1 Nr. 13. Gießen, Sonntag, den 25. März 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abonnementspre is: Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräg er frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnen Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Po die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen jeder Landbriefträger entgegen.(P.-Z.⸗K. 4 JIunserate Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5gespalt. straße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens stanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 12 a.) 33¼ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 Die Arbeitskraft in der kapi⸗ talistischen Produktion. GEs ist eine Eigentümlichkeit der kapita⸗ listischen Produktion, daß sie die Produktivität der Arbeit ins Fabelhafte steigert und dabei dem Erzeuger des Produkts nur das zum Leben notwendige zuweist. Die kapitalistische Produk— tien hat den Arbeiter von dem Produkt seiner Arbeit getrennt, das Erzeugnis seines fleißigen Schaffens den Kapitalisten und Unternehmern vorbehalten. Dies wirtschaftliche Verhältnis ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen Ent— wickelung. Von der einfachen Produktion der erften kommunistischen Gemeinwesen bis zum kapitalisti⸗ schen Industrialismus— welche ungeheure Steige— rung der Produktivität menschlicher Arbeit, der Beherrschung und Dienstbarmachung der Natur- kräfte! Keine der bisherigen Produktionsformen hat ähnliche Erfolge aufzuweisen, aber auch tein Elend gezüchtet, wie die kapitalistsche. Das aus dem Gemeineigentum sich entwickelnde Privat— eigentum ist der Boden, auf welchem der Kopitalismus gedieh, ja, er setzt dies sogar als eine Grundbedingung voraus. Deshalb der Kampf gegen alle Vorrechte der Feudalherrschaft. Mit dem 16. Jahrhundert begann das Zeit⸗ alter des Kapitalismus. Die kapitalistische Pro⸗ duktion brauchte zu ihrer Lebensfähigkeit Arbeiter, die frei über ihre Person verfügten, die weder, wie die Leibeigenen und Hörigen, an der Scholle klebten, noch durch den Zunstzwang im Gebrauch ihrer Kräfte behindert waren, die aber durch diese Vorbedingungen auch gezwungen waren, ihre Arbeitskraft dem Kapital zu verkaufen. Eine der Ursachen, welche im Mittelalter Arbeiter frei machte, war die mit List und Gewalt hervorgerufene Vertreibung der Bauern von Grund und Boden und die Ver—⸗ wandlung dieses Bodens in Privat⸗ eigentum des Adels. Die von Haus und Hof vertriebenen Bauern mußten ihre Arbeitskraft verkaufen oder sie verfielen dem Vagabundentum. So nahm die kapitalistisch betriebene Landwirt⸗ schaft ihren Anfang. Das in den Städten sich entwickelnde, mächtig aufstrebende Handelskapital machte die Zünfte immer mehr abhängig und nahm schließlich die Produktion von Gebrauchs- werten selbst in die Hand. Es entstand die sog. Manufaktur, d. h. Werkstätten, in denen noch vorherrschend handwerksmäßig, aber bei eingeführter Teilung der Arbeit produziert wurde, bei welchem Verfahren sich die Artikel billiger herstellen ließen, als von Einzelhandwerkern. Die Manufaktur war die erste Stufe der heutigen großindustriellen Produktion mit Ma⸗ schinen. f Ein Umstand machte sich in der Manufaktur schon geltend. Während der zünftige Handwerks⸗ geselle noch Aussicht hatte, seloständig zu werden, war dies bei dem größten Teil der Manufaltur⸗ arbeiter ausgeschlossen. Sie waren dazu ver⸗ dammt, ihr Leben lang Lohnsklaven zu bleiben. Nur war ihr Los nicht so unsicher, wie das der heutigen großindustriellen Arbeiter: es gab noch eine Maschinen, welche Arbeitskräfte fleisetzten. Die Haltung dieser Arbeiter war noch selbst⸗ bewußt gegen das Kapital, da dieses von ihnen wesentlich abhängig war. Um diesem Ueber⸗ gewicht der Arbeiter im Interesse der Kapstalisten entgegenzutreten, wurden gesetzliche Verordnungen erlassen, ein sicheres Zeichen, daß schon damals das Kapital danach trachtete, die Staatsgewalt seinen Interessen dienstbar zu machen. Heute herrscht der Kapitalismus unumschränkt. Der Arbeiter findet ihn überall, wohin er kommt, und sein Schicksal ist überall das gleiche. Das Kapital hat die Arbeit unterjocht, den Staat sich dienstbar gemacht: die Scharfmacher, die Großindustriellen Stumm, Krupp und Genossen, die Grubenbesitzer lassen Polizei und Gerichte für sich arbeiten. Mit der völligen Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln war auch der Grund zur Abhängigkeit der Arbeiterklasse gelegt. Aver eins blieb ihm: die„Freiheit“, seine Arbeitskraft zu verkausen wo er wollte. Ihr Preis regelt sich nach Angebot und Nachfrage. Aber diese Trennung des Arbeiters hatte noch eine andere Seite. Seine Arbeitskraft war dadurch, daß sie Gebrauchswert geworden war, für ihn ohne Nutzen, sie gelangte erst durch den Austausch an das Kapital zu ihrer Ver wendung, zu ihrer Be⸗ stimmung als Gebrauchswert. Nun wissen wir, daß alle Gebrauchswerte erst dadurch, daß sie für den Bcsitzer dieses nicht sind, eine Ware darstellen, welche durch den Handel ausgetauscht wird. Die kapi⸗ taliftische Produktion ist ohne Ausnahme Waren⸗ produktion. Sie ist dies im Gegensatz zur kom⸗ munist schen und feudalen, welche vorherrschend eine solche zum bloßen Selbngebrauch war. Dadurch, daß die Arbeitskraft eine„Ware“ geworden, war ihr Besitzer— Warenbesitzer! Ja, ja, famos! War der Arbeiter nicht frei und unabhängig? Stand er nicht auf gleicher Stufe mit dem Kapitalisten und Unternehmer? Das Reich der Gerechtigkeit und Freiheit, das goldene Zeitalter der Lohnarbeitware war damit gerechtfertigt. Nun wird man fragen: wenn die Arbeits kraft eine Ware ist, wie hoch ist dann ihr Wert? Nichts einfacher. Er wird bestimmt gleich jeder anderen Ware durch die zu ihrer Herstellung bezw. Wiederherstellung gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Der Arbeiter als Besitzer derselben braucht dazu einer bestimmten Menge Lebens— mittel. Die zur Herstellung der Arbeitskraft nötige Arbeitszeit ist gleich der Au beitszeit, die gesellschaftlich notwendig, um diese Menge Lebens- mittel herzustellen. Wir haben gefunden, daß menschliche Arbeits— kraft in der kapitalistischen Produktion zum toten Werkzeug der Arbeiter geworden ist. Die Lob— redner des Kapitals hätten die Aufgabe, zu be⸗ weisen, wie sich dies mit menschlicher Würde vereinigen läßt. Aber freilich, die Moral hat in der bürgerlichen Gütererzeugung keinen Patz, alles wird g schäftsmäßig betrieben, unbekümmert um die Folgen, die daraus entstehen. Und in diesem Verhältnis wird nicht eher eine Aende— rung eintreten, als bis der Kapitalismus beseitigt ist. Dies Ziel zu erreichen müssen die Arbeiter politisch und gewerkschaftlich thätig sein. In dem Kampfe gegen den Kapitalismus sind sie lediglich auf sich selbst angewiesen, denn