10. — eite K. iefel, u Dual. in eig net. arktsr. — N 90 — Mit golden: anke verdanten anlheit genaue ot und Schutz u eingebürgert, bildungen, diele inneren Or, 1 1 1. 99„ Teigzahlungen. 5 beul dpandes. olg. 9 die Deltion G * 1 2 itum, sowie ib ich dahser folti ten Kunden 75 50 2 8 222 22 Nr. 23. Gießen, Sonntag, den 3. Juni 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Redaktionsschluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Mitteldeutsche 8 f —— land Belgien sollte, an seinen Greueln im Congo⸗ Abonnementspreis: Bestellungen ITnserate Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräg er frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und 4mal. 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Wir müssen ihn dem Tode weihn, Bevor entfacht der Weltenbrand.“ Und Jesus fprach:„Nicht im Gefecht, Nur durch die Wahrheit, durch die Lieb' Wollt' ich befreien dies Geschlecht“, Doch taub das Ohr der Henker blieb. Die Wahrheit— uubequemes Ding! Die Menscheulieb'— gefährlich Wort! Pfingsten. Das Volk die Lehre froh empfing, Darum vollzogen ward der Mord. Es ward' des Volkes heil'ges Recht Ertränkt in seines Führers Blut, Nun blähte sich der Lauzenknecht, Nun jubelte die Pfaffenbrut, Nun ward sie frech, die Reaktion, Nun trat sie schamlos an den Tag, Und die erschreckten Jünger floh'n Ju ein verborgenes Gemach. Das Volk da draußen dumpf und still, Die Führer wie das Wild gehetzt— Wer ist es, der nicht meinen will, Tot sei die neue Lehre jetzt? Und war sie tot, als dies geschah? Erlag sie all dem Leid und Weh? Ein Mensch verschied auf Golgatha, Aus scinem Grab stieg die Idee! Sie spottete der Reaktion, Unsichtbar schritt sie durch das Land, Ermutigend die Jünger schon In ihrem heimlichen Verband. Und immer heller ward die Glut, Und immer weiter ward es kund, Und immer größer ward der Mut, Und immer fester ward der Bund— S Bis flammende Begeisterung Das ahnungsvolle Schweigen brach, Und Worte der Verkündigung Zu allen Völkern zündend sprach. Da hielt kein Schwert die Massen auf, Kein Priesterfluch trieb sie vom Ort. Es scharte sich das Volk zu Hauf, Und lauschte der Apostel Wort. Die Lehre, unverfälscht und rein, Das Evangelium der Zeit, Sie drang in alle Herzen ein, Sich Kämpfer werbend für den Streit. So kam es trotz der Reaktion, Die auf Judäas Gauen lag, Der Geist des Fortschritts sprach ihr Hohn,— Das war am ersten Pfingstfesttag. Noch manche Marterwoche ging Am Volk dahin seit jener Zeit, Und manchmal noch am Kreuze hing Die Uuschuld und die Ehrlichkeit. Doch die Erfahrung immer blieb: Ein Morgen folgt nach jeder Nacht, Und jedem Ostern, bang und trüb, Folgt eines Pfingstens lichte Pracht. Max Kegel. — 22 1 Zum Pfingstfeste. Wiederum, wie seit nahezu 2000 Jahren, wird heute in allen Kirchen das Fest der Aus- gießung des heiligen Geistes über die Apostel gefeiert; auf allen Kanzeln wird dem Volke wiederum verkündet, daß dieser„christ⸗ liche“ Geist die Welt veredelt, die Sünde blesiegt, Friede, Eintracht und Nächsten⸗ liebe— im Gegensatz zu„heidnischem Wesen“ — erzeugt und gefestigt habe. Aber die Thätigkeit und das Bestreben der „christlichen“ Nationen steht mit diesem christ⸗ lichen Geiste keineswegs im Einklange. Im Gegenteil, wohin wir blicken, Rüstungen, Verbesserung der Mord⸗ und Zer⸗ störungs werkzeuge, Eroberungen, Länderraub mit abscheulichen Greueln und Grausamkeiten. England raubt wider alles Recht einen ganzen Staat; Deutsch⸗ „pachtet“ in aller Herren Länder; staat gemessen, der Verachtung aller zivilisierten Menschen anheimfallen. Im Innern ebenfalls Bündnisse zwischen Regierung und Ka⸗ pitalisten zur Unterdrückung und Knechtung der Arbeiter, Zuchthaus vorlagen, kleine Sozialistengesetze, beständiger Kampf gegen das Koalitionsrecht der ar⸗ beitenden Klasse— so präsentieren sich uns die auf„dem Boden des Christen⸗ tums stehenden“ Gewalthaber und ihr kapi⸗ talistischer Anhang. Wo aber sehen wir in diesen Wirren die Kirche ihre Aufgabe erfüllen? Wo sind die Geistlichen, die der völkerverhetzenden und vernichtenden Thätigkeit des Kapitals mit den„Waffen des Christentums“ gegenübertreten? Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, steht die Kirche und ihre Vertreter vollständig auf Seite des„unchristlichen“ Ausbeutertums. Von Frieden reden sie morgens in der Kirche und nachmittags halten sie mit demselben Pathos Vorträge über Flotten⸗ vermehrung und Kolonialpolitik. Was von dieser Seite an Verhimmelung und Verherrlichung aller Kriegs⸗ un) Ge⸗ waltpolitik geleistet wird, ist nicht auf⸗ zuzählen. Noch widerlicher ist die Liebedienerei und Streberei gegenüber den Großen der Erde, auf der andern Seite gepaart mit Schimpfen und Verdächtigungen gegen alle diejenigen, die den Mißbrauch der Religion für alle Unterdrückungs⸗ und Knebe⸗ lungsversuche bekämpfen. Nicht der Geist des milden, gütigen Nazareners be⸗ seelt das moderne Christentum, nein, die heidnischen Götter Mars und Merkur, der Kriegs⸗ und der Handelsgott, sind das Symbol der Kirche. An uns aber, den Trägern des wirklichen christlichen Geistes, der Nächstenliebe ist es, fort und fort den Kampf gegen den „unheiligen“, mammonistischen Geist der Staatskirche zu führen. Wir dürfen nicht erlahmen, immer und immer wieder auf⸗ merksam zu machen auf die jedem Fortschritt, jeder Emanzipation der Arbeiter feindlich gesinnte Kirche. Will die Kirche einseitig nur der Büttel des Kapitalismus sein, nun wohlan, dann wird die Sozialdemokratie in ihrem großen Befreiungskampfe— auch gegen die Kirche— doch kämpfen, daß einstens ein Pfingsten kommt, an welchem alle Menschen von einem wirklichen„heiligen Geist“ erfüllt werden. Dies wird der Geist der Nächstenliebe, der Freiheit, der Gleichheit, der Brüder— lichkeit sein. Helfen wir alle, daß dieses Pfingsten bald erreicht werde. Arbeitslohnerhöhung und Lebensmittelverteuerung. Korn⸗ und Fleischwucherer, Zöllner und Zünftler suchen ihre reaktionäre Wirtschafts⸗ politik mit der Devise„Alles muß ver⸗ teuert sein“ durch den Hinweis auf die Kämpfe der Arbeiter um Lohnerhöhungen zu rechtfertigen. Mit den gleichen Gründen und demselben Recht wie die Arbeiter bessere Löhne, verlangen wir höhere Lebensmittelpreise, sagen sie. Die antisemitischen und sonstigen„Mittel⸗ standsretter“ können angeblich nicht verstehen, warum wir für die Hebung der Lage der Ar⸗ beiter eintreten, während wir der Land wirtschaft u. s. w. keine höheren Preise zugestehen wollten. Wir wollen ihrem Verständnis zu Hilfe kommen, indem wir zeigen, daß dieser Vergleich durchaus hinfällig ist. 5 Lohnerhöhungen der Arbeiter be⸗ wirken nicht einen Aufschlag der Produkte, son⸗ dern nur eine Verminderung des hohen Kapital⸗ profits. Denn wenn auch die Produzenten die Neigung hätten oder haben, die Steigerung der Produktionskosten durch höhere Löhne auf die Preise der Produkte zu schlagen, so wird das durch die Konkurrenz bald wieder vereitelt. Da nämlich der Kapitalprofit immer noch er⸗ klecklich ist, so können andere Betriebe auch zu — S2 75 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 23. den ehemaligen Preisen mit Nutzen arbeiten. Aus dem 3. Band von Marx' Kapital wissen wir, daß die Großproduzenten auf anderem Wege die Verminderung der Profitrate zu decken suchen und wissen, nämlich durch Vermehrung der Produktenmasse; daneben auch durch vermehrte Anwendung der Maschinerie. Lohnerhöhungen der Arbeiter haben also keine Schädigung der Konsumenten zur Folge, geschweige eine Schädigung der großen Masse der Bevölkerung, eine Herab⸗ minderung ihrer Lebenshaltung durch Verteue⸗ rung notwendiger Lebensmittel. Wie kann man damit nur die agrarisch⸗zünftlerische Preis⸗ treiberei von Brot, Fleisch und des übrigen Massenverbrauchs in Parallele setzen wollen? Die höheren Löhne der Proletarier muß das Großkapital tragen, das immer noch enorme Profite einsackt, es sind etliche Tropfen von dem Fett des großen Kapitals. Die Verteuerung der Lebensmittelpreise dagegen durch Zölle, Vieh⸗ und Fleischsperren, Umsatz⸗ und indirekte Steuern, Oktroi, ist gemeinschädlich, belastet die gesamte konsumierende Bevölkerung, entzieht oder beschränkt ihr die notwendigsten Nahrungsmittel und Verbrauchsartikel, respektive zwingt sie zum Konsum geringerer Qualität. Doch weiter. Die Arbeitslöhne der Proletarier haben durchschnittlich einen Tiefstand, der ihnen eine menschen⸗ und kulturwürdige Lebenshaltung nicht ermög⸗ licht, sie ist unter dem normalen Niveau. Weshalb denn sonst müssen so viele Arbeiter⸗ frauen ihr Hauswesen und die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen und in die Fabrik gehen oder sonstige Beschäftigung suchen? Wäre der Arbeiterverdienst zur angemessenen Erhaltung der Familie ausreichend, so könnten die Arbeiter- frauen sich ausschließlich den Pflichten und Auf⸗ gaben der Hausfrau und Mutter widmen. Welch ein ganz anderes Bild bietet dagegen die Lebenshaltung derjenigen Berufsstände, in deren Interesse die Verteuerungspolitik