, 8 5 2 2 Goes O ,—E,j,e OM e%,e%, 00 —— — — 50. Gießen, Sonntag, den 9. Dezember 1900. 7. Jahrg Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeuts che kit Nedaktiousschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Bestelluugen JIunserate Die Mitte deutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuz band vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 ¼½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Volksgesundheit und Jozial⸗ demokratie. S. V. Der Hauptzweck, sogar der einzige Zweck des Staates, wie wir Sozial⸗ demokraten ihn uns denken, besteht in der Förderung der Wohlfahrt aller Bürger ohne Unterschied. Wir ver⸗ werfen nicht blos den Klassenstaat, das heißt die Bevorzugung bestimmter Klassen vor anderen, sondern stellen dem großen Verein, der sich Staat nennt, auch viel weitere und größere Aufgaben, als sie dem mittel- alterlichen und auch dem modernen bürgerlichen Staate zugemuthet wurden. Nach unserer Mei- nung kann und soll der Staat auf allen Ge⸗ bieten des geistigen und materiellen Lebens ein⸗ greifen, wo die Kräfte des Einzelnen oder auch ganzer Gruppen nicht ausreichen. Es gehört zu den großen Erfolgen der so⸗ zialdemokratischen Bewegung, daß sie dem bür— gerlichen Staat— der ehedem in wirthschaft— lichen Dingen dem manchesterlichen Grundsatze des Gehen⸗ und Geschehenlassens huldigte und auch auf anderen Kulturgebieten nur sehr schwächlich sich bethätigte— ihre Auffassung einflößte, aufzwang und ihn nöthigte, aus seiner Zurückhaltung herauszutreten und nicht ferner mit verschränkten Armen dem Ringen der Bevölkerung um Hebung ihrer Wohlfahrt un⸗ thätig zuzuschauen. Die sozialpolitische Gesetzgebung ist die bedeutendste Frucht dieser Wandlung. Aber wie viel und vielerlei könnte vom Staate sonst noch geschehen, für die unteren Schichten wie für die Gesammtbevölkerung überhaupt. Obenan steht das Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen erschöpfte sich vor⸗ dem in der Medizin, im Heilen der Krank⸗ heiten. Daß es auch in der Macht der Menschen. steht, Krankheiten zu verhüten, lag im Allge— meinen den früheren Genrationen fern. Man erblickte in den meisten körperlichen Leiden ent⸗ weder eine Schickung des Himmels oder einen unvermeidlichen Naturprozeß. Erst die fort⸗ schreitende Wissenschaft der Neuzeit hat den wich⸗ tigen Zweig der Hygiene hervorgetrieben und ausgebildet. Wir wissen heute, daß dem Aus⸗ bruch zahlreicher körperlicher Leiden vorge⸗ beugt werden kann, nicht allein durch ratio— nelle, zuträgliche Lebensweise der Individuen— die aber wesentlich in deren Wirthschaftslage bedingt ist—, sondern hauptsächlich auch durch öffentliche Einrichtungen. Wir wollen nur an den Zusammenhang typhöser Erkrank⸗ ungen mit der Beschaffenheit des Trinkwassers, 1 oder an die Anlage der Friedhöfe in der Nähe der Wohnungen, oder an die Fleischbeschau er⸗ innern. Wie weit ist aber der Staat noch immer hinter dem zurück, was er leisten könnte. Wie schlimm ist es so⸗ wohl in der Hygiene wie in der Medizin noch immer in den ländlichen Gemeinden bestellt! In den meisten Landgemeinden geschieht in sanitärer(gesundheitlicher) Hinsicht nichts oder so viel wie nichts. Der Bevölkerung selbst fehlt es vor Allem an jeglichem Wissen in solchen Dingen, und die Behörden kümmern sich wenig oder gar nicht darum, oder sind zu lau, lässig und bequem, tüchtig ins Zeug zu gehen. Dazu kommt, daß sanitäre Maßnahmen und Einrichtungen Geld kosten, während viele Gemeinden arm sind und auch bei wohlhaben⸗ deren in der Regel kleinlichste Knauserei Trumpf ist und die gutsituirten und daher höher veran- lagten Steuerzahler gegen jede Belastung des Gemeindesäckels sich sträuben wie ein störriger Gaul gegen das Einspannen, die preußische Landrathskammer gegen den Mittellandkanal und die Junker gegen eine gesunde Steuer- reform. Und in der Medizin, in der Heilung be⸗ reits zum Ausbruch gelangter Krankheiten, ist es nicht sehr viel besser bestellt. Vor Allem fehlt es in Landgemeinden an rationell eingerichteten und geleiteten Krankenhäusern, wo die Patienten die geeignete Pflege finden, um Ge— nesung zu erlangen oder doch Linderung ihrer Leiden zu finden. Und auch wenn solche vor⸗ handen wären: wie Wenige können resp. wollen die Kosten dafür aufbringen! Auch an Medizi⸗ nalbädern, speziell an den so heilkräftigen Schwitzbädern fehlt es auf dem Lande. Der Kostenpunkt ist überhaupt der dunkle Punkt im Medizinalwesen, im ländlichen na⸗ mentlich. Die Arzt- und Apothekerrechnung bei langwierigen Krankheiten hat schon manchen Ge⸗ ringbemittelten so stark geschröpft, daß er sein Leben lang sich kaum wieder erholen konnte. Kein Wunder, daß so viele Landleute es aufs Aeußerste ankommen lassen, bis sie nach dem Arzt schicken, der dann häufig zu spät kommt. Andere lassen sich mit Kurpfuschern und Quacksalbern,„Geisterbeschwörern“, mit„Teufelsbannern“ und ähnlichen Schwindlern ein, die ihnen ihr Geld abknöpfen, ohne helsen zu können oder gar die Krankheit verschlimmern. Diesem schweren Uebel abzuhelfen, fordert die sozialdemokratische Partei:„Unentgeltlich⸗ keit der ärztlichen Hilfeleistung“, worin auch Unentgeltlichkeit der Heil⸗ mittel einbegriffen ist. Die Heilmittel ge⸗ hören zur ärztlichen Hilfeleistung, und zu den Heilmitteln gehören nicht nur solche, die aus der Apotheke bezogen werden, sondern auch z. B. Bruchbänder. Brüche sind ein weitverbrei⸗ tetes Uebel, und wie Viele auf dem Lande lassen sich mit Bruchsalben und dergleichen beschwin— deln, die absolut werthlos sind! Zu den Heil- mitteln gehört aber auch die erforderliche Krankenkost und die Anwendung gewisser Kuren, die heilkrästiger sind als Mixturen und Pillen u. sis f., deren Kosten aber die Pri⸗ vatmittel schwer belasten; in welcher Hinsicht die Bauern schlimmer daran sind als die städti— schen Arbeiter, deren Bedarf die Krankenkassen zu bestreiten haben. In mancher Hinsicht stehen hierin die Geringbemittelten mitunter sogar den eigentlichen Armen nach, für deren Bedarf die Gemeinde aufzukommen hat(die aber freilich nur in den seltensten Fällen erhalten, was sie von Gesetzes wegen bean⸗ spruchen können). Die Unentgeltlichkeit der Geburts⸗ hilfe hängt damit zusammen und diese hat sich nicht allein auf den Akt der Geburt zu er⸗ strecken. Eine Wöchnerin ist eine Kranke bis zu ihrer Wiederherstellung. Die unentgeltliche Lieferung der Heilmittel erfordert die Verstaatlichung der Apo⸗ theken, die, so lange die Unentgeltlichkeit nicht eingeführt ist, zum Mindesten die Medi⸗ kamente zu Selbstkostenpreisen abzugeben hätten. Es ist ein durchaus unwürdiger Zustand, daß sich die Apotheker, die im Volksmunde be⸗ zeichnenderweise Neunund neunziger ge⸗ nannt werden, sich auf Kosten der körperlich leidenden Massen bereichern. Die hohen Preise, um welche neuerdings Apotheken veräußert wur⸗ den, zeigen, daß es mehr als bloßer Scherz war, wenn ein Apotheker einmal humoristisch meinte: Was, Neunundneunziger! nein, sondern Neun⸗ hundertneunund neunziger! Zu dem Allem, was dem Bereich der Medizin angehört, müssen aber einschneidende hygie⸗ nische Re formen treten. Durch eine gründ⸗ liche Organisation des öffentlichen Gesundheitswesens, die unser Pro⸗ gramm fordert, muß der Staat in Ver⸗ hütung der Krankheiten, vorbeugend den Bürgern in Stadt und Land seine Fürsorge angedeihen lassen. Das Gesundheitswesen ist eine hochwichtige gesellschaftliche, das heißt staatliche Aufgabe, i m Interesse der Bürger selbst wie des Gemeinwesens. Je gesünder, kräftiger, leistungsfähiger die Bevölkerung, desto besser, ersprießlicher für das Gemeinwesen, für den Staat. Die Landtagswahlen in Mürttemberg. Für unsere Partei haben die am Me ttwoch statthefundenen Wahlen zum Württembergischen Landtage ein glänzendes Ergebniß ge⸗ habt. Während dem letzten Landtage nur Genosse Kloß als einziger Sozialdemokrat an⸗ gehörte— er hatte sich das Mandat von Stuttgart⸗Stadt auch erst in der Stichwahl er⸗ kämpfen müssen— sind bis jetzt bereits z wei unserer Genossen im ersten Wahlgange ge⸗ wählt. Es siegte Genosse Tauscher in Cannstadt und Genosse Hildenbrand in Stuttgart ⸗ Am t. Außerdem ist unsere Partei an neun zum großen Theil aussichts⸗ vollen Stichwahlen betheiligt. Bisher werden als gewählt gemeldet: 8 Volksparteiler, 7 Konservat ve, 15 Centrum und 2 Sozial⸗ demokraten. Riesiges Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen ist nach der„Frkft. Ztg.