1 4 14 N 2 8 55 0 8 . — 2 Nr. 24. Gießen, Sonntag, den 10. Juni 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche gs⸗Zeitung. Redaktionsschluf: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. n Abounementspreis: Bestellungen NFJInserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch] Druckerei, die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z Der Idealismus des Junkertums. -m. Das„Deutsche Adelsblatt“, des Organ der blaublütigsten„Edelsten und Besten“ unserer Nation, brachte vor einigen Wochen einen Artikel, welcher unter Ausfällen auf die arbeitenden Teile des Volkes dem Idealismus des Adels ein Loblied sang. Diesen sagenhaften Idealismus habe der Adel sich aus dem Mittel⸗ alter in die neue Zeit herübergerettet, dem Bürger⸗ tum werde nur durch seinen Krämer geist der Blick für die idealen Eigen schaften des Junker⸗ tums verdunkelt. Wir wollen uns in Nachstehendem bemühen, unseren Lesern den Idealismus des Adels plausibel zu machen, d. h. soweit dies in unseren Kräften steht, dieweil wir uns bewußt sind, nur einen winzigen Bruchteil von Idealismus der Herren von und zu in unsere Betrachtungen ziehen zu können. Die Glanzperiode des Adels deckt sich mit dem Elend der Bauern! Das Mittel⸗ alter, für welches das deutsche Adelsblatt natür⸗ lich schwärmt, ist eine einzige Kette von Raub, Bedrückung, Knechtung, Drangsalie⸗ rung der Bauern. So klug waren die Junker, daß sie, wo ihnen die Fürsten zu ihren Räu⸗ bereien freie Hand ließen, immer„monarchisch bis auf die Knochen waren“. So verhaßt ihnen eine starke Monarchie von jeher war, ge⸗ stattete sie ihnen, ihren Idealen, das heißt dem Raub nachzuleben, so begeisterten sich die Junker bis ins unendliche für sie. Und leider waren die Fürsten(mit wenigen Ausnahmen) verblendet oder eigennützig genug, den unersätt⸗ lichen Gäuchen freie Hand zu lassen. Bereits 1540 gestattete der Kurfürst Joachim II. von Brandenburg„Denen vom Adel“ nach Gelegen⸗ heit„mutwillige Bauern“ zu„legen“, was fich die„Edlen“ nicht zweimal sagen ließen. Die ausgeraubten Bauern durften aber nun nicht aus den Händen ihrer Bedränger fortziehen, sondern sie und ihre Kinder mußten ihren „Herren“ das Gut bebauen. In den märkischen Landtagsrezessen von 1536, 1538, 1539, 1582 und 1602 wurde das„Verziehen“ ohne Er⸗ laubnis des Gutsherrn mit den schwersten Strafen bedroht. In Pommern stellte bereits die Bauernordnung von 1616 Leibeigenschaft, ungemessene Frohnden und Nichterblichkeit der Bauernhöfe als Regel auf. In Mecklenburg wurde 1621 die Entsetzbarkeit der Bauern förmlich Gesetz. In der„neumärkischen revi⸗ dierten Bauernordnung von 1685“ werden „ausreißende“ Unterthanen mit ewigem Kerker, ja Todesstrafe bedroht. Die Gesinde⸗ ordnung von 1735 enthält gleichfalls scharfe Strafen wider das„Entlaufen der Bauern“. Ein Herr von Beneckendorf giebt in einer Zeit⸗ schrift von 1775 folgende„ideale“ Ausführungen zur„Rechtslage der Bauern“: Der Bauer habe genug, wenn er nur ein Drittel seiner Arbeitszeit für sich behalte; man dürfe ihm in dieser Hinsicht nicht das„geringste nachgeben“. Aus Vernunft und Naturrecht sei abzuleiten, daß der Unterthan(d. h. der Bauer) seinem „Herrn“ soviel Dienst schuldig sei, als er gerade noch leisten könne, ohne zu grunde zu gehen. König Friedrich l. von Preußen hatte den guten Willen, die Lage der Bauern zu er⸗ leichtern. Verschiedene Edikte von ihm suchten der Drangsalierung der Bauern zu steuern. Aber wie das Junkertum, immer nur auf seinen Vor⸗ teil bedacht, derartige gute Absichten zu hinter⸗ treiben suchte und hintertrieb, so auch hier. Unterm 14. Oktober 1710 schreibt ein Herr v. Luben dem König:„Die Verwaltungs- behörden sind keineswegs geneigt, die könig⸗ liche Absicht, daß die Unterthanen geschont werden sollen, zu verwirklichen(natürlich waren die „Verwaltungsbehörden“ waschechte Junker, welche in erster Linie die„Ideale“ ihrer Sippe ver⸗ traten). Daher pflegen die Vornehmsten im Lande die besten Aecker, Wiesen und Holzungen in ihren Rittergütern einzuziehen und das Land sogar frei von der darauf ruhenden Grundsteuer zu machen, was ihnen oft gelingt, wenn sie selbst in der Verwaltung Stellung haben!“ (Das heißt mit dürren Worten: Die Herren Junker bemogeln den Staat um die Steuer, wenn sie in der Verwaltung Einfluß haben.) Dann fährt Herr v. Luben fort:„Auch besetzen sie wüste Feldmarken nicht mit Unter⸗ thanen, sondern machen Vorwerke daraus und legen die nötigen Dienste den übrigen Bauern auf zu deren ewigem und vollkommenem Ruin. Oder, wenn ja einmal neue Unter⸗ thanen darauf gesetzt werden, so werden diesen hohe Pächte, Dienste, Zinsen, Einquartierungs⸗ laften und dergl. auferlegt, daß die Leute kaum ihr Leben fristen können.“— Und welches waren die Erfolge des Junkertums mit seinem Bauernlegen und Einführen der Leib⸗ eigenschaft? In Bayern z. B. gab es Ende des 18. Jahr⸗ hunderts 116000 Bauernfamilien auf 30 000 Höfen. Davon gehörten dem Adel und den Prälaten 66 830 Familien mit 16 970 Höfen S 56% ꝓder Gesammtzahl. Ferner gehörten den Klöstern, Pfarreien usw. 30000 Familien mit 8000 Höfen= 26% der Gesamtzahl, und endlich gehörten den bayrischen Kurfürsten 13 500 Familien und 4000 Höfe. Als freie Bauern verblieben noch 7000 Familien= 6% mit 1262 Höfen= 3,9% der Gesammtzahl. In Mecklenburg gab es um die Mitte des 17. Jahrhunderts noch 12 000 Bauernstellen; um die Mitte des 18. Jahrhunderts 4472 derselben und jetzt noch ungefähr 1230. Von den 244 Quadratmeilen dieses Junkerparadieses gehören schon 1860 dem Staat und 7 Klöstern 107/ Qm. 654 Rittergutsbesitzern u. 6 Frei⸗ bauern 40%„ 40 Städten und dem Kammergut 26,45„ dem übrigen„Volke“ gehören noch nur 6—7„ Wie man sieht, haben in Mecklenburg früher Fürsten, Junker und Pfaffen mit dem Volke so gründlich geteilt, daß für dasselbe nichts mehr übrig geblieben ist. Unerhört war das Schinden der Bauern, keine Gewaltthat, die übermütige und üppige Junker nicht gegen die Bauern begingen. Zu der Reformationszeit wurde in Mitteldeutschland in einem Flugblatte folgender Schmerzensschrei des geplagten Volkes verbreitet:„Hilf Gott, wo in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%%8. bei 6mal. Bestellung K. 4312 a.) 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens ist doch des Jammers je erhört worden? Sie schatzen und reißen den Armen das Mark aus den Beinen, und das müssen wir verzinsen. Wo bleiben hier die Stecher und Renner, die Spieler und Bankettierer, die da voller sind als ein kotzender Hund? Dazu müssen wir ihnen steuern, Zin sen und Geld geben, und sollten die Armen nichts destoweniger weder Brot, Salz noch Schmalz daheim haben mitsamt ihren Weibern und kleinen unerzogenen Kindern?! Wo bleiben hier die Herrn mit ihrem Handlohn und Hauptrecht? Ja, verflucht sei ihr Schand⸗ lohn und Raubrecht! Wo bleiben hier die Tyrannen und Wüteriche, die sich selbst zueignen Steuer, Zoll und Umgeld und das so schändlich und lästerlich verthun und ver⸗ abwenden, da doch alles in den allgemeinen Säckel dem Land zum Nutzen dienen soll? Und ja, daß sich kein Trotz darwider zu rümpfen wage, sonst gehts flugs mit ihm zum Plöcken, Köpfen und Vierteilen. Da ist minder Erbarmung als mit einem wütenden, thörichten Hund.— Verflucht sei ihre heidnische unchristliche Art, was für Mart er treiben sie doch mit uns Armen!“—— Mit dieser Schilderung des idealen jun⸗ kerlichen Mittelalters wollen wir für heute schließen. In einem ferneren Arkikel wollen wir uns mit dem Adel der Neuzeit beschäftigen. Politische Rundschau. Gießen, 8. Juni. Kosten der Flotte. Nach dem Kommissionsbericht, welchen der flottenbegeisterte Zentrumsabgeordnete Müller⸗ Fulda(Abgeordneter für den Wahlkreis Höch st⸗ Usingen) verfaßt und dem Reichstage hat zu⸗ gehen lassen, stellt sich der Marineetat für die Zeit von 19011917 folgendermaßen: Einmalige Ausgaben: Schiffsbau und Armierung 1489 200 000 Mk. Werft⸗ und Hafenbauten 270 000 000 Mk. Zusammen 1 759 200 000 Mk. Fortdauernde Ausgaben 2070 870 000 Mk. Demgemäß: Gesamtbetrag des ordentlichen Etats 3 830 070 000 Mk. Dazu kommen noch folgende Aus⸗ gaben für Marinezwecke: Marinepensionsetat. 116 450 000 Mk. Verzinsung der Anleihe 406 590 00 Mk. Demgemäß Gesamtkosten für die Flotte 4 353 110 000 Mk. Bei dieser ungeheuren Summe ist aber die stetige Verteuerung der Baukosten nicht in Rech⸗ nung gezogen, die erfahrungsgemäß eintritt. Dies berücksichtigt, ergiebt beinahe fünf Milliardeu Mark Ausgaben für die Marine in den nächsten 16 Jahren, vorausgesetzt natürlich, wenn von der Regierung in dieser Zeit keine weiteren Forde⸗ rungen gestellt werden. Daran ist aber gar nicht zu denken. Von gewissen Flottenenthusiasten wurde schon öfters die gegenwärtige Vorlage als „unzureichend“ bezeichnet und es ist kaum daran zu zweifeln, daß in ein paar Jahren dem deut⸗ schen Volke eine weitere Vermehrung der Flotte als„bitter notwendig“ hingestellt wird. Die fünf Milliarden sollen nun aus den fortlaufend sich steigernden Einnahmen des Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. Reiches erbracht werden, als ob es einerseits sicher wäre, daß diese Einnahmen sich wirklich fortlaufend steigern werden. Ein einziges schlechtes Jahr wirft die ganze Rechnung über den Haufen. Für diesen Fall sind nun allerlei Steuerobjekte zusammengekehrt worden. Obligationen, Auleihe⸗ stempel und ähnliches. Das ist alles eitel Blend⸗ werk. Wenn die Hochkonjunktur der Gegenwart einmal nachläßt, und das kann im natürlichen Wechsel der Dinge garnicht ausbleiben, so halten die Lappaliensteuern den Etat nicht zusammen. Dann müssen trotz aller gesetzlichen Reservationen die Nahrungsmittel herhalten und in erster Linie das Brotgetreide. Das kann sich jeder Mensch ausrechnen, der da weiß, was für eine Riesen⸗ summe fünf Milliarden sind. Verläumderische Flottenjüng er sind jetzt auf der Suche, wie sie der sozialdemo⸗ kratischen Flottenopposition eins aus wischen