r. 47. 9 Gießen, Sonntag, den 18. November 1900. 7. Jehrg . 44 dee: Handsch H l. Müh, telgnet zum namentlich tänden aller 4 60 u. 2.50 b 1% lassen. 8 3 8 rr rr Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 8 Ut Mitteldeuts che 8 ugs kit Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5 Abonnementspreis: Bestellungen Inserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.-Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräg er frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.-Z.-K. 4312 a.) 33 ⅛8%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Die erste Kreuzzug⸗Bechnung. Dem Bundesrath ist der Etat für die Expedition nach Ostasien zugegangen, und zwar in der Form eines dritten Nach- trags zum Reichshaushalts⸗Etat für das Rechnungsjahr 1900. Zur Bestreitung einmaliger außerordentlicher Aus⸗ gaben werden 152,770,000 Mark gefordert, die im Wege des Kredits flüssig zu machen sind. Die einzelnen Positionen der Forderung werden in dem S 3 der Vorlage aufgeführt. Unter Nr. 5 derselben wird die Kleinigkeit von 70,000 Mark für Anschaffung einer Medaille für die Theilnehmer der Expedition verlangt! Die beinahe 153 Millionen sind aber nur eine Anzahlung, weitere Forderungen kommen nach. Das wird ganz trocken ausge— sprochen, indem es heißt: Die einzelnen Ansätze entsprechen dem nach überschläglicher Schätzung ermittelten Bedarf is zum 31. Meärz 1901. Für das Rechnungsjahr 1901 wird eine weitere entsprechende Vorlage gemacht werden, sobald sich die Verhältnisse genügend übersehen In der Begründung wird gesagt: Bei der Eigenartigket des ostasiatischen Unternehmens und der dadurch bedingten Un⸗ sicherheit in der Schätzung der Kosten, kann es sich zur Zeit nur darum handeln, die all gee— meine Ermächtigung zur Leistung der nöthigen Ausgaben zu erlangen. in der Form eines Nachtragskredits nachgesucht, um wenigstens diejenige Gliederung der Aus⸗ Diese wird gaben zu bieten, die gegenwärtig möglich ist. Da von den im Nachtragskredit geforderten Be— trägen ein erheblicher Theil bereits geleistet ist, wird hierfür in§ 3 des Etats⸗ gesetzes die nachträgliche Genehmigung nach— gesucht. Von einer Nachsuchung um Indemnität (Billigung der verfassungswidrigen Handlungen der Regierung durch den Reichstag) ist in der Vorlage nicht die Rede, sondern nur von einer nachträglichen Genehmigung. Die Regierung kennt ihre Pappenheimer und weiß, was sie ihnen bieten darf. Die erste Anzahlung des deutschen Volkes an die chinesische Weltpolitik beträgt also 152,770,000 Mk., abgesechen von der Hin- opferung der Menschen. Wenn das Geld alle ist, wird mehr gefordert werden, die Verzinsung hat die Arbeit der ausgebeuteten Massen zu ermöglichen. Ein erheblicher Theil, wohl mehr, als zwei Drittel der Summe, ist beretts ohne Bewilligung des Reichstags verausgobt worden. Die Mehrheit wird natürlich die vachträgliche Bewilligung beschließen. 8 Damit in der Tragödie auch die Posse zu ihrem Recht gelange, sindet sich in der Vorlage auch eine Forderung für den bei uns üblich ge⸗ wordenen dekorativen Klimbim; ein Drittel der Summe, die zur Unterstützung der Opfer des Kreuzzugs gefordert wird, soll sür——— Denkwünzen ausgeworfen werden. Was für eine sorgsame Regierung! Sie denkt doch auch an Alles im Voraus. Selbst die Denk- münzen scheinen bereits fix und fertig in dem Lager eines patriotischen Fabrikanten zu liegen. Das Programm für die Heimkehr der Truppen und den Einzug Waldersee's in Berlin ist wohl auch bereits fix und fertig entworfen! Nicht weniger als anderthalbhundert Millionen Mk. Anzahlung für den Nachezug! Daß dem deutschen Volke auch nur ein Zehntel der ver- pulverten Millionen wieder zu Gute kommt, wird kein Einsichtiger erwarten. Sie sind un— widerbringlich dahin, zwecklos, ohne irgend einen Nutzen für das Volk der unsiunigen Welt— machtspolitik geopfert, während in unserem Vaterlande zahlreiche und dringende Kulturauf— gaben zu erfüllen sind. Die Höhe der vor⸗ läufigen Forderung hat selbst die tollsten Schwärmer für die abenteuerliche Weltpolitik einigermaßen ernüchtert trotzdem wäre es ver— fehlt, eine Umkehr in Sachen des Chinarummels zu erhoffen. Noch hat es der Reichstag in der Hand, ob er sich zum Mitveranwortlichen für die Chinapolitittk machen will. Will er die Inte⸗ ressen der breiten Massen des deutschen Volkes vertreten, so muß er die nachträgliche Ge— nehmigung der Ausgaben ablehnen und die Annahme des Nachtragsctats verweigern. Das ist das einzige Mittel, um aus dem chinesischen Sumpse wieder herauszukommen. Leider ist, wie die Sachen liegen, keine Aussicht vorhanden, daß der Reichstag so mann— hafte Entschlüsse fassen wird. Höchstens noch die 27 Vertreter der Freisinnigen Volks partei werden sich den Luxus erlauben und mit den 57 Sozialdemokraten zusammen mit Nein stimmen, weil es auf ihre Stimmen nicht an- kommt. Läge die Sache anders, so würden die biederen Wasserstiefler eben so tapfer um fallen, wie ihre den Wadelstrumpf tragenden Vettern von der Freisinnigen Vereinigung. Im Grunde ist es die ganze Bourgeoisie, die der Chinapolitik zustimmt, und ihre Zustim mung zu einer Regierungs politik giebt, die dem deutschen Volke ungezählte Milliarden kosten kann und wird. Regierung und Bourgeoisie werden ein- müthig die Weltmachtspolitik weiter verfolgen und sich darin durch„kleine verfassungsmäßige Bedenken“ nicht im geringsten stören lassen. Allein die Sozialdemokratie wird in diesem Falle, wie schon so oft, die Interessen des Volkes vertreten. Allein die Sozial— demokratie wird es auch seln, die der Khaki— Politik gegenüber die Gesetze der Moral und der Sittlichkeit vertreten wird. Nicht nur die Interessen des Volkes wird sie wahren, sondern auch das Gewissen des Volkes wird sie zu wecken suchen. Nicht von heute auf morgen werden sich die Erfolge zeigen, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Die großkapitalistische Weltmachtspolitik zeigt den Kapitalismus so recht in seiner ganzen Kultur— feindlichkeit und Abscheulichkeit. Der Kampf gegen die Weltmachtspolitik ist der Kampf gegen den Kapitalismus selbst. Und in diesem Kampf werden wir, wird der Sozia— lismus siegen! Politische Bundschuu. Gießen, 15. November. Der Reichstag wurde am Mittwoch mittags 12 Uhr im Schlosse eröffnet. Die Thronrede weist auf die Ver⸗ wickelungen in China hin, sucht die Nichtein⸗ berufung des Reichstages im Sommer zu enr⸗ schuldigen und ersucht um Bewilligung des Chinakredits. Weiter wird das Zolltarifgesetz angekündigt und der auf der Weltausstellung errungene Erfolg der deutschen Industrie her⸗ vorgehoben.— Der Reichsetat für 1901 ba⸗⸗ lanzirt in Einnahmen und Ausgaben mit 2 240947301 Mark. Davon sind dauernde Ausgaben 1912 608 694 Mark; die Anleihe beträgt 97286 384 Mark. Ueber die 12000 Mark⸗Affaire äußert sich eine bürgerliche Zeitschrift, die„Zu— zunft“ Maximilian Hardens in folgenden Sätzenk: „Hat das Intermezzo Posadowsky-Bueck euch noch nicht gelehrt, was die Glocke geschlagen hat? Das Entrüstungsstürmchen hat nicht lange gedauert und heute können schon Leute, die mit Ehrenhaftigkeit und Rittertugend prunken, die ganze Sache mit eiserner Stirn als eine auf⸗ gebauschte Bagatelle behandeln. Wir sind so abgebrüht, unser Rechtsgefühl ist so stumpf geworden, daß wir diese unerhörte Geschichte, die vor ein paar Jahren noch die bequemsten Geister aufgerüttelt hätte, geduldig und fast ohne Staunen hinnehmen. Und diesem Vorspiel wird auch die Haupt⸗ und Staatsaktion im Reichstag entsprechen... Möglich ist's leider, doch nicht gewiß. Zu laut ist seit dem Lenz der Unmuth geworden, zu allgemein die Sorge um die Gesundheit, die Zukunft des Reiches. In den entlegensten stillsten Gegenden ist sie erwacht und von Blättern weiter getragen worden, die jahrelang jeden Schritt der Regie- renden priesen. Und in solcher Zeit sollten die vom Volk Abgeordneten nur ihre lokalen Schmerzen ins Reichshaus bringen... Wir wollen's nicht glauben. Der Reichstag muß fühlen, was für ihn auf dem Spiele steht. Er hat die Hoffnungen, die ihn bei der Geburt be— grüßten, nicht erfüllt; aber er kann das ge— schwundene Vertrauen mit einem Schlag jetzt wieder gewinnen. Enttäuscht er diesmal, dann ist sein Prestige vernichtet, dann ist auch im deutschen Land der Glaube an die Heilkraft des Parlamentarismus unwiderbringlich dahin.“— Neue Kaiserrede. Nach Mittheilungen bürgerlicher Blätter sagte der Kaiser in seiner Ansprache bei der Rekrutenvereidigung in Berlin:„Ihr habt Eurem König und obersten Kriegsherrn soeben einen heiligen Eid geschworen und seid nunmehr des Königs Soldaten geworden. Der Mili⸗ tärstand ist ein besonderer Stand und stellt besondere Auforderungen und An— strengungen an den Körper und den Geist. Ihr müßt Euch insbesondere gewöhnen, Euch unter- zuordnen, Euch einzufügen in ein Ganzes. Ohne die Unterordnung kann kein Gebäude bestehen. Ihr habt den Eid der Treue geschworen Eurem Kriegsherrn. Eure Brüder jenseits des Ozeans haben bereits Gelegenheit gehabt, Proben ihrer S N D Seite 2. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Nr. 47. Treue abzulegen. Ihr habt den Feind niederzukämpfen. Ihr habt auch im Innern die Ordnung aufrecht zu er— halten. Diese Fahnen werden Euch unbefleckt übergeben, Ihr habt dafür zu sorgen, daß sie in Zukunft uub fleckt bleiben. Ich habe Euch ein schönes Kleid geschenkt, macht Euch dessen würdig.