a Nr. 26. Gießen, Sonntag, den 24. Juni 1900. 7. Jahrg. Redaktion: 9 Redaktionsschluß: Surchenplaß 11 Sghloßgasse Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. e Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt⸗ Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Druckerei, Neuenweg 28, jede Post die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. Partrigrunen, rande! Mit der vorliegenden Nummer schließt das zweite Quartal des siebenten Jahrgangs der mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung. Wie seit ihrem Bestehen es stets der Fall gewesen, so wird sie auch fernerhin die Ver⸗ tretung der Interessen der besitzlosen Klassen nach jeder Richtung hin wahrnehmen. Sie wird stets die Beutepolitik des Kapitalismus, in welcher Form diese auch immer zutage treten mag, beleuchten und bekämpfen. Sie wird, soviel in ihren Kräften steht, sich bemühen, über die politischen und wirtschaft⸗ lichen Verhältnisse Aufklärung zu verbreiten. Damit sie aber diese Aufgabe erfüllen kann, ist die unabläßsige Mitarbeit aller Genossen notwendig. Deren unabweisbare Pflicht ist es, für die größtmöglichste Wer⸗ breitung ihres Blattes zu sorgen. Und diese Pflicht zu erfüllen, ist jedem Genossen möglich. Mit geringer Mühe und ohne finan⸗ zielle Opfer kann ein jeder sehr wirksam für die Sache aller Unterdrückten arbeiten, wenn er im Kreise seiner Bekannten, Freunde und Kollegen Abonnenten für unser Parteiorgan wirbt! Mache es sich jeder Genosse zur Aufgabe, wenigstens einen neuen Abonnenten unserem Blatte zuzuführen! Ueber die Bedeutung der Parteipresse für die Arbeiterbewegung brauchen wir kein Wort zu verlieren; wir brauchen auch nicht auseinander- zu setzen, von welch' hohem Werte ein Arbeiter⸗ blatt für die im Kampfe um bessere Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen stehenden Proletarier ist. Alles dies wissen unsere Freunde sehr wohl, aber einen großen Teil ihrer Klassengenossen gilt es noch aufzuklären! Und hierbei müssen Alle mitarbeiten! Also an die Arbeit, Freunde! Nützt die wenigen Tage bis zum Beginn des neuen Quar⸗ tals gehörig aus! Thut, was in Euren Kräften steht und benützt jede Gelegenheit, unsere Sache zu fördern! In keinem Arbeiterheim darf die Mikteldeutsche Lonntags Ztg. fehlen! Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Ztg. erscheint wöchentlich einmal und kostet frei ins Haus ge⸗ bracht monatlich nur 25 Pfennige. Durch die Post bezogen kostet die Zeitung 90 Pfennige 10 U 1 durch die Expedition eine Mark vierteljährlich. Unsere Postabonnenten ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zustellung keine Verzögerung eintritt.— Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß jetzt alle Briefträger Zeitungsbestellungen entgegennehmen, man also nicht gezwungen ist, sich deswegen nach dem Postamte zu bemühen. Alle Auskunft wegen Bezug der Zeitung erteilt unsere Expedition, Sonnenstr. 25 in Gießen. Man verlange Probenummern! Landtag und Finanzminister in Hessen. Der Finanzausschuß der zweiten Kammer hat, so schreibt unser Offenbacher Parteiorgan, die Nebenbahn⸗Vorlage des Finanz⸗ ministers Küchler, nicht, wie dieser es offenbar gewünscht hat, noch in diesem Frühjahr erledigt, sondern die Beratung derselben für den Herbst zu⸗ rückgestellt, weil er sich nicht kurzer Hand damit einverstanden erklären wollte, unter namhafter Subvention einer Privatbahnge⸗ sellschaft— in der Vorlage werden dafür 1800 000 Mk. verlangt— das Prinzip der Ueberweisung der Klein- bezw. Nebenbahnen an Private zu stärken und die Ausbeutung der Lokal⸗Verkehrswege in die Hände der Privat⸗ spekulation zu legen. Diese Stellung des Finanzausschusses hat schon in der Kammer Anlaß zu Erörterungen egeben. Die von den in der Vorlage gebotenen Bahnen interessierten Abgeordneten suchten dem Finanzausschuß Vorwürfe wegen der Verzögerung in der Erledigung der Vorlage zu machen und der Finanzminister Küchler ging sowelt, ein Schreiben an den Finanzausschuß zu richten, in welchem er diesem den Vorwurf der Verschleppung macht und ihm die Ver⸗ antwortung für die Schädigung der be- theiligten Landesteile aufbürdet. Dieses Schreiben wurde nun, noch bevor die Mitglieder des Finanzausschusses Kenntniß davon erhalten hatten, in der„Darmstädter Zeitung“ wörtlich abgedruckt und von der Presse im All⸗ gemeinen kommentiert, sodaß der Ausschuß sich gezwungen sah, Stellung gegen dasselbe zu nehmen. Derselbe erläßt nun eine ausführliche Er⸗ klärung, der wir Folgendes entnehmen. „Der 31. Landtag wurde am 20. Dezember v. J. eröffnet. Alsbald nach der Eröffnung gingen dem Landtage eine Reihe von Regierungs⸗ vorlagen zu, unter denen sich auch die betr. die Herstellung mehrerer Nebenbahnen befand. Eine große Anzahl dieser Vorlageu war als sehr dringlich bezeichnet und bezüglich ihrer von der Regierung um baldigste Ecledigung ersucht worden. Bei der Nebenbahn vorlage war dies nicht der Fall. Der 1. Aus⸗ schuß der II. Kammer tagte am 24. Januar und 1. Februar 1900, um die als dringlich bezeich⸗ neten Angelegenheiten zu erledigen, die dann im Plenum der Kammer in der Zeit vom 13.— 23. Februar verabschiedet wurden.“ Das Schreiben zählt dann weiter die vom Finanzausschuß erledigten Vorlagen auf, von denen ein Theil von der Regierung als dringlich bezeichnet war, erwähnt, daß zu der Nebenbahn⸗ vorlage Anträge einliefen, die für die Be⸗ ratung und Beschlußfassung von Bedeutung waren und konstatiert: „Der erste Auschuß ist hiernach an die Beratung der hochbedeutsamen Vorlage her angetreten, sobald er nach seiner Geschäfslage dazu im Stande war.“ Bei der Wichtigkeit der in der Nebenbahn⸗ vorlage enthaltenen prinzipiellen Fragen der Uebertragung von Nebenbahnen an Eisenbahn⸗ anstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung -K. 4312 a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. unternehmungen und in Rücksicht auf die inzwischen eingelangten Anträge, heißt es in der El klärung weiter, war es Pflicht des Aus- schusses, die Vorlage nach allen Seiten und auf das Eingehenste zu prüfen und für thunlichste Klarstellung aller in Betracht kommenden Ver⸗ hältnisse Sorge zu tragen. Daß auch die Groß⸗ herzogliche Regierung eine weitere Aufklärung für dringend notwendig erachtete, geht gerade aus dem oben angegebenen Schreiben Großher— zoglichen Ministeriums der Finanzen vom 29. Mai hervor, welches als eine Ergänzung der Begründung zu der Nebenbahn⸗ vorlage bezeichnet ist, die nötig war, weil die ursprüngliche Begründung vielfach mißver⸗ ständlich war. Sie enthält wichtige neue und aufklärende Gesichtspunkte, die der Ausschuß bei der späteren Behandlung der Sache in eingehender Weise erörtern wird. Da diese Klarstellungen Mitte Mai, als der Ausschuß sich mit der Nebenbahnvorlage be— schäftigte, nicht erfolgt waren und zum Teil heute noch ausstehen, entschloß sich der Ausschuß, da die Erledigung der Vorlage durch beide Kammern in der Sommertagung ausgeschlossen war, die weitere Beratung im September stattfinden zu lassen. Aus dem Mitgeteilten geht zur Genüge hervor, daß von einer Verschleppung der Angelegenheit ab⸗ solut keine Rede sein kann. Der erste Ausschuß müßte es mit der Regie⸗ rung auf das tiefste bedauern, wenn der Bau der in der Vorlage enthaltenen Bahnen auf eine unbestimmte Zukunft verschoben werden würde, allein hiervon ist nie, am allerwenigsten im Ausschuß je die Rede gewesen. Noch mehr aber hätte er es bedauern müssen, wenn die Vorlage infolge mangelhafter Vor⸗ bereitung durch den Ausschuß Gefahr ge⸗ laufen wäre, von dem Plenum der Kammer überhaupt völlig abgelehnt zu werden. Auch von einer Verantwortung des Aus⸗ schusses für eine Schädigung der beteiligten Landesteile, wie derjenigen des Odenwalds und des Vogelsbergs kann im Ernst nicht gesprochen werden. a In einer sachgemäßen, eingehen⸗ den und erschöpfenden Behandlung einer Regierungs vorlage durch einen Ausschuß kann niemals eine Schädi⸗ gung einzelner Landesteile erblickt werden.“ Eine solche trete aber auch gar nicht ein, wenn die Vorlage erst im Herbste zur Verab⸗ schiedung gelange. Denn bekanntlich werde oft erst mehrere Jahre nach Bewilligung einer Bahnlinie mit der Ausführung derselben begonnen. Die Bahn Nierstein⸗Undenheim sei 1897 genehmigt und erst im Jahre 1899 ausgeführt worden, während an der Bahn Worms⸗Gundheim, die 1895 bewilligt wurde, bis jetzt noch kein Spatenstich geschehen sei! Die Erklärung schließt: „Daß es hiernach, auch abgesehen davon, daß die Vorlage noch weiterer Beratung bedarf. bedeutungslos ist, ob die Vorlage im Juni oder im Oktober verabschiedet wird, bedarf keines weiteren Wortes. . 2 —— S Se 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 26 Der Ausschuß muß hiernach den Vorwurf der Verschleppung der An⸗ gelegenheit, sowie den Versuch einer Aufbürdung einer Verantwortung für eine angebliche Schädigung ein⸗ zelner Landesteile auf das aller⸗ entschiedenste zurückweisen.“ f Damit ist ein Konflikt zwischen dem Fin anz⸗ minister Küchler und dem Finanzausschuß der zweiten Kammer gegeben, dessen Abschluß bei der impulsiven Natur des Herrn Küchler nicht vor⸗ auszusehen ist. Sollte er auf diese Abwehr des Ausschusses im Tone seines Angriffs antworten, meint das„Offenb. Abendbl.