Nr. 15. Gießen, Sonntag, den 8. April 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche 9 * Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr n Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.3 * ——— Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Dürfen die Wehrpflichtigen in die Kolonien verschickt werden? Kürzlich wurde im Reichstag die Frage er⸗ örtert, ob deutsche Wehrpflichtige ohne ihre Ein⸗ willigung im Auslande stationiert werden dürfen. Die Konservativen bejahten sie natürlich, Staats⸗ sekretär Tirpitz war selbstverständlich ähnlicher Meinung, das Zentrum sagte, seiner Eigenschaft als Partei sür höhere Seiltänzerei getreu, weder ja noch nein, nur die Sozialdemokratie bestritt die Berechtigung unzweideutig. Und dieser Stand⸗ punkt, schreibt die„Leipziger Volkszeitung“, ist auch zweifellos der richtige, denn er allein ent⸗ spricht dem Wesen der allgemeinen Wehrpflicht, mit der es unvereinbar ist, daß sie reinen Welt⸗ machtsgelüsten und Kolonialabenteuern Vorschub leistet. Die allgemeine Wehrpflicht beruht auf der Idee der reinen Verteidigung des Vater⸗ landes, wie schon ihr Ursprung beweist. Sie wurde in Frankreich am Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts, als die junge Republik von fast ganz Europa bedroht wurde, zum erstenmal in einem europäischen Kriege erprobt, sie wurde dann in Preußen unter dem Drucke der napoleonischen Herrschaft eingeführt. Sie ist also nicht aus dem Gedanken des Raubes hervorgegangen, son⸗ dern sollte nur dem Schutze des Landes dienen. Damit ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß eine auf grund der allgemeinen Wehrpflicht geschaffene Armee zum Angriff auf ein fremdes Land über⸗ geht; dieser Angriff darf aber nur zum Zwecke der Abwehr eines drohenden gegnerischen ge⸗ schehen. Daß aber die Chinesen, die Samoaner oder die afrikanischen Neger das deutsche Reich irgendwie bedroht haben, wird wohl auch der größte Kolonialschwärmer nicht behaupten wollen. Aus der nackten Thatsache, daß Kolonien immer nur auf dem Wege des Raubes, der gewaltsamen Besitzergreifung erworben werden, ergiebt sich allein schon die Unzulässigkeit, hier aus der all⸗ gemeinen Wehrpflicht hervorgegangene Truppen ohne ihre Zustimmung zu verwenden. Ferner kommt doch auch noch die einfachste Gerechtigkeit in Betracht. Es ist wahrlich schon genug, daß die aus dem ganzen Volke hervor⸗ gegangene Armee ohne jede Anfrage bei der Ver⸗ tretung eben dieses Volkes mobilisiert und in einen europäischen Feldzug geschickt werden darf, es ist auch vollauf genug, daß der Wehrpflichtige auf zwei und drei Jahre aus seiner Heimat, aus seinem Beruf gerissen wird, nur um das soldatische Handwerk zu erlernen. Daher ist es gewiß nicht am Platze, den Mann auch noch auf Befehl von oben in eine überseeische Gegend zu bringen, wo ihn Typhus, Malaria, Cholera und eine feindselige Bevölkerung bedrohen. Wer Lust zu solchen Abenteuern hat, mag sie auf⸗ suchen, auch der Berufssoldat muß sich ihnen auf Befehl unterziehen, aber einen Soldaten, der nicht freiwillig, sondern nur auf grund gesetzlicher Bestimmungen den Waffenrock trägt, in solche fremdländische Gebiete zu versetzen, ohne nach seiner Zustimmung zu fragen, ist unerhört und erinnert an Sklaverei. 2 Endlich ist ein solches Verschicken in die Kolonien auch vom militärischen Standpunkt aus unrichtig. Der auf grund der allgemeinen Wehr⸗ pflicht eingezogene Mann soll das Kriegshand⸗ werk erlernen, das er auf europäischen Schlacht⸗ feldern braucht. Dieses kann er sich aber in den Kämpfen mit Wilden und Chginesen nicht aneignen, im Gegenteil wird er in solchen Re⸗ kontres die für einen Krieg zwischen zivilisierten Nationen nötigen Eigenschaften sehr bald ver⸗ lieren bezw. überhaupt nicht erlernen. Nun hat der Abgeordnete von Levetzow auf den Fahneneid hingewiesen, der den Soldaten verpflichtet,„zu Wasser und zu Land“ zuzdienen, woraus Herr von Levetzow die Zulässigkeit der zwangsweisen Stationierung unserer Truppen in den Kolonien ableitete. Demgegenüber ist zu bemerken, daß der Fahneneid, der mindestens schon 60 Jahre alt ist, zu einer Zeit festgesetzt wurde, wo noch niemand an ein deutsches Reich, geschweige denn an deutsche Kolonien dachte. Weiter muß erwähnt werden, daß der Fahneneid überhaupt nicht streng nach den Gesetzen formu⸗ liert ist und daher jeder Beweiskraft entbehrt. So schreibt er zum Beispiel vor, daß die Befehle der Vorgesetzten ohne Widerrede und unverdrossen zu vollziehen seien, das heißt, es müßten also nach dem Fahneneid auch solche Befehle vollzogen werden, die eine strafbare Handlung bezwecken. Das ist aber selbstve ständlich falsch, wie der § 47 des Reichs militärstrafgesetzbuches, wonach derjenige, der einen auf ein Vergehen oder Ver⸗ brechen abzielenden Befehl im Bewußtsein von dessen Strafbarkeit vollzieht, als Teilnehmer be⸗ straft wird, zur Genüge darthut. Endlich ist noch zu erwähnen, daß der Fahneneid überhaupt nur eine Zeremonie mit lediglich symbolischer Be⸗ deutung ist. Auch wenn ein Rekrut noch vor der Ableistung des Fahnenei es desertiert, so wird er dennoch wegen Fahnenflucht zur Ver⸗ antwortung gezogen, weil eben die Bestimmungen der Wehrpflicht unabhängig vom Fahneneid im Reichsgesetz festgelegt sind, das der Ausreißer verletzt hat. Und sollte dieses Reichsgesetz den geringsten Zweifel über die Unzulässigkeit der zwangsweisen Verwendung deutscher Truppen in den Kolonien gestatten, so wäre es höchste Zeit, die Lücke zu schließen. Uebrigens bietet die Behauptung der Konser⸗ vativen, daß unsere Mannschaften auch gegen ihren Willen in die Kolonien verschickt werden dürfen, sowie die Haltung der Regierung in dieser Sache ein trefiliches Agitationsmaterial gegen die Weltpolitik. Wenn die Eltern jeden Augenblick damit rechnen müssen, daß ihre Söhne an die Stätten der Cholera, des Typhus, des gelben Fiebers gebracht werden, so wird ihnen die Lust an dem„größeren Deutschland“ bald vergehen. — Die Flottenverlage in der Kommission. Die Kommission, an welche der Reichstag die Flottenvorlage verwiesen hat, ist nun dem Gegenstande„näher getreten“. In der General⸗ debatte, die in vier Hauptabschnitte zerfallen soll, nämlich: 1. Notwendigkeit und Umfang der Flottenvermehrung, 2. Kosten und Beschaffung der Mittel, 3. gesetzliche Festlegung der Ber⸗ mehrung, 4. Durchführung der Permehrung, be⸗ stritten die Regierungsverkreter, daß die Vorlage einen aggressiven(angreifenden) Charalter habe, man benötige der Flottenvergrößerung lediglich zu Verteidigungszwecken. Dem wurde von Seiten unserer Genossen und andern Gegnern der Vor— lage entgegengehalten, daß uusere Flotte dazu volllommen genüge. Bebel stellte fest, daß Deulschlands Seemacht die stärkste sei im Ver⸗ hältnis zu seiner Küstenlänge und seinem Kolonial⸗ besitz.— Die Hauptfrage der Beratung war die der Kostendeckung. Festgestellt wurde hierbei, daß ausländische Werften die Panzerschiffe um ein Viertel billiger herstellen, als die deutschen Staatswerften. Die riesigen Profite Stumms und Krupps an dem Panzermaterial wurden bestätigt. Danach bringt die Bewilligung der Vorlage diesen beiden Patrioten einen Reingewinn von 130 Mil⸗ lionen Mark! Wie die Kosten aufgebracht werden sollen, darüber hat die Regierung keine Vorschläge gemacht. Von den Flottenfreunden wurde nun hin und hergeraten, was für Steuer⸗ arten noch einzuführen seien; da ist aber nicht leicht etwas zu finden; bei uns in Deutschland ist nach der Richtung hin„alles besetzt!