“ Leider kostet dieses„schöne Kleid“, das der Kaiser verschenkt, den Steuerzahlern ungezählte Millionen. Soldatendienst— Gottesdienst. Bei Vereidigung der Rekruten der Garnison Augsburg wenneiferten der katholische und pro— testantische Militärgeistliche miteinander um die Krone im Preisen der militärischen Tugenden. Doch der katholische Militärpfarrer Schärfl war seinem proiestantischen Kollegen über. Er sagte unter anderem:„Durch treue Pflichterfüllung beweist der christliche Soldat seinem him lischen Herrn, daß er vor ihm heilige Ehrfurcht hat und ihn respektirt. Nur der ehrt Gott, der vor allem seinen Eid hält. In dieser Weise den Fahnendienst aufgefaßt und geleistet, erhebt er zum wahrhaften Gottesdienst, weiht des Soldaten Waffen, knüpft Gottes Segen und Beistand an sie und ihre Träger und bringt dem braven Soldaten die verheißene hundert— fältige Löhnung ein.“ Die jungen Krieger werden sich nicht wenig freuen, wenn sie nunmehr auf die Fürbitte des Herrn Pfarrers statt 22 Pf. täglich 22 Mk als Löhnung erhalten. Chinabegeisterung verpufft. Bei der Kontrollversammlung in Stuttgart frug man die Leute, wer von ihnen nach China wolle. Allein trotz wiederholter Aufforderung seitens des leitenden Hauptmanns meldete sich von 400 Mann Niemand. In schonendster Weise wurde der Mannschaft mitgetheilt, daß es sich nur um die„Ausfüllung einzelner Lücken“ handle und augenblicklich jede Gefahr vorüber sei, abgesehen davon, daß mancher doch noch„sein Glück“ machen könne. Einzelne Leute, die namentlich aufgefordert wurden, nach China zu gehen, erklärten, sie müßten ihrem Berufe leben und seien deshalb nicht abkömmlich für China.— Die so viel gepriesene Begeiste⸗ rung für den China⸗Kreuzzug hat sich recht rasch abgekühlt. Und von denen, die so„freudig“ ausgezogen, wäre mancher froh, wenn er wieder in Deutschland weilte. Weitere hunnische Aktenstücke. Unser Parteiorgan in Halle, das„Volks- blatt“ ist in der Lage, den folgenden Hunnen⸗ brief, der aus Ho⸗Tung vom 1. Septbr. datirt ist, der Oeffentlichkeit zu übergeben: Lieber Freund August Ich will Dir mal schreiben das ich noch gesund und munter bin und mich bis jetzt die Kugeln ver— schont haben und ich hoffe das Du und Deine Brüder auch noch gesund und munter seid mir geht es gans gut denn des Nachts auf Seide schlafen und am Tage gut essen und Trinken den am Weine fehlt es hier nicht, weun ein Fäßchen alle ist so wird ein anders geholt denn hier ist anders alls in Frieden wenn so ein bar Chinesen kommen so keiegen sie eine in den Kopf und denn geht es wieder weiter ich bin jtzt in Ho-⸗Tung auf Kommando da lind wir 30 Mann es ist eine starke Festung das Batalion ist in Peking uns gehr es gans gut am Tage die Flinte auf dem Butel und dann geht es Schweine Schießen damit mann was zu Essen hat und kommen uns welche in die Qwere so heißt es Feuer es ist schöner Spaß so was n sehen die Chinesen das Feiche Kerle vor die Kugel keine Angst aber vor das Bagonet da haben sie Angst denn wenn sie erschossen werden so denken sie stehen nach Drei Tagen wieder auf aber erstechen nicht hir sind noch alle Truppen von jeder Macht Kommando wenn ich euch das alles erzähten wollte was eig alles schon basirt war so wird es euch grußlich über die Leichen da bricht mann bald Hals und beine das läßt uuns jetzt schon Kalt das ist mann schon gewohnt wir haben 10 Stück Chinesen bei uns die müßen uns die Arbeit machen wir putzen kein Stiefel wir sitzen blos da und Kommandiren und wenn sie nicht wollen so giebt einen Rippeustoß da sie geuug haben die Franzosen und Russen binden sie zusammen mit den Zöpfen dann giebt es ein bar blaue Bohnen. ich will schließen und will euch vielmals grüßen denne alle kann ich euch doch nicht schreiben auf Seidd wird geschlafen jedes Haus jede Stadt und Lieber Freund jedes Dorf alles ist ein Schutthaufen da ist bald kein Stein mehr auf dem andern Viele grüße N alle nächstes Jahr um diese Zeit ist es anders. Aus diesem, wörtlich wiedergegebenen, auch für die allgemeinen Kenntnisse des Brief— schreibers bezeichnenden Briefe geht also hervor, daß die deutschen Kulturträger nicht nur sengen, stechen und schlagen, sondern auch plündern wie die Hunnen. Woher haben sie sonst die Seide, auf der sie schlafen, den Wein, den sie fässerweise trinken und mit welchem Recht dürfen Sie den Chinesen die Schweine wegschießen? Etwas anders beurtheilt allerdings ein anderer, ein kölnischer Hunnenkrieger den Chinazug. In einem Briefe an seinen Freund macht er dem Unmuth der mit Hurrah und Tamtam hinausgesandten Freiwilligen über das, was sie während der Reise erlebt haben und in China jetzt erleben, im heimischen Dialekt gründlich Luft. Der Schluß lautet in Schriftdeutsch der „Märk. Volksztg.“ zufolge:„Es sieht aus, als ob sie uns nicht mehr gehen lassen wollten, aber wir haben doch nicht kapitul irt... Wenn sie zu Hause wüßten, wie es hier ist, dann käme Keiner freiwillig. Ich han de Nas voll! Eine Reichstagsersatzwahl hat am 9. November in dem pommerischen Kreise Randow-Greifenhagen stattge⸗ funden. Der Konservative Prätorius siegte mit knapper Mehrheit im ersten Wahl⸗ gange. Er erhielt 14583, unser Genosse Körsten 11 756 und der freisinnige Kandidat Dohrn 1487 Stimmen. 1898 wurden 15 020 kon servative, 10 552 sozialdemokcatische und 1241 freisinnige Stimmen abgegeben. Wir gewannen also 1200 Stimmen und die Freisinnigen ca. 200, wäyrend die der Konservativen um ca. 500 zurückgegangen sind.— Zu dieser Wahl wird noch weiter mit— getheilt, daß ein sehr großer Theil der Wähler — man spricht von 3000— nicht in die Listen eingetragen war und somit des Wahl- rechtes verlustig ging. Wird von Seiten unserer Genossen bei der nächsten Wahl eine gründlich⸗ Kontrolle der Wählerlisten vorgenommen, so wird der Kreis für uns gewonnen. Schon das diesmalige Ergebniß bedeutet eine entschiedene Niederlage der Brotwucherpolitik. Sozialistische Wahlerfolge. Bei den Stadtverordneten-Wahlen in Stettin wurden vier unserer Genossen gewählt, drei andere sind in die Stichwahl gekommen. Bisher war in der Stettiner Stadt⸗ vertretung die Sozialdemokratie nicht vertreten. — Ferner ergab die Gewerbegerichts⸗ wahl in Hildesheim für unsere Liste 1067 Stimmen, während die„ christliche“ nur 587 erhielt.— Auch bei den Stadtverordneten wahlen in Magdeburg, sowie bei denen in Aschersleben errangen unsere Genossen be— merkenswerthe Erfolge. Im letzteren Orte stieg unsere Stimmenzahl von 70 im Jahre 1898 auf 552— 578 bei der diesmaligen Wahl. Stöcker'sche Kapuzinerpredigt. Vor Kurzem ist die Leiche des früheren hessischen Finanzministers Küchler in Offen— bach durch Feuer bestattet worden. Da⸗ durch fühit sich der fromme„Reichsbote“ des Herrn Stöcker in seinen„heiligsten Gefühlen“ verletzt. Er sazt, erst werde der Dissident Gnauth in die hessische Regierung berufen, nun lasse sich Küchler verbrennen.„Wenn erst die Staatsminister auf Seiten der Gesinnungs⸗- genossen der Umsturzparteien stehen, dann wird man sich über die Fortschritte der letzteren nicht wundern dürfen; die Herren an der Spitze des Staates sollten aber bedenken, daß es nicht bloß kirchliche und christliche Sitten giebt, sondern daß auch der Staat und insbe⸗ sondere die Monarchie zum großen Theil auf den zur Sitte krystallisirten Anschauungen be⸗ ruhen. f Wie furchtbar ist die Gefahr, die das Pastorenblatt prophezeiht!— Wenn es in Hessen noch Minister giebt, die sich von Muckerei f und widerlicher pfäffischer Heuchelei fernhalten, so kann es sich nur beglückwünschen. Das gereicht weder dem Staatswesen noch dem Volke zum Schaden! Eine Rhinozeros⸗Rede. Freiherr v. Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, hat wieder einmal eine Rede ge⸗ halten. Auch noch eine Rede vor Arbeitern! Der gute Mann führt nämlich die Aufsicht über den Bau des Augusta-Stifts in Potsdam. Dort waren fünf Zimmerer angenommen worden, die an einer Platzsperre betheiligt gewesen waren. Der Oderhofmeister ließ nun eines Tages die Zimmerer zusammenrufen, die Ver⸗ bandsmitglieder nach der einen, die Unorgani⸗ sirten nach der anderen Seite treten und nach⸗ dem so die Schaafe von den Böcken geschieden waren, hub er an: „Leute, es freut mich, daß die Sache mit Euerer Sperre in Ordnung ist, ich weiß auch, daß ihr ver⸗ führt seid von ganz gewissenlosen Hetzern, die Euch und Euere Famitie ins Unglück stürzen wollen und von Euren Groschen leben, die Ihr ihnen opfert. Es haben sich die Streikgelüste aus Berlin hier ein⸗ geschlichen in unser frieduiches Potsdam. Geht heraus aus Eurem Verband, welcher ja doch kein gewerk— schastlicher Verband ist, sondern nur ein sozialdemo⸗ kratischer, und gerade die Sozialdemokraten, diese Rhinozerosse haben Euch verführt. Leute ich sage Euch nochmals, geht heraus aus Eurem Verein, denn wohin soll das führen? Das bauende Publikum ist nicht auf Eurer Seite, ja, die Bürger stoßen sich daran und es wird niemand mehr bauen, wenn er lange Zeit seinen Bau liegen lassen muß infolge Euere; Streikerei und Ihr werdet es noch so weit bringen, daß kein Mensch mehr bauen wird und Ihr werdet dann keine Arbeit mehr finden und dann werden Euch die Augen aufgehen, und von Euch freut es mich(nach der Seite der Arbeits- willigen), das Ihr stand gehalten habt gegenüber diesen da, und ich verspreche Euch, daß, selange die Kaiserin baut, stets die Unorganisirten werden be— schäftigt werden ete. 8 8 Also sprach der edle Freiherr, dem, wie es scheint, die rednerischen Lorbeeren des Pückler nicht schlafen ließen. Seine nationalökonomischen Kenntnisse sind wahrhaft berauschend und seine Methode der Sozialistenbekämpfung ist unstreitig genial. Nunmehr wird hoffentlich die Sozial⸗ demokratie entgültig vernichtet sein! Die „Frkf. Ztg.