habe i 5 Nr. 17. Gießen, Sonntag, den 22. April 1900. 7. Jahrg. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche 0 Aue 4 Uhr nntags⸗Zeitu Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 ¼¾ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die Pariser Weltausstellung. Am Ostersamstag ist in Paris die Welt⸗ ausstellung programmgemäß eröffnet worden. Dieses Ereignis darf auch von der Arbeiterklasse freudig begrüßt werden. Wir wissen zwar, daß die„Weltjahrmärkte“ die proletarischen Ziele nicht verwirklichen, ja nicht einmal etwas direkt zur Förderung derselben beitragen werden, trotz alledem freuen auch wir uns der Fortschritte, welche die Ausstellung den Völkern vorführt. Als einen Fortschritt darf man es heute auch schon bezeichnen, wenn die hohen Ideale, denen wir nachstreben, in den Eröffnungsreden vor⸗ züglich betont und gepriesen werden. Ein Fort⸗ schritt ist es entschieden auch— wenigstens äußerlich—, wenn ein sozialdemokratischer Minister die Ausstellung eröffnet. Vergebens halten die französischen Reaktionäre versucht, das Ministerinm, in dem ein Sozialdemokrat sitzt, zu stürzen. Die Auchrepublikaner und Pfaffen konnten sich durchaus nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß bei Exöffnung der Aus⸗ stellung ein Sozialist Frankreich offiziell vertreten sollte. Zwei Tage vorher versuchten sie noch, ihn zu beseitigen. Allein es gelang nicht, Ge⸗ nosse Millerand blieb Minister. Dieser Umstand kommt auch in den offiziellen Ansprachen zum Ausdruck, die von einem humani⸗ tären Geiste durchweht sind. Millerand hielt die Eröffnungsrede und nachdem er dem Generalkom⸗ missar und seinen Mitarbeitern sowie den Chefs der auf der Weltausstellung vertretenen Staaten seinen Dank ausgesprochen, weist er hin auf die Fortschritte, die seit hundert Jahren die Mensch⸗ heit in Wissenschaft und Industrie gemacht hat. „Die Maschine“, fährt Miller and fort,„ist Beherrscherin des Erdballs geworden; sie ersetzt die Arbeiter, macht sie sich zur Mitarbeit dienst⸗ bar und vervielfacht die Beziehungen der Völker. Selbst der Tod ist zurückgewichen vor dem sieg⸗ reichen Vorrücken des Menschengeistes. Die medizinische Wissenschaft macht Fortschritte dank dem Genie eines Pasteur. Aber die Wissen⸗ schaft erweist dem Menschen einen noch be⸗ merkenswerteren Dienst; sie giebt ihm in die Hände das Geheimnis für die materielle und moralische Größe der Staaten, welches in dem einen Wort„Solidarität“ enthalten ist. Die Einrichtungen zur Vorsorge für Alter und Krankheitsfälle, die Wohlfahrts⸗ und die auf Gegenseitigkeit beruhenden Einrichtungen, die Syndikate und Assoziationen, wie überhaupt alles, was dazu bestimmt ist, der den einzelnen Individuen innewohnenden Schwachheit Widerstand zu leisten,— das alles legt Zeugnis ab von der Solidarität der Menschheit. Diese Solidarität hat im Auge, im Schoße jeder Nation die verletzenden Ungleichheiten zu mildern, welche sich aus der Natur der Dinge und der Gesellschaftsordnung ergeben. Sie hat sich vor⸗ gesetzt, zu einen in den Banden wirk⸗ licher Brüderlichkeit; ihre Wirkungen halten nicht an den Grenzen an. Inter⸗ essen, Ideen, Gefühle mischen und durchkreuzen sich überall auf dem Erdball, wie jene leichten Drähte, auf denen der menschliche Gedanke fliegt; ein wohlthätiges Ineinandergehen, das uns bereits den Ausblickauf eine neue Aera gestattet, für welche sogar vor kurzem eine vornehme Ini⸗ tiative bei der Konverenz im Haag die er sten Markzeichen steckte. Ja! je mehr sich die aus der Vielfältigkeit der Bedürfnisse und der Leich⸗ tigkeit das Austausches hervorgegangeuen inter⸗ nationalen Beziehungen ineinander schlingen, um so mehr Grund haben wir, zu hoffen und zu wünschen, daß der Tag kommen wird, da die Welt erkennt, daß Friede und ruhmreiche Kämpfe der Arbeit fruchtbarer sind, als Rivalitäten. Arbeit, Du Befreierin! Du bist es, die uns adelt, uns tröstet. Unter Deinen Schritten verschwindet die Unwissenheit, flieht das Böse! Durch Dich wird die Mensch⸗ heit aus der Knechtschaft der Nacht befreit! Steige unaufhörlich zu dieser leuchtenden, reinen Region, wo eines Tages sich verwirklichen muß das Ideal und der vollkommene Einklang der Mächte der Gerechtigkeit und der Güte.“ Der Präsident der Republik Loubet erwiderte hierauf: „Als die französische Republik die Regie⸗ rungen und die Völker einlud, eine Darstellung des Gesamtbildes der menschlichen Arbeit zu veranstalten, da hatte sie nicht allein den Ge⸗ danken. einen Wettbewerb von Wunderdingen ins Leben zu rufen und an den Ufern der Seine den alten Ruf der Eleganz, Höflichkeit und Gastlichkeit Frankreichs zu erneuern, unser Ehr⸗ geiz ging höher; er geht unendlich weit hinaus über den Glanz vorübergehender Feste; er be⸗ schränkt sich nicht auf das Gefühl patriotischer Befriedigung, das wir heute empfinden, noch auf Befriedigung der Eigenliebe oder des Interesses; Frankreich wollte in besonderem Maße beitragen zur Anbahnung der Eintracht unter den Völkern; es hat das Bewußtsein, für das Wohl der Welt zu wirken, an der Grenze des rühmlichen Jahrhunderts, dessen Sieg über den Irrtum und den Haß leider unvollkommen war, das uns aber einen stets lebhaften Glauben an den Fortschritt hinterläßt. Deshalb nehmen auch hier die volkswirtschaftlichen Einrichtungen den größten Platz ein und lassen die Bestrebungen jedes einzelnen Staates, die Kunst des Lebens in der Gesellschaft zu vervollkommnen, erkennen; sie werden dieser Ausstellung, die eine glänzende, große Schule zur gegenseitigen Belehrung sein soll, ihren Stempel aufdrücken; sie werden uns selbstverständlich weder die Entdeckungen der Wissenschaft noch die Meisterwerke der Kunst und der Industrie vergessen lassen, aber sie er⸗ scheinen uns wie das Ziel der Zivilisation und wie eine Berechtigung zu unserem Werke. Un⸗ zweifelhaft ist es ein bewundernswertes Schau⸗ spiel, zu sehen, wie die Intelligenz die Kräfte der physischen Welt diszipliniert und die Natur ungeahnten Kombinationen unterwirft, aus denen uns eine Zunahme an Wohlergehen und ästhe⸗ tischen Genüssen erwächst. So sehr das Genie aber auch die blinde Materie beherrscht, so sehr tritt es zurück hinter der Gerechtigkeit und der Güte. Die höchste Form des Schönen ist nicht die, welche man durch eine Nummer auf dem Katalog bezeichnen kann; sie ist nur dem geistigen Auge sichtbar und ist verwirklicht, wenn die ver⸗ schiedensten hervorragenden Intelligenzen, indem sie ihre Kräfte vereinigen, wie die Maschinen unserer Ausstellungsgalerien von einem gemein⸗ samen Motor— nämlich dem des Solidari⸗ tätsgefühls— beseelt sind. Ich freue mich, verkünden zu können, daß alle Regierungen diesem obersten Gesetz huldigen, und diese Thatsache ist nicht als das unbedeutendste Ergebnis dieses großen Wettstreits der Völker anzusehen. Trotz der harten Kämpfe, welche die Völker gegen⸗ einander auf dem industriellen, kommerziellen und wirtschaftlichen Gebiete ausfechten, widmen sie fortwährend in erster Linie ihre Studien den Mitteln zur Erleichterung der menschlichen Leiden, zur Organisation von Wohlfahrtsanstalten, zur Verbreitung des Unterrichts, zur Moralisierung der Arbeit und zur Einrichtung der Altersver⸗ versicherung.... Dieses Werk der Harmonie, des Friedens und des Fortschritts wird, so ver⸗ gänglich auch seine äußere Erscheinung sein mag, nicht vergeblich gewesen sein. Dieses friedliche Zusammentreffen der Regierungen der Welt wird nicht unfruchtbar bleiben. Ich bin davon über⸗ zeugt, daß dank den steten Versicherungen gewisser erhabener Mächte, von denen das Ende des vorigen Jahrhunderts wiederhallte, das zwan⸗ zigste Jahrhundert ein wenig mehr Brüder⸗ lichkeit leuchten sehen wird über weniger Nöte aller Art und daß wir vielleicht bald ein wich⸗ tiges Stadium in der langsamen Fortentwicklung der Arbeit zu ihrem Glücke und des Menschen zur Menschlichkeit hin er⸗ reicht haben werden.“ Gewiß werden bei derartigen Gelegenheiten überschwängliche Redewendungen gebraucht. Aber diese Reden atmen doch ganz anderen Geist, als die Phrasen, die man bei ähnlichen Anlässen zu hören bekommt. Losgelöst von dem besonderen Sprach⸗ gebrauch der Partei, schreibt der„Vorwärts“, hat Genosse Millerand dort, bei aller Allgemeinheit seiner Sorte, das be stimmte sozial demo⸗ kratische Endziel verherrlicht, die inter⸗ nationale, friedliche, gleiche, zweckmäßige und gerechte Organisation der Arbeit. Er hat auch das Mittel zur Erreichung dieses Zieles gepriesen: die Koalition. In den blassen, lichten Farben einer schwärmenden Begeisterung sind die festen Umrisse des Parteiprogramms nicht verloren gegangen. Es war auch ein feiner Zug in Millerands Rede, daß er dem ver⸗ bündeten Zaren allein dadurch seine pflichtgemäße Reverenz erwies, daß er an das Friedensmani⸗ fest erinnerte. Die schönen Worte werden verhallen. Für einen Augenblick strahlte aus der Zukunft ein heller Lichtschein. Die Ausstellung selbst ist kein Beispiel für die Anschauungen Millerands, sondern sie steht im Gegensatz zu ihnen: Sie ist das Werk der geknechteten Arbeit, der Erfolg kapi⸗ talistischer Ausbeutung; und die Völker, die sich auf diesem fröhlichen Jahrmarkt zusammengefunden zerfleischen sich draußen im unerbittlichen Krieg. Die allgemeine Solidarität ist bisher nur ein flüchtiger Sonntagsgedanke: Unter den Menschen und den Völkern herrscht immer noch allmächtig die unterdrückende, zerstörende, aus⸗ saugende Rivalität. Der Chauvinismus und die wirtschaftliche Konkurrenz hetzt die Völker gegeneinander, Grenzsperre, Schutzzölle, wilde Rüstungen wirken in mörderischem Krieg Aller N erwies sich als Bureauklatsch gewöhnlichster Art. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. gegen Alle, und die Brutalität des kapitalistischen Systems hält Arbeit und Arbeiter in qualvoller Frohn. Der proletarische Minister hat zwar die Weltanschauung des Proletariats verkündet, aber ihre Erfüllung wird nicht durch Fest⸗ reden und Weltkirmesse angebahnt, sondern allein durch den unermüdlichen harten Kampf des Proletariats aller Länder. ——— Antisemitisehes Pech. Vor ein paar Wochen stand der eine der beiden konservativ-antisemitischen Stadtverordneten von Berlin, Fabrikant Pretzel, vor der Straf⸗ kammer, um sich wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schutz der Warenbezeichnungen zu verantworten. Er hatte einen Schlagriemen unter dem Namen„Meliorschlagriemen“ in den Verkehr gebracht. Als ihm die Firma Scheibe in Gera mitteilte, daß dieser Name für sie bereits gesetzlich geschützt sei, wurde der Pretzelsche Riemen fortan mit der Bezeichnung„Melinor“ vertrieben. Die Firma Scheibe war unbescheiden genug, sich mit der kleinen niedlichen Namens⸗ änderung nicht zu begnügen. Herr Pretzel wurde angeklagt. Der Statsanwalt war der unhöf⸗ lichen Meinung, daß die geringe Abweichung von dem geschützten Namen gerade zu dem Zweck getroffen sei, um einer Verwechslung im Verkehr Thür und Thor zu öffnen, und der Gerichtshof schloß sich dem an. Er verurteilte Pretzel zu 150 Mark Geldstrafe, weil er davon ausging, daß„Melinor“ statt„Melior“ gewählt sei, um das Publikum zu täuschen. Es wäre lächerlich, wenn man aus dieser Sache Herrn Pretzel einen Strick drehen wollte. Aber welches Indianergeheul hätte die ganze „Mittelstands“presse durchtobt, wenn genau das⸗ selbe, was dem„Mittelstands“ führer Pretzel passiert ist, einem Warenhausinhaber gerichtlich bezeugt worden wäre:„Jüdische Geschäftsprak⸗ tiken“,„semitische Kniffe“,„orientalische Ge⸗ pflogenheiten“ und ähnliche schöne Spitzmarken hätte man allenthalben vorgesetzt bekommen. Solche Dinge dürfen eigentlich programmmäßig nur bei den„Bazarern“ vorkommen. Ereignen sie sich bei einem fanatischen Gegner der Warenhäuser, so ist das eben Pech. 0 Aber die konservativ-antisemitischen„Mittel⸗ stands“ männer in Berlin haben überhaupt Pech. Neben Herrn Preßel sitzt als einziger Gesinnungs⸗ genosse noch Rechtsanwalt Ulrich im roten Hause. Herr Ulrich hat, wie er sich in öffentlicher Ver⸗ sammlung rühmte, niemals nationalökonomische Bücher gelesen, sondern nur„aus der Praxis“ gelernt.„Aus der Praxis“ berichtete er auch in einer Versammlung, die er 1898 zu gunsten des antisemitischen Reichstagskandidaten Dr. Bachler abhielt, einen Fall, der die Geschäfts⸗ praxis von Wertheim beleuchten sollte. Er er⸗ zählte, ein Kaufmann aus Frankfurt a. O. sei pekuniäre Bedrängnis geraten und habe Wert⸗ heim sein Lager im Werte von 100 000 Mark für 50 000 angeboten. Wertheim habe erst 20 000 geboten, schließlich jedoch das Lager für 25 000 Mark erstanden. Dieser„Fall aus der Praxis“ eewies sich jedoch bei näherer Beleuchtug als Theorie greu⸗ lichster Art. Herr Ulrich wurde wegen Belei⸗ digung verklagt und zu 30 Mark verurteilt. Die Strafe wurde nur deshalb so niedrig festgesetzt, weil das Gericht annahm, daß Ulrich die Ge⸗ schichte selbst geglaubt haben möge, auch die politische Debatte wohl erregt gewesen sei. Ir⸗ gend einen Wahrheitsbeweis vermochte Herr Ulrich nicht anzutreten. Die ganze Geschichte Peinlicher als die gerichtliche Verurteilung wird Herrn Ulrich wohl noch das Schreiben sein, das er vom Vorstand der Anwaltskammer bekommen hat. Das Schreiben spricht ihm die „Mißbilligung“ des Vorstandes aus. Besonders wird ihm zum Vorwurf gemacht, daß er„den beleidigenden Satz als Fall aus der Praxis in öffentlicher Versammlung aufgestellt und ihm da⸗ mit das Gepräge unbedingter Zuverlässigkeit ge⸗ geben habe, obwohl ihm die die genügende that⸗ Fall nicht aus der Praxis bekannt geworden sei. Indem er mit der Gewähr seiner Berufsstellung umkleidet habe, was doch nur unverbürgt war, habe er der gebotenen Rücksicht auf die Pflichten des Berufs und dem Interesse der Anwaltschaft nicht voll Rechnung getragen.“ Es ist bitter, sich so etwas von der berufenen Vertretung seiner Berufsgenossen sagen lassen zu müssen, zumal wenn man im Kampfe um Ehrlichkeit, Lauterkeit und Wahrheit in vorderster Reihe steht. Politische Rundschau. Gießen, 20. April. Kein Fleischschaugesetz— keine Flotte. Ihrem gepreßten Herzen machten kürzlich die rheinischen Agrarier in einer Versammlung des Bundes der Landwirte in Mörs a. Rh. Luft. Nachdem der Bundesdirektor Abg. Dr. Hahn einen längeren Vortrag über die Lage der Landwirtschaft und besonders über das Fleischbeschaugesetz gehalten hatte, sprachen sich verschiedene Redner in der Debatte dahin aus, daß die Landwirtschaft— da sind natür⸗ lich die Großgrundbesitzer gemeint— sich auf eine Abschwächung der in der zweiten Lesung d's Fleischbeschaugesetzes angenommenen Bestim⸗ mungen unter keinen Umständen einlassen dürfte. Diese Bestimmungen(die bekanntlich auf ein Fleischeinfuhrverbot hinauslaufen) seien das geringste, was gefordert werden müßte. Lieber solle man sonst auf das ganze Gesetz ver⸗ zichten, meinte ein Redner, man könne die Trichinenschau getrost fallen lassen, man habe am Niederrhein trotz der Untersuchung seit 15 Jahren keine Trichinen gefunden!!! Nunmehr legte Herr Hahn seine Ansichten über die Flotte auf eine Anfrage hin dar. Der Direktor des Bundes der Landwirte, der be⸗ kanntlich früher in einem Gespräche mit einem Zentrumsabgeordneten die Redewendung von der „gräßlichen Flottenvorlage“ gebraucht hat, äußerte sich dahin, daß man nur für die Flotte eintreten könne, wenn es den Agrariern nichts kostet. Etwas deutlicher präzisierten andere Redner unter lebhaften Beifall der ganzen Versammlung ihre Stellung der Flottenvorlage gegenüber mit den Worten: kein Fleischschaugesetz, keine Flotte! Damit wird wiederholt bestätigt, was wir immer behauptet und schon oft genug festgestellt haben, nämlich, daß die Herren den vielgerühmten„Patriotis⸗ mus“ nur an den Tag legen, wenn sie dabei ihren Vorteil finden, wenn ihnen durch die Gisetz⸗ gebung die Taschen gefüllt werden. Geschäfts⸗ patrioten! Zentrum und Flottenvorlage. Welche Stellung das Zentrum der Flotten⸗ vorlage gegenüber einnehmen wird, darüber herrscht noch immer keine Klarhei“. Prinzipiell ablehnend verhalten sich nur wenige seiner Mitglieder; in der Kommissionsberatung sprach sich nur der Zentrumsmann Roeren im ablehnenden Sinne aus. Der größte Teil stimmt sicher der Flotten⸗ vermehrung zu, sobald die Regierung sich geneigt zeigt, auf die Zentrumsforderungen betreffend die Wiederzulassung der religiösen Orden, der Jesuiten ꝛc. einzugehen. Wir sind überzeugt, daß dem Zentrum in diesem Falle auch die „Deckungsfrage“ wenig Kopfschmerzen machen würde, von deren Lösung ein anderer Teil des Zentrums seine Zustimmung abhängig macht.— Daß es übrigens mit der„befriedigenden“ Lösung der Deckungsfrage, das heißt also die Lösung in dem Sinne, daß durch die Mehrausgaben eine Belastung der„schwächeren Schultern“, der großen Masse der Steuerzahler nicht stattfinden soll, ziemlich windig aussieht, gab auch der Ab⸗ geordnete Dasbach in einer Zentrums⸗Ver⸗ sammlung in Aachen zu. Er äußerte sich nach der„Märk. V.⸗Ztg.“ dahin, es werde sich die Deckungsfrage nicht in befriedigen⸗ der Weise lösen lassen. Dann müsse aber die Vorlage abgelehnt werden. Und weiter erklärte er bezüglich der Flottenvermehrung: sächliche Unterlage gefehlt habe, weil ihm der! it Ist eine Vergrößerung der Flotte überhaupt nötig? In der Kommission des Reichstages ist nichts mitgeteilt worden, was eine solche fordere. Der Schutz der Deutschen im Aus⸗ lande? Aber wir können doch nicht wegen jedes einzelnen Mannes, der früher in Deutschland gewohnt habe und jetzt keine Steuer nach der Heimat zahle, wenn ihm Unrecht zugefügt werde, ein Schiff mobil machen! Nicht einmal in der Heimat könne die starke Polizei es verhüten, daß ein preußischer Unterthan zu Unrecht geprügelt oder heimtückisch ermordet werde! Man könne nicht dem Reiche die fabelhaft großen Ausgaben im Interesse der wenigen Deutschen im Auslande aufladen! Dasbach gehört zu den radikaleren Zentrums⸗ mitgliedern; aus seinen Aeußerungen ist leider nicht zu schließen, daß die Mehrheit des Zen⸗ trums sich auf den vernünftigen Standpunkt stellen wird. Aufschneidereien der Flottenschwärmer. J Der deutsche Flottenverein paradiert gegen⸗ wärtig mit ungeheurer Mitgliederzahl in der Oeffentlichkeit. Nicht weniger als 450 000 Mit⸗ glieder sollen ihm nach Angaben seiner Leitung angehören. Alle möglichen Vereine werden auf⸗ gefordert, mit ihrer gesamten Mitgliedschaft dem Flottenverein beizutreten. Diese Aufforderungen sin) nun nicht bloß an die Krieger⸗, Landwehr⸗, Marine⸗ und evangelischen Arbeitervereine ge⸗ richtet worden, es sind solche auch Gewerk⸗ schaften und sogar politischen sozial⸗ demokratischen Vereinen zugegangen, wie aus verschiedenen Orten, so aus Leipzig und Frankfurt gemeldet wird. Wenn die Flotten⸗ schwärmer bei letzteren Organisationen einen Er⸗ folg ihrer Agitation erwarten, beweisen sie damit eine rührende Naivität; hier dürften ihre Zu⸗ schriften mit ungeheurer Heiterkeit aufgenommen werden.