das Bürgertum hat an dem Fortbestand ihrer Ab⸗ hängigkeit das größte Interesse. Einigkeit macht stark! * Die schlimmsten Dinge müssen wir über uns ergehen lassen, weil ein kleines Häuflein Mucker, Kraut⸗ und Schlotjunker über die politische Macht verfügt. Wir müssen uns den Leibriemen enger schnallen, weil man uns künstlich zum Vor⸗ teil der Großgrundbesitzer das Brot verteuert. Millionen werden in Zukunft auf den so schon geringen Fleischgenuß noch mehr, vielleicht gänzlich verzichten müssen, weil uns künstlich zum Vorteil der Agrarier das Fleisch noch weiter ver⸗ teuert werden soll! Das sind Raubzüge der Krautjunker auf die Taschen des arbeitenden Volkes. Aber auch die Schlotjunker wollen noch mehr Profite herausschinden. Sie wühlen zu gunsten abenteuerlicher Flottenpläne, welche ihnen Millionen einbringen würden, die gleich⸗ falls das arbeitende Volk zahlen müßte. Jedoch nicht nur leiblich, nicht nur am Geldbeutel, auch geistig soll das Volk ge⸗ schunden werden. Wo die Kraut⸗ und Schlot⸗ junker ihren Rebbach machen, da will die Muckerei nicht leer ausgehen. Das Volk soll vermuckert, gewaltsam dumm gemacht, ins Mittelalter zurückgeführt werden, auf daß der Weizen finsteren Pfaffentums wieder aufblühen kann. Die lex Heinze zeigt deutlich genug, wo⸗ hin des Wegs wir geführt werden sollen. Mehr Soldaten uad Kanonen— weniger Brot! so hieß es seither. Mehr Schiffe — weniger Fleisch! so wird es binnen kurzem heißen. Und weil dieser schmachvolle Zustand die Zustimmung des Muckertums gefunden, so werden sich die Junker vom Kraut und vom Schlot erkenntlich zeigen und den Mucker⸗ wünschen entgegenkommen müssen. Die Gefahr wird immer größer! An einen zeitgemäßen sozialpolitischen Fort⸗ schritt ist unter den obwaltenden Verhältnissen gar nicht zu denken. Das deutsche Volk muß froh sein, wenn es ihm wenigstens gelungen ist, einige der schwärzesten Pläne durch millionen⸗ stimmigen Protest beseitigt zu haben. Man denke nur an die Umsturzvorlage und an das Zuchthausgesetz! Diese erfolgreichen Proteste geben uns aber auch gleichzeitig einen beachtenswerten Fingerzeig. Warum waren sie erfolgreich? Weil das Volk einmütig zusammenstand und durch Einmütigkeit stark geworden war! Darin besteht das ganze Geheimnis! Das Häuflein der oberen Zehntausend ist sich einig und daher seine Macht. Die Masse des Volkes hat sich in zahlreiche Parteien zersplittern lassen durch Söldlinge der Mächtigen und daher seine Schwäche. Klarheit über die herrschenden Zustände muß geschaffen, der Kampf gegen den Un- Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 13. verstand der Massen mit erneuter Energie aufgenommen werden. N Es muß dem arbeitenden Volke in Stadt und Land zum Bewußtsein gebracht werden, daß alle sogenannten„staatserhaltenden“ Parteien, mögen sie sich nun konservativ oder freisinnig, antisemitisch, nationalliberal oder sonstwie nennen, durchweg kapitalistische Parteien sind. Daß die einen mehr das industrielle, die andern mehr das landwirtschaftliche Kapital vertreten, ändert nichts an der Thatsache, daß sie alle Vertreter der Großen sind. Unversöhnlich steht diesen Parteien gegen⸗ über die Sozialdemokratie. Sie ist die einzige Volks partei, die Vertreterin des ar⸗ beitenden Volkes in Stadt und Land, die Vertreterin der Kleinen! Und zu den Kleinen gehören alle diejenigen, die sich durch ihre Arbeit ernähren müssen, sei es Kopf⸗, sei es Handarbeit. Alle die Mil⸗ lionen Arbeiter, Kleinbauern, Handwerker, Unter⸗ und Mittelbeamten, Kleinkaufleute und Gewerbe- treibende— das sind die Kleinen. Sie müssen überzeugt werden, daß man durch gem ein⸗ sames und entschlossenes Protestieren nicht nur drohende Gefahren abwenden, son⸗ dern daß man durch gemeinsames und entschlossenes Fordern auch bessere Zustände herbei⸗ führen kann. Für Aufklärung muß gesorgt werden. Und da müssen alle Genossen mithelfen. Jeder ist im stande, das beste Aufklärungsmittel, die Parteipresse, in immer weitere Kreise zu bringen. Und dazu soll hier aufgefordert werden. Mit heutiger Nummer schließt das erste Quartal des 7. Jahrgangs der M. S.⸗Ztg. Die Gelegenheit zur Werbung neuer Abonnenten ist also günstig. Deshalb an die Arbeit, Partei⸗ genossen! Sorgt dafür, daß die Zahl der Leser der M. S.⸗Ztg. immer größer wird. Je größer die Verbreitung des Blattes, um so größer ist auch sein Einfluß. Was uns die Parteipresse schon genützt hat, wißt Ihr; es steht bei Euch, die Zeitung in die Lage zu versetzen, daß sie in Zukunft mehr leisten kann. Politische Bundschau. Gießen, 23. März. Der 18. März ist von den klassenbewußten Proletariern überall gefeiert worden. Auf dem Berliner Friedhof, der die Opfer des blutigen 48 er Märztages birgt, wurden mehrere Hundert Kränze mit ent⸗ sprechenden Inschriften niedergelegt. Manche dieser Inschriften auf dem Friedhof mit dem Portal ohne Inschrift fanden so wenig den Bei⸗ fall der heiligen Hermandad, daß sie mit der— Schere abgeschnitten wurden. Ja, die Schere, das ist das richtige Zeichen unserer Zeit, das Zeichen des Krebses, der Rückwärtserei. Aus mehreren Orten wird berichtet, daß die Märzfeiern verboten wurden, so auch aus Dresden, der sächsischen Metropole, und aus Marburg in Hessen, wo man plötzlich entdeckt hatte, daß vor⸗ mittags keine Versammlungen mehr stattfinden dürfen. In unserem engeren Vaterlande, so in Mainz, Darmstadt, Offenbach, Gießen u. s. w., wie auch in dem benachbarten Frankfurt, in Cassel und anderen Orten, haben die Märkzveranstaltungen den schönsten Verlauf genommen. Ueber Mar⸗ burg und Gießen berichten wir weiter unten ausführlicher. Kaiserworte vom Jahre 1890. Bei der Paradetafel für die Marineoffiziere im Gravensteiner Schlosse am 6. September 1890 bemerkte der Kaiser in einem Trinkspruch: „... Ich hege die feste Ueberzeugung, daß bei dem Grad der Ausbildung, bei der Hingabe, der Disziplin, der Treue, mit der die Herren arbeiten, meine Flotte im Stande sein wird, jede auch noch so ernste Aufgabe, die ich ihr stellen werde, zu meiner vollen Zufriedenheit und zum Wohl und Heil — des Vaterlandes, sowie zu dessen Rahm zu lösen.“ Am 26. Februar 1894 rachte Wilhelm II. anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Panzer⸗ schiffes Konig Wilhelm einen Toast aus, in dem er u. A. sagte: „Durch angestrengten Eifer und unermüd⸗ liche Arbeit an sich selbst i st die Marine nun⸗ mehr auf eine Höhe gelangt, der von der ganzen Welt aufrichtige Bewunderung ge⸗ zollt wird.“ Seither haben wir noch die Vermehrung der Flotte in Folge des Gesetzes von 1898 und daraus folgt denn mit zwingender Logik, daß die Marine jetzt allen Anforderungen genügen muß und die neuen Panzerkähne überflüssig sind. Einwickelpapier! Ein offiziöses Organ der badischen Regierung, die„Karlsruher Zeitung“, empfiehlt eine Flot⸗ tenbroschüre zur Verbreitung, von der sie rühmend sagt, sie wende sich„nicht an die po⸗ litischurteils fähigen Kreise des deutschen Volkes.