DPD. 557555 ee de ben Nr. 5 5 Gießen, Sonntag, den 4. Februar 1900. 7. Jahrg. Redaktion: 2 NRedaltionsschluß: Serchenylaß 1 Schloßgasse Mitteld eutsche Wa en 4 Uhr. S 7 0 4 Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen viertelzährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellun gen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postaustalt und jeber Lanbbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) JInserate finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung 33½% und bei Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Das Flotteugesetz. * Mit einer Geschwindigkeit von 0,0 hat der Bundesrat die neue Flottenvorlage„durch⸗ beraten“, selbstverständlich gutgeheißen und dann dem Reichstag zugehen lassen. Die Vorlage besteht aus drei Paragraphen: I. Schiffsbestand. 5 1. Der in dem Gesetz, betreffend die deutsche Flotte, vom 10. April 1893 festgelegte Schiffs bestand wird vermehrt um: a. ver wendungsbereit: 1 Flottenflaggschiff, 2 Geschwader zu je 8 Linienschiffen, 2 Große Kreuzer als Aufklärungsschiffe 8 Kleine Kreuzer J der heim. Schlachtflotte, 5 Große Kreuzer 5 g 5 Kleine Kreuzer für den Auslandsdienst; b. als Matertalreserve: 2 Linienschiffe, 1 Großen Kreuzer 2 Kleine Kreuzer vermindert um: 2 Divisionen zu je 4 Küstenpanzerschiffen. 2. Auf diese Vermehrung kommen die 8 Küsten⸗ panzerschiffe bis zu ihrem Ersatz als Linienschiffe in Anrechnung. für den Auslands dienst; II. Indiensthaltungen. 82. Infolge dieser Vermehrung gelten bezüglich der In⸗ diensthaltungen der heimischen Schlachtflotte folgende Grundsätze: 1. Das erste und zweite Geschwader bilden die aktive Schlachtflotte, das dritte und vierte Geschwader die Reserve⸗Schlachtflotte. 2. Von der aktiven Schlachtflotte sollen sämtliche, von der Reserve⸗Schlachtflotte soll die Hälfte der Lintenschiffe und Kreuzer dauernd im Dienste gehalten werden. 3. Zu Manövern sollen einzelne außer Dienst be⸗ findliche Schiffe der Reserve⸗Schlachtflotte vor⸗ übergehend in Dienst gestellt werden. III. Bereitstellung der Mittel. 8 8. Die Bereitstellung der infolge dieses Gesetzes erforder⸗ lichen Mittel unterliegt der jährlichen Festsetzung durch den Reichshaushalts⸗Etat. * Aus der Begründung, die der Gesetzes⸗ vorlage beigegeben ist, heben wir hervor: Der Schiffsbestand. Der neue Sollbestand der Flotte, soweit er gesetzlich festgelegt wird, zählt insgesamt 38 Linienschiffe, 20 große und 45 kleine Kreuzer; von diesen Schiffen gehören zur Materialreserve 4 Linienschiffe, 4 große und 6 kleine Kreuzer. Des weiteren treten hinzu die im Gesetz nicht festgelegten Torpeds⸗Fahrzeuge, Kanonen⸗ boote, Schul⸗ und Spezialschiffe. Der Bauplan. Der Bauplan ist in der Vorlage so gedacht, daß in den Jahren 1902—1913 die größte Zahl der neuen Schiffe gebaut, während 1901 und 1914—1917 mehr mit Ersatzbauten belastet werden sollen. Der Gesamtbedarf von 41 großen Schiffen, Neu⸗ und Exsatzbauten, soll so verteilt werden, daß pro Jahr durchschnitt⸗ lich drei auf Stapel gelegt werden. Aehnlich sollen zur Herstellung der Gesamtzahl von 45 kleinen Kreuzern jährlich etwa drei in Bau ge⸗ nommen werden. Das WPersonal. Die Vermehrung des militärischen Per⸗ sonals wird bis zum Jahre 1920, wo die 1916 in Bau gegebenen Schiffe kriegsbereit sein werden, auf 35 551 Köpfe berechnet; und zwar werden mehr erforderlich: im Jahres durchschnitt 60 Seeofftiziere, 14 Narineingenieure, 9 Aerzte, 6 Zahlmeister, 1687 Mannschaften. Die Kostenfrage. Die Gesamtausgaben für die Flotte werden in der Denkschrift folgendermaßen berechnet: 1900 152 390 000 Mk. 1911 296 200 000 Mk. 1901 217090 000„ 1912 302 220 000„ 1902 225 990 000„ 1913 308 810 000„ 1903 234 770 000„ 1914 311820 000„ 1904 243 420 000„ 1915 317 700 000„ 1905 251950 000„ 1916 323 460 000„ 1906 260 860 000„ 1917 325 990 000„ 1907 268 640 000„ 1918 331390 000„ 1908 276 800 000„ 1919 336 670 000„ 1909 284 830 000„ 1920 341830 000„ 1910 292 740 000 Das heißt: von 1901 bis 1920 sollen für die Flotte ausgegeben werden 5 773 600 000 Mark, wovon 2396 Millionen auf die Mehrkosten aus dem neuen Flottenplan entfallen. ** * * Eine Regierung, die einer auf grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechts zusammen⸗ gesetzten Volksvertretung eine derart un⸗ geheuerliche Vorlage unterbreitet, bekundet damit, daß sie diese Volksvertretung sehr niedrig einschätzt. Der deutschen Reichsregierung kann die Berechtigung zu dieser Respektlosigkeit vor dem Reichstag leider auch nicht ganz ab⸗ gesprochen werden. Die Mehrheit des Reichs⸗ tags hat sich schon häufig so unsagbar kläglich benommen, daß sie auf besondere Hochachtung keinen Anspruch machen kann.— Es wird durch die allerneueste Flottenvor⸗ lage dem Reichstag zugemutet, daß er auf zwanzig Jahre hinaus der Regierung in Sachen des Wassermilitarismus freie Hand läßt, sich selbst aber an Händen und Füßen bindet. Zwar heißt es in§ 3 des Flottengesetzes, daß die Bereitstellung der Mittel jährlich erfolgen soll; das ist aber eine leere Redensart, oder um einen in Mode gekommenen Ausdruck zu gebrauchen: ein ausgeblasenes Ei. Denn der Reichstag wäre ja selbstverständlich gezwungen, jährlich die geforderten Mittel zu bewilligen, sobald er dem§ 1 seine Zu⸗ stimmung gegeben. Kein Mensch ist darüber im Unklaren. Das Verlangen der Regierung, ihrem zwanzig⸗ jährigen Plane Vertrauen entgegenzubringen, ist um so ungerechtfertigter, als sie soeben erst mit ihrem vor kaum zwei Jahren angenommenen siebe jährigen Plan gegen jede Regel der Segel⸗ und Steuerkunst kläglich gescheitert ist. Der Reichstag könnte jetzt manchen Fehler, manche Dummheit wieder gut machen. Er könnte sich beim deutschen Volke wieder größeres Ansehen und bei der Regierung wieder gehörigen Respekt verschaffen, wenn er die Marinevorlage mitten entzwei reißen und Herrn Tirpitz vor die Füße werfen würde. Rück⸗ und Ausblick. Vor knapp vier Jahren, es war am 5. März 1896, erklärte der Staatssekretär von Marschall in der Budgetkommission des Reichstags: „An keiner Stelle im Reiche besteht die Absicht, Schiffe ins Blaue hinein zu bauen und eine Welt⸗ politik zu inaugurieren(zu beginnen), wie man sie vielfach befürchtet.“* Wenige Tage später erklärte derselbe Herr im Reichstag: „Es denkt niemand daran, bezüglich der Schiffs⸗ zahl uns in einen Wettkampf mit anderen Marinen einzulasseu. Wir werden nicht entgleisen auf den Bahnen einer abenteuerlichen Politik, die unsere Kräfte zersplittern und des Vertrauens der anderen Mächte berauben würde.“. Ein Jahr später überraschte trotz der oben angeführten Versicherungen der Marineminister Hollmann den Reichstag mit neuen Forderungen für die Flotte in der Höhe von 256 Millionen Mark. Der Reichstag war damals noch etwas bockbeinig und exlaubte sich Streichungen zu machen. Das wurde an einflußreichsten Stellen übel vermerkt. Hollmann wurde gegangen und der Tirpitz herbeigekabelt. In einem Tele⸗ gramm an den Prinzen Heinrich sprach Wil⸗ helm II. damals von den„vaterlandslosen Gesellen, die die Beschaffung der für das deutsche Reich notwendigen Kriegsschiffe hinter⸗ trieben“. Prinz Heinrich, der am 13. Dezember 1897 von Kiel aus nach Ostasien in See ging, ant⸗ wortete auf eine Ansprache des Kaisers: „Mich lockt nicht Ruhm, mich zieht nur eins, das Evangelium Ew. Majestät geheiligter Person dem Auslande zu verkünden und es zu predigen Jedem, der es hören will, und auch Denen, die es nicht hören wollen.“ Das klang ganz anders, wie die Reden Marschalls. Von nun ab ging's auch mit Voll⸗ dampf voraus. Durch das volksfeindliche Verhalten der Zentrumsfraktion wurde Ende 1897 eine neue Marinevorlage des Admirals Tirpitz angenommen, die für die nächsten sieben Jahre die Ausgaben für den Marinismus auf rund 1000 Millionen Mark festsetzte. Die Zeiten Marschalls sind dahin. Wir steuern jetzt Zick-Zack in der Welt⸗ politik, wie seit langem Zick⸗Zack in der inneren Politik gesteuert wird. Plötzlich ist Trumpf. Jetzt heißt es, unsere Marine muß jeder anderen gewachsen sein. Wir wollen uns die„Plätze an der Sonne“ sichern u. s. w. Kiautschou ist gepachtet, die Karolinen sind ge⸗ kauft, aber mehr müssen wir haben, das „größere Deutschland“ soll erobert werden, von dem flottentolle Professoren träumen. Deshalb brauchen wir Kriegsschisse, Kanonen, Soldaten und— viele Milliarden. Was bedeutet die neue Flottenvor⸗ lage für Deutschland? Sie bedeutet abenteuerliche Weltpolitik, ver⸗ scherzt uns das Vertrauen anderer Nationen und zwingt diese, gleichfalls weiter⸗ zurüsten. Sie vermehrt die Kriegsgefahr unendlich, macht uns alle Welt zu Feinden und schädigt deshalb den deutschen Ha und die Jadustrie. Sie legt dem arbeitenden Volke unerträgliche Lasten auf, verteuert uns die notwendigsten Lebensmittel 3— 2————— Seite 2. Mitleldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. und vertagt alle wahrhaften Kulturarbeiten auf den St. Nimmerleinstag. Mehr Schiffe— weniger Brot! Mehr Schiffe— vermehrte Kriegsgefahr! Davon will das arbeitende Volk, das man unter einem Ausnahmegesetz knebelte, dem man vor wenig Wochen noch das Recht auf's Zuchthaus bescheren