— — 2— — — 2 3 Gießen, Sonntag, den 4. November 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche Atags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, —— ——— Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. : ͤ pp ˙ p ²˙ y; ̃]«•.ß ̃]ꝗ. ̃]. ̃́ͥͤ. ep ñ̃ñꝗ́...... pp ˙ A. Wem nützt der Brotwucher? Nach den offiziösen Mittheilungen der Re⸗ gierunge presse unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß der in aller Heimlichkeit ausgearbeitete neue Tarifgesetzentwurf den Doppeltarif enthält, d. h. denjenigen Staaten gegenüber, mit denen kein Handels vertrag zu stande kommt, gilt der Höchst⸗ oder Maximalsatz des Tarifs, denjenigen gegen— über, mit denen ein Handelsvertrag abgeschlossen wird, kann die Regierung bis zum niedrigsten Satz, dem Minimaltarif, heruntergehen. Welche Maximal- und Minima ssätze vorgesehen sind, ist nun freilich nicht bekannt. Wohl aber wissen wir, welche Sätze von verschiedenen Interessen— gruppen gefordert werden. Der für die breiten Massen des deutschen Volkes allerwichtigste Posten des Tarifs ist zweifellos Getreide, und zwar in erster Linie das Brotkorn Roggen und Weizen. Der Roggen⸗ und Weizen zoll betrug 1880 1 Mk., 1885 3 Mk. 1887 5 Mk. und seit 1892 wieder 3,50 Mk. Jetzt fordern die Agrarier einen Moximalsatz von 10 Mk. Durch welchen Zoll der Insandspreis bestimmt wird, hängt ganz von dem Ausgang der Handelsvertragsverhand— lungen ab. Die deutsche Ernte an Brotkorn beträgt im Durchschnitt 10 Millionen Tonnen jährlich, da der Verbrauch des deutschen Volkes aber über 11 Millionen Tonnen beträgt, so ist Deutsch⸗ laud auf die Einfuhr von mindestens einer Million Tonnen angewiesen. Hat Deutschland nun Handelsverträge nur mit solchen Ländern, die wenig oder gar kein Brotkorn ausführen, so ist es auf die Einfuhr aus den andern Ländern, für welche der Maximaltarif gilt, angewiesen, und der Inlandspreis des Brotkorns wird nicht durch die Minimal- sondern durch die Maxi⸗ malzollsätze bestimmt. Wir haben daher bei der Untersuchung, in welcher Höhe das deutsche Volk belastet wird, beide Sätze heran⸗ zuziehen. Nach statistischen Feststellungen beträgt der jährliche Verbrauch an Roggen und Weizen rund 180 kg. Bei einem Zollsatz von 7.50 Mk. pro 100 kg würde die Belastung pro Person 13.50 Mk., bei einem Zollsatz von 10 Mk. 18 Mk. betragen. Das macht für eine fünf⸗ köpfige Familie mindestens 67,50 Mk., höch stens 90 Mk. jährlich. Der orts⸗ übliche Lohn in unserer Gegend beträgt durch⸗ schnittlich höchstens 15 Mk. pro Woche. Der Kornzoll, wie ihn die Agrarier wollen, würde demnach vier bis sechs Wochenlöhne verschlingen, oder den 9. bis 13. Theil des Einkommens einer Familie. Das Gesammteinkommen der Getreideprodu⸗ zenten würde sich dagegen um 7501000 Mill. Mark erhöhen. Der Raubzug auf die Taschen des Volkes würde den Räubern eine runde Milliarde einbringen. Wer sind nun die Räuber? 1 Die Agrarier behaupten, die hohen Kornzölle seien nothwendig im Interesse der Lan d wirth⸗ n 5 Schen wir, was es mit dieser Behauptung auf sich hat und führen wir uns zu diesem Zwecke einige Zahlen vor Augen. Möchten die Kleinbauern, Kleinhandwerker und Arbeiter dieselben eingehend studiren! Bei der letzten Zählung am 14. Juni 1895 wurden 8,292,692 in der Landwirthschaft erwerbsthätige Personen ermittelt. Daß von diesen Personen die 96,173 Angestellten und die 5,627,794 Arbeiter für unsere Zwecke von vornherein ausgeschieden werden müssen, ist klar; sie haben eben kein Brotgetreide zu ver⸗ kaufen. Aber auch unter den rund 2¼ Mill. selbständig in der Landwirthschaft thätigen Per⸗ sonen ist noch eine Sche dung vorzunehmen. Um die Personen, welche von höheren Ge⸗ treidezöllen einen nennenswerthen Vortheil haben, zu ermitteln, geht man am besten von der An⸗ zahl der landwirihschaftlichen Betriebe aus. Solcher Betriebe waren 1895 im ganzen etwas über 5½ Millionen vorhanden. Von diesen scheiden die 3½¼ Millionen Parzellenbetriebe mit Flächen bis zu 2 Hektar ohne weiteres aus, denn derartige Flächen sind nicht ausreichend, eine Familie mit Agrarprodukten zu versorgen, noch viel weniger kommen sie natürlich für den Getreideverkauf in Betracht. Auch bei der Größe von 2 bis 5 Hektar wird das für den Verkauf produzirte Getreide, wenn es überhaupt dazu kommt, in der Regel von so minimaler Menge sein, daß man auch diese rund 1 Mill. Betriebe umfassende Größenklasse außer Betracht lassen kann. Es blieben somit 998,804 Be⸗ triebe von 5 bis 20 Hektar, 281,767 Betriebe mit 20 bis 100 Hektar und 25,061 Betriebe über 100 Hektar, d. h. in runder Zahl 1,300,000 Betriebe übrig. Die Betriebe von 5—20 Hektar kommen für die Getreideproduktion nur zum geringen Theile in Betracht. Zunächst scheiden diejenigen, welche näher der unteren Grenze als der oberen liegen, volländig aus. Ebenso scheiden diejenigen Be⸗ triebe, die in der Nähe der Städte und in den Industriebezirken liegen, aus, weil sie keinen Körnerbau haben, sondern Milch, Fleisch und Gemüse produziren. Zu den Milch-, Fleisch⸗ und Gemüseproduzenten gehören ferner zahlreiche ebenso belegene Betriebe der Größen⸗ klasse von 20— 100 Hektar. Wir müssen daher von der Größenklasse 5—20 Hektar mindestens die Hälfte, von der Größenklasse 20— 100 Hktr. mindestens ein Viertel streichen. Cs würden demnach verbleiben(rund) 500 000 Betriebe von 5— 20 Hetkar 200 O00%„ ie e 25 000 1 e e in Summa also höchstens 725000 Betriebe. Von diesen würden aber auch noch die halbe Million Betriebe von 5—20 Hektar gar leicht bei niedrigen Getreidepreisen, hervorgerufen durch die Aufhebung der Getreidezölle, den Ausfall durch den Uebergang zur Milch⸗, Fleisch⸗ und Gemüsepro⸗ duktion nicht nur decken, sondern sich bei dem intensiveren Betrieb noch besser stehen. Es bleiben also nur 2 25,0 00 Betriebe übrig, deren Besitzer ein lebhaftes Interesse an hohen Getreidezöllen haben. 225,000 Personen, denen zu Liebe ein Volk von 60 Millionen Menschen durch Brottheuerungszölle ausgewuchert werden soll. der deutschen Arbeiter sollen um 4 bis 6 Wochenlöhne gebracht werden, da⸗ mit 225,000 wohlsituirte Agrarier aus der Noth dieser Armen eine Milliarde in die Taschen stecken können. Wir glauben, diese Gegenüberstellung genügt, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit der geplanten Brotwucherpolitik zu zeigen. Die Zuchthausliebesgabe. Seit Veröffentlichung des Bueck'schen Briefes, durch welche sich unser Leipziger Partejorgan den Dank aller ehrlichen Leute verdient hat, steht die für die Regierung so blamable und beschämende 12000 Mark⸗-Affaire im Vordergrunde der öffentlichen Diskussion. Während die anständigeren bürgerlichen Preß⸗ organe sofortige Klarstellung von der Regie⸗ rung verlangten, war die Scharfmacher⸗ und Agrariecpresse ganz konsternirt und stammelte etwas von„liberal-freihändlerischer Intrigue“, angezettelt, um den Schützer der Brotwucher⸗ Interessen, Posadowsky, der den 10 Mark-⸗Zoll durchdrücken sollte, zu beseitigen. Wieder andere erklärten die Veröffentlichung der Leipziger Volkszeitung für Mystifikation, für Fälschung. Sie erwies sich aber als richtig. Ja, es wurde in einer Erklärung in der amtlichen Berliner Korrespondenz noch mehr zugegeben, als bis- her bekannt war. Die amtliche Erklärung be⸗ sagt im Wesentlichen, daß im Jahre 1899, um die öffentliche Meinung über die Noth⸗ wendigkeit des Zuchthausgesetzes„aufzuklären“, die berühmte„Denkschrift“ und die Reden der Regierungsvertreter zur Begründung der Vor⸗ lage gedruckt und den Provinzblättern beigelegt wurden. Und zur Bestreitung der Druckkosten habe der Direktor im Reichs⸗ amt des Innern, v. Woedtke sich beim Scharfmacherverbande 12000 Mk. erbettelt. Darüber stehen sogar noch Belege zur Ver⸗ fügung, sagt die Erklärung naiv; die Regierung will also ihre politische Unsauberkeit dokumen⸗ tarisch belegen! Unser Leipziger Parteiorgan blieb aber die Antwort nicht schuldig, sondern stellte sofort fest, daß das von ihm angegebene Datum(3. Aug. 1898) unfehlbar stimme. Wird also von amtlicher Seite noch ein Fall zugestanden, dann muß eben die Schnorrerei mehrfach vorgetommen sein.— Im Widerspruch mit der Regierungserklärung behauptet Herr Bueck, der erst jetzt, 8 Tage nach den erhobenen Angriffen, Worte findet, der Vorgang habe sich im August 99 ereignet, während derselbe in der amtlichen Bekanntgabe in den Juni desselben Jahres verlegt wird. Diese Dinge bedürfen noch genauerer Feststellung. Thatsache bleibt aber, daß ein deutsches Rei ch s⸗ ministerium, daß das Reichsamt des Innern mit Wissen seines Chefs Posadowsky von einer wirthschaftlich-politischen Parteigruppe Geldunterstützung verlangt und er⸗ halten hat! Die Regierung, soweit wenigstens die Macher der„Sozialpolitik“ in Betracht kommen, ist entlarvt. Den Männern, die mit Emphase von sich zu behaupten pflegten, sie ständen Die Millionen über den Parteien, sie sorgten nur für das Wohl der Allgemeinheit, ist nachgewiesen, daß ...... Se 10 050 000 Mk. Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 45. sie mit den extremsten Gegnern jeder Sozialpolitik nicht nur in einer Ideenver⸗ brüderung leben, die in jedem Klassenstaat un⸗ umgänglich ist, sondern, daß sie sich sogar sachlich von den Scharfmachern be⸗ zahlen lassen, um eifriger und nachhaltiger die Agitation für einen Gesetzentwurf zu be⸗ reiben, der dem arbeitenden Volk jede Be⸗ wegungsmöglichkeit rauben sollte. f Wir arbeiten ja nur für Sie! rief Herr Bötticher einst den Schlotbaronen zu. Die Arbeiterklasse wußte längst, daß dies schon immer geschah. Bötticher wird aber von Posadowsky und seinem Direktor Woedtke weit übertroffen. Diese arbeiten nicht nur für die Scharfmacher aller Nuancen, sie gehen diese auch um Geld an, um die Arbeit lohnender, ergiebiger und nutzbringender zu gestalten. Wir werden nicht verfehlen, diese Dinge noch in weitere Beleuchtung zu rücken. Politische Bundschau. Gießen, 1. November. Kosten für das Drecknest Kiautschou. Der Etat für Kiautschou ist dem Bundesrath zugegangen. Er balanzirt in Ein⸗ nahmen und Ausgaben mit 11 050 000 Mk. gegen 9 993 250 Mk. im laufenden Etatsjahr. Der Reichszuschuß für das neue Etatsjahr soll gegen 9 780000 Mk. im laufenden Etatsjahr betragen. Im neuen Etats⸗ jahr belaufen sich die fortdauernden Ausgaben auf 4 383 399 Mk., die einmaligen auf 6 575 000 Mk., 91 601 Mk. sind als Reservefonds ange⸗ setzt. Zur näheren Begründung der einmaligen Ausgaben wird eine Denkschrift über die Ent⸗ wicklung Kiautschous im Jahre 1900 vorbereitet, die dem Reichstag im Januar nächsten Jahres zugehen soll. Im Extraordinarium sind ange⸗ setzt zu Hafen⸗ und Tiefbauten, einschließlich Landerwerb, 3 385000 Mk. zu Hochbauten 1 590 000 Mk., zur Betheiligung an der Be⸗ schaffung von Wohn⸗ und Arbeiterhäusern 200 000 Mk. Zur Begründung der letzteren Forderung wird bemerkt: Behufs Abhilfe der Wohnungsnoth betheiligt sich der Fiskus des Schutzgebiets an der Beschafsung von Wohn⸗ und Arbeiterhäusern(für Europäer und Chinesen) seitens eines zuverlässigen Unter⸗ nehmers. Zur Abhilfe der Wohnungsnoth in den größeren Städten Deutschlands, die in dieser Zeit o entsetzlich zu Tage tritt, hat man kein Geld. Küchenzettel für die Landarbeiter. Vor einiger Zeit veröffentlichte Herr von Gerlach in der„Welt am Montag“ einen Küchenzettel der preußischen An⸗ siedelungskommission, welcher die Be⸗ köstigung der von der Kommission beschäftigten Landarbeiter„regelt“. Nach diesem samosen Reglement— wir führten vor wenigen Wochen das Wesentlichste daraus an— soll der Land- arbeiter täglich ganze 100 Gramm Fleisch be⸗ kommen. Die„Welt am Montag“ hat, um ihren Lesern eine Vorstellung von der Ueppigkeit eines solchen ostelbischen Landarbeitermahls zu geben, in genau 100 Gramm wiegendes Stück gutes Hamutelfleisch abkochen lassen und es dann graphisch dargestellt. Das Stück Fleisch hat einen Inhalt von etwa 31 Kubikcentimeter, es ist noch kleiner als eine schwedische Streichholz— schachtel die 41 Kubikcentimeter faßt. Es hat also Breite 3,6 Ctm., Länge 5 Ctm., Höhe 1,7 Ctm. Die Fleischration soll aber nicht etwa jeden Tag, sondern nur drei- bis viermal in der Woche gewährt werden. Einer Kritik bedarf eine solche „Arbeiterfürsorge“ nicht mehr, sie ist unter aller Kritik. Die ministerielle„Berliner Correspon⸗ denz“ machte den Versuch, die Sache so darzu⸗ stellen, als wenn dieser Küchenzettel nicht sür die Praxis gelte, sondern nur ein ungefährer Anhalt für die Beköstigung der Landarbeiter sei. Dem steht aber entgegen, daß der Präsident der Ansiedlungskommission in seiner Verfügung vom! 26. März ausdrücklich sagt:„Ich verlange, daß meine Verfügung strikt durchgeführt wird. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es sehr wohl möglich ist, für den Durchschnittspreis von 40 Pfennig täglich, welchen der Küchenzettel vor sieht, einen erwachsenen Arbeiter gut und aus⸗ reichend zu beköstigen“. Präsident der Ansiedlungskommission ist ein Dr. von Wittenburg; die Stelle ist mit 10 000 Mark jährlichem Gehalt dotiert. Man sollte diesen Mann einmal vier Wochen lang von Amtswegen zwingen, selber nach dem Küchenzettel zu speisen, den er für die Landarbeiter als gut und ausreichend bezeichnet. Er wär von seiner Theorie sicher für immer kuriert. Daß die Landarbeiter bei solcher„Er⸗ nährung“ den paradisischen Gefilden Ostelbiens in Schaaren entfliehen, kann man ihnen doch wirklich nicht verübeln. Aehnliche Behandlung der Landarbeiter findet man aber auch im Westen. Und daher die Leutenoth. Zur Kohlennoth geht der Frankfurter Zeitung folgende inter⸗ essante Mittheilung zu: Während es die Koh- len⸗Produzenten und Syndikate bisher a b⸗ lehnten, Offerten zu machen, kommen sie in der letzten Zeit ganz von selbst mit An⸗ erbietungen und beantworten Anfragen wegen Kohlenlieferungen mit wendender Post. Auch in den Preisen werden— verglichen mit den Preisen für das laufende halbe Jahr— recht erhebliche Konzessionen für Lieferungen per nächstes Jahr ge⸗ macht. So erfahren wir, daß eine auswärtige große Eisenbahngesellschaft für das Jahr 1901. ihren Bedarf an Ruhr-Kohlen bei dem Rh.⸗ Westfälischen Kohlensyndikat direkt ca. 8 Frs. billiger decken konnte, als ihr dies für das zweite Semester 1900 möglich war. Auch für Briquettes ist ein bedeutender Preis⸗ abschlag erfolgt, für Ruhrbriquettes von 7 Frs. und für belgische von etwa 5—6 Frs. verglichen mit Preisen im zweiten Halbjahr 1900. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß es sich um das Ausland handelt, während Preisherabsetzungen im Inlande angeblich noch nicht erfolgt sind. — Im Inlande, so bemerkt das Blatt zu der Meldung, wird immer noch über mangelndes Entgegenkommen der Kohlenlieferanten geklagt. Wenn die Marktlage es diesen aber ermöglicht, sich wieder im Auslande um Aufträge zu be⸗ werben, so ist im Interesse der heimischen In⸗ dustrie und der übrigen Kohenverbraucher zu erwarten, daß auch diesen die Erleich⸗ terung der Marktlage zu Gute kommt. Wie aus Hamburg berichtet wird, tref— fen dort kolossale Mengen englische Steinkoh⸗ len ein, sodaß die Kohlenschiffe wegen Ueber⸗ füllung der Entladeplätze tagelang mit dem Löschen warten mußten. Trotzdem hält die Preissteigerung an, Grubenbarone und Groß⸗ händler diktiren vermittels ihrer Organisation dem kleinen Abnehmer unerhörte Preise und beuten ihn in unverschämter Weise aus. Schweinburgischer Waschzettel. Um die Aufmerksamkeit von der 12 000 Mark⸗Geschichte abzulenken, macht jetzt ein Lobgesang auf die Opferwilligkeit des Unternehmerthums die Runde. Das Fabrikat Schweinburgs sucht uns klar zu machen, vieviel die Regierung schon für die Arbeiter gethan habe und we ungerecht es sei zu sagen, daß die Regierung nur für die Industriellen arbeite. „Die Regierung hat“ beißt es da,„unter Be⸗ seiigung recht harten Widerstandes die Arseiterver⸗ sicherungsgesetze durgesezt und zwar stets gegen die angeblich die Interessen der Arbeiter wahrnehmende Sozialdemokratie. Beim Invaliditätsversicherunzs⸗ gesetze, das sich schon jetzt als eines der segensreichsten Arbeiterfürsorgegesetze herausstellt, gelang es selbst dem Fürsten Bismarck durch persönliches Eingreifen in die Verhandlungen nur eine kleine Mehrheit im Reichstage zu erzielen. Heute hat die Regierung durch diese Thätigkeit erreicht, daß im Deutschen Reiche täglich etwa 1 Million Mark an kranke, vorübergehend und dauernd invalide Arbeiter, sowie an die Hinterbliebenen von Verunglückten gezahlt werden. Den größten Thel der Kosten dieser Fürsorge tragen die Arbeitgeber, und darunter vornehmlich die Industriellen. Daß die Regierung daran mitgewirkt hat, den Indust riellen diese Lasten aufzuburden, ist natürlich geschehen, weil sie lediglich für die letzteren arbeitet! Die Regierung hat sodann in den neunziger Jahren, nachdem die achtziger Jahre mit der Thätigkeit auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung ausgefüllt waren, den Ar⸗ beiterschutz in Deuischhand ausgebildet. Die Gewerbe⸗ ordnungsnovelle vom Jahre 1891 bildet hier den Ausgangspunkt für die neue Thätigkeit, nachdem auch schon früher für einzelne Arbeiterkategorien in den Fabriken in dieser Hinsicht, allerdings in geringerem Maße, gesorgt war. Es ist die Sonntagsruhe ein⸗ geführt, es sind die schulpflichtigen Kinder aus der Fabritthätigkeit verbannt, es ist dir Maximalarbeitstag für Frauen eingeführt. und so geht es noch eine Weile fort! Daß diesen Waschzettel die Amtsblätter ver⸗ öffentlichen, zeigt schon wieder zur Genüge, wie sehr die Regierung für die Industriellen arbeitet. Der Schwindel, daß das Unternehmerthum die Kosten der Versicherungsgesetze trüge, ist schon tausendmal widerlegt worden. Hat sich etwa dir Profitrate der Unternehmer seit Einführung dieser Gesetze verringert? Im Gegentheil. Auch den Theil der Beiträge, den die Arbeit- geber— nur sehr widerwillig!