2 2 1 —— Unfälle euch Gleichzeill Baden, 1 Niegelmam, 2 Gießen, Sonntag, den 12. Oktober 1900. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Ut Mitteldeutsche kitun 1 I 7. Jahrg RNedaktionsschluß: N Donnerstag Nachmittag Aft. 1. 8 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expeditio Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Druckerei, Bestellungen JInserate Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens e in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. n B euenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuz band vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 505% Rabatt. Lr—rQE r——.—...,—.—ð1—Ü—?? L ˙·⅛rLLL⏑⏑———ʃ.————— H——— ä—ñiGww8w.ñ Der Sturmlauf der Wucherer. Deutschland erzeugt bekanntlich nicht so viel Brotgetreide, wie die Bevölkerung bei den be⸗ scheidensten Ansprüchen bedarf. Infolgedessen muß Getreide von außen eingeführt werden. Die Sperrung der Grenzen gegen jede Ein⸗ fuhr ist nun das Ziel der Agrarier. Wollen sie sie erreichen, so muß das Manko an Getreide im Innland durch Mehrproduktion gedeckt wer⸗ den. Daran ist nun nicht zu denken, da der Grund und Boden sich nicht beliebig vermeh⸗ ren läßt. Wie helfen sich die Agrarier aus dieser Klemme? Ganz einfach: Seit Jahren behaup⸗ ten sie trotz aller Zahlenreihen, daß die deut⸗ sche Landwirthschaft sehr wohl in der Lage sei, die nöthigen Getreidemengen zu produziren, es müßte ihr nur erst der nöthige Schutz zu theil werden. Nach dem agrarischen Rezept sollen also erst die Grenzen durch unübersteigliche Schutzzölle geschlossen werden und dann wird die deutsche Landwirthschaft daran gehen, durch intensive Wirthschaft für den erforderlichen Weizen und Roggen zu sorgen. Da die Agrarier konservativer, klerikaler und nationalliberaler Färbung heute die größte Macht darstellen und im Reichstag über eine kompakte Mehrheit verfügen, so gab die Re⸗ gierung klein bei und Herr v. Posadowsky ar⸗ rangirte auf ganz merkwürdigem Wege eine „Produktionsstatistik“, deren Ergebnisse die An⸗ sicht der Brotverteurer zu stützen schien. Alles war gut. Die deutschen Landwirthe jubelten und verlangten, wie wir berichtet ha⸗ ben, 10 Mark Zoll, also nahezu eine Verdrei⸗ fachung des jetzigen Zollsatzes. Da kam vor einigen Tagen der Reichs anzeiger, also das offiziellste Blatt, das wir überhaupt be⸗ sitzen, mit einem umfangreichen Auszug aus dem schon einige Monate vorliegenden Werke des kaiserlichen statistischen Amts„Die deutsche Volkswirthschaft am Schlusse des 19. Jahrhun⸗ derts.“ Er teilte genaue Zahlen über die An⸗ baufläche, die Ernten, die Viehzucht, die Ein⸗ und Ausfuhr an Brotgetreide, Vieh und Fleisch und den Verbrauch an diesen Lebensmitteln mit. Das Schluße rgebniß faßte dann der Reichsanzeiger dahin zusammen: Die hier mitgetheilten Zahlen beweisen, daß die deutsche Landwirthschaft sowohl auf dem Gebiete des Getreidebaues wie auf dem der Viehzucht dem Wachsthum der Bevölkerung zu folgen sucht, daß aber der Bedarf in beiden Beziehungen— Getreide und Fleisch— eine Zufuhr vom Anslaude erheischt, um voll ge⸗ deckt zu werden. So wahr das ist und so oft das schon bewie⸗ sen ist, so tief schlug die Bombe ins agrarische Lager. Die Mühe, die Posadowsky sich mit seiner Produktionsstatistik gegeben, war um⸗ sonst; der Reichsanzeiger trat auf die Seite der„Freihändler“. Hohe Gefahr war im Ver⸗ zuge, es durfte keinen Augenblick gezögert wer⸗ den und so richtete der Knuten-Oertel in der deutschen Tageszeitung ein geharnischtes Ulti⸗ matum an die Regierung, aus dem wir die fol⸗ genden Sätze wiedergeben wollen: .Wir wünschen baldige Entscheidung und völlige Klarheit— so oder so! Es ist zur Ge⸗ nüge gefragt, erwogen, erörtert worden. Wer sich heute noch nicht entscheiden kann, dem fehlt die . Fähigkeit der Enischeidung überhaupt. Entscheidet 3 sich die Reichsregierung für den vernünftigen und wirksamen Schutz der heimischen Ar⸗ beit, dann hot sie im Reichstage und im Volke eine kompakte Mehrheit hinter sich, und das Vor⸗ handensein dieser Mehrheit wird die Stellung der Unterhändler außerordentlich stärken Will sie aber in den Bahnen der Caprivischen Wirthschaftspolitik weiter wandern und denkt sie vielleicht. die deursche Dandwirthschaft durch eine winzige Er höh⸗ ung des niedrigen Getreidezolles zu ge⸗ winnen, so wird sie bald inne werden, daß ihre Hoffnungen grundlos sind, und daß sie einen Kampfim Innern zu führen haben wird, der für ihre ganze Zukunst von den allerbe⸗ denklichsten Folgen sein wird. Je länger sie mit der Entscheidung zögert, um so schwächer wird ihre Stellung— drinnen und draußen. Wir sind auf Alles gerüstet. Schlägt die Regierung die Bahnen ein, die zur Gesundung des heimischen Wirthschastslebens und zur Kräftigung der deulschen Arbeit in Stadt und Land führen, so kann sie auff uns unbedingt und in allen Verhältnissen rechnen. Andernfalls werden wir den uns aufgezwungenen Kampf aufnehmen und mit der pflichtmäßigen Euischiedenheit durchführen, davon durchdrungen, daß unsere Niederlage gleichbedeutend ist mit der wirthschaftlichen und uber kurz oder lang auch der politischen Niederlage des deutschen Volkes. Der Kampf ist unvermeidlich, so oder so. Auch durch unklare Halbheten vermeidet man ihn nicht; man muß ihn nur gegen zwei Fronten führen. Das ist die formelle Kriegserklärung der Agrarier an die Regierung. Ihr wird von den modernen Raubrittern das Messer an die Kehle gesetzt: so oder so! Entweder einen Zollsatz, der eden Handelsvertrag unmöglich macht— das ist das eigentliche Sehnen jener Seite— dann iind sie zu allem zu haben, zu Marinevor⸗ lagen und einem Dutzend Chinaabenteuer— oder wenn etwa Caprivisch verfahren werden sollte, dann Kampf im Innern, keine Kähne, keine Weltpolitik. Hätten wir in Deutschland eine Bourgeo⸗ ist, die ihre Klassenforderungen auf dem Zoll⸗ gebiete begriffen hätte, so könnte man der Droh⸗ ungen der Agrarier spotten, die wohl schreien aber nicht beißen. Da wir aber ein Bürger- tum besitzen, das aus Angst vor den berechtigten Klassenforderungen der Arbeiterschaft sich in seiner Mehrheit dem Junkerthum mit Haut und Hacken berschreibt, so ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß die Wucherer ihr Ziel erreichen, nicht nur sich um Milliar⸗ den bereichern, sondern auch Deutschland in Zollkriege sonder Zahl stürzen. Denn die Agrarier sitzen ja nicht nur unter den„geflickten Strohdächern“ Ostelbiens, sie sind im Westen und Süden nicht viel weniger zahlreich und haben längst das gesammte Cent⸗ rum erobert. Der Centrumsabgeordnete He— rold hat auf dem achten„praktisch sozialen Kur⸗ sus,“ der kürzlich in Köln stattfand, sich für einen Weizenzoll von 8 Mark und einen Roggenzoll von 6,50 Mark erklärte, dann würde die Landwirthschaft wieder„rentabel“ werden, aber auch nur unter der Voraussetzung, daß die Erhöhung des Zollsatzes ine lem gan⸗ zen Umfang in der Preissteigerung zum Aus⸗ druck komme. Und der Centrumabgeordnete Dr. Bachem führte dieser Tage auf einer Zu— sammenkunft in Crefeld folgendes aus: Für die Interessen den Landwirthschaft muß nun mit größerer Energie eingetreten werden wie für die Industrie, welche selbst für sich sorgt. Wie es voß jeher die Pflicht des Centrums war, für den „wii 2h schaftlich Schwächeren“ einzutreten, so ist es auch jetzt seine Pflicht, für die Landwir th⸗ schaft zu sorgen. Ich kaun Ihnen sagen, das Centrum wird dabei sein, wenn die Zölle erhöht werden. Da die Nationalliberalen in ihrer großen Mehrheit auch dabei sind, so ist die Koalition fertig, die auf die in sich gespaltene Reichsre⸗ gierung den nöthigen Druck ausübt und sie zum. Nachgeben zwingen iwrd. Mit dem 8 Mark Zoll wird man dann nicht aufhören, bei 10 Mark ist man ja schon angekommen und es ist fraglich, ob dort Halt gemacht wird. Unsere Genossen sehen, wie ernst die Lage ist. Die Wucherer laufen Sturm und sie erreichen das Ziel, wenn das Volk in seiner Masse sich nicht auflehnt gegen den Hungerzoll und die Milliarden⸗Auspowerung. Dem Ring der Brotwucherer muß die Arbei⸗ terschaft und mit ihr die Kleinbauern und Hand⸗ werker Deutschlands eine feste Phalanx entge⸗ genführen, die sich zu sammeln hat unter dem Ruf: i Nieder mit den Getreidezöllen! Neuer Reichskanzler. Graf v. Bülow wurde zum Reichs⸗ kanzler, preußischen Ministerpräsidenten und Minister der auswärtigen Angelegenheiten er⸗ nannt.— Der Reichstag ist auf den 14. No vember einberufen. Ausfuhr von Lebensmitteln. Die Agrarier sind fanatische Gegner der Zufuhr fremden Viehes und Fleisches nach Deutschland, sie organisiren aber die Ausfuhr. So hat die Genossenschaft für Viehverwerthung in Berlin umfangreiche und kostspielige Vorbereitungen getroffen, um einen ergiebigen Zuchtviehverkauf nach Rußland zu schaffen. Ein eigener Vertrauens mann, so ist in der„Frankfurter Zeitung“ zu lesen, bereist Rußland und verhandelt mit den russischen, die Einfuhr begünstigenden Behörden; es wird eine Filiale für Zuchtviehverkauf in Rußland errichtet und die Zuchtvereinigungen und Zuchtgenossenschaften in Deutschland werden aufgefordert, sich wegen des Absatzes ihrer Zuchtprodukte mit der Genossenschaft für Vieh⸗ verwerthung in Verbindung zu setzen. Be⸗ kanntlich klann die deutsche Landwirth⸗ schaft den Inlands verbrauch an Fleisch nicht decken. Wenn sie nun auch noch exportirt und ihr zu Liebe die Einfuhr theils verboten, theils erschwert und vertheuert wird, so entsteht ein Zustand, der eine Noth der Konsumenten schafft. Erhöhung der Biersteuer in Sicht! Ueber die Bemessung des Zoll⸗ satzes für Gerste im deutschen Zolltarife haben im Reichs⸗ amt des Innern Verhandlungen stattgefunden. An denselben haben eine Anzahl Interessenten des Braugewerbes, u. a. Kommerzienrath Sedl⸗ mayr⸗München, Henrich- Frankfurt a. M., Leisewitz Bremen und Reichstagsabgeordneter Rösicke⸗Berlin, theilgenommen. Geleitet wurden die Besprechungen von Regierungsrath Müller. Die Sachverständigen wiesen die enorme ——.—.