wollte, dem man unerträgliche indirekte Steuer⸗ lasten auferlegte, dem man die Gleichberech— tigung versagt, nichts wissen. a Das werkthätige Volk in Dorf und Stadt will Frieden, Brot und Freiheit! Feind aller Mordwaffenunkultur, jeglicher Menschenschlächterei und Länderräuberei, steht das arbeitende Volk einig da. Und den flotten⸗ tollen Professoren und ihren nationalsozialen und liberalen Trabanten, denen das Wasser zu Kopfe gestiegen ist, klingt es millionenstimmig entgegen: Nieder mit der Wasserpolitik! Fort mit der Flottenvorlage! Politische Rundschau. Gießen, 26. Januar. Das Wettrüsten. In unserem heutigen Leitartikel haben wir behauptet, daß durch die neue deutsche Flotten⸗ rüstung das Ausland gleichfalls zu weiteren Rüstungen gezwungen wird. Hier der Beweis: In England wird von der Regierung unter Be⸗ zugnahme auf den südafrikanischen Krieg und die Flottenvergrößerung in Deutschland eine „beträchtliche Vermehrung der Heeres aus- gaben“ verlangt. Und in Frankreich legte die Regierung unter Hinweis auf die deut⸗ schen Rüstungen gleichfalls einen neuen Flottenplan vor; die französische Regierung verlangt 177 neue Schiffe, Befestigung und Ausbau in⸗ und ausländischer Häfen. Somit wäre eigentlich der neueste deutsche Flottenplan schon wieder veraltet, denn er sichert uns keinen Vorsprung vor anderen Ländern. Nehmen wir folgendes Beispiel an: Deutschland verfügt über 100, Frankreich über 200, Rußland über 300, England über 500 Kriegsschiffe. Aendern sich dann die bestehenden Machtverhältnisse auch nur um ein Jota, wenn jetzt, dem Beispiel Deuschlands fold end, alle Lander die Zahl ihrer Schiffe um einen bestimmten Prozentsatz vermehren? wenn Deutschland in Zukunft 200, Frankreich 400, 1 8 600 und England 1000 Kriegsschiffe besitzt Die Machtverhältnisse bleiben dieselben. Es fragt sich nur, welches Reich infolge der ewigen Rüstungen zu Wasser und zu Lande am ersten bankerott ist. Vom Friedens⸗Zaren. Der finnische Landtag wurde am Sonnabend mit Verlesung einer kaiserlichen Thronrede er— öffnet. Die Thronrede behandelt verschiedene lokale Verhältnisse des Großfürstentums Finn⸗ land und erklärt sodann: „Auslassungen, welche nicht mit obigen (lokalen) Fragen in Verbindung stehen oder welche Fragen von allgemeinem Reichsinteresse betreffen, dürfen auf dem Landtage nichtzur Verhandlung kommen. Aus⸗ lassungen dieser Art sind auf dem letzten Land⸗ tage zu Worte gekommen und haben in der Bevölkerung ein drückendes und ungegründetes Gefühl der Unruhe erweckt. Eine Wie der—⸗ holung dieses Vorgangs wird Zweifel her— vorrufen, ob die Instution der Stände mit den jetzigen Verhältnissen vereinbar sei. Gott um Segen für Eure Arbeit anflehend, erläre ich hiermit den Landtag für eröffnet. Nikolai.“ Das war die offene Androhung der Besei⸗ tigung aller Selbstverwaltungsrechte, die Nikolais Vorfahren den Finnen feierlich zu— eschworen hatten. Da die finnische Bevölkerung sic ihre alten Rechte nicht rauben lassen will, da die Empörung gegen die russischen Gewalt⸗ maßnahmen auch im Landtag zum Ausdruck kam, droht der„Friedenszar“ mit Beseitigung der finnischen Verfassung. Bekanntlich hat erst kürzlich Liebermann von Sonnenberg, der abgedankte Antisemitenoberst, von Rußland gesagt, dasselbe diene einer großen Kulturmission! Diese„Kulturmission“ be⸗ steht darin, die eignen Landeskinder stramm unter der Knute zu halten, andere Länder zu unter⸗ jochen und zu knechten, wie das Vorgehen in Finnland ja deutlich genug zeigt. Das gefällt eben anscheinend gerade den Antisemiten. [Döring& Wehlau. Zu dem vom Bundesrat befohlenen Jahr⸗ hundertwechsel und später zu Kaisers Geburts⸗ tag war von vielen Seiten eine allgemeine Amnestie(Straferlaß) erwartet worden für alle Bestrafungen bis zu 6 Monaten. Wir teilten diese Hoffnungen nicht und haben Recht behalten. Umsomehr dürften folgende Nachrichten inter⸗ essieren: Köln. Leutnant Döring, der am Pfingst— montag den Studenten Klövekorn im Duell tötete und damals zu 2½ jähriger Festungs⸗ haft verurteilt wurde, ist vom Kaiser be⸗ gnadigt worden. Döring soll, nachdem er sechs Monate seiner Strafe verbüßt hat, in ein anderes Regiment versetzt werden. Berlin. Der Gerichts-Assessor Karl Wehlan, Oberleutnant der Reserve, ist dem Amtsgericht in Landsberg a. d. Warthe zur unentgeltlichen Beschäftigung überwiesen. Wer ist Herr Wehlan? Er war im Jahre 1893 der Mitregent des Kanzlers von Kamerun, Leists, des Weiberpeitschers, der die Frauen der schwarzen Soldaten mit Flußpferdpeitschen vor der Männer Augen züchtigen ließ. In Wehlans Prozeß vor der Disziplinar⸗ kammer in Potsdam im Januar 1896 wurde festgestellt, daß er während seiner Thätig— keit als Reichsbeamter in Kamerun eine große Reihe Grausamkeiten verübt hat. Er hat Kriegsgefangene, Frauen, Greise, Kinder verwundet, halbverschmachtet, zer⸗ schlagen und geschunden mit Kolbenstößen gelandet und in Ketten ins Gefängnis ge— bracht. Drei davon starben vor Hunger am Fuße des deutschen Flaggmastes. Andere Gefangene wurden tagelang in der Gluthitze auf dem Schiffe an die Reelings der⸗ artig festgeschnürt, daß sich in die blutrünstigen, aufgeschwollenen Glieder Wür mer einnisteten. Als die Gefangenen, die tegelang ohne Nahrung waren, dem Verschmachten nahe waren, wurden sie wie wilde Tiere niedergeschossen. Das Urteil gegen Wehlan lautete auf schuldig des Dienstvergehens: Er wurde zur Versetzung in ein anderes Amt in gleichem Range, ferner zu 500 Mk. Geldstrafe und Tragung der Kosten verurteilt. Vier Jahre hat man nichts von Assessor Wehlan gehört. Jetzt wird er Recht sprechen in Deutschland. Zweierlei Behandlung. „Wenn es Arbeiter gewesen wären, hätten wir mit der blanken Waffe dazwischen gehauen, aber es waren Studenten und deshalb nahmen wir mehr Rücksicht.“ So ließ sich vor dem Schöffengericht in Halle a. S. nach unserem dortigen Parteiblatt ein Polizeisergeant in einer Strafsache gegen vier Herren aus der „besseren Gesellschaft“ vernehmen. Klarer und deutlicher kann allerdings die Polizeigewalt, wenn der Ausspruch wirklich so fiel, der Ar— beiterschaft gegenüber aus dem Munde eines Polizeibeamten nicht gekennzeichnet werden. Aber wehe dem Redakteur, der in der Presse, oder dem Redner, der da in der Versammlung behauptet, die Polizei verfahre parteiisch; er würde sicher dem Staatsanwalt in die Hände fallen und dafür büßen müssen. Die beiden Tirpitz. In der Begründung der neuen Flotten⸗ vorlage(von 1900) schildert Herr Tirpitz die Unzulänglichkeit der jetzigen Flotte also! „Im Kriege mit einer erheblich über- legenen Seemacht wird die im Flotten gesetz (von 1897) vorgesehene Schlachtflotte eine Blockade erschweren, namentlich im ersten Stadium des Kriegs, aber niemals verhindern können. Es wird stets nur eine Frage der Zeit sein, daß sie niedergekämpft oder nach erheblicher Schwächung im eignen Hafen ein⸗ geschlossen ist. Sobald dies der Fall, laßt sich kein Großstgat leichter von jeglichem nennenswerten Seeverkehr— sowohl der eignen Schiffe als auch der Schiffe neutraler Mächte— abschließen, als Deutschland. Es bedarf dazu nicht der Blockierung langer Küstenstrecken, sondern nur der Blockade der wenigen großen Seehäfen.“ Ein Bild des Jammers und des Schreckens! Aber am 6. Dezember 1897 bei der ersten Beratung des jetzt als völlig unzureichend ge⸗ schilderten Flottengesetzes sagt derselbe Herr Tirpitz: „Wenn wir eine Flotte haben werden, die dieser Stärke entspricht(die Stärke des jetzigen Flottengesetzes), dann schaffen Sie Deutschland eine Seemacht, gegen die offen⸗ siv an unseren Küsten vorzugehen selbst eine Seemacht ersten Rangs sich drei⸗ mal bedenken würde.(Hört, hört!) Sie schaffen eine Flotte, meine Herren, welche ein erhebliches Gewicht zur Sicherung des Friedens in die Wagschale werfen kann...“ In einigen Jahren wird jedenfalls ein Herr Tirpitz Nr. 3 uns erzählen, daß auch die neue Flotte, die Tirpitz Nr. 2 jetzt verlangt, nichts taugt und daß wir eine noch neuere Flotte haben müssen. Wie's trefft! Wer soll's zahlen? Naive Schwärmer, zu denen auch die Na⸗ tionalsozialen gehören, hatten angeregt, die Kosten für die Weltmachtflotte auf dem Wege einer Reichs⸗Erbschaftssteuer aufzubringen. Na⸗ türlich findet Krupps Blatt den Vorschlag kindisch, wie es überhaupt eine„ungeheuer⸗ liche Idee“ sei, die Kosten zur Verteidigung des Vaterlandes auf die Besitzenden abzuwälzen. In Wahrheit, der Gipfel der Ungerechtig— keit, wo doch schon der ganze Profit an der „Vaterlandsverteidigung“ auf die Besitzen den abgewälzt wird. Wie sollen sie da noch die Kosten tragen können. Für einen vernünftigen Menschen kann gar kein Zweifel mehr darüber bestehen, wer die Kosten für die Wasserpolitik aufbringen muß: das arbeitende Volk. Der Welthandel Deutschlands beträgt rund 10 Milliarden Mark. Die Ein⸗ fuhr betrug 1899 3496 Millionen Mark gegen 5440 Millionen Mark und 4865 in den beiden Vorjahren; die Ausfuhr betrug 4152 Mill. Mark gegen 4011 Millionen und 3786 Mill. Mark. Die Einfuhr stieg 1899 im Verhältnis zu 1898 um 56 Millionen Mark, die Ausfuhr um 141 Millionen Mark.