“ im ganzen Lande zu con⸗ statiren. Ein Bravo! den wackeren schwäbischen Genossen! — 2— Präsident Früger in Deutschland. Auf seiner Europareise ist der Präsident der Transvaalrepublik nunmehr am Sonntag Vor- mittag in Köhn eingetroffen, nachdem ihm noch in Paris bei seiner Abreise überaus enthu⸗ siastische Sympathiekundgebungen dargebracht wurden. Auch bei der Durchreise durch Belgien fand er in Charleroi, Namur und Lüttich ge— radezu stürmische Empfänge. Seine Ankunft in Köln, wo er die Nachricht abwarten wollte, ob er vom deutschen Kaiser empfangen würde, wurde ebenfalls von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge erwartet. Es war Anfangs gar nicht möglich, dem alten Präsidenten den Weg nach dem Wagen zu bahnen, der ihn nach dem Domhotel bringen sollte. Im Gedränge wur— den mehrere Personen verletzt. Erst nach einem viertelstündigen Aufenthalte auf dem Bahnhof konnte die Fahrt nach dem Hotel angetreten werden. Ein offizieller Empfang fand in keiner Weise statt. Am Sonntag Nachmittag empfing Krüger auch eine Bonner Studentenabtheilung, denen er einige höfliche Worte sagte, und später mußte er noch eine Ansprache eines Deputirten 8 S A O D Y ? E. r A Lr. 18 17 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Nr. 50 1 des Alldeutschen Verbandes über sich ergehen lassen. In die herzlichen Klänge des Empfangs⸗ trubels wurde aber bald ein bitterer Wehmuths⸗ tropfen geträufelt, denn es wurde ihm durch den deutschen Gesandten in Luxemburg mit⸗ getheilt, daß Wilhelm II. nicht in der Lage sei, ihn zu empfangen. Nach dem Em⸗ pfang dieser Nachricht hat Krüger beschlossen, seine Reise nach Berlin aufzugeben und so ist er denn am Donnerstag nach Amster⸗ dam abgefahren. Die Veränderlichkeit der Zeiten wurde dem alten Manne, der sich noch den Strapazen einer europäischen Rundreise zu Gun⸗ sten seines Volkes unterzieht, durch diese Ber⸗ liner Absage recht deutlich vor Augen geführt. Welchen Werth mag Krüger heute der Sym⸗ pathiedepesche, die er 1896 bei dem Jameson⸗ Einfall von Berlin erhielt, noch beimessen? Damals, als die Buren die in ihr Land ein⸗ gebrochenen Engländer siegreich zurückgeschlagen hatten, telegraphirte Wilhelm II. an den Prä⸗ sidenten Krüger: ö „Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigsten Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an an die Hilfe befreundeter Mächte zu appel⸗ liren, mit ihrem Volke gelungen ist, in eigener Thatkraft gegenüber den bewaffneten Schaaren, welche als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wieder⸗ herzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen zu wahren.“ Vielleicht mochte Krüger auf Grund dieses Sympathiebeweises glauben, daß er in Berlin heute ebenso willkommen sei, als vor zwei Jah⸗ ren Cecil Rhodes, der Urheber all' seines Un⸗ glücks. Seitdem haben sich aber die Zeiten oder richtiger die Ansichten an gewissen Stellen ge⸗ ändert, das wird er mit Bedauern empfunden haben. Einen nennenswerthen Erfolg wird also Krüger von seiner persönlichen Intervention bei den europäischen Cabineten nicht zu verzeichnen haben, wenn auch jetzt Gerüchte kursiren, daß von Seiten Frankreichs und der Königin von Holland Schritte vorbereitet würden, den Streit zwischen den Burenrepubliken und England einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Trotz all der Begeisterung, die dem alten südafrikanischen Staatsmann entgegengebracht wird, wo er sich sehen läßt, wird doch das Resultat seiner Be⸗ mühungen gleich Null sein. Politische Bundschau. Gießen, 7. Dezember. Kohlenpreise und Bergarbeiterlöhne. Der Verein für die Interessen der rheini⸗ schen Braunkohlen-Industrie erstattet seinen Jahresbericht für 1899/1900. Dabei giebt er auch einige statistischen Uebersichten über För- derungsmengen, Arbeiter zahl und Lohnsummen, die recht interessante Ver⸗ gleichungen zulassen. Danach betrug die 1894 1899 Förderung an Braunkohlen 1,172,700 T. 3,869,200 T. Zohl der Arbeiter 1.759 4,293 Gesaͤmmt⸗Lohnsumme 1,158,900 M. 3,902,500 Pe. Der Lohn des einzelnen Arbeiters stieg da— nach nicht unwesentlich, nämlich von 659 Mk. auf 909 Mk.; aber ebenso stieg auch die Leist— ung; von 666,6 auf 901,3 Tonnen pro Kopf. Mag hier die Vergleichung nicht ganz zutreffend sein, da die Arbeiterzahlen nur Durchschnitts⸗ zahlen sind, während Lohnsummen und Förde— rungsmengen feste Größen darstellen. Dagegen ergiebt die Vergleichung der beiden letztgenann— ten, durchaus vergleichbaren Größen, daß die Tonne(20 Zentner) Braunkohlen im Jahre 1894 knapp 0,99 Mk. und im Jahre 1899 nur reich⸗ lich einen Pfennig mehr an Arbeits⸗ lohn erforderte.— Diese Thatsache spricht für sich selbst. Jedermann weiß, wie riesig die Kohlenpreise gestiegen sind— die rheinischen Braunkohlenarbeiter aber bekommen für 20 Zentner einen ganzen Pfennig mehr Arbeitslohn! Das Gerede also, daß die Kohlen— vertheuerung durch die angeblich hohen Löhne der Bergleute hervorgerufen sei, ist kapitalisti⸗ scher Schwindel. Darüber war sich übrigens jeder Einsichtige von Anfang an klar. Tabak soll noch mehr bluten. Aus einem, von der„Berl. Volksztg.“ ver⸗ öffentlichten„vertraulichen“ Briefe, der vom Synditus des deutschen Tabakvereins unterzeich- ganz net ist, geht hervor, daß die nationalliberale Fraktion nach einem Ausspruche Heyl's es für ihre Pflicht halten müsse, für eine Erhöhung des Tabakzolles einzutreten. Eine solche würde natürlich eine Erhöhung der Tabaksteuer nach sich ziehen, wodurch nicht nur der Konsu⸗ ment an seinem Geldbeutel und seiner— Ge⸗ sundheit empfindlich geschädigt wird, sondern auch eine große Anzahl Tabakarbeiter in Arbeitslosigkeit, Noth und Elend gestürzt wer⸗ den, kurz die ganze, namentlich hier in Hessen stark verbreitete Tabakindustrie wird empfindlich geschädigt. Soll das der Dank der hessischen Nationalliberalen sein für die Wahlhilfe, die ihnen die freisinnigen Tabakfabrikanten geleistet haben? Noth der Landwirthschaft. Im Organ der Agrarier, der„Deutschen Ta⸗ geszeitung“, die nicht müde wird, Tag für Tag nach höheren Zöllen auf alle möglichen Lebens⸗ mittel zu schreien, findet sich folgendes Inserat: In der sogenannten hypothekenlosen Ge⸗ gend, wo es keine Mißernten giebt, soll ein Erbhof ca. 200 Morgen wegen Altersschwäche des Besitzers verkauft werden. Derselbe hat 100 000 Mk. nur durch Ackerwirthschaft nach⸗ weisbar an dem Gute verdient. Ernste Refl. schreiben an den Verlag dieser Zeitung unter R. T. 18801 a. Nun also! Damit ist doch bewiesen, daß die Junker auch ohne Wucherzölle ganz respektable Gewinnste einheimsen und daß es eitel Schwin⸗ del ist, wenn behauptet wird, daß nur Zollerhö⸗ ungen die Landwirthschaft vor dem Ruin schützen könnten. Gegen den Lebensmittelwucher. Der Stadtverordnete Kalisch hat folgenden Antrag an die Berliner Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung gerichtet: Die Versammlung ersucht den Magistrat, mit ihr gemeinschaftlich: 1. beim Reichstage gegen jede Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle und für langjährige Han⸗ dels verträge einzutreten, 2. den preußi⸗ schen Städtetag zu veranlassen, sich diesem Vorgehen anzuschließen, 3. die auf dem preußischen Städtetag nicht vertretenen größeren deutschen Städte zu bestimmen, sich den Maßnahmen der Reichshauptstadt bezw. des preußischen Städtetages ebenfalls anzuschließen. Unterstützt ist der Antrag von 28 Stadtverord— neten. Die Steigerung der Lebeushaltungskosten macht sich auch bei anderen Leuten, nicht blos bei Arbeitern, bemerkbar. Letzteren wird allerdings von der bürgerlichen Presse, von na⸗ tionalliberalen und Stöcker'schen Agitatoren vor⸗ gerechnet, wie sehr seit Jahrzehnten die Löhne gestiegen seien, die Lage der Arbeiter sich ver⸗ bessert habe. Wie aber seitdem die Kosten der nothwendigsten Lebensmittel gestiegen sind, be- rücksichtigen diese Herren in der Regel nicht.— Aber auch Personen mit hundert- und tausend⸗ fach höherem Einkommen verlangen Erhöh-⸗ ung ihrer Bezüge. So ging dem oldenbur⸗ gischen Landtage eine Regierungsvorlage zu, wonach die zum Unterhalte des Großherzog⸗ lichen Hauses bestimmte Summe von 252 000 auf 455000 Mark erhöht werden soll. Mit nur einer Viertelmillion Mark im Jahre kann man allerdings nicht leben! Vebel's Rede zur Hunnenpolitik wurde von der Redaktion der„Neuen bayer. Ztg.“ sehr ungnädig aufgenommen, weil Bebel den Muth hatte, das der Regierung zu sagen, was Millionen von Deutschen denken. Dem Chef-Redakteur des ultramontanen Blattes, Herrn Frick, widmet nun Dr. Sigl in seinem „Vaterland“ die folgenden liebenswürdigen Zeilen: „Der„Neuen Bayerischen“ liegt die präch⸗ tige Rede Bebels bös im Magen, sie nennt den verdienten Parlamentarier, der in dieser Sache denkenden deutschen Volkes war,„einen fana⸗ tischen Anwalt der chinesischen Boxer“, auch meint sie, derselbe habe die Ernennung zum Mandarin, ja sogar die gelbe Jacke verdient. Wir können Philippum versichern, daß wir auf Grund einiger Kenntniß der Volksstimmung be—⸗ merken, daß noch kaum eine Rede eines Sozial⸗ demokraten im nicht sozialdemokrati⸗ schen Publikum solchen Beifall ge⸗ funden hat, als Bebels treffende Ausfüh— rungen, und unter diesen befindet sich auch der Theil der Zentrumsleute, deren Hirn noch nicht versandet ist. Für gewisse Reichstagsabgeordnete, welche auch hier wieder patriotische ihr ganzes Talent zur Schau tragen, empfehlen wir auch eine Auszeichnung: Ein Paar lange Eselsohren!