che ne 3. Onalltät aemmungen din riß achbard 5 Nacht b eruuc dun lech rü iges — Gießen, Sonntag, den 16. Dezember 1900. 7. Jahrg ˖ Mitteldeutsche kit Nedaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung die Exvedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.)] 330% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Die Pläne der Lebensmittel⸗ wucherer. Was heißt, was bezweckt der Doppel tarif? Diese Frage wird angesichts dessen, daß die Agrarier bei Festsetzung der neuen Zölle einen Doppeltarif anwenden wollen, bren— nend und auch unsere Leser werden sie wieder— holt aufgeworfen haben. Wir wollen versuchen, sie zu beantworten. Der Reichstag kann Gesetze machen. Er kann sich dabei sagen, dies Gesetz ist nur für kurze Zeit. Er kann aber auch die Absicht dabei haben, daß ein Gesetz für alle Ewigkeit sein soll. Die Absicht kann er haben, aber die Kraft, Gesetze für alle Ewigkeit haltbar zu machen, fehlt ihm. Was der eine Reichstag machte, in. dem die Agrarier den Ton angaben, kann der nächste Reichstag, aus dem die Agrarier ver- schwunden sind, wieder aufheben. Auch derselbe Reichstag, der 1899 etwas beschlossen hat, hat das Recht, sich 1900 eines Besseren zu besinnen und seinen eigenen Beschluß aufzuheben. Das kann er nicht nur thun, das hat er auch schon gethan. So war es einmal mit dem Flachszoll und einmal mit dem denaturirten Spiritus, über den derselbe Reichstag verschieden beschloß. So war es schon mit wohl fünfzig Gesetzen, die ein Reichstag machte, ein anderer aber auf⸗ hob. Wer gerade an der Macht ist, der diktirt Gesetze. Aber er diktirt sie nicht auf ewig. Diese Thatsache ist als ein Glück zu betrachten. Nun giebt es Leute, die dem deutschen Volke solch Glück nicht gönnen. Diese Leute bewilligen das Heer auf sieben Jahre, die Flotte auf 19 Jahre. Sie wollen damit unmöglich machen, daß die kommenden Reichstage die Fehler wieder gut machen. So ist es auch mit dem Doppeltarif. Man will damit die Zölle, die einem gar zu schön gefallen, auf Ewigkeit festlegen. Wer einen Doppeltarif aufstellt, setzt zwei Listen fest. Die eine Liste giebt an, daß Roggen, Weizen, Kaffee, Petroleum und alle die andern Dinge nunmehr einen Zoll von der und der Höhe tragen müssen und daß diese Höchstzölle dauerndes Gesetz sein müssen. Diese Liste nennt man den Maximaltarif(Höchsttarif). Sie soll ein für allemal und allgemein gelten, wenn nicht Ausnahmen bestimmt werden. Solche Ausnahmen müssen natürlich dann auch in Form eines Gesetzes gemacht werden. Legen wir heute z. B. einen Maximaltarif fest, so kann man wetten, daß wir, um die Han⸗ delsverträge abzuschließen, Ausnahmen machen müssen. Wer einen Handelsvertrag schließt, muß ja mit dem anderen Staate freundlich sein, er muß ihm entgegenkommen und darum muß er Ausnahmen machen. Diese Ausnahmen werden dann als Gesetz festgelegt und dies Gesetz ist der Handelsvertrag. Solche Ausnahmen müssen allemal gemacht werden, wenn ein Handels- vertrag zu Stande kommen sollte. So hat man es gehalten, so lange man Handelsverträge schloß, bis zum Jahre 1860 ohne Ausnahme und nach 1860 mit wenig Abweichungen. Der Handelsvertrag sagte also: Diese Waare kostet bei uns zwar soundsoviel Zoll, wenn sie aber über die russische Grenze kommt, so soll sie nur soundosviel Zoll kosten, weil wir mit Rußland einen Handelsvertrag geschlossen haben. Solche abweichenden Zölle für Waaren, die über eine bestimmte Grenze oder über See kommen oder von Schiffen eines bestimmten Volkes gebracht werden, bildeten den Inhalt jedes Handelsver⸗ trages. Man nennt diese Zölle dann Differen⸗ tialzölle(Unterschiedszoll) und den Tarif im Handelsvertrag Bifferentialtarif(Unterschieds⸗ tarif). Dabei konnte man soweit gehen, daß man gewisse Waaren aus gewissen Ländern ꝛc. auch ganz steuerfrei hereinließ. Wenn ein Land wirklich sehr hohe Schutzzölle hat, kann man sie unschädlich machen durch solche Differentialtarife(Unterschiedstarife), das ist auch schon oft geschehen, und deshalb haben unsere Kornwucherer Furcht davor, daß sie, wenn sie jetzt zwar einen unendlich hohen Getreide— zoll festlegen, vom nächsten Reichstag, der viel- leicht besser als der jetzige in Zollfragen ist, durch Differentialzölle um die Beute gebracht werden. Um das nun zu verhindern, kommen sie jetzt mit dem schlauen Gedanken, der jetzige Reichstag solle nicht nur einen Maximaltarif, sondern auch einen Minimaltarif(Mindesttarif) festlegen. Das soll heißen, der jetzige Reichstag solle späteren Reichs⸗ tagen verbieten, mit ihren Differential⸗ zöllen, ihren Zollerleichterungen, unter einen bestimmten Satz, den Mindestsatz, zu gehen. Wenn z. B. jetzt ein Maximaltarif für Rog⸗ gen einen Zoll von 10 Mark festsetzt und ein »Minimaltarif einen Zoll von 7,50 Mark, so heißt das: Bis auf Weiteres zahlt der Roggen 10 Mark Zoll und in Zukunft darf dieser Zoll niemals unter 7,50 Mark herabgehen. Man will also die hohen Zölle für immer erzwingen und allen Reichstagen, die be⸗ deutend billigere Zölle oder gar Freihandel wollen, den Weg verrennen. Von Staaten, mit denen wir keine Handelsverträge haben oder bekommen, muß immer der höchste Zoll genom- men werden und auch die, mit denen wir einig werden, dürfen nicht unter dem Mindestsatz da⸗ vonkommen. Werden wir da noch einig? Kommt ein Staat, der uns einen Handels⸗ vertrag mit den größten Vortheilen anbietet, der aber verlangt, daß unser Reichstag z. B. den Roggenzoll unter den Mindestsatz legt, also statt duf 7,50 Mark vielleicht auf 3 Mark, so soll es dem Reichstag einfach verboten sein, solchen Handelsvertrag anzunehmen. Der Regierung soll es sogar verboten sein, den Reichstag zu solchen Verträgen zu verlocken. Ein eher ⸗ nes Gesetz soll den Brodwucher für immer festlegen. Wirklich nicht dumm von den Brodwucherern. Wenn aber die Regierung und der spätere Reichstag einsehen, daß wir den Mindesttarif nicht brauchen können, daß uns gewisse Han⸗ delsverträge viel nöthiger sind als der Mindest⸗ zollsatz. Was dann? Nun, dann kann die Re⸗ gierung die Beseitigung des Maximaltarifes vor⸗ schlagen und der Reichstag kann sie annehmen. Ist das geschehen, so haben beide wieder freie Hand für Handelsverträge. Hier hat die Rech⸗ nung der Agrarier das wünschenswerthe Loch. Man macht einfach statt des einen Gesetzes, ge— nannt Handelsvertrag, deren zwei(Aufhebung des Maximaltarifes und Handelsvertrag), und der künftige Reichstag ist aus der Falle des Doppeltarifes heraus. Immerhin wäre das eine Erschwerung unserer Wirthschafts⸗ politik. Schon deshalb ist sie zu verwerfen. Andererseits aber ist zur Zeit die Absicht der Agrarier, Maximaltarif und Minimaltarif so hoch festzulegen, daß einfach kein Staat Lust hat, mit uns Handelsverträge zu schließen. Unsere Brodwucherer wollen eben keine Han⸗ delsverträge und deshalb ist ihnen der Dop⸗ peltarif als Mittel zur Verhinde⸗ rung von Handelsverträgen noch viel wichtiger als das spätere Hemmniß gegen Wie⸗ derherstellung einer Wirthschaftspolitik, bei der das Volt sich satt essen kann. Wäre bei dem Doppeltarif nicht die Gefahr für die Handelsverträge, so könnte uns der Minimalzoll kaum bösartiger erscheinen als jeder andere Zoll. So aber, wie die Dinge jetzt liegen, wo alle unsere Handelsverträge erneuert werden sollen, ist der Doppeltarif ein beson⸗ deres Gift. Wäre er das nicht, so könnten wir mit Ruhe die Zeit abwarten, bis er scheitert und zwischendurch für die Herbeiführung des vollen Freihandels kämpfen. So aber müssen wir für die Bestie Doppeltarif noch ein paar Keulen⸗ hiebe mehr übrig haben als für die anderen Forderungen der Zöllner und Wucherer. Daß wir in diesem Reichstag trotz unseres Kampfes noch hohe, das Volk gefährdende Schutzzölle bekommen werden, wissen wir leider. Daß wir aber nicht noch als Zugabe das in Frankreich so system bekommen, wollen wir wünschen, denn sonst: Ade, Handelsverträge. Die Handelsver⸗ träge sind aber in Zeiten des Schutzzolles die Luftlöcher fürs Volk. Politische Rund hau. Gießen 11. Dezember. Das Ende vom Lied. Bei den Verhandlungen über die Chinavor⸗ lage erklärte der höchste Finanzbeamte des Rei⸗ ches, der Reichsschatzsekretär von Thielmann, daß ohne eine„dauernde Ver ärkung“ der Reichshauptkasse nicht mehr auszukommen wäre, denn die Ausgaben stiegen fortwährend, doch die Einnahmen entwickelten sich ungünstiger. Das heißt also, der China- Flotten- und Ko⸗ lonialrummel hat uns so tief hineingerissen, daß die hohe Reicksregierung sich nach neuen Steuern umsehen muß.— Noch ist die erste Forderung von 153 Mill. für den„Kreuzzug“ nicht bewilligt, so wird schon eine weitere von 100 Millionen angekündigt und ob es dabei noch bleibt, ist mehr als fraglich. Zur Deckung dieser riesigen Ausgaben sind entsprechende Einnah⸗ men nicht vorhanden, es muß folglich ge⸗ pumpt werden, und das Volk hat das Ver⸗ gnügen, in Gestalt neuer indirekter Steuern und Lebensmittelzölle die Zinsmillionen für die auf beinahe drei Milliarden ange⸗ wachsene Reichs schuld, sowie auch die Ko⸗ sten für abenteuerliche Wasserpolitik aufzubrin⸗ gen. Die Mittheilungen des Schatzsekretärs ha⸗ ben selbst in Kreisen solcher Leute ein wenig zur Ernüchterung beigetragen, wo man unrett⸗ bar dem Weltmachtstaumel verfallen schien. Ob man aber in diesen Kreisen wirklich zur Ein⸗ sicht kommen wird? Vielleicht dann wenn wir infolge der Wasserpolitik so weit wie Spanien heruntergekommen sind. Deutsche Patrioten liefern dem Auslande Waffen. Eine deutsche Waffenlieferung an Eng⸗ land erfolgt gegenwärtig nach einer Nachricht der„Frankf. Ztg.