können. In Ermangelung besserer Argumente holen sie den alten Ladenhüter von der„Alliance zwischen Börse und Sozialdemokratie“ hervor. Die Sozialdemokraten stimmen gegen die Börsen⸗ steuern, also fördern sie die Interessen der Börsen⸗ jobber. Dazu schreibt der Vorwärts: Die Sozialdemokratie hält Steuergesetze, wie sie jetzt in der Flottenkommission fabrizirt worden sind, für schlecht und unzureichend. Die Nutz⸗ nießer aus dem Flottenbau sollten, so wurde versichert, die Kosten tragen. Aber jetzt werden die großen Panzerplatten⸗Lieferanten und andere Großindustrielle, die eifrig für die größte Flotte agitiert hatten, völlig verschont. Die Krupp und Stumm, die viele Millionen an der Flotte ver⸗ dienen, werden in keiner Weise zu den Lasten herangezogen. Wir hatten eine progressive Einkommen und Vermögenssteuer ge⸗ fordert, durch die alle Kreise gleichmäßig heran⸗ gezogen worden wären. Aber die bürgerlichen Schützer des Kapitals wollten davon nichts wissen und zogen es vor, Verkehrssteuern auszu⸗ hecken um auf lange Zeit hinaus das sozial einzig gerechte und einzig einträgliche Steuer⸗ system zu verhindern. Trotz dieser prinzipiellen Stellung würde die Sozialdemokratie sicherlich Börsensteuern nicht ablehnen, wenn sie zur Beseitigung an⸗ derer volksbelastender Steuern geschaffen würden. Davon ist aber jetzt natürlich keine Rede. Im Gegentheil, die Parteien, die uns Vorwürfe machen, haben sich verpflichtet, den Hungerzoll auf das tägliche Brod des armen Mannes zu erhöhen. Die neue Börsensteuer aber sollte dazu dienen, eine höchst gefährliche, volksfeind⸗ liche Weltmachtspolitik vorzubereiten. Zu solcher — 75 bewilligt die Sozialdemokratie keinerlei ittel. Als die Handels- und Börsenleute wild nach der Flottenvermehrung schrieen, war es die Sozialdemokratie, die ihren Wünschen entgegen⸗ kam? Vielmehr waren es Agrarier, Antisemiten, Zentrum— dieselben Parteien, deren Blätter jetzt uns in der Steuerfrage schmähen,— die das heiße Verlangen der Börse, des Handels und der Industrie⸗Lieferanten stillten. Das sind die Parteien, die den Bauer und Handwerker gegen das Großkapital zu schützen vorgeben, aber durch ihre Politik ihm Milliarden in den Schooß werfen. Die Wirkung der Fleischwucherpolitik. Daß angesichts der Grenzsperre, welche deutscherseits gegen ausländisches Fleisch durch das Fleischbeschaugesetz errichtet wurde, die dabei interessirten Staaten nicht ruhig zusehen, sondern ihrerseits mit Gegenmaßregeln antworten würden, war vorauszusehen, und unsere Partei⸗ genossen im Reichstage haben wiederholt auf die der deutschen Industrie durch Annahme der agrarischen Anträge drohende Gefahr hingewiesen. Und schon jetzt stellen sich die Folgen der Fleischwucherpolitik ein. So schreibt die Sächs. Arb.⸗Ztg.: „Vor einigen Tagen konnte die Presse schon die Einbringung eines Antrages im nordameri⸗ kanischen Senat melden, der zur Vergeltung der deutschen Fleischsperre höhere Industriezölle gegen die deutsche Einfuhr fordert. Jetzt berichtet ein Berliner Blatt, daß sowohl seitens der Berliner amerikanischen wie der englischen Bot⸗ schaft an zuständiger deutscher Stelle Vor⸗ stellungen erhoben werden gegen das vom Reichstag beschlossene Fleischbe⸗ schaugesetz. Seitens der englischen Regierung wird die Erschwerung der australischen Fleischeinfuhr nach Deuschland beklagt. Diese Nachricht wird der„Post“ von offi⸗ ziöser Seite bestätigt. Man nimmt an, es sei ausgeschlossen, daß infolge dieser Vor⸗ stellungen das Fleischbeschaugesetz im Bundesrath noch scheitern könnte, jedoch sei es wohl möglich, daß beim Erlaß der Ausführung sbe⸗ stimmungen auf gewisse, dem deutschen In⸗ teresse nicht entgegenstehende Wünsche des Aus⸗ landes Rücksicht genommen würde. Wir wollen abwarten, ob die Regierung den Mut haben wird, den Agrariern auf die Hühner⸗ augen zu treten. Schon stimmt die„Deutsche Tagesztg.“ ein Wuthgeheul an. Mit dumm⸗ dreister Miene fragt das edle Bündlerorgan, ob man dem Auslande erlauben wolle, in die hygienische Gesetzgebung des deutschen Reichs hineinzureden? Als ob es nicht selbst wüßte, daß die Agrarier die Vorlage der Regierung, die ein rein hygienisches Gesetz vorsah, in ein Gesetz zur Verhinderung der Fleisch⸗ einfuhr verschandelt haben!“ Verteuerung des Salzes. Sogar das Salz wird teurer! Infolge Uebereinkunft der deutschen Salinen sind vom 15. Mai ab— begründet durch die hohen Kohlenpreise und„gesteigerten Arbeitslöhne“— die Preise für Koch⸗ und Viehsalz um 60 Pfg. per 100 Kilo erhöht worden. Natürlich zahlen weder Groß⸗ noch Kleinhändler die Mehrkosten aus ihrer Tasche, sondern wälzen sie einfach auf die Konsumenten ab, die dann im ein⸗ zelnen einen verhältnismäßig noch höheren Preisaufschlag sich gefallen lassen müssen. Was man Landarbeitern bietet. In die Redaktion unseres Parteiorgans „Volksblatt“ in Halle a. S. brachten Arbeiter aus Russisch⸗Polen, die an Zahl 49 Mann stark auf der benachbarten Domäne Giebichenstein be⸗ schäftigt sind, ihr Mittagbrot, das aus total verdorbenem, einen ekelhaften Ge⸗ stank verbreitenden Fleisch bestand. Der Be⸗ amte des 7. Polizeireviers hatte vorher das Fleisch für genießbar und die Beschwerde für unbegründet erklärt. Die Redaktion veran⸗ laßte nun eine Untersuchung durch den vereidigten Handelschemiker Dr. Lenz, der erklärte:„Die Vorprüfung ergab, daß das Fleisch einen ekel⸗ erregenden Geruch besaß, welcher auf bereits eingetretene Verwesung schließen läßt. Hiernach wird die Probe als verdorben erklärt.“ Die Agrarier füttern ihre Arbeiter mit stinken⸗ dem Fleisch, behandeln sie auch sonst roh— die Arbeiter beschwerten sich auch über Thätlichkeiten seitens des Inspektors und Verwalters—, und wenn sie ihnen davonlaufen, dann verlangen sie vom Staate, daß er ihnen durch Ausnahme⸗ gesetze für Arbeiter sorge. Giebt es etwas Un⸗ verschämteres als dieses Ausbeutervolk? Junkerliche Ansichten über Volksbildung. In einer konservativen Versammlung für den Kreis Minden⸗ Ravensberg, die kürzlich in Her⸗ ford stattfand, wurde wiederum die von jener Seite schon oft vorgebrachte Klage erhoben, daß die Kinder heutzutage zu viel lernten. Nach⸗ dem der Landtagsabgeordnete Weihe seinem Miß⸗ mut darüber Ausdruck gegeben, daß die Prügel⸗ strafe noch immer nicht eingeführt ist, empfahl Frhr. v. d. Recke die Halbtagsschule, die aus⸗ reichend sei, um das Nötige zu lernen. Nach⸗ mittags müßten die Kinder in der Landwirtschaft arbeiten können. v. Oheimb stimmt dem zu; früher hätte man auch geuug gelernt und dann sei es bei den weit auseinander liegenden Woh⸗ uungen in Westfalen für die Kinder eine Qual, wenn sie zweimal täglich zur Schule müßten.— „Man glaubt, je dümmer ein Unterthan ist, desto eher wird er sich alles wie ein Vieh gefallen lassen. Denn wenn der Bauer nicht schreiben kann und ohne des Edelmannes Wissen auch nicht verreisen darf, so bleibt die in unserem Lande befindliche Barbarei noch am sichersten verborgen.“ So schrieb schon im Jahre 1764 ein Geistlicher an einen Regierungsbeamten über das Verhalten des Junkertums in Schulfragen. Wie man sieht, denken heute die Junker in diesen Dingen nicht anders, als ihre„glorreichen“ Ahnen vor Jahrhunderten. Verminderung der Schulbildung, Beschränkung der Freizügigkeit, Prügelstrafe und ähnliche schöne Sachen sollen dem Volke beschert werden, damit die Herren die Ausbeutung in aller Ruhe und ausgiebig be⸗ treiben können. Bündnis der Junker und Pfaffeu. Das Zentrum ist ärgerlich über die Liberalen wegen ihrer Haltung gegenüber der Lex Heinze. „Die rücksichtslose Art,“ so schreibt die ultramon⸗ tane„Kölnische Volkszeitung“,„in der der Libera⸗ lismus seine Welt⸗ und Lebensanschauung als die allein berechtigte zur Geltung bringen will, der Spott und Hohn, den er für alle Anders⸗ denkenden hat, die frivole Behandlung der ent⸗ gegenstehenden religiösen Gefühle ꝛc. haben in diesen Tagen wohl in jedem deutschen Katholiken die Ueberzeugung reifen lassen bezw. befestigt, daß eine Herrschaft dieser Richtung im Deut⸗ schen Reiche entschieden zu beklagen wäre. Wir haben an den Konservativen gewiß vielerlei aus⸗ zusetzen, aber mit ihnen läßt sich doch immer noch besser leben. Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen sind Zentrum un Konservative sich in der letzten Zeit näher gerückt als lange Jahre zuvor, denn es liegt in der Natur der Sache, daß eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen dem Zentrum und den Liberalen von selbst eine Besserung des Verhältnisses zu den Konservativen im Gefolge hat.“ Die Sorte paßt auch zusammen. Die kleri⸗ kale und die feudale Sippe begegnen sich nicht nur in ihrer„Weltanschauung“, sondern auch in ihren land⸗ und wassermilitaristischen Neigungen sowie in ihren korn⸗ und fleischwucherischen Plänen. Das Bischen Scheinarbeiterfreundlich⸗ keit, das die edlen Herren vom Zentrum zur Schau tragen, nimmt ja doch kein Vernünftiger ernst, und so wüßten wir in der That nicht, was der dauernden Verbrüderung der schwarzen fol der blauen Gesellschaft im Wege stehen ollte. Gegen das Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter in den Krankenkassen hetzt die kapi⸗ talistische Presse auf der ganzen Linie. Und selbst Blätter, die sonst nicht in der Beschimpfung der Arbeiter ihre Hauptaufgabe erblicken, drucken folgende, von der„Köln. Ztg.“ und dem be⸗ rühmten für diese seine Arbeit bekanntlich sehr gut bezahlten Herrn Schweinburg in den„Berl. Pol. Nachr.