— Die angegebene Mitgliederzahl ist sicher übertrieben. Jedenfalls haben die Flotten⸗ vereinler alles mitgezählt, was bei den beige⸗ tretenen Vereinen an Mitgliedern auf dem Papier steht. Müßte jedes der angeblichen Mitglieder einen Wochenbeitrag von nur zehn Pfennig entrichten und würden nur die„Zahlen⸗ den“ als Mitglieder betrachtet und gezählt— wir wollten einmal sehen, was von den Hundert⸗ tausenden übrig bliebe! Wir sind überzeugt, man könnte die wirkliche Zahl getrost mit 20 multiplizieren, ohne noch die angebliche zu erreichen! Zur preußischen Gemeindewahlrechts⸗ „Reform“. Der Stadtverordnete Singer und Genossen haben folgenden Antrag in der Berliner Stadtverordnetenversammlung eingebracht: „Die Versammlung beschließt an den preußi⸗ schen Landtag das Ersuchen zu richten, daß bei der bevorstehenden Abänderung des Kommunal- Wahlgesetzes die Einführung des bei den Reichstagswahlen geltenden allgemeinen gleichen und geheimen Wahlrechts auch für die Gemeinde⸗ wahlen beschlossen werden möge.“ Sollte der Antrag von der Berliner Stadt⸗ verordnetenversammlung auch wirklich angenommen werden, so sind wir uns doch keinen Augenblick darüber im Zweifel, welche Behandlung der An⸗ trag von dem preußischen Dreiklassenhause er⸗ fahren wird. Jedenfalls giebt aber der Antrag den freisinnigen Stadtvätern Gelegenheit, zu zeigen, daß ihr stetes Eintreten für diese Forde⸗ rung ehrlich gemeint ist. Diäten für Reichstagsabgeordnete. Eine Zuschrift an die„Konserv. Korresp.“ die sich mit der Diätenzahlung an Reichstags⸗ mitglieder beschäftigt, zeigt wieder, wie die Junker ihre Vorteile zu wahren verstehen. Tage⸗ und Anwesenheitsgeldelder sind nicht nach ihrem Ge⸗ schmack, dagegen würde sich, meint die Zuschrift, darüber reden lassen, daß allen Reichstagsab⸗ geordneten, die darauf Anspruch erheben, Ver⸗ säumnißgebühren verabfolgt würden, die je nach den individuellen Verhältnissen des einzelnen Abgeordneten— etwa nach dem Muster der Zeugengebühren— berechnet werden müßten. Solche Versäumnißgebühren würden selbstver⸗ ständlich an Berufsparlamentarier auf keinen Fall TJaohlt. w. 1 1 ill 7 nen. 1 Das! Die Her den sich Vergnügu hacblen! atbeit im leisten, 1 nesten Euscheidu al die„ 5 Alle der berech hin geht, der Par nehmen verbunde Gewi Zuchthau Das geht die Hand nommen lichen L der org. ihres M Beftrebu lauteren berechtig und W fanden Betracht werden bedürfti die otg einen Rechte geeignet den Eir sationsl schaftlic zu stärk Wi Intere Berus Entwie bedenkl Folge! entstand eine Ge welche Bil de lunge 5 über de mäßi litt. Vor 5 Hal gun Ait sunst de nicht, n kommt hibel, aller N —————2—ß.—ͤͤ l in du lllen, daß geprügelt tan konne Ausgaben Uslande genttungz⸗ ist leider des Zen. landpunt ürmer. J L in der 000 Mi Leitung rden auf⸗ chast den derungen andwehr, reine ge⸗ Jewerk⸗ sozial⸗ gegangen, epzig und Flotten⸗ einen Er⸗ sie dam ihre gu; genommen erzahl it je Flotten den beige uf den geblichen nur zehn „Bahlen⸗ Nzählt— Hundert übetzeug, gttost ni gebliche rechts⸗ 0 Genossn Gerlint! Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. gezahlt werden können; denn diese Herren haben ja in einem anderen Berufe nichts zu versäumen. Andererseits aber würde dieser Modus der Ent⸗ schädigung keinen beschämenden Eindruck machen und gleichwohl allen Denen, die in der That durch die Uebernahme eines parlamentarischen Mandats ein materielles Opfer bringen, genügen können.“ Das wäre gefundenes Fressen für die Junker. Die Herren Landwirte in Glacehand schuhen wür⸗ den sich für daheim versäumte Jagden und Vergnügungen natürlich„Versäumnißgebühren“ bezahlen lassen. Denen aber, welche die Haupt⸗ arbeit im Parlament und in den Kommissionen leisten, würde man die Entschädigung in den meisten Fällen verweigern. Wer aber sollte die Entscheidung über die Berechnung des Anspruches an die„Versäumnißgebühren“ treffen? Alle diese Vorschläge sind Winfelzüge, um der berechtigten Forderung auszuweichen, die da⸗ hin geht, daß das Reich, welches die Dienste der Parlamentarier in Anspruch nimmt und nehmen muß, verpflichtet ist, sie für die damit verbundenen Aufwendungen schadlos zu halten. Erneute Scharfmacherei. Gewisse Kreise können die glücklich verscharrte Zuchthausvorlage noch immer nicht vergessen. Das geht aus folgender Refolution hervor, welche die Handelskammer in Halberstadt ange⸗ nommen hat:„Auf allen Gebieten unsres gewerb⸗ lichen Lebens zeigt sich ein energisches Vorgehen der organisirten Arbeiterschaft auf Erweiterung ihres Machtbereichs. Mögen diese zielbewußten Bestrebungen, sofern sie mit erlaubten und lauteren Mitteln betrieben werden, an sich als berechtigt anzuerkennen sein, so hat doch die Art und Weise ihrer Bethätigung vielfach zu Miß⸗ ständen geführt, welche bei Gewährung der in Betracht kommenden Rechte nicht vorausgesehen werden konnten und einer Beseitigung dringend bedürftig erscheinen. Es hat sich gezeigt, daß die organisirte Arbeiterschaft mit großem Erfolge einen weitgehenden Zwang ausübt, welcher die Rechte der übrigen Arbeiter völlig aufzuheben geeignet ist, und daß sie jede Gelegenheit benutzt, den Einfluß und die Machtstellung der Organi⸗ sationsleitung überall in einem durch die wirt⸗ schaftlichen Verhältnisse nicht gerechtfertigten Maße zu stärken. Wir halten es daher für unsere Pflicht, im Interesse des sozialen Friedens der verschiedenen Berufsstände und einer gedeihlichen und ruhigen Entwickelung der heimischen Industrie auf die bedenklichen Zustände hinzuweisen, welche in Folge der Lücken in der bestehenden Gesetzgebung entstanden sind und wünschen, daß dementsprechend eine Gesetzesreform zur Durchführung gelangt, welche insbesondre dem cuhigen und besonnenen Teil der Arbeiterschaft den erforderlichen und lange vermißten Schutz der Staatsgewalt gegen⸗ über den diktatorischen Anordnungen gewerbs⸗ mäßiger Hetzer in vollem Umfang gewähr⸗ leistet.“ Vorläufig dürften wohl die christlichen Wünsche der Halberstädter Scharfmacher ohne Berücksich⸗ tigung bleiben. Um die Rechte„der übrigen Arbeiter“ scheert sich das Unternehmertum doch sonst den Teufel und das ist es wohl auch jetzt nicht, was die Herren so sehr bekümmert. Ihnen kommt es nur darauf an, die Arbeiterklasse zu knebeln, damit die Ausbeutung der Arbeiter in aller Ruhe betrieben werden kann. Unternehmer⸗Terrorismus. Ein Ring der Seifenfabrikanten macht in der Oeffentlichkeit viel von sich reden. Der Ring, dem ca. 85 Prozent aller Seifen⸗ fabriken angehören, hat binnen weniger Monate den Preis der Tonne(240 Pfd.) Oelseife um 5 Mark erhöht und will allen Nichtmitgliedern den Bezug der Rohmaterialien abschneiden. Einem Fabrikanten legte der Vertrauensmann des Ringes, Herr Lippert⸗Magdeburg, nahe, der Vereinigung beizutreten, aus seiner Ablehnung würde ihm nur Nachteil erwachsen, denn es sei beschlossen worden, seine Offerten bei der Kundschaft der Vereinigung in allen Fällen zu unterbieten. Ein zweites Schreiben erhielt derselbe Fabrikant von einer Hamburger Rohprodultenfirma, die ihm mitteilt, der Ring habe beschlossen, allen Nicht⸗ mitgliedern die Rohfette abzuschneiden. Es wird ihm deshalb geraten, seinen Bedarf an Fett und Oel auf einige Zeit zu decken, ehe die Händler und Mühlen verpflichtet würden, ihre Lieferungen an die Nichtmitglieder einzustellen. Gegen diesen Terrorismus wird jedenfalls ebenso wenig ein⸗ geschritten werden, wie gegen das Treiben des Tapetenringes. Nationalsoziale Arbeiterfreundlichkeit. k. Die national soziale„Hilfe“ schreibt über den Schuhmacherausstand aus Tuttlingen:„Im Unterschied von den beiden letztjährigen Streikbewegungen wird die gegen⸗ wärtige nicht blos von der gesammten Bürger⸗ schaft, sondern auch von allen besonnenen Elementen der Arbeiterschaft als thatsächlich unberechtigt, als sozialdemokratische Mache verurteilt. Das Flugblatt der Streik⸗ leitung enthält maßlose lügenhafie Uebertreibungen und kennzeichnet die Kampfweise der Gewerkschaftsführer, die Vorsitzenden des Gesammtverbands miteingeschlossen.. Speziell der in dem Flugblatt angeführte Fall mit einer Stepperin ist durch eine Entgegnung des Fabrikantenvereins in klares Licht gestellt, Die betreffende Arbeiterin hat trotz wiederholter Warnung minderwertiges Material verwandt und ist deshalb gestraft worden.