E 8 Seeed 11121 — * — 2 2 D. 2 .—— — 44 blatz 15. gauelle füt Gold⸗ ren. Art werden zusgefüblk 3 Gießen, Sonntag, den 25. November 1900. 7. Jahrg. 5 Redaktion: 2 285 — Mitteldeutsche D* Jeit Abonuementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfen Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Fleischvertheuerung. Die nimmersatten Junker haben das Fleisch⸗ beschaugesetz aus einem Gesetz zu Gunsten einer lichen Vertheuerung des Fleisches zu gestalten licheen Vertheuerung des Fleisches zu gestalten gesucht und leider ihren Zweck erreicht. Die Wir⸗ kung des am 1. Oktober zum Theil in Kraft getretenen Gesetzes über die Fleischbeschau ist von einschneidendster Tragweite für weite Kreise der Bevölkerung, insbesondere für alle Ar- beiter, für den gesammten Mittel⸗ stand, die Handwerker, die kleinen Geschäftsleute, die kleinen Beamten und die Kleinbauern. Schauen wir uns den Werdegang des Ge— setzes an. Die Regierung legte ein Gesetz vor, um der Bevölkerung einen erhöhten gesundheitlichen Schutz gegen schlechtes und verdorbenes Fleisch zu gewähren. Der Gesetzentwurf wollte die Fleischbeschau, die bisher der Gesetzgebung der Einzelstaaten zustand, einheitlich für ganz Deutschland regeln. Ein einheitlicher Schutz ist um so nothwendiger, als die Vieherkrankungen — wohl in Folge des Zurücktretens der Weide⸗ wirthschaft und der Zunahme der Stallfütte⸗ rung— in beständiger Steigerung begriffen sind. Es wurde deshalb in dem Regierungs- entwurf eine doppelte Untersuchung des Viehs, nämlich eine solche vor und nach der Schlach— tung, verlangt, weil in vielen Fällen nur durch eine Verbindung beider Untersuchungen eine hin⸗ reichende Aufklärung über den Gesundheitszu⸗ stand des Schlachtthieres erlangt werden kann. Dieser Untersuchung sollte auch die sogenannte Haus ⸗ Schlachtung unterworfen werden. Dadurch wäre eine in einzelnen Theilen Deutsch⸗ lands— z. B. in Sachsen und Hessen-Nassau— schon bestehende Einrichtung auf das gauze Reich ausgedehnt worden. Nur Schafe und Ziegen und noch nicht drei Monate alte Kälber und Schweine sollten von der Untersuchung frei bleiben, wenn sie der Besitzer ausschließlich im eigenen Haushalt verwenden wollte. b Die Großgrundbesitzer liefen nun gegen die Untersuchung vor der Hausschlachtung Sturm und suchten ferner die Einfuh r fre m den Fleisches zu hindern. Die Sozialdemo⸗ kraten hingegen verlangten, daß die Kosten für die Fleischbeschau bei Hausschlachtungen des Bauern und Arbeiters aus Staatsmitteln be⸗ stritten werden sollten und wendeten sich gegen das Verbot der Einfuhr fremden Fleisches. Die Großgrundbesitzer aber setzten es durch, daß auch das Großvieh bei Hausschlach— tungen der Fleischbeschau nicht unterliege, so daß also der ländliche Arbeiter und das länd⸗ liche Gesinde nach wie vor seitens eines Groß⸗ grundbesitzers verdorbenes Fleisch er⸗ halten und der Erkrankungsgefahr ausgesetzt werden kann. Die Regelung einer Fleischbeschau des Haushaltungsviehs soll den Einzelstaaten überlassen bleiben. Da insbesondere das ver⸗ funkerte Preußen aber schwerlich Gesetze zur Ab⸗ wehr von Erkrankungen des einfachen Mannes erläßt, so ist der gesundheitliche Zweck des Ge— setzes so gut wie ganz vereitelt. Dias völlige Verbot einer Fleischeinfuhr wolle ten die Großgrundbesitzer vom 1. Januar 1904 ab ausgesprochen wissen. Durch ein Fleischein⸗ fuhrverbot oder Aehnliches wird das Fleisch für den Arbeiter und Mittelstand erheblich ver- (theuert. Dank des Eingreifens der sozial⸗ bemokratischen Abgeordneten ist nun zwar 3 Direkt durch[ Druckerei Neuenweg 28, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuz band vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) Bestellungen nig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33 ½ü% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. durchgedrungen, aber immerhin eine Bestim- mung durchgesetzt, die leider das Fleisch recht sehr vertheuern wird. So ist die Einfuhr von Büchsenfleisch und Würsten verboten und auch die Einfuhr frischen Fleisches ist erschwert wor— den Die Verschlechterungen sind derart, daß man ruhig sagen kann: aus einem Gesetzentwurf zum Schutze der Deutschen gegen Erkrankungen ist ein Gesetz geworden, das das Fleisch ber— theuert Fleischvertheuerung— das ist des Pudels Kern für die Großgrundbesitzer. Fleischvertheuerung, die ja selbstverständlich nur denen Nutzen schafft, die Vieh zu ver kaufen haben! Und das sind nicht die kleinen Bauern, sondern die großen Herren! Am schwersten aber wird die Fleischvertheue— rung der Arbeiter empfinden. Tausende von Arbeiter können schon ohnehin nicht daran denken, Fleisch als Genußmittel zu kaufen, nun sollen sie auch noch das, was sie zum Leben unerläßlich gebrauchen, nur gegen Preisaufschlag bekommen. Die Sozialdemokraten stimmten im Reichstag natürlich gegen das so verschlechterte Gesetz. Aber leider sind sie bis jetzt noch nicht stark genug, um solcher von der Habsuch.lt der Großgrundbesitzer diktirten Gesetzgeberei einen Riegel vorzuschieben. Und so sollte auch das Fleischbeschaugesetz eine ernste Mahnung sein an alle Diejenigen, welche darunter zu leiden haben und sie veranlassen, sich in den Dienst der Sozialdemokratie zu stellen. 2427 a 7 Politiseze Rundschau. Gießen, 22. November. Sozialdemokratische Kuträge. Unsere Genossen im Reichstage haben sich in ihrer ersten Fraltionssitzung auch mit den A n⸗ trägen beschäftigt, die sie im Laufe der Session einzubringen gedenken. Es wurde beschlossen, die Aufhebung des Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraphen zu bean⸗ tragen und die bereits in der vorigen Session ge— stellten Anträge betreffend die Gewerbegerichte 15 auf Erlaß eines Reichs⸗Berggesetzes zu wieder⸗ holen. Auch die Anträge betreffend Ausdehnung der Gewerbe⸗Inspektion und gesetzliche Festlegung der Maximal⸗ Arbeitszeit werden wieder gestellt. Ebenso werden die früheren Anträge auf Aen-⸗ derung des Art. 31 der Verfassung(Aussetzung der Strafhaft der Abgeordneten während der Session) und auf Erlaß eines Reichs⸗Vereins⸗ und Versamm⸗ lungs⸗Gesetzes, sowie eines Gesetzes zur Sicherung des Koglitionsrechts und der Gesetzentwurf be— treffend die Errichtung von Arbeits⸗ und Einigungsämtern sowie eines Reichs- Arbeits⸗ amts wieder eingebracht. Zu den in voriger Session unerledigt gebliebenen Anträgen treten neu hinzu Anträge auf Erlaß von Reichsge etzen betreffend das Verbot gewerblicher Kinderarbeit sowie das Verbot der Verwendung von Phosphor bei der Fabrikation von Streich⸗ hölzern. 5 Ferner bringt die Fraktion aus Anlaß des immer mehr um sich greifenden absolutistischen Regiments einen Antrag, wonach durch Abänderung der Reichs— verfassung für alle vom Kaiser in Ausübung der Reichsgewalt vorgenomuenen politischen Hand⸗ lungen und Aeunßerungen, auch wenn sich nicht vom Reichskanzler gegengezeichnet sind, der Reichs⸗ kanzler dem Reichstage verantwortlich wird. Hiermit wird zugleich ein Antrag auf Erlaß eines Ministerverantwortlichkeits⸗Gesetzes für das Reich verbunden sein. Der vor mehreren Jahren gestellte Antrag auf Neu⸗Eintheilung der Reichstags⸗Wahlkreise wird vieses völlige Verbot einer Fleischeinfuhr nicht aufs Neue eingebracht. Zur Beseitigung des sogenannten fliegenden Ge⸗ richtsstands für die Presse und der richterlichen Aus⸗ legung über die Verjährung bei Preßdelikten wird ein Antrag auf Abäuderu⸗g des Preßgesetzes gestellt. Den von den sozialdemokratischen Frauen gestellten Forderungen auf gesetzlichen Schutz der Frauen⸗ arbeit(Nacharbeit, Wöchnerinnenschutz u. s. w.) ent⸗ sprechend, hat die Fraktion beschlossen, betreffende An⸗ träge zu stellen. Neue Kanonen. Die Mordwerkzeugtechnik kennt keinen Still⸗ stand, es folgt vielmehr eine Erfindung der anderen; das schlimme an der Sache ist aber, daß jede Neuerung auf dem Gebiete der Ge⸗ schützkonstruktion von den Steuerzahlern mit Millionen ausgelöst werden muß. Kaum drei Jahre sind verflossen, seitdem die Neube⸗ waffnung der Artillerie durchgeführt worden ist; die neuen Kanonen waren aber noch nicht ganz fertig gestellt, als eine neue Erfindung und das Wohl des Vaterlandes es nothwendig machte, daß ein Theil der neuen Feldgeschütze in das alte Eisen wanderte und Herrn Krupp für Aenderung der Bewaffnung der Artillerie 44 Millionen Mark als erste Rate geopfert wurden. Kaum sind die neuen Geschütze nebst dazu gehöriger Munition fertig, so wird auch schon wieder eine„Verbesserung“ des Feld⸗ geschützes gemeldet, die natürlich sofort einge⸗ führt werden muß. Wie unser Dortmunder Parteiblatt berichtet, hat Krupp abermals zum Wohle des Vaterlandes eine neue Erfindung auf dem Gebiete der Geschützkonstruktion ge⸗ macht. Das neue Geschütz vereinigt natürlich alle Vortheile der neuen und neuesten Erfin⸗ dungen auf dem Gebiete der Mordwerkzeug⸗ fabrikation. Die weitgehendsten Ansprüche in Bezug auf Rückstoßauffang und Richtfähigkeit des Rohres werden bei demselben befriedigt. Die Anschaffung ist daher selbstredend un⸗ nmgäuglich nöthig, sagt die„Sächsische Arb⸗Ztg.