liegt. Von der üppigen Lebenshaltung der Großgrundbesitzer, denen sie vor allem zu statten kommt, ganz abzusehen, so ist auch die Klassenlage des Mittelstandes, auch in seiner unteren Schicht, im allgemeinen immer eine recht leidliche und noch lange keine so knappe, dürstige, als die proletarische, auch wenn er zufolge der wachsenden Bedrängnis durch die Großbetriebe den Riemen enger schnallen muß und der einstige„goldene Boden“ dahin ist. — Die Kleinbauern aber, deren Klassenlage allerdings der proletarischen verzweifelt ähnlich sieht, haben ja gar keinen Nutzen von jener Ver⸗ teuerungspolitik, im Gegenteil, sie werden von ihr ebenso belastet und geschädigt wie die prole⸗ tarischen Massen, wie schon oft nachgewiesen wurde Nur eine Schwindeldemagogie macht ihnen das Gegenteil weis. „Die Lohnforderungen der Arbeiter sind somit gerecht, weil sie bezwecken, die Lebenshaltung der Arbeiterklasse auf die Höhe zu bringen, die allen Gliedern einer zivilisierten Gesellschaft gebührt, vor allem denen, die mit ihrem Fleiß allen Segen schaffen. Die Ver⸗ teuerungspolitik ist eine ausgesprochen rückläufige, der Kulturentwickelung entgegen⸗ gesetzte. Und das in zweifacher Richtung. Einmal so fern sie das Fortschreiten der Industrie und des Verkehrs auf⸗ zuhalten bezweckt und Zollschranken um die Länder errichtet, die den Austausch der Produkte erschweren und die wechselseitigen Be⸗ ziehungen der Völker trüben, sogar leicht ernst⸗ hafte Verwickelungen herbeiführen. Sodann macht sie eine der besten Wirkungen der fortschrittlichen Produktion und des ent⸗ wickelten Verkehrs großenteils illusorisch. Der moderne internationale Verkehr verschafft uns reichlich Weizen und Korn und zahlreiche andere Bodenprodukte. Was früher, als die Bevölkerung auf die Produkte des Heimat⸗ landes angewiesen war, teuer war, besonders in schlechten Jahren, Produkte, die den unteren Klassen überhaupt unerschwinglich waren, ver⸗ billigt der entwickelte Verkehr. Da kommen die Zöllner und erklären: Halt, das darf nicht sein, Brot und Fleisch und allerlei andere Dinge dürfen nicht billig, müssen künst⸗ lich verteuert werden, damit die großen Grund—⸗ besitzer höhere Preise erzielen! Ebenso wirkt die Entwickelung der industriellen Produktion und des Binnenhandels auf die verschiedenen Waren verbilligend. Da kommen aber die zünft⸗ lerischen Mittelstandspolitiker— die Schakale im Gefolge der großen agrarischen Raubtiere— und erklären: Dem muß ein Riegel vorgeschoben werden, solcher Fortschritt darf den Massen keine Verbilligung der Lebensmittel und Gebrauchs⸗ artilel verschaffen. Künstlich muß der zivilisa⸗ torischen Errungenschaft begegnet werden. Die Massen sollen weiter darben und entbehren, auf daß der sogenannte„Mittelstand“ erhalten werde! Jede Verteuerungspolitik ist reaktionär, erz⸗ reaktionär. Wohingegen alles, was der Hebung der proletarischen Klassenlage dient, eminent fortschrittlich, kulturfördernd wirkt, weil die Pro⸗ duktion um so leistungsfähiger wird, je mehr die physische, intellektuelle und moralische Qualität der Arbeiter sich hebt — — 2 Politische Rundschau. Gießen, 1. Juni. Die Lex Heinze oder richtiger gesigt, das, was davon noch übrig geblieben ist, nämlich der„Verständigungsantrag“ Hompesch, wird voraussichtlich von der Regie⸗ rung, die ihre Stellung dem Antrage gegenüber während der Reichstagsverhandlungen mit keinem Worte verraten hatte, angenommen werden. — In diesem langen und hartnäckigen Kampfe gegen Volksverdummung und Muckerei sind also die Licht⸗ und Freiheitsfreunde Sieger geblieben. Auf diesen Erfolg kann die Sozialdemokratie in erster Linie stolz sein, unter deren Führung den Finsterlingen diese empfindliche Nieder- lage beigebracht wurde. Das Zentrum, welches so anmaßend sich gebärdete, es ist von der Sozialdemokratie geschlagen worden. Von einem Teil seiner Presse wird dies auch zugegeben; ein anderer Teil hingegen sucht diesen Ausgang des Kaupfes zu einem Sieg der Pfaffenpartei umzulügen. Lassen wir ihm das Vergnügen! Schließen wir uns aber ganz dem an, was unser Genosse Heine in oer Berliner Ver⸗ sammlung des Goethebundes aussprach, nämlich, daß der Kampf gegen den Heinzegeist und die e ununterbrochen fortgesetzt werden müsse! Blamierter Heinzemann. Im Kampfe gegen alles, was„ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzt“, hat sich neben seinem Parteigenossen Roeren der Herr Gröber, Zentrumzabg. für Ehingen⸗ Laupheim(Württemberg), besonders hervor⸗ gethan. Derselbe Herr hat aber, wie die„Frkf. Ztg.“ feststellte, im Jahre 1892 den katholischen Pfarrer Fridolin Knittel, welcher mit einer noch nicht vierzehn Jahre alten Schülerin wiederholt unzüchtige Hand⸗ lungen vorgenommen hatte, der gerechten Be⸗ strafung entzogen. Knittel war nämlich nach der Schweiz geflüchtet und das württembergische Ministerium verlangte seine Auslieferung. Da⸗ gegen erhob K. Einspruch, gestützt auf ein Rechts⸗ gutachten des Reichstagsabgeordneten und Landrichters Gröber, welches aus⸗ führte, daß die im Haftbefehl bezeichneten Straf⸗ thaten nicht solche seien, auf die sich der Aus⸗ lieferungsvertrag beziehe. Dadurch war denn auch der Schützling Gröbers gerettet; seine Aus⸗ lieferung wurde verweigert. Ganz richtig sagte die„Frkf. Ztg.“ dazu: „Derselbe Mann, der jetzt eifrigst Straf⸗ paragraphen gegen diejenigen befürwortet, die durch die Darstellung des Nackten angeblich die Sittlichkeit gefährden, derselbe Mann hat seinen juristischen Scharfsinn angewendet, um einen schamlosen Pfaffen vor der drohenden Auslieferung und der nachfolgenden Strafe zu retten! Herr Gröber entsetzt sich vor dem Schaufenster, in dem ein Paar unbekleidete Figuren stehen, und will den Schau⸗ steller bestraft wissen, aber dem geistlichen Wüstling, der sich an einem unschul⸗ digen Kind vergreift, dem hat er freundschaftlich geholfen, sich der Verfolgung zu entziehen!“ Und dies that Herr Gröber nicht etwa als Rechtsbeistand, sondern als Richter im Dienste des Staaies, der die Auslieferung verlangte! Pensionierte Offiziere. Seit dem 1. April wurden in der deutschen Armee pensioniert: 2 Generallieutenants, 5 Ge⸗ neralleutnants, 5 Generalmajors, 16 Oberste, 2 Oberstleutnants, 31 Majore, 49 Hauptleute, 6 Oberleutnants, 7 Leutnants. In Summa 118 Offiziere. Kosten pro Jahr zirka 425 000 Mark. Ferner wurden ohne Pension ver⸗ abschiedet 1 preußischer Oberleutnant und 1 preußischer Leutnant. Ausgeschieden sind 2 preußische Oberleutnants, 11 preußische und 2 sächsische Leutnants. Der Gesamtabgang an Offizieren beträgt somit in den letzten Wochen 135. Und das Volk zahlt die Kosten. „Hungerlöhne“. Von den 394 Personen, die im Königreich Sachsen ein steuerpflichtiges Jahreseinkommen von über 100 000 Mark haben, entfallen nicht weniger als 120 auf die Stadt Leipzig; einer befindet sich darunter mit 495000 Mark Jahreseinkommen; 7 weitere Personen haben über 300 000 Mark jährlich zu verzehren; 13 haben zwischen 200 000 bis 300 000 Mk. während sich 62 Personen mit jährlich 100 000 bis 200 000 Mk. begnügen müssen. Dann kommen die„ganz Armen“, von denen 208 Personen nur 50 000 bis 100 000 Mk. Jahres⸗ einnahme verzeichnen konnten. Das Gesamt⸗ einkommen dieser 294 reichsten Steuerzahler Leipzigs bezifferte sich auf 31191429 Mk. Diese Leute sind mit der„göttlichen Weltord⸗ nung“ ganz zufrieden und verurteilen die Be⸗ gehrlichkeit und Genußsucht der Arbeiter, wenn letztere sich bemühen, ihren kärglichen Lohn um einige Pfennige zu steigern. Mit diesen horrenden Einkommen vergleiche man die Weberlöhne, wie sie in einer Textilarbeiterversammlung in Memmingen(Bayern) festgestellt wurden. Darnach verdiente ein Weber in zehn Tagen, 2,20 Mk., ein anderer in zehn Tagen 3 Mk., ein dritter 5,70 Mk., also täglich nur wenige Pfennige! Dort Ueberfluß bei Nichtsthun, hier bitteres Elend bei fleißiger Arbeit— und das wird uns als„göttliche Weltordnung“ von Pfaffen aller Sorten vorgestellt. Feinde der Krankenkassen. Schon in Nr. 14 der„M. S.⸗Ztg.“ wiesen wir in einem Artikel unter dieser Ueberschrift auf die Verdächtigungen hin, welche gegen die Verwaltungen der Ortskrankenkassen, namentlich gegen solche, bei denen unsere Ge⸗ nossen beteiligt sind, von gegnerischer Seite vor⸗ gebracht werden und deren Zweck darauf hinaus⸗ läuft, den Einfluß der Arbeiter auf die Kassen⸗ verwaltung zu brechen. Dieser edle Zweck tritt denn auch in der Aeußerung eines hohen preu⸗ ßischen Beamten über die kommende Gesetzes⸗ vorlage unverhüllt hervor. Im preußischen Ver⸗ waltungsblatt schreibt derselbe nämlich: „Bei der Regelung des Aerztewesens dürfte in weitgehendster Weise den Wünschen der Aerzte Rechnung getragen werden, zumal durch die vorgeschlagene andere Organisation der Kassen die Verhältnisse eine andere Gestalt annehmen. Diese neue Organisation soll fol⸗ gende sein: Für den Bezirk einer Gemeinde wird nur eine Ortskrankenkasse errichtet, der alle im Bezirke der Kasse beschäftigten ver⸗ sicherungspflichtigen Personen angehören müssen. Die Betriebs⸗, Innungs⸗ und Bau⸗Kranken⸗ kassen sind daneben gestattet. