Nr. 52. Gießen, Sonntag, den 23. Dezember 1900. 7. Jahrg Redaktion: 5 Ki latz 11, S. Nedaktionsschluß rchenp 3 Mittel d eutsch E Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 * N N ede 5 47 S al L EC N eit Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in S 1 a 8 7125 a. 1 75. alle A ger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. eee bann 08 77 monatlich 2 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder da d kostet 10 Pfg. ei 80 7 5 15 97 n Pfg. Direkt durch Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung e Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt Friede auf Erden! L. W. Ich höre sie wieder im Geiste, die Weihnachtsglocken der Christenheit mit ihrem zauber schen„Friede auf Erden“. Nahezu fünfzigmal höre ich mit Bewußtsein ihren Klang und gar manchesmal hat derselbe einen tiefen End ruck auf mich gemacht. Nur einmal im schönsten Lebensalter hörte ich sie nicht. Keine Glocke klang Kein Kindlein sang. Die Waffen klirrten, Die Menschen irrten,— Es war der Krieg—. Ja, der Krieg von 1870—71 tobte noch wild um die Weihnachtszeit zwischen zwei der ku llurberufensten Nationen Europas. Blutig schwang er seine Geißel über den friedens⸗ bedürftigen und sruedensliebenden Bewohnern zweier herrlicher Länder. Heiliger Abend und Feldwache! Heiliger Abend und schußbereit, schuß bereit auf irgend ein Christenkind, das ich nie gesehen, das mir nie etwas zu leide gethan, das aber mein Feind sein muß, weil es ein Franzose ist, Feind auf Leben und Tod und— für wen, für was? Aber weg damit, weg mit den düsteren, traurigen Bildern der Vergangen- heit. Die Gegenwart muß besser sein, muß christ licher sein. Es ist gewiß nichts unterlassen worden namentlich unser deutsches Volk so christlich als nur möglich zu machen. Wer das bezweifelt, der blicke nur auf die vielen Kirchenbauten, die innerhalb der letzten dreißig Jahre aufgeführt wurden. Und das sollte keine Früchte getragen haben? Namentlich in Berlin, der Hauptstadt des Reiches, bald des Reiches Kirchenstadt, wo die Kirchen und die Frömmig⸗ keit nur so aus dem Boden wachsen, da kann es auch nicht einen Menschen geben, der seine Freude an Mord und Todtschlag, an Krieg und Massenmord, an Massenarmuth und Massen⸗ elend hätte. O nein, das kenn nicht sein, das wäre nicht christlich, das wäre gegen die Reli⸗ gion der Liebe, das wäre Verrath an dem gro⸗ ßen Stifter dieser Religion, und ihm zu Ehren wird ja das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe und des Friedens gefeiert. Treten wir also vertrauensvoll in ein christ⸗ liches Gotteshaus und lauschen den frommen und süßen Worten des Predigers. Mit zum Himmel erhobenen Händen dankt er dem all⸗ mächtigen und allliebenden Gott, daß er seinen Sohn in die sündige Menschheit gesandt, daß er sie lieben und leiden gelehrt, preist die Allgüte des himmlischen Vaters, die die Segnungen des Christenthums auch den verstocktesten Heiden u gute lommen ließ. Mit Feuereifer und weit⸗ ausgreifenden Gesten schildert er den Armen und Elenden die Freuden des zukünftigen Le⸗ bens— im Himmel, mit wuchtigem Ernste ermahnt und beschwört er sie, hier auf Erden nicht za murren und zu klagen über ihr vielleicht hartes Schicksal. Rührend ist die Sanftmuth, mit welcher der fromme, christliche Prediger die Reichen ermahnt, der armen Brüder und Schwe⸗ stern in Christo zu gedenken. Es ist eine große und erschütternde Rede, die an unser Ohr tönt von all dem gepriesenen und verheißenen Glück und Wohlergehen. Im Schlußgebet wird der Segen des Himmels erfleht für alle Gläubigen und ein schallendes„Halleluja!“ preist den all⸗ gütigen und gerechten Gott der Christenheit. Wir sind gerührt und treten hinaus auf die Straße— auf die Straße gerade in dem Augenblick, als zwei noch junge Menschen zu⸗ sammengeschlossen von einem Polizisten vorüber⸗ geführt werden. Da packt uns ein Schauder und alle fromme Rührung ist verflogen. Wel⸗ ches Verbrechen haben sie grade am Weihnachts⸗ fest begangen? Wie sehen sie aus? Die Klei— der schmutzig und theilweise zerfetzt und Schuhe, daß sich Gott erbarm! Und sie schlottern da— hin, als ob sie müde und hungrig wären trotz früher Morgenstunde. Ja, das sind sie auch und ich auch, sagt ein Mensch hinter uns, der fast so aussieht wie sie. Wir drei haben heute Nacht in einem kalten Schuppen da draußen kampirt und elend gefroren. Das Asyl für Ob— dachlose war überfüllt und so mußten wir mit fast leerem Magen uns auf die Suche nach einer Unterkunft machen. In der Stadt uns etwas zu erbitten, das konnten wir nicht ris⸗ kiren, wir dursten nicht wagen irgendwo einzu⸗ treten. Fenster und Erker waren überall glän⸗ zend erleuchtet und wir sahen deutlich, wie uns die Polizisten beobachteten. So hatten wir grade, als die Feierglocken eben aushörten zu läuten, den Schuppen gefunden und krochen unter, hungrig und wüde. Seit vier Wochen sind wir auf der Wanderschaft, wir haben da unten in der Rheingegend als Schlosser gear⸗ beitet und wurden mit vielen anderen entlassen, weil nichts mehr zu thun war. Nirgends konn⸗ ten wir wieder Arbeit finden und auch hier war es uns unmöglich. Wir hofften, heute am Weihnachtsseste würden die Geschenke etwas reichlicher fließen und die Polizei sei etwas we⸗ niger strenge. So traten meine beiden Kame⸗ raden in ein reich aussehendes Haus und ahnten nicht, daß gerade es besonders scharf beobachtet wird, um den„lästigen Bettel“ abzuhalten. Wie es ihnen ergangen, das haben Sie gesehen, und wie es ihnen und mir und Tausenden weiter ergehen wird, ich fürchte mich, daran zu denken. Eine gern gewährte Unterstützung und ein inniger Dank beendeten diese tiefernste und traurige Weihnachtsscene, um einer noch düsteren Platz zu machen. Ein lebhafter Menschenstrom begleitet einige Wagen, die von der Richtung des Bahnhofes kommen. Ihre Insassen sehen so sonderbar aus, die Körper noch jung, die Ge⸗ sichtszüge so leidend, so ssech. Vor wenigen Ta⸗ gen hat ein Dampfer viele solcher jungen Leute über das weite Meer zurückgebracht und nun reden sie mit ihrer Euscheinung, ohne daß sie den Mund aufthun, überall wohin sie sich zer⸗ streuen im deutschen Vaterland, gerade an dem Fest der Liebe, am schönen Weihnachtssest, eine ganz besondere Sprache. Es sind aus China zurückgeschickte, aus irgend einem Grunde für den ferneren Felddienst unbrauchbar gewordene Kulturkämpfer. Doch, was ist das? Gar⸗ stige, abscheuliche Tinte, warum wirst Du auf einmal roth, roth wie wahrhastiges Menschen⸗ blut? Schreckliche Bilder treten vor das Auge des Geistes. Brennende Dörfer und Städte, verhungernde, verdurstende Menschen, mit mensch⸗ lichen Leichen übersäcte Flüsse, zerfetzte mensch⸗ liche Leiber, von christlichen Waffen bloßgelegte menschliche Gedärme, erschossene und erstochene wehrlose Frauen, von christlichen Waffen gespießte Kinder! Die Furien des Krieges, begleitet von Wahnwitz und vollendeter Waffen⸗ technik haben sich, massenmordend in den Dienst „christlicher Kultur“ gestellt und zaubern die Bilder der Grausamkeit und Rache sinnver⸗ wirrend, betäubend auf den Hintergrund dieser Kultur. Christliche Kultur, christliche Religion, christliche Liebe! Ströme von Blut begleiten, nein, schreiben ihre Ge⸗ schichte. Wo ist ein christliches Land, in wel⸗ chem nicht im Namen der christlichen Religion die Menschen sich gegenseitig zerfleischt haben? Ach, unser eigenes, armes Vaterland hat bis heute sich noch nicht wieder vollständig erholt von den Wunden, die ihm chriftliche Katholiken und christliche Protestanten in einem dreißig⸗ jährigen schrecklichen Kriege geschlagen haben. Welche Summe von Elend tritt vor unser Auge, wenn wir all das denken! Und heute? Sind es nicht fromme Christen, die Stellung, Macht, die Mittel der Gesetzgebung dazu verwenden, um ihren ar⸗ men christlichen Nebenmenschen Brot und Fleisch durch hohe Zölle zu vertheu⸗ ern? Durch Zölle, die ihnen, den reichen Junkern und Agrariern die Taschen füllen! Be⸗ trachten sie sich nicht als gute Christen, die auf solche Weise das arme und enterbte Volk zu be⸗ ständigem Hungern verurtheilen? Sind es nicht fromme Christen mit der Religion der Liebe auf den Lippen, die in unseren Gauen den abscheulichsten Rassen haß predigen, den Schandfleck des Antisemitismus dem deut⸗ schen Namen aufgeprägt haben? Hält ihr Christenthum all die vielen christlichen Unter⸗ nehmer davon ab, die Arbeit, diese einzige Trä⸗ gerin wahrer und wirklicher Kultur, als das verächtliche Aschenbrödel zu betrachten, das nur dazu ist, auch ihnen die Taschen zu füllen? Mit einem Wort! Wie groß, wie un⸗ endlich groß ist die Summe der Enttäu⸗ schungen, die die arme und leidende Mensch⸗ heit seit nahezu zweitausend Jahren, seit Ein⸗ führung der christlichen Religion erlebt hat, am schmerzlichsten dort empfunden hat, wo diese Re⸗ ligion, die Religion der Liebe, mit Gewalt, mit den Waffen in der Hand, eingeführt wurde! Wie weit ab liegen die Resultate von dem Glau⸗ ben und Hoffen ihres ersten Lehrers, ihres er— habenen Begründers! Muß nun aber all diesen traurigen und düst'ren Thatsachen gegenüber alle menschl iche Hoffnung auf den Eintritt wirklicher Me. sch ich- keit verzichten? Giebt es keinen Weg, der die geknechtete Menschheit hincusführt zu dem er⸗ strebten, gehofften und berechtigten Wohlergehen auf Erden? O doch! Der aufmerksame Lau⸗ scher kann sie jetzt schon vernehmen, die Töne des Jubel⸗ und Julfestes, des Sonn wend⸗ festes des Sozialismus. Er schickt sich an mit all seiner Jugendkraft der gequälten Menschheit das zu bringen, was ihr bis jetzt keine Weltanschauung bringen konnte, ein dau⸗ erndes Glück, eio dauerndes Wohler⸗ gehen, ein dauerndes Wohlgefallen für alle auf Erden. Der Grundsatz„Reiche und Arme müssen untereinander sein, der Herr hat sie alle geschaffen“ ist der verhängnißvolle Eckstein aller voraufgegangenen Weltanschauungen. , S S — — 2: r 2 r. 2 L: r r 4 2 e Seite 2. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. die Lehre des Sozialismus von der heit alles dessen, was Menschen⸗ antlitz trägt“ ist die Bürgichaft für die große Zukunft der Menschgeit. Wird es dem Sozialismus gelingen, bald siegreich seinen Rundgang über di ganze Erde zu thun, oder werden ihm seine mächtigen Zegner immer ge⸗ waltigere Hindernisse in den Weg legen? Werden die Gegner kein Mittel unversucht lassen, um den Sozialismus niederzuhalten, werden sie selbst vor den grausamsten nicht zurücksch ecken, oder werden sie trotz alledem und alledem zu schwach sein, cht: 0 Menschheit, das Fest des wirklichen Frie⸗ dens, der vollendeten Menschenliebe zu verhin⸗ dern? Die erfreuliche Thatsache, daß sich heute schon, über die weite Erde zum Theil zerstreut, Millionen zu der Weltanschauung des Sozialis⸗ mus begeistert bekennen, giebt uns den Muth zu der Annahme, daß nichts im Stande sein wird, seinen endgültigen und baldigen Sieg zu verhindern. Mit ihm kein Krieg, kein Massenmord, kein Blut⸗ vergießen, keine Unterdrückung, keine Knccht⸗ schaft, keine Ausbeutung, keine religibse Heuchelei, mit ihm das Recht, die Gerechtigkeit, die Freiheit, mit ihm die Meuschlich⸗ keit in ihrem vollen Umfange, mit ihm die Sonnenwende des Glückes und des Wohlergehens auf Erden, mit ihm das fröhliche Jubelfest der ganzen Menschheit! Politische Bundscchau. Gießen, 21. Dezember. Echtheit der Hunnenbriefe. Der preußische Kriegsminister bestritt be⸗ kanntlich im Reichstage die Echtheit der zahl⸗ reichen Hunnenbriefe, er war sogar so frei, den von Bebel aus der„Fränkischen Tagespost“ zitirten als„eine Mache“ zu erklären. Durch die Uebereinstimmung der einzelnen Briefe standen aber für Jeden die in denselben mitge⸗ theilten Thatsachen fest. Die Echtheit der Briefe wird aber jetzt auch von einem Ordnungsblatt erster Güte, den„Hamburger Nachrichten“, be⸗ stätigt. Und sie haben ihre Kenntniß aus bester Quelle, von den ersten Hunnen⸗ kriegern, welche vorige Woche aus China zu- Crückgekehrt sind. Alle Leute dieser Truppe, die befragt wur⸗ den, haben nach den„Hamb. Nachr.“ die Briefe als echt bezeichnet. Wenn sie nicht noch eigenes Material zur Ergänzung dieser Zeugnisse gegeben haben, so geschah das nicht, weil sie etwa nichts hätten. Sie haben jedenfalls genug davon, aber sie dürfen es nicht bekannt werden lassen! Den Mannschaften ist nämlich nach der„Frkf. Ztg.“ schon auf der Rückreise auf dem Dampfer streng verboten worden, irgend etwas über den Krieg Zeitungsberichterstat⸗ tern zu er zählen. Ein zweiter Beweis für die Wahrheit dessen, was die Hunnenbriefe berichteten, was das deutsche Volk schaudernd, scham- und zorn⸗ erfüllt erfahren hat. Wie lange nun wohl der Kriegsminister noch gebrauchen wird, um aus seinen Akten zu erfahren, was in China vorgekommen ist, zu wissen, was alle Welt weiß! Und wie lange es wohl noch dauern wird, bis energisch dafür gesorgt wird, derartige Hunnenthaten zu ver— hindern! Kriegszug bei Rheinwein und Champagner. Wie Graf Waldersee in China reist, be⸗ schreibt ein Berichterstatter der römischen„Tri⸗ buna“ unterm 17. Oktober:„Graf Waldersee befindet sich sehr wohl und macht die ganze Reise(nach Peking) zu Pferde, obwohl ihm ein sehr bequemer, von vier prächtigen Maulthieren gezogener Wagen folgt, in welchem jetzt die Frühstückskörbe und die Kisten mit Champagner ein Asyl finden. Der Graf und sein Stab trinken nämlich nur Rhein⸗ wein und Champagner. Es folgen ihm zwei Gardekürassire, die ausländischen Offi⸗ ziere, eine sehr hübsche Uanenschwadron und ein Riesenzug mit Bagage. Sowohl er wie seine Offiziere tragen unter dem Uniform⸗ rock einen vollständigen Leder panzer, den sie selbst beim Schlafengehen nicht ausziehen. Das „Gleich⸗ Gefolge ist außerordentlich prächtig. Trotz dem Marschallstab und der kaiserlichen Fahne, die dem Grafen überall hin folgen, ist er sehr bescheiden und höflich. Als ich ihn zu seiner Er⸗ nennung und zu seinen Erfolgen beglückwünschte, sagte er, indem er das Lob abwehrte:„Oh, wissen Sie, man muß nur Glück haben!“— Also nur Rheinwein und Champagner! In den Soldatenbriefen liest man von der⸗ artigen Getränken nichts, vielmehr wird wie⸗ derholt mitgetheilt, daß die Soldaten das Wasser trinken mußten, in dem Menschen- und Thier⸗ leichen schwammen. das große Weihnachts fest der Die Landtagswahlen in Württemberg. Im Laufe dieser Woche haben die Stich⸗ wahlen in Württemberg stattgefunden. Wie wir bereits früher mittheilten, war unsere Partei an zehn Stichwahlen betheiligt, von denen etwa die Hälfte günstige Aussichten für uns boten. Unsere Genossen siegten jedoch nur in drei Wahlkreisen. In Stuttgart⸗Stadt wurde Genosse Kloß mit 14000 gegen 11 500 deutschparteiliche Stimmen wiedergewählt. Fer⸗ ner siegte der ehemalige Pastor Genosse Blu m⸗ hardt in Göppingen und Genosse Keil, Redakteur der„Schw. Tagw.“ in Ludwigs⸗ burg ⸗Amt. In Eßlingen unterlag leider Ge⸗ nosse Schlegel; die Volkspartei hat hier, wie in den übrigen Bezirken, wo sie den Ausschlag zu geben hatte, offenbar zum großen Theil für die Konservativen gestimmt. Das zeigt uns wiederum, wie wenig wir uns auf die Hülfe auch der Demokraten bei den Stichwahlen ver⸗ lassen können; wir müssen so arbeiten, daß wir im ersten Wahlgange siegen!— Nach dem Ge⸗ sammtresultat werden die Parteien in folgen⸗ der Stärke in den Landtag einziehen: Volks⸗ partei 26(bisher 29), Sozialisten 5(bis⸗ her 1), Zentrum 18(18), Deutsche Partei 12 (14), Bündler und Konservative 5(5), Wilde 2(3). Wir gewannen also vier Sitze. Ueber die abgegebenen Stimmen waren un⸗ sere neulichen Mittheilungen nicht ganz zu⸗ treffend. Nach einer Berechnung des„Merkur“ vertheilten sich dieselben wie folgt: 1900 1895 „Nationales“ Kartell 100493 95516 Zentrum 77279 95 926 Volkspartei 77523 94705 Sozialdemokratie 38666 32269 Gegen die letzte Wahl stieg also unsere Stim⸗ menzahl im Prozentverhältniß ausgedrückt von 10,94 Prozent auf 18,58 Prozent. Für uns ein recht erfreuliches Resultat! Bei den ebenfalls dieser Tage stattgefundenen Gemeindewahlen in Stuttgart un⸗ terlagen unsere Genossen. Sie wurden von den Volksparteilern nur sehr lau unterstützt, während fünf Volksparteiler ihren Sieg den Sozialdemokraten verdanken. Wir marschiren! Auch die Landtagswahlen in dem ziemlich vermuckerten Lippe⸗Detmold sind in der dritten Wählerklasse für unsere Par⸗ tei gut ausgefallen; unsere Genossen kommen in folgenden Kreisen in die Stichwahl: 1. Wahl⸗ kreis(Städte Detmold, Lage, Horn): Stich⸗ wahl zwischen Obier(Soz.) und Wißmann (freis., bisheriger Abgeordneter). 2. Wahlkreis (Städte Lemgo, Blomberg, Bartrup, Salzuf⸗ uflen): Stichwahl zwischen Jacke(Wild), und Schmuck(Soz.). 3. Wahlkreis(Aemter Brake, Blomberg, Detmold zum Theil): Stichwahl zwischen Moritz(freis.) und Becker(Soz.). 7. Wahlkreis(Aemter Schötmar, Oerlinghau⸗ sen): Stichwahl zwischen Becker(Soz.) und Während bei den Reichstagswahlen im Jahre Ellerkamp(christl.⸗soz.). 1898 im ganzen Fürstenthum nur 1973 sozial⸗ demokratische Stimmen abgegeben wurden, kam unsere Partei bei der Landtagswahl, bei der doch viele Reichstagswähler nicht stimmberech⸗ tigt sind, auf 2173 Stimmen.— Der lippesche Landtag zählt 21 Mitglieder, die in drei Klassen direkt gewählt werden.— Vier unserer Kan⸗ didaten kommen in Stichwahl. Eine Niederlage erlitten die freien Gewerkschaften bei den Ge- werbegerichtswahlen in Dortmund. Von 3516 Arbeitnehmern, die in den Listen ein⸗ getragen waren, stimmten nur 1820 ab. Davon erhielt die Liste der Gewerkschaften nur 876, während die Liste der katholischen Vereine, die sich mit den evangelischen und den Hirsch⸗ Dunter'schen Vereinen verbunden hatten, mit g ö f ö f 3 betr. 929 Stimmen die Mehrheit erhielten. Offenbar laben es unsere Leute an der nöthigen Or⸗ ganisation fehlen lassen. Hoffentlich lassen sie sich den Ausfall dieser Wahl zur Warnung dienen 7 Antisemitische Leuchte. Dreschgraf Pückler giebt wieder Gastvor⸗ stellungen. Neulich beglückte er Magdeburg mit seiner Anwesenheit. Von dem, was er dort ver⸗ zapfte, wird folgendes mitgetheilt: „Der Zusammenstoß der germanischen und semitischen Rassen wird ein furchtbarer und blutiger sein. Die Richter und An⸗ wälte sollten sich endlich ermannen und ihren frechen, unverschämten jüdischen Kollegen die Akten um die Ohren schlagen, daß ihnen die Schwarte knackt. Zieht das Schwert, das scharfe, blitzende und haut mal auf die Judenbande, daß die Kerls heulen und schreien. Die Paläste der Juden müssen zerstört werden. Wir müssen zur Peitsche greifen und mit Keulen drein⸗ schlagen. Befolgen wir das Beispiel, das Christus im Tempel gab, nehmen wir den Stock und hauen wir das ganze Gesindel heraus. Warum haben wir denn so starke, so kolossale und mächtige Fäuste erhalten von unserem Gott, doch nur, daß wir uns wehren, daß wir uns gewaltig wehren, wenn man uns verdrängt. Wer uns die Herrschaft streitig macht, der kann ganz Io lossale und gewaltiges dei kriegen.“ Und in Berlin, wo vor einiger Zeit eine Pücklerversammlung aufgelöst wurde, sprach er die Ueberzeugung aus, daß er bald wieder Amtsvorsteher sein werde, dann sei er selbst Polizei. Dann werde er eine große Volksversammlung nach Kl.⸗Tschirne einberufen und mit 24 Zentimetergeschützen auf die Juden los feuern. „Dazu lade ich sie alle herzlich ein, wenn ich wieder in Kl.⸗Tschirne regiere, so werde ich drei Paragraphen Gesetzge⸗ bung erlassen: 1. Jeder Jude kann durch⸗ gehauen werden. 2. Jeder freche Jude kann rausgeschmissen werden. 3. Jeder sehr freche Jude kann sogar aufgehangen werden. Pas⸗ sen Sie auf, dann sind wir in acht Tagen die Judenbande los.“ Merkwürdigerweise ist der Mensch noch im⸗ mer nicht in ein Irrenhaus gesperrt. Auch die Magdeburger Polizei, die doch den Sozialdemo⸗ kraten gegenüber sehr empfindlich ist, ließ den Verrückten ruhig gewähren.— Zahlreiche, den „besseren Kreisen“ angehörige Zuhörer be⸗ jubeln stets den gräflichen Blödsinn.— Ein antisemitisches Blatt fällt über den Dresch⸗ grafen folgendes Urtheil:„So ein Zwitter von Narretei und Streberei war bisher in so⸗ zusagen idealster Ausprägung noch nicht er⸗ reicht.“ Be ssisehe r Landtag. Am 12. Dezember genehmigte die Kammer die Abänderung des Gesetzes betr. die Hundesteuer nach dem Ausschußantrage. Nach Artikel 3 werden diejenigen Personen von der Steuer für je einen Hund befreit, die in Folge ihres Berufes oder Gewerbes einsam wohnen und ein Einkommen von weniger als 2600 Mark versteuern.— In der Sitzung am 13. Dez. verliest der Finanzminister Gnauth zunächst den Budget-Entwurf für 1901/2. Die neuen Steuern bringen höhere Erträge als vorgesehen, aber auch die Ausgaben seien größer Angesichts des eigenthümlichen Ueber⸗ gangscharakters glaube man jedoch zunächst von einer Steuererhöhung absehen zu sollen, die Regierung schlage vielmehr vor, das Aus⸗ gabeplus aus früheren Ueberschüssen zu decken. Zum Schluß seines Vortrags richtet der Mi⸗ nisterialpräsidenr die Bitte an das Haus, den diesem demnächst zugehenden Etat schleunigst zu erledigen und dabei eingedenk zu sein der star⸗ ken Steigerung der meisten Ausgabeposten und der Leistungsfähigkeit unseres Landes und seiner Bewohner. Staatsminister Rothe beantwortete hierauf die Anfrage der Abgg. Schill und Diehl, die Fortbildungsschule In der Beantwortung wird besonders hervorgehoben, daß die gegebenen Bestim⸗ mungen nicht die Stunde des Fortbildungs- unterricht, festsetzen, sondern nur die Zeit be⸗ stimmen, bis zu welcher der Unterricht beendet sein soll(Abends 7 Uhr). — Abends ktticht Eine Festen Heanttbo! Fage, 12 0 suttfinde Figeren er Waa Jlurhei buch e 1 lssen ö Wg. an, v fer einn hleiben, gegen qllsse, bes Ale gen d ö e bbenfall die f er lg de lihtung an, f Jecke ß ng ise g No Mae ein. E oled ferfe! bur, g . = — — S . — ——— à¹wgô—. ag · Kammer betr. die * Ne. 52. . 