Gießen, Sonntag, den 6. Maf 1900. — 5 Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 7. Jahrg. Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspre is: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräg er frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Zonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗3.K. 4312 a.) 33% Was ist die deutsche Land⸗ wirtschaft? Wenn der Bund der Landwirte und ihm nach die bauernbündlerischen und antisemitischen Agitatoren von den gemeinsamen Interessen der deutschen Landwirtschaft sprechen, so begehen fie damit eine Verdrehung der Thatsachen. Der kleine Bauer und der großgrund⸗ besitzende Junker haben nicht dieselben, sondern entgegengesetzte Interessen und zwar von Alters her. Wenn heute der deutsche Bauer so arm ist, daß er thatsächlich in vielen Gegenden weit elender lebt wie der Fabrik⸗ arbeiter, so ist das nur die Folge davon, daß in früheren Jahrhunderten die Vorfahren der heutigen„bauernfreundlichen“ Junker den Bauern Haus und Hof mit Gewalt raubten(„Bauern- legen“) und sie durch Aufzwingung der Frohn⸗ dienste aus plünderten. Daher auch jener krasse Gegensatz zwischen den Millionen landarmer Bauern und den paar Zehntausenden Großgrund⸗ besitzern. 25 000 Großgrundbesitzer haben fast den vierten Teil des deutschen Grund und Bodens in Besitz, 280 000 bäuerliche Großgrundbesitzer haben fast ein Drittel, diese 305 000 Groß⸗ grundbesitzer zusammen also mehr als die Hälfte (54 Proz) des ganzen deutschen Grund und Bodens, während 5¼ Millionen Bauern die kleinere Hälfte(46 Proz) inne haben. Unter diesen 5 Millionen Bauern sind noch rund eine Million Besitzer mittlerer Bauerngüter(mit 5— 20 Hektar) und diese besitzen über ein Viertel des deutschen Bodens, sodaß für die 4 Mil⸗ lionen Besitzer kleiner Güter und Anwesen weniger wie ein Sechstel(15,6 Proz. des ganzen deutschen Bodens bleibt. Die Zählung von 1882 und 1895 ergaben folgende Verteilung des Grundbesitzes. 1882: 5,27 Mill. ldwsch. Betriebe mit 31,9 Mill. ha Fläche 1895: 5,66 1 7 7„„ 32,5 75 75„ Zunahme: 0,29 Mill. Betriebe und 0,6 Mill. ha Fläcge Zu derselben Zeit wuchs die Gesamt⸗ bevölkerung des Reiches von 54,7 auf 52 Millionen, also um 13,5 Proz.! 1895 war der landwirtschaftliche Grund und Boden folgender⸗ maßen verteilt: Prozent Fläche Besitzer aller Millionen Besitzer ha Parzellen(bis 2 ha).... 3,24 Mill. 58,2 mit 1,8 keine Bauerngüter(2—5 ha) 1,01„ 18,3„ 3,3 mittlere(520 ha) 1,00„ 18,0„ 9,7 größere„(20100 ha) 281734 5,1„ 9,9 Großbetriebe(über 100 ha); 35 057 0,4„ 7,8 Die Parzellen unter 2 Hektar können nur im Ausnahmefalle als eigentliche Landwirt⸗ schaftsbetriebe gelten; es sind dies meist Gärten oder Landparzellen von Hausindustriellen und Fabrikarbeitern; das zeigt sich schon dadurch, daß von den 3,24 Millionen dieser Parzellen unter 2 Hektar nur 707 100 eine Größe von 1—2 Hektar hatten. Von 1882— 1895 hat die Zahl der ärmsten Proletarier unter den Land⸗ besitzern(mit Flächen unter 1 Hektar) noch um 205 000 zugenommen. Bestellungen —— familie zu ernähren; auch hier herrscht, wenn es sich nicht um Wein⸗ oder Tabakbau handelt, der Gemüsebau, die Gartenwirtschaft vor. Nahezu die Hälfte der Betriebe hat 2—3 Hektar. Also: diese 4,2 Millionen Inhaber der Be⸗ triebe bis zu 5 Hektar sind meist gänzlich davon ausgeschlossen, daß sie von den Getreide⸗ zöllen irgend einen Nutzen haben könnten, denn sie sind nicht in der Lage, Getreide verkaufen zu können, weil ihre Ernte nicht einmal langt, um sie selber zu ernähren. Daher haben diese 4,2 Millionen landwirtschaft⸗ licher Besitzer nicht Nutzen, sondern Schaden von der Preissteigerung des Getreides. Man sieht hieraus, wie die Behauptung des Bundes der Landwirte, daß die Getreidezölle im Interesse der Hälfte der Bevölkerung Deutsch⸗ lands lägen, unwahr ist. Die gesamten 5,5 Millionen Besitzer repräsentieren mit ihren An⸗ gehörigen etwa 18 Millionen Personen, während die Hälfte der deutschen Bevölke ung 26 Mil⸗ lionen beträgt. Und von diesen 5,5 Millionen Besitzern kommen 4,2 Millionen, das wären samt Angehörigen 14 Millionen Personen, gar nicht in Frage. Auch von der einen Million mittleren Bauerngutsbesitzer wird nur derjenige Teil kinen nennenswerten Vorteil von den Getreidezöllen haben, der über guten Boden verfügt. Zu demselben Resultat kam auch der Reichs⸗ kanzler Fürst Hohenlohe, der bei Beratung des ersten Antrags Kanitz am 29. März 1895 er⸗ klärte: „Zum Schluß muß ich darauf hinweisen, daß der Antrag durchaus nicht allen Landwirten Nutzen bringt. Ein größerer Teil landwirtschaftlicher Betriebe wird von dem Antrag einen Vorteil durchaus nicht haben; es giebt Viele, denen der Antrag nicht nur keinen Vorteil, sondern Nachteil bringen würde.“ Der Reichskanzler rechnete dann an der Hand der Statistik von 1882 vor, daß „die Betriebe bis 12 Hektar kein Getreide zu ver⸗ kaufen haben, sondern meistens noch Getreide kaufen müssen. Bestenfalls werden die landwirtschaftlichen Be⸗ triebe von 6 Hektar ab bei gutem Boden im stande sein, den Bedarf an Getreide für den Besitzer und seine Familie zu decken. Die 6 Gruppen(bis 12 Hektar) umfassen 4 Millionen Betriebe= 76 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. Rechnet man auf den Betrieb 3½ Personen, so handelt es sich hier um eine Bevölkerung von etwa 15 Millionen Menschen, die von der Erhöhung der Getreidepreise keinen Vorteil, ja, mit relativ wenigen Ausnahmen, sogar einen direkten Nachteil durch die Ver⸗ teuerung ihrer Lebenshaltung haben werden. Nehmen wir an, daß die 5,2 Millionen Betriebe, die den Bestand der landwirtschaftlichen Betriebe überhaupt darstellen, mit 3 ½¼ multipliziert werden, so ergiebt das ungefähr eine gesamte landwirtschaftliche Bevölkerung von 19 Millionen. Wenn wir also die 15 Millionen, die die Kleinbetriebe darstellen, davon abziehen, so bleibt eine Bevölkerung von 4 Millionen Einwohnern, für die der Antrag Kanitz allerdings Vorteile hat.“ Die Junker schüttelten ob dieser ihnen so unbequemen Rede den Kopf, aber die Ziffern zu widerlegen, vermochten sie bis heutigen Tages noch nicht. Nicht die ganze deutsche Landwirtschaft, nicht alle deutschen Landwirte haben Vorteil von den Getreidezöllen, das heißt: der Preis⸗ steigerung des Getreides, sondern nur 24 Proz. der deutschen Landwirte, das sind 1 Millionen Besitzer, welche über 22 Millionen Hektar, also fast zwei Drittel der gesamten deutschen Die eine Million Betriebe von 2—5 Hektar sind auch nur selten geeignet, eine Bauern⸗ Anbaufläche verfügen! NFJuserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5qgespalt. Bei mindestens und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung % und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Diese„armen Leute“, die Jeder ein Besitz⸗ tum von 20 bis 100 Hektar und darüber haben, sollen unterstützt werden durch die 48 Millionen der übrigen deutschen Bevölkerung, also nicht die „gesamte Landwirtschaft“, nicht die„armen Bauern“, sondern die Junker und die Groß⸗ bauern! a Gewiß, der Kleinbauer leidet Not; seine Kinder verkümmern, sodaß, wie die amtliche Statistik zeigt, in Bayern nur 40 Prozent der zu Militär Ausgehobenen aus der Landwirtschaft kamen und 49 Prozent aus der Industrie, ob⸗ wohl die Bauern in Bayern 45 Prozent der Bevölkerung bilden, die Industriearbeiter 34. Die ganze deutsche Armee und Marine rekrutiert sich heute zu mehr als zwei Dritteln nicht aus überwiegend agrarischen, sondern aus überwiegend Industrie und Handel teeiben⸗ den Distrikten! Der Kleinbauer leidet Not— aber diese wird nicht durch hohe Getreidepreise beseitigt, aus dem einfachen Grunde, weil er kein Getreide zu ver⸗ kaufen hat. 5 Was ihm fehlt, ist das, was ihm die Vor⸗ fahren der heutigen Junker einst geraubt haben: Land!„Schw. Volksfreund.“ Die Flotte wird bewilligt! Was von Seiten unserer Presse in Bezug auf die Haltung des Zentrums in der Flotten⸗ frage vorhergesagt wurde, nämlich, daß diese ausschlaggebende Partei umfallen und die Mil⸗ liarden für die Flotte bewilligen werde, ist ein⸗ getroffen. In der Sitzung der Budgetkommission vom vorigen Freitag brachte Abg. Müller⸗ Fulda mit Unterstützung sämtlicher Zen rums⸗ mitglieder Anträge ein, die eine Bewilligung fast des ganzen Flottengesetzes bedeuten. Was von den Regierungsforderungen abgestrichen wurde, fällt gar nicht ins Gewicht. Dabei handelt es sich um Schiffsbauten, die vor 1906 überhaupt nicht in Angriff genommen werden können. Außerdem kann die Regierung ja jederzeit weitere Forderungen an den Reichstag stellen. Natürlich nahm die Regierung die Zentrumsan gebote schmunzelnd in Empfang, sie hatte sich gewiß die Sache nicht so leicht gedacht. Um einen Einblick zu gewähren, wie die Regierung sachlich und der Form nach nahezu vollkommen ihren Willen mit Hilfe des Zentrums durchsetzt, publiziert die„Berl. Volksztg.