“, so könnte die Reserve, welche sich der Ausschuß auferlegt, sehr leicht ⸗bei Seite gesetzt werden, und ein lebhafter Austausch der beiderseitigen Anschauungen zu er- warten sein. In diesem Falle dürften auch die einzelnen Mitglieder des Ausschusses persönlich hervortreten und aus ihrer Auffassung der Sach⸗ lage kein Hehl machen, was sicher zu interessanten Ausauseinandersetzungen führen wird. Warten wir also ab, was Excellenz Küchler g jetzt thut! Politische Rundschau. Gießen, 22. Juni. Die Milliardenflotte genügt noch nicht. Von unserer Seite ist stets behauptet worden, daß es bei den bisherigen Bewilligungen für die Flotte nicht bleiben werde und daß immer neue Opfer für die Weltmachtspolitik gefordert werden würden. Wie recht wir damit hatten, beweisen die neuerlichen Aeußerungen Wilhelms II. So heißt es in einem Telegramm an den Nord- deutschen Lloyd: „Nun aber unermüdlich weiter, daß die begonnene Arbeit auch bald vollendet wird. Dann wollen wir auf dem Wasser Frieden gebieten.“ Das kann man nur, wenn man der Stärkste auf dem Wasser ist. Mit 4 Geschwadern sind wir das aber noch lange nicht. Also ergiebt sich aus dem angeführten Telegramm unzweifel⸗ haft die Absicht, noch weitere große Schiffsforde⸗ rungen zu stellen.— Ferner sagte Wilhelm II. in einer Rede bei der Eröffnung des Elbe⸗Travekanals in Lübeck unter anderem: „Zuversichtlich hoffe ich, daß unter meinem Schutze Lübeck sich weiter entwickeln wird. Ich würde diese Hoffnung nicht mit der Freudigkeit aussprechen können, wenn ich nicht jetzt vor Ihnen stünde, freudig gehoben, daß wir die Aussicht haben, einmal eine deutsche Flotte zu bekommen. Für eine Seestadt kann der Kaiser nur dann den Schutz über⸗ nehmen, wenn er ihre Flagge, sei es die lübische, sei es die hamburgische, sei es die bremische, sei es die preußische, bis in die entferntesten Fernen der Welt durch seine Kanonen schützen kann. Möge es uns denn vergönnt sein, durch den Ausbau unserer Flotte nach außen den Frieden miterhalten zu können, und möge es uns ge⸗— lingen, durch den Ausbau unserer Kanäle im Innern die Erleichterung des Verkehrs zu er reichen, deren wir bedürfen!“ Man beachte die Form:„Wir haben Aus- sicht, einmal eine deutsche Flotte zu bekommen“; dem deutschen Sprachgebrauch entspricht es, daß man das Wort„einmal“ in dieser Weise nur auf entfernt liegende Dinge anwendet. Daraus ergiebt sich: Die jetzige Flottenbewilligung be⸗ trachtet der Kaiser keineswegs als Verwirklichung des Flottenplanes.„Wir werden einmal eine Flotte haben“, das bedeutet, demnächst wird eine neue Flottenvorlage eingebracht, die eine Verdoppelung der jetzt bewilligten Schiffs⸗ Elen. bringt. Der Appetit kommt mit dem en. Belohnungen. Aus Anlaß der Flottenbewilligung ist, wie der„Reichsanzeiger“ mitteilt, der Staatssekretär Tirpitz in den erblichen Adelstand er- hoben worden. Außerdem hat sich ein Ordens⸗ regen über die Marine Offiziere und Beamten ergossen. Zivilisten finden wir keine in der Liste der Dekorierten; doch wird der materielle Lohn für die höhere Bourgeoisie auch nicht ausbleiben. Durch die Flottenvermehrung werden eine große Anzahl neuer Offiziersstellen geschaffen und die Flottenlieferanten heimsen gewaltige Profite ein. Aber daß gerade diejenigen, welche in erster Linie dem Flottenrummel zum günstigen Abschluß verhalfen, die auserlesenen Förderer der Welt⸗ machtpolitik, die Herren Müller-Fulda und Gröber leer ausgegangen sind, muß mit Be⸗ dauern vermerkt werden. Und der Flottenmüller hat sicher mehr Anteil am Zustandekommen des Flottengesetzes, als Admiral Tirpitz.— Auch die Thätigkeit der nationalsozialen Agi⸗ tatoren, die sich für die Flotte bald die Lunge wund geredet haben, sollte doch gebührend an⸗ erkannt und entsprechend belohnt werden! Abg. Köhler und die Flottenvorlage. Bei der Abstimmung über die Flottenvorlage hat sich der antisemitische Reichstagsabgeordnete für Gießen wiederum gedrückt. Der gute Mann glaubt sich auf diese Art am besten vor Angriffen schützen zu können; den Flotten⸗ gegnern kann er mit gutem Gewissen sagen, daß er nicht für die Flotte gestimmt habe, während er ebenso ruhig und nicht minder wahr den Flottenfexen erklärt, daß es ihm ja nie ein⸗ gefallen sei, gegen die Flotte zu stimmen! Diese Stellung entspricht auch so ziemlich der⸗ jenigen seiner Partei, die in ihren Preßorganen die Flottenvorlage bekämpfte, während ihre Abgeordneten, soweit sie anwesend waren, dafür stimmten. Klare Politiker, diese„teutschen Männer!“ Teutsche Schwindelei. Von dem antisemitischen Organ in Offenbach wurde kürzlich auf den 31. Mai als den Tag aufmerksam gemacht, da vor zehn Jahren Dr. Böckel zum erstenmale in einer Versammlung in Trebur aufgetreten sei und Böckel wie folgt gelobhudelt: „... Als zwei Jahre später am 29. Mai hier das erste Mitteldeutsche Bauernvereinsfest abgehalten wurde, da erhielt Dr. Böckel bei seinem Einzuge, der einem wahren Triumph⸗ zuge glich, von den Jungfrauen Treburs einen prachtvollen Lorbeerkranz über⸗ reicht als Verdienst, den sich der mutige Führer in schwerem Kampfe für den Bauern⸗ stand errungen hat. Durch Familienver⸗ hältnisse war er leider gezwungen, seinen Wirkungskreis zu verlassen und siedelte von Marburg nach Berlin über, wo er einige Zeit der Politik entsagte. Heute sehen wir ihn aber, den alten Kämpfer und Rufer im Streit, wie er im deutschen Volks⸗ bunde zu Berlin fortwährend Versammlungen abhält und als außerordentlich begabter Redner gefeiert wird. Ja, wir hoffen und sehen die Zeit nicht mehr fern, wo der von uns so geachtete und verehrte deutsche Mann uns wieder zu dem heiligen gerechten Kampfe aufrufen wird gegen unseren Erb⸗ feind, das alles verpestende internationale jüdische Gaunertum. Das walte Gott—“ Wer lacht da nicht?! Derartigen Schwindel wagt das Blatt der Hirschel und Köhler seinen Lesern aufzutischen, während doch fast jedes Kind in ganz Hessen weiß, daß Böckel keineswegs „durch Familienverhältnisse“ zur Flucht nach Berlin gezwungen wurde, sondern daß ihn die⸗ selben Leute, die ihn hier in so ekelhafter Weise anschmusen, die Köhler, Hirschel ꝛe. abgesägt und hinausgegrault haben. Und dieselben Leute erklärten damals, daß sie aus Schonung für Böckel die Gründe ihres Vorgehens gegen ihn nicht öffentlich darlegen könnten, weil er sonst moralisch ruiniert wäre! Wie nun? Hat sich Böckel gebessert oder sind die anderen auf ihn heruntergekommen?— Wir verstehen es nun, wenn Böckel seinerzeit gesagt haben soll, daß ihm der schmutzigste polnische Jude lieber wäre als gewisse seiner Parteigenossen. Wir können uns auch denken, wen er damit gemeint hat. Diäten ⸗Sehnsucht. Durch Nichtgewährung von Tagegeldern an N it diese bi Reichstagsabgeordnete glaubte man in erster Linie die Sozialdemokratie aus dem Parlament fernzuhalten. Diese hat jedoch die Schwierigkeit spielend überwunden und bürgerliche Parteien empfinden den Mangel an Diäten weit mehr, wie folgende Aeußerung der agrarischen„Deutsch. Tagesztg“ zeigt:„So kann es nicht weiter gehen. viele Reichsboten, die vor zwei Jahren mit frischen Hoffnungen und Kräften in den Reichs⸗ tag eintraten, beginnen jetzt schon die Lust zu verlieren. Es werden sich, wenn die Sache so fort geht, immer weniger Männer finden, die bereit sind, das große Opfer einer Reichstags⸗ kandidatur zu bringen.“ Es sei zu viel verlangt wenn man den Abgeordneten zumuthet, vom November bis in den Juni hinein ohne Tage- gelder mit wenigen Pausen in Berlin bei der gesetzgeberischen Arbeit zu sein.„Die Ein⸗ führung von Tagegelder oder Anwesenheitsgeldern wird sich nicht umgehen lassen. Es wäre dringend zu wünschen, daß die verbündeten Regierungen den Widerstand gegen diese Einführung aufgeben möchten, der ja sachlich und innerlich jetzt nicht mehr berechtigt ist.“ Kaiserliche Schiffe. Speziell für den Kaiser ist, wie man dem „Vorw.“ aus Kiel schreibt, neben der„Hohen⸗ zollern“ wieder ein anderes Kriegsschiff einge⸗ richtet worden. Es ist dies das neueste Torpe⸗ doboot, welches den Namen„Sleipnir“ erhalten hat anstatt„8, 97“. Es soll der„Hohenzollern“ als Tender attachiert werden, zum An- und Von⸗ bordgehen, für Fahrten auf Flüssen und in engen und flachen, von der„Hohenzollern, nicht zu besuchenden Fjorden an der norwegische n Küste usw. dienen. Und dieser Aufgabe gemäß ist denn der„Sleipnir“ eingerichtet. Das Schiff ist, abweichend von den bisherigen Topedobooten, auf dem Hinterdeck mit einem Pavillon versehen und weiß gestrichen. Traurige Hanswürste. Dem Genossen Liebknecht hat seine letzte vortreffliche Reichstagsrede die übliche Flut von Schimpf⸗ und Drohbriefen eingebracht. Die meisten sind unterzeichnet„Ein deutscher Mann“ oder„Deutsche Männer“. Einer ift auch ein „teutscher Mann“. Keiner der„deutschen“ oder „teutschen“ Männer hat aber seinen Namen ge⸗ nannt. So weit reichte der Mut nicht. Not und Verbrechen. Von Seiten der Sozialdemokraten ist schon längst nachgewiesen worden, daß Not und Ver⸗ brechen miteinander in engster Beziehung stehen, daß also überall da, wo die Bevölkerung in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, die Zahl der Verbrechen abnimmt. In Richterkreisen hat sich diese Anschauung, die sich auf statistische Zahlen gründet, bisher noch wenig Bahn ge⸗ brochen. Jüngst hat jedoch bei der Eröffnung des Schwurgerichts in Plauen i. V. der Vor⸗ sitzende desselben den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Verhältnissen und Verbrechen rücksichtslos anerkannt. Bei dem erwähnten Schwurgericht sind die zur Verhandlung stehenden Straffälle stetig zurückgegangen, und als die Geschworenen zur letztverflossenen Verhand⸗ lungsperiode zusammentraten, lag nur ein ein- ziger Fall vor. Der Landgerichtsdirektor Oeser erwähnte diese Thatsache in der Ansprache an die Geschworenen und führte da unter anderem folgendes aus.