“— Gewiß ein gewaltiger Vorzug, wenn eine Agstationsschrift sich an die politisch Unzu⸗ rechnung fähigen wendet. Die Broschüre, welche hier so wohlwollend rezensiert wird, ist die auch in Gießen massenhaft verbreitete Schrift:„Warum hat Jedermann im Volk ein Interesse an einer starken deutschen Flotte?“ Ver⸗ fasser derselben ist ein gewisser Hans Hartmann, der sich gewiß ungemein geschmelichelt fühlen wird, wenn er liest, daß man von befreundeter Seite seiner Schrift daß Zeugnis ausstellt, sie appelliere an den Unverstand. Zündholzfteuer. Was alles herhalten soll, um die nötigen Milliarden für die uns„bitter notwendige“ Flotte herbeizuschaffen, zeigte ein Vortrag, den ein Nationalliberaler, Dr. Wetzke in Lübeck gehalten hat. Wetzke's Ausführungen gipfelten in dem Vorschlage, durch eine Zündholzsteuer große Summen für den Flottenbau zu beschaffen. Die Nationalliberalen werden sich mit ihrem Flottenspektakel die Finger verbrennen, auch wenn ihr Zündholzsteuer⸗Vorschlag nicht verwirklicht werden sollte. Die nächsten Wahlen werden's zeigen. König Stumm's Dementi. Seit Wochen wird über die großen Gewinne debattiert, die von Krupp und Stumm an den Bauten der Kriegsschiffe gemacht werden. Jetzt plötzlich erklärt die„Post“, das Organ Stumm's, das Folgende: Gegenüber den wiederholten Behauptungen einer flottenfeindlichen Presse sind wir in der Lage, zu konstatieren, daß Freiherr v. Stumm⸗ Halberg Panzerplatten überhaupt nicht herstellt. Herr von Stumm besitzt lediglich eine Anzahl Aktien der Dillinger Hüttenwerke, des ältesten Panzerplattenwerkes in Deutschland, gehört aber nicht einmal dem Aufsichtsrate desselben an. Das klingt wie ein Dementi, i st aber keines. Es wird die märchenhafte Höhe der nicht in der Presse, sondern in der Budgetkom⸗ mission festgestellten Gewinne nicht bestritten, es wird natürlich auch die Beteiligung der Dillinger Hüttenwerke an den Lieferungen nicht bestritten und ebenso wenig die Beteiligung Stumm's an den Dillinger Werken. Bestritten soll anscheinend nur werden, daß Stumm Eigentümer der Dillinger Werke sei, was nirgends behauptet wurde. Hätte die„Post“ angegeben, wie hoch Stumm's Anteil an den Dillinger Aktien ist, dann würde man beurteilen können, ob sein Inter⸗ esse an den Gewinnen mehr oder minder groß ist; vielleicht holt die„Post“ diese Unterlassung nach. Wenn übrigens Stumm nicht selbst im Aufsichtsrat ist, ist es vermutlich sein Schwager. Musterpatrioten. In der Freisinnigen Zeitung lesen wir:„Ein unserem Gewährsmann seit Jahren bekannter Großindustrieller, Konkurrent von Krupp, der sich in letzter Zeit von diesem lossagte, teilte auf einer Reise in den letzten Tagen dem Ersteren folgendes mit: In der Budgetkommission des Reichstags hat man den Geschäftsgewinn der Firma Krupp aus den Lieferungen für das Reich noch viel zu gering geschätzt. Vor einiger Zeit lieferte Krupp Rohre zu Feldge⸗ schützen mit 4800 Mk. Die Konkurrenz erhielt dann einen Auftrag für die gleiche Sorte mit 1950 Mk.(11) Darauf setzte Krupp seinen Preis von 4800 auf 1900 herab.(111) Granaten liefert Krupp mit 8.50 Mk., die Konkurrenz hat sie mit 5 Mk. geliefert. Es ist ein Irrtum, daß Krupp allein Nickelstahl für die Flotte liefern könne. Die Fabrikationsmethode ist kein Geheim⸗ nis und stammt aus Frankreich. Jeder intelligente Fabrikant kennt die Methode. Wenn nur eine Konkurrenz geschaffen würde für Krupp und Stumm, so könnte der Bedarf um die Hälfte biliger gegen den an Krupp gezahlten Preis gedeckt werden. Aber das Reichsmarine⸗ amt stellt Bedingungen, welche das Aufkommen einer Konkurrenz unmöglich machen. So verlange das Reichsmarineamt die Einrichtung eines Schieß⸗ platzes zu Proben in demselben Umfange, wie der Kruppsche Schießplatz. Der letztere aber ift der Firma Krupp vom Staate gegen eine Pachtsumme überweesen worden. Diese Ein⸗ richtung für Schießproben verlangt für 24 Zenti⸗ metergeschütze zwei bis drei Millionen, für 15 Zentimetergeschütze 300 000 Mark. Ohne be⸗ stimmte Zusicherung der Regierung kann niemand so große Summen von vornherein riskieren. Stumm macht selbst wenig Nickelstahl, aber er wird von Krupp mit hohen Summen für die Unterlassung einer Konkurrenz abge⸗ funden.(11!) Würde die Regierung sich mit einem oder mehreren Fabrikanten in Verbindung setzen und sie mit Aufträgen versehen, bezw. für den Anfang mit Kapital unterstützen, so könnten den Steuerzahlern viele Dutzend Millionen erspart werden, die jetzt in die Taschen von Krupp fließen.“ Die Herren Musterpatrioten verstehen das Schröpfen aus dem ff. Man braucht nur daran zu erinnern, daß Krupp auch seine Patente noch an das Ausland rerkauft hat, um den Ge⸗ schäftssinn dieses selbstverständlich am Kriegs⸗ handwerk Gefallen findenden Herrn in bengalischer Beleuchtung erstrahlen zu sehen. Zur Lex Heinze. Eine prächtige Demonstration gegen die Annahme des Kunstparagraphen der lex Heinze durch den Reichstag hat die Buch- und Kunst⸗ handlung Fleischhauer in Stuttgar tveranstaltet: eine Venus und ein Apollo von Belvedere sind mit Trauerflor und schwarzem Ge⸗ wand bekleidet. Von einem Bild sieht man nur den Kopf, das übrige ist bedeckt durch ein Plakat: lex Heinze. Daneben befinden sich zwei deutsche Fahnen. Vorne am Schaufenster sieht min das Bild Leos XIII., segnend. Der Andrang des Publikums zu dem Schaufenster ist sehr groß. Ein Staatsanwalt gegen die lex Heinze. In Freiburg i. B. fand kürzlich eine Protest⸗ versammlung gegen die lex Heinze statt. Der Erste Staatsanwalt Dr. Junghanns begründete die Resolution in einer glänzenden, von lebhafter Zustimmung begleiteten Rede, die in dem mit stürmischem, langanhaltendem Beifall aufgenom⸗ menen Ausspruch gipfelte: Die Herrschaft der Finsterlinge muß beendet werden.— Nur der Unstand, daß dieser Staatsanwalt in Baden amtiert, dürfte ihn wohl vor dem Schscksal be⸗ wahren, das erste Opfer der lex Heinze zu werden. Die Unbestechlichkeit der Richter. Zu dem Ketzergericht, das in Form eines Disziplinarverfahrens dem Prof. Lipps in Mün⸗ chen wegen seiner Aeußerungen über die deut sche Rechtspflege bevorzustehen scheint, gibt nun auch die„Münchener Freie Presse“, eine Lesart der Lipps'schen Bemerkungen, die mit dem, was darüber seither berichtet wurde, im wesentlichen übereinstimmt. Prof. Lipps hat danach gesagt: „Wenn man Unbestechlichkeit nicht nur im groben materiellen Sinn auffaßt, sondern darunter die Unzugänglichkeit für unberechtigte Ein⸗ flüsse jeder Art und die unerschütterliche Wider⸗ standsfähigkeit auch gegenüber mächtigen Tages⸗ strömungen verstehe, so sei das Wort von der Unbestechlichkeit des deutschen Richterstandes zur 9 1 1 7 9 0 aan die In d der Mini nat kt als feine An e Neltesten amm n Industrie ve 1 b 0. leich h nab men Vertlete Außerde sum un Der Ne us:„ fasste Nucenbl hischn 01 Hande Handel! um geg Agrarsel ste sich; bldienen radezu Hande erreicht vereint! Uebergr. 