— Wenn wir durch die Annahme der neuen Flottenvorlage erst besser in den Stand gesetzt sind, überall herum⸗ krakehlen zu können, wird der Welthandel bald nachlassen. Dunkel ist der Rede Sinn. Gelegentlich der Kaisersgeburtstagsfeier im Reichstag hielt der Präsident v. Ballestrem eine Rede, uber die wie folgt berichtet wird: Der Kaiser benutzt irgend eine Gelegenheit, um sich über die Stellung, die er zu einer Frage einnimmt, öffentlich auszusprechen, er richtet eine geistige Standarte auf, die man von weitem sieht. Meine Herren, nach meiner Ansicht richtet er sie nicht zu dem Zweck auf, daß man sich still und stumm dabei vorbeidrücke, sondern er richtet sie auf, damit sie beachtet, erwogen und be⸗ sprochen wird von allen denen, die es an⸗ geht, vor allem von den Vertretern des deutschen Volkes. Der Kaiser hat seine Zeit verstanden, er hat gesagt: Ich lebe in der Zeit der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, uud ich will auch kein sogenannter konstitutio⸗ neller Monarch sein, der da herrscht und nicht regiert. Ich glaube, das würde unserm herrlichen Kaiser nicht zusagen, wenn man ihm diese Rolle zuteilte. Deshalb ist er überall hervorgetreten und hat die große trale clan. langer de der reckens! ersten end ge⸗ e Herr werden, kke des en Sie e offen⸗ selbst drei⸗ ) Sie Welche ug des In 595 1 in Herr ie neue nichts Flotte die Na⸗ gt, die u Wege n. Na⸗ orschlag geheuer⸗ digung wälzen. rechtig⸗ an der enden 'och die ünftigen darüber erpolitik volk. ds ie Ein⸗ r gegen beiden 2 Mill. 6 Mil. hältnis Ausfuhr ir durch age erst herum⸗ del bald . eier im allestem bird: tgenheil, zu eile rechen, die mall meint! u 9 1 pabei sie auf, K 5 lll „in des 55558 Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. staatsrechtliche Stellung, die ihm sowohl von der Verfassung des Deutschen Reiches als auch noch mehr als König von Preußen und noch mehr vielleicht durch seine große Indi⸗ vidualität zukommt, immer wahrgenommen. Mit dem Gelöbnnis, der edlen Thätig⸗ keit des Kaisers nachzueifern und einem dreifachen Hoch schloß v. Ballestrem. Bekanntlich hat der Zentrumsmann im Reichstag seine Meinung dahin geäußert, daß Reden des Kaisers, wenn sie im Reichsanzeiger veröffentlicht werden, im Reichstag auch be⸗ sprochen werden dürften. Das hat hier und da verschnupft. Es kann olso wohl angenommen werden, daß die Ausführungen des Herrn v. Ballestrem zu Kaisers Geburtstag sowohl eine Entschuldigung, wie auch eine Be⸗ gründung seines Standpunktes in Bezug auf Kaiserreden sein sollten. Wahrscheinlicher aber noch erscheint uns, daß der Präsident des Reichstags mit seinen Schlußsätzen andeuten wollte, daß die ausschlaggebende Partei, das Zentrum, demnächst umfallen und die Flotten vorlage annehmen wird. Vom unentwegten Freisinn. Eugen Richters tapfere Mannen sollen in der Flottenfrage auch schon am Umfallen sein. Der„Frankf. Zeitung“ wird geschrieben: „Man hat angesehene Männer der Industrie⸗ und Handelswelt, nicht nur aus den Reihen der freistnnigen Vereinigung, sondern auch nichtparlamentarische Männer, die sich zur freisinnigen Volkspartei bekennen, für die Flottendermehrung gewonnen. Man wird ihren Namen bald unter Aufrufen begegnen. Sie bleiben ihrer alten Partei treu, aber sie glauben, nach ihrer Kenntnis wirtschastlicher Weltpolikik, im Interesse des Anteils Deutschlands am Welthandel die Vergrößerung der Flotte fordern zu sollen.“ Eugen Richter bemerkt in der„Freis. Ztg.“ kleinlaut dazu: „Einzelne Herren, welche nichts weniger als begeistert für den neuen Flottenplan sind, sollen durch den Hinweis gewonnen sein, daß ihre Konkurrenten bereits der Kund⸗ gebung sich angeschlossen hätten.“ Den biederen„Unentwegten“ geht das Ge— schäft über ihre politische Ueberzeugunz. Das Wasser der Weltpolitik schwemmt den letzten Rest des Freisinus fort— daran ist nichts mehr zu ändern; denn die Börse liebt natürlich den neuen Milliardensegen, den das Volk den Marinelieferanten opfern soll. Kulturbettel. In Bahnhofshallen und an sonstigen öffent⸗ lichen Orten steht man gegenwärtig Sammel⸗ büchsen, die„einen Pfennig“ für die Er⸗ richtung von Lungenheilstätten erbitten. So bettelt man sich pfennigweise milde Gaben für einen der wichtigsten Kulturzwecke zu⸗ sammen, während man von Reichswegen Mil⸗ liarden für sinnlose Zerstörungsmittel vergeuden will.— Wir empfehlen mit dem Vorwärts das umgekehrte Verfahren, fordere man von der öffentlichen Mildthätigkeit„einen Pfennig“ für die Flotte. Aus ländisches. England. Unter den wirklichen Menschen⸗ freunden in Großbritannien erregt es die größte Entrüstung, daß von der englischen Presse, die für den Kriegsfonds Millionen gesammelt hat, bisher nicht die Initiative zu einer öffent⸗ lichen Sammlung für die Hungernden in Indien ergriffen wurde, trotzdem die Hungers⸗ not diesmal ausgedehnter als je zuvor ist. Die Zahl der Hungernden und auf öffentliche Unter⸗ stützung angewiesenen Judier beläuft sich laut offizieller Liste auf 2750 000. a Die deutschen Weltmachtspolitiker sollten einmal gründlich die gegenwärtige Lage Eng⸗ lands a bren Vielleicht kämen sie dann wieder halbwegs zur Besinnung. China. Der Kaiser Kwangsu hat auf Befehl seiner Mutter abgedankt und den Thron an einen neunjährigen Buben abgetreten. Kwangsu galt als fortschrittlich gesinnt, das paßte der Kaiserin⸗Mutter nicht, die nun wieder das Szepter führt. Man vermutet, daß Ruß- land die Hand im Spiele hat, um England neue Schwierigkeiten zu bereiten. Der Krieg in Südafrika. Die Engländer haben kürzlich einen„großen Sieg“ errungen— wenigstens ihren Telegram⸗ men zufolge. Sie hatten nach dem gefahrvollen Ueberschreiten des Tugela⸗Flusses den Spion⸗ kopp, angeblich ein Hauptstützpunkt des Feindes, erobert und die Buren in die Flucht geschlagen. In London herrschte großer Jubel. Zwei Tage später kam der hinkende Bote nach: Die Eng⸗ länder hatten den Spionkopp(ein Berg) wieder preisgeben und schleunigst über den Fluß zurück- ziehen müssen. Die Buren sollen bei diesem Kampf am Tugela 53 Tote und 120 Verwundete gehabt haben. Den Verlust der Engländer giebt ein Telegraphenbureau wie folgt an: Tot 139, verwundet 392, vermißt 59, gefangen 4. Die Engländer haben sicherlich größere Verluste gehabt; von anderer Seite wird die Zahl der Toten auf 3000 angegeben. — Von England geht dieser Tage eine neue Kavallerie⸗Brigade nach Südafrika. — Aus Transvaal wird gemeldet: Unter den frisch eingeführten englischen Pferden und Maultieren sind schwere Seuchen aus⸗ gebrochen. In De Aar wurden letzte Woche importierte Kriegspferde zum Preise von 5— 20 Schillingen(1 Schilling= 1,02 Mark) das Stück verkauft, um die kranken Tiere nur über⸗ haupt los zu werden. Ebenso wütet unter den Schafen der Nordkolonie, besonders in der Um⸗ gegend von Nauwpoort, eine schwere Seuche, die sogenannte Brandseuche. — Die Buren haben einen schweren Ver⸗ lust erlitten. Infolge einer Explosion ist ihre Munitionsfabrik in Johannesburg in die Luft geflogen. Zur Herstellung wirksamer Kanonen⸗ eschosse steht ihnen jetzt nur noch eine kleine abrik in Pretoria zur Verfügung. Schandthaten englischer Soldaten. Die„Kreuzztg.“ erhält folgende Zuschrift aus Rustenburg vom 10. Dezember 1899: An die Redaktion der„Kreuzztg.“, Berlin. Hier bei dem Landdrost des Bezirks Rusten⸗ burg liegen die eidlichen Aussagen der Frauen und Mädchen, die die Engländer durch die Kaffern hatten fangen lassen. Dieselben er⸗ klären, daß sie durch Kaffern gehaleen und von den Engländern vergewaltigt wurden. Erheben Sie doch im Namen der Menschheit und der Zivilisation Ihre Stimme gegen solche Gewaltthaten. Die armen Geschöpfe sind gegen⸗ wärtig im Spital. Frhr. v. Dalwig, kgl. preußischer Rittmeister a. D., gegenwärtig Kapitän u. Batterie⸗Chef in der Buren⸗Armee. Diese Nachricht bestätigt sich leider. Das Verhalten der englischen Schandbuben kann nicht hart genug verurteilt werden. Aber wir erlauben uns, daran zu erinnern, daß man „gebildeten Deutschen“, die sich die größten Greuelthaten in Afrika zu Schulden kommen ließen, mildernde Umstände von wegen dem „Tropenkoller“ zubilligte. Wir billigen mil⸗ dernde Umstände weder diesen noch jenen zu. Wir verurteilen diese feigen Lüstlinge genau so hart, wie jene großen Bestien, die um des Ruhmes oder des Profits willen je die Kriegs⸗ surie entfesselten. Aus dem Reichstag. Lex Heinze. Seit 1890 müht sich die Gesetzgebung an dem un⸗ geheuerlichen Versuche ab, die deutsche Sittlichkeit mit Hilfe von Zuchthaus und Gefängnis zu heben. Diesmal soll das hohe Werk gelingen, an dem die Heuchelei der bürgerlichen Klassen so deutlich zum Aus⸗ druck kommt. Gleichzeitig aber zeigt sich auch in diesen Verhandlungen, daß die bürgerliche Gesellschaft unfähig ist, die Prostitution auszurotten. Die verständigsten Redner aus den bürgerlichen Parteien bezeichneten in den letzten Sitzungen die Prostitution als notwendiges Uebel, an dem mit allerhand Bestimmungen herumge— doltert werde, die am Wesen der Sache selbst nichts ändern, sondern nur bestimmte Erscheinungsformen unterdrücken.