“ eine tabellarische Uebersicht der Baupläne von 1898 und 1900 und der Verquickung dieser beiden Pläne durch den Zentrumsentwurf. I. Linienschiffe. das Gesetz von der Regierungsent⸗ der Zeutrums⸗ 1898 wurf von 1900 Eutwurf setzte fest: vermehrt diesen bewilligt: 15 Bestand um: 1 Flaggschiff 2 Flaggschiffe 1 Flottenflagg⸗ schi 16 Schiffe verwen⸗ 16 Schiffe verwen⸗ 32 Schiffe ver⸗ dungsbereit dungsbereit wendungsber. 2 Schiffe Mate⸗ 2 Schiffe Mate⸗ 4 Schiffe Mate⸗ rialreserve rialreserve rialreserve 19 Linienschiffe E 19 Linienschiffe 38 Linienschiffe Genoffen! Agitiert allerorts für die Parteipresse! 5 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 19. II. Kreuzer für Schlachtflotte. Das Gesetz von der Regierungsent⸗ der Zeutrums⸗ 18055 wurf von 1900 Entwurf setzte fest: vermehrt diesen bewilligt Bestand um: 6 große Kreuz.— 2 große Kreuzer 8 große Kreuzer 16 kleine„. 8 kleine„= 24 kleine Kreuzer Die Linienschiffe werden also sämtlich gefordert, wie die Regierung sie forderte. Die heimische Kreuzerflotte wird demnach gleichfalls in dem von der Regierung gewünschten Umfange bewilligt. Bei der Auslandsflotte ist zu unterscheiden zwischen denjenigen Schiffs⸗ bauten, welche die Regierung bis 1905 in An⸗ griff nehmen und denjegigen, die sie von 1906 bis 1916 bauen will. 8 Die Regierung will erreichen bis 1905: 3 große Kreuzer 10 kleine Kreuzer. Das wird vom Zentrum bewilligt. Von 1906 bis 1909(in der sogen.„zweiten Bauperiode“) will aber die Regierung nun noch des weiteren für die Auslandsflotte bauen: 6 große Kreuzer und 5 kleine Kreuzer. Diese elf Schiffe und eine entsprechende Zahl von Schiffen der Materialreserve, deren Bau die Regierung beim allerbesten Willen vor 1906 nicht beginnen kann, scheidet der Zen⸗ trumzentwurf vorläufig aus! Vorläufig, denn der Staatssekretär Tirpitz hat ausdrücklich in der Kommission erklärt, daß die Regierung auf diese Schiffe nicht verzichten wird. So ist der Kuhhandel fertig. Das Centrum hat sich wiederum als Regierungspartei erwiesen und die Interessen der arbeitenden Bevölkerung schmählich verraten. Durch diesen Verrat werden dem arbeitenden Volke wieder Millionen abgepreßt. Denn die Steuern, durch welche nach dem Centrumsantrage die Mittel für Flotte beschafft werden sollen: Er⸗ höhung der Stempel auf Wertpapiere und Lotterie⸗ lose; Erhöhung der Zölle auf ausländische Schaum⸗ weine, Liqueure, Cigarren; Steuern auf See⸗ fahrknoten etc. reichen nicht im Entferntesten zur Deckung der Mehrkosten aus. Und mit der Einführung einer„den Massenverbrauch nicht belastenden Reichssteuer“ wird man es nicht so eilig haben. Die Kosten denkt man schließlich doch aus den laufenden Einnahmen, die bekannt⸗ lich zum größten Teile aus den Erträgnissen der das arbeitende Volk am meisten belastenden indirekten Steuern bestehen. Politische Bundschau. Gießen, 4. Mai. Flotte und Handel. Zur Förderung des Handels sollen— angeb⸗ lich— dem deutschen Volke nach der neuen Flottenvorlage während der nächsten zwanzig Jahre rund 6 Milliarden ausgepreßt werden. Welche Förderung dabei in Wahrheit unser Handel erfährt, dafür ein Beispiel: In Memel ist in Folge einer im Herbst eingetretenen Versandung des Hafens eine voll ständig e Blockade über den Hafen verhängt. Ein blühender Handel von 60 Mil⸗ lionen an Ausfuhr und Einfuhr ist da⸗ durch vollstän dig lahmgelegt. Es ist weit gekommen, wenn in öffentlicher Stadtverordneten⸗Sitzung von hervorragender Stelle aus— einer Stelle, deren ruhige Sach⸗ lichkeit und besonnenes Urteil über jeden Zweifel erhaben sind— die Versicherung ausgesprochen wird, daß der Handel Memels vor dem Ruin stehe, daß es nur eine Frage der Zeit sei, daß sich unser Handel nach Libau ziehe, und daß den Memeler Großkaufleuten schließlich nichts anderes übrig bleibe, als ebenfalls nach Liban auszu⸗ wandern. Die Blockade wäre durch die Thätigkeit einer Anzahl leistungsfähiger Bagger zu be⸗ seitigen, allein für solche Kulturzwecke ist kein Geld vorhanden! Bekanntlich suchen die Flottenfexen dem deut⸗ schen Volke das Gruseln beizubringen, indem sie, ähnlich wie in der Faschingswahl, von der In⸗ vasion der Kosaken, jetzt von den furchtbaren Ge⸗ fahren der Blockade faseln. Hier ist eine Verkehrs⸗ störung vorhanden, die einer Blockade gleichkommt; um sie zu beseitigen, würde der zehnte Teil dessen genügen, was ein Kriegsschiff kostet, denn es wird mitgeteilt, daß durch Verlängerung den Süder⸗ moole die Gefahr der Versandung ein für alle Mal beseitigt wäre, und diese Verlängerung würde gegen 2 Millionen kosten. Herr Miquel aber hat gegen diese Ausgabe gewisse Bedenken geltend gemacht und so das Projekt verhindert. Dafür werden die Einwohner von Memel, wenn sie an den Bettelstab gebracht sind, die Freude haben, daß vor dem versandeten Hafen kostbare Linienschiffe hin und her dampfen. Weltmachtpolitik und Arbeiterinteressen. Der Freiburger Professor der Sozialpolitik, Schulze⸗Gävernitz, hatte vor einiger Zeit in unserem Karlsruher Parteiorgan„Volksfreund“ seine Ansichten über Weltmachtpolitik niedergelegt und sich unter Anderem auf die „organisierten hochgelohnten Arbeiter“ Englands berufen, die sich in„thatkräftiger Sympatie mit der neuen imperialistischen Bewegung befänden, de en jüngstes Ergebnis der mit Transvaal sei“. Dieser Meinung tritt jetzt in dem gleichen Blatt ein englischer Arbeiter Namens William Sanders entgegen, der seit zehn Jahren Sekretär der Arbeiterpartei eines Londoner Bezirks ist und zugleich Arbeitervertreter im Stadtrat. Der englische Gewerkschafter schreibt:„Der solide Kern der englichen Aebeiterbe wegung, der hoch⸗ gelernte Gewerkschftler hat keinen Glauben da⸗ ran, daß er seine höchsten und besten Ziele durch gewaltige Rüstungen und eine lärmende National politik verwirklichen könne. Un⸗ aufhaltsam verstärkt sich in ihm der Glaube, daß es möglich und praktisch ist, sich auf dem Gebiet internationaler Meinungsverschiedenheiten und internationaler Konkurens auf friedlichem Wege zu verständigen. Dieser Glaube wird sich weiter festigeu und schneller auch in den Vertretungskörperschaften der englischen Nation triumphiren, wenn die deutsche Arbeiter⸗ klassr zeigt, daß sie in gleicher Weise vertraut auf die Kraft der Vernunft und der Großmut als der mächtigsten Faktoren für jede dauerhafte Lösung von Schwierigkeiten zwischen den Na⸗ tionen.“— Der Herr Professor wird nun wohl einsehen, daß er sich' getäuscht hat, als er glanbte, die klassenbewußten Arbeiter Englands ständen hinter den Landräubern Chamberlain und Kon⸗ sorten. In Sachen des Fleischbeschaugesetzes zeigten sich die Junker in der letzten Zeit merk⸗ würdig nachgiebig, sogar Graf Klinkowström trat im Gegensatz zu dem Bundesdirektor Hahn für eine Verständ igung mit der Regierung ein. Den Grund für diese Haltung erklärt ein Artikel der „Fränk. Tagespost“. Darnach haben die Konser⸗ vativen auf anderem einfacherem Wege erhalten, was sie forden, Der Reichskanzler hat dem Bremer Norodeutschen Llord auf Grund des Artikels 26 deh Subventionsvertrags untersagt, bis auf Weiteres frisches ausge- schlachtetes Fleisch, Butter und andere Molkereiprodukte, Gedreide aus dem Ausland nach deutschen, niederländischen und belgischen Häfen mit Reichspostdampfern zu befördern. Bei der Dampfer⸗Subventionsvorlage hatte näm⸗ lich der Reichstag am 11. März 1898 folgende Resolution angenommen:„Den Herrn Reichs⸗ kanzler zu ersuchen, mit dem Norddeutschen Lloyd eine Vereinbarung dahio zu treffen, daß der Reichskanzler die Befugnis erhält, land wirt⸗ schaftliche Produkte, welche mit der deut⸗ schen Landwirtschaft konkurieren, mit Ausnahme von Tabak, Häuten, Fellen und Wolle, von der Einfuhr durch die subventionirten Dampfer nach denulschen, belgischen und hol⸗ ländischen Häfen aus zuschließen.“ Na also! Dann ist allerdings ein Fleischeinfuhrver⸗ bot auch gar nicht mehr nötig! Besteuerung der Warenhäuser. Ueber diesen Gegenstand wurde am 26. April in der sächfischen zweiten Kammer lebhaft debattiert. Es stand ein Antrag Opitz⸗Schill zur Beratung, welcher die Regierung um Vorlage eines Gesetz⸗ entwurfes ersucht, der die stärkere Heranziehung der Warenhäuser zu den Steuern ermöglichen soll. Dadurch soll der„Mittelstand“ gerettet werden. Die konservativen Mittelstandsretter gaben dabei unumwunden zu, daß sie vor allem die Konsum⸗ vereine treffen möchten. Diese, in Sachsen zu besonderer Blüte gelangten, äußerst segensreich wirkenden Organisationen sind den sächsischen Reaktionären längst ein Dorn im Auge. Schon vor Jahren suchte man sie durch eine Umsatz⸗ steuer zu erdrosseln. Die Gemeinden erhielten das Recht, eine solche bis zu drei Prozent zu erheben, wodurch die Konsumvereine thatsächlich ruiniert würden. Von diesem Rechte machten die Kommunen nur deshalb nicht im ganzen Umfange Gebrauch, weil sich einzelne großkapita⸗ listische Betriebe, die man doch nicht gut von der Steuer ausnehmen konnte, energisch dagegen wehrten. Im Grunde ist es bei dieser Gesetz⸗ geberei den Konservativen weniger um eine Hebung des Mittelstandes zu thun; sie wollen vielmehr nur ihre aus den Schichten des Klein⸗ gewerbes sich rekrutierenden Wähler bei guter Laune zu erhalten.