“ Dabei sollen nur die„stärkeren Schultern“ belastet werden, was die Sache noch schwieriger macht. Für Vermögens⸗ und Erbschaftssteuer sind natürlich die Edelsten und Besten nicht zu haben, bei ihnen hört die Flottenbegeisterung mitsamt dem Patriotismus auf— wenn's Geld kostet. Steuer auf Eisenbahnfahrkarten, auf Sacharin (Zuckerstoff), sowie Verdoppelung des Lotterie⸗ stempels wurden noch in Vorschlag gebracht, aber man konnte sich auf keinen der Vorschläge einigen. Die genannten Steuerarten bringen außerdem viel zu wenig ein, um die Kosten zu decken. Schließlich wird man zu dem altbewährten Mittel der Erhöhung der indirekten Steuern greifen, wodurch wieder die werkthätige Bevölkerung be⸗ lastet wird und darum: Nieder mit der Flotten⸗ vorlage! Politische Bundschau. Gießen, 6. April. Zum Flottenrummel. k. Was ist nicht alles gefaselt und geschrieben worden von der„lohenden Begeisterung des deutschen Michels“ für die Vergröße⸗ rung der Flotte? Rührend schilderten die General⸗ anzeiger und Amtsblätter von Berlin bis Pose⸗ muckel die Opferwilligkeit des Volkes. Eine „große, herrliche Zeit der geistigen Erhebung sei angebrochen“; nicht zu bändigen sei die Begeiste⸗ rung der Massen; mit einem Schlage sei die „durch mancherlei Vorgänge erzeugte Unzufrieden⸗ heit“ beseitigt und alles Volk folge dem Dreizack in der gepanzerten Faust. Schlimmes wurde den Gegnern der„herrlichen Bewegung“ prophezeit. Denjenigen, die nicht mit Hurra den Anregungen der flotten- und profitbegeisterten Agenten der Großindustrie zustimmten, tönte der alte lieb⸗ liche Kosename„Reichsfeind“ in allen Variationen entgegen. Sogar die Zunst der hochgelahrten Herren Professoren geruhte zu den gewöhnlichen Sterblichen herunterzusteigen und anstatt der Jugend das„Wahre, Schöne, Gute“ beizubringen, hörten wir aus beredtem Munde Lob und Preis 8—* 2— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 15. des Krieges, der Weltherrschaft, der Gewalt— herrschaft. Und nun sehe man sich im Lande die Früchte all des Spektakeln an! Wo spricht ein Mensch von der Flotte? Wären nicht hier und da einige„Patentpatrioten“, die eben schon deswegen dabei sind, damit man etwas von ihnen hört, würde sich kein Mensch darum bekümmern. Die paar Macher, die auch einer Luftballon⸗ expedition auf den Mond ihre Zustimmung geben würden, wenn sie von„hoher“ Stelle angeregt würde, haben keine Bedeutung. Und das übrige „Volk“ ist klug genug geworden, um einzusehen, daß allerdings einige Leute Millionen verdienen, daß aber die Nasse die Zeche bezahlen muß. Man sehe sich die Verhandlungen der Budget⸗ kommission über die Flotte an, sie lassen sich kurz zusammenfassen in die paar Borte:„Schöne Worte“ für die Flotte im Uebermaß, aber be⸗ zahlen will niemand. Darum dürfen wir jedoch nicht nachlassen, den Flottenkurs nach wie vor zu bekämpfen; zu guterletzt werden sich die bürger⸗ lichen Parteien doch auf einer Mittellinie zusammenfinden, und die Mittellinie wird neben einigen theoretischen Schwärmereien für Belaftung der starken Schultern doch in der Praxis sein, daß gerade die Kleinen die Opfer bringen müssen. Darum Augen auf, Arbeiter, gegenüber den Agenten der Krupp, Stumm und Genossen. „Gemachte“ Flotten begeisterung. Vor kurzem ging eine Notiz durch die Presse, des Inhalts, daß der evangelische Arbeiterverein iu Dresden, der 7000 Mitglieder zähle, für das Flottengesetz petitioniert habe. Das wundert uns nun weiter nicht. In solchen„Arbeiter“- Vereinen spielen in der Regel Beamte, Lehrer und Pfaffen die erste Geige, und wenn wirk⸗ liche Arbeiter diesen Organisationen als Mitglieder angehören, so sind sie entweder in der Minderheit oder sie haben auf die Vereins⸗ leitung nur geringen oder gar keinen Einfluß und folgen willenlos ihren Leithämmeln. Wie aber sonst noch ähnliche Petitionen zu stande gebracht werden und wie Arbeiter auf grund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit solche unter⸗ zeichnen müssen, dafür führt der„Vorwärts“ folgende Beispiele an. In Leipzig ließ der Inspektor Schulz an der städtischen Markthalle 16 Arbeitern, die zum Reinigen der Halle an⸗ gestellt sind, die Petition mit dem Bemerken vorlegen, er zwinge niemanden zur Unterschrift, hoffe aber, daß er nur königstreu ge⸗ sinnte Arbeiter habe. Alle unterzeichneten, aus Furcht vor Entlassung.— Weiter wurde sämtlichen Arbeitern der pyrotechnischen Fabrik im Selkethal bei Harzgerode(Harz) ein Schrift⸗ stück mit der Ueberschrift:„Die Unterzeichneten schließen sich die umstehenden Eingabe vollinhalt⸗ lich an“ zum Unterschreiben vorgelegt. Nur ein einziger fragte, um was es sich handele. Er erhielt vom Werkführer zur Antwort, er möge nur ruhig unterschreiben, es handele sich um die Flotte. Keiner verweigerte die Unterschrift.— Auch auf der Zeche„Neu Iserlohn“ bei Bochum wurde am 27. v. M. die Nachtschicht in die Steigerstube beordert und den Arbeitern dort eine Liste zum Einzeichnen vorgelegt.— Aus Gießen ist ung ähnliches mitgeteilt worden. Hier wurden die Arbeiter zum Beitritt in den „Flottenverein“ animiert. Da müssen sie extra noch eine Mark Jahresbeitrag leisten. Und sie thun es; man weiß, warum. Auf letzteren Fall werden wir übrigens noch zurückkommen. Die Art, wie in diesen Fällen„Flotten⸗ begeisterung“ gemacht wird, nennt der„Vorw.“ mit Recht Falschmünzerei und der Reichstag wird sie hoffentlich als solche einschätzen. Ein agrarisches Zuchthausgesetz. Ein Ausnahmegesetz gegen die Landarbeiter ist dem Geraer Landtag(Reuß j. L. Es lautet: 9(Reuß j. L.) zugegangen. 8 1. Landwirtschastliche Arbeiter, welche widerrechtlich den Antritt der Arbeit 85 oder die Arbeit verlassen, werden auf Antrag des Arbeitgebers, nach dessen Wahl, mit Geld⸗ strafe bis zu 30 Mark bestraft, oder von dem Gemeindevorstand des Arbeitsortes dem Arbeit⸗ eber zwangsweise zugeführt. Der ntrag des Arbeitgebers auf Bestrafung oder auf Zuführung des Arbeiters ist nur innerhalb einer Woche nach dem vertragsmäßigen Arbeits⸗ tage beziehungsweise nach dem Verlassen der Arbeit statthaft. Die Zurücknahme des Antrags ist zulässig. Die beschlossene zwangsweise Zuführung kann in dringlichen Fällen durch ein dagegen erhobenes Rechts⸗ mittel nicht aufgehalten werden. Die Kosten der Zuführung fallen dem schuldigen Ar⸗ beiter zur Last. verbunden, diese Kosten verlagsweise für den Arbeiter zu entrichten—§ 2. Wer land wirt⸗ schaftliche Arbeiter zur widerrecht⸗ lichen Verweigerung des Antritts der Arbeit oder zum widerrechtlichen Ver⸗ lassen der Arbeit verleitet, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Mark bestraft. Derselbe ist dem Arbeitgeber für den daraus entstandenen Schaden verantwortlich; er haftet neben dem Arbeiter als Gesamtschuldner.—§ 3. Durch wissentliche Annahme kontraktbrüchiger Arbeiter zieht sich der Arbeitgeber eine Geldstrafe bis zu 150 Mark zu.— 8 4. Landwirtschaftliche Ar⸗ beiter, welche die Arbeitgeder zu gewissen Hand⸗ lungen oder Zugeständnissen dadurch zu bestimmen suchen, daß sie eine kontraktwidrige Ein⸗ stellung der Arbeit oder eine Verhinde⸗ rung derselben bei einzelnen oder mehreren Arbeitgebern untereinander verabreden, werden mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft. Die Anstifter unter⸗ liegen der gleichen Strafe, auch wenn sie keine landwirtschaftlichen Arbeiter sind.— 8 5. Uneinbringliche Geldstrafen werden nach den im Reichsstrafgesetzbuch 88 28 und 29 für die Uebertretungen gegebenen Vorschriften in Haft umgewandelt. 