“, wenn Deutschland nicht völlig wehrlos werden soll. Vorläufig sollen in schleunigster Eile zwei Geschütze fertiggestellt werden. Daß aber die gesammte preußische Artillerie mit dem neuen Geschütz:„Wiegenlafette mit Pivot“ ausgerüstet wird, unterliegt kaum einem Zweifel. Es sind bereits spezialisirte Kalku⸗ lationen über die Herstellungskosten, speziell die auf Massenfabrikation berechneten Arbeits⸗ löhne, aufgestellt worden. Es ist auch nicht mi Aenderungen an den jetzigen Geschützen gethan Es handelt sich vielmehr um eine ganz neue Konstruktion. Es fällt unter anderem der Schildzapfen, in dem das Rohr beim Richten ruht, vollständig fort. Das Richten wird jetzt dadurch ermöglicht, daß das Rohr mit dem Mantel in einer sogenannten Wiege lagert. Es deutet alles darauf hin, daß Krupp mit der Herstellung der neuen Mordwaffen begin nen wird, bevor der Reichstag etwas davon erfährt. Dieser ist dann in der vortheilhaften Lage, für die neuen Millionen gleich fertige Waaren be— ziehen zu können. Und die Verfassung das ist heute ein überwundener Standpunkt. Einzelheiten aus der Chinarechnung. Die Kosten für den Seetransport der Truppen und Materialen für das ostasiatische Expeditionskerps betragen bis zum 15. Oktober 1900 nicht weniger als 27 500 000 Mark. 2 ,] ner 2 r e ee rr 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Nr. 48 Die zehn Dampfer des ersten Truppentrans⸗ ports sind mit 11 829 000 Mark, die acht Damp⸗ ser für den Nachschub mit neun Millionen Mark bezahlt worden. Die zwölf Dampfer zur Beförderung der Materialien erhielten 6187000 Mark. Die Beförderung von 12 Offizieren, Feld⸗ postsekretären usw. ab Genua kostete 45 000 Mark. Die Rhedereien haben einen hübschen Batzen Geld verdient. Die Begeisterung für den Rache⸗ zug ist bei den Herren Rhedern also sehr er⸗ klärlich. 1 Graf Waldersee erhielt persönlich ein ein⸗ maliges Mobilmachungsgeld in der Höhe von 12000 Mark, sein Monatsgehalt be⸗ trägt 2 500 Mark, dazu eine Dienstzulage von monatlich 10 000 Mark— mithin jährlich 150 000 Mark. Mithin kann er die 10000 Mark für seinen Koch schon zahlen! Bei dem Divisionskommandeur betragen die Mobilmachungsgelder 2880 Mark und beläuft sich die monatliche Feldbesoldung auf 5 120 Mark. Die Leutnants im Frontdienst erhalten mo⸗ natlich 300 bezw. 240 Mark Feldbesoldung und 1200 Mark Mobilmachungsgelder. Die Sergeanten und Unteroffiziere erhalten monatlich 40,50 bezw. 36 Mark, die Gefreiten 16,50 Mark, die Gemeinen 13,05 Mark Feld⸗ besoldung. Vom Feldwebel abwärts gab es kein Mobilmachungsgeld. Waldersee hat außer seinem Gehalt noch einen Wirthschaftsfonds von monatlich 370 Mk. Wenn die Chinageschichte noch lange dauert, kann der Graf ein schwer reicher Mann werden. Hungcumedaille. Bekanntlich verlangt die Regierung im Nach⸗ tragsetat 70 000 Mark für Anschaffung von Auszeichnungen für die Hunnenkrieger. Un⸗ ser Parteiorgan in Halle wandte sich gegen diese Forderung in einem mit„Wahrzeichen der Schmach“ überschriebenen Artikel. Darauf⸗ hin wurde die betreffende Nummer des Blat⸗ tes beschlagnahmt, doch ist die Beschlagnahme ba wieder aufgehoben worden, weil, wie dem Blatte amtlicherseits mitgetheilt wurde, der Ar⸗ tikel eine Beleidigung der in China kämpfen⸗ den Truppen, nicht aber eine Majestäts⸗ beleidigung enthalte. Also hatte man eine Majestätsbeleidigung in dem Artikel gesucht! Die staatsanwaltschaftliche Mühe war aber ver⸗ geblich angewandt worden.— Eigentlich soll⸗ ten wir uns überlegen, ob wir nicht im Inter⸗ esse des Publikums für diese Forderung ein⸗ treten sollten, wenn den so Ausgezeichneten die Verpflichtung auferlegt wird, die Medaille wets zu tragen. Denn bei der Verrohung und Verwilderung, der die Soldaten nach den zahlreichen Mittheilungen anheim gefallen sind, ist das Schlimmste nach Rückkehr derselben zu fürchten. Müssen sie aber ein Abzeichen tragen, so können ihnen andere Leute wenigstens aus dem Wege gehen oder sich sonst in ent⸗ sprechender Weise vor Rohheitsausbrüchen schützen. Was das Volk alles bezahlen soll. Vor einiger Zeit schenkte die elsässische Stadt Schlettstadt dem Kaiser die in ihrer Nähe ge⸗ legene Hohkönigsburg, eine alte, gänz⸗ lich zerfallene Ruine. Daß sie je wieder her⸗ gerichtet werden könne, hat kein Mensch ge⸗ glaubt. Jedoch der Kaiser läßt sein nunmehriges Eigenthum ausbauen, aber die nicht ge⸗ ringen Kosten soll das Reich bezahlen: im diesjährigen Etat werden für diesen Zweck nicht weniger als 150 000 Mark als er ste Baurate gefordert und auch der Landes- ausschuß von Elsaß-Lothringen soll eine gleichhohe Summe bewilligen. Selbst die „Köln. Volksztg.“ bezeichnet diese Forderung als eine starke Zumuthung. Voraussicht⸗ lich lehnt sie der Reichstag ohne Weiteres mit großer Mehrheit ab. Das Reich kann doch wohl noch die Steuergroschen des Volkes zu etwas Besserem, als zum Ausbau alter Ruinen ver⸗ wenden, die ihm noch gar nicht einmal gehören. Weltpolitik in der Kirche. Bei dem in der protestantischen Domkirche zur Eröffnung des Reichstages veranstalteten Gottesdienste, zu dem sich außer den befohlenen Hofdeamten freiwillig einige evangelische Abge⸗ ordnete eingefunden hatten, hielt der Hof⸗ prediger Ohly eine Rede über eine neue Epoche der Weltgeschichte, in die wir nach seiner Mittheilung getreten sein sollen. Dies sei eine Epoche der Welte robe rung Es gelte jetzt, dahin zu wirken, daß deutsches Wesen sieghaftdie ganze Welt durch⸗ drin ge. Das deutsche Wesen sei ein Evan⸗ gelium! Wenn es war sei, daß die Welt am deutlschen Wesen genesen solle, dann sei es Pflicht der evangelischen Volksvertreter, mit voller Kraft dafür einzutreten, daß der Schatz dieses Evangeliums nicht verloren gehe. Es sei eine heilige Pflicht, darin dem Throne nachzueifern. Die parlamen⸗ tarischen Christen, die dieser Evangeliums Kündung beigewohnt, sollen sich eigene Ge⸗ danken über diese kriegerische Rede gemacht haben, die auch im gegenseitigen Austausch der Gesühle unzweideutig zum Ausdruck gekommen sein sollen. Das neueste„Attentat“, Bei der Anwesenheit des deutschen Kai⸗ sers in Breslau warf am vorigen Freitag ein Frauenzimmer, die unverehilichte Selma Schnapka ein Handbeil(J) nach dem kaiser⸗ litt en Wagen. Das Beil prallte am Hinterrad ab. Natürlich wurde die Attentäterin sofort verhaftet. Es stellte sich heraus, daß sich die Verhaftete bisher kümmerlich durch Haussir⸗ handel ernährte. Aus ihrer Wohnung war sie exmittirt worden, weil sie die Miethe nicht be⸗ zahlt hatte.— Am anderen Tage hatte sie sich zufällig vor dem Schöffengericht wegen Be⸗ leidigung eines Schutzmannes c. zu verank⸗ worten. Bei dieser Verhandlung trat chre Gei⸗ stesstörung klar zu tage. Nach ihrer Angabe ist sie 41 Jahre alt, seit zwanzig Jahren in Breslau und nur einmal im Jahre 1895 we⸗ gen Beleidigung mit 50 Mark Geldstrafe be⸗ straft. Sie war am 20. Sept. dieses Jahres auf die Polizeiwache bestellt, um eine wegen einer Gewerbekontravention über sie verhängte Haftstrafe von einem Tage zu verbüßen. In der Wachtstube soll sie sich nun so ungebühr⸗ lich betragen haben, daß die oben angedeutete Anklage gegen sie erhoben worden ist. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie gestern ein Attentat auf den Kaiser versucht habe, antwortete sie mit einem gewissen Stolz: „Jal“ und gab als Motiv der That an, daß sie seit langer Zeit auf Betreiben der Kaiserin heimlich verfolgt werde. Daraufhin beschloß der Gerichtshof, die An⸗ geklagte auf ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen.— Wie unverschämt die reaktionäre Presse bei solchen Anlässen lügt, geht daraus hervor, daß die„Münch. Allg. Ztg.“ meldete, „ein als Frau verkleideter Italie⸗ ner“ habe ein Attentat auf den Kaiser verübt. Während es in den ersten Meldungen hieß, der Kaiser wäre tiefernst nach der Kürassirka⸗ serne zurückgefahren“, ist jetzt festgestellt, daß er den Vorfall gar nicht bemerkt habe! Und Blätter, die immerwährend Mord und Todtschlag verherrlichen, erklären, die Sozial⸗ demokratie trüge die moralische Verantwortung für die That der Schnapka! Derselbe blödsin⸗ nige Schwindel wie 1878, und wie bei jedem Verrücktenstreich! Semeine Denunziation. Wegen Majestätsbeleidigung wurde der Berliner Stadtverordnete Marggraf von einem ungenannten Lump angezeigt, weil er bei einem in der Stadtverordneten⸗Sitzung ausgebrachten Kaiserhoch sitzen geblieben ist. Daß der Schurkenstreich von einem Tribünen⸗ Besucher ausgeht, glaubt man nicht, vielmehr muß auf Grund verschiedener Umstände ange⸗ nommen werden, daß der Angeberei Mitthei⸗ lungen von Stadtverordneten zu Grunde liegen. Nicht weit vom Sitzplätze Marggraf's ——— befinden sich diejenigen der antisemitischen Stadtverordneten Pretzel und Ulrich.