“ aus Eisenach. Die Fabrik von Ehrhardt in Eisenach und Düsseldorf (Gießereien) liefern gegenwärtig 18 Batterien der neuen Schnellfeuergeschütze, System Ehr— hardt, nach England an die dortige Kriegsver— waltung ab. Ferner werden geliefert 900 Mu- nitionswagen und 54000 Schuß. Der Kontrakt wurde nicht direkt von der englischen Kriegs— verwaltung, sondern durch Vermittelung der elend gescheiterte Doppeltarif⸗ / e 8 Lo- — 10 1 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Nr. 51 Chartered Company(Cecil Rhodes und Gen.) im Monat April abgeschlossen.— Im Früh⸗ jahr dieses Jahres wurde eine Waffenlieferung von Krupp für England seitens der Reichs-Re⸗ gierung inhibirt. Die Rücksichten auf die Neu⸗ tralität im Kampfe zwischen England und Transvaal, welche damals als Grund für die Einstellung der Waffenlieferung angeführt wurden, scheinen seit dem deutsch-englischen Ab- kommen nicht mehr zu herrschen oder aber die Regierung hat von der Lieferung keine Kennt- niß und erfährt die Thatsache erst aus den Zeitungen. Wenn dies der Fall ist, wird abzu⸗ warten sein, ob sie einschreitet. Ein neu' Gewehr erfunden ist, Wir loben Dich Herr Jesu Christ! Ueber eine neue Flinte für die Infanterie wurde dem„Vorwärts“ berichtet: Einem Nor⸗ weger ist es gelungen, ein neues Gewehr zu erfinden, das sowohl hinsichtlich seiner genialen Konstruktion, als auch der Durchschlagskraft seiner Geschosse alle anderen Systeme übertrumpft. Mit dem neuen Mordinstru— ment wurden im deutschen Lehr-Infanterie⸗ Bataillon eingehende Versuche angestellt, die ein dermaßen„glänzendes Resultat“ ergaben, daß, wie von durchaus vertrauenswürdiger Seite versichert wird, der Kaiser befohle nhabe, eine der Divisionen des hannover⸗ schen 10. Armeekorps probeweise damit auszurüsten. Die Erfindung ging vor Kurzem in den Besitz eines Konsortiums internationaler Kapitalisten über, unter denen sich u. a. auch, die Rothschilds befinden. Einer der Haupttheil⸗ nehmer ist ferner der Geheimrath Ehrhardt in Düsseldorf, in dessen Fabriken die Waffen her⸗ gestellt werden sollen.— Also kann sich der deutsche Michel auf einen tiefen Griff in den Beutel einrichten. Für Kulturzwecke ist aber kein Geld da. Annehmlichkeiten der Hunnenkrieger. Oft genug haben wir aus den veröffent- lichten„Hunnenbriefen“ lebhafte Klagen über die Behandlung, die den Chinafreiwilligen zu Theil wird, herausklingen hören. Dies ge— schieht auch in einem dem„Stuttgarter Beob.“ zur Verfügung gestellten Briefe, in welchem der Briefschreiber seiner Entrüstung über die Be⸗ strafung deutscher Soldaten durch Anbinden an den Pfahl Luft macht: „Etwas hätte ich auch nie geglaubt, näm⸗ lich, daß man im Kriege so mit den Soldaten umgeht, wie es bei unserer Kompagnie der Fall ist: Wegen den geringsten Vergehen wer⸗ den sie drei Tage eingesperrt; aber das ist nicht das Schlimmste. Dann werden sie noch außerdem jeden Tag vier Stunden— Vormittags zwei Stunden und Nachmittags zwei Stunden— an gebunden an einen Pfahl im Freien, daß sie sich nimmer rühren können, zum Spott der Chinesen und anderer Nationen. Ich selbst habe schon viele anbinden müssen.“ Es ist eine Lust, in China deutsche Kultur zu verbreiten! Heidnische Aussichten über christliche Kultur. Dieser Tage machte die Meinungsäußerung eines Japaners über das Christenthum und die christliche Kultur die Runde durch die Presse. Der menschlich und christlich denkende Heide ist bitter enttäuscht über das Verhalten der christlichen Völker in Ostasien; er erklärt, daß es weder christliche Nationen, noch Staaten ge⸗ geben habe. Höchstens begegne man hier und da ein paar Christen.„Seht, was in China vor- geht“, meint er.„Die christlichen Russen be⸗ gehen da Verbrechen, die uns heidnische Ja— paner erröthen machen Die Scheusälig⸗ keiten in China werden begangen im Namen der Religion, im Namen einer höheren Zivili⸗ sation. Angesichts dieser Grausamkeiten, die Ihr im Namen Eures Heilands begeht, wagt Ihr es noch, die Glocken Eurer Kirchen zu läuten, um uns zum Gebet einzuladen?! Geht und predigt den Christen, die so nöthig haben, sich zur Religion der Vernunft und der Güte zu bekehren. Und wenn Ihr aus ihnen(den Christen) humane Wesen gemacht, dann— aber auch nur dann kehrt zu uns zurück.“ Der Heide, der so spricht, ist entschieden ein besserer Mensch als unsere Hunnenchristen. Die württembergischen Landtagswahlen sind für uns noch weit glänzender ausgefallen, als es nach den ersten Mittheilungen schien. durch Der Stimmenzuwachs ist ein ganz be⸗ deutender, von 32 200 Stimmen im Jahre 1895 hat es unsere Partei auf 58000 gebracht, un⸗ sere Stimmenzahl hat sich also beinahe ver⸗ doppelt. Wenn deshalb nach der Mülhäuser Reichstagswahl und sonst bei anderen Gelegen— beiten bürgerliche Blätter, wie z. B. der„Gie⸗ ßzener Anzeiger“ und auch die„Hess. Landesztg.“ vom Stillstand oder gar„unaufhaltsamen Rück⸗ gang“ der Sozialdemokratie erzählten, so zeigt ihnen die Wahl in Württemberg, wie gründlich sies ich verrechneten. Keine andere Partei kann sich ähnlicher Erfolge rühmen. Nur die Zen⸗ trumspartei verzeichnet einen kleinen Stimmen⸗ zuwachs, sie stieg von 69000 auf 72 000. Die „nationalen“ Parteien aber, Konservative, Bauernbund, Nationalliberale,„Deutsche Par⸗ tei“ haben zusammengenommen gegen 1895 8000 Stimmen verloren; sie erhielten allesammt etwa 89 000 Stimmen gegen 97000 bei der letzten Wahl. Am schlimmsten kam aber die Volkspartei weg. Sie verlor fast ein Viertel ihrer Stimmen, von 95000 ging sie auf 74000 zurück. Von den 33 nothwendigen Stichwahlen ist unsere Partei an zehn betheiligt, von denen sechs die besten Aussichten für unsere Partei bieten. In den übrigen vier Kreisen stehen wir mit der Volkspartei in Stichwahl, da ist der Sieg für uns sehr zweifelhaft.— Im Ganzen können wir mit dem Ausfall dieser Wahl zufrie⸗ den sein, mit Recht können unsere schwäbischen Genossen von einem Siege auf der ganzen Linie reden. Selbst in rein bäuerlichen Kreisen, wo wo man sonst nichts von der Sozialdemokratie wissen wolllte, sind erhebliche Fortschritte zu verzeichnen.— Die Stichwahlen sollen am 17. und 18. Dezember stattfinden. Selbstverständ⸗ lich treten bei der Stichwahl unsere Genossen überall da für die volksparteilichen Kandidaten ein, wo diese mit den reaktionären Parteien umd as Mandat zu kämpfen hat. Der Landes⸗ vorstand wandte sich bereits in einem in diesem Sinne gehaltenen Aufruf an die Genossen im Lande. Wir wollen noch hinzufügen, daß das Wahlrecht zum württembergischen Landtage das gleiche wie das zum Reichstag ist, mit dem Unterschiede natürlich, daß nur Württemberger wählen können. Im Verhältniß zu anderen Landtagswahlgesetzen muß das württembergische als ein ziemlich freies bezeichnet werden.— Dafür haftet aber dem Landtage noch ein an⸗ deres mittelalterliches Anhängsel an, nämlich er hat noch 27„Privilegirte“, die dem Adel und der hohen Geistlichkeit angehören und von dieser gewählt werden. Dieser Umstand verhindert jede durchgreifende Reform. Außer⸗ dem gehören der ersten Kammer neben den königlichen Prinzen noch 19 Standesherren an, die zum größten Theil gar keine Württem⸗ berger sind! Sozialdemokratische Anträge im hessischen Landtage. Abg. Ulrich hatte der zweiten Kammer der Landstände einen Antrag unterbreitet, der die Regierung um Vorlegung eines Gesetzentwurfs ersucht, wonach die Kreisthierärzte als voll besoldete Staatsbeamte anzustel⸗ len und alle aus veterinär-polizeilichen Anfor⸗ derungen entstehenden Gebühren und Spesen aufzuheben sind. Die Regierung verhält sich gegenüber diesem Antrage ablehnend, da die bewilligte Besoldungsordnung den Kreisveterinärärzten eine nicht unerhebliche Er⸗ höhung ihres Gehaltes zu Theil geworden und sie mit dem Gehalt von 2400 Mk. steigend bis zu 3600 Mk. für ihre Leistungen im Dienste des Staates hinlänglich bezahlt würden, da nach Lage der Verhältnisse ihre Thätigkeit in dieser Richtung nicht zu allen Zeiten im vollen Maße in Anspruch genommen und sie auch noch der Privatpraxis obliegen könnten, was den Vortheil habe, das Interesse für alle Zweige des Veterinärfaches aufrecht und die Veterinär⸗ beamten selbst mit den Landwirthen ihres Be— zirkes in steter Fühlung zu halten. Die Auf⸗ hebung und das Verbot jeder Privatpraxis würde eine nicht gerechtfertigte allgemeine Er- höhung der Gehalte bedingen, ohne daß eine bessere Ausübung der Veterinärpolizei hierdurch gesichert würde. Die Majorität des Ersten Aus⸗ schusses empfiehlt ebenfalls Ablehnung des An⸗ trags und ist der Meinung, daß die verlangte Anstellung zur Folge haben müsse, die vor⸗ handenen Stellen beinahe auf die Hälfte zu reduziren, was nicht im Interesse der viehhal— tenden Bevölkerung liege und zwingende Gründe für Aenderung der jetzigen Verhältnisse nicht vorhanden seien, dagegen beantragt sie im Gegensatz zur Regierung, alle durch die Fleischbeschau der beamteten und nicht be⸗ amteten Thierärzte entstehenden Kosten auf die Staatskasse zu übernehmen. Mit Auflösungsgedanken trägt sich der neue gothaische Minister Hentig. Wenigstens hat die amtliche„Goth. Ztg.