„Wie ist dieser erfreuliche Rück⸗ gang zu erklären?“ fragte er.„Ist im Vogt⸗ land die Moral und der Sinn für die Gesetz⸗ lichkeit gestiegen?“ Von einem bloßen Zufall, so führte er weiter aus, könne er nicht reden, denn die Schwurgerichtsfälle hätten sich schon seit einigen Jahren in der Zahl ver⸗ ringert. Das könne nur auf den guten Geschäftsgang im hiesigen Be⸗ zirke zurückführt werden. Infolgedessen seien gewisse Verbrechen, und zwar die auf das Eigentum gerichteten, eigentlich ganz verschwunden.— Allzu rosig wird wohl dort im Erzgebirge die wirtschaftliche Lage gerade Für uns kommt dies hier aber nicht sein. 1 d alte 1 a 00 late 3 U chen sichers filung. nur loch Lehr Die in Köln 1 0 nal saffentut fdschaft . Die bote he Voll⸗w 5 det shaflichen nd bebing 3. Cs Pollsbildur wibmen; uh un scheden ent Wenn gotwendif se sic uuschicße eib getin wir aber Lande— nd die slüten, für Bess uingetret. Di Uebe reich wi Dal hat si rund 6 um 12 sieht, er scharren daß etr Dauer 10 den lich jn Dee Su 8 50 fluch Lo Heͤden⸗ uur ich klährt Oben: 26. — ern an erstet tigte tei anch du bn N mi Nich duft zu ache 0 en, die hatagz⸗ erlangt , dom . Vage. bei der ie Ein⸗ geldem ringend erungen ufgeben tt nicht zan dem Hohen, f einge⸗ Torpe⸗ erhalten zollern“ nd Von⸗ und in n, nicht gischen e gemäß 8 Schif obooken, versehen ne letzte lut von . Die Mann nuch ein en“ oder men ge⸗ it hu nd Vu rung lebt, di ferltess satisish zahn de Alöffun der Vol erbten wih stehendel f und Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. weniger in Betracht. Wichtig ist vielmehr, daß ein alter erfahrener Richter die von Sozialdemo⸗ kraten schon längst hervorgehobene Thatsache des engen Zusammenhangs zwischen Verbrechen und Not bestätigt. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Erkenntnis mehr und mehr unter den Richtern Platz greift und auch bei der Urteils⸗ fällung Berücksichtigung findet. Bisher ist davon nur noch wenig zu bemerken. Lehrer gegen Junker und Pfaffen. Die allgemeine deutsche Lehrerversammlung in Köln a. Rh., die in der Pfingstwoche tagte, nahm nach mehreren scharfen Reden gegen das Pfaffentum in der Schule und die Bildungs⸗ feindschaft der Junker folgende Resolutiou an: „1. Die Volksbildung ist eine der wirksamsten Kräfte für erhöpte wirtschaftlithe Leistungsfähigkeit eines Volkes. 2. Eige gesteigerte allgemeine Volksbildung fördert den Volk wohlstand und bewirkt eine gleichmäßigere Ver⸗ teilung der Arbeitserträge, fördert also neben der wirt⸗ schaftlichen auch die soziale Entwickelung unseres Volkes und bedingt seine Stellung auf dem Weltmarkt. 3. Es ist deshalb a) allen Volksbildungsanstalten und Volksbildungsbetrebungen eine vermehrte Pflege zu widmen; b) allen bildungsfeindlichen Bestrebungen— auch um des Wertes der Bildung selbst willen— ent⸗ schieden entgegenzutreten.“ Wenn der Lehrer dieses erstrebenswerte und notwendige Ziel erreichen wollen, dann müssen sie sich Mann für Mann der Sozialdemokratie anschließen, denn diese ist die energischste Ver⸗ teid gerin der Volksbildung. Sehr oft finden wir aber, daß die Lehrer— namentlich auf dem Lande— sich als Scozialistenfresser hervorthun und die volks bildungsfeindlichen Parteien unter⸗ stützen, trotzdem jederzeit die Sozialdemokratie für Besserstellung und Unabhängigkeit der Lehrer eingetreten ist. Die Kirche hat einen guten Magen. Ueber die Pfaffenwirtschaft in Oester⸗ reich wird der Berliner„Volksztg.“ berichtet: Das Kirchenvermögen in Oesterreich hat sich in den fünf Jahren von 1890—95 um rund 60 Millionen Gulden, also durchschnittlich um 12 Millionen jährlich vermehrt; wie man sieht, erweist sich die„tote Hand“ zum Zusammen⸗ scharren recht lebendig. Wenn man berechnet, daß etwa 5000 Gulden genügen, um einem Bauer oder Handwerker eine Existenz zu gründen, frist demnach die geistliche„tote Hand“ in Oester⸗ reich in einem Jahre 2400 Hauswesen auf. Die Summen, die als„Peterspfennig“ nach Rom oder an ausländische Wallfahrtsorte, z. B. nach Lourdes, und für französische(politische) Heiden⸗Missionen geschickt werden, sind dabei gar nicht gerechnet. Das arme, kleine Tirol ernährt an Prieftern, Männer⸗ und Frauen- Orden: Im Bistum Brixen 1274 Priester, 861 Ordensmänner, 2790 Ordensfrauen. Im Bis⸗ tum Trient 871 Priester, 786 Ordensmänner, 1242 Ordensfrauen. Im Anteil des Bistums Salzburg 128 Priester, wozu man nach dem oben gekennzeichneten Verhältnis wohl mindestens 300 Ordensleute rechnen darf. Insgesamt er⸗ geben sich für Tirol 8259 geistliche Personen, das ist um etwa 2000 mehr als ganz Böhmen zählt, welches Tirol an Bevölkerung sechs Mal, an Steuerleistung mehr als zwölf Mal übertrifft. In Tirol kommt daher auf je 150 Einwohner ein Ordensmitglied, in Böhmen auf je 2500. Männerstolz vor Königsthronen. Prinz Albert, der belgische Thronfolger, hat sich mit der Tochter des Augenarztes Herzog Theodor von Bayern verlobt. Aus diesem Anlaß widmet der„Peuple“, unser belgisches Partei⸗ organ, dem Prinzen einen Verlobungsgruß, aus welchem wir folgende Sätze unseren Lesern vor⸗ führen wollen: „Prinz, Sie haben, soviel wir wissen, nur einen einzigen Fehler, nämlich den, ein Prinz zu sein. Wir wissen gar wohl, daß man Ihnen das schon gesagt hat, aber es hat Sie nicht verbessert. Trotzdem, denken Sie nur, wie schön es von Ihnen sein würde, wenn Sie über die Vorurteile Ihrer Geburt, Ihrer Erziehung und Ihrer Umgebung die Achseln zucken könnten... Wenn Sie eines Tages den Mut finden, der Reaktion die Stirn zu bieten, wenn Sie sich weigern, als die erkörperung unserer schauderhaften heutigen Gesellschaftsordung gelten zu wollen, wenn Sie im Bunde mit uns der Urheber von Reformen zu werden bereit sind, und wenn Sie begreifen, daß nichts Sie höher erheben kann, als ein Arbeiter der neuen Gesellschaft zu werden, auch dann, Prinz, wir sagen es Ihnen in aller Loyalität, werden wir niemals auf unsere republikanischen Ueberzeugungen Ver⸗ zicht leisten, aber wir werden niemals unsere Mitarbeit und unsere Hülfe versagen, wo es sich darum handelt, sofortige Erleichterungen, auf welche die ar⸗ beitenden Klassen harren, durchzusetzen... Wenn es wirklich eine Neigungsehe ist, die Sie eingehen, Prinz, so konnten Sie, da man seine Liebste nicht zu belügen vermag, der Herzogin Elisabeth nicht auf eine Krone Hoffnung erwecken; denn Sie wissen selbst sehr wohl, daß die Zukunft der Volkssouveränetät gehört, vor der alle anderen verblassen müssen und der Sie Platz machen werden.... Jugend, Liebe, Güte gehören Ihnen, und so wird die Stunde kommen, Prinz, wo Ihnen nichts mehr zum Glück fehlen wird, denn an dem Tage, wo Sie Ihr Metier nicht mehr betreiben, kennen wir keinen Fehler mehr an Ihnen. Dann sind Sie würdig, ungeheuer glücklich zu werden, und für diesen Zeitpunkt wünschen wir Ihnen alle erdenkbaren Freuden und Wonnen und viele Kinder!“ Gewiß eine offene und freie Sprache! Wer sich aber in Deutschland einer solchen be⸗ dienen wollte, würde sehr bald den Häschern verfallen, denn die„unwandelbare Treue“ des deutschen Volkes zu ihren angestammten Fürsten bedarf des polizeilichen Schutzes. Ausländisches. Erfolge der italienischen Wahlen. In der italienischen Kammer verkündete der Minister Pelloux, daß das Kabinett zurück— trete. Die Kammer wurde darauf vertagt. Vorher schien es noch zu einem Ausgleich kommen zu sollen, da die äußerste Linke geneigt war auf die Obstruktion zu verzichten, falls der Präsident Gallo sich verpflichtete, das neue Geschäftsregle⸗ ment nicht anzuwenden. Hierauf brach der Zwist im Kabinett aus. Die Minister der Rechten bestanden auf konsequentem Festhalten am neuen Reglement. Auch die Mehrheit selbst spaltete sich. Der Krieg mit China. An der Stelle des Aufstandes in China ist jetzt der Krieg mit China getreten. Die chinesische Regierung, deren Haltung schon längst verdächtig war, hat sich der Boxerbewegung angeschlossen. Die Forts von Taku haben das Feuer auf die europäischen Kriegsschiffe eröffnet. Das deutsche Volk hat der Chinapolitik der Kapitalistenklasse Blutopfer bringen müssen. Ein vom deutschen Konsul in Tschifu in Berlin eingegangenes Tele- gramm lautet: Die Chinesen legten im Takufluß Torpedos und zogen eine Truppe von Schanhaikwan zusammen. Auf dem russischen Admiralsschiff versammelten sich die fremden Befehlshaber und richteten an den Kommandanten der Takuforts das Ultimatum, seine Truppen bis 2 Uhr nach⸗ mittags des 17. Juni zurückzuziehen. Darauf eröffneten die Forts am 17. Juni 1 Uhr nachts das Feuer, das von den deutschen, russischen, englischen, französischen und japanischen Schiffen erwidert wurde und sieben Stunden dauerte. Angeblich sind zwei englische Schiffe zwischen den Forts im Fluß gesunken; die Telegraphen⸗ und Eisenbahn⸗Verbindung zwischen Taku und Tiensin ist gestört, die Verbindung zu Wasser ebenfalls.— Infolge der Beschießung flog das chinesische Pulver- magazin in die Luft. Ein britisches Kriegsschiff wurde beschädigt. Zwei Offiziere und vier Mann wurden verwundet.— Nach einem kombinierten Angriff der fremden Kriegsschiffe wurden die Forts von Taku genommen. Bei der Erstür⸗ mung fielen vom deutschen Kriegsschiff „Iltis“ drei Mann, sieben Mann wurden verwundet.— Die Fremdenniederlassungen in Tientsin wurden von den Chinesen beschossen. Ueber die Lage in Peking verlautet nichts bestimmtes. Namentlich weiß man nicht, ob die dortigen Gesandtschaften angegriffen worden sind. Eine aus chinesischer Quelle stammende Meldung besagt, daß der englische Admiral Seymour mit den ausländischen Truppen am 17. Juni in Peking eingetroffen sei und die Gesandtschaften unversehrt gefunden habe.