“ erhobenen Verdächtigungen nach: „Wir haben öfters darauf hingewiesen, daß unsere Sozialdemokratie planmäßig bestrebt ist, alle öffentlichen Einrichtungen, auf welche die Arbeiter selbst eine direkte Einwirkung auszuüben in der Lage sind, in den Dien st ihrer Parteiinteressen zu stellen. Mit be⸗ sonderem Nachdruck und nicht ohne Erfolg verfolgt sie diese Taktik auf dem Gebiete der Krankenkassen. Die Sozialdemokratie sucht offenkundig die ganze Krankenkassen⸗ organisation zu einer Nebenorganisation ihrer Parteieinrichtung umzugestalten und geht sog ar so weit, die Arbeitnehmerbeisizer zu einem einheitlichen Verbande für ganz Deutschland zu Nutz und Frommen der sozialdemokratischen Bestrebungen zusammen zu fassen.... Es ist geradezu selbstverständlich, daß bei der bevorstehenden Revision der Krankenkassengesetzgebung darauf Bedacht zu nehmen sein wird, die Möglichkeit eines solchen Mißbrauchs der Krankeakasseneinrichtungen auszuschließen oder doch aufs äußerste einzuschränken. Einrichtungen, welche der Eintracht und dem Frieden unter Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu dienen be⸗ stimmt sind, dürfen eben nicht zu Instrumenten des Klassenkampfes erniedrigt werden...“ Die ganze Phantasie der Unternehmerpresse hat nur die eine Unterlage, daß in den Kranken⸗ kassen vielfach Sozialdemokraten die Leitung haben. Da aber die intelligentesten Arbeiter in der Regel Sozialdemokraten sind, sollte die un⸗ liebsame Erscheinung von anständigen Gegnern der Sozialdemokratie leicht erklärt werden können. Aber die Kapitalistenorgane wollen sich die Sache nicht erklären, sondern die Gesetzgebung miß⸗ brauchen, um die Leitung der Krankenkassen in die Hände von Kreaturen zu bringen, die ihr 1 1 Flic 2 vol Wie Del gielhal nundat 1. volt in He en 20 100 oll hesichen 0 Bei d iunetholb geordnet woten, f 70 1 lieben: 0 fene klein als der wollte, u. sezilen handelt Freunde; se richt! der nut uubellerer zu denen schüfts Zimmern U. Naber Dffeten, zur Lex die Zust ihm a Versuch mann e v. Neeb mit der Ma Streites Manne guanten und den ufs inn Dir in Sac df dr Hest lol habe, da mi zwe die um p bapie wie scho eres he lungen benurft und um uur Um er das wer wei sug de De nertwür been, lichen Un er olg ken und f ac sehen, flo cht 0 N 24. — Ussan unseren cherte N en über fragen n diesen reichen ing der igigkeit, ollen en die big be⸗ U. betalen Heinze tramon⸗ Abera⸗ ung alz n will, Anders⸗ her ent⸗ ben in choliken sestig, Deut- . 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Bei der Beratung der Lex Heinze kam es innerhalb der antisemitischen Partei, deren Ab⸗ geordnete sich auch in dieser Frage nicht einig waren, zu heftigen Auseinandersetzungen. Da⸗ rüber wird der„Leipziger Volksztg.“ u. a. ge⸗ schrieben:„Liebermann v. Sonnenberg hat es mit Rücksichtslosigkeit durchgesetzt, daß seine kleine Fraktion für die Lex Heinze stimmte; als der Abg. Bindewald sich nicht fügen wollte, wurde er in von Liebermanns„Deutsch⸗ sozialen Blättern“ wie ein dummer Junge be⸗ handelt. Das haben Bindewald und seine Freunde zähneknirschend eingesteckt, offenbar, weil sie nicht den Mut haben, gegen den Diktator, der nur das Werkzeug der Agrarier ist, zu rebellieren. Als v. Liebermann nun aber sich zu denen gesellte, die einen Angriff auf die Ge⸗ schäftsordnung unternahmen, riskierte Abg. Zimmermann einen zahmen Rüffel, worauf v. Liebermann— ein geübter Verdreher— die Differenz sofort auf die gesamte Stellungnahme zur Lex Heinze hinüberspielte und sich dann auf die Zustimmung der Fraktion berief. Die von ihm allein unternommene Unterstützung des Versuchs gegen die Geschäftsordnung, die Zimmer⸗ mann ausdrücklich allein moniert hatte, übergeht v. Liebermann, nicht minder die brüske Gewalt, mit der er gegen Bindewald vorgegangen ist. Man darf nach dem ganzen Verlauf des Streites feststellen, daß die Antisemiten sich dem Manne unterworfen haben, der von allen Intri⸗ guanten des Parlaments der widerwärtigste ist und den ein großer Teil der Antisemiten selbst aufs innigste haßt.“ Umstürzlerische Farbe. Der Vorsitzende des Wahlvereins in Hartha in Sachsen erhielt ein Strafmandat zugestellt, auf dreißig Mark Geldstrafe oder zehn Tage Haft lautend, weil er bei der Maifeier geduldet habe, daß die Decke des Saales„zum Ratskeller“ mit zwei roten Fahnen ausschmückt und die um die um die Bühne herumgestellten Blumen⸗ töpfe vorwiegend mit rotem Seiden⸗ papier umhüllt wurden, um hierdurch, wie schon aus dem Charakter der Feier ohne Wei⸗ teres hervorginge, die sozialdemokratischen Gesin⸗ nungen und Tendenzen des Wahlvereins in demonstrativer Weise zum Ausdruck zu bringen und um auf die Zugehörigkeit des Wahlvereins zur Umsturzpartei hinzuweisen. Dadurch habe er das Publikum, die öffentliche Ordnung und wer weiß was noch, verletzt und groben Un⸗ fug verübt!— Die Verwunderung des Lesers über dieses merkwürdige Strafmandat wird noch gesteigert werden, wenn er vernimmt, daß diese unglück⸗ lichen Fahnen schon seit zehn Jahren bei allen Arbeiterfestlichkeiten die Decke des Rats⸗ kellersaales zierten! Zwar führte die sächsische Polizei schon seit vielen Jahrzehnten einen er⸗ bitterten Kampf gegen das umstürzlerische Rot und suchte es nach Möglichkeit den Blicken von Mensch und Tier in der Oeffentlichkeit zu ent⸗ ziehen, daß sie die Veefolgung aber bis in ge⸗ schlossenen Räume fortsetzt, ist uns bisher noch nicht bekannt geworden. Das Sprichwort, daß das Lächerliche tötet, scheint man in Sachsen nicht zu beherzigen. Ein„öffentliches Aergernis“. Jeder Sozialdemokrat giebt durch seinen Lebens⸗ wandel ein öffentliches Aergernis. Diesen lapi⸗ daren Satz hat der gegenwärtige Minister für Geist und Geistlichkeit in Preußen, Herr Studt, feierlich als richtig anerkannt. In Zelle war vor Jahresfrist der Vertrauensmann der sozial⸗ a demokratischen Partei, Genosse Misselhorn, zum Mitgliede des lutherischen Schulvorstandes ge⸗ wählt, aber auf Anordnung des Regierungs- präsidenten nicht eingeführt worden. Misselhorn hatte die Entscheidung des Ministers angerufen. Seine Beschwerde begründete sich auf das in Hannover noch geltende Gesetz über Kirchen- und Schulvorstände vom 14. Oktober 1848, nach dem nur solche Mitglieder der Kirchengemeinde nicht wahlberechtigt sind, die„durch ihren Lebens⸗ wandel öffentliches Aergernis gegeben“. Die Entscheidung des Ministers ist jetzt eingetroffen und lautete dahin, daß auf ihn der erwähnte Passus des alten hannöverischen Gesetzes anzu⸗ wenden, ihm die Wahlberechtigung zu entziehen sei. In einem Lande, wo man Männer wie Arons maßregelt, war eine andere Antwort nicht zu erwarten. Opfer der Arbeit. Die„Oesterreichische Zeitschrift für Berg⸗ und Hüttenwesen“ veröffentlicht eine interessante Charakteristik über die wichtigsten Bergwerks⸗ katastrophen der letzten fünf Jahre(1895 bis 1899). An der Spitze marschirt Deutschland mit 49 schweren Explosionen und Feuersbrünsten, wobei 700 Arbeiter ihr Leben verloren. Ver⸗ einzelte Unglücksfälle sind bei dieser Statistik des Todes auf dem Felde der Arbeit, der von keinem patriotischen Dichter besungen wird, nicht einmal mitgezählt. An zweiter Stelle steht Rußland mit 650 Opfern. Hier kostete eine einzige Kata⸗ strophe(Ersäufung von Schächten) 300 Arbeitern das Leben. Es folgen Amerika mit 395 und England mit 365 Opfern. In Amerika bildeten den Anlaß zur Katastrophe hauptsächlich Ex⸗ plosionen, in England außerdem auch Ueber⸗ schwemmungen. In beiden Ländern sind nur Unglücksfälle gezählt, die mindestens 10 Menschen⸗ leben kosteten; im ganzen ist daher wohl die Zahl der Opfer erheblich größer. Es folgen weiter Ungarn mit 126, Spanien mit 108, Frankreich mit 70, Belgien mit 48 Opfern. Ausländisches. Gemeinderatswahlen in Wien. Unseren Wiener Genossen haben die Ge⸗ meinderatswahlen, die am 31. Mai stattfanden, großen Erfolg gebracht. Mehr als 56000 Stimmen sind für die sozialdemokratischen Kan⸗ didaten abgegeben worden. Trotzdem sind nur zwei unserer Kandidaten gewählt, was seine Erklärung in dem geradezu erbärmlichen Wahlgesetz findet, das von den Antisemiten unter Führung des famosen Bürgermeisters Lueger eingeführt und durch welches Zehntausende des Wahlrechts beraubt wurden. Man denke: Drei Wahlkörper, die die Reichen, die Gut⸗ situierten und den Mittelstand umfassen, haben je 46 Gemeinderäte zu wählen. Die vierte Klasse, die die Masse des Proletariats umschließt — die privilegierten Klassen wählen freilich in der vierten Klasse nochmals mit!— und 228 491 Wähler umfaßt, wählt von den insgesamt 158 Gemeinderäten deren ganze 20! Dabei wurde von den Christlich⸗Sozialen(Anti⸗ semiten) scheußlicher Wahlbetrug verübt. Es wurde festgestellt, daß zahllose christlich⸗soziale Wähler doppelt und dreifach gewählt haben! In den Listen befanden sich Namen einer Anzahl Wähler, die gar nicht mehr unter den Lebenden sind! Unter diesen Umständen erscheint der Erfolg unserer Genossen noch be⸗ deutender, und die„Wiener Arb.⸗Ztg.“ hatte recht, als sie am Wahltage schrieb:„Heute hat das Volk gewählt, und was ist das Ergebnis? Der große Maulmacher(Lueger), der mit seinem größenwahnsinnigen Geschwätz die Stadt Tag für Tag belästigt, hat 20 000 Stimmen mehr bekommen als die Partei, die er immer höhnte und beschimpfte! Der Anhang des Herrn Lueger in Wien ist 77 000 Stimmen, und er verfügt über 131 Mandate; der Sozialdemokraten giebt es 56000 in Wien, und sie haben— zwei Mandate! Das ist die„Gerechtigkeit“ der Luegerschen Wahlreform, das ist in Wahrheit die Bilanz des Wahlrechtsraubes in den Man⸗ daten ausgedrückt!