— Der Mitantragsteller Schill sprach sich gegen die Besteuerung der Konsumvereine aus, hielt es überhaupt nicht für richtig, gegen die Großbetriebe vorzugehen. Seine Ausführungen, die mehr gegen als für den Antrag sprachen, erregten begreiflicherweise das Mißfallen der Mittelstandsretter. Für die So⸗ zialdemokraten sprach Abg. Fräßdorf, der sich entschieden gegen den Antrag wandte. Er führte u. a. aus: Dem Mittelstand solle durch den Antrag wieder einmal Honig um den Mund geschmiert werden. Ein Mittelstand, der solcher Hülfe bedürfe, sei volkswirtschaftlich über⸗ flüssig und möge lieber heute als morgen zu grunde gehen, denn er sei ja schon gar kein Mittelstand mehr. Seine Partei habe nicht die Absicht, den Mittelstand zu ruinieren, sie habe aber auch gar keine Macht, ihn zu retten. Die Großbetriebe hätten gewiß ihre Schäden, aber diese Schäden hätten Kleinhandel und Kleinproduktion auch, sie hätten nur die Vorteile des Großbetriebes nicht. Der Antrag sei Parteipolitik; die Konservativen wollten sich im Mittelstand nur ihre reaktionäre Wählerschaft erhalten. Steuern dürften nur erhoben werden, wenn ein Bedarf dazu vorhanden sei. Man möge die Progression beim Einkommen steigern, aber nicht jemanden dafür strafen, weil er Waren billig verkaufe. Die Umsatzsteuer sei mit Recht eine Erdrosselungssteuer genannt worden. Ob die Erdrosselung aber erreicht werde, um die es den Kleingewerbetreibenden ausschließlich zu thun sei, sei eine andere Frage. Wenn die Steuer dem Mittelstand nichts helfe, werde man sie höher schrauben; dadurch werde aber nur die Begehrlichkeit des Mittelstandes geweckt. Die Steuer werd« aber zum Teil auf andere Kreise wieder abgewälzt werden. Die Hebung der sozialen Lage der unteren Klassen big weit mehr im Interesse des Staates, als ie Hebung der Mittelstände. Man möge ihnen helfen auf Kosten der Besitzenden, aber nicht der Mittellosen. Den Armen solle aber noch das Letzte aus der Tasche genommen werden, um den Konservativen ihre reaktionäre Wählerschaft zu erhalten.— Minister v. Metzsch hielt die Regelung der Frage für schwierig, versprach aber doch, dem nächsten Landtage eine Vorlage zu machen. Wenn man das unsolide Gewerbe treffen wolle, müsse man auch das unsolide Klein⸗ gewerbe treffen. Die Konsumvereine könnten von der Vorlage nicht ausgeschlossen werden.— Un⸗ angenehm mag den Opitz und Genossen der Hinweis auf Württemberg gewesen sein, wo ein WMinister unverhohlen gusgesprochen hat, daß existenz- unmögliche Betriebe kein Recht auf staatlichen Schutz hätten.— „Der Antrag der Mittelstandspolitiker wurde mit allen gegen zehn Stimmen angenommen. Unsere Genossen sind durch die Wahlrechts⸗ räuber bis auf vier Mann aus dem sächsischen Landtage verdrängt. Unter dem heuchlerischen Deckmantel der„Mittelstandsrettung“ wird des⸗ halb vom nächsten Landtage die Erdrosselungs⸗ steuer gegen die Konsumgenossenschaften durch⸗ gesetzt werden. In Kreizve reih sandwir jchung dach empfehl Hamat wöhn biete. Die die na heim 0 In hat an Kruf funden Zeiun worden wirte und f rührte Lürmt eng amm geat sogar wurde wärt Wah Stim bis Dr. si und Wa Dr. 2845 1072 2 Etin fr. Hug zetsp 2 hat 9. 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Natür⸗ lich sagte Fräßdorf: ein Mittelstand, der nur durch die Erdrosselung der Kon sum⸗ vereine und nur auf Kosten der Armen und Aermsten erhalten werden könne, sei überhaupt kein Mittelstand mehr und nicht wert, daß er noch bis morgen bestehe. Zur„Leutenot“ auf dem Lande. In einer Sitzung des landwirtschaftlichen Kreisvereins zu Kirchhain äußerte der Landrat Freiherr von Schenk zu Schweinsberg, in landwirtschaftlichen Kreisen habe man die Heran⸗ ziehung ungarischer und siebenbürgischer Deutscher zur Abstellung der„Leutenot“ nicht empfehlen können, weil diese Leute in ihrer Heimat eine bessere Leben sweise ge⸗ wöhnt seien, als man ihnen in Deutschland biete. Die Agrarier können eben nur Leute brauchen, die noch geringere Ansprüche stellen als die heimischen Landarbeiter. Der Kuli ist ihr Ideal. Eine Niederlage der Bündler und Antisemiten. Im Wahlkreise Aurich⸗Wilhelmshaven hat am 26. April für den verstorbenen Abg. Kruse(mtl.) eine Reichs tagsersatzwahl stattge⸗ funden. Von Seiten der Antisemiten war der Zeitungsverleger Bruhn aus Berlin aufgestellt worden, der auch von dem Bunde der Land⸗ wirte unterstützt wurde, weil er für den Brot⸗ und Fleischwucher eintritt. Für seine Wahl rührten denn auch die Bündler gewaltig die Lärmtrommel. Aber trotz ganz gewaltiger An⸗ strengung und trotzdem in mehr als 100 Ver⸗ sammlungen in bekannter antisemitischer Manier „gearbeitet“, der Fleischschaugesetzentwurf und sogar der Konitzer„Ritualmord“ ausgeschlachtet wurde, ist das Ergebniß für diese Sorte Rück⸗ wärtser ein klägliche. Sie haben, obwohl die Wahlbeteiligung gegen 1898 eine stärker war, Stimmenrückgang zu verzeichnen.— Nach den bisherigen Nachrichten ist der ratiovalliberale Dr. Semler gewählt. Dieser unterscheidet sich allerdings von einem Bündler nur wenig und hat sich als Gegner des Reichstag⸗ wahlrechts erklärt. Es erhielten Stimmen: Dr. Semler(natl.) 6494, Allmers(fr. Vp.) 2843, Bruhn(Antis) 1719, Hug(Soz.) 1072 Stimmen. Bei der Wahl im Jahre 1898 erhielten Stimmen: Dr. Krüse(natl.) 5253, Meyer (fr. Vp) 2032, Vissering(B. d. L.) 1815, Hug(Soz.) 1010, Dr. Lieber(Zentr.) 1011, zersplittert 22 Stimmen. König Stumms Wahl. Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat beschlossen, die Wahl des Abg. Freiherrn v. Stumm zu beanstanden. Ohne Verstöße gegen das Gesetz geht es bei diesen Herren nun einmal nicht ab. Reichstagsnachwahl in Mülhausen i. E. Der Abgeordnete für Mülhausen, Genosse Bueb, hat sein Reichstagsmandat nieder⸗ gelegt. Zur Nachwahl stellen unsere Genossen den Kaufmann L. Emmel, früher in Saar⸗ gemünd, jetzt in Mülhausen, auf. Gen. Emmel wird als„Altdeutscher“ zweifellos einen schwereren Stand haben, als Bueb, der als geborener Elsässer die Sympathien der dortigen Bevölke⸗ rung für sich hatte.— Immerhin ist nicht an⸗ zunehmen, daß uns der Kreis verloren geht, selbst dann nicht, wenn, wie es den Anschein hat, sämtliche gegnerische Parteien mit einem Kompromißkandidaten auf den Plan treten. Der Wahlkreis ist seit 1890 in unsereu Händen und der einzige sozialdemokratisch vertretene in Elsaß⸗Lothringen. Mit 9749 gegen 5473 Stim⸗ men wurde 1890 Genosse Ch. Hickel gewählt. Genosse Bueb wurde 1893 als sein Nachfolger mit 12 158 gegen 9797 elsässische Stimmen ge⸗ wählt und behauptete 1898 den Kreis mit 13610 Stimmen gegen 8052 elsässische und 1761 nationalliberale. Landtagswahlen in Württemberg. Nach einur Erklärung des Ministerpräsidenten v. Mittnacht in der würtenb. Abgeordneten⸗ kammer sollen die Neuwahlen zum Landtage im November dieses Jahres ausgeschrieben worden, damit sie am Jahresschluß vollzogen sind. Ausländisches. Belgische Kolonialgreuel. Daß die Kolnnialarbeit aller europäischen Staaten mehr oder weniger Barbarei ist, zeigt wieder ein Fall aus Kongo, in dem die Scheuß⸗ lichkeiten des Prinzen Arenberg noch übertroffen sind. Ueber die fürchterlichen Grausamkeiten, welche sich Belgier gegenüber Schwarzen im Kongo zu Schulden kommen ließen, schreibt ein Beamter der Antwerpener Mongolagesellschaft, Aouis Lacroix, daß im vergangenen November ihm ein Vorgesetzter befahl, alle Einwohner von Monbia todt zu schießen, und in der That wur⸗ den 22 Frauen und 2 Kinder im Dorfe selbst und drei Frauen auf der Flucht getödtet. Herr Lacroix fügte hinzu:„Von Mitleid er⸗ griffen sah ich mich gezwungen, meinen Chef zu verhindern, auf ein Kind zu zielen, welches er schon einige Male gefehlt hatte, und dessen Mutter von mehreren Kugeln durchbohrt dalag.“ Und was war der Anlaß dieser Metzeleien? Herr Lacroix berichtet es, leidenschaftslos wie ein orientalischer Chronilschreiber:„Weil das Boot von Mondia nicht rechtzeitig an den verschiedenen Posten erschienen war, um Kautschuk abzuholen!“ Auf Befehl desselben Chefs wurden ein anderes Mal 60 Frauen, welche dem Posten von Mon⸗ bia Nahrungsmittel brachten, in Ketten gelegt, ins Gefängnis geworfen und dort dem Hunger⸗ tod übergeben; nur 5 von 60 blieben am Leben. Und weshalb diese Unthat? Weil das Dorf Mumbumbala, aus dem diese Frauen kamen, keinen Kautschuk gageliefert hatte. Noch gegen vier weiterere Europäer sind Klagen erhoben; einer wird beschuldigt, 150 Menschen getödtet und 60 Hände abgeschlagen zu haben, der zweite hat Frauen und Kinder kreuzigen und Männer verstümmeln lassen; die beiden anderen werden nur vereinzelter Mord⸗ thaten beschuldigt.