— bezahlen, müssen doch die Arbeiter erst verdienen! Der Einführung eines Maximal-⸗Arbeitstages (elf Stunden!) für Frauen sowie des Verbots der Fabrikarbeit schulpflichtiger Kinder braucht sich doch wahrhaftig eine Regierung nicht zu rühmen.„Damit ist doch nur erst ein kleiner Theil ihrer Pflicht erfüllt, die sie im Staatsinteresse wahrzunehmen hat und selbst dazu mußte sie erst von der Sozialdemokratie gedrängt werden. Stimmte letztere gegen die früheren Versicherungsgesetze, so hatte sie allen Grund dazu, weil jene eben noch nicht den ge⸗ ringfügigsten Anforderungen entsprachen.— So wird jeder Einsichtige die von den Reptilien⸗ blätteru aufgestellten Behauptungen als völlig haltlos erkennen. Daß der„Wetzlarer Anzeiger“ diese Unwahrheiten nachdrucken muß, wundert uns nicht, bedenklicher ist es schon, wenn auch die„Darmstädter Zeitung“ die sich immer etwas „vornehmer“ und„objektwer“ gab, jenem Wasch⸗ zettel Aufnahme gewährt. Für einen Redakteur, der auf Geheiß des Landraths und dem Wunsche des einflußreichen Fabrikantenthums entsprechend solches Zeug verzapft, muß das doch ein trau⸗ riges Handwerk sein! Arbeiter, werdet Mucker! Diesen„wohlgemeinten“ Rath gab Frhr. v. Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, den Arbeitern in einer Rede, die er am vorigen Sonntag bei einer kirchlichen Einweihungsfeier in Potsdam hielt. Der gute Mann, der wohl sonst sein leidliches Auskommen haben wird und also nicht zu„streiken“ braucht, sagte nach einem Bericht: Es sei dringend nöthig, daß man lerne Gott fürchten, die Brüder i haben und den König ehren. Nament⸗ lich für die Arbeiterwelt sei dies be⸗ sonders nöthig. Die dämonischen und guten Gewalten im Volksleben spitzen sich immer mehr zu und auch nach Potsdam wären, namentlich von Berlin aus, die Wellenschläge des Umsturzes getragen worden Selbe der Bau der Liebeswerke habe vielfach unter den fortgesetzten Streiks gelitten. Da wäce es denn Zeit, daß den Arbeitern die Augen ge⸗ öffnet würden, daß dieser revolutionäre Weg nicht zu ihrem Glücke, sondern sie in das Verderben führen würde. Freiherr v. Mirbach hat also die„Brüder“ lieb, die nicht streiken. Wie denkt er denn über die„Brüder“, die Unternehmer, die durch jämmerliche Bezahlung die Arbeiter am „Bau der Liebeswerke“ zum Streik zwingen? Zählen diese zu den dämonischen oder guten Gewalten? Wir werfen sie zu den ersteren und freuen uns im übrigen, daß Frhr. von Mirbach nix to seggen hat.— Kohlenbarone und Arbeiterschutz. Wegen fortgesetzter Uebertretung der Vor⸗ schriften betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter wurden vier Mitglieder des Grubenvor⸗ standes der Zeche„Unser Fritz“ zu je 75 Mk., die Aufseher zu je 10 Mk. Strafe verurtheilt. Der Staatsanwalt beantragte 500 Mk. für der nati cbeitstagg b Verbotz t braut ig nicht zu kleiner die sie in und selbst ldemokratze gegen di sie allen gt den ge⸗ en.— S0 Reptilien⸗ als völlg t Anzeiger „ wundert wenn auch mer etwas em Vasch⸗ Redakteur, u Vunsche ntsprechend ein lrau⸗ gab th. t Kaiserin, am vorigen chungsfeie der woll 1 wird und nach einen man lerlt het lich Nauen“ dies be ichen m y tzen fü un Wätel, Nr. 45. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Jeden. Den controllirenden Beamten suchte man dadurch zu täuschen, daß man die Schichtenzettel fälschen ließ! Es lebe die Redefreiheit! Der Dreschgraf Pückler und zwei seiner würdigen Genossen, nämlich die Schriftsteller Böckler und Bötticher hatten sich am 26. Okt. vor der Berliner Strafkammer wegen der An— klage, zu Gewaltthätigkeiten aufgereizt zu ha⸗ ben, zu verantworten. Es handelte sich um die jüngsten blumenreichen Reden Pücklers von denen wir unsern Lesern wiederholt Proben vorgeführt haben. Der Staatsanwalt bean- tragte— 200 Mark Geldstrafe. Der Gerichts- hof war aber der Ansicht, die dem Grafen Pück— ler zur Last gelegten Aeußerungen seien nach Ansicht des Gerichts nur bildlich und nicht wörtlich zu nehmen und sprach die Angeklagten frei. Ein Polizeikommissar als Zeuge bekundete, daß Graf Pückler nicht ernst zu nehmen sei, was zweifellos richtig ist. Freuen wir uns auch darüber, wenn das Berliner Ge⸗ richt die Redefreiheit nicht einschränken mag. — Sozialdemokraten mögen sich aber ja hüten, sich in Pückler'scher Weise auszu⸗ drücken, viele Monate Gefängniß sind ihnen sicher. Graf Pückler steckt an! Ein allerliebster Erguß, ganz im Stil des Dreschgrafen gehalten, von tieser wirth⸗ schaftlicher Einsich: zeugend, findet sich in dem Blatte des Anusemiterich's Hir schel, der„Deutschen Volkswächt“. Wir können nicht umhin, unseren Lesern diese unergründliche nationalökonomische Weisheit mitzutheilen. Hier ist sie: „Eudlich, endlich kommt er, doch er kommt! Der läugstersehnte, all unsere einzige Hoffuung und die längstverfallene Sühne so zahl- loser Verbrechen am deutschen Bauernstand,—— „Der Judustri krach!“„Der Handelskrach!“ Der Krach des Schwindelgebäudes genannt„Die Weltpolitik.“— Schon wirft er seine Schatten voraus! Vereinzelt auftauchende Lichter verkünden das Heran- nahen!“ Nun wiederholt das Blatt eine Börsen— nachricht der„Kleinen Presse“, in welcher starker Begehr nach Staatsanlehen konstatirt und weiter gesagt wird, daß das Publikum sich von Industriewerthen zurückzöge. Dann heißt es: „Die Hauptstinker(ö) an der Börse merken bereits, daß es mit der Industrie und dem Handel abflaut. Darum ziehen sie ihr Kapital aus Industrie und städtischen, der Industrie und dem Handel zu— meist dienenden Grundstucken zurück, um fie den mehr Sicherheit verheißenden Staaspapieren, in weiterer Folge den Banken und Sparkassen zuzuführen. — Nun werden Viele sagen,„aber warum solch ein Jubelgeschrei? wegen des an und für sich gewiß be⸗ dauerlichen ja schrecklichen Krach, der doch Tausenden das Verderben bringt?— Ganz recht! Aber wie du mir, so ich dir! Kannte denn Handel und In⸗ dustrie, bezw. die sie ausübenden Klassen irgend ein Mitleid mit dem fast zu Grunde gerichteten Bauern- stand?— Nein, und abermals, nein! Darum also! — Mögen sie sich's also wechseln lassen! Uns ist's nun auch wWurscht! Freuen wir uns viel⸗ mehr rücksichtslos ja herzlos des kommenden herrlichen Krachs! Denn er bringt uns: 1) Das Zurückhusen der Getreidespeku— lanten und der Fleisch-Importeure, die zur Zeit auf jederzeit willige Aufnahme noch das Land mit fremdem Getreide und Fleisch überfluttzen;() 2) die Anlage fast aller irgend nur freizumachender Gelder in den öffentlichen Kassen, damit die Herabdrückung des Zinssußes bezweckend; 3) die Eutlassung einer Armee von Arbeitern, die zum Theil dann, so weit sie die Fabrik nicht schon gänzsich verdorben hat, uns die Felder bestellen hilft.——— ꝛc. ꝛc. Also, darum noch einmal: Sei willkommen, o Krach! Denn durch dich allein kann dem Vaterlande wieder Ordnung werden.“ 8 0 5 Die Sozialdemokratie hat stets auf den bei der heutigen planlosen Wirthschaftsweise b noth⸗ wendigen Eintritt der Krise, des„Krachs“ nach einer Periode wirthschaftlichen Aufschwungs hin⸗ gewiesen, immer aber dabei betont, welch namen⸗ loses Elend für fast das gesammte Volk die irthschaftliche Krise, der industrielle Krach im Gefolge haben muß. Natürlich auch für die Klein⸗ und Mittel bauern, deren An⸗ gehörige zum größten Theile in der In⸗ dustrie mitbeschäftigt sind, weil ihr Stückchen Land eine größere Familie nicht er⸗ nähren kann. Nun begrüßt jubelnd ein„Mittel- standsretter“ das allgemeine Elend, unter dem doch auch die Klein handwerker und Kaufleute— die er doch wohl auch zum Mittelstand rechnet— ganz empfindlich zu leiden hätten! Merkts Euch, Leute vom Mittel- stand! Hört, Arbeiter, es sehnt einer, der sich„Christ“ nennt, Arbeislosigkeit, Noth, Hunger, Elend für Euch herbei!— Und welches pyramidale wirthschaftliche Ver⸗ ständniß! Ein Botokude verfügt über mehr davon! Wirklich, stellt man zusammen, was die antis mitischen Mittelstandsbeglücker in der letzten Zeit produzirten, fügt man zu obiger Leistung die Dreschreden Pücklers, den Ritual- mordschwindel, den neulichen Aufruf Köhlers— so gelangt man zur unfehlbar richtigen Beur— theilung des Antisemitismus: Komplette Gehirn— erweichung! Reichstagswahlen. Bei der Stichwahl im Kreise Westhavel⸗ land hat unsere Partei einen glänzenden Sieg davon getragen. Unser Kandidat Pé us wurde mit 10991 Stimmen gewählt. Sein Gegner, der konservative Landrath Loebell erhielt nur 10 343 Stimmen. Es wurden hier in der Stichwahl 1300 Stimmen mehr abge— geben, als am 18. Oktober. Péus hat rund 1500 Stimmen mehr erhalten, während Loebell fast genau so viel Stimmen zubekommen hat, als im ersten Wahlgang der Freisinnige hatte; nur 200 Stimmen fehlen daran. Daraus muß man schließen, daß fast alle freisinnigen Stimmen Loebell zugefallen sind. Der größte Theil unseres Zuwachses waren sicher Reserven. Die Wahl in Wanzleben endete wie vorauszusehen war, mit der Wahl des Nat io— nalliberalen Schmidt. Unser Kandidat, Genosse Gerlach, erhielt 6520 Stimmen, 500 mehr als im ersten Wahlgange. Dem Nationalliberalen kamen natürlich die 3767 konservativen Stimmen zu Hülfe, so daß er mit 8875 Stimmen siegte. In Hofgeismac-Rinteln siegte der Antisemit Dr. Vogel mit 5003 Stimmen, Lippoldes (kons.) erhielt 3417. Trotz des schließlichen Sieges des Antisemiten, zeigt dieses Ergebniß deutlich den Rückgang des Antisemitismus. Während 1893 in der Stichwahl für diesen noch über 8000 Stimmen abgegeben wurden. 