“ Sozialistische Wahlsiege in Italien. Am Pfingstsonntage haben die Neuwahlen in Italien stattgefunden. Und sie zeigen ein für die internationale Sozialdemokratie durchaus erfreuliches Resultat. Die Regierung, welche die vorige Kammer auflöste, hoffte bei den Neu⸗ wahlen die oppositionelle Linke zu schwächen oder gar zu vernichten. In dieser ihrer Er⸗ wartung ist sie jedoch schwer getäuscht worden, die Wahlen am Sonntag brachten im Gegentheil für die Oppositionsparteien, die Sozialisten, Republikaner und Radikalen ganz bedeutende Erfolge. Speziell unsere Genossen, die in der vorigen Kammer nur mit 16 Abgeordneten ver⸗ treten waren, haben an Stimmenzahl wie an Mandaten mehr als sie hoffen konnten, gewonnen. Selbst vom Süden Italiens und aus Bezirken, in denen bisher die Sozialdemokratie noch nicht festen Fuß fassen konnte, wird trotz aller von der herrschenden Clique verübten Wahlgaunereien starke Vermehrung der sozialistischen Stimmen gemeldet. Genauere Zahlen liegen noch nicht vor; nach den bisherigen Meldungen gewann die äußerste Linke 17 Mandate. Es geht überall vorwärts! Selbst das seit Jahrhunderten von Adel und Pfaffen geknechtete und ausgeplünderte italienische Volk ermaunt sich endlich! Der Krieg in Südafrika. Mehr und mehr ziehen sich die Buren zurück. Nachdem Lord Roberts am 31. Mai in Johannes⸗ burg eingezogen war, wobei es angesichts der Leere der Stadt recht ruhig zuging, hat er am 5. Juni seinen Einzug in Prätoria gehalten. Die Buren haben auch ihre Hauptstadt anscheinend widerstandslos in die Hand der Engländer fallen lassen, wenigstens wird in der Meldung Roberts an das Kriegsamt, worin die Besitznahme von Prätoria angezeigt wird, von Kämpfen nichts berichtet. Der Bürgermeister übergab die Stadt, sobald er dazu förmlich aufgefordert war. Da⸗ gegen haben die Buren versucht, den englischen Vormarsch von Johannesburg nach Prätoria nach Möglichkeit aufzuhalten. Schon am Donners⸗ tag waren die Engländer bis nach Irene, acht Meilen südlich von Prätoria, vorgedrungen und hatten dort einen schweren, aber erfolglosen Kampf mit den Buren zu bestehen, da es ihnen nicht gelang, diese aus ihren Stellungen zu verdrängen. Auch der Montag scheint für die Engländer ein heißer Tag gewesen zu sein. Bis zum Ein⸗ bruch der Nacht hatten sie mit allen Steitkräften, die zur Verfügung des Lord Roberts stehen, zu thun, ehe sie die Buren aus ihren Stellungen trieben und nach Prätoria zu drängten. Damit war das Schicksal Prätorias besiegelt. Daß mit der Urbergabe der Hauptstadt der Kampf nicht vollends zu Ende ist, sondern im Bezirk von Lydenburg fortgeführt werden soll, darf man aus der gestern mitgeteilten Meldung entnehmen, daß täglich 15 Züge mit Vorräteu von Macha⸗ dodorp nach Lydenburg abgesandt werden. Sicher⸗ lich bereitet Krüger, dessen Gefangennahme sich übrigens nicht bestätigt hat, alles zu einem letzten Verteitigungskampf in dem sehr gebirgigen Ge⸗ lände jenes Bezirks vor.— a Inzwischen hat der Afrikanderbund— Afri⸗ kander sind die Kolonisten holländischer Ab⸗ kunft und sie bilden die Mehrheit in der eng⸗ lischen Kapkolonie— auf einem Kongresse ent⸗ schieden gegen die Annexion der Burenrepubliken protestiert, und sich für deren Selbständigkeit ausgesprochen. Die Haltung der Afrikander ist für die Weiterentwickelung der Dinge ent⸗ schieden von Bedeutung. — Aus dem Reichstag. Die Annahme der Flottenvorlage. Der Reichstag berieth am 6. Juni die Flottenvorlage in zweiter Lesung. Tirpitz begründet sie nochmals kurz und erklärt die Bereitwilligkeit der Regierung, die Frage über die Auslandskreuzer zu vertagen. Bebel bekämpft in ausgezeichneter Rede die Re⸗ gierungsvorlage, weist das Gerede, als diene die größere Flotte zur Erhaltung des Friedens, entschieden zurück. Viele Millionen würden hier für kulturwidrige Zwecke hinausgeworfen, während nichts für die Kultur und rr 8 3 0 1 3 1 ) 1 2 — e — WS Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. sozialpolitische Aufgaben des Reiches übrig bleibe. Redner tadelt die volksverräterische Haltung des Zentrums. Graf Stolberg und Basserm ann treten für die Flottenvermehrung aus„nationalen“ und wirtschaftlichen Gründen ein. Gröber verteidigt die Kommissionsbeschlüsse und sucht die blamable Haltung des Zentrums zy rechtfertigen. Richter(freis) kritisiert die Flottenbegeisterung und die Agitation der Reklameflorille auf dem Rhein mit feiner Ironie. Er lehne die Vorlage ab, da das Ver⸗ trauen zur Regierung fehle. l Nachdem Bebel Herrn Gröber nochmals nachwies, daß das Bentrum seine Wähler thatsächlich getäuscht habe und das sich auch jetzt noch ein Teil der Zentrums; presse gegen die Flottenvermehrung ausspreche, wird nach weiterer unwesentlicher Debatte der 8 1 der Vor⸗ lage mit 153 gegen 79 Stimmen angenommen. Von Nah und Fern. Das Gießener Gewerbegericht verhandelte am 6. Juni eine Klage, die in den Maurerstreik hinüberspielt. Der Bauunternehmer Winn verlangte von fünf Maurern eine Ent⸗ schädigung von je 10 Mark leine Woche orts⸗ üblichen Tagelohnes) wegen Kontraktbruchs. Die betreffenden Maurer hatten mit den übrigen bei Winn beschäftigten Maurern ihre Kündigung in Gemäßheit des Versammlungsbeschlusses ein⸗ gereicht. Der Zettel mit ihrer Namensunter⸗ schrift ging aber auf irgend eine Art verloren und kam angeblich nicht in die Hände des Ar⸗ beitgebers. Das Gericht verurteilte die Maurer zur Zahlung der eingeklagten Summe an den Arbeitgeber.— Daß Letzterer als Beteiligter nicht gewußt haben sollte, was jedem Menschen in Gießen bekannt war, nämlich, daß sämtliche Maurer die Kündigung einzureichen beschlossen hatten, will uns nicht recht glaubhaft erscheinen. Aus der ganzen Form der Kündigung, dadurch, daß dieselbe von einem Einzelnen im Auf⸗ trage Aller eingereicht wurde, mußte der Ar⸗ beitgeber entnehmen, daß das Fehlen einiger Namen nur auf Versehen beruhen konnte und eine einzige Frage hätte genügt, festzustellen, ob die fünf Beklagten mit an der Kündigung be⸗ teiligt waren. Wir hätten geglaubt, daß das Gewerbegericht diese Umstände, die zu gunsten der Beklagten sprechen, in Betracht gezogen hätte. Die freie Vereinigung von Krankenkassen in Hessen hält am Sonntag d. 10. d. M. in Gie ßen ihre 8. ordent⸗ liche General⸗Versammlung ab. Unter den Tagesordnungspunkten sind besonders er⸗ wähnenswerth: Antrag auf Erhöhung der von der Invalidenversicherung zu zahlenden Hebege⸗ bühr; Abänderung des Krankenversicherungsge⸗ setzes; Unterstützung des Zentralkomitees zur Er⸗ richtung von Heilstätten für Lungenkranke des Großherzogthums Hessen. Aus Schotten wird uns geschrieben: In welcher Weise man hier mit den Arbeitern noch umgeht und welch' unzureichende Löhne bezahlt werden, dürfte Vielen noch unbekannt sein. Zur Illustration diene folgender Vorfall: Arbeitet da bei einem hiesigen Meister ein Geselle schon über 3 Jahre zur vollsten Zufriedenheit des Ersteren bei einem Wochenlohn von ganzen drei Mark. Nun bekam das Meisterlein eines schönen Sonntags Besuch von Außerhalb, worüber derselbe in einige Verlegenheit versetzt wurde, da keine Schlafge⸗ legenheit mehr im Hause ist. Jedoch das pfiffige Meisterlein weiß sich zu helfen. Abends kurz vor Schlafengehen theilt es seinem Gesellen mit, daß er die Nacht nicht im Hause bleiben könne, da der Gast in seinem(des Arbeiters) Bett schlafe; er solle zusehen, wo er die Nacht unter⸗ käme. Nun irrt der arme Teufel in Schotten umher. Geld hatte er von seinem hohen Lohne keins mehr übrig, um in einem Gasthause über⸗ nachten zu können. Schließlich gewährt ihm ein mitleidiger Freund kostenlose Unterkunft. Hoffent⸗ lich tagt es auch einmal in den Köpfen der hiesigen Arbeiter, daß sie sich zutammenschließen und derartige unwürdige Behandlung verhindern. Die Stadtväter in Wetzlar lehnten kürzlich das Gesuch eines Ausschusses, welcher einen Beitrag zur Errichtung eines Denk⸗ mals für Hoffmann von Fallersleben forderte, ohne Debatte ab. Das finden wir soweit ganz korrekt, einmal, weil wir der Meinung sind, daß es vorher noch weit dringendere Auf⸗ gaben für den Gemeindesäckel zu erledigen giebt, dann aber auch, weil sich der Dichter Hoffmann v. Fallersleben schon durch seine Lieder ein un⸗ vergängliches Denkmal gesetzt hat. Wie ganz anders behandelte aber dieselbe hohe Versamm⸗ lung vor nicht langer Zeit ein ähnliches Gesuch, als es sich um ein Denkmal für— Bismarck handelte! Ein Langes und Breites wurde dar⸗ über diskutiert und schließlich bewilligte man das Gewünschte.— Nun, der selige Hoff nann wird sich trösten. In einer Stadt, wo der Bismarck und Herrenkultus Orgien feiert, wie in Wetzlar, paßte ein Denkmal für diesen Sänger der Freiheit nicht; es wäre doch nicht angenehm, wenn die Wetzlarer Spießer dadurch an„das Lied vom deutschen Philister“ erinnert würden, welchem folgende Verse ent⸗ nommen sind: Der deutsche Philister, das bleibet ein Mann, Auf den die Regierung vertrauen noch kann, Der passet zu ihren Beglückungsideen, Der läßt mit sich alles gutwillig geschehn. Befohlener Maßen ist stets er bereit, Zu stören, zu hemmen den Fortschritt der Zeit. Zu hassen ein jegliches freie Gemüt Und alles, was lebet und grünet und blüht. Was schön und erhaben, was wahr ist und recht, Das kann er nicht leiden, das findet er schlecht. So ganz, wie er selbst ist, so kläglich gemein, Hausbacken und ledern soll alles auch sein. So lang der Philister regieret das Land, Ist jeglicher Fortschritt daraus wie verbannt: Denn dieses erbärmliche, feige Geschlecht, Das kennet nicht Ehre, nicht Tugend und Rechtl Und so weiter! Einen bemerkenswerten Fortschritt auf dem Wege zur Beseitigung der Sonntags⸗ arbeit im Handelsgewerbe hat die Stadt Frankfurt a. M. gethan durch einen am 28. Mai von den Stadverordueten, allerdings gegen lebhafte Opposition, gefaßten Beschluß über ein Ortsstatut. Zunächst wird die Sonntags⸗ arbeit vollkommen untersagt bei Fabrik-, Bank⸗ und Engros⸗Geschäften, mit wenigen Ausnahmen, wie z. B. Frachtschifffahrt, wo eine Beschäftigung der Gehülfen, Lehrlinge und Arbeiter von 11—1 Uhr zulässig ist.—In Detail⸗Geschäften ist die Arbeitszeit erheblich eingeschränkt, da Lebens⸗ mittelgeschäfte nur bis 9 ½ Uhr, andere Geschäfte nur von 11—1 Uhr arbeiten lassen dürfen. Außerdem muß den Gehülfen, Lehrlingen und Arbeitern jeweils der zweite Sonntag freigegeben werden. Selbstverständlich machten die Vertreter des „notleidenden Mittelstandes“ lebhafte Opposition, blieben indessen in der Minorität. Vom Fraukfurter General⸗Anzeiger. Die Frankfurter Barbier und Friseurgehülfen wollten folgendes Inserat im oben genanntem Blatte veröffentlichen: „Die stellungslosen Barbier⸗ und Perrücken⸗ macher⸗Gehülfen werden ersucht, vor Annahme einer Stellung Erkundigung Gr. Hirsch⸗ graben 9, einzuziehen. Die Lohnkommission.