“ von einer bevorstehenden Auflösung dens Landtags gesprochen. Letzterer, der erst in diesem Herbste gewählt wurde, besteht aus 9 Sozialdemokraten, 4 Freisinnigen, 5 Agra⸗ riern und einem Nationalliberalen; es ist des⸗ halb wohl möglich, daß dieses Parlament dem Minister ebenso wenig wie seinem Vorgänger gefällt, schwerlich aber wird er durch die Auf⸗ lösung einen„besseren“ Landtag bekommen. Opfer des Klassenkampfes. Die Beschwerde des Genossen Swienty in Halle gegen den Beschluß der Strafkammer, die seine Inhaftirung genehmigte, wurde vom Oberlandesgericht in Naumburg verworfen. Auch dieses Gericht hält Fluchtverdacht wegen der zu erwartenden Strafe für vorliegend. In weiten Kreisen wird diese Entscheidung einfach nicht verstanden werden. Daß das Ehrenwort eines sozialdemokratischen Redakteurs keine leere Phrase ist, hat sich ja in dem Fall Schmidt⸗ Magdeburg gezeigt, wo der zu einer hohen Strafe Verurtheilte, trotzdem er auf freiem Fuße war, doch nicht daran dachte, das Hasenpanier zu ergreifen. Jetzt bleibt für den Gen. Swienty nur noch zu wünschen, daß die Verhandlung gegen ihn so rasch wie möglich anberaumt wird, damit er der qualvollen Ungewißheit über Schuld oder Nichtschuld baldigst entrissen wird. Unser Genosse soll sich, wie wir in der letzten Nummer bereits mittheilten, durch Abdruck eines Gedichtes über die Hunnenmedaille einer Maje⸗ stätsbeleidigung schuldig gemacht haben. Deutsche und polnische Stiefel. Aus dem Kreise Schroda(Reg.-Bez. Posen) meldet ein polnisches Blatt, daß in dem Dorfe Kijewo dem Lehrer sowohl wie den Schülern das Tragen langer Schaftenstiefel verboten worden sei, da man darin eine polnische Demonstration erblicke! Den Kindern wurde ebenso verboten, Bücher und Hefte in polni sche Zeitungen zu wickeln. — Wenn die„Germanisirung der polnischen Landestheile“ auf diese Art betrieben werden soll, so steht ihr ja noch ein weites Feld offen. Wir kommen vielleicht dann noch dahin, daß polnische, französische ꝛc. Barttrachten untersagt werden, Schlapphüte als demokratische Abzeichen verpönt sind und jeder Deutsche gehalten ist, sich nicht anders als mit der Pickelhaube oder Soldatenmütze auf dem Kopfe sehen zu lassen. Stoff für Witzblätter! Die Antisemiten im Reichstage. haben sich durch ihre verschiedenen Spaltungen in die unangenehme Situation gebracht, daß sie selbst vollständig lahmgelegt sind. Um sich nun einigermaßen zu helfen, sind diese Abge⸗ ordneten nun jetzt unter dem Namen„Freie wirthschaftliche Gruppe“ zusammengetreten zur Ausübung von Fraktionsrechten bei Beschickung der Kommissionen. Der an Jahren älteste Ab⸗ geordnete führt den Vorsitz bei Sitzungen, die zum Zwecke der Besetzung von Kommissionen einberufen werden. Viel Vertrauen in den Be⸗ stand selbst dieser rein äußerlichen Organisa⸗ tion scheint aber unter den Antisemiten selbst nicht zu herrschen. Die„Deutsch-sozialen Bl.“ bemerken nämlich bereits: Sollte es sich heraus⸗ stellen, daß z. B. die deutsch⸗soziale Gruppe nicht die Berücksichtigung bei der Vertheilung der Kommissionssitze erhält, die sie beanspruchen darf so würden die Abgeordneten jener Gruppe wahrscheinlich austreten und sich auf andere Weise die Mitarbeit in den Kommissionen sichern. BDeutsehenr Aeichstag. (Fortsetzung aus der Beilage.) Am Montag begann die erste Berathung des Etats, wobei bekanntlich die gesammte Politik der Regierung besprochen werden kann. Der Reichs schatz⸗ sekretär gab einen Ueberblick über die Finanzlage des Reiches, wie er das schon vor einiger Zeit in der Budget⸗Kommission gethan hatte; er wies nach, wie der schlechte Geschäftsgang auf die Finanzen zurückwirke, und klagte beweglich über die große Be⸗ lastung mit den Ausgaben— nicht für das Heer und die Flotte, sondern für die Alters- und Invalidenver⸗ sicherung.— Dann sprach als Erster Müller ⸗Fulda — Juleresee der Kang Deöhalb Empf. dle hohk, nuch Gef von den een la Worte n. durch die he ßen z. Malliarde Am um unse Gelme R. sfentlch wohnten enden gemeinen Teulschlo wulden. der Aus wortlich sud die snd m Kolonien Mllard gabelt haben! gachendf Iameson wegn, Halkung zeitung den St muzten, gesonne! ihnen Poll; der dan Berlin dußerdel Und die Husum nud wi Uilheileg kleinen tlie Un Uns eil Echritt Ahoden bien 0 saben surcht ut de duch A000 Zotten elfass 1 f odo dulden die Ent er St Wü shriter 8 — — ———— Nr. 51. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. vom Centrum, der sich lediglich auf Ausführungen rein finanzie er Art beschränkte. Der nationalliberale Redner, der Abg. Sattler, ging auf die allgemeine Politik ein und lodte den Kanzler als Minister des Auswärtigen, als welchen er sich schon früher so sehr bewahrt habe. Aber auf die jungsten Ereignisse über⸗ gehend, bedauerte er die Unhöflichkeit, mit welcher man den alten Präsidenten Kruger den Stuhl vor die Thür gesetzt habe, als er in Berlin einen Besuch abstatten wollte. Dasseibe that der nächste Redner, der Konser⸗ varive Graf Limburg⸗Stirum, der außerdem die alten agrarischen Klagen vortrachte.— Nunmehr ergriff der Reichskanzler das Wort. Er gab einen kurzen Ueberblick uber die Vorgeschi te des südafrikanischen Krieges, dessen Ausbruch er beklagte, in den sich eia⸗ zumischen für Deutschland wie für jede andere Groß— macht nur dunn möglich ware, wenn beide Parteien eine Vermittelung wänschten; England lehat diesselbe aber ganz karcgorisch an. Daher hätte dem Präsidenten Krüger ein Besuch in Bertin nichts nützen können, wie ihm auch sei“ Pariser Besuch nichts genützt hat. Er ist dort mit so schönen Redensarten abgespeist worden, daß auch ich es nicht hätte schöner machen können, meinte Graf Bülow launig. Ja, aber hat denn der Pariser Besuch den Freanzosen etwas geschader? und hätte ein Besuch Krüger's in Berlin den deutschen Inte ressen schaden können? Emen solchen Nachweis hat der Kanzler nicht geführt oder zu führen versucht. Deshalb bleibt es dadei, daß die Ablehnung des Empfenges bedagerlich in. Was Graf Bülow sonst über die hohe Politik sagte, war zu billigen; er will sie nicht nach Gefühlen der Sympathie führen, sondern sich nur von den nüchtern erwogenen Interessen Deutschlands leiten lassen. Nur schade, daß auf solche allgemeinen Worte nichts zu geben ist, ihren Inhalt können sie nur durch die einzelnen konkreten Fälle erhalsen, und diese heißen z. B.— Kiautschau und China und eine Viertel⸗ Milliarde Kosten. Am Dienstag, dem zweiten Tage der Etatsdeba te kam unser Genosse Bebe! als erster Redner zum Wort Seine Rede war eine umfassende Keitik der gesammten öffentlichen Zustände. Beuel sprach mit seinem ge⸗ wohnten Feuer und mit großer Wirtsamkeit, so daß die elenden Zustände der kapualistischen Gesellschaft im all⸗ gemeinen, und die schwankende halrlose Poliik Preußen ⸗ Deulschlands in grelle aber wahre Beleuchtung gesetzt wurden. Der Schatzsekretäß machte für das Wachsen der Ausgaben unsere Versicherungsgesetzgebung verant- wortlich; ach nein! an unzerer schlechten Finanzlage sind die Ausgaben für Heer und Floite schußsd; diese sind mit denen für die Schulden, Pensionen und Kolonien in den letzten 10 Jahren von einer halben Milliard⸗ auf mehr ais eine ganze gestiegen. Scharf geißelte Bebel die A wimmelung Krügers. 1896 haben Wilhelm II. den Transvaalpräsidenten in den gluhendsten Worten beglückwünscht, als er den Einfall Jamesons zuruückgeschlagen habe. Konsequent wäre es gewesen, beim Ausbruch bes jetzigen Krieges dieselbe Haltung einzunehmen, wie damals. In den Transvaal⸗ zeitungen erschtenen die Reden der deutschen maßgeden⸗ den Stellen, die in dem Volk den Eindruck erwecken mußten, als ob die Regierung wie das deutsche Volt gesonnen seien, dei Ausbruch eines Krieges mit England ihnen beizustehen Deshalb sieht jetzt die deutsche Politik wie Treulosigteit aus. Und in Konsequenz der damaligen Haltung hätte man jetzt Krüger in Berlin empfaugen müssen. Das verlangte außerdem aber auch das menschliche Mitgefühl und die Humanität. So sehr wir stets ein flieb liches Zusammengehen mit England befürwortet haben, so sind wir doch nicht bind gegen seine Fehler und ver⸗ urtheilen auch seine Handlungs veise gegenüber dem kleinen Trausvaal scharf. In deu letzten Tagen sind eine Unmenge von Briefen aus bürgerlichen Kreisen bei uns eingegangen, die darum bitten, datz gegen jenen Schritt unseren Regierung aufs entschiedenste Protest erhoben werden möge. Wie hat das Ausland über diesen Nichrempfang gespottet? Amsterdamer Blätter haben geschrieben:„Die deut schon Fü r sten fürchten Gott und ihre Großmütter. Beim Eiat des Reichzamts des Innern vermißte Bebel die Buchung der bekannten vom Centratverband erbetenen 1200/0 Mark und beim Marincetat die Ge der, die vom Flottenverein eingegangen sind. Auch diese dursen ohne Verfassun sverletzung der Kontrolle des Reichstages nicht entzogen werden. Er fragte den Grafen Posadoweky nachdrücklich, wie die 12000 Mt. verwendet worden seien. Ferner fragte er, ob gegen die, durch die Enthullung des Abg. Ra ab bloßgestellten Mitglieder der Seeberufsgenossenschaft, bezeichnet werden (die Welt will betrogen Sind diese Be⸗ Rechenschoft schristen als„Dekoration“ mit„mundus vult decipi“ sein) schließt, vorgegangen worden sei. trüger und Schwindler zur gezogen und aus dem Vorftande mit Schimpf und Schande ausgestoßen worden. 14 Tage sind seit der Enthüllung vergangen. Zu diesen Leuten gehört Herr Schiff 110 Egsfleih„ der berühmte Verfasser der De pesche:„Schiff verloren, Mannschaft leider gerettet.