der Stiefmutter längst überholt sei von wirklichen Müttern, ist übrigens nicht mehr viel geschehen. Zuwellen einige Rutenstreiche, einige Ohrfeigen und einige Stöße, die es an die Tischkante schleudertel, 1 0 Alles zusammen nur leichte Verletzungen, wirke“ lich nur ganz leichte. Dann ist das Annerl gestorben, und weil übelwollende Nachbarn Am. zeigen erstatteten, die sich dann, wie„konstatlert“ wurde, als übertrieben herausstellten, wurde die. kleine Leiche gerichtlich obduziert. Da hat sich erst recht gezeigt, wie Nachbarn und auch die Zeitungen übertreiben. Der Tod des Kindes stand nämlich mit den leichten Verletzungen, die es vorher läugere Zeit hindurch regelmäßig erlitten, in keinerlei„ursächlichem Zusammen hange“. Wegen der leichten Verletzungen aber ist bereits gegen die Eltern„amtsgehandelk“ worden, denn sie haben ja hierfür einen strengen Verweis erhalten. („In. W. Extrabl.) Splitter. Edelmann und Bauer. Das schwör ich Dir bei meinem hohen Ramen Mein guter Claus, ich bin aus altem Samen“ „Das ist nicht gut“, erwidert Claus, „Oft artet alter Samen aus!“ (Bürger.) Gottesglaube die Quelle der Sittlichkeit!— Wer das behauptet, muß entweder in der wicklung des Begriffes Sittlichkeit zurückgeblieben sein oder die Weltgeschichte ignorieren. 1 Bruno Wille. r Humoristisches. Auch ein Beweis. Serenissimu Kammerherrn): Aeh, dumme Kerls, diese Gotteslaͤngner!“ Wenn's keinen Gott gäb', äh, wie könnt' ich dann f Gottes Gnaden sein!(Süd. Postill.) U Nr. 48. e. in d daß A Fund Anne— D dbb a eee eee Sulu i 5 9terPaetots) 3, J. H. Fuhr fd 3 A uf dem gh Flocone, Ratiné 8 2 0 einlich 9 futter und Sammtfragen mit Plaid- 0 8 Sonne 9 sdb— 1 die ih A 8 MX. 5— empfiehlt sein auf's dae 25 5 1 ine kñamm- 3 bse a 1 lch dee 1 8 5 ehnaqgts-Ausstelung er Ellen 5 8 garn. Anzüge/ 1 Agen Je— K i 8 en Sie— inder-S i 8 1 und! 1 13.50 MX. 8 für Knaben 5 75 1 N— 1 2323 2 8 a d chen— und 0 i 2 V— 8 Grösste 1 4 8— n. 8 Christhann in beweglichem a rllärt hl 7* 1 l baun 3 9 PPE 8275 f unzerbrechlich, eee eee 8 bn 98 W Puppen 3 Srossartiger Effekt. E n mit Futter, Mufftaschen u. 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Brück, Wissmar 2 8 22 8 m. 8* E 12 EN 5 U 16% F f E 2. 2 523 K ungen, l. 5 i 78 5 7 mi 05 5 7 8 2 5 Nachbar 1— S 5 2 2 5 anf IIea— 3— 8 8 1 ch buche 1 3 S 7 2 0 K 0 S EF 111 1 N 8 7 5 2 8 2 + S 5 Nella von Mk. 3,60 bi S A dehr 2 aalen. 2 aner Berau Zuscul 2 5 5„ 5 8 N [ blossel Pos ee e w iigehal, S 2 Pine, Es atz 12. 12 e 5 Des RuννůOm ut, u H 1 von Mk. 12,75 bis Mk. 30,.— F— l ll Außerdem empfehle ei herb— C ine. es * großes Lager n hervorragend S. 9 Lire Doe 75 99889— 220 7 8 9 6 c 8 E Herrenanzüge, n. 8 f mein ff ause ist, 15 3 5 1 14 vy in a eilen Deutschland Pi Pfd.⸗Dose. 3. 80 ler. 6 mit so großem 5 „„ Pelerinen Mäntel ieder n ebe id Landen 20 eden] Senner re- 5 önfedta wie 15 Havelo cks a uhwaren-L. 3 5 dann e in gediegenen, soliden Qualitäte Ser n bende eee ger de. Abeiterschuge u. l e 1 Ile dals in jed 5 Cliesel, wie samt. 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