— künftigen . rr 2 ö 1 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 43. Belastung nach, von der ihr Gewerbe betroffen würde, wenn der in landwirthschaft⸗ lichen Kreisen aufgestellten Forderung, der Gleichstellung der Zölle für Roggen und Gerste, entsprochen würde. Da der Gerstenzoll jetzt nur 2 Mk., der Roggenzoll nach dem be⸗ stehenden autonomen Tarif aber 5 Mk. per Doppelcentner beträgt, so müßte eine Erhöhung um 3 Mk. per Doppelcentner Gerste eintreten, was bei einem Gersteverbrauch von beinahe 20 Millionen Doppelcentnern für die Brauereien eine Mehrbelastung von nahezu 60 Millionen Mark bedeuten würde. Eine derartige Mehrbelastung würden die Brauereien aber nicht tragen können. Die Großbetriebe würden sie naturgemäß in irgend einer Form auf ihre Abnehmer, und diese ihrerseits wieder auf die Konsumenten abwälzen, während die kleineren Brauereien, deren Zahl ohnedies fort⸗ während abnimmt, zur Einstellung des Betriebes gezwungen sein würden. Die Sachverständigen heben ferner hervor, daß von einer Gerstenzollerhöhung auch ein großer Theil der deutschen Landwirthe betroffen würde; zwei Drittel der ausländischen Gerste dienen für Futterzwecke ꝛc., ein Drittel für Brauzwecke. Noch nicht genug Panzerkähne. Für den Umbau von sieben Küsten⸗ panzerschiffen nach dem Muster der„Ha⸗ gen“ sollen, wie die Nationalzeitung berichtet, im nächsten Marineetat erste Raten in Ansatz gebracht werden. Die Kosten hierfür würden im Ganzen zwanzig Millionen Mark betragen. Nur immerzu! Wir haben ja keine dringen⸗ deren Aufgaben zu erfüllen, als Milliarden ins Wasser zu werfen. Für Kulturaufgaben ist bekanntlich kein Geld da. Ursache des Gesandtenmordes. Ueber die Ermordung des deutschen Ge⸗ sandten in Peking, v. Ketteler, liegen jetzt genauere Nachrichten vor. Ein Bericht des Dolmeischers Cordes, der die näheren Um⸗ stände bei diesem traurigen Ereigniß schildert, wurde veröffentlicht. Aus diesem Berichte geht klar hervor, daß der Gesandtenmord eine Folge der Bombardirung und Einnahme der Takuforts gewesen ist. Das Völkerrecht ist zuer st von den vereinigten Mächten Europas gebrochen worden und erst danach ist das Blut des Gesandten derjenigen Nation geflossen, die durch die „Pachtung“ Kiautschous und durch das Evan⸗ gelium von der gepanzerten Fauft den Chinesen die verhaßteste geworden war.— Weiter läßt der Bericht erkennen, daß der deutsche Gesandte unter all' seinen Kollegen derjenige gewesen ist, der über die Stimmung seiner chinesischen Um⸗ gebung, über die Wandlung, die sich vollzogen, am wenigsten unterrichtet gewesen ist. Er hielt es nicht für möglich, daß die chinesische Regierung den Muth haben kann, die Gesandten des Landes zu verweisen, trotzdem die Takuforts nieder⸗ geschossen und der Kriegszustand durch die That proklamirt worden ist. Will man also gerecht sein, so muß man bei Zusammenfassung aller Umstände die europäischen Mächte eben⸗ falls völkerrechtswidriger Thaten beschuldigen, und man hat kein Recht, von China für diesen bedauerlichen Fall eine besondere Sühne zu verlangen. Proteste gegen den China- Kreuzzug. Zahlreiche, von unsern Genossen veranstaltete Versammlungen fanden in Südbayern statt. Sämmtliche Versammlungen waren gut besucht und nahmen einen würdigen Verlauf. Den Ausführungen der Referenten über die deutsche Weltpolitik und ihre Folgen wurde allgemein zugestimmt und energisch gegen die deutsche Chinapolitik und den Rachezug protestirt. Wo bleiben die Liebesgaben? So fragt ein Chinafreiwilliger sei⸗ nen Bruder in einem Briefe, aus dem das „Hamb. Fremdenblatt“ Auszüge bringt. Er be⸗ klagt sich darüber, daß die Mannschaften der „Sardinia“, auf der er eingeschifft war, von den Liebesgaben, von denen man ihnen schon vor ihrer Abreise so viel erzählt hatte, nichts zu sohen und noch viel weniger zu essen bekamen. An Bord sei alles theuer. Es heißt in dem Briefe:„Für eine Flasche Rothwein mußten wir 3,50—4 Mark geben. Der Koch gab zu wenig zu essen, daher wir immer Hunger hatten und zu hohen Preisen Fleisch und Kartoffeln beim Koch kau⸗ fen mußten. Da möchte ich Dich, lieber Bru⸗ der, doch mal fragen, wie eigentlich die allge⸗ meine Ansicht in Deutschland in Betreff der Liebesgaben ist. Da hat es doch geheißen, wie wir abfuhren, daß wir keinen Pfennig Geld an Bord brauchten, da so reichlich Liebesgaben an Bord seien, wie Bier, Tabak und Cigarren usw. Wir haben aber bis jetzt von Alledem nichts gesehen. Bier haben wir in den ersten vierzehn Tagen nicht bekommen, und jetzt wollte man uns etwas geben. Da war aber Alles: verdorben, und werden jeden Tagfünf bis sechs Faß über Bord geschüttet. Fla⸗ schenbier vom Brauhaus Altona und von der Hammoniabrauerei ist noch genug da, aber wir müssen die Flasche mit 60 Pfg. bezahlen. Von Liebesgaben hört und sieht man nichts. Im Gegentheil, Alles müssen wir theuer bezahlen. Und da hat man uns jetzt. noch Postanweisungen angeboten, daß wir un⸗ ser Geld nach Hause schicken können. Vielleicht kannst Du erfahren, welche Liebesgaben an „Sardinia“ sind.— Wie mancher Hunnenkrie⸗ ger wird dadurch und durch noch vieles Andere von seiner Chinabegeisterung kurirt werden! Römisches. Vorige Woche war die Saalburg bei Homburg v. d. H. der Schauplatz eines römischen Cäsarenfestes. Bei der Grundsteinlegung zu einem Reichslimesmuseum, das in dem alten Römerkastell Saalburg errichtet wird, fanden auf Anregung Wilhelms II. Feierlichkeiten statt, die den im alten Rom üblichen getreulich nachgeahmt waren. Kostümirte Schauspieler und biedere, natürlich eben⸗ falls in römische Masken gesteckte Taunus⸗ bewohner traten als Krieger, Priester, Konsuln ꝛc. auf. An dem Eingange des Kastells empfing den Kaiser ein als römischer Präfekt verkleideter Schauspieler mit folgender Ansprache: „Unter glückverheißenden Zeichen tritt ein, erlauchter Kaiser, mit Deiner hohen Gemahlin, in das auf Deinen Befehl erneuerte Kastell Saalburg! Nichts Schöneres, nichts Größeres, nichts Erwünschteres als Deine Ankunft konnte uns zu Theil werden. Einen glücklichen Aus⸗ gang mögen alle Deine Unterneh⸗ mungen zu Wasser und zu Lande haben, die Du zur Mehrung des Ruhms des Reichs planst.“ In diesem Tone ging es noch eine Weile fort. Schließlich schwur der edle Römer, daß der Kaiser nirgends ihm ergebenere Menschen finden könne, als im Taunus. Ein anderer Schauspieler sprach dann einen von dem Hospoeten Major Lauff gedichteten Prolog, der von Byzantinismus trieft und in dem es von Adlern, Schildern und Schwertern wimmelt. Nach dem erfolgte die Grundsteinlegung unter„Trompeten⸗ und Posaunengeschmetter“.(So berichten bürgerliche Blätter.) Bei den Hammerschlägen hielt der Kaiser eine Rede, in der er seines Vaters gedachte, der die Wiederherstellung der Saalburg angeregt habe— des alten Römer⸗ kastells: 5 „Ein Zeuge der römischen Macht und ein Glied in der gewaltigen Kette, die einst die Legionen um das gewaltige Reich legten, die auf das Geheiß des einen römischen Im⸗ perators, des Cäsar Augustus, der Welt ihren Willen aufzwangen und die gesammte Welt der römischen Kultur eröffneten, die befruchtend vor allem auf die Germanen fiel. So weihe ich diesen Stein mit dem ersten Schlage der Erinnerung an den Kaiser Friedrich III., mit dem zweiten Schlage der deutschen Jugend und den herauwachseuden Ge⸗ schlechtern, die hier in diesem neuerstandenen Museum lerneu mögen, was das Weltreich bedeutet, und dem dritten der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, dem es beschieden sein möge, in den künftigen Zeiten durch das einheitliche Zu⸗ sammenwirken der Fürsten und Völker, ihrer Heeze und ihrer Bürger so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war, damit es auch in Zu⸗ kunft dereinst heizen möge wie in alter Zeit: Civis romanus sum“, nunmehr: Ich bin ein deutscher Bürger“. Nach abermaligem Fanfaren⸗ geschmetter und nachdem die Römer und Germanen die Schilder mit den Schwertern geschlagen und ihrem Imperator gehuldigt hatten, verließ der Kaiser die Saalburg. Der Kaiser stellt hier das römische Staats⸗ wesen uns als ein erstrebenswerthes Ziel hin. Wir aber haben ein anderes Ideal. Selbst äußerlich soll unser Volk, wenn es nach uns geht, nicht dem römischen gleichen. Gewiß, das römische Reich war„angesehen“, aber es war ein Koloß auf thönernen Füßen, innerlich zermorscht und ver fault gerade zu iener Zeit, als es nach außen am anspruchsvollsten auftrat. Sklaven⸗ wirthschaft, Raubpolitik, Milita⸗ rismus— das war das Fundament, auf dem sich Roms Größe erhob; wir aber wollen Freiheit der Arbeit, Gleichheit der Bürger, Brüder lich eit 9 Völker. Unsere Ideale sind den römischen gerade entgegengesetzt. And ere Zeiten geben uns andere Aufgaben. Und die wahre Größe unseres Vaterlandes sehen wir dann am besten gesichert, wenn tiefgehende Wandlungen uns von den Resten des Ueberlebten frei gemacht haben. Vielen monarchischen Blättern hat das Cäsarenfest durchaus nicht gefallen; so spricht sich die„Nationalzeitung“ ziemlich abfällig über die Maskerade aus. Der Feier habe ein anachronistischer(zeitwidriger) Zug angehaftet, Theater und Wirklichkeit sei zu sehr ineinander⸗ gelaufen. Wenn ein als römischer Legat verkleideteter Schauspieler den von Herren in Frack und Uniform umgebenen deutschen Kaiser mit den deutschen Versen des Majors Lauff be⸗ grüße, so sei das ein wunderliches Durcheinander. Polizeimaßregeln bei Kaiserbesuchen. Dem königstreuen Volke gegenüber, scheint die Polizei bei Kaiserbesuchen eine ganz außer⸗ gewöhnliche Vorsicht für nothwendig zu hal⸗ ten. Nach Barmen⸗Elberfeld, das der Kaiser jetzt besuchen sollte, sind von verschiedenen west⸗ phälischen und rheinischen Städten aus zahl⸗ reiche Geheimpolizisten entsandt worden. Des⸗ halb müssen dort die Leute sehr vorsichtig in ihren Reden sein, ein einziges unbedachtes Wort kann zur Verhaftung führen. So wurden zwei Fabrikarbeiterinnen, die den Ausschmückungs⸗ arbeiten zusahen und dabei eine unehrerbie⸗ tige Aeußerung über den Kaiser machten, von zwei auswärtigen Polizeibeamten verhaftet. Auch die Polizei in Hildesheim übt die größte Vorsicht. Sie versendet an die Polizei⸗ behörden anderer Orte folgendes schreiben: Hildesheim, den 6. Oktober 1900. Polizei⸗Direktion. T. BNr. Geheim. Aus Anlaß der Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers und Ihrer Majestät der Kaiserin hierselbst am 15. d. M. ersuche ich, sofortige, wenn nöthig telegraphische Mittheilung hierher gelangen zu lassen, falls dort wohnende Anarchisten oder als solche ver⸗ dächtige Personen sich in der Zeit von heute bis zum 15. d. M. von dort entfernen sollten. Gleichzeitig bitte ich um Mittheilung und Signalement und, wenn mög⸗ lich, um Photographie der betreffenden Person. An die Polizei⸗Behörde zu Da nun aber der Kaiserbesuch verschoben wurde, weil Wilhelm II. noch wegen der Krank⸗ heit seiner Mutter in Homburg bleibt, ist die Hildesheimer Polizei genöthigt, ihre geheimen Zirkulare beim Bekanntwerden des neuen Be⸗ suchstermins noch einmal zu versenden. Die„unwandelbare Treue zu Kaiser und Reich“, welche die Byzantiner dem deutschen Volke bei jeder Gelegenheit nachrühmen, er⸗ scheint durch solche Maßnahmen in eigenthüm⸗ lichem Lichte. Wegen einer„wahrscheinlichen“ Majestäts⸗ beleidigung wurde unser Genosse Haupt, Redakteur de — — — —— P Nilita. nent, auf der wollen ichheit eit der tömischen en geben hre Gtöße am besten uns von cht haben. hat das so spricht illig über habe ein mgehaftet, feinander⸗ Legat Herren in en Kniser Lauff be⸗ rliches chen. r, scheint iz außer zu hal⸗ er Kaiser c Nr. 43. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. „Volksstimme“ in Magdeburg, zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Er soll diese Missethat durch einen in der Zeitung auf⸗ genommenen Witz begangen haben, denselben, dessen Veröffentlichung vor einiger Zeit dem Redakteur der„Thür. Tribüne“, Genossen Lewy, ein Jahr Gefängniß einbrachte. Vom Magde⸗ burger Staatsanwalt mußte selbst zugegeben werden, daß ein Beweis dafür, daß der An⸗ geklagte den Kaiser gemeint habe, nicht mit mathematischer Sicherheit zu erbringen sei; es spreche aber ein hoher Grad von Wahr- scheinlichkeit dafür. Der Vertheidiger er⸗ klärte hierauf, wenn die einzelnen Momente nicht beweiskräftig genug sind, um den An⸗ geklagten zu überführen, dann sei dieses die Gesammtheit der Momente ebensowenig. Es half aber nichts, der Angeklagte wurde ver⸗ donnert. Zwei bemerkenswerthe Anschauungen des Staatsanwalts traten in diesem Prozeß hervor. Erstens hat der Staatsanwalt den Begriff der„wahrscheinlichen“ Strafthat in die Rechtsprechung eingeführt; die Schuld braucht nicht nachgewiesen, sondern nur wahr⸗ scheinlich zu sein. Nach solcher Erweiterung des Schuldbegriffes wird es allerdings niemals mehr vorkommen dürfen, daß das Gericht einen Angeklagten freispricht. Denn„wahrschein⸗— lich“ ist die Schuld jedes Angeklagten, sonst dürfte ja weder die Staatsanwaltschaft Anklage, noch das Gericht das Hauptverfahren einleiten. Es ist eben die Aufgabe des Prozesses selbst, die Schuld mit mathematischer Sicher- heit zu beweisen, die nach den Ergebnissen der Voruntersuchung„wahrscheinlich“ war. Wahrscheinliche Schuld ist nach bisherigem Rechte keine Schuld. Jetzt erfahren wir, daß auch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu einer Verurtheilung führen darf. Es bedarf keiner weiteren Dar- legung, daß damit die Rechtsprechung überhaupt aufgelöst werden würde. Die zweite Ansicht des Staatsanwalts bedeutet einen schweren staats rechtlichen Irrthum. Er meinte näulich, in einer Kritik der verantwortlichen Regierung sei der Monarch mit⸗ getroffen, weil er ja an den Regierungs- akten betheiligt sei. Damit wird die konstitutio⸗ nelle Fiktion, die zwischen dem Monarchen und der Regierung unterscheidet, eine Fiktion, die eine Grundlage unserer Verfassung ist, mit einem Schlage aufgehoben. Jede Kritik einer Regierungshandlung wäre unmöglich; wir hätten einen Zustand, schlimmer als der russische Absolutismus. Eine juristische Uugeheuerlichkeit war es auch, der H. v. Gerlach, der national⸗ soziale Führer, zum Opfer fiel. Er wurde wegen eines in seiner Zeitung„Welt am Montag“ erschienenen Artikels bestraft, für den ausdrücklich ein anderer verantwortlich ge⸗ zeichnet, v. Gerlach also die Verantwortung ab⸗ gelehnt hatte. Von der„Organisation des Handwerks“. Vorige Woche beschloß die Zwangsin⸗ nung der Schneider und Schuhmacher in Saarbrücken in einer bewegten Ver⸗ sammlung ihre Auflösung. Trotz der Be⸗ mühungen des Obermeisters und des Hand⸗ werkerkammersekretärs, die biederen Meister von dem Nutzen der Zwangsinnung zu über⸗ zeugen, stimmten kaum ein Zehntel der über 100 Anwesenden für die Aufrechterhaltung der Innung.— Also selbst in Gegenden, die man gewiß nicht als sozialdemokratisch verseucht be⸗ zeichnen kann, verzichten die Betheiligten auf das so hochgepriesene, von Miquel warm be— fürwortete Mittel zur„Hebung des Hand- werks.“ Bischöfe und christliche Gewerkschaften. Im August wurde, wie herkömmlich, im schwarzen Fulda eine Bischofskonferenz abge⸗ halten, die sich auch mit der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung befaßte. Man beschloß, einen Hirtenbrief zu erlassen, der denn auch kürz⸗ lich belaunt geworden ist. Darin werden die christlichen Vereine gewarnt, sich auf die Neu⸗ tralität einzulassen und empfohlen, die Arbei⸗ ter⸗Vereine nur auf religiöser Grundlage auf⸗ zubauen. Der Freiburger Bischof warnt sogar vor den sogenannten christlichen Gewerkschaf— ten, indem er erklärt, daß das Wort„christlich“ bei diesen Arbeiterorganisationen nur ein lee⸗ rer Schall und Aushängeschild sei. Diese Be⸗ wegung müsse mit nothwendiger Konsequenz zur Sozialdemokratie führen. Gegen diesen bischöflichen Erlaß wenden sich lebhaft die christlichen Gewerkschaftsführer, Sekretär Gies⸗ berts und Bergmann Brust, und verbitten sich im Namen ihrer Organisationen jede Bevor— mungung.— Diese Vorgänge beanspruchen un⸗ ser Interesse im weitesten Maße, wir werden in nächster Nr. noch weiter darauf zurückkommen. Große Wahlunlust zeigte sich bei der Reichstags ersatzwahl im Kreise Hofgeismar⸗Rinteln. Das Ergebniß derselben ist Stichwahl zwischen dem Antisemiten Vogel und Gutsbesitzer Lippoldes, dem Kandi⸗ daten des Bundes der Landwirthe. Letzterer erhielt 2636; Vogel 2353; Garbe(soz.) 16503 Wittje(natl.) 1400 und Ernst(freis.) 317 Stimmen. Eine fürchterliche Schlappe erlitten die Antisemiten, trotzdem der berühmte lex Heinze⸗ Dichter Liebermann von Sonnenberg wochenlang für seinen Trabanten Vogel im Kreise agitirte. 1898 erhielten sie noch 6035 Stimmen, jetzt müssen sie mit einem Drittel davon fürlieb nehmen und es ist sehr fraglich, ob ihnen der Kreis wieder zufällt.— Wir haben aber auch einen bedauerlichen, ziemlich starken Verlust zu verzeichnen. Allerdings handelte es sich sür uns von vornherein nur um eine Zählkandidatur, unsere Genossen scheinen sich aus dem Grunde auch in der Agitation nicht besonders ange⸗ strengt zu haben. Bei der letzten Wahl erhielt unsere Partei 2762 Stimmen. Von der „Hessischen Landeszeirung“ wird dieses Resultat als ein Beweis für die„rückläufige Bewegung der Sozialdemokratie angesehen. So sehr wir diesen Stimmverlust bedauern, meinen wir doch, daß der Verlust einiger Stimmen bei einer Nachwahl nichts bedeuten will. Es heißt doch unsere Bewegung verkennen, daraus auf einen Rückgang unserer Partei zu schließen. Die nationalsoziale„Hessische Landeszeitung“ wird wohl gut thun, vorläufig die Erbschaftsge⸗ danken noch in ihres Busens Schrein zu be⸗ wahren. f Weitere Nachwahlen finden, indem wir dies schreiben, im Kreise Wanzleben, sowie im Kreise Westhavel⸗ lan d statt. Im letzteren unterlag 1898 unser Kan⸗ didat mit nur wenig Stimmen. Vom Reichs⸗ tage wurde die Wahl des konservativen Land⸗ raths v. Loebell wegen grober Wahlbeein— flussung für ungültig erklärt. Im Kreise Wanz⸗ leben war unser Kandidat 1898 zwar in Stich⸗ wahl, doch ist die Aussicht, das Mandat zu er⸗ obern nur eine geringe. Vielleicht können wir die Ergebnisse dieser Wahlen in der vorliegenden Nr. noch mittheilen. Wie für Herrn v. Loebell gearbeitet wird, beweist diese Kirchenanzeige: Fohrde. Vorm. 10 Uhr P. Wagner.(Predigt⸗ Text. 2. Ehron. 20,20:„Glaubet an den Her rn, euren Gott, so werdet ihr sicher sein, und glaubet seinen Pro⸗ pheten, so werdet ihr Glück haben“— mit Bezug⸗ nahme auf die bevorstehende Wahl eines Reichstags-Abgeordneten.) Herr von Loebell ist der Prophet Gottes; der Achtmarkzoll ist göttliche Offenbarung und das allgemeine Wahlrecht ist ein Werk Beelze— bubs. Also verkündet der fromme Pastor. Konfessionsloses Bundesrathsmitglied. Herr Gnauth, der neue hessische Finanzmi— nister, wurde zum stellvertretenden Bundesbe— vollmächtigten Hessens ernannt. Sollten sich darüber die Heiligen und Scheinheiligen nicht entrüsten? Gnauth's Eisenbahnpolitik. Vorige Woche war der Fin anz-Ausschuß zu einer kurzen Berathung in Darmstadt zu⸗ sammengetreten. Unter Anderem urde auch die Nebenbahn vorlage diskutirt, bei welcher Gelegenheit Herr Gnauth erklärte, daß er in dieser Frage im Allgemeinen auf dem Standpunkt seines Vorgängers stehe. Es müsse bei dem Bau von Nebenbahnen sei⸗ tens des Staates darauf gesehen werden, daß. dieselben in die Finanz- und Betriebsgemein⸗ schaft mit Preußen aufgenommen werden, daß die rein lokalen Zwecken dienenden Bahnen von den leistungsfähigen Gemeinden, bez. öffent⸗ lich rechtlichen Verbänden(Kreis oder Provinz) gebaut und daß schließlich, wo das nicht geschehen könnte, auch den Privatgesellschaften der Bau ermöglicht werde. Vorwiegend sei er geneigt, den Gemeinden bez. den Gemeindeverbänden die Konzession für Nebenbahnen zu ertheilen. Die sich an diese Erklärung anschließende De⸗ batte führte zu keiner Verständigung über diese Frage. Das internationale soz. Sekretariat, welches der Pariser Kongreß beschloß, ist nun im Brüsseler„Volkshaus“ eingerichtet und er⸗ öffnet worden. Zum Sekretär ist der ehemalige Lehrer Viktor Serwy ernannt. Belgische De⸗ legirte sind Anseele und Vander velde. Wie nach der Frankfurter Zeitung verlautet, beabsichtigt ein klerikaler Abgeordne⸗ ter, die Regierung über die erfolgte Errichtung des Sekretariats zu interpelliren. Wenn der gute Mann damit etwa das Verbot des Sekreta⸗ riats von der Regierung erreichen willl, glauben wir, daß er wenig Glück hat. Neuer Gesetzentwurf Millerands. Nach Mittheilungen der„Petite Republique“, welche die„L. Vztg.“ wiedergiebt, wird der französische Handelsminister einen in seinen letzten Reden angekündigten Gesetzentwurf ein⸗ bringen, der die Einführung obligatorischer Einigungsämter und Schiedsgerichte bezweckt, und einen anderen, der den Ausstand unter gewissen Voraussetzungen obligatorisch machen soll. Wenn in einem Betriebe oder in mehreren Betrieben Streitigkeiten ausbrechen und die Arbeiter oder ein Theil davon die Arbeit eingestellt haben, so soll, nach den An⸗ gaben der„Petite Republique“, sofort eine Zusammenkunft sämmtlicher Arbeiter der Be⸗ triebe außerhalb der Fabriken veranstaltet werden. Es wird dann über den Fall berathen und darüber geheim abgestimmt, ob der Streik fortzusetzen oder wieder einzustellen sei. Erklärt die Mehrheit, daß nicht gestreikt wird, so wird die Arbeit von sämmtlichen Arbeitern wieder aufgenommen. Entscheidet sich die Mehrheit für den Streik, so wird nach dem Millerandschen Entwurf die Einstellung der Arbeit obligatorisch für alle Arbeiter. Sodann hätten die obligatorischen Einigungs⸗ und Schiedsämter in Funktion zu treten.