— Deutschland macht bereits mobil. Von Kiel wird gemeldet, daß die beiden Seebataillone den Mobilmachungsbefehl erhielten. Diese sollen noch durch Mannschaften aus der Linie verstärkt werden. Auch der Panzerkreuzer „Fürst Bismarck“ erhielt Ordre, sich binnen zehn Tagen zur Ausreise fertig zu machen. * Wie die Chinesen die europäische Kultur beurteilen, darüber hat sich ein in London lebender, angeblich der Gesellschaft der Boxer angehörender Chinese ausgesprochen. Von diesen in der„Köln. Ztg.“ veröffentlichten Aeußerungen wollen wir folgende unseren Lesern vorführen. Man kann z. B. diesem Chinesen nicht ganz Unrecht geben, wenn er sagt: „Wir wollen allein gelassen werden, wir wollen die Freiheit haben, unser schönes Land und die Früchte unserer alten Erfahrung zu ge⸗ nießen. Wenn wir euch bitten, wegzugehen, so weigert ihr euch und ihr bedroht uns gar, wenn wir euch nicht unsere Häfen, unser Land, unsere Städte geben. Daher sind wir Mitglieder der Gesellschaft der sogenannten„Boxer“ nach reif⸗ licher Ueberlegung zu der Erkenntnis gekommen, daß die einzige Möglichkeit, euch los zu werden, darin liegt, daß wir euch töten. Wir sind von Natur nicht blutdürstig, aber wenn Zureden und Ueberzeugung und die Berufung an euren Verstand und euer Gerechtigkeitsgefühl versagen, so sehen wir uns der Thatsache gegenüber, daß unsere einzige Rettung ist, euer Dasein auszulöschen. Nehmen Sie Ihre Missionäre! Sie kommen zu uns mit einer neuen Religion, über deren hauptsächlichste Grundsätze sie selbst unter einander bitterlich uneins sind; sie sagen uns, wenn wir ihre Lehre nicht annehmen, würden wir„ewige Strafe“ erdulden. Sie schrecken unsere Kinder und alten Leute und ver⸗ anlassen alle möglichen Zwistigkeiten zwi⸗ schen Familien und einzelnen Personen. Da ist es doch kein Wunder, daß wir sie nicht dulden wollen. Wenn wir eure Eisenbahnen und Maschinen haben wollten, so könnten wir sie ja kaufen; aber wir wollen sie nicht, sie sind uns nichts nutz, wir haben gelernt, ohne sie fertig zu werden. Trotzdem sagt ihr, ihr würdet uns zwingen, sie zu kaufen, ob wir wollen oder nicht. Ist das gerecht? Ich sage, es ist eine Anmaßung, eine Be⸗ schimpfung.“ i Und weiter meint der Sohn des Reiches der Mitte: „Viel Wesens wird auch daraus gemacht, daß wir keine Soldaten sind. Wir aber haben aufgehört, Soldaten zu sein, weil wir zivilisiert geworden sind. Der Krieg ist barbarisch. Die Wirkung davon, daß wir auf unserer jetzigen Höhe der Zivilisation angelangt sind, ist, daß wir uns mehr als irgend eine andere Rasse auf der Erde vermehrt und vervielfacht haben.... Wir zählen 400 Mil⸗ lionen menschliche Wesen, und wer könnte uns Widerstand leisten, wenn wir unsere Macht zur Geltung bringen wollten? Glauben Sie, wir seien uns dessen nicht bewußt? Im Gegenteil, wir wissen es zu gut, und nun ist es Sache der weißen Rassen auf der Erde, zu erkennen, daß wir, nicht sie die Herren sind.... Lassen Sie mich wiederholen, daß alle die Dinge, die im Westen die Menschen trennen, in China that⸗ sächlich keinen Daseinsgrund haben. Politik, Religion, persönlichen Ehrgeiz, Aus⸗ dehnungsdrang, Landhunger, Gold⸗ hunger— alles das giebt es in China nicht. Ihr meint, der Chinese sei ein Kind, weil er träge, sorglos und einfach ist. Das ist ein großer Irrtum. Er hat das Geheimnis gelernt, glücklich zu sein, sein Leben ist ruhig und nichts stört ihn, so lange sein Gewissen rein ist. In ein Sprichwort zusammengefaßt ist das Bild unseres Charakters: Laßt uns in Ruhe und wir lassen euch in Ruhe!“ Der Krieg in Südafrika. Bedentende Zusammenstöße haben nach den vorliegenden Nachrichten in der letzten Woche nicht stattgefunden. Der Krieg scheint immer — d 1 . 1 3 1 J 0 1 222 n DD 71 1 Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 20— mehr den Charakter eines Bandenkrieges anzu⸗ nehmen. Bei den Buren scheint man zur weiteren Fortsetzung entschlossen zu sein, offenbar haben dieselben aus den Ereignissen in China, die Eng⸗ land in neue Verwickelungen treiben können, neuen Mut geschöpft. Die Buren haben zudem bei den Operationen nach dem Fall von Pretoria nirgends besonders Unglück gehabt, zum Teil aber den Engländern erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Sie ziehen sich in vollkommenster Ord⸗ nung mit allen Geschützen, ihrem ganzen Trans⸗ portpark, mit einem Teil der englischen Gefangenen u. s. w. von Pretoria in nördlicher Richtung zurück, nehmen dort eine für Lord Roberts sehr bedrohliche Stellung ein, aus der er sie trotz großen Truppenaufg botes bis jetzt noch nicht vertrieben hat, und zwingen den englischen Oberkommandierenden immer aufs neue zu frischer Thätigkeit. Die Buren zerstören ferner die englischen Verbindungslinien in größere oder kleinerer Ausdehnung in empfindlicher Weise und verlängern also die Kriegsoperationen immer aufs neue. Die gesammten englischen Verluste betragen bisher nach einer vom englischen Kriegs⸗ ministerium veröffentlichten revidierten Liste 32 374 Offiziere und Manschaften, von denen jedoch die von Lord Roberts befreiten Gefangenen (150 Offiziere und 3500 Mann) abzuziehen sind. Außerdem sind 8843 Mann und viele Offiziere, die als Invaliden nach der Heimat entlassen sind, in die Zahl nicht eingeschlossen, so daß die Gesammtzahl über 32 000 beträgt. Genossen! Agitiert aller orts für die Par teipresse! Von Nah und Fern. Gutenberg⸗Jubiläum. Zum fünfhundertsten Geburtstage Johannes Gutenbergs, des Erfinders der Buchdrucker⸗ kunst, findet am Samstag den 23. d. M. be⸗ ginnend, in Mainz, der Geburtsstadt des Er⸗ finders eine große Feier statt, die vier Tage dauern wird. Schon seit Wochen rüstet sich die Stadt, diese Feier zu einer äußerst imposanten zu gestalten. Am Montag findet ein großer historischer Festzug statt; eine Gutenberg⸗Aus⸗ stellung ist mit der Feier verbunden. Auch die Arbeiterklasse steht der Feier sympathisch gegen⸗ über, und die Mainzer Arbeiter werden ihrer⸗ seits zur Ehrung Gutenbergs in gebührender Weise beitragen. Und gewiß hat auch der „vierte Stand“, in dessen Befreiungskampf das gedruckte Wort eine mächtige Waffe darstellt, allen Anlaß, des großen Erfinders dankbar zu gedenken. Allerdings wird seine Kunst auch heute noch und sehr viel in den Dienst des Rückschritts und der Barbarei gestellt, zur Unter⸗ drückung und Verdummung der Massen mißbraucht; an uns muß es sein, sie im Interesse des Fortschritts, der Aufklärung, der Humanität und wahrer Freiheit anzuwenden! Und das thun wir, indem wir den sozialistischen Druck— werken die weiteste Verbreitung verschaffen! Auf die prächtig ausgestattete Gutenberg-Fest⸗ nummer des„Wahren Jakob“ machen wir bei dieser Gelegenheit aufmerksam und empfehlen sie den Genossen aufs Wärmste! K. Der Buchdrucker⸗Verband, Bezirk Gießen, hielt am vergangenen Sonntag seine erste diesjährige Bezirksvecsammlung in Grünberg ab, die von Mitgliedern aus Gießen— von hier mit 24 Mann— Grün⸗ berg, Fulda, Friedberg und Lauterbach besucht war. Der erstattete Kassenbericht weist eine Zunahme des Vermögens auf. Die vom Vor⸗ stande an das Gewerkschaftskartell geleistete Zahlung von 25 Mk. für die in Gießen streiken⸗ den Maurer und Weißbinder wurde gutgeheißen, eine zweite Rate in gleicher Höhe bewilligt und der Vorstand ermächtigt, im Bedarfsfalle eine dritte Rate bis zum selben Betrage abzuführen. An den wöchentlichen freiwilligen Sammlungen zum gleichen Zwecke beteiligten sich alle Gießener Mitglieder mit einer einzigen Ausnahme.— Eine Debatte über die Schreibweise des„Korre⸗ spondent“ gegen einen Teil der Parteipresse zeitigte nachstehende Resolution, welche ein⸗ stimmig angenommen wurde:„Die heutige Versammlung des Bezirkes Gießen, abgehalten am 17. Juni in Grünberg, erklärt sich mit der seither geübten Abwehr seitens des Kollegen Rexhäuser einverstanden. Die Versammlung würde es aber freudig begrüßen, wenn der Streit ein Ende nehme, da es für keinen Arbeiter an⸗ genehm sein kann, solchen nur den Gegnern der Arbeiterbewegung willkommenen Streit zwischen den nach gleichen Zielen strebenden Arbe tern entstehen und sich fortentwickeln zu sehen. Wenn von beiden Seiten Nachsicht geübt wird, ist ein Ausgleich sehr gut möglich.“— Nach Erledigung einiger Interna wurden noch einige Stunden der Gemütlichkeit gewidmet; galten sie doch dem Scheiden eines bewährten Grünberger Kollegen. Generalversammlung der Gießener Orts⸗ krankenkasse. r. In der am 19. d. M. stattgefundenen Gencralversammlung, welche von 64 Vertretern der Kassenmitglieder und 14 Arbeit gebervertretern besucht war, referierte zum 1. Punkt:„Rech⸗ nungsablage“ Herr Holdberg. Derselbe erwähnte einige Rechenfehler, konstatierte aber im übrigen, daß die jetzige Geschäftsleitung eine viel über⸗ sichtlichere, korrektere und bessere als früher sei. Der Antrag, der gesamten Geschäftsleitung Decharge zu erteilen, wurde einstimmig ange⸗ nommen.