— 2 2 7 geetenbiue 5 Gießen 55 — Uhrmacher, eeuenbäue . Nr. 36. Gießen, Sonntag, den 2. September 1900. 7. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. ˖ Mitteldeuts che eit! 1 1 9 Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. .. Abonnements pre is: Bestellungen FJuserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Erpedition in Gießen, Son Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Neuenweg 28, jede die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33¼8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% ä Rabatt. Die deutschen Gewerkschaften im Jahre 1899. I. In der Nr. 33 des„Korrespondenzblattes“ veröffentlicht die Generalkommission die Statistik für 1899, welche in einer großen Anzahl Tabellen über Stärke, Einnahmen und Ausgaben, Leistungen der Gewerkschaften Auskunft giebt. Es bestanden Ende 1899 in Deutschland 55 auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Zentralverbände, während 1898: 57 solcher Organisationen vorhanden waren. Die Verbände der Goldarbeiter und der Holzarbeiter (Hülfsarbeiter) haben sich im Jahre 1899 dem Metallarbesterverband resp. dem Holzarbeiter— verband angeschlossen, wodurch die Verringerung der Zahl der Organisationen eingetreten ist. Der Verband der Eisenbahner veröffentlicht mit Rück— sicht auf die Gefahr, welche seinen Mitgliedern dadurch entstehen könnte, keine Abrechnungen und giebt die Zahl seiner Mitglieder nicht bekannt. Die Eisenbahnverwaltungen sind eifrigst bemüht, die Verbands mitglieder zu maßregeln und will der Verbandsvorstand nicht den Verwaltungen Hinweise geben, wo sie solche Mitglieder zu suchen haben. Aus den gleichen Gründen ist der Verband der Eisenbahner auch in der Ge⸗ werkschaftsstatistik nicht aufgeführt. Auch ein charakteristisches Zeichen dafür, wie in Deutsch⸗ land staatliche Verwaltungen die Rechte der Arbeiter achten. Die 55 Zentralorganisationen zählten ins⸗ gesamt 580473 Mitglieder, worunter 19 280 weibliche sich befinden. Gegenüber dem Jahre 1898 ist eine Zunahme von 89 100 Mit⸗ gliedern— 18,13 Prozent zu verzeichnen. Einschließlich der Mitglieder der Lokal⸗ vereine betrug die Zahl der gewerkschaftlich organi⸗ sierten Arbeiter: 1895: 269 956 Mitglieder, darunter 6 697 weibliche 1896: 335088„ 5 15265„ 1897: 417162„„ ee 8: 511242„***VVVf 1899: 596419„ e Seit 1894 ist ein ständiges Anwachsen der Gewerkschafts mitglieder vorhanden und von 1895 bis 1899 nahmen die Gewerkschaften an Mit⸗ gliederzahl um 325 551 oder 126,82 Prozent zu. Es ist dies eine Zunahme, die wohl durch die anhaltend günstige Konjunktur veranlaßt ist, jedoch sicher auch dadurch herbeigeführt wurde, daß die Arbeiterschaft Deutschlands in immer größerem Umfange die Notwendigkeit gewerk⸗ schaftlicher Organisation anerkennt. Die Zahl der Mitglieder ist in den einzelnen der 55 Zentralorganisationen sehr verschieden hoch. An erster Stelle stehen die Metallarbeiter mit 85013; dann folgen Maurer 74534; Holz⸗ arbeiter 62 570; Textilarbeiter 37617; Berg⸗ arbeiter 33 000; Buchdrucker 26 344; Zimmerer 23 719; Fabrikarbeiter 22 592; Tabakarbeiter 18 401; Schuhmacher 16 922; Schneider 12173; Bauarbeiter 11149; Steinarbeiter 10 000; Maler 9440; Former 8817; Handelshülfsarbeiter 8730; Brauer 8681; Porzellanarbeiter 8660; Hafen⸗ arbeiter 8587; Buchbinder 7631; Töpfer 5765; Lederarbeiter 5369; Böttcher 4920; und dann folgen die übrigen Berufe mit geringeren Zahlen bis herunter zu 300 Mitgliedern, welche die Organisation der Gärtner verzeichnet. Die Stärke der einzelnen Organisationen, sowie der gesamten Gewerkschaften ist jedoch nicht nach der absoluten Zahl der Mitglieder, sondern nach deren Prozentverhältnis zur Zahl der Berufsangehörigen zu beurteilen. Als organi⸗ sationsfähig wird man im allgemeinen die Arbeiter und Arbeiterinnen zu betrachten haben, welche im Alter von 18—60 Jahren stehen. Die Zahl derselben beträgt in den Berufen, welche für die Zentral organisationen in Frage kommen, 4 959 845, wovon 580 473, also nur(11,71) Prozent Mitglieder der Organ sationen sind. In einzelnen Orgauisationen ist selbstverständ⸗ lich ein weit höherer Prozentsatz der Berufsange— hörigen vereinigt, als der vorstehend genannte Durchschnitts satz, der sich für alle Organisationen ergiebt. Verhältnismäßig am besten sind die Bildhauer organisiert, 68,3 Prozent der in ihrem Berufe Beschäftigten sind Mitglieder ihrer Gewerkschaft. Den zweithöchsten Prozentsatz weisen die Buchdrucker mit 64,28 Prozent auf, dann folgen die Kupfer schmiede mit 45,86; Handschuhmacher 43,73; Glaser 29,75; Stukkateure 28,96; Porzellanarbeiter 27,03; Lithographen und Steindrucker 26,21; Schiffs⸗ zimmerer und Werftarbeiter 25,41; Maurer 24,38; Tapezierer 24,16; Buchbinder 23,14; Stein setzer 22,32; Böttcher 20,49; Töpfer 19,81; Hutmacher 19.76; Tabakarbeiter und Zigarren⸗ sortierer 19,47; Holzarbeiter 18,63; Metall⸗ arbeiter 16,62; Schuhmacher 15,10; Leder⸗ arbeiter 15,04; Former 14,96; Brauer 13.63; Maler 13,54; Fabrikarbeiter 13.07; Textil⸗ arbeiter 6,97; Bergarbeiter 6,89; Schneider 5,50 Prozent usw. Die Schwierigkeiten, die Arbeiter und Ar⸗ beiterinnen zur Organisation heranzuziehen, sind in den einzelnen Berufen verschieden groß. Es würde zu weit führen, dies des Näheren zu schildern. Es muß bei der Beurteilung der Organisationsfähigkeit der Arbeiter in den ein⸗ zelnen Berufen nicht nur das Arbeiten auf dem platten Lande in Berücksichtigung gezogen werden, sondern auch der Umstand, ob in dem Beruf der Kleinbetrieb in starkem Maße vorhanden ist. Nach den Berechnungen, welche die General⸗ kommission nach den Ergebnissen der Berufes⸗ zählung, unter Berücksichtigung dieser beiden Faktoren, gemacht hat, besteht die größte Schwie⸗ rigkeit bezüglich Organisierung bei den Müllern, Schmieden, Schuhmachern, Textilarbeitern und Schneidern. Dann solgen die Gärtner, Zimmerer, Tabakarbeiter und Maurer. Die günstigsten Verhältnisse nach dieser Richtung hin weisen die Buchdrucker, Lithographen und Stukkateure auf. Neben den Gewerkschaftsverbänden giebts in den verschiedensten Berufen noch Vereine und Ver⸗ bände gewerkschastlicher Natur. Es sind Ende 1899 außer den 15 946 Mitgliedern lokaler Vereine noch 86 777 Mitgliedern in den Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereinen und in den christ⸗ lichen Gewerkschaften 112 160 Mitglieder vor⸗ handen gewesen. Dazu kommen noch 68 994 Mitglieder in Vereinen, welche keiner dieser Organisationsgruppen angehören, sodaß im ganzen Ende 1899 in Deutschland 864 350 Arbeiter gewerkschaftlichen Vereinen und Arbeiterinnen nenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung Bei mindestens N irgend welcher Art angehörten. Für den ge⸗ werkschaftlichen Kampf kommen neben den Ge⸗ werkschastzverkänden die anderen Organisations⸗ gruppen wenig in Betracht. Die Hirsch⸗-Duncker⸗ schen Gewerkvereine wollen Frieden und Harmonie zwischen Kapital und Arbeit und auch die christ⸗ lichen Gewerkschaften sind auf grund der gleichen Tendenz in den letzten Jahren(hauptsächlich 1898 und 1899) gegründet worden. Es dürfte übrigens der Zweck, welchen die Gründer der christlichen Gewerkschaften erstreben, nämlich die auf dem Boden der modernen Arbeiter⸗ bewegung stehenden Gewerkschaften zu schwächen, nicht erreicht werden. Wie die Verhandlungen des letzten Kongresses, welchen sie am 3. Juni 1900 abhielten, zeigten, wollen die christlichen Gewerkschaften ernstlich an die Lösung der ge⸗ werkschaftlichen Aufgaben herantreten. Geschieht dies, so ist die Absicht der Gründer dieser Organi⸗ sation verertelt und ein Anschluß an unsere Ge⸗ werkschasten resp. ein gemeinsames Vorgehen eine Frage der Zeit. Der Fortschritt der deutschen Gewerk⸗ schaftsbewegung beruht auf der Stärkung der gewerkshaftlichen Zentralverbände, weil diese allein mit aller Energie bestrebt sind, den gewerkschaftlichen Kampf zu führen. Sie sind nicht nur doppelt so stark als alle anderen Organisationsgruppen zusammen, sondern sind durch fortgesetzte Verbesserung ihrer Einrichtungen und Srärkung ihrer Finanzen geeignet, die Mit⸗ glieder an der Orgamsation zu halten und den Unternehmern erfolgreich entgegentreten zu können. Es ist selbstverständlich auch hier noch vieles zu bessern. Besonders muß der Heranziehung der Arbeiterinnen zu den Gewerkschaften größere Aufmerlsamkeit geschenkt werden, weil ohne Anteilnahme derselben in vielen Gewerben ein Lohnkampf kaum noch geführt werden kann. Wenn auch einzelne Organisationen einen nicht unbeträchtlichen Teil der weiblichen Berufsange⸗ hörigen herangezogen haben, so muß doch im allgemeinen die Anteilnahme derselben an den Gewerkschaften als eine sehr mangelhafte bezeichnet werden. Auch in Bezug auf die Finanzen, die An⸗ sammlung größerer Fonds zur Führung des gewerkschaftlichen Kampfes, werden einzelne Or⸗ ganisationen nach Besserung zu streben bemüht sein müssen, wenn insgesamt auch auf diesem Gebiete die letzten Jahre erfreuliche Fortschritte brachten. Politische Bundschau. Gießen, 31. August. Die bürgerliche Presse. Früher hatten es die Herausgeber der reak⸗ tionaren Presse sehr bequem. Sie