2 . Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Gegen die Aeußerung des Abgg. Schill, daß die Leute doch nichts lernten, zu welcher Zeit auch immer der Unterricht stattfinden möge, wendet sich ausführlich Ministerialrath Eisen⸗ hut h. Das leibliche und sittliche Wohl der Schüler erfordere, daß der Unterricht Abends 7 Uhr beendet sei. Im Laufe der weiteren De⸗ batte, die am 14. Dez. fortgesetzt wird, bemerkt Abg. Köhler⸗Darmstadt, Jeder wisse, wie noth⸗ wendig es sei ein gewisses Maß von Wissen ins Leben mitzubringen. Opfer dafür wären nicht nutzlos. Die Sozialdemokraten wüßten am allerbesten, was es heißt, daß Wissen eine Macht ist. Abg. Ulrich bemerkt, Abo Weidner habe sich durch seine Bemerkung, mau soll sich davor hüten, daß alle anderen Stände durch das Pro⸗ letariat ausgebeutet werden, geradezu unsterb⸗ lich gemacht. Redner ist der Meinung, daß die jungen Leute in der Fortbildungsschule lernen, was sie fürs Leben brauchen, und daher seine Stellungnahme zu der Sache. Köhler-⸗Langsdorf ist von der Verfügung der Regierung nicht erbaut. Er will also, daß die Fortbildungsschüler sich von 7—9 Uhr Abends in die Schule setzen sollen. Beim Un⸗ terricht schlafen sie dann ein. Eine Anfrage des Abg. Frenay, betr. die Besteuerung der Waarenhäuser, beantwortet Finanzminister Gnaut h. Diese Frage, führt er aus, sei noch keineswegs ge⸗ flärt. Es müßten erst Erhebungen hierüber stattfinden.— Abg. Molthan schildert in längeren Ausführungen das Geschäftsgebahren der Waarenhäuser und konstatirt, daß die große Mehrheit der Gewerbetreibenden ihre Existenz durch eine Waarenhaussteuer geschützt wissen wissen will. Abg. Haas(Mainz) ist der Meinung, daß man, wenn man den Standpunkt der Vorred— ner einnehme, nicht bei den Großbazaren stehen. bleiben, sondern weiter gehen und sich auch gegen die großen Spezialgeschäfte wenden muͤsse, denn auch diese seien eine Schädigung des Kleinhandels. Man müßte auch vorgehen gegen die Großindustriellen, die großen Han⸗ delsherren und die Großgrundbesitzer, die . den sog. Mittelstand schädigen. Aber die Regierungen seien eng koailirt mit diesen großkapitalistischen Unternehmern. Die Besteue⸗ rung der großen Waarenhäuser werde die Er⸗ richtung weiterer Waarenhäuser nicht verhin⸗ der Strecke Offenbach⸗Hanau ung der Interpellation über das Binger, oder auch tausend Mann Verstärkungen bedeuten, Bootsungläück wird verschoben.— Eine längene Debatte verursacht die Anfrage über das Offenbacher Eisenbahnunglück. Minister Gnauth antwortet mit der Exklä⸗ rung, daß ein endgiltiges Urtheil, weil die Un⸗ tersuchung noch schwebt, noch nicht abgegeben werden könne. Eine demnächst stattfindende Konferenz werde Maßnahmen zur Hebung der Verkehrssicherheit berathen. Abg. Brentano kritisirt die mangelhaften Einrichtungen auf und die mise⸗ rablen Bahnhofsverhältnisse in Offenbach. Die preußische Verwaltung spare am unrechten Ort und thue nichts für die Sicherheit des Verkehrs. Abg. Ulrich schließt sich dem Vorredner an und verlangt, daß festgestellt werde, wen die Schuld daran treffe, eine Rangierlokomotive dem Schnellzuge die Einfahrt in den Offenbacher Bahnhof versperren durfte. Dadurch sei das Unglück herbeigeführt worden. Es sei zu befürchten, daß die Erklä⸗ wo bisher Hunderttausende nicht viel ausrichten konnten? Das Maximum dessen, was England an Truppen schicken kann, ist bereits in Afrika. Eine Verdoppelung der dortigen Truppen ist unmöglich und während die Zuversicht und der Muth der Buren in ganz unerwarteter Weise und Stärke zurückkehren und wachsen, sehen die Unternehmer des Krieges ihr Ansehen und ihre Macht rapide sinken, wie die Armee Eng⸗ lands langsam, aber sicher zusammenschmilzt. — Ueber das Gefecht selbst berichtete Lord Kit⸗ angegriffen. daß zur kritischen Zeit Bu ren, chener am 13. Dez.: General Clements wurde bei Tagesanbruch bei Nooitgedacht am Magaliesberge von den Kommandos De— lareys und Beyers, insgesammt 2500 Mann, rung des Herrn von Thielen die gerichtliche Untersuchung in bedauerlicher Weise beeinflußt und eine baldige Klarstellung erschwert hätte. dern, sie werde also nicht dem beabsichtigten Zwecke dienen, sondern es werde nur erreicht, daß man ein Ausnahmesteuergesetz für eine ge⸗ wisse Klasse der Bevölkerung schafft. Korell erklärt sich für eine solche Steuer. Ausführlich geht Abg. David auf diese Frage ein. Er widerlegt das Gerede, unsere Partei wolled en Mittelstand vernichten. Mit Unrecht werfe man den Großbetrieben unreelle Geschäfte vor, auch der Kleinhandel sei heutzutage ge⸗ wöhnt, den Kunden etwas aufzuhängen. Was die Angestellten angehe, seien diese bei den Waarenhäusern durchschnittlich so bezahlt, wie dies bei Kleinbetrieben nicht der Fall sei. Daß man die großen Spezialgeschäfte anders wie die Bazare behandeln wolle, begreife er nicht, gerade diese seien dem Kleinbetrieb gefährlich, Es habe gewiß keinen Sinn, ein Geschäft mit Stiefelknechten und ein solches mit Hüten mo⸗ ralisch, ein solches mit beiden Gegenständen zu⸗ sammen für unsittlich zu erklären. Die großen Gerbereien, Biebrauereien usw. hätten alle den Kleinbetrieb ruinirt. Der Umsatz sei in ver⸗ schiedenen Branchen sehr verschieden, daher sei dessen Besteuerung falsch. Richtig sei nur eine Steuer auf das Einkommen. Diese sowie die Vermögenssteuer müsse progressiv eingeführt werden. In den Jahren 18821895 habe die Bevölkerung im Reiche um 14,5 Proz. die Zahl der Handelsbetriebe um 40 Proz., in Hessen erstere um 11, letztere um 27,6 Proz. zu⸗ genommen. Jede unproduktive Arbeit sei ein Fehler. Die Segnungen dieses modernen Wirthschaftslebens müßten der großen Masse zu Gute kommen, hierin liege eine richtige Mittelstandspolitik. Unsere Zeit sei auf allen Gebieten eine solche der ge⸗ nossenschaftlichen Orgonisation. Hinter den Waarenhäusern ständen die Einkaufsvereini⸗ gungen derselben, die allein ganze Fabriken be⸗ schäftigen und deshalb wohl in der Lage seicg⸗ einen Druck auf diese ausüben zu können. Er Ge daß unsere Regierung abwarte, welche fahrung man in Preußen mache. In der weiteren Debatte treten sichtspunkte nicht zu Tagle.— Die neue Ge⸗ Besprech⸗ Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Oriol a und Bähr schließt die Sitzung.— Die Be⸗ richte über die Sitzungen vom 18. und 19. Dez. müssen wir bis zur nächsten Nummer zurück⸗ stellen. F FFTTTTTTTT—T Der Krieg mit China. Der Einzug der zurückgekehrten Chinakrieger hat am vorigen Sonntag in Berlin stattgefunden. Die Leute sahen, berichtet wird, krank und angegriffen aus. Nach Mittheilung der„Freis. Ztg.“ waren es meistens Matrosen von Kriegsschiffen, die also am Kriege selbst fast gar keinen Antheil gehabt haben. Für den Einzug selbst war nach demselben Blatte die denkbar größte Reklame gemacht worden. Alle öffentlichen Gebäude waren angewiesen, zu flaggen. Trotzdem war die Betheiligung des Publikums nicht so stark, als sonst bei ähnlichen Angelegenheiten. Der Kaiser hielt eine Ansprache an die Zurückge— kehrten. Die„Verbündeten“. Es wird wieder einmal versichert, daß die Mächte sich jetzt einig seien. Wie lange die Herrlichkeit dauert, bleibt wie Der erste Angriff der Bu⸗ ren wurde abgeschlagen; es gelang den den Gipfel des Magalies⸗ berges zu nehmen, welcher von vier Kom⸗ pagnien der Northumberland-Füsiliere verthei⸗ digt worden war. Die Buren beherrschten somit das britische Lager. General Cle⸗ ments zog sich daher nach Heeckpoort zurück und nahm auf einem Berge mitten im Fluß⸗ dahingestellt. Damit sonst noch etwas geschieht, werden von Waldersee„Expeditionen“ ausge⸗ rüstet; ob zum Schaden oder Nutzen, kein Mensch weiß es. Zum zweiten Male hat Rußland dem Grafen offiziell die Absicht kundgegeben, alle russischen Soldaten aus der Provinz Tschli zu⸗ rückzuziehen. Die Zurückziehung der Truppen solle noch vor dem russischen Neujahr erfolgen. Das sieht nicht sehr nach„Einigkeit“ aus. man nicht sprechen, höchstens von Friedensver⸗ zögerungen. Engländer, die Schwierigkeiten machen. Die Uneinigkeit der Mächte ist so groß wie nur je⸗ mals. Die Engländer ziehen ihre Truppen aus Peking zurück, um die von den Russen ver⸗ lassene Schanhaikwan⸗Eisenbahn zu besetzen und zu schützen. Li⸗Hung⸗Tschang ist an der Influenza erkrankt und wird von dem deut— schen Gesandtschaftsarzt behandelt. Vom Eise befreit. Sämmtliche deut⸗ schen Kriegsschiffe haben das Eis auf der Taku⸗ Rhede durchbrochen und die eisfreien Häfen Tschifu und Tsingtau erreicht. Der Krieg in Südafrika. England befindet sich in großen Nöthen. In der Hoffnung, bald die Gefangennahme des Burengenerals Dewet melden zu können, ist zord Kitchener,. 0 das Oberkommando in Südafrika über⸗ nahm, gründlich getäuscht worden. Dewet hat sich nicht nur glücklich aus der Schlinge heraus⸗ gezogen, die Buren haben den Engländern auch eine schwere Niederlage beigebracht. Die erst angezweifelten tigten sich. Man ist stürzung und die Aufregung f wie in den Tagen von Ladysmith. isterrath wurde 1 5 fh, daß beschlossen wurde, alle auf dem Heimweg befindlichen Truppen zurückzu⸗ beordern und weitere Truppen naa, Südafrika zu entsenden. Was sollen aber etliche hundert in London in großer Be⸗ soll so groß sein, Der Mi⸗ Nachrichten darüber bestä- sofort zusammenberufen, und der nach Lord Robert's Heim⸗ ö Ant ifemitische thale Stellung; der Kampf war sehr heftig. Oerst Legge un drei Hauptleute wurden ge⸗ tödtet. Die vier Kompagnien Northumberland⸗ Füsiliere mit General Broadwood sind von den Buren eingeschlossen. Sie mußten sich Weg ent Mangel an Mi geben.— Weitere Nachrichten bestätigen, daß zu gleicher Zeit ein Generalangriff der Buren auf sämmtliche wichtige Eisenbahnpunkte statt⸗ fand. Alle Eisenbahnverbindungen mit der Kapkolonie sowie der englischen Hauptkorps un⸗ tereinander sind zerstört. Die Buren haben die Orte Lichtenburg, Bethlehem, Vrede und Vry⸗ heid angegriffen. Die Lage der Engländer ist eine äußerst bedenkliche. Nach den neueren Nachrichten hat sich die Lage der Engländer noch bedenklicher gestaltet. Es ist Dewet gelungen, mit 600— 700 Bu⸗ ren über den Oranjefluß(südliche Grenze des Freistaates) in die Kap-Kolonie l(also eng⸗ lisches Gebiet) einzudringen, nachdem er vor⸗ her einen siegreichen Kampf mit den Engländern bei Rouxville bestanden hatte. Möglich, daß hierdurch die Afrikander in der Kapkolonie ver⸗ anlaßt werden, sich ebenfalls gegen die Eng⸗ länder zu wenden. Die Unruhe in den nörd⸗ lichen Distrikten der Kapkolonie hat zugenom⸗ men. Das englische Kolonialamt macht bekannt, es sei beschlossen, 5000 Mann südafrikanische Konstablertruppe in England zu rekrutieren.— In Südafrika will sich niemand zum Polizei⸗ dienst melden. Die englischen Truppen sind des Krieges vollständig müde und thun nur mit dem größten Widerwillen Dienst. Gehor⸗ samsverweigerungen sind nicht selten. Das Von Friedensver handlungen kann macht die Lage der Engländer, einem so ent⸗ N N ä 5 In den letzten Tagen sind es die schlossenen und geschickten Feinde, wie den Bu ren gegenüber, doppelt bedenklich.