“ Dieses Inserat erregte die kapitalistischen Bedenken des Blattes und die Aufnahme wurde verweigert. Beschämend ist es, daß auch in Gießen hunderte Arbeiter dieses Blatt für Ver- simpelung und Heiratsinserate unterstützen. Ein ehrlicher Arbeiter sollte sich schämen, ein solches Blatt in sein Haus zu nehmen. Antisemitische Kampfesweise. Welcher schmutzigen Kampfesweise die antisemitische Presse im Allgemeinen und das Offenbacher Blättchen des verflossenen Abge⸗ ordneten Hirschel im Besonderen sich bedient, dafür können wir einen neuen Beleg anführen. Das Blatt berichtet nämlich über das von Niederräder Burschen am Himmelfahrtsmorgen im Frankfurter Stadtwalde verübte Sittlichkeits⸗ verbrechen und begleitet seinen Bericht mit der Bemerkung, daß die Verbrecher sämmtlich aus der sozialdemokratischen Hochburg Niederrad stammten. Damit versucht das edle Organ, die Verbrecher zu Sozialdemo⸗ kraten zu stempeln, um so unsere Partei auf seine Weise zu bekämpfen. Darüber regen wir uns nun nicht weiter auf; wir wissen und sind gewohnt, daß die Antisemiten in Ermangelung anderer und ehrlicher zu solchen schmutzigen Waffen greifen müssen. Aber nach statistischen Feststellungen kommen Verbrechen aller Art in vorwiegend sozialdemokratischen Gegenden ver⸗ hältnißmäßig weniger vor, als in solchen mit vorwiegend gläubig⸗christlicher oder auch anti⸗ semitischer Bevölkerung. Wenn also das Antisemitenblatt die Verbrecher mit einer poli⸗ tischen Partei in Verbindung bringen will, so liegt ihm doch die seine viel näher, welche in ihren Reihen, sogar unter ihren Abge⸗ ordneten recht große Sünder auf sexuellem Gebiete aufzuweisen hat. Grund genug etwas weniger unverschämt aufzutreten. Für Religion, Sitte und Ordnung. Im Zeitalter der Lex Heinze, die nun Dank dem geschickten Operieren der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion beseitigt wurde, verdient eine Episode aus den Verhandlungen der bayerischen Abgeordnetenkammer weiter bekannt zu werden. In der Sitzung vom 1. Juni berührte der sozialdemokratische Abgeordnete Müller den Kuppeleiprozeß Strauß und sagte, die Polizei sei nicht sehr findig gewesen, daß sie nicht bemerkte, wie gegenüber der Höhle des Löwen ein Haus der Freude eingerichtet war(die Strauß wohnte dicht bei der Polizei. Red.), in dem mehrere Jahre hohe, höhere und angeblich noch höhere Personen, die obersten Mitglieoer hervorragender Körperschaften und, wenn er recht unterrichtet sei, auch her⸗ vorragende Mitglieder der Polizei Gäste waren, und als richtige Ordnungsstützen der„freien Liebe“ pflegten. Ein ähnliches Eta⸗ blissement soll auch in der Kriegsstraße bestanden haben. Die Sache sei vertuscht worden. Auch im Prozeß sei die Sache, durch den. strengen Ausschluß der Oeffentlichkeit, der Oeffentlichkeit möglichst entrückt worden. Der Minister des Innern erwiderte, er sei auf die Anfrage nicht vorbereitet und deshalb nicht in⸗ formiert; er müsse sich erst informieren. Das„Informieren“ wird ihm insofern schwer fallen, als das Gericht vorsichtigerweise den Fall Strauß unter vollständigem Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit verhandelte; nicht einmal die Namen der „Zeugen“ sind dem größeren Publikum bekannt geworden. Die Reklameflotille hat bei ihrer Rückfahrt eine Menge Unheil an⸗ gerichtet und bei den davon Betroffenen dürfte die Begeisterung merklich gefallen sein. So wurde erst bei Untergeresheim das 40 Meter lange mit Backsteinen halb beladene Schiss des Aschaffen⸗ burger Schiffseigners Jakob Geiger durch den hohen Wellengang der im raschen Laufe dahin⸗ eilenden sechs Boote zum Sinken gebracht. Auch ein anderes Schiff, das dem Schiffer Lerch von Nierstein gehörte, und nahezu vollgeladen war, sank sofort. Ein drittes, ebenfalls fast ganz beladen, wurde leck und mußte schleunigst ausge⸗ laden werden, um es vor dem Sinken zu be⸗ wahren. Mit knapper Not wurde das Per⸗ sonal der untergegangenen Schiffe ans Land gerettet. Der durch die Torpedo⸗ boote verursachte Wellengang war so stark, daß, nach den Versicherungen der Schiffsleute, ein eisernes Schiff, das dort hielt, nahezu ge⸗ brochen wäre. Außerdem wurde in St. Goar laut Bericht der„Bopparder Zeitung, bei der Volldampffahrt infolge des starken Wellenschlags ein Teil der Schwimmschule losgerissen. Die Lagerfässer schwammen weg und mehrere Nachen schlugen voll Wasser. In Boppard wurde die Landungsbrücke der Lokaldampfschifffahrt stark beschädigt. Ein Knabe wurde durch einen infolge des Wellenschlags von der Brücke losge⸗ rissenen Balken am Kopf getroffen, daß er kopf⸗ über ins Wasser ftürzte und beinahe ertrunken wäre. Warum hat man denn nun auf einmal solche Eile gehabt? — 10 zweiten das Bergt r ebenfa vun einem tttet te g Elation C. shrenden Wagen Ul daß dieser 1 Nr Eittlich nen eig Shliner pr iht Meige. fuel iel Die an ihten weiter zu 8. 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Der Ver⸗ unglückte hinterläßt Frau und drei Kinder. * Leun. Beim Baden in der Lahn ertrank am zweiten Pfingstfeiertage der zehnjährige Sohn des Bergmanns Schupp. Ein anderer Junge, der ebenfalls dem Ertrinken nahe war, wurde von einem des Schwimmens kundigen Kameraden gerettet. ** Grober Unfug. In der Nähe der Station Cölbe warf ein Reisender des nach Kassel fahrenden Schnellzuges eine Weinflasche aus dem Wagen und traf einen Arbeiter so unglücklich, daß dieser schwerverletzt zusammenbrach. * Frankfurt a. M. Wegen schweren Sittlichkeits verbrechen begangen an seinem eigenen achtjährigen Kinde wurde hier der Schreiner Biber verhaftet. Seine Frau er⸗ tappte ihn bei dem Verbrechen und erstattete Anzeige. Bei dem gegenwärtigten Holzarbeiter⸗ streik spielte B. den Streikbrecher! Arbeiterbewegung. 1 Die Weißbinder in Gießen beschlossen, an ihren Forderungen festzuhalten und den Streik weiter zu führen. Bäckerstreik in Frankfurt a. M. In einer Versammlung von etwa 500 Gehülfen wurde von der Lohnkommission mitgeteilt, daß 138 Geschäfte mit 430 Gehülfen die gestellten Forderungen bewilligt haben. 80 Geschäfte mit 180 Gehülfen haben nicht bewilligt. Der Vor⸗ schlag der Lohnkommission, in diesen Geschäften sofort die Arbeit niederzulegen. wurde mit 491 gegen 6 Stimmen angenommen. Der zweite Kongreß christlicher Gewerkschaften tagte über Pfingsten in Frankfurt. Es waren nach der offiziellen Angabe 33 Organisationen durch 65 Delegierte vertreten. Die Gesamtzahl der vertretenen Ar⸗ beiter soll 84000 betragen. Den Vorsitz führte der Bergmann Brust.— Bemerkenswert ist, daß man auf diesem Kongresse fast keinen Geist⸗ lichen sah, die früher bei ähnlichen Gelegenheiten in großer Anzahl anwesend waren und noch jetzt in verschiedenen christlichen„Gewerkschaften“ die Leitung in den Händen haben. Im Laufe der Verhandlungen wurden sogar vielfach scharfe Proteste gegen die Einmischung dieser„nicht dem Arbeiterstande angehörige Elemente“ laut.— Beschlüsse von besonderer Bedeutung wurden nicht gefaßt; man sprach sich im Allgemeinen für Zentralisation der Gewerkschaften und neutrale Gewerkschaften aus. Der letztere Gegenstand verursachte eine lebhafte Debatte, die Ent⸗ scheidung darüber vertagte man bis zum nächsten Kongreß.— Im ganzen lieferte dieser Kongreß den Beweis, daß auch die christlichen Arbeiter mehr und mehr zum Klassenbewußtsein kommen. Ein Arbeiter⸗Unternehmen. Bekanntlich errichteten seinerzeit die von den Kapitalisten ausgesperrten Glas arbeiter in Albi(Frankreich, Dep. Tarn) eine eigene Glas⸗ hütte. Dieses Unternehmen gedeiht in recht er⸗ freulicher Weise. Aus dem Jahresbericht für 1899 geht hervor, daß der Ueberschuß um 57 000 Franks gegenüber dem Vorjahre gestiegen ist. Im Berichtsjahre stieg die Fabrikation auf 4481 371 Flaschen, ein Mehr von 1 053 186 Flaschen gegenüber 1897 und von 735 773 Flaschen gegenüber 1898. Und zwar ist die Zunahme im Vergleich mit dem Vorjahr nicht auf die Errichtung des dritten Hochofens zurück⸗ zuführen, denn infolge von Reparaturarbeiten haben die drei Hochöfen noch nicht gleichzeitig im Betrieb gestanden, sondern auf bessere DOrganisation der Arbeit. Der Absatz erreichte 4 662 045 Flaschen, d. h. um 180 674 mehr als hergestellt wurde, was eine entsprechende Verminderung des Flaschenlagers bedeutet.— Seitdem die drei Hochöfen im Betrieb sind, werden von den 320 Arbeitern und Arbeite⸗ rinnen 35 000 Flaschen täglich fabrizirt. Der Absatz steigt aber höher als die Fabrikation, so daß die Glashütte gegenwärtig gezwungen ist, neue Bestellungen zurückzuweisen. Bemerkenswert ist, daß die Glashütte, trotz der auf dem Flaschenmarkt eingetretenen Preis⸗ erhöhung, den Konsumgenossenschaften ihre Ware zu den früheren Preisen abgiebt aus Anerkennung für die thatkräftige Hilfe jener Genossenschaften in den kritischen Jahren. Der Bericht schließt mit der Hoffnung, das die Glashütte in wenigen Jahren nach der Tilgung ihrer Schulden im stande sein wird, ihren Nettogewinn den Sta⸗ tuten gemäß der sozialistischen Propaganda zu⸗ zuwenden. Diese Erfolge sind gewiß nicht zu verachten. Und sie werden erreicht, trotzdem dies Uyter⸗ nehmeu bedeutend günstigere Arbeitsbedingungen bieten muß, als die kapitalistischen Konkurrenten. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 8. Juni. Ausflug. Am Sonntag, 10. Juni, treffen sich die Genossinnen und Genossen auf der Dammühle. Treffpunkt nachmittags 3 Uhr am Wilhelmsplatz. Arbeiterrisiko. Vor einigen Tagen fiel ein Arbeiter vom Dache des Rathauses, welches gegenwärtig einer Renovation unterzogen wird, auf den Boden und erlitt solche Verletzungen, die seine Aufnahme in die Klinik notwendig machten. Eine Hundeausstellung, veranstaltet vom Kyneologischen Verein Marburg, findet am 17. Juni in der Exerzierhalle auf dem Kämpf⸗ rasen statt. Die Beschickung scheint eine sehr gute zu werden, bis jetzt sind schon 450 Hunde angemeldet; 75 Ehrenpreise stehen zur Verfügung. Schöffengericht. Der Buchbinder, wel⸗ cher einem hier vor kurzem zugereisten Buch⸗ drucker in der Müllerschen Herberge das Porte⸗ monnaie mit 12,60 Mark entwendete, erhielt wegen Diebstahls zwei Monate Gefängnis und wegen Bettelns zehn Tage Haft zudiktiert. Militärisches. Die Generalmnusterung findet am 13., 15. und 16. Juli, an jedem Tage vormittags 9 Uhr im Schloßgarten statt. Die Prüfung der Invaliden findet am 14. Juli, vormittags 9 Uhr, statt. Geh. Justizrat Grawert, der Erste Staatsanwalt am hiesigen Landgericht, ist am Dienstag Morgen nach längerem Kranksein ge⸗ storben. Bessiseher Landtag. Zweite Kammer. In der Sitzung vom 30. Mai wird die Vorlage be⸗ treffend Ankauf des Gärtnerschen Hauses auf der Burg Friedberg genehmigt. Ebenso werden zur Förderung der kleineren gewerblichen Unterrichtsanstalten 5000 Mk. bewilligt.