— Also sind nicht einmal die Stadtväter in ihrem Kol⸗ legium vor dem elenden Denunziantengesindel sicher. Bei den Verhandlungen könnte über⸗ haupt die Hochschreierei wegbleiben. Wieder ein sozialdemokratischer Wahlsieg. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Mag⸗ deburg haben, wie wir schon in der vorigen Nummer erwähnten, unsere Genossen bedeu⸗ tende Erfolge zu verzeichnen. In den Stadt⸗ theilen Sudenburg und Neustadt sind am Donnerstag von unseren Genossen in der dritten Abtheilung die drei freigewordenen Mandate erobert worden. Die sozialdemokra⸗ tische Stadtverordneten-Fraktion in Magdeburg zählt nunmehr acht Mann, von denen einer, der Genosse Schmidt, im Gefängniß weilt. Im Vergleich zur vorigen Wahl haben auch die für die sozialdemokratischen Kandidaten abge⸗ gebenen Stimmen bedeutend zugenommen. Zum internationalen Sekretariat delegirte die deutsche Sozialdemokratje die Ge⸗ nossen Auer und Singer; die italienischen Genossen ernannten zu Mitgliedern desselben Enrico Ferri und Turati. Das Proportionalwahlrecht in Belgien. „Der gegenwärtig in Brüssel tagende bel⸗ gische sozialdemokratische Parteitag beschloß mit 336 gegen 108 Stimmen an dem Proportional⸗ wahlrecht festzuhalten. Die Minderheit, welche besonders aus Vertretern der Genossen von Mons und Charlervi gebildet wurde, erklärte sich dem Beschlusse fügen zu wollen. Hierzu muß erläuternd bemerkt werden, daß in Belgien das Proportionalwahlrecht nicht in der Form be⸗ steht, in der wir es in Deutschland als eine unserer Programm Forderung erstreben. Dort ist es verquickt mit dem Plu ra l stimm⸗ recht, d. h. die Wähler verschiedener Klassen, natürlich vorzugsweise der besitzenden, verfü⸗ gen über zwei und mehr Stimmen. Die Gegner⸗ schaft eines Theiles unserer Genossen wird da⸗ durch erklärlich; die Mehrheit hält nur aus Zweckmäßigkeitsgründen am gegenwärtigen Sy⸗ stem fest. Gründliche Abfuhr der Nationalisten. In der französischen Deputirtenkammer kam am Montag eeine Interpellation zur Verhand⸗ lung, die die Regierung um Aufklärung ersuchte über den Ordensschacher, den die antisemi⸗ tischen Blätter dem Kolonialminister Decrais vorwerfen. Letzterer wies die Anklagen mit aller Energie zurück. Er verliest die Akten über die betreffenden Auszeichnungen und schließt mit einem Appell an die Gerechtigkeit der Kammer gegenüber den Verdächtigungen der nationalisti⸗ schen Presse, deren tägliche Nahrung Lüge und Verleumdung sei. Die Ausführungen des Mi⸗ nisters fanden stürmischen Beifall. Die Anti⸗ semiten Drumont, Faure u. Millevoye wagten nicht, die Anschuldigungen zu vertreten, trotzdem sie von Millerand(dem man auch Ordensverkauf vorgeworfen hatte) und Anderen zur offenen Aussprache provozirt wurden. Dies nagelte der Minister-Präsident W aldeck⸗ Rousseau gebührend fest. Die ganze Ge⸗ schichte von dem Ordensschacher sei erfunden und bezwecke nur, die Regierung zu diskredi⸗ tiren; er warnt die republikanische Mehrheit in ungemein scharfen Worten, vor den reaktio⸗ nären Manövern auf der Hut zu sein. Mit 379 gegen 31 Stimmen wurde der Regierung das Vertrauen ausgesprochen.— Auch die deutschen Antisemiten werden nicht müde, die französi⸗ sche Regierung zu beschimpfen. Und doch ist dieses bürgerliche Ministexium noch das beste von allen, die in Frankreich je am Ruder waren. Die„Nationalisten“ sind die Freunde der P faf⸗ fen und Monarchisten, die aus dem fran⸗ zösischen Volke Milliarden zu ihrem Vortheil herauspreßten. Für unsere„Teutschen“ ist's be⸗ zeichnend, daß sie mit dieser Gesellschaft gute Freundschaft halten. Arbeitslöhne und Kohlenpreise. Die Blätter der Kohlenbarone sowie auch der übrigen kapitalistischen Presse bemühen sich, wenigstens einen Theil der Schuld an den hohen Auzahl Winker pro Ko felluns ten Jc sichtsbe Verbra Person von se von n mau f segnet ein 2 rig, gleiche ein so mensc 10 Vo Keiblat in M. ach lurdis die fil buhn Eolch nit ber 5 züglie chf Aus scha Staat „Die best beke au ch ders dies Wit 1 dal Hart lie ge de Belgien. mende bel⸗ deschloß mit oportional⸗ heit, welche ra lstimn⸗ Klassen, Geg n wird da⸗ t nur aus ürtigen E/ 'onalisten⸗ tammer kam Verhand⸗ g ersuchte ie antisem⸗ ib ationaliss ig Näge un gen des J. * Nie Ant. ä— t allet ————— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Kohlenpreisen den Arbeitern aufzubürden, die durch ihre„Begehrlichkeit“ die Produktions- unkosten steigern sollen. In Wirklichkeit ist die Steigerung der Löhne sehr gering. Neuerdings eht man übrigens ganz offen mit Lohn- ürzungen vor. So haben eine Anzahl Re— viersteiger der Harpener Bergwerksgesellschaft schon im Juli„mit Rücksicht auf die flauere Zeit“ geringere Löhne angesetzt, im September haben in einigen Revieren der betreffenden Zechen allgemeine Lohnreduktionen stattgefun— den. Das geschah also in derselben Zeit, als die Kohlen die bekannte ungeheuerliche Preis- steigerung erfuhren! Natürlicherweise hat diese gleichzeitige Schröpfung von Produzenten und Konsumenten den Unternehmern ganz unge— heuerliche Gewinne gebracht. So machte die Harpener Gesellschaft im 3. Quartal 1898 einen Ueberschuß von 2127130 Mark, in demselben Quartal des Jahres 1900 betrug der Ueber- schuß 4488 400 Mark, d. h. mehr als das Doppelte!— Also theuere Kohlen, niedrige Löhne und geradezu fabelhafte Gewinne! Wem im Angesichte dieser Thatsachen kein Licht auf— geht über die Gemeingefährlich(keit des Privat— kapitalismus, dem ist in der That nicht zu helfen. Koßen der Ervährung von Arbeiter- familien. Der Gewerbeinspektor Laurisch in Kottbus hat Untersuchungen darüber angestellt, wie viel von Arbeiterfamilien mit verschieden großer Anzahl von Kindern in der Woche für Essen, Trinken und kleine Haushaltungsbedürfnisse pro Kopf ausgegeben wird. Eine Zusammen⸗ stellung der Ergebnisse findet sich in dem neue— sten Jahresbericht der preußischen Gewerbeauf— sichtsbeamten. Danach beträgt der wöchentliche Verbrauch pro Kopf in einer Familie von zwei Personen 6.60, von drei 4.40, von fünf 2.80, von sechs 2.60, von sieben 2.18, von acht 2.05, von neun 2.— und von elf 1.80 Mark. Wie man sieht, bleibt in einer mit neun Kindern ge⸗ segneten Familie für jede Person noch nicht ein Drittel des Betrages für Ernährung üb⸗ rig, den ein kinderloser Arbeiter für sich im gleichen Zeitraum verwenden kann. Und auch ein solcher kann mit seinem Verdienste kaum menschenwürdig leben! Gesinnungs schnüffelei in Hessen. Vor einiger Zeit konnte unser Mainzer Par⸗ teiblatt ein Zirkular der Eisenbahn-Direktion in Mainz veröffentlichen, aus welchem hervor— geht, daß bei den hess. Bürgermeistereien Er⸗ kundigungen über den politischen Umgang, also die politische Gesinnung der bei der Eisen⸗ bahn beschäftigten Arbeiter eingezogen werden. Solches Schnüffeln war bisher doch in Hessen nicht Mode. Es ist noch nicht lange her, Ils der vierte Ausschuß der zweiten Kammer be— züglich des sozialdemokratischen Antrages zur Schaffung von Garantien für die freie Ausübung des politischen und wirth⸗ schaftlichen Koalitionsrechtes der im Staatsbetriebe beschäftigten Arbeiter erklärt: „Die Regierung könne ihren Arbeitern kein bestimmtes politisches Glaubens- bekenntniß abverlangen und wird dies auch nicht thun. In der Praxis scheints an⸗ ders zu sein.— Die Eisenbahnarbeiter sollen dies beherzigen, und sich allesamt organisiren! Wieder eine Zwangs⸗Innung aufgelöst. Auch die Tapezirermeister in Mainz haben endlich eingesehen, daß es mit der Rettung des Handwerks durch die Innungen nichts ist und lösten ihre Zwangs⸗Innung wieder auf. Selbst die früheren Freunde des Zopf⸗Justituts waren Auflösung erfolgte e in stim mig. Ein Jahr Gefängniß wegen Majestäts⸗ Beleidigung. Die Revision des Genossen Lewy in Erfurt gegen das Urtheil des Landgerichts wurde vom Reichsgericht verworfen. Das Reichsge⸗ richt ist also auch der Meinung, daß der Kaiser beleidigt sei, obschon in der betr. Notiz nur einem fingirten Bergwerks- Direktor eine schlechte Handlung nachgesagt worden war.— Lewy muß dafür sein Jahr verbüßen. Der Mo- b 1 5 Worte„„. 