2 Das ist nichts als der unerhörte Versuch, dad Zuchthausgesetz in den Einzelstaaten durch⸗ zuführen, wie das schon anderwärts versucht worden ist— allerdings ein Zuchthausgesetz agrarischen Charakters, das die Koalition der landwirtschaftlichen Arbeiter mit Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht. Das Vorgehen der Einzelstaaten mahnt dazu, daß der Reichstag endlich, wie es die Verfassung fordert, das gesamte Koalitionrecht von Reichs⸗ wegen regelt. Nahrungsmittel⸗Wucher. In letzter Zeit haben sich land wirtschaftliche Vereinigungen vielfach mit den Zollsätzen beschäftigt, wie sie nach den Wünschen der Agra⸗ rier im neuen Zolltarif aufgenommen werden sollen. Eine Landwirtschaftskammer hat einen vollständigen Tarif für Agrarprodukte ausgear⸗ beitet, der von der„Frkf. Ztg.“ verüffentlicht wird. Die agrarische— Bescheidenheit tritt in folgenden dieser Liste entnommenen Sätzen zutage: Jetziger Beantrag⸗ Zoll ter Zoll Mk. Mk. Ochen per Stück 25 45 Sie(Gul) 1 9 40 Kühe: 3 15 9 30 Jungvieh und Kälber 0 3—5 15 Frisches Fleisch.. per Doppelztr. 15 30 Gesalzene Schinken„ 5 20 36 Spe 55 20 30 Wurst⸗ u. Fleischwaren„ 1 20 100 Schweineschmalz und Seek 15 10 30 Schweine 5 per Stück 5 15 Per Per D.⸗Ztr. D. ⸗Ztr. Geflügel geschlachtet, aller Art 12 36 ECier,rts⁷᷑l 2 17 Butter, auch Kunstbutteer. 16 30 Köse 20 40 Weisen und Roggen 3,50 Grrfeee.. 1.— 7—7 Hafer! Mehl und frisches Backwerk. 7,70 14—15 f 3,50 10 Kartoffeln(auch Topinambur).. frei 1 In dieser anmutigen Weise geht es noch eine Zeit lang fort. Wenn man diese Sätze liest und sich die Thatsache vergegenwärtigt, daß in Deutschland nicht soviel Lebensmittel produziert als gebraucht werden, so findet man kaum die Worte, um diese agrarische Unverschämtheit richtig Der Antragsteller ist jedoch zu bezeichnen. Die Verwirklichung dieser Wucher⸗ pläne, die immerhin möglich ist, bedeutet eine weitere, ganz empfiadliche Herabdrückung der Lebenshaltung der konsumierenden Bevölkerung. Sie würde aber zugleich den Zollkrieg bedeuten, denn diejenigen Läuder, welche land wirtschaftliche Produkte bei uns einführen, sind die bedeutendsten Abnehmer deutscher Indunriewaren, denen sie sofort die Grenzen ihrerseits absperren würden, wenn die obigen Sätze zur Geltung kämen. Und das hätte eine ungeheure Schädigung der deut⸗ schen Industrie zur Folge. Von der Lex Heinze. Ob das gesetzgeberische Monstrum, das die gescheitelten und geschorenen Mucker dem deutschen Volke aufhalsen wollen, nach den Osterferien noch einmal im Reichstage zur Verhandlung kommt, ist fraglich. Wenigstens meldet die„Frkf. Ztg.“ aus Berlin, daß man es stillschweigend beseitigen wolle.„Wenn auch begreiflicherweise der Bundes⸗ rat noch keinerlei Beschluß gefaßt hat, auf die weitere Beratung der Lex Heinze zu verzichten, und auch einen solchen Beschluß formell nicht fassen wird, so glaubt man doch auch in Bundes⸗ ratskreisen, daß der Gesetzentwurf thatsachlich unter den Tisch fallen wird. Diese Form des stillen Begräbnisses ist zwar in keiner Geschäfts⸗ ordnung vorgesehen, aber sie wird sehr häufig geübt.“ So sehr das nun auch zu wünschen wäre, sind doch Zweifel sehr am Platze. Möglich, daß das Zentrum seine Zustimmung zur Flotten⸗ vergrößernag von der Annahme der Lex Heinze abhängig macht. Die Proteste gegen den Ent⸗ wurf dürfen also nicht nachlassen. Von Seiten unserer Parteigenossen sind in letzter Zeit viele Protestversammlungen abgehalten worden, die glänzend verliefen und die, wie in Stuttgart und Leipzig, wo Gen. Schönlank referierte, von Tausenden besucht waren. Auch Nichtsozialdemo⸗ kraten ergriffen in mehreren Versammlungen das Wort, um ihren Protest mit unserm zu vereinigen. Fromme Sünder. Wenn ez den Verteidigern der Lex Heinze wirklich um die Hebung der Sittlichkeit zu thun wäre, dürften sie ihre dahingehende Thätigkeit zuerst in ihren Kreisen entfalten. Da fänden sie reichlich Arbeit. Wir sind gewiß die Letzten, welche die Vergehen eins Einzelnen seiner ganzen Klasse oder seinem Stande zur Last legen, wenn auch uns gegenüber solche Praktiken von Seiten der„Ordnungs“⸗Parteien und nicht zuletzt der „frommen“ Presse stets geübt wurden. Wir weisen nur darauf hin, wie immer, wenn ein mal irgend ein armer Teufel, der als Kassierer oder Vertrauensmann in unsern Reihen thätig war, aus materieller Not einige Mark veruntreuete, sich ein Geschrei erhob. Jeder derartige Fall wird stets in fast der ganzen bürgerlichen Presse mit Behagen breit getreten. Wollten wir uns mit jeder„geborstenen Ordnungsstütze“ ebenso ausführlich beschäftigen, es blieb in unserer Presse kein Raum mehr für andere Dinge. Gegenwärtig liegt eine ganze Liste von Affären à la Moo⸗ sauer vor. So wird aus Lüneburg geschrie⸗ ben: Schon die ganze Woche hindurch ging in Lüneburg uud in der Umgegend das Gerücht, daß der Herr Pastor Schrader aus Lüdersburg das Weite gesucht habe, weil sich die Folge eines intimen Verkehrs mit seinem Dienstmädchen nicht mehr länger verbergen ließen. Das Gerücht hat sich bewahrheitet. Der Diener Gottes ist ver⸗ schwunden. Gleichzeitig sei bemerkt, daß der Herr Pastor erst jung verheiratet und Vater eines fünf Wochen alten Kindes ist!— Ferner hat sich in Wurmlingen(Württemberg) der Heiligen⸗ pfleger Zepf durch Erhängen das Leben ge⸗ nommen. In der Kasse soll sich ein Defizit vnn 9— 10,000 Mk. vorgefunden haben. Der Heiligenpfleger hat also das„Teilen“ verstanden. Von der Sozialdemokratie kann er's in Wurm⸗ lingen nicht gelernt haben!— Weiter wurde in Salzburg(Oesterreich) der kath. Pfarrer L. Heilmaier wegen Sittlichkeitsverbrechen ver⸗ haftet. Ueber diesen Seelenhirten, der das Amt eines Lehrers an der Privatlehrerinnen⸗ Bildungsanstalt oer Ursulinerinnen in Salzburg bekleidete, berichtet man der Wiener Arb.⸗Ztg. daß er ein notorischer Trunkenbold Das in Güst Nummer hat dura Revision nicht no haft un Güstrow und de Schröder — Daf schlimmf Unbefan führt, k sisige, strupell soll, ur iner 0 freien! Schuld beamte auf der Eid, er müssen, Ueb Hauptb Schwur durchal kammer worden gesagt findet 15 er fe oder B Freispr dung e Destraf ist auf hufe g neue 2 zeuge! krlannt beigene bars schuldg M. dende leidende divit 2 Nr. 15. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. war. Man sah ihn immer nur mit einem Haufen kleiner Knaben oder Mädchen gehen. Bei letz⸗ teren erfreute er sich besonderer Beliebtheit wegen seiner blondgelockten Haare und hatte infolgedessen den Beinamen„Christkindl“. Obwohl alle ver⸗ nünftigen Leute Salzburgs seine beständige Vor⸗ liebe für Kinder verdächtig fanden, gingen die Eltern ihren Kindern nicht ins Gewissen. Auch die Behörden thaten nichts, um in das Treiben dieses Kerls Licht zu bringen. Wie viele Mäd⸗ chen des Ursulinerinnen⸗Klosters er unglücklich gemacht hat, läßt sich wohl nie nachweisen, denu diese sind schon zu alt, als daß sie sich selbst an den Pranger stellen möchten.— Einen Kollegen des Vorigen verurteilte die Strafkammer zu Kempten am Samstag in der Person des Kaplan Ed. Schön von Seifriedsberg wegen fortgesetzter Verbrechen wider die Sittlichkeit, be⸗ gangen an Konfirmandinnen, zu zwei Jahren Gefängnis. Obwohl unsere Liste noch nicht erschöpft ist, wollen wir es vorläusig dabei bewenden lassen. Das Güstrower Urteil. Das unglückliche Opfer des Meineidsprozesses in Güst row— über den wir in der letzten Nummer ausführlich berichteten— Gen. Holst, hat darauf verzichtet, von dem Rechtsmittel der Revision Gebrauch zu machen, um seine Qual nicht noch durch Fortdauer der Untersuchungs⸗ haft unnütz zu verlängern.