— Den Standpunkt unserer Partei ver⸗ traten die Genossen Bebel und Heine. Aus dem Reiche Podbielskis. Am Dienstag wurde die Beratung des Post⸗ etats beim Kapitel Gehalt des Staat ssekretärs(30 000 Mark) fortgesetzt. Gen. Singer ging dem Postgewaltigen Podbielski scharf zu Leibe. Die rechte Seite des Hauses sehe in Podbielski den starken Mann, der der Sozialdemokratie an die Gurgel springen und sie erdrosseln kann. Einst⸗ weilen ist es dem Herrn Staatssekretär bereits gelungen, den Postunterbeamtenverband zu erdrosseln. Mit den Rechten der betreffenden Beamten, die doch auch Staats- und Reichsbürger sind, ist in der un⸗ geniertesten Weise umgesprungen worden. Herr v. Pod⸗ bielski empfing einige Unterbeamte und eröffnete ihnen, daß er nicht um Haaresbreite von seinen Anordnungen abgehen werde; wer sich dagegen auflehne, werde in einigen Tagen die Antwort haben; wer nicht nach Nimmersatt versetzt sein wolle, möge sich damit abfinden; sein Wunsch müßte den Unterbeamten Be⸗ fehl sein. An einem abschreckenden Beispiel machte der Herr Staatssekretär den Herren klar, wie er sich die Dinge vorstellt. Soweit die Postunterbeamten noch icht soztaldemokratisch wählen, wird diese Art, wie der Staatssekretär denselben ihr Koalttionsrecht geraubt hat, den Rest besorgen. Singer wies ferner darauf hin, wie Unterbeamten die Groschen abgeknöpft werden für die Flottenagitation und wie in Berlin die Unterbeamten direkfnt zur Wahl eines Antisemiten, dem ein Sozial⸗ demokrat gegenüberstand(bei der Stadtverordnetenwahl) abkommandiert und(wie der freisinnige Abg. Müller später noch hinzufügte) im Wahllokal von einem Post⸗ beamten kontrolliert wurden. Staatssekretär Podbielski beantwortet in erregter Weise die Ausführungen Singers und betont„sein Recht und seine Pflicht“, die Sozialdemokraten aus der Post⸗ verwaltung fernzuhalten. Demnach bestehe die Auf⸗ lösung des Postunterbeamtenverbandes zu Recht. Eine Beeinflussung bei der Auflösung habe er sich nicht schuldig gemacht, er habe bloß die Berliner Beamten gefragt: habt Ihr den Wunsch, aus Berlin fortzukommen?(Und das nennt der Mann keine Beeinflussung!!) Abg. Dr. Müller⸗Sagan schließt sich den Aus⸗ führungen Singers in vielen Einzelheiten au. An der Debatte beteiligen sich die Abgg. Bassermaan, Werner, Oertel, Graf Roon und Schmidt⸗Harburg, worauf das Gehalt des Staats ekretärs bewilligt wird. Bei der Beratung des Etats der Reichs ei sen⸗ bahnen erklärte am Mittwoch Minister Thielen, eine Ermäßigung der Personentarife zum Be⸗ suche der Pariser Weltausstellung sei nicht beabsichtigt. Die Reform der Personentarife gehe auf eine Vereinfachung aus. Ein einheitliches System für das ganze Reich werde sich nicht durchführen lassen. Eine Ermäßigung der Personentarife sei vorläufig nicht zu erwarten. Selbstverständlich! Kein Pfennig kann für eine Ver⸗ kehrsverbesserung geopfert werden, brauchen wir doch Milliarden für neue Mordwerkzeuge. Das ist viel wichtiger als eine Verbilligung der Eisenbahntarife. Die verkehrte Welt! Von Rah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen. Die Gyre unserer Sache gebietet naturlich strengste Gewissen⸗ haftigteit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Von der Undings⸗ Kandidatur. * Herr Bürgermeister Leun läßt in der Oeffentlichkeit noch nichts von sich hören. Im Stillen arbeitet er um so eifriger für die von ihm selbst als„Unding“ bezeichnete Kandidatur. Sowohl in Klein⸗Linden als auch in Heuchelheim entfaltete er persönlich eine rege Thätigkeit. In der antisemitischen„Volkswacht“ sucht er von den 10 Minuten, die den Wählern in Heuchelheim abgeknapst wurden, noch einige abzuhandeln, sodaß nach seiner Ansicht die Wahlhandlung nur etwa„5—7 Minuten“ zu früh beendet wurde. Die Wähler, die sich in Heuchelheim nicht an der Wahl beteiligten, sind nach Ansicht des Herrn Leun in der Mehr- zahl„Kranke, Alte und Lahme“.—„Un⸗ dinge“, Herr Bürgermeister, nichts als Undinge, genau wie die„dritte Kandidatur“. Kouflikte in Offenbach. *Die Verhältnisse in der Offenbacher Stadt⸗ verwaltung gestalten sich immer unleidlicher. Von der Selbstherrlichkeit, mit der der national⸗ liberale Qberbürgermeister zu amtieren beliebt, —— Seite 1. Mitleldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. Nr. 6. hier nur ein kleines Pröbchen: Die Stadt⸗ verordnetenversammlung hatte einstimmig den Beschluß gefaßt, daß fortan die Bekanntmach⸗ ungen der Bürgermeisterei auch im sozialdemo⸗ kratischen„Abendblatt“ veröffentlicht werden sollten. Wäre dieser Beschluß ungesetzlich ge⸗ wesen, so hätte Herr Brink ihn beanstanden können. Hielt sich der Beschluß aber im Rahmen des Gesetzes, so mußte er ihn ausführen. Herr Brink that keines von beiden! Er versuchte vielmehr, den Beschluß von„oben“ her um⸗ stoßen zu lassen, blitzte aber ab.— Unsere Ge⸗ gossen reden übrigens mit dem Herrn Chef von Offenbach fette Fraktur. Stadtverordneter Ulrich führte kürzlich aus: Der Oberbürger⸗ meister habe wiederholt erklärt, er halte die Zügel in der Hand. Gewiß, der Oberbürger⸗ meister Brink ist der Kutscher, aber er ist unser Kutscher und unsere Kutsche ist es, die er lenkt. Wir haben daher auch das Recht zu sagen: Mein lieber Herr Kutscher, dahin wollen wir!— Unseres Erachtens würde Herr Brink gut thun, sich an den Gedanken zu ge⸗ wöhnen, daß es mit der nationalliberalen Vetternwirtschaft, die zu allem Amen sagte, vorbei ist. Zum Duellzwang für Offiziere teilt die„Kölnische Volksztg.“ einen Vorfall aus Baden mit: Der praktische Arzt Dr. Kast in Triberg, Oberarzt der Reserve, macht bekannt, daß ihm in seinem Militärverhältnis der Abschied erteilt worden ist,„weil er trotz Hinweis auf die Erfordernisse der Standesehre ihm zugefügte Beleidigungen auf sich hat sitzen lassen, ohne in standesgemäßer Weise einzuschreiten.“ Zur Aufklärung erklärt Dr. Kast: Bezirksarzt Dr. Bürkle in Triberg habe sich gebrüstet, ihn schwer beleidigt zu haben. Kast habe sich der Militär⸗ behörde gegenüber erboten, unter Eid zu erklären, daß die Beleidigung nur von Bürkle behauptet werde, in Wirklichkeit aber nicht vorgekommen sei. Kast erhielt vom Ehrengericht die Auflage, entweder„standesgemäß“, das heißt auf dem Wege des Zweikampfes,„die Sache zu erledigen oder die Entscheidung der Militärbehörde ab⸗ zuwarten“. Kast habe das letztere vorgezogen. „Mit einem solchen Herrn, der es mit der Ehre anderer derart leicht nimmt, ohne es mit der Wahrheit genau zu nehmen, mich zu duellieren, würde ich selbst dann unter meiner Würde ge— halten haben, wenn ich auch nicht schon als Katholik und alter Herr meiner katholischen Korporation und als vernünftiger Mensch mich auf verneinenden Standpunkt hätte stellen müssen. Nebenbei verbietet das Gesetz, das auch von Militärpersonen zu respektieren ist, das Duell.“ Während der Beleidigte aus seiner mili⸗ tärischen Ehrenstellung entfernt wird, obwohl er sich streng an das Gesetz gehalten, hat der Beleidiger Bezirksarzt Bürkle, ebenfalls Reserve⸗ Oberarzt, für die von ihm behauptete Beleidi⸗ gung vom Generalstabsarzt eine— Verwarnung erhalten. Sächsisches. Von der Versammlungsfreiheit in Sachsen giebt folgender Bericht der Sächsischen Arbeiterzeitung ein anschauliches Bild. In einer Malerversammlung wollte Gen. Haenisch über das Thema:„Aus früheren Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse“ sprechen. Der Ueberwachende erklärte, das sei ein politisches Thema und verlangte die Entfernung der Minderjährigen. Genosse Haenisch machte den Beamten darauf aufmerksam, daß er das Thema rein geschichtlich und wissen⸗ schaftlich zu behendeln gedenke und sich jeder Bezugnahme auf die„Politik“ enthalten würde. Nu: spielt sich folgende Scene ab: Der Beamte:„Das ist gleich; das Thema ist trotzdem politisch, Herr Haenisch. Die Minderjährigen müssen entfernt werden. Gen. Ludwigkeit Gur Geschäftsordnung): Ich beantrage, über das Vorgehen des über- wachenden Beamten Beschwerde zu führen... Der Beamte(unterbrechen d): Ich werde nicht dulden, daß meine Maßnahmen kritisiert werden. Der Vorsitzende: Wenn niemand mehr das Wort wünscht, kommen wir zur Abstimmung 15 den Antrag Ludwigkeit. Wer dafür itt Der Beamte(unterbrechend): Ich erkläre die Versammlung für auf gelöst. Sprachs, nahm Hut, Stock und Mantel und verschwand. Den zahlreich erschtenenen Ar⸗ beitern aber war, als sie unter Assistenz eines sogleich auf der Bildfläche erscheinenden uni⸗ formierten Beamten das Lokal räumten, wieder einmal Gelegenheit geboten, Betrachtungen da⸗ rüber anzustellen, wie herrlich weit wir es doch gebracht haben im Lande der„Rechtsgarantien“ und welch ein köstliches Ding das sächsische „Juwel“, wie der Bundesratsbevollmächtigte einmal im Reichstag das sächsische Vereinsgesetz nannte, doch ist. Die Heiligkeit der Ehe. In dem Büchlein, das die Damen auf dem diesjährigen Berliner Presse-Ball erhielten, hat ein Mann Namens Harry von Pilgrim folgende Geistreichigkeit zum besten gegeben: „Eh'bruch ist verbot'nes Naschen, Laß Dich nie dabei erhaschen.