— Bei der Forderung von 20 000 Mk. für „Sonstige Forderungen des Kunstgewerbes“ übt Abg. Noack bei aller Anerkennung der modernen Bestrebungen in längeren Ausführungen eine ziemlich scharfe Kritit an der modernen Kunstrichtung und speziell der Darmstädter Künstlerkolonie. Die sogenannten Modernen hätten vorerst bei uns wenig Erfolg. Auffallend sei die starke Reklame, welche sie treiben. Man habe in Hessen eine ganze Anzahl tüchtiger, strebsamer Künstler, welche in der Stille schon sehr Bedeutendes geleistet haben. Auch die hessischen Kunstschulen seien auf der Höhe der Zeit und verfolgten mit Eiser die modernen Bestrebungen. Er warne vor der neuen Mode, die vorübergehend sei. Wenn man für dieses Unternehmen, das eigentlich eine Privatsache des Großherzogs sei, von staats⸗ wegen Gelder bewillige, werde man später wahrscheinlich noch bedeutend größere Opfer bringen müssen. Ausschuß⸗ berichterstatter Köhler⸗Darmstadt und Staatsminister Rothe widerlegen diese Angriffe. Ministerialrat Braun weist die Ausführungen Noacks in scharfer Weise zurück und fährt fort: Die Uebertragung der künstlerischen Form in das praktische Leben bilde und erziehe das Volk zu künstlerischem Wesen. Die ideale und materielle günstige Rückwirkung der Vorlage war, daß in erster Linie die heimische Industrie durch die Künstlerkolonie unterstützt wurde. Die Abgg. Reinhardt und Schröder treten für die Forderungen ein. Graf Oriola stellt fest, daß die Einwirkung kunstliebender Fürsten die Völker im Altertum und Mittelalter auf die Höhe ihrer Blütezeit und ihres Wohlstandes gebracht habe. Man müsse darin unterstützend eintreten und im übrigen die Entwickelung abwarten. Abg. Schönberger meint, Hessen habe shon genug für Kunst und Wissenschaft gethan. Abg. Ulrich(Soz) tritt für die Vorlage ein und wird noch für größere Beträge zu haben sein, wenn die Anregung gute Früchte bringe, wie es den Anschein habe. Er ist für die Forderung, obwohl ihm mitgeteilt wurde, daß es eine Lieblingsidee des Großherzogs sei. Wenn nur die gestellten Aufgaben erfüllt werden und zum Wohle des Volkes ausschlagen. Ministerialrat Braun weist die Ausführungen Schönbergers zurück und glaubt, daß gerade das kleine Hessen eher wie ein großes Land dazu geeignet scheine, eine führende Stel⸗ lung in dem Kunstleben zu erreichen. Abg. Weidner ist für die Forderung gerade deshalb, weil es eine Lieblingsidee des Großherzo 3s sei. Nachdem der Bericht⸗ erstatter Köhler nochmals für die Vorlage gesprochen, wird die Forderung gegen die Stimmen der Abgeordneten Schönberger und Schill genehmigt. Abg. Bär enthält sich der Abstimmung. Mit der Erhöhung der Gehalte der Volks⸗ schullehrer beschäftigte sich der Landtag am 31. Mai in längerer Debatte. Es liegen hierzu verschiedene An⸗ träge vor. Der Antrag Backes verlangt, daß die Lehrer in den mittleren Jahren, in welchen dieselben gerade für Kindererziehung und geistige Weiterbildung größere Be⸗ dürfnisse und Ansprüche haben, besser gestellt werden. Nach der von ihm eingereichten Skala geht die Fordeung mit 277 100 Mark über die Regierungsforderung hinaus. Diesen Antrag empfiehlt der Finanzausschuß zur An⸗ nahme. Die Regierung erklärt, daß sie einer derartigen Erhöhung mit Rücksicht auf die Finanzlage die Zustim⸗ mung versagen müsse. Für den Antrag Backes treten die Abgg. Schmeel, Weidner und David ein. Letzterer hält den Antrag Backes für das geringste Maß, was man genehmigen müsse, denn die Hebung der Volks⸗ schulen sei die höchste Aufgabe des Staates. Wenn man einen Lotteriedirektor mit einem Gehalt von 20 000 Mk. jährlich anstelle, müsse man auch in entsprechender Weise für die Volksschulen eintreten. Fast alle weiteren Redner sprechen sich für Bewilligung der Backeschen Forderung aus. Von mehreren Rednern wurde erwähnt, daß man die Lehrer materiell so stellen müsse, daß sie keine Nebengeschäfte zu treiben brauchten. Trotzdem der Minister erklärt, daß der Antrag von der Regierung nicht angenommen würde, was das allgemeine Staunen des Hauses erregt, wird die Gehaltsskala nach diesem Antrage von der Kammer einstimmig angenommen. Auf eine Interpellation Schmeel betreffend die Ver⸗ hinderung einzelner Gemeinden zur Ablösung von Berechtigungen und den Ankauf von Wal⸗ dungen zu Spekulationszwecken erklärt die Re⸗ gierung in der Sitzung am 1. Juni, daß sie nie zu Spekulationskäufen von Waldungen ihre Zustimmung gebe. Fü rst Isenburg⸗Birstein habe allerdings seiner Zeit den größten Teil seiner Waldungen an ein Privatunternehmen verkauft, aber die Zustimmung seiner Agnaten nicht erhalten. Daraufhin habe die Regierung Verhandlungen eingeleitet, um die Waldungen für den Fiskus zu erwerben, besonders, um das Abholzen der⸗ selben zu verhindern und die beteiligten Gemeinden in ihren Berechtigungen nicht zu schädigen. Nach längeren Ausführungen des Ministerialrats Braun betreffend den Verkauf der Wälder bemerkt der Abg. Ulrich, daß er schon im Februar ausdrücklich auf die Finanzlage der Linie Isenburg⸗Birstein hingewiesen habe. Der Schuldige in dieser Sache sei der Agnat Max von Wächtersbach. — Ein Antrag, der die Regierung ermächtigt, die fürstlich Isenburg⸗Birsteinschen Waldungen zu erwerben, wird in der Sitzung vom 2. Juni ein⸗ stimmig angenommen. Hierauf gelangen mehrere Bahn⸗ bauprojekte zur Erörterung. Bezüglich der Bahn Stock⸗ heim⸗Vilbel erklärt die Regierung auf eine Anfrage, daß die Vorlage in der nächsten Tagung gemacht werden könne, da die beteiligten Gemeinden sich jetzt zur Ge⸗ ländestellung bereit gezeigt hätten. Abg. Schlenger bedauert mit dem Grafen Oriola, daß der Ban einer Anzahl im Projekt und in den Vorarbeiten fertiger Bahnen zugleich mit den unfertigen Bahnen durch das Vorgehen des Finanzausschusses bis zum Herbst ver⸗ schoben werde, worauf Abg. Ulrich den Standpunkt des Finanzausschusses feststellt, der nicht dafür zu haben sei, nahezu zwei Millionen Mark gleichsam zur Bildung einer zweiten Ludwigsbahn an ein Privatunternehmen in übereilter Weise zu überweisen. Es gelangen noch einige kleinere Gegenstände zur Erledigung, womit die 4175 schließt und die Kammer sich bis Oktober vertagt. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 9. Juni: Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends /29 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten der Redaktion. Berichtigung. In unserer letzten Nummer ist durch Verheben des Satzes ein Fehler entstanden. Die sechs letzten Zeilen in dem Artikel„Frauenwahlrecht in England“ von den Worten:„Für den Senat“ an müssen an den Schluß des Artikels„Wahlen in Belgien“ an⸗ schließen. Für die streikenden Bauhandwerker gingen bei der Redaktion ein: Drei Buchdr. 1,50 Mk. Briefkasten der Expedition. Quittungen. Bl. B. 1.—. Keh. Nofl. 11.—. Z. Ndh. 2.20. Br. Rdgn. 1.—. cht. Gbg. 6.—. Schw. Ggn. 2.80. Pz. Tfm. 8.50. Rch. Ob. 2.—. Wtr. Ww. Lbch. 2.—. Lflr. Frbg. 20.—. E. Dhm. 12.—. Hst. Kch. 8.89. Sgfr. Ab. 8.80. R. Hchm. 27.20. B. Höch. 5.—. Dhfr. Ogstr. 4.80. Str. S. Z. 4.—. Kr. G. 18.60. Gge. Hoͤbgn. 7.80. L. The. 2.—. Br. Rdgn. 1.—. Fth. Wtzlr. 30.—. 2 Wklr. Rohm. 12.—. d 51 0 1 3 1 9 ö 1 r e Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. Anterhaltungsteil. Proletarier⸗ Situation. Es spricht der Staat: Der Sozialist, Er hat am Umsturz seine Freude, Und dieses sehr gefährlich ist— Einsperren muß man diese Leute! Der Unternehmer spricht sodann: Nach hohen Löhnen ringet heute Jed' unverschämter Arbeitsmann— Aushungern muß man diese Leute! Und sieh', es schwingt der Staat sein Schwert, Der Unternehmer kürzt die Löhne; Bald e in gesperrt, bald aus gesperrt Seh'n sich der Arbeit fleiß'ge Söhne. Doch wisset, daß auf keinen Fall Sie deshalb ihre Waffen strecken, Den Hunger kennen sie schon all, Der Kerker kann sie nicht mehr schrecken. Denn wer ein Leben sorgenschwer Durchlebt, ein Proletarierleben, Für ihn kann's keinen Schrecken mehr Und keinen neuen Kummer geben. Er trotzet seiner Feinde Macht Und fürchtet keine Strafgerichte Zwar führt sein Weg durch dunkle Nacht, Jedoch er führet ihn zum Lichte. In Fesseln. 