— Zweifelhaft ist allerdings, ob das Parlament diesem Gesetzentwurfe seine Zu⸗ stimmung giebt; fraglich sogar, ob das Ministerium sein Leben noch so lange fristen kann, um diesen Plan zu verwirklichen. Der Krieg mit China. Winterquartier des Weltgenerals. Graf Waldersee, von dem die Khakipresse zu berichten wußte, daß er von der chinesischen Regierung energisch, aber vergeblich, die Aus⸗ lieferung bezw. Bestrafung der schuldigen Prin⸗ zen und Großwürdenträger gefordert hat, ge— denkt also in den nächsten Tagen sein Haupt⸗ quartier nach Peking zu verlegen. In einer Erklärung, die die militärischen Ereignisse seit der Uebernahme des Oberkommandos zusam⸗ menfaßt, bezeichnet der Weltmarschall nach einer Meldung des Reuterschen Bureaus als Grund der Verzögerung, die Ausschiffung der Trans- portmittel und die Schwierigkeit des Zusam—⸗ menwirken der verschiedenen Truppentheile. Jetzt sei die Lage zufriedenstellender. Die ak— tiven Operationen seien mit der Expedition nach Paotingfu aufgenommen worden. Er sei der Ansicht, daß die Unthätigkeit der Chinesen eine Kriegslist sei, um weitere offensive Maß— regeln thunlichst hintanzuhalten. Lihungtschang ist in Peking eingetrof— fen. Er stattete gleich am Tage seiner Ankunft dem englischen Gesandten Macdonald und den übrigen in Peking anwesenden Gesandten Be— .—.... 8 I SSS SSB A ..— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. suche ab. Lihungtschang theilte nach englischen Berichten dem Gesandten Conger mit, Junglu werde nicht als Bevollmächtigter fungiren, da Einspruch dagegen erhoben worden sei. Vom chine sischen Hofe. Der Kaiser und die Kaiserin trafen, wie aus Shanghai gemeldet wird, in Tungschau ein, eskortirt von den 30000 Mann Tungsuhsiangs. Prinz Tuanu ist wieder allmächtig, führt das kaiserl. Siegel und erläßt reaktionäre Edikte. Die Re⸗ bellen in den Südprovinzen rücken siegreich gegen Kanton vor. Der Vizekönig sandte ihnen ein Korps von 7000 Mann entgegen. Waldersees Empfang. Der ameri⸗ kanische General Chaffee telegraphirte: Graf Waldersee werde am 20. Okt. in Peking erwar⸗ tet; bis dahin hätten alle amerikanischen Trup⸗ pen bis auf 1 200 Mann der Legationswache Peking geräumt. Chaffee ist instruirt, keine ame⸗ rikanischen Truppen am Empfange Waldersees theilnehmen zu lassen. Die russische Legations⸗ wache habe eine ähnliche Instruktion. Der Krieg in Südafrika. Ueberall tauchen zur größten Ueberraschung der Engländer wieder Burenkommandos auf. So wird aus Pretoria gemeldet, daß dort, also unter den Augen des Höchstkommandirenden, der Burengeneral Viljoen, den Botha wie⸗ der in der Befehligung des Hauptheeres abge⸗ löst hat, erschienen ist und sich, umgeben von einer großen Zahl Streiter, zwischen Preto⸗ ria und Johannisburg festsetzte. General Bul⸗ ler hat das Oberkommando niedergelegt und geht nach England zurück. Ein Armeebefehl des Lord Roberts spricht ihm den Dank für die geleisteten Dienste aus. Präsident Krüger, der im Begriff steht, nach Europa zu reisen, richtete von Lorenzo⸗ Marquez aus an die portugiesische Regierung telegraphisch Beschwerde, weil die portugiesi⸗ schen Behörden im Auftrage des englischen Kon⸗ suls sein Gepäck beschlagnahmt hätten. Eine größere, ihm gehörige Summe werde ihm zu⸗ rückgehalten, sodaß er an der Abreise verhin⸗ dert sei. palitisce Rundschau. Gießen, 19. Oktober. Gießener Angelegenheiten. Der neue Bürgermeister. Am Don⸗ nerstag wurde die Wahl eines Bürgermeisters von der Stadtverordneten⸗Versammlung vorge⸗ nommen. Gewählt wurde der bisherige Beige⸗ ordnete in Solingen Baurath Mekum mit 25 gegen 5 St. Diese 5 Zettel waren unbeschrie⸗ ben. Mekum wurde am 24. Jan. 1857 in Köln geboren, besuchte die technische Hochschule in Aachen, und wurde am 16. Jan. 1887 zum Re⸗ gierungsbaumeister ernannt. Hiernach war er im Staatsdienst beschäftigt und zwar bei den Kreisinspektionen zu Wesel und Beuthen und mehrere Jahre hindurch bei der Bauabtheilung des Polizeipräsidiums zu Berlin. Von 1892 bis 1898 war er Stadtbaurath in Königshütte und von da ab erster Beigeordneter in Solingen. — Zum Stiftungsfest des Arbeiter-Gesang⸗ vereins„Eintracht“, das vergangenen Sams⸗ tag im Caffee Leib abgehalten wurde, hatten sich die Besucher ziemlich zahlreich eingefunden. Für Unterhaltung war genügend gesorgt, die Gesänge und die sonstigen Darbietungen befrie— digten allgemein. Würdig und gemüthlich, wie es sich für ein Fest aufgeklärter Arbeiter gehört, verlief das Fest ohne jede Störung. An Sanges⸗ kräften hat der Verein allerdings keinen Ueber⸗ fluß. Hoffentlich gelingt es ihm, seine aktive Mitgliederzahl recht bald zu erhöhen. Tapezierer⸗Versammlung. Ver⸗ gangenen Montag hielt die hiesige Filiale des Tapezierer⸗Venbandes in Lokale„Wiener Hof“ ihre General⸗Versammlung ab. Erfreulicher⸗ weise waren dazu die Gießener Kollegen in ziem⸗ licher Anzahl erschienen und nur wenige der hier Beschäftigten fehlten. 7 Neuaufnahmen wa⸗ ren zu verzeichnen. Ein Theil der reichhaltigen Tagesordnung konnte nicht erlledigt und mußte auf die nächste Versammlung verschoben werden. Diese findet am Montag den 29. Okt. in dem⸗ selben Lokale statt. Auf der Tagesordnung steht u. A.: Vortrag über„Rechte und Pflichten aus dem gewerblichen Arbeitsvertrage.“ Gewerkschaftsversammlung und Vortrag. Am Sonntag Nachm. 4 Uhr findet im Lokal Orbig die regelm. Generalver⸗ sammlung der Gewerkschaften statt, die zu⸗ nächst Berichte des Kartellvorsitzenden entge⸗ gen nehmen wird.— Dann wird Herr Gewerbe⸗ Inspektor Engeln in einem Vortrage schil⸗ dern, was von dem auf der Pariser Weltaus⸗ stellung auf technischem, fachgewerblichem und sozialpolitischem Gebiete Dargebotene, das be— sondere Interesse der Arbeiter beansprucht. Be⸗ kanntlich haben die hessischen Gewerberäthe die Ausstellung im Auftrage der Regierung besucht. Mehrfachen, von Arbeitern geäußerten Wün⸗ schen entsprechend trat das Gewerkschaftskar⸗ tell mit dem Herrn Gewerbeinspektor wegen eines derartigen Vortrages in Verbindung und fand bereitwilliges Entgegenkommen. Wir zwei⸗ feln nicht daran, daß dieser Vortrag für jeden Arbeiter eine Fülle des Lehrreichen, Anregen⸗ den und Interessanten bringen wird. Zahlrei⸗ cher Besuch ist also sehr wünschenswerth. Ein merkwürdiger Grund für Ab⸗ lehnung einer Wirthschafts⸗Konzession wurde von Seiten des Polizeiamtes in der letzten Sitz⸗ ung des Provinzialausschusses ins Treffen ge⸗ führt. Es handelte sich um die Konzessionirung eines weiteren Zimmers, um welche der Wirth Amend für sein Caffee eingekommen war. Dazu hatte sich die Polizei ablehnend ausge⸗ sprochen, weil in diesem Falle eine besonders scharfe Aufsicht nöthig sei, die aber nicht durch⸗ geführt werden könne, weil, wie u. a. angeführt wurde, die Fenster zu hoch gelegen sind, um durch sie die Vorgänge in der Wirthschaft beobachten zu können. Ob für die betr. Wirth⸗ schaft eine scharfe Aufsicht nothwendig ist, wol⸗ len wir dahingestellt sein lassen, obwohl uns mitgetheilt wird, daß dort nie etwas Ungehöri⸗ ges vorgekommen sei. Wenn aber verlangt wird, es soll die Möglichkeit gegeben sein, durch die Fenster der Lokale Beobachtungen anstellen zu können, so ist das eine Forderung, die unseres Erachtens zu weit geht und die kein Wirth er⸗ füllen kann. Es dürften ja dann auch keine Vorhänge ꝛc. angebracht werden! Wird da von die Ertheilung der Konzession zum Wirthschafts⸗ betrieb abhängig gemacht, dann kann sie einem Jeden verweigert werden. Wenn in diesem Falle der Rekurs verworfen wurde, müssen wohl noch triftigere Gründe vorgelegen haben. Aus Wetzlar. Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen findet am Sonntag 21. Okt. im Lokale von Löb(Wiener Hof) in Gießen statt. Auf der Tagesordnung steht Bericht des Vertrauensmannes und Neu- wahl desselben, sowie Bericht des Delegir⸗ ten über den Mainzer Parteitag. Mit der Handwerksrettung beschäf⸗ tigte sich am Sonntag eine Handwerkerversamm— lung im„Schützengarten“, zu welcher auch der Vorsitzende und der Sekretär der Handwerks- kammer aus Coblenz erschienen waren, auch der stellvertretende Landrath war anwesend.— Zu⸗ erst legte sich, wie das seine Pflicht und sein „Handwerk“ ist, der Sekretär Köpper für die Zwangsinnung gehörig ins Zeug. Er bestritt, daß das Handwerk durch die Entwickelung der Produktion zerrieben würde. Für ihn scheint also die jeden Tag wahrzunehmende That⸗ sache, daß die Großindustrie sich immer wei— terer Gebiete bemächtigt und damit das Hand- werk mehr und mehr zurückdrängt, nicht zu existiren. In der Schlosserei, Schuhmacherei und einer Reihe anderer Berufsarten ist das Klein⸗ handwerk so gut wie vernichtet, kein künstliches Mittel wird im Stande sein, die Großindustrie von der Eroberung weiterer Gebiete abzuhalten. Das haben die Handwerksmeister schon vielfach eingesehen; aus vielen Orten kam schon die Nachricht von der Auflösung der Zwangs⸗ innungen— der bsedere Dekrefar der Hand werkskammer stört sich nicht daran, er entwirft vor den Anwesenden ein glänzendes Bild von den Herrlichkeiten des zünftigen Zukunfts⸗ staates, in dem wieder„patriarchalische“ Ver⸗ hältnisse existiren würden und von Sozialdemo⸗ kratie keine Rede mehr sei. Natürlich, Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie ist doch immer die Hauptsache, das haben wir von vornherein als eine Hauptaufgabe der Zünftlerei erkannt. In der Diskussion wurden denn auch Bedenken über den Nutzen der Zwangsinnung laut. Mit Recht hob Herr Bäckermeister Kyrmse⸗Wetzlar hervor, daß dem Handwerker die Maschinen so lange nichts nützen, als er kein Kapital habe, solche anzuschaffen. Auch der Meistertitel könne eine Hebung der Lage der Handwerker nicht bewirken. Auch Herr Waldschmidt ver⸗ spricht sich keinen Erfolg von den zünftlerischen Bestrebungen. Weilburg. Am Dienstag starb im Alter von 76 Jahren der Rechtsanwalt Justizrath Raht, früher Führer der nassauischen Fortschrittspartei und von 1862 bis 1866 Präsident der nassauischen Zweiten Kammer. Raht, ein hochangesehener Jurist, war später noch langjähriges Mitglied des Bezirksausschusses und Kommunalland⸗ tags, trat jedoch nach der Annexion Nassaus po⸗ litisch wenig hervor. Keine Durchbrenner. Durch die Zeitungen ging Anfangs der Woche eine Notiz des Inhalts, daß der Kassirer der Zahlstelle des Schuhmacherverbandes in Offen- bach, Hoffmann, mit einigen hundert Mark Kassengeldern flüchtig geworden sei. In einem Briefe habe er die Absicht ausgesprochen, in's Ausland zu gehen, jedoch fehle jede Angabe, die seine verwerfliche Handlungsweise irgend⸗ wie erklären könnte. H., der eine Frau und vier Kinder zurückgelassen hätte, würde steck⸗ brieflich verfolgt.