“ 1 geheuer als Vertrauensmann im Vorstand der See⸗ Berufsgenossenschast lassen! Bebels scharfe Bemerkungen hierüber veranlaßten den Grafen Posadowsky, nun endlich auch seine Meinung darüber zu sagen, die er bei den Verhandlungen über die Interpellation so tief im Busen verschlossen. Der Reichskanzler hatte das 7 0 fahren scharf getadelt; der edle Graf von Posadowsky jedoch kann in der ganzen Angelegenheit nichts schlimmes finden; handelte es sich den die sozialdemokratische Presse verübt, von seiten der die an dem schmählichen ö rief betyheinigt sind, in dem die Uafallverhürungsvor. de und der Wie kann man ein solches Un⸗ doch nur darum, den Fehler, — Gemeinde-Gewerbesteuer befreit. Regierung zu verbessern Diese böse Presse lobte das Zuchthausgesetz wicht, deshalb mußte die Regierung Geld beim Zentralverband erbetteln, um des Volk„aufzu⸗ klären“. Freilich, hätte man geahnt, daß die Sache doch in die Oeff nuichkeit kommt, so hatte man sich's wahr⸗ scheinlich besser überlegt! Abg. Richter, der nach un⸗ bedeutenden Bemerkungen des Herrn v. Kardorff zum Worte kam, führte Pesadowsky mit seiner Vertheidigung wegen der 12 000 ab, in Sachen Krüger erklärte er sich mit den Reichskanzler einverstanden. Zum Schluß brüllte der Ucteulsche Liebermann ein thörichtes„Los von England“ in den Saal, worauf die Sitzung schloß. Mittwoch wurde die Debatte fortgesetzt; nach Rickert, Kullusminister Goßler, Abg. Hesse, dem Reichskanzler ergriff Bebel nochmals das Wort, um wiederhott mit Schärfe deu sozialdemolratischen Standpunkt zu vertreten. f Bessischer Candtag. Am 6. Dezember trat die 2. Kammer der Landstände zu einer voraussichtlich nur kurzen Tagung zusammen. Erster Berathungsgegen— stand war die Regierungsvorlage betreffend die Dienshbezüge der staatlich ange⸗ stellten Forstwarte, zu welcher die Re⸗ gierung erklärt, daß sie die Vorlage„schweren Herzens“ zurückzieht und bittet, dem Ausschuß⸗ antrage zuzustimmen. Abg. David nimmt na⸗ mens der Sozialdemokraten die Regierungsvor— lage wieder auf und begründet die Forderung eingehend. Aus sozialen und menschlichen Ge⸗ sichtspunkten sei der Staat verpflichtet, das Elend dieses Beamtenproletariats zu beseitigen und es in besere Verhältnisse zu bringen, um die die Forstwarte schon seit zwanzig Jahren kämpfen. Das liege auch im Interesse der Waldkultur. Auch die Gemeinden hätten Vor⸗ theile davon.— Die Abgg. Schmeel und Backes, sowie die Ministerialräthe Will⸗ brand und Braun stimmen den Ausfüh⸗ rungen Davids bei, die Abg. Ulrich ebenfalls mit Entschiedenheit vertritt. Abg. Joutz meint, die Sozialdemokraten wollten a uch noch den Arbeitslohn der Arbeiter staatlich festgelegt haben, wobei ihm unsere Genossen zurufen: „Gewiß! Die Bürgermeister wollen es für siek ja auch!“ Darauf wird der Antrag, den gan⸗ zen Gesetzentwurf abzulehnen, gegen 5 Stimmen abgelehnt.— Am 7. Dez. wird die Debatte über diesen Gegenstand fortgesetzt. Die Abgg. Dr. David und Ulrich treten nochmals entschie⸗ den für die Wiederherstellung der Regierungs⸗ vorlage ein, die wohl schließlich die Zustim⸗ mung des Landtags gefunden hätte, wenn aber etwas von den Sozialdemokraten befürwortet werde, wolle man es nicht unterstützen. Schließ⸗ lich werden die Anträge Davids abgelehnt und mit großer Mehrheit der Antrag des Aus⸗ schusses, der also in der Verbesserung der Ein⸗ künfte der Forstwarte nicht so weit geht als die Regierungsvorlage, angenommen. Hierauf wird in die Berathung des Gesetz— entwurfes über die höheren Bürger schu⸗ len eingetreten. Die einzelnen Artikel dieser Vorlage werden ohne bemerkenswerthe Debatte erledigt— Am Dienstag beschäftigt sich die Kammer mit dem Gesetzentwurf betreffend die Besteuerung des Gewerbebetriebes Personen, die im im Umher ziehen. N i Großherzogthum Hessen ein Gewerbe im Umherziehen betreiben, wozu nach der Ge⸗ werbeordnung und den bundesräthlichen Aus⸗ führungsbestimmungen ein Wandergewerbe⸗ schein erforderlich ist, haben eine Wanderge⸗ werbesteuer zu entrichten, dagegen sind dieselben für ihren der Wandergewerbesteuer unterliegen⸗ den Geschäftsbetrieb von der Veranlagung zur Der Steuer⸗ satz beträgt für Lumpe nsammler 2 Mk.; Scheerenschleifer ꝛc. 4 Mk.; Hausirer mit ge⸗ ringwerthigen, insbesondere selbstverfertigten Waaren, Mausfallenhändler, Besen⸗ und Bür⸗ stenbinder 8 Mk.; bessere Hausirer, also Händler mit Kurz⸗, Galanterie-, Ellen⸗, Woll⸗ und Weißwaaren, Kolonial- u. Spezereiwaaren, dann Hausirer mit Pferden, Rindvieh, Schwei⸗ nen und dergl. 20—80 Mk.; Detailreisende 30200 Mk.; Bärentreiber, Drehorgelspieler und Veranstalter ähnlicher Musilaufführungen, Schaustellungen und sonstiger Lustbarkeiten, bei denen ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschaft nicht obwaltet, 330 Mk.; bessere Darbietungen, z. B. Karoussellen, Schau⸗ und Schießbuden, Vorstellungen von, Kunstreitern, Taschenspielern und dergl. 12—120 Mk. sür J Kalenderjahr. Für Wanderlager geringerer Art für je sieben aufeinander folgende Tage und weniger 2—4 Mk.; bessere Cewerbe in Darm⸗ stadt mit Bessungen und Mainz mit Kastel 40 aus Mark, in Offenbach, Gießen, Worms und Bingen 30 Mk., in allen übrigen Städten und Dörfern 20 Mk. Trödler überall die Hälfte. Abg. Pitthan meint, die Wanderlager rich teten kolossalen Schaden an. Auch die Lum⸗ pensammler wären nicht so arm, als daß sie nicht 2 Mk. Steuer zahlen könnten. Abg. Ulrich hält den vorliegenden Gesetz⸗ entwurf für eine Wiedereinführung der abge— schafften Gewerbesteuer für eine Klasse von Per⸗ sonen, die zu den Allerärmsten gehören. Leute, die solche Dinge(Lumpen und dergl.) sammeln, seien solche, die etwas Anderes nicht mehr treiben können. Die Wanderlager seien nur eine Folge der modernen Entwickelung un⸗ seres Handels; durch dieses Gesetz könne man aber den Gang dieser Dinge nicht aufhalten. Abg. Euler stimmt Ulrich bei. Auch Abg. Weidner hat gegen einzelne Bestimmungen Be⸗ denken. Nach längerer Debatte werden die einzelnen Artikel und der Tarif des Gesetzentwurfs, meist nach den Anträgen des Ausschusses, gegen die Stimmen der Sozialdemokraten ge⸗ Re hmig k. Mittwoch genehmigte die Kammer das Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer⸗ gesetz debattelos. Dagegen wurde der so— Jialdemokratische Antrag über die Erhöhung der Progression bei der Einkommen⸗ und Vermögenssteuer und auf die Aufhebung der Stempelge⸗ bühren abgelehnt.— Der vom Abg. Ulrich beantragte Staats zuschuß von 500 000 Mk. zum Bau eines Sicherheits ⸗ hafsens in Offenbach wurde ebenfalls ab⸗ gelehnt, trotz wärmster Empfehlung durch den Antragsteller. Der Krieg mit China. Mit den Friedens ver handlungen will es noch immer nicht vorwärts gehen. Die Gesandten traten wiederholt zusammen, um sich über die Prüfung der Vollmachten Tschings und Li⸗Hung⸗Tschangs zu verständigen. Meh⸗ rere Gesandte hielten diese Vollmachten für zu ungenügend, um mit ihnen die Friedensunter⸗ handlungen einzuleiten, die, wie man glaubt, demnächst beginnen sollen. Schon monatelang sollen nun die„Friedensverhandlungen begin⸗ nen, ohne je vom Flecke zu kommen. Konflikt unter den Verbündeten. Der amerikanische General Chaffee hat an den Grafen Waldersee einen Brief geschrieben, worin er sich über die Entfernung der Instrumente vom astronomischen Observatorium beklagt. Der Brief wurde wegen des unverschämten Tones an General Chaffee zurückgeschickt. Auch hat General Chaffee die Gesandten benachrichtigt, daß die amerikanische Wache künftig nicht mehr den Zugang durch das Südthor des Palastes erlauben wird, da verschiedene Plünderungs⸗ fälle vorgekommen seien. Die Gefandten sind durch diese Anmaßung Chaffee's beleidigt. Neu⸗ eren Nachrichten zufolge soll die Differenz in, befriedigender Weise beigelegt sein. Der Winter hat die Kriegsschiffe der Mächte vor Talu überrascht. Nach Meldungen aus Peking ish der Takuaußenhafen zugefroren und 50 Schiffe sitzen im Eise fest. In der italienischen Kamm er be⸗ antragte ein Abgeordneter die Zurückzieh⸗ ung der italienischen Truppen aus China. Der Ministerpräsident bekämpfte den Antrag, erklärte aber, daß er gerne die Trup⸗ pen zurückberufen wolle, wenn es die Interessen Italiens nur irgend erlaubten. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Krieg in Südafrika. Aus Kapstadt wird gemeldet: Die Oppo⸗ sition des Kapparlaments bereitet eine parla⸗ mentarische Aktion zu Gunsten der Un⸗ abhängigkeit der Buren republiken vor. Alle Berichte aus den Grenzbezirken süd— lich des Oranjeflusses melden eine wachsende Agitation unter den Afrikandern. Viele sind bereit, die Waffen zu ergreifen, so bald das erste Burenkommando den Oranjefluß überschreitet. Vom Kriegsschauplatze liegt eine Meldung Durban vor, wonach die Buren bei 2 r e er eee —. Nr. 51. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. 4. Stadertownu einen Zug anhielten und 130 Remontepferde wegnahmen. Standertown liegt in unmittelbarer Nähe des Oranjeflusses. Die Buren⸗Kommandos treiben also ungenirt im Rücken der Engländer ihr Wesen. Noch bedenk— licher als die Meldung aus Durban klingt nach⸗ stehendes Telegramm aus Johannes Gr g Die Aushebungen für die Truppe der sogen. „Rand Rifles“ schreitet fort. Jeder kriegstüch⸗ tige englische Unterthan wird zur Aushebung herangezogen und ist zum Dienste innerhalb und außerhalb Transvaals verpflichtet! Die Ein⸗ zäunung Johannesburgs mit Stacheldraht ist nahezu vollendet. Es werden alsdann nur fünf Ausgänge bleiben und es wird für Niemand möglich sein, dem Feinde Nahrungsmittel zu liefern. Die Entfernung der Bevölkerung aus dem umliegenden Gelände schreitet fort. Hun⸗ derte von Frauen und Kindern treffen hier ein und werden in der Rennbahn untergebracht. — Die englischen Unterthanen werden über die Maßnahmen ungeheuer begeistert sein. Ueber Dewet wurde vor einigen Tagen berichtet, daß er sich zwischen dem Caledon und dem Oranjefluß befinde. Der letztere ist in voller Fluth und alle Triften sind stark be⸗ setzt. Die Nachricht von Dewets Ge⸗ fange nnahme wird daher stündlich er⸗ wartet. Bisher haben ihn aber die Engländer noch nicht und er ist, wie es scheint, wieder glücklich entwischt.— Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Volkszählungsergebnisse. Nach den Ergebnissen der am 1. Dez. vorgenommenen Volkszählung hat Gie ßen 25543 Einwoh⸗ ner. Die Ortschaften der Umgebung weisen folgende Einwohnerzahlen auf: Friedberg 6801; Nauheim: 4322; Heuchelheim: 2151 Watzenborn und Steinberg 1733; Butzbach: 4126; Reißkirchen: 769 und Burkhardtsfelden: 685. Ferner ha⸗ ben Darmstadt 71200; Mainz 84501 (incl. 7648 Militär⸗Personen) Offenbach 50 400; Frankfurt a. M. 287813 Ein⸗ wohner. Fast überall, besonders aber in den Städten zeigt sich bedeutende Zunzhme der Be⸗ völkerung. Nur einzelne Landorte zeigen Ab⸗ nahme. Aus den größten Städten des Reiches liegen folgende Resultate vor: Berlin: 1844345 (1895: 1077 304). München: 498 503(im Jahre 1895: 405521). Dresden: 395 349. Leipzig: 455 120, Zunahme 55 120. Mag⸗ deburg: 229732. Mannheim: 140 384. Elberfeld: 156 503, Zunahme 17166. und Würzburg 74905. Zunahme 6100. ff. Die allgemeine Sterbekasse Gießen, welche vor nunmehr 11 Jahren ge⸗ gründet wurde und jetzt in ihr 12. Geschäfts⸗ jahr tritt, besteht zur Zeit aus 947 Mitgliedern. Dieselbe hatte im verflossenen Jahre einen Zu— wachs von 52, dagegen einen Abgang von 15 Mitgliedern(14 durch Tod, 1 durch Ausschluß). Während seines 11jährigen Bestehens hat der Verein 100 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern gehabt, dafür wurden folgende Unterstützungen ausbezahlt: Für 15 Mitglieder je 75 Mark, für 15 je 100, für 24 je 120, für 23 je 150, für 10 je 170 und für 13 je 185 Mark, in Summa 13 060 Mark. Außerdem besitzt der Verein einen Reservefonds von 4000 Mark und ist mithin im Stande, selbst in außergewöhnlichen Fällen seinen Verpflichtungen nachzukommen. Auch ist die Sterbekasse wieder in der angenehmen Lage, vom 1. Januar 1901 ab das Sterbegeld von 185 auf 200 Mark zu erhöhen. Das Eintritts- geld beträgt für eine Person: Im Alter von 16—25 Jahr Mk. 1.— JJ 1„* 1 30—35 1 9 17 2.50 15 n 8 „ 4045„ 3 Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefallbeitrag von 25 Pfg zu bezahlen. Für jeden Sterbefall eines Mitgliedes ist der Kasse ein Beitrag von 25 Pfg. zu entrichten, welcher durch den Kassenboten gegen Quittung erhoben wird. Zur Auskunft in allen Fragen itt Herr Schneidermeister Georg Pfaff, Wallthor⸗ straße 25, Herr Schuhmachermeister Seide⸗ wand, Teufelslustgärtchen 20, sowie Herr Bruchhäuser, Wolfstraße 8, gerne bereit. Sozialdemokratischer Wahlverein. In der ziemlich gut besuchten Vereinsver⸗ sammlung am Samstag d. 8. Dez. hielt Genosse Krumm enien sehr interessanten und von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit ver⸗ folgten Vortrag über Heinrich Heine. Wohl kaum ein zweiter deutscher Dichter existire, so führte der Redner einleitend aus, über dessen Bedeutung mehr gestritten würde. Von seinen Verehrern in den Himmel gehoben, werde er von den Andern heruntergerissen, und so von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Gewiß, er hatte wie jeder Mensch, seine menschlichen Fehler. Fest steht aber, daß Heine als Lyriker von keinem anderen deutschen Dichter, auch nicht von Goethe und Schiller, übertroffen werde. Mit Schärfe, ätzender Satyre und feiner Ironie geißelte er die damaligen politischen Zuftände die Bureaukratie, das Spießbürgerthum und den Afterpatriotismus. Er führt eine Anzahl Gedichte Heines den Zuhörern vor, wodurch oft die Heiterkeit der Versammlung entfesselt wurde. Ist doch die abfällige Kritik, die seine Gedichte an den damaligen Zuständen übten, auch heute noch auf gewisse Erscheinungen im öffentlichen Leben in gleicher Weise angebracht! Auf alle bemerkenswerthen Dichtungen Heines konnte Redner in Rücksicht auf die zur Verfügung ste⸗ hende Zeit nicht eingehen, weshalb er in näch⸗ ster Versammlung den Vortrag fortzusetzen ver⸗ sprach. Lebhafter Beifall folgte den interessan⸗ ten Ausführungen. Genosse Keßler brachte hier⸗ auf die Streitigkeiten in der Leipziger Volks⸗ zeitung zur Sprache, was eine längere Debatte veranlaßte, die mit der Annahme einer Reso⸗ lution endete, in der die Versammlung diese Differenzen bedauert und die Leitung der„L. V.⸗Ztg.“ ersucht wird, ihrerseits das Möglichste zu thun, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen. 5 Antisemitische Versammlung. Am Sonntag, den 16. Dez. findet im Gasthof„zum Löwen“ Gießen, Neuenweg, eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in welcher Dr. Vogel, der neugewählte antisemitische Abgeordnete für Hof⸗ geismar⸗Rinteln einen Vortrag über:„Sozia⸗ le Zeit⸗-und Streitfragen“ halten wird. Freie Diskussion wird in der Bekanntmachung zugesichert, die„Herren Gegner“ werden sogar eingeladen. f 5 — Oesterreichische Thaler, die noch in Deutschland umlaufen, werden Ende dieses Jahres außer Cours gesetzt. Es ist von Neu⸗ jahr an Niemand mehr verpflichtet, diese Münze in Zahlung anzunehmen. Nur bei ge⸗ wissen öffentlichen Kassen sind sie dann noch anzubringen. 1 — Arzneiabgabe. Die hiesigen Apo⸗ kheker sind vom 1. Jan. n. Is. verpflichtet, Arz⸗ neien ohne sofortige Bezahlung an in Gießen wohnende Personen abzugeben, wenn entweder die Armuth des Empfängers durch das Armenamt oder die Bezirksvorsteher bescheinigt oder das Rezept von dem Arzte mit dem Beisatz „eilt“ oder„arm“ versehen ist. Für die Bezahl⸗ ung kommt die Armenkasse auf. — So zialistische Literatur. Mit einem guten Buche wird man jedem Parteige— nossen ein hübsches Weihnachtsgeschenk machen können. Wer deshalb für seinen Gatten, Freund oder sonstigen Angehörigen wegen eines sol— chen in Verlegenheit ist, dem seien folgende Werke empfohlen: Bebel, die Frau und der Sozia— lismus, eleg. geb. 2,50 Mk.; Simon, Gesund⸗ heitspflege des Weibes 2,50 Mk.; Köhler, Welt⸗ schöpfung und Weltuntergang 3,50 Mk.; Long⸗ kavel, Der Mensch und seine Rassen(reich illu⸗ strirt) 5,50 Mk.; Bommeli, Die Thierwelt 7,10 Mark, desgl. Pflanzenwelt 5,50 Mk.; Deutsche Arbeiter-⸗Dichtung: Gedichte von Hasenclever, Frohme, Kegel, Audorf, Schön, Lepp ꝛc., 5 Bänd⸗ chen zu je 1,— Mk.; Cech, Lieder eines Sklaven 3,— Mk.; Kegel, Lichtstrahlen der Poesie 3,50 Mark; Stimmen der Freiheit 6,— Mk.; Jacoby, Es werde Licht 2,— Mk.; Wurm, Volkslexikon, 4 Bände und 1 Ergänzungsband 26,— Mk.; — buch für große und leine Kinder—,75 Mk. Zu beziehen durch unsere Expedition, Buchhandlung H. Schneider, Gießen, Sonnenstraße 25. — Ertrunken. Vorigen Samstag fiel das Sjährige Söhnchen des Schuldieners Becker in der Nähe des Eisenbahndammes in die ange⸗ schwollene Wieseck und ertrank. Erst am Mitt⸗ woch wurde die Leiche aufgefunden. — Tödtlicher Sturz. Bei dem Abbruch des Hinterhauses Schloßgasse 9 stürzte am Don⸗ nerstag Nachmittag der Dachdecker Karl Niko⸗ lai von hier, der mit dem Abdecken des Daches beschäftigt war, auf das Pflaster herab und war sofort eine Leiche. Der Verunglückte stand im Alter von 25 Jahren und war, was man in solch' traurigem Fall noch als ein Glück be⸗ zeichnen kann, unverheirathet. Es haben aber seine hier wohnenden, betagten Eltern den jä⸗ hen Tod ihres Sohnes zu beklagen. Der Metzgerladen, in dem an Sozial⸗ demokraten nicht verkauft wird, befindet sich in der Bahnhofstraße in der Nähe der Westanlage. Das war aus der Notiz in der letz⸗ ten Nummer, weil darin eine Zeile fehlte, nicht deutlich genug zu ersehen, weshalb wir es hier⸗ mit nachholen. Untere Genossen dürfen nicht in die Verlegenheit kommen, Wurst zu kaufen, die ausschließlich nur für konservative oder na⸗ tionalliberale Konsumenten hergestellt wurde, für Sozialdemokraten deshalb vielleicht unge⸗ nießbar ist! Eine Versammlung in Garbenteich die dort am Sonntag stattfand und in der Gen. Vetters über„Weltmachtspolitik“ sprach, war ziemlich gut besucht. Die Anwesenden waren in der Mißbilligung des Chinazuges, sowie in der Verurtheilung der Hunnenthaten vollkom⸗ men einig mit dem Referenten. Aus Wetzlar. a „th. Vom Theilen. Wie verlautet, theilte der Vorstand der Buderus'schen Eisen wer ke dem Aufsichtsrath mit, daß für das lau⸗ fende Geschäftsjahr eine Dividende von ne un Prozent zur Vertheilung gelangen könne. Dabei sind noch bedeutende Abschreibungen, hö⸗ here als im Vorjahre, vorgenommen worden. Also können die Herren Aktionäre wohl leidlich zufrieden sein. Weniger vielleicht die Arbeiter. Denn der weitaus größte Theil derselben erhält Löhne, bei denen sie es niemals, selbst wenn sie auf alle menschlichen Bedürfnisse verzichteten, „zum Rentier bringen.“ Sogar Herr Dr. Burckhardt würde, in die Lage der Buderus⸗ schen Arbeiter versetzt, an seiner Theorie ver⸗ zweifeln. Aber sie mögen sich trösten; wenn sie mal Jahrzehnte lang auf dem Werke sich abgerackert haben und ihre Kräfte schwinden, dann bekommen sie ein Ehrenzeichen, vielleicht sogar eine Medaille mit der Aufschrift:„Für Treue in der Arbeit“ und— können gehen. Begeisterung ist keine Pöckel⸗ waare, am allerwenigsten die Flottenbegeist⸗ erung. Das merkte man so recht an der„gro⸗ ßen“ Versammlung des alldeutschen Vereins, die am Mittwoch Abend stattfand. Trotz aller nur möglicher Reklame, trotz spezieller Einlad⸗ ung einer Anzahl Vereine hatten sich höchstens 40 Personen eingefunden, Kellner und alles Sonstige mitgezählt. Natürlich trat der Vor⸗ tragende, Herr Pfister aus Ortenberg für Ver⸗ mehrung der Flotte ein, die uns bitter nothwen⸗ dig ist, und außerdem kündigte er den Polen, Dänen, Protestlern und— selbstverständlich— Sozialdemokraten den Vernichtungskrieg an. Die„Römlinge“ rechnet er wie es scheint, nicht mehr zum vaterlandslosen Gesindel, seitdem sie Regierungspartei geworden sind und mit größerer Eleganz als sonst die Nationalliberalen über den Stock bringen.