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen die Beiträge zu gleichen Teilen und haben in der Generalversammlung das gleiche Stimmrecht. Die Verwaltung der Ortskrankenkasse wird an die Vewaltung der Gemeinde angeglie⸗ 7 wut Habotte lchnend 90 handle, d ue u. scrsun d gechgebul Geschgehn dennoch eire Mat Reichsgee viel not egenüber mice welche un zufnahne dice An daß die! sichiger eine zu l Staat m der Ausf baldmögl eine feste Personen Bür Latskreis Diäten würde. des Rei nach g wahltech der Reg nach A Schluß sattzu Wahla An eine sündlich wegesch mit dief Die Nad die„Ml ktionspe Urganisie Funde bringen. „ u über die dena Cöhre. Kum 9 Leit) u ban ein wü siud in nalsogig erhz 0 de dar ich — S 2 75 —— . — — — igreich mmen nicht einer Mark lsonen ehten; ) Mk, 0000 Dann 1 205 zahte⸗ sesant⸗ tzahler 9 Mk. eltord⸗ ie Be⸗ wenn n um renden ihne, ig in vurden. Tagen 3 Nl, wenige „ hier nd dad 10 von vin ashest gen bie isse re Ge le bor⸗ hinauk⸗ Kassch b tilt u pte eee —̃( 7 1 en Ve du en da Au, on de oll fl 1000 5 fel, 4 en sel⸗ nis. het 10 eiche 0 tun 1 70 tglit Nr. 23. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. dert. Der Vorsitzende der Kasse wird von der Gemeinde aus der Zahll der Kommunalbeamten ernannt.“ Da haben wir den ganzen Plan, der sehr klar und einfach ift. Soviel an den Arbeitern liegt, werden sie thun, um sich ihre gering⸗ sügigen Rechte nicht noch weiter verkümmern zu lassen. Entschädigung unschuldig Verhafteter. Auf das Verlangen des Genossen Ulrich in der hessischen Zweiten Kammer, einen Gesetz⸗ entwurf betreffend die Entschädigung unschuldig Verhafteter vorzulegen, hatte die Regierung ab⸗ leh nend geantwortet, da es sich um ein Gebiet handle, das die Reichsgesetzgekung in Anspruch nehme und das auch mit reichsgesetzlichen Vor— schristen derart zusammenhänge, daß die Landes— gesetzgebung wohl nicht eingreifen könne. Der Gesetzgebungsausschuß der Zweiten Kammer war dennoch der Ansicht, daß es sich hier nicht um eine Materie handle, die aus schließlich der Reichsgesezgebung unterliegt. Er hält es für viel notwendiger, eine Entschädigungspflicht gegenüber denjenigen anzuerkennen, welche unschuldig verhaftet wurden, als denjenigen, welche unschuldig verurteilt und mittels Wieder— au fnahmeverfahreus freigesprochen wurden. Von dieser Ansicht und von der Erwägung ausgehend, daß die betreffenden Behörden und Organe vor- sichtiger bei Verhaftungen sein werden, wenn eine zu Unrecht angeordnete Verhastung für den Staat materielle Nachteile erwarten läßt, stellte der Ausschuß das Ersuchen, die Regierung wolle baldmöglichst eine Gesetzesvorlage machen, die eine feste Entschädigung für zu Unrecht verhaftete Personen vorsieht. Zur Diätenfrage. Bürgerliche Blätter melden, daß in Bundes— ratskreisen gegenwärtig die Gewährung von Diäten an die Reichstagsabgeordneten erwogen würde. Bisher scheiterte das Verlangen des des Reichstags an der Forderung der Regierung nach gleichzeitiger Aenderung des Reichstags⸗ wahlrechtes. Jetzt beschränkt fich die Forderung der Regierung darauf, daß nach 14 Tagen nach Auflösung des Reichstags, bezw. nach Schluß der Legislaturperiode Neuwahlen stattzufinden haben. Damit würde die Wahlagitation eingeschränkt werden. An eine Vorlage in dieser Session ist selbstver⸗ ständlich nicht zu denken. Jedoch ist es nicht aus geschlossen, daß sich der Reichstag im Winter mit dieser Frage zu befassen haben wird.— Die Nachricht klingt sehr unwahrscheinlich, meint die„Münch. Post“. Eine Abkürzung der Agi⸗ tationsperiode würde nämlich den am schlechtesten organisierten Parteien— und das sind die Freunde der Regierung— den meisten Schaden bringen. Nationalsoziales. Zu den Ausführungen Paul Göhres über die Gründe seines Uebertrittes zur Sozial⸗ demokratie bemerkt die„Hessische Landesztg.“, Göhre betrachte die Sozialdemokratie mit einem kaum glaublichen Optimismus(von der besten Seite) und befinde sich ihr gegenüber in„einem Traumleben, aus dem das Erwachen schrecklich sein würde“. Eine merkwürdige Ansicht! Wir sind im Gegenteil der Meinung, daß die Natio⸗ nalsozialen sich den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen gegenüber in einem Traum⸗ leben befinden und Göhre einer derjenigen ist, die daraus erwacht sind.— Nach einer andern Richtung hin hat sich der Nationalsoziale Max Lorenz„entwickelt“. Dieser ehemalige sozial⸗ demokratische Redakteur, der später sein Heil bei den Nationalsozialen versuchte,— die auf diese Eroberung nicht wenig stolz waren— ist jetzt glücklich Redakteur bei der„Kreuzzeitung“, dem ur reaktionären Organe der Junker und Mucker geworden. Wir wissen nicht, ob die Nationalsozialen mit der„Entwickelung“ Lorenzens oder Göhres zufriedener sind. Sozialistische Wahlsiege. Wie vorauszusehen war, hat bei der am 26. Mai in Nürnberg stattgefundenen Ersatzwahl für unseren unglücklichen Genossen Oertel Genosse Dr. Südekum mit großer Mehrheit gesiegt. Unsere Stimmenzahl ist dort um ein paar Stimmen zurückgegangen, was ja ange⸗ sichts der Verdächtigungen, denen unsere Par⸗ tei anläßlich des„Falles Oertel“ ausgesetzt war, gar nicht zu verwundern ist. Wahrschein⸗ lich haben auch viele Genossen, weil der Sieg ihnen sicher schien, ihr Wahlrecht nicht ausgeübt. Diesmal erhielten Stimmen: Südekum(Soz.) 22 032; Fabrikant Seiler(natl.⸗freisinnig) 14 149; Dr. Heim(Ztr.) 1167; zersplittert waren 112 Stimmen. 1898 wurden abgegeben für Oertel(Soz) 22 598, die gesamten Gegner erhielten damals 13 872 Stimmen. Ein weiterer Sieg ist aus Meiningen zu berichten. Im Landtagswahlkreise Wasungen siegte in der Stichwahl unser Genosse Wehner mit 795 Stimmen über den Bauernbündler Krug, der nur 753 Stimmen erhielt. Dieser Sieg ist um so höher anzuschlagen, als die Gegner in diesem fast rein bäuerlichen Kreise mit allen Mitteln der Verleumdung kämpften und der Gegenkandidat sich als„Bauer“ der Unterstützung der Regierungskreise erfreute. Jetzt hat unsere Partei nun von den 24 Sitzen des Meininger Landtages 6 inne, resp. von den 16 Sitzen der Mindestbesteuerten fast die Hälste; bedenkt man ferner, daß bei der letzten Wahl der Saalfelder Kreis uns mit nur 11 Stimmen und der Gräfenthaler Kreis mit nur 5 Stimmen verloren ging, so sind auch da die Aussichten für die nächste Wahl die besten. — Die Reichstagsersatzwahl in Mül⸗ hausen i. Els., welche durch die Mandatsnieder⸗ legung des Cenossen Bueb nötig geworden ist, findet am 5. Juli statt. Unser Kandidat ist Leopold Emmel, Kaufmann in Mülhausen. Antisemitischer Schwindel. Das Offenbacher Antisemitenblatt macht seinen Lesern weiß, bei der Nürnberger Landtagswahl habe ein„mißgestimmter Roter“ einen Wahlzettel mit folgender Aufschrift abgegeben; „Einst wählten die Genossen den Arbeiter Grillenberger, den Mann mit der schwieligen Faust, dann den Bourgeois Oertel, den zu Tode Gehetzten, heute den Gutsbesitzer Dr. Baron Haller von Hallerstein. Wer lacht da— ihr Prolctarier? Wer wird von Euch das nächstemal gewählt? Vielleicht Graf Kanitz?“ Wenn es überhaupt Thatsache ist, daß sich ein derartiger Zettel vorgefunden hat, so flammt er natürlich von einem gegnerischen Wahl⸗ mann; denn die Zahl der abgegebenen sozial⸗ demokratischen Stimmen war die gleiche, als die der anwesenden Wahlmänner. Von anderen bürgerlichen Zeitungen, welche diesen Fall be⸗ richten, wird auch gar nicht behauptet, daß dieser Zettel von einem Sozialdemokraten stamme, das Antisemitenblatt lügt dies einfach hinzu.— Daß es innerhalb unseren Partei in Nürnberg anläßlich des„Falles Oertel“ nicht zum allge⸗ meinen„Krach“ gekommen ist, sondern bei unsere Genossen in Bezug auf die Aufstellung der Kandidaturen volle Einstimmigkeit herrschte, er⸗ regte den Aerger der gesammten bürgerlichen Presse und— wie man sieht— nicht zuletzt des Offenbacher antisemitischen Winkelblättchens. Ausländisches. Die Wahlen in Belgien haben vergangenen Sonntag stattgefunden und zwar auf grund des neuen Wahlgesetzes, bei welchen das Proportionalsystem(Wahl der Abgeordneten im Verhältnis zu den für die ein⸗ zelnen Parteigruppen abgegebenen Stimmen) zur Anwendung kommt. Doch ist auch aus dem alten Wahlgesetz die Plural stimme beibehalten worden, sodaß also höher Besteuerte über zwei und drei Stimmen verfügen.