— Das Urteil in Güstrow reiht sich dem Löbtauer Zuchthausurteil und dem im Essener Meineidsprozeß gegen Schröder und Genossen ergangenen würdig an. — Daß wir es hier mit einem Fehlspruch schlimmster Art zu thun haben, wird für jeden Unbefangenen klar, wenn man sich vor Augen führt, daß ein seit vielen Jahren am Orte an⸗ 2 75 ehrenhaster und unbescholtener Bürger krupellos einen falschen Eid geschworen haben soll, um einen Freund und Parteigenossen von einer Geldstrafe von zehn Mark zu be⸗ freien! Und mit welchen Mitteln wird die Schuld des Angeklagten erwiesen? Zwei Polizei- beamte, die sich in seiner unmittelbaren Nähe auf der Straße aufgehalten, bekunden unter ihrem Eid, er habe die beschimpfenden Rufe vernehmen müssen, weil sie sie gehört hätten! Uebrigens wird jetzt mitgeteilt, daß der Hauptbelastungszeuge, Polizist Schütt, der dem Schwurgericht als einwandfreier Zeuge galt, durchaus unglaubwürdig ist. Vor der Straf⸗ kammer in Rostock ist am Mittwoch erwiesen worden, daß Schütt unter Eid die Unwahrheit gesagt hat. Nach§ 399 der Strafprozeßordnung findet aber die Wieder aufnahme eines Verfahrens statt,„wenn neue Thatsachen oder Beweismittel beigebracht sind, welche die Freisprechung des Angeklagten oder in Anwen- dung eines milderen Strafgesetzes eine geringere Bestrafung zu begründen geeignet sind.“ Holst ist auf grund der Aussage Schütts, er habe die Rufe gehört, verurteilt worden. Jetzt liegt die neue Thatsache vor, daß der Hauptbelastungs⸗ zeuge durch das Gericht in Rostock als ein Mann erkannt worden ist, dessen Aussagen kein Gewicht beigemessen werden kann. Wird die mecklen⸗ burgische Justiz das Ihrige thun, nm einen Un⸗ schuldigen aus dem Zuchthaus zu befreien? Internationales. -m. Die„Schlesische Altiengesellschaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb“ giebt ihren not⸗ leidenden Aktionären„nur“ 27 Prozent Dividende pio 1899. Die Arbeiter dieser Gesellschaft verdienen durchschnittlich 900 Mark pro Jahr, gegenüber 25 Prozent Dividende gewiß„ärmlich“ genug. Als Trost wird es den Arbeitern vielleicht dienen, daß die 13 Herren des Aufsichtsrats die Kleinig⸗ keit von 413 362 Mk., also jeder 31797 Mk., Tantièmen einstecken. Interessant ist die Zusammensetzung dieses Aufsichts rates. Ihm gehören u. a. an: der Rittergutsbesitzer v. Löbbecke, 1 „Reichstagsabgeordnete Prinz zu Schönaich⸗ Carolath, „Reichstagsabgeordnete von Kardorff, sowie die Franzosen: Herzog von Gremmont, Marquis de Beauvoir, Präfekt a. D. Salles. Herr v. Kardorff, welchem die„Teilerei“ dieser internationalen Kapitalistensippe gewiß sehr angenehm ist, gehört zu den lautesten Schreiern über die Internationalität der Arbeiter, gegen die„goldene“ Internationale wird er nichts einzuwenden haben. Jesuitenkniffe! k. Einige sogenannte christliche Blätter leisten sich einen ächten Pfaffenkniff. Weil unsere Genossen in der Berliner Stadtverordnetenver— sammlung gegen die Unterbringung katholischer Waisenkinder im St. Josephs⸗Waisenhaus stimm⸗ ten, erzählen diese Blätter ihren Lezern, es sei dies aus Haß gegen die Religion geschehen. Thatsächlich wollen aber unsere Genossen die armen Waisen vor der sehr unchristlichen Prügelei der frommen Schwester Carola und ähnlicher„Christen“ bewahren. Davon sagen diese Blätter natürlich kein Wort. Der Krieg in Südafrika. Durch die Gefangennahme des Burengenerals Cronje und den Tod Jouberts ist die Wider- standsfähigkeit der Buren keines wegs gebrochen. Das Kriegsglück scheint sich im Gegeuteil ihnen wieder zugewandt zu haben; die Engländer mußten verschiedentlich zurückweichen und erlitten teilweise sehr schwere Verluste. Es scheint, als ob die Buren auf dem besten Wege sind, sich wieder in den Besitz Bloemfonteins und Kimberley's zu setzen.— Eine sch were Schlappe erlitt eine englische Truppe, bestehend aus berittener In⸗ fanterie, Cavallerie und zwei Batterien Artillerie. Dieser unter dem Befehle des Obersten Boad⸗ wood stehende Abteilung mußte sich vor einer größeren Burenstreitmacht zurückziehen. Auf dem Rückzuge fielen die Engländer in einen Hinter⸗ halt. Sie verloren 7 Geschütze und 350 Mann; 200 wurden gefangen. Eine neuere Meldung besagt, die von Oberft Boadwood verlorenen Geschütze seien den Buren wieder abgenommen worden. Bei Brandfort im Norden von Bloem— fontein haben am 29. März heftige Kämpfe stattgefunden, unter großen Verlusten auf beiden Seiten. Der Gesundheitszustand der gefange— nen Buren ist fortdauernd ungünstig; in einer Woche starben 12 Mann. General Cronje, Oberst Schiel und 1000 Buren wurden am Dienstag nach St. Helena eingeschifft. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Lohnbewegung der Bauspengler in Gieszen. Die hiesigen Bauspengler, welche leider keiner Organisation angehören, beschlossen, in eine Lohn⸗ bewegung einzutreten. Da sie sich der zu stellen⸗ den Forderungen und der einzuschlagenden Taktik nicht klar waren, ersuchten sie ihren Kollegen Dahmer, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen. Dahmer riet von jedem schroffen Vorgehen und hauptsächlich von einem Streik ab, weil die Spengler nicht organisiert seien und somit jeder Stütze entbehrten. Auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, auf gütlichem Wege Zugeständnisse von den Arbeitgebern zu erzielen. Folgende Forderungen wurden den Arbeitgebern unter— breitet. Abschaffung des Kost und Logis bei dem Meister, Einführung der zehnstündigen Ar⸗ beitszeit; über den Lohn soll sich jeder Arbeit— geber mit seinen Arbeitern einigen und zwar auf folgender Grundlage: 27 Pfg. Stundenlohn für junge Leute, die noch kein volles Jahr ausgelernt haben, 30 Pfg. Stundenlohn für ältere und 35 Pfg. Stundenlohn für verheiratete, selbstän⸗ dige Arbeiter. Die Arbeitgeber erklärten sich mit der ersten und zweiten Forderung einverstanden, doch wollten sie die geforderten Löhne nicht zahlen. Sie brachen die Verhandlungen ab, als die Arbeiter wünschten, mit ihnen wegen der Werkstattordnung zu beraten. Um nun aber den Arbeitern eine Bewegung zur Verbesserung ihrer Lage unmög⸗ lich zu machen, beeinflußten die Herren Spengler⸗ meister den Arbeitgeber dahin, den Dahmer, der für seine Kollegen eingetreten war, zu entlassen. Dieser, der in dem Geschäft des Herrn Eccarius schon sechs Jahre thätiguist, erhielt denn auch die Kündigung. Wenn dies nun auch mit dem Ausdruck des Bedauerns geschah, so ift das doch von der Firma eine unschöne Handlungsweise. — Der Verlauf dieser Bewegung zeigt aber den Arbeitern, daß nur durch Zusammenschluß ihre Lage verbessert werden kann. Darum organisiert Euch! Ueber die„Not der Landwirtschaft“ verhandelten auch die oberhessischen. Agrarier in einer Versammlung in Gie en am 26. März. Der Gegeralsekretär Dr. Müller⸗Offenbach be⸗ gründete das Verlang: höherer Schutzzölle auf landwirtschaftliche Erzeugnisse. Er hielt nament⸗ lich die Erhöhung der Getreidezölle für notwendig und verlangte für Weizen und Roggen einen Zoll von 7 Mk., Gerste und Hafer 5 Mk. u. s. w. Hierbei bezog sich der Redner auf die hessische Statistüt von 1898, nach der die Grundrente durchschnittlich 0,41 Prozent betrage. In der Debatte erklärte Landwirtschaftslehrer Dr. v. Peter, der bei der ftatistischen Fest⸗ stellung mitgewirkt hat, nach der„Frkf. Ztg.