“ Diese Scheußlichkeiten kamen in der belgischen Ka mmer zur Sprache, wo von den Ministern die Kongoregierung und die Kolcnialbestien noch in Schutz genommen wurden. Unser Genosse Vander velde griff in wuchtiger Weise in die Debatte ein und erhob energische Anklagen gegen das ganze Kongounternehmen. Er sagte unter anderem, daß tief verschuldete Offiziere in die Kolonie gingen, um sich dort neue Mittel zu verschaffen, wobei sie die Farbigen in skan⸗ dalöser Weise ausbeuteten und mißhandelten. Weiter besprach er die Beteiligung des Königs an dem Kongounternehmen und sagte nach der„Voss. Ztg“: „Sicherlich, König Leopold II., der große Zivilisator, hat in Betreff der Behandlung der Farbigen schöne Worte gesprochen, aber er ist darum nicht minder einer der größten Elfen⸗ bein⸗ und Gummihändler der Welt, und die Antwerpener Gesellschaft, die von allen Seiten jetzt angegriffen wird, ist ganz einfach der König der Belgier. Der König besitzt am Kongo eine ungeheure Privat- domäne, deren Erträgnisse nicht in die Staats⸗ kasse abgeführt werden und deren Millionen dazu dienen, um dem König die Vorschüsse, die er für das koloniale Unternehmen geleistet hatte, wieder einzubringen. Belgien zahlt jährlich zwei Millionen Franks, der König eine Million Franks, um den Fehlbetrag des kongostaatlichen Staatshaushalts zu decken, aber der König ge⸗ winnt Millionen aus der Privatdomäne. Alle Offiziere und Agenten erhalten Prämien nach dem Ergebnisse der Ausbeutung; sie haben also ein Interesse daran, die Farbigen roh zu be⸗ handeln. Selbst die Anhänger der kolo⸗ nialen Politik müssen doch wünschen, daß über die schrecklichen Anklagen Licht verbreitet wird. Kein Volk kann Belgien tadeln, denn die Deut⸗ schen, die Franzosen und Engländer haben es nicht anders gemacht. Wir sprechen offen, denn die menschliche Solidarität verbindet uns ebenso sehr mit den farbigen wie mit den weißen Arbeitern.“ Die Rede machte einen so mächtigen Eindruck, daß die Kammer diese Verhandlungen fortzu⸗ führen beschloß. Am andern Tage erklärte der Minister— wie es bei solchen und ähnlichen Dingen auch anderwäl. ts geschieht— die Be⸗ hauptungen Vanderveldes für„unwahr“ und bestritt, daß der König Aktionär der Kongo— gesellschaft sei.— Dadurch werden aber die Anklagen in keiner Weise entkräftet. E. Sozialistischer Wahlsieg in Italien. In Mailand wurde Genosse Ettore Ciccotti mit 1951 von 1997 abgegebenen Stimmen, also fast einstimmig in die Deputiertenkammer gewählt. Der Regierung war es trotz eifrigen Bemühens nicht gelungen, einen Kandidaten zu finden. Genosse Ciccotti ist ein namhafter Gelehrter. Er trieb zuerst Jurisprudenz, wendete sich aber später geschichtlichen Studien zu. Nach Erlangung des Doktorats habilitierte er sich in Rom als Privat⸗ dozent; bald wurde er außerord entlicher Professor. Seine politischen Ueberzeugungen erregten aber bei der Regierung Anstoß. Im Jahre 1898 wurde er gemaßregelt. Der Wahlkreis, in dom er gewählt wurde, war früher nie von einem Sozialdemokraten vertreten. Es geht überall vorwärts! Der Krieg in Südafrika. Es ist den Buren gelungen, sich trotz der englischen Umgehungsversuche in guter Ordnung nach Norden zurückzuziehen. Sie räumten ihre Stellungen bei Dewetsdorp und Wepener frei⸗ willig in der begründeten Besorgnis, sonst von den Engländern einge schlossen zu werden. Von einem großen Erfolge der Letzteren ist hierbei nicht zu sprechen. Die mit der Verfolgung der sich zurückziehenden Buren betrauten Kavallerie⸗ brigaden sind bereits nach Bloemfontein zurück⸗ gekehrt, ohne etwas ausgerichtet zu haben.— Aus Mafeking liegt eine Meldung vom 12. April vor, wonach die Buren an diesem Tage die Stadt heftig beschossen. Menschen seien dabei nicht umgekommen, wohl aber wurde viel Materialschaden angerichtet. Die Belagerung Mafekings dauert jetzt schon über sechs Monate. — Eine fürchterliche Explosion fand am 24. April in der Gießerei von Begbie in Johannes⸗ burg statt, welche als Arsenal von der Regie⸗ rung benutzt wird. Das Gebäude wurde völlig zerstört, dreizehn Menschen getötet und siebzig verletzt. Man glaubt, daß es sich um ein von englischer Seite angestistetes Attentat handelt; es wurde eine Untersuchung eingeleitet und der Sohn des Besitzers Begbie verhaftet.— Die Gesamtverkuste der Engländer be⸗ tragen nach einer amtlichen Zusammenstellung seit Beginn des Krieges bis 21. April 18 383 Mann. Diejenigen der Buren werden auf 14 500 bis 13. März angegeben. Aus dem Reichstag. Die Sitzung am 27. April wurde mit der Beratung der Petition betreffend Einführung einer Maximalarbeits⸗ zeit in der Textilindustrie zum gröd ten Teile ausgefüllt. Hierzu sprach Genosse Fisch er⸗Berlin, der in ausge⸗ zeichneter Rede darlegte daß die Einführung des Zehn⸗ stundentages in dieser Industrie durchaus möglich sei und wies an der Hand der Gewerbeinspektoren⸗Be⸗ richte und unter Anführung der günstigen Erfahrungen, die man in anderen Ländern mit der kürzeren Arbeits⸗ zeit gemacht habe, die Notwendigkeit der Beschränkung der Arbeitszeit nach. Grade die Länder mit kurzer Arbeitszeit und hohen Löhnen seien an Leistungsfähig⸗ keit allen übrigen Ländern voraus. Mit Recht habe der frühere englische Arbeitsminister Mundela erklärt:„Es sind die langen Arbeitsst unden der fremden Arbeiter, die uns, die Engländer, gegen ihre Konkurrenz schützen.“ Fischer beleuchtete noch besonders die traurige Haltung des Zentrums in dieser Frage, das vor drei Jahren — El 83 e 10 Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 19. zwar die 63 stündige Arbeitswoche für alle Arbeiter über 16 Jahre beantragt, aber später sich nicht mehr um das Schicksal des Antrags gekümmert habe. Redner bean⸗ tragt, die Petition der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen.— Dieser Antrag fand jedoch nicht die genügende Unterstützung. Die Abgeordneten Baudert und Stolle(Soz.) führten noch Fälle übermäßig langer Arbeitszeit und erbärmlicher Löhne aus der Textilindu⸗ strie an. Häufig komme es vor, daß 14—16 Stunden täglich gearbeitet werde bei einem Lohn von 17 Pfg. pro Stunde. Kaplan Hitze(Zte.) suchte die Anklagen Fischers gegen das Zentrum zu entkräften. Er verlangte von Fischer, ihm zu sagen, wie das Zentrum seine Wünsche bei dem Bundesrat durchsetzen könne. Fischer entgegnete, wenn es dem Zentrum Ernst in dieser Frage wäre, so könnte es wohl auch hier, wie bei andern Gelegenheiten sein Wünschen Geltung verschaffen. Eine ähnliche Materie stand am 28. zur Beratung und zwar 125 Petition des oberschlesischen christlichen Arbeitervereins um Einführung der achtstündigen Arbeitszeit im Bergbetriebe. Auf diese interessante Debatte, welche die ganze soziale Frage aufrollte, im Laufe deren unsere Genossen Sachse, Thi el 25 Stolle und Geyer die Ausbeutung und Rechtlosigkeit der Ar⸗ beiter, das Elend der langen Arbeitszeit, die Partei; nahme des Klassenstaats für die Arbeitgeber, und schließ⸗ lich als klassische Illustration dieser Parteilichkeit, die Vorgänge bei dem letzten Kohlenarbeiter⸗Streik schildern, kommen wir noch zurück. Am 1. Mai standen Wahlprüfungen auf der Tagesordnung. Die Wahl des Kon servativen v. Loebell wird für ungültig erklärt, ebenso die des Bündlers Harriehausen. Genosse Sachse, dessen Wahl wegen formaler Mängel die Kommi sion für ungültig zu erklären beantragt, hat sein Mandat niedergelegt. Von Nah und Fern. Die Maifeier. Nach den bei Schluß unseres Blattes vorliegenden Nachrichten war die Beteiligung an der Maifeier größer als im Vorjahre und die Arbeits ruhe in größeren Städ⸗ ten fast allgemein. Der Verlauf war überall ein guter und— selbstverständlich— wurde die„Ordnung“ nirgends estört. * unserer nächsten Umgebung war aus leicht er⸗ kärlichen Gründen am 1. Mai selbst von einem Feier⸗ tage nichts zu bemerken. Soviel uns bekannt, haben weder in Gießen, noch in den Nachbarorten Arbeiter durch Arbeitsruhe gefeiert. Festversammlungen fanden bereits am Sonntag statt in Altenbuseck wo Gen. Dahmer, in Wieseck wo Orbig und in Heuchelheim wo Vetters über die Bedeutung des 1. Mai sprachen. Die Versammlungen nahmen bei starker Beteiligung überall guten Verlanf. In Gießen wies die Versammlung am 1. Mai einen besseren Besuch als im Vorjahre auf. Es wurde eine Resolution angenommen, die sich für den Achtstun⸗ dentag und den Weltfrieden ausspricht und der inter⸗ nationalen Solidarität Ausdruck giebt. Ebenso zahlreich waren in Lollar die Genossen zu⸗ sammengekommen. Die Feier wurde durch Gesangsvorträge eröffnet, worauf Genosse Beckmann sein sehr beifällig aufgenommenes Referat über die Bedeutung des Tages abstattete. Offen bach feierte am Vorabend die Grundstein⸗ legung des Saalbaves, bei welcher Gelegenheit Genosse Ulrich eine zündende Ansprache hielt.— Die Festver⸗ sammlung am Vormittage war von ca. 800 Personen besucht. Nachmittags fand ein imposanter Festzug statt, dem sich 2500 Personen angeschlossen hatten. In Frankfurt waren die fünf Vormittagsver. sammlungen mit Ausnahme einer einzigen sehr stark besucht. Die gemütliche Zusammenkunft im Tivoligarten wies eine über über Erwarten große Beteiligung auf. Auch in Mainz, Wies baden, Höch st etc. stär⸗ kere Beteiligung und Arbeitsruhe. Berlin zeigte in den Außenbezirken feiertägliches Aussehen. 