“ Die„sozialdemokratische Mache“ besteht nur in der Phantasie national⸗ sozialer Schwindelreporter. Uns wun⸗ dert übrigens die einseitige unternehmerfreundliche Stellung der„Hilfe“ nicht. Zu dem flotten⸗ tollen Inhalt des Blättchens gehört als Zugabe eine kleine Portion Schimpfen über Sozialdemo⸗ kratie und Gewerkschaften, das giebt dem ganzen erst die„höhere Weihe“. Im übrigen ist niemals ein Streik aus besseren Gründen geführt worden, wie dieser in Tuttlingen, daran ändern die Schimpfereien der „Hilfe“ nicht das geringste. Die„Verrohung des Volkes“. k. Eine stehende Rubrik bildet„Die Ver⸗ rohung des Volkes, in den kirchlichen und konser⸗ vativen Blättern. Die Stastitik für Preußen be⸗ weist nun grade des Gegenteil: In 34 Zuchthäusern und 1121 Gefängnissen befanden sich am 31. März 1899 im ganzen etwa 58 000 Gefangene. Außerdem waren in 5„Erziehungsanstalten“ 572„Zöglinge“ im Alter von 12 bis 18 Jahren untergebracht, die wegen mangelnder Einsicht freigesprochen waren. Die Zahl der Zuchthausgefangenen belief sich 1898/99 auf 23 464 und war die kleinste in dem Zeitraum seit 1869. Die Zuchthaus⸗ kriminalität war nach den im„Reichs⸗Anzeiger“ gemachten Angaben 1898/99 um 31,5 Prozent günstiger als 1859 und um 46,5 Prozent günstiger wie 1881/82, in welchem Jahrgange der höchste Stand der ganzen Periode erreicht wurde. Die Zuchthauskriminalität ist also in ent⸗ schiedenem, seit Jahrzehnten an⸗ dauerndem Sinken begriffen. Diese amt⸗ lichen Feststellungen sind besonders wertvoll gegenüber dem fortgesetzten Verlangen gewisser Kreise nach Verschärfung des Strafvollzuges. Auch die Zahl der Vorbestraften unter den Zucht⸗ hausgefangenen ist gesunken und zwar die Zahl der Vorbestraften überhaupt, wie die der mehr als dreimal Vorbestraften. Im übrigen befanden sich unter den 1898/9 neu aufgenommenen Zuchthausgefangenen 87,20 Proz. rückfällige Männer und 77, 52 Proz. rückfällige Frauen. Das wird unsere„Frommen“ allerdings nicht abhalten, das alte Geschrei fortzusetzen. Die Schwärmer für die Prügelstrafe haben allerdings keinen Teil in der„Besserung“ des Volkes, sie würden der ganzen Nation die Roheit einprügeln, wenn man sie gewähren ließe. Orthodoxe und Liberale. -m. Schlimmer wie die Hannoverschen„ganz Frommen“ dem Prediger Weingart, haben die Hamburger„halb Frommen“, genannt„Libe⸗ rale“, ihrem Pastor Hillmann mitgespielt. H. hatte das unglaubliche„Verbrechen“ begangen (genau wie Christus) auf der Kanzel den „Reichen“ ins Gewissen zu reden; er hat sogar den ketzerischen Gedanken ausgesprochen, daß die Begier nach„irdischem Gut“ dem Trachten nach„himmlischen Gütern“ sehr oft hinderlich sei. So etwas muß gerochen werden; und so beschloß Hillmanns„liberaler“ Kirchen vorstand, ihm den Stuhl vor die Thür zu setzen. Während die hannoverschen„Frommen“ wenigstens noch die Form wahrten und ordentliches Gericht über den„undogmatischen“ Geistlichen hielten, warfen die Hamburger„Liberalen“ Hillmann einfach ohne Gericht und Urteil vor die Thür, nicht weil er gegen das christliche Dogma, son⸗ dern gegen den„Mammonismus“ ein paar sanfte Worte gesprochen hatte. nun mit Heine nachrufen: Sie haben Dir übel mitgespielt Die Herren vom hohen Rate. Wer hieß Dich auch reden so rücksichtslos Von der Kirche und vom Staate. Geldwechsler, Bankiers hast Du sogar Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel, Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst Du am Als warnendes Exempel.[Kreuz Der Mord in Konitz. Vor längeren Zeit verschwand in Konitz in Ostpreußen der 19 jährige Gymnasiast Ernst Winter. Man fand kurze Zeit darauf einen zerstückelten menschlichen Körper im Mönchsee bei Konitz. Da Kopf und Glieder des Leichnams fehlten, konnte vorerst nicht einmal mit Gewiß⸗ heit festgestellt worden, ob die Fundstücke Kör⸗ perteile des Vermißten waren. Ein Arm wurde später auf dem evangelischen Friedhofe gefunden. Jetzt wird berichtet, daß auch der Kopf des Ermordeten durch spielende Knaben in einem Graben bei Konitz aufgefunden worden ist. Bei genauer Absuchung der Fundstelle fand man ein feines Taschentuch mit dem Buch⸗ staben A gezeichnet. Die früher gefundenen Körperteile waren ebenso wie der Kopf in braues Packpapier eingewickelt. Weitere Unter⸗ suchungen eer Körpertheile ergaben, daß ver⸗ schiedene Knochen durchsägt waren und die Zerteilung überhaupt von sachkundiger Hand aus⸗ geführt sein mußte.— Trotz fieberhafter Thätig⸗ keit der Behörden ist es bis jetzt noch nicht gelungen, den Mörder zu ermitteln. Dies und der Umstand, daß sich die Fundstelle des Rumpfes unweit der Synagoge befindet, hat bei der auf⸗ geregten Bevölkerung den Verdacht erweckt, daß man es hier mit einem jüdischrituellen Morde zu thun habe. Dieser Verdacht wird durch anutise⸗ mitische Flugblätter, die in Konitz in Massen verbreitet worden sind, genährt und so die Auf⸗ regung auf's höchste gesteigert. Und obgleich jeder Anhalt darüber fehlt, wer den grauenvollen Mord begangen hat, steht für die antisemitische Presse fest, daß Juden dabei beteiligt waren und es wird eine frische fröhliche Judenhetze in Scene gesetzt. Verschiedene Exzesse haben infolge⸗ dessen schon stattgefunden. Von der antisemitischen Presse wird das albernste Zeug über„jüdische Ritualmorde“ kolportiert; die„Staatsbürger⸗ Zeitung“ machte sogar Reklame damit in ihrer — Abonnementseinladung.— Ueber die Entstehung der Blutmärchen sendet uns ein Freund einen Artikel, den wir in der heutigen Nummer zum Abdruck bringen. Herr H. kann Das Mürchen vom Bitualmord. Motto: Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht dem Guten. (Aus Schillers Wallenstein.) XV. Das Wort von Karl Marx bleibt ewig wahr: Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Aber neben den Klassenkämpfen sehen wir die Herrschaft von Vorurteilen, Irrtümern, Wahnwitz, Aberglauben. Die großen, welt⸗ erlösenden Gedanken, die Wahrheit, die Menschen⸗ liebe, die Fürsorge für den Schwachen, Armen und Elenden machen nur mühsam Fortschritte. Wenn die große Masse, das Proletariat, und 1 —— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. die Gedrückten zur richtigen Erkenntnis ihrer Lage gekommen sind, so mischen sich Lügen⸗ propheten unter sie, die sie von neuem irreführen. Solche Lügenpropheten sind auch die Anti⸗ semitenführer. Sie lenken den kleineren Bauer und Bürger von dem ab, was ihm wirklich not thut, und hetzen sie einem kleinen Bruchteile der Bevölkerung auf den Hals. Sie benutzen dabei die Neigung der Menge, abenteuerlichen Ge⸗ schichten Glauben zu schenken. Das Schreckhafte, Geheimnisvolle hat einen besonderen Reiz, und und so sind alle geheimnisvollen Mordthaten für sie das dankbare Mittel, die Leidenschaften zu entflammen. Die Knabenmorde in Kanten, in Galizien, in Konitz— wer anders kann sie begangen haben, als die Juden?„Deshalb steinigt sie!“ So lautet jetzt der Ruf der Antisemiten, und die Juden mögen Gott danken, daß Regierung, Polizei und Militär über sie wachen. Aber sie haben noch eine andere Wache, die auf die Dauer wertvoller ist als Regierung, Polizei und Militär. Es ist der gesundende Geist großer Volksmassen, die durch die soziale Bewegung geschult genug sind, um die Lügen⸗ propheten von sich zu weisen. Lessing sagt von diesen Führern: Sie reißen sich zum Pöbel, aber der Pöbel reißt sich von ihnen und will nichts von ihnen wissen. Aber immerhin ist die große Gefahr vorhauden, daß die antisemitischen Tollheiten durch das Blut⸗ märchen wieder fest Wurzel fassen, eben weil man noch nicht vermocht hat, den Schleier von geheimnisvollen Blutthaten, an Kindern begangen, zu lüften. Da möchten wir doch einmal feststellen, daß zuerst nicht die Juden, sondern die Christen von den Heiden des Kindesmordes zu geheimnisvollen gottesdienstlichen Zwecken beschuldigt wurden. Die Christen haben sodann, als sie die Herrschaft erlangten, zunächst nicht die Juden dieses Verbrechens ge⸗ ziehen, sondern die als rechtgläubig geltenden Christen, welche die allgemeine(katholische) Kirche bildeten, schleuderten den Vorwurf gegen die als Irrgläubige ausgestoßene Sekte der Mon⸗ tanisten und andere Ketzer. Auch später wurde die Blutbeschuldigung gegen ketzerische christliche Gemeinschaften erhoben. Nun haben Opferungen von Menschen, ins⸗ besondere von Kindern in heidnischen Religionen, besonders in Geheimgottesdiensten des Morgen⸗ landes(Syrien) eine große Rolle gespielt, sodann aber auch in abergläubischen Gebräuchen. Um einen Damm gegen das Meer, einen Bau zu befestigen, gruben Deutsche und Slaven einen Menschen lebendig in das Fundament ein. An die Stelle von Menschen traten später Tiere, insbesondere Pferde, Hennen. Selbst für die Gegenwart sind noch Beispiele nachzuweiseu, wo Sektengeist religiösen Wahnsinn und damit auch Menschenopferung verursacht. Aber was haben damit Juden und Judentum zu thun? Für uns giebt es keine Juden, Christen, Muhamedaner und Heiden. Für uns giebt es nur Arbeiter und