— Die Klerikalen, welche in der Kammer und im Senat die über⸗ wältigende Majorität hatten, haben viele Sitze verloren, doch bleiben sie immer noch mit einigen Stimmen in der Mehrheit. Die Stimmen unserer Partei haben eine bedeutende Zunahme erfahren. — In die Deputiertenkammer sind gewählt: 84 Klerikale und 68 Liberale und Sozialisten. Letz⸗ tere errangen nach den bisherigen Meldungen 33 Mandate. Schweizer Volksabstimmung. Das schon seit 10 Jahren vorbereitete und von der Bundesversammlung beinahe einstimmig angenommene Bundesgesetz, betreffend Einführung der obligatorischen Kranken-, Unfall- und Militärversicherung, wurde am letzten Sonntag in der Volksabstimmung des schweizerischen Volkes mit 337 585 gegen 146 629 Stimmen verworfen. Gegen das Gesetz war von den katholischen Demagogen, den großen Industriellen und Versicherungsgesellschaften eine erbitterte Agitation entfaltet worden. Die niedersten Leiden schaften der Bauern wurden aufgestachelt, um das Gesctz zu Fall zu bringen. Leider ging das Schweizervolk auf den Leim. Siege der Republik. Die französischen Reaktionäre, antisemit sche „Nationalisten“ Monarchisten und Pfaffen ver⸗ suchten in den letzten Tagen wiederholt, das Ministerium, welches eine ehrliche republikanische Politik verfolgt, zu stürzen. Um dies zu er⸗ reichen, benutzten sie den Verrat eines Offiziers im Kriegsministerium, welcher einen nationali— stischen Abgeordneten Aktenstücke aus dem Mini⸗ sterium zur Verfügung stellte, deren Existenz vor dem Minister verheimlicht worden waren.— Doch ist es auch den mit solchen Mitteln durch⸗ geführten reaktionären Ansturme nicht gelungen, das Ministerium zu Falle zu bringen. Die Deputiertenkammer erklärte sich mit der Politik der Regiecung einverstanden und gewillt, die Wiederaufnahme der Dreyfuß-Affaire zu verhin⸗ dern. Nur der Kriegsminister, General Gallifet hat seine Entlassung genommen. Wie er erklärt, gestatte ihm seine durch die jüngste Krankheit erschütterte Gesundheit nicht, den gegenwärtigen Ausregungen Widerstand zu leisten. An seiner Stelle ist sofort der General An der é zum Kriegs- minister ernannt worden. Diese Ernennung wird von den sozialistischen Blättern als eine Stär⸗ kung des Ministeriums Waldeck-Rousseau ange⸗ sehen; da André entschlossen sei, den Umtrieben der Generalstäbler energisch entgegenzutreten. Frauenwahlrecht in England. Das englische Unterhaus hat ein Gesetz an⸗ genommen, nach welchem in die Gemeinderäte der verschiedenen Londoner Bezirke Frauen gewählt werden können. Bei uns wird es noch lange dauern, bis das alte Vorurteil, daß nur Männer berufen seien, öffentliche Aemter aus⸗ zuüben, überwunden ist. Für den Senat sind bisher 47 Katholiken gewählt, denen 29 Mit⸗ glieder der Opposition gegenüberstehen. Die Wahl von 26 Senatoren, welche durch die Pro⸗ vinzialräte erfolgt, wird die Mehrheit für die Regierung noch erhöhen. Der Krieg in Südafrika. Von Seiten der Buren ist dem Vordringen der Engländer nur vereinzelt Widerstand geleistet worden. Rasch, fast hastig vollzieht sich der Vormarsch der Engländer. Während noch in den letzten Tagen allgemein ein energischer Widerstand der Buren am Vaalflusse erwartet wurde, hat die englische Armee den Fluß bereits überschritten, ohne daß sich, wie es scheint,die Buren überhaupt ernstlich zur Wehr gesetzt haben. Nach den neueren Meldungen drang General Roberts bereits bis Johann isburg vor, welches er am 30. zu besetzen gedenkt.— Er fand, daß die Berg⸗ werke bei Johannisburg bisher nicht zerstört sind, wie es von Seiten der Buren angekündigt war. — Präsident Krüger befindet sich in Pretoria. Er habe eingeräumt, daß die Lage der Dinge sehr ernst sei. Die Buren seien entschlossen, alles auf den letzten Widerstand im Gatrand⸗ gebirge, im Norden von Potschefstroom, wo 3000 Kaffern Laufgräben herstellen, einzusetzen. Dorthin werde jeder entbehrliche Mann und jede Kanone gesandt. Die ganze Westgrenze von Transvaal sei wehrlos. Baden⸗ Powell könne einmarschieren, wenn er wolle. Roberts werde jedoch auf größten Widerstand stoßen.— In England, besonders in London herrschte anläßlich des Entsatzes von Mafeking ein wahrer Freudentaumel. Bei einem Festmahl Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. erklärte Salisbury, daß den Republiken kein Stückchen wirklich unabhängiger Regierung be⸗ lassen werden könne. Der Or anjefreist aat ist bereits formell von England annektiert worden. Die Burenmissson hat auch in Amerika kein Gehör gefunden mit ihrem Gesuch um In⸗ tervention. Der Staatssekretär Hay hat am Montag zwar die Burengesandschaft empfangen, aber nicht offiziell und in etwa einstündiger Be⸗ sprechung auseinandergesetzt daß Präsident Mac Kinley bei der gegenwärtigen Lage der Dinge sich genötigt sehe, gegenüber England und den Burenrepubliken bei der Politik der Neutralität und Unparteilichkeit zu verharren. ——— Aus dem Reichstag. Ueber das Fleischbeschaugesetz fand am 23. Mai die Gesamtabstimmung statt. Das Gesetz wurde mit dem Kompromißantrag Aichbichler, nach welchem die Einfuhr von Pökelfleisch gestattet und nur Büchsenfleisch und Wurst davon ausgeschlossen sein soll, mit 163 gegen 123 Stimmen angenommen. Die Sozialdemokraten und Freisinnigen stimmten hier mit den extremen Agrariern gegen das Gesetz; natürlich aus entgegengesstzten Beweggründen. Tags vorher wies unser Genosse Wurm wiederholt darauf hin, daß die Volksgesundheit aufs äußerste gefährdet sei, wenn die Hausschlachtungen ganz ohne Kontrolle gelass n würden. Man sagt, die Durchführung der Kontrolle würde die kleinen Bauern zu sehr belasten. Dagegen wenden sich aber die Bauern selbst. In einem Briefe eines Bauern in der Deutschen Tageszeitung wurde darauf hingewiesen, daß der mittlere Bauer selten, der kleine Bauer fast nie sich den Luxus einer Hausschlachtung leisten könne. Es ist festgestellt, daß in Nürnberg alljährlich eine große Zahl von Schweinen geschlachtet werden, die trichinös sigd.(Widerspruch.) Ja, Herr Neßler, warum sollten denn auch die Trichinen bei der blau⸗ weißen Grenze Halt machen?(Heiterkeit) Daß zur Hausschlachtung sehr viel verdächtiges Vieh genommen werden kann, ist unbestreitbar. Auf einer Versammlung des Bundes der Landwirte in Hannover wurde von dem Lehrer einer Landwirtschastsschule darauf hingewiesen, daß 60 Prozent des Viehes tuberkulös sei, und dieser selbe Herr bestätigte, daß Händler berufsmäßig das kranke Vieh zum Verkauf auftreiben. Wir halten nach wie vor eine obligatorische Viehversicherung in Verbindung mit einer obligatorischen Fleisch⸗ schau für notwendig. Da diese abgelehnt ist, werden wir nicht nur gegen den§ 2, sondern auch gegen das ganze Gesetz stimmen. Ein Gesetz, das so den unlauteren Wettbewerb fördert, kann niemand annehmen, dem es mit der Von ksgesundheit wicklich ernst ist. Demgegenüber erklärte der Zentrumsabgeordnete Heim, daß die bay ischen Bauern gegen die Unter⸗ suchungen der Hausschlachtungen seien, und der welfische Agrarier v. Schele beantragte gar, jedenfalls um zum soundsovielten Male den Nachweis zu erbringen, daß den Agrariern an der Gesundheit des Volkes nichts liegt, daß das im Hause geschlachtete Fleisch auch der Unter⸗ suchung dann nicht unterzogen werden darf, wenn es nicht ausschließ lich im Haushalt des Besitzers ver⸗ wendet wird! Dem trat selbst Graf Posadowsky ent⸗ gegen— Dieses Gesetz, welches zu dem Zwecke ein⸗ gebracht war, die gesundheitlichen Verhältnisse des Volkes zu bessern, es ist unter den Händen der konservaliv⸗ klerikalen Mehrheit zu einem Wuchergesetze gegen die besitzlose Masse geworden und läuft in seiner Wirkung darauf hinaus, den Großgrundbesitzern aufs neue die Taschen zu füllen. 5 i Ganz richtig erklärte Genosse Wurm das Verhältnis mit den Worten: Fleilich braucht die Regiecung die Stimmen der Agrarier für die Flotte. Diese lassen sich also vor Pfingsten bezahlen und be⸗ willigen dann nach Pfingsten„aus Patriotismus“ die Flotte. Der Hauptzweck dieses Paragraphen ist, der Landwirtschaft die Konkurrenz vom Halse zu halten, damit sie die Preise möglichst hoch setzen kann.— Nach der Abstimmung über das Fleischbeschaugesetz geht der Reichstag zur dritten Beratung einzelner zurück- gestellter Artikel der Gewerbenovelle über. Bei der Abstimmung darüber gerät der Vizepräsident v. Frege in eine derartige Konfusion, daß auf Antrag Singers die weitere Abstimmung ausgesetzt wird. Am 25. Mai folgte die dritte Beratung der Unfallversicherungsnovelle. Genosse Molkenbuhr legte in der Generaldiskussion nochmals die Ansichten der sozialdemokratischen Fraktion über dieses Gesetz ausführlich dar. Er bemerkte unter anderem, daß selbstverständlich das Gesetz einige Ver⸗ besserungen bringe. Aber diese genügten noch keineswegs. Sie stünden in keinem Verhältnis zur Verbesserung der Geschäftslage, die seit 1884 eingetreten sei. Dieser sollte das neue Gesetz angepaßt sein. Die Gesamt⸗ ausgaben für die Versicherung betragen auch nur sechs Pfennig pro Kopf und Arbeitstag. Das ist eine so minimale Summe, daß sie jeder Unternehmer zu tragen vermag. Ein weiterer Vorteil für die Unter⸗ nehmer liegt auch darin, wenn durch die Versicherung die Gesundheit der Arbeiter erhalten wird. Das hat nicht nur hohen ideellen, sondern auch großen materiellen Wert, da hierdurch die Leistungsfähigkeit der Industrie gesteigert wird. Andererseits hat man den Arbeitern seit 1884 eine Reihe neuer Lasten aufgebürdet. So betrugen die Getreidezölle 1884: 1,85 Mk., 1885: 3 Mk., 1887: 5 Mk. Die Mietspreise sind gestiegen, ebenso die Fleischpreise. Durch diese Fleisch⸗ steigerung werden alle Lohnsteigerungen, die etwa statt⸗ gefunden haben, ausgeglichen. Erst vor kurzem haben Sie noch das Fleischschaugesetz angenommen, und es ist sehr mö lich, daß durch die infolgedessen zu er⸗ wartende Erhöhung der Fleischpreise alle Vor⸗ teile, die durch diesetz dem Verletzten gegeben werden, wieder aufgehoben werden. Redner geht ausführlich auf eine Reihe Verschlechterungen ein, die in diesem Ge⸗ setze im Gegensatz zu den früheren Bestimmungen ent⸗ halten seien. Gegenüber all diesen Verschlechterungen reichen die Verbesserungen durchaus nicht aus, ganz abgesehen davon, deß ja die ganze übrige Wirtschafts⸗ politit zu gunsten der Landwirtschaft auf Kosten der Arbeiter geht, die unter der geplanten Erhöhung der Getreide- und Fleischpreise am meisten zu leiden haben. Wenn wir ubechaupt einem Versicherungs⸗ gesetz unsere Zustimmung geben sollen, so müßte es mehr Verbesserungen, zum mindesten aber keine so erheblichen Verschlechterungen enthalten. Abg. Roesicke⸗Dessau ist im Gegenteil der Mei⸗ nung, daß das Gesetz einen Fortschritt bedeute, und Herr Hitze bezeichnet es erst als einen„kolossalen“, dann als„maßoollen“ Fortschritt.