brauchten keine Angst zu haben, Pleite zu gehen, der Rep⸗ tilienfonds sorgte dafür, daß sie über Wasser blieben, sofern sie nur hübsch brav waren und sich hüteten, etwas in ihren Spalten aufzunehmen, was den Wünschen der preußischen Regierung zuwiderlief. Unsere Leser wissen, was der Rep⸗ tilien⸗ oder Welfenfonds zu bedeuten hatte. Man verstand darunter den aus den Zinsen des 1868 konfiszierten, 48 Mill. Mark betragenden Vermögen des hannoverschen Königs Georg V. 0 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 1 gebildeten Fonds, der, Bismarck zur Verfügung gestellt, von diesem dazu benutzt wurde, diejenigen Zeitungen finanziell zu unterstützen, welche für die preußische Raubpolitik eintraten, richtiger gesagt, eintreten mußten. Bismarck selbst nannte in seiner Rede vom 29. Januar 1869 diese käuflichen Zeitungsschreiber Reptilien(Kriech⸗ tiere), worauf die Bezeichnung„Reptilienfonds“ allgemein ward. Mit der Entlassung Bismarcks wurde auch der Reptilienfonds beseitigt; Caprivi wollte nicht mit solchen verwerflichen Mitteln arbeiten. Den Reptilien fonds sind wir nun los, aber die Reptilien sind geblieben. Jetzt züchtet sie der Zentralverband der In⸗ dustriellen, die Schlot⸗ und Kohlenbarone, Fabrikanten, Börsianer und Grundstücksspeku⸗ lanten. Für ihre Interessen arbeitet besonders der edle Mähre Schwein burg, der dafür ein riesiges Jahresgehalt bezieht. Seine„Reichs⸗ korrespondenz“, in der er die Ausbeuterinteressen verteidigen, die Arbeiterbewegung und die sozial⸗ demokratische Partei verdächtigen und beschimpfen und für Umsturz⸗ und Zuchthausgesetze Propa⸗ ganda machen muß, wird an zahlreiche kleine Provinzblätter, wie beispielsweise„Wetzlarer An⸗ zeiger“,„Oberhessische Zeitung“ ꝛc. versandt, von denen die Schimpfartikel mit Vergnügen abgedruckt werden. Dafür bringt das Unternehmertum große Opfer. Für den Preßfonds des Zentral⸗ verbands wird jahraus jahrein der Bettelsack geschwungen. Einen solchen Bettelbrief stellte ein Industrieller dem„Vorwärts“ zur Ver⸗ fügung. Aus diesem„vertraulichen“ Schreiben, das von dem Vorsitzenden Haßler und dem be⸗ kannten Generalsekretär Bueck unterzeichnet ist, wollen wir unseren Lesern einiges vorführen, um sie von dieser Mache zu unterrichten. Es heißt da: Hiermit erneuern wir die Bitte an unsere geehrten Mitglieder, einen freiwilligen Beitrag zu dem Preßfonds zu leisten, der bekanntlich getrennt von den, aus den ordentlichen Beiträgen der Mitglieder gebildeten Mitteln des Zentralverbands verwaltet und hauptsächlich zur Herausgabe der„Neuen Reichskorrespondenz“ verwendet wird. Diese„Korrespondenz“ wird kostenfrei an 465 Zeitungen versandt; dabei sind namentlich kleinere lokale Blätter ins Auge gefaßt, deren Herausgeber mit möglichst geringem Redaktionsauswand arbeiten müssen, denen daher die„Korrespondenz“ außer⸗ ordentlich willkommen ist. Diese lokalen Blätter, welche meistens in den Wirtshäusern ausliegen, dringen mehr in das Volk als die großen Zeitungen und dienen daher ganz besonders dem mit der Korrespondenz verfolgten Zwecke. Mit Rücksicht auf diesen Umstand haben wir bereits seit mehreren Jahren in der„Korrespondenz“, neben der Bertretung der allgemeinen wirtschaftlichen Interessen der Industrie, energisch den Kampf gegen die Umsturzparteien geführt; es sind wöchentlich ein bis zwei Artikel besonders gegen die Bestrebungen der Sozialdemokratie geschrieben worden. Gerade diese Artikel, welche sehr fleißig abgedruckt werden, haben der„Korrespondenz“ neue Freunde erworben, sodaß sich die von Zeitungsverlegern ausgehenden Gesuche um Zu— sendung derselben wieder gemehrt haben. Daß die Fälschung der öffentlichen Meinung in dieser Weise betrieben wird, war ja schon bekannt, der Brief stellt nur einen neuen akten⸗ mäßigen Belag dafür dar.— Für die Arbeiter ergiebt sich aber hieraus wieder die dringende Verpflichtung, für die Ver⸗ breitung ihrer Presse zu wirken und die er⸗ bärmlichen Wische, welche die Arbeiterbewegung verleumden und beschimpfen, aus ihren Woh— nungen fernzuhalten. Schon wieder neue Mordwaffen. Wie unser Leipziger Pacteiorgan berichtet, soll wieder ein neues Gewehrmodell ein⸗ geführt werden. Ueber 100 000 Stück davon wären schon fertiggestellt, die Werkstätten von Erfurt lieferten täglich 100 Stück. Auch einen neuen Infanteriesäbel benötige man, ebenso seien die Militärwerkstätten seit langer Zeit mit der Herstellung eines neuen Kavallerie-Karabiners beschäftigt. In aller Stille, ohne den Reichstag zu befragen, arbeite man mit großem Eifer an einer thatsächlichen Neubewaffnung des Heeres. Michel, halte die Taschen zu! Offiziers⸗Pensionierungen. Pensioniert wurden wiederum in der deutschen Armee vom 1. Juli—15. August d. J.: 2 Generalleutnants, 5 Generalmajore, 4 Oberste, 5 Oberstleutnants, 13 Majore, 22 Hauptleute, 3 Oberleutnant?, 9 Leutnants. In Summa 63 Offiziere. Kosten pro Jahr 221000 Mark. Die Kosten für den raschen Verbrauch der Offiziere hat bekanntlich das Zolk zu tragen. Der Pensionsfonds wächst unheimlich. Patriotisches, opferwilliges Unternehmertum. Ganze 100 000 Mark sind als„Liebesgabe“ aus der Kasse des Kohlensyndikats zur Unterstützung der Chinatruppen geflossen. Es sind einige Tropfen der Goldquelle, welche durch die„Preisfestsetzungen“ beim Kohlenhandel erschlossen worden sind. Es geht doch nichts über den Patriotismus unserer Kohlenbarone, die in„Preistreibereien“ und„Lohnkartell⸗ schließen“, wie in Herbeiziehung fremder Arbeits⸗ kräfte ihre Stärke ja schon manchmal gezeigt haben. Durch Geschosse aus der Heimat verstümmelt. Kapitän Lans vom Kanonenboot Iltis, der bei der Erstürmung der Taku-Forts verwundet und grausig verstümmelt wurde, hat an seine Verwandten Briefe gerichtet, in denen sich fol⸗ gende Worte finden: 17 Volltreffer an Granaten(12— 24 Centimeter Ka⸗ liber) haben wir bekommen, von denen die bei weitem grö dere Zahl im Schiffe krepiert ist und hier leider so viele meiner braven Leute getötet oder ver⸗ wundet hat. Und welcher Hohn! Alle feindlichen Geschütze und Geschosse kommen aus uuserer Heimat; es sind alles moderne Schnelllade⸗ kanonen von Krupp. Die deutschen Kanonenkönige Krupp, Stumm und Konsorten fragen aber nicht danach, ob ihre Landsleute durch die von ihnen gelieferten Geschosse niedergemäht werden. Hauptsache ist ihnen der Profit, ob sie denselben nun in Gestalt deutscher Kronen, chinesischer Taels oder russischer Rubel einsacken, ist ihnen gleichgültig. Seit 1871 hat, wie aus einer Schrift„Die chinesische Armee und die Kriegsflotte“ mitgeteilt wird, Krupp nicht weniger als 1649 Ge⸗ schütze aller Kaliber an China geliefert. Außerdem sind aus den überflüssig gewordenen Beständen der deutschen Militärverwal⸗ tung 85 970 Stück Handfeuerwaffen an China verkauft worden! Um das Bild vollständig zu machen, muß noch hinzugefügt werden, daß deutsche Instrukteure die chinesischen Truppen nach deutschem Musfter drillten; um Offiziere heranzubilden, wurden mehrere Kriegs⸗ schulen errichtet, bei denen ebenfalls deutsche Offiziere als Lehrer angestellt wurden. Auch das noch. Den Triumphator vor der Schlacht, Grafen Waldersee, sollte nach dem Wunsche Wilhelms II. der Schlachtenmaler Kossak begleiten, um europäisch⸗asiatische Schlachtenbilder zu entwerfen. Der Maler hat aber anderer Verpflichtungen wegen abgelehnt. Es geht deswegen ein anderer Maler, Rocholt, zu diesem Zwecke mit. Im Interesse der Meistbeteiligten wünschen wir, der Maler möge in China nur friedliche Motive für seine zukünftigen Gemälde finden. Das deutsche Volk verzichtet auf Hunnenbilder. Nanmann, der nationalsoziale Hunnenpastor. Wenn noch etwas gefehlt hätte, die Blamage der Nationalsozialen vollständig zu machen und ihre Politik zu diskreditieren, es wäre durch die Auslassungen ihres Häuptlings, des Pastors Naumann, zur Hunnenrede erreicht worden. Zu der Wendung des Kaisers vom Pardongeben sagte der christliche Pastor, der in jeder Nummer der„Hilfe“ fromme Andachten veröffentlicht, unter ander anderem: „Alle Welt ist einig, daß der Kaiser sich an der hehren Idee der Zivilisation vergangen hat, und wenn es nicht der Kaiser wäre, so würde diese Einigkeit noch viel lauter zu Worte kommen. Wir halten diese ganze Zimperlichkeit für falsch. Die Sache liegt doch einfach so, daß unsere asiatischen Truppen gar nicht in der Lage sind, größere Gefangenenbestände aufzunehmen. Was sollen wir machen, wenn es 50 000 Chinesen ein⸗ fällt, sich uns zu ergeben? Dann bewachen und ernähren wir diese gelben Beüder und sind dadurch kampfunfähig! Ein Ex peditionskorps im Barbarenlande kann sich die Last einer Gefangenenver⸗ sorgung, wie wir sie 1870/71 in vorzüglicher Weise übernommen haben, nicht aufdie Schulter legen lassen.