1898 der antisemitische Kandidat mit 6000 im ersten Wahlgange siegte, brachte er es jetzt in der Stichwahl nur auf 5000 Stimmen. Hätte er nicht einen kranken Mann, eine po⸗ litische Null zum Gegner gehabt, war er un⸗ fehlbar verloren. Im sechsten Berliner Wahlkreis, dem früher von Liebknecht vertretenen, hatte die am Dienstag stattgefundene Ersatzwahl folgendes Ergebniß: Ledebour(Soz.) 53,896, Ulrich(kons.⸗ antisem.) 10,490, Weigelt(Centr.) 1116 Stimmen. Gegen die Wahl von 1898 sind für unseren Kandidaten ca. 5000 Stimmen weniger abgegeben worden, was angesichts des sicheren Sieges ganz erklärlich war. Viel ungünstiger stellt sich aber das Resultat für die Gegner. Letztere verloren zusammen weit über die Hälfte der für sie 1898 abgegebenen Stimmen. Auch wenn man die Freisinnigen, die keinen Kandi— daten aufgestellt haben, außer Berechnung läßt, büßten die Konservativen über 5000, das Cent⸗ rum 600, jede Partei ein Drittel ihrer Stimmen ein. Für uns bedeutet auch diese Wahl einen schönen Erfolg! Sozialdemokratische Kandidaten sind auch zu den bevorstehenden Landtags⸗ wahlen in Lippe⸗Dettmold in Aussicht genommen. Unsere Genossen haben in fünf Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt. Wahlerfolge hat unsere Partei auch bei den Landtags⸗ wahlen in Sachsen⸗Weimar zu ver⸗ zeichnen, wo überhaupt ein starkes An⸗ wachsen der Opposition konstatirt wird. Unsere Genossen hatten dort, um reaktionäre Mehrheit wirksam zu bekämpfen, Wahlbündnisse mit der freisinnigen Partei abgeschlossen. Die Seite 3. Wahlbetheiligung war eine sehr rege. Unsere Genossen behaupteten mit großer Mehrheit Apolda und gewannen den Kreis Ilmenau. Die Freisinnigen siegten in Kaltenordhei m und Weimar. In Weida soll die Wahl eines nationalsozialen Kandidaten gesichert sein. Den Freisinnigen zum Siege verholfen haben unsere Parteigenossen wiederum in Breslau. Dort war bekanntlich die Wahl der drei freisinnigen Abgeordneten für ungültig erklätt worden, weil den sozialdemokratischen Wahlmännern die Zeitversäumniß vom frei⸗ sinnigen Wahlkomitee bezahlt worden war. Bei der nunmehr stattgefundenen Nachwahl stimmten unsere Wahlmänner selbstverständlich wieder für die Freisinns-Kandidaten, die sich verpflichtet hatten, für die Verwirklichung gewisser Minimal⸗ forderungen, so der Einführung des gleichen direkten Wahlrechts zum Landtage, einzutreten. Infolgedessen wurden die früheren Abgeordneten Schmieder, Gothein und Wed ekamp mit 30, 45 und 60 Stimmen Mehrheit wie der⸗ gewählt. Bemerkenswerth ist noch, daß die Konser— vativen Wahlbestechung versuchten. Natür⸗ lich hatten sie damit bei unseren Genossen kein Glück, was sie sich übrigens hätten vorher denken können. Einer Wählerversammlung theilte ein sozial⸗ demokratischer Wahlmann mit, ein Konservativer habe ihm 1000 Mark angeboten, damit er die Genossen am Wahltage von der Abstimmung abhalte und für das Geld einen Ausflug arrangire! Vielleicht haben diese Herren solche Praktiten dem Reichsamt des Innern abgeguckt! Schöne Gesellschaft! Hunnischer Kaisergrußz. Der Elberfelder„Freien Presse“ theilt ein Leser wit, daß als Dekoration zum Kaiserem- pfang sich an einem Hause Elberfelds ein großes Schild befand mit einem Bilde, auf welchem ein Deutscher einen Chinesen übers Knie zieht und ihn gründlich verhaut. Unter diesem Bilde stand folgende hochchristliche Inschrift: Warte nur, Du Biest, Du wirst noch gerädert, geköpft und a[gespießt. Welch ein Kulturvolk sind wir doch. Es ist wahrhaft zu viel der Kultur im Vaterlande. Wir müßen schon etwas vom Ueberfluß nach China und in die Kolonien tragen! Wachsthum der Steuern in Hessen. Wie gewaltig in unserem Hessenländchen in den letzten Jahren die Steuerschraude angezogen wurde, zeigt ein Vergleich der jetzt zur Er⸗ hebung gelangenden Steuersätze gegenüber denen von 1870. Die Durchschnittssteigerung der Einkommensteuer beträgt seit dieser Zeit in den 25 größten Städten und Otctschaften Hessens 364,2 Prozent. An der Spitze steht Weisenau bei Mainz mit nicht weniger als 953,7 pCt. Steigerung, dann folgt Kastel mit 946,8 pCt., Kostheim 539,9, Offenbach 496.8, Worms 471,2, Gießen 440,2, Everstadt 436,8, Neu-Isenburg 415,9, Mainz 385,3, Gonsenheim 365,2. Die geringste Steuererhöhung hat die Stadt Alzey mit 105,3 pCt. aufzuweisen. Achtstundentag in Frankreich. Auf Veranlassung des Ministers Mill e⸗ rand ist in der ganzen Spitzenindustrie des Departements Pas de Calais seit dem 1. September versuchsweise auf drei Monate der Achtstundentag eingeführt. Dortige Spitzenindustrielle sprechen sich über die bis⸗ herigen Wirkungen dieses Versuches sehr günstig aus, so daß es wohl beim Versuch allein nicht bleiben dürfte. Man wird jedenfalls mit großem Interesse die Entwickelung dieser Angelegenheit verfolgen. 5 Internationale Solidarität. In der Pariser Arbeiterbörse erschien am Sonntag eine 28 Köpfe starke Deputation eng⸗ lischer Trade- Unions, um eine feierliche Kund— gebung gegen die englische chauvinistische Presse zu verlesen, die Frankreich mit England zu ver n ee N ee S SLS SES Ser l 1 1 1 0 1 Truppen gemeinsam operieren. der Nähe Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 45. feinden versuche. Diese Hetze werde von der Arbeiterschaft Englands verurtheilt; welche wisse, daß ein Krieg zwischen England und Frankreich alle Fortschritte der Kultur gefährde und nur Deutschland nützen würde. Die Pariser Gewerk⸗ schaften, die den großen Saal der Arbeitsbörse füllten, nahmen das Manifest mit lauter Be⸗ geisterung auf. Der Krieg mit China. Wenig Bemerkenswerthes ist von dem Schauplatze der Verbreitung europäischer Kultur zu melden. Die täglichen Plünderungen und Hinrichtungen werden schon nicht mehr zu dem Bemerkenswerthen gerechnet. Von den Deutschen wurden an einem Tage nicht weniger als 14 Hinrichtungen chinesischer„Boxer“ vor⸗ genommen. Vom Weltgeneral Walder see werden auch noch keine der Großthaten berichtet, für die er sich vor seiner Abreise überschwäng⸗ lich feiern ließ.— — Von Operationen der Ver⸗ bündeten wird aus Tientsin gemeldet: Die Expedition, die von hier am 23. Oktober nach Hoangho und Paoti abging, kehrte heute hierher zurück, ohne zu einem Kampfe gekommen zu sein. 4000 Boxer hatten, wie berichtet worden war, bei Paoti sich bei dem Herannahen der Expedition zerstreut. Man befürchtet hier, daß sich jede Expedition gegen die Boxer als verfehlt erweise, da diese, obwohl sie nach wie vor die einge⸗ borenen Christen verfolgen, sich zerstreuen und die Waffen verbergen, sobald sie von der An⸗ näherung der fremden Truppen Kenntniß er⸗ halten. Ferner wird berichtet: Nach den Anord⸗ nungen des Feldmarschalls Grafen Waldersee kehren die britischen Truppen nach Peking und Tientsin zurück, wo sie am 6. Nov. eintreffen. Sie werden mit den deutschen und italienischen Die nach Peking zurückkehrenden Abtheilungen marschieren in drei parallelen Linien, um auf dem Wege be⸗ findlicse Boxer abzufangen. — Friedensverhandlungen. Die Berathungen der Gesandten zur Feststellung der China zu stellenden Forderungen dauern fort. Die Verhandlungen wollen anscheinend nicht recht vorwärts kommen. Obwohl die Gesandten am Montag bereits ihre dritte Sitzung abge⸗ halten haben, so verlautet doch immer noch nichts über die gefaßten Beschlüsse. Daß Frankreich und Rußland bereits officiell ihre Zustimmung zu dem deutsch⸗ englischen Abkommen ertheilt haben, bestätigt sich, wie officiös aus Berlin telegraphirt wird, nicht, dagegen besteht nach den in Berlin vor⸗ liegenden Meldungen einige Wahrscheinlichkeit, daß auch der Beitritt dieser beiden Staaten er⸗ folgen werde. Der Krieg in Südafrika. Trotz der feierlichen Proklamation der süd⸗ afrikanischen Republiken zu britischen Kolonien setzen die Buren den Kleinkrieg unablässig fort und bringen den Engländern theilweise schwere Verluste bei. So griffen sie am 24. Okt. in von Hoopstadt eine englische Truppe, die Maximgeschütze bei sich hatte, mit Uebermacht an, brachten ihr große Ver⸗ luste bei und richteten ihr Feuer hauptsächlich auf die Maximgeschütze, die aufgegeben wurden. Die Engländer hatten 7 Todte, 11 Verwundete; 15 wurden gefangen. Dewet soll im Norden des Oranje Freistaates 3000 Burghers bei sich haben. — Auch Kimberley soll durch ein starkes Burenkommando bedroht sein. — Die Stadt London feierte am Sonntag die Rückkehr der City⸗Frei willigen, bei der es äußerst roh zuging. Ungeheure Menschenmassen waren auf den Straßen. Die Reihen der Freiwilligen wurden durchbrochen. Viele Menschen wurden zu Boden gerissen und verletzt. Von Nah und Fern. FC Parteigenossen. — Parteigenossen! Zur Betreibung nachhaltiger Agitation ist jetzt die ge⸗ eignete Zeit! Wegen Versammlungen wende man sich an uns oder an den Vorstand des Kreiswahlvereins G. Beckmann Gießen, Grünbergerstraße 44.