* 1 ite . eb i erste le. stal — asse 20 160 M. 110 von n. 8 acker, . Marl egeltuch⸗ nerhose hemd, ark uxkinhose joppe in Farben uchschuhl Marl ederhost, streiff, . 3 Jjäht, ark Zugftef albschuh⸗ lark ugfief hlen etrelft hose Manuk⸗ ug leichten Nr. 39. Gießen, Sonntag, den 23. September 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Ut Mitteldeutsche eit! gs Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Bestellungen JFuserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräg er frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuz band vierteljährlich 1 Mark. Der Parteitag in Mainz. Das Arbeiterparlament, das in diesem Jahre im„goldenen“ Mainz tagt, weist einen stärkeren Besuch als die der früheren Jahre auf. Schon am Samstag waren eine große Anzahl Dele⸗ girte erschienen, namentlich aber Frauen, die an diesem Tage zu einer Konferenz zusammen⸗ traten. Diese derieth in der Hauptsache die Mittel und Wege zur Verbreitung und Ver⸗ tiefung des sozialdemokratischen Gedankens in der Frauenwelt. Am Sonntag fand die Begrüßungs⸗ feier statt, die einen großartigen Verlauf nahm. Lange vor Beginn des Festes war die„Stadt⸗ halle“ von einer freudig erregten Menschen⸗ menge gefüllt, weit über 5000 Personen hatten sich eingefunden. Der Saal— einer der größten in Deutschland— war aufs Prächtigste dekorirt und von der Mitte des Saales herab hing ein riesiges rothes Banner mit der In⸗ schrift:„Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!“ Das große Podium an der Längsseite des Saales war mit einer in Roth gehaltenen Draperie abgeschlossen, in deren Mitte das lebensnroße Porträt Wilh. Liebknechts, in Oel gemalt und von breitem Goldrahmen ein⸗ gefaßt, hing. Mehrere Büsten unserer heim⸗ gegangenen Führer, Lasalle, Marx, Engels, traten aus üppiger Pflanzendeko⸗ ration wirkungsvoll hervor. Die Bühne an der Stirnseite des Saales war rechts und links flankirt von den Fahren der bei den Gesangs⸗ aufführungen mitwirkenden Vereine und der⸗ jenigen einzelner Gewerkschaften. Eingeleitet wurde die Feier durch ein Musik⸗ stück, den Sozialistenmarsch, hierauf trug Ge⸗ nosse Weiß einen stimmungsvollen Prolog vor. Zur Begrüßung der Delegirten ergriff sodann Genosse Dr. David das Wort und sagte etwa: Genossinnen und Genossen! Willkommen in Mainz!— diesen Gruß soll ich Ihnen im Namen und Auftrag der Mainzer Partei⸗ genossen zurufen. Er kommt von Herzen— möge er zum Herzen gehen! Mainz sieht oft fremde Gäste in seinen Mauern. Und gerade dieses Jahr war für Mainz ein Jahr der Feste und Kongresse. Bei allen bewährt sich die traditionelle Gastlichkeit und das ge⸗ mülhsfrohe Entgegenkommen seiner Bevölkerung. Aber Sie, meine werthen Parteigenossen, die Sie als Be⸗ auftragte der Sozialdemokratie hierher gekommen sind, Sie dürfen versichert sein, daß Sie als ganz be⸗ sonders liebe Gäste betrachtet werden. Sie sind uns nicht Fremde, sondern Freunde. Schon einmal hat in Mainz ein sozialdemokratischer Kongreß stattgefunden. Im Jahre 1872 kamen hier die Vertreter der Eisenacher Richtung zusammen. Welch ein Unterschied, welch ein Fortschriit zwischen damals und heute! Jener Kongreß tagte nur wenige hundert Schritte von hier im„Heilig Geist“, einer ehemaligen Kirche, die nachmals in ein Bierrestaurant verwandelt wurde, ohne Zuthun der Sozialdemokratie!(Heiter⸗ keit.) Die Verhandlungen jenes Parteitags waren nicht öffentlich. Die Sozialdemokratie war noch eine kleine Sekte; sie hatte noch nicht die Kraft, ihre inneren An⸗ gelegenheiten öffentlich vor aller Welt zu erledigen und die Oeffentlichkeit von Mainz nahm damals keine Notiz von dem Parteitag. Wie ganz anders heute! Ganz Mainz merkt auf! Kaum Einer, der nicht wüßte, was in diesen Tagen hier vorgeht, an der Stätte, wo alles große öffentliche Leben unserer Stadt sich abspielt. Die Mainzer Parteigenossen sind stolz darauf, Sie in diesem prächtigen Raume begrüßen zu können, und diese viel⸗ tausendköpfige Versammlung, die hergeströmt ist, um die! Delegirten der Sozialdemokratie zu sehen und zu be⸗ grüßen, sie mag Zeugniß davon ablegen, daß auch in der Bischofsstadt Mainz die sozialdemokratische Ideen— welt ihre volkserobernde Kraft bewährt hat. Freude und Begeisterung erfüllt uns angesichts einer so mächtigen Kundgebung. Könnte doch Einer, der so manchmal an dieser Stätte mit beredtem Munde die Herzen des Volles bewegte, könnte doch Wilhelm Liebknecht jetzt noch einmal hier bei uns sein! Wie können wir diese Stunden miteinander feiern, ohne seiner zu gedenken? Was er für unsere Partei gewesen, was er für die die Sache der Menschheit gethan, Ihnen brauche ich es nicht zu sagen. Sein Name gehört der Ewigkeit an; Liebkaecht war ein Mann von internationaler, von welt⸗ historischer Bedeutung. Unter uns Hessen aber verweilte er besonders gern Er hing an seiner Heimath. Kein Jahr verging, daß er nicht einige Tage oder Wochen an den Stätten ver⸗ weilte, wo er als Knabe gespielt, als Jüngling ge⸗ schwärmt hatte. Gießen, Offenbach, Darmstadt, Mainz — überall fesselten ihn Jugenderinnerungen, freund- schaftliche und verwandtschaftliche Bande Er hatte sich so sehr auf den Parteitag in Mainz gefreut. Diesmal wollte er seine Frau mitbringen, o schrieb er wenige Wochen vor seinem Tode. Wie ist diese Hoffnung so jäh zerrissen worden. Unser Alter ist todt!— Nein, unser Alter lebt! Sein Geist lebt unter uns und es lebt sein Werk! Das Edelste, das Größte an Liebknecht war sein soziales Pflichtgefühl, tef verankert in der Liede zur leidenden Menschheit. Das war die Kraft, die ihn hinaustrug über die Stunden der Schwäche und der Verzogtheit, die auch dem Stärksten nicht ausbleiben. Das war die Kraft, die ihn vorwärts stürmen ließ in den Stunden erhöhter Kampfeslust und Begeisterung. Von diefem Geiste erfüllt, wird auch der Mainzer Parteitag ein Markstein sein auf der Bahn der Vorwärts entwickelung der Sozialdemokratie. In diesem Zeichen wird sie ihre westhistorische Mission erfüllen Wollen Sie unseren Willkommengruß in diesem Sinne auffassen, wollen Sie unseren unvergeßlichen Alten in diesem Sinne ehren, so stimmen Sie mit mir ein in ein Hoch auf die volksbefreiende und völkerver— einende Sozialdemokratie, sie lebe hoch! Mächtig durchbrauste das Hoch den weiten Raum. Nun brachten etwa 300 Sänger, den Arbeitergesangvereinen von Darmstadt, Frank⸗ furt, Mainz und Wiesbaden angehörend, das „Tendenz⸗Lied“ von H. Heine, komponirt von W. Weißheimer, unter persönlicher Leitung des Komponisten zum Vortrag. Das schwierige Werk, zu dessen Einstudirung die betr. Vereine nur einige Wochen Zeit hatten, wurde exakt ausgeführt.— An Stelle Bebels, der leider wegen einer Augenentzündung noch nicht er⸗ scheinen konnte, hielt darauf Abg. Auer die Festrede. Auch er gedachte Liebknechts. Es sei ein eigenthümliches Geschick, daß wie vor 28 Jahren, so auch heute unsere beiden Haupt⸗ führer fehlten. Damals mußten sie wegen „Hochverraths“ im Kerker schmachten. Redner gab dann einen Rückblick auf die Entwickelung der Partei seit dem in Mainz im Jahre 1872 stattgefundenen Kongresse der„Eisenacher“. Wir könnten mit den Fortschritten zufrieden sein. Der Rechenschaftsbericht von damals verzeichnet für einen Zeitraum von mehr als einem Jahre als Ein⸗ nahme ganze 2088 Thaler! Nachdem endlich 1875 die Einigung, deren 25jähriges Jubiläum wir heute feiern, erfolgt war, machte die Be⸗ wegung stetige Fortschritte. Redner gibt einen Abriß der Parteige⸗ schichte, er gedenkt des Sozialistengesetzes, der Verheerungen, die es in die Reihen getragen, aber auch der raschen Ueberwindung dieses Schreckens und des schließlichen Falles des Aus⸗ nahmegesetzes wie des Ausschwungs der Partei jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 ¼e% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. im letzten Jahrzehnt. Er fährt fort: Die Gegner haben stets auf eine Spaltung gerechnet, sie sind stets enttäuscht worden. Mögen Meinungsverschiedenheiten bestehen, das Ziel ist uns allen gemeinsam. Wir sind heute was wir waren, wir werden bleiben, was wir sind. Die Sozialisirung der Gesellschaft ist unser Ziel. In diesem Sinne schicken wir auch unsere Dele— girten nach Paris; alle Bruderparteien dürfen auf die Treue der deutschen Partei zählen. Wir rufen: Die deutsche Sozialdemokratie, sie lebe hoch! Daß die Versammlung freudigst in dieses Hoch einstimmte und dem Redner begeisterten Beifall zollte, war begreiflich. Am Montag begannen die eigentlichen Ver— handlungen. Singer eröffnete den Parteitag mit einer kurzen Gedenkrede auf