2 Nr. 22. Gießen, Sonntag, den 27. Mai 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 2 Mitteldeutsche f Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Bestellungen JIuserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfenn Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. 2 ig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens ch] Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z K. 4312 a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Genofsen! Agitiert allerorts für die Parteipresse! Die verkappte Biersteuer! Wp. Das verderbliche Steuerspiel des Zen⸗ trums in der Budgetkommission dauert fort. Der Champagnerzoll zog bereits eine Erhöhung des Bierzolles nach sich. Es handelt sich dabei nicht blos um das bekannte Pilsener Bier, wie behauptet wird. Es geht eine große Menge böhmisches Bier überhaupt nach Sachsen und Thüringen, wo es keineswegs blos von den Wohlhabenden genossen wird. Im Jahre 1897 zum Beispiel war die deutsche Biereinfuhr 70 759 000 Kilogramm im Werte von 9 Mil⸗ lionen Mark, während die deutsche Bieraussuhr 93 257000 Kilogramm betrug im Werte von 19 Millionen Mark. Das eingeführte Bier war also ein bedeutend billigeres, als jenes, welches ausgeführt wurde. Diese Biereinfuhr nahm deshalb auch von Jahr zu Jahr zu. Sie betrug 1889 nur erst 23 891000 Kilogramm, ungefähr ein Viertel der deutschen Bierausfuhr der Menge nach, und erreichte in unablässigem Steigen 1897 die be⸗ reits genannte Quantität. Daß die Herren Bierbrauer diese Konkurrens gern los werden möchten, ist leicht einzusehen,— um aber im Bierzoll eine Auflage zu entdecken, welche nicht das konsumierende Volk belastet, dazu muß man Zentrums⸗ Parlamentarier sein! Die Tendenz der Erhöhung des Bierzolles ist demnach zweifel⸗ los eine Bierverteuerung. Der Bierzoll ist eine verkappte Biersteuer. Diese verkappte Biersteuer ist umso ungerechter, als sie sich nicht gleich⸗ mäßig auf das ganze Land verteilt, sondern einzelne Gegenden belastet, diesmal die Grenz⸗ gebiete Böhmens. Und da immer, wenn es sich um Verbrauchssteuern handelt, die Regierungen gleich zu haben sind, so haben denn auch bereits die sächsische und die bayerische Regierung ihre A zu dieser verkappten Biersteuer erklärt. So geht denn früher noch, als wir erwartet haben, unsere Voraus sagung in Erfüllung: nicht das champagnerkonsumierende Publikum, sondern das bier trinkende Volk wird die Marinevorlage zu bezahlen haben. Und Herr Müller⸗Fulda hat bei dieser Ge⸗ legenheit abermals einen Schwabenstreich begangen er stimmte gegen den Bierzoll, der von seinen eigenen Freunden votiert wurde. Das hinderte ihn aber nicht, gleich darnach eine Erhöhung des ordentlichen Jahresetas der Marine— nämlich durch Uebernahme der vollen Kosten der Armierung und 6 Prozent der Schiffsbaukosten, statt der verlangten 5 Prozent, zu beantragen. Das ist derselbe Streich, wie 1898, als nach dem Antrag desselben Herrn Müller der Flotten⸗ bauplan statt auf sieben, auf sechs Jahre ver⸗ teilt wurde und die Jahresausgaben in Folge dessen stiegen. Aber je größer die Ausgaben, desto schneller naht der Augenblick, da der näm⸗ liche Herr Müller⸗Fulda die allgemeine und offene Erhöhung der Biersteuer bewilligen wird. ——— 2— Polttische Bundschau. Gießen, 25. Mai. Warum wurde ich Sozialdemokrat? Paul Göhre gab vorige Woche in zwei außerordentlich stark besuchten Versammlungen in Chemnitz Antwort auf diese Frage. Er schil⸗ derte zunächst, wie er stets für die Arbeiterver⸗ hältnisse das lebhafteste Interesse empfunden habe. Nachdem er die Universität verlassen, habe er als Pfarrgehülfe in einem armen Dorfe der Lausitz das Elend in der schlimmsten Form kennen gelernt. Dann habe er, um sich weitere Erfahrungen zu sammeln, drei Monate in Chemnitz als Fabritarveiter gearbeitet. „Dann wurde ich Pastor“, fuhr Göhre nach dem Bericht der„L. Vztg.“ fort,„gab später das Amt aus innerer Notwendigkeit auf, weil ich mich nicht so ungehindert bewegen konnte, wie ich wollte und mein innerer Drang es verlangte. Im Verein mit Naumann gründete ich die nationalsoziale Partei, um auf eigenem Wege, un⸗ abhängig von der Sozialdemokratie, für die Arbeiterschaft wirken zu können. Aber auch hier war mei es Bleibens nicht lange. Die Haltung der Nationalsozialen, die sich zwischen das Proletariat und das Unternehmertum glaubten stellen zu müssen, also abseits des großen Ringeus, veranlaßte mich, meine Wege zu gehen.“ 5 5 Nach jahrelangem Widerstreben habe er sich aus vier Hauptgründen der Sozialdemokratie angeschlossen. „Zunächst war es der Gedanke des Christentums. Ich werde auch als Sozialdemokrat den christlichen Ge⸗ danken hochhalten. Diesen betrachtet er aber als seine Privatsache. Der Solidaritätsgedanke des Nazareners hat in der internationalen Sozinldemokratie seine moderne Auferstehung gefeiert und deshalb muß ich als Christ um des Christentums willen Sozialdemokrat werden. Der zweite Grund, der mich zum Eintritt in die So⸗ zialdemokratie drängte, ist die sozialistische Wissen⸗ schaft, die voll und ganz den Beweis für die Notwendig⸗ keit und Möglichkeit der Durchführung jener Solidarität erbracht hat. Der dritte Grund ist die Taktik, die bei der Sozialdemokratie die des Klassenkampfes ist. Und nur der Stärkere kann da siegen. Mochte man auch der Sozialdemokratie sogenannte„Vorteile“ für die Arbeiterklasse bieten, um sich ihrer zu erwehren, sie blieb nach wie vor was sie war. Das letzte Motiv zu meinem Uebertritt liegt in all den Vorgängen der letzten Jahre. Ich will nur an die Umsturzvorlage, preußische Ver insgesetznovelle, Zuchthaus vorlage, die Berliner Portalgeschichte, das Auftreten der Behörden in Mecklenburg und Sachsen-Weimar— und nicht zu vergessen Löbtau— erinnern. Solche Dinge müssen einen denkenden Menschen stutzig machen. Die Reaktion macht sich in gefahr⸗ drohender Weise breit in Deutschland, und an reaktio⸗ nären Wolkenschiebern felt es wahrlich nicht. Hier kann nur die Sozialdemokratie mit Erfolg Widerstand leisten. Darum bin ich zur Partei gekommen, und ich glaube, daß Sie anch mich gebrauchen können. Ehrlich und mutig werde auch ich gleich Ihnen zur Partei halten, und wo es gilt, für dieselbe und unsere Ideale und Forderungen zu kämpfen, da werde ich nicht der letzte sein.“— Die Rede wurde mit lebhaftem Beifall auf⸗ genommen. Flottenkoller. Die Torpedobootflotille gondelt noch immer auf dem Rhein herum. Jede halbwegs bedeutende Stadt wird„angelaufen“ und es giebt festlichen Empfang, Reden und— selbstverständlich— Fest⸗ essen. Von den immerwährenden Pokuli ren soll die Besatzung schon ganz kaput sein. Zu welchen Leistungen sich bei dieser Gelegenheit die flotten⸗ tolle Presse aufschwingt, zeigt der„Frankfurter Generalanzeiger“ in folgenden Sätzen:„Mögen die Grämlichen. die immer abseits stehen, ruhig von einer Reklamefahrt spiechen. Das soll sie sein. Aber das üble Wort deckt eine gute Sache. Es ist kein Ruhm, mit ver⸗ alteten Mitteln zu arbeiten un! ausgetretene Pfade einherzutrotten; wer mit frischem Wagemut die Welt durch das modernste verblüfft, behält weit eher den Erfolg für sich. Wenn der Kaiser eine Heerfahrt voll märchenhafter Pracht in das Morgenland antritt, so arbeitet er dadurch für den Glanz des deutschen Namens, während andere Souveräne zu spät sich die Augen reiben; und wenn er bis Straßburg hinauf zu einer eigentlich ununterbrochenen Probe auf ihre Trunkfestigkeit seine blauen Jungens schickt, so ist das wieder ein köstliches Zei⸗ chen von psychologischem Verständnis für die Massen, um das ihn jeder Manager der Volksstimmung unter den Großen dieser Erde beneiden könnte.———— Wir ersehnen ein Zeitalter der Medicäer— unter der Hut eines Geschlechtes von Wikingern.“ Die Wikinger waren bekanntlich jene skandi⸗ navischen Sgeräuber, die von achten bis elften Jahrhundert Europa heimsuchten. Der Frank⸗ furter Generalanzeiger sollte sich schämen. Neue Zerstörungswerkzeuge. Von einem Fortschritt auf dem Gebiete der Massenmordtechnik wird aus Amerika berichtet. Es handelt sich um eine Erfindung, die nach der Freisinnigen Zeitung darin besteht, daß man die Granaten mit einer weichen Metallspitze versieht, statt, wie bisher, mit gehärterter Stahl⸗ spitze. Diese letztere lasse das Geschoß an der Vanzerung abgleiten und vermindere deshalb seine Durchschlagskraft, während die weiche Spitze das Geschoß befähige zu„greifen“ oder zu„kleben“, wodurch die Durchschlagskraft außer⸗ ordentlich erhöht werde. Unter Anderem habe eine sechzöllige Granate mit weicher Spitze, die mit rauchlosem Pulver bei einer Flugkraft von 2580 Fuß per Sekunde verfeuert worden war, eine vierzehnzöllige Panzerplatte von Harvey⸗ Stahl durchschlagen. Das gleiche Ergebnis sei bei einer achtzölligen Krupp'schen Panzerung er⸗ zielt worden. Es heißt, das neun Zehntel des ganzen Bestandes der amerikanischen Flotte diesem neuen Geschosse gegenüber macht⸗ los sein würden.“ Wenn es damit seine Richtigkeit hat, so wären die Panzerplattenfabrikanten natürlich ge⸗ nötigt, nun widerstandsfähigere Panzerplatten herzustellen, zu derem Zerstörung wieder wirkungs⸗ vollere Geschütze und Geschosse erfunden werden und so immer weiter! Und jeder derartige „Fortschritt“ kostet den Steuerzahlern aller Länder Milliarden! a „Kulturaufgaben leiden nicht.“ Vor dem Hafen von Leba in Hinterpommern sind am Dienstag vier Fischerkutter gekentert, 11 Menschen sind ertrunken. Wenige Wochen vorher waren 13 ertrunken. Die„Danz. Ztg.“ bemerkt dazu: Es spielte sich dasselbe Schauspiel wie vor wenigen Monaten ab; es wird schlimmer und schlimmer wiederkehren, wenn nicht ein guter Fischerhafen gebaut wird. Im Augesicht des erschütternden Ereignisses, welches vor allen Einwohnern von Leba am Dienstag Abend und Mittwoch wiederum passirte, um der Thränen wegen, die seefahrende Männer, schmerz⸗ Gewiß! 1 ä— 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 22. bewegte Frauen und Kinder am Strande geweint haben, bittet die Bürger schaft von Leba um besseren Ausbau des Fischer⸗ hafens, damit bei ähnlichem Wetter nicht drei rote Fahnen aufgezogen werden, als Zeichen: „Der Hafen ist nicht passir bar; von hier ist beim Unglücksfall keine Hilfe zu erwarten.“ Hier wäre es schon längst an der Zeit gewesen, staatlicherseits einzugreifen. Ja, wenn man nicht permanent die Sorge um die„große Flotte“ hätte. Im preußigen Abge⸗ ordnetenhause verhandelte man am Mittwoch über die Versandung des Memeler Hafens und die Regierung fühlte sich endlich veranlaßt, Ab⸗ hilfe zuzusagen. Da bei denselben aber gewöhnlich nach der Devise„Immer langsam voran“ ver⸗ fahren wird, so werden Lebaer Fischer wohl noch eine Weile warten können, ehe die Reihe an sie kommt. Ueberflüssige Polizei⸗Arbeit. Nach den Mitteilungen unseres Parteiorgans in Halle vertreiben sich dortige Polizeiorgane die Zeit gegenwärtig damit, daß sie von Fabrik zu Fabrik, von Bau zu Bau, von Werkstatt zu Wertstatt gehen um die Zahl derjenigen festzu stellen, die den Weltfeiertag der Arbeit durch Arbeitsruhe begangen haben. Die Polizeibeamten stellen den Betriebsinhabern resp. Leitern eine ganze Reihe von Fragen zur Be— antwortung.„Wozu mag wohl die Polizei diese ungewöhnliche Thätigkeit entfalten?