— Infolge dieser Reihe neuer Niederlagen ist die Stim⸗ mung in England ene sehr g drü gte und wette Kreise verlangen angesichts der riesigen Opfer an Geld und Menschenleben eine baldige Been— digung des Krieges. Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. Versammlung. Im„Löwen“ sprach am Sonntag der anti⸗ semitische Reichstagsabgeordnete Dr. Vogel. Ueber die angekündigten„Zeit- und Streit⸗ fragen“„Konitz“,„Sternberg“ und„Dreyfus“ sprach Redner nur einige Worte, in welcher er die Behörden tadelt, daß sie den Juden zu wohlgesinnt seien. Dann behandelte er das Programm seiner Partei, stellte sich als Freund des Genossenschaftswesens, der Arbeiterorgani— sation, als echter Agrarier, Feind der Waaren⸗ häuser und lauer Freund der Welt- und Kolo⸗ nialpolitik vor. Daß er nebenbei die Bestre⸗ bungen unserer Partei größtentheils ver- urtheilte, daß die sozialdemokratischen„Juden“ Marx, Lassalle, Singer Adler usw. ihr Theil abbekamen, versteht sich am Rande. Ohne das giebt's bekanntlich keine antisemitische Rede. Zu erregten Auseinandersetzungen kam es zwi⸗ schen dem ersten Diskussionsredner, dem na— tionalsozialen Redakteur Erdmanns⸗ dörffer und dem Leiter der Versammlung, eee, 0 2 —. . A. LU H(e — Nr. 52 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. 4. dem Abgeordneten Köhler⸗Langs⸗ dorf. Er, der sich offenbar auf eine Konitz⸗ debatte größeren Umfangs präparirt hatte, griff die Antisemiten aufs schärfste an, wobei es schließlich zwischen ihm und Köhler zu„Dis- harmonien“ kam, die, wie wir hören, vor Gericht fortgesetzt werden sollen.— Unter all⸗ gemeiner Aufmerksamkeit vertrat nun Genosse Krumm den Standpunkt unserer Partei. Mit Herrn Dr. Vogel erklärte er sich einverstanden über die Gründerperiode, wo aber nicht allein Sternbergs, sondern Herzöge, Fürstenhäuser ꝛe. den Tanz ums goldene Kalb mitmachten. Aber die„sozialdemokratischen Juden“ seien ehrenwerthe Leute, denen auch Dr. Vogel nichts nachsagen könne, und uns sind sie brave Freunde und Genossen, nebenbei giebt es ja auch bei den Antisemiten Juden. Entbehrlich— keit des Unternehmerthums sei bei den Aktien- gesellschaften bereits glänzend bewiesen; nicht den einzelnen Unternehmer greifen wir an, son⸗ dern die ganze Klasse, welche doch für ihre Arbeit einen ungebührlich hohen Gewinn ein⸗ stecke. Er hoffe, daß Dr. Vogel seine Liebe zum Genossenschaftswesen auch seinen Parteige—⸗ nossen, namentlich den sächsischen, beibringe, die die blühenden genossenschaftlichen Betriebe der Arbeiter mit allen Mitteln des Neides und Hasses verfolgten und drangsalirten. Die schwierige Lage der Landwirthschaft verkennen wir nicht; aber die Mittel, die uns die Agra⸗ rier vorschlagen, sind untauglich. Nur 23 Pro⸗ zent der Landwirthe, die über 5 Hektar be—⸗ sitzen, haben Nutzen von Schutzzöllen; die üb⸗ rigen 77 Prozent, die„Kleinen“, haben alle Ursache, in Gemeinschaft mit den Arbeitern das ganze indirekte Steuersystem zu bekämpfen. Was Einzelne von ihnen durch höhere Zölle gewin⸗ nen, haben sie längst doppelt und dreifach an indirekten Steuern bezahlt. Wolle man den kleinen Bauern helfen, so solle man, wie es unsere Partei schon seit 30 Jahren verfechte, die indirekten Steuern aufheben oder wenigstens herabsetzen. Verkürzung der Militärzeit sei wirkliche Hülfe. Wolle Herr Dr. Vogel die Waarenhäuser besteuern, so müsse er die übrigen Großbetriebe ebenso behandeln; diese, wie z. B. die Bierbrauereien,„schlachten“ seit Jahren die „Kleinen“.— Die meisten Arbeiter haben unter 900 Mark Jahresverdienst. Da wirken die Zölle doch schmerzhafter, wie Herr Dr. Vogel glaubt. — Allerdings müssen wir exportiren, dazu brauchen wir aber weder Kriegsschiffe noch Ko⸗ lonien, und das sage ich Herrn Erdmannsdörffer auch: mit 1000 Kriegsschiffen holen Sie nicht einen einzigen Abnehmer unserer Pro⸗ dukte herbei; der Handel braucht Frieden und keine abenteuerliche Irrfahrt wie die nach China. Nebenbei bemerke ich, daß die„Räuber“ in Transvaal und China keine Juden sind.(Heiter⸗ keit.) Es sei schön, daß man in Deutschland so Antheil nehme an dem Schicksal der Buren; es stecke aber bei denen, die England verurtheilen und den Chinakrieg billigen, ein gut Stück Heuchelei. Als vor 12 Jahren meine Partei mit Hülfe eines ungerechten Gesetzes verfolgt wurde, da haben wir von dem Gerechtigkeitssinn ver— dammt wenig gespürt und ich schließe mit der Hoffnung, daß die bürgerlichen Parteien bei Wiederkehr eines solchen Gesetzes den deutschen Arbeiter ebenso unterstützen wie heute die unter⸗ drückten Buren! Nachdem Herr Dr. Vogel ge— antwortet und die Gen. Krumm und Linden⸗ struth nochmals replizirten, schloß Herr Köhler die Versammlung mit der Anerkennung, daß unsere Genossen sachlich und würdig den so— zialdemokratischen Standpunkt gewahrt hätten. Herrn Erdmannsdörffer-Marburg hat unser Genosse Krumm zu„harmonieduselig“ gesprochen, wie er in der„Hess. Landesztg.“ schreibt. Sollte er etwa den Gegner, der sich im Allgemeinen einer anständigen Kampfesweise befleißigte, persönlich herunterreißen? Uns kommt es nicht auf persönliche Auseinan⸗ dersetzung an, uns ist es um die Sache zu thun. — Erfolg für die Antisemiten dürfte die Ver- sammlung kaum gebracht haben. m. k. Bezirks⸗Versammlung der Buchdrucker. Zu der am Sonntag in der „Stadt Cassel“ stattgefundenen regelmäßigen Versammlung des Verbandes deutscher Buch— drucker, Bezirk Gießen, waren von Grün⸗ berg 4, Fulda 3, Friedberg 2, Schotten 1, Gie— ßen 28 Mitglieder erschienen. Die Gehülfen einer hiesigen Druckerei waren nicht vertreten. Zunächst begrüßte der Vorsitzende die von aus⸗ wärts erschienenen Kollegen und hofft, daß auch die heutigen Verhandlungen den Kollegen zum Vortheil gereichen möchten. Er schildert die Thätigteit des Vorstandes im verflossenen Halb⸗ jahr, konstatirt eine, wenn auch geringe Mit⸗ gliederzunahme und beklagt den Verlust unse⸗ res verstorbenen Mitgliedes E. Leib. Dem Kassenbericht zufolge war der Stand der Be⸗ zirkskasse am 1. April Mk. 343,48, am 30. Sep⸗ tember Mk. 380,62; zeigt mithin eine Zunahme von Mk. 37,14, trotzdem außer den laufenden Ausgaben Mk. 50 für die hiesigen streikenden Weißbinder aus der Kasse verausgabt wurden. Dem Gehilfenvertreter des 3. Kreises wurden, unter Anerkennung seiner Thätigkeit für die Gesammtgehilfenschaft, Mk. 10 für das laufende Jahr bewilligt. Die Vorstandswahl ergab, daß M. Keßler zum Vorsitzenden, H. Ziegler zum Kassirer, B. Strohwig zum Schriftführer und die Mitglieder V. Köthe und H. Neu zu Beisitzern gewählt wurden. Zu Revisoren wur⸗ den die Mitglieder F. Helmer und P. Moritz bestimmt. Die nun folgende Berichterstattung über die Druckereiverhältnisse in den einzelnen Orten des Bezirks ließ erkennen, daß noch manches besserungsbedürftig ist und daß nur dort einigermaßen befriedigende Zustände herr⸗ schen, wo Verbandsmitglieder dauernd konditio⸗ niren. Die im nächsten Jahre stattfindende Ta⸗ rifrevision gab Anlaß zu einer eingehen⸗ den Besprechung. Man einigte sich zu folgendem Antrage:„Mit Rücksicht auf die allgemeinen Theuerungsverhältnisse beauftragt die heutige Bezirksversammlung den Gehilfen⸗ vertreter des dritten Kreises, bei der nächstjäh⸗ rigen Tarifrevision für eine 15prozentige Er⸗ höhung der Grundpositionen einzutreten.“— Kurz vor 3 Uhr schloß der Vorsitzende die Ver⸗ sammlung mit einem dreifachen Hoch auf unse⸗ ren Hort und Schutz in allen Lebenslagen: Den Verband deutscher Buchdrucker. Die noch übrigen Stunden des Tages wurden mit den auswär⸗ tigen Kollegen in gemüthlichster Weise verlebt. Herr Bürgermeister Mecum wurde vorige Woche mit den üblichen Feierlichkeiten in sein Amt eingeführt und hat von da ab die Leitung der Geschäfte übernommen. Getäuschte Hoffnungen! In diesen Tagen findet die Ziehung der hessischen Landes⸗ lotterie statt. Wie Mancher, der seine müh⸗ sam erarbeiteten Groschen zum An⸗ kauf eines Looses verwandte, um womöglich da⸗ durch auf leichte Art zu Reichthum und Wohl⸗ stand, na, sagen wir wenigstens zu ein paar Mark Geld zu kommen, legt bitter enttäuscht die Ziehungsliste aus der Hand! Er hat nur dem Staat freiwillig eine erhebliche Steuer gezahlt, eine Dummheitssteuer! Viel ver⸗ nünftiger hätte er das Geld zur Verbesserung seiner Lebenshaltung oder, falls er Lohnarbeiter ist, zu Zwecken verwendet, die geeignet sind, seine Lage dauernd zu verbessern! In diesem Falle tragen die Opfer reichlich Zinsen; in der Spekulation auf das Lotterieglück haben bekannt⸗ lich gerade die Aermsten das meiste Pech! Schiedsgericht für Arbeiter versich⸗ erung. Nach§ 3 der neuen Unfallversiche⸗ rungsgesetzes sollen zukünftig die Entscheid⸗ ungen über Entschädigungen nicht mehr, wie bisher von den Schiedsgerichten für Unfallversicherung gefällt, sondern den Schieds⸗ gerichten für Invaliditätsversicherung übertra- gen werden. Diese heißen nunmehr„Schieds⸗ gerichte für Arbeiterversiche rung“ und treten mit dem 1. Jan. 1901 in Kraft.— Die Wahl der Beisitzer für das Schieds⸗ gericht Ober-Hessen fand am 14. Dez. in Darmstadt statt. Dabei erhielt die von der Ortskrankenkasse Gießen vorgeschlagene Liste die Mehrheit und sind demnach folgende Bei— sitzer gewählt: a) Arbeitnehmer: A. Lenz, Steinhauer; W. Schmidt, Gaswerk; H. Männ⸗ che, Schreiner; H. Klingelhöfer, Weißbinder; M. Keßler, Buchdrucker; G. Holtberg, Bier⸗ brauer; W. Sickert, Glaser; G. H. Wagner, Maurer; W. Lotz, Dreher; sämmtlich in Gie⸗ ßen und F. Bechtold, Taglöhner Gr. Buseck. b) Arbeitgeber: F. Kraßmann, K. Schäfer; H. Schaffstädt; A. Denninghof; C. Rübsamen; Ph. Euler; J. Bornaß; H. Winn; W. Löber, ebenfalls sämmtlich in Gießen. An beiden Weihnachtsfeiertagen finden von Arbeiterorganisationen veranstaltete Vergnügungen statt. Der Schneider ver⸗ band hält am ersten Weihnachtstage im Lokale Orbig eine Weihnachtsfeier ab; während der Gesangverein„Eintracht“ und der Hol z⸗ arbeiterverband sich am zweiten Feier⸗ tage im Saale„Zu den vier Jahres⸗ zeiten“ zu gemüthlicher Unterhaltung zu sammenfinden. Natürlich sind bei beiden Ver⸗ anstaltungen alle Genossen und Freunde der Arbeiterbewegung willkommen. Man wird alles aufbieten, um jeden Besucher zufrieden zu stellen. Wir wünschen Allen von Herzen recht vergnügte Feiertage! a Unangenehme Weihnachtsüber⸗ raschungen. Das Gespenst der Arbeits⸗ losigkeit bedroht in diesem Jahre mehr als sonst die ohnehin geplagten Arbeiter. So er⸗ hielten in der Möbelfabrik von Reiber vor acht Tagen vier Mann die Kündigung. Einer derselben arbeitete schon zwölf, ein anderer vier Jahre in dem genannten Geschäft. Fälle dieser Art sollten den Arbeitern eine Mah⸗ nung sein, sich der Organisation anzuschließen und alles zu thun, dieselbe auszugestalten. Nur eine machtvolle Vereinigung kann durch ihren Einfluß auf das Erwerbsleben und die Arbeits⸗ bedingungen ihre Mitglieder vor materieller Nothlage schützen! Böse Weihnachten. Eine wahre Un⸗ glücksstätte ist doch der Abbruch des Hinterhauses Schloßgasse 9. Kaum hat sich das Grab über dem dort am vorigen Donnerstag abgestürzten Dachdecker geschlossen, ist abermals ein schwerer Unglücksfall zu berichten. Am Mittwoch kam der Kollege des tödtlich Verunglückten, der ver⸗ heirathete Dachdecker Meier zu Fall und mußte schwer verletzt in seine Wohnung gebracht wer⸗ den. Bei derartigen Arbeiten sollten doch die weitgehendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. ueber unsere Kalender⸗Agitation in Oberhessen äußerte sich ein Korrespondent aus Nidda in der amtlichen„Darmstädter Ztg.