— Vergeßt auch nicht, für die Verbreitung der Presse zu wirken! FEC m... Gießener Angelegenheiten. Sozialdemokratischer Wahl⸗ verein. In der letzten Versammlung am vorigen Samstag besprach Genosse Vetters in einem kurzen Referate zunächst den von der „Leipziger Volkszeitung“ veröffentlichen Brief Bueck's und zog die sich daraus ergebenden Schlüsse, namentlich, wie berechtigt das Mißtrauen sei, das von uns den Regierungs⸗ leuten entgegengebracht würde. Weiter zeigte er an dem„Hirtenbrie fe“ der Bischöfe, wie von Seiten der Geistlichkeit jede selbst⸗ ständige Regung der katholischen Arbeiter und jeder Versuch, sich der pfäffischen Bevormundung zu entziehen, zu unterdrücken versucht wird. Schon jetzt, nachdem eine„christliche“ Gewerk⸗ schaftsbewegung kaum entstanden, vollziehe sich der Zersetzungs⸗Prozeß, der unsererseits voraus gesagt worden sei. Schließlich betonte Redner, wie gering im Verhältniß zu ihrer Zahl heute noch der Einfluß der Arbeiter auf das öffentliche Leben sei. Gebessert habe es sich ja schon einiger⸗ maßen— Dinge, wie der Bueckbrief wären ohne unsere Presse nie an das Tageslicht ge⸗ kommen. Unser Streben müsse in erster Linie der Ausgestaltung unserer Presse gewidmet sein. — Genosse Voltz brachte hierauf die Kohlen⸗ noth zur Sprache. Hier müsse von Seiten der Stadtverwalt ung unbedingt etwas gethan werden, sonst geht die ärmere Bevölkerung, falls ein harter Winter kommt, trostlosen Zuständen ent⸗ gegen. Er wünscht, die Versammlung möge unsere Vertreter beauftragen, in der Stadtverordn.⸗ Versammlung diesbezügliche Anträge stellen. Nach längerer Diskussion wurde beschlossen, vom Verein aus bei der Stadtverwaltung zu be⸗ antragen, dieselbe möge Kohlen ankaufen, und zum Selbstkostenpreise in kleinen Quantitäten an Minderbemittelte abgeben, wie das schon in mehreren Städten geschehen sei.— Hoffentlich folgt die Stadt dem Beispiele der letzteren und beschließt im Sinne des Antrages!— Nach Erledigung einiger geschäftlichen Angelegenheiten schließt die Versammlung ziemlich frühzeitig. Einige Mitglieder beriethen hierauf noch lange, in welcher Weise zweckmäßige Agitation zu betreiben und für Aufklärung der Masse zu sorgen sei. Möge der Ersolg nicht ausbleiben! Gewerkschaftskartell. Aus den Be⸗ richten, die über die Thätigkeit des Kartells in der Virsammlung am Sonntag vor 8 Tagen erstattet wurden, sei Folgendes angeführt. Die Einnahmen des Kartells betrugen im ver⸗ flossenen Jahre Mk. 399,60; die Ausgaben Mk. 281,77, so daß ein Kassenbestand von Mk. 117,83 verbleibt. Im gleichen Zeitraum gingen für den Streikfonds Mk. 632,16 ein, die Ausgabe aus demselben betrug Mk. 626,45, bleibt ein Bestand von Mk. 5,71.— Dem Kassirer, sowie auch den übrigen Vor⸗ standsmitgliedern wird Decharge ertheilt und Ersterem Mk. 10.— für seine Mühewaltung bewilligt. Einem Antrage der Buchdrucker in Zukunft nur 5 Pf. pro Mitglied und Viertel⸗ jahr Beitrag zum Streikfonds zu erheben, wird zugestimmt.— Weiter wird der Vorstand beauftragt Herrn Schauspieler Walkotte zu einer Rezitation für hier zu gewinnen.— Ferner wird ein weiterer Antrag der Buchdrucker, alljährlich 2 Genecalversammlungen abzuhalten, ebenfalls angenommen.— Busch bringt zur Sprache, daß bei Gewerbegerichtssitzungen Herr Keller verschiedentiich den Vorsitz ührt habe. Seiner(Busch's) Ansicht nach bat Herr K. nicht über die nöthige Vertrautheit mit den das Arbeitsverhältniß betreffenden rechtlichen Fragen. Beschlüsse werden in dieser Sache nicht gefaßt.— Zur Agitation unter den hiesigen Metzgergesellen sollen pro Quartal 20 Exemplare des Organs„Der Fleischer“ bestellt und verbreitet werden. — Sehr vorsichtig benahm sich der „Gießener Anzeiger“ in der 12000 Mark⸗An⸗ gelegenheit. Erst acht Tage nach der Veröf⸗ fentlichung des Bueck-Briefes druckte er den⸗ selben ab und bemerkte bei der Besprechung der Affäre, es habe ihm widerstrebt, darauf einzugehen, weil der Brief auf eine nicht zu billigende Art an die Oeffentlichkeit gelangt sein müsse. Alle Achtung vor dem feinen mo⸗ ralischen Empfinden. Hätte es aber auch Stand gehalten, wenn durch die Veröffentlichung des Briefes die Sozialdemokratie kompro⸗ mittirt worden wäre, wenn z. B. der französische Minister Millerand ähnliches, wie Herr Woedtke gethan hätte? Wir möchten es stark bezweifeln! — Tapezirer⸗Versammlung. Wes⸗ halb organisiren wir uns? lautete das The⸗ ma, über welches in der Versammlung am ver⸗ gangenen Montag Redakteur Vetters ein⸗ gehend sprach. Er wies hin auf die Organi⸗ sationen der Unternehmer und die großen Op⸗ fer, welche die letzteren dafür bringen und ermahnte zu besserem Zusammenschlusse. Kurz wurden dann noch die vorzüglichen Verbesser⸗ ungen im Unterstützungswesen der Tapezirer⸗ Verbandes gestreift. Dieser hat bekanntlich Kranken- und Sterbeunterstützung sowie Un⸗ terstützung bei Domizilwechsel eingeführt. Für nächste Versammlungen stehen ebenfalls schon einige Vorträge aus und wäre es der Filiale nur zu wünschen, daß sie recht gute Früchte zeitigt für ihr rastloses Arbeiten. Heuchelheim. St. Am Sonntag Abend erstattete Genosse Orbig-Gießen in einer gut besuchten Ver⸗ sammlung Bericht über den Parteitag in Mainz. Redner besprach eingehend die dem Parteitag vorgelegten Berathungsgegenstände, ihre Er⸗ örterung in Mainz und die darüber gefaßten Beschlüsse. Mit großer Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den beinahe zweistündigen Ausführungen. Eine Diskussion fand nicht statt; den Beschlüssen des Parteitages wurde zuge— stimmt.— Für einen Sonntag Abend hätte der Besuch der Versammlung immer noch stär ker sein können. Leider kann so mancher Genosse sich nicht dazu bequemen, den Skattisch auf einige Stunden zu verlassen. Gerade in der gegen⸗ wärtigen Zeit, wo man die Rechte der Arbeiter nach jeder Richtung hin zu beeinträchtigen sucht, wo höhere Ideale in Muckerei, Speichelleckerei und Hunnenthum unterzugehen drohen, muß es die Aufgabe und Pflicht unserer Genossen und der Arbeiterschaft sein, für wahre Freiheit und Kultur stets einzutreten. Darum fester Zu⸗ sammenschluß! Immer alle Mann am Platze! Mögen deshalb unsere Freunde den zu⸗ künftigen Versammlungen die gebührende Beach⸗ tung schenken! Wieseck. —ch. Auf die am Sonntag Abend im Saale des Herrn Ziegler stattfindende Volksversamm⸗ lung machen wir hiermit nochmals besonders aufmerksam, namentlich ersuchen wir unsere Genossen, recht zahlreich und pünktlich am Platze zu sein. Selbstverständlich sind auch Frauen willkommen! Aus Lich. — Frommer Schwindler. Wir lesen im Gießener Anzeiger: Gester m wurd hier ein angeblicher Missionar Felger aus Berlin verhaftet. F. verstand es, vor einiger Zeit bei zwei hier wohnenden, ledigen Geschwistern die ortsbekanntlich als geistig nicht normal ge⸗ schildert werden, aber dennoch über ein an⸗ sehnliches Vermögen verfügen, durch Vorspie⸗ gelung„der Heiland habe ihn geschickt, sie soll⸗ ten ihm für den Heiland ihr Geld geben“, ver⸗ anlaßte, dem angeblichen Missionar eine grö⸗ ßere Summe, wie man hört ca. 4000 Mk., ein⸗ zuhändigen, womit er verschwand, bis er vor⸗ Nu. 7 et l Fil d 1 Haben, weisbe hüser bl 1 1 I die G 55 Schwi ei 9 verdr latze 0 Monte de N Muben Nbgeo en ge Schal Sc der di wor, hlilten chellut Wähle sechste nang währe Kond wählt mit wirkl kennt eigen seine der or Krie an Men es 0 werk ange freud wird na un 1 aueh Nach N10 fünd lach 11 bt bleib el dum bal ———————— N ——— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. gestern nach Verbrauch der Summe sich hierher zurückbegab, wo er festgenommen wurde. Er will das Geld zu Missionszwecken verwendet haben, kann jedoch seine Angaben mit nach⸗ weisbaren Thatsachen nicht begründen; es ist deshalb mit Bestimmtheit anzunehmen, daß dieser Gauner von dem Geisteszustand der Be— schwindelten Kenntniß besaß und diesen Vor⸗ theil zu seinem Schwindel ausnutzte. Gegen die Geschwister soll zurzeit ein Entmündig⸗ ungsverfahren im Gange sein.