5 jedergegebe anderer Meinung geworden; der Beschluß auf Worte unverfälscht und unverstümmelt wiedergegeben narchie wird aber durch solche Urtheile kein Dienst erwiesen. d Reichs⸗Schuldenlast. Aus der dem Reichstage mitgetheilten Denk- schrift über die Anleihegesetze geht hervor, daß die verzinsliche Reichs schuld jetzt 23 78,5 Millionen Mark beträgt. Dazu ö kommt noch der Anleihebedarf aus dem Etats⸗ gesetz von 1900, der für den Kreuzzug und der aus dem Entwurf des Etatsgesetzes für 1901 sich ergebende. Voraussichtlich wird das deutsche Reich am 1. April 1901 nicht weniger als circa 2750 Millionen Mark Schulden haben. Das Volk muß die ungeheuere Zinsenlast auf— bringen. ö Deutscher Reichstag. Am Montag haben bei gut besetztem Hause die Verhandlungen des Reichstages wieder be⸗ gonnen. Zur Verhandlung steht zunächst die von unsern Genossen eingebrachte Interpellation betreffend die 12000 Mark⸗Affaire. Reichs lanzler v. Bülow erklärt, diese Anfrage am Donnerstag beantworten zu wouen. Es wird darauf sofort in die Berathung des Gesetz— entwurfes betreffend die Ausgaben fur die Chinaexpedition eingetreten. Hierzu nahm der Reichskanzler zuerst das Wort zur Be— gründung der Vorlage. In seiner wortreichen Art suchte er zuuächst die Nothwendigkeit des Chinafeldzugs zu beweisen und den Vorwürfen zu begegnen, die sich gegen die geringe Voraus sicht der europälschen, speziell der deutschen Diplomaten in Peking gerichtet habe. Er bestreitet auch, daß die Pachtung von Kiautschou an den chinesischen Wirren schuld sei und wurde förmlich erregt, als man ihm das auf der Linken nicht so ohne weiteres glauben wollte. Zum Schluß streifte er die verfassungs⸗ rechtliche Seite der Frage und enischuldigte so gut oder schlecht es ging, die so lange verzögerte Einberufung des Reichstages. Er ersuchte foͤrm⸗ lich um Indemnität und war so gütig, das Wort selbst in die Gesetzesvorlage aufnehmen zu wollen. Im großen und ganzen waren es aber nur Redensarten, nichts als Redensarten. Der Beifall, der der Rede des Reichskanzlers folgte, war nur auf der Rechten lebhaft, seine Stärke nahm schon Centrum ab und er ver— flüchtigte sich bei den Freisinnigen ganz, bis er bei unseren Genossen einem kräftigen Zischen Platz machen mußte. Der erste Redner aus dem Hause war der wieder genesene Zentrumsführer Dr. Lieber. Er hat von seiner Eigenart in der Pause, die er in seinem parlamentarischen Auftreten hat eintreten lassen müssen nichts eingebüßt. Er verfteht noch immer vorzüglich den politischen Eiertanz und kritisirte einerseits sehr lebhaft die politische Beiseite schiebung des Reichstags im Sommer dieses Jahres, läßt aber gleichzeitig durchblicken, daß ihn und seine Partei das In⸗ demnitätsnachsuchen des Reichskanzlers sehr be⸗ friedigt habe. Für die Budgetkommission stellte er eingehende Erörterungen über die vielen Fragen staats⸗ und verfassungsrechtlicher Art in Aus⸗ sicht, zu denen er namentlich die verfassungs⸗ widrige Formation der ostasiatischen Kontingente ohne Zustimmung des Reichstags und die Ver— leihung von Fahnen und Standarten an diese Truppentheile rechnet. Nunmehr ergriff unser Genosse Bebel das Wort. Er sprach über zwei Stunden mit der jugendlichen Frische, die wir von je an ihm gewohnt sind. Seine Rede wurde mit gespannter Aufmerksamkeit angehört. Mit dem Hunnenkurs hielt er gründlich Abrechnung, über die Chinapolitik fällte er ein vernichtendes Urtheil und wir sind überzeugt, die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes schließt sich Bebel an. Wo seine werden, finden sie sicher Wiederhall und Zustimmung im Volke. Denn in Volkskreisen erfährt der Hunnenzug überall die gleiche Verurtheilung, mit Aus— nahme vielleicht in Flotten- und Kriegervereinen, in Beamtenkreisen und in Zirkeln, die sich keine selbst— ständige Meinung, noch weniger etwa Opposition gegen Regierungsmaßnahmen erlauben dürfen. Be— sonders geißelte Bebel die eigenartige Verbreitung euro— päischer Kultur und des Christenthums, der Reklamezug Waldersees fand die gebührende Beleuchtung. Ferner wies er auf den Widerspruch zwischen den Thaten in China und der sonstigen Stellung der offiziellen Welt wird Alles bewilligen, welch eine Schmach dem deutschen Reichs⸗ vbesonders des Bischofs Anzer, zum Christenthum hin, stellte an der Hand der Hunnenbriefe die Verrohung und sittliche Verwilderung der deutschen Soldaten fest. Das feige Verhalten der 1 bürgerlichen Parteien gegenüber dem Verfassungsbruche der Regierung erfuhr herbe Kritik. Als er sagte: „In der That werden nur einige donnernde Reden gehalten werden und schließlich wird Reichstag und Regierung ein Herz und eine Seele sein, der Reichstag ohne zu empfinden, tag damit seitens der Regierung zugefügt wurde“ traf ihn der Ordnungsruf des Präsidenten. In seinen weiteren Ausführungen wies Bebel nach, daß das provokatorische Auftreten der Missionare und sowie auch das Verha ten des Gesandten von Ketteler die Feind⸗ seligkeiten heraufbeschworen habe. Was sich die Europäer in China erlaubten, ließe sich keine Nation von Fremden gefallen. Wir müssen mit aller Ent⸗ schiedenheit dagegen protestiren, erklärt er, daß das Deutsche Reich die Aufgabe habe, das Christen— thum in fremden Ländern durch einen Rache zug zu verbreiten. Wir haben gar keinen Anlaß, so hochmüthig auf die Chinesen herabzublicken. Ru ß⸗ land handelt viel klüger als wir. Nachdem der Kaiser in seiner Bremerhavener Rede ausdrücklich auf die Kriegsführung der Hunnen hingewiesen, wird jetzt in Deutschland allgemein von einem„Hunnenkrieg“ ge⸗ sprochen. Wo bleibt angesichts dieser barbarischen Kriegführung der Protest der Lehrer der christlichen Religion? Dann kommt Redner auf den Tadel des Kaisers gegen die Ham⸗ burger Arbeiter zu sprechen. Der Kaiser kann jene Worte nur gesprochen haben, weil er falsch be⸗ richtet war. Thatsache war, daß die Arbeitgeber selbst die Arbeiter ausgesperrt hatten.(Redner giebt eine Darstellung des betreffenden Hamburger Streiks). Nicht ein einziges Schiff ist in seiner Fahrt nach Ching, durch Hamburger Arbeiter verlangsamt worden. Und wenn es geschehen wäre, so waren nicht die Ar- beiter, sondern die Arbeitgeber die„vater ⸗ landslosen Gesellen im Sinne des Kaisers. — Die Ernennung Waldersee's war eine politische Unklugheit. Die Inszenirung der Sache hat uus dem Gelächter der ganzen Welt preisgegeben! Unter leb— haftem Beifalle unserer Genossen schloß Bebel mit der Erklärung, daß die Sozialdemokratie im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit jeden Pfennig für solche Politik verweigern müsse. Kriegsminister Goßler suchte Bebels Aus⸗ führungen zu widerlegen. Dabei entwickelte er aber äußerst wenig Geschick. Von Verfassungsbruch könne gar keine Rede sein. Die Ermordungen der Missionare hätten den Rachezug nothwendig ge— macht Wenn sich das, was in den Soldaten— briefen berichtet werde, bewahrheitete, so hätten die Verüber solcher Grauelthaten strenge Strafe zu gewärtigen. Ein etwas starkes Stück leistete sich der Kriegsminister mit der Bemerkung: das, was unsere Truppen jetzt in China thun, sei nur die Ver- geltung für das, was die Hunnen bei uns jahrhundertelang gethan haben. Also Rache für Verbrechen, die vor mehr als 1500 Jahren begangen wurden! Das ist doch wohl eine etwas sehr späte Vergeltung.— Am Dienstag wurde die Debatte fortgesetzt. Der National- liberale Basser mann erklärte sich mit der Khaki⸗ politik einverstanden und polemisirte gegen Bebel, den er Aeuperungen Bernsteins, die angeblich die Er— oberungspolitik befürworteten, entgegenhielt. Seine Parte, begrüße die Erwerbung von Kolonien, hatte die Pachtung Kiautschous für richtig, billige die Ent— wickelung starken Machtaufgebots, verlange aber die Mitwirkung des Reichstags in diesen Fragen.— Abg. Levetzow(k.) spricht sich ähnlich aus. Dann gelangt der Freisinnige Richter zum Wort, der in einer langen Rede ebenfalls scharfe Kritik an dem Verhalten der Regierung, der Chinapolitik und den Reden des Kaisers übt, von vornherein jedoch die Machtentfaltung Deutschlands billigt, nachdem der Gesandte ermordet war. Die Zukunft Deutsch⸗ lands liege nicht auf dem Wasser— schließt er— im Lande selbst wäre soviel Nothwendiges zu thun, daß die überseeischen Probleme gar nicht in Betracht kommen könnten.— Der Reichskanzler suchte hierauf seine Chinapolitik gegen die von Bebel und Richter erfolgten Angriffe zu vertheidigen. Dann sprechen noch Abg. Kardorff(Reichsp.) und Rükert(Freis. Vg.). Beide Redner fanden an dem. Rachezuge nicht viel auszusetzen.