— Eine lebhaftere Debatte entspann sich über den Antrag Beckmann, den Vorstand zu ermächtigen, gegen den früheren Vorsitzenden, Bauunternehmer Winn, Klage auf Schaden- ersatz zu erheben. Herr Winn hatte nämlich als Vorsitzender Staatspapiere zum Reservefond an⸗ gekauft, welche der gesetzlichen Vorschrist nicht entsprechen, und zwar ohne den Gesamtvorstand etwas mitzuteilen. Auf Verlangen der Aussichts⸗ behörde mußten diese Papiere verkauft werden, was einen Verlust von 862,30 Mark herbeiführte. Zum Ersatz dieser Summe war Herr Winn nalülrlich nicht bereit, erklärte viel⸗ mehr mit sehr zuversichtlicher Miene, die wohl kaum mit seinen innersten Gedanken harmonierte, er nehme einen eventuellen Prozeß mit Freuden auf. Der Antrag Beckmann wurde mit großer Mehrheit angenommen. Beim zweiten Punkt: „Hausverkauf“ wurde dem Beschlusse des Vor⸗ standes, das Haus Ludwigsstraße 12 anzukaufen, zugestimmt. Zum dritten Punkte berichtete der Kontrolleur Beckmann über die Generalversamm⸗ lung der freien Vereinigung der hessischen Kranken⸗ kassen, die hier stattfand und über die wir in der letzten Nummer berichtet haben. Nach einer kurzen Debatte hierüber schloß der Vorsitzende die Versammlung. Gewerbegerichtswahl in Wetzlar. Zum Gewerbegericht Wetzlar findet demnächst laut Bekanntmachung des Vorsitzenden desselben eine Ergänzungswahl statt. Es scheiden je vier Beisitzer der Arbeitgeber und Arbeiter aus und sind ebensoviel neu zu wählen. Der erste Wahlbezirk(Stadt Wetzlar, Rechten⸗ bach, Schöffengrund, Niedergirmes, Garbenheim) wählt am 9. Juli im Kreishause in Wetzlar je einen Arbeitgeber und Arbeiter; der zweite Wahlbezirk(Braunfels, Greifenstein) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Braun- fels je zwei Arbeiter und Arbeitgeber; der dritte Wahlbezirk(Aßlar, Daubhausen, Greifen⸗ thal, Greifenstein, Edingen, Oberlemp, Bermoll, Bellersdorf, Altenkirchen) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Ehringshausen einen Arbeiter; und der vierte Wahlbezirk (Atzbach, Launsbach, Ahrdt, Groß-Altenstädten, Blasbach, Erda, Hohensolms, Mudersbach) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Krof⸗ dorf einen Arbeitgeber. Die Wahl- zeit ist Vormittags von 9 bis Mittags 1 Uhr und Nachmittags von 5 bis 8 Uhr festgesetzt. Jeder Wähler muß sich in die Wählerliste ein⸗ tragen lassen. Die Anmeldung ist auf dem Bürgermeister⸗-Amte des Wohnorts in der Zeit vom 21. Juni bis 5. Juli zu bewirken.— Wir ersuchen unsere Genossen, sich zunächst selbst zur Wahlliste anzumelden und ihre wahl⸗ berechtigten Freunde und Kollegen ebenfalls da- zu aufzufor)ern. Wahlberechtigt ist, wer das 25. Lebensjahr vollendet hat und innerhalb des Gewerbegerichtsbezirkes mindest ens seit einem Jahre wohnt oder beschäftigt ist. Der fleißige Schmied in Krofdorf. -d. Wer als Maurer oder Weißbinder im Kampfe um Verbesserung seiner Lage genötigt war, zu dem letzten Mittel, das ihm zu Gebote steht— Einstellung der Arbeit— zu greifen, hat außer materiellen Beschwerden auch noch solche anderer Art zu überwinden. Kommt so ein armer Teufel, der gewiß alles thut, was ein vernünftiger Mensch im Interesse seiner selbst und seiner Angehörigen nur thun kann, in sein heimatliches Dorf und spielt nun nicht den Streik⸗ brecher, sondern bleibt zuhause, so kann er sicher sein, von einem guten Teile seiner christlichen Mitbürger als„Faulenzer“ angesehen und auch tituliert zu werden. Oft muß man den Leuten das nachsehen; sie verstehen es nicht besser und können sich vielleicht als Bauers leute auch nicht so recht in die Verhältnisse eines Lohnarbeiters hineindenken, wenn es ihnen auch sonst recht angenehm sein mag, für ihre Produkte einen höheren Preis zu erzielen.— Auch der biedere Schmiedemeister in Krofdorf wird nicht müde, von der überaus großen Faulheit der Maurer zu erzählen. Er will sogar ganz genau aus⸗ gerechnet haben, daß bei seinem Neubau ein Maurer nur 47 Steine im Tag verarbeitet habe und ein Forstziegel aufzustecken auf 13 Pfg. gekommen sei.— Ob diese Berechnung richtig ist, wollen wir nicht untersuchen. Viel Zeit muß aber der Bruder Schmied übrig haben, um solche Berechnungen aufzustellen!—— Nein, es erhält kein Arbeiter seinen Lohn ohne entsprechende Gegenleistung; im Gegenteil, die durchschnittliche Arbeitsleistung der Arbeiter aller Berufe ist gegen früher er⸗ heblich gestiegen. Das kann ziffernmäßig nachgewiesen werden. Den Vorwurf der Faul⸗ heit muß man also schon andern Kreisen, nicht den Arbeitern machen.— Uebrigens stehen hier in unserem Falle die Maurer, denen der Krofdorfer Schmiedemeister Faulheit nachsagt, schon 18 Jahre bei demselben Arbeitgeber in Arbeit, jedenfalls ein Beweis, daß der Schmied geflunkert hat. Das sozialdemokratische Bezirksfest, das am vergangenen Sonntag in Dietzen bach (bei Offenbach) stattfand, erfreute sich einer überaus zahlreichen Beteiligung der Genossen aus dem Offenbacher Wahlkreise. An dem im⸗ posanten Festzuge, der sich am Sonntage durch die dekorierten Straßen bewegte, beteiligten sich nach dem„Offenb. Abendbl.“ 49 Vereine darunter eine Anzahl mit ihren Bannern und Fahnen. Genosse Abg. Ulrich hielt die oft von Beifall unterbrochene Festrede in der er konstatierte, daß die Bezirksfeste immer mehr die Zusammenge⸗ hörigkeit der Arbeiterschaft fördern und sich in⸗ folgedessen als eine Notwendigkeit erwiesen hätten. Im Weiteren fordert Redner die Fest⸗ teilnehmer auf, unermüdlich für die Aus⸗ breitung der sozialistischen Ideen zu wirken und vor allem sich zu organisieren, um so dem Unternehmertum gewappnet gegenüberzustehen, wenn es gelte, die berechtigten Forderungen zur Verbesserung der Lebenslage durchzukämpfen. An der Hand von Beispielen beweist Redner, daß durch einen festen Zusammenschluß des Proletariats die Möglichkeit erschwert werde, daß der Unternehmer den einzelnen Arbeiter bei Geltendmachung seiner Forderungen auf die Straße wirft und ihn mit seiner Familie dem Hunger überantwortet. Ganz besonders an die Frauen und Mädchen richtet er die Mahnung, die Männer und Jünglinge nicht vom Besuch der Organisations⸗Versammlungen abzuhalten; sie möchten vielmehr im Gegenteil dieselben hierzu anfeuern. Die für die Organisation geleisteten Beiträge seien nicht nutzlos ausgegeben, sondern sie trügen reiche Früchte in Gestalt der durch die Gewerkschaften erzielten Lohnerhöhungen ꝛc. Aber auch erzieherisch wirke das Organisations⸗ leben, denn wer ein tüchtiges Gewerkshaftmitglied Genossen e geheuer s genfolls zi gatonals liber Fires dem dort'g Hohhatbeit „Atbeitsw. Steil zu in, was diehem Ve weben. er„Chrif Vorgang völsichtig selens der Gewif damit auf für Verb 50 schei Gewerksch Der Tage de Winter h in Breme ibmmen Athen z lutersuch mungen h u einge den Arbe nutter. Hude ur einig Jabrilantt Einige ut zw fl wi ühten an uß die Juen ker chen wo uch schon nge — — — — r siche stlchen 0 aut Leuten er und nicht rbeiters t tet einen biedere müde, kaurer u aus⸗ au ein et habe 3 g richtig geit pen, um n Lohn tung; leistung her er⸗ mäßig Faul⸗ isen, stehen zen der eber in Schmied ft, anbach 9 einer Jeroen em ill r durch fen sih harunter Fahnen. l tte, daß menge sic in⸗ rwiese ie Fes⸗ Auz⸗ wirken so den ustehel, gen ul iur. Nednel, ds werde, eitet b f die lle den 0 bie abu Ven Hallen 145 gelte fold 1 dul 1 an 0 bin, ig Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. sei, werde sicher auch ein braver Familien⸗ vater sein. g a Die Feststimmung wurde selbst durch einen Regenschauer nicht getrübt, auch sonst störte kein Mißton das Fest. Während die auswärtigen Festteilnehmer schon frühzeitig aufbrechen mußten, konnten sich die Dietzenbacher und die in der näheren Umgebung wohnenden Genossen bis in die Mitternachtsstunde anregender Unterhaltung hingeben.— Für de Entwickelung der Partei und den Zusammenschluß der Genossen sind diese Feste zweifellos von großer Bedeutung. Die Genossen anderer Wahlkreise, namentlich die des Gießener sollten versuchen, derartige Arrangements ebenfalls zu Stande zu bringen. Nationalsozialer Führer bei Lohnkä mpfen. Ueber das Verhalten des nationalsozialen Führers Werkmeister Bärrn in Frankfurt bei dem dortigen Holzarbeiterstreik lesen wir in der „Volkst.“: „Ferner ist höchst bemerkenswert, daß der technische Leiter bei der Firma Holzmann, Herr Bärrn, obwohl derselbe Mitzlied des christlichen Holzarbeiter⸗Verbandes ist, sich bemüht, die „Arbeitswilligen“ zu schützen und damit den Streik zu stören. Man darf gespannt darauf sein, was die christlichen Verbandskollegen zu diesem Verhalten ihres Mitgliedes Bärrn sagen werden. Hoffentlich sind nun schon Manchem der„Christlichen“ die Augen aufgegangen. Der Vorgang beweist übrigens auch, daß man höchst vorsichtig bei der Aufnahme solcher Betriebsleiter seitens der Organisationen sein muß.“ Gewiß; beweist aber auch weiter, was es damit auf sich hat, wenn Herr Bärrn öffentlich für Verbesserung der Lage der Arbeiter eintritt. So scheint dieser Christ die„Neutralität der Gewerkschaften zu verstehen. Konitzer Mord. Der Matrose Hellmuth Wranke, der sich am Tage des Mordes in Gesellschaft des Ernst Winter befunden haben soll, ist aus Baltimore in Bremerhaven angekommen. Er ist dort ver⸗ nommen worden und hat erklärt, Winter nicht 10 gesehen zu haben.