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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 13. der 48 er Märzstürme im Lokale des Genossen Orbig arrangirt. sammlung nahm ein Referat des Gen. Vetters entgegen, der ausführte, daß alle Fortschritte, deren wir uns heute in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erfreuen, erst in heißen Kämpfen den herrschenden Gewalten abgerungen werden mußten. Und diese mäßigen Errungen⸗ schaften werden heute noch stets von der Reaktion bedroht. Redner weist hin auf die Knebelungs— versuche, welche die aufstrebende Arbeiterklasse in den letzten Jahren abzuwehren hatte; die Um— sturz⸗Vorlage, Zuchthausgesetz und jetzt die Lex Heinze seien Beweise dafür, daß der reaktionäre„Ordnungs“brei nichts gelernt und nichts vergessen habe und immer wieder durch brutale Gewaltmittel alle freiheitlichen Bestre— bungen niederzuhalten suche. Umsomehr haben wir die Pflicht, das Banner der Freiheit hoch- zuhalten. Unsere Organisationen müßten geftärkt, unsere Genossen geschult werden, damit die Be— freiung der Menschheit von dem Drucke des Kapitals endlich herbeigeführt werde.„Indem wir vorwärts streben, ehren wir am Besten das Andenken der Märzkämpfer!“ Dem beifällig aufgenommenen Referate folgten Lieder⸗Vorträge des Gesangverein„Eintracht“ und der Bedeutung des Tages entsprechende Deklamationen, mit denen die würdige Feier ihren Abschluß fand. Die Lesehalle in Gießen hat sich in ganz erfreulicher Weise entwickelt. Die Zahl der Mitglieder beträgt über 300. Trotzdem arbeitet der Verein mit Defizit, da die Buchbinderarbeiten große Summen verschlingen. Bedauerlich ist, daß die Leseh elle nicht genug von Wir empfehlen den Be⸗ such bestens. Die Lesehalle ist jeden Abend von Arbeitern benutzt wird. 6 bis 10 Uhr für Jedermann unentgeltlich geöffnet. Es werden auch Bücher in die Wohnung mitgegeben. Im Lesezimmer liegen zahlreiche politische Zeitungen auf, darunter der„Vorwärts“ und die„M. S.⸗Ztg.“ Genesungshäuser in Hessen. * Die„Darmst. Ztg.“ veröffentlicht einen Aufruf, der sich mit einer von der Großher— zogin angeregten Umgestaltung des„Viktoria⸗ Melitta⸗Vereind“ beschäftigt Der Verein soll ein allgemeiner Lande verein zum Bau von Lungen⸗ heilstätten und Genesungahäusern werden und sich die folgenden Aufgaben stellen: 1) für Lungen- kranke des Großherzogtums ohne Unterschied des Standes und des religiösen Bekenntnisses Heil⸗ stätten, 2) allgemeine Genesungsheime zu errichten und zu unterhalten, 3) für hilfsbedürftige Ange⸗ hörige der in die Heilstätten und Genesungsheime aufgenommenen Personen Fürsorge zu üben und 4) den aus Anstalten des Vereins entlassenen Personen zur Erlangung geeigneter Arbeit be⸗ hilflich zu sein. Der Mttglliederbeitrag ist min⸗ destens Mk 2, für Körperschaften, Vereine u. s. w. mindestens Mk. 25. Der vorbereitende Ausschuß fordert die Einwohner des Landes, die Kreise, Gemeinden, Krankenkassen, gewerbliche Unter- nehmen u. s. w. zum Eintritt auf. So anerkennenswert derartige Bestrebungen sind, so unzulänglich sind sie! Wenn wirklich etwas durchgreifendes anf dem erwähnten Gebiete geschaffen werden soll, so muß der Staat ein— greifen, so müssen die so zialdemokratischen Forderungen verwirklicht werden. Zur Wohnungsfrage in Hessen. Im Finanzausschuß der Ersten Kammer wurden am Mittwoch die Anträge der Frei⸗ herren von Heyl und Riedesel betr. Erweiterung des Zweckes der Landeskreditkasse und Errichtung gesunder, kleiner, billiger Wohnungen einer ein⸗ gehenden Besprechung unterzogen, die eine voll⸗ kommene Uebereinstimmung des Ausschusses mit der Regierung im Sinne dieser Anträge ergab. Auch ergab sich die Zustimmung der Regierung zu zwei von dem Ausschuß beschlossenen Reso⸗ lutionen, die die Erbauung von Wohnungen für niedere Bedienstete und Arbeiter der Eisenbahn und die Erweiterung des Wohnungs⸗ gesetzes durch Erlaß besondere Bestimmungen uber die Enteigung von ungesunden und polizeilich Die zahlreich besuchte Ver⸗ stattfinden dürfen. geschlossenen Wohnungen in's Auge fassen. Von der Regierung wurde bei dieser Gelegenheit die Mitteilung gemacht, daß sie sich zur Zeit mit der Prüfung der Frage beschäftigte, ov eine Aenderung der Landeskreditkasse und die Grün⸗ dung einer hessischen Pfandbriefbank unter Be— teiligung des Staates und der Sparkasse des Landes möglich sei, wobei dieser Bank die Be— friedigung des privaten Immobilienkredits mir Annuitätenzwang überwiesen werden würde. Die Gründung der Pfandbriefbank soll einerseits den Staatskredit vor einer auf die Dauer unerträg⸗ lichen Inanspruchnahme für private Kreditbe— dürfnesse bewahren und andererseits die Landes- kreditkasse in ausreichendem Maße kräftigen für die ihr verbleibenden zahlreichen Ausgaben allge— meinen Interesses, zu denen nicht an letzter Stelle die Fördernng des Wohnungswesens Minder— bemittelter zu rechnen ist. Aus Marburg. W. Die zum 18. März anberaumte Fest⸗ Versamm ung zur Märzfeie r wurde polizeilich untersagt, da nach einer uns gänzlich unbekannt gewesenen Verordnung von 1896 Versammlungen an onntagen erft von nachmittags 3 Uhr an Die Parteigenossen hielten an Stelle der Versammlung inen Frühschoppen ab. Nachmittags fand in Ockershausen eine Zusam menkunft der Parteigenossinnen und Genossen statt und verlief die für unseren Genossen Scheidemann arrangierte Abschiedsfeier auf das Schönste. Sogar aus verschiedenen Nachbardörfern hatten die Genassen trotz des schlechten Wetters den sehr beschwerlichen Weg nach Ockershausen nicht gescheut, um an dieser Feier teilzunehmen. Zwei Genossen ge— dachten in warm empfundener Weise der Wirk⸗ samkeit des von uns scheidenden Freundes und riefen ihm namens der Arbeiter des Kreises Marburg herzliches Lebewohl zu. Genosse Scheidemann erwiderte, daß er Marburg gewiß nicht vergessen werde. Wie in Gießen die arbestsreichsten, so habe er in Marburg die schönsten Jahre verlebt. Genosse Scheidemann schloß mit einem Hoch auf die Arbeiterschaft im Kreise Marburg. Bei gemeinsamen Gesängen ver— liefen die Nachmittagsstunden auf das angenehmste. Besonderen Beifall fanden die von unseren länd⸗ lichen Freunden dem Scheidenden zu Ehren ge— sungenen Bauernlieder. Abends fand noch eine gemütliche Sitzung beim„Vater Conrad“ statt, welche wohl allen Teilnehmenden noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Sonntag, 25. März, nachmittags 4 Uhr, findet im Schloßgarten eine Nachfeier des Gewerkschaftsfestes statt. Der