“ bemerkt u. a. zu dieser„Rede“ des Grafen:„Die dicke Haut dieses Säuge⸗ thieres, des Rhinozerosses nämlich, ist den Sozialdemokraten allerdings zu wünschen, wenn man sieht, wie viele Püffe sie auszuhalten haben. Was aber ihren Intellekt betrifft, den Herr v. Mirbach mit jenem schönen Ver⸗ gleich wohl treffen wollte, so erzählen wir kaum Jemandem etwas Neues, wenn wir sagen, daß ziemlich jeder Sozialdemokrat den Freiherrn von Mirbach an Einsicht in die sozialen Verhältnisse, auf die seine Rede sich gezog, übertrefen dürfte.“ Stimmt! Wie man sich alter Arbeiter entledigt. In Nowawes(Bezirk Potsdam) hat die große Kammgarnspinner ei eine neue Direktion erhalten, die folgendermaßen debü⸗ tirte. In der Fabrik befinden sich eine Anzahl Arbeiter, die dort zehn bis dreißig Jahre ihre Kraft für das Gedeihen des Geschäfts ge opfert haben. Einer der Axbeiter feierte im verflossenen Sommer sein 25jähriges Jubiläum und wurde bei dieser Gelegenheit nicht allein vom Direktor mit einer ehrenden Ansprache, sondern auch mit einem Geschenk in Höhe von 100 Mark bedacht. Am letzten Lohntag, sieben Wochen vor dem christlichen Fest der Liebe, ist diesen alten Arbeitern aufgegeben worden, sich anderswo Arbeit zu suchen. Das heißt, sie sollen verhungern oder der Armenver⸗ waltung zur Last fallen, denn vom Finden anderer Arbeit kann selbstverständlich bei ihnen nicht die Rede sein. Eine reizende Erfüllung der sozialen Pflichten, mit der in diesem Falle das Unternehmerthum glänzt. Blutiges Christenthum. Bei der Rekrutenvereidigung in Potsdam sprach der Hofprediger Keßler in seiner Pre⸗ digt auch folgende Worte: 3 „. Ein bedeutsames Jahr! Denn, wäh⸗ rend wir hier versammelt sind, klirren im fer⸗ nen Osten deutsche Schwerter und vertheidigen Curem uelass Stunde auße chen ke lange, Di gofpre ungen sonder über! Biß II hat fi Vicht burge gab, bat s schast gehal schäft zugel gefal solge Epis schre desse gegel sind der ni gend — See 2 dome 9 ede e eiterg cht über g otsdan. l worden, gewestn un eing die Jer, lnorgag. 0 nach geschiede mit Eueret ihr deen die ug a wollen und den opfert. her tin · geht herau n gewall⸗ sozialdeno⸗ Euren 3 bauende die Burger ud mehr nen Ban Euetet 9 so wel nen witb faden und und von t Atdeitz⸗ gegenüber lange die werden be⸗ n, wie ez b Pückla nomischen ud seibe unstreilg e Sozill u Die t„Rede“ es Säuge⸗ ist den hen, wenn zuhalln t betiff, nen Bal wit kun agen, daß rat d t in di de seh mi! ledig. hit de r 8 8 e— ä Nr. 47. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. deutsche Krieger mit ihren Leibern die deutsche Ehre. Ja, das ist das Herzerhebende die⸗ ser Tage, daß es sich wieder mit Blut und Eisen bewahrheitet:„Ich halte das Wort des Königs und den Eid meines Gottes.“ Als der Kaiser rief:„Freiwillige vor! wer will des Reiches Hüter sein?“ Tausende sind gekom— men, haben Vaterhaus und Vaterland verlas— sen und ihr Leben in die Schanze geschlagen für Kaiser und Reich. Als es galt, die Takuforts zu nehmen, da haben deutsche Mannschaften im Feuer gestanden wie die Eichen, gekämpft wie die Löwen, haben es den sprühenden Gra⸗ naten zugerufen: Reißt mir mein Herz in Stücke, es hängt an jedem Fetzen doch ein preußischer Adler!“ Wohlan, Ihr märkischen Regimenter, gebt Eurem Kaiser das Recht, daß er sich auf Euch verlassen kann, daß, wenn bedeutungssoolle Stunden kommen sollten, Feinde von außen oder von innen, er getrost spre⸗ chen kann:„Ich gebe kein Stück verloren, so lange ich meine märkischen Regimenter habe.“ Diese Blut- und Eisenstimmung des Herrn Hofpredigers wird nach den bekannten Leist⸗ ungen protestantischer Pastoren wohl Niemand sonderlich überraschen. Es geht wirklich nichts über die christlich⸗preußische Kultur! Bischöfe und christliche Gewerkschaften. Im Lager der christlichen Gewerkschaften hat fich gegen den„Hirtenbrief“ der preuß schen Bischöse und die Aus lesung, die ihm der Frei- burger Bischof in seinem Begleitungsschreiben gab, lebhafter Widerspruch erhoben. Deshalb hat sich der Ausschuß der christlichen Gewerk schaften genöthigt gesehen, in einer in Köln ab— gehaltenen Sitzung sich mit der Sache zu be— schäftigen. Vertreter der Presse hat man nicht zugelassen. Es mag dort manches barte Wort gefallen sein; schließlich hat man sich geeinigt, folgende Erklärung abzugeben: „Die jüngste Kundgebung des preußischen Episkopats durch sein gemeinsames Hirten schreiben und besonders der in Interpretation des selben von Herrn Erzbischof von Freiburg; gegebene Erlaß an die Geistlichkeit seiner Diözese sind geeignet, über Charakter und Tendenz der christlichen Gewerkschasten Mißverständ⸗ nisse zu erwecken. Dieserhalb sehen wir uns genöthigt, folgendes zu erklären: „I. Die Mitglieder der chriftlichen Gewerkschaften, die mit großer Mühe und unter großen Opfern jene ins Leben gerufen haben, mussen sich gegen den Anedruck im Erlaß des Herrn Erg bischofs von Frei⸗ burg: daß„ihnen das Wort christlich nur leerer Schall und ein Aushängesched“ sei und daß„sie nur für die Sozialdemokratie jeune Kreise or⸗ ganisirten, die einstweilen noch auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung bleiben wollten“, auf das entschiedenste verwahren. „Diese Annahme, wie sie in dem fraglichen Er⸗ lasse und auch einem kleinen, allerdings nicht maß- gebenden Theile der katholischen Presse zum Ausdruck gekommen, ist durch keinertei Thatsachen begründet und eine unverdiente Kränkung der bisher in der christlichen Geroerkschaftsbewegung thätigen Mit⸗ glieder und Freunde des Arbeiterstandes. „II. Wir erklären es als selbstverständlich und mit Nachdruck, daß wir nach wie vor in Durchführung der gewerkschaftlichen Ziele die christlichen Grundsätze as Richtschnur anerkennen. Eine Ver⸗ einigung aller Arbeiter der verschiedenen Berufe in einheitlichen Orga nisatio nen ist allerdings das zu etstrebende Ziel, doch muß ver⸗ langt werden, datz olche Verbände in ihrer Wirksam⸗ keit den christlichen Grundsägen nicht widersprechen. Da unter den obwaltenden Verhältnissen in absehbarer Zeit salche Gewerkschaften ausgeschlossen er scheinen, halten wir an dem vom ersten Kongreß der christlichen Gewerkschaften zu Mainz aufgestellten Programm fest, nach welchem unsere christlichen Gewerkschaften inte rkonfessionell und politisch un parteiisch auf christlicher Grundlage bestehen sollen.“ Dann wird die Erwartung aus gesprochen, daß nunmehr den christlichen Gewertschaften keine Schwierigkeiten mehr in den Weg gelegt werden, und folgen die Unterschriften des Aus⸗ scusss.— e Von Seiten der Geistlichkeit wird den Wünschen und Erwartungen des Ausschusses den Zweck ihrer Organisation anzusehen. Die Bischöfe vertreten die Interessen der Klassen, aus welchen sie hervorgegangen sind und wozu sie ihrer ganzen gesellschaftlichen Stellung nach gehören. Sie verlangen von den christlichen Ge⸗ werkschaften die Bekämpfung der prole⸗ tarischen Klassenbewegung. Die christlichen Arbeiter empfinden aber, daß sie selbst Proletarier sind. Sie haben bis- her geglaubt, das Christenthum sei die Religion der Armen. Dieser Glaube wird ihnen von den Bischöfen ausgetriebeu. Die Gewerkschafts⸗ mitglieder werden vor die Wahl gestellt, ent⸗ weder die Vertretung ihrer Klasseninteressen auf— zugeben, oder sich der Gefahr neuer Bannflüche auszusetzen. Jedes künstliche Verkleistern dieses Risses wird vergeblich sein. Die Arbeiter werden durch die Verhältnisse zum Klassenkampf gedrängt und die hohe Geistlichteit kann aus den Reihen der herrschenden Klassen nicht hera is. Schließlich werden die Arbeiter zu der Erkenntniß kommen, daß ihnen der sozial⸗ demokratische Arbeiter näher steht, als der frömmste Ausbeuter.— Stärke der Reichstagsfraktionen. Die Parteien sind am 14. November in folgender Stärke in den Reichstag eingezogen: 50 Nationalliberale, 49 Konservative. 