“ Daß sich gerade die konservative„Kreuz⸗ Zeitung“ über die Schöpfung dieses feudalen Dichters aufregt, ist um so auffälliger, als der wilde Harry die Sache unmöglich so schlimm gemeint haben kann. Das verbietet schon sein militärischer Charakter eines Kavallerie⸗ lteutenants der Landwehr und seine Stel⸗ lung: Harry ist nämlich berufen, als Redakteur des——„Deutschen Reichs- und Kgl. Preußischen Staats- Anzeigers“ das Feinste und zugleich Amtlichste an Ordnung, Religion und Sitte dem Volke zu künden. Der Staatsanwalt daheim. Der neue„Simplicissimus“ veröffentlicht folgendes Gedicht: Staatsanwalts Heim. Da bin ich, meine kleine Maus: Sag' mir vor allen Dingen, Was giebt's zu essen? Mußte heut Schon zwei ins Zuchthaus bringen. So'was macht Hunger.... hm— famos! Hast Dich zusamm' genommen, Mein Weibi!— Für den einen hab' Ich zwanzig Jahr bekommen. Das schmeckt, wenn man gesprochen hat! Der Spargel ist gediegen. Der and're kam mit fünf davon; Mehr konnte ich nicht kriegen. Mein Schläfchen jetzt— dann Mocca, Kind, Dann geh' ich schnell plaidieren: Daß man den Huber Anton köpft—— Dann fahren wir spazieren. Vieh⸗Versicherung Aus dem uns vorliegenden Rechnungsbericht geht hervor, daß die Sächsische Vieh⸗Ver⸗ sicherungs⸗-Bank in Dresden im ver⸗ flossenen 27. Rechnungsjahr wieder bedeutende Erfolge zu verzeichnen hatte. Welch großes Vertrauen dieser Bank entgegengebracht wird, beweist der enorme Zugang an neuen Ver⸗ sicherungen. Die Prämten⸗Einnahme hat sich 1899 um mehr als Mk. 28 000, auf Mk. 922 204,20, gehoben. Alle berechtigten Schaden⸗ fälle wurden in voller statutarischer Höhe den Versicherten an ihrem Wohnort ausgezahlt, ins⸗ gesamt Mk. 654 507,10 incl. Erlös. Trotz der hohen Schädenleistung hatte kein Versicherter den geringsten Nach- oder Zuschuß zu leisten, da die Bank nur zu festen und sehr billigen Prämien verstchert, welche sogar zur Erleichte⸗ rung in zinsfreien Terminen gezahlt werden können. Prämien-Reserve und Reservefonds sind beträchtlich gestiegen: am 1. Januar 1900 belief sich die für künftige Schäden verfügbare Netto⸗Summe auf Mk. 329000. Versichert waren 1899 Mk. 27081237.(Siehe heutiges Agenten-Gesuch.) Rechtssprechung. § Wetzlar. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich der als sehr„frommer“ Mann be⸗ kannte und um die Muckerei sehr verdiente Schneidemüller K. W. von Ehringshausen wegen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung zu verantworten. Am schlimmsten hatte der fromme Spitzbube einen seiner religiösen Sektengenossen geprellt, nämlich um rund 18 000 Mark. Der Angeklagte wurde zu fünf Jahren Zucht⸗ haus und zehnjährigem Ehrverlust verurteilt. § In dem Augsburger Krawall⸗ Prozeß wurden sämtliche 13 Angeklagte zu Gefängnisstrafen von 6 Monaten bis zu 1 Jahr 2 Monaten verurteilt. Die Höhe der Gesamt⸗ strafen beträgt 8/ Jahre Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft. § Die Strafkammer Graudenz hat die im Elend lebende Arbeiterfrau Nawotzky aus Dom⸗ browken der„Königsberger Volkstribüne“ zu⸗ folge dieser Tage zu drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt, weil sie sich in harter Winterszeit ohne Erlaubnis aus dem königlichen Forst ein Bündel Reisig im Werte von zwölf Pfennigen geholt hatte. Einen Monat lang mußte die unglückliche Frau in Untersuchungshaft sitzen. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Auf die am 3. Februar statt⸗ findende Versammlung des Wahlvereins machen wir auch an dieser Stelle nochmals aufmerksam. Die Gen. Orbig und Krumm werden über ihre Thätigkeit in der Stadtver⸗ ordnetenversammlung berichten. Natürlich haben auch zu dieser Versammlung des Wahlvereins nicht nur Mitglieder, sondern alle Partei⸗ genossen Zutritt. ** Die Firma Emmelius in Gießen, der im„Gieß. Anzeiger“ eine besonders„edle Handlungsweise, nachgerühmt war, weil sie zum Jahrhundertwechsel an eine Anzahl Arbeiter Gratifikationen austeilte, hat sich unsere Ausführungen zu Herzen genommen. Es wird uns mitgeteilt, daß jetzt pro 100 Zigarren zwei Pfeanig mehr gezahlt werden und daß den im Tagelohn beschäftigten Arbeitern pro Tag 10 Pfg. an Lohn zugelegt wurde. Das läßt sich hören. Die Arbeiter können wieder einmal daraus ersehen, welchen Wert die Arbeiterpresse hat. Ohne die Ausfüh⸗ rungen in der M. S.⸗Ztg. hätte es keine Lohnerhöhung gegeben. Sorge deshalb jeder dafür, daß die Albeiterpresse immer mehr ver⸗ breitet wird. Auch ist es nötig, alle Miß stände in Fabriken und Werkstatten, die auf Vorstellungen der Arbeiter nicht beseitigt wer⸗ den, in der M. S.⸗Ztg. zur Spracht zu bringen. 5 5 * Die Feuerbestattung ist jetzt bekannt⸗ lich in Hessen gestattet, das Offenbacher Krema⸗ torium, das jahrelang seinen Beruf verfehlte, in Gebrauch genommen. Alle Welt freut sich darüber bis auf das hessische— Oberkonsistorium. Dieses hat die Geistlichen angewiesen, unter keinen Umständen bei der Feuerbestattung mit⸗ zuwirken; lediglich eine Haus andacht sei ihnen gestattet. Ist die Leiche ins Leichenhaus geschaft, so sall es den Seelsorgern gestattet sein, in der Sprechhalle des Friedhoses eine Andacht abzuhalten, aber nur unter der Be⸗ dingung, daß bis zur Verbrennung mindestens mehrere Stunden, wenn nicht ein ganzer Tag vergehen müsse, damit anch zeitlich die kirch⸗ liche Feier von der Verbrennung getrennt bleibt. Jede Bezugnahme in der Rede auf den Verbrennungsakt ist verboten, denn„die Feuer⸗ bestattung ist keine der Erdbestattung eben⸗ bürtige“.— Die Muckerei ist immer noch Trumpf. Schließlich wird aber die Kirche selbst den Schaden davon haben. * Die Zivilgarderobe des deutschen Kaisers wird von der Firma Robrecht in Berlin geliefert. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Firma von ihrem hohen Kunden die denkbar besten Preise erhält. Trotz⸗ dem kommt es' vor, daß die Heimarbeiter, welche die Kleidungsstücke für den Kaiser an⸗ fertigen, weit niedriger entlohnt werden, als es nach dem Tarif, der für Arbeiten dieser Qualität von den feinen Maßgeschäften gezahlt wird, der Fall sein sollte. Dies rührt daher, daß die Firma Robrecht ihre Aufträge an einen Zwischen⸗ bestimm b sulces, 5 bunch, elmar l denken he ** D kannten Prinz A mordeten Erste 9 wärst, Jachegöt kämst d göttin: auf die ich ein Nerbenh S515 Nach Regieru Rebiers streikend lebiers gebung legung angebah eine Au sst, geh hervor. Bergre D — man ziem! dürft die auf! hebli heu! drei Ein Rape Die G Bagle Bald a0 een 15 er g it 1 wie'g D und fan bald fe f en W. und f fr e dun 8 U che ö 8 statt⸗ reins chmals rumm adtber⸗ haben hereins Partei⸗ Hießen, edle eil sie irbeiter usere n. 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Derselbe Arbeiter fertigte in der ersten Woche vorigen Monats ein ebenfalls von Robrecht in Auftrag gegebenes, für den Kaiser bestimmtes zweireihiges Jackett mit Extraarbeit für 13,50 Mk. an, während der Tarif für ein solches Jackett ohne Extraarbeit 16,50 Mk. porsteht. Auch ein Beitrag zum Segen der Heimarbeit, der den Hofbeamten, der für die kaiserliche Garderobe zu sorgen hat, zum Nach⸗ denken veranfassen sollte. ** Der große Unterschied. Der neueste „Simplicissimus“ enthält eine Zeichnung von Th. Th. Heine, frei entworfen nach dem be⸗ kannten Vöcklinschen Gemälde: Der Mörder. Prinz Arenberg kniet vor der Leiche des er⸗ mordeten Negers. Die Rachegöttinnen reden: Erste Rachegöttin:„Wenn du ein Proletarier wärst, kämst du ins Zuchthaus.“ Zweite Rachegöttin:„Wenn du ein Bürger wärst, kämst du ins Gefängnis.“ Dritte Rache⸗ göttin:„Wenn du ein Baron wärst, kämst du auf die Festung.“ Der Mörder:„Aber da ich ein Prinz bin, begebe ich mich in eine Nervenheilanstalt.“ Arbeiterbewegung. Streik der böhmischen Bergleute. Nach der„W. Fr. Pr.“ werden zwischen der Regierung und den Gewerken des Ostrauer Reviers Verhandlungen gepflogen, wodurch den streikenden Kohlenarbeitern des schlesischen Kohlen- reviers Lohnerhöhungen gegen die Auf⸗ gebung des Achstundentages geboten, die Bei⸗ legung des Streikes in Mähren und Schlesien angebahnt werden soll. Wie dringend notwendig eine Aufbesserung der Löhne der Bergarbeiter ist, geht aus einem Bericht der„Frkf. Ztg.“ hervor. Derselben wird aus dem böhmischen Bergrevier geschrieben: Die Löhne, erzählte mir ein alter Geschäfts⸗ mann, sind in den letzten dreißig Jahren ziemlich stationär geblieben. Aber die Be⸗ dürfnisse der Arbeiter, sowohl in Bezug auf die Qualität der Eßwaren als auch in Bezug auf Kleidung und Geselligkeit, haben sich er⸗ heblich vergrößert, sodaß der Bergmann heute subjektiv schlechter steht als vor dreißig Jahren. Ein sehr beachtenswerter Beitrag zum Kapitel von der Verelendungstheor ie.— Die Gesammtzahl der in Böhmen ausstehenden 5 8 Bald so, bald so— wie's trefft! -d- Der kleine Polacke Krapinski hatte in seinem berühmten Aufsatz über die Katze ge⸗ schrieben:„Bald ist der Katz eine Katz, bald ist der Katz ein Kater— bald so, bald so. Bald ist der Katz schwarz, bald ist der Katz weiß— wie's trefft!“ Daß es männliche und weibliche, schwarze und weiße Katzen giebt, stand vor Krapinski schon unerschütterlich fest. Aber mit seinem „bald so, bald so— wie's trefft“, hat der zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Pole ein Wort von unvergänglichem Wert geprägt und für Büchmanns„Geflügelte Worte“ einen sehr schätzenswerten Beitrag geliefert. Das Wort ist geradezu unentbehrlich ge⸗ worden. Was soll man denn anders sagen, wenn die Pfarrersköchin am Montag einen Kochtopf, und der Herr Pastor am Dienstag die Milch übergekocht; nun: wie's trefft!