“, er müsse ehrlich gestehen, daß die drei von ihm in Oberhessen untersuchten landwirtschaftlichen Unternehmungen bedauerliche Betriebs- fehler aufzuweisen hatten, bei deren Nicht⸗ vorhandensein die Grundrente einen höheren Prozentsatz geliefert hätte. In einer der Wirt- schaften hatte der Besitzer ohne Drillmaschine gearbeitet, durch deren Anwendung der Ertrag um 20— 25 Prozent gesteigert worden wäre. In allen drei von ihm untersuchten Wirt⸗ schaften verfütterte man die geerntete Gerste und Roggen, statt sie zu Geld zu machen und die billigeren Kraftfuttermittel anzuwenden. Ebenso wurde in allen drei Wirtschaften außer Chili⸗ Salpeter kein künstliches Düngemittel angewendet. Diese wirtschaftlichen Fehler seien entschieden zu mißbilligen.— Also gerade wie in Ostelbien! Mangelhafte Betriebsein richtungen, infolgedessen geringerer Ertrag und dann Geschrei nach höheren Zöllen! Das Ziel des Antisemitismus. Wir können sagen, daß wir uns in der Be⸗ urteilung der antisemitischen Bestreaungen nie getäuscht haben. Stets haben wir den Anti- semitismus als das bezeichnet, was er ist, näm⸗ lich rückschrittlich. Aber die judenfresserischen Agitatoren ergingen sich oft genug in äußerst radikalen Angriffen auf den Großkapitalismus und auf die reaktionären Parteien, sodaß mancher zu dem Glauben kommen konnte, er habe es in den Antisemiten mit einer wirklichen Reform⸗ partei zu thun. So war in Nr. 21 der anti⸗ semitischen„Volkswacht“ zu lesen: Der Windbeutelbund, auch Bund der Landwirte genannt, blitzt manchmal recht gehörig ab und das mit Recht, denn eine solche Gesellschaft, die in Wahlen durch alle möglichen Intriguen gerade unserer Partei gegenüber, das schmählichste geleistet hat, ist nun auch von anderer Seite erkannt. In Assamstadt(Baden) wurde dem Herrn Ver- bandsredner derartig von Mitgliedern des Badischen Bauernvereins die Wahrheit gesagt, daß ihm das Wiederkommen wohl vergehen wird. Auch wir werden, wo wir die Lügen⸗ beutel finden, zum Tempel hinauswerfen; ist doch der ganze Bund in Hessen weiter nichts als eine Herde Offiziere ohne Soldaten und nur dafür da, um für die verkrachte national⸗ liberale Partei, die schon längst ohne denselben selig entschlafen wäre, die Wahlen zu machen. Diese Ausführungen machten die Runde durch verschiedene Zeitungen. Jetzt leistet Herr Hirschel mit seiner Namensunterschrift in folgenden Zeilen Abbitte für den rollenwidrigen Seitensprung: Die Aufnahme dieses Artikels ist während meiner Abwesenheit ohne mein Wissen erfolgt Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 15. und stehe ich nicht an, die darin gebrauchten Ausdrücke lebhaft zu bedauern. Wenn wir uns auch mit dem Bunde der Landwirte über die Taktik öfters im Gegensatz befinden, so meine ich doch, daß wir darüber das gemeinsame Ziel nicht vergessen . Na also! Gemeinsames Ziel mit der Interessenvertretung des ostelbischen Krautjunker⸗ tums! Warum bezeichneten sich die Antisemiten dann als„Reform⸗Parte!?“ Es wäre dann doch konsequent und auch ehrlicher gehandelt, die Antisemiten schwenkten mit ihrem„Fähnlein“ in den Bund der Landwirte ein, dann weiß wenigstens die Oeffentlichkeit und auch— sie selber, was sie wollen. Kommunales aus Gieszen. Unsere Leser erinnern sich noch, daß vor kurzer Zeit für die neuen Klassen der Volksschule Baracken⸗ bauten beschlossen wurden. Gegen eine ansehnliche Minderheit, welche die Klassen in städtischen oder gemie⸗ teten Räumen provisorisch unterbringen wollte, kam dieser Beschluß zu Stande. Kein Mitglied des Schul⸗ und Stadtvorstandes wußte einen städtischen passenden Raum. Nunmehr wird für die höhere Töchterschule ein Klassenlokal notwendig und siehe da: Sofort entdecken die Herrn, daß im„Thurmhaus am Brand“ ein ganz niedliches Sälchen vorhanden ist. Damals wurden die Vorzüge der Baracken in so glänzenden Farben geschil⸗ dert, daß es uns als eine Zurücksetzung der höheren Töch ter erscheint, sie nicht auch in einem so herrlichen Gebäude unterzubringen. Warum diese„Bevorzugung 2 der Volksschüler. Kleine Mitteilungen. Gießen. Der Gesangverein Eintracht hielt am Samstag eine Abendunterhaltung in Steins Saalbau ab. Leider war der Besuch nicht sehr zahlreich. Erfahrungsgemäß sind solche Ver⸗ anstaltungen so kurz vor Ostern immer weniger gut besucht; hier kam noch dazu, daß zu gleicher Zeit der Brauerball stattfand, wodurch ersteres Fest sicher beeinträchtigt wurde. Umsomehr ver⸗ gnügten sich die Erschienenen; gut einstudierte Chorlieder wechselten ab mit humoristischen Vor⸗ trägen, und auch die Tanzlustigen kamen zu ihrem Rechte. Alle Teilnehmer werden mit Be⸗ friedigung auf diesen Abend zurückblicken; hoffent⸗ lich kann es auch der Verein in Bezug auf das finanzielle Ergebnis!— Auch der Brauer⸗ und Küfer⸗Ball, welcher am vorigen Samstag im Café Leib stattfand, war im Ver⸗ gleich zu den früheren Veranstaltungen mäßig besucht. Die Herren Prinzipale waren nur zum Teil erschienen; besonders die Herren der Aktien⸗ brauerei glänzten durch Abwesenheit. Die„Ge⸗ hülfenschaft“ ließ sich jedoch dadurch nicht irre machen, sondern tanzte und amüsierte sich bis zum frühen Morgen, und gar manches Faß edlen Rebensaftes ist geleert worden. r * Friedberg. Ein kleiner Knabe spielte im Saalbau mit einem Revolver und schoß sich dabei in die Hand. * Offenbach. In der Sitzung der Stadt⸗ verordneten vom 22. v. M. wurde von sozial⸗ demokratischer Seite ein Mißtrauensvotum gegen Oberbürgermeister Brink be⸗ antragt, weil er sich fortgesetzt weigert, die städti⸗ schen Bekanntmachungen auch in dem sozialdemo⸗ kratischen„Offenb. Abendbl.“ zu veröffentlichen. Der Oberbürgermeister erklärte, er werde den Antrag auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung stellen. * Mainz. Bei Beratung des städtischen Budgets beanftandeten unsere Genossen den Posten von 50000 Mark, der für die bevorstehende Gutenbergfeier vorgesehen ist, und zwar deshalb, weil man diesen Betrag nur als Ein⸗ leitung zu weiteren größeren Anforderungen be⸗ trachten müsse, was sich aus den großen Dis⸗ positionen, welche für das Fest getroffen würden, befürchten lasse. Auch Mitglieder anderer Frak⸗ tionen teilten diese Befürchtung, trotzdem wurde der Beitrag bewilligt; jedoch mit der Maßgabe, daß diese Summe nicht überschritten werde.— Das ift ein Geschäft! Der Aufsichtsrat der hiesigen Farbwerke vorm. Meister, Lucius und Brüning beschloß, der Generalversamm⸗ lung pro 1899 eine Dividende von 26 pCt.— sechsundzwanzig Prozent— vorzuschlagen. * Postporto⸗ Aenderungen. Der neue Posttarif tritt am 1. April in Kraft. Er bringt bezüglich des Portos fol- gende Aenderungen: jetzt künftig Frankierter gewöhnlicher 10 Pfg. 10 Pfg. Brief bis zum Gewicht von 15 Gr. 20 Gr. Frankierter Doppelbrief 20 Pfg. 20 Pfg. bis zum Gewicht von 250 Gr. 250 Gr. Im Ortsverkehr beträgt das Porto bei ge⸗ wöhnlichen Briefen: ohne Unterschied des Ge-—jetzt künftig wichts 5 Pfg. 5 Pfg. Postkarten G Drucksachen bis 50 Gramm 3„ 2, 77 77 100 77 5 77 3 77 1„ 280„ 18 55 77* 350 77 20 7 10 77 Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. Marburg, 5. April 1900. W. Die diesjährigen Frühjahrs⸗Kontrolver⸗ sammlungen für die Stadt Marburg finden auf dem Kämpfrasen daselbst wie folgt statt: Dienstag, 10. April 1900: a) vormittags 9 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1892 bis einschließlich 1894, das sind die in der Zeit vom 1. Oktober 1892 bis 31. März 1895 eingetretenen Mannschaften (Jäger der Klasse A vom Jahrgang 1887 ab); bp) nachmittags 3 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1895 bis einschl. 