“ Das isst zwar etwas grob, aber durchaus zutreffend. Gesetze sind da, damit sie nicht gehalten werden. Der bisherige Bürgermeister in Schlüchtern, Salomon, wurde als Beigeordneter der Stadt Kreuznach einstimmig gewählt. Diese Wahl ist nicht bestätigt worden, und zwar, wie die Kreuznacher Ztg. angiebt, weil Salomon vor Jahren ein aus einer geringfügigen Ur⸗ sache von einem Arzt provozirtes Duell a b⸗ gelehnt hatte und deshalb aus dem Offi⸗ ziersstande, dem er als Hauptmann a. D. an⸗ gehörte, ausgeschieden war. Erst im vorigen Jahre wurde er in Schlüchtern auf weitere 12 Jahre als Bürgermeister gewählt und auch be⸗ stätigt. Es wäre doch der höchste Triumph des Duellwahnsinns, wenn die Behörde einem Manne deshalb die Amtsbestätigung verweigert hätte, weil er— das Strafgesetz nicht über⸗ treten wollte! Durch die Hunnen⸗ Medaille mußte bereits einer unserer Genossen ins Ge⸗ fängniß wandern. Redakteur Swienty vom Halleschen„Volksblatt“ wurde wegen eines Ge⸗ dichtes über die Hunnenmedaille, das er dem „Hamburger Echo“ entnommen, verhaftet. Man entließ ihn auch nicht, trotzdem seine Frau, eine Tochter Liebknechts, schwer krank an den Folgen des Wochenbettes darniederliegt. Wegen Majestätsbeleidigung ist in einer Antisemitenversammlung, welche am Mittwoch Abend in Berlin stattfand, ein Mann auf die Denunziation eines tapferen Urteutschen hin verhaftet worden. Die Majestätsbeleidig⸗ ung soll darin bestanden haben, daß der Ver⸗ haftete bei einem Kaiserhoch sitzen blieb.— Den Besuchern solcher Versammlungen muß also dringend Vorsicht empfohlen werden. Lieber sollen sie dieser Gesellschaft fernbleiben, die es darauf abgesehen zu haben scheint, ehrliche Leute ins Unglück zu stürzen. Auch durch die Hochschreierei in den Versammlungen der Stöckerschen wollen diese Leute weniger ihrer Ueberzeugung und Begeisterung Ausdruck geben, als vielmehr anwesende Gegner„hineinlegen“. Kein vernünftiger Mensch wird im Sitzenbleiben bei einem Hoch eine Majestätsbeleidigung er⸗ blicken können; trotzdem sind deswegen in den letzten Jahren Bestrafungen erfolgt. Es ist also, wie gesagt, Vorsicht am Platze. Zurückgetretener Minister. Staatsminister v. Strenge in Gotha ist von seinem Amte zurückgetreten. Wie verlautet, haben ihn die Wahlerfolge unserer Genossen dazu veranlaßt. Sein Nachfolger wird der frühere Berliner Rechtsanwalt Hentig. Das Sprüchwort, daß niemals etwas besseres nach⸗ kommt, dürfte auf diesen Fall auch anzuwen⸗ den sein, denn der neue Minister soll konser⸗ vativ und reaktionär bis auf die Knochen sein. Bei der Reichstagsstichwahl im Kreise Meseritz⸗Bomst erhielt der Deut⸗ sche von Gersdorf(kons.) mit 9555 Stimmen die Mehrheit. Der polnische Kandidat erhielt nur 8719 Stimmen. Sozialistische Wahlsiege. Vom Gothaischen Ministerium war die Wahl im Kreise Ruhla, den unsere Genossen bei den neulichen allgemeinen Wahlen eroberten, aus nichtigen Gründen für ungültig erklärt worden. Die vorige Woche stattgefundene Neuwahl be⸗ stätigte das erste Ergebniß. Es bleibt also bei den neun Sozialdemokraten im Gothaer Land⸗ tage, der bekanntlich im Ganzen 19 Mitglieder N 8 8 7——5 5 n 2„ SD 5 3 55 5 der Interpret des weitaus größeren Theiles des zählt. Bei den Stadtverordneten stichwahlen in Stettin siegten die drei in die Stichwahl gekommenen sozialdemokrati⸗ schen Kandidaten mit großer Mehrheit. Unsere Genossen eroberten dort somit im Ganzen sie⸗ ben Stadtverordnetensitze bei den diesmaligen Wahlen. Auch in Solingen kommen unsere Kan⸗ didaten mit den höchsten Stimmenzahlen in die Stichwahl. Während sie im Jahre 1898 nur bis auf 146 Stimmen kamen, erreichten sie dies⸗ mal bis zu 556 Stimmen. Herr Schuhmacher, unser früherer Parteigenosse, der gleichfalls kan⸗ didirte, brachte es auf 398 Stimmen, kommt aber nicht mit in die Stichwahl. Pochen duch el deu der lothwel Ablauf! werden. Uubeit 9 ellen! früher. 15 haltung beiterin destens litersi lichen 3.6 beschäft uhr ud de Lage b 4.4 Helterin 10 Stu und Fe schreite erden Wie dat d galt In iht der au nung haben bringe 7 A d 0 fiche Nebner. lige, geregel Müll delsch d pu den! nuch. Calw Lewe Tisse ü ul Nalon nile kli Ua Fülde Regie dat 0 ahm dn eth 1150 Igt 8 len de Auer ü U im w ao lebe Nit Net habe sied d . 2 u S 1 de im de ind a In . Nr. 50. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Arbeiterinnenschutz. Der von der sozialdemokratischen Fraktion im Reistage eingebrachte An⸗ trag, betreffend die Beschäftigung ge⸗ werblicher Arbeiterinnen, hat fol⸗ genden Wortlaut: f g 5 1. Arbeiterinnen dürfen nicht beschäftigt werden während der ersten sechs Wochen nach einer Niederkunft oder einer Fehlgeburt und, wenn das Kind lebt, während der ersten acht Wochen nach der Niederkunft. Wenn der Arzt durch ein schriftliches Gutachten eine längere Zeit der Enthaltung von der Erwerbsarbeit für nothwendig erklärt, so darf die Arbeiterin vor Ablauf dieser Zeit nicht zur Arbeit herangezogen werden. Schwangere Arbeiterinnen können die Arbeit ohne Einhaltung der Kündigungsfrist ein⸗ stellen vier Wochen vor ihrer Niederkunft und, wenn es der Arzt für nothwendig erklärt, auch üher. Für die ganze Zeit der nach diesen Vorschriften zulässigen oder nothwendigen Ent⸗ haltung von der Erwerbsarbeit erhalten die Ar⸗ beiterinnen von einer Krankenkasse, der sie min⸗ destens zu diesem Zwecke angehören müssen, eine Unterstützung im Mindestbetrage des ortsüb⸗ lichen Tagelohnes. 5 3. Gewerbliche Arbeiterinnen dürfen nicht beschäftigt werden während der Nachtzeit(von 7 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens), an Sonn- und Feiertagen, sowie an den Nachmittagen der Tage vor Sonn⸗ und Feiertagen. 4. Die Beschäftigung der gewerblichen Ar⸗ beiterinnen über 16 Jahre darf die Dauer von 10 Stunden täglich, an den Tagen vor Sonn- und Feiertagen von fünf Stunden nicht über⸗ schreiten, Ueberstunden dürfen nicht gemacht werden. Junungs⸗Schiffbruch. Wieder wird eine A ma 71 ng a war die der Schuhmacher in Dessau auf⸗ gelöst Sie will zu Neujahr ihre Bude schließen. An ihre Stelle soll eine freie Innung treten, der auch das Vermögen der jetzigen Zwangs⸗ innung zufließen soll. Die Zwangsinnungen haben dem Handwerk das ersehnte Heil nicht bringen können. Deut seher Reichstag · Am 29. November verhandelte der Reichstag öber den Gesetzent wurf betreffend die Pri v a t ver⸗ sicherungsgesellschaften. Wöhrend von den Rednern des Centrums und der rechten Seite die Vor⸗ lage, durch welche das Versicherungswesen einheitlich geregelt werden soll, mit Freuden begrüßt wird, bedauert Müller- Meiningen,(Ir. Bp) daß für die Privat⸗ versich rungen nur die oöffe tlichrechtliche und nicht auch die privatrechtliche geregelt worden sein. Den schärf⸗ sten Widerspruch müsse den Akschnitt herausfordern, welcher der Aussicht Zwangsrechte gewähre. Genosse Calwer neist daraufhin, daß durch dieses Gesetz die Gewerkschaften erheblich geschädigt werden können. Diese pflegen in erheblichem Maaße das Unter⸗ stützunnswesen namentlich für Arbeits osigkeit. Würden diese Unterstützungszweige der Arbeiterorgani⸗ sationen als Versicherungen angese hen und dem Eesetze unterste llt, so würde die Fortführung dieser Unterstützengs⸗ einrichtungen gänzlich in Frage gestellt sein, und unter Umständen den Gewerkschaften ein großer Theil des Feldes ihrer gemeinnützigen Thätigkeit entzogen werden. Regierungsrath Gruner sagt, es sei ein unbegründetes Mißstauen, wenn man von der Regierung glauben wolle, sie suche die Gewerlschaften von hinten herum lahmzulegen. Von unsern Genossen wird er hier durch Zuruse auf die 12000 Mark-Geschichte hingewiesen. Die Verlage wird an eine Commi sion verwiesen. Freitag, den 30. November kam der Reichstag, der jetzt wieder sehr schwach besetzt war, zur Berathung einer Denkschrist, die ihm über die seit dem Jahre 1875 er⸗ lassenen Anleihegesetze zugegangen ist. Eine Diskussion rief nur die letzte 80 Millionen⸗Anleihe hervor, die in Amerika begeben wurde, was der Reichsschatzsekretär Frhr. von Thielmann damit erklärte, daß der in⸗ ländische Geldmarkt nicht überlestet werden sollte; denn im Jahre 1901 würde man doch wieder eine größere Anleihe aufnehmen müssen. Die Pumpwirthschast geht also weiter.— Es folgte die erste Berathuang der Uebersicht über die Ausgaben nud Einnahmen des Reiches im abgelaufenen Rechnungsjahre 1899. Die Begründung der über den Etat hinausgemachten Aus- gaben, die hier gegeben war, konnte niemanden be⸗ friedigen; wurde doch einfach gesagt, daß eine eingehendere Begründung, warum der Kostenanschlag beim Bau von 27 Schiffen erheblich überschritten ser, überhaupt nicht gegeben werden köane. Demgegenüber verlangten ase Redner, eine sehr eir gehende Prüfung aller Aus gaben in der Rechnungskommission, an die der Bericht schließlich verwiesen wurde. Aber was hilft d. s, wenn, wie der Genosse Wurm treffend ausführte, doch stets nachträglich alle Ausgaben genehmigt werden; diese Geneh⸗igungssucht, wiederkehrenden Etats ⸗Ueberschreitungen und für die unge nierte Selbstverstandlichkeit, mit der sie von der Regierung behandelt werden. Ein Antrag Rinteln, der die Wiedereinführung der Berufung fordert, wird nerst den dazu gehörigen Gesetzentwürfen von frei⸗ sinniger und konservativer Seite an eine Kommission verwiesen. Am Montag kam die Interpellation des Centrum's wegen der Kohlennoth bei nur mäßig besetzten Bänken zur Verhandlung. Minister Brefeld, Thielen und Graf Posa⸗ dowsky waren anwesend. Dunch die Interpellation will das Centrum, das bei der Flottenvorlage und vielen andern Gelegenheiten dem Volke nur große Lasten auf⸗ halste, zeigen, daß es doch noch etwas für die Volks⸗ interessen übrig hat.