Liebknecht, welche der Parteitag stehend anhört. Ferner erinnert Singer daran, daß jetzt 10 Jahre seit dem Fall des Sozialistengesetzes verflossen seien. So wie das Sozialistengesetz selbst von der Sozialdemokratie überwunden worden sei, müßten auch diejenigen Parteien, welche die Väter des Scszialistengesetzes waren, beseitigt werden. Zu Vorsitzenden werden Singer und Ulrich (Offenbach) gewählt, dann folgt die Wahl von neun Schriftführern, sowie der Mandats⸗ prüfungskommission. Die vorgeschlagene Tages⸗ ordnung wird genehmigt. Singer begrüßt hierauf die ausländischen Gäste, Pernerstorffer⸗ Wien und Nemec Prag. Er gibt dem Wunsche Ausdruck, daß die österreichische Bruderpartei bei den Wahlen neue Erfolge haben möge. Die deutsche Bruder partei werde die Solidarität nie vermissen lassen. Pernerstorffer: Wir aus Oesterreich kommen gern nach Deutschland, es ist uns Herzenswunsch. Sie kennen ja unsere Ver⸗ hältnisse, Sie glauben sie wenigstens zu kennen. Aber glauben Sie mir, die Verhältnisse Oester⸗ reichs sind Ihnen doch sehr dunkel, sie sind uns selbst dunkel. Oesterreich ist das Land der Unwahrscheinlichkeiten genannt worden, man könnte es das Land der Unmög⸗ lichkeiten nennen, jedenfalls ist es das Land der tollsten Konfusion und es gibt nur ein ge⸗ meinsames Gefühl, das der allgemeinsten Ver⸗ drossenheit und Unzufriedenheit. Seit Jahren ist es nicht möglich gewesen, einen Ausgleich der verschiedenen Nationen herbeizuführen. Der Nationalitätenstreit ist das Lebenselement der Feudalen Böhmens. Die Czechen bilden sich ein, die deutschen Böhmen vergewaltigen zu können, die Deutschen bilden sich wirklich ein, die Czechen germanisiren zu können. Die tollsten Gedanken spuken in den bürgerlichen Köpfen. Nur die Sozialdemokratie ist in den Nationen geeinigt, dafür werden alle sozialdemokratischen Gruppen als nationale Verräther von der Bourgeoisie gebrandmarkt. Aus dem Natio⸗ nalitätenstreit ist die Obstruktion, aus der Ob⸗ struktion die Auflösung des Parlaments ent⸗ standen. Das neue Parlament wird aber nicht unter anderen Bedingungen arbeiten, als das alte. Vielleicht kommt es nicht über die erste Sitzung hinaus und es folgt der ersten Auflösung eine zweite. Der Redner dankt weiter den deutschen Ge⸗ nossen für die bisherige materielle Unterstützung S — S2 — ———ͤ . Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 38. und bittet unter Heiterkeit des Parteitags um weitere. Er schließt: Euch, den leuchtenden Vorbildern der sozialistischen Bewegung der ganzen Welt, Euch brüderlichen Gruß aus Oesterreich.(Stürmischer Beifall.) Nemec⸗Prag überbringt die Grüße der czechischen Genossen.. Nunmehr wird in die Tagesordnung ein⸗ getreten. Parteisekretär Pfannkuch gibt den Geschäftsbericht des Vorstandes; Kassirer Gerisch den Kassenbericht und Abg. Meister den Bericht der Kontrolleure. In der darauf folgenden Debatte dreht es sich hauptsächlich um das Gehalt des Leiters der Buchhandlung „Vorwärts“ Fischer, das von 4000 auf 5000 Mk. erhöht wurde. Dagegen wenden sich namentlich die Berliner. Weniger wegen der Höhe des Gehalts, als darum, weil die Berliner Genossen nicht gefragt wurden. Gegen diese Forderung der Berliner wendet sich in scharfer Weise Ulrich⸗Offenbach. Die Buchhandlung Vorwärts unterstehe der Gesam mt partei. Hauptsache sei, daß der richtige Mann am richtigen Platze stehe. Auch Dietz⸗Stuttgart meint: Die Buchhandlung„Vorwärts“ ist ein großes Geschäft und das Gehalt von 5000 Mk. ist nicht zu hoch. In bürgerlichen Geschäften werden höhere Gehälter in Buchhandlungen von ähnlichem Umfange gezahlt. Fischer hat bei einem Umsatz von 187,000 Mk. einen Gewinn von 10 Proz. herausgewirthschaftet, er hat eine große Arbeitslast und ich kann Ihnen empfehlen, dem Vorstand Decharge zu ertheilen. Rosa Luxemburg beklagt es, daß die Partei keine planmäßige Agitation gegen die Chinapolitik eingeleitet hat. Gegen die Zucht⸗ hausvorlage, gegen das Löbtauer Urtheil sind große Protest-Agitationen entfaltet worden. Warum nicht gegen die noch viel wichtigere Chinaweltpolitik? Nachdem der Berliner Antrag bezüglich der Gehaltsfrage Fischers zurückgezogen, wird dem Vorstand und den Kontrolleuren Decharge ertheilt. Es folgt der Bericht über die parlamen⸗ tarische Thätigkeit, von Singer er⸗ stattet. Er weißt auf den gedruckt vorliegenden Bericht hin und geht auf die einzelnen hierzu gestellten Anträge ein. Ein solcher verlange z. B. wieder die Betheiligung des Impf⸗ zwanges. Diese Frage sei keine Partei⸗ frage. Der beste Sozialdemokrat kann Impf⸗ freund oder Impfgegner sein. Solche hygienische Fragen können nicht zu Parteifragen gemacht werden. Für unseren Parteitag liegt keine Veranlassung vor, in dieser Frage eine Ent⸗ scheidung zu treffen. Einverstanden sei er je⸗ doch mit dem Antrage, der die Fraktion beauf⸗ tragt, auf's neue die Beseitigung des Majestäts⸗ beleidigungs⸗Paragraphen zu beantragen. Früher trat der Monarch nicht in die Oeffentlichkeit, jetzt thut das der Kaiser fast täglich. Fast alle politischen Parteien bedenkt er mit Lob oder Tadel. Seine Bemerkungen beruhen oft auf gänzlich falschen Berichten. Es ist nöthig, daß wir das Recht der Abwehr haben. Das geht unter dem heutigen Strafgesetz nicht, deßhalb muß es geändert werden. Doch müsse ein weiterer Antrag, die Namen unserer Abgeord— neten, die bei der Abstimmung über die Zucht- hausvorlage fehlten, bekannt zu geben und im Wiederholungsfalle zur Niederlegung des Man⸗ dats zu veranlassen, entschieden bekämpft werden. Die Präsenz in unseren Reihen ist immer noch die beste, trotz der vielen Arbeit, die uaseren Reichstagskollegen sonst obliegt. Außerdem konnte kem Mensch annehmen, daß es am ersten! Tage der Berathung der Zuchthausvorlage schon zur Abstimmung kommen würde. „Die Fraktion wird es nach wie vor als ihre Aufgabe betrachten, das Doppeljoch der kapitalistischen und absolutischen Reaktion zu brechen. In der Diskussion über den Bericht kam es zu einer Polendebatte. Rosa Luxemburg be⸗ antragte, die Fraktion möge im Reichstage die Maßnahmen der preußischen Regierung gegen den Gebrauch der polnischen Sprache einmal zur Sprache bringen. Bei Besprechung dieses! Antrages griff Haa se-Berlin Frl. Luxemburg in heftiger Weise und wohl auch unberechtigt an. Sie sei schuld, daß in den polnischen Gegenden die sozialistische Bewegung so geringe Fortschritte gemacht habe. Diese Angriffe wies Genossin Luxemburg mit viel Geschick zurück und auch von Bruhns Breslau und von Singer wurde ihr erfolgreiches Wirken voll an⸗ erkannt, während Haase nichts geleistet habe. Nach Singer's Schlußwort wird der Antrag auf Beseitigung des Majestätsbeleidigungs⸗Para⸗ graphen sowie derjenige der Genossin Luxem⸗ burg einstimmig angenommen. Die Anträge auf Aufhebung des Impfzwanges und auf Er⸗ theilung eines Mißtrauensvotums werden gegen vereinzelte Stimmen abgelehnt. Nun kam das„Neue Organisations⸗ statut an die Reihe. In einem sehr aus⸗ führlichen Referat führte Abg. Auer die Einzel⸗ heiten vor, die zu einer Aenderung des Statuts nöthigen und legte dar, in welcher Richtung sich diese Aenderungen bewegen müßten. In dem langen Referate erregten vielfach die humo⸗ ristischen Wendungen des Redners die Heiterkeit des Parteitags. Nach einer langen Debatte wird der Entwurf einer Kommission von 25 Mitgliedern überwiesen. Ueber„Weltpolitik“ spricht hierauf Singer und legt dem Parteitag eine längere Resolution zur Annahme vor, in welcher gegen die Raub⸗ und Eroberungspolitik, die zu den verwerflichsten Mitteln greift, entschieden pro⸗ testirt wird. Unter anderem heißt es in der Resolution: „Die überseeische Eroberungs⸗ und Raub⸗ politik führt ferner zu Eifersüchteleien und Reibungen der rivalisirenden Mächte, und in Folge dessen zu unerträglichen Rüstungen zu Wasser und zu Lande; sie enthält den Keim zu gefährlichen internationalen Konflikten, welche die auf friedlichem Wege mühsam errungenen Kultur⸗ und Verkehrsbeziehungen in Frage stellen und schließlich eine allgemeine Katastrophe wahrscheinlich machen Die sozialdemokratische Partei Deutschlands hält diese Politik für verwerflich und erhebt den entschiedensten Widerspruch gegen die abenteuer⸗ liche gewaltsame Chinapolitik der Regierung, welche für das Volk schwere Gefahren herbei⸗ führt und ungeheure Opfer an Gut und Blut erfordert.