“ fragt unser dortiges Parteiblatt. Man wird für die Poli⸗ zisten jedenfalls nicht genügend Beschäftigung haben! Gegen die Zuchthausgesetze und Vorlagen verschiedener Einzelstaaten wendet sich eine von unseren Genossen im Reichstage eingebrachte Interpellation. Dieselbe lautet: Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß der Bundesstaat Anhalt durch das Gesetz vom 16. April 1899(Gesetzsammlung für Anhalt Nr. 1036), der Bundesstaat Reuß j. L. durch ein von der Regierung vorgelegtes, vom Land⸗ tage angenommenes Gesetz betr. die Bekämpfung des Kontraktbruchs län licher Arbeiter, und die Regierung des Bundesstaats Lübeck durch eine in Nr. 16 des Gesetz⸗ und Verordnungsblattes vom 24. April 1900 veröffentlichte Verordnung Bestimmungen getroffen haben, welche a) teilweise das durch§ 152 der Gewerbe— ordnung für das deutsche Reich eingeführte Koalitionsrecht der Arbeiter ein- schränken? b) teilweise Einwirkungen auf den Willen anderer Personen, ent⸗ gegen den Bestimmungen des siebenten und und des achtzehnten Abschnitts des Straf⸗ gesetzbuchs des Art. 4 Nr. 13 der Reichs⸗ verfassung und der 88 2, 5 des Einführungs- gesetzes zum Strafgesetzbuch unter Strafe stellen? c) teilweise im Widerspruch zu§8 888 der Zivilprozeß⸗Ordnung für das Deutsche Reich die dort verbotene Durchführung eines zivilrechtlichen Anspruchs auf Fortsetzung eines Dienstverhältnisses mittels Zwangsmaßregeln landes⸗ rechtlich einführen? f und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu thun gegenüber diesen Bundesstaaten, um den Reichs⸗ gesetzen Geltung zu verschaffen? Der Staatssekretär Nieberding erklärte sich bereit, die Anfrage am 30. Mai zu beantwarten. Hoffentlich tritt die Reichsregierung den Ver⸗ suchen der Scharfmacher, auf dem Wege der Landesgesetzgebung das Koalitionsrecht der Ar⸗ beiter zu vernichten. Da in Preußen gegen⸗ wärtig ähnliche Versuche im Gange sind, war die Interpellation unbedingt notwendig und die Arbeiter werden es der scszialdemokratischen Fraktion für ihr Vorgehen Dank wissen. „Hohe Löhne sind gefährlich für ein armes Mädchenherz“ so könnte man das„berühmte“ Lied variieren, wenn man fol⸗ gendes Schreiben liest, das ein Landrat in Nassau nach dem„Mainzer Kath. Volksblatt“ an die Pfarrer seines Bezirks gerichtet hat. Es lautet: „Seitens der mir nachgeordneten Polizeibehörden werden mir in neuerer Zeit häufiger Anzeigen nud Meldungen erstattet über zuchtloses Treiben junger Bur⸗ schen uud Mädchen innerhalb von Gast⸗ und Schank⸗ wirtschaften im Kreise. Ohne Anwesenheit älterer Personen gehen sie sonntäglich gemeinsam in maßloser Weise oft über die Polizeistunden hinaus, singen unsittliche Lieder und betragen sich, wie es vor allen Dingen ehrbaren Mädchen nicht zukommt.... Es erweckt den Anschein, als ob die in letzter Zeit mehrfach erfolgten, in anderer Beziehung für unsere sonst geldarme Gegend hocherfreu⸗ lichen Lohnerhöhungen(] in industriellen und Vergwerks⸗ anlagen dazu Anlaß geben, die Sittlichkeit und Ehrbarkeit der jugendlichen Bevölkerung unseres Kreises zu gefährden und zu untergraben. Es liegt mir fern, der Jugend auf dem Lande ihr Vergnügen rauben zu wollen und damit womöglich den leidigen Zug nach den großen Städten mit ihren reichlicheren Vergnügungen und der persönlichen Unkontrollierbarkeit noch zu verstärken, ich glaube aber, daß den augenblick ich sich zeigenden, oben geschilderten Mißständen energisch entgegengearbeitet werden muß, wenn nicht Zucht, Sitte und Anstand ver⸗ loren gehen sollen. Wenn ich nun auch die Polizeibe⸗ hörden angewiesen habe, die bekannten Wirtschaften, in denen solcher Unfug getrieben wird. sofort zu kontrollieren und alle strafbaren Vorkommnisse zur Ahndung anzu⸗ zeigen, so bin ich doch der Ueberzeugung, daß sich lediglich mit Polizeimaßregeln hier keine gründliche Abhilfe schaffen läßt. Ew. Hochwürden bitte ich ergebenst, meinen Be⸗ strebungen auf Aufrechterh altung von guter Zucht und Sitte im Kreise mit den Ihnen zu Gebote stehenden geistlichen Mitteln bei Eltern und Kindern freund⸗ lichst unterstützen zu wollen, wie ich nicht verfehlen werde, besondere Vorkommnisse oben gedachter Art in Ihren Kirchspielen jedesmel zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Also die„hohen“ Löhne sind Schuld an der drohenden Entsittlichung. Welch hohe sozialpo⸗ litische Erkenntnis! Gegen solche Behauptungen hat die Arbeiterschaft allen Anlaß zu protestieren. Eine feststehende Thatsache, über die man nicht mehr diskutiert, ist die, daß sich mit steigenden Löhnen auf die Dauer das sittliche Niveau der Arbeiterklasse hebt. Was bleibt den in der Woche ausgebeuteten und abgerackerten Burschen und Mädchen im schönen Nassauer Lande Sonn⸗ tags eben viel anderes als die Kneipe? Und schließlich wird das übermäßige Treiben der jungen Proletarier am Sonntag die sittliche Höhe der„Amüsements“ unserer goldenen Jugend noch gar nicht einmal erreichen. Die aber stellt man natürlich nicht unter landrätliche Ausnah mever⸗ fügungen. Denn sie bezieht ja keine„hohen“ Löhne! Strafrechtslehrer gegen das Muckergesetz. Von vierzehn Universitäten haben die Straf⸗ rechtslehrer folgende„Oeffentliche Erklärung“ gegen die Lex Heinze erlassen:„Der unter dem Namen der Lex Heinze bekannte Grsetzentwurf leidet an einer solchen Unbestimmtheit der Be⸗ griffe, daß er, zum Gesetze erhoben, in dem verschiedensten Sinne ausgelegt und angewendet werden könnte. Verurteilung oder Freisprechung wären völlig von dem subjektiven Empfinden des Richters abhängig. Schon ohnehin ist das Bertrauen des Volkes zu der Rechts⸗ pflege in Folge unklarer und mangelhaft ge⸗ faßter Strafgesetze schwer erschüttert. Durch Annahme der Lex Heinze würde es in erheb⸗ lichem Maße weiter gefährdet und so das deutsche Volk in einem seiner idealsten Güter geschädigt werden.“ Wir meinen, daß weniger durch mangel⸗ hafte Fassung als vielmehr durch ungleiche und ungerechte Anwendung der Gesetze das Vertraueu des Volkes erschüttert ist. Das hätten die Herren Professoren auch getrost gleich ihrem Kollegen Lipps in München aussprechen können.— Unter den Unterzeichnern befindet sich auch Prof. Dr. Beling(Gießen). Hündisches. Eine Hundeausstellung sollte Mitte Juni in Halle stattfinden, für welche der Erb⸗ prinz von Anhalt das Protektrorat übernommen hatte. Alles war im besten Gange, an den Auschlagsäulen befinden sich große Ankündigungen mit den Preisen den Namen der Mitglieder des Ehrenkomites u. s. w. Da wird jetzt bekannt, der prinzliche Protektor wolle zurücktreten und werde die Ausstellung nicht besuchen, worauf auch die hiesigen Herren des Ausschusses, unter ihnen hohe Offiziere, der Oberbürgermeister, der Ober⸗ polizeiinspektor u. s. w., ihren Rücktritt für not⸗ wendig hielten, Grund: das gewählte Aus⸗ stellungslokal,„Bellevue“, steht unter dem Militärboykott, weil dort die Sozial- demokratie nicht nur ihre Versammlungen hält, sondern auch öfter ihre Feste feiert, zuletzt das Maifeft. Die Geschäftsführung hatte an diesen Umstand nicht gedacht, und es mußte schleunigst ein anderes Lokal gewählt werden, damit den hohen Gönnern es ermöglicht wird, der Ausstellung ihr Wohlwollen zu erhalten. Bei den Sozialdemokraten und Anderen hat das Zwischenspiel viel Heiterkeit erregt. Unser dortiges Parteiorgan„Volksblatt“ meint boshaft, es sei somit die Gefahr beseitigt, daß die auszustellen den Hunde(und ihre Herren) von der sozialdemo⸗ kratischen Seuche ergriffen werden könnten. Antisemitische Selbsterkenntnis. Auf eine höchst einfache Weise soll der Antisemitismus einer gründlichen Kur unterzogen werden. In der Antisemitischen Ko rre⸗ spondenz macht ein über die Zustände in seiner Partei ohne Zweifel genau informierter Antisemit den Vorschlag, eine Beruf,sstatistik der der Antisemiten aufzunehmen. Diese würde „Klarheit über die beinahe völlige Zer⸗ setzung vieler unserer Parteivereine bringen“ und die Partei selbst zur Stellungsnahme in sozialen Fragen veranlassen,„sonst geht die Partei einem unabwendbaren Verfall entgegen.“ Der wird durch kein Mittel zu verhindern sein! Landtagswahl in Nürnberg. Bei der am Dienstag vorgenommenen Lan d⸗ tagsersatzwahl für den verstorbenen Ge⸗ nossen Oertel wurden für den Genossen Haller v. Hallerstein 161 Stimmen abgegeben, ferner 52 weiße und ein ungültiger Zettel.(Die Wahl zum bayrischen Landtage ist indirekt; eine Neuwahl der Wahlmänner hat diesmal nicht stattgefunden, sondern es haben die bei der vor⸗ hergegangenen Wahl gewählten Wahlmänner den Abgeordneten gewählt). Der Krieg in Südafrika. Die Meldungen über den Fall Mafekings, die auch wir in der vorigen Nummer wiederge⸗ geben haben, bestätigten sich nicht. Mafeking ist im Gegenteil von den Engländern entsetzt worden. Um diesen Ort fanden allerdings heftige Kämpfe statt. Der Burenkommandant Eloff drang mit einer Patrouille in Mafeking ein, wurde indessen von der Garnison mit lebhaftem Feuer empfangen und fiel mit 90 Mann in die Gefangenschaft. Darauf haben die Buren die Belagerung aufgegeben und die englische Ent⸗ satzkolonne ist ohne Widerstand zu finden in die Stadt eingerückt. Im Uebrigen dringen die Engländer auf der ganzen Linie vor und die Lage der Buren beginnt jetzt eine verzweifelte zu werden. Der Ring der Engländer schließt sich mehr und mehr um das künftige Zentrum des Kriegsschauplatzes. Unter der kolosalen Uebermacht der Engländer müssen die Buren trotz alles Muts schließlich erdrückt werden. Der Ausgang des Kriegs steht jetzt außer allem Zweifel. Die Stimmung im Burenlager scheint sehr gedrückt zu sein und man sehnt sich nach Frieden.— Präsident Krüger soll tele⸗ graphisch in London um Frieden gebeten haben. Aus dem Reichstag. Die Kosten der Kaiserreisen, welche den Reichstag schon in einer früheren Sitzung beschäftigten, kamen in der Sitzung vom 16. d. M. noch⸗ mals zur Sprache. Damals war auf Antrag Singers dieser Posten an die Budgetkommission zurückverwiesen worden, welche jetzt wiederum Bewilligung beantragt. Es kam hierüber zu einer lebhaften Debatte. Sin ger trat der Auffassung der Kommission, nach welcher die Palästinareise nicht als Privatreise des Kaisers an⸗ zusehen sei, entschieden entgegen. Der Standpunkt der Kommission würde schließlich dazu führen, daß das Reich alle Posten übernehmen müsse, auch solche, welche mit Jagdreisen und ähnlichen Anlässen zusammenhängen. Mit Recht ist bisher an dem Grundsatz festgehalten, daß die Privatreisen des Kaisers aus seiner Privat⸗ schatulle zu zahlen seien. Dies ist der thatsächliche Zustand, und es kann sich hier nur um die Frage han⸗ deln, ob die Kosten für die Begleitung, die der Kaiser einlädt, von Reichs wegen getragen werden müssen. Ich halte, sagte Singer weiter, die Frage, ob die Kosten für die Reisebegleitung des Kaisers vom Reich bezahlt werden müssen, für eine Frage von höchster staatsrechtlicher Be⸗ deutung, und es ist durchaus wünschenswert, eine Klärung derselben zu erhalten. Wenn, wie es den Anschein hat, das Haus dem Beschluß seiner Kommisfion folgt, so wird dann. nicht vor 5 einen deer At Der für sab gehn, in. 15 Ges um, un den Che lunge! worden missions der übr atiche Bezug eilen, gewiegen noch G all) demolk Steiger summer habe. angene! Schutt gedlent pachlw grausal handel 5. Bu namen laätt e. wendig zu daß f den K ebenfa sch 1 selbst nicht aus lich die! ma kam Urte mit dat ellsc it d weidt Engl. Polit 2 leren Stim willi dran läm waref Sent Milt die 54 it f mit bon gese mt Aim: A niede dus futt 906 un fee ll der nut Korte. seiner sisemit ik der würde Zer- ingen“ me in ht die gegen.