“ Nachdem er den hauptsächlichsten Inhalt des Kalenders mit⸗ getheilt hat, sagt er: N „Der Kalender ist geschickt ge⸗ schrieben, kann aber nur bei politisch und religiös gänzlich unreifen Leuten etwas scha⸗ den. Freude wird er nur den Genossen be⸗ reiten. Wo weltliche und kirchliche Obrigkeit auf dem Posten sind, prallt das Gesagte ab.“ Was der gute Mann mit dem letzten Satze sagen will, ist eigentlich nicht recht verständlich. Denn wenn auch die„weltlichen und kirchlichen Behörden“ auf dem Posten sind, so sind doch da⸗ durch die wirthschaftlichen und sozialen Miß⸗ stände noch lange nicht aus der Welt geschafft! — Hindernisse wurden den Kalender-Verthei⸗ lern am Sonntag in Gedern in den Weg gelegt, indem einer unserer Genossen von dem Polizisten verhaftet und auf das Bürger⸗ meisteramt geführt wurde. Dort stellte man seine Personalien fest und entließ ihn wieder. Offenbar glaubt der dortige Bürgermeister, das Verbreiten der Druckschriften sei nicht erlaubt. Damit befindet er sich im Irrthum. Wieseck. Arbeiterbildungsverein. Am ersten Weihnachts⸗Feiertage Zusammen⸗ kunft der Mitglieder bei Wirth Hch. Keller „zum besten Bier“. Seine Weihnachts⸗ feier hält der Verein Samstag den 29. Dez. abends 8 Uhr im Saale des Herrn B. Wacker ab. Dieselbe besteht in Konzert, Vorträgen und Tanz. Hoffentlich betheiligen sich die Mitglie⸗ der recht zahlreich an diesen Veranstaltungen! Auch bei unseren geselligen Zusammenkünften dürfen wir niemals das Wirken für unsere Sache vergessen!“ Aus Wetzlar. ⸗th. Frohe Feste— sau re Wochen. Unser früherer Bürgermeister, Herr Moritz, hat jede Feierlichkeit anläßlich seines Rück⸗ trittes von seinem Posten abgelehnt. Das halten wir für sehr vernünftig, weise und be— scheiden. Feste feiern ist ja ganz hübsch, manch⸗ mal verlaufen sie aber nicht ganz nach Wunsch, die Weingeister verursachen oft genug erheb⸗ liche Differenzen, und trüben so die Festes⸗ stimmung, von dem nachfolgenden Katzenjam⸗ mer abgesehen. So hat das Festmahl, das zur Einführung des neuen Bürgermeisters arran⸗ girt wurde, für die Theilnehmer nicht gerade die angenehmsten Erinnerungen hinterlassen. Besonders einer wird, mit Schmerzen im Bette liegend, der Bürgermeisterfeier oft verwünschend gedenken. Dieser, der Gastwirth Michel, 5 lig, Feel lol fal el in fuß, d Etlaße dern! Au lieg en mi men. fd nic khiflic gönnen. in im baten cen Ci Vurgert binnen sch vie Unterg An mngesich Sonnta Lin gro chung! uns 4 Hilfeleis fai A gg eit Mtrag gandten gan ber benutzte ahmen und der betten donn die Ke 5 ö ih die ir die fegen de ch ins immer ind per blech bö Die Au a! läglüc⸗ bentli shroche 1 8 Uthe bn gag än 0 lr sleppe. bunt 9 gabe dhr dane de Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 52. wollte ebenfalls Herrn von Zengen seine Auf⸗ wartungen machen und begab sich zum Fest⸗ essen. Er hat aber die unangenehme Eigenschaft, seiner Meinung über Dinge und Personen, na⸗ mentlich über die letzteren, in drastischer, ja beleidigender Weise Ausdruck zu geben, gleich⸗ giltig, ob diese seine Meinung richtig oder falsch ist. So etwas verträgt man aber nicht in„guter Gesellschaft.“ Ob man nun dem lästigen Pa⸗ tron auf unsanfte Art die Thüre wies oder ob er im Rausche stolperte, das weiß man nicht, kurz, die Nachtwächter gabelten ihn auf der Straße auf, wo er mit zerbroche nen Glie⸗ dern lag und transportirten ihn nach Hause. Da liegt er nun! Erst nach vielen sauren Wo⸗ chen wird er sich wieder auf die Beine stellen können. Wir wünschen ihm gute Besserung, sind nicht so unchristlich, wie ein Theil seiner christlichen Mitbürger, die ihm sein Mißgeschick gönnen. Kein Wort des Beileids spenden sie ihm im Wetzlarer Anzeiger! Wir Sozialdemo⸗ kraten sind doch viel bessere Menschen.— Wel⸗ chen Eindruck der„Empfang“ auf den neuen Bürgermeister gemacht hat, wissen wir nicht, können es uns aber ungefähr denken. Er muß sich wie auf einer Kirmeß vorgekommen sein Untergang des Schulschiffes„Gneisenau“. An der spanischen Südküste im Mittelmeer, angesichts der Rhede von Malaga, strandete am Sonntag das deutsche Schulschiff„Gneisenau“. Ein großer Theil der 460 Mann starken Be⸗ satzung des Schiffes, über 100 Personen kamen ums Leben. Ganz Malaga wetteifert in Hilfeleistungen. Alle Vereine und Gesellschaften sowie Aerzte boten ihre Hilfe an.— Das Schiff lag seit November vor Malaga und hatte den Auftrag, sich zur Abholung des deutschen Ge⸗ sandten Freiherrn von Mentzingen von Maza⸗ gan bereit zu halten. Den dortigen Aufenthalt benutzte das Schiff, um Schießversuche vorzu⸗ nehmen Sonntag Vormittag erhob sich, wäh⸗ rend der Kommandant eine Parade über die See⸗ kadetten abnahm, ein heftiger Sturm. Der Kommandant gab Befehl, so schnell als möglich die Kessel zu heizen. Die wüthende See riß die Anker der„Gneisenau“ fort. Sie ver⸗ lor die Anker und die Ankertaue und strandete gegen den Hafeneingang. Die Besatzung stürzte sich ins Meer und klammerte sich an die Schiffs- trümmer. Sie wurde von den Wogen bedeckt und verschwand zum größten Theil. Das Schiff blieb bis Mitte des Mastenreckes unter Wasser. Die„Leipz. Volksztg.“ fragt: Wer trägt nun aber die Schuld an dem schrecklichen Unglück? Ist der Sturm wirklich mit so außer⸗ ordentlicher unerwarteter Schnelligkeit herein gebrochen, daß keine Maßregeln zum Schutze des Schiffes und seiner Mannschaft vorgekehrt werden konnten? Privatmeldungen aus Ma- laga sagen, daß der Hafenkommandant dem Ka⸗ pitän Kretschmann angesichts der nahenden Gefahr gerathen habe, sein Schiff in den Hafen schleppen zu lassen. Kretschmann be— folgte diesen Rath nicht! Im Prozeß Sternberg beantragte der Staatsanwalt gegen Sternberg 3 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Eine Reihe Verhaftungen hat noch stattgefunden. Wahlkreis Marburg⸗Kirchhain. St. Marburg, den 21. Dezember 1900. Kommunales. In der am Dienstag statt⸗ gefundenen Sitzung der Stadtverord⸗ neten, welche acht Punkte umfaßte, erregte hauptsächlich der erste,„Mittheilungen zur Kenntnißnahme,“ größeres Interesse. Es han⸗ delte sich hierbei um die in voriger Nummer schon erwähnte Niederlegung der abständig ge— wordenen Bäume in der Schwanallee und der Frankfurter Straße. Verleitet durch einen irrthümlichen Bericht der„Oberhess. Ztg.“(es war darin gesagt, der Oberbürgermeister habe geäußert:„Leider Gottes habe das traurige Geschick nicht einen jener„Naturfreunde 85 damit sind die Unterzeichner jenes Protestes an den Reg.⸗Präsidenten gemeint— sondern einen Andern ereilt“) hatten die sog.„Natur⸗ reunde“ eine geharnischte Erklärung in der „Oberhess. Ztg.“ gegen den Bürgermeister los⸗ gelassen. Vor Eintritt in die eigentliche Tages- ordnung gab deshalb der Stadtverordneten⸗ vorsteher Dörffler eine längere Erklärung ab, in welcher er die maßlosen Angriffe gegen die Stadtverordneten und den Oberbürgermei⸗ ster auf das Entschiedenste zurückwies. Weiter theilte er die Antwort des Reg.⸗Präsidenten auf den Bericht des Oberbürgermeisters mit, worin derselbe gegen die Fällung der betr. Bäume nichts einzuwenden habe und mittheilt, daß der erwähnte Protest abgelehnt sei. Die für Regelung des Nachtwachtdienstes ein⸗ gesetzte Kommission hat getagt. Es wurde jedoch vorläufig kein Beschluß in dieser Sache gefaßt. r ĩͤve Parteigenossen, Freunde! Die„Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ trat stets unbeirrt für die Volksinteressen ein. Jeder muß Abonnent sein, der sich zu unsern Anschauungen bekennt.— Vom 1. Januar ab kostet unsere Zeitung bei der Post abonnirt nur 75 Pfennige das Vierteljahr. Die Krenzbandabonnenten werden deshalb im eigenen Interesse gebeten, bei der Post zu abonniren. ..... —— Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 22. Dezember. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Versammlung bei Orbis. Fortsetzung des Vortrags über„Heinrich Heine“. Sonntag, den 23. Dezember. Wieseck. Tabakarbeiter. Versammlung. mittags 4 Uhr bei Balth. Wacker. Mittwoch, den 26. Dezember.(2. Feiertag.) Alsfeld. Soz⸗dem. Wahlverein. Nachmittags 3 Ubr. Versammlung bei Gastwirth Pfeffer. Voll⸗ zähliches und pünktliches Erscheinen nothwendig. Gießen. Metallarbeiter. Ausflug nach Heuchelheim. Treffpunkt 2 Uhr bei Orbig; in Heuchelheim bei Volkmann. Nach⸗ Briefkasten. An verschiedene Adressen. Jittung en werden in nächster Nummer veröffentlicht. Gießener Stadttheater Sonntag den 23. Dezember, 4 Uhr, Kinder⸗Vor⸗ stellung Märchenzauber. Abends 8 Uhr: Letztes Gastspiel des berühmten Affendarstellers Mr. J. Johnson: Jockos Abenteuer. Donnerstag den 27. Dezember Wie die Alten sungen. Freitag den 28. Dezember Volksvorst.: Der Probe Kandidat. heutigen Auflage liegt ein; von Gebrüder Berdux 2 Unserer Preis⸗Verzeichniß f Gießen bei, worauf wir aufmerksam machen. S e— Weihngehten. Altes Fest der Sonnenwende, Kindlich⸗süßer Weihnachtszauber, Wieder flimmern, leuchten, schimmern Deine Millionen Kerzen Durch die Winternacht, die schwarze, Und die frommen Melodien Und die sanften Glockenklänge Dringen durch die Stürme Tosen Bis zum Ohr des Proletariers, Und sie stimmen ihn elegisch, Wecken eine weiche Rührung In dem kampfgestählten Busen, Und er spricht: Bin nicht gewohnt zwar, Mitzufeiern jene Feste, Wo die Kirche führend waltet, Wo der Staat und die Gesellschaft Freudigkeit dem Volk verordnen— Aber wenn in dunklen Tagen Solch' ein heller Lichtstrom flammet, Freut's auch uns, darum, ihr Brüder, Soll auch uns ein„Christbaum“ leuchten, Denn das Licht kann niemals schaden. Auf! den Tannenbaum ins Zimmer; Waldesduft erfrischt die Seele, Und in unsrer kleinen Hütte Sollen hell die Lichter strahlen, Sollen unser Herz erheben, Daß daraus der Kummer weichet Einer frohen Zukunftshoffnung. Und als Weihnachtslied erschalle Kräft'gen Tons die Marseillaise. Mögen dazu Glocken klingen, Mögen dazu Orgeln brausen, Unser Lied und unsre Feier Gilt der kommenden Etlösung Aus des Mammons Eisenketten. Uud in diesem hehren Sinne Einen wir auch uns zur frohen Proletarier⸗Weihnachtsfeier. M. Kegel. Frühling im winter. Es war Weihnachten. Von den Thürmen ver⸗ kündeten die Glocken die siebende Stunde. Dich⸗ ter Nebel hatte sich in den Straßen herniederge⸗ senkt, sodaß die Laternen gespenstisch wie große feurige Augen aus dem grauen Dunst hervor⸗ leuchteten. In den Verkaufsläden drängten sich noch die Käufer, um alsbald beladen mit aller⸗ lei Packeten nach Hause zu eilen. Auch zwi⸗ schen den Krambuden des Weihnachtsmarktes ging es noch ziemlich lebhaft her, wo der Prole⸗ tarier seine kleinen Einkäufe macht, um der Frau und den Kindern noch eine bescheidene Freude zu bereiten. Die Verkäufer priesen, manche freilich schon mit heiserer Stimme, die Mannigfaltigkeit und die Preiswürdigkeit ihrer Waare, und das disharmonische Geräusch der verschiedenen Kinderspielzeuge, dazu hie und da der würzige Geruch der zum Verkaufe aus⸗ gestellten Tannen bildeten das seltsame Etwas, welches auch in unserem Gemüthe, als wir Kin⸗ der waren, alle jene unbestimmten Hoffnun⸗ gen rege machte, mit welchem wir in jedem Jahre dem Weihnachtsfeste entgegengingen. Durch die sich schon mehr lichtende Menge der Käufer oder Neugierigen schritt bedächtig die wohlgebaute kräftige Gestalt eines noch jun⸗ gen Mannes in Arbeiterkleidung. Der breit⸗ krämpige, schwarze Filzhut, ein joviales Gesicht mit wohlgepflegtem dunklem Schnurrbart, das kurze Wams und die hellen, vom Kalkstaub weißgefärbten Beinkleider ließen in ihrem Trä⸗ ger sofort einen Angehörigen des ehrsamen Maurerhandwerks erkennen. Fritz Buchwald, so heißt unser neuer Be⸗ kannter, dachte seinen Logisleuten, einem schon bejahrten kinderlosen Ehepaare, eine kleine Freude zu bereiten. Für die beiden Alten hatte Unterhaltungs⸗Theil. er schon seine Gaben in der Tasche, doch auch der alte Pudel Murri, auf den die guten Leute so viel hielten, sollte seine Freude haben, des⸗ halb wurde in eeiner Bude noch ein neues Halsband gekauft. Mit rüstigen Schritten vorwärts strebend und im Begriff, um die nächste Straßenecke zu biegen, rennt er plötzlich mit einem weiblichen Wesen zusammen, in welchem er auf den ersten Blick ein hübsches, gleichfalls mit Sachen ver- schiedener Art bepacktes Dienstmädchen erkennt. Beide blicken sich erschreckt einen Augenblick an, aber als siee ihm in das freundlich wie um Entschuldigung bittende Auge geschaut, schreit sie leicht auf und eilt flüchtigen Fußes quer über die, Straße, als wolle sie einem Schreckens⸗ bilde eentfliehen. Erstaunt und etwas verblüfft zugleich schaut Fritz ihr nach. Freilich sieht er nur noch, soweit der Schein der Laterne reicht, etwas von ihrem weißen Strumpfe, dann entschwindet die flüch— tige Gestalt seinen Augen. r E Fr H ⁰ LL Seite 6. „Diese Aehnlichkeit“, brummt er,„aber nicht; möglich, daß sie es ist, mit der ich damalsauf dem Kriegerball so flott tanzte und die ich als meine heimliche Liebe bis jetzt immer im Herzen getragen. Unmöglich! Ich habe meine schöne Tänzerin von damals für etwas„Höheres“ gehalten!“ Unter solchen Gedanken besteigt Fritz den Waggon der Pferdebahn und bald klettert er in einem Arbeiterquartier die vier Treppen zu seiner Wohnung empor. Erst seit wenigen Wochen wohnt er bei den Leuten, doch fühlt er sich recht wohl in seinem Logis. Sein Quartier werth, der Schneider Paul Held, der als Hausarbeiter für ein großes Schnei⸗ dermagazin arbeitete und nebenher etwas Pri⸗ vatkundschaft hatte, war ein seelengutes Kerl—⸗ chen, wenn auch zuweilen ein etwas wunder⸗ licher Kouz, besonders wenn er auf seine Hel⸗ denthaten im schleswig⸗holsteinischen Kriege zu sprechen kam, welchen er seiner Zeit mitgemacht hatte. Deshalb hatte er aber auch seinen neuen Einwohner ins Herz geschlossen, mit dem sich über militärische Dinge reden ließ und der zu⸗ weilen mit kindlicher Geduld, wenn auch nicht ohne den Schelm im Nacken, seinen Erzähl⸗ ungen Gehör schenkte. Seine getreue Ehehälfte hatte bald erkannt, daß der jetzige Einwohner ein braver Junge sei, wie sie sich einen besse⸗ ren als Hausgenossen nicht wünschen könne, und deßhalb suchte sie ihm die Mutter zu er⸗ setzen, wie und wo sie es irgend nur vermochte. Als jetzt Fritz Buchwald nach Hause kam, em⸗ pfing sie ihn allein, da ihr Mann noch fertige Arbeit abliefern gegangen war, und Murri sprang schmeichelnd an ihm empor, lüstern seine Taschen beschnuppernd. Doch immer noch gedankenvoll ob der un⸗ erwarteten Begegnung achtete heute der junge Mann kaum des freundlichen Empfanges, son⸗ dern beschritt geradewegs sein sauberes und an⸗ heimelndes Zimmer. „Na, laß ihn man“, heute ist Weihnachts⸗ abend. Er denkt wohl an seine Mutter zu Hause. da soll man ihn nicht stören.“ 5 Fritz aber ging unterdeß, immer noch nach⸗ denklich, in seiner Klause auf und ab, entledigte sich nach und nach seiner Arbeitskleider, nahm aus dem Schrank seine Sonntagskleider und begann sich zu schmücken wie zu einer beson⸗ deren Feier. Er wußte es selber nicht, warum, hatte er doch eigentlich gar nicht mehr die Ab⸗ sicht gehabt, heute noch auszugehen. Lange saß er dann noch in Gedanken an eine frühere Zeit. Er erinnerte sich daran, daß er eigentlich nur deshalb sich dazu hergegeben hatte Unteroffizier zu werden, um in seiner Kom⸗ pagnie nicht einen andern, sogenannten Sol⸗ datenschinder obenauf kommen zu lassen, und wie er dann später allen Lockungen auf Weiter⸗ dienen aus dem Wege gegangen und es vorge⸗ zogen, lieber in die Reihen seiner Handwerks- kameraden zurückzukehren, um mit ihnen ge⸗ meinsam eine bessere Zukunft des Arbeiter⸗ standes zu erringen. Mütterchen Held aber ging geschäftig hin und her, ihre Wohnung aufräumend, vor allen Dingen die. Spuren der Thätigkeit ihres Man⸗ nes beiseite zu schaffen, um dann ein kleines Abendbrot herzurichten; hatte sie doch sogar von ihrem Krämer, bei welchem sie einkaufte, zu Weihnachten nach guter alter Sitte eine Flasche Wein geschenkt erhalten.„Wenn nur der Alte bald nach Hause kommen möchte! Nicht wahr, mein Murri? Ja, der geht gewiß erst in die Kneipe. Na, es mag ihm ja auch ge⸗ gönnt sein, weenn er nur nicht zu lange bleibt.“ Doch horch, jetzt kommt jemand die tSiege herauf. Ter Pudel springt mit kurzem freu⸗ digen Bellen zur Thür. Doch das ist noch nicht der Schneidermeister Held, sondern jugendliche Schritte nähern sich und als die Thür geöffnet wird, begrüßt eine wohllautende Stimme die alte Frau mit einem herzlichen: „Guten Abend, liebes Tantchen!“ „Sieh— sieh, Marie! Wie lieb und gut, daß Du uns heute besuchst!“ bewillkommnet Frau Held das hübsche Mädchen, welches soeben hereintritt. und Betrachtungen Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 52. „Ach, seid mir nur nicht böse, daß ichso lange nicht bei Euch war. Da aber meine Gnädige immer krank war, konnte ich gar nicht abkommen. Jetzt geht es ja gottlob besser. Sie sind heute Abend zu ihren Kindern gefahren und so habe ich Erlaubniß, auszugehen, und siehst Du, liebes Tantchen, mein erster Gang ist zu Euch!“ „Und das ist Du hättest einen Du immer noch zier?“ „Mein Unteroffizier? Ach ich habe ja nur einen Abend mit ihm getanzt, auf dem Ball, wo meine Freundin mich eingeführt.“ „Hast Du ihn denn nie wiedergesehen?“ „Ach, Tante, denke Dir meinen Schrecken! Vorhin hatte ich noch etwas zu besorgen für meine Herrschaft und als ich wieder nach Hause will, renne ich an der Ecke mit einem Maurer zusammen und der sah„ihm“ so ähnlich! Ich bin schnell fortgelaufen, aber ich glaube, er hat mir noch nachgesehen!“ „Pst, Kind, nicht so laut! Warum kein Mau⸗ rer? Das sind ebenso brave Leute als Andere, und unser jetziger Einwohner ist auch einer. Ach, den hast Du noch gar nicht gesehen! Besser wünsche ich mir keinen! Aber jetzt komm, Marie, nimm Deinen Mantel ab. So! Ei der Tausend, heute hast Du Dich aber schön gemacht— ganz wie eine kleine Dame!“ In diesem Augenblicke verkündet ein Ge⸗ räusch, daß Herr Held in höchsteigener Person sich seiner erhabenen Behausung nähert und ein fröhliches:„Guten Abend, Alte!“ zeigt an, daß sich der gestrenge Hausherr in heiterster Laune befindet.„Potz Bombenelement!“ fügt er hinzu,„da soll mir doch einer die Kanone gleich mit zehn Preßgeschirren auf einmal la⸗ den! Das ist ja unsere Marie! Na, willkom⸗ men, freue mich, daß Du Dich auch wieder ein⸗ mal und gerade heute sehen läßt, dachte schon, müßte mit Mutter allein den Heiligenabend verbringen.“ Marie packte jetzt ihre kleinen Geschenke aus, die sie den beiden Alten mitgebracht hatte. Mit freundlichem Lachen wies sie die Dankesworte der guten Leute zurück. Der treue Pudel Murri hat unterdeß immer an der Thür geschnuppert, welche zum Zimmer führt, in welchem wir unsern Fritz Buchwald seinen Betrachtungen und Vorbereitungen zum Weihnachtsfeste überlassen haben. Jetzt erscheint er selber auf der Schwelle, in der Hand einen Weihnachtsbaum. Aber wie angewurzelt bleibt er stehen und vergißt ganz seine Anrede, als er die junge Dame gewahr wird, welche verwirrt und verlegen Miene macht, sich hinter ihre Tante zu flüchten. „Nun, Kinder“, meint diese,„was ist denn das mit Euch?“ „Ich,“ stottert dieser,„ich wollte nur unserm Murri etwas bringen.“ „So? Einen Weihnachtsbaum gar? Na, na“, meinte der Meister,„stille Wasser haben tiefen Grund, und mit Euch beiden ist entweder etwas nicht in Ordnung oder es ist bereits in Ordnung. Aber jetzt, Kinder, setzt Euch, kommt nun und laßt uns fröhlich sein!“ Bald ist die kleine Runde vereint und Tante Held weiß es natürlich so zu machen, daß das junge Paar nicht getrennt bleibt. Die Unter⸗ haltung unserer Freunde, zuerst noch etwas brav von Dir, ich dachte schon, heimlichren Schatz, oder denkst an Deinen hübschen Unteroffi⸗ einsilbig, belebt sich allmälig, als man ein Gläs⸗ chen auf egenseitiges Wohl getrunken. Marie wagt es zuweilen, verstohlen den Einwohner ihrer Tante zu mustern und dieser erlaubt sich endlich die Frage: „Mein Fräulein, ich glaube, ich habe be⸗ reits früher das Vergnügen gehabt, Sie zu se⸗ Hei Marie, bis unter die Haare erröthend, meint, verschämt vor sich nieder blickend:„Ach, Herr Buchwald, ich bin ja gar kein Fräulein, ich bin ja nur ein Dienstmädchen.“ „O, ist's möglich! Da haben wir uns schon heute Abend getroffen? Und ich Ungeschickter hätte Sie bald umgerannt!“ „Du, Marie“, sagte die Tante neckend,„ist das wohl gar der schneidige Unteroffizier?“ „Gar kein Unteroffizier, schon lange nicht mehr, nur schlichter Maurergeselle,“ versetzte Fritz, indem sein Blick das schöne Auge seiner lieblichen Nachbarin sucht. „Da haben Sie Recht“, nimmt der Hausherr das Wort, daß Sie den Kommisrock an den Nagel gehängt haben. Was kommt bei dem Weiterdienen heraus? Gensdarm oder Schutz⸗ mann, selten etwas Besseres! Und dann die Kriegervereine von heute, die machen sich wich⸗ tig und die meisten wissen gar nicht, was Krieg heißt. Das lauft alles nur so mit, weil irgend ein Reserveoffizier sie zuweilen mit einer An⸗ rede beglückt. Ja, als ich noch mit dabei war, und wir die Düppler Schanzen stürmten, da ging es anders her. Als das Kommando hieß „zum Sturm“, da sagte ich:„Na, Kinder, nun macht man den Rockkragen hoch“, denn die blauen Bohnen pfiffen nur so um die Ohren! Und dann gings los! Pardautz, schlug ich so einen armen Dänen nieder, und dann noch einen und noch einen. Die todten Menscher und Pferde lagen in Haufen um mich her. Mit einem male kommt so ein junger Kerl von Leutnant als Staffette angesprengt und fragt mit seiner piepzigen Stimme:„Na, Held, hier giebt es wohl Krieg?