— Die weitere Debatte wird auf Donnerstag vertagt, an welchem Tage auch die 12000 Mark⸗-Affaire verhandelt werden soll. Der Krieg in Südafrika. Von den Buren wird der Kleinkrieg noch immer u nablässig und unerbittlich fortgesetzt, wodurch den Engländern theilweise sehr em— pfindliche Verluste beigebracht und das Ende des Krieges noch in weite Ferne gerückt wird. — Im südlichen Theile des Oranjefreistaates ist der Feind in letzter Zeit sehr thätig. Die Eisenbahn und der Telegraph in der Nähe von Edenburg wurden wiederholt zerstört. Aus Natal wird gemeldet, die Buren über— fielen südlich von Utrecht einen Wagen mit 13 Mann Bedeckung aus dem Hinterhalte. Sie nahmen den Wagen mit, ließen die Mannschaft jedoch frei, von der vier Mann verwundet wur— den.— Nach einer Meldung der„Morning . r r r eee 2 Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Post“ aus Pretoria sollen die Buren ver⸗ schiedene Zentren organisirt haben, um den Widerstand gegen die Engländer fortzusetzen. Die Buren sollen gut mit Geld versehen sein und den Bürgern fünf Schillinge pro Tag be⸗ zahlen. General Bot ha soll über 150000 Pfd. Sterling(drei Millionen Mark) verfügen.— Von der von den Engländern geübten hunni⸗ schen Kriegführung in Transvaal entwirft der Brief eines englischen Veomanry(spr.: Jomänri gleich Milizkavallerist) folgendes Bild:„Ich denke, daß der Krieg jetzt bald zu Ende sein wird, denn wir verbrennen jeden Bauernhof, an dem wir vorüberkommen. Es ist schrecklich, na⸗ mentlich für die Frauen und Kinder, denn unsere Truppen verbrennen Alles, das Haus, die Möbel und Scheunen. Wir nehmen alle Vorräthe mit, so daß sie, von Allem entblößt, auf den Feldern zurückbleiben. Es ist ein famoser Anblick, wie unsere Leute in so einem Hofe auftreten; binnen 10 Minuten ist die ganze Geschichte verwüstet.“ Aus Kapstadt wird gemeldet, daß unter den Eingeborenen eine Seuche ausgebrochen sei, an der bereits mehrere Personen gestorben sind. Der Kolonialsekretär erklärt, er zweifle kaum daran, daß es sich um Bubonenpest handle. Bisher ist die Seuche auf Eingeborenenansiede- lungen begrenzt; die Weißen sind gegenwärtig nicht gefährdet.„Alle Vorsichtsmaßregeln sind getroffen worden“, heißt es. Was nützen diese, wenn Massenmorde und Verwüstung das Umsich⸗ greifen der Pest begünstigen? — Präsident Krüger wird in diesen Tagen mit dem Dampfer„Gelderland“ in Marseille angekommen sein. Der Krieg mit China. Die„unwiderrufliche Entschei⸗ dung“ bezüglich der von den Mächten gestellten Bedingungen macht ihrem Namen wenig Ehre. Nach der Meldung eines englischen Blattes haben die Gesandten die Friedensbedingungen schon dahin abgeändert, daß für die Prinzen nicht mehr die Todesstrafe, sondern nur die höchste Strafe, die das chinesische Gesetz zulasse, ver⸗ langt wird. Der Pekinger Korrespondent der „Morning Post“ will wissen, daß der Gesandten⸗ kreis bereits für das nächste Frühjahr eine Expedition nach Singanfu diskutire, falls der chinesische Hof, was erwartet wird, die Bedingungen der Mächte nicht annimmt. Rußland, welches, um den Chinesen zu schmei⸗ cheln, seine Truppen aus Tientsin zurück⸗ zieht, würde daran natürlich nicht theilnehmen, ebenso wenig Ame⸗ ka, wohl aber Japan. Eine Expedition ins Innere Chinas. Das hat uns gerade noch ge⸗ fehlt. Sie würde wahrscheinlich eine unabseh⸗ bare Verlängerung des Krieges bedeuten. Der Kaiser von China hat einen demü⸗ thigen Brief an den deutschen Kaiser gerichtet, worin er für die freundlichen Gefühle dankt und verspricht, die schuldigen Beamten zu be⸗ strafen. Nach Peking will er aber erst dann zu⸗ rückkehren, wenn die Friedensverhandlungen die gewünschten Ergebnisse zeitigen. Vor⸗ sicht ist besser, denkt die Kaiserin⸗Wittwe, die ja die eigentliche Regentin ist. Inder russischen Presse tobt ein Ent⸗ rüstungssturm über die Hinrichtungen in Poa⸗ tingfu und die Kriegführung des Grafen Walder⸗ see. Die Noweja Wremja verlangt, daß die terri⸗ torialen Grenzen der Gewalt Waldersees ge— nauer gezogen werden. Andere Blätter reden von einem Lynchgericht Waldersees, von wahn⸗ sinniger Vermessenheit und unerhörter Roh- heit. Die Hinrichtung eines Prinzen wird von allen für eine Unmöglichkeit erklärt. Die Ver⸗ handlungen werden gehässig und unversöhnlich geführt. Abzug der Japaner. Aus Petersburg kommt die Nachricht, daß die japanische Regie— rung beschlossen habe, ihre Truppen aus Peking zurückzuziehen. Der Beschluß soll verwirklicht werden, sobald die Verhandlungen darüber be⸗ endigt sind, wieviel Soldaten in der Residenz zum Schutze der Gesandtschaften zurückbleiben sollten. Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Lohnzahlungsbüche r. Nach 8 134 Abs. 3 der Gewerbeordnung in der Fassung der am 1. d. M. in Kraft getretenen Novelle vom 30. Juni d. J. ift in Fabriken, für welche Lohnbücher oder Arbe tszettel durch den Bundes⸗ rath nicht vorgeschrieben werden, auf Kosten des Arbeitgebers für jeden Arbeiter unter 21 Jahren ein Lohnzahlungsbuch einzurichten. In das Lohnzahlungsbuch ist bei jeder Lohnzahlung der Betrag des verdienten Lohnes einzutragen; es ist bei der Lohnzahlung dem Minderjährigen oder seinem gesetzlichen Vertreter auszuhändigen und von dem Empfänger vor der nächsten Lohn⸗ zahlungsperiode zurückzureichen. Ueber das Wesen und die Einrichtung des Lohnzahlungs⸗ buches hat der preußische Minister für Handel und Gewerbe einen Erlaß an die Reprösidenten gerichtet, der auch für außerpreußische Länder von Interesse ist. Danach finden auf das Lohn⸗ zahlungsbuch die Vorschriften des§ 110, Satz 1, und des§ 111, Abs. 2—4 der Gewer be⸗ ordnung Anwendung. Die Einrichtung der Lohnzahlungsbücher ist also in das Belieben des Arbeitgebers gestellt, nur müssen die Bücher den Namen des Arbeiters, Ort, Jahr und Tag seiner Geburt, Namen und letzten Wohnort seines gesetzlichen Vertreters und die Unterschrift des Arbeiters enthalten. Eine Mit⸗ wirkung der Behörden bei der Aus⸗ stellungZ der Lohnzahlungsbücher ist im Gesetz nicht vorgesehen. Die Bücher werden weder unter dem Siegel und der Unterschrift der Orts⸗ polizeibehörde ausgestellt, noch haben die Letzteren dementsprechend ein Verzeichniß über die Lohn⸗ zahlungsbücher zu führen. — Zur Kohlenfrage. Mit der Aus⸗ gabe von Kohlen seitens der Stadt soll in den nächsten Tagen begonnen werden. Bekanntlich sollen die Kohlen nur an Familien, die nicht über 1500 Mk. Einkommen haben, in Quanti⸗ täten bis zu 5 Centnern abgegeben werden. Zum Nachweis über die Einkommenverhältnisse dient eine Karte, die gegen Vorzeichung des Steuerzettels ausgestellt wird. Nähere Bekannt⸗ machungen hierüber, sowie die Festsetzung der Tagesstunden, an welchen der Verkauf stattfindet, werden jedenfalls baldigst erfolgen. Wie wir hören, stellt sich der Preis 1.15 Mk. und 1.20 Mk. pr. Zentner. — Nützliches Büchelchen für Ar⸗ beiter. Man schreibt uns:„Mangelnde Rechtskenntniß hat schon manchem Arbeiter Aerger gebracht und Opfer gekostet, namentlich, soweit es sich um Streitigkeiten aus dem Ar⸗ beitsverhältniß handelte. Zwar ist in umfang⸗ reichen Schriften das gewerbliche Recht eingehend behandelt worden, allein die Bücher haben nur bescheidenen Umsatz gefunden. Mangel an Geld und Zeit sind die Ursachen, weshalb diese Werke keine hohen Auflagen erlebt haben. Diesen Mangel zu heben, scheint ein kleines Werk, be⸗ titelt; Merkbüchlein über das Recht im gewerblichen Arbeitsvertrag, Verlog von Rich. Lipinski, Leipzig, Reud⸗ nitzerstr. 11, Preis 10 Pfg., berufen zu sein. Die kleine Schrift ist zweckentsprechend ausgestattet, 16 Seiten stark, und giebt die wichtigsten Bestimmungen des Bürgerlichen Ge⸗ setzbuchs und der Reichsgewerbeordnung wieder und enthält außerdem noch einen Abschnitt über das Klageverfahren. Der Stoff ist übersichtlich angeordnet, so daß der Leser sich schnell über die einschlägigen Fragen, sofort unterrichten kann. Der billige Preis wird Partiebezug noch bedeutend ermäßigt, sodaß die Organi⸗ sationen sehr gut das Büchlein unentgelt⸗ lich an ihre Mitglieder abgeben können.“— Wir können nach Durchsicht des Werkchens uns dem oben Gesagten nur anschließen, und namentlich jedem Arbeiter die Anschaffung an⸗ gelegenlichst empfehlen. Auch der Arbeitgeber wird es mit Nutzen lesen.— Bei dieser Gelegen⸗ heit möchten wir unsere Leser noch auf drei weitere Erscheinungen in der Parteiliteratur em⸗ pfehlend hinweisen. Im Verlage der Sozia⸗ listischen Monatshefte erschinen:„Von Gotha bis Wyden“, Vortrag von J. Auer. Der Verfasser giebt hier eine interessante und belehrende Darstellung der Schwierigkeiten, mit denen die Partei unter dem Sozialistengesetz zu kämpfen hatte und wie sie sich während dieser Zeit entwickelte.