“ Eine längere Debatte, an der sich Adler⸗ Kiel, Dr. Quarck, Dr. Schönlank, Ledebaur u. A. betheiligten, folgte auf Singer's Referat, worauf die Resolution ein⸗ stimmig angenommen wird. Auf dem Parteitag anwesend sind 198 Dele⸗ girte, die 226 Mandate haben. Ein Delegirter fehlt entschuldigt. Außerdem sind 5 Mitglieder des Parteivorstandes, die Kontroleure und 30 Abgeordnete aawesend. Als Gäste vom Ausland sind 3 Genossen aus Oesterreich und einer aus England erschienen. Alle Mandate wurden für gültig erklärt. —— Politische Rundschau. Gießen, 21. September. Zur Einberufung des Reichstags wird jetzt berichtet, daß sie nicht früher als gewöhnlich, also im November erfolgen soll. Weiter heißt es, der Reichskanzler wird persön⸗ lich beim Zusammentritt des Reichstages die Gründe darlegen, die für die späte Einberufung der Abgeordneten zur diesjährigen Session maßgebend waren. Unterdessen hat die Reichsregierung ohne den Reichstag zu fragen einen Pump von 80 Millionen in Amerika angelegt. Ein neuer Raubzug. Um die Ausfuhr auf Kosten einer Preis⸗ steigerung im Inlande zu erhöhen, soll ein Syndikat der Graupenmüller ge⸗ gründet werden. Ebenso wollen sich die Schäl⸗ mühlen Deutschlands zu einem Verbande zu⸗ sammenschließen. Eine Erhöhung der Kohlenpreise ist durch das rheinisch⸗westfälische Syndikat, den mächtigen Gmbengerren beschlossen worden. Das Syndikat setzt im Herbst die Kohlenpreise für das nächste Geschäftsjahr fest, für die Zeit vom 1. April 1901 bis Ende März 1902. Wie die„Vossische Zeitung“ aus Essen meldet, will man zwar von einer Er⸗ höhung des Preises der Industriekohle absehen. indessen für die Gas⸗ und Hausbrand⸗ kohle den Preis um 25 bis 50 Pfg. für die Tonne( 10 Doppelzentner) erhöhen. Daß der Industrie gnädigst die jetzigen hohen Kohlenpreise bis März 1902 erhalten bleiben, erklärt sich aus der Abnahme der Pro⸗ duktion und daher auch des Kohlenbedarfs in der rheinisch⸗westfälischen Geoßeisenindustrie. Ein Attentat aber gegen die kleinen Leute und die Arbeiterschaft, gegen die große Masse der Verbraucher, ist die Er⸗ höhung des Preises für Gas- und Hausbrand— kohle bis zu fünf Prozent ab Zeche. Der endgiltige Beschluß über die Vertheue⸗ rung soll Mitte Oktober auf der Generalver⸗ sammlung des Syndikats gefaßt werden. Das moderne Militärchristenthum, das Kreuz und Schwert in einer Hand zu tragen weiß, ward kaum je so eifrig verkündigt als in diesen Tagen des chinesischen Kreuzzugs. Aehnlich dem Berliner Militärgeistlichen, der jüngst bei der Fahnenweihe den„heiligen Krieg“ in China gefeiert hat, faßte jetzt auch der Militäroberpfarrer Cäsar vom 2. Armeekorps bei einem Feldgottesdienst der Manövertruppen in Stettin— unter Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin— sein Christenthum auf. Der Oberpfarrer Cäsar sagte in seiner Predigt: „.. Ja, wenn selbst Dein Leben in Gefahr stünde, dann blicke betend auf zum Himmel mit der Zu bersicht: „In Gottes Hand steht unser Leben“, dann denle der Christen, welche Gott in der Hauptstadt Chinas so wunderbar geschützt und errettet (Frhr. v. Ketteler ward dieser Rettung nicht theil⸗ hastig. D. Red.), dann rühme den hohen Namen Deß, der so große Wunder tyut— und Du wirst mit dem gekrönten Sänger des alten Bundes sprechen können: „Ih fürchte kein Unglück, denn Gott ist bei mit.“ Wenn Du Dich auch als guter Kamerad all Derer be⸗ weisen willst, welche für uns jetzt Gefechten und Gefahren entgegenziehen, oder schon den heidnischen Feinden gegenüberstehen, dann schließe sie ein in das tägliche Gebet:„Gott sei mit euch und streite für euch!“ Denn mit Hilfe dieses all⸗ mächtigen Bundesgenossen werden sie wie die kleine Heldenschaar in Peking auch mannhaft auf schwierigem Posten ausharren und gleich den Tapfern von Taku und Tientsin allen Widerstand der Feinde brechen, um dem christlichen Glauben wie echt christlicher Kultur, will's Gott, für alle Zeiten freie Bahn zu machen, so daß auch die Hunderte von Millionen Heiden es bekennen müssen: Der Herr Zebaoth war mit den Christenstreitern, der dreieinige Gott war ihr Schutz. Gebt diesem Gott die Ehre!“ 5 ö 5 95 Fürwahr, eine eigenartige Religion der Nächstenliebe, der mit blutigem Kriegsschwert freie Bahn gemacht werden soll! Lieber zwei Tage„Kasten“ als Hunnen⸗ krieger sagte sich ein Reservist, der kürzlich eine Vor⸗ ladung erhielt, am Bezirkskommando 1 München, zu erscheinen. Mit militärischer Pünktlichkeit meldete sich der Mann zur be⸗ stimmten Stunde. Dem Herrn Oberst vor⸗ gestellt, diktirte ihm dieser zwei Tage Arrest, weil er seinen Wohnungswechsel nicht vorschrifts⸗ mäßig angezeigt hatte. Dabei bemerkte der Herr Oberst in feeundlichstem Tone, daß ihm die zwei Tage geschenkt würden, wenn er sich freiwillig nach China melde, im anderen Falle aber müsse er die 2 Tage brummen. Der Reservist zog es aber doch vor, nicht freiwillig nach China zu gehen und seine 2 Tage abzusitzen. Der Kaiser als Feldmarschall. Der Kaiser hat Blättermeldungen zufolge zum ersten Mal bei einem Manöver einen Marschallstab getragen. In den Potsdamer Läden lagen Photographien aus, die den Kaiser darstellen, neben ihm auf einem Kissen die Reichsinsignien und dazu auch den Marschall⸗ stab. Die Kaiserkrone fehlt unter den Reichs⸗ onen Atanz U 5 9 gung be dib dle wi n da delicht Jugen heimer, die Ve sebsten der hun eien 9 eine be Vetsom Un die Nagl lber d Grat! auftalte hetfang werden lunig Hartoff zufügen Geg hat sie Juri zwei Oberl. raths 11 erschie strafb folgu das st än schr. sofern breitu 2 hau! licht That 10 ech. Zusta 1 0 lat Num fi Soz. ber! 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Dieser bemerkte, die Verhältnisse seien so trübe, daß er am liebsten gar nicht Bericht erstatten möchte. In der hunderttausend Einwohner zählenden Stadt seien ganze vierzig Personen dem Ver⸗ eine beigetreten und davon erscheine zu den Versammlungen nur ein halbes Dutzend. Um die Leute herbeizuziehen, habe man alles Mögliche versucht, u. A. wurde ein Vortrag über die Kartoffeln gehalten und sogar ein Gratisessen mit Kartoffelklößen ver⸗ anstaltet. Aber selbst dieses Mittel hat nicht verfangen. Nun soll der Verein„neu organisirt“ werden.— Die„Berl. Volksztg.“ empfiehlt launig dazu, für die nächste Versammlung den Kartoffeltlößen noch Speck und Backobst hinzu⸗ zufügen. Bielleicht hilfts dann. Gegen den fliegenden Gerichtsstand der Presse hat sich der in Baumberg tagende deutsche Juristentag ausgesprochen. Er nahm gegen zwei Stimmen folgenden Antrag des Referenten, Oberlandesgerichts-Präsidenten Geheimen Justiz⸗ raths Hamm, an: „1) Begründet der Inhalt einer im Inlande erschienenen Druckschrift den Thatbestand einer strafbaren Handlung, so ist für deren Ver⸗ folgung im Wege der öffentlichen Strafklage dasjenige Gericht ausschließlich zu⸗ ständig, in dessen Bezirk die Druck⸗ schrift erschienen ist. 2) Das gilt nicht, sofern es sich um eine weitere selbständige Ver⸗ breitung der Druckschrift handelt.“ Auch der Oberreichsanwalt Dr. Ols⸗ hausen Leipzig war der Ansicht, daß es so nicht bleiben könne; als Ort der begangenen That müsse der des Erscheinens des Preßer⸗ zeugnisses angesehen werden. Das allgemeine Rechisbewußtsein dränge dahin, daß dem heutigen Zustand ein Ende gemacht werde. Christ und Sozialdemokrat. Wie zu erwarten war, ist der Konsistorial⸗ rath a. D. Frank, der, wie wir in voriger Nummer berichteten, in einem Vortrage in einer sozialdemokratischen Versammlung in Danzig auseinandersetzte, daß ein Christ sehr wohl Sozialdemokrat sein könne und der auch sonst der Kirche bittere Wahrheiten sagte, wegen dieser Rede von konservativ-christlicher Seite heftig angegriffen worden. Jetzt sendet er dem frommen Reichsboten, der ihn der Verwirrung der Ge— wissen beschuldigt hat, diese Erklärung: „Kann ein Christ Sozialdemokrat sein? Ueber dieses Thema bin ich von Führern der hiesigen sozialdemokratischen Gruppe gebeten worden, ihnen einen Vortrag zu halten. Man wünschte also ein Gutachten von mir, ob die Bestrebungen der Sozialdemokratie dem Christen— thum widerstritten oder nicht. Eine solche Bitte durfte ich als Geistlicher nicht ablehnen. Ich würde sie gegebenen Falles auch den An— gehörigen jeder anderen Partei gewährt haben. Für ein solches Gutachten bedurfte es aber nicht einer Erb terung der unter den Sozial- demokraten herrschenden religiösen Anschauungen, auch nicht einer Darlegung des Wesens des Christenthums. Denn daß die naturalistische Weltanschauung unter den Sozialdemokraten, eben wie auch in anderen Parteien, weit ver⸗ breitet ist, bildet kein Hinderniß für den Christen, Sozialdemokrat zu werden, da bekanntlich diese Anschauung in das sozialdemokratische Partei- Programm nicht aufgenommen ist. Es bedurfte für mein Thema nur des Nachweises, daß die Bestrebungen der Sozialdemokratie, also ihre volkswirthschaftlichen Grundsätze, dem Christen⸗ thum nicht widersprächen. Diesen Beweis habe ich geführt durch kurze Zusammenstellung der sozialen Gebote Jesu und die Apostel. Daraus ergab sich von selbst die Antwort: Ein Christ kann sehr wohl Sozialdemo— krat sein! „Was ist in den Mann gefahren?