— Bei den letzten durch den achsat, Untersuchungsrichter vorgenommenen Verneh⸗ mungen handelte es sich in der Hauptsache um das eingeleitete Verfahren wegen Meineids gegen den Arbeiter Maslow und dessen Schwieger⸗ mutter. Der Verdacht der Thäterschaft an dem Morde Winters hat sich neuerdings auf den vor einiger Zeit nach Berlin übergesiedelten Fabrikanten Schrauer(?) gelenkt. Einige Wochen nach dem Morde waren aus Konitz zwei jüngere Knaben verschwunden. Na⸗ türlich wurden auch hieran allerlei Alarm⸗Nach⸗ richten angeknüpft. Amtlich wird jetzt festgestellt, daß die beiden Knaben mehrsach in ländlichen Orten der Kreise Konitz, Tuchel und Flatow ge⸗ sehen worden sind. Der ältere Knabe hat sich auch schon früher einmal einige Tage bummelnd herumgetrieben. Die Mutter der Knaben ist selbst der Meinung, daß nur Lust am Herum⸗ treiben und Scheu vor der Schule die Ursache des Verschwindens der Knaben ist. Medizinische Folter. Der„Vorwärts“ berichtet nach dem„Archiv für klinische Medizin“ über Versuche, die der erste Assistent der Klinik in Jena, Dr. Stubell, an Kranken, die an Diabetis insipidus leiden, torgenommen hat, und die nicht anders denn als Menschenquälerei bezeichnet werden können. Diese Krankheit, eine Art Harnruhr, hat ein hochgradig gesteigertes Durstgefühl im Ge⸗ folge, da die Ausscheidung eine sehr bedeutende ist. Dr. Stubell nun wollte feststellen, ob bei verminderter Zufuhr von Flüssigkeit auch die Lusscheiduug abnehme, und ließ solche Patienten unter Einsperrung dursten. Dies führte dazu, daß der eine Patient seinen eigenen Urin trank, der andere wie ein Verbrecher aus brach und über Dächer balancierte, um zu dem er⸗ lösenden Wasser zu gelangen.— Gegen solche Experimente, die nicht einmal einen Heil⸗ zveck verfolgen, muß entschieden Protest einge- gt werden, und es ist zu wünschen, daß Dr. Stubell gehörig zur Verantwortung gezogen werde. Ein Pfarrer als Revolverheld. In Leéchelle bei Lille begegnete der Orts⸗ pfarrer Vallier abends spät in der Nähe seiner Wohnung vier Arbeitern, die ein Lied gegen die Geistlichkeit sangen. Hierüber aufge⸗ bracht, eilte Vallier ins Pfarrhaus, holte e i nen Revolver und schoß zweimal auf die Sänger. Einer von diesen stürzte sich auf ihn und entriß ihn den Revolver. Dem Pfarrer gelang es, sich zu befreien und seine Wohnung zu ereichen. Auf der Schwelle aber drehte er sich nochmals um und suchte wieder in dem Be⸗ sitz seiner Waffe zu gelangen. Hiebei krachte ein Schuß und verwundete den Pfarrer derart, daß er nach einigen Stunden im Hospital starb. Die vier Arbeiter wurden verhaftet. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 21. Juni. Lohnerhöhung. Die Zimmerer Mar⸗ burgs, welche sich erst kürzlich organisierten, haben eine Eingabe an die Meister gerichtet betreffs Lohnerhöhung. Die Meister haben daraufhin den Lohn um zrei bis fünf Pfennig pro Stunde erhöht. Schlägerei und Radau. Gelegentlich der hier abgehaltenen General⸗Musterung fanden am Samstag, 16. Juni zwischen Musterungs⸗ pflichtigen in der Barfüßerstraße und auf dem Markte wüfte Lärmszenen statt, sodaß die Polizei einschreiten mußte und eine Anzahl angehender Vaterlandsverteidiger in Nummer Sicher brachte. — Auch von Studenten wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch auf dem Markte ein Höllenlärm aufgeführt. Auch hier mußte die Polizei einschreiten und die Radaubrüder wurden auf die Wache gebracht. Hausagrarier⸗Verein. Eine Anzahl Hausbesitzer hielten vergangene Woche im Re⸗ staurant„Schloßgarten“ eine Versammlung ab. Beschlossen wurde die Gründung eines Haus⸗ besitzer⸗Vereins, welchem annähernd 150 Haus⸗ besitzer beitraten, Jedenfalls bezweckt der Verein Hera b⸗ setzung der Mietpreise und sonstige Förderung der Mieterinteressen! Kleine Mitteilungen. ** Wetzlar. Wiederum ist beim Baden in der Dill ein Schulknabe ertrunken und zwar der Sohn des Fuhrmanns Kögel in Niedergirmes. Die Leiche wurde erst am andern Tage dem Wasser entrissen.— Verhaftet wurde ein Taglöhner Namens Müller in Nieder⸗ girmes, des eines Sittlichkeitsvergehens beschuldigt wird. * Blatterner krankungen. Mehrere Erkrankungen an den Blattern kamen in dem Untersuchungsgefängniß am Klapperfeld in Frankfurt a. M. vor. Der am schwersten Erkrankte, ein Taglöhner aus Sprendlingen, ist im städtischen Krankenhause gestorben. * Wertlose Künste. Auf eigentümliche Weise ist in Oberlahnstein ein Schneider ver⸗ unglückt. Er überanstrengte sich bei der bekannten Kraftübung, einen Stuhl am hinteren Stuhlende mit einer Hand in die Luft zu heben und zog sich dabei eine Eingeweidezerreißung zu, die inzwischen den Tod zur Folge hatte. ** In Cassel wurde der Fabrikarbeiter Pläging wegen Mordes, begangen an seiner Schwägerin, zum Tode verurteilt. ** Mordprozeß Gönczi. Vom Reichs- gericht wurde die Revision des wegen Raub⸗ mordes zum Tode verurteilten Gönczi ver- worfen. Arbeiterbewegung. E In Gießen dauern die Streiks der Maurer und Weißbinder noch immer fort. Eine Anzahl Italiener, welche von dem Bau⸗ unternehmer Abermann am Friedhof beschäftigt wurden, stellten die Arbeit ein, nachdem sie von den Differenzen unterrichtet waren. + Der Holzarbeiterstreik in Frank⸗ furt ist noch immer nicht beendet. Versuche der Arbeitgeber, Arbeiten außerhalb anfertigen zu lassen, sind an der Solidarität der Kollegen gescheitert. Auf dem städtischen Gaswerke in Mainz sind die Arbeiter in den Ausstand ge⸗ treten. Von der Bürgermeisterei wurden vor⸗ läufig 20 Pfg. pro Tag Lohnerhöhung zuge⸗ sichert, doch lehnten die Streikenden diesen Vor⸗ schlag ab. Frank wurden Vermittelungsversuche gemacht. Durch den Streick dürfte die am Sonntag statt⸗ findende Gutenbergfeier in Mitleidenschaft ge⸗ zogen werden, falls inzwischen keine Einigung stattfindet. Sämmtliche Kupferschmiede in Frank⸗ furt a. M. traten am Montag nach ror auf⸗ gegangener Versammlung in den Ausstand. Am 12. Juni wurden Lohnforderungen eingereicht und die Antwort hierauf bis Samstag, den 16. ds. Mts. von den Arbeitgebern erbeten. Da jedoch die Meister eine Besprechung erst auf den 20. ds. anberaumten, so beschloß die im„Rebstock“ stattgefundene Versammlung einstimmig die Ar⸗ beitsniederlegung. In Anbetracht der günstigen Geschäftskonjunktur war dies auch das einzig Richtige. Die Stimmung unter den beteiligten Arbeitern ist eine vorzügliche. Das Streiklokal befindet sich im„Erlanger Hof“. ARechtssprechung. § Teilnahme an der Maifeier ist kein Grund zur sofortigen Ent⸗ lassung! Die beiden Maurer Appelt und Zindel in Dortmund waren von dem Bauunter⸗ nehmer Beckmann sofort entlassen worden, weil sie am 1. Mai nicht zur Arbeit erschienen waren. Sie verlangten von ihrem Arbeitgeber eine Ent⸗ schädigung von je Mk. 15. wegen kündigungs⸗ loser Entlassung. Das Gewerbegericht in Dort⸗ mund entschied zu gunsten der Kläger unter der Begründung: das einmalige Feiern sei weder als eine beharrliche Weigerung der den Kläger obliegenden Verpflichtungen anzusehen noch als ein unbefugtes Verlassen der Arbeit befunden worden.— In Halle hat das Gewerbegericht kürzlich ganz entgegengesetzt entschieden. § Majestätsbeleidigung und Ehr⸗ verlust. Im April hatte das Landgericht Dresden einen Arbeiter wegen Majestätsbe⸗ leidigung zu einem Jahre Gefängniß und fünf Jahren Ehr verlust verurteilt.— Der Angeklagte selbst hatte das Urteil nicht angefochten, sondern nur der Staats anwalt zu gunsten des Angeklagten. Gemäß dem Revisionsantrage hob das Reichsgericht das Urteil bezüglich der Nebenstrafe auf und brachte den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in Wegfall. Das Reichsgericht hat damit zwar den un⸗ glaublichen Rechtirrtum aufgehoben, nachdem sogar die Staatsanwaltschaft das Bedürfnis empfunden hatte zu Gunsten des Verurteilten einzuschreiten. Welches Vertrauen aber soll man zu solchen Richtern haben, die nicht die einfachsten That⸗ sachen des Strafgesetzbuchs beherrschen, die nicht wissen, daß der Majestätsbeleidigungsprozeß die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte nicht zuläßt. Wie soll man sicher sein, daß das Ge⸗ richt die Höhe der Strafe— ein Jahr Gefäng⸗ nis— halbwegs abzuschätzen verstanden habe, wenn es in seinem Urteil von einem thatsäch⸗ lichen krassen Irrtum über den Inhalt des§ 98 ausging! Partei⸗achrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 23. Juni: Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig: Sitzung der Vertrauensmänner. 9 Uhr: Versamm⸗ lung. Vortrag: Politische oder neutrale Gewerkschaften. Sonutag, 24. Inni: Steinberg. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein nachm. 4 Uhr Versammlung bei K. Philipp. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Friedberg. Wahlverein vormittags 8¼ Uhr Ver⸗ sammlung in der„Stadt Newyork“. Von dem Stadtverordneten Dr. e e — Ss 2 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Anterhaltungsteil. Der Zukunft Krone. Dem Manne der Arbeit— und ob er schwingt Die Axt in der nervigen Rechten, Und ob er das Gold aus der Erde ringt, Aus des Bergwerks dämmernden Schächten, Ob er lehrt und schafft und die Feder hält Und den Meißel führt— ihm gehört die Welt, Ihm gehört der Zukunft Krone! Wir haben gebeugt in Frohn und Joch Den trutzigen Nacken lange,— Und heimlich glühte das Herz uns doch Bei des Hammers ehernem Klange. Der Schweiß, der nieder die Stirn uns rann, Er adelt uns alle, Weib und Manu, Und giebt uns der Zukunft Kront! Wir wollen kein feiges, kein halbes Geschlecht, Kein tröstendes Wort, uns zum Hohne: Wir wollen für Jeden sein heiliges Recht, Für Jeglichen Arbeit, die lohne,— a Und Freude, wo brennend die Thräne jetzt fällt, Und Frieden der ganzen, der seufzenden Welt— Und dem Volke der Zukunft Krone! Klara Müller. In Fesseln. 61 Novelle von Elise Schweichel. Anton schaute eine Weile finster vor sich hin. Dann sagte er:„Julius würde nicht so viel Bedenken haben, wenn es ihm paßte, sich von Ihnen zu trennen.“ „Das wäre auch etwas anderes. Ich bin gesund und kann mich allein durchschlagen.— Aber sehen Sie“, fuhr Johanna mit festerer Stimme fort,„sollte dies jemals der Fall sein, ich meine, daß Julius selbst die Trennung von mir wünschte— so bin ich die Ihrige. Sind Sie zufrieden?