„Knuten“⸗Oertel jammert über die Mehrbelastung, die das Gesetz den Agrariern bringe.— Die Einzelberatung wird am 26. zu Ende geführt. In der darauf folgenden Abstimmung werden sämtliche Unfallversicherungsgesetze einstimmig angenommen. Der Reichstag vertagt sich hierauf bis zum 6. Juni. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Einen Ausflug in den Wald unternimmt der Gießener sozialdemokratische Wahlverein am zweiten Pfingstfeiertage. Die Genossen nebst ihren Familien werden zu reger Betheiligung hierzu eingeladen; für Unterhaltung, wie Volksbelustigung, Kinderspiele u. s. w. ist bestens gesorgt. Abmarschiert wird um 2 Uhr ab obere Licherstraße; Treffpunkt im Walde: Licherstraße 1. Schneise rechts. Schönes Wetter vorausgesetzt, wüßten wir nicht, wo ein geplagter Proletarier mit den Seinen ein paar Feierstunden besser verbringen könnte, als im grünen Walde! Wie aber immerhin das Wetter ausfallen mag, jedenfalls wünschen wir nicht nur den Gießenern, sondern allen Genossen und besonders unseren Lesern Fröhliche Pfingsten! Die Gieszener Lohnkämpfe dauern noch ungeschwächt fort. Die streikenden Maler und Weißbinder zeigen in dem nun schon vier Wochen andauernden Ausstande ein durch⸗ aus mustergültiges Verhalten; von den ca. 170, die in den Streik eintraten, sind nur acht Mann „arbeitswillig“ geworden. Es wird uns mitge⸗ theilt, daß diese ihr unsolidarisches Verhalten keinesfalls mit pekuniärer Notlage entschuldigen können, denn es werden nötigenfalls außerge⸗ wöhnliche Unterstützungen von der Streikleitung gewährt. Gegenwärtig befinden sich noch 115 im Streik; 60 sind abgereist. Harren die Arbeiter nur noch kurze Zeit aus, so werden sie nach den jetzigen Verhältnissen zu urteilen, zweifellos ihre Sache zum Siege führen.— Die Maurermeister erklärten in der Oeffentlichkeit, daß sie geneigt gewesen wären, die Lohnforderungen der Arbeiter zu be⸗ willigen; aber nicht bewilligen wollten, weil letztere kündigten. Es handele sich um eine „Machtfrage“. Wenn sich die Herren auf einen derartigen protzenhaften Unternehmerstandpunkt stellen, ist allerdings eine Verständigung, die doch bis zu einen gewissen Grade im Interesse der ganzen Bevölkerung liegt, ansgeschlossen. Daß die Maurer die Kündigung einreichten, war doch nur korrekt, denn sie konnten nicht wissen, zu welchem Ergebnisse die Unterhandlungen führen. Dadurch wollten sie eintretenden Falls eine ordnungsmäßige Lösung des Arbeitsver⸗ hältnisses ermöglichen. Mit dieser ihrer Er⸗ klärung haben sich die Unternehmer erneut in's Unrecht gesetzt; hoffentlich sorgen die Arbeiter dafür, daß die„Machtfrage“ nicht zu ihren— der Arbeiter— Ungunsten entschieden wird. Zur Landtagswahl in Gießen⸗Land. Die zweite Kammer hat die Wahl des Abg. Leun für Gießen-Land in ihrer Sitzung am Dienstag für gültig erklärt. Lesern sind die bei dieser Wahl vorgekommenen groben Verstöße bekannt, welche nach unserer Meinung die Ungültigkeitserklärung unbedingt hätten herbeiführen müssen. Auch nach dem Votum der Kammer haben wir kein Wort von dem zurückzunehmen, was über diese Wahl in unserer vorletzten Nummer ausgeführt ist. Durch diesen Beschluß wird das Ansehen des Landtags gewiß nicht gefördert; der Landtag sollte ein für allemal jede Wahl kassieren, bei welcher Gesetzes⸗ verletzungen vorgekommen sind. Herr Leun hat also in dieser Sache den Sieg davongetragen; er bleibt Abgeordneter und findet es nicht im mindesten anstößig, ein Mandat auszuüben, dessen Rechtmäßigkeit mit guten Gründen bestritten werden kann.— Zu dieser Angelegenheit schreibt man uns: 1 Es ist erreicht! Endlich hat Herr Bürgermeister Leun- Großenlinden das mit„heißem Bemühen“ erstrebte Ziel, den Hessischen Landtag zu zieren, erreicht. Es ist dem wackeren Manne sauer geworden; erst seine antisemitischen Freunde über den Löffel barbieren(der arme Herr Hirschel dauert uns heute noch), dann den„Irrtum“ des Sohnes des Heuchelheimec Glöckners, welcher die Uhr„verseh entlich vorgestellt hatte, dem „Hohen Landtage“ plausibel zu machen; wie ein Hausirer von Haus zu Haus zu laufen und sich die famose Bescheinigung ein Anzahl Leute „Sie würden nicht gewählt haben“ zu verschaffen, — alles dieses zusammengenommen erfordert einen so hohen Grad von— sagen wir Kleb— kraft am Mandätchen— daß wir Herrn Leun nur aufrichtig bewundern können. Der Hessische Landtag aber hat es fertig gebracht, eine ungesetzliche Handlung(pvorzeitiger Schluß des Wahlaktes) zu sanktionieren; wäre Herr Leun Sozialdemokrat, zweifelten wir doch sehr, ob sich Antisemiten, Liberale und Centrum so leicht hätten bereit finden lassen, dem klaren Wortlaut des Gesetzes ein Schnipp⸗ chen zu schlagen. Unser Genossen aber werden nicht versäumen, den Fall Leun agitatorisch zu verwerten und dem Volke zu zeigen, wie eine iedobe zweite Ständekammer“ die Gesetze„aus⸗ eat Holzarbeiter in Alsfeld! Am 1. Pfingstfeiertage, nachmittags 2/ Uhr, findet eine Versammlung bei Gastwirt Pfeffer statt, in welcher die Frage der Grün⸗ dung einer Zahlstelle des deutschen Holzarbeiter⸗ Verbandes besprochen werden soll. Bei der Be⸗ dieses Gegenstandes für die hiesigen Holzarbeiter ist deren vollzähliges Eescheinen dringend not⸗ wendig. Mögten sie endlich zu der Erkenntnis kommen, daß eine Besserung ihrer Lage nur durch Anschluß an die Organisation erreicht werden kann! Sorge jeder, soviel er kann, für guten Besuch der Versammlung! Immer noch die Zuchthausvorlage vor Gericht. Vor dem Münchener Schöffengericht standen am Freitag wegen groben Unfugs vier sozial⸗ demokratische Redner und die sozialdemokratischen Redakteure Abg. Adolf Müller, Schmidt und Strauß. Die Angeklagten hatten in Versamm⸗ lungen und in Zeitungsartikeln die„Zuchthaus⸗ vorlage“ mit Ausdrücken wie„Schandgesetz“, „Knebelgesetz“ ꝛc. bezeichnet. Ein Versammlungs⸗ redner wurde zu 20 Mk., die Redakteure Schwarz und Schmidt zu je 50 Mk. Geldstrafe verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. In dem Erkenntnis heißt es, eine Kritik, selbst eine sehr scharfe Kritik sei noch nicht grober Unfug. Ein gemeines Verbrechen b wurde am Morgen des Himmelfahrtstages im Stadtwalde zu Frankfurt verübt. Dort hatte sich eine größere Anzahl Burschen, 15 bis 20 Mann, postiert, die das Publikum in der em⸗ pörendsten Weise belästigten. Die Passanten bekamen die gemeinsten Redensarten zu hören und wer dagegen opponierte, wurde obendrein verprügelt. Den Radfahrern und Droschken legten die Bürschchen große Baumstämme in den Weg, um die Leute auf diese Weise zu Fall zu Uaseren Die Uebe Mederride den erst Wolde zi wurden n. Tage noch nach Fra gebracht, g Heinen aus Ne ein. Eir bevor, Die jcht auf einem Pr. in Konitz Bochtet u schaft ver geblich u haben un ein. He Leiche b alles. sammenh Leichente geben ha Geziehun würden. der Hast lat erwi, Einf Huudisch Auerkenn Vgahlun, gebt das die Plage kummen das ind neben der bei diese nkbeneing eich a Vrrschiede das fend 5 0 füochen mig — r Heibt kun⸗ ühen“ zieren, auer e über irschil tum“ velcher „dem wie n und Leute affen, ordert leb⸗ Herrn Der rracht, eitiger wäte r doch e und lassen, tipp⸗ herden orisch eine „auz⸗ — 2 Uhr, wirt Grün⸗ heiter er Be⸗ beiter ) ot⸗ untnis e nur reicht ö n, füt Nr. 23. bringen. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Aber sie begnügten sich nicht bloß mit diesem groben Unfug, sondern sie verübten auch schwere Verbrechen. Einen Buchbinder schlugen sie ohne allen Grund, daß er die Flucht ergreifen mußte. Als morgens gegen 3 Uhr ein Trupp Frankfurter Herren mit einigen Damen die Schneise zwischen Oberschweinsstiege und Schieß⸗ stände passierte, fielen die rohen Gesellen über die Gesellschaft her und mißhandelten sie so, daß sie ebeafalls die Flucht ergreifen mußte. Einem der Herren rissen sie seine Braut vom Arme weg, schleppten sie in das Gebüsch, wo sie von acht der Burschen vergewaltigt wurde. Um das Mädchen am Schreien zu hindern, hielt ener nach dem andern ihr den Mund zu. Nach verübter Schandthat nahmen die Buben ihrem Opfer noch das Portemonnaie und die Ringe. Die Ueberfallenen verständigten hierauf den Niederräder Gendarm dem es dann gelang, den ersten der Sittlichkeitsverbrecher noch im Walde zu verhaften. Im Laufe des Tages wurden noch die acht Hauptverbrecher, am andern Tage noch einige ihrer Complizen verhaftet und nach Frankfurt in das Untersuchungsgefängnis gebracht, wo sich jetzt im Ganzen elf dieser ge- meinen Burschen befinden. Sie sind sämmtlich aus Niederrad und sollen Söhne achtbarer Eltern sein. Eine exemplarische Bestrafung steht ihnen bevor. Zum Mord in Konitz. Die Aufsehen erregende Mordaffaire bekommt jetzt auf einmal ein anderes Aussehen. Nach einem Privattelegramm der„Volksztg.“ wurden in Konitz der Fleischermeister Hoffmann und Tochter wegen dringenden Verdachts der Thäter⸗ schaft verhaftet. Der ermordete Winter soll an⸗ geblich mit der Tochter geschlechtlich verkehrt haben und vom Vater dabei überrascht worden sein. Hoffmann soll Winter erschlagen und die Leiche beseitigt haben. Die Tochter bestreitet alles. Hiermit würde in einem gewissen Zu⸗ sammenhang stehen, daß die Untersuchung der Leichenteile des Ermordeten Anhaltspunkte er⸗ geben haben sollen, die auf Letzteren in sittlicher Beziehung gerade nicht das beste Licht werfen würden. Hoffmann wurde jedoch wieder aus der Haft entlassen, obwohl seine Unschuld nicht klar erwiesen war. Ebenso seine Tochter. Ein fideler Pilgerzug. Ein slovakisches Bauernmädchen in Ungarisch⸗ Hradisch hatte einen 24 jährigen Burschen auf Anerkennung der Vaterschaft ihres Kindes und Bezahlung von Alimenten verklagt. In der Klage giebt das Mädchen an, der Beklagte habe, als die Pilger, die zur Firmung nach Kremsier ge⸗ kommen waren, im Brauhaussaal übernachteten, das Kind gezeugt. Der Beklagte leuguete nicht, neben dem Mädchen gelegen zu haben, wie ja bei dieser Pilgerfahrt Männlein und Weiblein nebeneinander übernachteten. Er habe sich auch, gleich anderen Pilgern, mit seiner Nachbarin verschiedene derbe Scherze erlaubt, der Vater des Kindes sei aber nicht er, sondern ein anderer Bauernbursche, der der andere Schlafnachbar des Mädchens war. Die Klägerin mußte dies auch wirklich als möglich zugeben. Die Folge war, daß die Klage zurückgewiesen wurde, und die Klägerin wird sich nun unter den andern Pilgern den richtigen aussuchen müssen. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 31. Mai. Partei⸗Versammlung. Eine stark be⸗ suchte Partei⸗Versammlung fand am 26. Mai im Lokale des Herrn Müller statt. Genosse Vetters⸗Gießen hielt einen beifällig aufgenommenen Vortrag:„Zum 25 jährigen Parteijubiläum“, welchem sich eine kurze Diskussion anschloß.— Die Abrechnung des Vertrauensmannes für die Zeit vom 1. November 1899 bis 31. Mai 1900 gestaltet sich folgendermaßen: Einnahme 79, 75 Mk., Ausgabe 48,69 Mk., Bestand 31,07 Mk. Be⸗ mängelt wurde der geringe Verkauf an Partei⸗ marken und wurde der Wunsch ausgedrückt, den regelmäßigen Parteibeitrag um 50 Pfg. halb⸗ ährlich zu erhöhen.— Die Abrechnung der Kol portagekommission ergiebt für das 1. Quartal 1900 eine Einnahme von 265,70 Mk., Ausgabe 232,32 Mk., Ueberschuß 33,38 Mk. Pflicht der Parteigenossen sei es, unausgesetzt für die Werbung neuer Abonnenten für die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ thätig zu sein. Mit der Re⸗ vision der Abrechnungen wurden drei Genossen betraut.— Unter Verschiedenes wurde ein An⸗ trag eingebracht, auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen:„Gründung eines Wahlvereins“. Nach kurzer Debatte wurde dieser Antrag zurückgezogen und einstimmig der Antrag angenommen,„Unsere Parteiorganisation“ auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen.— Vom Vertrauensmanne wurde die schwache Betheiligung am Ausflug, welcher am Himmelfahrtstage stattfand, gerügt. Die Disziplin müßte vor allen Dingen in unseren Reihen hoch⸗ gehalten werden. Veranstaltete die Partei etwas, so sollten sich die Genossen auch daran be— theiligen.— Wünschenswerth wäre es, wenn die künftigen Versammlungen ebenso zahlreich besucht würden. Zeit für die Marburger Ge⸗ nossen wird es endlich auch, die Lauheit abzu⸗ streifen und mit zu raten und zu thaten, damit auch wir jederzeit gerüstet und kampfbereit da⸗ stehen. — Einen Schatz entdeckten vor einigen Tagen einige Spaziergänger im Walde in der Nähe von Dreyers Quelle. Eingegraben in der Erde waren mehrere Flaschen Wein und Kognak, welche aus einem Hause der Ockershäuser Allee stammen sollen. — Während der Pfingstfeiertage treffen sich die Genossinnen und Genossen am ersten Pfingstfeiertage nachmittags in Wehrda, abends bei Jesberg. Am zweiten Feiertage nachmittags von 4 Uhr ab in Bückings Garten, dortselbst findet ein kleines Preiskegeln statt. Der Vertrauensmann. Kleine Mitteilungen. * Leihgestern. Vom Schlachtfeld der Arbeit. Im Gießener Braunsteinberg⸗ werk verunglückte der Zimmermann Wilhelm Ulm aus Allendorf. Er erlitt einen Beinbruch und mußte sofort nach Gießen in die Klinik verbracht werden. ** Wetzlar. Plötzlicher Tod. Von dem Bahnwärter am Neustädter Bahnübergang wurde am Dienstag Mittag der Kaufmann und Landwirt Heinr. Luy tot in seinem eigenen, führerlos heimkehrenden Wagen gefunden. Luy, der offenbar einem Schlaganfalle erlegen ist, war am Morgen mit seinem Fuhrwerk ausgefahren. Der Verstorbene genoß allgemeine Achtung. * Marburg. Auf Anregung des Ober⸗ hessischen Lehrerbundes werden an der hiesigen Universität Vorlesungen für Volksschul⸗ lehrer eingerichtet. Bisher haben sich die Professoren Natorp, von Below und Schröder zum Halten derselben bereit erklärt. ** Mainz. Zur Abhaltung des diesjährigen hier stattfindenden sozialdemokratischen Parteitags hat die Stadt Mainz dem Komitee die Stadt⸗ halle vom 16.— 23. September überlassen. * Pfarrer gesucht! Die katholische Pfarrstelle zu Obererlenbach war mit Meldefrist bis zum 5. Mai zur Besetzung aus⸗ geschrieben. Die Hoffnung, sie werde lebhaft umworben, hat sich nicht erfüllt, denn es fand sich gar kein Liebhaber, weshalb die Kon⸗ kurrenzeröffnung im kirchlichen Amtsblatt vor einigen Tagen erneuert wurde. * Frommer Betrüger. Der Kassierer der evangelischen Kirchengemeinde zu Kalk a. Rh. ist laut der„Köln. Vztg.“ nach Unterschlagung von 13 000 Mark Kirchengeldern geflüchtet. Reehtssprechung. §S Ein Streik grober Unfug. Das Register der groben Unfugsdelikte war zwar schon überaus reichhaltig und mannigfaltig, aber dem Rixdorfer Amtsanwalt Conrad ist es doch ge⸗ lungen, dasselbe um eine Glanznummer zu be⸗ reichern, iudem er den Streik selbst, eine durch das Reichsgesetz völlig legitimierte Handlung, — als groben Unfug erklärte. Es handelte sich um die Anklage eimes Tischlers wegen Vornahme einer Streiksammlung, wobei der Amtsanwalt ausführte:„Sei ein Streik an und für sich schon ein grober Unfug, so sei es noch viel mehr das Sammeln zu Gunsten eines Streiks. Deshalb seien die Angeklagten zu einer Geldstrafe zu verurteilen. Eine öffentliche Kollekte läge zweifel⸗ los vor. Das Gericht verurteilte einen der An⸗ geklagten zu 10 Mk. Geldstrafe, sprach aber die anderen frei. Der Vorsitzende hob in der Be⸗ gründung des Urteils besonders hervor, daß das Gericht nicht mit dem Amtsanwalt in jeder Streiksammlung groben Unfug sehen könne, es gäbe manche sehr berechtigte Streiks. Ob dem Amtsanwalt wohl der§ 152 der Gewerbeordung überhaupt bekannt war? — 22 Be ssiseher Landtag. Zweite Kammer. In der Sitzung vom 29. Mai wird zunächst eine Adresse an den Großherzog angenommen und dann in die eigentliche Tagesordnung eingetreten. Der folgende Gegenstand, die Wahl des Abg. Leun in Gießen⸗Land giebt dem Abg. Cramer Ver⸗ anlassung, seine prinzipielle Stellung nochmals klar zu stellen und zu bemerken, daß Abg. Pennrich den gleichen Standpunkt einnehme. Abg. Da vid, dem das Material zur Verfügung steht, bestreitet, daß das vorliegende Material zu einer Ungiltigkeitserklärung nicht ausreichend sei. Abg. Schmeel(natl.) sucht mit juristischer Rabulistik die vom Abg. Cramer und Abg. David in Zweifel ge⸗ zogene Glaubwürdig'eit nachzuweisen. Wenn auch seine Argumente schwach sind, der Majorität genügen sie, um die Wahl für giltig zu erklären. Die Abgg. Weidner und Wolf, sewie Graf Oriola erklären sich für die Giltigkeit, während Abg. Ulrich mit großer Schärfe für die Ungiltigkeit spricht. Abg. Schlenger(Ztr.) ist entgegen seinem Frak⸗ tionsgenossen Pennrich für die Giltigkeit. Abg. Weidner zieht sich einen Ordnungsruf zu, weil er den Abg. Ulrich der Unwahrheit bezichtigt, ein Schicksal, das auch der Abg. Ulrich mit ihm teilte. Abg. Seelinger ist für die Giltigkeit. Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Graf Oriol a und Ulrich empfiehlt der Berichterstatter Backes die Giltigkeit, die auch gegen 8 Stimmen ausgesprochen wurde. Die Regierungsforderung von 50000 Mark als Bei- trag für Errichtung von Lungenheilanstalten wird nach längerer Debatte, an welcher sich die Abgg. Ulrich, Reinhardt, Molthan, Graf Oriola, sowie der Staats⸗ minister befürwortend beteiligen, angenommen. Im weiteren Verlaufe der Sitzung werden eine Reihe von Forderungen für Um- und Erweiterungsbauten von Staatsgebäuden, u. a. für die Kliniken in Gießen und die Blindenanstalt in Friedberg genehmigt. Die Abänderung des Gesetzes vom 7. Juli 1896, die Entschädigung für an Milz⸗ und Rauschbrand gefallener Tiere betreffend, ist, wie es scheint, nach dem Wunsche der Landwirte geschehen, und wird die Vorlage nach un⸗ wesentlicher Debatte nach den Ausschaßanträgen gut⸗ geheißen, dabei wird gleichzeitig der Betrag von 8700 Mark an Mehrforderung für Entschädigung von ge⸗ fallenen Vieh bewilligt. Als Beitrag zur Errichtung einer Lungenheilanstalt für Frauen fordert die Regierung 50000 Mark, der Ausschuß ist für Bewilligung. Abg. Schröder ist mit vielem„wenn“ und„aber“ gegen die Bewilligung. Abg. Ulrich erklärt im Namen seiner Freunde, daß sie, trotzdem die Anregung zu der zu errichtenden Anstalt von der Großherzogin und nicht, wie sie wünschten, vom Staate ausgegangen sei, für eine derartige Bewilligung eintreten würden, selbst wenn der Betrag die doppelte Höhe erreichen sollte. Staatsminister Rothe wünscht, daß die Forderung bewilligt wird und bemerkt, die Regierung hätte beabsich⸗ tigt, statt 50 000 Mk. selbst 100.000 Mk. zu gewähren. Die Forderung wird einstimmig genehmigt. Pafrtei⸗Hachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 2. Juni: Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Wieseck. Versammlung des Verbandes der gewerbl. Hilfsarbeiter abends 9 Uhr bei Gastwirt Hch. Keller. Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 9 Uhr bei L. Th. Mandler. Sonntag, 3. Juni: Alsfeld. Wahlverein nachm. 2½ Uhr Mitglieder⸗ versammlung bei Gastwirt Pfeffer. Tagesordnung: 1. Aufnahme und Einzahlung; 2. Vortrag; 3. Ver⸗ schiedenes. Dienstag, 5. Juni: Gießen. Kartellsitzung abends ¼9 Uhr bel Orbig. Krieg in Südafrika. Der Kommandant Krause von Johannisburg übergab die Stadt an Lord Roberts. Auch von den Forts um Pretoria sind alle Truppen zu— rückgezogen. Präsident Krüger soll gefangen sein. . 2 — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 23. Anterhaltungsteil. Wappenspruch. Wer heucheln kann und schmeicheln, Nicht fragt, warum und wie, Den werden Alle streicheln Ob seiner Bonhomie. Wer aber wahr und offen (Sie sagen: unverschämt), Der wird vom Bann getroffen, Geüchtet und verfehmt. Das scheue Schweifgewedel, Mir ist es eitel Luft. Den Edlen nenn ich edel, Den Schlechten nenn ich Schuft. Kommt an! Ich steh und habe Ans Schwert die Hand gepreßt Und halte bis zum Grabe Am Freiheitsbanner fest. St. v. d. March. In Fesseln. 3] Novelle von Elise Schweichel. „Das ist ein falscher Schluß“, sagte Johanna ruhig, während sie dem Bruder den Ueberrock anziehen half und ihm Hut und Steck reichte. „Wann sollte ich wohl ein Buch vornehmen, und was würde aus uns werden, wenn ich's thäte?“ N Sie hatte es kaum gesagt, so bereute sie es auch. Julius' Gesicht verzerrte sich krampfhaft, und den Arm der Schwester, den er schon er— griffen, loslassend, und sich fest auf seinen Stock stützend, keuchte er:„Das soll wohl heißen, daß ich ein Tagedieb bin, daß ich nicht genug ver— diene—“ „Aber, bester Julius, ich bitte Dich, welche Anwandlung!“ suchte Johanna ihn zu begütigen. „Kannst Du etwa an meiner Statt kochen und flicken? Nun siehst Du, wie ungerecht Du bist und wie unnütz Du Dich aufregst. Komm, komm, die Abendröte verglüht und die Luft wird kalt. Ich habe Dir auch noch etwas zu erzählen.“ Julius folgte willig wie ein Kind, als die Schwester jetzt seinen Arm unter den ihrigen nahm und ihn hinausführte. Als sie aus ihrer Wohnung in den Haus⸗ flur traten, huschte ein weibliches Wesen vor ihnen her, das sich leicht wie ein Vogel auf die Brüstung des offenen Flurfensters schwang und, dessen Kreuz umfassend, sich rücklings weit hinaus⸗ bog, so daß Kopf und Brust dem Blick ent⸗ schwanden. Im Nu war Johanna an dem Fenster, die Waghalsige umfassend und zurückziehend, die, aus vollem Halse lachend, sich Johannas Armen willig überließ. Als Julius, ebenfalls ersch reckt, heran- kam, stand sie, immer noch lachend, bereits auf ihren Füßen. Es war das feltsamste Persönchen, welches man sehen konnte. Sie mochte etwa siebzehn⸗ jährig sein und sah auf den ersten Blick wie ein verkleideter Knabe aus. Dazu hatte sie was Fremdartiges. Worin dies lag, darüber konnte man sich nicht sogleich Rechenschaft geben. In seinen Einzelheiten betrachtet, war das runde, von der Farbe der Gesundheit strahlende Gesicht nit dem kecken Näschen und dem schwellenden, purpurroten Munde, der nur zum Lachen schien, end dabei zwei Reihen der zierlichsten Zähnchen enthüllte, ein durchaus deutsches. Das Fremd⸗ artige mußte, wie Johanna meinte, in den Augen liegen, die vom tiessten, glänzenden Schwarz, wie Feuerfliegen hin⸗ und herhuschten, während ihr mandelförmiger Schnitt ihnen etwas Müdes sast Schläfriges gab. Das Haar trug die Kleine kurz geschnitten und in dicken natürlichen Locken wirr um den Kopf hängend, was den Eindruck des Knabenhasten noch verstärkte. In⸗ dessen wieder sprachen diesem die schon völlig ent⸗ wickelten weiblichen Formen der kleinen Gestalt, und als das Mädchen jetzt vor den Geschwistern stehend, mit den zierlichen braunen Fingerchen an dem Ledergürtel nestelte, der die Blousentaille ihres erdbeerroten Kattunkleides zusammenhielt, da schaute ihr der koketie Schalk aus allen Poren. „Aber, mein liebes Kind, was soll das be— deuten? Wie leicht hätten Sie hinunterstürzen können!“ sagte Johanna in freundlich verweisendem Tone.„Sie haben uns sehr erschreckt.“ b „Das wollte ich ja eben!“ rief das zierliche Geschöpf mit koboldartigem Lachen und klatschte in die Hände. „Sie wollten das!— Es ist nicht hübsch, Leute absichtlich zu erschrecken.“ „Ich that es ja nur, um Ihre Bekantschaft zu machen,“ schmollte das Mädchen.„Ich wün schte es mir so sehr und wußte nicht, wie ich es anders anstellen sollte. Ich wollte so gern mal einen Schriftsteller in der Nähe sehen,“ setzte sie hinzu, indem sie blitzschnell nach Julius und dann auf die Spitzen ihrer mit ziemlich ver⸗ tragenen Schuhen bekleideten Füßchen schaute. Julius wurde mehr und mehr interessiert. „Warum kamen Sie denn nicht geradewegs zu uns, mein kleines Fräulein?“ fragte er.„Ihr Besuch hätte uns großes Vergnügen gemacht.“ „Ach lieber gar! Ich hätte mich doch nicht getraut.“ 5 „Welche Thorheit! Meinen Sie denn, ein Schriststeller verschlinge schöne Mädchen? Darf man nach Ihrem Namen fragen, und ob Sie eine Mitbewohnerin dieses Hauses sind?“ „Mein Gott ja, wir wohnen hier oben, und ich heiße Suschen Cham— nein, ich schäme mich, es zu sagen. Es ist zu dumm, einen solchen Namen zu haben“ Dabei stampfte sie ärgerlich mit dem Fuße und setzte den rosigen Mund schmollend auf. Die Geschwister sahen sich verwundert und belustigt an. „Nur Mut,“ sagte Johanna.„Für seinen Namen kann man nichts. Also sie heißen Sus⸗ en 2 5„Champagner!“ tönte es von den schon wieder lachenden Lippen, und es war, als ob man den Pfropfen knallen und das perlende Naß in die Luft sprühen hörte. „Champagner? Wirklich, Champagner? Ein toller Name,“ rief Julius.„Ganz wie für Sie geschaffen.“ „Finden Sie?“ fragte Suschen mit einem koketten Seitenblick.„Nun, dann gefällt er mir auch. Aber wissen Sie, eigentlich ift es gar kein Name. Sie haben meinen Großvater nur so zum Spott genannt, weil er von einem Fran⸗ zosen stammt,, der damals, Sie wissen schon, in der großen Schlacht dabei war.“ „Ha, ha,“ lachte Julius, eine interessante Herkunft! Da ähneln Sie wohl Ihrem Urgroß⸗ vater? Ein Atavismus in der schönsten Form.“ „Nun, Fräulein Suschen, wir sprechen uns bald wieder,“ machte Johanaa der Unterhaltung ein Ende.„Laß uns gehen, Julius; wir haben uns schon zu lange aufgehalten.“ Bruder und Schwester boten ihrer neuen Bekanntschaft zum Abschiede die Hand, in die sie kräftig einschlug, und stiegen die Treppe hinab. „Famoses, kleines Geschöpf!“ sagte Julius, als sie im Freien waren.„Wer sie nur eigent⸗ lich ist?“ „Mir fällt jetzt ein, daß ich den drolligen Namen Champagner schon im Hause gehört habe,“ äußerte Johanna.„Ich glaube, die Wäscherin auf dem Hofe heißt so; dann wird das Mädchen wohl zu dieser gehören.“ „Diese Verwandtschaft ist nun weniger in⸗ teressant,“ meinte Julius etwas ernüchtert. „Aber gleichviel„Hans, wir müssen das reizende kleine Ding zu uns einladen. Solch einen lachen⸗ den Kobold können wir in unserer melancholischen Häuslichkeit brauchen.“ „Ach, die ist nicht blöde, die kommt auch ohne Einladung. Das war doch nur Redens⸗ art, wenn sie sagte, sie traute sich nicht.“ „Französisches Blut und dazu, Suschen Champagner! Köstlich, köstlich! Das ist eine Romanfigur, wie man sie nur abzuschreiben braucht; die muß ich studieren.