21 [Reichs partei, 107 Centrum, 13 Freisinnige Vereinigung, 27 Deutsch⸗Freisinnige Volks⸗ partei, 7 Deutsche Volkspartei, 57 Sozial— demokraten, 14 Polen; die deutsch-Soziale Re⸗ formpartei ist zerfallen und den Fraktionslosen zuzuzählen, zu diesen gehört noch der Rest der Mitglieder. In Württemberg ist der bisherige Ministe präsident v. Mittnacht aus Gesundheitsrücksichten zurückgetreten. Vorläufig führt der Kriegsminister den Vorsitz im Staatsministerium. Zu den bevorst hen den Landtagswahlen hat v. Mittnacht trotz der ange— griffenen Gesundheit seine Kandidatur aufgestellt. Bei den letzten Wahlen in England hat die Sozialdemokratie besser abgeschnitten, als es vorher den Anschein hatte. Obgleich nur ein einziger rein sozialdemokratischer Kandidat gewählt wurde, hat sich die für die Sozial- demokratie abgegebene Stimmenzahl be— deutend vergrößert. Während bei der letzten Wahl im Jahre 1895 im ganzen Lande ca 40 000 Stimmen abgegeben wurden, die sich auf 26 Kandidaten vertheilten, entfielen jetzt 50 624 Stemmen auf nur 14 Kandidaten. Es waren in nur 14 Wahlkreisen sozialistische Kandidaten aufgestellt, und in diesen hat sich die Stimmenzahl verdoppelt. Der Krieg mit China. Die Gesandten in Peking haben be⸗ schlossen, in einer gemeinschaftlichen Note an die chinesische Regierung folgende Forderungen, zu überreichen, welche vorbehaltlich der Zu— stimmung der Regierung als Basis des Prä- liminarvertrages durchzusetzen sind: China soll ein Denkmal für Ketteler auf der Mordstätte errichten und einen kaiserlichen Prinzen nach Deutschland schicken, um Entschuldigungen zu überbringen. China soll die Todesstrafe an den elf schuldigen Beamten und Prin- zen vollziehen. Wo Ausschreitungen stattge— funden haben, sollen die Provinzialexamina auf fünf Jahre aufgehoben werden. Künftig sollen Beamte, die sich nicht angemessen bemüht haben, Ausschreitungen gegen Ausländer, so— weit ihre Machtbefugnisse reichen, zu verhin— dern, sofort ihres Amtes entsetzt und bestraft werden. An Staaten, Korporationen und In— dividuen soll eine Indemnität gezahlt werden, das Tsungli Yamen in seiner jetzigen Ver— fassung soll abgeschafft und seine Befugnisse einem Minister des Aeußeren übertragen wer- nur dann eutsprochen werden, wenn die Mit⸗ glieder der christl. Gewerkschaft aufhören, die Besserung der Lebenslage der Arbeiter als den. Ein vernünftiger(?) Verkehr mit dem ————— Ländern. Die Takuforts und die Forts an der Küste sollen geschleift werden. Nach Meldungen aus Newyork widersetzte sich die amerikanis“e Regierung gewissen von den Mächten beschlossenen Maßregeln gegen⸗ über China. Der amerikanische Gesandte Con⸗ ger theilte mit, daß die Hinrichtung von chi⸗ nesischen Prinzen nicht verlangt werden könne. Kämpfe. Zwei Kompagnien Japaner und ein kleines britisches Detachement begleiten das am 12. Nov. nordwärts abgegangene deutsche Expeditionskorps. Das Wetter ist kalt, der Pei⸗ ho⸗Fluß ist mit einer halbzölligen Eisschicht bedeckt. Die internationale Untersuchungs⸗ mission ist noch in Paotingfu thätig. Waldersee-Hauptbureau wird geglaubt, daß noch weitere Hinrichtungen folgen werden. a Der russische Generalstab berichtet: Im Ein⸗ vernehmen mit dem Grafen Waldersee sandte General Lenewitsch drei Kolonnen gegen die nordwestlich von Tientsin aufgetauchten Boxer⸗ haufen. Die ersten beiden Kolonnen kehrten zurück, nachdem sie die Boxer, die in den Dör⸗ fern Dangantun und Datantschwang verschanzt waren, vertrieben und die Dörfer zerstört hatte, wobei ein Kosak verwundet wurde. Die dritte. Kolonne, bestehend aus einer halben Kompag⸗ nie Schützen und 15 Kosaken wurde von den Chinesen umzingelt, hielt sich aber, bis sie von General Zerpickska mit zwei Kompagnien be⸗ freit wurde. Zwei Schützen fielen, vier Offi⸗ ziere und 56 Schützen wurden verwundet. Aus Peking wird berichtet: daß zwischen den Militärs und den Diplomaten Un⸗ einigkeit herrscht. Auch die Diplomaten un⸗ tereinander sind nicht einig. Am 31. Okt. ist es in Wangtsun(30 Kilometer nordwestlich von Tientsin gelegen) zwischen den französischen, deutschen und russischen Truppen auf der einen und den amerikanischen Truppen auf der an⸗ deren Seite beinahe zu einem Kampfe ge⸗ kommen. Die Amerikaner hatten mit Ge⸗ walt von einem Eisenbahnzuge Besitz ergrif⸗ fen und sie schlugen dabei französische Offiziere sowie den russischen Lokomotivführer nieder. Die Russen und Franzosen drohten Feuer zu geben, falls der Zug sich in Bewegung setzte, allein sie waren an Zahl schwächer als die Amerikaner und konnten daher diese nicht zwin⸗ gen, den Zug wieder zu verlassen. Der Krieg in Südafrika. In London eingetroffene Privatmeldungen deuten an, daß während der letzten Tage ein heftiges Gefecht südlich von Kimberley bei Honeynestklof stattfand, worin die Englän⸗ der unter Oberst Settle geschlagen wurden. General Rundle hatte mehrere Ge— fechte in den letzten Tagen und zwar in den Distrikten Harrismith, Brede und Reitz, Gene- ral Douglas besetzte Vendersdorp, wo die Buren ihre Operationsbasis und ihr Vorraths— lager hatten. 21 Buren wurden gefangen, auch eine Anzahl Rinder und Schafe erbeutet. In der Nähe von Petrusberg wurde eine Polizei- patrouille nach hartnäckigem Kampfe von den Buren gefangen genommen. Nachdem den Leu- ten ihre Gewehre und sonstigen werthvollen Gegenstände abgenommen worden waren, wur⸗ den sie von den Buren freigelassen. 3 F Je 1 3 un Ern Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. Universitäts bibliothek, un Stelle des früher geplanten Umbaues der Uni⸗ versitätsbibliothek ist für diese ein Neubau in Aussicht genommen worden. Da dessen Fertig⸗ stellung jedenfalls längere Zeit in Anspruch nimmt, ist inzwischen eine Erweiterung It des bisher äußerst beschränkten Geschäftsräume ins Werk gesetzt worden. Der nunmehr neu eingerichtete, in den Abendstunden mit Gas— glühlicht beleuchtete Lesesaal nebst dem an- stoßenden zweiten Lesezimmer bietet für 18 1 Kaiser soll erlaubt werden wie in zivilisirten! Leser bequeme Arbeitsplätze. Auch die jedem Im / e eite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 47. Besucher ohne Weiteres zugängliche, im Los saal aufgestellte Handbibliothek(enthal⸗ tend Nachschlagewerke jeder Art, Wörterbücher aller Sprachen, Hand⸗ und Lehrbücher, Ge⸗ setzesausgaben, Regierungs- und Reichsgesetz⸗ blatt, Sammlungen gerichtlicher Entscheidun⸗ gen, statistische Werke, Atlanten usw.) erfährt eine ansehnliche Erweiterung. Im neu einge⸗ richteten Zeitschriftenzimmer sind über 800 Zeitungen und Zeitschriften, darunter zahl⸗ reiche von allgemeinem Interesse, sowie eine Sammlung der neuesten Patentschriften aus⸗ gelegt. Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß Lesesaal und Zeitschriften⸗ immer täglich von 9—1 und 3—6 Uhr(Sam⸗ stags von 9—1 Uhr) geöffnet und allgemein zugänglich sind, und daß auch über den Kreis der Universitätsangehörigen hinaus Bü⸗ cher aus der Universitätsbibliothek nach vorher⸗ gegangener Bestellung gern verliehen werden. — Hohes Alter. Vorige Woche starb die älteste Person in Gießen, Frau verwittwete Se⸗ minardirektor Curtmann im Alter von 97 Jahren. Gegenwärtig ist der älteste Einwohner unserer Stadt Herr Lehrer i. P. Prätorius, der 91 Jahre zählt. — Rasch tritt der Tod den Men⸗ schen an. Eines jähen Todes starb am Mon⸗ tag Nachmittag der Fuhrmann Wilh. Pfeifer aus Krofdorf. Er war mit seinem Bruder bei den Straßenarbeiten in der Marburgerstraße be⸗ schäftigt und im Begriff, einen Wagen Steine abzuladen, als er von einem Herzschlag betroffen wurde. Die Leiche wurde nach Krofdorf ver⸗ bracht. Pfeifer war erst 29 Jahre alt und noch unverheirathet. Bei seinen Mitarbeitern war er als ruhiger und solider Arbeiter und guter Kamerad allgemein geschätzt und beliebt. — Ortskrankenkasse. In der am Dienstag stattgehabten Generalversamm⸗ lung der Gießener Ortskrankenkasse wurden zunächst Ersatzwahlen zum Vorstande vorgenommen. Gewählt wurden die Arbeit⸗ nehmer: W. Schmidt II., Wilh. Nau, Joseph Gentner, Wilh. Sickert, Georg Schmidt, Adam Volz; und als Ersatzleute: Heinr. Keil, Georg Treiber, Jakob Büttner. Von den Arbeitgebern wurden gewählt: Heinrich Winn, Jakob Atzbach. Die Rechnungsprüfungskommission besteht aus: A. Stock, G. Holtberg, W. Sickert. Bezüglich der Leistungen der Kasse beschloß die Versammlung, künftighin 26 Wochen lang die volle Krankenunterstützung zu gewähren. Bis⸗ her wurde dieselbe nur auf die Dauer von 13 Wochen bezahlt. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. —t. Die Kreiskonferenz für den 3. hess. Wahlkreis fand am vorigen Sonntag im Lokale des Gastwirths Kaut in Lauterbach statt. Eröffnet wurde dieselbe drei einhalb Uhr durch den Kreisvertrauensmann Dechert-Alsfeld. Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die Agitation. Schmidt⸗Preungesheim be⸗ richtete, was im Laufe des Jahres auf diesem Gebiete gethan worden ist. Bei der weiteren Erörterung dieses Gegenstandes wurde erwähnt, daß bei der im Frühjahr unternommenen Flugblattvertheilung einige Genossen, die in Ulrichstein verbreiteten, mit einer Polizei⸗ strafe von 15 Mark bedacht wurden. Für die Zukunft müßte, wenn solche Bestrafungen er⸗ folgen, wo sich die Genossen doch streng an die Gesetzesbestimmungen gehalten haben, richter— licher Entscheid herbeigeführt werden, um der Wiederholung solcher Fälle vorzubeugen.(Wir haben auch den Betroffenen damals gerathen, sofort Widerspruch zu erheben. D. Red.)— Bei dem Rechenschaftsberichte des Kreis- vertrauensmannes gab Genosse Dechert einen kurzen Ueberblick über das verflossene Geschäfts⸗ jahr. Die Einnahmen betrugen inkl. Kassen⸗ bestand des vorigen Jahres Mk. 72.—, die Aus⸗ gaben Mk. 60.53, jetziger Kassenbestand Mk. 11.47.— Den Kassenber icht des Kreis⸗ wahlvereins erstattete Genosse Reining⸗ Lauterbach. Die Einnahmen betrugen hier inkl. Kassenbestand Mk. 92.88, die Ausgaben Mk. 20.—, Kassenbestand Mk. 72.88. Die Revisoren bekundeten, Bücher und Kasse geprüft und Beides in Ordnung gefunden zu haben, worauf ein⸗ stimmig der Kassenbericht als richtig anerkannt und die Kassirer entlastet wurden. Gen. Schmidt tadelte noch das wenig parteigenössische Ver⸗ halten einiger Genossen in Schlitz; bat auch die Anwesenden, zukünftig für bessere finan⸗ zielle Ergebnisse sorgen zu wollen. Zum Kreis⸗ vertrauensmann wurde Genosse Dechert⸗Als⸗ feld einstimmig wiedergewählt. Der Vor st and des Kreiswahlvereins besteht aus den Genossen Reining⸗ Lauterbach(Vorsitzender), Linn⸗ Lauterbach(Schriftführer) und Wahl⸗Lauter⸗ bach(Kassirer).