“ Sie reichte ihm die Hand hin. Anton saß aufgestützt da und rührte sich nicht. Sie ließ die Hand und das blonde Haupt mutlos sinken. „Zufrieden!“ murrte er. Dann aber wandte er sich lebhaft zu ihr, indem er die verschmähte Hand ergriff.„Nicht als ob ich jemals anders denken und fühlen würde, Johanna. Ich bin ein zäher Mensch, Sie wissen es. Aber es empört mich, daß unser Glück von ihm ab⸗ hängen soll.“ „Und mein Stolz und Ehrgefühl verbieten mir, Ihnen, gerade Ihnen— ach, Sie verstehen mich— einen kränklichen Bruder, der Ihnen unsympathisch ist und der auch Sie nicht zu würdigen weiß, aufzuhalsen. Das kann nicht sein— darf nicht sein!“ setzte sie mit großer Energie hinzu. Dann war es lange still im kleinen Stübchen. Nur das Pfeifen der Schwalben, die draußen ihre Kreise zogen, war vernehmbar. Das Geräusch eines Tropfens, der auf das Zeichenpapier fiel, machte Anton aufschauen. „Du weinst, o Liebe, Teure!“ rief er, und schon kniete er neben ihr, nahm sie in seine Arme und küßte ihr die Thränen vom Auge. „Johanna, edles, großherziges Mädchen, zu meinem Unglück muß ich Dich immer mehr lieben und bewundern. Aber ich gebe Dich nicht auf; ich betrachte Dich als meine Braut, und wo ich auch immer sein mag, wenn Du mich rufst, ich komme. Ich gehe fort, denn hier bleiben kann ich nicht, nach England, nach Amerika, aber Du sollst immer von mir Kunde haben.“ Johanna hatte sich aus seinen Armen frei gemacht. i„Ja, Anton, ja das ist das Beste. Gehen Sie in die Welt. Ein junger, kräftiger, intelli⸗ genter Mann muß sich erst im Leben umschauen, ehe er sich an die Scholle bindet. Wäre ich ein Mann, ich thäte es auch.— Aber es wird spät,! Anton, Sie müssen gehen“— schloß sie, sich von ihrem Stuhle erhebend. a Anton sprang auf seine Füße, er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und stand eine Weile wie verloren da; dann riß er das Mäd⸗ chen nochmals an sich und stürzte fort. Auf dem Hofe ward es von den Heimkehren⸗ den laut und wieder still— Johanna rührte sich nicht. Erst ein Mondstrahl, der durch das Fenster fiel, weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Julius war noch nicht zurück, allein sie ängstigte sich nicht um ihn, sie dachte kaum an ihn. Erst als sie ihn kommen hörte, rückte er wieder in den Mittelpunkt ihrer Gedanken.„Herr Gott, unsereins kann doch auch recht egoistisch sein“, dachte sie fast beschämt und eilte ihm entgegen. Er war sehr aufgeräumt. b N „Denke Dir, Hans, ich bin wirklich in der Oper gewesen. Ach, solchen Genuß soll man sich doch von Zeit zu Zeit gewähren. Man ist gleich ein ganz anderer Mensch“ „Ich habe Dir auch etwas mitzuteilen“, sagte Johanna nach einer Pause, während sie dem Bruder Butterbrötchen strich.„Etwas, das Dir angenehm sein wird.“ „Dann schieß mal los, mein Kind“, sagte er kauend.„Was ist's?“ „Iß nur erst, nachher sag' ich es Dir.“ „Wie Du willst.“ Er sprach wieder vom Tannhäuser und von der heutigen Aufführung. Daß er hinter den Koulissen gewesen, sagte er nicht, auch nicht, daß er in Suschens Begleitung nach Hause gekommen.“ „Nun, Deine Neuigkeit“, sagte er, als er gesättigt war und eine Zigarre anzündete.„Ich kann sie mir übrigens denken. Anton hat Dir eine Liebeserklärung in aller Form gemacht. Die Mine schien heute geladen.“ „Und—?“ „Und Du hast ihn natürlich abgeblitzt. Oder— hast Du Dich etwa überrumpeln lassen?“ Er sah sie über die Lampe hinweg forschend an. Wenn Johanna die leichtfertige Art, mit der er eine Sache behandelte, die ihr Lebensglück betraf, tief in die Seele schnitt, so schmerzte sie noch mehr die Geringschätzung Antons, die aus seinen Worten sprach. Nein, diese beiden Men⸗ schen konnten nimmermehr zusammen leben. Sie hatte recht gethan, einen und den andern davor zu bewahren, wenn auch um den Preis des eigenen Glücks. „Ich habe seine Bewerbung zurückgewie sen“, sagte sie mit leiser Stimm'. „Na, da gratuliere ich, Hans. Du kannst noch allemal eine andere Partie machen. Gottlob, so find wir endlich den lästigen Gesellen los.“ Er reckte sich recht behaglich in seinem Lehnstuhl. „Ich habe ihn Deinetwegen zurückgewiesen“, sagte Johanna mit gepreßter Stimme. „Meinetwegen? Ei, sieh doch, Du Schalk. Als ob Du nicht auch Deinen Stolz hättest. Wir sind zwar sehr demokratisch, hm, hm, aber ein Grafensohn ist uns doch lieber, als ein Schneidersohn, was?“ „Da irrst Du sehr. Ich kenne zwar keinen Grafensohn, aber diesen Schneidersohn stelle ich den Besten gleich— und Du hättest alle Ursache, es auch zu thun.“ „Ich? Nun, das laß meine Sorge sein. Mir ist der Mensch zuwider, und ich bin froh, daß es endlich zum Klappen gekommen ist. Ich ahnte so was, weißt Du, und ging deshalb aus.“ Johanna ertrug es nicht länger. Sie räumte den Tisch ab, sagte ihm gute Nacht und ging. Draußen stand sie eine Weile, die Hände fest auf das Herz gepreßt. War es denn möglich, daß Julius so hohl und herzlos war? Nein, nein, nur blind war er— blind, wie es ein Menschendarsteller nicht sein sollte. Er ahnte den Zustand ihres Herzens nicht, nicht was sie geopfert hatte. Wenn er es ahnte, er würde ganz anders gewesen sein— das Opfer vielleicht nicht einmal angenommen oder sie doch wenigstens voll Mitgefühl ans Herz geschlossen haben. Aber er sollte nie erfahren, wie es um sie stand. Für sie blieb es sich doch gleich— so oder so, sie war durch die heiligste Pflicht an ihn gefesselt. Noch lange saß sie, mit solchen Gedanken beschäftigt, in ihrem Stübchen un blickte in den schweigenden, mondhellen Hof. IV. Die Musterzeichnung war von der Baronesse nach mancherlei Ausstellungen schließlich gut ge⸗ heißen worden, und Johanna saß nun außer den Unterrichtsstunden in der Schule den ganzen Tag und oft bis tief in die Nacht an ihrem Stickrahmen. Um Julius konnte sie sich nur so weit kümmern, als seine nächsten Bedürfnisse in Betracht kamen. Er hatte sich gewöhnt, allein auszugehen; zuweilen holte iha auch ein Be⸗ kannter zu einem Spaziergang ab oder Suschen Champagner begleitete ihn. Das letztere sah Johanna jedoch nicht gern. Es hatte sich zwischen beiden ein burschikoser, familiärer Ton eingeschlichen, der ihr höchlichst mißfiel. Der braven Wäscherin zu Liebe duldete sie jedoch die Besuche des Mädchens. Von Auton hatte sie einen langen Abschieds⸗ brief erhalten, den sie jeden Abend, bevor sie sich zur Ruhe legte, wieder las. Es war ihre Andachte stunde, ihr stiller Gottesdienst, an den sie den ganzen Tag mit heimlicher Wonne dachte. Anton hatte sie in jenem Brief an ihr Wort gemahnt, ihm gehören zu wollen, sobald sie ihrer schwesterlichen Pflichten ledig wäre. Glaubte sie auch nicht, daß dies je der Fall sein würde, so war es doch so süß, zu wissen, daß es Einen gab, der darauf hoffte, von dieser Hoffnung lebte. Da stand es ja von seiner lieben Hand geschrieben, und schon die äußere Form der Worte erfüllte sie mit Entzücken. Sie wurde nicht müde, den Brief wieder und wieder zu lesen, und so mit dem Fernen beschäftigt, verfloß ihr die schwere Arbeitszeit wie ein Traum. Anton hatte sich nach England gewandt. Die Stickerei nahte ihrer Vollendung. Nach drei Wochen unermüdlichen Fleißes war es end⸗ lich so weit, daß sie dieselbe abliefern konnte. Eines Tages packte Johanna, nachdem sie aus der Schule gekommen, ihre Arbeit sorgfältig ein und begab sich abermals in das aristokratische Haus. Diesmal wurde sie von der alten Kammer- frau empfangen und sogleich in das Wohnzimmer der Baronesse geführt. Dasselbe war leer, aber in dem anstoßenden Salon hörte man laut und lebhaft sprechen. Die Kammerfrau öffnete respekt⸗ voll die Thür und meldete Johanna an. „Lassen Sie die Storbeck ihre Arbeit aus⸗ packen, Eichler“, hörte sie die Baronesse sagen. „Die Herrschaften wollen die Güte haben, die Stickerei in Augenschein zu nehmen.“ Johanna breitete ihr Werk auf dem runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers unter der Gaskrone stand, mit der größten Seelenruhe aus, während die Kammerfrau, die Hand auf dem Drücker, in devoter Haltung das Nahen der „Herrschaften“ erwartete. Nicht lange, so trat die Baronesse mit drei älteren Damen, in lebhafter französischer Kon⸗ versation begriffen, ins Zimmer. Ohne von Johanna Notiz zu nehmen, stellten sie sich, teils mit Klemmern, teils mit Lorgnetten bewaffnet, um den Tisch, um die Arbeit zu mustern. Johanna wußte von ihrer Schulzeit her noch so viel Französisch, um die Unterhaltung, welche geführt wurde, in der Hauptsache zu verstehen, zumal man mit der gewohnten, jede Silbe be⸗ tonenden Langsamkeit sprach. Nur eine kleiue Dame mit starken, männlichen Zügen und einem nicht unansehnlichen Schnurrbärtchen auf der Oberlippe mußte wirklich eine Französin sein, denn Johanna vermochte aus dem Strom ihrer Rede nur hier und dort ein bekanntes Wort wie: magnifique, artistique, excessivement bien fait“ heraus zu hören. Sie konnte gar nicht zweifeln, daß diese Aus⸗ drücke ihrer Arbeit galten, auch gaben die Mienen der übrigen Damen Beifall kund. Nur die Baronesse schien zu kritteln. Endlich verabschiedete sich die kleine Französin und die anderen Damen folgten ihrem Beispiel. Johanna war nun mit der Baronesse allein. * Prächtig, künstlerisch, außergewöhnlich gut gemacht. —. ite 97 Die un, iber die 0 Johan gend lt 9 g g l 5 Ver Gule ert schinen Hoffmann den Erfo so lebend Jusiinkti hach der, in Berül si sich Daumen heraus, schtei. schen ar chen in Gewohr beibehal so gelan dieser S Fuankhei lchen, je lun, wi euhaltent sißlhe idem di lat inn. N18 Mu botderen unn nag huhnheit de Ver csc bindet 0 Mill a 10 Ne dier 0 Nieht Shisel 1921 agelleid Fach 0 w igen i Gef 26. — 1 1 0 0 wont 1 f außft ganzen ihren rut y uise in allen Fuächen b. gern hilose, cc duldet schieds⸗ dor sie t ihte an den dachte r Wort ie ihrer ubte sie irde, Einen offnung n Hand im der Wurde eder zu verfloß im. dt. „ eh es end⸗ lonnte. sie auß lig ein kratisc ammer⸗ mümmer er, aber aut und rech eit a se fag. ben, kunden inter der ruhe al, auf den hen da nit di her Koh sic fal Kwafn, 1. her 0 vel bach Eibe be n 1 eint 1 1 Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. „Nun, Fräulein Storbeck“, sagte diese.