1899 und für die Dispositions⸗Urlauber— das sind die in der Zeit vom 1. April 1895 bis jetzt ein⸗ getretenen Mannschaften— sowie für die zur Disposition der Ersatzbehörden entlassenen Mann⸗ schaften; c) nachmittags 5 Uhr für sämtliche Offizier⸗Aspiranten, Unterärzte, jährig gediente Sanitätsmannschaften, Unterapotheker und Mili⸗ tärapotheker ohne Rücksicht auf die Jahresklassen. Mittwoch, 11. April 1900: a) vormittags 9 Uhr für die Mann⸗ schaften der Landwehr 1. Aufgebots der Jahres- klassen 1887 bis 1892, das sind die in der Zeit vom 1. Oktober 1887 bis 30. September 1892 eingetretenen bezw. in eine dieser Jahresklassen zurückversetzten Mannschaften; b) nachmittags 3 Uhr für sämtliche Ersatz⸗Reservisten der Jahresklassen 1887 bis 1899(also solche, welche in den Jahren 1867 bis 1879 geboren sind). * Kirchhain. Die Eröffnung der Ohm⸗ thalbahn und die Einführung der Betriebsbeamten hat nunmehr stattgefunden. Reehtsspre chung. § Von„Rechts“ wegen. Am Mittwoch ist ein Maurer vom Landgericht in Hamburg zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt worden, weil er zu einem Kameraden gesagt hat, wenn er nicht dem Verbande der Maurer beitrete, müßten die organisierten Maurer übee ihn Beschluß fassen. Dafür erhält ein Arbeiter ohne Zuchthausgesetz sechs Wochen Gefängnis— von„Rechts“ wegen! § Eine vernünftige Entscheidung. Das Reichsgericht hat erkannt, daß die einfache Verhängung des Boykotts zivilrechtlich keine rechtswidrige Handlung sei. Sie stellt sich nicht als Verrufserklärung im Sinne des§ 153 der Reichsgewerbeordnung dar und verpflichtet daher nicht zum Ersatze des eventuell entstandenen Schadens. Diese Entscheidung ist eigentlich selbstverständ⸗ lich, aber die deutsche Rechtssprechung hat es ja so weit gebracht, daß, wo irgend Fragen des öffentlichen Interesses in Betracht kommen, jede nicht vom Geiste der Reaktion getragene Gerichts⸗ entscheidung besonders hervorgehoben werden muß. § 615 des Bürgerlichen Gesetz⸗ buches.(Aussetzen wegen Mangels an Material.) Ein Töpfer in Berlin ver⸗ langte im Klagewege eine Lohnentschädigung für zwei Tage, an denen er hatte aussetzen müssen, weil kein Lehm vorhanden wir. Der beklagte Meister wies nach, daß es ihm nicht möglich war, den Lehm heranzuschaffen, den zu liefern sich der Bauherr verpflichtet hatte. Die Kammer III des Gewerbegerichts verurteilte aber den Beklagten zu der geforderten Entschädigung. Der Vorsitzende Dr. Schalhorn führte begründend aus, daß der Arbeitgeber selber verpflichtet sei, für das Arbeitsmaterial zu sorgen, und daß er nicht durch ein Naturereignis daran gehindert worden sei. Es komme deshalb der§ 612 des Bürgerlichen Sesetzbuchs zur Anwendung, worin bestimmt werde: Kommt der Dienstberechtigte (der Arbeitgeber) mit der Annahme der Dienste in Verzug, so kann der Verpflichtete— gemeint ist der zur Arbeit Verpflichtete— für die infolge des Verzugs nicht geleisteten Dienste die verein⸗ barte Vergütung verlangen, ohne zur Nach⸗ leistung verpflichtet zu sein. Er muß sich jedoch den Wert desjenigen abrechnen lassen, was er infolge Unterbleibens der Dienstleistungen erspart oder durch anderweitige Verwendung seiner Dienste erwirbt oder zu erwerben böswillig unterläßt. Bessiseher Landtag. Zweite Kammer.(Sitzung von 30. März). Fortsetzung der Beratung über die Nachbewilligung in den hessischen Ministerien. Zu Kap. 41( Gy mnasien u. Realschulen) spricht Abg. Pennrich(Ctr.) für Einrichtung eines Gym⸗ nasiums in Bingen. Geheimer Oberschulrat Nodnagel erklärt sich im allge⸗ meinen mit den Ausführungen des Abg. David einver⸗ standen und bedauert nur, daß die Lehrer sich nicht mit ihren Beschwerden an die Schulabteilung selbst wenden. Eine Anzahl weiterer Nachforderungen wird nach den Ausschußanträgen ohne Debatte genehmigt. Vom Finanzminister werden für Bad Nauheim und Salzhausen größere Beträge gefordert. Die Forde⸗ rungen für den Badekommissar von Mk. 800 werden mit großer Mehrheit abgelehnt. Bei Titel Salinen in Nauheim ist Abg. Ulrich für Beseitigung der Salinen an der jetzigen Stelle, damit Raum für die Neubauten geschaffen werde, worauf Finanz⸗ minister Küchler erklärt, daß bereits ein Bauplan für Nauheim über Freilegung der fraglichen Plätze in Aus⸗ arbeitung begriffen sei. Die Forderungen werden ein⸗ stimmig genehmigt. Bei Titel Staatsschuld erwähnt Abg. Dr. Da⸗ vid, die Verhältnisse der Gepäckträger am Bahnhof Mainz, welche, obwohl sie vom Staate keinen Gehalt beziehen, und ihre Thätigkeit nur gegen Trinkgelder aus⸗ üben und davon leben müssen, neuerdings von der Bahn⸗ verwaltung zugemutet werde, wöchentlich einmal unent⸗ geltlich in dem Gepäckraum von Morgens früh bis Abends spät im Interesse der Bahn thätig zu sein. Die meist armen Leute seienf also um/ Wochenverdienstes, der manchmal sehr kärglich sei, geschädigt. Anscheinend habe die Regierung hiervon keine Kenntnis und hoffe er, daß dieser unwürdige Zustand bald geändert werde. Finanz⸗ minister Küchler erklärt, daß er nicht in der Lage sei, an diesen Zuständen, die ihm übrigens nicht bekannt seien, etwas zu ändern; zudem die Eisenbahndirektion Mainz dem Eisenbahnminister in Berlin unterstellt sei und dieser alle Anordnungen treffe. Abg. Ulrich(Soz.) nimmt von dieser Erklärung mit Bedauern Kenntnis und wünscht, daß man die„thun⸗ lichste Berücksichtigung“ der Wünsche Hessens in Berlin kräftiger geltend mache; zudem der hauptsächlichste Teil der Direktion Mainz im hessischen Staate liege. Man solle nicht für thunlichste, sondern für wirkliche Berück⸗ sichtigung sorgen. Der Finanzminister stellte fest, daß die Eisenbahngemeinschaft laut Vertrag nach den preußisch en Eisenbahnbetriebsvorschriften geleitet werde. Bei dem geringen Anteil Hessens an der preußisch⸗hessischen Eisenbahngemeinschaft sei es selbstverständlich, daß die Leitung von Mainz respektive Berlin aus geschehe. Er wolle aber mit allen Kräften die vorgebrachte Beschwerde an der maßgebenden Stelle geltend zu machen suchen. Abg. David(Soz.) betont, daß der Finanzminister die Beschwerden wohl anhöre, aber nicht in der Lage sei, durch Vermittlung einer entsprechenden Instanz dieselbe nach Berlin zu bringen. Er stelle dies ausdrücklich fest und habe man diesen unwürdigen Zustand speziell der nationalliberalen Partei im Landtage zu verdanken, durch möglichste Verbreitung dieser That⸗ sache werde man vielleicht leichter einen Druck uach Berlin ausüben. Abg. Köhler⸗Langsdorf(Antis.) stellt an Hand der Protokolle] fest, daß er schon vor Festlegung des Vertrags davor gewarnt war, sich fest binden zu lassen, daß man absolut kein Recht mehr habe, irgend etwas mitzusprechen. Daran seien auch die dummen Abgeurdneten schuld, welche für den Verkauf ge⸗ stimmt haben. Vizepräsident Schmitt nimmt Veran⸗ lassung, zu erklären, daß es überhaupt keine dummen Abgeordneten gibt. Der Fin anzminister erklärt, daß er während seiner Amtsthätigkeit bei den maßgebenden preußischen Beamten stets höfliches und liebenswürdiges Entgegenkommen gefunden habe. Abg. Schmeel betont, daß die nationalliberale Partei nicht allein an dem Ver⸗ trag schuld sei, sondern daß die Regierung in erster Linie denselben zu verantworten habe. Auch sei das Verhältnis nicht so schlimm, wie es geschildert werde. 9 1% größtenteil been ge fei deren Aus gemendeverk dienten und in Hintergtul Der Fine ick zu eult Ffenmaßtg 1 Forftillur se wenn derfibe wle besonde Kultur 0 üglicheren ug 5 aul der Reglern genossen seien schwaden der fur Debatte gung der Lan Gegentil. N lum ha gemachten 5 wͤstung der, Gemeindevern Volkswirtscha Sachlage trat In namer A gegen 17 ohne nennen Machsorderun Zur Erti Mainz wer nachdem Ab! dafür einget II Aus daß unse abgeordn in der Oertel b falt, in werden Unser berger Landtag heim, später d U. Co. und ez Waätigte Unsere! Ehre seif 2 — — 2 22 2 2 2 S —.