Faulenzer, ehrliche und un⸗ ehrliche, selbstsüchtige und hilfsbereite Menschen. Die Juden sind Deutsche, wenn sie in ihrer Sprache, ihrem Geistesleben und in ihrer Arbeit deutsch sind, ob ihre Ahnen als Schacherer durch die Welt zogen, kommt für uns so wenig in Betracht als die Thatsache, daß die Ahnen vieler Alldeutscher Raubritter oder Leibeigene waren. Die Judenverfolgungen sind eine Geburt des Kapitalismus, der Erwerbssucht. Im früheren Mittelalter ließ man die Juden in Ruhe. Sie durften sich nur den Geldgeschäften widmen, weil die Kirche jedem Christen jedes Geldgeschäft als fündhaft verbot. Von Gewerbe und Ackerbau waren sie ausgeschlossen. Jedes Zinsnehmen galt für sündig. Die eigentlichen systematischen Juden⸗ verfolgungen großen Stils begannen im 13. Jahr⸗ hundert. Da fing der Gelderwerb an eine Rolle zu spielen, die Städte traten in das Verkehrs⸗ wesen ein, es bildete sich der Handel in größerem Maßstabe in kapitalistischen Ansätzen aus. Die Kirche suchte vergeblich den Grundsätzen der frei⸗ willigen Armut, der Selbstentsagung, dem Ver⸗ zicht auf Gelderwerb die Geltung als Lebensideal zu bewahren. Jetzt erschienen die Juden als unbequeme Nebenbuhler, jetzt begannen die großen Judenschlachten und aus dieser Zeit stammt auch die erste Beschuldigung der Juden, daß sie Kinder mordeten zu rituellen Zwecken. Karl Marx sagt einmal:„manchmal werde die Gesellschaft in den Zustand momentaner Barbarei versetzt“. Das Kovitzer Blutmärchen ist geeignet, manche Kreise in den Zustand solcher Barbarei zu versetzen.„Etwas muß dran sein“, sagt der Spießbürger und blickt schaudernd nach seinen Sprößlingen, ob sie noch nicht in die Hände blutdürstiger Juden gefallen,„etwas muß dran sein“, sagt beifällig der Antisemitenführer und reibt sich schmunzelnd die Hände, daß seine Herde, die ihm schon untreu zu werden drohte, sich wieder blökend um ihn sammelt.—— Die niedrigsten Leidenschaften werden wachge⸗ rufen, die wildesten Stürme sucht man zu ent⸗ fesseln, und in den meisten Fällen nur, um sich und sein kleines Antisemitenblättchen am elenden Leben zu erhalten. Sich selbst gesteht der Anti⸗ semitenführer, daß er die Welt belügt, daß das Blutmärchen von ihm aus der Vergessenheit her⸗ vorgeholt werden mußte, weil andere Mittel nicht mehr ziehen— thut nichts, der Jude wird verbrannt. —— Der Krieg in Südafrika. Von englischer Seite ist über die Niederlage von Meerkatzfontein, noch nichts gemeldet worden. In englischen Blättern wird die Hoff⸗ nung ausgesprochen, daß die von der Burenseite stammende Meldung übertrieben sei.— Die Meldung von dem Falle Mafekings, die wir in der letzten Nummer wiedergegeben haben, hat sich nicht bestätigt.— In Wepen er sind die Engländer unter General Brabant von den Buren eingeschlossen. Heftige Kämpfe mit beider⸗ seitigen Verlusten haben um diesen Ort stattge⸗ funden. Die Buren sollen hierbei 500 Ochsen, sowie Pferde und Maultiere erbeutet haben. Die englischen Verluste bei Wepener werden auf 18 Tode und 132 Verwundete angegeben. Unterdeß ist eine Burengesandtschaft nach Europa gekommen, die den Auftrag haben soll, eine Großmacht um freundschaftliche Vermittelung auf der Basis der Unabhängigkeit der beiden Republiken zu er⸗ suchen. Die Gesandtschaft hat sich nach Holland begeben. Von Nah und Fern. Arbeitsverhältnisse der Bergarbeiter. In der letzten Zeit sind lebhaste Klagen über die Zustände in dem Gießener Braunstein⸗ Bergwerk laut geworden. Eine Anzahl Ar⸗ beiter wollte das Arbeitsverhältnis auf der Grube zu Ostern lösen und hatten regelmäßig gekündigt. Als die Betreffenden nun ihren rückständigen Lohn verlangten, wurde ihnen der⸗ selbe auf grund der Arbeitsordnung verweigert. Auch eine Abschlagszahlung wurde nicht gegeben. Für die Leute war dies um so empfindlicher, als in jeder Familie vor dem Osterfeste größere Ausgaben notwendig sind. Fast unverständlich ist es, daß die Arbeiter eine Arbeitsordnung unterschrieben, auf grund deren der sauer⸗ verdiente Arbeitslohn bei Lösung des Arbeits⸗ verhältnisses noch einbehalten werden kann. Viel⸗ fach unterschreiben sie aber, ohne vorher gelesen zu haben. Eine Aenderung dieser famosen Arbeitsordnung erscheint uns im Inter⸗ esse der Arbeiter dringend notwendig. Liberales aus Offenbach! -. 24„Offenbacher Männer“ lassen ein längeres Schreiben vom Stapel, in welchem sie den Beigeordneten Offenbachs, Herrn Wolff als den„schwarzen Mann“ gegen eine „geordnete, segensreiche“ Verwaltung der Stadt hinstellen. Es würde zuweit führen, in einem Wochenblatt das ganze unerquickliche Verhältniß dorten darzustellen nur folgendes können wir kurz feststellen: 1) Herr Wolf wurde als der ungerate Sohn angesehen, als er es wagte gegen den nationalliberalen Schützling Koch vor⸗ zugehen. K. hat, wie vor Gericht nachgewiesen wurde, sich für eine beschleunigte Thätig⸗ keit in Ortsgerichtssachen, Geschenke nicht uner⸗ heblichen Wertes machen lassen und hatte Herr Wolff vollständig recht, ihn aus seiner Stellung zu entfernen. 2) Jahrelang wurde Herr W. in der der libe⸗ ralen Klique nahrstehenden Presse, wider besseres Wissen als Sozial⸗ demokrat denunziert. Noch in den letzten Tagen wird er in Beziehung zur sozialdemokra⸗ tischen Stadtverordnetenfraktion gebracht, alles nur um W. zu verdächtigen. 3) Gegen W. ist die gesellschaftliche Aechtung in einer Art und Weise betrieben worden, daß es schon ans diesem Grund be⸗ greiflich und verzeihlich wäre, wenn er in einigen Fällen, auch unserer Ansicht nach, zu nervös und schroff auftrat. 4) Auch gegen den hoch verdienten Di⸗ rector des Krankenhauses hat Herr W. nur korrect gehandelt, wie durch den Kreisaus⸗ schuß festgestellt wurde, auch hier hatte der „Klüngel“ aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. 5) Wer in Offenbach unverträglich ist, der Oberbürgermeister oder der Beigeordnete, — darüber sind die Meinungen in Offenbach sehr geteilt; uns ist die„Comerzienrat⸗ partei“ nicht zuverlässig genug, um sie als kompetente Beurteiler ansehen zu können. 6) Es wiegt nicht schwer, daß die 24 Männer W. ein Mißtrauensvotum erteilen, die Offen⸗ bacher Bürgerschaft hat der liberalen Gesellschaft mit samt ihrem Ober⸗ bürgermeister bei den letzten Stadtverord⸗ netenwahlen ein so unzweiteutiges Mißtrauen ausgesprochen, daß uns der Aerger dieser Herrn und ihres Anhangs nicht wunderbar ist, alles begreifen heißt aber auch hier alles verzeihen.— Dem ist noch hinzuzufügen, daß der Kreis⸗ ausschuß nunmehr entschieden hat, den Be⸗ schluß der Stadtverordneten⸗Versammlung vom 13. Oktober 1898 in welchem dem Beigeordneten Wolf ein Mißtrauensvotum ausgesprochen war, aufzuheben und die Kosten der Stadtkasse zur Last zu legen. Darnach wird also das Ver⸗ halten des Herrn Wolf vom Kreisausschusse als korrekt anerkannt. Als charakteristisch wollen wir noch hervor⸗ heben, daß ein großer Teil der Amtsblätter (auch das Gießener) sich redlich bemüht hat, die Machinationen der Comerzienratspartei gegen W. zu unterstützen, umsomehr freut es uns, daß ein charakterfester Mann wie W. bei diesem Kesselereiben nicht unterlegen ist. Berliner Bürgermeisterfrage. Vor kurzem hatte die Berliner Stadtverorde netenversammlung die Neuwahl eines Bürger⸗ meisters an Stelle des Herrn Kirschner, dessen Bestätigung als Oberburgermeister so lange auf sich warten ließ, vorzunehmen. Als Kandidaten kamen nur in Frage der Bürger⸗ meister von Königsberg, Brinkmann, und der Stadtsyndikus Meubrink in Berlin. Für die Wahl des letzteren, der keiner politi⸗ schen Partei angehört, der es aber immer ängst⸗ lich vermieden hat,„oben“ anzustoßen, traten die Konservativen, Antisemiten und freisinnigen Wadenstrümpfler ein, während die entschieden freisinnigen Elemente und unsere Parteigenossen für den zur freisinnigen Volkspartei sich zählen⸗ den Künigsberger Bürgermeister stimmten. Dieser wurde dann auch mit knapper Mehrheit ge⸗ 0 wählt. Jetzt meldet der„Vorwärts“, der Minister des Innern v. Rheinbaben werde beim Kaiser die Nichtbestätigung Brinkmanns beantragen. Das Organ Stumms, die„Post“, hatte schon vor der Wahl die Regierung ersucht, Brinkmann die Bestätigung zu versagen. Künftig⸗ hin werden die Berliner Stadtverordneten, wenn sie eine Wahl vorzunehmen haben, sich erst ver⸗ gewissern müssen, ob Herr Stumm die Wah billigt! Mestauran werschaft votben Versumm mit den schäftigen mfg burger A Mtwort da, wie Restaura nehmer? sei, daß stattfinde tag stat „Arbeite marke, gewohnt gehen, die Ko schläge Stätte schaft burgs „api über dring ** Schlos mann zweiten wurde 11 hein Sonnte Mit 9 Herrn! ersucht, fosenst 10 Hülale lat, dit der fan ärt 0 80 Abend Ahein Deleo Kauft batten do zial— den lezten (bemokta⸗ 90, allg aftliche betrieben 5 kund be⸗ in einige zu nervöz ten Di⸗— Hert N. Kreizauz⸗ hatte det Elefanten glich is, geordnete Offenbat len rat⸗ n sie alz n. 4 Münner Offen- beralen Ober⸗ tadtverord⸗ Mißtrauen eser Herrn ist, alles tzeihen.