Vortrags- künstler Caspar Heyer aus Kassel wird einen Vortrag übern„Freiligrat als Dichter und Mensch“ halten. Hoffentlich sind die organisierten Arbeiter alle auf dem Posten. (Siehe Inserat.) Junkerbundsparade in Marburg. * Im Marburger Saalbau hat der„Provin⸗ zialverein Hessen- Nassau des Bundes der Landwirte seine Generalversammlung abge— halten. Der bekannte Abg. Dietrich Hahn spielte die erste Violine und geigte so, wie es den er⸗ schienenen Landwirten am besten gefiel. In der Diskussion versuchte Herr von Gerlach zu reden, schnitt aver schlecht ab. Wahrscheinlich ging es den anwesenden„Notleidenden“ doch über die Hutschnur, daß ihnen ein„Politiker“ Mores lehren wollte, der selbst Mitglied des Bundes war, bis er hinausg flogen wurde, der gleichzeitig Verleger der national-sozialen Hessi⸗ schen Landeszeitung in Marburg und Redakteur der demokratischen„Welt am Montag“ in Berlin ist. Zahnärztliche Behandlung. „Eine für Krankenkassen wichtige Entscheidung hat der Minister für Handel und Gewerbe einer Mitteilung der„Berliner Wirtschaftl. zahnärztl. Vereinigung“ zufolge unter dem 2. März d. J. gefällt:„Der Herr Minister hat dahin entschieden, daß die Krankenkassen auch bei Zahnkrankheiten verpflichtet sind, die Heilbehandlung der Kassenmitglieder darch approbierte Zahn- ärzte vornehmen zu lassen. Eine Ausnahme hiervon ist nur dann zulässig, wenn das er- krankte Mitglied sich mit der Behandlung durch eine nicht approbierte Person(Zahntech⸗ niker) einverstanden erklärt....“ Ein Mufterantisemit. Aus Hamburg wird berichtet„Der antise— mitische Schriftsteller Alexander Wald wird be— schuldigt, im Jahre 1895 sich hierselbst des Be- trugs und der Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Nach Eingang der hier er- schenenen antisemitischen Zeitung:„Die Abwehr“ gründete der völlig mittellose W. im Jahre 1895 hier die„Norddeutsche Volkszeitung.“ Für dieses Uaternehmen engagierte W. Kassierer, Boten, Expedienten ꝛc., die sämtlich Kaution stellen mußten. Er erhielt im Ganzen etwa 900 Mk. Als Sicherheit für ihre Kautionen gab W. den Engagierten Wechsel in Höhe der hinterlegten Beträge, die das Accept des Goldschmieds Panz und die Indossos eines Möller und Gerner trugen. Als das Erscheinen der W'schen Zeitung schon nach zwei Monaten eingestellt wurde, war W. nicht in der Lage, die hinterlegten Kautionen zurückzugeben. In einem dann gegen ihn ange⸗ strengten Civilprozeß stellte es sich hꝛraus, daß die sämmtlichen Unterschriften auf den Wechseln gefälscht waren. W. zog es dann am 25. November 1895 vor, Hamburg den Rücken zu kehren. Man nahm an, daß er nach Amerika geflüchtet sei. Thatsächlich war er aber seit dieser Zeit unter falschem Namen Mitarbeiter einer Zeitung in Dresden. Dem steckbrieflich verfolgten W. glückte es auch, sich seit 1895 unerkannt und unangemeldet in Dresden aufzuhalten, bis er am 30. Oktober 1899 dort verhaftet wurde. W. räumt ein, sich in der Not der Wechselfälschung und des Betrugs schuldig gemacht zu haben. Er wird zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. 3 Monate der erlittenen Untersuchungshaft wurden in Anrechnung gebracht. Re ehtsspreehung. § Bedenkliche Praktiken moderner Juristerei bringen die Münchener „Neu sten Nachrichten“ an's Tageslicht in der Mitteilung, daß zu einer Frau, die ein Straf— mandat erhalten und dagegen Einspruch er⸗ hoben hatte, einige Zeit darnach ein Schutzmann kam und ihr folgendes Schreiben zur Nachachtung vorlegte:„An die kgl. Polizeidirektion, hier, kurzer Hand mit der Weisung, die Einspruchs⸗ einlegerin zu„belehren“, daß ihr Einspruch aussichtslos erscheint. Dieselbe ist zur Zurücknahme desselben gegen Unter⸗ schrift anzuhalten.— Gez. und ges.: Der Amtsanwalt K. am kgl. Amtsgericht München.“ Das grenzt an vormärzliche Zustände. Erft vor Kurzem wurde es, wie ein Berichter⸗ statter der„Frankf. Ztg.“ hierzu ergänzend be⸗ merkt, offenkundig, daß in Beleidigungsprozessen der Amtsrichter durch einen Schutz nann die von den Parteien vorgeschlagenen Zeugen(Er⸗ klärungszeugen) auf suchen und fragen läßt, was sie von er Sache wüßten. Je nachdem die Meldung des Schutzmanns ausfalle, ordne der Amtsrichter die La ung an oder lehne sie a b.(1) Bei dem Augsburger Krawallprozeß ist es bekanntlich auch herausgekommen, daß die Staat sanwaltschaft oder die Polizei Schutzleute, die Be lastungszeugen waren, zu Ent lastungs⸗ zeugen ins Haus schickte, um sie zu fragen, was sie wüßten. Diese Dinge müssen im bayerischen Landtag zur Sprache gebracht werden. Und unsere Genossen werden mit ihren Ansichten über derartige Juristerei nicht hinterm Berge halten. Kleine Mitteilungen. ** Gießen. Die Strafkammer verurteilte den praktischen Arzt Dr. Friedländer von Bad⸗ Nauheim in der Berufsinstanz wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu zwei Monaten Ge⸗ fängniß. Das Schöffengericht Nauheim hatte vorher nur auf fünf Tage erkannt. Dr. Fried⸗ länder hatte einem Schutzmann in Zivil, der in den Anlagen des Badeortes ihm entgegentrat hat sic zugettage unter ein daß el, a legen ist Frau ni * 9 einem in ist behau schemnende das Hau in der 8 erlaubt das Ver ** U Franffur stütze, d eine neu jähriges fand be blutigen Sache Frau e Die Fi bringen noch au K* 9 ist alz v. minister etwa 4 * Sonnta Kaub Eisenbe vom R der Sc ernor zuschnei das S schon ei K* 0 Vollzor gegen! 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Der Diener des Gesellschaftsvereins, des bekannten„Klubs“, soll Vereinsgelder unter⸗ schlagen haben. Die Richter sind Mitglieder des gesckädigten Vereinz. Der Offtzial⸗Verteidiger des Angeklagten, ein junger Akzessist, erhob die Einrede, daß die fünf Richter der Strafkammer durch die etwaige strafbare Handlung geschädigt seien und daher das Richteramt in dieser Sache nicht ausüben lönnten. Der Fall wurde vertagt Das Oberlandesgericht wird die Rechtsfrage ent⸗ scheiden. * Lollar. Ein schwerer Unglücksfall hat sich am Dienstag auf der Main⸗Weser⸗Hütte zugetragen. Der Arbeiter Wilhelm Becker geriet unter einen Wagen und wurde derart verletzt, daß er am Abend schon seinen Verletzungen er⸗ legen ist. Der Bedauernswerte hinterläßt eine Frau mit 4 Kindern. * Hessische Landeslotterie. In einem in hessischen Zeitungen erschienenen Artikel ist behauptet worden, daß rach der demnächft er⸗ scheinenden Geschäftsordnung für die Kollekteure das Hausieren mit Losen der Landeslotterie nur in der Stadt verboten, auf dem Lande dagegen erlaubt sei. Diese Nachricht ist falsch; das Verbot gilt auch für das Land. * Betbruder. In Niederrad bei Frantfurt a. M. hat eine katholische Ordnungs⸗ stütze, die fleißig zur Kirche ging und auch für eine neue Kirchensteuer eingetreten ist, ein neun⸗ jähriges Mädchen mißbraucht. Die Mutter fand bei der Untersuchung des Kindes noch die blutigen Spuren der Vergewaltigung. Als die Sache ruchbar wurde, bot der Betbruder der Frau erst 250, dann 300 Mark Schweigegeld. Die Frau will die Sache aber zur Anzeige bringen. Bis jetzt befindet sich der Lüstling noch auf freiem Fuße. * Wetzlar. Der Landrat Dr. Goedecke ist als vortragender Rat in das preußische Finanz⸗ ministerium berufen worden. Dr. Goedecke war etwa 4 Jahre als Landrat hier. * Mainz. Hier hat sich in der Nacht vom Sonntag zum Montag der Pionier Klos aus Kaub in der Nähe von Nackenheim durch die Eisenbahn überfahren lassen. Der Kopf wurde vom Rumpf getrennt.