— Nun, vielleicht ge⸗ lingt Herrn Pfister, was schon so vielen Mäch⸗ tigen unmöglich war, die Vernichtung der So⸗ zialdemokratie! Wenn er zu uns kommt, wir können ihm sogar sagen, wie er's machen soll. Prozeß Sternberg. Im Laufe der weiteren Verhandlungen wur⸗ den mehrere als Zeugen vernommene Perso⸗ nen wegen Verdacht des Meineids verhaftet. Die Zeugenaussage des verhafteten Kriminal⸗ Liebknecht, Fremdwörterbuch 3,20 Mk.; Bilder⸗ kommissars Thiel belastete den Vertheidiger, b geg ö 0 le 0 5 000 et, 9 che 2 Jergal punde! 11 5 Eudtral rb eit Aunhei ä—— daglohn beiten ug int shifigt! 11 A! ber Bau i nach 000 b„Th. * N petto llt des! Geselsche schung belkagen 1 9 Clabt di tler An aht erh Ents. gesängni gen Gesängn Margen af de Tod thurm heim chitige dom Ge Lerlezut dle rar 2 2. 8 2 5— 2 2 — — — 7 S A S S D 2 iet, theilte Eisen⸗ c das lau⸗ on neun u könne. ngen, hö⸗ worden. A beidlich Arbeiter. hen erhält wenn sit czichteten, gar Herr Buderus orie ver⸗ en; wenn erke sich schwinden, vielleicht ift:„Ill en gehen. Pöcel⸗ tenbegeisb det„ro. Vereins, aß alle r Einlad⸗ hechten; und alles der Vor⸗ fin Ver nothwen f Polen, 9 —————— —.— 3— ———— Soite 5. Justizrath Sello, dermaßen, daß er seine Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 51. Vertheidigung niederlegte. Gegen ihn dürfte ebenfalls ein Strafverfahren eingeleitet werden. Kleine Mittheilungen. Verunglückte Bergleute. Auf der Grube„Alte Dreisbach“ bei Siegen wurden acht Bergleute verschüttet. Sieben wurden gerettet, einer ist todt. — Durch eine Dynamit⸗Explosion auf der Zeche„Werne“ bei Dortmund wurden vier Bergarbeiter getödtet und drei ver⸗ wundet. * Fürsorge für Arbeitslose. Der Stadtrath in Mannheim beschloß, diejenigen Arbeitslosen, welche seit zwei Jahren in Mannheim ihren Wonsitz haben, gegen einen Taglohn von 2.70 Mark bei Straßen⸗ und Erd⸗ arbeiten zu beschäftigen. Wenn kältere Witter⸗ ung eintritt, sollen sie mit Steinklopfen be- schäftigt werden. g ** Auch Einer. Der langjährige Direktor der Baugenossenschaft in Schleiz, Noack, ist nach Unterschlagungen in der Höhe von 90 000 Mark durchgebrannt. Wo hat der wohl das„Theilen“ gelernt? * Wieder Einer. Der Versicherungs⸗ inspektor Röthge in Hannover, früher Sekre⸗ tär des Rennklubs dortselbst— also nur„feine Gesellschaft“ wurde wegen Wechselfäl⸗ schung verhaftet. Die gefälschten Wechsel betragen 20 000 Mark. g 5 ** Konitz. Die militärische Besatzung der Stadt durch Infanterie wurde laut ministeri⸗ eller Anordnung bis zum 1. April 8 Is. auf⸗ recht erhalten. Entsprungen. Aus dem Untersuchungs⸗ gefängnisse in Weilburg entfloh ein dort wegen Diebstahls Inhaftirter. Ex schloß den Gefängnißwärter in die Zelle ein, als er ihm Morgens den Kaffe brachte, und begab sich dann auf die Flucht. Tod bei der Arbeit. Der am Wasser⸗ thurm in der chemischen Fabrik in Fechen⸗ heim bei dem Abbrechen des Gerüstes thätige Weißbinder Georg K. stürzte Samstag vom Gerüst herab und zog sich derart schwere Verletzungen zu, daß er nach Verbringung in die Krankenstube der Fabrik bereits eine Leiche war.— Wahltreis Marburg⸗Kirchhain. f St. Marburg, den 14. Dezember 1900. — Die Volkszählung hat für Mar⸗ burg eine Einwohnerzahl von 17291 ergeben, was gegen 1895 eine Zunahme von 1254 be⸗ deutet.„ — Kommunales. Am Freitag voriger Woche fand wieder eine Sitzung der Stadtver⸗ ordneten statt. Die Tagesordnung umfaßte 17 Punkte, u. a. auch die Wahl einer Kommission zur Vorberathung der Regelung des Nacht⸗ wachtdienstes. Der Magistrat hat seiner⸗ seits bereits drei Mitglieder zu dieser Kommis⸗ sion bestimmt. Seitens der Versammlung wur⸗ den ebenfalls drei Mitglieder hierzu gewählt. — Es wurde weiter auch über die Herstellung der Anlagen auf dem Friedrichsplatz ver⸗ handelt. Vom Magistrat war hierfür ein Springbrunnen für 900 Mark, Herstellung von Promenadenwegen für 431 Mark und Anlage eines Geländers zur Umfriedigung der Zieran⸗ lagen für 1004 Mark vorgesehen. Unser Ober⸗ bürgermeister war schon früher sehr warm für die Anlage des Springbrunnens eingetreten und wollte lieber auf die Bewilligung des Ge⸗ länders verzichten.— Wir besitzen nämlich hier in Marburg, außer einem kleinen Springbrun⸗ nen im Stadtpark, keine einzige solche Anlage. Einige der Herren Stadtverordneten wollten jedoch den Platz für ein später aufzustellendes Kaiser Friedrich Denkmal reservirt halten; während andere nur für Anlage eines Rasenplatzes waren. Schließlich wurde ein, An⸗ trag angenommen, die Vorlage an den Magist⸗ rat zurückzuverweisen.— Da die Kaserne zur Aufnahme der Mannschaften des Jägerbatail⸗ lons nicht mehr ausreicht, wurde beschlossen, zwei neue Gebäude zu errichten. Eine längere Debatte verursachte ein bei den letzten furcht⸗ baren Stürmen vorgekommener Unglücks⸗ fall. Ein Fuhrmann war nämlich in der Frankfurterstraße durch einen fallenden Baum im Rücken schwer verletzt worden. Die Bäume waren im vorigen Jahre nachgesehen und als sämmtlich morsch bezeichnet worden. Auf Ver⸗ anlassung des Oberbürgermeisters sollten die⸗ selben auch gefällt werden; in der Schwan⸗ allee und der unteren Frankfurter kraße war man auch bereits an der Arbeit, als dieselbe auf Befehl des Regierungspräsidenten in Cassel eingestellt werden mußte. Eine Volks⸗Versamm⸗ lung hatte nämlich gegen die Fällung der Bäume aus Schönheitsrücksichten Protest bei kgl. Regierung eingelegt und zwar mit Erfolg. Der Oberbürgermeister antwortete auf eine An⸗ frage aus der Versammlung über obigen Un⸗ glücksfall— für dessen Folgen die Stadt ver⸗ antwortlich sein dürfte,— daß die Bäume durch den Gartenbauinspektor Weber zu Frankfurt a. M. als abständig und morsch bezeichnet wor⸗ den seien und hätten gefällt werden sollen. Es sei nun das befürchtete Unglück eingetreten und leider ein Mensch durch den fallenden Baum getroffen worden. Die von der Volks⸗Versamm⸗ lung eingereichte Beschwerde dürfte nun wohl abgewiesen und der Stadt 11 Hand gelassen werden, um künftig ähnlithen Unglücksfällen vorzubeugen. In der betr. Volks-Versammlung dürfte wohl schwerlich ein Arbeiter zugegen ge⸗ wesen sein. — Nachtskandal. In der Nacht vom Montag auf Dienstag gegen 1 Uhr zog eine grö⸗ ßere Anzahl Studenten einer hiesigen Ver⸗ bindung unter lautem Gesang mit brennenden Lampions durch mehrere Straßen unserer Stadt die Bewohner derselben aus dem Schlafe schreckend. Wann wird endlich einmal diesem Unfug ein Ende gemacht werden? — Diruckständer. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden kürzlich Druckstän⸗ der zur Spülung der Straßen angebracht. — Eisbahn. Die städtische Eis bahn am Dammweg entlang wurde an die seitherigen Pächter wieder verpachtet, jedoch dürfen die⸗ selben von Schülern unter 14 Jahren keine Ge⸗ bühren erheben. Partei⸗Nachrichten. Aus Darmstadt kommt die Trauerkunde, daß der Genosse Adam Weber in Bessungen, Ortskrankenkassen Beamter, am Montag früh nach langem, schweren Leiden verstorbenist. Weber kämpfte seit einem vollen Menschenalter trotz seines Leidens mit in unseren Reihen; sein gerader und ehrlicher Charakter machte ihn überall beliebt. Auch während des Sozia⸗ listengesetzes hat er seine Pflicht als Parteige⸗ nosse stets treu erfüllt, wie er sie bis zum letz⸗ ten Augenblick auch nicht aus dem Auge ver- loren hat. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 15. Dezember. Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“.. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Versammlung. Vortrag. Sonntag, den 16. Dezember. Friedberg. Nichtgewerbliche Arbeiter nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung bei Ih l„Sladt New⸗ Vork“. Mitglieder können außerdem jederzeit bei dem Vorsitzenden F. Hohmann aufgenommen werden. Montag, 17. Dezember: Gießen. Schneiderverband abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Briefrasten. th. Wtzlr. Erwarten über die Sache noch ein⸗ gehendere Mittheilungen. f Fhrubrch.