“ n sein! gand⸗ . Ge⸗ aller egeben, .(Die t; eine l nicht r bor⸗ jer den ings, ederge⸗ afeking entsetzt heftige off J ein, haftem in die en die E Ent⸗ in die en die ind die veifelte schließt enttum slosalen Buren werden. r 77 0 schein 0 ac ol tele⸗ haben. 1 Eihung N. noch⸗ Siugels verwiesen cantrogt. Sing: her de 2 1 4 Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. das ein Beschluß von hoher prinzipieller Bedeutung sein. Auf einen Punkt möchte ich noch hinweisen. In der Nachweisung über die Ausgaben sinden wir Ausgaben, die ebenfalls auf das Reich übernommen sind, die aber meiner Meinung nach absolut nichts mit dem Reich zu thun haben, sondern die sich durchaus als Ausfluß einer persönlichen Neigung des Kaisers kenn⸗ zeichnen. Das sind nämlich Ausgaben für ein Geschenk, das auf dieser Reise an den türkischen Minister des Auswärtigen gegeben ist, eine Brillantdose im Werte von 5000 Mark. Wenn auch dies afs berechtigt anerkannt wird, dann kann das Reich allerdings in Aus— gaben gestürzt werden, für die es gar keine Grenze giebt und für die es unmöglich die Verantwortung übernehmen kann. Ein Titel für derartige Ausgaben sei im Etat nicht vorhanden, der Reichstag lönne sich mithen über diese Frage bei der Etatsberatung nicht aussprechen, was einen empfindlichen Mangel bedeute. Der Redner ersucht, dieser Ausgabe die Decharge zu verweigern Der Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt es für selbstverständlich, daß die Ausgaben für die Be⸗ gleitung des Kaisers vom Reiche getragen werden müssen. Ihm war es unangenehm, daß die Angelegenheit mit dem Geschenk an den türkischen Minister zur Sprache kam, und er bemerkte, daß derartige Geschenke des Kaisers den Charakter öffentlich⸗ rechtlicher Auszeich- nungen trügen, die früher im Reichstag nie beanstandet worden seien.— Diese Ansicht vertrat auch der Kom— missionsberichterstatter, der Zentrumsmann Schwarze, der übrigens nölig zu haben glaubte, der sozialdemo— kratischen Fraktion und Singer allerlei gute Lehren in Bezug auf die Behandlung dieser Angelegenheit zu er— teilen, was natürlich von Singer entschieden zurück- gewiesen wurde.— Der Antrag der Kommission, für den noch Gröber(Ztr,), v. Levetzow(kons.) und Hasse (natl.) eintraten, wurde gegen die Stimmen der Sozial— demokraten angenommen.— In der nun folgenden zweiten Beratung des Etats für Kamerun, in welchem 300000 Mk für Vermehruag der Schutztruppe gefordert werden, ergreift Bebel das Wort, um die Zustände in den Kolonien zu kritisieren. Die Ausgaben für die Kolonien wicesen eine große Steigerung auf, die mit Vorkommnissen im Zu⸗ sammenhang ständen, von denen man hier keine Kenntnis habe. Was da passiere, werde, wenn es etwas Un⸗ angenehmes sei, vertuscht. Mit der Vermehrung der Schutztruppe sei nur den Interessen der Gesellschaften gedient, an welche der Kolonialdirektor groß Gebiete pachtweise abgetreten habe. Die Schutztruppe werde zu grausamen Strafexpeditionen verwendet. Sogar Sklaven⸗ handel werde noch betrirben.— Der Kolonialdirektor v. Buchka bestritt verschiedene Behauptungen Bebels, namentlich das Vorhandensein der Sklaverei. Dabei er⸗ klärt er, die Straferpedition nach der Südsee sei not⸗ wendig gewesen, um die Ermordung deutscher Händler zu„rächen“!— Der Freisinnige Eickhoff bezweifelte, daß selbst der Kolonialdirektor über alle Vorgänge in den Kolonien genügend unterrichtet sei und erklärte sich ebenfalls gegen die Mehrforderung.— Bebel wendete sich nochmals gegen Strafexpeditionen, die v. Buchka selbst als Rache expeditionen bezeichnet habe, bei denen nicht der Schuldige bestraft, sondern die Ortschaft, aus der er stammt, verwüstet werde.„Das ist scheuß⸗ lich und barbarisch. Durch solche Maßnahmen wird die Kolonialpolitik geschändet und gebrand markt. Herr v. Buchka meint, man solle der Süd⸗ kamerun⸗Gesellschast Zeit lassen, bevor man über sie urteile. Herr v. Scharlach hat bereits die Landkonzession mit 16 Millionen Reir gewinn verkauft. Unsere Kolonial- verwaltung hätte das verhüten müssen. Und dicser Ge⸗ sellschaft sollen wir nun 86500 Mk. bewilligen? Das ist das stärkste, was der Volksvertrerung zugemutet werden kann. Wenn man auf ähnliche Dinge bei den Engländern verweist, dann erwidere ich: Alle Kolonial⸗ politik ist dann Raubpolitik.“ Trotzdem werden die geforderten Summen zur wei⸗ teren„Verbreitung der Kultur“ in Afrika gegen die Stimmen der Freisinnigen und unserer Genossen be⸗ willigt.— In Erwartung eines„großen Tages“ war der An⸗ drang des Publikums am 17. d. M. kolossal. Man kämpfte um Tribünenkarten. Auch die Reichsboten waren in großer Anzahl herbeigeeilt. Das fast lückenlose Zentrum schob sich wie ein breiter schwarzer Keil in die Mitte des Saales. Die Zentrumspresse hatte gedroht, die Namen der Säumigen zu veröffentlichen, da die„Ehre der Partei“ auf dem Spiele stände. Aber auch die Linke ist stark vertreten und bereit, das Zustandelommen der Lex Heinze mit allen Mitteln zu verhindern. Zu diesem Zweck sind von den Sozialdemokraten eine Menge von Anträgen gestellt. Ueber jeden Antrag findet namentliche Ab⸗ stimmung statt, die immer eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Das wirkt ermüdend und soll es auch. Die Pfaffen und Junker schweigen, sie wollen die Obstruktion nieder stimmen. Siegen wird, wer es am längsten aushält. Zunächst findet eine namentliche Abstimmung statt über einen Antrag Heine, der dahingeht, daß § 360 Nr. 11 des Strafgesetzbuchs(Grober Unfug) keine Anwer dung auf Erzeugnisse der bildenden und repredu⸗ zierenden Künste und der Presse finden soll. Der Antrag Heine wird mit 210 gegen 80 Stimmen abgelehnt. Hier zeigte sich also, daß die Heinzemehrheit nur 11 Stimmen mit Einschluß der Nationalliberalen beträgt. Schließen sich diese der Obstruktion an, so ist ihr Sieg sicher.— Es stehen nunmehr Anträge zu 8 11 Nr. 6 zur Diskussion. Sie beziehen sich auf Streichung der Strasvorschriften wegen gewerbs mäßiger und nichtgewerbs⸗ mäßiger Unzucht, Verbot der Kasernierung der Prosti⸗ tuierten, Verbot der Zwangsuntersuchung weiblicher Per⸗ sonen ꝛc. Bebel begründet die Anträge in längerer Rede. Die gegenwärtigen Bestimmungen bedeuteten ein Ausnahmegesetz gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Jeder Polszist, der ine Frau trifft, die im Verdacht steht, daß sie eine gewerbliche Prostituierte sei, hat das Recht, ihre Sistierung zu veranlassen, und jeder Mann, der einer Frau Ungelegenheiten bereiten will, braucht sich nur zum Denunzianten herzugeben, um ihre Sistie⸗ rung der Polizei trotz aller Proteste der Frau durch⸗ zusetzen. Ueber die Behandlung, die anständige Frauen auf der Polizei erfahren, brauche ich Ihnen wohl nichts näheces zu sagen. Redner fuhrt eine Reihe von Fällen zum Beweise dessen an. Sogar eine anständige ver⸗ heiratete Frau sei in Hamburg unter Sittenkontrolle gestellt worden, ohne daß es ihr möglich gewesen wäre, bei Gericht Genugthuung zu erlangen. Das sei ein empörender Zustand, dessen Beseitigung Pflicht des Reichstags sei.— Genosse Stadthagen, der nun das Wort erhält, wird vom Zentrum und der Rechten mit Schlußrufen, von der Linken mit Beifall empfangen. In siebenviertel— stündiger Rede verbreitet er sich eingehend über die Sittlichkeitverhältnisse und die Heuchelei, die in diesen Dingen von den herrschenden Klassen an den Tag gelegt wird. Nach dieser Rede stellte die Heinzemehrheit einen Schlußantrag, der(in namentlicher Abstimmung natürlich) angenommen wurde. Darauf erreicht mit noch einer Reihe namentlicher Abstimmungen der erste Ob⸗ struktionstag sein Ende.— Am Freitag(18. Mai) suchte die Heinzemehrheit ihre faule Sache durch Gewaltstreiche zu fördern. Auf der Tagesordnung standen zunächst Rechnungssachen, Nachtragsetats e. In der Voraus- sicht, daß diese Punkte der Tagesordnung immerhin einen Teil des Frühnachmittags in Anspruch nehmen würdꝛea, war am Anfang der Sitzung die Linle schwach vertreten. Diesen Umstand benutzte das Zentrum dazu, die Tagesordnung, zu deren zweiten Punkt Redner vor— gemerkt waren, abzuändern, um sogleich zur Weiter⸗ beratung der Lex Heinze übergehen zu können. Singer protestierte energisch und verlangte nameatliche Abstim⸗ mung über den vom Abg. Spahn gestellten Antrag; Sozialdemokraten und Freisignige erhoben sich zur Unter⸗ stützung dieses Verlangens; der Prasident erklärte die Unterstützung als nicht ausreichend und ließ eine einfache Abstimmung über den Antrag Spahn vornehmen, de seine Annahme gegen die Stimmen der Linken, ein⸗ schließlich der Nationalliberalen, ergab. Darauf versichte auch der Präsident nach Möglichkeit die Obstruktion mit totschlagen zu helfen. Er erklärte einige neu eingebrachte Anträge Stadthagen für unzulässig, weil sie sich auf die Strafprozeßordnung und nicht auf das Strafgesetzbuch bezögen. Es kam hierbei zu heftigen Auscinandersetzungen zwischen dem Prasidenten auf der einen und Singer, Haußmann, Richter Heine auf der andern Seite. Im Verlaufe dieser Debatte fuhr der Präsident den Abg. Singer im Rittmeistertone an, worauf dieser erwide te, daß der Reichstag keine Schule sei. Präsident v. Ballestrem gab schließlich nach, indem er erklärte, Singer mißverstanden zu haben. Eine weitere lange Geschäftsordnungsdebatte entfesselt ein Antrag des Abg. Spahn, der dahin geht, den 8 362 zu beraten, obwohl der§ 361 noch nicht erledigt ist. Dieser Antrag, der auf einen weitschichtigen Ueberrumpelungs- und Ver⸗— gewaltigungspian hinzudeuten scheint, beschwört einen Sturm der Entrüstung auf der Linken: namentlich as die Mehrheit, trotz verschiedentlicher Anforderungen, sich weigert, eine nachherige Weiterberatung des§ 361 und der zahlreichen zu ihm vorliegenden Anträge zuzusichern. Sehr wirksam war der Nachweis Singers, daß heute gerade das Zentrum den Weg der Oostruktion— gegen die Geschäftsordnung wandle; nicht minder wirksam war des Freisinnigen Beckh⸗Coburg Hinweis auf die krummen Wege, die das Zentrum wandle, dessen Führer Roeren doch in Köln die geraden Wege gepriesen habe, die uuser Herrgott liebe. Humorvoll und witzig sprach Stadthagen zur Geschäftsordnung, dessen Ausfuhrungen wahre Lach⸗ stürme entfesselten. Die— namentliche— Abstimmung über den Antrag Spahn ergiebt dessen Annahme mit 186 gegen 116 Htimmen. So kam denn also 8 362 an die Reihe. Unser Genosse Frohme hielt eine lange Rede zur Begründung eines von uns eingebrachten Abänderungsantrags, der es er⸗ möglichen soll, wegen gewerbsmäßigen Glücksspielens verurteilte Müßiggänger nach Art der„Harmlosen“ ins Arbeitshaus zu stecken. Sofort nachdem Frohme geendet, beantragt die Mehrheit Schluß der Debatte, obgleich zahlreiche Anträge zu diesem Paragraphen noch nicht diskutiert waren. Die Mehrheit versuchte einen neuen Gewaltstreich. Die Geschäftsordnungsdebatte, die nun⸗ mehr losbrach, war wohl die längste, hartnäckigste und heftigste, die der Reichstag bis jetzt erlebt hat. Herr v. Kardorff brachte es fertig, das große Wort gelassen auszusprechen, daß die Mehrheit Herrin der Geschäftsordnung sei. In einer glänzenden, durch seinen Sarkasmus und vornehme Ruhe nicht minder denn durch ätzende Schärfe ausgezeichneten Rede fertigte Genosse Wolfgang Heine den staatsstreichlüsternen Ver⸗ waltungsrat der Laurahütte ab; als er mit den Worten schloß:„Wir wollen nicht die Pfaffen den Fuß auf das deutsche Geisteslebkn setzen lassen“, erscholl stürmischer Beifall bis weit in die Reihen der Nationalliberalen. Der Führer der letzteren, Bassermann, erschien bald nach unserem Genossen auf der Tribüne. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit drohte er den Uebergang der Nationol⸗ liberalen ins Lager der Obstruktion an, wenn die Mehr⸗ heit die Geschäftsordnung beuge. Noch stundenlang dauerte die Geschäftsordnungsdebatte. Gegen 8 Uhr be⸗ antragten die Nationalliberalen Vertagung; an der Ab⸗ stimmung, die durch Auszählung erfolgt, nahmen nur 194 Abgeordnete teil, da die gesamte Linke den Saal nicht wieder betrat. Das Haus war also beschluß— unfähig. Die Sitzung wurde vertagt. Ruhiger als am Tage vorher ging am 19. die Be⸗ ratung der Lex Heinze von statten. Seit dem gestrigen Auftreten der Nationalliberalen, die mit dem Einschwenken zur Opposition drohten, ist die Position der Linken ent⸗ schieden günstiger geworden. Heute bekamen sie noch neuen Sukkurs. Die Polen fühlten sich als die Vertreter einer unterdrückten Nation gedrungen, nach dem gestrigen Vergewaltigungsversuch der Mehrheit zu erklären, daß auch für sie strengste Innehaltung der geschäftsordnungs⸗ mäßigen Bestim mungen die Voraussetzung für ihre Nicht⸗ beteiligung an der Obstruktion bilde. Die Mitteilung des Präsidenten, daß im ganzen 24 namentliche Ab⸗ stimmungen vorzunehmen seien, wird mit Heiterkeit auf⸗ genommen. Dieselben begianen nach zweistündiger Ge⸗ schäftsordnungsdebatte um 3 Uhr und dauern bis ½8 Uhr, während welcher Zit 10 namentliche Abstimmungen vorgenommen werden. Auf Antrag Singers setzt der Präsident die Interpellation unserer Gegossen wegen der kleinen Zuchthausgesetze in Reuß, Anhalt und Lübeck, deren Inhalt wir an anderer Stelle mitteilen, als ersten Punkt auf die nächste Tagesordnung, trotz des Widerspruchs seines Parteifreundes Spahn, der die Inter⸗ pellation erst an zweite Stelle gesetzt wissen wollte.— In die Bercatung der Interpellation wird jedoch am Montag nicht eingetreten, da der Staatssekretär Niebrrding erklärt, dieselbe erst am 30. Mai beant⸗ worten zu können.— Wegen der Lex Heinze und der Oostruktion hatte der Präsident wieder den Seniorenkonvent berufen, um eine Verständigung herbeizuführen. Während die ser Verhandlungen wurden im Einverständuis mit allen Parteien die Beratung im Reichstag eiustweilen ausgesetzt.— Unterdessen ist der Reichstag in die dritte Beratung des Fleischbeschau zesetzes eingetreten. Hierzu sprach zunächst Genosse Baudert, welcher die Unter⸗ suchung der Hausschla thtungen auf Kosten des Reiches befürwortete und darauf hinwies, wie ein Fleischeinfuhr⸗ verbot die deutsche Jadustrie schwer schädigen müsse. Nach ihm versichert der Vorsitzende des Bund s der Laudwirte, Abg. v. Wangenheim, heuchlerisch, daß für ihn und den Bund der Landwirte bei der Stellung zu diesem Gesetze lediglich santitäre Rücksichten maßgebend seien. Diesem dreisten Schwindel der Ag rarier, denen es in Wirklichkeit doch nur um Erreichung des Fleischeinfusrverbotes und Eczielung von Wucherpreisen zu thun ist, mußte selbst Graf Posadowsky etngegen⸗ treten Er sagte den„Notleidenden“ bittere Wahr eiten; ihnen komme es nicht auf die hygienische Seite des Ge⸗ setzes an, sondern nur auf Vertretung ihrer persöalichen Juterefssen. Ohn; die Kontrolle der Hausschlachtungen sei die Volksgesundheit weit mehr gefahrdet, ans durch Einführung ausländischen Pökelfleisches.— Gen Wurm beleuchtete noch eiamal gründlich das Treiben der Agrarier und wies unter Anführung von Beispielen die Notwendig⸗ keit der Kontrolle der Hausschlachtungen überzeugend nach. Für die Agrarier handle es sich nur um den Ausschluß der Konkurcenz und Preistreiberei. Die Debatte über dieses Gesetz wird am Dienstag fortgesetzt, die Gesamtabstimmung aber vertagt. Aus der Lex Heinze sind die Bestimmungen, gegen die sich die Opposition vornehmlich wandte, durch die Verständigung unter den einzelnen Parteien entfernt worden. Das Zentrum hat den Rückzug an⸗ getreten. Dem neuen Antrage des Zentrums, der die Lex Heinze ersetzen soll, erklärten unsere Genossen durch Singer auch nicht zustimmen zu können, doch wollten sie dem Zustandekommen keine geschäftsordnungsmäßigen Hinternisse bereiten. Aehnliche Erklärungen gaben die Abgg. Richter uud Haußmann ab, und somit wurde der unfreiwillige Zentrumsantrag auch gleich in dritter Lesung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und einzelner Freisinniger angenommen Damit ist die eigentliche Lex Heinze endgültig begraben. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Hessischer Landtag. Die zweite Kammer der hessischen Landstände hält ihre nächste Sitzung am Montag, 28. Mai ab. Die Tagesordnung weist 21 Punkte auf, als deren erster die Giltigkeitserklärung der Wahl des Abgeordneten Leun für den Kreis Gießen⸗ Land vorgesehen ist. Unter anderem kommt auch der Punkt„Beitrag zu den Kosten für Errich⸗ tung von Lungenheilanstalten“ mit zur Ver⸗ handlung. Hierzu beantragt der erste Ausschuß 50 000 Mark zu bewilligen. Für den Neubau eines Ueberwinterungshauses im Botanischen Garten zu Gießen werden von demselben Ausschusse 44 000 Mk. zu bewilligen beantragt und für bauliche Veränderungen und Mobiliar⸗ ausstattung der Aula dortselbst 9200 Mark verlangt. Ferner werden für den Ausbau der Stadtkirche in Friedberg 50000 Mark und für den Erweiterungsbau der dortigen Blinden⸗ anstalt 35 400 Mark, welche Summen ebenfalls zu bewilligen der Ausschuß empfiehlt. Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 22. Die Gießener Parteigenossen werden auf die am Samstag den 26. Mai bei Orbig stattfindende Versammlung des Wahl⸗ vereins aufmerksam gemacht und zu zahlreichen Besuche eingeladen. In der Versammlung wird das Wahlresultat der Reichstags wahl in Nürnberg, die am Samstag stattfindet, bekannt gegeben werden. Unternehmer⸗Versprechen. Mit Befriedigung nahm die vor 14 Tagen in Gießen stattgefundene Maurer ver⸗ sammlung von der Zuschrift der Arbeitgeber Kenntniß, in welcher sich diese zur Unterhandlung mit der Arbeiterkommission behufs Regelung der Lohnfrage bereit erklärten. Auf Seiten der Arbeiter knüpfte man daran die Hoffnung auf baldige gütliche Beilegung der Differenzen und sie konnten dies umsomehr, als die gestellten Forderungen so mäßige sind, daß ihnen die Maurermeister ohne Weiteres zustimmen konnten. Diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Zu Unterhandlungen kam es nicht, weil die Unternehmer, die, wie es scheint von ihren Frank furter Kollegen„scharf“ gemacht wurden, jetzt auf einmal ablehnten. In der am 23. stattge⸗ sundenen wieder sehr zahlreich besuchten Maurer⸗ Versammlung konnte deshalb die Lohnkommision nur die völlige Ergebnißlosigkeit ihrer Be⸗ mühungen berichten. Von der Versammlung wurde angesichts dieser Sachlage einstimmig be⸗ schlossen, am 26. Mai Mittags allgemein die Arbeit einzustellen. Das Verhalten der Unternehmer wird bei jeden anständigen Menschen Verurteilung finden. Zum Gießener Weiß binderstreik. Eine vom Vorsitzenden des Gewerbegerichts auf Ansuchen der streikenden Weißbinder ein⸗ berufene Sitzung, an welcher Vertreter der Weiß⸗ bindermeister und Arbeiter teilnahmen, verhandelte über den Streik. Zu einer Einigung kam es leider nicht, da die Arbeitgeber sich zu gar keinen Zugeständnissen herbeiließen. Im Laufe der Verhandlungen hat der Herr Beigeordnete Wolff, Vorsitzender des Gewerbegerichts, wie uns glaub⸗ würdig mitgeteilt wird, die Forderung der Ar⸗ beiter als„sozialdemokratische“ bezeichnet. Wir verstehen nicht, wie der Herr Vorsitzende zu einer derartigen, von einseitigem Unternehmer⸗ standpunkt diktierten Aeußerung kommt, hätten vielmehr erwartet, daß er den wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiter etwas mehr Verständnis entgegengebracht und alles versucht hätte, um eine Einigung herbeizuführen und den Streik aus der Welt zu schaffen. Ein paar Pfennige mehr Lohn verdienen zu wollen— diese Forde⸗ rung kann ebenso gut von christlich-gläubigen oder konservativen und„königstreuen“ Arbeitern erhoben und vertreten werden, hat also nichts gemein mit den sozialdemokratischen Forderungen, die ja im Parteiprogramm der Reihe nach auf⸗ gezählt sind. Sonnutagsruhe. Die Handelskammer in Gießen hat dem Antrage, die Geschäftszeit an Sonntagen für die ganze Provinz Oberhessen einheitlich zu regeln, nicht zugestimmt. Bei einer vom Vorstande des Detaillistenvereins vorgenommenen Umfrage sprachen sich fast alle Ladenbesitzer gegen eine Verkürzung der Geschäftszeit aus. Namentlich die mit Landkundschaft arbeitenden befürchteten von einem früheren Geschäftsschlusse am Sonntag einen bedeutenden Einnahmeausfall. Wir sind der Ueberzeugung, daß sich das Publikum bald daran gewöhnt hätte. Doktorenstreit in Wetzlar. Eine Beleidigungsklage des Kreis⸗ physikus P. in Dillenburg gegen den Arzt Dr. F. in Wetzlar kam vor der dortigen Strafkammer vorige Woche zur Verhandlung. Im vorigen Jahre starb eine von Letzterem behandelte Wöch⸗ nerin an Schwächezuständen. Der Fall wurde von dem Kreisphysikus angezeigt und die Staats⸗ anwaltschaft beauftragte ihn mit der Sektion der Leiche, die er unter Zuziehung eines zweiten Arztes und eines Heilgehülfen ausführte. Nun fühlte sich Dr. F. beleidigt, weil er als vorher behandelnder Arzt von dem Kreisphysikus zur Obduktion nicht zugezogen worden war, und hat verschiedenen Herren gegenüber von Konkurrenz⸗ neid gesprochen. Der Kreisphysikus hat dies als Beleidigung aufgefaßt, Klage eingereicht und anch die von dem Vorsitzenden vorgeschlagene Einigung abgelehnt, während Dr. F. unter ge⸗ wissen Umständen zu einer solchen bereit war. Nach dem„Wetzl. Anz.