“ 5 In der Frage: Was sollen wir machen ꝛc. liegt schon die Antwort: Einfach totschlagen! Gegen diese Hunnenkultur wandten sich selbst ö zu hören. Nr. 36. Parteigänger Naumanns. So sagt Professor Paulsen⸗Berlin: „Am wenisten kann ich verstehen, wie ein Blatt, das an seiner Stirn auch die Worte Gottes hilfe und Bruderhilfe trägt, das in jeder Nammer eine evangelische Betrachtung bringt, sich zu solchen Grundsätzen bekennen kann. Sind die Chinesen keine Menschen? Und wenn sie es sind, sind sie dann nicht Brüder und Kinder des einen Vaters, auch sie zum Heil berufen? Mögen sie sich oder mögen einige unter ihnen wie Entartete sich verhalten haben— noch sehen wir ja die Dinge, die sich dort zu⸗ getragen haben, nicht klar—, sind wir dadurch der Pflicht uüberhoben, wie Menschen und Christen zu handeln?“ Schärfer läßt sich ein„hochverehrter Freund“ des Hunnenpastors aus München vernehmen: „Wenn ich aber jetzt sehe, wie man in Deutschland sich nicht entsetzt von der Parole: Pardon wird nicht gegeben! zurückzieht, wie man die Schatten Attila's her⸗ aufbeschwört und Etzel's Thaten als Muster hinsteg t. wie man in demselben Atemzug noch von einer Mission zur Ausbreitung des Christentums spricht, den alten Gott, der noch lebe, als Kriegsgenossen einspannt, und gar noch Reichsbeter zur Vernichtung des Feindes auf⸗ ruft, dann verhülle ich mein Haupt und geoe alle Hoff⸗ nung auf, eine Besserung unserer inneren Verhältnisse noch dämmern zu sehen.“ Noch mehrere Zuschriften sprechen sich in ähnlicher Weise aus, denen gegenüber Naumann vergebliche Versuche macht, sich herauszuwickeln. Es nützt ihm aber nichts; er hat sich und seiner „Partei“ durch seine thörichte Stellungnahme einen Schlag versetzt, den sie noch lange spüren werden. „Bruder, nimm den Bettelstab, Soldat bist Du gewest.“ An diesen Vers Heines wird man erinnert, wenn man die Pensionssätze liest, welche dem tapferen Rachekrieger, dem im hunnischen Kampfe die Glieder verstümmelt wurden, zu⸗ gemessen sind. Für die Pensionsverhältnisse ist der Grad der Invalidität und der Dienstgrad maßgebend, und zwar werden fünf Klassen unterschieden. Es beträgt die Pension: 1. Klasse: Für Feldwebel 42 Mk., für Sergeanten 36, für Unteroffiziere 33, für Gemeine 30. 2. Klasse: Für Feldwebel 33 Mk., für Sergeanten 27, für Unteroffiziere 24, für Gemeine 21. 3. Klasse: Für Feldwebel 27 Mk., für Sergeanten 21, für Unteroffiziere 18, für Gemeine 15. 4. Klasse: Für Feldwebel 21 Mk, für Sergeanten 15, für Unteroffiziere 12, für Gemeine 9. 5. Klasse: Für Feldwebel 15 Mk., für Sergeanten 12, für Unteroffiziere 9, für Gemeine 6 Mk. monatlich. Die Pension 1. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche gänzlich erwerbsunfähig geworden sind, und ohne fremde Wartung und Pflege nicht bestehen können. Die Pension 2. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche gänzlich erwerbsunfähig geworden sind, aber ohne fremde Pflege und Wartung bestehen können Die Pension 3. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche größtenteils erwerbs⸗ unfähig sind. Die Pension 4. Klasse wird ge— währt den Ganzinvaliden, welche teilweise er⸗ werbsunfähig sind. Die Pension 5. Klasse wird gewährt den Ganzinvaliden, welche zu jedem Militärdienst untauglich geworden sind, sowie den Halbinvaliden, welche zum Feld- und See⸗ dienst untauglich geworden sind. Wie das„dankbare Vaterland“ übrigens für seine Kämpfer sorgt, zeigt das Beispiel eines in Steinheim in Württemberg lebenden Veteranen. Dieser kehrte aus dem Kriege von 1870 mit dem eisernen Kreuze dekoriert, aber auch total krank und arbeitsunfähig zurück. Der arme Teufel erhält weiter nichts, als monatlich 12,85 Mark oder täglich 43 Pfennige auf grund der Invalidenversicherung. Damit soll er eine Fa⸗ milie von sechs Personen ernähren! Jetzt wird für ihn in der Oeffentlichkeit gebettelt, wäh⸗ rend doch Milliarden durch die Flottenvermehrung buchstäblich ins Wasser geworfen werden. Neuer reaktionärer Vorstoß in Sachsen. Wenn aus Sachsen irgend eine Regierungs⸗ handlung gemeldet wird, kann man sicher sein, von einer neuen rückschrittlichen Maßnahme Jetzt wollen die Sachsen— wenn man von„hellen Sachsen“ spricht, muß man licht an die sächsischen Regierungsleute denken— gesetzlich gegen den Kontraktbruch land⸗ er vorgehen. Die wirtschaftlicher Arbe nt Ar. fee fin. gerung 1 bätg Unter nit ibet ian sudes tuch ß Agra bethät vun d staateh ihren 1 der oder b Gerue 505 dehm für ng nung Han hand in 5 näm! 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Schon jetzt verleiht dem ländlichen Unternehmer die in Sachsen geltende äußerst rückständige Gesindeordnung große Machtmittel über den Arbeiter, auf grund derselben ist die zwangsweise Zurückführung des Ge⸗ sindes und auch eine Bestrasung bei Kontrakt⸗ bruch zulässig. Trotzdem ist immerhin möglich, daß die in Sachsen unumschränkt herrschende agrarische Klique ihre Unterdrückungssucht neu bethätigen möchte und die Regierung einem Winke von dieser Seite gefolgt ist. Kindereien. Behörden verschiedener deutscher Bundes— staaten lieben es, den Arbeiter vereinen bei ihren Veranstaltungen alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen. Will ein Gesang⸗, Turn⸗ oder ähnlicher Verein, dessen Mitgliedschaft sich aus Arbeitern zusammensetzt oder der sonst im Geruche sozialdemokratischer Gesinnung steht, ein Fest abhalten, so wird die Erteilung der Ge⸗ nehmigung vielfach von der Erfüllung zahlreicher, für die betr. Vereine lästiger Bedingungen ab⸗ hängig gemacht. Krieger⸗ und anderen„ord⸗ nungsliebenden“ Vereinen gegenüber verfährt man nicht so. Diese Ungleichheit in der Be⸗ handlung begründete ein Polizeikommissar in Haspe in eigentümlicher Weise. Dort hatten nämlich die Arbeiergesangvereine Westfalens ihr Bundes fest abgehalten. Vußer anderen Scherereien, die dem Feste von der Behörde gemacht wurden, war auch die Polizeistunde auf 11 Uhr festgesetzt worden. Als sich nun ein Vorstands— mitglied darüber beschwerte und fragte, wie denn das mit den anderen Festlichkeiten am Orte in Einklang zu bringen sei, die bis in den Morgen hinein dauerten, erklärte der Herr Kommissar: Der Staat betrachte die Vereine gleichsam als seine Kinder und unterscheide hier zwischen guten und ungezogenen. Wie ein Vater die ungezogenen Kinder zuhause lasse und die guten mit herausnehme, also verfahre auch hier Vater Staat. Die Arbeiter⸗Gesangvereine seien die ungezogenen Kinder und müßten deshalb um 11 Uhr Feierabend machen, während die übrigen Vereine in unbeschränkter Weise weiter feiern könnten! Und mit solchen Kindereien glaubt man Eindruck auf die Arbeiterschaft zu machen und unsere Bewegung hindern zu können! Umsatzsteuer in Baden. Von einer Münchener Zeitung wurde be⸗ hauptet, das badische Finanzministerium bereite eine Umsatzsteuer-Vorlage für Warenhäuser vor. Diese auch von der Mittelstandepresse weiter verbreitete Nachricht scheint wenig glaubhaft. Noch in einer der letzten Sitzungen der badischen Zweiten Kammer hat sich der Finanzminister Buchenberger entschieden gegen eine Warenhaus— steuer ausgesprochen. So erklärte er am 22. Juni noch:„Die Umsatzsteuer ist unserem Steuer⸗ system gegenüber ein vollständig fremdes Element.“ Wer zahlt die Warenhaussteuer? Wir haben schon früher mehrere Beispiele dafür angeführt, wie wenig bei der Warenhaus⸗ steuer der„Mittelstand“ auf seine Rechnung kommt und wie es die Besitzer der Warenhäuser verstehen, die neue Steuer auf die Konsumenten und auf die Produzenten abzuwälzen, sodaß am letzten Ende immer wieder das werkthätige Volk bluten muß. Das war vorauszusehen und unsere Abgeordneten haben diese Wirkang vorher— gesagt. Ueber ein neues Beispiel dieser Art wird aus Beuthen(O.-Schl.) berichtet. Dort war durch Ortsstatut eine speziell fur das Waren⸗ haus Barasch zugeschuittene Gewerbe⸗Steuerord⸗ nung eingeführt worden, wodurch dieses zu 6156 Mark Gewerbesteuer herangezogen wurde. Diese setzt sich zusammen aus einer Er⸗ tragssteuer von ½¼ Prozent, einer Mietssteuer steuer von 1 Prozent für jede tausend Mark des Mietwertes und einer Kopfsteuer von 50 Mark für jede in dem Betriebe beschäf⸗ tigte Person. Natürlich sucht die Firma diese schwere Belastung von sich abzuwälzen und sie hält sich nicht nur an den Lieferanten, son⸗ dern sogar an ihrem Personal schadlos, indem sie bei den Engagementsverträgen sich das Recht vorbehält, von den Gehältern der Angestellten die Kopfsteuer in Abzug bringen zu dürfen. Die Abzüge richten sich nach den Ge— hältern und betragen nach der von der Firma aufgestellten Skala: Bis zum Gehalt von 30 Mark 1 Mark monatlich, bis 50 Mark 2 Mark monatlich, bis 80 Mark 3 Mark monatlich, über 80 Mark 4 Mark monatlich ꝛc. Die Angestellten können sich nicht dagegen schützen; um die Stelle nicht zu verlieren, die schließlich immer noch besser als bei einem Klein⸗Kaufmann ist, müssen sie sich mit dem Vertrag einverstanden erklären. Wieder einmal ein schlagender Beweis dafür, daß, wie überall, so auch bei der Mittelstands⸗ retterei alle Steuern schließlich auf die schwächsten Schultern abgewälzt werden. Sozialdemokraten in Kommunal⸗ Verwaltungen. Ueber die Thätigkeit unserer Parteigenossen in den Gemeindevertretungen in Baden hat sich früher schon einmal ein nationalliberaler Abgeordneter sehr anerkennend ausgesprochen. Gleiche Anerkennung wird den Genossen in den französischen Gemeindevertretungen in einem Artikel gezollt, der jüngst in der Zeitschrift „Revue des deux mondes“ veröffentlicht und von deutschen Zeitungen wiedergegeben wurde. Es heißt da unter anderem: Man könne es nur bedauern, daß die Arbeiter nicht überall in den Ge—⸗ meinden vertreten seien. Gerade in der Kritik wirtischaftlicher Maßnahmen der Stadt⸗ verwaltungen hätten die Arbeiter unleugbar manches Gute geleistet. Heute wolle niemand in einer bürgerlichen Stadtvertretung der Hecht im Karpfen teich sein und sich die Anderen zum Feinde machen. Die Vertreter der Arbeiterklasse nehmen da ge— wöhnlich weniger Rücksicht und von Wichtigkeit sei die Kritik, welche sie übten. Sei sie falsch, so werde sie schon widerlegt werden. Falsche, unwirtschaftliche, ja verkehrsfeindliche Anlagen, Mangel an Sparsamkeit ꝛc. gehörten heute nicht zu den Seltenheiten, und manche derartige Fälle wären durch rücksichtslose Kontrolle vermieden worden. Man glaube also, daß auf dem mehr negativen Gebiet der Kontrolle und Kritik von Arbeitervertretern,„auch wenn sie Sozial— demokraten seien“, manches Gute geleistet werden könne. In Frankreich gebe es sozialistische Stadtverordnete resp. Bürgermeister bis zum Untersten herab, und eine Reihe durchaus ver— nünftiger Maßregeln... zeichneten die Lauf- bahn der Leute aus. In Roubaipx hätten sich unter dem sozialistischen Maire die Ausgaben für Wohlthätigkeitsanstalten verdoppelt, man habe die Schulkinder gespeist, 2000 Kinder ins Seebad geschickt, ein großes Witwenhaus von 35 Zimmern, öffentliche Bäder und Dampfbäder errichtet, man verkaufe billige Arzneien, richte städtische Kinderkrippen ein, unterstütze die Arbeits- losen, erhöhe die Gehälter der Beamten u. s. w. In Glasgow seien die Eigentümer ungesunder Wohnungen massenweise gezwungen worden, ihre Häuser niederzulegen, die Stadt baue selbst in großem Stile Arbeiterwohnungen und vermiete sie billig, richte öffentliche Läden, Wäschereien, Museen, Bibliotheken, Industrieschulen, Altersheime ein, die hauptsächlich für den Gebrauch dec Arbeiter be⸗ stimmt seien. Die Gelder nehme sie von den großen Unternehmungen, die sie in eigener Ver— waltung habe, von Straßenbauten, Wasser- und Elektrizitätswerken. Aehnlich in Birmingham, Liverpool, Manchester u. s. w.„Was aber in England, in Frankreich, was in Belgien, in der Schweiz schon seit Jahren sich vorbereitet“— mit diesen Worten schließt der Artikel—„dem wird man sich auch in Deulschland auf die Dauer nicht entziehen können.“ Wenn es sich hier nicht um unbestreit⸗ bare Thatsachen handelte, würden sich die bürgerlichen Zeitungen hüten, in dieser Art die Sozialdemokratie zu loben! Ausländisehes. Prozeß Bresei. Genosse Turati, der eine zweistündige Unterredung mit dem Attentäter Bresci hatte, lehnte die Verteidigung mit der Begründung ab, daß er seit einer langen Reihe von Jahren die Advokatur nicht mehr ausübe und daher die Uebernahme der Verteidigung Brescis auch in den Kreisen seiner politischen Freunde Mi ß⸗ verständnisse hervorrufen könnte.— Der Prozeß gegen Bresci hat am Mittwoch in Mailand begonnen. Zahlreiche Vertreter der in⸗ und ausländischen Presse sind zugegen. Ver⸗ teidiger sind der Advokat Martelli und der als Anarchist bekannte Advokat Merlino aus Rom. Bei dem Verhör erklärte Bresci, er werde nicht antworten. Er zeigt sich äußerst gleichgültig und hätte Turati gegenüber geäußert, daß er ein Prinzip, nicht einen Menschen getötet habe, er sei kein gemeiner Verbrecher. Der Krieg mit China. Nach der Einnahme Pekings ist der Rache⸗ zug etwas ins Stocken geraten. Einstweilen vertreiben sich die in Peking eingedrungenen christlichen Europäer im Verein mit den heid⸗ nischen Japanern die Zeit mit der Plünderung der Stadt, wobei es nach den eingelaufenen. Nachrichten ziemlich hunnisch hergehen mag. Eine neuere Nachricht besagt, daß russische und japanische Truppen über Peking nach Norden vorgerückt sind. Wo die Kaiserin und der Hof sich befindet, weiß man nicht.— Vor der Flucht wurden noch fünf oder sechs Mitglieder des Tsungli⸗Yamens, die weniger fremdenfeindlich waren, hingerichtet. 4000 Mann amerikanischer Truppen, die auf dem Wege nach Taku waren, erhielten vom Kriegsminsterium Befehl, nunmehr nach Manila zu gehen. Auch die französische Regierung hat die nach China unterwegs befindlichen Truppen angewiesen, in Tonking zu landen und dort bis auf weiteres zu verbleiben. Li⸗Hung⸗Tschang suchte Friedens ver⸗ handlungen einzuleiten. Seine Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg, da die Mächte er⸗ klärten, nicht in Unterhandlungen eintreten zu können, bevor Li-Hung⸗Tschang im Besitze aus⸗ reichender Vollmachten sei, um im Namen der chinesischen Regierung verhandeln zu können. Angeblich richtete Li-Hung⸗Tschang eine Depesche an die Kaiserin nach Sianfu, in welcher er bittet, Tuan zu verhaften und die Boxer in der Armee zu entwaffnen, damit ihm Gelegenheit gegeben werde, Unterhandlungen mit den. Mächten zu beginnen. Der Krieg in Südafrika. Der wegen Verraths angeklagte Leutnant Cordua ist für schuldig befunden, zum Tode verurtheilt und auch bereits erschossen worden. Der Erschossene war ein Deutscher. Bei Ausbruch des Krieges trat Cordua, der in Hamburg als Einjähriger gedient hat, freiwillig in die Trans vaalarmee ein, kämpfte unter Joubert und wurde bei Glencoe zum Leutnant befördert. In seinem letzten Brief an Verwandte teilte er mit, daß die von ihm geführte Abteilung den Engländern zwei Kanonen abgenommen habe. Cordua war ein ehrgeiziger und zu abenteuer⸗ lichen Plänen neigender Mann, sodaß vermutet wird, er habe sich in die Verschwörung gegen Roberts, sofern seine Teilnahme überhaupt er— wiesen ist, hineinziehen lassen, ohne recht die Folgen zu erwägen. Von einem am 24. August stattgefundenen Kampfe telegraphiert Roberts: General Buller begegnete heftigem Widerstande seitens des Feindes. Dieser wollte nämlich der englischen Kavallerie eine Falle legen und eröffnete auf kurze Entfernung das Feuer. Die Geschütze der Engländer brachten jedoch das Feuer zum Schweigen und so den Plan der Buren zum Mißlingen. Infolge eines Mißverständnisses(ö)) trennten sich aber zwei englische Kompagnien vom Hauptkorps, wurden von den Buren um— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. zingelt und erlitten schwere Verluste. Ein Offi⸗ zier und zwölf Mann fielen, vier Offiziere und 57 Mann wurden verwandet, 33 werden vermißt. Am 26. haben heftige Gefechte bei Belfast und Bergendal, östlich von Pretoria, stattge⸗ funden. Die Buren setzten dem Vordringen der Engländer hartnäckigen Widerstand entgegen, sie hatten viel Artillerie und unterhielten das Feuer den ganzen Tag. Die Verluste der Engländer sollen nicht schwer, die der Buren jedoch be⸗ deutend sein. 300 in Johannisburg und Pretoria ver⸗ haftete und nach Holland abgeschobene Aus⸗ länder, zum größten Theile Deutsche, beklagten sich bitter über die empörende Behandlung, die ihnen seitens der Engländer zu Teil geworden ist und vor welcher sie auch der deutsche Konsul nicht geschützt habe. Von einigen Betroffenen werden schauderhafte Einzelheiten über ihre Verhaftung und Transport veröffentlicht. Von 11 Fern. Zur Nachahmung empfohlen. Seit einiger Zeit führen unsere Frankfurter Genossen einen lebhaften Kampf gegen den „Frankfurter Generalanzeiger“. Dieses„partei⸗ lose“ Schmierblatt hatte unseren verstorbenen Genossen Liebknecht in gemeiner Weise be— schimpft. Unter Anderem entblödete sich der Schmock nicht, zu schreiben, Liebknecht sei von den Genossen„nur mehr anstandshalber durchgeschleppt“ worden; die Sozialdemo— kratie habe ihn nur noch als Dekoration behandelt!! Schon früher, als Liebknecht noch lebte, wurde er in diesem erbärmlichen Blatte stets verhöhnt und der Berliner Korre- spondent desselben suchte ihn bei jeder Gelegen— heit zu verspotten und herabzusetzen.„Unaus— stehlicher Schwätzer“,„Literarische Ohr— feigen-Phisiognomie“ und ähnlich lauteten die Beschimpfungen, mit denen Liebknecht be— dacht wurde!