— Bald trinkt der Herr des Hauses am Montag einen zu viel, bald am Dienstag— wie's trefft! Oder: Drei Redakteure in verschiedenen Städten drucken ein und denselben Artikel ab. Der eine wird in& freigesprochen, der andere in Y bekommt drei, der dritte in Z sechs bald so Gefängnis— wie's trefft! Bald so, ald so. Und weiter: Ein Arbeiter beteiligt sich im Trunke an einem Exzeß; natürlich muß ein Exempel statuiert werden, um der überhand⸗ nehmenden„Rohheit“ zu steuern; der Arbeiter wird ins Gefängsnis oder gar ins Zuchthaus gesperrt. Ein flotter Student beträgt sich auf das Rüpelhafteste, er wird angezeigt. Aber kann man einem„gebildeten“ jungen Mann, der in„überschäumender Jugendlust“ sich ver⸗ gangen hat, die Karriére verderben? Nein; er bekommt eine Geldstrafe, die der Alte schmunzelnd bezahlt. Wie's eben trefft— bald so, bald so. Bald ist der Katz ein Arbeiter, bald ist der Katz ein Student. Uns fiel das famose Wort ein, als wir kürzlich lasen, daß der Offenbacher Beigeordnete Wolff, der gegen eine ihm zugefügte Beleidi⸗ gung bei der Staatsanwaltschaft Schutz suchte, auf den Weg der Privatklage ver⸗ wiesen wurde. Unmöglich, sagten wir uns. Wolff ist öffentlicher Beamter, seine Differenzen mit dem Krankenhaus ⸗Direktor Köhler und mit dem Offenbacher Oberbürger⸗ meister Brink haben das größte Aufsehen erregt, auch über die Grenzen des Hessenlandes hinaus. Die dem Beamten Wolff zugefügte Beleidi⸗ gung—„er sei nicht geistig gesund“— ist eine so schwer, daß er unmöglich Beamter bleiben könnte, wenn derjenige, der ihm die Beleidigung zufügte, im Stande wäre, den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Kurz und gut, nach unserem beschränkten Unterthanenverstand handelte es sich bei der Affaire Wolff um eine Angelegenheit von allgemeinem öffentlichen Interesse und demzufolge hätte auch, wie die Dinge nun einmal liegen, die Staatsanwalt⸗ schaft eingreifen müssen. Sie lehnte jedoch ab und Wolff ist auf die Privatklage angewiesen. Wie's trefft! Nun ein Gegenstück. In Gießen geriet ein gänzlich unbescholtener Schneider, der als friedliebender Mann bekannt ist, und eine mit ihm im selben Haus wohnende unverheiratete Schneiderin in einen Konflikt. Die Frau be⸗ hauptete, der Schneider habe ihr unter Bezug⸗ nahme auf ihren unehelichen, etwa 15 Jahre alten Sohn Beleidigungen zugefügt. Sie erhebt Beleidigungsklage und benennt auch Zeugen. Vom Gericht wird der Angeklagte jedoch frei⸗ gesprochen, da er auf das entschiedenste be⸗ streitet, die unter Anklage gestellten Aeußerungen gethan zu haben, und außer dem noch nicht eidesfähigen Sohne der Klägerin auch kein Zeuge zu Ungunsten des Angeklagten aussagt. Nun aber geschah das Merkwürdige. Die Staatsanwaltschaft nahm sich der Sache an und erhob öffentliche Anklage. Der Frei⸗ gesprochene muß vor der Strafkammer erscheinen, seine Anklägerin wird vereidigt, als Zeugin vernommen und wiederholt nun natürlich ihre Anschuldigung. Jetzt wurde der Schneider zu einer Geldstrafe und sämtlichen Kosten verurteilt. Also wieder: wie's trefft! Die Affäre Wolff, von der alle Welt spricht, verdient nach Ansicht der Offenbacher Staats- anwaltschaft kein öffentliches Interesse, sie lehnt ein Eingreifen ab. Der Krakehl aber, der sich in einem Hinterhaus zu Gießen zwischen einem Schneider und einer Schneiderin abspielt, scheint öffentliches Interesse beanspruchen zu können, denn die Gießener Staatsanwaltschaft griff ein.— O, Du weiser Polenbube, was hattest Du so recht! Bald ist der Kat ein Kater, bald ist der Katz eine Katz. Bald so, bald so— wie's trefft! Genossen! Agitiert allerorts einen Pfeifenkopf zerbricht, als: Wie's trefft! — Oder: Bald ist die Suppe angebrannt, bald für die Arbeiterpresse! Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 3, Februar: Gießener Wahlverein abends pünktlich 9 Ubr. Tagesordnung: 1. Bericht der Gen. Orbig und Krumm über ihre Thätigkeit in der Stadt⸗ verordnetenversammlung. 2. Diskussion. Sonntag, den 4. Februar: Gesangverein Eintracht abends 8 Uhr General⸗ versam lung bei Orbig. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein bei L. Mandler nachmittags 3 Uhr. Montag, den 5. Februar: Schneider abends 9 Uhr bei Orbig. Dienstag, den 6. Februar: Kartellsitzung abends 9 Uhr bei Orbig. Samstag, den 10. Februar: Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. — Die Reichstagswahlprüfungskommission erklärte die Wahl des Abg. Sachse für ungiltig und beanstandete die Wahl Hänels(freisinnige Vereinigung). Genosse Sachse wurde im 10. Breslauer Kreis Waldenburg in der Stichwahl mit 13 043 gegen 13 007 Stimmen, die auf den Reichsparteiler Krause fielen, gewählt.— Prof. Hänel siegte in Kiel mit 1830 Stimmen Mehrheit über unseren Genossen Legien, der 21168 Stimmen erhielt. * Ein neuer Demonstrationstag? Auf dem niederrheinischen Parteitag wurde ein Antrag des Genossen Dr. Landmann⸗Elberfeld angenommen, den internationalen Parteitag, der im Laufe dieses Jahres in Paris stattfindet, zu ersuchen:„derselbe möge be⸗ schließen, daß in allen Kulturländern an einem Tage eine besondere Demonstratlon für den allgemeinen Völkerfrieden veranstaltet werde, und zwar durch eine allgemeine Volksabstimmung. Durch dieselbe solle zum Ausdruck gebracht werden, daß die Völker in fried⸗ licher Kulturarbeit nebeneinander wohnen und nicht mehr im Interesse einer kleinen kaplitalistischen Klique sich gegenseitig zerfleischen wollen.“ Wir sind der Ansicht, daß das internationale Proletariat am 1. Mai so kräftig für den Völkerfrieden demonstriert, daß ein weiterer De monstrationstag überflüssig erscheint. — Der Reichstagsabgeordnete Genosse Molken⸗ buhr hat einen bedauerlichen Unfall erlitten, der ihn auf einige Zeit der parlamentarischen Thätigkeit entziehen wird. Er hat Dienstag früh den rechten Oberarm gebrochen. Als Molkenbuhr früh um 10 Uhr sich zur Sitzung der Kommission für das Unfallverstcherungs⸗ gesetz begeben wollte, wehte ihm vor dem Reichstags⸗ gebäude der Wind den Hut vom Kopf. Beim Bücken nach der Kopfbedeckung stolperte Molkenbuhr über den Zipfel seines langen Winterüberziehers und fiel hin. Obwohl er heftige Schmerzen verspürte, nahm er doch noch an der ganzen Kommlsstonssitzung teil. Erst als er merkte, daß die Schmerzen nicht nachließen, sondern immer stärker wurden, begab er sich nach dem Moabiter städtischen Krankenhaus und mußte dort zu seiner nicht geringen Ueberraschung erfahren, daß der Oberarm glatt durchgebrochen sei. Abg. Molkenbuhr hat sich nach seinem Wohnsitz Hamburg begeben, wo er einige Wochen der Ruhe wird pflegen müssen. Briefkasten der Expediion. Quittungen. 2st. Wek. 31.80. R. G. 2.40. Gr. Schwdt. 1.20. Wtr. Ww. Lbch. 2.—. Lg. Hckst. 2.—. Wch. Bst. 2.40. Th. Rdth. 2.40. Bl. Bsch. 1.—. L. Och. Hbg. 1.—. Scht. Sbg. 6.—. Zt. Fder. 1.—. Kch. Ndfl. 11.60. Stck. G. Zt. 3.80. Safr. Abck. 10.40. B. Rdgu. 5.—. Wtzl. Wtzh. 12.—. Pf. Wtzb. 12.60. D. S. 1.—. Wdm. Och. 3,75. Bolte⸗Lollar 4. Quart. 35.40. Gg. Kl. Hbch. —.67. Vkm. Hchhm. Jan. 26.20. Sch. Ffm. 1.—. Flch. Gbg. 3.—. Br. Mbg. 40.—. Schdt. Wbg. 1.—, Sch. Wmstr. 10.90. Gießener Stadttheater. Dienstag, den 6. Februar 1900. Ds fine Nud. Lustspiel⸗Novität in 3 Akten von Hugo Lubliner. Mittwoch, 7. Febr.: Fünfzehnte Volks vorstellung: Der Kaufmann von Venedig. Schauspiel in 5 Akten von Shakespeare. Freitag, 9. Febr.: Benesiz für Fräulein Agnes Hammer. Die versunkene Glocke. Von Gerhardt Hauptmann. q ——— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. 0 5 8 S Unterhaltungs⸗Keil. Wahrheit. Seinem Sohne ins Stammbuch. Von Theodor Storm. Hehle nimmer mit der Wahrheit, Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue, Doch weil Wahrheit eine Perle, Wirf sie auch nicht vor die Säue! Blüte edelsten Gemütes Ist die Rücksicht, doch zu Seiten Sind erfrischend wie Gewitter Gold'ne Rücksichtslosigkeiten. Wo zum Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Nalte dich zu wert, um gastlich In dem Hause zu verkehren! Was du immer kannst, zu werden Arbeit scheue nicht und Wachen, Aber hüte deine Seele Vor dem Karrièremachen. Wenn der Pöbel aller Sorte Tanzet um die gold'nen Kälber, Nalte fest, du hast im Leben Doch am Ende nur dich selber! Das Abenteuer der Neufahrsnacht. Novelle von H. Zschokke. (Fortsetzung.) „Was, bürgerliches Pack?“ rief ein Nagel⸗ schmied, der das zweite spanische Rohr führte. „Ihr adligen Müßiggänger, die wir euch mit unsern Steuern und Abgaben füttern müssen, ihr wollt von bürgerlichem Pack sprechen? Eure Liederlichkeit ist an allem Unglück in unsern Haushaltungen schuld. Es blieben nicht halb so viel ehrliche Mädchen sitzen, wenn ihr hättet beten und arbeiten gelernt.