— Zum folgenden Punkt der Tagesordnung besprach in sehr ausführlicher Weise Genosse Orbig⸗Gießen die Organisa⸗ tionsverhältnisse in Hessen und empfahl, wie es Gen. Schmidt in seinen ersten Ausführungen schon gethan, den Anschluß an die hessische Lan⸗ desorganisation. Zur besseren Entfaltung der Agitation sei dies unbedingt nothwendig. Die Konferenz erklärt sich damit einverstanden und beschließt, vom 1. Januar 1901 ab die hess. Parteimarken im Kreise einzuführen. Orbig stellte in Aussicht, daß das Landeskomitee es sich angelegen sein lassen werde, den Wünschen der Genossen im Kreise so weit nur möglich ent⸗ gegenzukommen. Auch dem Bezirk Schotten, der von Gießen aus leichter zu erreichen sei, werde man mehr Beachtung schenken. Nachdem noch die Kalendervertheilung eingehend besprochen war, erfolgte Schluß der Konferenz mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. Fortbildungsschule. Der Beginn des Fortbildungs⸗ schulunterrichts in den hessischen Land⸗ gemeinden ist vom Ministerium(Abtheilung für Schulangelegenheiten) auf Nachmittags 5 Uhr festgesetzt, unter der Bedingung, daß der Unterricht um 7 Uhr abends geschlossen sein müsse. Die Landwirthe, die mit diesem frühen Beginn des Fortbildungsschulunterrichts nicht einverstanden sind, haben beschlossen, beim Mi⸗ nisterium dahin vorstellig zu werden, daß die Zeitbestimmung für die Abhaltung des Fort⸗ bildungsschulunterrichts den Ortsschulvorstän⸗ den überlassen bleibt. Aus Wetzlar. Lehrerjubiläum. Eine fünfundzwan⸗ zigjährige Thätigkeit an der katholischen Schule hatte dieser Tage Herr Lehrer Müller hinter sich. Aus diesem Anlasse wurde ihm von sei⸗ nen Kollegen, seinen ehemaligen und jetzigen Schülern sowie seinen sonstigen Bekannten be⸗ sondere Ehrung zu Theil. Es wurden ihm Festgeschenke überbracht und ein Festkommers veranstaltet, der zur Zufriedenheit aller Be⸗ theiligten glatt und angenehm verlief. Dage⸗ gen haperte es etwas mit den Vorbereitungen dazu. Um nämlich die kleine Festlichkeit zu Stande zu bringen, hatten sich ehemalige Schü⸗ ler des Jubilars zusammengethan und eine Liste aufgestellt, um Beiträge für diesen Zweck zu sammeln. Respektvoll setzten die Arrangeu⸗ re den Namen des Herrn Dekans Hölscher an die Spitze der Liste, in der sicheren Erwart⸗ ung, daß der Genannte einen Betrag, der sich sehen lassen kann, hinter seinen Namen setzen würde. Da hatte man sich aber gründlich ver⸗ rechnet. Herr H. erklärte, daß er für ein Fest⸗ essen wohl etwas geben würde, für einen„Sauf⸗ kommers“ sei er aber nicht zu haben. Und mit diesen Worten machte er einen dicken Strich durch seinen Namen, welchem Beispiele dann auch die beiden Kapläne folgten. Es ist ja möglich, daß unüberwindliche Abneigung ge⸗ gen das Trinken, die unter diesen Herren stark verbreitet sein soll, ihr Verhalten bestimmte, in diesem Falle könnten wir ihnen unsere Aner⸗ kennung nicht versagen. Aber selbst dann konn⸗ ten sie mal ein Auge zudrücken, da es sich ja um die Ehrung eines allgemein beliebten und geachteten Mannes handelte, der allerdings nur— Lehrer ist. In der katholischen Bevölke⸗ rung Wetzlars hat dieses an sich ganz unbe- deutende Vorkommniß peinlich berührt, umso⸗ mehr, als man einige Tage später unter den Spendern für Errichtung eines Bis marck⸗ thurmes Herrn Hölscher mit 5 Mark ver⸗ zeichnet fand. Die Zeiten ändern sich! Vor fünfundzwanzig Jahren und etwas mehr, als der Kulturkampf tobte; als Bismarck hohe und niedere katholische Priester verhaften ließ und außer Landes jagte, hätte sich wohl der Herr Dekan nicht träumen lassen, daß er einst sein Scherflein für ein Denkmal des„eisenstirni⸗ gen Kanzlers beisteuern würde... So räsonni⸗ niren die Wetzlarer Katholiken. Sie haben aber nichts zu räsonniren, sondern das Maul zu halten! Innungsschwärmer. — Vorigen Sonntag hielten die Schmiede des Kreises Wetzlar im Schützengarten eine Ver⸗ sammlung ab, in welcher sie beschlossen, für ihr Gewerbe eine Zwangsinnung zu errichten. Die angeblichen Segnungen einer solchen wur⸗ den vorher von einem Kaufmann, Herrn Hein⸗ zenberg, den biederen Schmiedemeistern gebüh⸗ rend auseinandergesetzt. Daß durch die Zwangs⸗ innung auch dem Schmiedehandwerk der„gol⸗ dene Boden“ nicht wieder erobert werden kann. werden die Betheiligten, vor allen die weniger kapitalkräftigen recht bald einsehen. Fast jede Woche lösen sich ein paar Zwangsinnungen wieder auf, weil die Handwerker sich überzeu⸗ gen, daß der Rummel nur Geld kostet ohne ih⸗ nen den geringsten Nutzen zu bringen. Diese Thatsachen hätten auch die Wetzlarer Schmiede stutzig machen sollen. Bemerkt sei noch, daß die Meister deinen ihrer Kollegen, sondern den erwähnten Herr Heinzenberger zum Schrift⸗ führer wählten. — Bei der Stadtverordnetenersatzwahl in Wetzlar wurden gewählt: Kaufmann Gg. Fr. Münch, Rechtsanwalt Dr. Heertz, Kaufmann B. Waldschmidt, Möbelhändler Drullmann, Post⸗ halter G. Waldschmidt, Direktor Kaiser. Ueber großen Flurschaden, der durch das rudelweise Auftreten von Reh⸗ wild verursacht wird, führen die Landwirthe aus der Nauborner Gegend im„Wetzl. Anz.“ leb⸗ hafte Klage. Bis zum Frühjahr werde die Saat nicht nur einmal, sondern immer wieder von neuem abgefressen. Auch die jungen Waldkul⸗ turen würden vom Wild bedeutend geschädigt. Nach dem Gesetz werde der Schaden erst kurz vor der Ernte abgeschätzt, dann sei derselbe nur noch schwer festzustellen, da abgeweidete Saaten im Wachsthum weit hinter denen zurückbleiben, die sich ungestört entwickeln können. Nur ge⸗ höriges Aufräumen durch die Jagdpächter könne Besserung bringen und verhüten, daß die Land⸗ wirthe zur Selbsthilfe greifen. Wir halten die Klagen für ganz berechtigt, wir glauben gern, daß für den Bauer der Wildschaden ziemlich schwer ins Gewicht fällt. Wenn sie aber dafür zu gering oder wie z. B. für Hasenschaden gar nicht entschädigt werden, so müssen sie sich bei den bürgerlichen Reichstagsabgebord⸗ neten beschweren, die bei Berathung des bür⸗ gerlichen Gesetzbuches die Ersatzpflicht für Ha⸗ senschaden ablehnten. Die Sozialdemokra⸗ ten traten bekanntlich lebhaft dafür ein, daß der Bauer auch für den von Hasen angerichte⸗ ten Schaden angemessen entschädigt werde. So⸗ gar von den patentirten Bauernfreun⸗ den, den Antisemiten, stimmte einer dagegen, während sieben bei der Abstimmung fehlten. Ein gräßliches Eisenbahn⸗Unglück ereignete sich in der Nacht vom 8. zum 9. Nov. auf der Strecke Frankfurt⸗Bebra zwischen Mühl⸗ heim a. M. und Offenbach. Am Block 11 zwi⸗ schen diesen beiden Orten mußte der von Hanau kommende D-Zug 42 halten, weil vor ihm eine Leermaschine das Geleis passirte. Nun soll der Blockwärter die Strecke vorzeitig nach Mühlheim frei gemeldet haben, worauf von dieser Station aus der Personenzug 238 ab⸗ gelassen wurde, der mit voller Fahrge⸗ schwindigkeit auf den D-Zug stieß. Die Lokomotive splitterte dabei den letzten Wagen, einen der bekannten großen Schlafwagen, im wahren Sinne des Wortes nach rechts und links in zwei Theile. Der Dampf der Heiz⸗ ung strömte sofort aus und der Gas behälter bar st. Der furchtbare Anprall drückte den letz⸗ ten Wagen auf den nächsten, ebenfalls einen Schlafwagen, der in die Höhe gehoben wurde, während die beiden weiteren Wagen nebst dem Packwagen und der Maschine auf dem Geleise stehen blieben. Durch die Explosion des Gases, das wohl auch durch das unmittelbar damit in Berührung gekommene Feuer der Ma⸗ schine des Personenzuges in Brand gerieth, wurden die Trümmer des letzten Wagens augen⸗ blicklich in helle Flammen gesetzt. Die in dem zertrümmerten Wagen befindlichen Reisenden beiter Auch ahm Ang z Ulrich völkerun ——— o lange halten, leichter austragt Menger supie b gosten löstenpr erklärte mäß. 2 Nuge Rückspr nächste Bi die am didaten Fahls dem B didat wahl, i. dauert. wie die der„b Jrozeß siher, die Saat eder von Valdkul⸗ eschädigt. erst kurz selbe nut e Saaten cbleiben, Nur ge⸗ ter konne ie Land⸗ alten die en gern, ziemlich er dafür nschgden n sie sich bgeoord⸗ des bür⸗ für Ha⸗ mokta⸗ ein, daß gerichte erde. So⸗ fteun⸗ dagegel fehlten. ück 19. Nob. n Müll- 11 zri⸗ n Hanau 90t ihm Nun 1110 nuch af von 238 d 5 ahrge⸗ % Die Wogen, vag en, e i 5 Heig⸗ Lltet un leh⸗ 4 inen Nr. 47. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. 1 ind sämmtlich umgekommen. Wer nicht durch die Gewalt des Zusammenstoßes den Tod fand, verbrannte jämmerlich. Die Zahl der Opfer ist bis jetzt noch nicht mit Sicherheit festge⸗ stellt, doch sind sicher mehr als zehn Menschen zu grunde gegangen. Einige Personen versuchten vergeblich, den Flammen durch die Fenster zu entrinnen. Der Brand griff ungeheuer schnell um sich, Hilfe von außen war unmöglich. In Frankfurt traf die Nachricht von dem Unglück erst mit den Ueberresten des D⸗Zuges ein, da die Telegra⸗ phen⸗Leiutngen unterbrochen waren. Ein weiteres entsetzliches Bahnunglück er⸗ eignete sich auf der Strecke Kaltenkirchen⸗ Brügge(Reg.