— Zur Begrüsdung der Inter- pellation ergriff der Centrumsavgeordnete Heim das Wort. Ec verstieg sich in seinen Vorschlägen zur Ab⸗ hilfe der Teuerung sogar bis zum Kohlenaussuhrverbot und bis zum energischen Kampf gegen den sonst so vom Centrum gehätschelten Zwischenhandel. Seine Rede klang in ein hingebendes Vertrauens votum an die Re⸗ gierung aus. Handels minister Brefeld beantwortete die Interpellation. Er erging sich des längeren über die Ursachen der Kohlennoth, unter welchen er natürlich den Streit der sächsischen und österreichisd en Bergarbeiter an erster Stelle erwähnte. Er vergaß nur zu sagen, daß mährend des böhmischen Streiks nicht nur die Kohleneinfuhr reduz'ert wurde, sondern daß es gerade in dieser Zeit das Kohlen yndikat für seine Ehrenpflicht gehalten hatte, große Mengen Kehlen nach Oesterreich auszuführen. Zur Abhilfe gegen die, wie er selbst zugab, theilweise üiber das gebührende Maaß hinaus gehende Preissteigerung verhieß er eine bestimmte Quantität von Kohlen für Kohleneinkaufsgenossenschaften zu reservieren und eine Beschwerdestelle, die ein Einschreiten gegen übermäßigen Kohlenwucher ermöglichen sollte. Eisen⸗ bahnminister Thielen fühlte sich in seiner vollen Würde als Oberkohlenkonsument. Als solcher hatte der viel geprüfte Mann schon viel schlimmere Kohlenteue⸗ rungen erlebt und so suchte er auch das Haus davon zu überzeugen, daß auch diese schwere Zeit zu überstehen sei. Die Beseitsgung der Ausfuhrfarife verwarf er als schädlich. Alles in allem war das Vorgehen der Re⸗ gierung ein Muster kostenloser Volksbeschwichtigung. In der Besprechung der Interpellation vertheidigt der National⸗ liberale Hilbick die Thätigfeit des Kohlensyndikats, das trotz ganz bescheidener Cewinne() sich stets aufs auf⸗ opserndste des Wohls der Arbeiter annehme. Seine Rede fand bei dem Hause keine große Beachtung. Desto medr aber die Ausführungen Eugen Richter 8. Er charakterisierte die Sitzung sehr treffend, indem er hre Hauptbedeutung darin sah, daß die Rechte im Gegensatz zu ihrem sonstigen einseitigen Betonen der Pro du⸗ zenteninteressen, sich plötzlich auf den Con⸗ sumentenstandpunkt ftellte und es war sehr ange⸗ bracht, die Herren daran zu erinnern, nun auch die Conscquenz der geäußerten Theorien zu ziehen, d. h. in Zukunft jede Art der Genossenschaftsbewegung zu be⸗ günstigen und die Brotverteuerung zu bekämpfen. Graf Kanitz machte überraschender Weise auch einige Vor⸗ schläge zum Kampfe gegen den Zwischenhandel. Seine Rede war verhältnißmäßig verstandig, solange er als Consument redete. Sobald der Agrarier aus ihm sprach, hörte man wieder das altgewohnte Gewinsel über die Leuienoth, die es unmöglich machte, die Kehler pro⸗ duktion auszudehnen. Mittwoch kam der vom Centrum eingebrachte Ge⸗ setzentwurf betreffend die Freiheit der Religions⸗ übung zur Verhandlung. Nach dem§ 1 dieses Ent⸗ wurss steht jeden Reichs angehörigen innerhalb des Reichsgebietes volle Freiheit des Religions⸗ bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsge⸗ meinschaften, sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung zu.— Gleich zu Anfang gab der Reichskanzler eine Erklärung ab, daß die verbündeten Regierungen außer Stande seien, diesem Antrage zu z ust immen.— Lieber(Ctr.) begrundete den Antrag in längeren Ausführungen. Den socialdemokratischen Standpunkt vertrat mit Geschick Genosse v. Vollmar. Er sprach sich für Gleichberech⸗ tigung und Teleranz auf religiösem Gebiete aus, hielt dem Centrum aber vor, wie seine Thaten sehr oft mit den Worten in Widerspruch stehen. Die katholische Kirche fordere Toleranz, übe sie aber selbst nicht. Politik und Religion würden gerade vom Centrum stets ver⸗ quickt. Die satyrischen Wendungen Vollmars erregten ost Heiterkeit. Nachdem noch Bassermann, Richter, Rickert u. s. w. hierzu gesprochen, wird der Antrag an eine Commission verwiesen. — 2 Der Krieg mit China. Die Frieden sbedingungen sollen nunmehr den chinesischen Bevollmächtigten zu⸗ gestellt werden. Nach einer Londoner Mittheil— ung der„Köln. Ztg.“ sind dabei die„Neben⸗ fragen“: Züchtigung der chinesischen Beamten und die Eventualität einer die chinesischen Ent⸗ schädigungen deckenden Anleihe als Vollstreck— J ungsmaßregeln vorbehalten und„stehen außer halb des Programms der Bedingungen“.— 0 0 1 an welcher die Reichsboten leiden, trägt die Hauptschuld an den Jahr für Jahr Von Streifzügen auf die Boxer wird berichtet, daß nach dem Tode des Grafen York — der in Folge Einathmung von Kohlengas verstarb— das vom Generalmajor Gayl ge⸗ führte Expeditionskorps am 30. November in der Minggräber 5 Boxerdörfer gänzlich zerstörte. Aehnliches wird von anderen Kolonnen gemeldet. Geht's so weiter, dann dürfte bald ein Theil Chinas in eine Wüste verwandelt sein, in der kaum noch Raubthiere existieren können. Dann ist„dem Handel eine freie Bahn eröffnet“.— Aus Petersburg wird berichtet, daß eine Ab⸗ theilung von 10 Kosaken, die einen Wagenzug von kranken und verwundeten Leuten begleiteten, unterwegs von einer größeren chinesischen Streitmacht angegriffen und alle Leute getödtet wurden. An den Plünderungen in Peling be⸗ theiligten sich nach englischen Berichten nicht nur Soldaten, Offiziere und Zivilisten, sondern auch Missionare, hohe Beamte der Gesandtschaften und Damen. Nur sehr wenige hätten der Ver⸗ suchung zu plündern, widerstanden. Zwar hätten verschiedene Mächte, besonders Großbritannien und Amerika, die Praxis offiziell verurtheilt, indem sie ihren Truppen verboten, ohne Be⸗ zahlung von einem Chinesen oder aus einem chinesischen Gebäude irgend einen Gegenstand zu nehmen, doch das Verbot könne so leicht umgangen werden, daß es thatsächlich wirkungs⸗ los sei. Jetzt würden die Sachen„gekauft“ und und eine„Quittung“ entgegengenommen. In Wirklichkeit ist das natürlich nichts anderes als Räuberei. Ueber die Gesundheitsverhält⸗ nisse der verbündeten Truppen wird vielfach in Soldatenbriefen geklagt. In einem Briefe eines Artilleristen aus Tientsin vom 10. Sept., den das Tagebl. f. d. Jerichower Kreis ab⸗ druckt, heißt es:„Der böse Feind, welcher jetzt hier wüthet, ist Krankheit; es liegen an 800 Mann in den Lazarethen, theils an der Ruhr, theils an Typhus erkrankt. Kein Tag vergeht, wo nicht ein oder mehrere Soldaten begraben werden.“ Der Krieg in Südafrika. Von verschiedenen Seiten wurde erwartet, daß die Reise Krügers nach Europa und sein Empfang in Frankreich der Anfang einer Ver⸗ mittelung seitens der Mächte bilden würde. Aeußerungen der französischen Presse deuteten sogar direkt auf eine bevorstehende Inter⸗ vention der Mächte hin. Durch den Nicht⸗ empfang Krügers in Berlin sind die Hoffnungen des tapferen Burenvolkes und aller Menschen⸗ freunde wieder zu nichte geworden. Unterdeß wehren sich die Buren noch immer, so gut sie nur können. Eine englische Nieder⸗ lage bei Dewetsdorp, wobei die Engländer 400 Mann an Gefangenen und zwei Geschütze verloren, ist auch von Lord Roberts bestätigt worden. Lord Roberts meldet weiter, daß zwei Tage später, als die Buren unter Dewet gegen die Kapkolonie weitermarschirt waren, General Knox in Dewetsdorp einrückte. Die Stadt war geräumt; nur 75 Verwundete und Kranke waren daselbst zurückgeblieben. General Knox verfolgte die Buren unter Steijn und Dewet und schlug sie bei Vaalbank(2). Die Buren zogen sich nach Westen und Südwesten zurück.— Weitere Kämpfe habe General Knox mit den Buren be—⸗ standen bei Leyersberg, auf dem Wege von De⸗ wetsdorp nach Smithfield, weiter bei Tefelberg nördlich von Bethulien. In beiden Fällen sollen sich die Buren nach mehrstündigen Kämpfen zu⸗ rückgezogen haben. General Peyet will die Bu— ren in einem heftigen Gefecht gegen Rietfon— tein zurückgeworfen haben. Oberstleunant Lloyd wurde daber schwer verwundet; außerdem wur⸗ den auf britischer Seite noch 5 Offiziere und 50 Mann verwundet und 5 Mann getödtet. Zur Illustration der englischen Krieg⸗ führung veröffentlicht die Westminster Ga⸗ zette eine Denkschrift, die von gefangenen Bu⸗ renoffizieren im Lager von Green Point an Sir Alfred Milner gerichtet wurde und in der diese Protest erheben dagegen, daß nicht nur die Farmen und Grundstücke solcher Buren ver— brannt und verwüstet wurden, die sich im Kampfe gegen die Engländer befinden, es sind 10 Fälle namentlich aufgeführt, wo Farmen ohne allen Grund niedergebrannt und Frauen und Kinder vertrieben wurden, deren Besitzer sich schon seit Februar in Kriegsgefangenschaft befinden oder gar schon vor Monaten gefallen sind. Genau wie die Deutschen in China! e = S S r e eee ere 2* D A ro. Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 50. Don Nah und Jern. Gießener Angelegenheiten. — Teutone und Slave. Neulich witzelte boshafter Weise der„Gießener Anzeiger“ über einen Aufruf der Langsdorfer Gemeinde⸗ bibliothek, der einige grammatikalische Fehler auf wies, die ja möglicher weise auch auf Druck⸗ fehlern beruhen können. Die„Teutonen Köhler und Hirschel hat der Angriff des Anzeigers aber mächtig gewurmt— der Erstere dürfte der Ver⸗ fasser des besagten Aufrufs sein— und sie antworten in ihrer„Volkswacht“: i „Ein e e untrügliches Kennzeichen jener halbger. 5 Slaven, die den Osten des Deut⸗ schen Reiches bewohnen, ist es, daß sie sich in unserer Heimath so unangenehm wie möglich machen. Trotzdem in den gesegneten Gefilden, daraus sie entlaufen sind und wo die Kar⸗ toffeln als Spalierobst gezogen werden, der Häring in allen möglichen Zubereitungen notabene recht faul muß er sein— als die höchste Delikatesse gepriesen wird, haben sie nichts besseres zu thun, als über unsere Zustände und Sitten den lieben langen Tag zu schimpfen. Ueber alles spotten sie und wollen es besser wissen. Am meisten bilden sie sich auf ihren wunderlieblichen Mund⸗Dialekt ein; wenn sie auch nur deutsch stammeln können und selbst, wenn sie 200 Jahre alt würden, ihre Lebtage nicht„mir“ von„mich“ unterscheiden lernten, glauben sie doch, weil sie die schönen Ausdrücke „voll und ganz“ und„unentwegt“ erfunden und durch ähnliche Sprachverhunzungen die deutsche Literatur veredelt haben, sie allein wüßten, was deutsch ist. Daran erkennen wir auch wieder unseren Redaktions⸗ Kassuben vom „Gießener Anzeiger“ der unter der Ueberschrift „Musterhaftes Deutsch“ den Aufruf der Langsdörfer Gemeindebibliothek bespöttelt, weil darin in Folge eines Druckfehlers, wie aus dem Manusfkript zu ersehen ist, einmal großen Werth, statt großer Werth und dann Romanen statt Romane steht und endlich weil darin— o Schrecken!— an die griechische Mehrheit von Tlema⸗Themata nochmals die deutsche Mehr⸗ heit— also Thematas gefügt wurde. Jetzt ist aber die deutsche Sprache gerettet! Wir geben dem Kassuben den Rath, seine Mühe wo anders besser anzuwenden, wir wissen unsere Muttersprache zu gebrauchen, bei seinen Landsleuten aber könnte er sich Verdienste er⸗ werben, wenn er ihnen die aufgezwungene deutsche Sprache etwas besser beibringen könnte. Dat wäre boch'nen Verdienst, wat?“ Wir müssen gestehen, daß wir auch keine großen Freunde vom wir klichen Slaventhum sind. Im vorliegenden Falle aber ist uns der „Slave“ entschieden sympathischer als die„Teu⸗ tonen“, denn ersterer bringt den sozialen und wirthschaftlichen Fragen, wie es scheint, mehr Verständniß entgegen, als es die prahle⸗ rischen„Teutonen“ thun. — Ein inkoulanter Metzger. Vor Kurzem trat ein reisender Handwerksgeselle Westanlage befindlichen Metzgerladen, um sich eine Gabe zu erbitten. Der Ladenbesitzer wies ihn aber nicht nur schroff ab, sondern schickte dem armen Teufel auch noch einen Schutzmann nach, der ihn jedenfalls verhaftet hat. Das war gewiß nicht nöthig. Möglich, daß die Laden⸗ besitzer ziemlich viel belästigt werden; aber sie können sich doch auf einfache Abweisung be⸗ schränken, brauchen sie nicht der Polizei zu über⸗ liefern. Außerdem vertreten besonders die zünftlerisch gesinnten Meßgermeister die Mei⸗ nung, daß das„Fechten“ unbedingt zum Hand⸗ werksburschen gehört!— Auch auf unsere Partei ist derselbe biedere Metzger ebenso schlecht zu sprechen, als auf die Handwerksburschen. Als nämlich jüngst ein Arbeiter wegen eines Stückchen Solberfleisches nicht handelseinig wurde und sich für den Betrag Wurst mitnehmen wollte, wies ihn die Frau Metzgermeister aus dem Laden mit den Worten:„Machen Sie, daß Sie hin⸗ auskommen, Sie Sozialdemokrat können nicht genug kriegen!“ Unsere Genossen müssen sich also etwas vorsehen, damit sie nicht in Ge⸗ schäfte gerathen, wo man sie nicht haben will, sondern solche aufsuchen, wo ihre Groschen ebenso gern wie die anderer Leute entgegen- genommen werden! — Grober Unfug. Wiederholt wurde in der letzten Zeit mit den Straßenlaternen arger Unfug getrieben; pu. löscht, zum Theil auch bereits sie wurden vorzeitig ge⸗ gelöschte wieder angezündet, wobei Glühkörper und auch die La⸗ ternen selbst der Zerstörung anheimfielen. Lei⸗ der hat sich noch nicht herausgestellt, von wem derartige Bubenstreiche verübt werden; für solche Burschen wäre eine empfindliche Strafe ganz angebracht. Redliche Arbeiter sind es sicher nicht, die haben mehr Achtung vor den öffentlichen Einrichtungen. In Garbenteich wird diesen Sonntag(9. Dez.), nachmittags 3 Uhr eine Volks versammlung bei Wirth C. Becker stattfinden, in der Genosse Velters über„Weltmachtspolitik“ sprechen wird. Unsere Freunde werden gebeten, für zahlreichen Besuch der Versammlung zu wirken. Wetzlar. — Der neue Bürgermeister, Herr von Zengen, ist am 1. Dez. im Beisein eines großen Theiles der Wetzlarer Honoratioren in sein Amt eingeführt worden. Wie er sich zu der Arbeiterschaft stellen wird, muß natürlich erst hübsch abgewartet werden. Unsere Erfahrungen, die wir beim Wechsel der Regenten in Staat und Gemeinde stets gemacht haben, schützen uns vor Illusionen. — Für den„Bismarckthurm“ werden die Sammlungen noch immer fortgesetzt und ein ganz nettes Sümmchen ist schon zusammenge— flossen. Wie mancher arme Teufel mag da viel⸗ leicht, einem gelinden Drucke nachgebend, ein paar Groschen geopfert haben, die er für sich und seine Familie viel nothwendiger zu brauchen hätte! Aber was schadet das? Wetzlar muß unbedingt seinen Bismarckthurm haben, das ist nöthiger als alles Andere. Auch gewisse Be⸗ triebe prahlen mit ziemlich hohen Beiträgen, während ihre Arbeiter mit erbärmlichen Löhnen abgespeist werden.— Aber zur Charakteristik des von dem Geldprotzenthum als Halbgott ver⸗ ehrten„Säkularmenschen“ sollte man am Thurm eine von ihm selbst herstammende Inschrift anbringen, die ihn so recht als Held, als„Heros des Jahrhunderts“ kennzeichnet. Kürzlich ist nämlich ein Band Briefe erschienen, die er an seine Frau gerichtet hat. In einem derselben vom 20. Sept. 1848 schreibt er, nachdem er ausgeführt hat, daß es voraussichtlich bald zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den Truppen und dem Volke kommen werde: „Ich selbst habe keine Veranlassung, die Sache hier abzuwarten und Gott damit zu versuchen, daß er mich in Gefahren schütze, die ich keinen Beruf habe, aufzusuchen. Ich werde daher meine Person schon morgen in Sicherheit bringen.“ Wie heldenhaft! Wahrhaft heroisch! Obige zwei Sätze schlagen wir dem tit. Komitee als Inschrift am oder im Bismarckthurme vor! Stöckerianer auf Agitation. Eine Versammlung fand am 1. Dez. in Kölschhausen statt. Der Parteisekretär der Stöcker'schen, Herr Dr. Burckhardt, sprach über„Liberalis⸗ mus, Sozialdemokratie und christlich-sozial“. Herr Burckhardt betreibt nämlich deshalb jetzt schon die Agitation, weil er bei der nächsten Wahl den jetzigen nationalliberalen Abgeord⸗ neten aus dem Felde schlagen möchte. Ob ihm das gelingt, muß natürlich abgewartet werden, vorläufig möchten wir es stark bezweifeln. Seine Ausführungen bewegten sich durchaus in den bekannten, ausgefahrenen Stöcker'schen Geleisen. Natürlich beschäftigte er sich vorzugsweise mit dem„Zukunftsstaat“, in dem kein Mensch etwas arbeiten wolle, man nicht wisse, wie man die Leute bezahlen solle, der Fleißige für den Faulen schaffen müsse, unerträglicher Zwang herrsche, selbstverständlich schließlich alles drunter und drüber gehe, wie das vor langer Zeit Eugen Richter in einer Broschüre, der er sich jetzt schämt, anschaulich geschildert hat. Mit Be⸗ hagen plappern jetzt die Stöcker'schen den alten Kohl nach, den kein vernünftiger Mensch mehr ernst nimmt. Sehr verblüffte Gesichter machten die Versammelten— meist waren es Arbeiter, die mühsam nur ihr täglich Brod er⸗ beuten—, als ihnen Herr Burckhardt, der reich gewordene Apotheker, verkündete, Jeder suche es zum Rentier zu bringen! Nein, das hat ihm keiner geglaubt und Genosse Vetters fand allgemeine Zustimmung, als er daraufhin bemerkte, wenn heutzutage ein Besitzloser zu Vermögen komme, müsse er andere Leute ent⸗ weder ausbeuten oder betrügen. Weiter führte unser Genosse aus, wie der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit sich täglich ver⸗ schärfe, wie die besitzende und herrschende Klasse die besitzlosen Arbeiter auf politischem, wirth⸗ schaftlichem und sozialem Gebiete unterdrücke und bevormunde. Von einer„Ueberbrückung“ dieses Gegensatzes im Sinne der Christlich⸗So⸗ zialen könne gar keine Rede sein. Auf die Er⸗ widerung Burckhardt's, der sich für die Lebens⸗ mittelzölle aussprach, legte Vetters dar, wie un⸗ gerecht durch die Zölle und indirekte Steuern die Minderbemittelten und Arbeiter belastet wür⸗ den. Zum Schluß brachte Burckhardt noch die üblichen Phrasen von Religion, Monarchie usw. aufs Tapet, auch der Darwinismus mußte noh zur Bekämpfung der Sozialdemokratie her⸗ halten. Er erzielte aber keinen Eindruck damit. Im„Wetzlarer Anzeiger“ ist es in einem, offen⸗ bar von Burckhardt stammenden, mit Stöcke r⸗ scher Wahrheitsliebe abgefaßten Bericht so dargestellt, als habe er unseren Genossen gründlich abgeführt. Nun, wir sind mit dieser Versammlung ganz zufrieden, sind's die Stöcker⸗ schen auch, ist's uns recht, wer den meisten An⸗ laß dazu hat, wird sich später zeigen! Arbeiterloos. In der Dampfbuchbinderei von Barthel in Leipzig platzte am Dienstag Mittag ein Dampf⸗ rohr. Dadurch wurden fünf Arbeiter sehr schwer verletzt und mußten in das Krankenhaus verbracht werden. Geborstene Säule des Antisemitismus. Lebrecht Hartwig, Baumeister und zweiter Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung in Dresden, früherer antisemitischer Reichs⸗ tagsabgeordneter, wird von seinen Mitbürgern ehrenrühriger Dinge beschuldigt. 