“ Nun sprangen mehrere junge Offiziere dazu; aber auch Meister und Gesellen sammelten sich. Knaben machten Schneebälle und ließen sie in den dicksten Haufen fliegen, um auch ihre Freude dabei zu haben. Die erste Kugel traf den vornehmen Leutnant auf die Nase. Dieser hielt es für Angriff des bürgerlichen Packs, und zog abermals den Degen. Das Treffen begann. Der Prinz, welcher nur den Anfang des Wortwechsels gehört hatte, war längst wohl⸗ gemut und lachend in eine andre Straße davon gezogen, unbekümmert um die Folgen seines Gesangs. Er kam an den Palast des Finanz⸗ ministers Bodenlos. Mit diesem Herrn stand er nicht in bestem Vernehmen, wie das schon Philipp erfahren hatte. Julian sah alle Fenster erleuchtet. Die Gemahlin des Ministers hatte große Gesellschaft. Julian, in seiner satirischen Poetenlaune, pflanzte sich dem Palast gegenüber auf und blies kräftig in sein Horn. Einige Herren und Damen öffneten, vielleicht weil sie eben nichts besseres zu thun hatten, 115 Fenster, neugierig, den Nachtwächter zu ören. „Nachtwächter!“ rief einer von den Herren herab,„sing auch ein hübsches Stück zum Neu⸗ jahr.“ Dieser Zuruf lockte noch mehrere von der Gesellschaft der Frau Ministerin an die Fenster. Julian, nachdem er gewohntermaßen die Stunde gerufen, sang mit lauter Stimme gar vernehmlich: Ihr, die ihr seufzt in Schuldennot Und ohne Witz zum Bankerrott, Fleht, daß der Herr in dieser Nacht Euch zum Finanzminister macht, Der ohne Finanzen läßt das Land, Weil er sie behält in seiner Hand. „Das ist ja zum Ohnmächtigwerden!“ rief die Frau Ministerin, die ebenfalls zu einem Fenster getreten war.„Wer ist denn der Ne Mensch, der sich dergleichen er⸗ frecht?“ „Ihro Excellenz!“ antwortete Julian mit verstellter Stimme, indem er den jüdischen Dialekt annahm,„ich wollte Ihnen doch ein kleines Vergnügen machen. Halten zu Gnaden, ich bin nur der Hofjude Abraham Levi; Ihro Excellenz kennen mich doch schon!“ „Wei mir!“ schrie eine Stimme oben am Fenster.„Ehrvergessener Kerl, wie willst Du sein Abraham Levi? Bin ich nicht selber Abraham Levi? Du bist ein Betrüger!“ „Ruft die Wache!“ rief die Frau Ministerin. „Last den Menschen festnehmen!“ Bei diesen Worten verließen alle Gäste in großer Behendigkeit die Fenster. Aber auch der Prinz blieb nicht stehen, sondern nahm im Doppelschritt seinen Weg durch einige kleine Quergassen. Ein Schwarm Bediente, begleitet von einigen Finanzsekretären, stürzte aus dem Palaste hervor und jagte umher, den Lästerer zu suchen. Plötz⸗ lich riefen einige laut:„Wir haben ihn!“ Die andern eilten dem Rufe nach. Wirklich hatten sie den Nachtwächter des Reviers gefunden, der in voller Unschuld auf dem Wege seines Berufs dahin trabte. Er ward umringt, übermannt und, wie sehr er stch auch sträubte, wegen seiner sarkastischen Einfälle auf die Hauptwache ge⸗ schleppt. 5. Der wachthabende Offizier schüttelte ver⸗ wundert den Kopf und sagte:„Man hat mir schon einen Nachtwächter zugeführt, der durch Verse, die er auf die Mädchen der Residenz abgerufen, eine fatale Schlägerei zwischen Offi⸗ zieren und Bürgerlichen verursacht hat.“ Der neu eingebrachte Gefangene wollte durchaus nichts gestehen und lärmte gewaltig, daß ein Haufe junger Leute, die wahrscheinlich zu viel getrunken haben mochten, ihn in der Ausübung des ihm anvertrauten Amtes gestört hätten. Einer der Finanzsekretäre sagte ihm aber den ganzen Vers vor, der den gerechten Zorn der Frau Ministerin und aller ihrer Gäste erregt hatte. Sämtliche Soldaten brachen in ein erschütterndes Lachen aus. Der ehrliche Nachtwächter aber schwor mit Thränen, ihm sei so etwas nicht in den Sinn gekommen. Während man noch mit diesem Verhör be⸗ schäftigt war, der Nachtwächter seine Unschuld beteuerte, die jungen Herren für alle Folgen ihres Betragens verantwortlich machte und die Finanzsekretäre in der That schon anfingen, zweifelhaft zu werden, ob sie euch den rechten Mann ergriffen hätten, rief die Schildwache draußen plößlich„Heraus!“ Die Soldaten eilten hinaus. Die Finanz⸗ sekretäre fuhren fort, den Nachtwächter mit Fragen zu bestürmen. Indem trat der Feld⸗ marschall in die Wachtstube, begleitet vom wachthabenden Hauptmann. „Lassen Sie mir den Kerl da krumm schließen!“ rief der Feldmarschall, und zeigte mit der Hand hinter sich. Zwei Offiziere traten herein, die einen entwaffneten Nachtwächter bei den Armen führten. „Sind denn die Nachtwächter alle toll ge⸗ worden?“ rief der wachthabende Hauptmann ganz erstaunt aus. „Ich will dem Bösewicht morgen seine in⸗ famen Verse bezahlen!“ schrie der Feldmarschall. „Eure Excellenz“, versetzte der neugefangene Wächter zitternd und bebend,„ich habe, weiß der Himmel, keine Verse gemacht, in meinem ganzen Leben keinen Vers!“ „Schweig, Schurke!“ brüllte mit entsetzlicher Stimme der Feldmarschall.„Du sollst mir auf die Festung oder an den Galgen! Und widersprichst Du mit einem Muck noch, so haue ich Dich auf der Stelle in Stücke!“ 8 Der wachthabende Hauptmann bemerkte dem Marschall in aller Ehrerbietung: es müsse eine poetische Krankheit unter den Nachtwächtern in der Stadt ausgebrochen sein; denn er habe nun schon in einer Viertelstunde drei dieser Patrone zu hüten bekommen. „Meine Herren“, sagte der Feldmarschall zu den ihn begleitenden Offizieren,„da der Kerl schlechterdings nicht eingestehen will, daß er den Vers gesungen habe, so besinnen Sie sich auf das Schmähgedicht, ehe Ste es vergessen! Schreiben Sie es auf! ich keine Zeit verlieren, denn ich muß auf den Ball. Wer weiß es noch?“ Die Offiziere besannen sich. Einer half dem andern ein. und da kam folgendes heraus: Den Federbusch auf leerem Kopf, Im Nacken einen steifen Zopf, Den Bauch zurück, die Brust heraus, Das macht des Heeres Stärke aus; Man wird bei Tanz und Geigenschall, Bei Kuß und Spiele Feldmarschall! „Willst Du leugnen, Schurke?“ fuhr der Feldmarschall den erschrockenen Nachtwächter mit erneuter Wut an.„Willst Du leugnen, daß Du es gesungen hast, als ich aus der Thür meines Hauses trat?“ „Mag es gesungen haben, wer will, ich weiß nichts davon!“ antwortete der Nacht⸗ wächter. „Warum liefst Du denn davon, als Du mich dortreten sahst?“ fragte der Feldmarschall weiter. „Ich bin nicht gelaufen!“ „Was?“ riefen die beiden Offiziere;„Du nicht gelaufen? Warst Du nicht außer Atem, als wir Dich am Markt hier endlich einholten?“ „Ja, ich war vor Schrecken außer mir, daß, mich die Herren so gewaltthätig über fielen. Es liegt mir jetzt noch in allen Gliedern.“ „Schließen Sie den hartnäckigen Hund krumm!“ rief der Marschall dem Wachthabenden zu.„Er hat bis morgen Zeit genug, sich zu besinnen.“ Mit diesen eilte der Marschall hinweg. Der Lärm auf den Gassen und die Spott⸗ gedichte der Nachtwächter hatten die ganze Polizei in Bewegung gesetzt. In derselben Viertelstunde wurden noch zwei andere Nacht⸗ wächter, freilich nicht die rechten, ergriffen und zur Hauptwache geführt. Der eine sollte auf den Minister der auswärtigen Angelegenheiten ein schmähliches Lied gesungen haben, des In⸗ halts: der Minister wäre nirgends auswärtiger, als in seinem Departement. Der andre war beschuldigt, vor dem bischöflichen Palast gesun⸗ gen zu haben: es fehle den Kirchenlichtern nicht an Talg, aber sie verbreiteten im Lande mehr Qualm und Rauch, als Helligkeit. Der Prinz, der durch seinen Mutwillen allen Nachtwächtern der Residenz so schlimm mitgespielt hatte, entschlüpfte überall glücklich, und ward ebendarum von Gasse zu Gasse kecker. Die Sache machte Aufsehen. Man hatte sogar dem Poltzeiminister, der beim Könige am Spieltische saß, von der poetischen Insurrektion der ehemals so friedlichen Nacht⸗ wächter berichtet, und zum Beweise einen der Spottverse schriftlich überbracht. Der König hörte den Vers an, der gegen die schlechte Polizei selbst gerichtet war, die ihre Spürnase in alle Familiengeheimnisse der Stadt stecke, und doch im eignen Hause nichts rieche, daher ihr wohl eine Prise zu gönnen sei. Der König lachte laut auf, und befahl, ihm einen der nachtwächterlichen Poeten einzufangen und herzubringen. Er stand vom Spieltische auf, denn er sah, der Polizeiminister hatte die gute Laune verloren. Im Tanzsaale neben dem Speisezimmer hatte Philipp, der gefürstete Nachtwächter, so⸗ eben von seiner Taschenuhr vernommen, daß es Zeit sei, sich zum Stelldichein bei der Gre⸗ gorienkirche einzufinden. Er selbst war froh, seinen Purpurtalar und Federhut an den Stellvertreter zurückzugeben, denn ihm ward unter der vornehmen Maske nicht gar wohl zu Mute. b Als er eben die Thür suchte, um sich davon zu schleichen, kam ihm ein Neger nach und zischelte ihm zu:„Königliche Hoheit, Herzog Hermann sucht Sie allenthalben“— Phllipp schüttelte ärgerlich den Kopf und ging hinaus; der Neger ihm nach. Als sie beide in das Vorzimmer traten, flüsterte der Neger:„Bei Gott, da kommt der Herzog!“ und mit den Worten machte sich der Schwarze wieder eil⸗ fertig in den Saal zurück.(Forts. folgt.) Morgen wollen wir ihn schon zum Geständnis bringen. Jetzt will Der Wachthabende schrieb, , bu blieben ein Ge zu kom den gelt Abend 0 schlank! nun gel der Jar komme, Freilich, die Och wir dre nahmen langen. geht 300 Tage fu weiden machen solches! Farm freude darf di kann e langen. Da sicherhe machte ausspa geld n. stellten ste ste! aber de immer mäßig die Ruf gut sch Schütze auch w Ko und if gestolh wunde dem 0 Herkun komme als Du narschall ;„Du r Alem, olten?