“ Er konnte seine Gedanken von der Begegnung mit dem pikanten Kinde nicht losreißen, bis 9 Johanna ihnen eine andere Richtung gab. „Ich sagte dir schon,“ begann sie,„daß ich dir noch etwas zu erzählen hätte. Eine gute Nachricht.“ „Nun?“ fragte Julius zerstreut. „Es schickte heute eine Baronesse Rappenbach zu mir in die Schule und ließ mich fragen, ob ich eine größere Stickerei, die aber Eile hätte, übernehmen wollte. Ich habe natürlich ange⸗ nommen.“ „Natürlich.“ „Morgen bin ich zu der Baronesse bestellt.“ „Fordere nur einen gehörigen Preis; sei nicht zu bescheiden, wie früher.“ Ein Schritt, welcher auf der einsamen Land⸗ straße hinter ihnen herkam, machte die Geschwister aufhorchen. Johannas Herz stand still; sie hatte ihn so⸗ gleich erkannt, und auch Julius schien auf der richtigen Spur, denn er schielte seine Schwester verstohlen an, um in ihren Mienen die Be⸗ stätigung seiner keineswegs freudigen Vermutung zu lesen. „Guten Abend, Kinder!“ sagte jetzt eine klangvolle Männerstimme dicht hinter ihnen. „Macht Ihr noch so spät die Landstraße unsicher?“ Anton Eberhard, denn er war es, streckte jedem eine Hand entgegen, indem er vollends gegen die Beiden herankam. „Mir scheint vielmehr, daß du sie unsicher machst. Du übersällst ja die Leute.“ Aus diesen scherzhaft sein sollenden Worten llang deutlich Julius' üble Laune heraus. Anton überhörte sie geflssentlich und begann, an Jo⸗ hannas Seite weiter schreitend, sogleich zu er— zählen, warum er die Geschwister in der neuen Wohnung noch nicht besucht hatte. Er wäre mehr als gewöhnlich beschäftigt, verdiene aber auch ein schönes Stück Geld. Rechte Freude hätte er aber nicht darag, wenn er die Misere seiner weniger glücklichen Kameraden in Betracht zöge. „Ja, wie kannst du dich aber auch mit denen vergleichen?“ fiel Julius ach selzuckend ein.„Es ift doch ganz natürlich, daß der unwissende, rohe Arbeiter, der nur bestimmte mechanische Hand⸗ griffe verrichtet, nicht wie ein gebildeter, intelli⸗ genter Arbeiter bezahlt werden kann.“ „So sollte er wenigstens relativ so gut bezahlt werden,“ erwiederte Anton.„Mit den mecha⸗ nischen Handgriffen, von denen du so gering⸗ schätzig sprichst, verausgabt der Mann seine Kör⸗ perkraft, und was er dafür erhält, reicht nicht hin, sie ihm wieder zu ersetzen.“ „Um Gotteswillen,“ rief Julius,„bleibe mir nur mit deinen sozialistischen Tiraden vom Leibe. Du weißt, die sind mir ein Greuel. Es giebt nichts Nüchternes, Poesieloseres, als Eure Magen⸗ frage. Du kannft nicht verlangen, daß ich mich dafür begeistere.“ „Und doch wäre es eines Schriftstellers der Gegenwart nicht unwürdig, der wichtigsten Frage der Zeit seine Teilnahme zuzuwenden. Mich dünkt, er vor allem hätte die Aufgabe sich damit zu beschäftigen und sie von ihren idealen Ge⸗ sichtsppunkten— denn sie hat entschieden auch solche— poetisch darzustellen.“ „Ideale— ideale Gesichtspunkte!“ höhnte Julius. Anton beachtete es nicht. „Bift du mit Deiner neuen Arbeit schon weit vorgerückt?“ fragte er nach einer Weile. Julius antwortete nicht gleich. „Nein, nicht weit,“ sagte er dann mürrisch. „Unsereins kann nicht nach der Elle produzieren; eine Geistesarbeit läßt sich nicht wie Maschinen zwingen.“ Johanna warf Anton einen bittenden Blick zu, so daß dieser das Thema fallen ließ. „Wir müssen umkehren,“ sagte sie.„Es wird für dich zu weit, Julius, und Anton wird doch noch unsere Wohnung sehen wollen.“ „Heut nicht mehr,“ versetzte dieser.„Ich komme in den nächsten Tagen heraus. Aber nun müssen Sie mir noch etwas von sich erzählen, Fräulein Johanna. sehr fleißig?“ Was machen Sie? Immer 14 N J assen del mache Gurdfüi nahn Ant versunken Aöschied Johan unerwatte 36s Juner sie ihn b die Danl. Benehmen über, du denen f waren— fein offen verwandte dels das und bei Ungebun, Vohlthue Mittel b ein einfa sich ohne vom Jür freund i und die ihn um Alles de — Bitte me iue Schaufenster zu beachten Land⸗ wister hn so⸗ uf der wester e Be⸗ utung elne ihnen. cher 90 stteckte Alends isicher Vorten Anton u Jo⸗ zu er⸗ neuen wäre le aber Fteude Misere tracht denen „Es e, tohe Hand⸗ intel bezahlt mecha⸗ gering⸗ ne Kör⸗ t nicht ibe mir Leibe, ; giebt Magen- ich mic ers det zes Innere aufgewühlt. Nr. 23. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Nachdem Johanna Auskunft gegeben, wollte das Gespräch nicht recht von der Stelle. Das Abenddunkel hatte sich herabgesenkt, nur am westlichen Horizont teilte das leichte graue Ge— wölk einen citronengelber Streifen, gegen den die flache Landschaft fast schwarz erschien. Das Quacken der Frösche auf den sumpfigen Wiesen klang in der Abendstille wie Glockengeläute. Zahllose Lichter punktierten die dunklen Häuser⸗ massen der vor ihnen aufragenden Stadt. Vor der ersten Wohnstädte derselben, Herrn Bartels Grundstück, dem neuen Heim der Geschwister, nahm Anton, der die letzte Strecke in Gedanken versunken zurückgelegt hatte, einen kurzen, hastigen Abschied. 12 5 Johanna verbrachte eine schlaflose Nacht. Die unerwartete Begegnung mit Anton hatte ihr gan— Sie wußte längst, daß sie ihn liebte. Wieviel Anteil an dieser Liebe die Dankbarkeit hatte für Antons großmütiges Benehmen der Familie desjenigen Mannes gegen⸗ über, durch den sein Vater ruiniert und seine eigenen stolzen Zukunftspläne zerstört worden waren— wer mag es sagen? Indessen hatte sein offenes, ehrliches, energisches Wesen von jeher verwandte Saiten in ihrer Brust berührt; sie hatte stets das unbedingteste Vertrauen in ihn gesetzt und bei der Schwäche und Haltlosigkeit ihrer Umgebung dieses Vertrauen als etwas Süßes, Wohlthuendes empfunden. Als er plötzlich aller Mittel beraubt, trotz seiner tüchtigen Vorbildung ein einfacher Arbeiter hatte werden müssen und sich ohne Klage darin geschickt hatte, war der vom Jüngling zum Mann heranreifende Jugend⸗ freund immer höher in ihrer Achtung gestiegen und die Schuld ihres unglücklichen Vaters gegen ihn um so tiefer von ihr empfunden worden. Alles das hatte das Gefühl gezeitigt, welches jetzt ihre ganze Seele ausfüllte und das sie wie ein köstliches Gut still in sich verschloß. (Fortsetzung folgt.) Sprüche zur Lebensweisheit. Bei diesem ewigen Rüsten Wird's so bald mit uns steh'n: Ein Theil des Volks wird fechten, Der and're fechteu geh'n! 1 Glaßbrenner. Nur vorwärts frisch und frei den Blick, Darfst ihn nicht trübe senken: Dir ward beschieden Dein Geschick, Doch selber kannst Du's lenken. 1 W. Hasenclever. Die meisten tragen die Vaterlandsliebe wie ihren Rock— aus feinem, gutem Stoffe, aber haltbar erst dadurch, daß er mit einem ordinären Gewebe gefüttert ist, nämlich mit dem Hasse oder der Geringschätzung gegen die Frem e. Münch. Gemeinnüghiges. Um den Branntwein schnell alt zu machen, setzt man auf je ein Liter jungen Branntwein 5—6 Tropfen Salmiakgeist zu und schüttelt stark um. In wenigen Tagen wird der Branntwein seine Härte verlieren und gerade so gut, wie abgelagertes Produkt sein. Dieser Zusatz ist der Gesundheit durchaus nicht nachteilig. — Vorsicht! Die Zeit des Keimens der alten Kartoffeln ist wieder gekommen. Wer mit derartigen Kartoffeln jetzt zu thun hat, achte sorgfältig darauf, daß sich an den Händen keinerlei Verletzung, sie sei auch noch so un⸗ bedeutend, befindet, da sich dadurch das in den Keimen befindliche Nachtschattengift der sonst so nützlichen Knollenfrucht auf den menschlichen Körper übertragen und zu schweren Krank- heiten, ja, zum Tode führen kann. Humoristisches. Versehen. In der Kirche des Zellengefängnisses zu Haftburg ift der Prediger eben zu Ende und nun soll der Gesang beginnen. Durch einen Irrtum ist der „Gemeinde“ aber eine unrichtige Seite im Gesangbuch angegeben worden, und so ertönt es im Chor der Anstaltsgenossen: „Bis hierher hat uns Gott gebracht In seiner großen Güte.“ * Arbeiterschutz.„Sagen Sie mal, werden wir nicht um das große Transmissionsrad drüben eine Sicherheits- vorrichtung machen lassen müssen?“—„Ach, das ist wohl nicht nötig, Herr Direktor,— die Leute sind ja alle schon in der Krankenkasse.“ Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. Für Gewerkschaften und politische Vereine besonders angebracht erscheint der im Verlage der Buch⸗ handlung Vorwärts erschienene Führer durch das In⸗ validenversicherungsgesetz(Preis 25 Pfg.), der das Gesetz nach der Materie, nicht nach der Reihenfolge der Paragraphen behandelt. In 5 Hauptfragen, durch zahl- reiche Untertitel übersichtlich geordnet, wird der ganze Inhalt des Gesetz erklärt: J. Wer ist versichert? II. Wo ist man versichert? III. Wie erreicht man den Versicherung-Auspruch? IV. Worin besteht der durch die Versicherung erworbene Anspruch? V. Wie wird der Versicherungs⸗-Anspruch geldend gemacht? Je mehr die Versicherung⸗Gefetze praktische Bedeutung er⸗ halten und je umfangreicher sie werden, umsomehr werden für die Arbeiter solche Führer durch das Gesetz notwendig. 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