26 Versammlungen fanden statt, die fñmmt⸗ lich überfüllt waren. Paul Göhre, der ehemalige Pastor, trat bei den Schneidern als Referent auf und erntete stürmischen Beifall. Hamburg. Fest zug von 70 Korporationen mit 16 000 Teilnehmern. Bremen. Die Zahl der durch Arbeitsruhe Feiern⸗ den betrug 5000. Der Betrieb der Schiffsbau⸗Gesellschaft „Weser“(700 Arbeiter) ruhte vollständig. In Dresden, Leipzig und ganz Sachsen ist das Weltfest würdig verlaufen und uberall 5 sich ein Wachstum der Zahl der Demonstranten. Lohnbewegung der Weißbinder in Gießen. Die hiesigen Weißbinder haben mit wenigen Ausnahmen gekündigt und sind gewillt, falls sie mit ihren Forderungen bei den Arbeitgebern kein Entgegenkommen finden, die Arbeit am 5. Mai niederzulegen. Die Forderungen— 30 Pfg. Stundenlohn für Arbeiter unter 21 Jahren, 40 Pfg. für ältere— sind angesichts des Umstandes, daß die Weißbinder einen Teil des Jahres ohne Beschäftigung sind, bescheiden zu nennen. Trotzdem nehmen die Arbeitgeber einen ablehnenden Standpunkt ein. Aus Wetzlar. -th. Der Streik der hiesigen Handschuhmacher, der nun schon einige Wochen andauert, ist noch nicht beendet. Die Fabrikanten haben sich noch nicht zu Unter⸗ handlungen mit der Kommission der Arbeiter herbeige⸗ lassen. Dagegen schimpfen sie in einem Berliner Unter⸗ nehmerorgan wie die Rohrspatzen über die„Anmaßung“ der Arbeiter, Forderungen zu stellen. In dem Artikel kommt so richtig der hochmütige Unternehmerdünkel zum Ausd cuck. Es werden da Behauptungen aufgestellt, deren Unwahrheit(edem objektis Denkenden ohne weiteres klar werden muß. Wären die Verhältnisse so, wie sie der Unternehmer schildert und verdienten die Arbeiter „durchschnittlich 30 Mk.“, dann wäre es doch keine m Hand schuhmacher eingefallen, die Opfer eines Lohnkampfes auf sich zu nehmen. Wie bei solchen Gelegenheiten immer, beteuern bie Unternehmer auch hier, daß„kein Gewinn zu erzielen“ sei. Eigentümlich, dabei werden die Unter⸗ nehmer immer reicher! Vernünftiger wäre es, sie kämen den berechtigten Forderungen der Arbeiter, von denen sie verlangen, daß sie die Interessen der Arbeitgeber hochhalten sollen, einigermaßen entgegen, anstatt von „Anmaßung“ und„knabenhaften Ausschreitungen“ zu sprechen. Nochmals der„Fall Oertel“. Die Vorstandschaft des sozialdemokra⸗ tischen Vereins Nürnberg-Altstadt und die Vor⸗ standschaft der sozialdemokratischen Partei für den Gau Nordbayern versenden ein Flugblatt, worin der Nachweis geliefert wird, daß es einen „Fall Oertel“. wie ihn die unanständigen Blätter unserer Gegner sich zurecht fälschten, nie gegeben hat. Es ergiebt sich aus der Darstellung, daß die Nürnberger Parteigenossen mit Oertel wegen Uebernahme der„Tagespost“ lediglich deshalb in Verhandlung traten, weil das Defizit der Zeitung, das sich nach der Behauptung Oertels ergeben hatte und das sich durch die von den Genossen verlangte Verbesserung des Blattes noch gesteigert haben würde, nicht von einem einzelnen getragen werden könne. Genosse Oertel war mit der Ueber⸗ nahme durchaus einverstanden und hat die von den Genossen acceptierten Bedingungen sel bst festgesetzt. In der privaten Unterhaltung, die man dann noch am Schlusse mit Oertel hatte, äußerte dieser, er sei froh, daß die Sache eine so verständige Lösung gefunden habe, er habe die„Fränk. Tagespost“ noch nie als sein Eigentum betrachtet. Man beurteile danach, welch unsauberes Manöver der betreffenden bürgerlichen Blätter es war, das tragische Ende des Genossen Oertel mit der Preßfrage in Ver⸗ bindung zu bringen. Ehrenurkunden für Arbeiter. Um einen tiefgefühlten Bedürfnis abzuhelfen, will die Handeskammer zu Solingen jedesmal in feierlicher Sitzung solchen Arbeitern „künftlerisch ausgestattete Diplome“ verleihen, die 25 Jahre ununterbrochen in einem Betriebe gearbeitet haben und denen der Arbeit⸗ geber bescheinigt. daß ihre Arbeitsleistungen stets befriedigend wahren, sowie daß sie sich stets einer guten Führung befleißigt haben. „Gute Führung“ ist ein dehnbarer Begriff. Ver⸗ steht man etwa darunter das Fernhalten von dem„gemeingefährlichen Bestrebungen der eee Das schönste kommt aber noch: Bei der Beratung der Bestimmungen über die Ver⸗ leihung von Ehrenurkunden an gewerbli he Arbeiter wurde angeregt, man möge die Urkunden auch an kauf⸗ männnische Angestellte verleihen. Dagegen wurde in⸗ dessen bemerkt, daß Bedenken obwalteu müßten, die gleiche Ehrung zwei in sozialer Hinsicht von einander abweichenden Personengruppen zukommen zu lassen. Durch diese„reinliche Scheidung“ wird der „Wert“ der für den Arbeiter bestimmten „Ehren“-Urkunde erst in das rechte Licht ge⸗ setzt. Die Arbeiter danken für diese Art„Sozial⸗ politik“ bestens. Resultat einnundfünfzigjähriger Arbeit. Der Dienstknecht Christoph Müller zu Olden⸗ dorf bei Suderburg hat seit Ostern 1849 bei dem Vollhöfner Müller Nr 8 daselbst ununter⸗ brochen, mithin 51 Jahre, im Dienst gestan⸗ den. Jür die Leistung so langjähriger treuer Dienste hat der Regierungspräsident dem Ge⸗ nannten seine Anerkennung ausgesprochen und zugleich ein Geldgeschenk von 30 Mark bewilligt. Der landwirtschaftliche Lokalverein für Uelzen und Umgegend hat dem Genannten ein Ehren⸗ diplom bewilligt. Nun ist also der Gefeierte im Besitz von einem Ehrendiplom, einem Aner⸗ kennungsschreiben und 30 Mark, das micht un⸗ gefähr/ Pfg. pro Tag. Wee viel ne int woh ein Großgrundbesitzer nach„51 jährigen treuen Diensten“ sein eigen? Der Mord in Konitz. Von dem Mörder des Gymnasiasten Winter ist noch immer keine Spur vorhanden. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen, doch wurde nur die des früheren Abdeckers Is raelski aufrecht erhalten. Gegen ihn ist das Verfahren wegen Begünstigung eingeleitet.— Die Behörde hat jetzt die Belohnung auf Entdeckung des Thäters auf 20 000 Mk. erhöht. Zur Verteilung an die Knaben, welche den Kopf des Ermordeten fanden, sind von einem israelitischen Rechts⸗ anwalt 1000 Mk. zur Verfügung gestellt worden. — Die Aufregung in Konitz und Umgebung wird durch die antisemitischen Hetzereien, Ver⸗ teilung von Flugblättern und Anheften geschrie⸗ uener Plakate, in denen die Juden des Mordes beschuldigt werden, aufs höchste gesteigert. Aus⸗ schreitungen haben in Konitz, Tuchel und Baldenburg stattgefunden. Eine Menge Fenster der Synagoge in Baldenburg wurden zertrümmert, Schaufenster jüdischer Geschäftsleute durchschossen und mit Steinen eingeworfen. In⸗ folgedessen ist die Gendarmerie verstärkt worden. Die Weltansstellung in Paris übertrifft an Ausdehnung und Pracht alle bisher dagewesenen. Fünfzig Staaten stellen aus und die Zahl der Aussteller beträgt rund 100 000, das sind 30,000 mehr als im Jahre 1889. Bei der ersten Internationalen Ausstellung im Jahre 1855 betrug der bebaute Flächenraum 117 000 Quadratmeter; 1889 waren es 290 000 und jetzt sind es 1,080,000. Im Jahre 1855 waren auf der Ausstellung 350 Pferdekräfte thätig; 1889 waren es 5500 und diesmal werden es 45,000 sein. Dementsprechend sind auch die Kosten gewachsen. Im Jahre 1855 wurden 11,5 Mill. 1867 23,5 Mill., 1878 55,5 und im Jahre 1889 40 Mill. ausgegeben. Diesmal betragen die Ausgaben über hundert Millionen. Deutschland ist der Pariser Ausstellungen von 1878 und 1889„aus politischen Gründen“, die vom Fürsten Bismarck im Jahre 1876 in einer Denkschrift dargelegt wurden, ferngeblieben. Nachdem es aber einmal beschlossen war, daß wir diesmal nicht fehlen werden, sind auch be⸗ sondere Anstrengungen gemacht worden, damit Deutschland den friedlichen Wettkampf der Na⸗ tionen mit Ehren und Erfolgen bestehe. Auf der Ausstellung ereignete sich am Sonn⸗ tag Nachmittag 4 Uhr ein schwerer Unglücks⸗ fall. Die Fußgängerbrücke, welche über die Avenue de Suffren hinweg vom Marsfelde nach dem Himmelskugel⸗Panorama führt, stürzte ein. Unter den Trümmern sind bis jetzt sieben Tote und eine Anzahl Verwundete hervorgeholt worden. Ausländer sollen sich nicht unter den Verunglückten befinden. Die Brücke, die nicht von der Ausstellungsleitung, sondern von der Panoramagesellschaft hergestellt wurde, war noch nicht fertig. Als sie einstürzte, waren nicht mehr als acht Arbeiter au der Brücke thätig, aber unter der Brücke gingen gerade viele Aus⸗ stellungsbesucher hindurch. Wie es zuerst den Anschein hatte, dürfte die Schuld an dem Un⸗ glück den Unternehmern zufallen, die die Stütz⸗ balken zu früh entfernen ließen. Von den bei dem Unfall in der Ausstellung verletzten Per⸗ sonen sind während der Nacht zwei im Kranken⸗ hause gestorben. Der Zustand mehrerer an⸗ derer Personen giebt zu ernsten Besorgnissen Anlaß.— Der Ministerpräsident sowie die Minister Millerand und Baudin waren auf der Unglücksstelle anwesend. Von der natio⸗ nalistischen Presse wird Millerand heftig an⸗ gegriffen und ihm die Schuld an dem Unglück beigemessen, weil er auf der Eröffnung der Aus⸗ stellung am 14. April bestanden habe. Diese Angriffe erscheinen um so blödsinniger, als die Unglücksstelle gar nicht auf dem Ausstellungs⸗ terrain gelegen ist, außerdem war die Brücke noch nicht polizeilich abgenommen. Ehe noch das Urteil eines Sachverständigen vorliegt, ja ehe die Unter⸗ mung, war! f uilh heren G 11 Arbei vierten ültete in 0 00 Teile eilt einem mittags uus und wobei ei Lon hef Flammen don Ott dachlos ane Mi Personen Vie vie noch ni das furc ekeignet Aus W. Wend d Nabetg Katt, we Unter au die hiesi glänzend Gießen, Arbeiter der her! die Arb hält usn Für d schlosse nterl. immer die A stellt, Lebha Nach damm beisam und S Kumpf * iche diefer sch d fudig such 0 Utten 10. — Aner- b un⸗ woh ellen Dinttt ehrett Wurde ski fuhren chörde 9 des eilung deten lechtg⸗ orden. hebung Ver⸗ schrie⸗ tordez Aus⸗ U und Nenge burden tsleute . In⸗ orden. bisher 3 und 0 000, 1889. ng im raum 90 000 1855 ekräfte iesmal d sind 185⁵ 3 55, geben. undert lungen nden“, 870 in lieben. Ir, daß ich be⸗ damit er Na⸗ Sonn lücks⸗ he über arsfelde stürztt sieben geholt ter den e 15 on de al noch u uh chli Nr. 19. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. suchung beendet ist, fallen die antisemitischen und Pfaffenblätter über den ihnen verhaßten Minister her, überhäufen ihn mit Beschimpfungen und stempeln ihn zum Verbrecher! Die Sorte bleibt sich doch überall gleich! Ein weiterer Unglücksfall ereignete sich Montag Mittag in der Ausstellung selbst und zwar in der Maschinen⸗Gallerie. Das Gerüst, auf welchem vier Maler an der Dekoration der oberen Gallerie arbeiteten, stürzte ein. Drei der Arbeiter sind bereits tot, der Zustand des vierten scheint hoffnungslos. Eine große Feuersbrunst wütete in Ottawa(Kanada). Die Stadt, welche 60— 70 000 Einwohner zählt, ist zum größten Teile eingeäschert. Das Feuer brach in Hull (einem Vororte von Ottawa) um 11 Uhr vor⸗ mittags aus, breitete sich dann über den Fluß aus und erfaßte verschiedene große Sägemühlen, wobei eine große Masse Holz vernichtet wurde. Von heftigem Winde getragen, umfaßten die Flammen bald große Teile der ärmeren Viertel von Ottawa. Tausende von Familien sind ob⸗ dachlos und der Schaden wird jetzt schon auf eine Million Pfund geschätzt. Hunderte von Personen kampieren auf den öffentlichen Plätzen. Wie viel Menschenleben verloren sind, konnte noch nicht festgestellt werden. Der Brand ist das furchtbarste Unglück, welches sich je in Kanada ereignet hat. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 3. Mai. Maifeier. Am Abend des 1. Mai fand im Lokale des Herrn Jesberg eine glänzend verlaufene Versammlung statt, welche von annähernd 100 Personen, dar⸗ unter auch einige Frauen, besucht war. Ein für die hiesigen Verhältnisse günstiges Resultat. In glänzender Rede unternahm es Gen. Krumm⸗ Gießen, die Bedeutung des 1. Mai für die Arbeiterklasse zu schildern, hierbei das Gebahren der herrschenden Klassen gegen alles, was sich die Arbeiter in zähem Kampfe für ihre Gesund⸗ heit usw. erkämpfen, in scharfen Worten geißelte. Für die Zukunft müßten wir einig und ge⸗ schlossen zusammenstehen, jede kleinliche Nörgelei unterlassen und versuchen, die Organisationen immer mehr zu stärken, damit die Forderungen, die die Arbeiterschaft an die herrschenden Gewalten stellt, immer näher der Verwirklichung kämen. Lebhafter Beifall folgte diesen Ausführungen. Nach Beendigung des offiziellen Teiles der Ver⸗ sammlung blieben die Genossen noch einige Zeit beisammen, um bei einem Glase Bier die Grillen und Sorgen zu vertreiben, welche wir bei dem Kampfe um das tägliche Brot haben. u. In Marburg wird es helle! Elek⸗ trisches Licht soll die Universität und die mit dieser verbundenen Anstalten erhalten. Sollte 1 dieses bewahrheiten, so wäre dies eudig zu begrüßen, und die Stadt wäre dann auch verpflichtet, dieser Frage einmal näher zu treten und eventuell durch Anlage einer Zentrale auch für die Stadt selbst die elekrische Beleuch⸗ tung einzuführen. * Marburg. Ein ausgedehnter Wald⸗ brand entstand vorigen Samstag Nachmittag in dem fiskalischen Walde nordöstlich unserer Stadt, dem„Bürgeler Gleichen“. Eine etwa 30 bis 40 Morgen umfassende Kieferndickung stand vollständig in Flammen. Das gesamte Jägerbataillon, die hiesige Feuerwehr, sowie zahlreiche sonstige hiesige Einwohner eilten rasch in den Wald. Durch Umschlagen von Hunderten von Bäumen, Aufwerfen von Gräben u. s. w. gelang es, um 8 Uhr abends des Feuers Herr zu werden. Der Schaden ist erheblich. * Marburg. Der Bürgermeister Back⸗ haus aus Rengerhausen, der schon 24 Jahre hindurch die Staudesamtsgeschäfte besorgt, wurde wegen Vergehens gegen das Personenstandsgesetz von der Strafkammer zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hatte ein noch nicht ehemündiges Mädchen zur Trauung zugelassen. Angeblich war ihm der betreffende Paragraph unbekannt! Kleine Mitteilungen. * Mainz. Soldatenmißhandlung. Die Mainzer„Volksztg.“ berichtet: Einem Sol⸗ daten der 4. Kompagnie des 117. Inf.⸗Regts. wurden von einem Unteroffizier zwei derartige Schläge wider das linke Ohr versetzt, daß der Mann dabei sein Gehör auf diesem Ohr verlor. Die ärztliche Untersuchung ergab ein zerstörtes Trommelfell. ** Mainz. Der verheiratete Schuhmacher Löhringer in Worms sollte dieser Tage vor der Mainzer Strafkammer wegen Kuppelei zur Verantwortung gezogen werden. In dem an⸗ gesetzten Termine erschien der Angeklagte nicht, er hatte sich mit Salpetersäure vergiftet.— Am Sonntag erschoß sich vor dem Gau⸗ thore ein hier beschäftigter Metzger aus Furcht vor Strafe, die er wegen Unterschlagung von Kundengeldern zu erwarten hatte. Arbeiterbewegung. Wiesbaden. Die Maurer befinden sich seit 14 Tagen im Streik. Ein großer Teil der Ausständigen ist abgereist; es befinden sich nur noch etwa 150 am Platze. Zwei gut besuchte Maurerversammlungen in Frauenstein und Bier⸗ stadt beschlossen, so lange im Ausstand zu ver⸗ harren, bis die Unternehmer, welche keine Zu⸗ geständnisse machen wollen, sich zu Verhandlungen herbeigelassen haben.— Fulda. Vorige Woche haben über 200 Maurer gekündigt. Die Arbeitgeber wollen die Forderung von 31—40 Pfg. Stundenlohn und zehneinhalbstündige Arbeitszeit nicht be⸗ willigen. Tuttlingen. Reichstagsabgeordneter Bock unterhandelte mit den Schuhfabrikanten wegen Beilegung des Streiks. Von Seiten der Fabrikanten sind nur ganz geringfügige Zu⸗ geständnisse gemacht worden. Die Abmachungen haben die Zustimmung der Arbeiter noch nicht gefunden, weshalb der Streik noch fortdauert. 7 Berlin. Gegen die drohende Wieder⸗ einführung der zehnstündigen Arbeits⸗ zeit in den Betrieben der Berliner Metall⸗ industrie haben die Berliner Gewerkvereine gestern eine Erklärung dahin beschlossen:„Daß die Arbeiter der Maschinenbau⸗ und Metall⸗ industrie nicht gewillt sind, die beabsichtigte Ver⸗ längerung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden in denjenigen Betrieben, die bereits eine kürzere Arbeitszeit eingeführt haben, ohne weiteres anzuerkennen.“ —— Gewerkschaftliches. In der Osterwoch ehaben eine Reihe Gewerk⸗ schaften ihre Verbandstage und General⸗Ver⸗ sammlungen abgehalten. Da es der Raumver⸗ hältnisse wegen in unserem Blatte unmöglich ist, näher auf die Verhandlungen einzugehen, müssen wir uns mit Wiedergabe der wichtigsten Be⸗ schlüsse und einiger Zahlen über die Entwickelung der einzelnen Organisationen begnügen. ** * Die Holzarbeiterdelegierten traten in Nuͤrn⸗ berg zu ihrem dritten Verbandstage zusammen. Achtzig Delegierte, sowie sieben Mitglieder des Vorstandes und Aus schusses waren vertreten, außerdem hatten die dänischen und österreichen Holzarbeiter Vertreter entsand..— Dem vom Vorstande vorgelegten Geschäftsbericht, der den Zeitraum vom 1. Jan. 1898 bis 31. Dez. 1899 umfaßt, ist folgendes zu entnehmen.— Am Schlusse des Jahres 1899 zählte der Verband 67656 Mitglieder in 542 Zallstellen. Noch vor zwei Jahren betrug die Mitgliederzahl reich⸗ lich 42 000, so daß eine Steigerung der Mitgliederzahl um ca 59 Prozent zu verzeichnen ist.— Für denselben Zeitraum weist der Kassenbericht eine Einnahme von 1 113 959 Mk. und eine Ausgabe von 984912 Mk. nach. Außer den in den Lokalkassen verbliebenen 295 173 Mk. sind die wichtigsten Ausgabeposten: Reiseunterstützung: 43 221, Mk. Gemaßregelten unterstützung 6546, Mk.; für die Holzarbeiter⸗ zeitung(die den Mitgliedern gratis geliefert wird) 99 309 Mk.; Streikunterstützung 387 140 Mk.; Umzugskosten: 7611 Mk.; Rechtsschutz 11 848 Mk.; Notfallunterstützung 9519 Mk. etc. Sehr be⸗ achtenswert sind die Angaben des Berichts über die stattgefundenen Lohnkämpfe. Es fanden in den zwei Jahren 111 Angriffs- streiks und ebensoviele Abwehrstreiks statt. In 86 Fällen konnte ohne Streik auf grund fried⸗ licher Verhandlung mit den Arbeitgebern eine Besserung deu Arbeitsverhälinisse herbeigeführt worden. Dabei wurde für 5818 Arbeiter eine Arbeitszeitverkürzung von 3,8 Stunden pro Woche und eine Lohnerhöhung von 4—25 Prozent erreicht. Mit der wachsenden Stärke der Or⸗ ganisation werden sich die Fälle des friedlichen Ausgleichs der Lohndifferenzen mehren und schon darin allein zeigt sich, eine wie gute Stütze die Gewerkschaft für die Arbeiter bedeutet. Die üb⸗ rigen Lohnkämpfe sind im Allgemeinen günstig für die Arbeiter verlaufen.