— rei- „den B lung von geordneten chen wat, Stadtkase h das Ver⸗ schusse als och hervor; lmtsblätter it hat, die tei gegel z uns, daß hei diesen je. tadtveroldt e Bürgel irschnel, rmeiftel rzunchmel der aa man, u Ban ner poll Amer ing ben, tell fresiuni eutsche tigen sch lle, Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 19. April 1900. immerer⸗Versammlung. Von Seiten des Verdandes der Zimmerer wird in hiesiger Gegend eine lebhafte Agitation entfaltet, um die Zimmerer für die Organisation zu ge⸗ winnen. Nachdem nun die nötigen Vorarbeiten, besonders die mündliche Agitation in den Dörfern, beendet ist, findet am Sonntag, 22. April, in Marburg im Lokale des Herrn Müller, Hirsch⸗ berg 12, eine öffentliche Zimmerer⸗Versammlung statt, in welcher Herr Vollack aus Bergen bei Hanau einen Vortrag halten wird über die„wirtschaftliche Lage der Zimmerer“. Hoffent⸗ lich wird diese Versammlung den Erfolg zeitigen, daß endlich auch die in den umliegenden Dörfern wohnhaften Zimmerer zu der Einsicht kommen, daß nur in einer starken Organisation, welcher alle Berufsgenossen angehören, die Macht und die Stärke der Arbeiter liegt. a Zur Lokalfrage. Nachdem im Lokale Restaurant„Schloßgarten“ von Seiten der Ge⸗ werkschaften verschiedene Vergnügungen abgehalten worden sind, glaubte die in der letzten Partei⸗ Versammlung gewählte Kommission, welche sich mit den Vorbereitungen zur Maifeier zu be⸗ schäftigen hat, bei dem Pächter des Schloßgarten anzufragen, ob das Lokal am 1. Mai der Mar⸗ burger Arbeiterschaft zur Verfügung stehe. Die Antwort des Pächters war sofort eine verneinde, da, wie er sich ausdrückte, der Besitzer des Restaurant„Schloßgarten“, Herr Bauunter⸗ nehmer Robert Aecker, nicht damit einverstanden sei, daß am 1. Mai in seinem Lokale eine Feier stattfinde, wohl könnte die Feier an einem Sonn⸗ tag stattfinden und zwar unter dem Namen „Arbeiterfest“ beileibe aber nicht mit der Stich⸗ marke„Maifeier“. Da die Arbeiterschaft aber gewohnt ist, die Maifeirr an den Tage zu be⸗ gehen, auf welchen der 1. Mai fällt, so konnte die Kommission auf die„wohlgemeinten Rat⸗ schläge nicht eingehen und verließ die ungastliche Stätte des„Schloßgartens“. Den Gewerk⸗ schaften, sowie den Arbeitern Mar⸗ burgs wird dieses Verhalten des „Kapitalsmus“ den Arbeitern gegen⸗ über zur Kenntnis gebracht und zur dringenden Beachtung empfohlen. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Am Reparaturbau des alten Schlosses stürzte Donnerstag Abend der Zimmer⸗ mann Eul aus Dorf Gill aus der Höhe des zweiten Stockwerkes herab. Der Verunglückte wurde schwer verletzt in die Klinik verbracht. * Heuchelheim. Die Zahlstelle Heuchel⸗ heim des Maurerverbandes hält am Sonntag, den 22. dss. Mts. nachm. 3 Uhr eine Mitglieder⸗Versammlung im Lokale des Herrn Volkmann ab. Die Mitglieder werden ersucht, zahlreich zu erscheinen und die Arbeits⸗ losenstatistik mitzubringen. 5 * In Leihgestern fand am 13. April im Lokale Arnold eine gut besuchte Versammlung statt, in der Gen. Vetters über die Notwendig⸗ keit der Organisation referierte. Von den Er⸗ schienen— in der Mehrzahl Bergarbeiter— erklärten ca. 80 ihren Beitritt zum Verbande der Erd⸗, Bau⸗ und gewerbl. Hllfsarbeiter Deutschlands. * Ein entsetzliches Unglück hat sich am Dienstag Abend zwischen neun und zehn Uhr auf dem Rhein bei Bingen zugetragen. Etwa zwanzig Personen, welche an dem Kommers im katholischen Kaufmännischen Verein in Bingen teilgenommen hatten, wollten in einem Nachen nach Rüdesheim übersetzen. Mitten auf dem Rheine sank der Nachen und achtzehn Per sonen ertranken. Nur vier wurden gerettet. Diese hatten sich theils an dem umgekippten Nachen angeklammert, theils trieben sie schwimmend den Strom hinab und wurden bei Aßmannshausen gelandet. Der Nachen soll überladen gewesen sein. Unter den Ertrunkenen befinden sich mehrere Geistliche, Aerzte und Studenten sowie auch vier Damen. Arbeiterbewegung. Die Schreiner in Marburg setzten ihre auf Herabsetzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden lautende Forderung durch. Für Ueberstunden soll ein Zuschlag von 10 Prozent gezahlt werden. Die Festsetzung des Minimallohnes bleibt der Vereinbarung zwischen den einzelnen Meistern und Gesellen überlassen. Mainz. Der Streik der Maler und Weiß⸗ binder ist zu Gunsten der Arbeiter beendet worden. Die Arbeit wurde nach den Feiertagen wieder aufgenommen. Es wurde eine 15prozentige Lohn- erhöhung bewilligt; der Mindestlohn ist auf 42 Pfennig, für jugendliche Arbeiter auf 30 Pfg. stündlich festgesetzt. e. In Mainz fordern die Schlosser 9½ stündige Arbeitszeit, eine Lohnerhöhung von 15 Prozent und Vergütung von 33/ Prozent für Arbeiten nach Feierabend. Es heißt, daß die Arbeitgeber bereit seien, auf diese Forderungen einzugehen. Die Löhne waren bisher in diesem Berufe dort sehr niedrige, so daß eine Besserung dringend notwendig ist. Maifeier. In Berlin und Umgegend haben die in den Holzbearbeitungsfa⸗ briken, Fraisereien und Schneidemüh⸗ len beschäftigten Arbeiter haben für den 1. Mai völlige Arbeits ruhe beschlossen und diesen Beschluß dem betreffenden Arbeitgeberverbande mitgeteilt. Zeugengebühren für Arbeiter und Bürgerliches Gesetzbuch. Das Bürgerliche Gesetzbuch hat bei einzelnen Bestimmungen die Absicht verfolgt, die wirtschaft⸗ lich Schwachen zu begünstigen. Man hat freilich mit recht vielfach behauptet, daß es in dieser Absicht noch weit mehr hätte thun können. Zu den Bestimmungen, die solchen sozialpolitischen Erwägungen entstammen, gehören auch einige auf dem wichtigsten der hierzu gehörigen Gebiete, dem des Werk⸗ oder Dienstvertrages. Insbe⸗ sondere der§ 616, welcher bestimmt, daß der zum Dienst Verpflichtete seines Anspruches nicht verlustig geht, wenn er für eine verhältnißmäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Wie die Motive ausführen, dachte man dabei namentlich an kürzere militärische Dienstleistungen und ähnliche Be⸗ hinderungen. Der Arbeitgeber sollte in diesen Fällen zur Lohnzahlung verpflichtet sein, auch wenn er die im Vertrag bedungene Arbeitsleistung nicht erhält. Und wie die Denkschrift ausführt, wurde die Fassung des Paragraphen gewählt, um keinen Zweifel zu lassen, daß die Bestimmung auch bei Akkordlohn gelten solle. Von diesen Paragraphen wird nun von ver⸗ schiedenen Gerichten eine Anwendung gemacht, die alles andere, nur nicht sozial billig ist. Nach bekannten und ganz selbstverständlichen Bestim⸗ mungen hat jeder Zeuge Anspruch auf Ver⸗ gütung für seine Versäumniß, worunter das Gesetz ausdrücklich auch die Zeitversäumniß be⸗ greift. Man hat nun gesagt, bei Arbeitern und sonstigen zu Diensten verpflichteten Personen greife, wenn sie ihrer Zeugnißpflicht genügen, stets der S 616 Platz. Immer handle es sich um eine verhältnißmäßig nicht erhebliche Zeit, um einen in der Person des Verpflichteten liegen⸗ den Grund, immer fehle auch ein Berschulden. Infolge dessen müsse der Arbeitgeber dem Ar⸗ beiter auch ftets den vollen Lohn bezahlen, den er verdient haben würde, wenn er seiner Zeug⸗ nißpflicht nicht genügt hätte, das gelte auch bei Akkordlohn. Bekanntlich legt der Staat zunächt die Zeugen⸗ gebühren aus, um sie von dem zur Kosten⸗ erstattung Verpflichteten später einzuziehen. Wenn dieser nicht bezahlen kann, fallen sie schließlich dem Fiskus zur Laft. Es wird daher bei der Zubilligung der Gebühren große Genauigkeit gefordert, wird einem Zeugen mehr bezahlt, als er nach dem Gesetze beanspruchen darf, so haftet der die Anweisung erlassende Richter dafür. Nun sagen einige Justizkassen: Wenn der Arbeiter denn vollen Lohn von dem Arbeitgeber verlangen kann, hat er auch keinen Anspruch auf Ent⸗ schädigung wegen Zeitversäumniß, er versäumt ja nichts. Die Folge ist, daß ihm selbst bei Akkordlohn keine Entschädigung für Versäumniß gezahlt, daß er an den Arbeitgeber verwiesen wird. Hiernach müßten die Arbeitgeber in vielen Fällen die Prozeßkosten Fremder bezahlen, eine ganz sinnlose, vom Gesetze auch gewiß nicht be⸗ absichtigte Folge. Häufig werden aber die Arbeiter gar nicht wagen, das Ansinnen an den Arbeitgeber zu stellen, namentlich bei Akkordlohn, sie werden eben den Schaden selbst tragen. Die beabsichtigte Wohlthat des Getzes wird also zu einer Rute für den Arbeiter. Wir sind der Ansicht, daß dem Arbeiter trotz der Bestimmung des§ 616 die Zeitversäumniß ersetzt werden muß, wenn er erklärt, daß er von dem Arbeit⸗ geber keinen Lohn für die versäumte Zeit bean⸗ spruchen könne und wolle, aber bevor sich hier⸗ über eine feste Praxis der höheren Gerichte gebildet hat, werden die anweisenden Richter vielfach die Bezahlung weigern. Es giebt nun ein einfaches Mittel für die Arbeitgeber, dieser Härte des Gesetzes zu ent⸗ gehen: Der§ 615 enthält nämlich, wie aus 8 619 hervorgeht, sogenanntes dispositives Recht, die Parteien können es auch anders vereinbaren. Es empfiehlt sich also für jeden Arbeitgeber, mit seinen Arbeitern ausdrücklich zu vereinbaren, daß der§ 616 für solche gerichtliche Zeugen⸗ vernehmungen nicht gelte, daß der Arbeiter keinen Anspruch auf Ersatz der dadurch verursachten Zeitversäumniß durch den Arbeitgeber haben solle, Am besten wird er jedem Arbeiter, der zur Zeugenvernehmung geladen wird, eine ge⸗ schriebene oder gedruckte Bescheinigung darüber mitgeben. Dann können die Kassenbeamten die Entschägigung nicht verweigern. Im Notfalle wird eine Beschwerde gegen den Gebührenansatz Abhilfe schaffen. Partei- Hachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 21. April: Wieseck. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends ½9 Uhr im Lokale des Hrn. Keller Versammlung. T.⸗O.: Maifeier. Sonntag, 22. April: Wieseck. Tabakarbeiter nachm. 3 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker,„Gambrinus“. Tagesordnung: Ab⸗ rechnung und Maifeier. Friedberg. Wahlverein nachm. 3 Uhr Versamm⸗ lung ind der„Stadt Newyork“, bei Ihl. Alsfeld. Wahlverein nachm. 3½ Uhr bei Gastwirt Pfeffer: Mitgliederversammlung. Dienstag, 24. April: Gießen. Kartellsitzung abends 9 Uhr bei Orbig. Sonntag, 28. April: Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Schlitz. Den Genossen zur Nachricht, daß sich das Vereinslokal von jetzt ab in der Wirtschaft„Zur Heimat“ befindet. In diesem Lokale findet am Sonn⸗ tag, 29. April, nachm. 4 Uhr, eine Versammlung statt mit der Tagesordnung:„Bedeutung des 1. Mai“. Die Maifeier wird am 13. Mai abgehalten.— Ferner werden die Mitglieder ersucht, rückständige Beiträge baldigst zu begleichen. Georg Baßler 7. Wieder hat unsere Partei einen schweren Verlust er⸗ litten. In Stuttgart starb am zweiten Osterfeiertage Genosse Georg Baßler, verantwortlicher Redakteur der„Neuen Zeit“ und des„Wahren Jakob“. Baßler trats schon kurz nach der Lehrzeit in) die, Partei ein, in der er sich durch Eifer und Tüchtigkeit auszeichnete. Namentlich während des Sozialistengesetzes hat er als Leiter des„Schwäbischen Wochenblattes“ und als Ver⸗ trauensmann der Partei hervorragende Dienste geleistet. In dieser Zeit hat er auch verschiedene, auf grund des Schandgesetzes über ihn verhängte Strafen erleiden müssen. — In der letzten Zeit widmete er seine Kraft haupt⸗ sächlich dem Stuttgarter Konsumverein, bis ihn sein Ge⸗ sundheitszustand zwang, auch diese Thätigkeit aufzugeben. Er ist erst 43 Jahre alt geworden und hinterläßt eine Witwe und drei Kinder. Ehre seinem Andenken! Avbeiter! vüstet zum Welt feiertage des Proletariats! * Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. 4 eitlem Mammon gelüstet! Er schwor zwar, daß, wann hatten wir solchen Schatz im Hause? 1 5 1 teil wenn Sie ihm nicht den größten Teil Ihres Siehe, die Vorsehung wacht über uns und unsre n A A Ungs„Vermögens vermachen würden, er Ihr Testament Kinder. Wir sind für den Winter geborgen. 8— umstoßen wolle; und namentlich bedrohte er mich[Alle Not hat ein Ende. Warum weinst Du 8 5 mit einem Prozeß von zwanzig Jahren und hieß denn?“ Der Minister. Alles um des Volkes willen! Seht, ich lache selbst im Stillen Dieser Bibeln und Postillen Und daß man so gläubig ist: Ich, für mich, bin Atheist!! Doch das Volk, das Volk muß glauben! Glauben heißt der Talisman, Dem die Erde unterthan. Wir die Adler, sie die Tauben! Und das Volk, das Volk wuß glauben, Glauben— oder doch so thun. Täglich in die Kirche laufen, Himmlische Traktätchen kaufen Und mit Jordanwasser taufen, Samt dem christlichen Verein— Nun, für mich sind's Faselein. Doch das Volk, das Volk muß beten! Denkt, o denkt nur den Skandal, Wenn die Bürger auch einmal Gottlos, wie der Adel thäten! Nein, das Volk, das Volk muß beten, Beten— oder doch so thun. Ja, wenn ich es recht ermesse, Kann vielleicht sogar die Presse Für Beamte und Noblesse Schon ein wenig freier sein. Aber für die Andern? Nein! Nein fürwahr, das Volk muß schweigen, Wer gehorchen will, sei stumm; Schweigend wird das Publikum Stets sich am loyalsten zeigen. Drum, das Volk, das Volk muß schweigen, 2— 0 N. Schweigen— oder doch so thun. Prutz. Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke. (Fortsetzung) Die letzten Worte der Jungfer Sarah er⸗ schreckten den hoffnungsvollen Herrn Zange ebenso sehr, als ihn die ersten entzückten. Er deutete zwar von ferne auf ihr seliges Ende hin, sehr behutsam, sehr zart, aber vergebens. Sie ver⸗ sicherte ganz unbehutsam und unzart, daß sie noch Luft habe, einige Dutzend Jährchen in diesem irdischen Jammerthal ihr Kreuz zu tragen. Von Testamentmachen dürfte gar keine Rede sein. Der Advokat, untröstlich und verzweiflungsvoll, lief endlich davon. Bald nach ihm kam der Oberprediger Wald⸗ horn, von Schweiß triefend, atemlos. Die Tante, vor Aerger in einem wahren Fieber, hatte sich zu Bett begeben. Als sie den Pastor sah, wandte sie das Gesicht weg und mochte, eingedenk seiner Leichenrede, nicht einmal seinen Gruß erwidern. Der Geistliche wurde dadurch noch mehr über⸗ zeugt, daß die Tante den letzten Zügen nahe sei, und fing ohne weitere Umstände ein kräftiges Gebet an, das endlich ganz unvermerkt in die Nutzanwendung überging: Mensch, bestelle dein Haus, denn du mußt sterben!— Unter Haus⸗ bestellung verstand er aber— ein Testament. „Es ist noch nicht so weit!“ schrie ihn Sarah mit jener hellgellenden Stimme an, die der Fa⸗ milie Waldhorn erb und eigen ist. „Aber der Herr Zange hat mir's doch erst versichert, als er mir bei der Heiligen⸗Geistkirche begegnete!“ erwiderte der Pastor mit Entsetzen, denn solchen gesunden Waldhornklang von einer Kranken hatte er gar nicht mehr erwartet. „Was, versichert?“ rief Sarah unwillig. „Wie ich sage“, versetzte der Prediger.„Hat er Sie denn nicht mit dem Testament bedroht?“ „Er? Mich bedroht?“ „Nun, Tante, lassen Sie sich auch von diesem Weltkinde gar nicht erschrecken, dem nur nach * Atheist= Gottesleugner, der das Dasein eines Gottes nicht anerkennt. ** Gegenstand, der seinen Besitzer gegen Böses schützen soll. mich einen Erbschleicher. Aber der Herr wolle ihm die Sünde nicht behalten; er weiß nicht, was er redet! Aber umstoßen will er Ihr Testament.“ „Umstoßen? Der?“ „Allerdings! Ich machte ihm zwar Vor⸗ stellungen in christlicher Liebe. Allein er sagte: Er betrachte Ihr Hab' und Gut schon als sein Eigentum, das er durch die Prozesse redlich ge⸗ wonnen, die er zu Ihrem Besten geführt habe. Ohne seinen Beistand hätten Sie, trotz alles Wuchers, heute keinen Gulden mehr und säßen im Armenhause! sagte er mir. Ich schlug an mein Herz und seufzte zum Himmel: Der Men⸗ schen Dichten und Trachten ist sündlich von Jugend auf!“ „Und Ihre Leichenpredigt dazu, Vetter!“ schrie die Tante erbost, und gab ihm das Zeichen, sie zu verlassen. Kaum war er fort, so meldete sich der Pro⸗ fessor der Philosophie. Nach den ersten philo⸗ sophischen Leidbezeichungen sprach er von Seelen⸗ größe; dann von einem Krankensüppchen, das er in seiner Küche nach einem ganz neuen Rezept für sie bereiten lasse, und damit wollte er den Uebergang auf seine Liebe machen, die er ihr thätiger als irgend einer bis zum Tode bewiesen habe.—— Allein die Tante, welche vor Gift und Galle kaum reden konnte, unterbrach ihn kreischend:„Herr Vetter, sparen Sie Ihre Krankensuppe nur zum Leichenschmause nach meinem Tode auf!“ Er wollte sein Erstaunen bezeigen(wiewohl ihm doch das rote Gesicht vor Scham und Wut noch röter ward, daß man seinen Scherz verraten hatte). Doch alles um⸗ sonst. Sarah wies ihm endlich ziemlich unphilo⸗ sophisch die Thür. 7. Abermals ein blaues Wunder. So hatten es alle vier Fakultäten mit der Jungfrau in Grund und Boden verdorben. Die Neffen waren in Verzweiflung, mit Ausnahme des Doktors Falk. Er lachte dazu. Sein Sus⸗ chen aber keineswegs. Suschen machte ihrem Manne noch am andern Tage viele Vorwürfe, wiewohl sie anfangs über seinen unbesonnenen Einfall selbst hatte lachen müssen. Er nahm sie in den Arm und küßte ihr den Mund zu und sagte:„Du hast recht! Ich hätte der tugend⸗ samen Jungfrau nicht so Arges sagen sollen; aber wahrhaftig, ich wußte gestern nicht, wie mir der Kopf stand, als ich Dich verließ!“ „Ich würde nichts dagegen haben, liebes Männchen, wenn ich nicht überzeugt wäre, die Tante werde lebenslänglich unversöhnlich sein! Denn so etwas verzeiht keine Jungfrau. Und das ist schlimm für uns, zumal jetzt. Der Winter währt noch lange; ich heize den Ofen so schwach, daß den ganzen Tag die Fenster nicht auftauen, und doch geht unser Holzvorrat auf die Neige. Du weißt es ja selbst. Und in der Kasse haben wir— sieh nur her!“ Sie klimperte ihm mit einigen Geldstücken im leeren Beutel dicht vor den Ohren. Da ward an die Thür gepocht. Sarahs alte Magd trat herein, brachte einen versiegelten Zettel und die dringende Bitte der Tante, daß sich der Herr Doktor unfehlbar nach dem Essen mit dem Glockenschlag ein Uhr bei ihr einfinden möge. Sie liege im Bette, doch scheine sie sich etwas besser zu befinden als gestern. „Gut, ich komme!“ sagte Falk, nahm den Zettel und entließ die Magd. Er wog den Zettel in der Hand, schüttelte lächelnd den Kopf und sagte:„Fühle doch, Suschen! Das ist ja schwer wie Blei.