— Nachträglich stellte sich her⸗ aus, daß sich es hier um einen unüberlegten Streich des betreffenden Kassirers handelte, der Kassenbestand wurde noch in seiner Wohnung vorgefunden.— So ist der reaktionären Presse der fette Bissen entgangen.— Ungetreue Kassirer gab es ja auch in unseren Reihen; glücklicher⸗ weise sind aber derartige Fälle ziemlich selten. Kommt aber wirklich einmal ein Durchbrenner vor, so kann man sicher sein, daß die arbeiter⸗ feindliche Presse mit Gier darüber herfällt, sich bekreuzt und nicht müde wird, darauf hin⸗ zuweisen, zu was für schlechte Kerle die Ar⸗ beiter durch die„sozialdemokratischen Lehren“ erzogen werden. Schade nur, daß wir auf jeden derartigen in unseren Reihen vorkommenden Fall wenigstens hundert geborstene „Ordnungssäulen“ anführen können! Hier sind gleich Einige. In Friedeberg am Queis(Schlesien) er⸗ folgte die Amtssuspension des Pastors Pri⸗ marius Voigt wegen schwerer Sittlich⸗ keits verbrechen. Weiter wird berichtet: Tiefe Einblicke in einen wahren Abgrund sittlicher Ver⸗ kommenheit gewährte eine Verhandlung, die kürzlich vor dem Schwurgerichte zu Saar⸗ brücken stattfand. Auf der Anklagebank saß der ehemalige protestantische Pfarrer und Schulinspektor Pieper aus Elversberg, ein 51jähriger verheiratheter Mann, der Vater zweier Kinder im Alter von 15 und 18 Jahren ist. Der Angeklagte war beschuldigt, zum Kir- chenvermögen gehörige Gelder im Gesammtbe— trage von mindestens 31400 Mark unter⸗ schlagen und, um den Fehlbetrag zu ver⸗ decken, Quittungen des Presbyteriums in der gleichen Höhe gefälscht zu haben. Pieper be⸗ kannte sich der ihm zur Last gelegten Verbrechen, im Allgemeinen schuldig, behauptete aber, daß und die Nothlage ihn zu diesen Handlungen ver⸗ leitet habe. Die Beweisaufnahme förderte aber ferner noch über den sittlichen Lebens- wandel des Angeklagten ganz ungeheuerliche Dinge zu Tage. So wurde unter Anderem be⸗ wiesen, daß Pfarrer Pieper Jahre hindurch im ehelichen Domizil mit zwei Dienstmädchen, die er verführt hatte, nicht nur ein ehebrecherisches Verhältniß unterhielt, sondern sie auch zu wider⸗ natürlichem Unzuchtsverkehr verleitete. Sehr be⸗ zeichnend ist es, daß er beiden Mädchen die Ehe versprach, mit dem Hinzufügen, seine Frau habe nicht mehr lange zu leben! Auch mit zwei Lehrerinnen unterhielt der An⸗ geklagte einen fortgesetzten ehebrecherischen Verkehr, wobei er die Damen ohne alle Be⸗ kleidung in den denkbar unzüchtigsten Stellungen Uhten 78 46 Jahren en Lehren“ r auf jeden kommenden botstent 2 können lesien) kl 0 ots Pli⸗ Zittlit ß Nr. 43. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. photographirte. Ein Gleiches hatte er bezüg⸗ lich der Dienstmädchen gethan. Der Angeklagte aber räumte auch diesen Verkehr und Alles, was an unfläthigem Beiwerk ihm anhaftete, zer⸗ knirscht ein, offenbar, weil er nur auf diese Weise seine Lage einigermaßen glaubte verbessern zu zu können. Nachdem die Geschworenen die Schuldfragen bejaht und die Frage nach mil⸗ dernden Umständen verneint hatten, verurtheilte der Gerichtshof den Angeklagten kostenpflichtig zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf⸗ jährigem Ehrverlust. Ferner: Vom Chemnitzer Landgericht wurde der erste Bürgerschullehrer Rosenberg, ein fa⸗ natischer Gegner der Sozialdemoka⸗ tie, wegen an ihm anvertrauten Schülerinnen begangenen Sittlichkeitsverbrechen zu 2 Jahren 4 Monaten Gefängniß verurtheilt. Wir hatten seiner Zeit über seine Verhaftung berichtet. Noch einer: Vor der Strafkammer des Zwickauer Landgerichtes wurde gegen den frü⸗ heren Vorsitzenden des königl, sächs. Militär⸗ vereins für Niederhaßlau und Umgegend, den Kranlenkassenexpedienten Friedrich Poller, der sich als„Sozialistenfresser“ besonders hervorgethan hat, wegen Unterschlagung ihm an⸗ vertrauter Kassensterbegelder in Höhe von über 3000 Mark verhandelt. Der Angeklagte, der auf etwas großem Fuße lebte, sodaß er mit seinem Gehalte nicht auskam, wurde des ihm zur Last gelegten Deliktes für schuldig erachtet und zu einer Gefängnißstrafe von einem Jahr und 10 Monaten und dreijährigem Ehrenrechtsverlust verurtheilt. f 0 Aus Bamberg melden die Blätter:„Ge⸗ gen den Pfarrer Schüpferling in Breitengüßbach, der vor wenigen Tagen vor dem Bayreuther Schwurgericht gelegentlich der Verhandlung einer Meineidsaffaire eine so überaus traurige Rolle spielte, ist nunmehr von Seiten der Staatsanwaltschaft das Untersuch⸗ ungsverfahren wegen Meineids bezw. An⸗ stiftung zum Meineid eingeleitet worden. Das ist schon eine ganz nette Sammlung! Vorläufig wollen wir es dabei bewenden lassen. Religiöser Wahnsinn. Aus Breitenbach im Kreise Wetzlar wird be⸗ richtet: Das Dorf wird von einer ziemlichen Anzahl Frommer bewohnt. Eine Familie, be⸗ stehend aus der Mutter, zwei erwachsenen Töch⸗ tern und einem Sohne, setzte es sich in den Kopf, in den Himmel fahren zu wollen. Sie bereiteten sich durch Fasten, Beten und sonstige fromme Uebungen gehörig vor, dann verschenkten sie ihre bewegliche Habe, schnitten sich die Haare ab und erwarteten das Zeichen zur Auffahrt. Der Schäfer des Dorfes, der um die 1 wußte, wollte denn auch einen hellen Schein über dem Hause wahrgenommen haben und ver⸗ breitete die Mär von der vollbrachten Himmel⸗ fahrt. Besonnene Nachbarn, die durch das Brüllen des hungernden Viehes aufmerksam ge⸗ macht waren, fanden die vier Himmelfahrer voll⸗ ständig erschöpft und völlig entkleidet zusam⸗ men in einem Bette liegend in einer e e nen Dachkammer vor. Derartige Verrückt⸗ heiten sind in dieser Gegend kaum zu verwun⸗ dern. Die Muckerei greift in der Umgegend 15 Wetzlar in erschreckendem Maße um sich. Zahl⸗ reiche Sekten haben sich gebildet, in denen fana⸗ tisirte Pfaffen tollen Aberglauben verbreiten. Auch religiöse Schriften(Sonntagsblätter) leisten darin Erkleckliches. In Konitz begann diese Woche ein auf acht Tage berechneter Landfriedensbruchsprozeß vor dem Schwurgericht. Es handelt sich um die tu⸗ multuarischen Vorgänge am 1 und e ee gen derer folgende Personen unter Anklage ge⸗ stellt sind: Arbeiter Pittarski, Kniewel, Gatz und Schulz und ferner der Schlosserlehrling Gierschewski, der Besitzer Kath, der Schneider⸗ lehrling Werner, der Knecht Gohr und der Ar⸗ beitersohn Frydrychowicz. Die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Assessor Schulz, die Ver⸗ theidigung führen die Berliner Rechtsanwälte Hunrath und Zielowski. f Noch einige entgleiste Seelenhirten. Wegen des Verbrechens der Schänd ung und der Verführung zur Unzucht wurde zu achtzehn Monaten schweren Kerkers, ver⸗ schärft durch einen Fasttag im Monat, der Pater Leo Hinterhölzer in Eidenberg(Nieder- österreich) verurtheilt. Es hatte den Eiden⸗ bergern bekanntlich große Mühe gekostet, den Sittlichkeitsverbrecher als Geistlichen loszuwer⸗ den. Als nämlich die Schulmädchen nach Hause kamen und erzählten, daß der saubere Herr sie in die Sakristei gelockt und dort an ihnen Sitt⸗ lichkeitsverbrechen begangen habe, gingen die Bauern zum Pfarrer von Gramastetten und verlangten die Entfernung des Pater Leo. Der Pfarrer erwiderte, daß er die Anzeige nicht glaube, ein Priester thue so etwas nicht. Der Abt Gratböck wieder tröstete die Angehörigen der mißbrauchten Kinder damit, Pater Leo werde ohnehin bald Pfar⸗ rer und kommewo anders hin. Als alle Beschwerden vergeblich blieben und die Vor⸗ gesetzten des Pater Leo nicht einschreiten woll⸗ ten, kamen die Bauern in die Redaktion des Linzer Partei⸗Organs, und baten, diese möge etwas un um den Pater von Eidenberg fort— zubringen. Mittlerweile hatte ein Bauer auch die Anzeige bei der Gendarmerie erstattet, und diese hatte den sauberen Religionslehrer ver⸗ haftet. Wegen Unterschlagung von 7000 Mark hatte sich vor dem Augsburger Landgericht der Pfar⸗ rer Augustin Weber zu verantworten. Weber ist Pfarrer in der Marktgemeinde Schwabmün⸗ chen, einer ziemlich reichen Pfründe, auf der er nicht nur auf das geistige Wohl seiner Schäf⸗ chen, sondern auch auf das eigene pekuniäre be⸗ dacht war. Der Staatsanwalt beantragte zwei Jahre Gefängniß, wogegen das Urtheil auf 7 Monate lautete. Welch' eine Sittenlosigkeit. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 18. Oktbr. Aus Kirchhain. Im August ds. Is. wurde in der Nähe von Großkarben ein Arbeiter ermordet und seiner Habseligkeiten beraubt. Trotz unablässiger Nachforschungen und trotz⸗ dem eine Belohnung von 400 Mark ausgesetzt war, wurde man des Thäters nicht habhaft. Vor einigen Tagen kehrte nun ein Handwerks- bursche in der Herberge zu Kirchhain ein, der sich durch auffälliges Benehmen bemerkbar machte und auch Aeußerungen in Bezug auf den Mord verlauten ließ. Der Besitzer der Her- berge verständigte den Gendarm hiervon und verhörte unterdeß den Verdächtigen, der nach anfänglichem Leugnen seine Mitschuld an dem Morde eingestand. Seine Verhaftung folgte auf dem Fuße. Die Staatsanwaltschaft in Gießen wurde sofort von dem Vorgefallenen benach— richtigt. (Einem Anderen an dem Mord Betheiligten scheint man ebenfalls auf der Spur zu sein. Derselbe, Namens Erner, suchte in Seck⸗ bach Arbeit und bediente sich der Invaliden— Karte des ermordeten Möller. Er wird steck⸗ brieflich verfolgt.) Kindesmord. In Rauisch-Holzhausen bei Kirchhain hat die 42 Jahre alte Katharina Rauch, welche seit neun Jahren von ihrem Manne ge— trennt lebt, geboren und das Kind sofort ver— brannt. Von Hausbewohnern wurde der Vorfall der Polizei angezeigt. Eine sofort vorgenommene Untersuchung, an der auch Herr Kreisphisikus Klingelhöfer aus Kirchhain theilnahm, bestätigte den Verdacht, indem noch ein Beinchen, sowie verschiedene Knochenüberreste gefunden wurden. Die Staatsanwaltschaft in Marburg erhielt so— fort Nachricht. Die Frau bestreitet die Thäter⸗ schaft. Die Untersuchung wird ja bald das Nähere zu Tage fördern.