-Bez. Düsseldorf). Hierbei ver⸗ loren nach den bisherigen Mittheilungen 7 Arbeiter das Leben. Auch die Offenbacher Stadtvertretung nahm in ihrer letzten Sitzung Stell⸗ ung zur Kohlennoth. Unser Genosse Ulrich beantragte: Um der unbemittelten Be⸗ völkerung Offenbachs während dieses Winters, so lange die unerhört hohen Kohlenpreise an⸗ halten, den Bezug des Heizmaterials zu er⸗ leichtern, wird die Großh. Bürgermeisterei be⸗ auftragt, zwecks der Abgabe an Private in Mengen von 1—5 Zentner Hausbrandkohlen, sowie Kohlen⸗ und Braunkohlen⸗Briketts auf Kosten der Stadt einzukaufen und zum Selbst⸗ kostenpreis abzugeben. Oberbürgermeister Brink erklärte, er halte den Antrag für sehr zeitge⸗ mäß. Auch er habe etwas Derartiges schon im Auge gehabt und mit dem Gaswerk darüber Rücksprache gehalten. Der Antrag soll auf die nächste Tagesordnung gesetzt werden. Bei den Stadtverordneteuwahlen in Frankfurt, die am Donnerstag stattfanden, sind unsere Kan⸗ didaten, wie das ja bei dem dort bestehenden Wahlsystem natürlich ist, unterlegen. Nur in dem Bezirk Bockenheim kommt unser Kan⸗ didat Quarck mit den Demokraten in Stich⸗ wahl, in der er kaum zum Siege gelangen wird. Der Prozeß Sternberg dauert noch fort. Selten hat ein Prozeß so wie dieser die sittliche Verkommenheit der„besseren Kreise“ enthüllt. Noch ist der Prozeß nicht abgeschlossen, aber soviel ist doch sicher, daß der vielfache Millionär Stern- berg eine Anzahl kaum der Schule entwachsene Mädchen der Schande überlieferte, sie sittlich und moralisch ruinirte.— Nebenbei wirft der Prozeß ein böses Licht auf die Zustände in der Berliner Kriminalpolizei. Hierauf wird man später noch Firückkommen müssen. Das Urtheil im Konitzer Meineidsprozesz Am Samstag Nachmittag wurde in dem Ge⸗ richtsdrama zu Konitz das Urtheil gesprochen. Masloff wurde zu ein Jahr, Frau Roß zu zwei Jahren sechs Monaten Zucht⸗ haus verurtheilt. Letztere auch zu drei Jahren Ehrverlust und zu dauernder Eidesun⸗ fähigkeit. Die Frauen Masloff und Berg wurden freigesprochen. Die Geschworenen bejahten die erste Schuld⸗ frage in Betreff des Angeklagten Masloff und beide Schuldfragen in Betreff der Angeklagten Roß. Bezüglich beider wird aber als strafmil⸗ dernd zugegeben, daß, wenn sie die Wahrheit gesagt hätten, sie strafrechtliche Ver⸗ folgung zu befürchten gehabt hätten. Der Staatsanwalt beantragt daraufhin gegen Mas- loff 4, gegen Frau Roß 9 Jahre Zuchthaus und außerdem gegen Masloff 5, gegen Frau Roß 10 Jahre Ehrverlust und ferner, daß gegen Frau Roß außerdem auf dauernde Eidesunfähigkeit erkannt werde. 5 Die vom Staatsanwalt beantragte Höhe des Strafmaßes wird wohl Jeder mit Kopfschütteln vernehmen. Mögen auch niedrige Motive die Angeklagten geleitet haben, so ist eine Strafe, vie sie höchstens auf schweren Todtschlag er⸗ kannt wird, doch in kein Verhältniß zu einer That zu stellen, von der die Geschworenen sich Zefagt haben, daß sie aus gewiß begreiflichen weis der Familie Levy am N ö 1 ründen mildernde Umstäde zugebilligt verdient. Aus den Pladoyers ist wenig Bemerkens⸗ verthes nachzutragen. Rechtsanwalt Heyer, der Vertheidiger der berg; sprauß 25 l 715 9h die ürdigkeit ab. Der ibe⸗ Y die Glaubwürdig. lich geführt, aber wenn dieser Alibibeweis auch ausreiche, um von den Genannten den Verdacht der Thäterschaft zu nehmen, so bleibe doch die Möglichkeit bestehen, daß der Levy'sche Keller zur That hergegeben worden sei, und daß die Lewy's alsdann bei der Beiseiteschaffung der Leichentheile mitgewirkt haben. Der Ver⸗ theidiger beantragte die Freisprechung der An⸗ geklagten Berg. Die Vertheidiger der übrigen Angeklagten plaidiren ebenfalls für Nicht- schuldig. In Konitz soll der Ausgang der 14tägigen Gerichtsverhandlung große Erregung her⸗ vorgerufen haben. Die Kosten des Prozesses belaufen sich auf rund 30000 Mark. Es sind im Ganzen 169 Zeugen geladen gewesen, von denen 131 vernommen worden sind. An einzelne Zeugen mußten Beträge bis zu 500 Mark für Gebühren bezahlt werden. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 15. Novbr. — Parteiversammlung. Die am Samstag Abend bei D. Jesberg anberaumte Parteiversammlung war leider schwach besucht. Dieselbe wurde um 9⅛ Uhr durch den Ver⸗ trauensmann eröffnet. Gen. Euler gedachte zunächst des verst. Gen. Martin Roth und forderte die Anwesenden zur Ehrung desselben durch Erheben von den Sitzen auf, was geschah. Der erste Tagesordnungspunkt betraf Abrech⸗ uung der Kolportage⸗Kommission. Die Ein⸗ nahme betrug 507.16 Mk., die Ausgabe 223.93 Mk., sodaz nach Abzug von 16 Mk. Außen⸗ stände ein Baarbestand von 255.23 Mk. ver⸗ bleibt. Der Kommiffion wurde Decharge er⸗ theilt. Die Abrechnung des Vertrauensmannes erstreckte sich auf die Zeit vom 1. Juni bis 6. Nov. d. Is. und betrug die Einnahme 99.16 Mk., die Ausgabe 78.42 Mk., sodaß ein Bestand von 20.74 verblieb. Auch ihm wurde Decharge ertheilt. Als Vertrauensmann wurde Gen. Härtling ainstimmig wiedergewählt. Hierauf erfolgte die Wahl eines Mitgliedes der Preßkommission und wurde Gen. Stumpf wiedergewählt. Bei Punkt 5, Verschiedenes, entspann sich eine Debatte über die kommunalen Angelegenheiten. Schließlich wurde ein Antrag Euler, für die nächste Versammlung einen auswärtigen Referenten zwecks Vortrag über dieses Thema zu bestellen, angenommen. Nach⸗ dem noch die Gen. Vollmar und Weide als Revisoren gewählt waren, erfolgte um 10 Uhr Schluß der Versammlung. — Kreistags⸗Wahlen. Am Dienstag fanden dahier seitens der vereinigten städtischen Körperschaften die Ergänzungswahlen zum Kreis- tag statt. An Stelle der vier ausgeschiedenen Mitglieder Siebert, Westerkamp, Bopp und Berdux wurden folgende fünf Mitglieder wieder resp. neu gewählt: Siebert, Bopp, Berdux, Dörfler und Ränkel.— Nach den Anstrengungen der Wahl vereinigte man sich zu einem gemein⸗ samen Mahl im Restaurant Seebode. — Unfall. Am Samstag stürzte ein hiesiger Bürger mit seinem Söhnchen in der Dunkelheit im Walde oberhalb der Schießstände in der Knutzbach in den alten Steinbruch. Beide brachen jeder einen Arm und der Vater erlitt außerdem innere Verletzungen, sodaß er sich in die Klinik begeben mußte. Die Bedauerns— werthen mußten in elendem Zustande bis Mitternacht in ihrer Lage verbringen, ehe es ihnen gelang, den richtigen Weg wieder zu finden. — Arbeiter⸗Gesangverein„Ein⸗ tracht“. Unser Gesangverein macht gute Fortschritte, doch wurde von der Veranstaltuug eines öffentlichen Konzertes resp. Winterver⸗ gnügens für dieses Jahr Abstand genommen. Dagegen wurde in letzter Versammlung be⸗ schlossen, eine Weihnachtsfeier bei D. Jesberg Vereinslokal) abzuhalten. Es soll eine Ge⸗ chenkverlosung, Vokal- und Instrumental⸗Konzert u. s. w. stattfinden. Für die Sänger heißt es daher noch fleißig geübt und werden dieselben seiner Baarschaft beraubt. ersucht, die Gesangsproben regelmäßig zu be⸗ suchen. —— Arbeiterbewegung. Der Deutsche Buchdrucker verband zählte am Ende des 2. Quartals 1900 29 595 steuernde Mitglieder. Im genannten Viertel⸗ jahr wurden ausgegeben für Reiseunterstützung 29 690,83 Mark, für Arbeitslosenunterstütz⸗ ung am Ort 46 574 Mk., für Kranke 124 274,24 und für Invalide 26 440 Mark. Im 3. Quar⸗ tal wurden für Unterstützungen ausgegeben 286 548,08 Mark. An Mitglieder- Beiträ⸗ gen gingen ein 416 595,40 Mark. Am 30. September 1900 verfügte der Verband über einen Kassenbestand von 2936 235,78 Mark. Von den deutschen Bildhauern sind nach neueren Feststellungen beinahe vier Fünftel— 78,3 Prozent— in der Organisation Deshalb sind auch in diesem Berufe die Ar⸗ beits⸗ und Lohnverhältnisse günstiger als in den meisten übrigen. Kleine Mittheilungen. * Lang⸗Göns. Die Wahl des Bürger⸗ meisters A. Rompf, die von der Gegenpartei we⸗ gen Spendirens von Freibier usw. angefochten wurde, erklärte der Kreisausschuß für gültig. Ueberfafll Auf dem ege von Friedberg nach Ober⸗Roßbach wurde am Sonntag Abend der Dachdecker Klum von Wel⸗ fenhausen von zwei Leuten überfallen und Einer der Räuber wurde am Dienstag in Friedberg verhaftet. * Religiöser Wahnsinn. In Mainz hat sich am Mittwoch Nachmittag der dort woh⸗ nende 29 Jahre alte Arbeiter Heinr. Trautwein aus Gau⸗Odernheim im Beisein seines Vaters in einem Anfall religiösen Wahnsinns erschossen. ** Hunnisches. Gelegentlich der Kon⸗ trollversammlung in Ellnhausen bei Marburg entstand eine Schlägerei. Dabei wurde der Reservist Weinhold aus Haddamshausen so schwer verletzt, daß er in der darauf folgenden Nacht star b. Letzte Nachrichten. Die sozialdemokratische Fraktion des Reichs- tags hat eine Interpellation eingebracht, welche Maßregeln der Reichskanzler gegen die Beamten zu ergreifen gedenke, welche von dem Bunde der Industriellen 12 000 Mark forderten und erhielten. Die Anfrage wird am Montag zur Verhandlung kommen.— Am Donnerstag konstituirte sich der Reichstag. Als Präsident wurde Ballestrem wiedergewählt. Erster Vizepräsident wurde der Konservative Frege, zweiter der Nationalliberale Buesing. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 17. November. Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“. Gießen. Metallarbeiter abe ds 9 Uhr bei Ocbig Montag, 19. No vember. Giesten. Schneider. Abends 9 Uhr bei Orbig. Quittungen. L. G. 3.50. Schw. Nom. 3.— R. Ochlm. 27.—. Schb. H. 10.20. Tgd. G.—.40. R. G. 2.40. Schfr. gdst. 7 20. L. G. 10—. Vyr. Dog. 3.60. Wld. Alsf. 24.— Kl Rdg. 7 20. Wir. Obch. 7.20. Gge. Hobgn. 7.40. Ggr. Neg. 27 60. Rg. Stbch. 24.60. Ptr. Grßl. 3.—. Mhl. G. 23 60 Hilg. Kl. L. 4.34. Sgfr. Abck. 8 80. Lchr. The. 18. Ba. Vog. 3.60 L. G. 7.