“ fand der Staatsanwalt in dem Worte Konkurrenzneid eine schwere Be⸗ leidigung des Kreisphysitus und beantragte gegen Dr. F. 800 Mark Geldstrafe. Das Gericht nahm an, daß Dr. F. in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe,! erkannte jedoch auf 100 Mark Geldstrafe. Streik der Berliner Straßenbahner. Die geplagten Kutscher und Schaffner der „Großen Berliner Straßen bahngesellschaft“ sahen sich vor einiger Zeit veranlaßt, zur Verbesserung ihrer wenig beneidenswerten Lage ihrer Direktion einige Forderungen zu unterbreiten. Und nötig hatten sie es; die Arbeitsverhältnisse muß man im Vergleich mit denen der meisten Berliner Arbeiter als sehr un günstige bezeichnen. Wenn überhaupt bei den Straßenbahnern von einer geregelten Arbeitszeit die Rede sein kann, so ist sie eine bedeutend längere als in anderen Berufen. Schon im Januar beschloß die städtische Verkehrsdeputation auf Antrag des Stadtverordneten Singer, die Straßenbahngesell⸗ schaft aufzufordern, bis zum 1. April die zehn⸗ stündige Arbeitszeit einzuführen, diese Auf⸗ forderung hat von Seiten der Direktion keine Beachtung gefunden, es wurde vielmehr festge⸗ stellt, daß die Leute wiederholt 14 bis 17 Stunden im Dienst waren. Und die Löhne? Die müssen als kläglich für Berliner Ver⸗ hältnisse bezeichnet werden. Die neu Angestellten erhielten bisher nach den Mitteilungen der Di⸗ rektion ein Monatsgehalt von 81 Mark, welches von Jahr zu Jahr um 3—5 Mark bis zur Höchstgrenze von 100 Mark steigt, wozu noch ein geringer Betrag an Kilometergeldern kommt. Dies bei äußerst anstrengender und verantwortungsvoller Thätigkeit! Demgegenüber sackt die Gesellschaft 10 ¼„% Dividende ein! Im vergangenen Geschäftsjahr hatte sie einen Ueberschuß von 9½ Millionen Mark zu verzeichnen, ein Gewinn, der doch auch den profitgierigsten Aktionär befriedigen sollte. Von der Gesellschaft ist aber trotz der Riesenprofite nie an eine Verbesserung der traurigen Arbeitslöhne gedacht worden, während die Direktion und Gesellschaftsbeamten hohe Tantiemen erhielten. Im Jahre 1899 sind da⸗ für 419087 Mark aufgewendet worden; für Tantiemen und Dividenden zusammen über 5½ Millionen Mark! Das ist beinahe eine halbe Million mehr, als an Arbeits- löhnen und Gehältern ausbezahlt wurde, also die Masse der Arbeiter und Angestellten, die doch den Gewinn erzeugen, erhalten zusammen weniger, als die paar höheren Beamten und Aktionäre einstecken. So sahen sich denn die Angestellten veran⸗ laßt, vorzugehen, wie es andere Lohnproletarier auch müssen, Forderungen zu stellen und diesen durch eine umfassende Organisation Nachdruck zu verschaffen. Daran haben es denn auch die Straßenbahner nicht fehlen lassen. In einer Versammlung am 11. Mai wurde mitge⸗ theilt, daß über 3000 dem Verbande angehören. — Die Forderungen, die auf ein Aafangsge⸗ halt von 100 Mark, das im Laufe von 5 Jahren bis 150 Mark steigen sollte und zehnstündige Arbeitszeit lauteten, wurden von der Direktion abgewiesen, worauf in zwei von zusammen mehr als 5000 Personen besuchten Versammlungen der Streik beschlossen wurde, der am Morgen des 19. allgemein begann. Kein Einziger trat den Dienst an, so daß die Direktion nach vergeblichen Versuchen, durch einige von Kon⸗ trolleuren und alten Leuten bediente Wagen den Verkehr aufrecht zu erhalten, den Betrieb gä n z⸗ lich einstellen mußte. Die Sympathie des Publikums war ganz allgemein auf Seite der Streikenden. Die ungeübten Leute, die auf den wenigen verkehrenden Wagen Streikbrecherdienste leisteten, wurden von der Menge ob ihres Ver⸗ haltens verhöhnt und mehrfach thätlich ange⸗ griffen. Häufig kam es vor, daß Wagen ent⸗ gleisten oder sonst Unfälle eintraten, die den Verkehr zum Stocken brachten. Die Stimmung des Publikums wurde noch erregter, als durch einen des Fahrens unkundigen Streikbrecher ein älterer Mann überfahren und leben gefährlich verstümmelt wurde und machte sich in ver⸗ schiedenen Ausschreitun gen Luft. Geriet, was sehr häufig vorkam, ein Wagen aus den Geleisen, so rührte sich keine Hand, um das zum Still⸗ stand gekommene Vehikel wieder fahrbar zu machen, während sonst Hunderte ohne weiteres zugriffen. Da blieb regelmäßig nichts weiter übrig, als die Feuerwehr zur Hilfe herbeizurufen. Ueberall nahm das Publikum in einer Weise und mit solcher Energie Partei für die Steeiken⸗ den, wie es wohl noch bei keinem Ausstand zu verzeichnen war. Die Empörung gegenüber der Gesellschaft und den Streikbrechern war so groß, daß das Publikum zu Angriffen überging. In verschiedenen Stadtbezirken kam es zu Exzessen, über welche die bürgerlichen Blätter übertriebene Meldungen verbreiteten. Nir am Rosenthaler Thor kam es zu einem bedeutenden Auflaufe, wobei die Polizei eingriff und mehrere Personen verletzt wurden. Die Schutzmannschaft enthielt sich im Allgemeinen allzu großer Schneidig⸗ keit und eine einseitige Stellungnahme für die Protzen der Gesellschaft wurde nicht bemerkt, doch wäre ein polizeiliches Einschreiten gegen den ge⸗ fahrvollen Straßenbahnverkehr unbedingt nötig gewesen. Inzwischen hatten die Streikenden das Ge⸗ werbegericht als Einigungsamt angerufen und zugleich ihre Forderungen in der Lohnfrage auf 90 Mark Anfangsgehalt, das sich bis 130 Mark steigern soll, ermäßigt. Auch auf die Versetzung des Oberbeamten wurde verzichtet. Die Direktion lehnte jedoch die ermäßigte For⸗ derung sowohl, als auch das Gewerbegericht als Einigungsamt ab. Für ihre Kampfes weise ist noch bezeichnend, daß sie in einer Bekanntmachung die Streikenden für die Ausschreitungen verant⸗ wortlich machte, obgleich Letztere zu dieser Zeit einen Ausflug unternommen und Berlin ver⸗ lassen hatten. Die Versammlung der Streikenden am Montag beschloß nun, den Oberbürgermeister Kirschner um Vermittelung zu ersuchen. Derselbe erklärte sich hierzu bereit und auch die Direktion sah sich zu Unterhandlungen genötigt. Vorher hatte sie den Ukas zurückgezogen, wonach jeder, der den Dienst nicht bis Montag Mittag auf⸗ genommen hätte, entlassen sei. Die Verhand⸗ lungen führten zu einem günstigen Ergebnis. Die Kommission konnte der Versammlung, welche immer noch tagte, verkünden, daß der Kampf zu Ende sei. Die Einigung erfolgte auf folgen⸗ der Grundlage: Errichtung einer Pensions⸗ kasse; die Gehälter betragen: beim Eintritt 85 Mk., nach sechsmonatlicher Probezeit 90 Mk., nach drei Jahren 95 Mk., nach zehn Jahren 100 Mk., nach fünfzehn Jahren 115 Mk., nach zwanzig Jahren 120 Mk.; Ueberstunden werden mit 50 Pfg. bezahlt; neunstündige Arbeitszeit; Einsetzung einer Beschwerdekommission; Maß⸗ regelungen finden nicht statt.— Montag Abend wurde die Arbeit wieder aufgenommen. — Durch ihre gute Organisation und festes Zusammenhalten haben die Berliner Straßen⸗ bahner in kurzer Zeit eine Verbesserung ihrer Lage erreicht. Möchten sich alle Arbeiter daran ein Beispiel nehmen! Darum hinein in die Ocganisationen! Ein schlimmes Ende hätte die Flottenbegeisterung beinahe in Oppen⸗ heim gefunden. Als nämlich dort die Torpedoboote angelegt hatten, drängte das Publikum sich in Masse auf die Landungsbrücke, wodurch sich diese auf die Seite neigte und eine große Anzahl Personen in's Wasser fielen. Es sollen indeß alle durch die Matrosen gerettet worden sein. Bei der allgemeinen Flucht nach dem Lande kamen auf der Landungsbrücke mehrere Personen zu Fall und erlitten Verletzungen. Wie berichtet wird, kam sonst alles mit dem Schrecken und im schlimmsten Falle mit einem kalten Bade davon — gut chu ud in de 6 Ja wal, Hinter war d in Bf ein ge en ein ft. Mann, 80 qa sfentl ihn a der 9 cin Schan Hocker 1 f Kase 2. — ange⸗ 1 ent⸗ ie den nung durch her ein ahrlich 1 ber⸗ „baz cleisen Slill⸗ ar zu elterez weiter urufen. Weise tceilen⸗ ind zu er der groß, . es zu ᷑lätter ir an ltenden nehrere chat neidig⸗ für die , doch hen ge⸗ nötig 5 Ge⸗ gerufen yufrage 8 130 auf die tzichtet. e For⸗ cht als eise ist fchung berant⸗ r geit i ber⸗ en al meistet derselbe irektion Vorher 0 jeder, g auf⸗ erhand⸗ 3. Die welche dampf folgen⸗ jons⸗ Eintritt 0 Mk., Jahren , ft werden eite; Maß⸗ 0 Abend mme. 0 festes traßen⸗ 9 ihter 1 daran in die Oppen⸗ t 1 c diese Amal, deß fl Hei f amen U Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Zum Konitzer Mord. Unter großer Beteiligung der Bevölkerung wurden am Sonntag die Leichenteile des Gym⸗ nasiasten Winter bestattet. Auf dem Kirchhof waren ein Kriminalinspektor und zahlreiche Po⸗ lizeibeamte in Civil erschienen. Man hoffte, der wirkliche Mörder werde sich, in der Menge verborgen, bei der Beerdigung einfinden und sich verraten, doch ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. a f f Das Justizministerium entsandte hierher eine Kommission, bestehend aus dem Ministerialdirektor Lucas und dem Geh. Oberjustizrat Przewaloka, zwecks Orientierung in der Mordsache. Trotz der eingehensten Untersuchung hat man vom Thäter noch nicht die geringste Spur entdeckt. Die ausgesetzte Belohnung ist auf 32 000 Mark erhöht worden. Scheusal im Priesterkleid. Vom Schwurgricht zu Biterbo(Ital.) wurde der Priester Don Gratiliano Pezi von Bassano zu 22 Jahren drei Monaten Zuchthaus verurteilt, weil er durch Mein⸗ eid und Anstiftung zum Meineid im Jahre 1894 drei Unschuldige auf je zehn Jahre ins Zuchthaus gebracht hat. Die eine der damals unschuldig Angeklagten versiel in Wahnsinn und wurde beim Urteil vom Schlag gerührt, eine Zeugin, die wegen angeblichen Meineids zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, starb während der Strafverbüßung mit Hinterlassung dreier Waisen. Don Gratiliano war das Haupt der klerikalen Partei in Bassano, eine parteipolitische Größe, ein gefürchteter Gegner der Liberalen, ein Almosenspender großen Stils, ein fruchtbarer klerikaler Schriftsteller, kurz ein Mann, dem eine glänzende Karriere bevorstand. So sah der gefürchtete und gefeierte Priester im öffentlichen Leben aus; sein Privatleben zeigt ihn als Generalschurken und Wüstling. Bei der Haussuchung fand man mekerhohe Stöße obscöner Bilder selbstgefertigter Zeichnungen, Schandgedichte, schamlose Illuftrationen zu den trockenen Texten des Breviers und der Liturgie, alles so toll, daß davor— nach dem drastischen Aus spruch des Staatsanwalts—„selb st eine Kasernenlatrine erröten würde“. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. Marburg, 24. Mai. W. Parteiversammlung. Auf die am Samstag Abend bei C. Müller, Hirschberg 12, stattfindende Parteiversammlung wird hiermit nochmals aufmerksam gemacht und um zahlreiches Erscheinen gebeten. Genosse Vetters wird einen Vortrag halten über„Zum 25 jährigen Partei⸗ jubiläum“. a Hinter Schloß und Riegel wurde ein Buchbinder gebracht, welcher in einer hiesigen Herberge einem zugereisten Buchdrucker, der sein Reisegeld erhoben hatte, das Portemonnaie mit zirka 12 Mark Inhalt entwendete. Hoffentlich wird dem Gauner für seine Gemeinheit eine exemplarische Strafe zuteil. b g ** Zu einer äußerst harten Strafe verurteilte die Strafkammer Marburg den Stationsvorsteher eines Nachbarortes. Der Beamte hatte einer Verwandten, um ihr den Weg nach Hause zu sparen, 24 Mk. aus der Stationskasse ausgelegt. Die Kasse wurde kurz darauf revidiert. Er er⸗ hielt wegen Unterschlagung im Amt drei Monate Gefängnis. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Die Cementwaren⸗Fa⸗ brikanten in Gießen⸗Wetzlar und Umgebung haben sich zusammengeschlossen um für ihre Pro⸗ duckte einen Preisaufschlag durchzusetzen. Und die Löhne? Die werden die Herren recht bald noch mehr herunterdrucken, wenn die Arbeiter nicht ihrem Beispiel folgen und sich ebenfalls organisiren. * Alsfeld. Die Nachtfröste in der ver⸗ angenen Woche haben doch auch in unserer Gegend bedeutenderen Schaden an den Obst⸗ bäumen und Beerensträuchern angerichtet als vorher angenommen wurde. An manchen Stellen ist die Hoffnung auf eine auch nur mittelmäßige Obsternte vernichtet. ** Ein Sohn Robert Blums, der Bezirksingenieur Richard Blum, wurde in Leipzig wegen Wechselsälschung verhaftet. Im Gefängnis soll er einen Selbstmordversuch ge⸗ macht haben. Die Söhne machen ihren für die * Pfäffische Unverschämtheit. Ein in Stuttgart in Arbeit stehender Schreiner hatte in Frickenhofen Hochzeit. Als sein Schwieger⸗ vater beim dortigen(levangelischen) Pfarrer die Gebühren für die Trauung bezahlte, fragte dieser, warum er seine Tochter in die Stadt heiraten lasse und warum auch noch ein Schreiner. Diese seien die lüderlichsten Gesellen in der Stadt. Der Aufhetzer Kloß stehe bei dieser Gesellschaft an der Spitze. Wie eigentlich seine Tochter mit dem Menschen zusammengekommen sei und wie lange sie schon mit ihm gehe.