23 Stadtver⸗ ordnete gaben in der Sitzung eine Kollektiv erklärung ab, die sich auf rechtskräftige Urtheile in Sachen des Privatmannes Bargou gegen Hartwig wegen Verkauf seines Grundstücks stützt. In der Erklärung heißt es, daß das Schöffen⸗ gerichtsurtheil feststelle: 1. daß Hartwig sein verpfändetes Manneswort nicht eingelöst habe, 2. daß er sich über eine moralische Ver⸗ pflichtung, an die er als anständiger Mensch gebunden war, aus pekuniären Rücksichten hin⸗ weggesetzt habe, 3. daß vom sittlichen Standpunkte aus sein Verhalten einer unlau⸗ teren und unter Umständen straf⸗ baren Schiebung gleichstehe, 4. daß Bar⸗ gou sachlich begründete Bedenken gehabt habe, ob Hartwig durch seinen Charakter Gewähr dafür gäbe, daß er sich bei seiner Thätigkeit im Stadt⸗ verordnetenkollegium nicht durch un lautere egoistische Gründe leiten lasse. Das Schöffengerichtsurtheil ist vom Landgericht be⸗ stätigt worden. Dieses sagt außerdem noch, daß Bargou mit Recht von Hartwig That⸗ sachen behauptet habe, die geeignet waren, Hart⸗ wig verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. In Folge dessen halten die 23 Stadtverordneten Hartwig eines öffentlichen Ehrenamtes nicht für würdig und forderten ihn auf, sein Amt nie⸗ derzu legen. Daran denkt aber der biedere Urdeutsche gar nicht. Er ließ es geschehen, daß diese Erklärung an den Ausschuß verwiesen wurde. Dieser, der wie die Stadtverordneten⸗ versammlung in der Mehrheit aus Antisemiten besteht, beschloß, ein Vertrauensvotum für Hart⸗ wig zu beantragen! Daß ihm die Stadtverord⸗ netenversammlung ein solches ausstellt, ist kaum zu bezweifeln.— In den Augen anständiger Leute bleibt H. trotzdem gerichtet. Finderlohn. Nach dem bürgerlichen Gesetzbuch(8 971¹ hat der Finder eines Werthgegenstandes einen Finderlohn zu beanspruchen, der bei Sachen im Werthe bis zu 300 Mark fünf vom Hundert, bei solchen von größerem Werthe und Thieren eins vom Hundert beträgt. In Frankfurt fand die⸗ ser Tage ein Milchmann ein Couvert mit 400⁰ Mark Inhalt. Er lieferte das Geld an die Adresse ab, die auf dem Couvert angegeben war. Der Verlierer zählte es nach und überreichte dem Finder— eine Cigarre. Der Milchmann wies das großmüthige Geschenk zurück und beabsichtigt nun, wegen des ihm zustehenden Finderlohns der in diesem Falle 40 Mark beträgt, klagbar gegen den Verlierer vorzugehen. Staatsanwalt Settegast 1 in Konitz, aus den dort verhandelten Meineids⸗ prozessen bekannt, wird vom 1. Jan. 1901 an das Landgericht Limburg(Lahn) versetzt. Diese Nachricht wurde erst für unrichtig erklärt, jetzt aber wiederum bestätigt. Geringe Strafe für einen Todtschläger. Das Schwurgericht Düsseldorf ver⸗ nit 0 Lunge Lupe N wegen bc dit Um 1 heil. Dian 10 1 U Noc Runge! und Un ird n. Felser walls, Thiel kektor die Ab es z ann sagt. A Jofer bie es herbei lacht 9 ch hi mit de sochlic de 0 Hebruc Due fhafte Pet e inen “Fett, migen ens d 1 lung ——᷑— — = S S — — artheln ein Dampf. iter sehr Tankenhaus itismus. und zweiter rsammlung r Reichs⸗ e Kollektiv ige Urtheile bs err Terspecken gestorben ist. Nr. 50. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. 5. handelte am 30. November gegen den Po lizei⸗ serganten Gühmann, welcher angeklagt war, gelegentlich einer Verhaftung in der Nacht zum 23. Juli d. J. den Eisendreher Terspecken mit dem Säbel einen Stich in die Lunge versetzt zu haben, an dessen Folgen . 1 Gühmann wurde wegen widerrechtlicher Verhaftung und vorsätz⸗ licher Mißhandlung unter Zubilligung mildern⸗ der Umstände, sowie wegen fahrlässiger Tödtung zu nur einem Jahr Gefängniß ver⸗ urtheilt. Beamten⸗Coruption im Prozeß Sternberg. Noch immer dauern die Zeugenverneh— mungen in dem Prozeß gegen den unsittlichen und unsauberen Millionär fort, seit 30 Tagen wird nun schon verhandelt. Besonders bemer— kenswerth war die Mittheilung des Staatsan⸗ waltes, daß der verhaftete Kriminalkommissar Thiel eingestanden habe, dem flüchtigen Di⸗ rektor Luppa gegen hohe Bestechungssummen die Abschriften der Akten des Sternbergpro⸗ zesses zur Verfügung gestellt zu haben. Schutz- mann Stierstädter habe die volle Wahrheit ge⸗ sagt. Also forderte der Prozeß schon zwei Opfer! Insofern wirkt er vielleicht nützlich, daß die, wie es scheint, bei der Berliner Kriminalpolizei verbreitete Korruption an das Tageslicht ge⸗ bracht und beseitigt werden kann. Was es aber mit der gerühmten Unparteilichkeit und Unbe⸗ stechlichkeit der Beamten auf sich hat, das zeigt sich hier in greller Beleuchtung. Wahltreis Marburg⸗Kirchhain. St. Marburg, den 7. Dezember 1900. — Winterfeste. Am Sonntag, den 3. Februar k. Is. findet im Saale des Cafe Quentin das Winterfest der hiesigen Gewerk— schaften statt. Die Kommission entfaltet schon jetzt eine eifrige Thätigkeit, um das Fest zu einem recht würdigen zu gestalten. Außer Kon⸗ zert, Theater⸗Aufführung und sonstigen Vor⸗ trägen gelangen auch mehrere Chorlieder sei⸗ tens des Gesangvereins„Eintracht“ unter Lei⸗ tung seines Dirigenten, Herrn Pauli jun., zum Vortrag. Der junge Gesangverein wird also bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffent⸗ lich auftreten.— Der hiesige Bezirksverein des Verbandes der deutschen Buch drucker begeht die diesjährige Sylvesterfeier wieder, wie im vorigen Jahre, durch eine gesellige Feier, ver⸗ bunden mil Vorträgen, Verloosung und Tanz, am Sylvesterabend im Cafe Quentin.— Die Weihnachtsfeier unseres Gesangver— eins„Eintracht“ findet, wie schon gemeldet, am ersten Weihnachtstag, Abends, im Vereinslokal (Jesberg) statt.— An Vergnügungen fehlt es also in diesem Winter nicht. Möchten sich die Theilnehmer an denselben aber auch ihrer Pflichten der Partei gegenüber stets bewußt sein und die wenigen Versammlungen besser be— suchen wie seither. — Kommunal es. Die in letzter Num⸗ mer bereits mitgetheilte Nachricht von dem be⸗ vorstehenden Rücktritte unseres Oberbürger⸗ meisters, Herrn Schüler, bestätigt sich. Der⸗ selbe wird am 1. April n. J. sein Amt nieder⸗ legen. Der Magistrat hat die Demission an⸗ genommen und bereits eine Kommission unter dem Vorsitz des Stadtverordneten Vorstehers, Herrn Dörffler, mit den Vorbereitungen zur Neuanstellung eines Stadtoberhauptes be⸗ auftragt.— Herr Schüler hat, das muß Jedermann anerkennen, sehr viel zur Ver⸗ größerung und Verschönerung Marburgs beige- tragen. Sein Streben ging auch dahin, eine Anzahl Arbeiterwohnhäuser zu errichten, al⸗ lein wegen Mangel sozialen Verständnisses schei⸗ terten seine diesbezüglichen Pläne. Auch die Durchführung der Kanalisation haben wir seiner Initiative zu verdanken. Sind dadurch auch die Wohnungsmiethen und Steuern etwas gestiegen, so ist andererseits doch eine bedeutende Besserung der Gesundheitsverhältnisse resp. eine Ab⸗ nahme der Sterblichkeitsziffer in hiesiger Stadt zu konstatiren, was auch hauptsächlich dem Ar⸗ beiterstande zu Gute kommt.— Hoffentlich er⸗ halten wir unter dem neuen Oberbürgermeister auch ein Gewerbeschiedsgericht. — Neunuhr⸗Ladenschlu 5. Die Mehr⸗ zahl der hiesigen Ladenbesitzer erklärte sich in namentlicher Abstimmung mit Mehrheit für den Neunuhr⸗Ladenschluß. 0 — Bei den Tuberkulin⸗Versuchen, die Geh. Rath Behring unter den Rindviehbeständen des Kreises vornimmt, hat sich herausgestellt, daß bei dem Vogelsberger Rind der Gesundheits⸗ zustand am günstigsten ist. Es sind ca. 6000 Thiere angemeldet. Kleine Mittheilungen. Heftiger Sturm. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag richtete 1 artiger Sturm in Gießen vielfachen, wenn auch nicht bedeutenden Schaden an. Auch aus an⸗ deren Gegenden werden Verheerungen durch Sturmwetter gemeldet. Hitzige Debatte. In Wehrda bei Marburg hielt der Nationalsoziale v. Gerlach eine Versammlung ab. Nach derselben kam es nach Mittheilungen der„Hess. Landesztg.