⸗Ortubg. Gewünschtes wurde sofort nachgesandt. B. Großenbuseck und Andere. Mit den „Gießener Neuesten Nachrichten“ stehen wir in gar keiner Verbindung. Unser Blatt wird nur in derselben Druckerei hergestellt. Au unsere Leser. Wegen Stoff- und Inseraten⸗ Andranges mußte in dieser Nummer die Erzählung weg⸗ bleiben, wir bitten das zu entschuldigen, die Romanlese⸗ rinnen und»Leser werden in den folgenden Nummern hierfür entschädigt. UUnserer heutigen Auflage liegt ein Pro⸗ spect der Nähmaschinen Handlung D. Kaminka bei, worauf wir aufmerksam machen. Dr c Genossen! Agitirt allerorts für die Parteipresse! Der Alkoholismus und seine Bekümpfung. (Fortsetzung.) Durch den beständigen Reiz, den der Alkoholgenuß auf das Gehirn ausübt, entzünden sich allmälig die Hirn häute und als erste Mahnung des bevorstehenden geistigen Verderbens zeigt sich der Säuferwahnsinn, das Delirium tremens(das zitternde Delirium), so genannt, weil es von heftigem Gliederzittern begleitet ist. Nach irgend einer schwächenden Gelegenheitsursache, einem schweren Rausch oder irgend einer inneren Krank⸗ heit, namentlich Lungenentzündung, aber auch plötz⸗ licher Entziehung des gewöhnten Alkohols bricht der Wahnsinn aus; schreckende Halluzinationen quälen den Kranken, der von Unruhe und Schlaflosigkeit verfolgt wird. Gelingt es, ihm Schlaf zu verschaffen, so erfolgt in 85 Prozent der Fälle Genesung. Demnach ist der Säuferwahnsinn als eine heilbare Geisteskrantheit zu be⸗ trachten, vorausgesetzt, daß der Säufer gleichzeitig auch seine Leidenschaft bezwingt. Meist aber gelingt ihm das Letztere nicht und dann verfällt er dem dauernden al⸗ koholischen Irresein, in dem Geist und Körper des Säufers rasch gänzlich verfallen und er rohe Gewalt⸗ thaten, besonders gegen die Familie begeht, da er be⸗ ständig von Verfolgungswahn und Schreckbildern gepeinigt wird, so daß er im höchsten Grade gemeingesährlich ist. Schließlich verblödet der Alkoholiker vollständig. Die Trunksucht ist ein um so furchtbareres Uebel, al 3 sie vererblich ist und ganze Generationen verelenden kann, gleichzeitig treten bei den Kindern Anlage zur Epilepsie und Nervenschwäche auf. Die Kinder trunksüchtiger Eltern neigen, theils in Folge der erblichen Belastung, theils in Folge der durch die Trunksucht hervorgerufenen Zerrüttung des Familien⸗ lebens entschieden mehr als andere Personen zum Ver⸗ brechen. Deshalb ist der Vorschlag beachtens werth, daß bei Belasteten der Staat die Erziehung mehr als bisher überwache, und wenn das Kind eines Trinkers sich eines Vergehens schuldig macht, der Staat dann sofort die weitere Erziehung unter seine Kontrolle stellt, indem das Kind entweder bei den Eltern bleibt, aber unter staat⸗ licher Ueberwachung, oder in eine Erziehungsanstalt üverführt wird. Freilich dürfte die Ueberwachung nicht den dazu ganz ungeeigneten Polizeiorganen überwiesen, sondern müßte durch freiwillige Pfleger aus Bürgerkreisen ausgeführt werden. Mitunter tritt der Alkoholismus nicht als dauernde ⸗ sondern als periodische Erkrankung auf, d. h. es wechseln Zeiten vernünftiger Lebensweise mit denen des aus⸗ schweifendsten Alkoholmißbrauchs ab; man nennt diese Erscheinung den Quartalsuff, die Dipsomani(vom griech. dipsa, Durst). Es zeigt sich von Zeit zu Zeit ein un⸗ widerstehlicher Drang nach dem Genuß alkoholischer Ge⸗ tränke, auch nach Essig, ja nach Petroleum, wobei Schlaflosigkeit, Appetitmangel, Unruhe auftreten. Selbst bedeutende Mengen Alkohols führen dann nicht Trunken⸗ heit herbei. Nach Ende des Anfalls tritt geistige Stumpfheit ein, auf die eine Zeit geringer geistiger Widerstandsfähigkeit und Reizbarkeit folgt. Bei häufiger Wiederkehr entwickelt sich chronischer Alkoholismus. Die Heilung der Trunksucht ist sehr schwierig. Sie hat zunächst die Umgestaltung der sozialen Verhältnisse des Kranken zur Voraussetzung, ebenso die seiner geistigen. Verleitung und Gelegenheit zum Trinken muß nicht nur genommen, sondern ihre Befeitigung vom Kranken selbst gewollt werden, wenn nicht Ruͤckfälle eintreten sollen. Dann versuche man, dem Kranken Ekel vor Branntwein beizubringen, indem man ihm alle Speisen und Getränke mit demselben versetzt oder man mische ekelerregende Mittel(Brechweinstein oder Ipecacuanha) in den Brannt⸗ wein, den man anfänglich dem Trinker nicht ganz ent⸗ ziehen kann. Dazu gebe man ihm leichte Biere und Kaffee oder Thee als Anregungsmittel, ferner leicht⸗ verdauliches, reizloses Essen, veranlasse ihn zu regel- mäßigen Spaziergängen, Turnen oder Zimmergymnastik und täglichen lauwarmen Abreibungen(23 C.), Dampf⸗ bädern mit nachfolgender Packung oder lauwarmen Bädern mit nachfolgen kalten, kurzen Douchen; Nachts gebe man einen Leibumschlag, um einen ruhigen Schlaf zu erzielen. Mitunter muß zu diesem Zwecke auch zu chemischen Schlafmitteln(Opium oder Chloral) gegriffen werden, selbstverständlich nur nach Anordnung des Arztes! eee eee eee S i 3 S S 2 Ee — — — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Die Beobachtung und Heilung eines Trunksuchtigen ann wirksam meist nur in geschlossenen Anstalten Trinkerasylen) durchgeführt werden. Ihre Errichtung macht sich in steigendem Maße nothwendig und hat durch die Gemeindeverwaltungen oder den Staat in aus⸗ reichendem Maße zu erfolgen. Im Deutschen Reiche ist bis jetzt von diesen nichts geschehen. Die zur Zeit in Deutschland bestehenden Trinkheilanstalten sind zum Theile durch Private, zum größeren Theile durch die Vereine für innere Mission, den Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke und den Mäßigkeitsberein des„Blauen Kreuzes“ ins Leben gerufen. Für be⸗ mittelte Trunlsüchtige bestehen zur Zeit in Deutschland Anstalten, für wenig bemittelte und arme Trinker und zwischen 150 und 1800 Mark jährich. Eine kostenlose Heilstätte hat Graf Kurt zur Lippe im Sommer 1900 zu See(im Kreise Rothenburg in Schlesien) eröffnet, noch müssen hier die Aufgenommenen einen einjährigen Arbeitskontrakt abschließenk! In sämmtlichen vorhandenen Anstallen ist nur für etwa 400 männliche und 120 * Die Aufnahme ist kostenlos. Seinen Unterhalt hat der Pfleg⸗ ling zu verdienen, wozu ihm Arbeitsgelegenheit durch die Anstalt geboten wird, und zwar in der Handelsgärtnerei, der Landwirthschaft, im Steinbruch, an der Kleinbahn, in Thongruben und im Walde. Dadurch wird er zunächst wieder an geregelte Arbeit gewöhnt. Er muß sich auf ein Jahr der Anstalt verpflichten. Im ersten Halbjahr hat er seinen vollen Lohn abzugeben als Entschädigung für Auf⸗ enthalt, Verpflegung und Behandluna, im dritten Vierteljahr wird ihm sein ganzer Verdienst abzüglich 6 Mark für Kost gespart, und Nr. 51. weibliche minder bemittelte Trunksüchtige Platz vor⸗ handen. Nun sind aber 1895 allein in Preußen 1356 Fälle von Säuferwahnsinn in den Irrenhäusern und 10933 Fälle von Trunksucht in den Krankenhäusern behandelt worden. Nur die jenigen Personen, welche geistesfrank waren, bevor sie Trinker wurden, sowie die, welche durch den Trunk unheilbar verblödeten, sollten in Irrenanstalten untergebracht werden, während für alle Anderen die Trinkerasyle bei längerem Aufenthalt(min⸗ destens 1 Jahr) Heilung bringen können. Bisher wurden bis zu 60 von etwa 100 Aufgenommenen als geheilt entlassen. Bei der bisher meist kurzen Behandlungs⸗ dauer sind a er Rückfälle sehr häufig, zumal wenn die Trinker, wie dies vorwiegend der Fall, in dieselben Tinkerinnen 18 Anstalten(in Bayern und Württemberg eine einzige). für wenig bemittelte und unbemittelte T Die Verpflegungspreise in den Anstalten rinker schwonken wirthichaften. im letzten erhält wieder Geld zur freien Verfügung in die Hand, um sich daran zu gewöhnen, Ausgaben zu machen und vernünftig zu sozialen Vechältnisse zurückkehren, durch die sie zur Trunksucht getrieben wurden. Jortsetzung folgt.) n —— Goo%,“Le e ca. looo Serie 1 Serie 1 Serie 2 Serie 3„ mit Futter ver Stück Mark Srosser Posten Paletols. Serie 1 1 eleganter Herren-Paletots, Eskimo, Kammgarn u. 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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags- Scitung. Ar. 51. Deut seher Reichstag. Am Donnerstag wurde die am Montag ab⸗ gebrochene Debatte über die Kohlennoth fortgesetzt, aber auch noch nicht beendigt. Vor⸗ her ereignete sich ein heiteres Intermezzo, in⸗ dem bei der Exledigung des schleunigen An- trages, das gegen unseren Genossen Thiele schwebende Verfahren wegen Majestätsbeleidi⸗ gung einzustellen, Dr. Arend wiederholt ver⸗ suchte, auf frühere Aeußerungen Thieles über den Steiger Rothe zurückzukommen; unter stets wachsender Heiterkeit des Hauses machte der Präsident Graf Ballestrem ihn darauf aufmerk⸗ sam, daß es sich heute um etwas anderes handle, so daß er, der Noth gehorchend, nicht dem eige⸗ nen Trieb, die Tribüne unverrichteter Sache verlassen mußte.— Nach einigen Aeußerungen der Minister Brefeld und Thielen erhielt unser Genosse Sachse, welcher als früherer Bergmann die Verhältnisse des Kohlenbergbaues genau kennt, das Wort. Er zeigte, wie ohn⸗ mächtig unsere Gesellschaft den mächtigen Syn⸗ dikaten gegenübersteht, welche durch Ein⸗ schränkung der Produktion und aller⸗ hand sonstige Praktiken die Preise künstlich er⸗ höhen. Besonders wies er die thörichte Be⸗ hauptung zurück, daß die Bergarbeiterstreiks die Kohlentheuerung verschuldet hätten. Im Zwickauer Steinkohlenrevier, führte Sachse aus, war der Streik nur von kurzer Dauer, und Hunderte haben wegen der Theilnahme am Streik die Abkehr erhalten. Nicht also der Streik ist schuld, sondern eventuell der Mangel an Förderung, d. h. die Berg⸗ verwaltung, die die Leute aus Rache ablegte. Die massenhafte Ausfuhr deutscher Kohlen ins Ausland ist die hervor- ragendste Ursache der Kohlennoth und Kohlen- theuerung. Aus Sachsen sind ganz unge⸗ heuere Quantitäten über die deutsche Grenze gegangen. Die Steigerung der Löhne hält mit der der Kohlenpreise nicht Schritt. Redner weist dies ziffernmäßig nach und bemerkt, daß besonders die Hausbrandkohle durch die Preissteigerung betroffen wurde.— Auch der preußische Fiskus hat mit seinen Gruben horrende Geschäfte gemacht. Die Ge⸗ sammtüberschüsse betrugen 1899 über 20 Mil⸗ lionen Mark gegen etwa 9 Millionen in den Jahren 1895/96. Den größten Vortheil von der günstigen Lage der Kohlenwerke haben natürlich die Vorstände der Gruben. Herr v. Kardorff bezieht ein Gehalt von 27000 Mark als Aufsichtsrath der Laurahütte. Das Parla⸗ ment müsse auf die Regierung einwirken, daß die fiskalischen Gruben die Kohlen zu angemessenen Preisen lieferten und den Kohlenwucher nicht mitmachen. Aber dazu sei der Reichstag nicht zu haben. Redner schließt, wenn das Zentrum wirklich einer Kohlennoth vorbeugen und den Arbeitern bessere Lebensbedingungen schaffen will, müsse es mit für die Verstaatlichung der Kohlen⸗Bergwerke eintreten. Der sächsische Ministerialdirektor Fischer bestreitet, daß die sächsische Regierung nicht den Muth ge⸗ habt habe, gegen die Kohlenmagnaten vorzu⸗ gehen. Ausfuhrverbote hätte die Regierung nicht erlassen können.