— Hoffentlich hat der anmaßende Prediger christlicher Liebe und Duldsamkeit die gebührende Antwort erhalten. »Volkssache gefallenen Vater keine Ehre. Arbeiterbewegung. T Die Steinmetzen in Gießen erreichten durch Vereinbarung mit ihren Arbeitgebern die 10 stündige Arbeitszeit mit entsprechender Erhö⸗ hung des Stundenlohnes. Die Abmachungen treten im Juni in Kraft. 5 Im Streik der Holzarbeiter in Frankfurt a. M. ist eine Aenderung nur insofern einge⸗ treten, als einige Werkstellen die Forderungen der Arbeiter bewilligten. Von den Unternehmer⸗ organisationen wurde jedoch die Haupt⸗ forderung, die neunstündige Arbeitszeit, abgelehnt, weshalb an eine Beendigung des Streiks noch nicht zu denken ist. Wiesbaden. Aeußerst hartnäckig ist der nun schon fünf Wochen andauernde Kampf, den die Maurer in Wiesbaden zu führen haben. Aber trotzdem allerlei verdächtige Gestalten sowie auch Polen und Italiener als Streikbrecher von dem Unternehmerthum herangezogen sind und trozdem die Polizei letzteren alle nur mögliche Hilfe angedeihen läßt, harren die Arbeiter tapfer aus, so daß der Kampf hoffentlich bald zu ihren Gunsten beendigt ist. eee Wiesbaden. Die hiesige organisiertezAr⸗ beiterschaft erwarb mit Hilfe der Schöfferbrauerei in Mainz die Turnhalle in der Hellmundstraße zur Errichtung eines Gewerkschaftshauses. Der Preis beträgt 207 500 Aus den„christlichen“ Arbeiter⸗ organisationen. Der Fuldaer Zeitung geht aus Geisa folgende Meldung zu:„Korken⸗Fabri⸗ kant Kuno Kammandel hat denjenigen Arbeitern seiner Fabrik, die sich bis jetzt dem christlichen Arbeiterverbande angeschlossen haben, die Wahl gestellt, innerhalb vierzehn Tagen entweder aus dem christlichen Arbeiterverbande oder aus seiner Fabrik auszutreten.“ Es läßt dieser Schritt des des Herrn Kammandel darauf schließen, daß er im Einverständniß mit den Bau- und sonstigen Unternehmern Fuldas unternommen wurde. rr Partei- Hachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 26. Mai: Gießen. Weißbinderversammlung nachmittags 3 Uhr bei Orbig, Rittergasse. Sonntag, 27. Mai: 1 Sparklub„Vorwärts“ abends 8 Uhr bei rbig. Gießen. Verband der Kutscher, Fuhrleute und Handels⸗ hilfsarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Großen⸗Linden. Verband der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Schaum. Die Bergarbeiter und die Arbeiter der Dampfziegeleien in Großen⸗Linden, Leihgestern und Umgegend sind gebeten, zahlreich zu erscheinen. Partei⸗Jubiläum. Am 26. Mai sind es 25 Jahre, seitdem die Einigung der deutschen Sozial- demokratie vollzogen wurde. Der Vereinigungs⸗ kongreß fand vom 22. bis 27. Mai 1875 in Gotha statt, Derselbe war von 129 Delegierten, von denen 73 zum„Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ und 56 zur „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ gehörten, besucht. Die Verhandlungen gingen glatt vor sich. Am 27. Mai, Abends 11 ⅛ Uhr, konnte der Vorsitzende Hasenelever die Verhandlungen schließen, indem er das Gelingen des des Einigungswerks konstatierte und auf die hohe Be⸗ deutung desselben für die gesamte Arbeiterpartei hinwies. — Die Vereinigung war ein großer Triumph der sozial⸗ demokratischen Sache in Deutschland. Daß der bis dahin bestandene Bruderzwist schließlich so schnell, so alldgemein und so ohne allen Widerspruch der Einigung weichen mußte, das war wesentlich eine Folge der von dem Staatsanwalt Tessendorf resp. seinen Auftraggebern eingeleiteten Ver⸗ Verfolgungen, die beide Fraktionen gleich hart betrafen und die schließlich die Kämpfenden eng zusammenführte zu einer einzigen, achtunggebietenden Kampfpartei.— In einer Reihe von Städten wird die 25 jährige Wieder⸗ kehr des Einigungskongresses seitens der Parteigenossen durch eine Feier begangen. In Frankfurt findet am 26. Mai ein Festlom⸗ mers im Saale zur Conkordia statt, wozu alle Partei⸗ veteranen der Umgebung eingeladen sind. Genosse Dr. Quarck wird die Festrede halten. Die Verlags- Buchhandlung und Buchdruckerei von Wörlein und Co. (Besitzerin Witwe Marie Oertel) in Nürnberg ist nunmehr mit sämtlichen Aktiven und Passiven und allen Verlagsrechten an die Firma „Fränkische Verlagsanstalt und Buch- druckerei Hermann Sydow u. Co., offene Handelsgesellschaft, übergegangen. Damit ist nun diese Sache, an der die die Gegner noch recht 1 zu zehren gedachten, zur Zufrieden⸗ heit der dortigen Genossen und der Oertelschen Erben in aller Kürze geregelt worden. Briefkasten der Expedition. ——— H. S. G. Hygiama hat in der ärztlichen Praxis als ein über⸗ aus schätzenswertes Mittel bei allen Namentlich bei Blutarmut, bei Ver⸗ 5 dauungsstörungen leichterer und ganz schwerer Art, z. B. nach überstandenem Magenge⸗ schwür, bei fieberhaften Erkrankungen wie Typhus, ins⸗ besondere auch bei Nierenleiden, hat sich Dr. med. Theinhardt's Hygiama als reizlose, sehr leicht verdauliche, sehr nahrhafte und nicht zu Verstopfung führende Nahrung bewährt. Es ist aber auch für Kinder, die im Wachs⸗ tum und Gedeihen zurückgeblieben sind, ein ganz besonders wertvolles Stärkungs⸗ und Kräftigungsmittel und für stillende Frauen und ältere Leute als täglich zu nehmende Nahrung aufe wärmste zu empfehlen. Quittuugen. Schm. G. 34.60. Wtr. Obch. 7.20. H. Hbch. 3.—. Hp. Bohm. 6.—. Mdlr. Kzbch. 12.—. Wtr. Wwe.⸗Lbch. 2.—. Krft. Angbch. 7.40. Rg. Etbch. 27.—. Fr.⸗G. 1.—. Wch. Bst. 3.—. Wtzl. Wtzh. 12.— Zht.-⸗Fda. 1.—. Oestr. Alt. 1.—. Sch. G.—.75. Sgr. Abck. 9.40. Bgm. G. 6.—. Ccht. Gbg. 6.—. Wb. Alsf. 20.60. Ptr. Grßl. 8.—. R. Hchhm. 27.—. Sch. Wbg. 1.—. Bolte⸗Lollar, 1. Quart. 33.60. Str. G. 3.80. Schfr. Stbg. 13.80. Pths. Lllr. 4.80. Fellgsh. 1.60. Bsr. Rdgn. 1.—. Leihg. Dthfr. 5.—. Kch. Kfd. 42.—. Sztk. Sch. 1.40. Pz. G.—.75. Gge. Hobgn. 8.—. Wgnr. Grdl. 12.—. Schld. Ffm. 1—. Bck. G. 1.20. Ichs. Dbgn. 9.40. Dsch. Bgs. 11.—. Krgr.⸗G. 39.—. Schub. Hsn. 10.60. 3. Nöh. 7.—. Schr. Tr. 2.20. Br. Rogn. 1.—. Hdch. Kzbch. 4.20. Mllr. Mbg. 143.20. Krg. Mbg. 32.60. Wtr.⸗Lbch. 7.—. Dgs. Bloch. 6.—. Lst. Wek. 25.20. Z. Ndh. 3.—. Sg. Hst. 2.—. Mths. Eckh. 3.—. Sgl. G. 3.—. Ltzw. 100.—. M. V. G. 1.—. Gew.⸗Kart. 8.—. B. Hchh. 6.—. S. V. G. 3.—. Mbg. P. 8.—. Mbg. G.⸗K. 4.70. P. Mbg. 7.20. Frend. Mbg. 10.—. Lth. G. 45.—. Met.⸗Arb. Verb. 2.—. Kch. G. 15—. Bo. G. 25.—. Alsf. Part. 3.—. Ft. Lur. 18.—. Br.⸗Verb. 3.—. St. G. 10.—. Cetzte Nachrichten. Zu den am Sonntag in Belgien statt⸗ findenden Wahlen zum Senat beschlossen die Sozialdemokraten in Brüssel für die Progressisten zu stimmen, als der einzigen bürgerlichen Partei, welche mit den Arbeitern das allgemeine, gleiche Wahlrecht fordere. Vandervelde's Aufforderung in diesem Sinne wurde von einer sozialistischen Wahlversammlung in Ixelles mit tosendem Beifall aufgenommen. (Fr. Ztg.) Allgemeine Kranken- und gterbe⸗ kasse der Metallarbeiter. Sonntag, den 27. Mai, Nachmittag 4 Uhr, bei Orbig, Rittergasse: Witglieder-⸗Versammlung. Tagesordnung: Anträge zur General⸗Versammlung. Die Mitgieder von Lollar, Alten⸗Buseck, Gleiberg und Wieseck sind freundlichst eingeladen. Die Ortsverwaltung. 1 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 22. Anterhaltungsteil. Nur stolz gestrebt! Nur stolz gestrebt zum Edlen, Schönen, Nur stolz gestrebt, Du Menschenkind, Wie sich's geziemt der Menschheit Söhnen, Die Kinder wahrer Freiheit sind. Wie immer sich Dein Schicksal wende In Leidenszeit, in Freud und Glück, Dem Guten reiche stets die Hände, Zum Schönen richte stets den Blick. Nur stolz gestrebt trotz aller Mühen, Die Dir das Leben auferlegt, Fürs Edle laß Dein Herz erglühen Und für die Freiheit unentwegt. Ihr sei mit Sinn und Herz ergeben, Für Freiheit opfere Dein Blut. Dem Guten weihe still Dein Leben, Gerechtigkeit Dein höchstes Gut. Nur stolz gestrebt, halt ohne Zagen Zu allem dem, was recht und wahr, Halt nimmer Dich an alte Sagen und zu der Dunkelmünner Schar. O reiß' Dich los vom Thorenwahne, Der freiem Denken Fesseln schlug, Kämpf' unter Wissens goldner Fahne, Licb' nur, was wahr, hass' allen Trug. Und wenn Dich Menschen stolz auch neunen, Weil sie Dein Streben nicht verstehn, Und wenn Dich Freunde selbst verkennen Und achselzuckend von Dir gehn, Dein Herz darf denuoch nicht erbeben Trotz allet Lebenseinsamkeit, Denn nur in reinem, edlem Streben Liegt Tugend und Glückseligkeit. Eduard Rieger. In Fesseln. Novelle von Elise Schweichel. Mutter und Schwester nahmen den innigsten Anteil an dem Fortschritt der Arbeit, die Julius ihnen kapitelweise bei der Familienlampe abends vorlas. Bei diesen Vorlesungen war häufig noch ein Dritter zugegen, Anton Eberhard, ein älterer Jugendgespiele der Geschwister und Sohn jenes Kompagnons des Herrn Storbeck, den dieser um die Früchte seines Fleißes gebracht hatte. Anton, der bei dem plötzlichen Vermögens⸗ verlust seines Vaters sich genötigt gesehen, die polytechnische Hochschule, auf der er sich damals befand, zu verlassen und das Maschinenfach auf rein praktischem Wege zu erlernen, trug den Hinterbliebenen des unglücklichen Storbeck des⸗ halb keinen Groll nach. Sie konnten ja nichts dafür, und wenn Herr Storbeck an seinem Vater leichtfertig gehandelt hatte, so war es nicht in böser Absicht geschehen. Wären seine Spekula⸗ tionen eingeschlagen, so wie sie mißglückt waren, so hätte er ihn zum reichen Manne gemacht. Und konnte Anton die glücklichen Stunden ver⸗ gessen, die er, so weit er zurückdenken konnte, in diesem Hause verlebt? Die Güte Herrn Storbecks, der ihm als Knaben freundlich den dunklen Krauskopf zu streicheln gepflegt, ihm manches Markstück zugesteckt und auch später viel Gutes hatte zufließen lassen? Als das Unglück über beide Familien herein⸗ brach, da hatten Antons Eltern im ersten Grimm dem Sohne verboten, das Storbecksche Haus wieder zu besuchen. Aber disser hatte dem Verbot nur kurze Zeit Folge beleistet. Als Johanna von jener traurigen Fahrt nach Grimma, die sie in Begleitung des Hausarztes gemacht, zurückkehrte, fand sie Anton bei Mutter und Bruder, der gebrochenen Frau die bangen, er⸗ wartungsvollen Stunden erleichternd. O, wie hatte sie ihm das gedankt! Seitdem war er regelmäßig wiedergekommen, auch als Julius in schülerhaftem Düntel sich über den Jugendgenossen zu überheben begann. Der immer kräftiger und schöner sich entwickelnde Arbeiter hatte über das schwächliche Studentlein gelacht und ihm deutlich gezeigt, daß seine Be⸗ suche nicht sowohl ihm als seiner Mutter und Schwester galten. Hegte Anton für die erstere, deren Charakter- und Verstandesschwäche er früh durchschaut, deren Herzensgüte diesen Mangel aber in seinen Augen wieder gut machte, eine Art mitleidiger Zuneigung, so hing er der letzteren mit leidenschaftlicher Ver⸗ ehrung an. Schon als Knabe hatte sie ihm durch ihre ruhige Ueberlegenheit, ihre Langmut mit den