“ mit den anwesenden Bauernbündlern beinahe zu Schlägereien. Verschiedene der Bündler bedroh⸗ ten Herrn v. Gerlach und seine Freunde mit Fäusten und Stühlen. Bergrutsch. Zwischen Ehrenbreitstein und Vallendar wurde durch einen Bergrutsch die Tele⸗ graphenleitung zerstört. Arbeiterbewegung. Buchdrucker und„Leipziger Volks⸗ zeitung“. Zu den Streitigkeiten in der Leip⸗ ziger Volksztg. veröffentlichte der Fraktionsvor⸗ stand der sozialdemokratischen Partei eine Er- klärung, in der es am Schlusse heißt: „Die Fraktion ist von jeher, und zwar unter Zustimmung der ganzen Partei, dagegen auf⸗ getreten, wenn die Leiter von Staats- oder Pri⸗ vatbetrieben Arbeiter entließen, weil diese einer ihnen mißliebigen Partei angehörten. Von diesem Gesichtpunkte aus kann die Fraktion es auch nicht billigen, daß die Frage, ob ein Arbeiter eine gewünschte politische Thätigkeit ausübe oder nicht, bei der Kündigung oder Ent⸗ lassung in Parteigeschäften entscheidend sei. Die Fraktion spricht deshalb die Hoffnung aus, daß die Leipziger Parteigenossen Alles aufbieten, um den gemachten Mißgriff auszu⸗ gleichen und die daraus entsprungenen Diffe⸗ renzen zu beseitigen, sie erwartet aber auch, daß der Buchdruckerverband eine Kampfweise ein⸗ stellt, welche die herrschende Verbitterung nur verschärfen muß.“— Zur Uebernahme der Ver⸗ mittelung erklärt sich die Fraktion bereit.— Mit der vom Fraktionsvorstand hier ausge⸗ sprochenen Ansicht können wir uns nicht ganz einverstanden erklären. So lange das Unter ⸗ nehmerthum unsere Genossen maßregelt — und das geschieht, so sehr wir immer dagegen auftreten, heute noch ma ssenhaft sowohl in Staats- wie in Privatbetrieben, so lange sind unsere Parteiunternehmungen gewissermaßen gezwungen, ihnen größeren Schutz zu ge⸗ währen und bei Entlassungen zu berücksichtigen, ob den Betreffenden auf der Suche nach Arbeit größere oder geringere Schwierigkeiten ent⸗ gegenstehen.— Aber wir meinen, es wäre der Geschäftsleitung ein Leichtes gewesen, sich hier⸗ über mit den Verbandsmitgliedern zu verstän⸗ digen. f Von Seiten der Streikenden wurde ein Zir⸗ kular an die Parteipresse versandt, in welchem die Entwickelung des Streites eingehend ge—⸗ schildert wird. Ist diese Darstellung richtig, woran wir nicht zweifeln, so trifft allerdings die Geschäftsleitung der Volksztg. die meiste Schuld an dem Konflikte. Die Schreiner in Mainz stehen jetzt mit ihren Arbeitgebern in Verhandlung wegen Schluß der Arbeitszeit Nachmittags 4 Uhr an den den hohen Feiertagen vorhergehenden Ta⸗ gen, weil dann die Frauen noch Gelegenheit hätten, ihre Einkäufe rechtzeitig machen zu können. Gleichzeitig habe, wie berichtet wird, der Arbeitgeber-Verband den Arbeitern den Vor⸗ schlag gemacht, die Lohnzahlung am Don- nerstag, nicht mehr am Samstag vorzuneh⸗ men. Damit werden sich die Schreinergesellen sehr gern einverstanden erklären. Der Maurerstreik in Halle dauert fort, da die Unternehmer es abgelehnt haben, vor dem Gewerbegericht als Einigungsamt zu erscheinen. Die Streikenden sind zu festem Aus⸗ halten entschlossen, die Situation ist recht günstig für sie.„Arbeitswillige“ sind bisher noch nicht vorhanden. Nutzen der Organisation. Die Schuhfabrik Stern in Bockenheim hatte Reduk— tion der Löhne bis zu fünfzig Prozent ange— kündigt. Auf sofortige Intervention des Vor⸗ sitzenden des deutschen Schuhmacher ver⸗ bandes Simon in Nürnberg und durch das geschlossene Vorgehen der Arbeiter sah sich die Fabrikleitung veranlaßt, von der Lohnreduktion Abstand zu nehmen. Wie man sieht, tragen die zur Gewerkschaft geleisteten Beiträge recht gute Zinsen! Streikposten⸗Prozeß. Nicht weniger als 20 Schreiner standen am Mittwoch vor dem Frankfurter Schöffengericht. Sie hatten Strafbefehle erhalten, weil sie während des Schreinerstreiks, den Aufforderungen der Polizei⸗ beamten eine Straße oder ein Stadtviertel zu verlassen, nicht Folge geleistet haben. Die Fälle werden einzeln verhandelt; nachdem die ersten zwei Angeklagten freigesprochen waren, zog der Staatsanwalt die Anklage gegen die übrigen zurück. Auf Antrag des Vertheidigers beschloß das Gericht, auch die Vertheidigungs⸗ kosten der Staatskasse zur Last zu legen. Versammlungs⸗ Kalender. Samstag, 8. Dezember. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Gießen. Orbig. Vortrag über Uhr, Versammlung bei „Heinrich Heine“. Sonntag, 9. Dezember. Lollar. Wahlvereinsversammlung. 1/11 Uhr im Gasthaus„zum Schwanen“. Vorm. Litterarisches. Die Socialistischen Monatshefte(Berlin W., Lützowstr. 85a.) haben soeben das Decemberheft ihres 6. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt. desselben heben wir hervor: Georg von Volmar Zum Fall Millerand.— Max Schippel: Con⸗ sument u. Producent.— Dr. Conrad Schmidt: Nochmals die Moral.— Wilhelm Bölsche: Hinaus über den Naturalismus.— Eduard Bernstein: der Londoner Hooliganismus und seine Ursachen.— Dr. Curt Grottewitz: Darwinistische Mythen.— Prof. Emile Vandervelde: Staat und Ver⸗ waltung.— Dr. Georg Müller: Die deutsche Studentenschaft an der Jahrhundertwende.— Anton Aschkerz: Die Kohlengräber— Rundschau(Ge⸗ werkschaftsbewegung.— Genossenschaftsbewegung.— Rappaport: Lawrows Socialphilosophie.— Oppen⸗ heimer: Das Malthussche Bevölkerungsgesetz.— Carring: Das Gewissen.— Bölsche: Das Liedesleben in der Natur.— Goethe im 20. Jahrhundert.— Ostwald: Vagabonden.—) Der Preis des elegant ausgestatteten Heftes beträgt 50 Pfg., pro Quartal 1,50 Mk. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, Colporteure und Postanstalten.(Postzeitungskatalog No. 6961) ferner durch die Cxpedition der Sozialistischen Monatshefte, Berlin W., 35. Zusendung in offenen oder geschlossenen Couvert.) Von Wurm's: Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie er⸗ schien soeben das 13. und 14. Heft. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Die Haut und ihre Pflege.— Nägel und Haare.— Nerven und Gehirn, sowie die vor⸗ kommenden Erkrankungen dieser Organe.— Die Geistes krankheiten. Das Werk ist in 25 Heften à 20 Pfennig komplett. Alle Buchhandlungen nehmen Be⸗ stellungen entgegen. Gesundheitspflege. Der in weitesten Kreisen bekannte Spezialarzt für Lungenleiden Dr. med. Hofbrückl in München W. hat ein Verfahren durch lange Jahre hindurch erprobt, durch welches in völlig unschädlicher Form Tuberkelbacillen zum Verschwinden gebracht werden. Es ist zu empfehlen, bei allen Er⸗ krankungen der Athmungsorgane, wie Tuberkulose, be⸗ ginnender Schwindsucht, Blutspucken, chronischem Brust⸗ katarrh, Kehlkopfkatarrh und Lungenspitzenkatarrh und auch bei Asthmaanfählen; dabei bessert es den allge⸗ meinen Krästezustand des Kranken, löst den Husten, erleichtert den Auswurf und bringt diesen schließlich ganz zum Verschwinden; zugleich regt es den Appetit an, Nachtschweiße und Fieber hören auf, hingegen nimmt das Körpergewicht wieder zu und macht so die Genesung rasche Fortschritte. Genossen! Agitirt allerorts für die Parteipresse! EPT ˙. U / N S SAA S= S . 2 o N E —— 222 — Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. f Nr. 50. 2 katze ab, wolle auf seiner Muthung Raubbau„ brecher. Meiden Sie die Lütticher G Unterhaltungs Theil. treiben. Dummer Kerl, es giebt der Mädels drüben bei Verviers giebt's Tepe gun 6——— noch viele vom Hohen Veen bis zur Nord⸗ Mit einem dur pfen„Glück auf!“ verschwand Die Bonoratioren). ee.“———————— Auf dem Schachte Nummer zwölf der Zeche „Sankt Gadule“ stehen in schwüler Heil Dir und Preis du Landeskraft Du Honoratioren! Wer Geld hat, braucht in Wissenschaft Nicht sein Gehirn zu schmoren. Er ist des Staates höchste Zier, Er trägt die längsten Ohren; Und seinen Ruhm verkünden wir, Wir Honoratioren. Durch's Leben geh'n wir wie ein Bolz, Wir Honoratioren, Zu Lust und Ehr', zu Gluck und Stolz Vom Himmel auserkoren Und sterben wir, so ruft mit Macht Aus seinen Himmelsthoren Der heil'ge Petrus:„Platz gemacht Für Honoratioren!“ „Virbot'ner Eingang“ schrieben gleich Wir Honoratioren An ein besond'res Himmelreich Für Leute wohlgeboren. Da sind wir selig ganz allein, Vom Pöbel ungeschoren— Wie könnten wir sonst selig sein, Wir Honoratioren?! Ludwig Pfau. Auf Leben und Tod. Es ift Samstag, Lohntag der Bergleute. In der Taverne stehen vor dem Büffet Gruppen schwarzer Gestalten, Andere sitzen auf den Bänken um die massiven Eichentische, wieder Andere haben das Billard besetzt. Die Unter⸗ hallung ist heute— selbst für die Bergarbeiter des Maasbeckens— lebhaster als sonst. Ein besonders hitziges Wortgefecht hat sich an dem quer vor der Barre stehenden großen runden Tische entsponnen, an welchem auch die in der Nähe Sitzenden regen Antheil nehmen. Es handelt sich um einen vor Kurzem geplanten Streik, dessen bereits erwählte Führer jedoch schon jetzt, ehe der Ausstand in Scene gesetzt werden konnte, gemaßregelt worden waren. „Es ist Verrath dabei im Spiele.“ „Mäßigt Euch, der Verräther ist mitten unter uns. Er schürt, stachelt und hetzt am meisten. Mareiken beim Direktor, der er immer nachschleicht, obwohl sie ihn verabscheut, war unabsichtlich Zeugin, als er dem Herrn die An- gaben machte und den Anschlag preiz gab. Es ist Henri Desanne.