“ ruft da der Reichsbote aus. Aber hätte der Verfasser des Artikels, anstatt eine Predigt von mir über den Spruch, den ich im Vortrage gar nicht be⸗ rührt habe, heranzuziehen, sich die Mühe ge⸗ nommen, nur einen flüchtigen Blick in die sozialen Zeitpredigten zu werfen, die ich unter dem Titel„Friede auf Erden“ 1888 heraus- gegeben habe, dann hätte er gefunden, daß ich schon vor 12 Jahren auf Grund der Worte Jesu dieselben Gedanken ausgesprochen habe, wie im Vortrage. Mit der Verkündigung dieser Gottes gedanken aus Jesu Munde„verwirrte“ ich nicht die Gewissen. Aber alle die, welche in ihrer Schriftauslegung und öffentlichen Ver⸗ kündigungen stets das verschweigen, was den Reichen und den Mächtigen mißfällt, die der ihnen verhaßten Partei Bestrebungen unterschieben, die sie nicht hat, ja, die verwirren die Gewissen.“ Zünftlerische Mißerfolge. An dem Segen der Zwangsinnungen und des Befähigungsnachweises beginnen jetzt die Mittelstandsretter selbst zu zweifeln. Die bösen Erfahrungen, die mit dem neuen Hand- werkergesesetze gemacht wurden, haben also doch eine gute Wirkung gehabt. Die„Kreuzztg.“ schließt einen Artikel über die Haadwerks⸗ kammern mit der skeptischen Wendung, daß nach Erlaß des Gesetzes und nach den seither ge— machten Erfahrungen es gut sei, die Verhält⸗ nisse im Handwerkerstande so zu betrachten, wie sie thatsächlich sind, und zu prüsen, ob die Forderung der obligatorischen Zwangs inn ung und des Befähigungs⸗ nachweises heute noch berechtigt ist. Dafür wird das Junkerorgan von der eben⸗ falls reaktionären„Tagesztg.“ gehörig angebellt. Das letzte Handwerkergesetz und seine Aus⸗ führung hätten bewiesen, meint das Blatt, daß die Voraus setun; einer wirksamen Innung nur der Befähigungs nachweis sein könne. Sollte die Kreuzztg. wider Erwarten zu einem anderen Schlusse kommen, so würde sie kaum befugt sein, im Namen„ihrer Partei“ zu reden; denn unseres Wissens steht die konservattve Partei wohl ohne wesentliche Ausnahmen heute noch auf dem Boden der Forderung des Be— fähigungsnachweises. Gewiß, dadurch fängt die konservative Partei die Stimmen der Zünftler, der Leute, die nichts gelernt und nichts ver— gessen haben. Unerhörtes Urtheil. Wegen Majestätsbeleidigung wurde der Redakteur der„Thür. Tribüne“, Genosse Levy vou der Erfurter Strafkammer zueinem Jahre Gefängniß verurtheilt. Er hatte eine Bemerkung des„Südd. Postillon“ abge⸗ druckt, wegen der letzteres Blatt noch nicht ein⸗ mal unter Anklage gestellt war. Derartige Ur⸗ theile heben das Ansehen der Monarchie nicht im Geringsten, beweisen vielmehr, wie noth⸗ wendig die Beseitigung des Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraphen ist. Der Krieg mit China. Immer verworrener gestaltet sich der Stand der Chinafrage. Sicher ist, daß Rußland mit der Räumung Pekings begonnen hat, ob⸗ wohl seine bekannte Anregung nur geringen Beifall gefunden hat und neuerdings auch Ame⸗ rika ausweichend sich dazu geäußert hat. Un⸗ gewiß ist, ob sämmtliche russischen Truppen aus Peking zurückgezogen werden sollen. Nach dem Reuter'schen Bureau soll General Lene⸗ witsch die übrigen Befehlshaber benachrichtigt haben, daß der größte Theil seiner Truppen in Peking überwintern werde. Das steht im Widerspruch zu einer anderen Meldung, wo⸗ nach die russischen Truppen Peking so bald als möglich verlassen werden. Auffällig ist ande⸗ rerseits das geschäftige Bestreben Rußlands, die Person des Friedensunterhändlers Lihung⸗ tschang sozusagen unter russischen Schutz stel⸗ len zu wollen, wogegen England Einspruch er- hoben haben soll. Nachrichten über kriegerische Ereig- nisse sind wieder aus der Provinz Petschili gekommen. Nach amtlicher deutscher Meldung aus Ti⸗ entsin wurde Liang von den deutschen See⸗ bataillonen erobert und niedergebrannt. Vier⸗ zig bengalische Lanzenreiter hatten sich den deut⸗ schen Truppen angeschlossen. 500 Boxer wur⸗ den getödtet. Die in der Stadt Liang gewese⸗ nen regulären chinesischen Truppen, etwa 100 Mann, waren vorher entflohen. Auf deut⸗ scher Seite ein Todter und fünf Verwundete. — Liang oder vielmehr Liang⸗-hiang ist eine südwestlich von Peking gelegene Ortschaft. In Peking ist das Kollegium der Kommandeure endlich zu⸗ sammengetreten und hat Vorsorge getroffen, daß die Kriegsführung mit Sengen, Brennen und Plündern ein Ende nimmt. Vier Stun⸗ den hat man berathen, ehe dieser Entschluß ge⸗ faßt wurde. Ueber die Friedensverhandlungen der Mächte verlautet, daß verlangt werden soll: 1. Daß die ganze Mandschurei und der ganze Distrikt von Tientsin temporär unter die Ver⸗ waltung der Verbündeten gestellt werden; 2. die chinesische Regierung muß die Führer der Boxer verhaften und sie den Mächten zur Be⸗ strafung ausliefern; 3. die Vizekönige im Hang⸗ tsethal sowie in den anderen Provinzen wer⸗ den dahin instruirt, daß alle See- und Yangtse⸗ flußhäfen von den verbündeten Truppen besetzt werden. Graf Bülow's Cirkularnote an die Mächte verlangt als Vorbedingung für die Frie⸗ densverhandlungen nur die Auslieferung der Hauptanstifter und Leiter des Boxeraufstandes. Auf die Zahl der Bestraften käme es weniger an,„eine Massenexekution würde dem zivili⸗ sirten Gewissen widersprechen“. Also soll doch nicht so ganz hunnenmäßig vorgegangen werden Der Weltgeneral Graf Waldersee ist in Hongkong eingetroffen und alsbald mit dem Schiff„Hertha“ weitergereist. Der Krieg in Südafrika. In den letzten Tagen haben die Dinge in Südafrika eine für die Buren recht ungünstige Wendung genommen. Der Präsident Krüger verläßt Transvaal, um sich nach Europa zu begeben. Er soll die Absicht haben, eine euro⸗ päische Macht zur Intervention zu veranlassen. Ein hoffnungsloses Beginnen. In Lorenzo⸗ Marques wurde er von den portugiesischen Be⸗ hörden festgehalten. Seine Freilassung erfolgte erst, als die Vertreter der Mächte bei der por⸗ tugiesischen Regierung vorstellig wurden. Die portugiesische Regierung soll anfangs gewillt gewesen sein, auf Grund der bestehenden Ge⸗ heimverträge mit England Krüger auszuliefern. Außerdem sind die besten Führer der Buren todt oder gefangen. Nach neueren Telegrammen bestätigt sich der Tod Dewets. Dieser habe bei dem Kampfe bei Pitschestroom einen Schuß durchs Herz er⸗ halten, der ihn sofort tödtete. Weiter wird berichtet, daß General Botha sich den Engländern unterworfen habe. Einem Telegramm aus Pretoria zufolge soll sich das Hauptkommando der Buren nach Rusten⸗ burg begeben haben. Lord Roberts soll am 1. Oktober nach England abreisen. Von Nah und Fern. Zur Errichtung einer Handelshochschule in Hessen. Die Landtagsabgeordneten Molthan, Dr. Freund, Dr. Schmitt und Schlenger haben in der zweiten Kammer der Stände folgende Interpellation eingebracht: „Die Unterzeichneten richten hiermit an die großherzogliche Regierung folgende An- frage: Ist die großherzogliche Regierung Willens, demnächst der Gründung einer Handels hoch- schule in Hessen näher zu treten? Wird die großherzogliche Regierung für den Fall der 10 Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 39. Errichtung einer solchen Handelshochschule als Sitz derselben Mainz, die bedeutendste Handels⸗ stadt des Landes, wählen? Zu dem bevorstehenden Quartalswechsel ersuchen wir unsere Leser, rechtzeitig das Abonnement zu erneuern. Jeder Genosse hat die Pflicht, für die Ausbreitung unserer Presse zu wirken! Gießener Angelegenheiten. Eine Versammlung von Inhabern hiesiger Zigarrengeschäfte beschäftigte sich am Dienstag Abend mit dem Ladenschluß. Man hielt den 8 Uhr-Ladenschluß für im Sommerhalbjahr schädigend, erklärte sich entschieden dagegen und beschloß, die Verwaltungsbehörde um Geneh— migung der gesetzlich zulässigen Ausnahmen für den Zigarrenhandel zu ersuchen und die Verkaufszeit von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends im Sommer und Winter gleichmäßig festzusetzen. Gegen den ehemaligen Klubdiener Fink der wegen Unterschlagung angeklagt war aber in dem ersten Termin den ganzen Gerichtshof wegen Befangenheit ablehnte, weil die Richter sämmtlich Mitglieder des geschädigten Vereins (des Klubs) waren, ist jetzt endgiltig Termin in Darmstadt anberaumt worden. Der Spielwaaren händler, in dessen Laden am Seltersweg vorige Woche ein Brand ausgebrochen war, wurde wegen Verdachts der Brandstiftung festgenommen und befindet sich noch immer in Haft. Der Bürgermeister von Butzbach, Herr Jouttz legte vor einiger Zeit sein Amt nieder, weil, wie es damals hieß, die Anfein— dungen, denen er von Seiten eines Theiles seiner Mitbürger ausgesetzt war, ihm dasselbe verleidet hatten. Jetzt theilt ein Nauheimer Blatt mit, daß Joutz sich um die Bürgermeisterstelle in Gießen beworben habe. Volks⸗Versammlung für Krofdorf und Gleiberg. Am nächsten Sonntag, den 23. Sept., findet Nachmittag. Zeinhalb Uhr im Gasthaus zum schwarzen Walfisch eine Volksversammlung statt, in welcher Genosse Gewehr-Elberfeld über: „Die Weltmachtspolitik und ihre Folgen“ spre— chen wird. Gewehr, der Redakteur des Elber— felder Parteiorgans, ist als ein sehr guter Redner vortheilhaft bekannt, unsere Genossen in Glei— berg und Krofdorf wollen deshalb für zahlreichen Besuch der Versammlung sorgen. In Wetzlar soll am 9. und 10. Okt. der Parteitag der Christ⸗ lich⸗Sozialen(Stöckerianer) stattfinden. Auf der Tagesordnung steht unter anderem: Die„Ge— werkschaftsfrage; selbstverständlich die Bekämpfung der Sozialdemokratie; Christenthum und Weltpolitik.