Schwächen der Mutter, mit der Un⸗ gebärdigkeit und Selbstsucht des Bruders imponiert. Er hatte zu ihr wie zu einem höheren Wesen aufgeblickt, und als später auch das Wohlgefallen on der lieblichen jungfräulichen Blüte noch hinzu⸗ kam, was Wunder, daß sich da auch das Herz einzumischen begann! Wenn Frau Storbeck, in Anbetung ihres Sohnes versunken, kaum auf den Sinn der Ge⸗ schichte, die dieser vorlas, achtete, so waren Johanna und Anton um so kritischere Zuhörer. Die Erstere freilich, die ihre Arbeit keinen Augen⸗ blick ruhen ließ, verhielt sich durchaus schweigend und und drückte ihren Beifall oder ihr Mißfallen nur durch eine leise Bewegung des Kopfes oder ein Zucken der Lugenbrauen aus. Anton hin⸗ gegen gab ganz ungeniert seine Meinung ab, und sie stimmte merkwürdigerweise immer mit der Johannas überein. Merkwürdig war das freilich nur für diese, welche sich gar kein Urteil zutraute und es nicht zu begründen verstand. Sonst war diese Uebereinstimmung sehr natürlich, denn Johanna, wie Anton Eberhard, besaßen einen gesunden, unverfälschten Sinn und ein an⸗ geborenes Feingefühl, welches sie ebenso richtig leitete, wie der ausgebildetste ästhetische Geschmack. Julius fühlte sich durch die offene Meinungs⸗ äußerung des Jugendgespielen keineswegs an⸗ genehm berührt. Er gehörte zu den empfind⸗ lichen Autoren, die keinen Tadel vertragen können, und jener anmaßende Bursche nahm sich heraus, ihm geradezu zu sagen, daß die Verhältnisse, die er schildecte, geschraubt, die Menschen unwahr seien. Es kam darüber öfter zwischen ihnen zu Steeitigkeiten, welche mit dem wütenden Abgang des beleidigten Autors endigten. Wie triumphierte dieser daher, als sein Werk trotz der gerügten Mängel einen Verleger fand! Es war zwar nichts Natürliches, nichts Nor⸗ males, nichts psychologisch Wahres in dem Ro⸗ man, aber er erregte bei leichter, anmutiger Er⸗ zählungsweise einen sinnlich prickelnden Reiz, der, ohne daß der Autor sich dessen bewußt sein mochte, der Geschmacksrichtung des größeren Lese⸗ publikums entgegenkam. Hierin besonders lag das Geheimnis seiner ersten Erfolge. Kurze Zeit danach starb die Mutter, die mit der Ueberzeugung von dem Genie ihres Sohnes aus der Welt schied. Johanna war durch die kindische Frau sehr in Anspruch genommen worden; jetzt hatte sie mehr freie Zeit, und so bewarb sie sich um eine Stelle als Handarbeits⸗ lehrerin an einer von frommen Damen geleiteten Privatschule. Dank ihrer Geschicklichkeit erhielt sie dieselbe, nachdem man zuerst wegen des Mangels an der in jenen Kreisen geschätzten Frömmigkeit Umstände gemacht hatte. Dieses kleine, feste Einkommen war ein großer Segen für die Geschwister, denn Julius hatte viele Bedürfnisse, und seine Einnahmen waren sehr unregelmäßig und stockten bisweilen ganz. Es mangelte ihm, wie er sagte, die Stimmung zum Schaffen. Und woher hätte sie ihm auch kommen sollen, eingepfercht, wie er früher gewesen, in ein enges Stübchen, das auf die himmelhohen, grauen Mauern eines Hofes hinaussah? Er brauchte Licht und Luft und Raum zur freien Entfaltung seiner Geistes⸗ schwingen. Johanna hatte ihm hierin vollkommen recht gegeben. Ja, ein Dichter konnte nicht leben, wie die arbeitenden und schaffenden Alltags- menschen, und so hatte sie nicht eher geruht, als bis sie diese, alle jene Bedingungen erfüllende Wohnung auf dem Grundstück des Herrn Bartels für ihren Liebling gefunden. Von dem Lärm des Hofes drang kein Ton in die nach vorn gelegene zweifenstrige Stube! des Poeten, die einen freien Blick auf die vom Flusse durchschlängelten Wiesen bis an den wald? begrenzten Horizont gewährte. Waren die Reize dieser Landschaft auch anspruchslos zu nennen, so boten sie doch bei der zu allen Tageszeiten wechselnden Beleuchtung ein immer neues, stim⸗ mungsvolles Bild, wie es zu einem Dichtergemüt zu sprechen pflegt. Dazu hatte ihm Johanna mit allem, was die Geschwister aus dem elter⸗ lichen Hausstand noch an bequemen Möbel- und Kunstgegenständen besaßen, sein Zimmer behaglich eingerichtet und geschmückt. Ein kleineres Zimmer daneben war sein Schlafgemach. Johanna bewohnte ein durch die Küche von. Julius Räumen getrenntes Stübchen, dessen einziges Fenster nach dem Hofe hinausging, und an diesem sahen die Handwerker, wenn sie in der Frühe an ihre Arbeit gingen, sie schon über ihren Stick ahmen gebeugt sitzen. Die Arbeit strengte das kräftige Mädchen nicht an. Die Natur hatte sie zu ihrer Lebensaufgabe mit hin⸗ reichenden Kräften ausgerüstet. „Ja, Du mit Deinem gesunden Schlaf, Deiner Brust und Deinem Magen, Du kannst lachen!“ pflegte Julius bisweilen zu sagen, wenn er sich über die mangelhaften Funktionen seiner Organe beklagte und die Schwester ihm ausreden wollte, daß dieselben so mangelhaft seien. Indessen befand sich Julius Storbeck in der halbländlichen Wohnung um vieles besser, als in dem engen Stadtlogis, das sie früher inne gehabt. Er begann nach langer Unterbrechung auch wieder zu arbeiten, und Johanna atmete, wie von einem Alp befreit, erleichtert auf. Anton Eberhard, der seit ungefähr einem Jahre in einer größeren Maschinenfabrik erster Monteur war, hatte sich in der neuen Wohnung bei den Geschwistern noch nicht sehen lassen, denn seine Thätigkeit war eine sehr anstrengende und die Fabrik lag am entgegengesetzten Ende der Stadt. Julius bemerkte sein längeres Fort⸗ bleiben mit Befriedigung. Anton war ihm durch seine unumwundene Kritik und noch mehr wegen der offenkundigen Huldigung, welche er seiner Schwester darbrachte. Daß diese Antons Neigung erwidern oder überhaupt an Liebe und Heirat denken könnte, kam ihm freilich nicht in den Sinn. Der Egoismus seiner Natur, den die beiden Frauen durch die Verhätschelung des Knaben großgezogen hatten, stand in voller Blüte und ließ keinen Gedanken an die Ansprüche und Bedürfnisse eines Wesens außer ihm aufkommen. Er nahm es als selbstverständlich hin, daß seine Schwester für ihn lebte, für ihn arbeitete. Gab er ihr doch dafür seinen Schutz, den Abglanz seines Dichterruhms. Johanna hatte ihr Tagewerk beendigt. Nach einem Blick auf das Stückchen des nördliche Himmels, das man aus ihrem Fenster sehe konnte, und über das sich ein rötlicher Schimme verbreitete, besteckte sie ihren Stickrahmen mit einem sauberen weißen Tuch und stellte ihn auf ein Tischchen, welches vor ihr stand. Dann er⸗ hob sie sich. Hut und Shawl, die noch von dem Nachmittagsgang zur Schule auf dem weiß⸗ bedeckten Bette lagen, ergreifend, schritt sie durch die kleine, mit peinlicher Sauberkeit gehaltene Küche und steckte den Kopf in Julius Stube. „Herz, bist Du bereit, ein wenig auszugehen? Der Abend scheint prächtig.“ i Julius lag auf den Sofa und las. Lässig schaute er nach dem Fenster, welches Johanna, die mittlerweile hereingetreten war, mit einem leisen Ausruf des Entzückens öffnete. Der Abendhimmel, den man von hier aus überschaute, strahlte in seiner ganzen herbstlichen Pracht. Es war, als ob die Sonne in einem Meer von flüssigem Gold versunken sei, das jetzt in Flammen aussprühte und den Horizont mit Purpurglut übergoß. Zugleich drang ein kräftiger Heugeruch von den Flußwiesen berauschend herein. Julius sprang auf. Seine reizbaren Nerven waren aufs angenehmste berührt. „Ja, komm', laß uns gehen“, rief er plötz⸗ lich ganz belebt. „Daß Du auch das Fenster nicht früher öffnetest! Diese herrliche Luft auszuschließen 2 sagte Johanna ein wenig vorwurfsvoll. Jun schtist„ Dolfe! suthenis sotben. undi merkwü en aus ednet, elle, er Elelett, ene u suudig Vollsd deb Kl lerbit renn „ seiner Reden in der t, als inne echung atmet, einem erster nung lassen, ngende Ende Fort⸗ durch wegen seiner gung Heirat u den en die 9 des „Blüte he und ymmen. feine f Gab loglanz Nach edliche sche hunt en mit n auf ann e“ oc ben 1 weiß⸗ U dutch schrift„Die Zeit“: Am 30. März ist in einem Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. „Mein Gott, wenn man geistig beschäftigt ist, wie soll man daran denken!“ erwiderte Julius gereizt. „Du lasest ja nur.“ „Lasest ja nur! Da hört man das Frauen⸗ zimmer! Lesen ist wohl keine geistige Thätig⸗ keit! Du freilich, für die Arbeiten nur sticken, waschen, scheuern und kochen ist, die nie ein Buch in die Hand nimmt als höchstens am Sonntag, Du hältst Lesen nur für ein Amüse⸗ ment.“(Fortsetzung folgt.) Der Mann mit den zwei Hühnern. Der ruthenische Politiker und Schriftsteller Iwan Franko schreibt der Wiener Wochen⸗ Dorfe unweit Tarnopol ein schlichter, alter ruthenischer Bauer, Anton Hryzuniak, ge⸗ storben. Obwohl des Lesens und Schreibens unkundig, war er doch eine in hohem Grade merkwürdige Persönlichkeit. Er war nicht nur ein ausgezeichneter, durchaus origineller Volks- redner, sondern eine auch im Privatleben origi⸗ nelle, energische Persönlichkeit. Mager wie ein Skelett, besaß er dennoch bis zum letzten Atemzug eine ungebrochene Willenskraft und Kampfes⸗ freudigkeit. Ein Feind des Klerikalismus, der Volksverdummung und der unersättlichen Habgier des Klerus, schwang er auch gegen diesen die seinen Histörchen, mit denen er seine Reden aus⸗ zuschmücken liebte, habe ich aufgezeichnet und will hier nur eine kleine Erzählung mitteilen, leider in einer Form, welche von der Lebhaftig— keit und Farbenpracht seiner Erzählungsweise fast keinen Begriff giebt: „Es ging ein Mann von einem Dorf ins andere und trug bei sich sein ganzes Vermögen: ein kleines Kind und zwei Hühner. Da kam er in einen Wald, welchen er unterwegs passieren mußte, und da kam ihm ein Räuber in den Weg und wollte ihn berauben. „Aber guter Mann, ich habe nichts, als nur dieses kleine Kind und diese zwei Hühner.“ „Her mit den Hühnern!“ schrie der Räuber. Da antwortete der arme Mann: „Wie hättest Du das Herz, sie mir abzu⸗ nehmen? Siehst Du denn nicht, daß diese Hühner für mein Kind die Stelle der Kuh ver⸗ treten? Legt das Huhn ein Ei, so ist das die ganze Nahrung für mein Kind.“ Der Räuber sah ein, daß der Mann richtig sprach, ließ ihn gehen und nahm die Hühner nicht ab. Da kam der Mann ins Dorf und ging zum Geistlichen, damit dieser das Kind taufe. Der Geistliche taufte das Kind und forderte seinen Lohn. „Hochwürden, ich bin ein armer Mann, ich habe nichts.“ „Da hast Du ja zwei Hühner!“ sagte der Geistliche.„Her damit!“ „Aber Hochwürden, diese Hühner sind ja die einzigen Ernährerinnen meines Kindes“, sagte der Mann und wiederholte dem Geistlichen alles das, womit er des Räubers Herz gerührt hatte. „Ach, Du dummer Mensch“, sagte der Geist⸗ liche,„weißt Du denn nicht, wenn Du dem Kinde ein hartgesottenes Ei zu essen giebst, daß das arme Ding davon Magenbeschwerden kriegen, erkranken und sterben kann?“ Und der Geistliche zeigte sich weiser und barmherziger, als der Räuber, und nahm dem armen Mann die beiden Hühner ab, damit sein Kind nur ja nicht an einem hartgesottenen Ei erkranke und zu grunde gehe. Das Kind aber ging bald darauf an Hunger zu grunde.