“ Hochauf fährt der hünenhafte Wallone, als er seinen Namen nennen hört, seine nervige Rechte ballt sich wie im Kampfe, den Oberkörper beugt er weit vor und seine schwarzen Augen lohen wie die eines sprungbereiten, beutegierigen Naubthiers hinüber nach dem Ankläger, dem Vlamländer Pol Verhaeren, welcher ihm ruhig entgegenblickt.„Hund, das sollst Du mir büßen!“ Doch plötzlich in ein boshaftes Lachen ausbrechend, einen tückischen Blick auf seinen Widersacher werfend und die Angriffstellung auf⸗ gebend, ruft Desanne:„Verhaeren ist ein Narr! Er ist eifersüchtig, weil ich in seinem Nebier der Fährte von de Mont's Mareiken vachspürte. Er glaubt, ich jage ihm die Wild⸗ *) Eigentlich: Die Geehrteren; die Vornehmen, Angehörigen der„besseren Gesellschaft“. Maiennacht zwei Bergleute zu Haspel⸗ bedienung. Aus einer alten, rostigen Kohlenpfanne neben dem Ventilator fällt der rothe Lichtschein auf die Gestalten der Männer, die mit straffer Anspannung der Muskeln des entblößten Oberkörpers die Handeisen drehen, so daß Ring an Ring des Draht⸗ seils der heraufkommenden Förderschale sich um das Holz der Welle legt. Schweigend, wortlos verrichten die Beiden die Arbeit der Nachtschicht auf der an einer entlegenen Stelle des Betriebs nieder⸗ geführten Teufe. Es ist Henri Desanne und Pol Verhaeren. Während der Vlame die Sörderschale vollends auf den Rand des Schachtes empor⸗ zieht und dann den Inhalt die Halde hinab⸗ schüttet, folgen ihm die Augen Desanne's in grimmigem Hasse, in kaum zu bändigender Rachsucht. Rascher als sie heraufgewunden, senkt sich 15 Förd eschale wieder hinab auf die Schacht⸗ ohle. In er Füllungspause verläßt Verhaeren seinen L atz, um das Feuer der Kohlenpfanne nachzustochern. Dabei streift er absichtlich den nackten Oberarm seines Gegners. Mit einem dumpfen Wuthschrei wirft sich sofort der vor Erbitterung und Eifersucht rasende Wallone auf seinen Schichtgenossen und neben der gähnenden schwarzen Tiefe entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Desanne hat seinen Nebenbuhler über die rechte Schulter und linke Hüfte gefaßt, indeß dieser mit der rechten Hand die Kehle um; krampft. Der stämmige, jüngere Vlamländer ist dem riesigen Wallonen fast an Kräften gleich; jedoch hat der Letztere bei dem blitzschnellen Angriff sich die beste Stellung gewahrt. Auf dem schmalen Plateau der Halde, dicht hinter dem Rücken Verhaeren's, lauerte die Schachtöffnung. In stummem Ingrimm ringen die Männer, taub für Alles, was um sie her vorgeht. Das dreimal wiederholte Signal zum Aufholen ver⸗ hallt ungehört. Schon ermattet die Kraft Desanne's, die Faust des Gegners hemmt ihm den Athem, vor den Augen sprühen ihm Funken. Der Druck seiner Arme wird schwächer— da gleitet plötzlich der Vlamländer über ein am 5 5 liegendes Holzstück aus und sinkt in die niee. Mit einer gewaltigen, letzten Anstrengung reißt ihn der Wallone dicht am Schachtrand vollends nieder. Doch während Desanne triumphirend einen Moment lang dem Gestürzten ins Antlitz schaut und ein grimmiges Lachen seine Züge überfliegt, löst sich aus der schwarzen Tiefe der Schacht⸗ einfahrt eine dunkle Gestalt, ein furchtbarer Faustschlag schleudert den fiegestrunkenen Wallonen zur Seite. Zugleich wird Verhaeren von dem Abgrund zurückgerissen und springt empor. Vor den Todfeinden steht der Schichtmeister, ein Westfale. Trotz seiner Strenge im Dienste der belieb⸗ teste Beamte im ganzen Betrieb, der zu jeder Zeit, Tag und Nacht der Belegschaft an den gefährdeten Punkten voranstand und stetig die Rechte der Arbeiter verteat. „Was ging hier vor?“ „Desanne ist wahnsinnig, Herr Schichtmeister, lassen Sie ihn laufen und das Vorgefallene unerörtert.“ „Rir ahnte gleich Unheil, als das Signal zum Anziehen erfolglos blieb und ich drunten vernahm, daß Ihr Beide allein hier oben Schicht hattet. Desanne, Sie sind entlassen. Sie sind sonst ein brauchbarer Mensch; aber neulich machte Sie die Eifersucht zum Verräther an Ihren Genossen und heute beinahe zum Ver⸗ der Wallone im Dunkel.——— Unheimlich durch die schwüle Finsterniß der 1 9 5 lohen rings im schwarzen Lande die en. Zuckend umflackert der rothe Schein aus der Kohlenpfanne die Gestalten der beiden Männer der Haspelbedienung, die Pol Verhaeren's und seines zur Ablösung für Desanne herbeibeorderten⸗ Gefährten. In vollen Zügen athmet der Vlame die erstickende Luft, seine Augen leuchten auf in Lebens bejahung nach der furchtbaren Gefahr. Weithin lodernde Feuer und stummes Dunkel. Der Bekämpfung. (Der nachstehende Artikel ist dem im 5 griffenen Lieferungswerke„Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie“ von Emanuel Wurm(erlag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stutt⸗ gart) entnommen. Wir können das betreffende Werk unseren Lesern nur angelegentlichst empfehlen.) Alkoholische Getränke können, in mäßiger Menge genossen, für erwachsene Personen als Reizmittel zur Förderung der Verdauung dienen; dagegen führt Un⸗ mäßigkeit in ihrem Genuß zur Zerrüttung des Körpers und Geistes. Je alkoholreicher ein Getränk ist, um so rascher und stärker wirkt es, deshalb ist Brannt⸗ wein(gewöhnlicher mit 33 bis 45, Kognak mit 40 bis 70, Arrak mit 60, Rum mit 52 bis 75 Prozent Alkohol) am verderblichsten, während Bier, dessen leichtere Sorten 3 bis 4 und dessen schwerere 4 bis 6. Prozent Alkohol enthalten(Weiß. und Braunbier nur 1½ é bis 3 Prozent) und Wein(Mosel mit 6, Rhein⸗ wein bis 13, Champagner, Bordeaux⸗ und Burgunder⸗ wein bis 14, Portwein, Madeira, Malaga 15 bis 24. 1 erst in größeren Mengen berauschende Wirkungen äußert. Uebermäßiger Wein⸗ und Biergenuß führt ebenfalls zu schweren Erkrankungen, besonders zu Herzverfettung und Leberleiden, schließlich zum alkoho⸗ lischen Irrsinn. Das Fettherz der Biertrinker und die geistige Stumpfheit der gewohnheitsmäßigen Vertilger größerer Biermengen, wie sie sich besonders bei der studirenden Jugend bemerkbar macht, sind nicht wenig verbreitet. Am schädlichsten ist der sogenannte„Früh⸗ schoppen“, der Bier- oder Weingenuß am Vormittag. Noch schlimmer ist die in so vielen Industriegegenden übliche Uẽsiite, das die Arbeiter früh Morgens, wenn sie zur Arbeit gehen, anstatt eines warmen Getränks (Kaffee oder Milch) bereits Bier trinken. Die traurigsten Folgen verursacht aber die Trunk sucht in denjenigen Bezirken und Lände n, in denen der Branntwein das Volksgetränk ist. Sie ist hier in so erschreckendem Maße verbreitet und greift so rapide um sich, daß man von einer Schnaps pest reden kann. Ob der Branntwein mehr oder weniger frei von Fu sel⸗ ölen ist, spielt dabei keine so große Rolle, auch ist der gewöhnliche, in Deutschland hergestellte Kartoffelschnaps⸗ davon freier, als man lange Zeit annahm. Nur der Abiynth wirkt nicht nur durch seinen höheren Alkohol⸗ gehalt, fondern auch durch seine ätberischen Oele noch zerrüttender auf das Gehirn als der gewöhnliche Schnaps. Ganz entsetzlich sind die Wirkungen des Aethers (Schwefeläthers), der dort, wo der Branntwein durch Steuern vertteuert ist, als Berauschungsmittel benützt wird, so unter der ostpreußischen L. noͤbevölkerung. Der Aethergenuß erzeugt krankhaften Stumpfsinn, auch Herz⸗ und Gehirnschlag. Um dem Aethergenuß Einhalt zu thun, ist im Deutschen Reiche im Oktoker 1900 die Steuerfreiheit des zur Aetherbereitung dienenden Spiritus aufgehoben und dadurch der Aether vertheuert worden. Durch fortdauernden Alkoholmtsbrau ch werden körperliche und geistige Störungen hervorgerufen, die, anfänglich wenig oder gar nicht bemerkbar, schließlich zur völligen Zerrüttung des Geistes und Körpers führen.“ Zunächst zeigen sich nur leichte Verdauungsstö rungen, dauernder Mogenkatarrh mit Appetitlosiskeit, der durch scharf gewürzte Speisen zu überwinden gesucht, aber dadurch noch verschlimmert wird. Es folgt Leberversettung, Herzschwäche, Berschlechterung des Blutes und dadurch der Ernährung des Körpers, wie des Nervensystems. Kennzeichen des chronischen Alkoholismus sind: sittliche Entartung, Steigerung der Reizbarkeit, geistige Verstimmung, Abnahme der Willens kraft und der geistigen Leistungsfähigkeit. Dazu tritt Eifersuchts⸗ wahn, Kopfschmerz und Benommenheit, Störungen der Sinnesapparate, besonders Illusionen und Halluzinationen im Gebiet des Gesichts⸗ und a chörsinnes, die sich zu Sinnestäuschungen steigern, welche auch zu Gewaltthaten Anlaß geben können, da sich im Rausche alle Vor⸗ stellungen leichter in Handlungen umsetzen als in nor⸗ malem Zustand. Ferner zeigen die Störungen der Be⸗ wegungsnerven, die zum Zittern an Zunge, Lippen, Gesiost und Händen führen, besonders im nüchternen Zustand, während es sich nach Altoholgenuß mäßigt. Auch Wadenkrämpfe und Lähmungen, namentlich der Sesichtsnerven und in den Beinen treten auf, außerdem Neuralgien, Abnahme des Geschlechtstriebs und der Be⸗ gattungsfähigkeit. Forts. folgt. Dam en sowie fäl — 78 N N 1 A N * 5 es 880 N * 8 D N 8 8 8 8 . 252 2 5 Prugen t, dessen te 4 bis 6 bier nur 6 35 Leer bei det cht wenig ·„dtüh⸗ Vormittag. iegegenden 1, wenn Getränk dir Trunl denen det 1 in so tebibe eden bann. Nr. 50. 7855 83 . 7 Seite 7. 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