— Weiter bietet„die d eutsche — Gewertschafrs⸗ Bewegung“ von B. Legien jeden organisirten Arbeiter Aufklärung 13 in gewerkschaftlichen Fragen und schließlich be⸗ handelt Eum's„Genossenschafts⸗Be⸗ wegung“ eingehend den Nutzen der Konsum⸗ vereine für den Arbeiter. Broschüren kostete 20 Pfennige. Bestellungen können bei Schneider Sonnenstraße 25 be⸗ wirkt werden. Großenbuseck. ⸗ck. Vergangenen Sonntag fand hier eine Volksversammlung statt, die nur mäßig be⸗ sucht war. Genosse Vetters sprach über die in⸗ nere und äußere Politik der deutschen Regier⸗ ung. Redner geißelte besonders das Verhalten des Reichsamts des Innern bei Einbringung der Zuchthausvorlage, wie es durch die 12 000 Mark-Geschichte offenbar geworden sei. Hier zeige sich, wie die Besitzenden, in diesem Falle die Industriellen, die Regierungsleute nach ih⸗ ren Wünschen dirigiren. Weiter legt er dar, wie die Masse des Volkes durch indirekte Steuern und Zölle aller Art zu Gunsten der Besitzen⸗ den benachtheiligt und ausgebeutet wird. Auch die Weltmachtspolitik fand die gebührende Be⸗ leuchtung. Die Sozialdemokratie allein trete den Mißständen mit Entschiedenheit ent⸗ gegen. Wo sei der Abgeordnete des Kreises, der Antisemit Köhler? Man höre im Reichstage fast nichts von ihm. Auch die antisemiessche Presse sage nichts zu den Milliardenopfern, welche dem deutschen Volke infolge des Flot⸗ ten⸗ und Chinarummels zugemuthet werden, sie muß sich dagegen eingehend mit Ritual⸗ mordmärchen befassen. Zu den Ausführ⸗ ungen des Redners gab die Versammlung ihre Zustimmung zu erkennen.— Beschlossen wurde, einen Wahlverein zu gründen, in dem sich 26 Mann einzeichnen ließen. Das ist nur ein klei⸗ ner Anfang; hoffentlich entwickelt sich bald eine kräftige Organisation daraus! Antisemitischer Bundek krieg. „d. Von Lang⸗Göns wurde in voriger Nummer mitgetheilt, daß von Seiten des Kreis⸗ ausschusses dem Proteste gegen die Wahl des Bürge rmeisters Rompf nicht statt⸗ gegeben, die Wahl vielmehr als gültig erklärt worden sei. So, meint man nun, wäre alles erledigt. Das ist aber keineswegs der Fall. Vielmehr tobt im sonst so ruhigen, friedlichen und gut„deutschen“ Lang⸗Göns ein erbitterter Kampf in der Einwohnerschaft, die sich anläß⸗ lich der Bürgermeisterwahl in zwei Lager ge⸗ spalten hat, welche nun, die einen mit der Pa⸗ role:„Hie Wenzel“, die anderen mii:„Hie Rompf“ gegeneinander zu Felde ziehen. Schon bei der Verhandlung vor dem Kreisausschusse waren von den Wenzel'schen ein knappes Hun⸗ dert Zeugen aufgeboten, die hoch und theuer beschwören sollten, daß die Gegenpartei ihren Jede dieser drei Kandidaten nur mit unlauteren Mitteln, nur vermöge Wahlbeeinflussung und Bestechung zur höchsten Würde im Dorfe verholfen habe. Na⸗ türlich bleiben diese als ehrliche Leute auch nichts schuldig, sondern zahlen mit Zins und Zin⸗ seszinsen heim. Und so haben wir einen Zu⸗ stand, der dem im„Faust“ geschilderten nicht unähnlich ist: Wo groß und klein sich kreuz und quer be⸗ fehdeten, Und Brüder sich vertrieben, tödteten.“ Zwar fiel auf beiden Seiten noch keiner, aber beängstigend, unheilbringend schwirren die vergifteten Pfeil herüber und hinüber.(Ich meine das nur bildlich, wie Graf Pückler, nicht wörtlich). Wie es enden wird, weiß man, noch nchit. Möglich immerhin, daß das jetzige Dorf⸗ oberhaupt doch noch von seiner Höhe herab⸗ gestürzt und Herr Wenzel an seine Stelle gesetzt wird. Wäre für das Gesammtinteresse auch kein Unglück, denn Letzterer verfügt über eine Summe von Fähigkeiten und Kenntnissen. die ihm als Bürgermeister sehr zu statten kä⸗ nen. Möglicherweise kann aber auch irgend ein Anderer der lachende Dritte sein!— Ges amt⸗ interese? Sinn für Gemeinwohl? Suche das einer bei Antisemiten! Nichts als nicht. Möglich immerhin, daß das jetzige Dorf⸗ 1 perth! 1 Pfarre * 1 ang. 15 f Etad Gen Vockenhe wulde, wahlen f kralen i. ab il wir sage perfeh . 10 ier sch 1 Vol belleidet schen über d heftig a Herrn! gen del schwind den N wut leden gh 8 0 terapfa 120 00 vor 14 von 1. 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Wie mitgetheilt wurde, hatten unsere Genossen für die Stich⸗ wahlen die Parole ausgegeben: Gegen Demo⸗ kraten und Fortschrittler: Wenn das richtig ist, was wir jetzt nicht beurtheilen können, so müssen wir sagen, daß wir eine solche Taktik für ganz verfehlt halten. Sozifressers Ende. — Sozifressers Ende. Aus Rothen⸗ bach bei Lauf(Mittelfr.) wird geschrieben: Von hier schied wieder ein großer Sozialistenfresser, ein Vorarbeiter der Conrady'schen Fabrik. Er bekleidete die Stelle als Vorstand des katholi⸗ schen Arbeitervereins, als welcher er sich oft über die Sozialdemokratie und ihre Organe heftig ausließ. Was nun plötzlich den christlichen Herrn bewogen haben mag, seine Auszeichnun⸗ gen dem Verein zurückzusenden und zu ver⸗ schwinden, ohne sich bei dem Präses und bei den Mitgliedern zu verabschieden, darüber herrscht keine Klarheit und es kursiren die ver⸗ schiedenartigsten Gerüchte. Ein ungetreuer Kirchenkassirer. In der Kirchenkasse der katholischen Pe⸗ terspfarrer zu Aachen ist ein Fehlbetrag von 120 000130 000 Mk. entdeckt worden. Schon vor 14 Tagen sprach man von einem Deffizit von 125 000 Mark. Die Bruderschaften der Peterspfarre verlieren etwa 5000 Mark, die der verstorbene Rendant, Nadelfabrikant Bock, gleichfalls unterschlagen hat. Ueber den Nach⸗ laß Bocks wurde auf Betreiben des Kirchenvor⸗ standes das Konkursverfahren eröffnet; die Bockschen Erben haben übrigens dem Kassenre⸗ visor der erzbischöflichen Behörde und der Pfarre einen Gegenrevisor gegenübergestellt. Die Affäre macht natürlich großes Aufsehen. Hinter dem frommen Möbelfabrikanten Bock hätte Niemand einen unehrlichen Mann ver⸗ muthet.. Wie Sternberg zu seinen Millionen kam. Aus Sternbergs Vergangenheit werden in den Münchener Neuesten Nachrichten allerei in⸗ teressante Dinge veröffentlicht, die zwar nicht alle ganz neu sind, aber angesichts des gegen⸗ wärtigen Prozesses doch eine Auffrischung ver⸗ dienen. Seit mehr als 20 Jahren macht Stern⸗ berg schon von sich reden, bald in der Welt oder Halbwelt, in der man sich nicht langweilt, bald an dem Ort, an dem er seine Millionen zusammenrafft, an der Börse. Er hat viele Opfer auf dem Gewissen, denn es war das unabwendbare Schicksal der Sternbergschen Un⸗ ternehmungen, sie gingen zu Grunde und die Aktionäre verloren ihr Kapital. Eine der ersten Gründungen August Sternbergs war die Ver⸗ einsbank. Sie wurde 1881 ins Leben gerufen und schien sich entwickeln zu wollen, denn sie ver⸗ theilte im ersten Jahre 12,75 Prozent Divi⸗ dende. Sie entwickelte sich auch— ganz im Interesse Sternbergs. Die Dividenden sanken und langten schließlich auf dem Nullpunkt an. Die Aktien wurden an der Börse gar niche mehr notiert und konnten höchstens als Tapeten Ver⸗ wendung finden. Die Aktionäre jammerten, aber bei der Liquidation schien ihnen wenig⸗ stens ein kleiner Theil ihres Vermögens ge⸗ rettet werden zu sollen— man bot ihnen 40 Prozent. Das war an und für sich schon mehr als eine Pleite erster Güte; zu einem her⸗ vorragend skandalösen Betrug wurde sie aber erst dadurch gesteigert, daß man den Aktinären die 40 Prozent nicht in bar gab. Wenn Stern⸗ berg jemand die Taschen leeren wollte, so be⸗ sorgte er das Geschäft gründlich, und so gab er ihnen die 40 Prozent in Aktien der Skas⸗ kaer Kohlenwerke. Das war eine der vielen Gruben, die er anderen gegraben hat. Feine Ordnungsstütze. i Von unserem Parteiblatte in Zwickau wird der Besitzer des Ballhauses zur Wiener Spitze in Kirchberg i. S., Camillo Bräuer, eines Sittlichkeitsver brechens angeklagt. Dieser Mensch, eine fanatische„Ordnungsstütze“, Inhaber ver⸗ schiedener städtischen Ehrenposten, eifriger So zialistenfresser hat sich Nachts wieder⸗ holt an seinem noch nicht 15 Jahre alten Dienst— mädchen vergangen und es zur Duldung seiner Lüste gezwungen. Als das Mädchen endlich, um sich der Attentate des Sittenbildes zu erwehren, dessen Frau von den Dingen Mittheilung machte, wurde es von dieser noch beschimpft, worauf es den Dienst verließ und sich zu einer verheirate⸗ ten Schwester begab. Diese machte bald die Wahrnehmung, daß ihre Schwester krank war; die ärztliche Untersuchung ergab, daß das arme Kind syphilistisch angesteckt war. Die Frau be⸗ gab sich nun mit ihrer Schwester zum Bürger⸗ meister, dem der ganze Fall vorgestellt wurde. Bei einer späteren Unterhaltung auf dem Rath⸗ hause wurde Bräuer mit dem Mubdchen konfron⸗ tirt, wobei dieser sein Vergehen zugab. Diese Vorgänge liegen nun schon einige Monate zurück, aber es ist noch nicht bekannt geworden, daß die Staatsanwaltschaft sich des Falles ange⸗ nommen hätte, weshalb unfer Bruderblatt ihn der Oeffentlichkeit übergiebt. Aus Wetzlar. -th. Sie„han de Nas voll.