“ Denkt Euch, mir steht das Blut schon in den Stiefeln und der Kerl fragt noch, ob da Krieg ist!“ Ein heiter schallendes Gelächter der jungen Leute unterbricht hier den begeisterten Rede⸗ strom des tapferen Schneidermeisters, und die⸗ ser mit einem schalkhaften Zwinkern der kleinen freundlichen Aeuglein meint, mit einem wie um Entschuldigung bittenden Blick auf seine liebe Ehehälfte:„Na, wenn Ihr's nicht glaubt, da wollen wir lieber anstoßen auf das Wohl des jungen Paares!“ „Aber, Held, Mann, Du sprichst ja heute lauter Dummheiten“, ruft die Tante, als sie sieht, daß Marie sich schnell erhebt, vor⸗ schützend, sie müsse nun doch nach Hause. Fritz erhebt sich gleichfalls und nähert sich. dem Mädchen mit der fast schüchternen Frage: „Erlauben Sie mir, daß ich Sie begleite?“ Eine Antwort erfolgte freilich nicht, indem Marie an ihrem Mantel herumnestelte, aber Frau Held winkt ihm verständnißinnig zu und er beeilt sich, dem Winke Folge zu seisten. die bereits menschenleeren Straßen. Feine Schneeflocken wirbelten jetzt hernieder, den Be⸗ ginn des Winters verkündend und der Stadt das echte Weihnachtskleid bescheerend. Hier und da erglänzten die Fenster noch hell vom Kerzenschein der Weihnachtsbäume. Nach und nach durchdrang jedoch der Drang nach Mittheilung die erste Scheu und er erzählte, daß er daheim nur noch eine alte Mutter habe, und wie er bisher immer so einsam gelebt. Und der Weg viel zu kurz zu sein, als sie unter das Portal des herrschaftlichen Hauses traten, um für heute Abschied von einander zu nehmen. Einen Augenblick standen sich hier die jungen Leute im Halbdunkel stumm gegenüber. Dann flüsterte Fritz: N „Marie, möchten Sie mir nicht auch etwas zu Weihnachten schenken?“ Das Mädchen stieg stillschweigend eine Stufe Wohnung empor, dann sich plötzlich um⸗ rehend legte sie einen Arm um den Nacken. des längst Geliebten und er fühlte zwei süße Lippen sich mit den seinigen vereinigen. Hierauf ein„Auf Wiedersehen“ und er stand allein in der winterlichen Nacht. Fröhlich schwang der Beglückte seinen Hut, ein schöneres Weihnachts⸗ geschenk konnte ihm nicht zu Theil werden. Die Glocken ein, zwei treue, 7 15 3 1 halten. Das junge Paar schritt stillschweigend durch dann kamen sie auf den Ball zu sprechen und er 1 konnte nicht umhin, zu gestehen, daß er seit 4 der Zeit immer an sie gedacht. Beiden schien läuteten das bevorstehende Fest redliche, liebende Menschen⸗ kinder hatten sich für's Leben gefunden und der 5 Liebesfrühling hatte Einzug in ihre Herzen ge⸗ M Lt cer . . —— lg fl die! funtte wudlenst el bung Mice eee eee 1 1 S alete abzun aum de d 26. Jalch z besung ß P ² Nr. 52. 55 2 eee Sonuntags⸗Zeitung. 5 Sei e 7. 5 Ortskrankrukasse Gicßen. F Weihnachts⸗ Geschenke 1212 dersegte Die Gencralversammlung vom 13. Novbr. l. Is. hat beschlossen, daß das zur e eine Zeit geltende Statut bezw. der§ 14 desselben folgende Fassung 7 95 5 e J Als Krankenunterstützung wird von den Kessenmugliedern im Falle einer Krank⸗ daushert heit oder durch Krankheit herbeigeführten Erwerbsunfähigkeit gewährt: empfiehlt N u em den 1. vom Beginne der Krankheit ab freie ärztliche Behandlung und Arzenei; ** 2. Die Lieferung von Lrillen, Bech anden un ähnlichen Vic tengen oder 8 88 e 5 r Schuhe Heilmitteln, welche zur Heilung des Erkrankten oder zur Herstellung un) Taschenuhre⸗, 1 dunn die Erhaltung der Erwerbsfähigkeit nach beendigtem Heilverfahren erforderlich sind; sowie Er Gold- und Silber waaren 1 b nich; 3. im Falle der Erwerbsunfähigkeit vom zweiten Tage nach dem Tage der Er⸗ in besten Qualitäten 9 rr krankung ab für jeden Arbeitstag unter Ausschluß der Sonn- und gesetzlichen f vas Krieg. 5 8 2 ö 3 7 98 8 F e e e b. d Friedrich Schupp, Lola, ttlich der Bestimmungen des§ 137 5 des Gesetzes vom 5. Mai 1886 für die in§ 1 Ziffer 2 dieses Statuts be⸗ Uhrmacher. A * zeichneten Personen. Das Krankengeld soll 1 3 mindestens vierzehn⸗ Reichhaltiges Lager. Billigste Preise. W a tägiger Krankheitsdauer, vom Tage der Erkrankung an und für jeden gesetz⸗ reelle Garan ie. 1 7. lichen ng, welcher nicht auf einen Sonntag fällt, vergütet werden, auch Neparaturen prompt, gewissenhaft und billig. 1 denn li die Krankenanterstützung auf sechsundzwanzig Wochen aus⸗ + 7 3 7 f g 1 gedehnt wenden. Es erhalten demnach arbeitztäglich die 8 Bee 1 Solid und enorm bil 10 f. . der 1. Klasse 1,90 Mk. der 4. Klasse 1.— Mk. n 1 lug ich so 8 5 8„ 0,65 kauft man im 1 2 1 3. 5 1.20 n„ 6.„. 0,50 1— Ware 1 60 her. Mit Für Mitglieder, deren Löhnung nach Accordsätzen oder in wechselnder Höhe er— V 1. 4 1 Kerl von folgt, wird der Durchschnittsverdienst der drei letzten der Erkrankung vorausgegangen,—& 7 n und fragt für die Zahlung der Beiträge im§ 32 vorgeschriebenen Perioden oder, wenn das er⸗—. 45— 9 deld, hier krankte Mitglied nicht während dieser ganzen Zeit der Kasse angehörte, der Durchschnitts⸗ 2 2 11 mir steht verdienst eines in gleichartiger Beschäftigung stehenden Mitgliedes zu Grunde gelegt. Die 2—55 1 der Kerl Feststellung erfolgt durch den Vorstand unter Berücksichtigung der eingegangenen An⸗ S— 2 1 meldungen über die Höhe des täglichen Arbeitsverdienstes und die darin eingetretenen 8 1. 1188 5 1 Veränderungen. 2* 2 Die Krankenunterstützung wird für die Dauer der Krankheit gewährt; sie endet———. 5 1. spätestens mit dem Ablauf der 26. Woche nach Beginn der Krankheit, im Falle der Er⸗ 2—. werbsunfährakeit(Absatz 1 Ziffer 3) spätestens mit dem Ablauf der 26. Woche nach Be⸗— Marktstrasse 9 2 1 ginn des Krankengeldbezuges. Endet der Bezug des Krankengeldes erst nach Ablauf D und 2 1 der 26. Woche nach dem Beginn der Krankheit, so endet mit dem Bezuge des Kranken⸗ Wet 31 geldes zugleich auch der Anspruch auf die in Absatz 1 unter Ziffer 1 und 2 bezeichneten ettergasse. 4 Leistungen.—— 8 4 Ist die Krankheit Jolge eines Unfalles, wegen»essen dem Mit ⸗—— Giessen.— 4 e zliede& spruch auf Entschädigung aus der reichsgesetzlichen Unfallver⸗ e. 05 beit sicherung zusteht, so wird die Kraukenunter tützung nur bis zum Ablauf% ò ͥü y CCC 8 f *, 15 der 13. Woche nach Eintritt des Unfalles gewährt. e—— Annen. ö * Diese Statutenänderung tritt mit dem 1. Januar 1901 in Kraft. e 1 ferren-aAnzũge. ubm sic Der Vorstand der Orts Kraukenkasse Gießen. ene ee 1 unn Feige Dahmer, Vorsitzender. Markus Zauer, Siessen J — 8 U Kirchenplatz Il e 0 N gegenüb. d. Stadtkirche. 8 8 S 8 SSS ͤÄVTTTTTTTTTTTTTTbTbTTbTTTbTTTTTTb N * 5 7 1 und duch 8 Weihnachten 3 „ eue N 35. empfehle 4 den Be- e— 9 Bilderbücher, Jugendschriften, 7 der Stadt 2 Geschenkbücher u. s. w. in 3 115 0 Zu Weihnachten 1 1 1 1 Heuchelheim, großer Auswahl zu billigsten 1 bell vom empfehlen wir in großartiger Auswahl und preis⸗ Lager fertiger Her⸗ 0 16 4 4 werthen reellen Qualitäten: ren⸗ und Knaben⸗ 3 7 2 me ee Ader Drang 1 85 Herren⸗Anzüge von 15.— Mk. an Kleider, m: 7 ber 5 2 5 12.— Mk i 1 5 Haussegen, lose u. gerahmt. der etßähle⸗ Herren Ueberzieher von 12.— Mk. an e Anzüge für Knaben bis 15 Buchhandlung Natter habt, Kuaben⸗Anzüge(Cheviot) von 3.— Mk. an N Jahren in den verschiedensten S id 1 gelebt. lud 1 Knab⸗nüberzieher„ von 4.— Mk. an Farben und Qualitäten, Lo- H. chnei er, 14 rechen unden Bitte Lodenjoppen von 4— Mk. an den⸗Joppen, neueste Formen Gießen, Sornenstraße 25. 11 daß er el Kleiderstoffe, reine Wolle von 0.65 Pfg. an 8 in Knaben⸗, Jünglings⸗ und= f 1 den schien le en! 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Seite 8. 1 Wir theilen 1 b mit, daß das 2 5 Februar d. Js. von uns unter dem Namen CN e Nachf., Inhaber: H. und Julius VBerdux Bahnhofstraße 27 Lindenplatz 12 geführte Kolonialwaaren, Delikatessen- und Konservengeschäft. nunmehr die Firma Gebrüder Berdux tragen wird.— Das bewährte, von uns auch ferner hochgehaltene Prinzip „Nur prima Waaren erstklassiger Bezugsquellen“ bei großem Umsatz zu wirklich billigen Preisen abzugeben, hat uns bisher eine reiche Zahl treuer Kunden zugeführt, und bietet uns diese Thatsache die sicherste Gewähr, nicht nur unsere verehrten Frennde und Kunden der neuen Firma er⸗ halten und deren Beziehungen zu ihr mehr und mehr festigen zu sehen, sondern auch das Vertrauen eines neuen und weiteren Abnehmerkreises dauernd zu gewinnen. 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Ueber die Reichstagsverhandlungen am Mittwoch(12. Dez.), dem dritten Tage der Etatsberathung haben wir in der letzten Num⸗ mer nichts berichtet, nur die Redner angeführt, wir müssen es deshalb heute nachholen. Dieser Tag stand unter dem Zeichen des Burenkrieges, richtiger des Nichtempfanges des Präsidenten 1 Krüger, sowie unter dem Zeichen der 12000 8 1 Mark⸗Affaire aus dem Reichsamt des Innern. * Das letztere ist für die politischen Zustände . Deutschlands außerordentlich bezeichnend: die N wichtigste Frage der inneren Politik, die Frage der Getreidezölle muß zurücktreten, weil der Reichstag sich mit Dingen beschäftigen muß, die nach den eigenen Erklärungen des Reichs- kanzlers durchaus geeignet erscheinen, die Re- g gierung der einseitigen Parteinahme gegen die . Arbeiter zu beschuldigen. 5 Bemerkenswerth ist zunächst, daß Herr Rickert im Namen der Freisinnigen Vereini⸗ gung dem Reichskanzler für die Abweisung Krüger's dankte; bei diesen Wadelstrümpflern geht die Verneigung nach Oben so weit, daß sie dem Empfinden des gesammten Volkes zum Trotze die Handlungen der Regierung billigen. Das wird so lange dauern, bis das Volk ihnen die Gelegenheit zu dieser Vertretung der Volks⸗ interessen nimmt. Aber durch den Alldeutschen Hasse kam die Transvaal-Angelegenheit zu ihrem Recate. Wir sind ausnahmsweise einmal mit Hasse einverstanden; das ist ein deutliches Zeichen dafür, wie allgemein in allen Volks⸗ schichten die schroffe Abweisung des unglück⸗ lichen alten Mannes verletzend und erbitternd gewirkt hat. Und das ohne jeden ersichtlichen r———— geführt, na er⸗ deiteren — 10 eier gabhssele J Nutzen. In seiner Erwiderung konnte der 1 ö Reichskanzler in keiner Weise diesen Vor⸗ 5 5 wurf entkräften: Mag unsere Politik noch so * vorsichtig sein und noch so viel Rücksicht auf g etc. England nehmen, das nach dem geheim gehal— tenen Abkommen in gewisser Beziehung wohl unser Bundesgenosse ist— so weit darf diese Rücksicht nicht gehen, daß wir deswegen die ö Pflichten der einfachsten Höflichkeit verletzen, deren Erfüllung in diesem Falle auch dem all⸗ gemein menschlichen Gefühle entsprochen hätte. Genosse Bebel, der gleich nach dem Reichs- kanzler zu Worte kam, vertrat diesen Standpunkt mit großer Wärme, wobei er lebhaften Beifall im ganzen Hause fand. Dann aber rechnete Bebel mit dem Grafen Posadowsky gründlich ab. Nach der Erklärung des Reichskanzlers konnte man glauben, daß man auf Seiten der Regierung eingesehen habe, ein wie„bedauer⸗ licher Mißgriff“ jener Bittgang um die 12000 Mark gewesen ist. Aber nein! Graf Posadowsky erklärt, daß jener Vorfall durch⸗ * aus korrekt gewesen sei, höchstens könne man g über seine Opportunitaä im Zweifel sein. Der Reichskanzler hatte die bestimmte Versicherung abgegeben, daß ein solcher Mißgriff nicht wieder vorkommen würde, so lange er die Geschäfte leite; nach den Erklärungen des Grafen Posa⸗ dowsky aber, seines Stellvertreters, kann man auf eine Wiederholung durchaus gefaßt sein. Da scheint ja eine pelt Einigkeit in der Re⸗ ierung zu herrschen! 