—. Erb. Ghsn. 4.80. Och. Alt. 1—. Hp. Adhm. 4.8). Mhr. Eckh. 4.— Hchstd. Koh. 13.20. Sg. Hst. 2.40. Lst. Weck. 28 60. Krgr. S. 37.80. Pf. Odh. 1 50. Lchr. The. 1.80. B. Rdg. 2.20. Mhr. Eckh. 3.—. L. G. 3.— Dbgn. 17 20. Kch. Nofl. 10.60. Fth. Wtzlr. 56.60. H. Stog. 17.20 Sch. Stbg. 1.50. Lflr. Föbg. 20.—. Dum. E. 480 L. G. 2.25. cht. Gbg. 6.—. V. G. 1.—. Dih. Lgst. 4.—. Mth. Gch. 10.—. B. Wbch 2.—. Schr. Mur. 12.60. .. ͤ Genossen! Agitjert allerorts für die Parteipresse! l I d S O Y e — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. b Unterhaltungs⸗Theil. ueberzeugung. Die Ueber zeugung ist des Mannes Ehre— Ein golden Vließ, das keine Fürstenhand Und kein Kapitel um die Brust ihm hängt. Die Ueberzeugung ist des Kriegers Fahne, Mit der er, fallend, nie nurühmlich fällt. Der Aermste selbst, verloren in der Masse, Erwirbt durch Ueberzeugung sich den Adel. Ein Wappen, das er selbst zerbricht und schündet, Wenn er zum Lügner seiner Meinung wird. Karl Gutzkow. Dunkle Mächte. 13) Roman von Elise Langer. Es kam denn auch, wie Käte vorausgesehen. Die Mutter nahm die Mittheilung ihrem Cha⸗ rakter gemäß zwar schweigend auf, aber sie nickte mit einem bittern Lächeln vor sich hin, als bestätigte sie innerlich, was sie damals ih⸗ rer Tochter über das vermeintliche Glück der Ehe gesagt hatte. Herr Maihöfer sprang da⸗ gegen gleich bei den ersten Worten der Tochter auf und ergoß sich in einem Schwall von Wor⸗ ten. Kolwei: sei ein vertrauensvoller Narr ge⸗ wesen. Er, Maihöfer, hätte sich besser gesichert diesem Fuchs, diesem Brandt, nicht aufs blanke Antlitz getraut. Kontrakt hätte er gemacht? Ha, ha, das wäre ein Wisch Papier, gut, um die Pfeife anzustecken. Er hätte gleich etwas gegen diesen Menschen gehabt und würde auch Kolweit gewarnt haben; aber dieser wäre ja immer so superklug und wollte alles besser wis⸗ sei, er hätte sich daher gescheut, ein Wort zu äußern. Jetzt könnten sie alle zusammen am Hungertuch nagen. Für sich wäre es ihm wahr⸗ lich gleich, denn die Veröffentlichung seiner Ge⸗ dichte könnte er sich jetzt vom Munde wischen, aber was sollte aus Käten und seiner armen Frau und den noch unerzogenen Würmern werden? N Er hatte die letzten Worte noch nicht aus⸗ gesprochen, als Frau Maihöfer sich aus ihrer zusammengesunkenen Stellung kerzengerade aufrichtete und die arbeitharte Hand fest auf den Tisch legte. „Genug, Mann“, rief sie, bleich vor Zorn. „Wir haben die Kinder in die Welt gesetzt, an uns ist es, für sie zu sorgen. Schlimm genug, daß wir es nicht konnten, daß Käte ihre besten Jahre opfern mußte. Sie hat mehr als ihre Pflicht gethan. Jetzt gehört sie ih⸗ rem Manne. Nach uns hat sie nichts zu fragen.“ 8 Sie war aufgestanden und hatte die Hand auf Kätens Schulter gelegt. Käte nahm die Hand und küßte sie. „Vater hat es nicht böse gemeint,“ beschwich⸗ tigte sie die Mutter.„Auch wäre er in Bern⸗ hardts Lage gewiß ebenso vertrauensvoll ge⸗ wesen, wie es jede alte Natur ist. Nicht wahr, hab ich nicht Recht, Väterchen? Komm, setze Dich zu uns. Jetzt will ich Euch auch sagen, wie wir unser Leben künftig einzurichten ge⸗ denken.“ Die Mittheilung von dem Rückkauf des Ge⸗ schäftes machte gleich einen sehr günstigen Ein⸗ druck. Von Pensionären wollte Herr Maihö⸗ höfer nun schon nichts mehr hören. Das junge Paar mußte seine ungestörte Häuslichkeit ha⸗ ben, meinte er großmüthig. Frau Käte ließ sich aber nicht dareinreden, sondern entwickelte ruhig ihren Plan. Sobald ihr Mietskontrakt abgelaufen wäre, wollten sie mit den Eltern eine größere Wohnung beziehen, um mehr Pensionäre nehmen zu können. Kolweit würde natürlich nicht unthätig bleiben. Er hätte be⸗ reits seine früheren Verbindungen wieder an⸗ knüpft. Kurz, wenn alle angriffen, würde sich wohl der Verlust überwinden und eine erträg⸗ liche Existenz herstellen lassen. Was Frau Käte selbst auf sich nahm, war natürlich das Schwerste. Aber das machte ihr keine Kopfschmerzen. Im Gegenteil, da sie die Eltern mit der veränderten Lage ausgesöhnt hatte, fühlte sie sich so leicht und frei wie noch nie in ihrem Leben, und glücklich, als ob sie das große Loos gewonnen, kehrte sie nach Hause zurück. f Helma harrte Tag auf Tag vergebens auf Brands Besuch. Sie hatte, bevor sie sein Haus verlassen, ihm einige Abschiedszeilen auf sei⸗ nem Schreibtisch niedergelegt, worin sie ihn an sein Versprechen mahnte und ihrem uner⸗ schütterlichen Vertrauen auf seine Liebe und seine Ehrenhaftigkeit Ausdruck gab.„Du wirst es verstehen, Geliebter,“ schrieb sie,„daß ich Dir und mir einen persönlichen Abschied er⸗ sparen wollte und Dir darum Tag und Stunde meines Fortgehens verschwieg. Ich hoffe aber mit Zuversicht, daß Du mich in meiner Ver⸗ lassenheit bald aufsuchen und so den einzig möglichen Trost gewähren wirst Deiner un⸗ glücklichen Helma.“ Dr. Brandt athmete auf, als er, nach Hause kommend, von Helmas Abreise hörte. Es war, als ob ihm ein Alp von der Brust genommen wäre. Ihre heimliche Entfernung glaubte er zudem für seine Zwecke gut verwerthen zu können. Endlich kamen einige Zeilen von ihm. Er wäre zu seinem großen Verdruß in diesen Ta⸗ gen mit Arbeit überhäuft, sodaß er nicht, wie er wünschte, zu ihr eilen könnte. Der erste freie Augenblick sollte ihr doch gehören. Beiläufig müßte er sie ein wenig schelten. Er hätte ihre Art, sich fortzustehlen, sehr merkwürdig gefun⸗ den. Indessen fühle er wohl, daß er kein Recht hätte, ihr Vorwürfe zu machen. Er sei so tief in ihrer Schuld, daß er alles billigen müßte, was sie thäte, wie sehr auch seine Gefühle da⸗ durch verletzt würden. Dieser Brief brachte Helma dem Wahnsinn nahe. Wie, ihre zartesten Empfindungen legte er ihr als grobe Rücksichtslosigkeiten aus oder gab sich wenigstens den Anschein, es zu thun. Er spielte sich auf den Beleidigten, Verletzten, hinaus und schärfte den Stachel seiner Worte mit einem heuchlerischen Schuldbekenntniß. O es war zum Rasendwerden! Wie außer sich rannte sie in dem schmalen Raume auf und ab, hundert und hundert mal, zuerst mit kur⸗ zen hastigen Schritten, dann langsamer und langsamer, wilde Gedanken in ihrem Hirne wälzend, Gespräche mit dem Grausamen füh⸗ rend, in denen sie ihm alles sagte, was sie oft auf den Lippen gehabt, aber aus Schonung für ihn stets in ihre Brust zurückgedrängt hatte. Waren alle ihre Handlungen nicht von Liebe und Rücksicht diktirt gewesen? Was hatte sie gethan, um solchen Vorwurf zu verdienen? Sie hatte nur nicht immer lächeln, nicht im⸗ mer heiter und fröhlich sein können mit dem Tod im Herzen. Das war ihr einziges Ver⸗ gehen. Das hatte er verlangt. Sie sollte ihm eine heitere Stirn zeigen, ob sie auch im In⸗ nern verblutete. Lachen, lachen sollte sie. Und sie lachte grell auf wie eine Wahnsinnige. Dann verlor sie das Bewußtsein. Nach langen, qualvollen Stunden ward ihr ein Mädchen bescheert. Helma jubelte auf. Ein Mädchen! Emmy! Sie war wiedererstanden, um das Band zwischen ihr und dem Vater neu und dauernd zu knüpfen. Die ganze Zeit hatte Helma gewpünscht, daß es ein Töchterchen sein möchte. In ihrem fiebendem Zustande waren Emmy, die süße, in Blumen gebettete Emmy, die sie in der dunklen Ferne hatte verschwin⸗ den sehen, und das Neugeborene eins. Der lie⸗ bende, um den Tod seines Kindes so tief trau⸗ ernde Vater würde die Wiedergeborene an sein Herz legen und um ihretwillen auch die arme Verlassene, die ihre Mutter war. Wie ein Er⸗ trinkender an einen Strohhalm, so klammerte sie sich an jenen Umstand, der ihr nur einen Schein von Hoffnung auf Wiederherstellung ih⸗ res zerrütteten Daseins bot. Brandt hatte sich bis dahin nicht sehen las⸗ sen. Die Vorbereitungen zu seiner in Kurzem stattfindenden Vermählung— das Scheidungs⸗ dokument hatte er bereits vor zwei Monaten erhalten— nahmen ihn vollauf in Anspruch Frau von Romberg sorgte freilich für alles. Sie ließ ihre Stadtwohnung ganz neu aus⸗ statten und für ihren künftigen Gatten ein ele⸗ gantes, mit allem modernen Komfort verse⸗ henes Arbeitszimmer einrichten. Auch Charles wurde mit einem schönen hellen Kinderzimmer, in dem er sich gehörig tummeln konnte, bedacht. Brandt hatte den Knaben seiner Verlobten zu⸗ führen müssen, die den herzigen Buben gar nicht mehr von sich lassen wollte. Die Kunde von dem Verlöbniß war über die exklusiven Kreise, in denen das Paar sich bewegte, nicht hinausgedrungen. Es waren ele⸗ gante Verlobungskarten herumgeschickt, aber keine Anzeige in einer Zeitung gemacht wor⸗ den. Erst ganz neuerdings hatte Kolweit eine Notiz gefunden, in welcher die bevorstehende Vermählung des geistvollen Journalisten und Chefredakteurs des„Nordd. Beobachters“, Dr. Oskar Brandt, mit einer reichbegüterten Dame, der verwittweten Baronin von Romberg, als eine interessante Neuigkeit mitgetheilt war. Helmas Freunde wollten anfangs nicht daran glauben. Eine solche Perfidie wäre ja unerhört. Jedenfalls mußte sich die Nachricht erst voll. bestätigen, bevor Helma ein Schimmer davon. erreichen durfte. Kolweit wollte genaue Er⸗ kundigungen einziehen. Am Tage nach der Geburt des Kindes bat Helma, die selber dazu zu schwach war, ihre Freundin Käte, Dr. Brandt von dem Ereigniß Anzeige zu machen. Käte schrieb ohne Namens⸗ unterschrift. In größter Aufregung zählte die junge Mutter jetzt die Stunden. Am Abend des nächsten Tages endlich erschien der Ersehnte. Es war ein schwerer Gang für ihn, und er hatte ihn mit dem Entschlusse angetreten, eine endgültige Lösung dieses Verhältnisses wohl oder übel herbeizuführen. Nicht daß er gegen Helmas Reize ganz und gar unempfindlich ge⸗ worden; in seiner Phantasie besaß sie immer noch viel von jenem Zauber, der seine Sinne entflammt hatte, und der, wenn er sie mit seiner unschönen Braut verglich, wieder ver⸗ lockend vor ihm aufstieg. Aber durfte er die Thorheit begehen, ein ihm vom Schicksal förm⸗ lich aufgedrungenes Glück zurückzuweisen, um. ein Paar schönerer Augen willen, deren Thrä⸗ nen bald getrocknet sein würden? Helma hatte ihr Kind; so gefühlseligen Frauen, wie ihr, ging ein Kind weiter über den Mann. Sie sollte an nichts Mangel leiten, nein im Gegen⸗ theil, sich ein freundliches, allen vernünftigen Ansprüchen gemäßes Leben gestalten. Er hätte es dazu und würde darauf bestehen, daß sie Gebrauch davon machte. So vor sich selber den Großmüthigen spielend, betrat er das Haus. f (Fortsetzung folgt.) Das Eheproblem. Das„Luzerner Tagblatt“ veröffentlichte unter dem Titel„Eheliche Unterhaltung“ den nach⸗ folgenden häuslichen Dialog. Sie:„Ich glaube, Karl, Du liebst mich nicht mehr!