— Von den auf dem Verbandstage gefaßten Beschlüssen ist der bezüg⸗ lich der Arbeitslosen unterstützung her⸗ vorzuheben. Auch dieser Verbandstag lehnte wie der vorhergegangene die Einführung der Ar⸗ beitslosenunterstützung ab und zwar mit 47 gegen 19 Stimmen und 14 Enthaltungen. Abgelehnt wurde auch der Vorstandsantrag den Sitz des Zentralvorstandes und das Fachorgan an einen Ort zu verlegen. Dagegen beschloß man die Erhohung des Wochenbeitrages von 20 auf 25 Pfg.— Im Allgemeinen legten die fünf⸗ tägigen Verhandlungen ein schönes Zeugnis von der erfreulichen Entwickelung ab, die der Holz⸗ arbeiterverband genommen hat. ** * Der Verein deutscher Schuhmacher hielt seine 8. Generalversammlung in Mag de⸗ burg ab. Dieser Verband zählt in 230 Zahl⸗ stellen 18038 Mitglieder; seit 1898 ist eine Zunahme von 2062 zu verzeichnen. Die Kasse weist in der Berichtszeit vom 2. Januar 1898 bis 2. Januar 1900 eine Einnahme von 268 897 Mk., und eine Ausgabe von 218 975 Mk. auf, so daß ein Kasseubestand von 50 521 Mk. verbleibt. Unter den haupt⸗ sächlichsten Ausgaben sind zu nennen: Für Streiks 84813 Mk., Reiseunterstützung 10 794 Mk., sonstige Unterstützung 7439 Mk., Fachorgan 34 964 Mk., Agitation 8740 Mk. Die außerordentliche rasche technische Ent⸗ wickelung innerhalb der Schuhindustrie, die eine fortwährende Neueinführung verbesserter Ma⸗ schinen hervorrief, und eine weiterere Teilung der Arbeit begünstigte, brachte unausgesetzt Kon⸗ flikte über Lohnreduktionen. An die Organisation gelt deshalb schwere finanzielle Anforderungen gestellt. Auch gegenwärtig tobt ein hartnäckiger Kampf mit den Tuttlinger Fabrikanten, die 2000 Ar⸗ beiter und Arbeiterinnen ausgesperrt haben.— Auch die Schuhmacher lehnten die obligatorische Einführung der Arbeitslosenunterstützung ab, die Entscheiduog darüber einer Urabstimmung überlassend.— In einem Referate über Arbeiter und Unternehmerorganisationen konstatierte Bock⸗ Gotha, daß, während die Unternehmer zu/ organisiert sind, von den 140 000 Schuhmachern in Deutschland nur 20 000 dem Verbande an⸗ gehören. Er bezeichnete als die Forderungen, deren Durchführung zunächst zu erstreben sei, die Erringung der 10 stündigen Arbeits⸗ zeit für das Kleingewerbe, der neun⸗ stündigen Arbeitszeit für mechanische Betriebe, Fourniturenfreiheit und Schaffung oon Tarifgemeinschaften. Partei-Dachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 5. Mai: Gießen. Schneiderverband abends ½9 Uhr bei Orbig. Sonntag, 6. Mai: Alsfeld. Wahlverein nachm. 3½ Uhr bei Gastwirt Pfeffer: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Der erste Mai. Nach der Versammlung gemüt⸗ liches Beisammensein.⸗ erer ez — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 19. Anterhaltungsteil. 5 Der Zukunft. Von G. Freiherr v. Ompteda.“ Wir Alle erkämpfen das Licht und den Tag, Wir ringen in Nacht und Dunkel, Wir wollen vergessen, was hinter uns lag, Wir sehnen den Tag, wir suchen den Tag Bei ängstlichem Sternengefunkel! Wir ahnen, wir fühlen die große Zeit, Wir vergessen versunkene Sorgen, Wir warten auf lünftige Herrlichkeit, Wir grüßen, wir feiern die kommende Zeit, Wir singen den dämmernden Morgen. Und gehen wir auch, eh' die Sonne geloht, Ehe Tag es wird über der Erde: Wir besiegeln durch uuseren freudigen Tod, Daß wir wußten, daß endlich die Sonne geloht, Daß wir ahnten das lösende„Werde!“ Wir Uebergangsmenschen, wir wollen das Mahl, Den kommenden Glücklichen rüsten! Die leeren im Siegesrausch den Polal, Die thun sich dann gut am bereiteten Mahl Und leben im Ernten, in Lüsten! Sie werden einst, wenn sie die Frucht in der Hand, Die wir nur gesehen im Reifen, Unsere Träume von einem Zukunftsland, Unfere Kämpfe, die Feder, den Stift in der Hand, Unsre glühende Sehusucht begreifen. Aus der„Gesellschaft“, Monatsschrist für Litte⸗ ratur, Kunst und Sozialpolitik. Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke. (Schluß.) 12. Wirkungen. Nach einigen Wochen, die sehr pünltlich bei Kraftbrühen verlebt wurden, trippelte Jungfrau Sarah wieder wohlgemut, stärker und frischer als jemals, im Hause umher. Sie wiegte das Knäbchen und nug es mit Zärtlichkeit umher, und hegte und pflegte es mit wahrer Affenliebe. Sie war glücklich von ihrer närrischen Einbil⸗ dung, durch eine noch weit närrischere, geheilt. Dankbar dafür war der erste Gang, welchen sie außer dem Hause that, zur Kirche, und von der Kirche zu einem Notar, dem Doktor Falk ihr gesamtes Vermögen gerschtlich verschreiben zu lassen, mit der Bedingung, daß er sie lebens⸗ länglich dafür verpflege, und ihr jährlich zum eignen Gebrauch eine ansehnliche Summe Taschen⸗ geld gebe. Dem Doktor aber machte sie noch den geheimen Artikel zur Pflicht, daß dem kleinen Regimentstrompeter dermaleinst die Hälfte des gesamten Vermögens zufallen müsse. So ward Doktor Falk plötzlich durch die blauen Wunder der Jungfrau Sarah Waldhorn zum reichen Monne. Der Sieg der medizinischen Fakultät war unwiderruflich entschieden; desto ärger wüteten von nun an die theologische, philo⸗ sophische und juristische gegeneinander. Sie konnten sich nicht verzeihen, daß sie sich gegen⸗ seitig um die Universalerbschast geprellt hatten. Dem Doktor Falk verzieh man leichter. Er war an allem unschuldig. Man knüpfte sogar wieder Freundschaft mit ihm an, denn er war einer der reichsten Männer in der Stadt; und einen reichen Mann, oder vielmehr sein Geld, kann der Philosoph und Jurist, wie der Theolog all⸗ zeit gebrauchen. „Die erbitterten Leutchen trieben ihren gegen⸗ seitigen Haß endlich so weit, daß sie ihren Kindern verboten, miteinonder zu spielen; daß, wenn zwei sich einander von fern auf der Straße sahen, beide umkehrten, um sich nicht zu begegnen; daß, wenn zwei einander sich nicht ausweichen konn⸗ ten, sie links und rechts vorbei gingen, ohne sich zu begrüßen. Ihre Todfeindschaft, die oft in die lächerlichsten Uebertreibungen ausartete, ward zuletzt zum Gespräch und Aergernis der ganzen Stadt. „Aber“, sagte Suschen zu ihrem Manne, „es ist doch recht betrübend, Verwandten in solchem Hader zu sehen. Wie wärs, Männchen, wenn du sie wieder versöhntest? Vielleicht, wenn du sie einmal zu einem freundschaftlichen Essen zusammenbätest. Beim Glase Wein wärmen die die Männer wohl alte Freundschaft wieder auf. Versuch's doch! Das hieße ein gutes Werk thun.“ „Alles ganz gut!“ rief Jungfrau Sarah, „man soll ein Christ sein und sich versöhnen! Ich bin auch dafür! Nur gebt mir das Essen hier nicht im Hause; ich kann die drei Schleicher nicht vor den Augen leiden. Ich kann alles vergeben, aber vergessen nicht. Speiset im Wirts⸗ hause zur Schlacht von Abukir miteinander; nur hier uicht.“ a 13. Die Schlacht von Abukir. Dem Doktor wäre die Versöhnung seiner Vettern ganz recht und lieb gewesen, doch traute er dem Frieden nur halb. Aber Suschen hatte darum gebeten. Und wenn sich Sus chen aufs Bitten legte, dann legte wan sich ganz vergebens aufs Abschlagen, besonders Falk. Er stand zwar nicht unter dem Pantoffel seiner Frau; aber gewiß doch unter ihrer weichen Hand. Sehr gelegen zu dem Versöhnungsmahl kam ihm die Anwesenheit zweier fremden großen Ge⸗ lehrten in der Stadt; beide hatten ihm einst als Lehrer Gefälligkeiten erwiesen. Jetzt konnte er vergelten, und die Gegenwart dieser beiden großen Männer flößte den drei feindlichen Verwandten wenigstens so viel Achtung ein, daß sie sich in deren Gegenwart nicht durch neue Vorwürfe reizen konnte. Man schätze nicht gering, was wir im gemeinen Leben Anstand nennen. Es ist oft das Gängelband, an welchem die kindliche Tugend auf schwachen Füßen laufen lernt. Der eine von den großen Männern, der berühmte Schulrat Hahnenkamm, war eigentlich mehr lang als groß, faft ricsenhaft, aber dünn und mager wie ein Schatten. Der andere große Mann war der Hofrat Pilz, ein kleines, bleiches Männ⸗ chen, durch seine Schriften hinlänglich der Welt und Nachwelt bekannt, wenn er nicht etwa ver⸗ gessen ist. Der Wirt der Schlacht bei Abukir mußte ein glönzendes Nachtessen bereiten,— der Doktor lud auf ein einfaches sokratisches Mahl ein. So ein sokratisches Mahl bei einem Doktor, reich wie der Mann im Evangelium, wird nicht leicht ausgeschlagen. Man fand sich ein. Zange und die beiden großen Männer erschienen zuerst. Die Unterhaltung war sehr gewürzt durch den attischen Witz der Fremden, die, in litterarischen Klatschereien wohl bewandert, von allen durch Schriften bekannteu Männern etwas Lächerliches aufzutischen wußten. Als aber der Professor Waldhorn kam, ward dem Advokaten das Lachen sauer. Dieser verzog das breite, fleischige Gesicht, als hätte er die Kolik; und jener ging um den Advokaten in so weitem Bogen herum, als ob er fürchtete, seinen neuen perlfarbenen Rock mit den weißen Atlasbeinkleidern schon durch den Hauch desselben zu besudeln. Als aber gar klein, schwarz, rund und gesund der Oberprediger hereinschritt, war's, als führe ein böser Geist in die Versammlung. Die Einheimischen sprachen nur mit den Fremden; sich selbst vermieden sie einander anzusehen, und geschah es, so war's mit Basiliskenaugen. Man ging endlich zur Tafel. Der Doktor trieb mit seinem Witz verschwenderischen Auf⸗ wand, um Heiterkeit in die Unterhaltung zu bringen. Die beiden großen Männer waren unerschöpflich in anstößigen Gelehrtengeschichten. Alles schien auf dem besten Wege zu sein. Der gute Falk bereitete sich schon zu einer rührenden Abschiedsszene beim Champagner vor. Der Philosoph Waldhorn ließ sich das süße Amt nicht nehmen, bei Tische zu„servieren“, wie er's hieß. Er füllte die Suppe auf, es war Kirschsupue, nach einer ganz nenen Vor⸗ schrift; ein Meisterstück des Abukirkochs; eine Wollust für Jeinschmecker. kam, so fiel dies dem Professor schwer aufs Herz— dem Menschen konnte er unmöglich Suppe geben. Er zuckte. Herr Zange sah mit verbissenem Grimm alles, was in dem Innern des Philosophen vor⸗ ging. Und da der Professor noch dazu finster und mit verachtendem Blick zu ihm hinüber sah, als wollt' er fragen:„muß ich gegen Dich konnte sich der wütende Advokat kaum mäßigen. Er streckte— niemand sah es— höhnend dem Philosophen schnell ein verzerrtes Gesicht ent⸗ gegen.