— Nach weiteren Aus⸗ führungen Gam p's Rp., des Polen Czar⸗ linski, sowie des eisinnigen Pachnicke wird die Debatte auf Freitag,. Nov., ver⸗ tagt, an welchem Tage sie zu Ende geführt wurde. Das Resultat der dreitägigen Debatte ist gleich Null. Von allen Seiten wurde zwar anerkannt, daß eine Kohlennoth besteht, daß einzelne Privatleute durch die unerhörte Preissteigerung Millionen verdient haben; aber von dem radikalen Heilmittel, diese Naturschätze der privaten Ausbeutung völlig zu entziehen, wollte außer unseren Genossen Niemand etwas wissen. Der Pelz sollte den Kohlensyndikaten eben gewaschen werden, ohne ihn naß zu end Die Regierung wollte überhaupt einen Nothstan nicht zugeben, sondern der Handelsm im z Brefeld meinte, die Preise würden von se ö bald zurückgehen. Und selbst der n Stephan sprach sich ähnlich aus, trotzdem 1 0 gerade das Zentrum durch seine Interpella 5 die ganze Debatte angeregt hatte. Wie W hatte doch Genosse v. Vollmar, als er 555 anderer Gelegenheit darauf hinwies, 7 5 1125 Zentrum Anträge stellen müsse, um seine Voltsr freundlichkeit zu zeigen, selbst wenn sein here nicht bei der Sache ist.— Hübsche Arbeiter⸗ freundlichkeit legte der Handelsminister Bre⸗ Gießen, Honntag, den 16. Dezember 1900. feld an den Tag, indem er für alle Gruben und Fabrikanten das Recht der Streikklausel ge⸗ wahrt wissen wollte; er betrachte unter allen Umständen einen Streik als„höhere Gewalt“. Natürlich, die Herren haben als„Bediente der herrschenden Klassen“ die Verpflichtung, das Un⸗ ternehmerinteresse nach jeder Richtung hin zu wahren. Samstag fand keine Sitzung statt. (Fortsetzung im Haupiblatt.) Fünfter Parteitag der bayrischen 3ozialdemokratie. In Fürth hielten am Sonntag und Montag die bayrischen Genossen ihren Parteitag ab. Es waren 89 Delegirte aus 50 Orten, außerdem 9 Mitglieder der Landtagsfraktion, sowie je ein Delegirter aus Baden und Coburg anwesend.— Den Bericht über die Thätigkeit des Landesvorstandes erstattet Abg. Scher m, der konstatirt, daß mit der neuen Organisations⸗ form die besten Resultate erzielt wurden. Nach lebhafter Diskussion des Berichtes beschloß man, daß in Zukunft der Ausschluß eines Genossen nur nach dem für die deutsche Ge⸗ sammtpartei geltenden Organisationsstatut ge⸗ regelt werden könne. Von Wichtigkeit ist der Beschluß, der endlich einmal vorschreibt, daß ein bestimmter Prozentsatz(20 Prozent) der bei den Gauverbänden eingehenden Gelder an die Par⸗ teikasse in Berlin abzuführen sind. Fer⸗ ner soll für 1902 ein Parteikalender her⸗ ausgegeben werden, die Höhe der Auflage soll von den Gauvorständen abgeschätzt werden.— Vollmar erstattete den parlamentari⸗ schen Bericht. Er weist auf die Vermehrung unserer Partei bei der letzten Landtagswahl hin und bespricht die Kompromisse mit dem Zen⸗ trum, die keine Kompromisse, sondern taktische Augenblicksverbindungen seien. Derartige Mit⸗ tel seien wohl gefährlich und um solche anzu⸗ wenden, müsse die Partei schon eine gewisse Stärke und Reife erlangt haben, um sich damit die Finger nicht zu verbrennen. Wir haben gezeigt, daß durch solche Mittel der Partei der größte Erfolg gesichert werden kann. Uebrigens sei dies das einzige Mittel, das uns zur Ver⸗ fügung steht, um uns die Vertretung zu sichern, die uns gebührt. Das liegt an dem reaktio⸗ nären Wahlgesetz, das uns zur Anwendung solcher Mittel zwingt.— Müller behandelt hierauf die Wahlrechtsfrage. Allgemein wird in der Diskussion eine bessere Bericht⸗ erstattung über die Landtagsthätigkeit verlangt, die vom Landesvorstand zugesagt wird. Nach einem Referate vom Abg. Ehrhardt über: Unsere Aufgabe in den Gemeinde⸗ vertretungen wird der Landesvorstand be⸗ auftragt, ein RKommunalprogramm aus⸗ zuarbeiten. Hierauf erfolgt Schluß des Partei⸗ tages mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. Arbeiterbewegung. Die Differenzen in der„Leipz. Volkszeitung“ sind leider noch immer nicht beigelegt. Auch die stehengebliebenen und neu⸗ eingetretenen Mitglieder der„Gewerkschaft“ versenden ein Flugblatt, in demssie sich gegen den Vorwurf des Streikbruches vertheidigen und es für ihre parteigenössische Pflicht be⸗ zeichnen, das ungestörte Weitererscheinen des Leipziger Parteiorgans zu ermöglichen.— Das Korrespondenzblatt der Generalkom⸗ mission bemerkt: „So bedauerlich es ist, daß von Seiten der Druckerei nicht Alles versucht wurde, um den Parteigenossen einen solchen Konflikt überhaupt zu ersparen, so wenig ist es zu rechtfertigen, eine Abwehraktion der bisherigen Arbeitskol⸗ legend urch Stehenbleiben illussorisch zu machen. Zum Allerwenigsten können die Rausreißer⸗ dienste Berliner Gewerkschaftsmitglieder durch den Mantel der Parteipflicht gedeckt werden. Ein Parteigebot, seine Arbeitskraft gerade einem Parteiunternehmen zur Verfügung zu stellen, existirt nicht. Wenn die gewerkschaftlich orga- nisirten Arbeiter schon in jedem Privatbetriebe bestrebt sind, den Unternehmer zu zwingen, sich den Arbeitsforderungen seiner Arbeiter anzu⸗ passen, so trifft dies in noch höherem Maße für der Eintritts-, Arbeits- und Entlassungs⸗Be⸗ 7. Jahrg. dingungen in Frage kommt. Das Stehenbleiben der verbandsgegnerischen Setzer ist daher nicht anders zu bewerthen, als bei jedem anderen Parteiunternehmungen zu, soweit die Regelung Arbeitswilligen.“ Wir geben diese Aeußerung wieder, ohne uns mit derselben ganz einverstanden zu er⸗ klären.— Von der Geschäftsleitung der„Leipz. Volksztg.“ ist bisher noch keine weitere Erklä⸗ rung in dieser Sache erfolgt. Krach im Hirsch⸗Dunkerschen Ge⸗ werkverein. Zwischen dem Ortsverbande Düsseldorf und dem Zentral rath des Gewerkvereins besteht schon seit Langem eine Spannung. Die Düsseldorfer Verbandsmit⸗ glieder hatten sich entschieden gegen die sonder⸗ bare Stellungnahme Dr. Hirsch's zum Straßen⸗ bahnerausstand im Landtag ausgesprochen, sie sind ferner nicht einverstanden mit der Aufrechterhaltung des bekannten Reverses, durch den Sozialdemokraten vom Gewerkverein ausgeschlossen sind, sie wünschen im Ganzen eine energischere Vertretung der Arbeiterinter⸗ essen seitens des Verbandes. Die Differenzen sind nun so weit gediehen, daß der Zentralrath in seiner Sitzung vom 29. November mit 26 gegen 4 Stimmen beschlossen hat, den Orts⸗ verein Düsseldorf aufzulösen.— Allzu tragisch werden die Düsseldorfer diesen Be⸗ schluß nicht aufnehmen; sie hatten schon vorher die Gründung eines eigenen Organs für das Rheinland angeregt, da sie mit der Haltung des Verbandsorgans längst nicht mehr einver⸗ standen waren. Handschuhmacher. Eine Massenkündi⸗ gung der Handschuhmacher in Halbe r⸗ stadt erfolgt, weil die Gehilfen sich weigerten, mehr als zwei Lehrlinge auszubilden. Eine Handschuhmacher⸗Versammlung beschloß, den Kampf aufzunehmen. Alle Gehilfen, denen nicht gekündigt wurde werden nun selbst kündigen. Von Nah und Fern. Die neue Rheinbrücke bei Worms. ist vorige Woche feierlich eingeweiht und dem Betrieb übergeben worden. Ueber das Werk wird berichtet: Vom ersten Spatenstich bis zur Eröffnung sind 2 Jahre 6 Monate! Tage ver⸗ flossen. Die zweigeleisige eiserne Brücke über⸗ setzt den Strom mit drei Oeffnungen, zwei seit⸗ lichen von je 101,2 Meter und einer mittleren von 116,8 Meter Stützweite, und zwar in. Bogenfachwerken. Die ästhetische Wirkung der ganzen Konstruktion ist eine recht günstige. Kräf⸗ tige Steinthürme markiren die Zugänge. Das rechtsseitige Vorland zeigt 17 Oeffnungen von je 33 Meter lichter Weite, die durch 34 ein⸗ geleisige Fachwerke mit parallelen Gurtungen von 34,5 Meter Stützweite überdeckt sind. Die Brücke hat eine Gesammtlänge von Achse zu Achse der Endauflager gemessen, von 930,5 Mtr., also beinahe einen Kilometer. Beiderseits der zweigeleisigen Fahrbahn befinden sich durch, Geländer abgeschlossene Fußsteige außerhalb der Hauptträger. Der genehmigte Kostenanschlag schloß mit Mk. 3 495 000 ab; wirklich veraus⸗ gabt wurden, ausschließlich der staatlichen Ver⸗ waltungskosten für Bauleitung ꝛc. 3223 664,76. Mark, davon für die Pfeilerbauten 970 000 Mk. für die Eisenkonstruktion Mk. 1 963 846,86, an allgemeinen Kosten 289 818 Mk. Beiderseits namentlich zur Linken, waren große Anschüt⸗ tungen erforderlich, wozu das Material durch Baggerungen aus dem Rhein gewonnen wurde. Hinrichtung. Der Mörder Gönc zi, der seiner Zeit zwei Frauen, die„Gypsschulzen“ und ihre Tochter in Berlin ermordete, dann nach Brasilien ent⸗ floh, wo er nach zweijährigem Aufenthalt ent⸗ deckt, nach Deutschland gebracht und hier zum Tode verurtheilt wurde, ist am vorigen Frei⸗ tag im Strafgefängniß zu Plötzensee hinge⸗ richtet worden. Er betheuerte bis zum letzten Augenblick seine Unschuld. Ansehnliche Lohnerhöhung. Das Gehalt des Mainzer Bischofs wurde in der Sitzung des Kirchenvorstandes der Diözese Mainz einstimmig von 13 700 Mk. auf 20 000 Mk. erhöht.— Ohne daß er nöthig hatte zu streiken, wurde diesem geistlichen Würdenträger der Lohn um 6300 Mk. erhöht. Besser kann man es wohl kaum haben, wenn einem bald nach Antritt eines solchen Amtes eine derartige Freude gemacht wird. — rr 2: S A 24 5 5 5 5. 8 8 2 5 5 3 5 25 25 a 5 0 N 0 f 7.5 2 5 1 5 9 5 8 5 5 2555 8 * 99 00 hat Jedermann, der annimmt, unsere außergewöhnlich billigen Preise bedingten minderwerthige Qualitäten. 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