— Was mag die Frau wohl zu diesem Verzweiflungsschritt getrieben haben? Jedenfalls hat sie das Leben auch nur von der schlimmen Seite kennen gelernt. Ver- brechen dieser Art, die kaum verschwiegen bleiben können und mit der schwersten Strafe bedroht sind, stellen sich bei genauerem Zusehen als Thaten der Verzweiflung heraus, für die man die Thäterin kaum verantwortlich machen kann. Viele solcher Verbrechen sind als Symptome des herrschenden sozialen Elends aufzufassen. Arbeiterbewegung. — Der Saalbau zu Offenbach, der der dortigen Arbeiterschaft zum künftigen Heim dienen wird, geht seiner Vollendung entgegen und die feierliche Eröffnung steht für Anfang November bevor. — Ein erfreuliches Wachsthum zei⸗ gen die beiden größten Gewerkschaften, die der Metallarbeiter⸗ und der Holzarbeiterverband. Die Mitgliederzahl des ersteren beträgt nahe an Hunderttausend; während der Holz⸗ arbeiterverband die seine auf über 80 000 stei⸗ gern konnte. Das sind sehr schöne Erfolge; im Verhältniß zu der Zahl der in den beiden In⸗ dustrien Beschäftigten aber, sind sie noch immer gering und die Agitationsarbeit muß nachhal⸗ tig fortgesetzt werden. Bei den Gewerbegerichtswahlen in Hagen herrschte eine ungemein große Bethei⸗ ligung, indem ca. 2000 Berechtigte an denselben theilnahmen. Die Beisitzer der Arbeitnehmer aus den Fabrik- und Handwerkbetrieben wurden ausschließlich und glatt nach der Liste der Ge⸗ werkschasten gewählt. In der Gruppe der Hand⸗ werk-Arbeitgeber drang die Liste der Hirsch⸗ Dunkerschen Gewerkvereine und der vereinten Bauhandwerker durch. Bei den Ortskrankenkassen⸗Wah⸗ len in Schöneberg siegte die Liste der or⸗ ganisirten Arbeiter mit 1084 gegen 207 Stimmen. Bei den Gewerbegerichtswahlen in Kostheim bei Mainz siegte die Liste unserer Genossen mit großer Mehrheit über die katho⸗ lische Liste. Trotz ungeheurer Agitation brachte es letztere nur auf 73 Stimmen, während für die Liste des Gewerkschaftskartell 212 abgegeben wurden. Auch die sozialistische Liste der Arbeitgeber siegte mit 26 Stimmen, die⸗ jenige der Zentrumspartei erhielt nur 19 Stimmen. Partei⸗Nachrichten. Das Parteitags-Protokoll ist er⸗ schienen. Auf 264 Druckseiten enthält es die fast wörtliche Wiedergabe der Verhandlungen des Mainzer Parteitags, den Bericht über die Frauenkonferenz, sowie den Bericht des Par⸗ teivorstandes und der Reichstagsfraktion. Für jeden Genossen, der sich über die Fragen, welche die Partei bewegen, unterrichten will, bildet das Protokoll eine ebenso nothwendige, wie anregende und interessante Lektüre.— Der Preis beträgt 50 Pfg. Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen. Sountag, den 21. Oktosber, Nachmittags 4 Uhr, im Lokale des Herrn Löb,„Zum Wiener Hof“, Johannesstraße 3, in Gießen. Parteiversammlung. Tagesordnung: 1. Jahres- und Kassenbericht des Kreisvertrauensmannes. 2. Berichterstattung vom Parteitag in Mainz. 3. Neuwahl des Kreisver⸗ trouensmannes. 4. Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 20. Oktober: Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig Montag, 22. Oktober. Gießen. Schneider abends ½9 Uhr bei Orbig. Qittungen. R Hchhm. 27.—. Sch. Fellgh. 1.60. Tgd.⸗S.—.40. Schr.⸗The. 1.80. Br. Rdgn. 1.40. Wklr. Röhm. 12.—. F;. Ech. 9.—. Ntr.⸗Lbch. 7.20. Sg. Hchst. 2.40. Rs. Lllr. 3.60. Pz. S. 1.— Grgr. Mog. 27.60. Ptr. Gßl. 3.80. Dhl. G.— 25. Kft. Wßmr. 7.20. Leost. Weck. 24.40 3. Nh. 4.20. Sgfr. Abck. 8—. Ccht. Gbg. 6.—. Br. Rögn. 2.—. L. G. 1.—. Strck. G. 5.—. Schmdt. G. 23.50 Wtr. Wwe. Ebch. 2.—. Dthfr. Egstrn 4.20. Hdch. Kzbch. 4.20. Th. Rod. 1.20. Sch. Fllgh. 1.60. Ly. G. 6.50. Von Lollar für Parteitag: Mk. 7.— A. Bck Letzte Nachrichten. Bei der Reichstagsersatzwahl im Kreise Wanzleben wurden bis jetzt abgege— ben für Gerlach(soz.) 6048, für Schmidt(na⸗ tionallib.) 5116, v. Kotze(kons.) 3751 Stimmen. (1898 erhielt Gerlach im Ganzen 64078t.) Im Kreise Westhaveland wurden bis jetzt gezählt für Peus(soz.) 9511; für Loebe) (kons.) 7067; Bode(freis.) 3426 Stimmen. 1898 wurden nur 9 263 soz. Stimmen ab- gegeben. Vgl. Or. 18.60. Schld. Fim. 1.— Ach. Kid. 7.60. Ml. G. 22.00. T—. 2 13 * Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 43. Unterhaltungs⸗Theil. 75 Krieg und Christenthum. Ihr mögt von Kriegs⸗ und Heldenruhm So viel und wie ihr wollt verkünden, Nur schweigt von eurem Christenthum, Gepredigt aus Kanonenschlünden! So schlagt euch wie die Heiden weiland, Vergießt so viel ihr müßt des Bluts, Nur redet nicht dabei vom Heiland. Noch gläubig schlägt das Türkenheer Die Schlacht zum Ruhme seines Allah, Wir haben keinen Odin mehr, Todt sind die Götter der Walhalla. Seid was ihr wollt, doch ganz und frei, Auf dieser Seite wie auf jener, Verhaßt ist mir die Heuchelei Der kriegerischen Nazarener. Friedrich v. Bodenstedt. Dunkle Mächte. 9 Roman von Elise Langer. „Gnädige Frau“, stammelte sie,„wenn ich, wie ich annehmen muß, die geschiedene Frau Doktor Brandt's vor mir habe—“ „Die geschiedene? Was soll das heißen? Wer hat Ihnen das gesagt? Doch nicht er selbst? Da hätte er sie einfach getäuscht. Von Scheidung ist zwischen uns nie die Rede ge⸗ wesen, und ich will wünschen, daß dieser Irr⸗ thum Ihrerseits“— sie betrachtete Helma von oben bis unten—„keine Illussionen in Ihnen erweckt hat, die unrealisirbar sind.“ Helma starrte die Sprecherin mit weitge⸗ öffneten Augen an. „Doktor Brandts Ehe ist nicht geschieden?“ keuchte sie. „Ganz sicher nicht. Wir haben uns gütlich getrennt, aus Gründen, die— nun, die niemand etwas angehen. worden. Ich bedauere, Sie hätten sich besser erkundigen sollen.“ N Das war zu viel. Umsonst strebte Helma, sich aufrecht zu erhalten. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Bewußtlos sank sie zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrer Stube auf dem Bette, und Ida, das Dienst⸗ mädchen, stand daneben, ihre Schläfen mit Wasser benetzend. „Ach, Gott sei Dank, Fräulein, daß wieder erwachen,“ sagte sie.„Es hat so lange ge⸗ dauert. Herr Gott, was ist das nur alles? Wer ist denn die fremde Dame, die so thut, als ob sie hier zum Hause gehört? Ach, liebes Fräulein, werden Sie nur nicht krank, sonst geht ja alles drunter und drüber.“ „Schon gut, schon gut, Ida, ich danke Ihnen. Mir ist ganz wohl jetzt. Wie spät ist es? Ist der Herr schon fort? Ida bejahte. Die Dame wäre bei den Kindern, welche heftig zu weinen angefangen hätten, als das Fräulein in Ohnmacht gefallen sei. Ida wäre auf den Ruf der Dame herbei⸗ geeilt, und dann hätten sie sie zusammen auf das Bett getragen. Helma sagte, es sei ihr zu dumpf im Kopfe, sie wolle aufstehen und ein wenig an die Luft gehen. Sie hielte es im Zimmer nicht aus. Ida half ihr sich ankleiden, dann verließ Helma das Haus. Es war ein kalter, stürmischer Maitag. Schwere, fahle Wolken jagten am Himmel hin und spiegelten sich in dem von kurzen Regen⸗ güssen nassen Trottoir. Der Kampf gegen den Wind that Helma wohl. Diese physische Kraft- anstrengung zog sie eine Weile von allem Denken ab. Ohne Zweck und Ziel irrte sie eine Zeit lang in den einsameren Straßen umher. Dann kam ihr plötzlich der Gedanke, zu Frau Kolweit zu gehen. Die beiden hatten sich öfter kurze Besuche gemacht und eine herzliche Freundschaft für einander gefaßt. Der Weg war freilich weit, aber entschlossen schlug sie ihn ein. Die Wohnung, welche das junge Paar inne hatte, bestand aus drei freundlichen, geräumigen Ich sehe, Sie sind betrogen Stuben in einem hübschen neuen Hause. Die Gegend war noch wenig bebaut, aber man hatte eine freie Aussicht fast bis an den Horizont und dafür nahm man manche Unbequewlichkeit gern in den Kauf. Das letzte Tageslicht war im Schwinden, als Helma anlangte. Die stillen, teppichbelegten Treppen, von hellen Gasflammen beleuchtet, machten bei dem Sturm, der in ihr und draußen tobte, einen fast feierlichen Ein⸗ druck auf sie. Doch langsamer und langsamer stieg sie die drei Treppen hinauf. Auf der letzten war sie noch ungewiß, ob sie klingeln sollte, aber wie von einer geheimen Macht ge⸗ trieben, zog sie die Glocke. Ein junges Dienstmädchen mit weißem Ten⸗ delschürzchen öffnete ihr und führte sie in das Wohnzimmer. Welch' Bild des Friedens bot sich ihr hier! Mit einer Handarbeit beschäftigt, saß die junge Frau bei der bereits angezündeten Lampe auf dem Sopha, neben sich den kleinen Bruder, dessen Schularbeiten überwachend, wäh⸗ rend in der Mitte des Zimmers der Tisch zum Abendbrot gedeckt stand und vor den Fenstern Blattpflanzen und Topfgewächse aller Art sich auf den sturmroten Abendhimmel abzeichneten. Auf dem Tische summte schon die Theemaschine, deren Spiritusflamme hier und da ein Glanz⸗ licht auf das hübsche neue Service warf. Der Hausherr blieb heute ungewöhnlich lange aus. Frau Käte wartete schon mit einiger Ungeduld auf ihn. Helmas Erscheinen zu dieser Stunde und ihr blasses Aussehen verursachten ihr da⸗ her ein wenig Unruhe, besonders da die Freun⸗ din sie mit großer Hast allein zu sprechen verlangte. Käte führte den Gast in ihres Mannes Ar⸗ beitsstube. „Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?“ fragte sie, indem sie mit unsicheren Händen die Lampe anzündete. Helma antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie leise: „Seine Frau ist heute angekommen.“ Käte wußte nicht, was sie meinte. „Wessen Frau? Dr. Brandts Frau, von der er geschieden ist?“ „O nicht wahr? Sie haben das auch ge⸗ glaubt? Das mußte man nach seinen Reden glauben. Aber er ist es nicht. Sie leben nur getrennt voneinander— separirt, wie er gesagt hat. Aber für den Nicht⸗Juristen heißt sepa⸗ riert soviel wie geschieden. Wer denkt sich etwas anderes darunter? Und da er beide Kinder hat, wurde man in dieser Auffassung bestärkt; man mußte glauben, daß sie als der schuldige Theil befunden worden sei. Dieses unglückse⸗ lige Mißverständniß! Seine Frau ist jetzt da, um Emmy zurückzuholen.“ „Nun, und weiter?“ Weiter? Ich weiß es nicht.