— Und dieses Blatt, das die öffentliche Meinung fälscht, die Ar- beiter⸗Interessen stets mit Füßen tritt, besitzt die größte Zahl seiner Abonnenten in Arbeiterkreisen! Auch in unserer Gegend giebt es sicher noch Arbeiter, die den„General-An⸗ zeiger“ unterstützen. Wir müssen aber unseren Frankfurter Genossen in ihrem Kampfe bei— stehen. Heraus mit diesem byzantinischen, ser— vilen Sudelblatt aus den Arbeiter-Wohnungen! Eine derartige gewissenlose Presse muß aus den Kreisen des Volkes verschwinden! Arbeite jeder Genosse zu seinem Theile daran, daß dies geschieht! Watzenborn⸗Steinberg. Zu der Landeskonferenz in Isenburg entsenden die hiesigen Parteimitglieder den Ge⸗ nossen J. Schmandt als Delegierten. Die Wetzlarer Stadtväter scheinen für die Pflege und Förderung der Volks⸗Gesundheit und für Einrichtungen, die solchen Zwecken dienen sollen, verteufelt wenig übrig zu haben. Stand da in der vorletzten Sitzung der Stadtverordneten eine Zuschrift des Landrats, in der zum Beitritt in den Verein zur Errichtung von Heilstätten für Lungen⸗ kranke oder zur Leistung eines Beitrages auf⸗ gefordert wird, zur Beratung. Nun braucht man solche Anstalten als Kampfmittel gegen die Tuberkulose gewiß nicht zu über schätzen— wir haben schon früher einmal darauf hingewiesen, daß zur nachdrücklichen Bekämpfung der Seuche in erster Linie die Besserung der Lebens⸗ haltung der arbeitenden Klassen notwendig ist— aber immerhin muß ihre segensreiche Wirkung auf diesem Gebiete unbedingt anerkannt werden. Man sollte meinen, daß keine ein⸗ sichtige Gemeindevertretung sich dem verschließen und mit Vergnügen ausreichende Mittel für solche gemeinnützige Einrichtungen zur Verfügung stellen sollte. Die wohlweisen Räte der Stadt Wetzlar bewilligten denn auch einen jährlichen Beitrag von— einem ganzen Pfennig pro Kopf der Einwohnerschaft! Wetzlar hat etwa 8000 Einwohner, macht also der ganze Jahresbeitrag der Stadt Wetzlar schäbige achtzig Mark! Das auch noch „auf Wiederruf“! Ja, hätte es sich um eine Forderung für ein Bismasck⸗Denkmal oder für Dekoration der Stadt anläßlich eines„hohen Besuches“ gehandelt, so hätte man gewiß etwas tiefer in den Stadtsäckel gegriffen! Dabei kann aber auch der Herr X. eine Rede schwingen und Herr Y einen Orden bekommen. Mit solchem Verhalten vergleiche man die Thätigkeit unserer Genossen in verschiedenen französischen Gemeinden, wie sie in unserer heutigen Rundschau nach bürgerlichen Blättern geschildert ist! Man blicke aach Offen⸗ bach, wie dort die sozialdemokratischen Stadt⸗ verordneten das Gemeinwohl nach jeder Richtung hin zu fördern suchen! Wahrlich höchste Zeit, daß endlich einmal die Arbeiter mehr Einfluß auf die städtischen Angelegenheiten zu gewinnen suchen. Und zwar überall. th. Schlechter Trost. Zu dem Unglücksfall, der sich vor kurzem auf der Grube„Amanda“ ereignete und dem der Bergmann Müller VII aus Nauborn zum Opfer fiel— wir haben dieses Vorkommnis in der letzten Nummer mitgeteilt— bemerkt der „Wetzl. Anz.“ u. a.: Möge Gott seinen Hinter⸗ bliebenen Trost verleihen und mögen sich wohl⸗ thätige Hände derselben annehmen.“ Letzteres wäre wohl in erster Linie Sache des Unter ⸗ nehmers, dem der Verunglückte seine Arbeits⸗ kraft zur Verfügung stellte. Dann aber wäre es für die Hinterbliebenen ein viel besserer Trost, ihren Ernährer gegen Unfälle dieser Art durch geeignete Vorkehrungen genügend geschützt zu wissen. Aber gerade daran mangelt es auf den Gruben vielfach; die„opferwilligen“ Unter⸗ nehmer unterlassen aus Sparsamkeitsrücksichten die vorgeschriebenen Schutzmaßregeln.— Der Verunglückte versah außerdem noch, wie mitgeteilt wird, die Nachtwächterstelle. Auch das ist charakteristisch. Man denke, ein Mann, der am Tage die schwere Arbeit eines Bergmanns verrichtete, hat auch des Nachts noch Dienst, kommt also kaum zum Schlafen! Dazu kann der Mann nur durch äußerst erbärmliche Be⸗ zahlung genötigt worden sein. Nationalliberale Obstruktion in Offenbach. Als kürzlich in einer Sitzung der Offenbacher Stadtverordneten Genosse Ulrich Gelegenheit nahm, das wiederholte inkorrekte Verhalten des Oberbürgermeisters Brink in Sachen des Beige⸗ ordneten Wolff zu bemängeln, standen die national liberalen Stadtväter auf und verließen die Sitzung! Herr Brink schloß hierauf die Sitzung wegen Beschlußunfäbhigkeit.„Nun gut, es soll Ihnen nichts geschenkt werden“, rief Ulrich den Ob⸗ stcuktionisten nach. Wir sind überzeugt, die Ge⸗ nossen in der Offenbacher Stadtvertretung werden Wort halten. Die Hunnen wollen nicht. Drei Reservisten des Bamberger Infanterie— Regiments, die als Freiwillige die Reise nach China angetreten hatten, sind in Darmstadt de— sertirt. Sie wurden auf einem Heuboden ver— steckt durch die Polizei aufgefunden und ver— ha Wünschenswerte Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie. Der Spandauer Stadtverordnete Hallecker, der dort ein Haus besitzt, erhielt, wie wir in der „Kl. Pr.“ lesen, als kürzlich dort Militär einquartirt wurde, auch drei Mann Einquar⸗ tirung. Die Leute hatten es sich bereits etwa 2 Stunden bequem gemacht, als ein Polizei⸗ beamter erschien, der die drei Mann auf An- ordnung der Kommandantur wieder wegholte und anderswo unterbrachte. Herr Hall⸗ ecker bekennt sich zur sozialdemokra⸗ tischen Partei. Wenn alle Behörden in gleicher Weise bemüht sind, die Armee vor der Berührung mit der Sozialdemokratie zu be— schützen, so kommen wir vielleicht noch dahin, daß Leute, die sich zur Sozialdemokratie be— kennen, vom Militärdienst grundsätzlich befreit werden.— Wir haben gegen eine derartige Be⸗ kämpfung nichts einzuwenden. Krieg im Frieden. Bei einer Felddienstübung, die einige Bat⸗ terien Artillerie in der Nähe von Dresden abhielten, kippte ein in voller Fahrt befiadliches Geschütz um, wodurch ein Artillerist einen kom⸗ plizierten Beinbruch, ein anderer einen Schädel⸗ bruch und schwere innere Verletzungen erlitt.— Ein weiteres entsetzliches Unglück ereignete sich am Freitag, 24. Aug., bei Dessau. Dort hatte eine Batterie des 4. Magzdeburgischen Ar⸗ tillerie-Regiments 4 Haubitzen aufgestellt, welche von Groß und Klein besichtigt wurden. Freitag Nachmittag wurden die Geschütze gereinigt, als bei einem Geschütz, in dem die Kattusche stecken geblieben war, ein Schuß losging. Vor der Mündung der Kanone stand der Sohn des Berg⸗ manns Proft, dem der Schuß an den Kopf ging. Dieser wurde vollständig gespalten, sodaß das Gehirn umherspritzte. Auch siebzehn andere Kinder wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Friedrich Nietzsche 1. In Weimar starb am 25. August der in der letzten Zeit vielgenannte philosophische Schrift⸗ steller Friedrich Wilhelm Nitzsche an einem Schlaganfall. N. war schon seit Jahren geisteskrank. Er war geboren am 15. Oktober 1844, studirte 1864—67 in Bonn klassische Philologie und wurde schon im Alter von 25 Jahren Professor in Basel. Am Kriege von 1870 beteiligte er sich als freiwilliger Kranken⸗ pfleger.— Aus seinen Werken sind hervorzu⸗ heben:„Unzeitgemäße Betrachtungen“,„Jen⸗ seits von Gut und Böse“,„Also sprach Zara⸗ thustra“,„Menschliches, Allzumenschliches“. Bei Ausgestaltung seines Hauptwerkes„Umwertung aller Werte“ wurde er von der Geistesumnachtung befallen. Zum Morde in Konitz. Wegen Begünstigung beim Morde Winters soll Anklage erhoben werden gegen den Abdecker Is— raelski. Dieser soll, wie der Botenmeister Fiedler vom dasigen Landgericht behauptet, am Char- freitag Vormittag einen kopfähnlichen Gegen— stand in einem Sack nach der Stelle, wo am ersten Osterfeiertag der Kopf des ermordeten Winter gefunden wurde, getragen haben. Is⸗ raelski, der noch immer in Untersuchungshaft sitzt, bestreitet, mit dem Morde in irgend welcher Beziehung gestanden zu haben. Die Verhand— lung wird, wie die„Magdeburgische Zeitung“ berichtet, in allernächster Zeit vor der Straf- kammer des Konitzer Landgerichts stattfinden. Vertheidiger Israelski's wird Rechtsanwalt Maschke dortselbst. Ein sittlich entgleister Minister in der Schweiz. Auch die Schweiz liefert einen Beitrag zur Gallerie frommer Sittenhelden. Es ist der kleine Kanton Zug, in dem der klerikale Justiz⸗ minister Weber als Spezialität die Ueber⸗ wachung der wegen Sittlichkeitsdelikte verurteilten Insassen der Strafanstalten betrieb und dabei Handlungen beging, die seine Ministerkollegen, worunter ein Sozialdemokrat und zwei Liberale, veranlaßten, ihn zur Demission zu zwingen. Außerdem übergab die Regierung die Sache auch der Staatsanwaltschaft. Nach dem„Grütlianer“ war Weber seit Jahrzehnten einer der einfluß⸗ reichsten und thätigsten Führer der ultra⸗ montanen Partei und bekleidete als solcher wiederholt die höchsten kantonalen Amts- und Ehrenstellen. Dabei führte er ein wahres Diktatorenregiment, sodaß sein Sturz von allen kantonalen Angestellten als Erlösung von dem Unterdrückungssystem begrüßt wurde. Prozeß Bresei. Vom Mainländer Schwurgericht wurde der Attentäter Bresci zu lebenslänglichem Kerker, ver⸗ schärft mit 7 Jahren Einzelhaft verurteilt. Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 30. August. W. Ein prügelnder Seelenhirt a. D. Am 25. August hatte sich vor der hies. Strafkammer der Pfarrer a. D. W. Klingel- 1. f., übelth Schile folge Pforte ft noc digte, Was 0 wird; den Dad Mork Utteilt Pfarr Iden in di bracht Shi d. wolde Sonn 4 l Prei Vor Gew Errz Nu ang kart schie Par über älter nigt, ai he stake Vor der des Berg- of ging ddaß daz ere Rinder et er in der 77 S—————— —— e Schlst. sche an it Jahren „ Oltober lasssch von 25 riege von Kranlen⸗ hervorzu⸗ „„Jen⸗ ich Zarl⸗ hes“. Bei mwertung nnachtung inters soll decker= er Fiedler m Char⸗ Gegen⸗ „wo am mordeten ben. N= hungshast ad welcher, Mehand⸗ Zeitung er Straf⸗ attsindnn. tsanwat Echweiß eitrag zu der klein Justiß die Ueber serurteilel und dab tertollegeh ö Aberol, zwingen ach n ütlianel x einflaß B 2 Pfarrer bestreitet jede Schuld. Nr. 36. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. höfer aus Dillenburg wegen Körperverletzung zu verantworten. Der Hergang ist kurz folgender: Der Pfarrer, welcher früher in Gemünden a. d. Werra thätig war, hatte auch die Konfir— manden zu unterrichten. Der Pfarrer beklagte sich vor Gericht darüber, daß die Jungens sich während des Unterrichts schlecht betragen hätten; u. a. wäre der Schüler Schnellbecker der Haupt⸗ übelthäter gewesen. Der Pfarter soll den Schüler Schnellbecker mißhandelt und dieser in⸗ folge der Mißhandlung gestorben sein. Der Erwähnenswert ist noch, daß der Pfarrer den Lehrer beschul⸗ digte, die Kinder gegen ihn aufgehetzt zu haben, was aber von dem Lehrer entschieden bestritten wird; doch giebt der Lehrer zu, daß er sich mit dem Pfarrer nicht gut hätte vertragen können. Das Resultat war, daß der Pfarrer zu 100 Mark Geldstrafe oder 10 Tage Gefängnis ver⸗ urteilt wurde, mit der Begründung, daß der Pfarrer das Züchtigungsrecht überschritten habe. Jedenfalls wäre es wünschenswert gewesen, wenn in diese heikle Affaire etwas mehr Licht ge— bracht worden wäre, so z. B. ob der Tod des Schülers durch die Mißhandlungen, welche der Pfarrer ihm zugefügt hat, herbeigeführt worden ist. Zusammenkunft der Genossen am Sonntag, den 2. September, nachmittags von 4 Uhr ab in Bücking's Garten. Dortselbst Preiskegeln. Der Vertrauensmann. Kleine Mitteilungen. * Gewerkschaftshaus in Mainz. Vor einigen Wochen beschlossen die Vereinigten Gewerkschaften, einen Fonds zu sammeln zur Errichtung eines eigenen Gewerkschaftshauses. Nunmehr hat die Angelegenheit greifbare Gestalt angenommen, indem einer aus dem Gewerkschafts⸗ kartell hervorgegangenen Kommission von ver⸗ schiedenen Gewerkschaften und der sozialdemokr. Partei Summen im Gesamtbetrage von 562 Mk. überwiesen wurden. * Blattern in Offenbach. Eine ältere Frau erkrankte vorige Woche in Offenbach unter blatternverdächtigen Umständen. In das dortige Krankenhaus verbracht, starb sie und in der That wurden Blattern als Todesursache festgestellt. ** Weilburg. Der Kriegerverband des Oberlahnkreises faßte den vernünftigen Beschluß, von einer Sedanfeier Abstand zu nehmen. Es ist wirklich auch die höchste Zeit, daß der Rummel endlich einmal eingestellt wird.— Kpr. Unter dem Verdacht, an dem Tode des am 22. Juli aus der Lahn geländeten Berg⸗ manns Oberding schuld zu sein, sind laut„Weil⸗ burger Tageblatt“ drei junge Leute von hier verhaftet worden. * Eine Bahnkatastrophe. Ein von Singen kommender Schnellzug entgleiste am Mittwoch Nachmittag bei Hegne, einer Station vor Konstanz. Wie bis jetzt festgestellt ist, sind drei Personen tot und 14 verletzt. * Tod durch Elektrizität. In Gildehaus bei Bingen wurden 2 Personen, ein Weber und der Buchhalter Emil Hermes im Augenblick als sie das elektrische Licht einschalten wollten, von eleitrischen Schlägen getötet. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht festge⸗ stellt, kann aber doch wohl nur in dem mangel— haften Funktionieren der Sicherungen liegen. * Von der Pest. In Glasgow(England) sind wieder mehrere Fälle von Erkrankungen an der Bubonen⸗Pest vorgekommen; doch sollen die Symptome„gutartig“ sein. * Auch du Brutus? Der Pfarrer Vol⸗ poni in Rom wurde wegen Verherr⸗ lichung des Königsmordes zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Arbeiterbewegung. Der Streik der Lederarbeiter in Mainz. Am Montag haben von 550 Ausständigen unr sieben die Arbeit wieder auf⸗ genommen. Es wurde beschlossen, unbedingt an den Forderungen festzuhalten. Am Donnerstag, 30. August hat ein Einigungsversuch zwischen dem Oberbürgermeister Gaßner und der Lohnkommission stattgefunden. Ueber die Einigungsvorschläge wird eine Ver⸗ sammlung der Streikenden beschließen. Die Aussperrung der Hamburger Werftarbeiter dauert noch fort. Die Werftbesitzer suchen auf alle mögliche Art und Weise Leute für ihre Werften heranzuziehen, ohne Rücksicht auf die Qualität. Alles ist jedoch vergebens. Die Haltung der Ausge— sperrten und Streikenden ist musterhaft. Eisenbahnerstreik in England in Sicht. Dort wollen alle Eisenbahn-An⸗ gestellten die Arbeit einstellen. Die Veranlassung hierzu bietet ein Lohnstreit, der zwischen der Verwaltung der Great Eastern Rail— way und deren Angestellten begonnen hat. Die Letzteren wollen höhere Bezüge, und ihre Ver— waltung hat ihnen Antwort für Anfang Sep— tember zugesagt. Inzwischen hat sich aber die Gesellschaft mit den anderen großen Bahngesell— schaften in Verbindung gesetzt, um, falls der Streik ausbrechen sollte, von diesen Unterstütz— ung zu erlangen. Diese Unterstützung wurde der Great Eastern von den Verwaltungen der anderen großen Eisenbahnlinien garantirt. Die Garantie dürfte aber hinfällig werden, weil nun— mehr die Angestellten der die Garantie ver— sprechenden Gesellschaften sich zusammengethan und erklärt haben, gleichfalls streiken zu wollen, wenn ihre Verwaltungen der Great Eastern bei— springen. Es kämen eine halbe Million Ange— stellte in Betracht. Partei-Hachrichten. Zur Landes konferenz. Den Delegierten bringen wir zur Kenntnis, daß die Isenburger Genossen ein Empfangs Komitee organisiert haben, dessen Mitglieder an der Brust rote Schleifen tragen, und sowohl an der Station der Main-Neckarbahn als auch der Waldbahn die Delegierten in Empfang nehmen werden. Quittung. Für die Familie des erkrankten Genossen M. in B. gingen bei uns ein: Wahlv. Gießen 10.— Mart, E. K. 3.—, A. B. 1.50, Peter B. 2.—, Whn. 0.50, Bk. 0.30,-s. 1.—, B. 0.50. Summa 18.80 Mk. Weitere Gaben nimmt gern entgegen Redaktion der M. S.⸗Ztg. Zu dem Begräbnis Liebknechts wurde der Genosse Orbig als Vertreter der Genossen des ganzen Wahlkreises, nicht blos derjenigen Gießens delegirt, wie irrthümlich angegeben wurde. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 1. September: Gießen. Sozialdem. Wahlverein abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Tagesordnung: Der Parteitag in Mainz, insbefondere das neue Organi⸗ sationsstatut. Dienstag, 4. September: Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung abends 9 Uhr bei Orbig. Sonntag, 9. September: Friedberg. Gewerkschaftsfest von nachmittags 4 Uhr ab in Steinhäußers Garten. DDr Für die Verbreitung der Parteipresse zu wirken, ist die erste und hauptsächlichste Pflicht der Parteigenossen! Dieser Pflicht müssen die Genossen mehr als bisher nachkommen! Arbeiter! Bedenkt, wenn Ihr gegen die ökonomische Ausbeutung und politische Unter— drückung überhaupt ankämpfen wollt, müßt Ihr vor allem für Stärkung der besten Waffe in diesem Kampfe, für Eure Presse sorgen! Gerade jetzt wird wiederum bekannt, welche riesigen Mittel die industriellen Beute⸗ politiker zur Verfügung stellen, um durch ihre Preßkosaken die öffentliche Meinung zu ver⸗ fälschen, unsere Partei und die gesamte Ar⸗ beiterbewegung zu verleumden und zu be⸗ schimpfen. Die Antwort der Arbeiter muß darauf sein: Aus dem Hause mit der reaktionären Sudelpresse! Abonniert die Parteipresse, die Mitteld. Sonntags⸗ Zeitung, die seit Jahren die Arbeiterinteressen energisch und nachhaltig verficht! Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet nur 25 Pfennig pro Monat. Wegen Abonnement wende man sich an die Spediteure oder an unsere Expedition. Seite 5. Aus dem Bericht des Partei-Vorstandes au den XI. Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Fortsetzung.) Die speziell zum Zwecke der Mittelstands⸗ retterei gesetzlich neuorganisierten Innungen versagen zum Schrecken ihrer Urheber als Boll⸗ werk gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen. Vornehmlich sind es die Schuhmacher, denen es gelungen ist, die Leitung der Innungen in drei größeren Städten den Händen sozialdemokratischer Genossen anzuvertrauen. Den Genossen Haug in Freiburg, Baden, und Baerer in Harburg folgend ist als Dritter im Bunde Gen. Brühne in Frankfurt a. M. zum Obermeister der Innung gewählt. Das Eindringen der Parteigenossen in die verschiedenen kommunalen Verwal⸗ tungskörper ist den Regierungen längst ein Stachel im Fleisch. Sehr unangenehm wurde es von den Aufsichtsbehörden empfunden, daß Sozialdemokraten von ihren bürgerlichen Kollegen für würdig gehalten wurden, in die Schuldepu⸗ tationen bez. Kommissionen gewählt zu werden. In Berlin, Celle, Limmer bei Hannover und in verschiedenen anderen Orten wurde gegen die Wahl der Genossen Einspruch von der Aufsichts⸗ behörde erhoben. In Berlin hatten die bürger⸗ lichen Stadtverordneten zu wenig Rückgrat, den Konflikt mit der Aufsichtsbehörde auszufechten bezw. den Magistrat in die Verlegenheit zu bringen, den Genossen Singer in die Schul⸗ deputation einführen zu müssen. Diese Vorgänge, ergänzt durch das Vorkommnis, daß von dem Konsistorium in Kiel der Grundsatz ausgesprochen wurde,„die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei sei an sich kein Grund, jemand die Fähig⸗ keit eines kirchlichen Amtes abzusprechen“, ver⸗ anlaßten eine allgemeine Verfügung des preußi⸗ schen Unterrichtsministers, in der den Schulauf⸗ sichtsbehörden nachdrücklichst eingeschärft wurde, daß die Gesamtauffassung der Sozialdemokraten sie zu einer Mitwirkung bei der Verwaltung der Schulen preußischen Rechtes absolut ungeeignet mache, und daß aus diesem Grunde keinem So⸗ zialdemokraten die Bestätigung als Mitglied des Schulvorstandes erteilt werden könne. 