„Sie haben sich zwar viel Zeit bei Ihrer Arbeit ge⸗ lassen, aber sie ist doch im ganzen recht gut aus⸗ gefallen. Einzelnes hätte ja allerdings noch aus⸗ drucksvoller sein können. Mademoiselle de Loney stimmte mir hierin bei, und sie ist maßgebend in Sachen des Geschmacks.“ Johanna konnte sich nicht enthalten, zu be⸗ merken, daß sie soviel verstanden, daß die Dame ihre Arbeit gerühmt hätte. Die Baronesse erwiderte nichts. „Nun, und Ihre Rechnung?“ fragte sie halb über die Schulter gewendet. Johanna präsentiere sie ihr. (Fortsetzung folgt.) Gesundheitsschädlichheit des Finger⸗ lutschens und Nägelkauens. Von Dr. Karl Schmidt. Vor allem, Konrad hör! Lutsche nicht am Daumen mehr; Denn der Schneider mit der Scheer Kommt sonst ganz geschwind daher, Und die Daumen schneidet er Ab, als ob Papier es wär. Wer ist als Kind nicht bis in die tiefste Seele ergriffen worden von dieser schauerlich⸗ schönen Geschichte des„Daumenlutschers“ in Hoffmanns Struwwelpeter. Aber wirklich dauern⸗ den Erfolg hat selbst diese in Wort und Bild so lebendig dargestellte Schilderung nur selten. Instinktiv saugen und lutschen die Kinder bald nach der Geburt an allen, was mit ihrem Munde in Berührung kommt. Meist stecken sie, sobald sie sich zum Schlafen anschicken, den rechten Daumen in den Mund; nimmt man ihn wieder heraus, so erheben sie ein ohrenbetäubendes Ge⸗ schrei. Bei den Säuglingen ist das Fingerlut⸗ schen auch weiter nicht schlimm, wenn ihre Händ⸗ chen immer ganz sauber sind. Wird diese Gewohnheit aber noch in den letzten Lebensjahren beibehalten, wo die Finger sehr unsauber sind, so gelangt in Mund und Magen nicht nur all dieser Schmutz, sondern es können auch mancherlei Krankheitserreger mit eindringen. Welche schäd⸗ lichen, ja sogar gefährlichen Folgen dies haben kann, wird jedermann klar sein. Das jahrelang anhaltende Fingerlutschen kann selbst eine recht häßliche Formveränderung der Kiefern erzeugen, indem die obere Zahnreihe nach außen, die untere nach innen verzogen wird, so daß beim Schließen des Mundes ein freier Raum zwischen den vorderen Zahnreihen verbleibt. Deshalb muß man nach dem Säuglingsalter diese üble Ange⸗ wohnheit bestrafen. Am besten hilft allerdings die Verhinderung durch Ueberziehen von Fausft⸗ handschuhen, die man an dem Handgelenk fest bindet oder zunäht. Oder man wendet folgendes Mittel an: Für 5 Pfennig Wermutthee und für 10 Pfennig Quassiarinde wird mit ungefähr 1 Liter kochendem Wasser aufgebrüht und 24 Stunden zugedeckt stehen gelassen; von der dann abgeseihten Flüssigkeit seßt man soviel einem Schüsselchen Wasser zu, daß es recht tüchtig bitter schmeckt. Nachdem das Kind gewaschem und angekleidet ist, werden die Hände in das Wasser getaucht und nur ganz oberflächlich abgetrocknet. Dies wiederhole man mehrmals des Tages. Uebrigens wirken oft am erziehlichsten die Neckereien der Geschwister und Spielgefährten, die man noch hierzu anspornen kann. Die Fingerlutscher können sich ja zum Glück noch nicht darauf berufen, daß sie sogar einen Gott der alten Aegypter zum Vorbilde und Genossen haben, nämlich Horus, den Gott der Stunde, der mit 12 5 rechten Zeigefinger am Munde dargestellt ird. Weit häßlicher und namentlich schädlicher ist Großes Lager in Taschen⸗ uhren, Weckern, Regula⸗ teuren, sowie in Uhrketten, Gold⸗ u. Silberwaren moderner, besserer Kon⸗ struktion u. Haltbarkeit zu trotzdem sehr billigen Preisen. das Nägelkauen, das vielfach als die einfache spätere Fortsetzung des früheren Fingerlutschens angesehen wird. Durch das Nägelkauen wird eine Verunstaltung und Verstümmelung der vordersten Fingerglieder hervorgerufen, welche sich, ihres Schutzes und Haltes beraubt, in auf⸗ fallender Weise verkürzen und in die Breite gehen, so daß sie keulenförmig oder klobig anschwellen. Die oft bis ins Nagelbett abgekauten Finger gewähren dann einen höchst widerwärtigen Anblick, der empfindsame Personen förmlich zurückschaudern läßt. Für die Betreffenden selbst erwächst daraus auch der Schaden, daß die Tastnerven der Finger gerade an der wichtigsten Stelle abgestumpft werden, und sie daher zu sogenannten Präcision⸗ arbeiten, bei denen ein gut entwickeltes Tast⸗ gefühl der Fingerspitzen für die Sicherheit und Sauberkeit beim Arbeiten unbedingt erforderlich ist, nicht recht zu gebrauchen sind, wie man in den Fachschulen beobachtet hat. Die durch an⸗ haltenes Kauen sich in den Fingerspitzen all⸗ mählich entwickelnde Reizbarkeit mag es ja wohl auch sein, welche immer wieder zu dieser häß⸗ lichen Angewohnheit anregt. In die beim Beißen und Kauen leicht ent⸗ stehenden Rißwunden an den Fuünern dringt auch oft Speichel oder Schmutz von den Fingern oder dem unteren Nagelrande, der zur Entzündung und Eiterung(Nagelwurm) Anlaß giebt und bisweilen eine langwierige, schmerzhafte Behandlung erfordert. Gelangen Schmutz oder Krankheitserreger in den Magen, so können diese leichtere oder schwerere Verdauungsstörungen her⸗ vorrufen, während verschluckte spitze Nagelstückchen sogar Verletzungen der zarten Hals- und Magen⸗ schleimhautsveranlassen können. Also muß man das Nägelkauen der Kinder entschieden frühzeitig be⸗ kämpfen. In England untersucht man auch in den Schulen häufig die Hände darauf hin, und die „nail biters“ werden streng bestraft. Am besten nimmt man mehrmals täglich nach dem Waschen eine Einpinselung sämmtlicher Fingerspitzen mit folgender Mischung aus der Apotheke vor: Quassiatinktur 20 Gramm Aloétinktur 5„ Bersteinöl 3 der ekliche bittere Geschmack dieser Mischung hat so viel abschreckendes für die kindlichen Geschmacks⸗ organe, daß nur ein wahrer Heroismus im Nägelkauen oder— die Schlauheit der Kinder, die bei der ersten erreichbaren Gelegenheit die Hände waschen, diesem Mittel widersteht, wes⸗ halb einige Zeit hindurch stete Beobachtung nötig ist. Aus hygieinischen Gründen mögen daher auch die Lehrer auf die Nägelkauer achten, sie über das Häßliche und Gesundheitsschädliche ihrer An⸗ gewohnheit belehren, die Fingernägel der Kinder in bestimmten Zeiträumen untersuchen und gege⸗ benenfalls die Eltern davon benachrichtigen. Sprüche zur Jebensweisheil. Man giebt in unseren Staaten meistens der Gerechtigkeit eine Form, die schrecklicher ist als die Ungerechtigkeit selber. * Die Gerechtigkeit birgt reine Ordnung; aber man möchte uns gar zu gern jede dumme Ord⸗ nung für Gerechtigkeit verkaufen. * Nach der Vernunft gehören die Fürsten den Ländern, nach der Unvernunft gehören die Länder den Fürsten. 4 Man lärmt so viel über die französische Revolution und ihre Greuel. Sulla hat bei seinem Einzug in Rom an einem Tage mehr Uhr 2 Jahre schriftl. Gar. Reparaturen all. Arten wer⸗ den billigst, prompt und L unter Garantie in eigener Uhrmacher. Lollar. Gießen, Sonnenstr. 25, zu beziehen. gewütet, als in der ganzen Revolution geschehen ist. Die französische Revolution wird in der Weltgeschichte das Verdienst haben, zuerst Grund⸗ sätze der Vernunft in das öffentliche Staatsrecht getragen zu haben.(Aus Seumes Apokryphen.) * Geldmenschen verzeihen Dir alles, nur eines nicht: Mangel an Demut vor dem Geldsack. v. Leixner. * Armenpflege. Zu lindern der Bedrängten Weh Ergreift sie menschliches Erbarmen, Sie geben jährlich ein Diner Und trinken auf das Wohl der Armen. Max Kalbeck. Humoristisches. Erschwerend. Geheimpolizist(einen Fremden erwischend, der an verbotener Stelle badet):„Was, be⸗ stechen wollen Sie mich?... Und noch dazu bloß mit zwei Mark?!“ * Schlagfertig. Aus der Schweiz teilt man der 2Leipz. Volksz'g.“ folgendes hübsche Geschichtchen mit, das sich allerdings schon vor einigen Jahren in Winter⸗ thur ereignet hat. Dort sprach vor einer großen Ver⸗ sammlung im Kasino der durch seine große Biographie Pestalozzis auch außerhalb der Schweiz bekannte Winter⸗ thurer Waisenvater Dr. Heinrich Morf über:„Die Versorgung armer Kinder in früheren Jahrhunderten“. Während einer ergreifenden Schilderung des Elends dieser armen Kinder stieß pötzlich unter dem Tisch ein Vierbeiner einen gedehnten, klagenden Laut aus.„'s thut bi Gott dem Hund no weh!“ unterbrach Morf schlag⸗ fertig mit jenem schalkhaften Lächel, das ihm eigen war, und fuhr darauf in seiner Rede weiter. * Adelige Weltanschauung.„——— Ehre, Liebe und Hunger sind es, die die Welt bewegen; für die Ehre haben wir das Duell, für die Liebe das Korps de Ballett und für den Hunger, Gott sei Dank, die reiche Heirat.“(Simpl.) Neu eingelaufene Schriften. Von dem Arbeiterrecht, herausgegeben von Arthur Stadthagen(Verlag Dietz, Stuttgart) sind so eben die Schlußhefte 19—22 zur Ausgabe gelangt. Hiermit liegt das für jeden Arbeiter unentbehrliche Werk komplett vor. Das„Arbeiterrecht“ enthält thatsächlich alles, was für den Arbeiter notwendig ist, zu wissen und macht Text⸗ ausgaben der Gesetze erst verständlich. Dem Werke direkt angeschlossen ist der„Führer durch das Bürgerliche Ge⸗ setzbuch“. 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