“ Frau Käte war vor Helma stehen geblieben, die sich erschöpft auf dem Sopha niedergelassen hatte. Jetzt legte sie ihre beiden Hände auf die Schultern und sah sie eine Weile liebevoll forschend an. „Die Sache ist Ihnen nicht gleichgiltig, ich verstehe. Es ist mir nicht entgangen, daß Doktor Brandt eine warme Zuneigung für Sie hat, und ich glaube, sie ist nicht unerwidert ge⸗ blieben. Arme Helma“, fuhr sie leiser fort und nahm sie in ihre Arme, als sie sah, daß jene mit Thränen kämpfte.„Aber es ist ja nichts verloren. Seine Frau kann doch nichts gegen einer Scheidung haben, wenn sie aus eigener Wahl getrennt von ihm lebt. Hat er Ihnen denn seine Liebe gestanden?“ Helma zuckte zusammen und blieb stumm. „Er hat es gethan, nicht wahr? ohne Ihnen reinen Wein einzuschenken. Das war unehr⸗ lich von ihm— aber vielleicht wollte er alles ebnen, sobald er Ihrer Gegenliebe gewiß war. Und hat er sie in böser Absicht getäuscht— nun, so können Sie froh sein, noch rechtzeitig aufgeklärt worden zu sein. Sie werden es über⸗ winden— freilich, das Haus werden Sie ver⸗ lassen müssen.“ Helma fiel ihr aufschluchzend um den Hals. „Ach, wenn ich es könnte=“ Wie ein Blitz die nächtliche Landschaft er⸗ hellt, so jäh wurde Käten bei diesen Worten Helmas Lage klar. Im ersten Moment wich sie ein wenig von der Freundin zurück; aber schon siegte ihr menschenfreundliches, mitfüh⸗ 2 0 lendes Herz. Zu sagen vermochte sie einige Sekunden lang nichts, aber sie drückte das un⸗ glückliche Mädchen fester an sich. „Arme Helma. Verzweifeln Sie nicht. Es wird Rath geschafft werden.“ „Ach, wie ist mir zu helfen? Wie ich die Frau kennen gelernt habe, willigt sie nicht in die Scheidung.“ „Das müssen wir abwarten. Auf mich kön⸗ nen Sie aber zählen. Ich will zu Ihnen stehen, Sie nicht verlassen. Das sind wir armen Frauen einander schuldig. Helma ergriff Frau Kätens Hand und drückte sie, ehe diese es hinden konnte, an ihre Lippen. In demselben Augenblick ließen sich männ⸗ liche Tritte im Koridor hören. „Um Gotteswillen, Ihr Gatte,“ rief Hel⸗ ma.„Ich kann ihm heute nicht begegnen. Las⸗ sen Sie mich ungesehen hinaus.“ Käte begriff Helmas Scheu. Sie führte sie rasch in ihr Schlafgemach und durch dieses zur Korridorthür, die sie nach einem festen Hände⸗ druck und einem Blick, in dem die ganze Zu⸗ verlässigkeit ihrer treuen Seele spiegelte, hin⸗ ter der Freundin schloß. „Guten Abend, Weib. Nun, ich habe Dir eine schöne Geschichte zu erzählen“, rief Kol⸗ weit seiner Frau entgegen, die er zärtlich um⸗ armte und küßte. „Was, noch eine Geschichte?“ fragte Frau Käte, sich zu einem heiteren Tone zwingen. „Noch eine? Darnach scheint's, als ob auch Du eine in Petto hast. Na, dann schieß los.“ „Nein, erst Deine.“ „Weißt Du was, ich denke wir essen erst. Vielleicht hören sich unsere Geschichten dann besser an. Ich habe einen riesigen Hunger.“ Beide Gatten waren bei Tisch ziemlich ein⸗ silbig und ließen Fritz die Kosten der Unterhal⸗ tung bestreiten. Nachdem der Knabe zu Bett geschickt worden, und Frau Käte ihre Wirtschaft besorgt hatte, ging sie in das Arbeitszimmer ihres Gatten, in dem das Paar die Abende zu⸗ brachte. Bei ihrem Eintritt fand sie ihn ge⸗ dankenvoll auf seinem Arbeitsstuhle sitzend. „Was, keine Pfeife?“ rief sie.„Nein, das ist ungemütlich. Nur erst die Stambulka ge⸗ stopft, ehe Du Deine Geschichte beginnst. Ich hoffe, sie ist nicht allzu tragisch.“ „Ja, Herz, sie ist leider tragisch genug. Was ich schon einige Zeit geargwöhnt, hat sich heute bestätigt.“ b„Daß die Brandtsche Ehe nicht geschieden ist?“ 3 Kolweit sah sie verwundert an.„Wie kommst Du darauf? Gott im Himmel, Ihr Frauen habt auch immer gleich so was im Kopf. Nein, die Sache ist die: ich habe jetzt die bündigsten Be⸗ weise, daß Brandt im Solde der Regierung steht.“ Und nun erzählte er seiner gespannt aufhorchenden Gattin sein heutiges Erlebnis. „Ich war etwas später als sonst fertig ge⸗ worden, und im Begriff nach Hause zu gehen. Als ich auf die Straße trete, kommt ein Mann, der ein Pferd am Zügel führt, auf mich zu der Hand hielt, abgeben könnte. Er wäre vom Ministerium des Innern an die Redaktion des „Norddeutschen Beobachters“ geschickt, und der Ich gehöre zur Redaktion, ich werde den Brief abgeben, sagte ich Oh er auch ganz sicher sein könnte, daß der Brief in die rechten Hände käme. Ich sagte, ja, er könnte ganz sicher sein. Er dankte und schwang sich wieder auf sein Pferd. Ich nun hinauf. Brandt saß noch über seinem Leitartikel, der ihm heute nicht aus der Feder schlechter Laune. Hier, sagte ich, ein Brief aus dem Ministerium, den ein reitender Bote ge⸗ bracht hat. Der Artikel muß— muß noch heute in Satz. Nun wird das Bündnis mit der Regie⸗ rung wohl nicht mehr abzuleugnen sein. Damit empfahl ich mich. Ich sah nur noch, daß er puterroth wurde, und daß ihm die Stirnadern fingerdick anschwollen.(Forts. folgt.) —.—̃̃ — D —.. —̃̃̃̃̃—— vaschie Arbeit in der gen vii run lahen. t N wit gleiste Schu list si det E unglüt hort ahlur D Aub. 4 Gar Kin! neh und Dutz Verd also 2 orden oder scharf schen, Zimn um kum Man diener 1 1 seger 5 erst! die p beiter te Ira Jr zwingen 5 Ob aug schieß los Meß los beitszimm Ahonde 2 Abende z 1 l; ihn ge⸗ le sitzend. Vein 90 on Ulle Nr. 43. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Ainderausbeutung. Ueber die Ausbeutung der Kinder in den Altenburger Knopffabriken, die sich vornehmlich in den Städten Gößnitz und Schmölln befinden, wird der„Berliner Volkszeitung“ geschrieben: „Morgens um sechs Uhr geht das Kind nach seiner Arbeitsstelle, die in der Regel in der nächsten Nachbar schaft liegt, arbeitet bis zum Beginn der Schule, kommt nach der Schule wieder, arbeitet bis zwölf Uhr, pausirt bis ein Uhr, um dann die Arbeit mit der durch die Schulzeit verursachten Unterbrechung bis abends sieben Uhr fortzusetzen. Ich habe verschiedene solcher Arbeitsstätten besucht. Die Arbeitsstätte ist Wohnstube und Küche zugleich; in der Nähe des Fensters steht ein Tisch, um den vier, fünf, sechs und oft noch mehr Kinder herumsitzen und eifrig Knöpfe auf Kartons nähen. Kaum daß sie sich Zeit nehmen, das mit Margarine beschmierte Stück Brot hinunter⸗ zuwürgen, denn die Arbeit wird im Accord geleistet. Nach Feierabend geht es an die Schularbeiten; wie sie ausfallen müssen, läßt sich denken. Kommen die Schulferien, die der Erholung dienen sollen, dann sitzen diese unglücklichen Geschöpfe volle 12 Stunden dort und nähen Knöpfe auf! Und die Be⸗ zahlung? Der Fabrikant zahlt für 12 Dutzend Knöpfe sortiren und auf Kartons nähen 4½ Pfennig, dafür muß aber noch das Garn selbst gekauft werden. Die Kinder erhalten von den Zwischenunter⸗ nehmern für 12 Dutzend 2 Pfennig, und da ein fleißiges Kind täglich bis zu 120 Dutzend Knöpfe aufnähen kann, so stellt sich der Verdienst auf 20 Pfennig pro Tag, also 120 Pfennig pro Woche! Die Augen leiden bei dieser Arbeit außer⸗ ordentlich; es gibt Kinder, die mit neun, zehn oder elf Jahren schon genöthigt sind, ziemlich scharfe Augengläser zu tragen. Man muß sie sehen, diese armen Geschöpfe! Von der ftickigen Zimmerluft gebleicht, hohlwangig, so sitzen sie am Tisch, die Fingerchen führen flink die Nadel, kaum daß ein Wort während der Arbeit fällt, man möchte ja die 20 Pfennig täglich ver⸗ dienen. Wo die Kinder bei den Eltern arbeiten, liegen die Dinge womöglich noch schlimmer; denn hier ist von einem geregelten Feierabend erst recht keine Rede. Nicht selten ist dort erst die physische Unmöglichkeit, noch weiter zu ar⸗ beiten, die Grenze des Arbeitstages. f Das sind Thatsachen, die von keiner Seite bestritten werden können; durch diese Anspannung der Kinder ift die Schwöllner Knopfindustrie groß geworden. Daß aber das Geschäft seinen Mann nährt, davon legen die herclich und staubfrei gelegenen, luxuriös ausge⸗ statteten Villen der Schmöllner Indust⸗ riellen beredtes Zeugniß ab. Die Unter⸗ nehmer sind zun Theil in verhältnißmäßig kurzer Zeit außerordentlich reiche Leute geworden. Müssen unter solchen Unständen zahlreiche Kinder ihre ganze Jugend opfern, um für sich selbst wöchentlich 1 bis 2 Mark zu verdienen? Trägt eine Industrie, die zu der⸗ artig raschen Kapitalansammlungen in Unter⸗ nehmerverbänden führt, nicht so viel, daß er⸗ wachsenen Arbeitern Löhne gezahlt werden, die ihnen selbst wie den Kindern ein menschen⸗ würdigeres Dasein gewährleisten? Bezeichnend für den Tiefstand des sozialen Empfindens mancher Kreise ist es, daß das Organ der Altenburger Agrarier sich dieser Kinderfrohn freut, u. 4. auch deßhalb, weil es „für die Kinder besser ist, nicht ziel⸗ und plan⸗ lios auf der Straße herumzulungern und schlechte Streiche auszuhecken“. Es genügt, diese Weis⸗ heit aus dem Lande der Sozialpolitik“— so nennen manche das Deutsche Reich— niedriger zu hängen.— Jedes Wort der Kritik zu diesem Bilde sozialen Elends erübrigt sich. Als Aber in Paris die Segnungen der deutschen Sozial⸗ politik den Weltausstellungsbesuchern vorgeführt wurden, die von den Offiziösen so über den grünen Klee gelobt wurde, da war von solchen Bildern deutscher Sozialpolitik nichts zu sehen. Vierter KAlasse. Standes gemäß fährt man bekanntlich in der vierten Klasse; zum Sitzen auf den schmalen harten Bänken kommen nur wenige Fahrqgäste. Wie es heißt, soll Herr von Thielen sich jetzt zu der beachtenswerthen Reform entschlossen haben, daß er in den Wagen Handgriffe anbringen läßt, woran sich der Passagier beim Stehen festhalten kann. Auf einigen Linien sind solche schon angebracht. Vielleicht kommt der Eisen⸗ bahnminister bei dieser Gelegenheit zu einigen andern nicht minder nothwendigen Neuerungen. Zunächst erinnern wir daran, daß, so unglaub⸗ lich einem späteren Kulturhistoriker dies auch klingen mag, in der vierten Klasse recht oft kränkliche Personen fahren, die sich etwa nach einem ihnen von der Kasse verordneten Erholungsheim begeben wollen und die daher den überdies vom Havannaduft sehr entfernten Tabaksdunst nicht vertragen können. Nicht⸗ raucherkoupees sind auch in der vierten Wagen⸗ klasse außerordentlich nothwendig. Dann gibt es in der vierten Wagenklasse immer noch keine Aborte, obgleich sie in dieser Wagenklasse nothwendiger wären, wie in den besseren, weil sie eben stets stärker besetzt ist. Man mag darauf hinweisen, daß die Bummel⸗ züge ja längeren Aufenthalt auf den einzelnen Stationen haben und daß hier Gelegenheit zur Verrichtung gewisser Bedürfnisse gegeben sei. Aber abgesehen von der häufigen Ungunst dieser Gelegenheit ist ein solcher Einwand hinfällig, so lange es dem preußischen Bureaukratismus noch nicht gelungen ist, den Fahrgaft vierter Klasse die Kunst zu lehren, daß er seine Bedürfnisse mit dem Eisenbahn⸗Fahrplan in genaue Har⸗ monie bringt. Man ziehe ferner in Betracht, daß beim Halten des Zuges die wenigen Aborte auf einer Station nicht genügen, daß manche Reisende aus Furcht, daß ihnen das Gepäck ab⸗ handen komme oder daß sie den Zug versäumen, sich nicht getrauen, den Wagen zu verlassen. Und dann ist der schwerwiegende Uustand zu er⸗ wägen, daß in keiner Wagenklasse so viele Kinder fahren, als in der vierten und daß diese kleinen Geschöpfe in dem in Betracht gezogenen Punkt sich keinerlei Gewalt anthun können. Von den unbeschreiblichen Zuständen, die gerade hieraus entstehen, kann nur der einen Begriff haben, der selber vierter Klasse zu fahren ge⸗ zwungen ist. Vor Allem sollte aber der Ueber füllung der vierten Wagenklasse gesteuert werden. Wie die Schagfe werden oft die Passagiere zusammen⸗ gepfercht, während soundsoviele Wagen der besseren Klassen leer mitlaufen. In dem über⸗ füllten Wagen entwickelt sich oft eine geradezu un⸗ erträgliche Luft, wodurch die Volksgesundheit empfindlich geschädigt wird.