5 Aus demselben Geist ist die Maßregelung des Genossen Dr. Arons erfolgt. Die Entfernung Dr. Arons als Privatdozent von der Berliner Universität wurde am 23. Februar vollzogen. Während die Fakultät an dem Ge⸗ nossen Arons kein Fehl entdecken konnte, vielmehr seine sozialdemokratische Gesinnung als kein Hindernis für seine Lehrthätigkeit ansah, erklärt das preußische Staatsministerium:„Ein aka⸗ demischer Lehrer, der mit derartigen Gegnern der bestehenden Staats- und Rechtsordnung ge⸗ meinsame Sache macht, zeigt sich des Vertrauens, das sein Beruf erfordert, unwürdig.“ Nach Erwähnung der Kämpfe um Ver⸗ sammlungslokalitäten an verschiedenen Orten, der Elberfelder Stadthallen⸗ Angelegenheit und der Ungültigkeits⸗Er⸗ klärung der Breslauer nee die erfolgte, weil die sozialdemokratischen Wahl⸗ männer Auslagen erstattet erhielten, fährt der Bericht fort: Glänzende Proben der internationalen Solidarität hat die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft bei der großen Aussperrung der dänischen Arbeiter und dem Ausstand der öster⸗ reichischen Bergarbeiter abgelegt. Für die dänischen Arbeiter, deren Aussperrung nach 15 wöchentlicher Dauer am 4. September v. J. beendigt wurde, und mit einem Sieg der Arbeiter abschloß, wur⸗ den 218 413 Mark aufgebracht. Die österreichi⸗ schen Bergleute erhielten rund 60000 Mark überwiesen. Zieht man danach in Betracht, welche Summen die Holzarbeiter, die Maurer, Zimmerer, die Bergleute und die Textilarbeiter in dem Berichtsjahr bei den zahlreichen und um⸗ fangreichen Lohnkämpfen geleistet haben, so erhält man ein annäherndes Bild von dem Opfermut und der Zähigkeit, womit die deutsche Arbeiter- klasse ihre Kämpfe zu führen versteht. 1 e 5 235 15 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. Neben der Bethätigung internationaler Soli⸗ darität, und neben der Führung des Klassen⸗ kampfes wendet die Arbeiterklasse mit stets steigendem Interesse auch ihre Aufmerksamkeit der Wahrung der Interessen des Einzelnen zu. Diese Aufgabe ist den Arbeitersekretariaten zugesallen, deren Zahl inklusive des am 1. Oktober in Hamburg zu eröffnenden auf 21 gestiegen ist. Bereits geht von dem Münchener Sekretariat die Anregung aus, in Berlin ein Zentralorgan der Sekretariate zu schaffen, dem hauptsächlich die Wahrnehmung der Termine vor dem Reichs⸗ versicherungsamt obliegen soll. Auch die in Hannover geforderte zentrale Auskunftsstelle für sozialdemokratische Gemeindevertreter, Kranken⸗ kassen⸗ und Innungsvorstände ꝛc. soll in Funktion treten, sobald die Personenfrage in befriedigender Weise gelöst ist. Mit dem 11. Dezember v. J. ist das in den meisten deutschen Bundes staaten Geltung gehabte Verbot des Inverbindungtretens politischer Vereine aufgehoben. Am 6. Dezember stand ein diesbezüglicher Initiativ⸗ antrag der Parteien zur dritten Lesung auf der Tagesordnung des Reichstags. Der Reichskanzler nahm die Gelegenheit wahr, namens der ver⸗ bündeten Regierungen die Erklärung abzugeben, die Regierungen würden einem Gesetz zustimmen, das die Beseitigung des Verbindungsverbotes ausspricht. Zahlreiche Anfragen aus den Parteikreisen bei dem Parteivorstand, was nun zu thun sei, ob eine Aenderung der Organisation zweckmäßig oder beabsichtigt sei, sührten zu einem regen Meinungsaustausch zwischen dem Parteivorstand und den Genossen. Im Parteivorstand war man sich einig darüber, daß die besiehende Or⸗ ganisation der Partei sich bei den Genossen so eingelebt, befestigt und bewährt habe, daß es gar nicht eile, etwaige formale Aenderungen der Organisation vor dem ordentlichen! Parteitag vorzunehmen. Die Fraltion, die sich cbenfalls eingehend mit der Angelegenheit beschäftigte, war gleicher Meinung mit dem Parteivorstand. Die Fraktion setzte eine Kommission, bestehend aus den Genossen Auer, Bebel, Dreesbach, Geyer, Singer und Stadthagen ein mit der Aufgabe, das Organisationsstatut einer Revision zu unter⸗ ziehen und der Fraktion eine Vorlage zur Be⸗ schlußfassung zu unterbreiten. Die von der Kommission ausgearbeitete, von der Fraktion durchberatene und angenommene Vorlage wird dem Parteitag zur endgültigen Entscheidung unterbreitet. Anterhaltungsteil. e Licht vom Morgen. Sei gesegnet, Licht vom Morgen! Froh erwacht zu Dir die Welt, Wenn Du kommst zum Kampf gerüstet, Schön und siegreich, wie ein Held. Neu in Deines Glanzes Fülle Wird das Leben offenbar, Und in Finsternis verschwindet, Was aus Nacht geboren war. Heil'ges Licht, dem Geist entprungen, Geh uns auf in solcher Pracht; Stürze, was Dich nicht kann schauen Nieder in die finst're Nacht! Laß die Augen immer heller Baden sich in Deinem Schein, Laß in aller Menschen Seele Bald Dein Reich vollendet sein! Dunkle Mächte. 21 Roman von Elise Langer. Brandt hatte nichts zu versäumen; er nahm die Einladung an. Das steinerne, von hohen Nußbäumen um⸗ schattete alte Haus empfing ihn mit klösterlicher Kühle, ebenso wie dessen jüngere Bewohnerin, die er auf der nach dem See hinausgehenden Terrasse in Wasserfarben malend fand. Von dem von der Mutter verheißenen Entzücken über seine Bekanntschaft war bei der Tochter nicht das mindeste zu spüren, auch dann nicht, als sie die Veranlassung seines Besuches erfuhr. Die junge Dame war in allen Stücken das Gegenteil von ihrer Mutter. Sie war eher klein als groß, hatte schwellende Körperformen und ein regel⸗ mäßig geschnittenes Gesicht, dessen Schönheit jedoch durch finstere, zusammenfließende Augen⸗ brauen und einen ziemlich starken Flaum auf der kurzen Oberlippe beeinträchtigt wurde. Dazu hatten die Züge etwas Kaltes, Lebloses, selbst ihr Lächeln glich winterlichem Sonnenschein. Sie war mehrere Jahre Erzieherin in England ge⸗ wesen, dessen abgemessene Umgangsformen sie zu zu ihrem ohnehin steifen Wesen angenommen hatte, sodaß man sie in der ganzen Gegend nur Fräulein Prinzessin hieß. Um so formloser war die Mutter, die mit Brandt bald auf vertrautem Fuße stand. Sie hatte in ihrer Jugend einmal eine hübsche Zeit in Dresden verlobt, und die Erinnerung daran ließ sie jeden Deutschen mit besonderem Wohlwollen betrachten. Bei dem schmackhaften Abendessen, zu welchem sie Brandt zu bleiben einlud, legte sie ihm die besten Bissen auf den Teller und weihte ihn mit der größten Unbefangenheit in alle ihre Familienverhältnisse und Wirtschaftsangelegenheiten ein, wobei sie der Tochter für deren mißbilligende Mienen und Winke gelegentlich einen kleinen Seitenhieb versetzte. Brandt amüsierte sich köstlich. Er nahm von den Damen erst Abschied, nachdem die letzte Spur eines herrlichen Alpenglühens, das den tiefblauen Spiegel des Sees wie mit einem Rosenkranz umgab, verblaßt war. Frau Bignin, welche sich bei dem Naturschauspiel wie eine Verzückte geberdete, während Fräulein Anais es mit statuenhafter Ruhe verfolgte, lud Brandt lebhaft zur Wiederholung seines Besuches ein. Brandt hatte nie an eine Heirat gedacht. Die Ehe flößte ihm ein geheimes Grauen ein. Ueberall, wohin er blickte, sah er eheliche Miß— verhältnisse. Auch seine jetzt schon verstorbenen Eltern hatten nicht glücklich zusammen galebt. Er entsann sich aus seiner Kindheit stürmischer häuslicher Auftritte, bei denen er, ohne zu wissen was vorging, für die Mutter Partei genommen hatte, weil sie ihm die Unterdrückte geschienen, denn Kinder sind ebenso großmütig, wie sie grausam sein können. Später war jedes der Eltern s inen eigenen Weg gegangen, aber die Verbitterung auf der einen und der rücksichtslose Egoismus auf der anderen Seite hatten kein häusliches Behagen aufkommen lassen. So war denn Brandt schon als Jüngling die Ehe als eine lästige Fessel erschienen. Für weibliche Reize jedoch keineswegs unempfänglich, hatte er heimliche Verhältnisse unterhalten, die nicht immer zu den reinsten gehörten. Jetzt zum erstenmale kam ihm der Gedanke an eine dauernde Verbindung. Die Verführung war groß. Er konnte, wenn er Fräulein Bignin heiratete, sich mit einem Schlage in geordnete Verhältnisse bringen. Freilich wurde ihm von der jungen Dame bei seinen wiederholten Be— suchen wenig Aufmunterung zuteil. Aber dies war gerade ein Sporn mehr für ihn, um ihre Gunst zu werben. Er fing an, sich ernstlicher mit ihr zu beschäftigen und auf ihre Liebhabereien einzugehen, deren sie besonders drei besaß: Aqua⸗ rellmalerei, Musik und Philosophie. Ja, Fräulein Auuls Bignin las die Werke aller älteren und ntueren Philosophen, um zu beweisen, daß es nichts gäbe, was der weibliche Geist nicht zu fassen vermöge. Ließ Brandt sich nun herbei, über ihre Lektüre mit ihr zu disputieren, ihre gelehrten Musilstücke anzuhören und ihre mit mittelmäßigem Talent gemalten Bilder zu be⸗ wundern, so glaubte er gewonnen Spiel zu haben. War er erst einmal verheiratet, so wollte er seiner Frau Gemahlin den philosophischen Kitzel schon vertreiben, malen und musizieren mochte sie nach Herzenslust. Er hatte richtig spekuliert. Fräulein Anais gab nach und nach ihre Zurückhaltung auf. Die Teilnahme des schönen, so selbstbewußten Mannes schmeichelte ihr und allmählich mischte sich ein wärmeres Gefühl ein. der Weinlese im Weinberge sich befanden, tausch⸗ ten sie zwischen dem Traubennaschen den Ver⸗ lobungskuß. Frau Bignin hieß Brandt mit aufrichtiger Freude als Schwiegersohn willkommen, und als praltische