“ Bei der neulich stattgefundenen Kontrollversanm⸗ lung wurde, wie das auch anderwärts der Fall gewesen ist, angefragt, wer sich noch als Frei⸗ williger nach China melden wolle. Aber selbst hier in unserer so militärfrommen Gegend hatte die Anfrage dasselbe Ergebniß, wie an manchen andern Octen— es trat kein Ein⸗ ziger vor. Ueber die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Hunnenzuges scheint demnach im Volke eine gesündere Anschauung zu herrschen, als in den leitenden Kreisen. — Heilig istdas Eigent hum. Cigen⸗ artige Gedanken muß eine Schöffengerichts⸗ verhandlung vom vorigen Freitag bei Jedem erwecken, der überhaupt zu denken vermag. Ein zwölfjähriges Mädchen war des Diebstahls an⸗ getlagt und ihre Mutter der Anstiftung hierzu. Und der That bestand dieser Anklage. Das bedauernswerthe Mächen hatte sich einige Stückchen Abfallholz ans einem Schutth aufen hervor⸗ gesucht, um ihrerseits den zu Hause durch die hohen Kohlenpreise eingetretenen Mangel an Heizmaterial einigermaßen zu steuern. Sie wurde aber vom Schicksal in Gestalt eines Nacht⸗ wächters ereilt, der im Auftrag des Besitzers des Schutihaufens, des Millionärs Raab das Kind notirte und zur Anzeige brachte. Hoch- nothpeinliches Verhör. Aber die Angeklagten hatten Glück, das Gericht spricht sie frei. Vielleicht trat in diesem Falle dem Gerichte die Brutalität der heutigen„Ordnung“ in be⸗ sonders krasser Weise vor Augen! Das Mädchen wird sich hoffentlich den Fall zur Lehre dienen lassen. Viele, die andere um Millionen betrügen und bestehlen— fiehe Sternberg— kommen nicht vor Gericht, sondern sind angesehene Leute. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 22. Novbr. — Gewerkschaftskommission. Wie in fast allen Städten, wurde auch hier vor einigen Jahren eine Gewerkschaftskommission ins Leben gerufen, deren Hauptzweck ist, den Zusammenschluß aller organisirten Arbeiter zu fördern und zu pflegen und in gemeinschaft⸗ lichen Sitzungen alle vorkommenden diesbezügl. Angelegenheiten zum Wohle der Gesammtheit zu erledigen. Es gehören der Kommission 14 Mitglieder an, welche die Verbände der Buch⸗ drucker, Holzarbeiter, Metallarbeiter, Schnei⸗ der, Schuhmacher, Weißbinder und der Zim- merer durch je 2 Delegirte vertreten, leider kommt es aber oft vor, daß von diesen 14 Dele⸗ girten in den Sitzungen nur drei bis vier an⸗ wesend sind, sodaß in letzter Zeit die Sitzungen öfters ausfallen mußten, trotzdem wichtige Punkte auf der Tagesordnung standen. Das muß in Zukunft anders werden, wenn. die Kom- mission ihren Zweck erfüllen soll. Wofür sind denn die Delegirken gewählt, wenn sie ihren übernommenen Verpflichtungen nicht nachkom⸗ men wollen? Wir hoffen, daß die einzelnen Organisationen ihren Delegirten etwas mehr Pflichteifer empfehlen werden. — Unglücksfall. Am Samstag Abend fand man in einem Hause der Schwanallee zwei Mädchen in ihren Betten erstickt vor. Die Haus⸗ eigenthümerin ist verreist und das Dienstmäd⸗ chen, welches sich allein im Hause befand, hatte sich zur Gesellschaft ein Mädchen aus dem Ver⸗ sorgungshause geholt. Beide schliefen in einem Zimmer, in dem sich ein amerikanischer Füllofen befand, welcher defekt gewesen sein muß, denn als Todesursache wurde bei dem Dienstmädchen Erstickung durch Einathmung von Kohlengas festgestellt. Das andere Mädchen, welches noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde so⸗ fort in die medizinische Klinik verbracht und dürfte wieder hergestellt werden. Nach anderen Mittheilungen hatten die Beiden Kleidungs⸗ stücke und Portieren stark mit Naphtalin gegen Mottenfraß eingesprengt; der im Schlafzimmer befindliche Ofen soll übermäßig eingeheizt wor⸗ den sein, und es ist höchstwahrscheinlich, daß sich in Folge dessen giftige Gase gebildet haben. — Einbruch. In der Nacht vom Sonntag auf Montag wurde in einem Hause der Schwan⸗ allee eingebrochen und eine Parthie Wäsche ge⸗ stohlen. Bei einem wiederholten Besuche wur⸗ den aber die Diebe verscheucht.— Es wäre bald Zeit, daß unser Nachtwachtwesen etwas besser geregelt würde. Wahrheit bleibt Wahrheit! Herrn E. Weidemann in Liebenburg(Harz.) In Erfüllung einer lange unterlassenen Pflicht theile ich Ihnen nun Folgendes mit: Ich hustete seit drei Jahren und befand mich schließlich in einem Stadium, wo dabei stets eiternde, mit Blut untermischte Klümpchen aus⸗ geworfen wurden und endlich auch starke Blut⸗ ungen eintraten, außerdem ein starkes, knistern⸗ des und pfeifendes Geräusch beim Athmen von Tag zu Tag zunahm. Appetitlosigkeit u. Schlaflosigkeit, sowie nächt⸗ licher Schweiß stellten sich ein, und ein ner⸗ vöser, peinigender Zustand verließ mich über⸗ haupt nicht mehr. Nachdem ärztliche Behandlungen erfolglos blieben, gedachte ich nun noch— ohne beson⸗ deres Vertrauen— Ihren Thees(russ. Knö⸗ terich) zu versuchen. Nach 30tägiger Kur(15 Packete Thee) stellte sich die erste Linderung ein und nahm so zu, daß ich mich nach weiteren 30 Tagen als voll⸗ ständig hergestellt betrachten konnte und alle vorgenannten Krankheits- Erscheinungen ver⸗ schwunden waren. Dies war im Frühjahr vor 3 Jahren, und hatte ich seitdem nicht einmal mehr einen starken Schnupfen(der mich früher überhaupt fast nie verließ), geschweige denn gar einen schlimmen Husten zu verzeichnen, höchstens bei Verkühlung und dann nur mit ganz kurzem normalen Verlaufe. Daß ich von einem Frühjahre zum anderen immer befürchtete, wieder zu Ihrem Thee grei⸗ fen zu müssen, und Ihnen hierbei berichten wollte, war der Grund meines langen Schwei⸗ gens, doch habe ich selbstverständlich in dieser ganzen Zeit Ihren Thee aufs Wärmste und aus vollster Ueberzeugung in allen mir bekannt gewordenen Fällen empfohlen und hoffe, daß schon so Mancher hierdurch Heilung gefunden . J e O. E., Fabrikant in O. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 25. November. Gießen. Sozialdem. Wahlverein Versammlung abends 9 Uhr bei Orbig. Sonntag 26. November. Schlitz. Nachm. 3½0 Uhr: Versammlung bei Gast— wirth Schmidt. Cenossen! Agissert allerorts für die Parteipresse! e r S A O q Y Seite 6. — Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. e Nr. 48. Unterhaltungs⸗Theil. 5 Ist das eine Antwort? Laß die heil'gen Parabolen*) Laß die frommen Hypothesen— Suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen. Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roß der Schlechte? Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre niederträchtig. Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler— Aber ist das eine Antwort? Heinrich Heine. ) Parabole, auch Parabel,(griechisch.-Gleichniß.) Hypothese, Voraussetzung, Annahme, Bedingung Dunkle Mächte. Roman von Elise Langer. Frau Bertram, die von dem erwarteten Be⸗ such in Kenntniß gesetzt worden war, ließ ihn in das nur schwach beleuchtete Zimmer tre— ten, überzeugte sich, ob das Kind schliefe und entfernte sich dann wieder. Brandt und Helma waren allein. Weiß wie Schnee lag sie da, das einzige Dunkle an ihr waren die tief ein⸗ esunkenen Augen. Einer ihrer prächtigen Zöpfe lag auf ihrer Brust. Sie reichte ihm mit glückseligem Lächeln die schmale, durchsichtige Hand. Er ergriff sie vertraulich, tätschelte sie und schlug gleich einen heiteren Ton an, um keine Sentimentalität aufkommen zu lassen. Sie hätte ihn sehr überrascht. Es sei so schnell ge⸗ kommen, er freue sich, daß es glücklich über⸗ standen sei. Sie sollte sich nur recht lange Ruhe gönnen und sich aufs Beste pflegen. Sie wäre ja so viel er höre, hier sehr gut gufgehoben. Helma war die Kehle wie zugeschnürt, sie konnte keine Silbe hervorbringen. Keine Zärt⸗ lichkeit, kein inniges Wort, keine Frage, kein Blick nach dem Kinde. Endlich würgte sie her⸗ vor: „Willst Du unser Kind nicht sehen, Oskar?“ a „Ach wozu? Laß doch, um Gotteswillen störe es nicht. Was sieht man an so neugebo⸗ renen Würmern. Eines sieht ja wie das an⸗ dere aus und auch das schönste ist häßlich.“ „Es ist ein Mädchen, Oskar. Es ist Deine Emmy, sie ist uns wiedergeboren, sie wird un⸗ ser Engel sein.“ Die Erinnerung an Emmy ergriff ihn einen Moment, aber er überwand es rasch und sagte: „Du regst Dich unnütz auf, liebes Kind, das kann Dir nur schaden. Laß doch das kleine Ge⸗ schöpf erst ein menschliches Aussehen be⸗ kommen.“ Helmas Brust arbeitete heftig. War es mög⸗ lich, daß er ihr Kind nicht liebte, er, der zärt⸗ liche Vater, der die Kinder seiner ungeliebten Frau vergötterte? Hatte das Kind des leiden⸗ schaftlich geliebten Weibes, wenn es nicht die Gattin war, weniger Ansprüche an das Vater⸗ herz? Konnte das in der Natur begründet sein? O nein, nein, nein, das war die Unnatur der gesellschaftlichen Einrichtungen. Nur das ehe⸗ liche Weib würde geachtet, nur das eheliche Kind geliebt! Unter den langen Wimpern des geschlossenen Auges der Kranken quoll eine Thräne hervor und tropfte schwer auf das Kissen. Brandt that, als bemerke er sie nicht und fuhr fort, ihr allerhand Rathschläge in betreff ihrer Pflege zu geben. g 15 Zeitungen lügen, alles lügt. „Und die Scheidung?