— Der„Wetzl. Anzeiger“ fühlt sich veranlaßt, vor Ankauf der Schundliteratur, besonders des jetzt erschiene— nen Schauerromanes:„Geheimnisse des chine— sischen Kaiserhauses“ zu warnen. Er bemerkt dazu:„Ein solcher Unsinn, wie dort zusam— mengeschrieben ist, wird so leicht nicht gefun— den. Das Blut u fließt selbstverständ⸗ lich in Strömen und Greuelscenen scheuß— lichster Art, untermischt mit geschickt verschlei— erten Unsittlichkeiten, bilden den Inhalt des ersten Heftes; was werden noch die anderen bringen? Wir halten es für unsere Pflicht, ausdrücklich vor solcher Schundliteratur zu war⸗ nen, die sich einen patriotischen Anstrich giebt, aber nur geeignet ist, Herz und Gemüth zu vergiften.“ Ganz recht! Aber die Hunnenbriefe der Sol— daten in China, die der„Wetzl. Anz.“ mit Vergnügen abdruckt, stehen auch auf derselben Stufe. Beispielsweise könnte die schöne Feldwebel— Dichtung, d ie wir in der vorletzten Nummer aus dem„Wetzl. Anz.“ zitirten, ebensogut in dem Schauerroman stehen. In Heldenbergen begingen am vergangenen Sonntage eine Anzahl U 0 83 Mi o eo. 9 eee Burschen aus Windecken arge Ausschreitungen. Auf dem Wege von Heldenbergen nach Windecken überfielen sie den Feldschützen von Heldenbergen, der während der Obstzeit den Nachtdienst ver- sieht, schlugen ihn mit Knüppeln, traktirten ihn mit Steinwürfen, sogar mit Revolvern wurde geschossen. Ein Weinhändler Tob. Pauly aus Heldenbergen, der desselben Weges kam und dem bedrohten Wächter zu Hilfe kommen wollte, wurde verletzt; auch der Schütze F. Wei ß— becker trug Wunden davon. Die Strafe für diese Hunnenthaten wird wohl nicht ausbleiben. Die Offenbacher Wirren. Die Stadtverordneten zu Offenbach hatten in ihrer Sitzung vom 28. Juni beschlossen, den Stadtverodneten Ulrich mit der Vertretung der Versammlung in Sachen der Beanstandung des Stadtverordneten-Beschlusses, die Abgabe der amtlichen Bekanntmachungen an das „Abendblatt“ betr., zu beauftragen. Diesen Be— schluß hat der Oberbürgermeister bean⸗ standet, weil er den Stadtverordneten Ulrich, der zugleich Verleger des„Abendblatt“ ist, als betheiligt erachtete. Der Kreis ausschuß ver- kündete nun in Erledigung dieser Beanstandung, daß derselben keine Folge zu geben sei, Ulrich also als nicht betheiligt anzusehen ist. Eine weitere Beanstandung führte zu einer drei— stündigen Verhandlung vor dem Kreisausschuß. Die Stadtverordneten hatten die Bildung von Ausschüssen beschlossen, in denen aus⸗ schließlich Stadtverordnete den Vor⸗ sitz führen sollten. Auch dieser Beschluß wurde als im Widerspruch mit der Städteordnung stehend beanstandet. Nach einstündiger Be— rathung gab der Ausschuß bekannt, daß er seine Entscheidung in 8 Tagen verkünden werde. Verbandstag deutscher Gewerbegerichte. se. In Mainz traten am Mittwoch, den 19. September, Vertreter und Delegirte der Ge— werbegerichte aus allen Theilen Deutschlands zusammen, um sich über den gewerblichen Ar- beitsvertrag und die damit zusammenhängenden gesetzlichen Bestimmungen auszusprechen. Ober⸗ bürgermeister Dr. Gaßner, der den Vorsitz führte, wies in seiner Begrüßungsrede auf die sozialpolitische Bedeutung der Gewerbegerichte und auf deren außerordentliche Erfolge bei Bei— legung von Lohnstreitigkeiten hin. Stadtrath Dr. Flesch- Frankfurt erstattete den Geschäfts⸗ und Kassenbericht, der gutgeheißen wurde. Die verschiedenen Referate lagen vornehmlich in den Händen von Juristen, auch die Diskussion wurde hauptsächlich von solchen geführt. Neue Gesichtspunkte traten kaum zu Tage. Bei Be⸗ rathung des Verbots der Aufrechnung bei Lohn— forderungen und des Zurückhaltungsrechtes nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und der Gewerbe— Ordnung vertraten alle Redner den Standpunkt, daß dieses Verbot nicht in dem Sinne zu ver— stehen sei, wie es Stadthagen in seinem„Ar⸗ beiterrecht“ vertritt. Stadthagen ist der Ansicht, daß eine Aufrechnung und Zurückbehaltung des Lohnes unter allen Umständen unstatthaft sei. Er beruft sich dabei auf die Kommissionsbe— schlüsse und die Motive zum§ 616 des Bürgerl. Gesetzbuchs. Im zweiten Theil der Verhand— lungen rechtfertigte Rechtsanwalt Trimborn— Köln die Stellung des Centrums zur Gewerbe— gerichtsnovelle. Ihm tritt Gen. Matißek-Leipzig entgegen. Als Letzterer auf die Bestimmungen über das Alter der Wähler und Beisitzer ein— ging, schienen die Ausführungen verschiedenen Herren nicht zu gefallen und man schloß die Debatte. Nach mancherlei nützlichen Anregungen aus der Versammlung konstatirte der Vorsitzende, daß die Konferenz ihren Zweck vollkommen er— füllt habe, und schloß die Sitzung. Wieder ein Schwindelpastor. Die Strafkammer des Braunschweiger Land⸗ gerichts verurtheilte den Pastor Schaumann aus Heimburg bei Blankenburg wegen Unterschlagung von Kirchenkassengeldern zu vier Monaten Ge⸗ fängniß. Schaumann, über dessen Vermögen inzwischen der Konkurs verhängt worden ist, hatte seit dem Jahre 1886 die mit einem Jahres⸗ gehalte von 4800 Mk. dotirte Pfarrstelle in Heimburg inne und nebenbei die dortige Kirchen⸗ kasse zu verwalten. Aus dieser hat Schaumann e.wa 2400 Mk. unterschlagen. Innerhalb der fünfzehn Jahre seiner seelsorgerischen Thätigkeit in Heimburg hat er das 25000 Mk. be⸗ tragende Vermögen seiner Frau aufgebraucht und zahlreiche Darlehen von 5000 Mk. und darunter sich zu verschaffen gewußt. Konitz. Von der Anklage, bei der Ermordung des Gymnasiasten Winter Beihilfe geleistet zu ha⸗ ben, wurde der Abdecker Israelski von der Strafkammer freigesprochen. Wie jetzt berichtet wird, hat der Staatsanwalt gegen das Urtheil Revision eingelegt. Bergwerks⸗Katastrophe. Bei einer am Mittwoch in der„Frisch⸗ Glück“-Zeche bei Dux in Böhmen erfolgten Explosion sind zahlreiche Bergleute verunglückt, deren sich 83 im Schachte befanden. Bis jetzt sind zwei Leichtverletzte und 18 Schwerverletzte, darunter der Betriebsleiter, geborgen. Von die⸗ sen sind bereits 5 gestorben. 30 Leichen wur⸗ den noch im Schacht gefunden, konnten jedoch nicht herausgeholt werden, weil das Feuer sich als gefährlich erweist. Weitere fünf Personen werden noch vermißt. Bei dem letzten Bergarbeiterstreik wurde von den Arbeitern vielfach auf die mangelhafte Schutzvorrichtungen hingewiesen. Ausbreitung der Volkskrankheiten. Ueber die Ursachen der Sterbefälle im deut⸗ schen Reiche und über die Ausbreitung unserer gefährlichsten Volkskrankheiten enthalten die Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesund⸗ heitsamt folgende bemerkenswerthe Daten. Es starben im Jahre 1897 im deutschen Reiche bei einer Einwohnerzahl von 52 Millionen im Ganzen 1120 000 Menschen, davon an Lung⸗ entuberkulose 110 200, an Diphtherie und Kroup 26 500, Keuchhusten 21600, Masern 11 600, Scharlach 6800, Typhus 6000, an Te⸗ tanus(Starrkrampf) starben 467, an Toll⸗ wuth 13 Personen. Die Zahl der Selbstmörder betrug 10 700. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 20. Septbr. Parteiversammlung. Auf die am Sonnabend, 22. Sept. abends 8.30 Uhr im Lo⸗ kal des Herrn Felsberg stattfindende Partei⸗ versammlung werden die Genossen noch an die⸗ ser Stelle besonders aufmerksam gemacht. An An Stelle des Genossen Scheide mann⸗ Nürnberg, welcher durch dringende Redaktions- geschäfte verhindert ist, zu erscheinen, tritt Ge— nosse Gewehr-⸗Elberfeld. Flugblatt-Verbreitung. Die am Sonntag, 16. Sept. in einem Theile unseres Wahlkreises stattgefundene Flugblatt-Verthei⸗ lung ist gut verlaufen. Ueberall wurden unsere Genossen freundlich aufgenommen. Von der früher auf dem Lande üblichen, fanatischen Hetze gegen Alles, was sozialdemokratisch heißt, oder auch nur aussieht, war kaum etwas zu verspüren Nur eines Falles soll Erwähnung gethan werden welcher sich in dem erzkatholischen Dorfe Schröck ereignete, wo eine Frau ihrem Aerger über die Sozialdemokratie in solch gemeinen Worten Luft machte, welche hier nicht wiederzugeben sind. Von vielen Landbewohnern wurde der Wunsch ausgedrückt, sich öfters auf dem Lande sehen zu lassen, da die Schriften immer gerner gelesen würden. Bei verschiedenen Gesprächen mit den Bauern wurde auch der Chinapolitik Erwähnung gethan und dieser Rachefeldzug fast allgemein verurtheilt. Die„Hess. Landesztg.“ schreibt über die Flugblattvertheilung folgen- dermaßen: „Flugblätter des Pastors Göhre:„Wa⸗ rum ich Sozialdemokrat wurde?“ wurden gestern und vorgestern massenhaft in Marburg und Umgegend verbreitet. Die Polizisten und Gens⸗ darmen sind eifrig dahinter her, die ausgestreu⸗ ten Flugblätter wieder einzufangen. Ob ihnen das bei allen gelingt, halten wir etwas für zweifelhaft. Jedenfalls aber erhalten die Flug⸗ blätter durch das polizeiliche Haschen nach ihnen eine Bedeutung, die sie ohne dies sicher nicht gehabt haben würden.“ Konstatirt muß werden, daß den Verbreitern nichts davon bekannt ist, daß Polizisten und Gensdarmen die Flugblätter wieder eingesam— melt haben, da die Betreffenden von diesen Ge⸗ .— leberfi Zu Eonnte halb l Mi Tromp die Bef tag al Jaägert Manöb Nenate lobend oben Jedenf wenn kum e daß di Wie in auch, daten Kaserf A. nete regel ange Nacht Der vom Uhr, außer eine hinge. huma Oberl llätte die P zuzeig dom! 0 Rasf chf mit! 9 weiht heck 1710 nit In d er i im ter eine än, und 1 tele Ver S2 — 39. — ig des on der richtet lrtheil risch olgten glück, 8 letzt lezte, on die⸗ . wur⸗ ledoch ier sich onen wurde hafte . deut⸗ inserer u die esund⸗ an. Es che bei n im ung⸗ ie und lasern m Te⸗ Toll⸗ nörder irg⸗ ptbr. e am im Lo⸗ bartei⸗ m die⸗ t. An ann⸗ ktions⸗ itt He⸗ ie am inseres erthei⸗ unsere n der n hehe t, oder spüren. werden Schtöcl t über Vorten en e Nr. 39. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. setzeshütern keine zu sehen bekommen haben. Sollte dieses aber hier oder da der Fall sein, so danken wir den betr. Polizisten und Gens⸗ darmen für die Agitation, welche sie wider Willen für die Sozialdemokratie verrichtet haben. Im Uebrigen möchten wir aber die„Hess. Landesztg.“ fragen, ob die Meinungsäußer⸗ ungen Göhres jetzt, nachdem er Sozialdemokrat geworden, von geringerer Bedeutung sind, als früher, wo sie ihn als ihren Parteiführer verehrte? Arbeiterrisiko. Bei dem Bauunter⸗ nehmer Weishaupt ereignete sich in der Werk⸗ stätte ein schrecklicher Unglücksfall. Einem an einer Hobelmaschine beschäftigten Arbeiter wurde die Hand total abgeschnitten, so daß sich seine Ueberführung in die Klinik nothwendig machte. Zusammenkunft der Parteigenossen am Sonntag, 23. September, Nachmittags von Zein⸗ halb Uhr ab auf Hansenhaus links. a Militärische Rücksichtslosigkeit. Trompetengeschmetter und Hörnerklang ꝛc. weckte die Bewohner Marburgs in der Nacht von Diens⸗ tag auf Mittwoch aus ihrem Schlafe. Das Jägerbattaillon kehrte um Mitternacht aus dem Manövergelände wieder in seine heimathlichen Penaten zurück und dies wurde dann der Ruhe liebenden Marburger Bevölkerung durch schon oben gekennzeichnete Musik bekannt gegeben. Jedenfalls wäre es aber angebracht gewesen, wenn der Militarismus dem Marburger Publi- kum gegenüber so viel Einsicht gehabt hätte, daß die Spielerei in der Nacht unterblieben wäre. Wie immer bei solchen Gelegenheiten, hatte sich auch„viel Volk“ eingefunden, welches die Sol⸗ daten mit fortwährendem„Hurrahgeschrei“ zur Kaserne begleitete. Aus der letzten Stadtverord⸗ netensitzung. Erwähnenswerth ist die Neu⸗ regelung des Nachtwächterdienstes. Es werden angestellt ein Nachtwachtschutzmeister und sechs Nachtschutzleute, und zwar vom 1. Oktober ab. Der Nachtwachtdienst erstreckt sich auf die Zeit vom 1. Oktober bis 1. April bis Morgens 6 Uhr, für die übrige Zeit bis Morgens 4 Uhr; außerdem befindet sich von Abends 710 Uhr eine Nachtwache im Rathhause. Stadtv. See⸗ binger ist der Meinung, daß die Nachtschutzleute humaner verfahren sollten, wie bisher. Der Sberbürgermeister, als Chef der Polizei, er⸗ klärte, er sei mit dieser sehr zufrieden und müßte die Polizei ihre Pflicht thun, nämlich alles an⸗ zuzeigen, was ihr„unter die Nase kommt!!!“ Kleine Mitteilungen. In Wetter erbrachen gestern zwei fremde Radfahrer, die sich Eingang in die Kirche ver⸗ schafft hatten, den Kirchenkasten und suchten mit ihrem Raube das Weite. 8 Messerstecherei. Gelegentlich des Kirch⸗ weihfestes am vergangenen Sonntag in Leid⸗ hecken wurde ein junger Mann von einem 17jqährigen Burschen durch Stiche mit einem Knicker so schwer verletzt, daß er nach Gießen in die Klinik gebracht werden mußte. Dort ist er in vergangener Nacht gestorben. Der jetzt im Gerichtsgefängniß zu Gießen inhaftirte Thä⸗ ter machte sofort, nachdem er die That begangen, einen Selbstmordversuch; er hatte sich aufge⸗ hängt, wurde aber vom Bürgermeister entdeckt und abgeschnitten. * Braunfels. Unter den Begrüßungs⸗ telegrammen, die dem sozialdemokratischen Par⸗ teitage in Mainz zugingen, befand sich auch ein solches der Genossen in Braunfels im Kreise Wetzlar. Selbstmord eines Rechtsanwaltes. Der Rechtsanwalt Dr. S. Marx in Frank⸗ furt stürzte sich, nachdem er versucht hatte, fich durch Oeffnen der Pulsadern das Leben zu nehmen, aus dem Fenster seines im vierten Stock, Goethestraße 5, gelegenen Geschäftslokals in den Hof hinab. Ins Bürgerhospital ver⸗ bracht, starb er bald darauf. Zu dem Selbst⸗ mord soll er durch Unregelmäßigkeiten von Konkursverwaltungen und große Spekulations⸗ verluste veranlaßt worden sein. Arbeiterbewegung. Streik der Lederarbeiter in Mainz. Nach einem Abkommen mit den Lederwerken ist am Donnerstag Morgen die Arbeit wieder aufgenommen worden. Die Gekündigten, da⸗ runter sämmtliche Vorstandsmitglieder des Ver⸗ bandes der Fabrikarbeiter wurden nicht wieder eingestellt. Aussperrung der Hamburger Werftarbeiter. Kapitalistenblätter berichten, bei der am Mitt⸗ woch stattgefundenen Besprechung der Arbeiter⸗ delegirten mit den Vertretern der Unternehmer hätten letztere erklärt es sei ihnen unmöglich, Lohnerhöhungen oder sonstige Verbesse⸗ rungen der Arbeitsbedingungen zu bewilligen; dagegen erklärten sie sich bereit, die ausstän⸗ digen Arbeiter zu den alten Bedingungen wie⸗ der einzustellen, falls die Arbeiter in ihrer mor⸗ gigen Versammlung beschließen, die Arbeit wie⸗ der aufzunehmen. Die Unternehmerbrutalität tritt in dieser Erklärung unverhüllt zu Tage. Ende des Münchener Schreinerstreiks. Eine stark besuchte Versammlung der Strei⸗ kenden beschloß gegen einzelne Stimmen, den nun bereits Monate lang andauernden Aus⸗ stand für beendet zu erklären. Im Kampfe für den Neunstundentag sind die Arbeiter un⸗ terlegen. Im Lohnkampfe der Buchbinder ist es in mehreren Orten auf Grund der Ver⸗ sammlungen einer Einigungskonferenz, welche die Unternehmer⸗ und Arbeitervertreter in Leipzig abhielten, zu einer Einigung gekommen. In Berlin sind die Arbeiter mit den Abmach⸗ ungen nicht einverstanden und nahmen die Ar⸗ beit noch nicht auf. Streikbrecher ist keine Beleidigung. Wiederholt wurde der Ausdruck„Streik— brecher“ als Beleidigung bestraft. Das Amts⸗ gericht in Greiz lehnte jedoch kürzlich die Er— hebung einer Anklage gegen einen Mann, der einen Arbeitswilligen mit„Streikbrecher“ be⸗ zeichnet hatte aus folgenden Gründen ab:„Un⸗ ter„Streikbrecher“ versteht man denjenigen, welcher, nachdem er an einem von seinen Be⸗ rufsgenossen zur Erlangung besserer Lohnbe⸗ dingungen veranstalteten Streik theilgenommen hat, aus irgend welchen Gründen das Lager der Streikenden verläßt und die Arbeit wieder auf⸗ nimmt. Nun ist zwar nicht zu verkennen, daß die Arbeitsniederlegung ein erlaubtes Mittel ist, um eine Lohnerhöhung herbeizuführen oder sonstige standes- oder berufliche Interessen zu wahren, es liegt aber zu Tage, daß kein Arbeiter mehr zur Theilnahme an der Lohnbewegung von seinen Standesgenossen gezwungen werden kann, und folgerichtig, daß es sodann Aus⸗ ständigen unbenommen sein muß, einer besseren Einsicht folgend, die Arbeit wieder für sich auf⸗ zunehmen. Diese Rückkehr ist als durchaus be⸗ rechtigt anzuerkennen; daß aber der Streik⸗ brecher durch seine Lossagung unter Umständen die Interessen seiner Standesgenossen gefähr- den, ihnen zuwiderhandeln kann, mag richtig sein, kann aber unter keinen Umständen dazu führen, daß er in den Augen vernünftiger Leute — und nur auf die Anschauung solcher kommt es an— verächtlich wird. Die Bezeichnung „Streikbrecher“ allein kann daher als eine Eh⸗ renkränkung nicht aufgefaßt werden, sonstige begleitende Nebenumstände, aus denen auf die Absicht der Kränkung geschlossen werden könnte, sind nicht behauptet worden. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 22. September: Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Montag, 24. September: Gießen. Schneider abends 9 Uhr bei Orbig. Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt ein Katalog der bekannten, seit dem Jahre 1880 bestehenden En- gros-Firma Gebr. J. P. Schulhoff, München bei, welche besonders für Wiederverkäufer der Weiß⸗ Woll⸗, Schnitt⸗ und Kurzwaarenbranche eingerichtet ist. Die Elektrotechnik auf der Pariser Weltausstellung. Wenn die deutsche Industrie auf irgend einem Gebiete einen Erfolg in Paris errungen hat, so auf dem der Elektrotechnik. Deutsch⸗ land ist das klassische Land der Elektrizitäts⸗ verwendung, hier wurden zum großen Theile die theoretischen Grundlagen geschaffen, hier die wissenschaftlichen Ergebnisse frühzeitig schon und mit stets wachsendem Erfolge praktisch ver⸗ wendet. Vor nun zweiundeinemhalben Menschen⸗ alter bauten Ganß und Weber in Göttingen (1833) die erste telegraphische Anlage der Welt, Steinheil in München entdeckte die Verwend⸗ barkeit der Erde zur Rückleitung des Stromes, zur selben Zeit, als Jacobi die Grundlagen der Galvanotechnik entdeckte. Aber erst 1866 vollendete Werner Siemens, der zu den großen Wohlthätern der Menschheit zählt, durch die Aufstellung des dynamo⸗elektrischen Prinzips die Verbindung zwischen Technik und Elektrizität, die seither so überreiche Erfolge getragen hat. Die Dynamomaschine bot uns zuerst die Ge⸗ legenheit, große Mengen von elektrischer Energie einfach, billig und sicher zu erzeugen. Aber seither haben weder die deutschen Gelehrten noch die Techniker geruht und gerastet, sondern haben in Verbindung mit einer hochstehenden und in jeder Beziehung kräftig vorwärts strebenden Arbeiterschaft der Welt fast in jedem Jahre neue große Errungenschaften dargeboten. Freilich ein Reservatrecht haben die Deutschen auf diesen Gebiete nicht, wollen wir auch nicht haben: die Technik ist wie die Wissenschaft international; seitdemm Davy im Jahre 1810 das erste, allerdings praktisch nicht verwendbare Bogenlicht ersann und seitdem Dal Negro 1834 einen ebenfalls praktisch nicht verwendbaren Elektromotor schuf, haben auch die Söhne fremder Länder auf dem Gebiete der Elektrotechnik wacker mitgearbeite; wenn wir auf unsere Ganß, Weber, Siemens. Helmholtz, Wiedemann, Herz, Röntgen und wie sie Alle heißen, stolz sind, so die Anderen auf ihre Edison, Jablochkow, Tesla und ähnliche. Ein rüstiger Wettkampf, in der nur eigene Tüchtigkeit, eiserner Fleiß und Ge⸗ wissenhaftigkeit im Arbeiten den Erfolg sichern, ist entbrannt— was mit ihm errungen und er⸗ reicht wird, kommt der ganzen Menschheit zu Gute, selbst unter dem heutigen System unserer Wirthschaft, wo der Profit des Kapitalisten das Vehikel des Fortschritts abgibt. Es sind, wie wir schon erwähnten, kaum dreißig Jahre seit dem Erfinden des dynamo⸗ elektrischen Prinzips vergangen, und schon hat sich die Elektrizität fast alle Gebiete der Technik dienstbar gemacht. Drei Probleme hatte die Elektrotechnik im Grunde zu lösen: das der Stromerzeugung, das der Stromübertragung und das der Stromverwendung. Wir können auf die hochinteressante geschichtliche Seite dieser Probleme und ihrer Lösungsversuche hier natür⸗ lich nicht näher eingehen; nur so viel sei be⸗ merkt, daß das erste und das dritte früher ge⸗ löst wurden, als das zweite. So viele ver⸗ schiedene Systeme der Erzeugung elektrischer Ströme erfunden und ausgeführt wurden, das eine gemeinsame Bestreben dokumentirte sich in Allem: möglichst große Kraftmengen an einer Ursprungsstelle zu erzeugen. Und darin hat man es so weit gebracht, daß wir heute vielleicht schon an der Grenze des überhaupt Erreichbaren stehen; noch vor zehn Jahren be⸗ obachtete man den Bau einer Dynamomaschine, die 1000 Pferdekräfte erforderte, als etwas Un⸗ gewöhnliches, Erstaunliches, dann ging man stufenweise auf 1500, 1800, 2000, 2500 und endlich auf 3000 Pferdekräfte; man schien am Ziele zu sein— aber, siehe da, der Unter⸗ nehmungsgeist rastete nicht und heute werden auf der Weltausstellung Dynamomaschinen mit 4500 Pferdekräften vorgeführt. Viertausend und fünfhundert Pferdekräfte spricht sich ebenso leicht aus, wie vierzig oder fünfzig Pferdekräfte: aber es ist etwas Ungeheueres damit und das Ge— lingen einer solchen gewaltigen Maschine ist eine Kulturthat allerersten Ranges.(F. f.) 2. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 39. Unterhaltungs⸗Theil. e Fahnenlied. Purpurroth, als Bundeszeichen, Fahne, wehe uns voran! Wollen uns die Hände reichen, Dir zum Treuschwur, Mann an Mann! Tröstend in des Lebens Tücken Leuchte uns dein Purpurroth, Wo die Arbeit man will drücken; Schütze unser täglich Brot! Purpurroth, als Liebeszeichen Sollst du frei in Lüften weh'n, Knorrig, wie des Waldes Eichen Wollen wir fest zu dir steh'n; Und ob dich auch noch verfehmet Feichheit, List und Niedertracht, Wo das Volk sich härmt und grämet, Tröste deiner Farbe Pracht! Purpur war in alten Reichen Herrscherzier auf goldnem Thron; Jetzt ist Dein dies stolze Zeichen, Dein, Du Proletariersonn! Wenn wir tapfer 77 5 ringen, ebt sich früher oder spüät 115 den ärgsten Schergenschlingen Stolz die Volkesmajestät! Purpurroth drum wehe, walle, Fahne du in unsern Reih'n, Und ein Donnerruf erschalle: Roth soll unser Banner sein! Menschenliebe, Freiheit, Friede Schreiten segnend durch die Welt, Wo man froh im freud'gen Liede Hoch das rothe Banner hält! J. Au dorf. Dunkle Mächte. 5¹ Roman von Elise Langer. „Was?“ fragte jene rauh. „Hast Du keine Mitfreude, keinen Glück⸗ wunsch für mich?“ a f „Wozu? Was kann Dir daran gelegen sein? Du hast mich ja verurtheilt, mir mein ganzes Leben zerbrochen vor die Füße geworfen. Ich habe ja nichts recht gemacht. Ihr, ja freilich, Ihr müßt es wissen“. i Käte hatte während dieser Rede aus ihrer vorgebeugten Stellung sich allmählich aufge⸗ richtet und die Mutter starren Auges angesehen. Jetzt schlug sie die Hände vors Gesicht. Eine Weile blieb es ganz still, nur das schnelle Athmen des Mädchens war vernehmbar. Als sie die Hände sinken ließ, war das frische Roth ihrer Wangen verschwunden, und die blauen Augen standen voll Thränen. „Ach Mutter, du glaubst ja selbst nicht, was Du da sagst“, kam es dann sanft von ihren Lippen.„Ich könnte den Vorwurf ja nicht ertragen. Ich wollte doch nur sagen, daß man in der Ehe trotz Kummer und Sorgen glücklich sein kann, wenn man sich liebt“. „Ja wenn, wenn—“ „Nun?— Bitte, sprich Dich aus.“ „Ich habe aber Deinen Vater nicht geliebt“, flüsterte Frau Maihöfer, die Stirn an den Kopf der Tochter lehnend. „Und hast ihn doch geheirathet?