— Am Montgg versuchte der Schuhmachermeister Reinhard seine Frau zu ermorden und dann sich selöft den Hals ab⸗ zuschneiden. Beide sind schwer verwundet in das Spital gebracht worden. Reinhard war schon einmal wegen Irrsinns in einer Heilanstalt. * Mainz. In einer sozialdemokratischen Volksversammlung wurde eine Protestresolution gegen die Lex Heinze gefaßt, die u. A. der Erwartung Ausdruck giebt,„die Beratung der Lex Heirze wöge dazu beitragen, daß die Stadt, von der einst das Licht der Buchdrucker⸗ kunst in die weite Welt ging, bei der nächsten Wahl keinen Vertreter einer Partei mehr in den Reichstag entsendet, welche gerade bei diesem Gesetz die Rückständigkeit ihrer Tendenzen so offenkundig enthüllte.“ Vertreter von Mainz im Reichstag ift bekanntlich der Zentrumsmann Schmitt, dem unser Genosse Dr. David bei den letzten Wahlen gegenüberstand. ** Eine gescheiterte Existenz. Vor der Aachener Strafkammer hatte sich ein Referendar, der Sohn eines höheren Beamten in Glogau, zu verantworten. Der Referendar, den ein ganz bodenloser Leichtsinn auszeichnet, fiel im Assessorexamen durch und schied Ende 1898 aus dem Justizdienste aus, um im Spiel sei Glück zu versuchen. Wegen viel⸗ facher Schwindeleien, die er bei Rechts anwälten verübte, erkannte das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, der Staatsanwalt hatte drei Jahre beantragt. Arbeiterbewegung. + Als sehr anständig ist das neueste Ver⸗ halten der ihrer sozialpolitischen Einrichtungen wegen auch in Arbeiterkreisen bestens bekannten Firma Carl Zeiß in Jena zu bezeichnen. Die Fam hat ihre männlichen Geschäftsangehörigen be die Einführung des Achtstundentages abstemmen lassen. Dreiviertelmajorität war zur Bedingung gemacht. Die vorgenommene Ab- stimmung ergab 614 Stimmen für und 105 Stimmen gegen den Achtstundentag, der also an- genommen ist. Die Fragestellung lautete: „Wer traut fich zu und ift zugleich gewillt, in der auf 8 Stunden verkürzten Arbeitszeit bei Lohn und Akkord dasselbe zu leisten wie bei der bis⸗ herigen 9stündigen Arbeitszeit.“ Bei der neuen Arbeitszeit kommen die bisherigen Frühstücks⸗ und Vesperpausen in Wegfall, die Mittagspause ist im Sommer eine 2stündige, im Winter eine 1½stündige.— Wir sind überzeugt, daß sich bei dieser Anordnung der Arbeitszeit sowohl die Firma Zeiß, wie auch deren Arbeiter gut stehen werden. Die Scharsmacherorganisationen sollten sich an dem verständigen Verhalten der Jenenser Firma ein Beispiel nehmen. Einstweilen ist dafür allerdings wohl wenig Hoffnung vorhanden, wie die Berliner Möbelindustriellen klärlich beweisen. Der Wert der Organisation. Der Jahresbericht der badischen Fabrikinspektion ist soeben erschienen. Wie schon früher, wird auch in diesem Bericht darauf hingewiesen,„daß es sehr den Verkehr mit den Arbeitern er leich⸗ tert, wenn sie organisiert sind. Die Vor⸗ ftände, die den Verkehr in der Regel vermitteln, orgen auch dafür, daß eine Vorprüfung der Beschwerden stattfindet und nur begründete Dinge an die Inspektion gelangen. Ganz vor⸗ trefflich bewährten sich die Organisatio⸗ nen durch ihre ruhige und dadurch meist erfolgreiche Leitung von Arbeiterbe⸗ wegungen. Diese Organisationen hätten ein sicheres Gefühl dafür und sie erwürben es sich immer mehr, welche Forderungen der Arbeiter nach der ganzen Lage der Verhältnisse durchführbar seien; sie verschmähten unter Umständen kein Kom⸗ promiß und zeigten sich in kluger Weise allen auf den Schein berechneten Augenblickserfolgen abgeneigt.“— Dieses gerechte Urtheil über die Bedeutung der Arbeiterorganisationen aus dem Munde eines Regierungsbeamten wird den Scharf⸗ machern nicht viel Freude machen. Zum Absechied. Den Parteigenossen ift bekannt, daß vom 1. April ab Genosse F. A. Vetters die Re⸗ daktion der M. S.⸗Ztg. übernehmen wird. Die vorliegende Nummer ist die letzte, die unter meiner Redaktionsführung erscheint. Da drängt es mich, den Freunden und Gesinnungs⸗ genossen in den oberhessischeu Kreisen, in den Marburger und Wetzlarer Bezirken herzlichen Dank zu sagen für treu geleistete Waffen⸗ brüderschaft. Die heftigen Kämpfe, die wir in den letzten fünf Jahren im Interesse des werkthätigen Volkes zu führen hatten, knüpften die Bande treuer Freundschaft zwischen uns immer fester. Und je verächtlicher sich unsere Gegner, von den geistig beschränkten Antisemiten bis zu den hypergelehrt⸗ profitwütigen„Liberalen“ in Wasserstiefeln und Wadenstrümpfen uns gegenüber benahmen, um so fester wurde der Zusammenhalt in unserem Lager. »Die Früchte dieses Zusammenhaltens und Zusammenarbeitens sind nicht ausgeblieben. Von Wahl zu Wahl wuchs das sozialdemokratische Heer an. Und aus der M. S.⸗Ztg., die vor fünf Jahren noch ein gar zartes Kindlein war, das sorgsamster Pflege bedurfte, ist ein kräftiger Bursch geworden, abgehärtet im Kampf mit den Gegnern und gesund an allen Gliedern. Wie oft ist er den Gegnern in die Parade gefahren! Wie haben sie aufgeschrieen, wenn die Hiebe des gesunden roten Burschen hagel⸗ dicht auf sie niedersausten! Und wie oft haben politische Leisetreter vornehm die Nase gerümpft, wenn die M. S.⸗Ztg. nicht wie die Katze um den heißen Brei herumging, sondern die Dinge beim richtigen Namen nannte, offen heraussagte, was war und was ist. In ein Alt⸗Jungfern⸗ Stift sollten die Politikaster gehen, die das Klapperwerk kriegen, wenn man mit einem kräf⸗ tigen Donnerwetter zwischen ihre Leisetreterei und Katzbuckelei fährt.——— Ich durchblättere die sechs Jahrgänge der M. S.⸗Ztg., von denen der erste auf des Gen. Dr. David, die letzten fünf auf mein Konto kommen... Manche schwere Stunde wird mir da in Erinnerung gerufen. Die schweren Zeiten der Wahlkämpfe mit ihren oft übermenschlichen, aufreibenden Anstrengungen lassen mir manche schlaflose Nacht erklärlich erscheinen. Aber wenn ich dann an die wütenden Ausfälle der Gegner erinnert werde, dann sage ich mir: die Hunderte von Volksversammlungen, die im Kreis Gießen abgehalten, die zahlreichen Artikel und Flug⸗ schriften, die verfaßt und verbreitet wurden, sie müssen ihren Zweck erfüllt haben. Woher sonst die grenzenlose Wut der Gegner? Doch lassen wir das. Ich wollte ja nur einige Abschiedsworte sagen. Parteigenossen, nehmt meinen Nachfolger, unsern Freund Vetters, den viele unter Euch bereits kennen, gut auf. Erleichtert ihm die Arbeit durch fleißige Unter⸗ stützung. Er wird seine Pflicht nach besten Kräften thun, thut Ihr die Eure. Und nun: lebt wohl! Bleibt die Alten in Bezug auf die Treue, und suche einer den andern zu übertreffen im Dienste für die Partei. Lebt alle wohl! Gießen, den 23. März 1900. Ph. Scheidemann. Partei⸗Hachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 24. März: Preßkommission(Gießener Mitglieder) abends pünktlich 9 Uhr bei Orbig. Wieseck. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 8 Uhr bei Emil Schäfer.— Es ist dringend notwendig, daß die Genossen die Versammlungen besser besuchen, als in der letzten Zeit. Mit der Versammlungsschwänzerei kommen wir nicht vorwärts. Also, Parteigenossen, seid in der an⸗ gekündigten Versammlung zahlreich und pünktlich am Platze. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends /9 Uhr bei Gastwirt H. Volkmann. Sonntag, 25. März: Friedberg. Wahlvereinsversammlung in der„Stadt Newyork“, bei Jakob Ihl. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Zu⸗ schriften in Parteia igelegenheit sind von jetzt ab nur noch an den Kreis⸗Vertrauensmann August Bock, Gießen, Dammstraße zu senden. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Vilbel. Alle Filialen des Kreiswahlvereins Friedberg⸗Büdingen, weiche noch nicht vom letzten Quartal abgerechnet haben, werden ersucht, sobald wie möglich die Abrechnung einzusenden, da in nächster Zeit die Generalversammlung des Kreiswahlvereins und die Kreiskonferenz zusammen stattfinde. Der Vorst and. Glänzende Siege erfochten unsere Genossen bei den Gemeinderats-Wahlen in Weißensen und Pankow. Im ersteren Orte wurden drei, im letzterem zwei unserer Kandidaten mit großer Mehrheit gewählt. Letzte Nachrichten. Reichstag. Donnerstagssitzung. Der Reichstag wies die Uebersicht der Reichsaus⸗ gaben und Einnahmen für das Rechnungsjahr 1898 auf Antrag unseres Genossen Singer an die Rechnungskommission zurück. Abg. Singer begründete seinen Antrag damit, daß in der Uebersicht 40000 Mark für den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Bülow anläßlich der Orieutreise des Kaisers als Etat⸗ überschreitung angegeben seien. Das sei unzulässig, da die Reise eine Privatsache des Kaisers und seines Gefolges sei. Burenkrieg. Der„Frankf. Ztg.“ wird berichtet: Kroonstadt, 22. März. General Gatacre wurde bei Bethulie von den Buren unter großen Verlusten zurückge⸗ schlagen. Viele Engländer wurden gefangen. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 13. Anterhaltungsteil. Das Mutterherz. Am Ort, wo meine Wiege stand, Has ich ein Heiligtum, as geb' ich nicht für Edelstein, Für Ehr' und eitel Ruhm. Dort bin ich aller Sorgen frei, Dort ruht es sich so süß, O, liebes, treues Mutterherz, Du bist mein Paradies. Am Ort, wo meine Wiege stand, Erblüht mein erstes Glück. Drum zieht es mich aus weiter Fern' Nach diesem Ort zurück. Ob ich auch heute nicht bei Dir, Ob ich dich auch verließ— O, liebes, treues Mutterherz, Du bist mein Paradies. Am Ort, wo meine Wiege stand, Möcht' ich begraben sein. 8 Ihm möcht' ich noch den letzten Blick, Die letzte Thräne weih'n. Dann ruht ich dort, wo einst ein Herz Mit Wehmut mich entließ— O, liebes, treues Mutterherz, Du bist mein Paradies. Die KNanargevs gel. Von Friedrich Stoltze.“ „David“, hat e Prinzipal zu sei Kommis gesacht,„David“, hat er gesacht,„gehe Se doch emal gleich ehinner ins„Brauafels“ im Rutt⸗ mann sei Versteigerung un kääfe Se mer die zwää Kanargevögel. Gucke Se, hier steht's im „Wocheblättche“, gucke Se, hier:„1 Opern⸗ gucker, 2 Kanarienvögel und sonstige Küchen⸗ gerälschasten“. Behalte Se awwer Ihre Kondor⸗ rock aa mit dem Loch im Ehleboge, da kriche Se's billiger.“ Und der David is gange ehinner ins Braun⸗ fels im Ruttmann sei Versteigerung iu seim Kondorrock mit dem Loch im Ehleboge un mit der Fedder hinnerm Ohr, damit er sich's nodirn könnt, wann er's vergesse dhet. Un der David is doch grad recht komme, denn der Herr Rutt⸗ mann hat doch grad ausgerufe:„Zwei Kanarien⸗ vögel“.—„Aha“, hat der David gesach, un hat sich dorchgedrückt dorch de Leut mit seim Ehleboge. Er hat doch e Loch drin gehabt, was kann em da bassiern?— „Einen Gulden!“ hat der Herr Ruttmann ausgerufe,„einen Gulden!“ „Behalte“, hat der David gesacht,„behalte!“ „Einen Gulden zum Erschtenmal.“ „Zwää Gulde!“ hat's awwer da von ganz hinne aus de Leut evorgerufe:„Zwää Gulde!“ „Drei Gulde!“ hat der David gesacht. „Drei Gulde zum Erschtenmal!“ „Vier Gulde!“ hat's widder von hinne evor— gerufe. „Finf Gulde!“ inf Gulde!“ „Sechs Gulde!“ „Sechs Gulde? Siwe Gulde!“ „Sieben Gulde zum Erschtenmal.“ „Acht Gulde!“ Nei Gulde!“ „Acht Gulde? „Zeh Gulde!“ „Wart“, dacht der David,„ich kriech der! — Zwölf Gulde!“ „Zwölf Gulde zum Erschte!“ „Dreizeh Gulde!“ „Dreizehn Gulde zum Erschte! Zum Zweite, hat der David gesacht, zum— „Verrzeh Gulde!“ hat der David gesacht, awwer schon e bissi kläälaut. „Sechs zeh Gulde!“ „Sechszeh Gulde!“ hat der David zu sich selwer gesagt, „sechszeh Gulde? For zwää * Aus Friedrich Stoltzes Werken. Verlag von Heinrich Keller, Frankfurt a. M. Kanargevögel?— Da muß ich ehrscht mei Prinzipal frage. Sechszeh Gulde for zwää Kanargevögel, die doch noch nix weiter geschlage hawwe, als wie mit de Schwänz widder de Käwig.“ Un der David hat sich widder aus de Leut erausgearweit mit seim Ehleboge mit em Loch drin. Da kann widder nix bassiern. Un der David is zu seim Prinzipal gelääfe un hat ge⸗ sacht:„Herr Prinzipal“, hat err gesacht,„sechs⸗ zeh Gulde sin gebotte, soll ich weiterbiete?“— Un da hat der Prinzipal gesacht:„Sechszeh Gulde, David? Sechszeh Gulde? Bist de me⸗ schucke? Sechszeh Gulde? E ganz Roll for zwää Roller? Nor net!“— Un wie des der Prinzipal kaum gesacht hat, is doch die Kondor⸗ dhier uffgange un erei is komme Meyer, e an⸗ nerer Kommis vom Kondor un hat in der Hand getrage en alte Käwig mit zwää Kanargevögel un hat gerufe:„Vivat! Da sin se!“— Un da hat der Prinzipal zu Meyer ganz verwunnert gesacht un net ohne Vorwurf in der Aussprach un Geberd:„Meyer, hawwe Sie die zwää Kanargevögel kääft vor sechszeh Gulde? Ferchte Sie sich net der Sind un der Schand an Ihr'm Salair?“— Un da hat amwwer der Meyer noch verwunnerter gesacht:„Ich?— wie haißt: ich? — Sie hawwe kääft! Sie!“—„Was?“ hat awwer der Prinzipal widder gesacht,„was, Meyer? Ich? Ich hab' se kääft? Ich? Hab' ich Ihm des gehääße?“ „Gehääße? Nää! Awwer Ihr Herr Assossje, Ihr Herr Bruder hat mer's gesacht,„Meyer, gehn Se ehinner ins„Braunsfels“ in dem Ruttmann sei Versteigerung un kääfe Se mer die zwää Kanargevögel for mein Bruder; er will se doch.