— — 7. . 10 10 1 —— 8 8 S 2 2 — 5. 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Der Finanzausschuß hat sich zustimmend zu der Regierungsvorlage geäußert, weil die bisher dem einzelnen Oberförstereien zugeteilten Forstbezirke, die sich durchschnittlich auf 8000 Morgen beliefen, zu groß wa en, um in ausgiebiger Weise eine intensive Waldwirtschaft und damit eine entsprechende finanzielle Ausbeutung der Do⸗ munialforsten herbeizuführen. Die Vertreter rein ländlicher Wahlbezirke sprachen sich größtenteils gegen die neuen Oberförstereien aus, doch war unzweideutig festzustellen, daß in Einzelfällen bei deren Ausführungen persönliche Differenzen zwischen Gemeindeverwaltungen und Oberförstereien als Grundlage dienten und das wirtischaftliche Interesse der Waldungen in Hintergrund gedrängt wurde. Der Finanzminister sucht die erhobenen Vor⸗ würse zu entkräften. Ministerialrat Willbrand weist ziffernmäßig nach, welches das Erträgnis der seitherigen Forstkultur sei und wie sich dasselbe gestalten könne, wenn derselben mehr Sorgfalt zugewendet würde. Man wüsse besonders von der bisherigen Gepflogenheit der Kultur von Brennholz abkommen und sich mehr der ein⸗ träglicheren von Nutzholz zuwenden. Abg. Ulrich erklärte, die soz.⸗dem. Fraktion werde der Regierungsvorlage zustimmen. Seine Fraktions⸗ genossen seien gerne bereit, die Veranlassungen zu Be⸗ schwerden der Landwirtschaft zu beseitigen, aber in dem zur Debatte stehenden Gegenstand könne er eine Schädi⸗ gung der Landwirtschaft nicht erblicken, wohl aber das Gegenteil. Nur engherzige Auffassung über lokale Vor⸗ kommnisse habe vielfach die gegen die Vorlage geltend gemachten Bedenken beeinflußt. Einer weiteren Ver⸗ wüstung der Waldungen seitens der Privatbesitzer und Gemeindeverwaltungen müsse im Interesse der gesamten Volkswirtschaft gesteuert werden. Dieser Auffassung der Sachlage trat auch der Abg. Gutfleisch(freis.) bei. In namentlicher Abstimmung wird die Vorlage mit 20 gegen 17 Stimmen angenommen. Desgleichen ohne nennenswerte Debatte die weiteren Kapitel der Nachsorderungen des Finanzministeriums. Zur Errichtung eines Gutenberg⸗Museums in Mainz werden 25 000 Mk. als Staatsbeitrag bewilligt, nachdem Abg. Haas⸗Mainz(Soz.) und Köhler(Ant.) dafür eingetreten sind.— Partei⸗Hachrichten. Genosse Karl Oertel 7. Aus Nürnberg kommt die Trauerbotschaft, daß unser Genosse Oertel, Neichs⸗ und Landtags- abgeordneter für Nürnberg, am Mittwoch früh in der Heilanstalt Herzoghöh verstorben ist. Oertel befand sich erst seit 14 Tagen in der An⸗ stalt, in die er wegen Nervenleidens gebracht werden mußte.— Unfer Genosse wurde 1897 an Stelle Grillen⸗ bergers in den Reichstag und 1868 in den bayr. Landtag gewählt.— Geboren 1866 in Forch⸗ heim, lernte er als Kaufmann und übernahm später die Buchdruckerei und den Berlag Wörlein u. Co.— Er war ein sehr thätiger Parteigenosse und es mag wohl sein, daß die aufreibende Thätigkeit seinen frühen Tod mit herbeiführte. Unsere Partei verliert in ihm eine tüchtige Kraft. Ehre seinem Andenken! Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 7. April: Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Tages⸗ ordnung: Bezirkskonferenz und Wahl eines Deleg. Die Lohnbewegung der Spengler. Verschiedenes. f Sonntag, 8. April: Schlitz. Arbeiterversammlung nachm. 4 Uhr bei Heinrich Trier. Tagesordnung: Maifeier. Zahl⸗ reiches und pünktliches Erscheinen dringend notwendig. Montag, 9. April: Heuchelheim. Tabakarbeiterversammlung abends 8 Uhr bei Volkmann. Marburg. Parteiversammlung abds. 9 Uhr bei C. Müller, Hirschberg 12. Briefkasten der Redaktion. J. Khl.⸗Marburg. Einen elektrischen Heil⸗ apparat, welcher schon mehrfach prämiiert wurde und der unzweifelhaft bei fast allen chronischen Leiden gute Dienste leistet, ist der von der Firma P. Freygang Nach⸗ solger(Gust. v. Mayenberg) Dresden A in den Handel zebrachte. Wir können Ihnen denselben nur empfehlen. W.⸗Marburg. Leider zu spät eingetroffen. Gruß! Cetzte Nachrichten. Atten tat auf den Prinzen von Wales. Auf dem Nordbahnhofe in Brüssel schoß ein 16 jähriger Mensch zwei Revolverschüsse auf den in den Kölner Zug einsteigenden Prinzen von Wales, ohne denselben zu treffen. Der Atten⸗ täter ist verhaftet. . Anterhaltungsteil. — Das eigene Heim. Ein eignes Heim, so ging mein Sehnen Durch meine ganze Jungendzeit: Ein eignes Heim! Es war mein Wähnen Jm zwiefach herben Lebensstreit. Ein eignes Heim, wo Kronen rauschen Dem müden Geist ein Schlummerlied, Wo ich mit Wolken Grüße tauschen Und träumen kann an Schilf und Riet! Ein eignes Heim, das mich bewahren Soll vor dem blöden Menschentroß, Ein stilles Eilaud, sturmumfahren, Umtobt vom wilden Wogenroß. So träum' ich, kämpf ich immer wieder, Und immer wieder flieht das Ziel. Schon werden spärlich meine Lieder; Bald wohl zu Ende geht das Spiel! Am Friedhof neulich stand ich lange; Die Krone rauschte über'm Grab; Da ward's im Herzen mir so bange, Und eine Thräne rann hinab. Ein eignes Heim voll Ruh' und Frieden Da winkt's!— Was sorgst Du Dich so sehr? Nur da und nirgends sonst hienieden—— Mir ward das Herz so schwer, so schwer! Max Wundtke. Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke. ä 3. Das Bild der Jungfrau. Jungfrau Sarah Waldhorn sprach zwar manchmal aus lauter Gottesfurcht vom Tode und von ihrer Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem und dem Seelenbräutigam; aber doch dachte sie noch öfter an einen irdischen Bräu⸗ tigam, wie man zuweilen an Dinge denkt, die einem durch den Kopf fliegen. Zwar hatte sie seit ihrem fünfundvierzigsten Jahre feierlich er⸗ klärt, sie wolle sich nicht verheiraten; aber doch wandelte fe dann und wann eine Mädchen⸗ schwäche an, zumal wenn ein stattlicher Witwer sie neckte, oder ein Junggesell des Tages mehr denn einmal unter ihrem Fenster vorbeiging und höflich grüßte.„Der hat gewiß Absichten!“ dachte sie dann;„kommt Zeit, kommt Rat. Man muß eigentlich nichts verschwören. Wenn's ein⸗ mal sein soll,— nun, des Herrv Wille geschehe! Ich bin eben im schönsten Alter. Meine Namens⸗ schwester im Alten Testament war ja schon achtzig Jahre alt, als sie Kindtaufe hielt. Das wäre noch kein blaues Wunder!“ So plauderte sie oft mit sich, besonders wenn ein unvermählter Herr mit ihr freundlich gethan hatte. Und weil dies leicht der Fall sein konnte, so traute sie nach und nach allen Männern in der Stadt„schlimme Absichten“, wie sie es nannte, auf ihre jungfräuliche Person zu. End⸗ lich hielt sie— denn ungefähr seit zwanzig Jahren hatte die Einbildungskraft dies lose Spiel mit ihr getrieben— jeden Unverheirateten für ihren verschwiegenen Anbeter, und jeden, der sich verheiratete, für ihren Ungetreuen. Daraus läßt sich erklären, warum sie auf die unversöhnlichste Weise mit ihrer Zunge gegen alle Hochzeiten zu Felde zog; auf das gottlose, leichtsinnige„Mannsvolk“ schimpfte(denn sie hatte es in der That immer mit einem ganzen Volke zu thun), und noch giftiger gegen gefall⸗ süchtige Mädchen eiferte, die sich schon in den Kinderschuhen(das heißt Schuhe, so groß sie etwa neunzehn⸗ und zwanzigjährige Mädchen zu tragen pflegen) unterstanden, an einen Mann zu denken. Einige gottesfürchtige alte Jungfern standen ihr, als gewöhnliche Gesellschafterinnen, in dem löblichen Geschäft bei, was in der Stadt vorfiel, auszuspähen, um darüber Betrachtungen beim Kaffee anzustellen. Da ward denn jeder neue Rock der Nachbarinnen, jede Hochzeit, jede Kind⸗ taufe, und was sonst neues geschehen sein mochte, gewissenhaft gewürdigt. Was man hier erfuhr, war schnell in alle Stadtviertel verbreitet, daher ein mutwilliger Maler einst die Göttin Fama, statt mit einer Trompete, mit einem Waldhorn darstellte, und man von jeder Klatscherei sprich⸗ wörtlich sagte:„Das ist ins Waldhorn gestoßen!