“ nir, daß len. Es Hund abenden sich zu hinweg. Spott⸗ ganze erselben Nacht⸗ fen und Ute auf jenheiten des In⸗ öärtiger, le war t gesun⸗ n nicht de mehr iutwillen schlinm glücklich, Gasse Man beim hetischen Nacht⸗ nen der 1 König schlechte zpürnase Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Bei den Buren. Um Land und Leute näher kennen zu lernen, packte ich eines Tages einen Wagen voll Kauf⸗ mannswaren und zog damit im Land von Farm zu Farm herum. Ich hatte vor meinem Wagen 20 Esel, weil sie mir als ausdauernd und genügsam gepriesen worden waren, kam aber mit ihnen nur bis zum uächsten Drift, wo sie mich mit meinem Gefährt elend stecken ließen, denn obgleich ich alles versuchte, weigerten sie sich, den Wagen die Ufer⸗Anhöhe wieder hinaufzuziehen. Sie schüttelten die Köpfe und blieben stehen. Kein Antreiben, kein Zureden, kein Geschrei bewog sie, aus dem Wasser heraus zu kommen. Mein schwarzer Treiber kam auf den genialen Gedanken, sie so lange stehen zu lassen, bis sie Hunger bekämen. Richtig, gegen Abend schrien sie J—a und zogen den Wagen schlank hinauf. Ich hatte jedoch von den Eseln nun genug, schickte sie am nächsten Tage nach der Farm zurück und ließ einen Zug Ochsen men, welcher sich auch hesser bewährte. Frelich anfangs hatte ich das Vergnügen, daß die Ochsen abends nach Haus liefen, selbst als wir drei Tagereisen entfernt waren, unter⸗ nahmen sie Versuche, wieder nach Hause zu ge⸗ langen. Eine Reise mit einem Ochsenwagen geht zwar langsam, aber sie geht ficher. Am Tage fuhr ich, und nachts ließ ich die Ochsen weiden und schlafen. Richtige Transportfahrer machen es allerdings umgekehrt, damit ihnen solches Malheur wie mir nicht passiert. Jede Farm muß eine Ausspannung haben, in der fremde Fuhrwerke rasten können. Kein Farmer darf die Erlaubnis hierzu verweigern, jedoch kann er für die Weide 1—2 Shilling ver⸗ langen. 1 a Da ich mich nun persönlich von der Schieß⸗ sicherheit eines Buren überzeugen wollte, so machte ich verschiedenen, welche auf meiner Farm ausspannten, den Vorschlag, um das Ausspann⸗ geld nach einer in großer Entfernung aufge⸗ stellten Flasche zu schießen. Für den Fall, daß ste sie trafen, sollten sie nichts, andern Falls aber das doppelte zahlen. Mein Vorschlag, der immer angenommen wurde, wurde mir regel⸗ mäßig sehr teuer, denn selten oder nie verfehlten die Kugeln ihr Ziel. Dagegen kann kein Kaffen gut schießen. Ich wenigstens habe nie einen Schützen unter ihnen getroffen, so oft ich ihnen auch meine Büchse gab. Kommt man zu einem Buren auf die Farm und ist man mindestens über acht kleine Kinder gestolpert, so sehen einen acht größere mit Ver⸗ wunderung an und rufen ihren Vater, welcher dem Gaste zuerst die Hand gibt, ihn über Namen, Herkunft und Ziel ausfragt und dann will⸗ kommen heißt. Inzwischen kommt die Noie, d. h. Hausfrau, gibt dem Gaste ebenfalls die Hand(Handschuh⸗Nummer 11) und bringt Kaffe herein, mit der Entschuldigung, daß sie keine Milch und keinen Zucker im Hause habe. Wie wunderbar es auch klingt, daß bei einem Viehstande von etwa 500 Haupt keine Milch vorhanden sei, es ist daraus zu erklären, daß, wenn die Kühe keine Saugekälber wie im Winter haben, ste trocken sind, d. h. keine Milch geben. Selbst bei milchenden Kühen muß das Kalb erst ansaugen, ehe man melken kann. Nach dem Kaffee erfolgt mein Warenangebot. Die stereotype Antwort lautete: Geld haben wir nicht, aber Eier, Felle, Wolle, Hühner, Enten, Kühe, Pferde, Maulesel, Getreide ꝛc. Natürlich ist jeder Händler hierauf vorbereitet und nimmt diese Landesprodukte in Tausch⸗ handel. Der boss, d. h. Hausherr, hat natür⸗ lich zuerst gar keine Bedürfnisse während seine Frau und Töchter gern Putz haben wollen, und soweit ihre Mittel es erlauben, ihn kaufen. Das Wirtschaftsgeld der Frauen, wenn man es so nennen darf, besteht meistenteils aus den Fellen der für den Haushalt geschlachteten Hammeln, aus Eiern, Enten, überhaupt im wesentlichen aus dem Geflügel des Hofes. Die Zeiten, wo der Bur mit seiner Gattin einmal im Jahre nach der Stadt fuhr, dort ein Stück Zeug kaufte und daraus die Kleidungs⸗ stücke für die ganze Familie machte, sind vor⸗ über. Heute kauft die Frau sehr gern moderne Kleider und Hüte und setzt ihren Helgoländer nur noch auf der Farm auf. Eine Ausnahme hiervon bilden die Copper, eine streng, orthodoxe Sekte, die noch ganz nach altem Styl lebt. Hat endlich die Hausfrau Stoff, Stiefel, Tücher, vielleicht auch ein Hemd, und haben die Töchter Schmuckgegenstände ausgesucht, so geht der Bur selbst aus seiner Zurückhaltung heraus und kauft Sättel, Zaumzeug, Acker⸗ geräte und Arznei. Von allem hatte ich auf Lager. Sonderbar ist es, daß ein Bur immer krank zu sein behauptet. Auf die Frage, wie geht es, klagt er über Kopf, Magen, Bein, ꝛc. Kommt er in die Stadt, so geht er zum Arzt, läßt sich dort eine große Flasche Medizin zu 20 Mark machen und denkt, wenn er die ausge⸗ trunken hat, sei er kerngesund. Für die Kon⸗ sultation bezahlt er nichts, dafür bezahlt er aber die Medizin, die dunkel aussehen und bitter schmecken muß, natürlich auch sehr teuer. Auf seiner Farm, die gewöhnlich an einer Quelle liegt, lebt der Bur behaglich dahin. Seine einzige Aufgabe ist, morgens die Schafe aus dem Kraal zu zählen und Kaffee zu trinken, abends die Schafe wieder in den Kraal zu zählen und wieder Kaffee zu trinken; sonst thut er nichts besonderes. Daß er bei dieser Thätigkeit sich nicht aufregt, hat für ihn das Gute, daß er durchschnittlich sehr alt wird. Kommt ein kleiner Bur auf die Welt, so setzen seine Eltern für ihn Schafe in einen besonderen Krall und legen somit ein Kapital für ihn an. Denn durch die Vermehrung der Schafe kommt im Laufe der Zeit eine ganz beträchtliche Summe heran. Ist der hoffnungs⸗ volle Sprößling 18 Jahre alt, so geht er auf die Brautschau und übernimmt als neuen Wohnsitz eine Stube im elterlichen Hause. Die junge Frau kauft sich das erste paar Hosen und ein neues Hemd und ihre Aussteuer ist fertig. Das Regiment führt immer der Ahne, welcher sich nie aͤuf einen Altenteil zurücksetzen wird. Berl. Volksztg. Sprüche zur Lebensweisheit. Nicht Jeder liebt den Arzt, der mit dem Messer, Kühn in das faule Fleisch der Lügen dringt. Das Vorurteil ist mächtig in der Welt, Und wer da rührt an einer alten Satzung, Sei auch gefaßt, daß tausend ihn drum hassen. Max Ring. * Jung ist nur der Werdende, Auch mit weißen Haaren! Wer in seiner Zeit erstarrt, Mag zur Grube fahren. Ad. Pichler. Humoristisches. Aus dem Stammbuch des Gefreiten Gustav Bemmchen. Wer errscht annimmt Wurscht und Wein, Dann im Stich läßt seine Kleene, Der is schon nich' mehr gem ein, Nee, der is schon mehr gemeene! * Schlau. Ein dicker Amtsrichter, welcher gerne kneipt und oft spät nach Hause kommt, erhielt von seiner Frau oft Vorwürfe, daß er von allen seinen Bekannten nur allein immer so spät nach Hause käme. Um nun seine Frau glauben zu machen, er käme in Begleitung, rief er stets, wenn er allein nach Hause ging, vor seiner Hausthür:„Gute Nacht, Herr Land⸗ gerichtsrat! Empfehl' mich, Herr Staatsanwalt! Wohl bekomm's, Herr Rechtsanwalt!“ Gemeinnütziges. Um das Schuhwerk wasserdicht und äußerst haltbar zu machen, reibt man die Sohlen mehrere Male mit Leinöl ein, während man das Ueberleder mit Rizinusöl oder Gly⸗ zerin tränkt. So behandeltes Schuhwerk bleibt geschmeidig und hält noch einmal so lang als vorher. Stockschnupfen. Ist derselbe sehr heftig, so halte man den offnen Mund über einen Topf kochend heißen Fliederthees, indes man den Kopf mit einem dichten Tuch verhängt. Den Gebrauch der Dämpfe wiederhole man und bald wird man das Uebel los sein. Mittel gegen Zahnschmerzen. Ein italienischer Arzt empfiehlt das Katzenkraut als unfehlbar, die Zahnschmerzen mögen nun von Erkältung oder hohlen Zähnen herrühren. Die Blätter dieses Krautes soll man kauen oder, wenn es angeht, bloß zwischen die leiden⸗ den und daneben stehenden Zähne drücken, wo— rauf in beiden Fällen auch die heftigsten Schmerzen in 2 bis 2 Minuten nachlassen würden. 3 Geschäfts⸗Eröffnung. Dem geehrten Publikum von Gießen und Umgegend hiermit die ergebene Anzeige, daß ich unter Heutigem Babnbofstrasse 23, Ecke Löweng. ein Schuhwarengeschäft;“ Ar. eröffnet habe. Indem ich reelle Bedienung zusichere, bitte um geneigten Zuspruch. UI NN Georg Baum 128 Schuhmacher, Steinstr. 40 Gießen Steinstr. 40 empfiehlt sich in allen in sein Fach einschlagenden Arbeiten und bittet um geneigten Zuspruch. f Reparaturen gut und billig. * Wer eine gute Uhr kaufen Mose-Cogge Erste Taunuscognab-Breuer. Fritz Scheller Söhne, Homburg. AnerkanntfeinsteqRarse. pro Flasche M. 1.30, 2.40, Unter günstigen Bedingungen 6 sucht tüchtige, solide Vertreter üb'rall, auch am kleinsten Orte, die Säch⸗ sische Vieh⸗Versicherungs⸗Bauk in Dresden(Bismarckplatz 16). Größte Anstalt ihrer Branche. Vor⸗ zügliche Vermögenslage. Versicherungs⸗Bedingungen. Ein Lehrling für sofort oder auf Ostern gesucht. %, ½‚Flaschen der Firma Liberale 3 5—. 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