— Auch mit der Reinlichkeit sieht's äußerst trübe aus. Wir fanden auf der Linie Cassel— Frankfurt Wagen, welche aussahen, als ob sie seit vielen Wochen nicht gereinigt wären. Hieran trägt aber auch das Publikum einen Theil der Schuld; durch etwas mehr Rücksicht könnte es in manchen Fällen wohl etwas zur Aufrechterhaltung der Rein⸗ lichkeit beitragen. Sollte der auf Millionenüberschüsse hinar⸗ beitende Eisenbahnminister noch daran zweifeln, daß die paar hier geforderten Neuerungen noth⸗ wendig sind, so rathen wir ihm dringend, es einmal mit einer Fahrt von Frankfurt nach Hamburg oder Berlin nach Posen in der vierten Klasse zu versuchen. Für die Unannehmlich⸗ keiten, die ihm auf solcher Fahrt erwachsen, wird ihn als braven preußischen Beamten zweifel⸗ los das Bewußtein entschädigen, daß die vierte Klasse diejenige ist, die dem Staate den meist en Gewinn einbringt. Jesefrüchte. Die Quelle des Uebels liegt im Menschen. Unwissenheit und Habgier sind die zwei großen Laster, die Fein de der Menschheit. Durch sie scheiden sich die Menschen in Unterdrücker und Unterdrückte, in Herren und Sklaven; sie ver⸗ wirren die Ideen vom Guten und Bösen, vom Gerechten und Ungerechten; sie sind der Fluch des Menschengeschlechtes. * Eine Thräne zu trocknen ist ehrenvoller, als Ströme von Blut zu vergießen. Volney. Byron. Man will bemerkt haben, daß die Leute in dem Verhältnisse gescheidt waren, als sie nicht gelehrt waren: wenigstens findet man, daß die Gelehrtesten nicht sehr gescheidt sind. * Was Reichthum zu sein scheint, ist in Wahrheit vielleicht nichts als der vergoldete Anzeiger weitreichenden Verfalls; eines Kaperers handvoll Gold, am Strande aufgelesen, wohin er eine Flotte betrügerisch gelockt hat; eines Marketenders Bündel Lumpen, von den Leibern gefallener Soldaten zusammengerafft; die Kauf⸗ stücke für den Blutacker, worin der Bürger mitsammt dem Fremdling begraben werden soll. John Ruskin. Seume. Meinungen und Stimmungen. Als Glück der Armuth pries man jüngst mir sehr: Wer nichts besitze, könn' auch nichts verlieren!— O, welches Glück, erfroren sein! Denn wer Bereits erfror, der kann nicht mehr erfrieren! Friedr. Halm. * Eins ist noth. Laßt endlich doch von Euren Zwisten, Ihr Idealisten und Realisten, Im Credo“) nicht sucht Eure Stärke, Zeigt uns nur gütigst gute Werke. Schönfeld. *) Glaubensbekenntniß. Allerlei. Rentables Christenthum. Für den Erzbischof John Hennessy in Dubuque, Jowa, hat sich die Verachtung„der Schätze, so die Motten und Rost fressen“, und das Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams gelohnt. Er hat ein Vermögen im Werthe von einer Million Dollars seinen lachenden neun Erben und den„Schwesterschaften der Kirche in Jowa“ hinterlassen.„Nicht wahr, die Geschichte von dem armen Zimmermann aus Nazareth lohnt sich immer noch?“ fragte ein Papft einmal. Gewiß, sie lohnt sich auch noch an der Schwelle des 20. Jahrhunderts. Das meta⸗ physische Bedürfniß der Menge zu befriedigen, ist eins der einträglichsten und bequemsten Geschäste. Humoristisches. Anzüglich.„Findest Du nicht, daß ich eine große Aehnlichkeit mit dem Exkönig Milan von Serbien habe?“—„Allerdings, Du Hast ja auch niemals Geld!“ Schrecklich!„Haben Sie überhaupt schon einmal Hunger kennen gelernt, mein Herr?“—„Das will ich meinen; erst im vorigen Jahre habe ich eine Ent⸗ fettungskur durchgemacht!“ Neu eingelaufene Schriften. „Ju freien Stunden“, Illustrirte Roman⸗ bibliothek für das arbeitende Volk, in Wochenheften à 10 Pfg. Die Lieferungen 39 bis 42 enthalten die Fortsetzung des prächtig illustrirten kulturhistorischen Romans„Der Sohn der Rebellen“ von Victor Hugo. Ferner feuilletonistische Skizzen, Novelletten und kleine Notizen unter„Dies und Jenes“ und„Witz und Scherz“. Jeder Kolporteur, jeder Buchhändler(auch die Post zum Vierteljahrspreis von Mk. 1,20, Post⸗ zeitungskatalog Nr. 3777) nimmt Bestellungen auf diese 10 Pfg.-Hefte an. Wir empfehlen unse ren Lesern dringend das Abonnement; gerade dieser Roman verdient seiner Tendenz wegen die Beachtung unserer Leser: in wunderbarer Sprachschönheit schildert er uns das innerste Wesen von Aristokratie und Monarchie und erfüllt die Doppelaufgabe: erzieherisch und unterhaltend zu wirken. — 2 .— r — — 21 d 1 49 4 3 1 71 1 — L S de— 2—— 3 93 9— — 2 2 Nr. 43. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Gießeua gräßtes und billigte Schuhlager Ferner empfehle: — 22 —2 8 — 5 R —— zeigt den Eingang sämmtlicher Winter⸗Waaren an für * Herreu, Damen und Kinder Für Wiederverkäufer“ cen age Gelegenheits⸗Käufe. Ar beiterschuhe, Schaft⸗ und Rohrstiefel, Zugstiefel u. s. w. in guten gediegenen Qualitäten und nur in seit Jahren erprobten Fabrikaten. Reparaturen S N — . — Strickwolle (Marke M 8 N in allen Farben und Qualitäten zu billigsten Preisen, RMockwolle von 90 Pfg. per Pfund an und höher. J. H. Fuhr. Sonnenstrasse 25. NB. Stricken von Strümpfen, Röcken ꝛc. wird billigst besorgt. Auch stehen Mustecröcke zum Avost icken gratis zur Verfügung. Für Arbeiter und Landleute empseble mein reichhaln iges 8 Schuhwaarenlager K in gedeegenen, sol den Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeitsschuhe und Stiefel, sowie sämmtliche Winterschuhwaaren in reicher Auswahl und jeder Preislage. Anfertigung nach Maaß. schuell und billigst. Streng feste Preise. W 1 Gewerkschasts⸗ Kartell Gießen. Sonntag, den 21. Oktober, Nachmittags 4 Uhr, im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse Generalversammlung der Gewerkschaften (Arbeiter⸗Bildungs⸗Berein) Tagesordnung: 1. Gesa ästs⸗ und Kassenbericht und Verichi der Bibliothekare. 2. Anträge. 3. Einiges von der Pariser Weltausstellung, Vortrag des Herrn Gewerbe⸗Inspektor Engeln. Zu zahlreichem Besuche ladet ein Das Gewerkschaftskartell. Schlitz. Sonntag, den 20. Oktober, Abends 8 ½ Uhr Versammlung des Arb. Vereins, Tagesordnung: Neuwahl des Vorstandes. Um pünktliches Erscheinen bittet Der Vorstand. Heuchelheim. Sonntag, den 28. d. Mts., Abends 8 Uhr kei K. Steinmüller Oeffentliche Volksversammlung. Tagesordnung: Der Parteitag in Mainz, Ref. Carl Orbig, Gießen. Zahlreiches Erscheinen erwünscht! r e Unges unde und Leidende!! Die Heilkraft der Elektrizität ist wunderbar! Ueber die glän⸗ zenden Ersolge des Selbstkur mit der preisgekrönten elektrischen Induktionsmaschine(Preis 24½ u. 28 ½ Mk.) versendet gratis u. franko 48seit. Brosch. P. Freygang Nachfolger, Dresden A 118. Dre Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Justus Benner. Giessen . S N 2 N N Einen grossen Posten Neue Weltke lender 3 2 fferren Anzüge e e N olange d. Vorrat reicht 2. 10 u. 12 Mk. otiz N i Markus Bauer, Giessen 8 8 2 I Kirchenplatz 1 H. Schneider, 8 0 8 3 gegenüb. d. Stadtkirche. 5 eee Buchndlg. Cießen, Sonnenstr 25. 2 2 8 D 8 n 8 N 2 2 S el 9 abonnirt Soeben beginnt der 19. Jahrgang der in Gessen„ heuen Zeit = 0 5 Schneider, revue des geistigen und oͤfkentlichen Lebens Anter ständiger Mitarbeiterschaft von A. Bebel, p. cafargue, Fr. Mehring, F. A. Sorge redigirt von Karl Kautsky Die angesehene Stellung, welche sich die„Neue Jeit“ bei Anhängern und Gegnern der Sozialdemokratie erworben hat, verdankt die Seitschrift ihrer Sigenschaft als heu Organ des wissenschaftlichen Sozialismus, nicht minder aber auch der einer 4 politischen Revue ersten Ranges. Die Ereignisse des Tages, die von weiter reichender Bedeutung sind, werden, namentlich soweit sie auf die Arbeiter- bewegung und den Sozialismus Bezug haben, eingehender besprochen, als es in der Tagespresse möglich ist, während gleichzeitig die wichtigsten Erscheinungen Zuckhandlung, Sonnenstr. 25. eu! Weber's S nährt, kräftigt, ist leichtver- daulich, billig, von angenehmen Cacaogeschmack. 1 Preis Mk. l. 80 u. 2.50 auf dem Gebiete der Literatur und Kunst, der Aaturwissenschaften und der Technik angemessene Berücksichtigung finden. Die„Neue Seit“ darf als unentbehrliche Seitschrift für alle diejenigen bezeichnet werden, welche ein mehr als flüchtiges Interesse für die große Tages · frage der sozialen Entwicklung haben. Die„Neue Zeit“ erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buchhandlungen und Kolporteure zum Preise von M. 3.25 pro Quartal zu beziehen. Das einzelne Heft kostet 25 Pfennige. gochachtungs voll 1 J. B. w. Dietz Nachf., Stuttgart. moderne Jibliothek. Romane und Novellen beliebter Autoren Preis pro Band nur 20 Pfg. Buchh dlg. 8 15 1 2 7 0 e Sehneider, Giessen ber, Liebknecht, 1 Sonnenstr. 2s.. pro Paar nur 40 Pfg. Buchhdlig. Schneider, Sonnenstr. Vorrätig in den Apotheken u. Drogerien. 6 . Verlag der Mitteld. Sonniagszeuung(E. Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von H. Klebert, Gießen. Seite 8 8 e einzel-Mummern„ der f E 8— Mitteldentschen 2 2— 8 gonntags⸗Zeitung 2 3 — 2 2 El 2 27 10˙² 8 S 8 E 1 für in der Pfg. 2 7 8 4— 8 5 Buchhandlung 5 2 5 2 Sonnenstraße 25 22 1— 2 2.... 32 25 28 2 8 2 DS m 5 an S 2 98 ku 6 — Dee Mit Lusträ Lurch di de Erbe — f In reife e 0 Arilt die Ver In Reiche b ten und Mange das? Die nicht n hohen der A Volke Einsit tun gel schon letzter keine hesser um d zu sch S0 die 0 are kene sufsy ati der 9 les f die