— Da lief dem Professor der Weltweis⸗ heit die Galle über. Er gab ebenso schnell— niemand sah es— mit dem großen silbernen, von purpurfarbener Kirschsuppe geröteten Suppen⸗ löffel dem Advokaten einen derben Hieb auf den verzerrten Mund. Rasend fuhr der Advokat auf, streckte den langen Arm über den Tisch und er⸗ griff, statt des Philosophen— dieser hatte sich rasch unter den Tisch geduckt— den Kopf des Oberpredigers. Erschrocken ließ dieser seine ehr⸗ würdige Perücke in den Geierkrallen des Advo⸗ katen und duckte sich neben den Philosophen unter die Tischplatte. Hier setzten beide das Treffen gegen den juristischen Goliath fort. Jeder saßte eines von Zanges Beinen. Jeder zerrte wütend daran; so mußte der Riese stürzen. Mit ihm aber stürzte das sokratische Gastmahl schallend auf den Erdboden. Da erhoben die Waldhorne unter dem Tische ein fürchterliches Geheul. Dem bei diesen Schlägereien ganz unschuldigen Schulrat Hahnen⸗ kamm war durch wunderbaren Aufschwung einer Klappe des Tisches die rote Kirschsuppe dick ums Gesicht geflogen. Hofrat Pilz saß starr und steif; er erblickte einen ganzen Haufen kleiner gebratener Vögel auf seinem Schoß versammelt. Das alles begab sich aber in so fast un⸗ berechenbarer Geschwindigkeit, daß keiner wußte, wie? warum? woher? was weiter? „Hol' der Teufel die Fakultäten!“ rief der Doktor und flüchtete aus dem Erdbeben zum Fenster.„Ich dacht' es ja wohl!“ Beim traurigen Schimmer des Gaskron⸗ leuchters sah man nichts mehr über dem Tisch, als die in der Luft spielenden Beine des Advo⸗ katen. Der Philosoph Waldhorn kroch auf allen Vieren unter dem Tische langsam hervor; ein gebratenes Milchschwein lag auf seinem Rücken, wie der Affe auf dem Bären. Der Oberprediger kroch ebenfalls hervor; aber, ins Tischtuch ver⸗ wickelt, folgte ihm dieses mit den Trümmern des sokratischen Gastmahls, wie ein feierlicher Leichenzug, durch das ganze Zimmer. Der kleine Hofrat Pilz setzte indessen bedächtig alle seine kleinen Vögel vom Schoß auf die Erde. Die wehmütigste Erscheinung blieb aber die lange Gestalt des mit Kirschsuppe geblendeten Schul⸗ rats. Er hatte zur Verteidigung mit vieler Geistesgegenwart, eine Kalbskeule ergriffen. So zog er majestätisch, wie ein blutiges Gespenst, schweigend und tappend im Saale umher; denn er konnte durch die purpurne Finsternis der Suppe nicht erkennen, woher so rasch die Schlägerei entstanden. Darum, als der Wirt von Abukir eben mit einer prächtigen Pastete ins Zimmer und dem Schulrate zu nahe trat, schlug dieser in gerechter Furcht mit der Keule herkulisch Wirt und Pastete auseinander, ohne Erbarmen; denn, wer konnte dem Geblendeten sagen, wer sein Freund oder Feind sei? Der Oberprediger ließ seine Perrücke, der Professor sein Spanferkel im Stich. Beide flohen aus der Schlacht. Ihnen nach Zange, der Rot⸗ bart; voll Wut und Scham. Der Doktor brachte die beiden berühmten Fremden in kläglicher Ge⸗ stalt zu seiner Frau, und erzählte die unselige Begebenheit. „Gerechter Himmel!“ schrie die Tante,„Leute in Aemtern und Würden! Wunder!“ rat, als er das Gesicht wieder bekam,„es scheint ich nicht irre!“ Elenden die Formen des Anstandes beobachten?“ Das ist ja ein blaues „Mit Erlaubnis“, versetzte der lange Schul⸗ 15 1 * — * 6 3 Als nun die Reihe an den Advokaten Junge 9 9 e sudi ln 0 wal Sie 55 ige imme an 8 fe ite d. ile Heute! usen fei, ö sudieren; l. 1 Der ält d Sate. die Bücher nilücliche wufthen; i feiner 5 ucftäblch irdessen im du etwas hab verstel in mir im Deinen Daz ist v so peiltg berrückt w Und f rückt u sch ft e eine Zwar hungen. 2 Sol aufehlt es scheint ein kirschrotes gewesen zu sein, wenn Jaskton⸗ N Dich, 0 Adbo⸗ uuf alen por; ein Rücken, dpredigt luch ver⸗ kümmern tierlicht der kleilk lle set de. N. ie lange n Scl it vile n. E. Gepa, kr 5 denn nis 10 ach du el Mitt Pastel t jaht kal, elt el, ah Nr. 1. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7 Ein brüderliches Bleeblatt. Von P. A. Rosenberg. Es waren einmal drei Brüder, die Philo- sophie studierten. Sie waren alle drei dumm, und zwar der eine immer dümmer, als der andere. Ihr Vater war tot. Er war ein kluger und sehr gelehrter Mann gewesen. Von ihm hatten sie ihre Begabung nicht geerbt. Aber da nun alle Leute meinten, daß der Vater so klug ge⸗ wesen sei, so mußten die Brüder Philosophie 3 sie glaubten, ihr Name verpflichte sie azu. Der älteste von ihnen machte sich zuerst an die Sache. Er las und las Tag und Nacht die Bücher der klugen Männer und wurde immer unglücklicher, denn er konnte nichts von allem wverstehen; und das schien ihm für einen Menschen in seiner Stellung schrecklich zu sein. „Das ist schrecklich“, sagte er,„ich kann buchstäblich nichts verstehen. Es scheint mir indessen immer, daß ich verstehen kann, daß es da etwas zu verstehen giebt; aber was das ist, das verstehe ich nicht. Es ist, als ob etwas in mir immer fragte und spräche:„Was ist in Deinem Innersten? Taugst Du zu etwas?“ Das ist wirklich höchst ungemütlich. Wenn das so weitergeht, so glaube ich wirklich, daß ich verrückt werde!“ Und so wurde es. Er wurde ganz und gar verrückt und glaubte, er sei ein Stein. Er hielt sich für einen Stein, und man mußte ihn in eine Zwangsjacke stecken und in ein Irrenhaus bringen. 3 — Das war der Familie sehr unangenehm, denn es war eine feine Familie. Der Professor in der Anstalt sagte:„Er hat nie viel Verstand besessen, und der, den er hatte, ist weg!— Der kommt nie mehr wieder.“ Und das that er auch nicht. ** * „Nun muß ich daran“, sagte der zweite Bruder,„denn es geht bei Gott nicht an, daß die Leute glauben, wir in unserer Familie seien zu dumm für die Philosophie, wir, die einen solchen Vater gehabt haben!“ Und so las der zweite Bruder Tag und Nacht, er studierte so viel er nur konnte und das war nicht viel, aber es reichte doch dazu hin, daß es auch in seinem Kopfe zu wackeln anfing. „Ich verstehe absolut nichts!“ sagte er.„Das ist ein Teufelszeug, diese Philosophie, denn mir ist, als ob immer etwas von mir gefordert würde. Wenn man es doch erlernen könnte, wie man Lesen und Schreiben oder Kartenspielen lernt; aber das kann man nicht. Ich glaube, der Teufel hat die Philosophie geschaffen.“ Und das war doch immer eine Idee!— Der junge Mann sagte es und schrieb es, daß die Philosophie ein Werk des Teufels sei; und die Leute sagten, er wäre ein frommer Mann und er hätte Recht. Und fo wurde er ein Geistlicher und zog den Priesterrock an, und mit der Zeit wurde er Probst und bekam das Danebrogskreuz und das ganze Jahr viel Geld. Aber Philosophie trieb er nie mehr. „Ich kaun das nie verstehen“, sagte er. Sohuhwarenhaue L. Sliss, 5——— weit davon weg, denn man kann so leicht ver⸗ rückt werden. Mein Bruder hat den Verstand verloren, und ich war nahe daran, dasselbe zu thun.“ Das war der zweite Bruder. Er wurde die Sache gut los. Und doch war er ein ganzes Teil dümmer als der erste. ** * Nun blieb nur der dritte Bruder übrig. „Was kann da so Fürchterliches sein?“ dachte er.„Das muß ich sehen!“ Und er las Tag und Nacht, wie seine Brüder. Aber in seinem Kopf fing es nicht zu wackeln an. Es kam ihm alles ganz ein⸗ fach vor. „Herr Gott, das ist ja nichts!“ sagte er. „Das ist ja nicht schlimmer als das kleine Ein⸗ maleins.“ Es gab nichts, was in ihm fragte, was durchaus wissen wollte, ob sein Oberstübchen zu etwas tauge. Er las, was der eine große Denker gemeint hatte, und was der andere große Denker gemeint hatte, und schrieb das dann auf seine Weise auf, bis es ein ganzes Buch wurde. Und so wurde er Prosessor der Philosophie an des Königs eigener Universität. „Was für ein Kopf!“ sagten die Leute. Er schlägt nach seinem Vater. Er macht der Fa⸗ milie wirklich Ehre.“ Das war der dritte Bruder. Und er war der Dümmste. —— Ee Marhtsfrasse 9 empfiehlt sein großes Lager in nur guter Ware zu den denkbar billigsten Preisen.— Durch günstigen Abschluß offeriere trotz Preis aufschlag Herren⸗Zug⸗Stiefel, aus einem Stück gearbeitet, sehr stark von 5.50 an „ Halbschuhe, Handarbeit Damen⸗Knopf⸗ u. 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