“ unterbrach sie ihn mit kaum hörbarer Stimme. „Ist in Ordnung.“ „Ah!“ Helma hob den Kopf.„Und das Aufgebot?“ „Ist— ist bestellt.“ Er hatte es nicht sagen wollen, es fuhr ihm unwillkürlich heraus. Was hätte er auch an⸗ ders antworten können? Und es war ja nicht die Unwahrheit. Die Ergänzung behielt er sich für später vor. Ehe er sichs versah, hatte Helma seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gedrückt. Er war in der peinlichsten Verlegenheit. „Ruhig, ruhig, geliebtes Herz. Ich gehe, denn meine Gegenwart regt Dich zu sehr auf und jede Aufregung kann Dir schaden.“ „Ja gehe, Oskar, Geliebter, aber küsse mich zuvor,“ und ihre sanften braunen Augen blick⸗ ten schwärmerisch zu ihm auf. Er berührte ihre Stirn mit den Lippen; sie umschlang seinen Nacken mit beiden Armen und sah ihm tief in die Augen. „Mein Gatte, mein Geliebter!“ Er machte sich sachte los und schlich davon. XII Die Nachricht von Brandts bevorstehender Heirath hatte si chnach den Erkundigungen, die Kolweit eingezogen, vollauf bestätigt. Nur mit, Zittern und Zagen dachte Frau Käten nun an ihre Aufgabe, Helma allmählich auf das Furcht⸗ bare vorzubereiten. Diese fand sie bei ihrem nächsten Besuche schon außer dem Bette, und als sie ihr Erstaunen darüber äußerte, sagte die junge Mutter mit strahlender Miene: „Ja, liebe Freundin, ich muß schnell gesund und kräftig werden. Jetzt machen wir Hochzeit, das Aufgebot ist schon bestellt.“ Käte erschrak. Sie glaubte nicht anders, als daß Helma bereits alles erfahren und ihr Verstand sich darüber verwirrt hätte. Vorsichtig frug sie weiter nach, und bald blieb ihr kein Zweifel, daß die Arme zum zweiten Mal auf das Schmachvollste getäuscht worden war. Wie würde sie den jähen Sturz aus ihrem Himmel ertragen? „Sie haben sich verhört, Helma, es kann nicht sein.“ Helma wandte von ihrer Beschäftigung mit dem Kinde den Kopf heiter lächelnd nach der Freundin hin. „Verhört? O nein. Dabei verhört man sich nicht. Die Scheidung ist erfolgt, das Aufgebot bestellt, so sagte er.“ „Welches Aufgebot?“ „Wunderliche Frage. Nun, das zur Trau⸗ ung nöthige Aufgebot.“ „Trauung zwischen—?“ „Oskar Brandt und Helma von Saldeck“, sagte sie mit einem stolzkoketten Lächeln. „Und wenn die Braut nun eine andere wäre?“ „Käte, Sie sind grausam. Was soll das?“ „Denken Sie, wie er Sie schon einmal ge⸗ täuscht hat.“ f „O Sie Mißtrauische! Das war etwas ganz anderes. Damals hat er nur geschwiegen, mich nicht aus einem Irrthum gerissen.“ „Und kann das nicht wieder der Fall gewesen fei Helma, die mit dem Kinde auf dem Schoß gesessen, sprang so jäh auf, daß sie es beinahe hatte fallen lassen, und der Freundin die Hand schwer auf die Schulter legend, rief sie fast gebieterisch: „Frau, was wollen Sie mit all dem sagen? Wenn Sie etwas wissen, so reden Sie.“ Jetzt machte Frau Käten keine weiteren Um⸗ schweife mehr, wie sehr ihr auch vor der Scene die nun folgen würde, bangte. Zu ihrer Ver⸗ wunderung aber geschah weiter nichts, als daß Helma einen Augenblick nach Atem rang und mit weitgeöffneten Augen ins Leere starrte, wobei die Farbe auf ihren Wangen kam und ging. Die Freundin, die sich ihr liebevoll nä⸗ hern wollte, wehrte sie hastig ab. Dann sagte sie rauh: „Ich glaube es nicht, ich glaube es nicht. Die Ich will ihm schreiben, wie man ihn verdächtigt.“ Quelle an,“ sagte Käte ruhig, sich zum Ge⸗ hen anschickend. fiel diese der Freundin um den Hals. Ihr ganzer Körper zuckte krampfhaft, aber es kam kein Laut von ihren Lippen, keine Thräne aus ihren Augen. Helmas Kräfte schienen merkwürdigerweise zuzunehmen, während ihr Aeußeres zusehends verfiel. Das Gesicht hatte eine wachsbleiche Farbe, Augen und Wangen sanken ein, die Backenknochen traten scharf hervor. Dies war aber das einzige, was ihren inneren Zustand verriet. Bei dem nächsten Besuche Kätens sprach sie kein Wort weiter über die Angelegenheit. In der Beschäftigung mit ihrem Kinde schien sie alles vergessen zu haben. Die Wirtin er⸗ zählte Frau Käten jedoch, daß Helma die hal⸗ ben Nächte rastlos im Zimmer auf⸗ und ab⸗ wanderte, sich in Kleidern zu Bett legte und dann am Morgen wie todt schliefe, sodaß sie durch das Weinen des Kindes nicht geweckt würde. Mehrmals sprach Helma davon, sich Arbeit verschaffen zu wollen, sie müßte für ihr Kind sorgen. Die Brieftasche mit Bank⸗ noten, die Brandt bei seinem Besuch auf das Nachttischchen gelegt hatte, übergab sie Käten mit der Bitte, sie dem Eigenthümer zurückzu⸗ schicken. Von ihrem reichlichen Gehalt hatte sie die ganze Zeit über so gut wie nichts ver⸗ ausgabt. Sie besaß daher eine Summe, die sie für den Augenblick vor Mangel schützte. Frau Bertram meinte, daß Helma jetzt an. die Luft müßte, und fragte, ob sie nicht nächsten⸗ Sonntag ihren Kirchgang machen wollte. Hel⸗ ma sah sie ganz verstört und wie verständniß⸗ los an. Dann aber sagte sie ja, sie wollte in die Kirche gehen. Es war ein nebliger, grauer Mor⸗ gen, um zehn Uhr herrschte noch tiefe Dunkel⸗ heit. Der richtige Morgen für ihren ersten Ausgang, dachte Helma. Die Kniee zitterten ihr, sie mußte sich auf eine Thürschwelle setzen, aber allmählich ging es besser, die Luft that ihr wohl. An der Kirche jedoch schritt sie vor⸗ über, sie hatte dort nichts zu thun. Mochten glücklichere Mütter Gott ihr Dankopfer bringen. Von jetzt an ging sie alle Tage aus, aber im⸗ mer in der Dämmerstunde. Am dritten Abend kam sie später als sonst und sehr aufgeregt heim. Ihre erste Frage war, ob dem Kinde nichts zugestoßen wäre; es hätte sie auf einmal solche Angst erfaßt. Sie zitterte am ganzen Leibe und stürzte nach der Wiege hin, vor der sie wie gebrochen niedersank. Frau Bertram war fast beleidigt, da sie das Kind in ihre Obhut genommen hatte. Allmählich beruhigte sich Helma und erklärte ihre Erregung. damit, daß es ihr gewesen, als sei beständig jemand hinter ihr gegangen. Das hätte sie so nervös gemacht. Dann erzählte sie, daß sie in einem Geschäft für Herrenartikel um Arbeit angefragt und Schlipse zur Anfertigung er⸗ halten hätte. Für das Dutzend bekäme sie 50 Pfennige. Drei Dutzend könne sie am Tage fertigen, wenn sie früh aufstünde. Sie erzählte das alles mit einer gewissen Hast, auch war es das erste Mal, daß sie Frau Bertram etwas über ihre Verhältnisse mittheilte. Als diese den Thee gebracht und sich dann wieder entfernt hatte, erhob sich Helma, die sich erschöpft auf das Sopha geworfen hatte, rasch und riegelte die Thüre ab. Dann nahm sie aus ihrer Kleider⸗ tasche einen Gegenstand und legte ihn tief un⸗ ter andere Sachen auf den Boden ihres Koffers, den sie sorgfältig schloß. Nachdem sie sich da⸗ rauf eine Tasse Thee eingeschenkt und diesen gierig getrunken hatte, kleidete sie sich aus wusch sich von Kopf bis Fuß und legte reine Wäsche an. Im Begriff, den roten Flanellroch anzuziehen, schleuderte sie ihn plötzlich fort und hüllte sich in einen warmen Plaid. Dann setzte sie sich auf die Kante ihres Bettes, die Korb⸗ wiege mit dem schlafenden Kinde dicht an sich heranziehend. So saß sie bis tief in die Nacht hinein. (Fortsetzung folgt.) „Thun Sie das und geben Sie mich als Als sie Helma die Hand zum Abschied reichte, 7/ — 2 — S Seeber eeeeeee )——.—— 3 Nr. 48 *— Mitteldeutsche Eonntags⸗Zeitung. Seite 7. u ö. S ppfitfer. Ein Barbarenhäuptling zur Zeit des römischen umoristisches. Umsonst werden die Menschen lieben, umsonst Kaisers Constantinus II. im 4. Jahrhundert 15 liti 11 teich glauben, wenn sie nicht vor Allem gerecht fragte seine Mutter:„Was soll ich thun, um] Was sind die Folgen u— Au! 0 sind. Der große Fehler der besten Menschen berühmt zu werden 2“ und erhielt die Antwort: J Wie ist eine Waldersee-Rede?— Oede! 1 s um Generationen hindurch, war der, zu meinen,„Zerstöre und tödte!“ Liebt John Bull die Germania?— Ya. * daß den Armen geholfe 1* Was mangelt dem Chamberlain sehre?— Ehre!— uz geholfen werden könne durch; i 5 Wer ging in China in die Falle?— Alle! das Geben von Almosen, durch das Predigen Die Menschen können sicher und bestimmt[Wen e e das bornehcne Gentsel 2— Esel! l von Ausdauer und Geduld und durch alle nur dann geleitet werden, wenn man es ver⸗[ Wem ist der Krieg ein gefundenes Fressen?— Essen! 7 anderen Mittel der Linderung und Versöhnung steht, ihre besten und edelsten Gefühle für sich] Wie ist das diplomatische Quacksalbeen?— Albern! a bis 1—5 die ene enn—— 1 5 5 5 8 2* 0 8 u 8 ge igel rrintliee Ec kartik ö 0 8 que e sammt icher Backartike. 1 5 1 fd. bei. Pfg. Ia. hell und hoch backendes 9 ) Wee 55 fle 15 Pfg., bei 5 Pfd. N. 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