“ Er öffnete. In einer Spiel⸗ karte eingeklemmt blitzten ihm zehn neue, schön geränderte Dukaten entgegen. Er betrachtete die Adresse. Sie war an den Doktor Falk und an keinen anderen Menschen gerichtet. Solche un⸗ erhörte Freigebigkeit der Jungfrau Sarah erregte die gerechte Verwunderung des Ehepaars.„Das ist das blaueste von allen blauen Wundern der Tante!“ rief Falk.„Nun Herz, mein Herz, seit „Ach!“ schluchzte Suschen, und fiel ihrem Manne um den Hals,„vor Freuden wein' ich! Aber“, setzte sie leise hinzu,„ich habe auch die ganze Nacht gebetet, oenn schlafen konnt' ich doch nicht viel.“ Da schlug Falk beide Arme um die Geliebte und sagte nichts; aber er weinte heimlich, denn seiue Rührung zeigte er ihr nicht gern. 8. Das blaueste von allen. Mit dem Glockenschlage ein Uhr stand er vor dem Bette der Tante. Er nahm mit innerer Bewegung, voller Dankbarkeit ihre Hand— er hatte es Suschen gelobt—, küßte diese wohl⸗ thätige Hand und sagte:„Beste Tante, Ihr Ge⸗ schenk hat mich und Suschen sehr glücklich gemacht!“ „Lieber Vetter“, sagte die Kranke holdselig, denn ein Kuß auf die Hand war ihr lange nicht widerfahren,„ich bin schon seit Jahr und Tag Ihre Schuldnerin!“ „Und verzeihen Sie meine gestrige Unart!“ fuhr der Doktor fort. Die Tante bedeckte sich schamhaft das Gesicht mit der Hand und Schnupftuch. Nach einer Weile sagte sie, ohne sie anzusehen:„Vetter, ich, setze mein ganzes Vertraues in Sie— mein Leben hängt von ihnen ab! Können Sie schweigen? Wollen Sie?“ Falk versprach alles. Sie beruhigte sich damit noch nicht. Sie gelobte ihm ihr ganzes Vermögen, wenn er reinen Mund hielte. Er that den feierlichsten Schwur. „Ich weiß, Ihr beiden jungen Leute seid oft. in Not und Mangel. Ich will mich zu Euch in die Kost geben, denn meine alte Magd, die mir so lange treu gedient“, hier fing sie laut an zu schluchzen—„muß ich doch abschaffen. Solange Sie aber mein Geheimnis verschweigen, geb' ich Ihnen jährlich tausend Gulden Kostgeld und, sollt' ich einst sterben, mein ganzes Ver⸗ mögen!“ Der Doktor fiel auf die Kniee und schwor. „Aber Sie müssen außer der Stadt wohnen, denn in der Stadt bleib' ich nicht. Ich trete Ihnen erb- und eigentümlich mein großes Haus vor dem Thor nebst Garten und Aeckern ab.— Sie wissen, mein Haus neben dem großen Gast⸗ hofe zur Schlacht von Abukir, das ich vor einem halben Jahre von meiner Mutter Bruder, dem Accisedirektor, erbte.“ Der Doktor schwor mit einer hochaufgestreckten Hand: er wolle, trotz Winterfrost und Schnee, folgenden Tages hinausziehen. „Ich will, solange Sie schweigen, Vetter, Ihnen mein Kostgeld halbjährlich vorausbezahlen: und für die ersten Einrichtungen für Sie und mich liegen im Wandschränkchen dort hinter der Thür vier Rollen mit neuen Thalern.“ Der Doktor streckte beide Hände und alle zehn Finger in die Luft und schwor Verschwiegen⸗ heit bis ins Grab, dachte aber bei sich: die glaubt gewiß, der jüngfte Tag oder das tausend⸗ jährige Reich sei vor der Thür, daß sie sich so schnell bekehrt. Nach allem diesem aber kam Sarah nie zum Bekennen des großen Geheimnisses. Und so oft sie versuchte anzufangen, erstarb ihr das Wort auf den Lippen, indem sie das Gesicht verbarg und schluchzte.— Dies Anfangen und Abbrechen und Jammern währte ziemlich lange. Der Doktor stand auf, setzte sich vor das Bett, wischte mit dem Rockärmel seine Kniee, nahm eine Prise und dachte: wenn man einen Brunnen endlich trocken pumpen kann, werden die Thränendrüsen. einer beklommenen Jungfrau doch auch einmal versiegen. 9. Es wird immer blauer. Er hatte recht. Als sie nicht mehr weinen konnte, hielt sie es für christliche Fassung des Gemüts, und sagte mit zitternder Stimme: „Vetter, als Sie gestern mit dem entsetzlichen Ausdruck von mir weggingen.“ 2 n r 5 2220 a 2958 . 2 .*. N Hal lee d uit wan einst Du l ihren hein ich auch die onnt 0 Glieht N. und ek it innert nd— er de wohl. Ir Ge glücklich hol del, ange nicht und Dag Unart!“ as Gesich ach einer Letter, ich — meiy ien Sie higte ssch hr gangez elte. Et te seid ost zu Euch Nagd, die sie laut abscheffen schweigen, Keostgeld zes Ver⸗ d schwor. t wohnen, Ich krete des Haus n ab.— zen Ga⸗ vor einen uder, dem gestreckten d Scha, u, Vellet, bullen r Sie und hinter del U und ll 10 0 t buen sie si sich 0 nie 10 ad so 0 15 Dol 11 breche 1 Dl 1 ich 10 Pu 0 eubll 0 . maul f ih eilt Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7 Der Woktor wollte wieder auf die Kniee fallen und abbitten.„Verzeihen Sie mir doch den Ausdruck, liebe goldene Tante, es war von ee „Nein, Vetter— Sie mochten wohl recht haben!“ „Es war Dummheit von mir, Tante!“ „Nein, Vetter, ich vermute, Sie haben recht!“ „Das ist ja unmöglich, goldene Tante!“ „Ach, nur allzu gewiß, Vetter!“ „Aber es ist nicht möglich, Tante! Und wenn auch— wenn selbst— nein, Tante, Sie sind gewiß. „Vetter, Sie haben recht! Ich hätte wohl in meinem Alter vernünftiger sein sollen, meinen Sie. Und Sie haben recht. Nun aber wissen Sie alles. Das Unglück ist geschehen. Ich war verheiratet, aber heimlich, ganz heimlich— aber ehrlich, aber in der Ordnung. Wer wird mir's aber glauben? Jetzt ist er in Tirol durch eine Stückkugel gestorben. Hier sind Briefe und Zeugnisse. Er ist tot und...“ „Wer denn, Tante?“ rief Falk voller Er⸗ staunen. „Ach, der Trompeter vom französischen Sommer bis in den Herbst bei mir im Quartier lag. Er war kein gemeiner Trompeter, sondern Regimentstrompeter; sein Vater und Großvater hatten jahrelang mit großem Beifall die Pauke geschlagen.— Aber, gerechter Himmel, Trompeter- frau mocht' ich nicht heißen! Und ehe er sich vom Regimente losmachen konnte, mußte er mit dem Regimente fort. Nun sitze ich da als eine junge Trompeterwitwe. Keine Seele weiß es; keine Seele glaubt es. Ich sterbe, wenn man's erfährt. Die Stadt würde blaues Wunder schreien!— Am Trompeter wäre mir wenig gelegen, aber mein guter Name!“ (Fortsetzung folgt.) Sprüche zur Lebensweisheit. Schmerz und Freude liegt in einer Schale, Ihre Mischung ist der Menschen Los, Von dem Strohdach bis zum Marmorsaale, Bis zum Grabe von der Amme Schoß. Seume. * Eine Freude unter allen Hab' ich stets als wahr erkannt, Sie bleibt wahr, ob alles trügt, Unbefleckt von Groll und Neide, Selig der, dem sie genügt: Freude an der andern Freude. Hell. Humorislisches. Das Hochwasser. Hoch oben im Wipfel der Dorf⸗ linde hängt eine Tafel:„Wasserhöhe— 18591“— „Das ist ja nicht möglich!“ bemerkt ein Fremder.— „Ja, woaßt D'“, sagt ein vorübergehendes Bäuerlein, „wia ma' dazumal Hochwasser g'habt hab'n, war's Bäuml halt no' kloan— iatzt hat's beim Wachsen dös Taferl mit'naufg'nomma]l... Aber woaßt D', so a' alt's Zeichen muß ma' ehr'n, damit's no' die Kindes- kinder seh'n, wie hoch's Wasser g'stand'n is!“(Fl. Bl.) Die Zahnwurzel. Pat kommt zu einem soge— nannten schmerzlosen Zahnarzt, um sich einen Backzahn ziehen zu lassen. Da der Irländer stets für sein Geld was haben will, so sagt der Doktor zu seinem Assistenten: „Jetzt passen Sie auf. Wenn's nicht weh thut, glaubt der Kerl nicht, daß die Arbeit irgend etwas wert ist. Also, nehmen Sie diese Stecknadel, und in dem Augen- blick, wo ich sage: Hop! stechen Sie ihn heimlich in sein Sißzfleisch, aber feste!“ Alles klappt vorzüglich. Der Doktor ruft: Hop! Der Assistent sticht zu und heraus ist der Zahn.„Na, wie war's?“ fragt der Doktor. „Heiliger Murphi!“ sagt Pat und reibt sich die betreffende Stelle,„ich habe nicht gedacht, daß er so tief säße!“ 508 Husorenregiment, Gott hab' ihn selig! der vorigen Und die Leuchte sei genannt, Und vergnügt zahlt er seine drei Dollars. Nn * Empfehle 0 S Außerurdruflüch fill 1 einen Posten 22 0 Herren⸗ = Anzüge 5 380 Stück 4 im Preise von Mk. 18,75 früherer Preis Mk. 30.— (all esbogr 2255 Gießen 22 2 ene gahnhofstraße und Neustadt. 2 ae enn 955 Frankfurter Sur Schuhlager GIESSEN. 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Hierauf zwanglose Unterhaltung. a Alle Arbeiter und Arbeiterinnen von Heuchelheim u. Kinzenbach find zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen. NB. Bei günstiger Witterung im Garten. —* finden in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung weiteste Ver⸗ breitung. Mosel Cocna in ½, ½, ½ Flaschen der Firma Erste Taunus Cognac- Brennerei Fritz Scheller Söhne, Homburg. Anerkannt feinste Marke qro Flasche 1.80, 2.40, .—, 4.—, 5.— Mk. / und/ Flaschen verhältnis⸗ mäßig. Niederlage: Heuchelheimer Con sum-Halle Inb. H. Schmidt Heuchelheim bei Gießen. Heinr. Gengnagel, Gießen Neue Bäue 10. Ease 4 HGeschäfts⸗ Empfehlung. Meinen Freunden und Bekannten bringe hiermit zur? Kenntnis, daß ich unter Heutigem 90 in Gleiberg, Ecke Brofdorferstraße eine Flaschenbierhaudlung Biere aus dem Gießener Brauhaus 7 eröffnet habe. (pro Flasche 18 Pfg. fei ins Haus. 3 Indem ich prompte Bedsenung zusichere, bitte um ge⸗ 9 neigten Zuspruch. Hochachtungsvoll 1 L Wilhelm Schuhbecker, Hausnummer 70. 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Klebert, Gießen. 444444 AA44AAA A444 Mit Und wo Weil t, Da hat; Der doh wei Der Nih Stin tig Den lid wie Die so f Sie hat Und Was lei Nacht der Das hat Dit Vom S Flog di Und gel Di — W des und zeit de Feiert