— Derartige Schwindler⸗Spezialitäten operiren nicht blos bei geistig Beschränkten mit Erfolg. Augen⸗ verdrehern gegenüber ist immer Vorsicht am Platze. Aus Wetzlar. -th. Landtagswahl. Am vergangenen Montag fanden in Wetzlar in 6 Urwahlbezirken die Wahlmännerwahlen zu der am 5. November stattfindenden Wahl eines Landtags- Abgeordneten statt. Das Resultat derselben war ein geradezu klägliches und bedeutet für Herrn Schlabach, dem Kandidaten, eine ungeheuere „Schlappe“! Im zweiten Wahlbezirk, wo in der dritten Abtheilung ein Wahlmann zu wählen war, erschienen, 2— zwei— Urwähler. Im dritten Wahlbezirk erschienen in jeder Wahlab⸗ theilung genau soviel; ein ganzer Wähler erschien im vierten Bezirk, aber im sechsten überhaupt keiner! Hier kam wegen mangelnder Betheiligung keine Wahl zu stande, während in den übrigen Bezirken die aufgestellten Kandidaten ein⸗ bezw. zweistimmig ge⸗ wählt wurden. Herr Schlabach kann auf den mit so wuchtiger Mehrheit erreichten Sieg wirklich stolz sein. Ueber Dankbarkeit und Er⸗ kenntlichkeit des Bürgerthums mag er wohl seine eigenen Gedanken haben. Soviel haben also seine eigenen Mitbürger für ihn übrig, für ihn, der doch seit mehr als einem Menschenalter eine so vielseitige Thätigkeit entwickelt, fast bei jedem Krieger⸗ Turn⸗ und Gesang⸗Vereinsfest war er an der tete!— Wir setzen zwar bei jedem Menschen die edelsten Gefühle voraus, würden es aber begreiflich finden, wenn Herr Berg⸗ werksdirektor Roth, der so bei Seite Gedrückte, angesichts dieses Resultates etwas wie Schaden- freude empfände. Nun, aber Herr Schlabach wird sich darüber trösten; als Entschädigung mag er sich, wenn er nach Berlin kommt, einmal in irgend einem Theater„Die strengen Herren“ ansehen— im Dreiklassenhause kann er ja doch Nichts bessern, auch Nichts verderben. — Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen, die neulich Um⸗ stände halber nicht stattfinden konnte, wird nun nächsten Sonntag, am 4. November, nachmittags 3 Uhr in Gießen, in der Wirthschaft Löb(Wiener Hof) abgehalten. Tagesordnung bleibt wie früher bekannt gegeben. Die Be⸗ theiligten wollen sich pünktlich einfinden, damit sie noch an der Gießener Versammlung theilnehmen können. Ortskrankenkasse. Eine gut besuchte Generalversammlung der Ortskrankenkasse für Gesellen und Fabrikarbeiter fand am Sonntag im Schützen garten statt. Es wurde eine Neu- wahl der Vertreter vorgenommen. Ferner wurde eine Kommission gewählt, die im Verein mit dem Vorstand eine Revision des Statuts vor- nehmen soll. — Aerzte⸗Verein. Vor einiger Zeit haben die Aerzte im Kreise Wetzlar sich eine Organisation gegründet, deren Zweck es sein soll, die„Standesinteressen“ zu fördern und nebenbei— oder vielmehr wohl in der Haupt⸗ sache— bessere Lohn⸗ und Arbeitsbe⸗ dingungen sich zu erkämpfen— bei den Aerzten heißt das„standesgemäße Honorir⸗ ung.“ Wir haben natürlich nicht das Geringste dagegen, wenn die Herren ihre Lage und ihr Einkommen zu verbessern trachten, wenn sie nur sonst ihren hohen Pflichten jedem Kran⸗ ken gegenüber nach jeder Richtung hin gerecht werden und lassen auch dem armen Teufel ihre Hülfe angedeihen, der nicht in der Lage ist, „standesgemäße Honorare“ zahlen zu können. — Uebrigens ist die Anerkennung des Organi— sationsgedankens seitens der Herren ja recht erfreulich und läßt hoffen, daß sie den glei⸗ chen Bestrebungen der Arbeiter Gerechtigkeit widerfahren lassen, und die Arbeiterbewegung nicht so schief beurtheilen, wie das von Ein⸗ zelnen unter ihnen leider immer noch geschieht. Finanzminister a. D Küchler f. In Darmstadt starb am Donnerstag der ehemalige hessische Finanzmini er Küchler. Ein schweres Halsleiden, das ihn befallen, machte vor längerer Zeit eine Operation noth⸗ wendig, die anscheinend glücklich verlief, aber dennoch zur Katastrophe führte. Küchler hatte das Ministerium noch keine zwei Jahre inne. Er war 55 Jahre alt. Eine acwaltige Explosion, die in weitem Umkreis die Luft erzittern machte, ereignete sich am Dienstag Nachmittag auf der Norddeutschen Munitionsfabrik in Schöne-⸗ beck im Kreise Magdeburg. Das Laboratorium, ein kleiner, leichter Bau, war in die Luft ge⸗ flogen. Ein Arbeiter wurde tödtlich verletzt, vier Personen, drei weibliche und eine männliche, kamen mit leichteren Verletzungen davon. Auf der Fabrik befand sich kein Krankenkorb, sodaß eine halbe Stunde verfloß, ehe der schwerver— letzte Arbeiter nach dem Krankenhause gebracht werden konnte. Konitz. Die ganze Woche wurde gegen den des Meineids beschuldigten Arbeiter Maßlof verhandelt. Unzählige Zeugen werden ver— nommen. Der„Vorwärts“ schreibt darüber: Der Hexenaberglauben des Mittelalters feiert in dem westpreußischen Städtchen seine Auf⸗ erstehung. Wie vor Zeiten epidemische Hallu⸗ zinationen den grausigen Teufelsbündnissen und Zaubereien plastische Gestalt verliehen, so setzt sich heute das Blutmärchen in beschränkten Köpfen fest und fördert vor dem Richtertisch Aussagen zu Tage, deren Widersinnigkeit sich ebenfalls nicht anders als durch eine epide⸗ mische Geistesverwüstung ganzer Volks⸗ schichten erklären läßt. Hoffentlich hat der Staatsanwalt unter diesen beklagenswerthen Zuständen ein Einsehen und läßt von neuen Meineidsprozessen ab, die nur Unglückliche ins Zuchthaus bringen würden, ohne daß sie das Geheimniß des Gymnasiastenmordes noch zu zu lichten im Stande wären. Große Explosion in New⸗Pork. Eine furchtbare Explosion in der Chemi⸗ kalienfabrik von Taorant u. Comp. in Newyork hat große Opfer gefordert. Trotzdem, daß die Direktion, in deren Fabrik sich die Explosionen sich ereignet haben, erklärt, daß alle Ange⸗ stellten ihr Leben gerettet hätten, außer einem, über dessen Verbleib nichts bekannt ist, behaup⸗ ten die Blätter, die Zahl der getödteten und. vermißten Personen belaufe sich auf 100— 200. In den benachbarten Gebäuden und Straßen sind viele Menschen durch umherfliegende Glas⸗ splitter und andere Trümmerstücke verletzt wor⸗ den; eine davon getroffene Person ist im Kran⸗ kenhause gestorben, 20 Verletzte befinden sich dort in Behandlung. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Mardurg, 1. Novbr. Ein schwerer Verlust hat unsere Par⸗ tei, resp. die hiesigen Genossen betroffen. Gen. Martin Roth, unser Senior, ist am Mon⸗ tag Abend 10.30 Uhr nach längerem schweren Leiden im Alter von 70 Jahren gestorben. Mit ihm ist einer der letzten hiesigen Veteranen von 1848, der sein ganzes Leben lang seinen Grund- sätzen treu geblieben ist, von uns geschieden. Er war gelernter Gärtner, konnte aber seit längerer Zeit in seinem Berufe krankheitshal⸗ ber nicht mehr thätig sein. Trotzdem nahm er stets regen Antheil an allem, was unsere Sache fördern konnte. Auch bei festlichen Gelegen- heiten fehlte er nie und hatte stets guten Hu⸗ mor. Vor einigen Jahren verheirathete sich Roth zum zweiten Male und hinterläßt er eine Wittwe und zwei kleine Kinder in ziemlich dürftigen Verhältnissen. Wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren. — Noch ein harter Verlust, glück⸗ licher Weise nicht durch den Tod, wohl aber durch sein Scheiden von hier betrifft die hie ige Partei durch den Weggang des Gen. Julius Wolff. Derselbe hat durch seine rastlose Thä⸗ tigkeit im Interesse unserer Partei sich die An⸗ erkennung wohl aller hiesigen Genossen erwor⸗ ben und verlieren wir Gen. Wolff recht un⸗ gern. Wir wünschen ihm in seinem neuen Wir⸗ kungskreise viel Glück und werden uns seiner stets gern erinnern. — Parteiversammlung. Am näch⸗ ten Sanistag, Abends 9 Uhr findet bei Gen. Jesberg dahier, eine Parteiversammlung tatt. Die Tagesordnung wird in derselben be⸗ kannt gegeben werden. — Von der Universität. Die seik 7 Jahren an hiesiger Universität als Lektor der französischen Sprache thätige Dr. Doutre⸗ pont hat einen Ruf als Professor der Rhéto- rique francaise on der militärischen Akademie zu Namur in Belgien erhalten und zwar unter der Bedingung, daß er seine Thätigkeit inner⸗ halb einer Woche beginnen solle. Dr. Doutre⸗ pont hat den ehrenvollen Ruf angenommen und kann deshalb die schon angesagten Verle⸗ sungen nicht mehr halten. E Herr Geh. Med.⸗Rath Prof. v. Beh⸗ ring beabsichtigt, die Tuberkulose-Til⸗ gungsversuche bei Rindvieh fortzu⸗ setzen. Er ersucht deshalb die Viehbesitzer der Kreise Marburg und Kirchhain, ihm zu diesem Zwecke ihre Stallungen zur Verfügung zu stel⸗ len. Im Kreise Marburg sind bis jetzt 3000 Thiere angemeldet, 21000 sind vorhanden. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Volksversammlung. Sonntag Nachmittag 4 Uhr spricht Genosse Dr. David im Lokale Orbig. Samstag, 3. November. Sießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Lö b, „Wiener Hoff.(Vortrag v. Pook.) Gießen. Metallarbeiter abe ds 9 Uhr bei Orbig. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 8 ½ Uhr bei Wirth Gg. Volkmann. Sountag, den 4. November. Schlitz. Arb.⸗Bild. Verein. Nachm. 4 Uhr: Mitgl. Versammlung bei Gastwirth Schmidt. Friedberg. Oeffentliche Versammlung Nichtgewerb⸗ licher Arbeiter, nachmittags 4 Uhr, in Stadt New⸗ York(Referent G. Repp). Alle Mitglieder wollen pünktlich erscheinen. Montag, 5. No vember. Gießen. Schneider. Abends 9 Uhr bei Orbig. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung abends 9 Uhr bei Orvig. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Kreiskonferenz. Sonntag, den 11. November, nachmittags 2½ Uhr bei Gastwirth Kaut in Lauterbach. Ta gesordnunng: 1) Die Agitation im Wahlkreise während des ver⸗ gangenen Jahres(Referent Genosse Philipp Schmidt). 2) Rechenschaftsbericht des Kreisvertrauensmanns und Neuwahl desselben. 