41 Novelle von Elise Schweichel. Nur in sehr kleinmütigen Augenblicken konnte Johanna zweifeln, daß sie wiedergeliebt würde. Sie hatte die beseeligende Gewißheit nur zu oft in Antons Mienen gelesen, aber sie scheute vor dem Geständnis seiner Liebe zurück, welches für sie Trennung, ewigen Abschied von dem Geliebten bedeutete. Ihre Pflicht war es, bei dem Bruder auszuharren. Sie hatte es der Mutter auf dem Totenbette gelobt. Aber auch ohne dies hätte sie sich nie von ihm getrennt. Sie liebte ihn mit jener mütterlich sorgenden Liebe, die jedes edlere weibliche Herz für ein hilfloses Wesen empfindet, und ein solches war Julius für sie seit seiner Kindheit geblieben, wo sie ihn, selbst noch ein zartes Kind, auf ihrem Schoß gewiegt, in Schlaf gesungen, gepflegt und behütet hatte. Ihn konnte sie in seiner Gebrechlichkeit nimmer verlassen; Bruder und Geliebter aber stießen sich ab, wie zwei entgegengesetzte Pole; ein Zusammen⸗ leben zu Dreien wäre daher eine Unmöglichkeit gewesen. So blieb nur Entsagung übrig und Johanna hatte in ihrem Herzen bereits entsagt. Sie war auf die Antwort vorbereitet, die sie Anton zu geben hatte, sobald er das Schweigen bräche, Und dennoch sah sie die Entscheidung voll Bangen näher und näher rücken. Die Ruhe, welche sie sich schon erkämpft zu haben glaubte, hatte der Abendspaziergang ihr wieder geraubt. Von einem kurzen Morgenschlummer matt und fröstelnd erwachend, erhob sich Johanna eiligst. Es war spät geworden. Julius mußte sein Frühstück haben, und um zehn Uhr sollte sie bei der Baronesse sein. Sie tummelte sich, so sehr sie konnte, wobei ihre Wangen ihre natürliche Farbe wiedergewonnen. Als sie in ihrem besten Anzug, einem schwarzen Merino⸗ kleide, weiße Spitzen um Hals und Handgelenke, ein schwarzes Strohhütchen auf dem blonden Haar, dastand, sah sie ebenso frisch wie fein und anmutig aus. Sie gehörte zu jenen Frauen, die dem unscheinbarsten Putz etwas von ihrer Anmut mitzuteilen scheinen. Die Baronesse Rappenbach wohnte in der Nähe der Pleißenburg, in einem alten Hause, der„weiße Adler“ genannt. Breite Treppen und weite Korridore zeigten, daß man zur Zeit seiner Erbauung noch mit Raum Verschwendung treiben konnte. Johanna mußte im Vorzimmer, in welches M. Kegel. sie von dem einlassenden Diener gewiesen wurde, ziemlich lange warten. Endlich erschien eine alte Kammerfrau mit großer Flügelhaube und gemessen würdevoller Haltung, die sie in das anstoßende Zimmer ein⸗ treten hieß. In demselben saß eine Dame, die ihr den Rücken zuwendete, eifrig schreibend an einem altmodischen Sekretär. Geraume Zeit hinter der Dame stehend, hatte Johanna Muße genug, sie und ihre Umgebung zu mustern. Das trotz seiner Größe düstere Zimmer war im altertümlichen Geschmack ein⸗ gerichtet und stimmte zu der Toilette der Baronin, welche ein Kleid aus dunkelviolettem Sammet, eine breite Halskrause und um die Taille eine silberne Kette mit daran hängendem Täschchen trug. Ueber das schon ergrauende Haar hatte sie ein schwarzes Spitzentüchelchen geschlungen. Jetzt warf sie den kurzen, dicken Federhalter, mit dem sie geschrieben, energisch hin und drehte sich halb auf ihrem Stuhl um, Johanna ein echt aristokratisches Profil mit knöcherner, stark ge⸗ bogener Nase zuwendend. „Fräulein Storbeck? Bitte, näher zu treten“, sagte die Baronesse rasch und kurz.„Ich bin eben dabei, die Statuten für unser Tierasyl zu entwerfen. Sie haben wohl schon davon gehört? In dem Asyl sollen kranke und herrenlose Hunde, unter Umständen auch andere Haustiere, Unter⸗ kunft und Pflege finden. Sie sehen mich so er⸗ staunt an“, unterbrach sie sich, ein goldenes Lorgnon an ihre großen, wasserblauen Augen führend, um Johanna genauer zu betrachten. „Sie meinen vielleicht, die Sache hätte mit dem Zweck, zu dem Sie hier sind, nichts zu thun? Doch, doch, meine Liebe. Es ist nämlich fol⸗ gendes“, fuhr sie sich zurücklehnend fort, indem sie einen langen Stift ergriff, mit dem sie ihre fernere Rede wie mit einem Taktstock begleitete. „Ich wünsche für die hohe Protektorin unseres Tierschutzvereins, die Prinzessin Blanka, einen Ofenschirm angefertigt, der unsere Tendenz ge⸗ wissermaßen versinnlichen soll— natürlich durch die Art des Mufters. Ich habe in Bezug darauf so einige ungefähre Ideen. Ein Mittelstück aus Hundelöpfen verschiedener Rassen, darüber ein Genius schützend die Hände breitend, in den vier Ecken Gruppen von Kätzchen und anderen Haus⸗ tieren. Wie, was denken Sie davon?“ „Gnädige Frau“, sagte Johanna verblüfft; „ich weiß nicht, das ist sehr absonderlich—“ „Absonderlich? So? Man sieht, wie not⸗ wendig unsere Bestrebungen sind. Da sprecht Ihr immer von Humanität, seid empört, wenn einem Menschen auch nur ein Haar gekrümmt wird, aber die armen hilflosen Tiere mögen ver⸗ derben.“ „Verzeihung, gnädige Frau“, wandte Jo⸗ hanna schüchtern ein,„ich meinte nicht Ihre Tendenz; diese zu beurteilen, würde ich mir gar nicht erlauben. Meine Bemerkung galt der Stickerei, von der ich mir keine rechte Vorstellung machen kann.“ „Nun, ich sollte doch denken, daß man Hunde und Katzen ebenso gut wie Vögel und Schmetter⸗ linge sticken kann. Sind sie nicht auch Kreaturen unseres Schöpfers?“ „Gewiß, gewiß, gnädige Frau. Ich will versuchen, die Zeichnung nach Ihren Angaben zu entwerfen. Und in welchem Material wün⸗ schen die gnädige Frau die Stickerei ausgeführt?“ „Schlagen Sie etwas vor.“ 4„Atlas als Grund, die Tierköpfe in Che⸗ nille—“ „Gut, gut. Besorgen Sie das Nötige und legen Sie alles aus, das heißt— Sie werden mir keine zu hohen Provisionen berechnen“, drohte sie ernst mit Ihrem Stift.„Und was verlangen Sie für die Stickerei?“ „Der Preis läßt sich im voraus nicht be⸗ stimmen.“ „Ja, so heißt es immer bei Euch. Nachher fordert Ihr in das Blaue hinein.“ „Gnädige Frau, ich weiß nicht, wen Sie mit Euch und Ihr bezeichnen“, sagte Johanna, vor Unwillen errötend.„Ich habe noch nicht die Ehre gehabt, für Sie zu arbeiten; es steht bei Ihnen, die Arbeit anderweitig zu vergeben.“ „Ach, nonsens! Welche Empfindlichkeit! Legen Sie mir bald die Zeichnung vor. Die Sache hat Eile!“ Damit winkte sie Johanna ihre Entlassung zu. Diese kam wie betäubt aus dem großen düsteren Hause auf die mittaghelle Straße hin⸗ aus. Es war so spät geworden, daß sie ihre Schritte, so sehr sie konnte, beschleunigen mußte, wenn sie das Mittagessen herrichten und wieder zur rechten Zeit in der Schule sein wollte. Als sie in die Küche trat, in die man un⸗ mittelbar aus dem Korridor gelangte, vernahm sie in Julius“ Zimmer lautes Lachen. Ver⸗ wundert horchte sie auf. Wahrhaftig, Suschen Champagner hatte sich bereits eingefunden. Nicht gerade angenehm überrascht, öffnete Johanna die Thür und sah das Mädchen auf den äußersten Zehenspitzen, die Arme graziös über dem Kopfe erhoben, im Zimmer herum⸗ schweben, während Julius, auf seinen Stock ge⸗ stützt, ihr mit unverholenem Entzücken zuschaute. Bei Johannas Erscheinen pirouettierte Sus⸗ chen auf diese mit ausgebreiteten Armen zu und hätte sie umschlungen, wenn jene die zärtliche Begrüßung, für die sie weder Zeit noch Stim⸗ mung besaß, nicht abgewehrt hätte. Sie nahm sich indessen zusammen, um nicht geradezu un⸗ freundlich zu sein, um so mehr, als sie Julius so heiter sah. 0 „Ach, wie schön Sie aussehen, Fräulein Storbeck!“ plauderte Suschen unbeirrt weiter, „wie elegant und vornehm; wie eine Königin“, und dabei richtete sie ihre kleine Gestalt hoch auf, warf den Kopf zurück und schritt gravitätisch auf und ab, um den Eindruck wiederzugeben, den Johanna auf sie machte. Julius klatschte belustigt Beifall, und selbst⸗ Johanna konnte sich eines Lächelns nicht er⸗ wehren. „Famos, famos“, rief Jener.„Wahrhaftig, Sie sind für die Bühne geboren. Denke Dir, Hans, Fräulein Suschen ist beim Ballet, hier am Theater.“ Suschen, die in der That zu der Wäscherin auf dem Hofe gehörte, deren Nichte sie war, hatte während ihres Morgenbesuchs bei dem Schriftsteller, bei dem sie sich mit der ihr zu Gebote stehenden schalkhaften Drolligkeit ein⸗ geführt, ihre ganze Lebensgeschichte anfgetischt, und diese war für die kurze Spanne, die hinter ihr lag, kraus genug. Johanna hatte indessen jetzt nicht Zeit, sich dieselbe ebenfalls erzählen zu lassen, und zog Suschen mit sich in die Küche, in der es die Kleine jedoch weniger interessant als in Julius“ Stube fand und daher bald entflatterte. Als Johanna, aus der Nachmittags schule kommend, durch das Hofthor schritt, blieb sie bei der Wäscherin, mit der sie bisher nur auf dem Grußfuß gestanden, stehen, um Näheres über ihre neue Bekanntschaft zu erfahren. „Sie sind die Tante von Fräulein Suschen Champagner“, redete sie die Frau an, welche in ihrer Arbeit des Wäschespülens sofort einhielt und, sich die Hände an ihrer Schürze trocknend, freundlich nickend näher trat. „Wir sind mit der Kleinen bekannt geworden“, fuhr Johanna fort,„und so muß ich nun auch mit Ihnen Bekanntschaft machen.“ Sie reichte der Frau die Hand. „Ach, das Fräulein sind sehr gütig“, sagte Frau Champagner, indem sie ihre feuchte Hand ganz behutsam in die behandschuhte Johannas legte.„Wie dankbar würde ich Ihnen sein, wenn Sie sich der Suse ein bischen annehmen wollten. Es ift ein Kreuz mit dem Mädel. Das hat zu nichts Lust, als sich zu amüsieren. Herr Gott, wenn ich denk', wie fleißig Fräulein sind. Schon immer ganz früh bei der Arbeit.“ „Und daher haben Sie wohl den kleinen Wildfang in die Ballettschule gethan?“ fragte Johanna darauf ein wenig ironisch. „Du lieber Himmel, was sollt' ich denn mit ihr anfangen?“ versetzte Jene, die Hände zu⸗ sammenschlagend.„Das ist nämlich so gekommen. Zuerst müssen Sie wissen, die Suse ist das achte Kind von meiner Schwester— wir zwei Schwestern haben nämlich zwei Brüder Champagner geheiratet. 1 mein 10 hat 9 aue 0 11 And nun fe hal Kiöte, si d da b berliebt it so alm 0 sie sie zu den Fton das nun dabon— aulgetan — j, 0 erziehen. 106 Gu dichtigen, KHliegte si. au E. Gottes N Diet Teu lz, wa dh fir nachm! Stinme auf den si, ober etwas ve helfen, i odet hät Jahre he fürs Tl mit, Wi zierliche vom T die, m. richtig, Nun kt doch ein Johe 5 85 besaß uach inte nie ihre wußte, d uf feine chte Nur sie, fuh, united ö 1 bel an f 24. — chleit! Die asung großen e hin, e ihre wut, wieder I Un⸗ tnahm Ver⸗ Uächen öffnete en auf graziös herum⸗ ock ge⸗ schaute. 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Für die Suse war das nun gar nichts. Zwei oder dreimal lief sie davon— ei du mein Gott, haben wir eine Angst ausgestanden! Die Dame ließ sie gut erziehen — ja, alles, was recht ist— sie ließ sie gut erziehen. Aber in der Schule wollt' der Balg nichts Gutes thun— zuhause störte sie die an⸗ dächtigen Uebungen— kurz, ihre Wohlthäterin kriegte sie endlich satt und schickte nach mir. „Frau Champagner, führen Sie das Kind in Gottes Namen zu seinen Eltern wieder zurück. Der Teufel ist nicht aus ihm auszutreiben. Alles, was ich thun kann, ist, daß ich ein Kost⸗ geld für sie zahle.“ Na, was wollt' ich nun machen?“ fuhr die Wäscherin in ihrer natürlichen Stimme fort.