“— Un da haw' ich se kääft, un da— sin se!“— „Da sig se? For sechszeh Gulde? Sin Se narrig, Meyer, Sin Se bestußt? Ich hab doch extra den David higeschickt in sei Kondorrock mit dem Loch im Ehleboge, daß err se billiger kricht, un jetzt mache Se mer e Loch in Sack!“— „Ja, Herr Prinzipal“, hat awwer da der Meyer gesacht,„wann Se den David net hi⸗ geschickt hatte, hätt ich se billiger kricht; er hat merr bis uff sechszeh Gulde enuffgebotte.“ Un wie des der Meyer gesacht hat, hat uff äämal der Lehrling hinne an seim Pult anfange zu lache, ganz laut zu lache. Un der Prinzipal hat sich erumgedreht nach dem Lehrling un hat gesacht:„Was lache Se, Hersch, wie e Esel? Was is da zu lache?“— Un da hat der Lehr⸗ ling nor nach lauter gelacht. Da is awwer der Prinzipal sehr ärgerlich worn un hat gesacht: „Lausbub, lache Se iwwer mir? Wie könne Se lache, Hersch? Wie könne Se sich unner⸗ steh, zu lache? Heh?“ Un da hat awwer der Hersch widder gesacht: „Warum soll ich net lache? Ich känn doch lache! Ich hab doch die zwää Harzer in ere Verlosung gewonne. Es sin doch zwää Weiwer⸗ cher, un da hab ich se dem Ruttmann in de Versteigerung gewe. Ich känn doch lache!“ Un da hat der Prinzipal ganz verwunnert gesacht:„Zwää Weibercher, ääch noch? Känn mer mit dem Harz so viel Bech hawe!“ Die Liebe. Beleuchtet durch zwei Briefe. Im Salon weinte das gnädige Fräulein, als wolle ihr das Herz entzwei gehen, und in der Küche schluchzte die Mali in so elementar⸗ gewaltigen Naturlauten, daß das Blechgeschirr an den Wänden mitklirrte. Vor Fräulein Lore lag ein Brief und vor der Mali lag auch einer. Der erstere war durch eine Grafenkrone gekennzeichnet und der letztere durch einen Tintenklex oder zweie. Das gnädige Fräulein wurde von der Frau Mama getröstet, und der Mali sprach die Hausmeisterin zu, und dem Gehege ihrer Zähne entflohen die Worte: „Hören Sie zu heulen auf! Die Mannsleut' sind Luder, einer wie der andere!“ Der Brief, über welchen Fräulein Lore so bitterlich weinte, war an ihren Papa gerichtet und lautete: Sehr geehrter Herr Rat! Zu meinem tiefen Bedauern zwingt mich unsere gestrige Unterredung, ein Verhältnis ab⸗ zubrechen, dem Sie die nötigen materiellen Grund⸗ lagen nicht zu geben gewillt sind. Ich hatte erwartet, Sie würden einsehen, daß ein Mann von meinem Range von dem Wenigen, was Sie Ihrer Tochter aussetzen, seine Familie nicht standesgemäß erhalten kann und daß Ihre Zu⸗ mutung, ich solle mir durch eine bürgerliche Thätigkeit die fehlenden Summen dazu erwerben, kaum ernsthaft genommen zu werden verdient. Ich hoffte ferner, Sie würden begreifen, daß ein Mann, wie ich, sich nicht ein Jahrgeld, gleich einem Almosen aussetzen lassen kann, son⸗ dern als Edelmann die Ueberantwortung des Vermögens seiner Frau verlangen muß. Sie haben meine Hoffnungen enttäuscht und mich zu der Erkenntnis kommen lassen, daß ich im Be⸗ griffe war, die Würde meines Stammes durch eine Verbindung zu gefährden, die ich hiermit, wenn auch mit blutendem Herzen löse. Ich er— suche Sie, Ihrer Fräulein Tochter hiervon ge⸗ ziemend Mitteilung machen zu wollen. Was die mir gelegentlich gemachten Vorschüsse betrifft, so werden Sie einsehen, daß die mir aus den nun vergeblichen Vorbereitungen zu der geplanten Vermählung erwachsenen Kosten jene Beträge reichlich aufwiegen, und ich erwarte, daß Sie sich wenigstens in diesem Punkte gegen mich kavaliermäßig benehmen werden. Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß. in dieser, nun abgethanen Angelegenheit, mir die Wahrung vollkommener Diskretion genz besonders im Interesse Ihrer Tochter zu liegen scheint. Mit ausgezeichneter Hochachtung Adolf Graf Glattwitz, auf Stranchau. Der Brief, über welchen die Mali so heiße Thränen vergoß, war an sie selbst adressiert und hatte folgenden Inhalt: Teuere Mali!! Wen es dabei bleibt und Du so gemein bist und Dein Sbarkassenbuch nicht anrühren willst damit ich jez schon ein Gescheft anfangen und meister wern kan und dich dan in ein bar Jahr geheirat hädde so mag ich von dir nix mehr wissen und wenn ich dich einmal erwischen tu so wart nur. Aber wie ist es denn zwegen den Kosten die ich mit dir gehabt habe du glaubs doch nicht das file Gelt zum Fenster hinaus werfe und erwarte das ich bis morgen Abent Ales wider habe sonst warte nur! Es sind 26 Mark und 10 Fenig. Also sei so gut und bezahl nur wogegen wir uns bein Gericht wiedersehn und du kannst schön eingesperrt wern wegen bedriegerischen Schulden⸗ machen. Adjes. Ich hädde Dich nicht für so schlecht gehalten. Aus ist's dein dich libender Kaspar Schmidt. Schlossergehilfe. Gentlemen— was? Sprüche zur Lebensweisheit. Wohl besser ist's, ohn' Anerkennung leben Und durch Verdienst des Höchsten wert zu sein, Als unverdient zum Höchsten sich erheben, Groß vor der Welt und vor sich selber klein. Bodenstedt. * Wahre Freunde nennt man solche, Die vom Bösen fern uns halken, Aber mit bedächt'gem Sinne Für des Freundes Vorteil walten; Das Geheimnis treu verbergen, Nur das Gute laut verkünden; Wenn es Zeit ift, gerne helfen Und im Unglück nicht verschwinden. Bhartrihari. * Ihr braucht nicht erst zu lernen, daß ihr viel Feinde habt, die selbst nicht wissen, weshalb sie's sind, die nur Dorfhunden gleich mitbellen, weil Shakespeare. gebellt wird. 1 Il U Wenn konfitmit Sie Ihte welcher U dieselbe Mann 5 glaubwür vorousseh In den Lb da wirst Hanst und abe billigsten ebenso e sen, W fel, Ci Krage und Ste Nach feinste ler währt Direk Zusch und 128 Rock, 1 Paa feine Die] iago garn Prachtn en jene erwarte, te gegen am, daß mir die esonders eint. witz, so heiße jert und ein bist n willst en und ar Jahr ix meht schen tu zwegen habe du Fenster morgen I! Es gen Wir st schön schulden⸗ schecht midt, lfte. — — ͤeil. en zu sein, fein lebt. Nr. 13. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Conlbir- Maänden Kleider! Wenn Sie einen 5 zu konfirmiren haben, so fragen Sie Ihren nächsten Nachbar, welcher im verflossenen Jahre 28 dieselbe Freude hatte. Dieser J Mann wird Ihnen, wenn er glaubwürdig ist, was man voraussetzt, sagen: In den Oberhessischen J Kleider- Bazar a s da gehe hin! da wirst Du reell bedient, da kannst Du Dir unter 100 und aber 100 Anzügen, vom billigsten bis zum 17 ebenso einzelne Röcke, Ho⸗ sen, Westen, Hüte, Stie⸗ fel, Cravatten, Hemden, Kragen etc. etc. für Land und Stadt passend aussuchen. Nach Maaß werden die feinsten Anzüge in eige⸗ ner Werkstätte von be⸗ währten Kräften unter Direktion eines tüchtigen Zuschneiders angefertigt und auf Verlangen nach 12 Stunden abgeliefert. Rock, Hose und 1 1 Paar Sttefel 5 3 1 feiner Hut 0 Die sehr beliebten blauen Digagoual⸗ und Kamm⸗ garn ⸗ Anzüge sind in Prachtware am Lager. 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