3) Rechenschaftsbericht vom Vorstand des Kreiswahl⸗ vereins und Neuwahl desselven. 4) Bericht vom Parteitag in Mainz(Referent Genosse Orbig⸗Gießen). 5) Verschiedenes. flicht der Genossen ist es, dafür zu sorgen, daß die Konferenz zahlreich besucht wird. Der Kreisvertrauens mann. Briefkasten. Fr. B. Gießen. Wir bezweifeln trotzdem die Richtigkeit dieser Behauptung. Wir wollen erst nähere Erkundigungen einziehen. St.⸗Mrbg. Wird besorgt. H. Langsdorf. Wir ziehen darüber Erkundigungen ein und theilen Ihnen Weiteres brieflich mit. Quittung. Steinberg. Für den Parteitag Mk. 9. 20. Der Kr.⸗Kassirer. Genosse M. in B. ersucht uns, allen denen, welche seine Familie während seiner Krankheit unterstützen halfen, bestens zu danken.— Bei dieser Gelegenheit sei mitgetheilt, daß die damalige Sammlung im Ganzen Mk. 42.85 ergab. Davon an M. abgesandt: Mk. 42.— Porto Mk.—.60, Rest Mk.—.25, die wir mit etwa noch Eingehendem an M. ausfolgen werden. . Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 45. Seite 6. Dunkle Mächte. 11) Roman von Elise Langer Mittlerweile wurde es immer stiller im Kinderzimmer. Es war nichts mehr zu thun. Die Aerzte— es war ein zweiter hinzugezogen worden— hatten das Kind aufgegeben. Die⸗ ses lag mit spitzem Näschen und gebrochenen Augen schwer athmend da. Man konnte jeden Augenblick das Ende erwarten. Zu erkennen schien es keinen mehr. Nur einmal erhob es sein abgemagertes Händchen, als verlangte es noch etwas. Seine Mutter nahm es zwischen ihre Hände, aber es schien nicht befriedigt. Ein weinender Laut kam aus der kleinen, ächzenden Brust. Helma, die an der anderen Seite des Bettes auf einem niedrigen Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben, saß, blickte auf und faßte das andere erhobene Händchen. So war es recht, das hatte es gewollt. Beide Hände ruhten auf seiner Brust. Ein süßes Lächeln ging über das kleine blasse Gesicht. Es war das letzte. Nach wenigen Augenblicken hatte es sein zartes Leben ausgehaucht. Brandts Schmerz war grenzenlos, als er, des Abends nach Hause kommend, den Tod des Kindes erfuhr.„Du hast es gemordet, du bist schuld an seinem Tode,“ sagte er sich, als er von den Frauen allein gelassen, mit gerungenen Händen an der kleinen Leiche stand.„Hättest Du Emmy bei der Mutter gelassen, wäre sie vielleicht noch am Leben und das blühende Kind, das sie war. Deine Liebe zu ihr war Sehnsucht. Alles war Sehnsucht. Deine Hei⸗ rath, Deine Vaterliebe, Dein Verrath an Hel⸗ ma, an Kohlweit, an Deine Ueberzeugung.“ — Er drückte die geballte Faust gegen die Stirn. Er glaubte wahnsinnig zu werden. Es war einer jener Augenblicke, in denen der Mensch sein eigener Richter ist, ein uner⸗ bittlicher als das strengste Tribunal, vor das ein Mensch gestellt werden kann. rau Brandt verkündete am nächsten Mor⸗ gen ihren Entschluß, noch am selben Abend ab⸗ zureisen und die kleine Leiche mit sich zu neh⸗ men. Ihr Gatte konnte sie ihr nicht vorent⸗ halten. Helma that alle Schritte für die Ein⸗ sargung und besorgte die nöthigen Papiere. Sie erwies sich so hilfreich und gut und theil⸗ nehmend, daß Frau Brandt, die sich äußerlich härter gab, als sie war, tief gerührt fühlte und mit Trauer an das Schicksal des Mädchens dachte. Sie ließ, bevor sie abreiste, ihren Mann um eine Unterredung bitten. Brandt beschied sie in sein Zimmer. Es war ein peinvoller Augenblick, als sich die Gatten nun so gegenüber standen. Er wies auf einen Lehnstuhl, Frau Brandt blieb aber steif vor ihm stehen. „Ich bin gekommen, um unsere Angelegen⸗ heit zu ordnen“, sagte sie, sich jetzt der franzö⸗ sischen Sprache bedienend, während sie bisher im Hause das ihr fast ebenso geläufige Deutsch gesprochen hatte.„Unsere Ehe länger bestehen zu lassen, da eines der Kinder todt ist, hat keinen Zweck mehr. Sie werden mir hierin beistimmen.“ Brandt verbeugte sich stumm. „Ich könnte die Zustände, die ich hier ge⸗ funden,“ fuhr sie fort,„als Grund der Schei— dungsklage anführen,“ wenn es mir nicht wi⸗ K 2 derstrebte, ein Wesen, dem ich zu Dank ver⸗ pflichtet bin, in diese Affäre hineinzuziehen.“ „Wie es von Ihrer Großmuth nicht anders zu erwarten war, warf Brandt mit schlecht ver⸗ deckter Ironie ein. Seine Frau schien es zu überhören.„Ich bin daher der Ansicht, daß wir, der Wahrheit gemäß, unüberwindliche gegenseitige Abneigung als Grund angeben. Wenn Sie damit einver⸗ standen sind, mögen Sie Ihren Anwalt dahin instruiren.“ Abermals stumme Verbeugung von Seiten Brandts. „Ich hätte also nichts weiter hinzuzufügen,“ nahm seine Gattin nach einem leichten Räus⸗ pern nochmals das Wort,„wenn mir nicht das Schicksal des unglücklichen Mädchens, welches ein Opfer unseres traurigen Verhältnisses ge⸗ worden ist, am Herzen läge.“ Und ohne sich von seinen zornigen aufflammenden Blicken ein⸗ schüchtern zu lassen, fuhr sie fort:„Sie werden in kurzem frei sein. Handeln Sie als rechtschaf⸗ fener Mann, bringen Sie die Unglückliche wie⸗ der zu Ehren. Ich bin überzeugt, daß Sie sich selbst sowie unserm armen Charles damit den besten Dienst leisten werden. Und damit scheide ich denn von hier und von einer Ver⸗ gangenheit, die uns Beiden so wenig Glück ge⸗ bracht hat.“. Sie wandte sich und schritt henaus, ohne ihm die Hand zu reichen. Der kleine Sarg war bereits abgeholt wor⸗ den. Helma hatte ihn reich mit Blumen ge⸗ schmückt und diese mit heißen Thränen bethaut. Sie und Charles begleiteten Frau Brandt zur Bahn. Der Knabe war in diesen Trauertagen ganz verschüchtert und verstummt. Zum letzten Male schloß ihn die Mutter in ihre Arme. Das lebende Kind mußte sie lassen, nur das todte durfte sie mit sich nehmen. Helma drückte sie nur fest und vielsagend die Hand. Die Glocke ertönte zum dritten Male. Der Zug setzte sich in Bewegung und rascher und rascher brauste er davon. IX. Seit dem Rücktritt Kolweits hatte Brandt die Maske fallen lassen müssen. Es wäre ver⸗ gebens gewesen, den wahren Charakter des „Nordd. Beobachter“ noch länger verschleiern zu wollen. Denn Brandt sah keine Möglich⸗ keit der ehrliche Kolweit über die Gründe sei⸗ nes Ausscheidens aus der Redaktion zum Schweigen gegen seine Gesinnungsgenossen zu verpflichten, und sein Schweigen würde auch nichts geholfen haben. Die Thatsache seines Rücktritt allein genügte, um allen Mitarbei⸗ tern seiner Partei, die im Vertrauen auf seine bekannte Ueberzeugungstreue sich über die ver⸗ steckten Ziele des Blattes bisher gleich ihm hat⸗ ten täuschen lassen, die Augen zu öffnen. Es hatte Brandt schwere Kämpfe gekostet, mit sei⸗ nen politischen Grundsätzen zu brechen, als ihn damals an den Ufern des Genfer Sees die Ver⸗ sucher der Selbstsucht und des Ehrgeizes ver⸗ lockt hatten, jetzt bot er der Welt eine eherne Stirn, und dieselbe Sophisterei, mit der er da⸗ mals sein Gewissen betrogen hatte, half ihm nun sein Thun offen vertheidigen. Jetzt näherte er sich auch gesellschaftlich mehr und mehr den Kreisen, mit welchen ihn seine Stellung als Chefredakteur eines offiziellen Blattes in Beziehungen brachte. Er machte Vi⸗ siten bei Ministern, Kabinetsräthen usw. und erhielt von diesen Einladungen, denen er um so lieber folgte, als sein Haus ihm immer un⸗ erträglicher wurde. Die Scheidung von seiner Gattin war von dieser in Genf eingeleitet wor⸗ den, der Spruch des Gerichtes ließ aber auf sich warten und unterdessen verzehrte sich Helma in stillem Gram. Ihre Schönheit litt darunter. Brandt wurde immer kühler gegen sie. Er floh ihre traurigen Mienen und vorwurfsvollen Blicke. Der mit Reue gemischte Schmerz um Emmy hatte allmählich von seiner Schärfe verloren, aber die Lücken, die ihr Tod gelassen, wollten das Haus so viel öder, wie Charles es auch mit Lust und Leben erfüllte. In den vornehmen Kreisen war der geist⸗ volle Mann mit dem imponirenden Aeußeren, der glänzenden Unterhaltungsgabe und der ge—⸗ sellschaftlichen Korrektheit— denn diese stand ihm, wenn er wollte, zu Gebot— eine stets gern gesehene Erscheinung, ja er fing an dort Mode zu werden. Während der Herbstjagden lud man ihn auf die Güter ringsum ein, und Männer und Frauen kamen ihm in gleich schmeichelhafter Weise entgegen. Unter den letzteren lernte er eine Dame kennen, die in Männerkreisen namentlich viel von sich reden machte. Es war eine Baronin von Romberg, die Tochter eines Advokaten, der, wie es hieß, gewisse heikle Transaktionen für den Baron vermittelt und diesen dadurch so sehr in seine Gewalt bekommen hatte, daß der Edelmann es für rathsam befunden, ihre bei⸗ derseitigen Interessen an einander zu knüp⸗ fen, indem er die Tochter, Fräulein Renate Busch, zu seiner Gemahlin machte. Das Ge⸗ rücht mochte entstanden sein, weil man sich sonst nicht erklären konnte, warum der steinreiche Aristokrat das unschöne bürgerliche Mädchen geheirathet haben sollte. Wie dem auch sei, die Ehe war eine sehr glückliche, der Baron trug seine Gattin auf Händen, und bei seinem vor wenigen Jahren erfolgten Tode stellte