5 Bed 1 führte dazu aus: Graf Posadowsky hat in der 12000 Mark⸗Affaire An⸗ schauungen entwickelt, die denen Bül o ws direkt widersprechen. Posadowsky hat kein Wort des Tadels für Woedtke, er hat mir nicht auf meine Frage geantwortet, g wann ihm die Sache bekannt geworden, und 1 daraus schließe ich, daß die Sache nicht nur g mit seinem Wissen, sondern a u chl auf seine Veranlassung ins Werk gesetzt worden ist. Mir hat er von einer gewissen bureaukratischen Aengstlichkeit gesprochen, die verhinderte, daß man das Geld aus dem Druck⸗ 1 schriftenfonds nahm. Daraus ergiebt sich daß ö er sehr möglicherweise gegebenen Falles 57000 15 der so handeln wird, wie in dem 120 Mark⸗-Falle. Das ist doch ein merkwürdiges 5 Verhältniß, in dem die beiden Herren, 1 15 f Kanzler und er, zu einander stehen. Ich 0 frage den Kanzler, ob er das als! 15 liche Leitung ansieht, wenn ein, solcher 4 Widerspruch in einer so wichtigen bet tionellen Frage stattfindet. Bueck hat dürr un offen ausgesprochen, daß die Arbeiter auch so freundlichst —— 2 * 1 2 N 1 F D rn. Gießen, Fonntag, den 23. Dejember 1900. FFFFPPPCCCCCCTTTTTTCT0T0T0T0T0T0T0T0T0T0TTTTTTb 7. Jahrg. ö stimmen müssen, wie es die Arbeitgeber in ihrem Interesse halten. Von einem solchen Verband nimmt der Staatssekretär 12 000 Mk., die auch gegen den Terrorismus der Arbeitgeber unter Umständen Verwen⸗ dung finden möchten.(Große Heiterkeit links., Das, Herr Graf, machen Sie weis wem Sie wollen. Die Agitation, die man mit den 12000 Mark-Schriften trieb, war der letzte verzweifelte Versuch, das Zuchthausgesetz zu retten, und da dieses Gesetz einem Her- zenswunsche der Kaisers entsprach, hielt es Graf Posadowsky für seine ehrenhaf— teste Aufgabe, für dieses Gesetz zu wir⸗ ken.(Hier ersucht Präsident Graf Ballestrem den Redner, die Person des Kaisers nicht in die Debatte zu ziehen.) Bebel fährt darauf fort: Der Dank wird wohl auch nicht ausgeblieben sein. Worin dieser Dank bestanden hat, kann ich ahnen, sage es aber nicht.(Heiterkeit., Daß der Staatssekretär das Schreiben des Vor⸗ sitzenden der Seeberufsgenossenschaf⸗ ten, die Unfallverhütung betreffend, nicht mit Entrüstung aufgenommen, sondern gewisser⸗ maßen entschuldigt habe, zeige das Kapftalisten⸗ herz des Staatssekretärs in seiner wahren Ge— stalt. Er müsse seine Kollegen doch recht tief eingeschätzt haben. Wenn der Staatssekretär aus dem kapitalistischen Ideenkreise nicht her⸗ aus könne, so möge ihm dies zur Entschuldi⸗ gung gereichen, aber dann möge er nicht länger von seiner Unparteilichkeit reden. Graf Posadowsky ergriff zwar nach Bebel das Wort, aber er berührte mit keiner Silbe die 12000 Mark-⸗Affaire noch einmal, er beschränkte sich nur auf eine Vertheidigung des Briefes der Herrn Laesz, die übrigens viel milder ausfiel, als am Tage vorher. Nachdem Bebel die Vertheidigung der Seeberufsgenos— senschaft und jenes Rheders durch den Staats⸗ sekretär unter seine kritische Lupe genommen hatte, ploidirte Graf Posadowsky nur noch auf mildernde Umstände, da ja der Hauptthäter todt sei. Die Debatte wurde vertagt; vorher schleuderte der Abg. Richter einige witzige, recht bissige persönliche Bemerkungen gegen den Alldeutschen Hasse, der ihn leichtsinniger Weise gereizt hatte. Vorigen Donnerstag(13./12.) wurde die Etatsberathung zu Ende geführt. Es war nur noch so eine Nachlese. Nach einigen unbedeu— tenden Bemerkungen des Zentrumsabgeordneten Hug bedauerte der Welfe Hodenberg die Behandlung, die Präsident Krüger erfahren hat. Dann krähte der agrarische Hahn sein wohlbekanntes Lied von der Noth der Land— wirthschaft und schloß, auf die Buren über⸗ gehend, mit dem Wunsche, es möge der Aus- spruch zur That werden: Wir Deutsche fürchten nur Gott allein! Das gefiel dem Antisemiten Werner, der über die Noth des Handwerks klagte, so gut, daß auch er seine Rede mit dem gleichen Ausspruch schloß. Während er sich in weltpolitischen Ausführungen erging, unterhielt sich der Kanzler, ohne auf die an ihn gerich⸗ teten Worte zu achten, angelegentlichst und sehr freundschaftlichst mit Herrn Dr. Lieber, ob über das schöne Wetter oder über Fragen der hohen Politik oder über andere wichtige oder unwichtige Angelegenheiten, war auf der Tribüne natür⸗ lich nicht zu versteßen. Dann beklagte sich der konservative Graf Roon über die Wirkung und den Ton der Bebelschen Reden; daß diese Klage ehrlich war, glauben wir dem Grafen gerne. Wie berechtigt sie war, bewies er dadurch, daß er unserem Genossen zurief, er solle sich schämen, so ungerecht zu sein, was ihm einen Verweis des Präsidenten eintrug. Gewiß ist es begreiflich, wenn einem Redner in der Erregung einmal ein scharfer Ausdruck ent⸗ schlüpft; aber der Graf v. Roon sprach nicht erregt, sondern las eine vorher aufgesetzte Rede wörtlich von seinem Blatte ab. Mit ruhiger Ueberlegung also stieß er seine Beleidigung aus, welche die Sitte des Hauses verletzte. Und die Herren beklagen sich über den rohen Ton in den Parlamenten! Auch griff der Graf dem nachfolgenden Redner, Herrn Stöcker, vor, indem er Bebels Unglauben beklagte. Ob ihm der Unglaube seiner Standesgenossen ebenso un— bequem ist, sagte er nicht. Freilich gestehen diese ihn für gewöhnlich nicht ein, und selten wird die wahre Gesinnung eines Edlen so offenbar, wie es bei Herrn von Hammerstein seiner der Fall war. Dann tan der Fer treter von Zucht und guter Sitte, von Tr und Glauben, sowie von christlicher Liebe Wort, der frühere Busenfreund des entschwu denen Hammerstein, der Hofprediger a. Stöcker. In dem widerlich⸗salbungvoll, Tone, den wir an ihm gewohnt sind, klag er über die böse Zeit, in der Gott nicht d rechte Ehre erwiesen wird. Hiermit waren wo unsere Parteigenossen gemeint, obwohl auch d Liberalen sich ihr Theil abnehmen konnten. Urgrund alles Uebels beklagte er den Mar monismus, der in der Welt herrsche, die u geheure Sucht nach Geld, die überall ve breitet ist. Hierbei streifte er auch die 12 00 Mark-Affaire, die er freilich für schlimm e klärte; aber persönlich stellte er dem Graft Posadowskty und seinen Beamten das Zeugn aus, daß sie Ehrenmänner seien, denen d Mammonismus nichts anhabe! Armer Gr Posadowsky! Von Stöcker die Ehrenhaftigke 3 zu bekommen, das ist ein schlimme bos. a Herr Stöcker kennt übrigens noch ande Leute, denen der Mammonismus fremd ist, uf die daher die sichere Basis unseres Staaß bilden— die Landwirthe. Freilich schreien gewaltig nach hohen Zöllen; aber, meint H Stöcker, das meinen sie gar nicht so, sie sch gen eben vor, um doch etwas zu erhalten; köstliches Eingeständniß, das wir uns mer wollen. „Nach der anmuthigen Kapuzinade Stöcken führte der nationalliberale Abg. Möller d die Debatte wieder auf die Getreidezölle z rück, wobei er darauf hinwies, daß man 10 nur auf den Konsumenten achten dürfe, sonde auch die Bedürfnisse des Produzenten in B tracht ziehen müsse. Er sprach sich deshalb fi mäßige Getreidezölle aus. Hierin stimmte ihn selbst Graf Klinckowström zu, der ebenfalls f. ein Entgegenkommen zwischen Industrie ut Landwirthschaft sprach. Aber was sin mäßige Zölle? Den nach Stöcker vom M monismus nicht erfaßten Agrarier sind e alle Zölle auf Getreide zu niedrig; nach ih giebt es überhaupt keine mäßigen, sondern st zu niedrige Zölle. Hierauf wurde ein Schlußantrag angenon men und dadurch dem Genossen Bebel Gelegenheit genommen, Herrn Stöcker sofort antworten. Er behielt sich in einer kurzen merkung zur Geschäftsordnung ausdrückl vor, bei einer anderen Gelegenheit diese A wort zu ertheilen. Dann ging der Reichstg in die Weihnachtsferien, die bis zum 8. Jan) dauern. 5 — 5 Bon Nah und Fern. Der Mord in Konitz. Zum Mord des Gymnasiasten Winter g jetzt eine neue Meldung durch die Presse. M soll jetzt gravirende Verdachtsmomente daf entdeckt haben, daß die That wahrscheinlich Todtschlag in Folge einer vorangegangene Eifersuchtsscene sei. Gegen wen sich der 0 Verdacht richtet, wird nicht gesagt. Eine E— deckung des Thäters wäre sehr zu wünsche daß aber vorher die Spur bekannt gegeb wird, ist verfehlt, weil so der Schuldige g warnt wird. Min ster im Arbeiter⸗Konsumverein. Der württembergische Minister d Innern v. Pischek besuchte kürzlich den Stut garter Konsumverein, um dessen Neubauten besichtigen. Er wurde zuerst im Verwaltung gebäude, dann in der Bäckerei, dem Hauptlag der Kellerei und dem Kohlenlager herumg führt. Während des Rundganges, der andert halb Stunden in Anspruch nahm, versichert, der Minister, daß er sich den Verein nicht ii dem Umfange vorgestellt habe, sprach wieder holt seine Befriedigung über die hellen und luftigen Arbeits- und Lagerräume aus unk wünschte beim Abschied dem Verein wei, teres Blühen und Gedeihen. rr Z Um eihnachlsfeste 2 empfiehlt serren⸗, Burschen⸗, Knaben⸗ und Kinzer⸗Anzüge in gediegenen Qualitäten, erren⸗, Burschen⸗, Knaben⸗ und Kinder⸗Paletots in neuesten Mustern, serren⸗, Burschen⸗, Knaben und Kinder Haveloks in extravaganter Ausstattung, herreu⸗, Burschen⸗, Knaden⸗ und Kinder⸗Kalsermäntel von den billigsten bis inster Waare, Herren⸗Schlaf⸗Röcke, Herren⸗, Burschen⸗, Kuaben⸗ und inder⸗Joppen in jedem Geschmack, Herren⸗, Burschen⸗, Knaben⸗ und Kinder sosen in nie gesehener Auswahl, Abschnitte zu Haveloks für Herren, Jüng⸗ nge und Knaben Abschnitte zu Joppen für Herren von 2.25 Mk an, ibschnitte zu Anzügen für Herren(Cheviot) 3 Meter 7 k., Abschnitte zu inzügen für Herren(Bukskin) 3 Meter 5 Mk., Abschnitee zu Hosen für serren von 1.30 Mk. an, Herren⸗Jagdwesten in 52 Qualitäten von 1.20 bis 50 Mk., Herren ⸗Radfahrerhemden in Prachtmustern, Herren⸗Chemisetten⸗ emden in nur solider Waare, Herrer⸗Normalhemden in den seit Jahren be⸗ ihmten Qualitäten von 1 Mk. an, Herren⸗Hautjacken, nicht einge end, von 70 Pf. , Herren⸗Unterhosen in neuen Farben, enorm billig, Herren⸗Nachthemden, if diesen Artikel mache besonders aufmerksam, ich führe nur das Neueste und Schönste, as existirt, zu Spottpreisen. 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