“ Er:„Ach, sei doch nicht so närrisch!“ Sie:„Da haben wir es ja! Du bestätigst ja selbst, was ich eben gesagt habe. Sei nicht närrisch! Hast Du früher so zu mir gesprochen, bevor wir verheirathet waren?“ Er:„Nein, mein Kind!“ Sie:„Damals war mein kleinster Wunsch Dir Befehl; damals setztest Du Dich nicht wie eine Puppe hin, rauchtest'ne Zigarre und lasest die Zeitung, wenn ich im Zimmer war; damals suchtest Du mir jeden Wunsch zu erfüllen und trachtetest stets danach mir alle möglichen Ge fälligteiten und Aufmerksamkeiten zu erweisen“ Er:„Das ist wahr!“ Sie:„Damals warst Du auch nicht so schläfrig und langweilig wie jetzt, Du warst geistreich, energisch, muthig!“ 5 Er:„Liebes Kind, hast Du schon einmal einen Jungen gesehen, der auf einen Apfelbaum geklettert ist, um einen Apfel zu holen?“ Sie:„Jawohl, aber....“ Er: uch we 0 E dh. Er: —Uso Junge! peer k Sie h i Die Man il wit be miederg Geschlel stelüch sagen: Nein,! Noli, darin berührt für die Tuogw Bräuti Monne mie e dieser allen schwer, mögen die S ist kal dem! der ü der diese geschle bisher dem hoch! wenn probl sch a ohne uu sh eigenf größt zu bl 2 0 8 i al don n, daß fie f* Toshe sich selbet 5 er daz U Nr. 47. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Er:„Laß mich ausreden! Er klettert und klettert, bis er den Apfel hat, nicht wahr?“ Sie:„Natürlich!“ Er:„Aber wenn er ihn hat, klettert er dann noch weiter?“ Sie:„Nein, das hat er aber auch gar nicht nöthig.“ Er:„Sehr richtig, das hat er nicht nöthig! — Also, Du bist der Apfel und ich bin der Junge! Ich habe Dich, warum soll ich da noch weiter klettern?“ Sie(in heftiges Schluchzen ausbrechend): „Oh, ich armer, unglücklicher Apfel!“——— Die„Frankfurter Zeitung“ bemerkte hierzu: Man wird uns ohne Weiteres glauben, wenn wir versichern, daß wir diesen Dialog nicht wiedergeben, um den lieben Philistern beiderlei Geschlechts ein Vergnügen zu bereiten. Sie freilich werden einander beglückt zunicken und sagen:„Das ist einmal ein Schuß ins Schwarze!“ Nein, wir nehmen von dem kleinen Scherz nur Notiz, weil die gute Einfalt, ohne es zu wissen, darin ein Hauptproblem der ganzen Ehefrage berührt. Denn das scheint uns sicher, daß es für die junge Frau kein Erlebniß von größerer Tragweite giebt, als die Umwandlung des Bräutigams in den Ehegatten, das heißt, des Mannes, wie er zu sein vorgiebt, in den Mann, wie er wirklich ist. Für die Frau bedeutet dieser Wechsel in vielen Fällen einen Sturz aus allen Himmeln, von dem sich feinere Naturen schwer, manchmal nie wieder zu erholen ver⸗ mögen. Wie oft diese furchtbare Enttäuschung die Schuld trägt, daß Ehen unglücklich werden, ist kaum abzuschätzen. Denn die Art, wie aus dem feurigen und galanten Liebhaber so häufig der übellaunische Despot wird, ist in den Augen der Frau deshalb nicht weniger Betrug, weil diese Metamorphose so alt ist wie das Menschen⸗ geschlecht selber. Die„neue Frau“, die sich bisher nur ein bescheidenes Plätzchen sucht, auf dem sie stehen kann, noch Manches und Ernstes zu fordern haben, wenn sie sich erst einmal nachdrücklich dem Ehe⸗ problem zuwenden wird. Und dann bereitet sich auch langsam die Zeit vor, wo der Mann, ohne sich über solche Zumuthungen vor Lachen zu schütteln, einsehen wird, daß er in seinem eigensten Interesse handelt, wenn er sich die größte Mühe gibt, auch in der Ehe Liebhaber zu bleiben und auf dem Apfelbaum trotz der (are N 8 1) in allen Farben und Qualitäten zu billigsten Preisen, Rockwolle d an und höher 92 7 Sonnenstrasse 25. NB. Striden von Strümpfen, Röcken ꝛc⸗ wird billigst besorgt. Auch stehe.n Mustecröcke zum Absticken gratis zur Verfügung. Erste Giesßzene e 4 chnellbesohlanstal S wird von dem Manne Unbequemiichkeit immer weiter zu klettern, selbst, wenn er sich den Apfel schon geholt hat. Aus der Geschichte. Eine richtige Antwort auf eine fürstliche Un verschämtheit. Der Kur⸗ fürst Wilhelm II. von Hessen, welcher von 1821 bis 1847 regierte, war bis zum Tode vom Geiste des Absolutismus beseelt und wollte von Verfassung und dergleichen nichts hören; bürger⸗ liche Menschen waren in seinen Augen Menschen geringerer Ordnung. Nun hatte der Kurfürst aber an der einen unteren Gesichtshälfte einen häßlichen Aus wuchs, wahrscheinlich ein Karbunkel, weswegen er auch im Volksmunde der Knoten⸗ kurfürst genannt wurde. Diesen Auswuchs wollte Sereuissimus durch eine Operation ent- fernen lassen und berief zu diesem Zwecke aus der nahe gelegenen hannover'schen Univerfitäts⸗ stadt Göttingen einen als Chirurgen berühmten Professor. Der Mann der Wissenschaft war nun nicht wenig erstaunt, als bei seinem Ein⸗ tritt in das Audienzzimmer des hessischen Selbst⸗ herrschers dieser ihn mit der seltsamen Anrede „Er“— an welche allerdings die hessischen Unterthanen gewöhnt waren— empfing und unter Hindeutung auf den Aus wuchs fragte: „Kann Er das kuriren?“ Jedenfalls war aber der Beherrscher Kurhessens wie aus den Wolken gefallen, als der Professor antwortete:„Ja, er kann das, er will es aber nicht!“ Damit drehte sich der tapfere Mann der Wissen⸗ schaft kurz um und verließ sofort die kurfürstliche Residenz. Soviel bekannt, hat der Fürst den Auswuchs mit ins Grab genommen. Zur Kinderpflege. Die Abneigung der Kinder gegen bestimmte Speisen gehört in das Kapitel der Idiosynkrasie und ist von den Eltern und Erziehern gewiß nicht nebensächlich und leicht zu nehmen. Vielmehr sind derartig veranlagte Kinder vor dem Genusse der ihnen widerlich er⸗ scheinenden Speisen zu bewahren oder allmählich daran zu gewöhnen. Manche Kinder können keine gekochten Rüben, Bodenkohlrabi, Schoko- lade, gewisse Früchte und dergleichen mehr ge⸗ nießen. Eine derartige angeborene Abneigung kann, wenn das Kind zwangsweise zum Essen angehalten wird, zur Krankheit führen, wie n e 75755 besohlt guf. besohlt schnell, besohlt billig, Arbeitsschuhe und Stiefel, Schreiber dieses an sich selbst erfuhr. Die ge⸗ kochten Rüben waren mir ein Greuel und ich war, nachdem ich dieselben essen mußt“, regel⸗ mäßig am gleichen oder folgenden Tage von Kopfschmerzen und Erbrechen gequält. Auch die Nesselsucht kann durch den Genuß wider⸗ williger Speisen verursacht werden. Deshalb betrachte man die Verweigerung und Abneigung gegen Speisen nicht als Eigensinn oder Fein⸗ schmeckerei, denn unter Umständen läßt sich das Kind oft mit Nachsicht und gutem Willen an derartige Speisen gewöhnen, indem man mit kleinen ihm angenehm erscheinenden Mengen be⸗ ginnt und, falls keine üble Nachwirkung eintritt, dieselben unmerklich steigert. Auf diese Weise können die Kinder dahin gebracht werden, Nahrungsmittel, die bloß ihrem Geschmack nicht entsprechen, zu genießen. Das hat besonders für spätere Zeiten Werth, wenn die Kinder an fremden Tischen essen müssen. („Prakt. Wegweiser.“) Gebet eines Kapitalisten. Müde bin ich; geh' zur Ruh' Schließe alles sorgsam zu. Vater! Laß die Augen dein, Ueber meinem Geldschrank sein! Hab' ich Unrecht heut gethan, Arme über's Ohr geschlah'n, Herr! Laß's sein nur alles gut: Christ bezahlt's mit seinem Blut. Wach' ob meinem Gelde, Herr! Schaffe, daß es sich vermehr'; Alle Münzen groß und klein Sollen dir befohlen sein. Josef Pilar. Humoristisches. Verblümt.„Aber Fritze, warum ißt Du denn heute Dein Fleisch nich?“ „Ja, Meesterin, det is noch zu heeß!“ „Nu, warum bläst Du es denn da nich?“ „Ja, ich fürchte nur, da fliegt's weg!“ * Neues vom Serenissimus. „Da lese ich eben in der Zeitung, Kindermann, daß von einem Neubau-Gerüst zwei Arbeiter abgestürzt sind Ja, warum steigen denn und auf der Stelle tot waren. die Leute da hinauf?“ empfehle mein reichhaltiges Schuhwaarenlager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. sowie sämmtliche Winterschuhwaaren in reicher Auswahl und jeder Preislage. Aufertigung nach Maaß. Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Has fluss Benne, Glisssen ae H SHS 34. „„ Cigaretten, Tabak, Pfeifen und Stöcke in jeder Preislage. Prima Flascheubier aus der Aktien⸗ Brauerei und Brauerei Friedel& Asprion. Fritz Meissner, Neuenweg 30. e . 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