“ Humoristisches. Fürstliche Doppelgänger. Der 1864 verstorbene König Wilhelm J. von Württemberg hatte in Stuttgart einen Doppelgänger, der ihm täuschend ähnlich sah ur d sich darin gefiel, den König in Kleidung, Haar- und Barttracht und auch im Gang nachzuahmen. Ob auf Befehl des Königs oder aus eigenem Eifer beschäftigte sich eines Tages die Polizei mit diesem Manne. Er leugnete durchaus, Haare und Bart und Kleidung ab⸗ sichtlich so zu tragen wie der König. Nach längerem Parlamentieren verlor endlich der Polizeichef die Geduld und schrie den vorgeladenen Doppelgänger des Monarchen an:„Es mag ja sein, daß Sie Recht haben, aber ge⸗ wöhnen Sie sich doch wenigstens den saudum men Gang ab!“ unerbittliche Waffe seines Witzes. Einige von und billigsten quellen Man verlange Preisliste. ä einkauf . 5 Wer keine Annonce liest Erfährt nicht die besten Wier letztere nicht kennt Kann auch nicht vorteil- en! 2 lwar 2 Bolonia Bezugs- Bahnhofstr. 27. . N⸗ Anerkannt leistungsfähige Bezugsquelle. Kölner ConsumAnstalt C. F. 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Junkern helschwel Aulgeben Auß sie fFlbst, u e wind gehen, als Me müßten einen 2 und die lernen; Daz Gesetz d bedingu handlu Die Ii dubbeu zieht an sie Krisen heit h mehr; Di leinen kommer beitskte ls ez wie di, Abet ld a pour Huantier Atari 1 ue 1 N sor her Ir Ci Igor A Sitte meine Snufensteg „„een Dee N D e ——ê 2 — * — * —— — ousgebeutet werden, ohne etwas zu lernen. Bitte meine Schaufenster Beilage zur Mitteld eulschen Gonntags-Sceitung. Ur. 22. Gießen, Lonntag, den 27. Mai 1900. Die Besehränkung der Freizügigkeit. hy. Nachdem das Junkertum Jahrhunderte lang darauf ausgegangen ist, sich in den Besitz des Grund und Bodens zu stzen, nachdem es seine großen Güter zusammen geräubert,-ent— eign t und ⸗gekauft hat, sicht es sich jetzt infolge der wirtschaftlichen Entwicklung in einer Lage, in dem es mit seinem Besitz nichts rechtes an fangen kann. Den Grund und Boden besitzt es; was aber diesen Grund und Boden erst nutzbar macht, die Arbeitskraft, fehlt mehr und mehr. Zu einem intensireren und auch heute noch lohnenden landwirtschaftlichen Betrieb fehlt den Junkern das Geld nnd die Kenntnisse Ihre verschwenderische Lebens haltung wollen sie nicht aufgeben und so erklären sie mit eiserner Stirn, daß sie höhere Löhne nicht zahlen können. Aber selbst, wenn sie ihre Leute besser bezahlen wollten, so würdeu ihnen diese doch noch vielfach davon gehen, Auch die Landarbeiter verlangen heute als Menschen behandelt zu werden. Die Junker müßten schon ihren brutalen Herrendünkel, der einen Teil ihres Wesens ausmacht, aufgeben, und die Arbeiter als gleichberechtigt ansehen lernen; das aber werden sie niemals thun. Dazu kommt, daß dem Landarbeiter das Gesetz die Mittel zur Erkämpfung besserer Lebens⸗ bedingungen und einer menschenwürdigen Be⸗ handlung, nämlich das Koalitionsbecht, vorenthält. Die Industrie aber, die zwar auch den Arbeiter ausbeutet, ihn jedoch nach außen hin freier macht, zieht immer mehr die ländlichen Arbeitskräfte an sich. Dazu kommt, daß die Industrie, von Krisen abgesehen, mehr dauernde Arbeitsgelegen— heit bietet, während die Landwirtschaft immer mehr zur Saisonarbeit wird. Die Regierung versucht mit allen möglichen „Heinen Mitteln“ ihren Lieblingen zu Hülfe zu kommen. Die Einwanderung ausländischer Ar⸗ beitskräfte wird so weit als möglich und mehr als es in nationalen Interessen liegt, wenigstens, wie die Regierung sie auffaßt, erleichtert. Die Arbeitskraft der Gefangenen und Zuchthäusler wird an die Agrarier verkauft, Soldaten werden sogar in Manöverzeit zu Ernkearbeiten abkom⸗ mantiert. Trotz alledem wird das Geschrei der Agrarier„Leutennot“ lauter und lauter. Sie verlangen statt der kleinen Mittel große Mittel, sie fordern das große Mittel: die Beschränkung der Freizügigkeit. Einen Vorschlag dieser Art macht in der agrarischen„Deutschen Tageszeitung“ ein Dr, C. R. Er verlangt, daß den jungen Leuten von 14—18 Lebensjahre der Abzug vom Lande verboten wird. Er begründet diese Forderung damit, daß 14 jährige junge Leute noch nicht das Mindest⸗ maß der notwendigen Erziehung haben. Das ist freilich richtig! Will man dagegen Maß⸗ nahmen treffen, so muß man die Ausdehnung der Bildungszeit der Jugend bis zum 18, Lebens⸗ jahre fordern und für einen geeigneten Erziehungs⸗ und Lehrplan Sorge tragen. Eine solche Er⸗ ziehung wird jedoch die Jugend auch dem Groß— grundbesitz keinesnegs erhalten. Hier wird sie lediglich als billige und willige Arbeitskraft Was die Agrarier verlangen ist nicht mehr und nicht — 1 7. Jahrg. — weniger als ein staatliches Monopol auf die Kinder- und Jugendausbeutung! Angenommen, sie würden ihre Forderungen durchsetzen, so wäre ihnen damit noch lange nicht geholfen. Die Landarbeit verlangt je länger je mehr eine intelligente und sorgsame Arbeits— kraft, während die Arbeit jugendlicher Personen vielfach das Gegenteil von Sorgsamkeit ist. Auch weiter gehende Beschränkungen der Freizügigkeit würden dem Junkertum dauernd nicht helfen. Der Großgrundbesitz in seiner heutigen Form und mit seiner heutigen partriarchalischen Knecht tungs- und Ausbeutungsweise steht im Wider— spruch zu der heutigen kapitalistischen Entwicklung, er wird sich den Gesetzen dieser Entwicklung fügen müssen, also vor allen Dingen die Bindung des Besitzes aufheben und die Arbeiter frei machen, oder er wird zu Grunde gehen: Gegen⸗ über den ehernen Entwickelungsgesetzen sind große wie kleine Mittel gleich machtlos. Re ehtssprechung. Ein für Krankenkasseu wichtiges Urteil wurde dieser Tage vom Oberverwaltungs— gericht gefällt. Für die Arbeiter der Firma Weise u. Komp. n Halle wurde am 1. Januar 1899 eine Betriebs⸗Krankenkasse errichtet. Ihre Mitgliedschat bei der Ortskrankenkasse hörte damit auf. Verschiedene dieser Arbeiter waren bereits vorher wegen Krankheit von der Ortskasse unterstützt worden. Auf Verlangen der Aufsichtsbehörde mußte die Ortskasse die betreffenden Leute auch noch nach dem Inkraft⸗ treten der Betriebskasse unterstützen. Sie ver⸗ langte dann jedoch von der letzteren im Klageweg Ersatz in Höhe von 578 Mark. Der Bezirks⸗ aus schuß verurteilte auch die Betriebskasse und führte aus: Wenn eine Bezirkskrankenkasse ins Leben trete, dann gehe die Unterstützungspflicht in dem Moment, wo die Mitgliedschaft wechsle, auch bezüglich der bereits vorher er- krankten und unterstützten Kassenmit⸗ glieder von der alten Kasse auf die Betriebskasse über. Voraussetzung sei, daß das Arbeitsver— hältnis fortdauere. Das sei hier der Fall ge⸗ wesen, denn die betreffenden Leute seien bis zum 1. Januar 1899 nicht ausdrücklich entlassen worden, obwohl die Kündigung ausgeschlossen ge- wesen sei. Der Vertreter der Betriebskasse legte Revifion ein und berief sich auf ein Urteil des höchsten bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, das der Entscheidung des Bezirksausschusses direkt widerspricht. Das Oberverwaltungsgericht verwarf die Revision mit der Begründung, daß der Bezirksausschuß ohne Rechtsirrtum geurteilt habe. Verschiedene Rechtsgelehrte hätten sich ähnlich ausgesprochen. Daß der höchste bayerische Verwaltungsgerichtshof einen anderen Standpunkt einnehme, köune nicht entscheidend sein. Aleines Feuilleton. Tolstoj über deu Selbstmord. Ein südrussisches Blatt veröffentlichte dieser Tage einen Auszug aus einem Privatbriefe Leo Tolstoj's, worin sich der Philosoph von Jassnaja⸗ Poljana über den Selbstmord äußert, den er als unsittliche That entschieden verurteilt „Die Frage, ob der Mensch überhaupt das Recht habe, sich zu tödten“, schreibt Tolstoj,„ist unrichtig gestellt. Von einem Recht kann gar nicht die Rede sein. Man kann nur fragen, ob es vernünftig und sittlich ist(das Vernünf⸗ tige und das Sittliche sind immer identisch), sich zu tödten? Nein, es ist unvernünftig, ebenso unbernünftig, wie wenn man die Triebe einer Pflanze abschneidet, die man vernichten will: sie wird nicht umkommen, sondern nur anfangen, unregelmäßig zu wachsen. Das Leben ist unzer⸗ störbar— es ist unabhängig von Zeit und Raum, und deshalb kann der Tod nur die Form des Lebens verändern, seine Aeußerung in dieser Welt aufheben. Ist aber das Leben in dieser Welt zu Ende, so weiß ich erstens nicht, ob seine Aeußerung in einer anderen Welt mir an⸗ genehmer sein wird, und zweitens beraube ich mich der Möglichkeit, für mein Ich alles das zu ergründen und zu erwerben, was es in dieser Welt erwerben konnte. Außerdem, und das ist der Hauptgrund, ist es unvernünftig, sich zu tödten, da ich, wenn ich meinem Leben ein Ende mache, weil es mir unangenehm erscheint, dadurch zeige, daß ich einen verkehrten Begriff von der Bestimmung meines Lebens habe, indem ich an⸗ nehme, daß meine Lust seine Bestimmung ist, während diese einerseits die Vervollkommung meines Ich ist und anderseits ich dem dienen muß, worin das Leben der ganzen Welt besteht. Deswegen ist eben der Selbstmord unsittlich: dem Menschen ist mit dem Dasein die Möglich⸗ keit gegeben, bis zum natürlichen Tode zu leben, aber nur unter deu Bedingung, daß er dem Leben der Welt dient. Er aber hat das Leben nur so lange benutzt, als es ihm angenehm ist, während aller Wahrscheinlichkeit nach dieses Dienen gerade dann begann, als ihm das Leben unangenebm erschien. Jede Arbeit ist anfangs unangenehm. In einem russischen Kloster lag mehr als 30 Jahre lang ein durch einen Schlag⸗ anfall gelähmter Mönch, der nur seine linke Hand bewegen konnte. Die Aerzte sagten, er müsse sehr leiden, er aber klagte nicht nur nicht über seinen Zustand, sonden äußerte, indem er sich bekreuzigte und die Heiligenbilder anschaute, beständig Gott seine Dankbarkeit und Freude über den Funken von Leben, der in ihm glühte. Viele Zehntausende von Besuchern kamen zu ihm, und man kann sich nur schwer vorstellen, wie viel Gutes von diesem Menschen, dem die Möglichkeit, eine Thätigkeit auszuüben, ganz genommen war, in die ganze Welt ausgegangen ist. Gewiß hat dieser Mensch mehr gutes gethan, als Tausende und Abertausende von gesunden Menschen, die sich einbilden, daß sie in allen möglichen Beziehungen der Welt dienen.“ „So lange im Menschen Leben ist“, schließt Tolstoj seine interessanten, kaum anfechtbaren Aeußerungen,„kaun er sich vervollkommnen und der Welt dienen. Aber der Welt dienen kann er nur, indem er sich vervollkommnet, und sich ver⸗ vollkommnen kann er nur— indem er der Welt dient.“ Christlicher Trost. Als die allgemein beliebte Frau des Bürger- meisters in Ascholtshausen(Niederbayern) zu Grabe getragen wurde, tröstete der amtierende katholische Priester den schmerzgebeugten Gatten, mit folgenden Worten:„Da liegen sie friedlich nebeneinander in diesem Friedhöfe, die auf Erden neidisch, verleumderisch, ehrabschneiderisch waren, da können sie nicht mehr streiten.“ Das Christen⸗ tum in der Pfarrei Ascholtshausen scheint hier⸗ nach nicht gerade die Religion der Liebe zu sein. zu beachten. Sohuhwarenhaus 1 1 S 4¹ S S, Marktstrasse 9 empfiehlt sein großes Lager in nur guter Ware zu den denkbar billigsten Preisen.— Durch günstigen Abschluß offeriere trotz! Preisaufschlag Herren⸗Zug⸗Stiefel, aus einem Stück gearbeitet, sehr stark von 3.00 an . Halbschuhe, Handarbeit Damen⸗Knopf⸗ u. Schnürstiefel zu allen Preisen. Confirmandenstiefel für Knaben und Mädchen in großer Auswahl billigst. „ 4.00„ nipoeg ne ius zum ung Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung 5 Seite 10. 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