es sich heraus, daß er ihr den Haupttheil seines Vermögens testamentarisch vermacht hatte. . Renate von Romberg, jetzt eine Frau von vierunddreißig Jahren, besaß außer einer schö⸗ nen Gestalt keine körperlichen Reize. Das Ge⸗ sicht war mit Sommersprossen bedeckt, die Nase nichts weniger als klassisch und der Mund um so viel so groß, als die grüngrauen Augen zu klein waren. Dafür genoß sie aber des Ru⸗ fes einer geistreichen, originellen Frau, weil sie sich in Reden und Handlungen nicht an die herkömmlichen Regeln band, sondern sich über die gesellschaftlichen Schranken unbedenklich hin⸗ wegsetzte. Bei ihrem Vermögen von nahezu 1 Million durfte sie sich das gewähren. Auf die⸗ sem Goldgrunde verminderte sich ihre Häßlich⸗ keit in demselben Grade, wie sich ihre geistigen Vorzüge in den Augen ihrer Bewunderer ver⸗ größerten. Bei den Frauen war sie beliebt, aber um so mehr zog sie die Männer an. Un⸗ ter diesen bewegte sie sich am liebsten, wie sie denn auch den männlichen Sport mit Vorliebe betrieb. Sie rauchte, ritt vorzüglich und die Jagd war ihre Leidenschaft. Wie andere Frauen die Milchzähnchen ihrer Kinder als Schmuck tragen, so trug sie die langen spitzen Zähne eines Fuchses, dem sie mit eigener Hand den Garaus gemacht, in Gold gefaßt an ihrer Uhr⸗ kette. Zu der Hinterlassenschaft ihres Gatten gehörte auch ein mit prächtigem Wald bestan⸗ denes Gut, auf dem sie sich jedoch nur zur Jagd⸗ zeit aufhielt. Den übrigen Theil des Jahres verlebte sie, wenn sie nicht auf Reisen war, in Berlin, wo sie in ihrem fürstlich eingerich⸗ teten Hause eine glänzende Gesellschaft um sich versammelte. Wenn Brandt in seiner jetzigen Stimmung in der ihm das ganze weibliche Geschlecht ver⸗ leidet war, den Frauen möglichst auswich, der Baronin Romberg konnte er nicht aus dem Wege gehen. Schon bei ihrer ersten Begegnung auf dem Rendezvousplatze vor Beginn einer Jagd zu der Dr. Brandt eingeladen worden, an einem frischen, sonnigen Oktobermorgen, verwickelte ihn die elegante Reiterin sofort in ein lebhaftes Gespräch. Sie war eifrig Leserin des„Nord⸗ deutschen Beobachters“, sprach sich begeistert über seine Leitartikel aus, erging sich in Lobes⸗ erhebungen über die Haltung des Blattes, und Brandt sog das Lob aus diesem Frauenmunde mit dem größten Behagen ein. Das war eine andere Unterhaltung als die mit seinen senti⸗ mentalen Frauenzimmern zu Hause! Damit war die Anknüpfung gegeben. Brandt erhielt eine Einladung der Baronin zur Jagd auf ih⸗ rer Besitzung, später auch zu ihren hauptstäd⸗ tischen Zirkeln. Es herrschte bald ein kordialer, kameradschaftlicher Ton zwischen ihnen, sodaß die adeligen Herren untereinander witzelten: Brand erweckte bei der Baronin Heimathsge⸗ fühle, sie fänden sich zusammen wie zwei, de⸗ nen es im fremden Element nicht recht wohl ist. Und es war etwas Wahres daran. Als die Tochter eines bedeutenden Rechtsgelehrten war Renate an eine gewisse geistige Atmosphäre gewöhnt gewesen, die sie in ihren jetzigen Krei⸗ sen vermißte und für deren Mangel sie sich durch die neue interessante Bekanntschaft schad⸗ los halten wollte. Zudem besaßen beide eine verwandte sarkastische Geistesrichtung. Wenn sie sich allein sahen, hechelten sie ihre Umgebung mit unerbittlicher Schärfe durch, wobei sie ein⸗ ander an witzigen und beißenden Bemerkungen überboten. Allein man wandelte nicht unge⸗ straft unter Palmen. Wie fast auf jede Frau, mit der er in nähere Berührung kam, übte Die Aladd sunoiis Ein den W. lage d schiener den St schwier schen! 2 1 it 1 1 ( Nr. 45. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Brandt auch auf die Baronin eine faszinirende Wirkung aus, und bald war es kein Geheim- niß mehr, daß sie sterblich in ihn verliebt sei. Man gratulirte ihm spöttisch zu der Eroberung, um die man ihn beneidete, und wer ihm wohl⸗ wollte, rieth ihm ernstlich, sich die Chance nicht entgehen zu lassen. Eine Verbindung mit der Romberg könne ihm in seiner Stellung nur nützlich sein, denn abgesehen davon, daß sie ge— gen eine Million besäße, hätte sie auch Bezieh⸗ ungen bis in die höchsten Kreise. Brandt war nicht der Mann, diese Vortheile zu übersehen. Sein Verhältniß zu Helma bildete für ihn kein Hinderniß, sich derselben zu bemächtigen und so erfuhr man eines Tages die große Neuig— keit, daß die Baronin Romberg sich ihres Adels begeben wolle, um eine simple Frau Dr. Brandt zu werden. (Fortsetzung folgt.) Ein Bettelbriefssteller. Die 12000 Mark- Affaire giebt dem „Kladderadatsch“ Veranlassung zu folgender humorist scher Empfehlung: Ein reizend ausgestattetes Buch, so recht für den Weihnachtstisch geeignet, ist soeben im Ver⸗ lage des Reichsamts des Innern er⸗ schienen und dürfte zahlreiche Abnehmer unter den Staatsmännern finden, die in der Lage sind, schwierige Gesetzentwürfe im Reichstage durch— setzen zu müssen. Einige Proben werden genügen, Oeffentliche Versammlung aller in Brauereien beschäftigten Arbeiter am Samstag, den 3. November, 17 Abends 9 Uhr im Lokale Thoma, Gießen, Bahnhofstr. Tages⸗Ordnung: Die wirt schaftliche Lage der Brauerei-“ arbeiter. Referent: Herr Georg Bauer, Hannover. i Alle Gewerkschaftsmitglieder, sowie alle in Brauereien und Kübercien Beschäftigten sind freundlichst eingeladen. Der Einberufer. empfehle mein reichhalriges Arbeitsschuhe und Stiefel, sowie sämmtliche Winterschuhwaaren in reicher Auswahl und jeder Preislage. Aufertigung nach Maaß. 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Herrn Schlächtermeister Müller. Der Herr Staatssekretär hat mit Vergnügen bemerkt, daß Sie vorzügliche Wurstwaren führen; allerdings scheint ihm der Preis dafür viel zu gering. Hier kann nur ein tüchtiger Schutzzoll helfen. Sie werden daher ersucht, sich an einer Agitation für Grenzsperren und Viehzoll durch einen Beitrag von 500 Mk. zu betheiligen. Auch werden Viktualien für die Wanderredner und die Redakteure der uns zu Gebote stehenden Blätter dankbar angenommen. Das Reichsamt des Innern. v. N. III. Muster für das Arbeitsministerium. Hrern Fabrikbesitzer X. in Y. Wahrscheinlich werden wir im Laufe der nächsten Jahre die Kanalvorlage wieder ein— bringen, die, zur Förderung der Industrie be— soll. Leider Gelegenheits⸗Käufe. Zugstiefel u. s. w. erprobten Fabrikaten. schnell und billigst. sind aber die Mittel der Staatskasse zu sehr erschöpft, als daß die Regierung die Ag nion durch größere Geldsummen in Fluß er alten könnte. Es dürfte sich empfehlen, wenn Sie in Ihrer Interessentengruppe 30 000 Mk. aufbringen . 5 die zu diesem Zwecke verwendet werden ollen. IV. Herrn Pfarrer N. N. Im Auftrage seiner Excellen z. beehre ich mich Sie zu bitten, für die lex Heinze nicht nur selbst zu wirken, sondern auch gut situierten Pfarrkindern nahe legen zu wollen, daß der Regierung mit einer Wiederbelebung der Agitation sehr gedient wäre und deshalb milde Gaben erwünscht sind. Es darf wohl angenommen werden, daß dies Musterbuch sich schnell Bahn brechen und bald einer allgemeinen Beliebtheit in Regierungskreisen erfreuen wird. Zesefrüchle. Mühsam, wie in dem dunklen Schacht Das Edelgestein aus der Erden, Muß auch die Wahrheit aus tiefer Nacht Zu Tage gefördert werden. Humoristisches. Boshift! Und was thaten Ihre Kollegen, als Sie ins Wasser ficlen?— B. lentrüstet: Wissen Se, was Se heben gethan?.... E' Stück Seif' haben Se mer zugeschmissen! ————— ckwolle Otarke M 8 J) in allen Farben und Qualitäten zu billigsten Preisen, Rockwolle von 90 P'g. ver Pfund an und höher. *. „ Fuhr, Sonnenstrasse 25. NB. Stricken von Strümpfen, Röcken ꝛc. wird billigst besorgt. Auch stehen Musterröcke zum Abst icken gratis zur Verfügung. Streng feste IId Nusse in Mose G S 2 8 8 8 S S — 8 22 5 es — . En- Preise. 8 S522 5 S E — 2 5 855 52 2= 2 2 2 8 f D — 2 E — 2 — — — — Aygianz für Frauen u. mütter besonders geeignet zum täg- lichen Genuss namentlich bei Schwächezuständen aller Art. 5 — 2 — 1 2 — . 2 — 5 — D E S 8 —— ö g 0 Vorrätig in den 2 N Apotheken u. Drogerien. Preis Mk. l.60 u. 2.50 D flenren- Anzüge — 2 2 2 — *. * 3.— 2 2 9 N 7 — . — 2 S — 2 2 . . — 5 D — N 2 — 2 5 S — — 85 — — S — — 8 2 2 — 5 E Vertreter soigarren Of e ** * Tabak, Pfeifen e und Stöcke in jeder Preislage. den Nachweis ihrer Verwendbar— Prima Flaschenbier aus der keit gezeigt haben, mit Gehalt, „ i 1 Friedel e Brauerei stellt. 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Ok. 5 tober, Abends 10 Uhr ver schied hier nach längerer, F b Krankheit im Alter von 70 Jahren unser braver Genosse Martin Roth aus Marburg. Trauernd um stehen die hiesigen Genossen die Bohre dieses alten, ehr⸗ lichen Kämpen, weicher sein? ganzes Leben lang in uns rn Reihen stand. Er betheiligte sich an den Freiheiskämpfen von 1848 uud blieb bis zu seinem Tode unseren Gr und⸗ sätzen treu. Möge ihm die Erde leicht sein! Der Vertrauensmann. Verlag der Mitteld. Sonntagszeitung(E. Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von H. Klebert, Gießen. „