“ „Er war ein gescheiter, gebildeter Mann, ich ein junges, unwissendes Ding. Er belehrte mich über alles, was ich nicht verstand, und ich war ihm so dankbar und sah so demüthig zu ihm auf, und das hielt ich für Liebe. In der Ehe kam die Enttäuschung. Ich mußte gleich das Steuer in die Hand nehmen, denn der Vater verstand nichts von den Dingen des praktischen Lebens, und ganz allmählich, ich weiß selbst nicht, wie es zuging— da fing ich an, ihn auch in anderen Dingen zu übersehen. Als er damals sein Predigeramt aufgab, habe ich nichts dagegen gesagt, denn ich selbst glaubte schon längst nicht mehr an die Lehren der Kirche, aber ich konnte mich auch nicht zur freien Ge⸗ meinde bekehren. Ich war darüber schon hinaus, und das führte zu Mißhelligkeiten zwischen uns, denn der Vater wollte nicht, daß ich Euch nach meinen Grundsätzen erzog. Er wollte Euch seine religiösen Ansichten einimpfen. Du wirst Dich noch erinnern, daß es oft hart zwischen uns herging. So kamen wir immer weiter auseinander, es war nur noch—— und viel⸗ leicht war es deshalb, warum ich Euch nicht die Liebe erweisen konnte, die hier— hier“ Sie krampfte die Finger in ihre Brust und rang nach Athem. Dann umschlang sie mit beiden Armen den Hals ihrer Tochter und brach in Thränen aus. Käte weinte mit ihr und liebkoste sie wie ein Kind. Und dann kam es von den Lippen der Mutter, als wenn das vereiste Innere dieser Frau plötzlich aufgetaut wäre und sich in warmen Fluthen ergösse. Wie sie selbst darnach ge⸗ hungert hätte, ihr Herz in Liebe hinzugeben, wie aber das Herbe und Strenge in ihrer Natur ein Hinderniß gewesen wäre. Als Käte erwachsen war und sie nun gehofft, an ihrer Tochter eine verständnißvolle Freundin zu ge⸗ winnen, hätte die Liebe zu Kohlweit sie ihr entfremdet. Sie hätte diesen deshalb bisweilen gehaßt. Käte sollte es ihr verzeihen, sie wäre ja selbst so grenzenlos unglücklich gewesen. Käte war tief erschüttert und aufs liebe⸗ vollste bemüht, diesen wohlthätigen Erguß zu erleichtern und zugleich zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie konnte die verschlossene Natur ihrer Mutter verstehen. Sie hatte selbst bei aller sonnigen Heiterkeit ein wenig hiervon ge⸗ erbt, und nur die Liebe zu einem Manne wie Kolweit, in dessen Umgang sie sich gewöhnt, ihre Gedanken und Empfindungen rückhaltslos auszusprechen, hatte sie vor dem Unsegen dieses Erbtheites bewahrt und ihr jene Freiheit und Freudigkeit gegeben, welche die eigenthümliche Anmuth ihres Wesens ausmachten. „Geh' und sage es auch dem Vater“, brach Frau Maihöfer endlich das Schweigen, indem sie sich aus dem Arm der Tochter aufrichtete. „Er ist heute nicht in seiner Menagerie“, fügte sie mit einem schwachen Lächeln hinzu. Käte war froh, die Mutter scherzen zu hören, denn unter des Vaters Menagerie ver⸗ stand man in der Familie die Stammgäste, welche sich jeden Abend um den verehrten Mann und Exprediger in einem bestimmten Lokal ver⸗ sammelten, um andächtig seinen Worten zu lauschen. Das Scherzwort stammte von Kolweit, der seinen künftigen Sch viegervater öfters be— gleitet und sich über die in Bewunderung ver⸗ sunkene Gesellschaft weidlich lustig gemacht hatte. Durch Käte war es dann in die Familie ge⸗ drungen und auch dem Vater zu Ohren ge— kommen, der es aber keineswegs übel genommen, sondern herzlich darüber gelacht hatte. Herr Maihöfer saß, als Käte zu ihm in die kleine Hinterstube trat, vor seinem Schreib pult und in einer Atmosphäre, die man hätte mit dem Messer zerschneiden können, so dick war sie mit Tabaksqualm erfüllt. Käte prallte zurück. „Um Gotteswillen lieber Vater, welche Luft, wie kannst Du es hier ertragen?“ „Warum, was ist denn? Rauch? Das bildest Du Dir ein, mein Kind. Meine Pfeife ist schon seit einer Viertelstunde kalt.“ Käte lächelte, sie kannte schon diese Ant⸗ wort und öffnete die Ofenthür, um dem Rauch einen Abzug zu verschaffen. Das Fenster zu öffnen und ihm die Behaglichkeit zu stören, litt Herr Maihöfer nicht. Wenn er in seiner warmen Stube, in seinen wattirten Kattun⸗ schlafrock gehüllt, der reichliche Tintenflecke auf⸗ wies, und seine lange Pfeife schmauchend, an dem Bande freireligiöser Gedichte arbeiten konnte, den er nun schon seit Jahren unter der Feder hatte dann tauschte er mit keinem Könige. Seine Tochter Käthe war ihm stets will⸗ kommen, selbst wenn sie ihn in den höchstfliegenden Gedanken unterbrach. Er gab viel auf ihr Ur⸗ theil, und es beglückte ihn, daß sie an seinen Arbeiten theilnahm, obgleich ihre Kritik ihn häufig verstimmte. Heute ging sie gleich auf den Zweck ihres Kommens ein. 1 Während ihrer Mittheilung richtete sich Herr Maihöfer aus seiner zurückgelehnten Stellung allmählich auf. Dann sprang er empor, reckte selne hohe, hagere Gestalt und streckte seiner Tochter beide Hände entgegen, worauf er sie an sich zog und ihr salbungsvoll das Haupt küßte. In seinen Augen schimmerte es feucht, und die etwas schiefe Nase, unter der einige Körnchen Schnupftabak die glattrasierte Lippe schmückten, begann sich zu röthen. Um seine Rührung zu verbergen, strich er sich über das ergrauende Haar, das scheuklappenartig von hinten nach vorn über die Ohren gekämmt war. Endlich wurde er Herr seiner Stimme. „Und wo, wo ist Dein, unser lieber Kol⸗ weit? Warum kommt er nicht, uns selbst die Freudenbotschaft zu verkünden? Hab' ich es nicht immer gesagt: der muß einmal anerkannt werden, der muß zu einer seiner würdigen Stellung kommen? Das Talent bricht sich Bahn, was man auch dagegen sagen mag.“ Käte hörte ihm lächelnd zu, still an seinem Pult lehnend, während er aufgeregt in der kleinen Stube hin und her lief. Sie erinnerte sich nur zu gut, wie oft ihr Vater genau das Gegentheil behauptet und Kolweit prophezeiht hatte, daß er es nie zu etwas bringen würde. „Und doch, Väterchen, riethest Du mir da⸗ mals, als Herr Euler, der Zigarrenhändler, um mich warb, sehr ernstlich, Bernhard aufzugeben“, konnte sie sich nicht enthalten, einzuwerfen. Herr Maihöfer stotterte ein wenig. „Aeh, äh— nun ja, man sieht ja nicht immer so klar, wir sind eben Menschen— schwache Menschen. Und bedenke nur die lange Brautschaft. Ich gab mich doch auch gleich zu⸗ frieden—“ „Weil Du sahst, daß mit mir nichts zu machen war“, lachte Käte, dem Vater beide Arme um den Hals legend und ihm glücklich in die Augen schauend.„Jetzt aber, Väterchen, beruhige Dich, sonst kannst Du nicht schlafen; die Mutter habe ich schon zu Bett geschickt. Morgen besprechen wir alles gemeinschaftlich mit Bernhard.“ „Wie Du willst, mein gutes, liebes Kind. Aber jetzt— wie ist es, Käte? Mein Band ist beinahe fertig. Streckt Ihr mir ein Sümmcken zu den Druckkosten vor? Ich zahle auf Heller und Pfennig ab. Nun nein, nein, ich will jetzt natürlich kein Versprechen. Aber Du redest mit Kohlweit, nicht wahr? Denn sichft Du, einen Verleger zu finden, dürfte doch schwer halten. Das sind ja alles Pfennig⸗ fuchser, die für eine ideale Sache keine Opfer bringen wollen. Ich verlasse mich auf meine Käte, meine großherzige, opferwillige Tochter. Gute Nacht, mein Kind. Gottes Segen über Dich!“ (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Guter Rath. Der„Simplicissimus“ brachte folgendes hübsche Zwiegespräch:„Du, Jakl, mei Kuah is mir niederg'fallen und i bring s' net in d' Höh.“ „Gehst halt zum Bezirksamtmo und bittst'n, daß er 2 Hosch ausbringt; da steht jed's Rind viech auf. * Theorie und Praxis. Pastor: Und über was gedenken der Herr Oberstleutnant im Evangelischen Jünglingsverein zu sprechen?— Oberstleutnant: Ueber die„Christliche Nächstenliebe“.— Und welches Thema gedenken Ehrwürden zu behande n?— Pastor: Den „Krieg gegen die gelben Bestien.“— Oberstleutnant: Aeh, das paßt ja famos zusamman.(Postill.) * Begründeter Verdacht. Der Chef eines großen Bankhauses wurde vertraulich darauf aufmerksam ge⸗ macht, daß sein langjähriger Hauptkassirer, dem er un⸗ begrenztes Vertrauen schenkte und durch dessen Hände große Summen gehen, einen Aufwand treibe, der mit seinem Gehalte nicht im Einklange zu stehen scheine. „Was macht er denn?“ fragte bestürzt der Bankier, „fährt er im Fiaker?“—„Nein.“—„Spielt er beim Totalisateur?“—„Nein, er geht niemals zum Rennen.“ —„unterhält er vielleicht eine kostspielige Liaison?“— „Also was denn, um Gotteswillen?“—„Er heizt mit Kohlen.“ Hon bei del An erfkammt Aste nne Deza —— — — — 39. — Herr flug leckt seinet er sie Haußt feucht, 00 Mhpe seine er daz bon t war. ö C Kol⸗ st die ich ez rkannt digen Bahn, einen in der unerte uu das hezeiht ürde. ür da⸗ er, um geben“, l. a nicht hen— lange ich zu⸗ chts zu r beide lich in terchen, blafen; schickt ich mit Kind. Bond ir ein h zahle dein, Aber Denn ite doc zfennig⸗ e Opfer f meine Tochtet. Segel. ö 1 Nr. 39. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Deutscher Fansider- Aud ellbeiderinnen-Nerband Filiale Gießen. Samstag, den 29. September, Abends 8 Uhr: 2. Sliftungsfest im Saale des Cafe Leib, verbunden mit Nonzerl, Geésangsvor träge, Tanz. Karten im Vorverkauf à 75 Pfg. bei den Herren Buchhändler Schneider, Sonnenstraße und Friseur Kuhl, Wallthorstraße. Entree Abends an der Kasse 1 Mark. Bier im Glas. CC— 2 22 F 2 8 FEFIFVTF 8 S a 2 Se— 2232 222833 1888 2 3 2 2 38 S 3. N 2 2 2 D SSS 2 S 2 2 278 N 232 è S 2 an S 2 2 2= S 5 88 2 c 8 82888 5 Se: WA 8 S — 2— 2 2 85 Se N 360 8 8 25 T 2 S2. 2 S e— 2 2 SSS= 8 5 20 2 2 2 2 2— 8 2 2 2 4 F.— S— — 82 2 S[As 2 2 85 8 2 S 8 1 SI G SS Sees SDS esse 4 8 Einen grossen Posten D ferren- Anzüge solange d. Vorrat reicht 2. 10 u. 12 Mk. Markus Bauer, Giessen 888 e 5 0 . 8 50 N 8 55 5 N S I Kirchenplatz II 8 gegenüb. d. Stadtkirche. 5 8 . In 15 Minuten besohlt die erste Sahnellbe⸗ sohlanstalt RRR o ooo 8 ö 2 Wolkengasse 20 Herrensohlen 1,60 Mk. Damensohlen 1,10 Mk. 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