„Den Eltern konnt' ich sie nicht auf den Hals schicken, das Kostgeld bekommen sie, aber das Mädchen behielt ich bei mir. Aber etwas verdienen mußte sie. Mir bei der Wäsche helfen, i Gott bewahre, oder stillsitzen und nähen oder häkeln, noch weniger. Es sind nun drei Jahre her, sie war gerade vierzehn. Ich hatt' für's Theater zu waschen und die Suse kam oft mit, Wäsche abliefern, und war so ein flinkes, zierliches Ding. Da klag' ich einmal der Frau vom Theaterportier meine Not. Herrjes, sagt die, man in die Balletschul' mit ihr! Und richtig, ich frag' an und sie wird angenommen. Nun kriegt sie schon was ordentliches und hat doch eine Beschäftigung.“ Johanna hatte wie auf Nadeln gestanden. Sie mochte die Rede der Frau nicht unterbrechen, e besaß zu viel Höflichkeit des Herzens dazu; auch interessierte sie deren gesundes Urteil ebenso, wie ihre Art und Weise sie belustigte. Aber sie wußte, daß Julius auf sie wartete, oder vielmehr auf seinen Kaffee, den er sehr ungern lang ent⸗ behrte. „Nun, wir sprechen uns bald wieder“, sagte sie, froh, endlich loszukommen. Und der Frau zunickend, eilte sie ins Haus. (Fortsetzung folgt.) Ein deutscher Kriegsinvalide über den Krieg. Graf Leo Tolstoj veröffentlicht in der Mos⸗ kauer Zeitung„Kurier“ den Brief eines deut⸗ schen Kriegsinvaliden, der das ganze Elend eines zerütteten Menschendaseins und grenzenlose Em⸗ pörung über jene legitime Massenschlächterei atmet, die noch immer berühmte Feldherren und Theo⸗ logen als kulturelles Regenerationsmittel zu feiern wagen. Der Brief lautet in seinen mar⸗ kantesten Stellen wie folgt: „Hochgeehrter Herr Graf! Ich hoffe, Graf, daß sie einem einfachen Mann aus dem Volk gestatten werden, zu Ihnen mit vollem Anver⸗ trauen sich zu wenden. Ich habe eben zufällig die Kritik über Ihren neuen Roman„Auferstehung“ gelesen. Leider habe ich nicht die Möglichkeit, mir das Buch selbst zu kaufen, weil wir, die verwundeten Wölfe, meist nur ein sehr jämmer⸗ liches Gehalt bekommen. Und da habe ich, ein Kriegsinvalide, eine Bitte an Sie zu richten, edler Graf, eine Bitte, die aus meiner tiefsten Ueberzeugung, aus dem Innersten meiner Seele kommt: Schreiben Sie, Graf, ein gutes, gefühl⸗ volles Werk gegen den Krieg. Sein Inhalt müßte sein:„Krieg gegen Krieg“. Ich habe zwei Feldzüge mit der preußischen Armee mit⸗ gemacht(1866 und 1870) und hasse den Krieg von ganzem Herzen, weil er mich schrecklich un⸗ glücklich gemacht hat. Wir Kriegsinvaliden er⸗ halten meist eine so kümmerliche Pension, daß man sich wirklich schämen muß, daß wir ehemals Patrioten waren. Ich bekomme z. B. 80 Pfg. täglich für meinen beim Sturm von St. Privat am 18. August 1870 zweimal durchschossenen rechten Arm. Mancher Jagdhund bedarf mehr für seine Existenz. Schon im Jahre 1866 habe ich an dem Kriege gegen Oesterreich teilgenommen, kämpfte bei Trautenau und Königgrätz und habe in Fülle furchtbare Greuel gesehen. Im Jahre 1870 wurde ich als Reservist wieder unter die Waffen gerufen und bei St. Privat verwundet. ... Ich verlor eine gute Stellung(als Brauer)... Der Rausch ist schnell verflogen und dem Kriegerinvaliden blieb nichts übrig als sich von Bettelpfennigen zu ernähren. Vier Jahre später entschloß sich die von mir zärtlich geliebte Frau, in den Tod zu gehen, weil sie fürchtete, daß sie in ihren alten Jahren ins„Heim für alte Frauen“ gesteckt werde. Seitdem habe ich angefangen, öfters im Stillen über die Unglückseligkeit des menschlichen Daseins nachzudenken... Nur das Bewußtsein, daß ich ein sittlich unbefleckter Mann bin, der immer das Gute wollte, hat mich von eben dem⸗ selben Schicksal zurückgehalten. In der Welt, wo die Menschen wie dressirte Thiere herumlaufen, und zu keinem anderen Ge⸗ danken fähig find, als wie einander zu überlisten des Mammons wegen, in einer solchen Welt möge man mich für einen Sonderling halten, ich fühle aber doch in mir den göttlichen Ge⸗ danken vom Frieden, der so trefflich in der Berg⸗ predigt ausgedrückt ist. Daher, edler Graf, bitte ich Sie, ein gutes Werk gegen den Krieg zu schreiben. Nach meiner tiefsten Ueberzeugung ist der Krieg nur ein Handel in größerem Maß⸗ stabe, ein Handel ehrgeiziger und mächtiger Leute mit dem Wohle der Völker. Und was für Schauerlichkeiten erlebt man nicht dabei. Nie⸗ mals werde ich sie vergessen, dies furchtbare Stöhnen, das bis ins Mark der Knochen hinein⸗ dringt Hochverehrter Herr Graf, für wirklich edle Menschen, die vom Geiste des wahren Christen⸗ thums durchdrungen sind, giebt es keine Feinde. Ich erinnere mich sehr gut, wie friedlich wir im Jahre 1866 auf dem Kampfplatze bei Königgrätz unser kärgliches Essen mit den gefangenen Oester⸗ reichern getheilt haben. Leben Sie wohl, edler Graf. Möge Gott Ihnen noch ein langes Leben schenken und Sie erhalten und beschützen zum Wohle der armen, leidenden Menschheit; dies wünscht Ihnen von ganzer Seele Ihr Sie wahrhaft liebender Johann Kleinoppen, Kriegsinvalide. Sprüche zur Lebensweisheit. Unsere Religion thut auf Vernunft Verzicht, ebenso unsere Rechtslehre, unsere Politik; bald wird es auch unsere Philosophie. Alles beruht anf blindem Glauben und despotischer Willkür. * Es wird selten eine Handlung begangen, die nicht irgend jemand für einen Bubenstreich und zur nämlichen Zeit ein anderer für eine schöne That hielte. Ein sicherer Beweis, daß sie schlecht war, ist, wenn der Thäter dem anderen das Urteil darüber wehren will. * Weist nur die Menschen in den Himmel, wenn ihr sie um alles Irdische betrügen wollt. Seume. * Es wäre eine Lust zu leben, wenn jeder nur die Hälfte von dem thäte, was er von anderen verlangt, das sie thun sollen. * Jeder Schlag eines Lehrers, der ein wehr⸗ loses Kind trifft, ertötet ein Stück Menschenliebe und Ehrgefühl. Ueber„Majestätsbeleidigungen“ und„Ver⸗ ächtlichmachung von Staatseinrichtungen“ erließ Theodosius der Große im Jahre 393 folgendes Reskript:„Wir untersagen es, Leute zu bestrafen, welche sich in Lästerreden gegen uns oder gegen die zur Zeit bestehenden Verhältnisse ergangen haben. Geschah das aus Leichtsinn, so soll es mit stiller Verachtung gestraft werden; geschah es aus Albernheit, so wollen wir die Frevler mitleidig bedauern, geschah es aber aus Bosheit, so wollen wir ihnen großmütig verzeihen.“ Von. Am Hofe beklagten sich vornehme Tier': Es dünke sie etwas Verächtliches schier, Nur schlechtweg zu heißen: Herr Fuchs, Herr Bär; Als ob ihresgleichen ein jeder wär', Da läßt der Leu den Befehl heraus, Man soll sie nennen nach ihrem Haus: Von Winkellust, einen Junker den Fuchs, Von Lauerbusch, einen Grafen den Luchs, Die Bären Prälaten von Honighain, Die Esel Baronen von Distelrain. Seit achten die Esel und andere das„Von“ Als ihre alleinige Ehrenkron'. (Aus Abraham Emanuel Fröhlichs Fabeln.) Gemeinnühiges. Mäßigkeitsregeln. 1. Du sollst nicht trinken, um ein Manko in Deiner Ernährung zu decken, Du sollst nicht trinken, um Deine Arbeitskraft über die normale Ermüdung hinaus anzustacheln; denn beides führt zum gewohnheits⸗ mäßigen Mißbrauch. 2. Du sollst die alkoholischen Getränke nur als Genußmittel verwenden; der gelegentliche Genuß ist unschädlich; der gewohnheitsmäßige Genuß ist stets bedenklich, weil er zur Gewöhnung und damit zur Steigerung führt; jedenfalls darf er beim Manne nicht über ein halbes Liter 8. bezw. ein Liter leichten Bieres hinaus⸗ gehen. 3. Du sollst Deine Kraft, Männlichkeit und Stärke durch andere Leistungen als durch massen⸗ haftes Vertilgen alkoholischer Getränke beweisen; denn dies beweist nur die Gewöhnung an den Alkohol, aber nicht jene Eigenschaften. 4. Du sollst ganz enthaltsam leben, wenn bei Dir ein nicht normales Verhalten des Zentral⸗ nervensystems oder der Organe des Blutkreis⸗ laufes festgestellt ist. 5. Du sollst Dich einer Behandlung oder einer Absonderung in einer Anstalt unterziehen, wenn bei Dir ein krankhafter, unbezwinglicher Drang zum Trinken festgestellt wird. Aus„Alkoholgenuß und Alkoholmißbrauch“ von Dr. Grotjan. Wert der Arbeit. Ein Stück gewöhn⸗ lichen Eisens, welches eine Mark kostet, giebt: Mk zu Hufeisen verarbeitet einen Ertrag von 2,40 „ Handwerksgeräten* 3,40 „ gußeisernen Geräten und Zieraten„ 36,— „Steck- und Nähnadeln 15 60,.— „ Tischmesserklingen 72,.— „Federmesserklingen„ 560 „Stahlschnallen und feinen Knöpfen„ 720,.— „ Stahlschmucksachen„ 1600,.— „ Hemdenknöpfen„ 4800,.— „ Uhrfedern„ 40000,.— Humoristisches. Ueberlistet. Ein jüdischer Hausierer kommt zu einem Bauern, einem langjährigen Kunden, der ihm jedoch diesmal durchaus nichts abkaufen will, indem er als Grund anführt, daß er plötzlich Antisemit geworden sei.„Wie haißt, Antisemit?“ ruft der Händler.„Habe ich hier echte, antisemitische Hosenträger, die können Se doch gebrauchen.“ Das leuchtet dem Bauern ein, worauf er für sich und seine Söhne Hosenträger kauft. * Lex Heinze. Verteidiger:„... Es genügt in diesem Falle, die nackte Thatsache ganz so, wie sie ist, darzustellen!“ Präsident:„Ich entziehe dem Redner das Wort und übergebe ihn wegen Versuchs zum Vergehen des groben Unfugs zur weiteren Behandlung dem Herrn Staatsanwalt!“ * Aus einer Anklagerede. Staatsanwalt: „. Bei seinen Betrügereien gab sich der Angeklagte für eine Polizeiperson aus; das zeugt so recht von seiner bodenlosen Verkommenheit und Mangel jeglichen Ehrgefühles!“(Simpl.) 4 — S Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 8. 2 4ã44. ð an den Schaufenstern des 721 Minute Jufentnalt Kaufhauses S. Elsoffer, Marktstr. 27 — folgenden Artikeln zu überzeugen. Sie finden dort: Wäsche— Cravatten— Schirme u. Stöcke— genügt um sich von der kolossalen Auswahl und den unerreicht billigen Preisen in Schuhwaren— Herren⸗ u. Knabenkleider— Herren u. Knaben⸗ Strohhüte— Haus⸗ und Küchengeräte— Glas u. Porzellan— Portefenilles u. Lederwaren— Spiel- u. Luxuswaren— Herren⸗ Galanteriewaren ꝛc. See Ortskrankenkasse Gießen. Ordentl. 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