“ statt:„Man hat's der Jungfer Sarah gesagt!“ Denkt man sich zu diesen liebenswürdigen Eigenschaften die Gottesfurcht und Zinsenlust der züchtigen Sarah, so läßt sich begreifen, warum, mit Ausnahme besagter alter Jungfern, und der vier Neffen, die auf Erbschaft hofften, jedermann in ehrfurchtsvoller Ferne von ihr blieb. 4. Sorg' und Not. Sie hatte nicht die geringste Lust zu sterben. Daher ließ sie sich den Wetteifer der vier Fakul⸗ täten um die Universalerbschaft gar wohl ge⸗ fallen. Sie gewann dabei am meisten; Lecker⸗ bissen von der Philosophie, Trostgründe wider ein sieches Leben von der Theologie, Schutz und Schirm von der Rechtsgelahrtheit, und mäßige Apothekerrechnungen von der medizinischen Fa⸗ kultät. Doktor Falk war ihr so lieb wie jeder andere, aber auch nicht um ein Haar lieber. Nur wenn einmal der Tod im Vorbeigehen an die Thür ihrer Zelle pochte, ward ihr der Doktor der allerliebste ihrer Neffen. „Geschwind, Herr Doktor! Kommen Sie, Jungfer Sarah ist sterbenskrank!“ rief eines Morgens die alte Magd der Tante zur Thür hinein;„sie sieht schon seit einigen Tagen er⸗ bärmlich ans.“ Falk saß, als diese Nachricht kam, eben auf dem strohenen Sopha, und hatte das weinende Suschen tröstend im Arm.— Falk wußte wohl, es sei mit dem Sterben der Jungfrau Sarah Waldhorn selten buchstäblich gemeint. Er ver⸗ sprach der Magd, schnell zu kommen, blieb aber bei seinem Weibchen sitzen, um es zu trösten. Der Troft schlug aber nicht an, denn das gute Suschen weinte immer bitterlicher, und der arme Doktor wußte nicht, warum. „Sei doch Deinem Manne offenherzig, liebes Kind!“ sagte er,„Du quälst und tötest mich mit Deinem Weinen und Schweigen.“ „Nun, so höre mich!“ sagte sie.„Ach!“ „Gut, Suschen, das hab' ich gehört! Wie weiter?“ „Wir haben vier Kinder.“ „Die hoffentlich zu den schönsten in der Stadt 5 Alle sind so fromm, zärtlich, folg⸗ . „Ach, wahre Engel sind's, o lieber Manst.“ „Da haft Du recht. Wahre Engel! Aber Du grämst Dich doch nicht über diese Engelschaft, hoff' ich?“ „Nein, lieber Mann. der Zukunft werden?“ „O, Du ungläubiges Suschen! den lieben Gott läßt walten.“ „Ach, es wird uns schwer, sie anständig zu erziehen. Je älter sie werden, desto mehr brauchen fie.“ „Sie sind doch schon älter geworden, und hat's denn schon gefehlt?“ „Aber, lieber Mann, wenn nun..“ „Was denn?“ „Ach!“ seufzte sie und schluchzte heftiger. „Was denn?“ rief der Doktor mit wahrer Seelenangst. Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und umklammerte ihn mit beiden Armen fester. Dann sagte sie leise:„Ich soll nun zum fünftenmal Mutter werden!“ Dem Papa ward bei dieser unverhofften Nachricht zwar auch etwas weinerlich zu Mute; doch verbarg er seine Bestürzung, so gut es ging. „Herzenskind! Ist's nicht mehr, als das?“ rief er.„Gut, Suschen, so kommt der fünfte Engel zu den vier andern, die schon da sind! Es kann gar nicht fehlen, wir müssen selig werden.“ Aber wie wird's in Wer nur Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Suschen hatte sich satt geweint, darum ward sie von selbst ruhiger. Aber der Doktor konnte nicht weinen, darum blieb er in der Unruhe. Er ging in der Stube auf und ab und sah zum Fenster hinaus; nichts konnte ihn zerstreueg. „Alle Jahre mehr Kinder und weniger Brot. Alle Jahre größere Tischgänger und kleinere Bissen!“ seufzte er innerlich. Er würde die sterbende Jungfrau Sarah Waldhorn über der Geschichte vergessen haben, wenn ihn nicht Sus⸗ chen erinnert hätte, an ihr Sterbebett zu eilen. 5. Das blaue Wunder. Er nahm den Hut, doch lief er eben nicht. Das häusliche Gespräch aber drückte ihn noch. Er dachte nur an seine wenigen Kunden, an seine dürstigen Finanzen. Er drückte den Hut Sprüche zur Lebensweisheit. Das Unvernünftige zu verbreiten Bemüht man sich nach allen Seiten; Es täusches eine kleine Frist, Man sieht doch bald, wie schlecht es ist. Goethe. * Habt ihr bedacht, wie viel stärker der Ge⸗ danke ist, als Artilleriegeschütze? Wie er Gesetze macht und wieder umftößt, wie er Berge versetzt und den menschlichen Stoff wie weichen Thon in seiner Hand bildet. Habt ihr ferner bedacht, daß der Anfang allen Denkens die Liebe war — daß der weise Kopf ohne das großmutige Herz noch nie existierte? Die Himmel hören nicht auf mit ihrem Ueberfluß, sie senden uns großmütige Herzen in jede Generation. Hymoristisches. Sie weiß es doch. Vater(zur Tochter):„u solltest nur das ewige Radeln lassen und Dich etwas m 5 1 um die Küche bekümmern; ich glaube, Du weißt noh f de nicht einmal, woraus Brot gebacken wird!“— Toch ten 5 zZOho! Brot ist ein Mehlteig, der durch Bildung vn schäfte Alkshol, Milch und Essigsäure einen eigentümlichen Gu schmack erhalten hot, durch die erzeugte Kohlensäure auf ßer de gelockert ist und durch schnelle Erhitzung einerseits voll 1 dem überschüssigen Wasser und Alkohol befreit ist, währen ille gell andererseits in dem Gemenge von Klebestoffen und Stärke 1 18 gummi die ersteren eiweißartig geronnen find und aut 6 5 der letztere eine Röstung erfahren hat, welche den Wohl geschmack des Brotes wesentlich bedingt.“— * Immer beim Fach. A.:„Kennen Sie das Frä lein Schulze?— Oderförster:„Jewiß, das Made ist sehr hochstämmig und vonknorrig em Charakter tief ins Gesicht, sah starr vor sich hin, wie ein Versemacher; grüßte auf der Strafe weder nach links noch nach rechts, und hätte beinahe den Generalsuperintendenten über den Haufen ger⸗ annt, der doch eins der hellleuchtendsten Kirchen- lichter war. Als er zur vielgeliebten Tante kam, fand er sie zwar nicht auf dem Sterbebette, aber doch, mit der Brille auf der Nase, vor einem großen Andachtsbuche, woin sie die Todesbetrachtungen und Gebete für Sterbende aufgeschlagen hatte. Sie sah in der That übel aus, obgleich man von ihrem Gesichte gerade nicht behaupten konnte, es hätte jemals sehr gut ausgesehen. Um die Stirn hatte sie ein Tuch, und wieder ein Tuch unters Kinn über den Kopf zusammengebunden. (Fortsetzung folgt.) Carlyle. Beichte. Von Robert Hamerling. Das Beste meiner Bücher, Das hab' ich nie geschrieben, Die schönsten meiner Lieder Sind ungesungen geblieben. Die feurigsten meiner Küsse Die hab' ich nie geküßt— Die stolzesten meiner Gelllste, Die hab' ich nie gebüßt. Sobald ich lieg im Sterben, Ruft mir ein Pfäfflein her, Dem will ich reuig beichten, Was mich drückt im Gewissen so schwer. Die Sünden, die ich begangen, Die wird mir der Himmel verzeih'n, Doch die ich versäumt zu begehen, Die werden mich ewig gereu'n. ps. Prachtvolle Kupferradierungen von Bebel Liebknecht und Singer hat die Buchhandlung Vo wärts anfertigen lassen. Die wirklich künstlerisch ausge führten Radierungen stechen gewaltig ab von den zahl reichen„Bildern“ unserer bekannten Parteiführer, die von spekulativen Geschäftsleuten nach der Melodie: billig und schlecht, hergestellt und in den Handel gebracht werde Die Buchhandlung Vorwärts macht mit der Herausgab der drei Portraits den dankens werten Versuch, auch i Arbeiterkreisen das Verständnis für wahre Kunst z wecken und den Seschmack zu läutern. 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