und keineswegs kleinlich gesinnte Frau ging sie bereitwillig auf dessen Pläne für die Zukunft ein. Brandt gedachte nämlich nicht unthätig von dem Gelde seiner Frau zu leben, sondern mit Hilfe dieses Geldes eine größere deutsche Zeitung in Genf zu gründen, die gegen den Napoleonismus Front machen und gewisser⸗ maßen eine Grenzwacht bilden sollte. Er hatte den Kampf der Parteien in der Heimat beständig verfolgt und aus der Ferne einen großen Blick für die europäische Politik im allgemeinen ge⸗ wonnen. Er besaß eine scharfe journalistische Feder und talentvolle Gesinnungsgenossen, die, gleich ihm, von der reaktionären Woge in die Schweiz verschlagen, bereit waren, sein Unter⸗ nehmen zu unterstützen. Es bedurfte keiner großen Ueberredungskunst von seiner Seite, um die beiden Frauen für seinen Plan zu gewinnen, und Frau Bignin gab die dazu nötigen Mittel um so lieber her, als sie wünschte, ihren Schwieger⸗ sohn eine bedeutende soziale Stellung einnehmen zu sehen. An demselben Tage, an welchem die erste Nummer der„Grenzwacht“ erschien, fand die Trauung des jungen Paares in dem benach- barten Städtchen Nyon statt. So hatte den Doktor Brandt sein Schäfchen glücklich ins Trockene gebracht. Er besaß eine behaglich eingerichtete Häuslichkeit, eine reizende Frau und eine seinen Neigungen und Fähig⸗ keiten entsprechende Thätigkeit, welche nicht ohne den gehofften Erfolg blieb. Das Blatt wirkte wie ein Gärungsstoff auf das Genser Partei⸗ leben und eroberte sich rasch einen großen Leser⸗ kreis. Indessen zeigte es sich bald, daß die verschiedenen Charaktere der beiden Gatten keine eheliche Harmonie aufkommen ließen. Statt sich zu verringern, erweiterte sich die Kluft, welche zwischen ihnen bestand, im engen Zusammenleben. immer mehr. Brandt liebte zuhause ein lörper⸗ liches wie geistiges Negligee, Frau Anais hielt dagegen auf ein gewisses Zeremoniell und fühlte sich beständig durch ihren Gatten verletzt, der es. nicht lassen konnte, über ihre wissenschaftlichen⸗ Beschäftigungen seine spöttischen Bemerkungen zu machen. Anais Muttec mischte sich als kluge Frau nicht in die Zwistigkeiten des jungen Paares, die sie mit einem gewissen stillen In⸗ grimm ignorierte. Als die Kinder geboren. wurden, schien sie sich nur um diese zu kümmern, und doch war sie es, die durch das Ansehen, welches sie bei Tochter und Schwiegersohn genoß, die Gatten zusammenhielt. Denn als ein plötz⸗ licher Tod sie dahinraffte, kam es zu einem. völligen Bruch zwischen ihnen. Da keines von beiden daran dachte, je wieder eine Ehe einzugehen, so kamen sie überein, sich gütlich zu trennen. Das Mädchen verblieb er Mutter, die sich nach La Clochette zurückzog, während Brandt den Knaben behielt. Doch sollten die Kinder nicht als Fremde aufwachsen, sondern einander, so oft es sich thun ließ, zu⸗ geführt werden. Die einzige Gemeinschaft zwi⸗ schen den Eltern war die Liebe zu ihren Kindern, und fast übertraf Brandt hierin noch seine Gattin. Seltsamer Widerspruch der Menschennatur! Dieser sonst so egoistische, rücksichtslose Mann war der zärtlichste, sorgsamste Vater, der dem kleinen Charles die Mutter, soweit es möglich war, ersetzte. Sobald er seine Tagesgeschäfte beendet hatte, eilte er zu dem Kinde, das sich in der Odhut einer zuverlässigen Wärterin befand, und es war rührend, mit welcher Geduld und Hen⸗ gebung er auf die Launen und Einfälle des Kleinen einging. Als das Schwesterchen heran⸗ wuchs, waren die Besuche beim Vater und die Gegenbessiche des Bruders deren größte Freude. Inzwischen begann der Aufschwung, den das Blatt genommen, ins Stocken zu geraten. Es verstimmte in den Tuilerien höchlich, daß Na⸗ poleon die Maske abgerissen und gezeigt wurde, wie sich hinter dem sozialen Kaisertum nichts als der krasseste Despotismus verberge. Fran⸗ zösisches Gold begann an den Wurzeln des Als beide eines Tages zur Zeit 0 falt ertung 0 0 feherhe 00 chi Muße Wiel hatte Abet sie no u üb kahige Chatle Frau and 10 auf ih W auch zu ge 2 telle, war ainst Gef über 0 mit zend fg 7 2 = . „ —— .. winnen, u Mit chwiegr, innehmmn chem die en, fad n benaßh Schüshn daß en reizende ) Fühig⸗ icht ohe tt wirkte F Porte zen As. daß die dten kent Stalt h , welche menleben 1 lötper⸗ dis hielt ud fühle t, der th caftlichn dungen als flag s jungen tllen. geboln kümmeng Msehch hn elch, ein dh zu eile j„ ereil, 00 aun urüchh 1 10 Mouth 1 at zor i Aan 0 gull 1 — — — ——— Blattes Nr. 36. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 2 7 Seite 7. zu nagen, die Furcht vor dem mächtigen Nachbar half nach und bald konnte die„Grenz⸗ wacht“ sich nur noch mühsam über Wasser halten. Brandt war zu hellsichtig, um die Vergeblichkeit seines Kampfes zu verkennen, und da es ihm widerstrebte, unter den jetzigen Verhältnissen von seiner Frau Geld anzunehmen, so sah er sich wieder in seine erste Flüchtlingszeit zurückversetzt, wo er an manchem Morgen nicht gewußt hatte, wovon er die Bedürfnisse des Tages decken würde. Nach den guten Jahren, die er gehabt, kam ihm dies doppelt sauer an, um so mehr, als auch der Knabe unter dieser unsicheren und unregelmäßigen Existenz leiden mußte. Um ihn vor Entbehrung zu schützen, verkaufte Brandt ein gutes Stück seines Haushaltes nach dem anderen, bezog eine kleine Junggesellenwohnung, schaffte die Wärterin ab und besorgte das Kind selber. Die„Grenzwacht“ hatte aufgehört, zu erscheinen. In dieser Zeit— es war im Sommer des Jahres 1861— erhielt er eines Tages eine ge⸗ heimnisvolle Einladung nach einem zwischen Vevey und Lausanne gelegenen Landhause. Das Schreiben war mit einem ihm völlig fremden Namen unter⸗ zeichnet und besagte nur so viel, daß es sich um ein Anerbieten von Bedeutung handele. Brandt war aufs höchste gespannt und entschlossen, hin⸗ zugehen. Er schickte den Knaben durch eine sichere Person nach La Clochette und bestieg das Dampfschiff, welches täglich den See in seiner ganzen Länge durchmaß. War er in Erwartung irgend eines Glückes, das ihm in den Schoß fallen würde, gegangen, so kehrte er in einer wahren Teufelslaune zurück. Selbst den Knaben ließ er nicht sofort holen, sondern schrieb eine Zeile, daß man ihn einstweilen behalten möge, bis er weiter von sich hören ließe. In den drei nächsten Tagen nach seiner Heimkehr rang Brandt öffenbar mit einem Entschlusse. Stundenlang saß er auf einer der Bänke der Rousseauinsel und starrte auf die glitzernde blaue Fläche des Sees. Dann lief er wieder wie ein Besessener die Boulevards auf sund ab, die Leute umrennend und keinen seiner Bekannten sehend. Aber allmählich legte sich der innere Sturm. Von den zwei Mächten, die sich in ihm bekämpft, hatte eine den Sieg errungen. Er schrieb und empfing mehrere Briefe und schickte nach Charles. Dann begann er mit fieberhafter Thätigkeit seine Angelegenheiten zu ordnen, die Junggesellenwirtschaft aufzulösen und Abschiedsbesuche zu machen. Er kehrte nach Preußen zurück, welches der Tod Friedrich Wilhelms IV. den Flüchtlingen wieder geöffnet hatte. Auch seiner Frau sagte er persönlich Lebewohl, nicht weil er das Bedürfnis fühlte, sie noch einmal zu sehen, sondern weil er sie zu überreden hoffte, daß sie ihm Emmy auf einige Zeit nach Deutschland mitgäbe. Bis Charles sich eingelebt haben würde, sagte er. Frau Anais hatte innige Freundschaft mit einer französischen Philosophin geschlossen, die in der Schweiz öffentliche Vorträge hielt und die sie auf ihren Fahrten zu begleiten wünschte. Brandts Vorschlag kam ihr daher nicht ungelegen, und da auch Emmy Verlangen zeigte, mit dem Brüderchen zu gehen, so willigte sie ein. Was Brandt ihr über die Verhältnisse mit teilte, unter denen er ins Vaterland zurückkehrte, war derart, daß sie hoffen durfte, die Kinder einst glänzend versorgt zu sehen. Er hatte die Chefredaktion einer Zeitung übernommen, die über fürstliche Mittel verfügte. „Des ehelichen Bandes ledig und beide Kinder mit sich führend, betrat er angesichts einer glän⸗ zenden Zukunft den vaterländischen Boden. (Fortsetzung folgt.) Aker i. Aus der Geschichte. Künstlicher Kriegsruhm. Die beiden römischen Kaiser Caligula und Domitian machten sich beide gleich lächerlich durch Triumphfeiern solcher Siege wegen, die in Wahrheit nie er⸗ fochten worden waren. Dem Caligula fiel es plötzlich ein, daß doch eigentlich auch der Lorbeer⸗ kranz des Siegers ihm gut stehen müßte. Des— halb zog er 39 n. Chr. mit gewaltiger Heeres⸗ macht an den Rhein, kehrte aber sehr bald wieder um, nahm jedoch etliche Gallier(keltische Ein⸗ geborene des heutigen Frankreich) mit, die in seinem Triumph zuge kriegsgefangene Germanen vorstellen mußten. Ebenso kaufte Domitian in Gallien Sklaven auf, die er nach germanischer Art frisieren und kostümieren und sie im prahlen⸗ den Triumphzuge des Jahres 83 n. Chr. die Rolle von kriegsgefangenen Germanen spielen ließ. Ganz Rom, das diese kaiserlichen Schwindel⸗ stückchen sehr wohl kannte, hielt sich den Bauch vor Lachen. Die göttliche Weltordnung. Gegenwärtig macht eine Notiz die Runde durch die Zeitungen, die geeignet wäre, die Ar- beiter einigermaßen zum Nachdenken anzuregen. Es wird darin die Schlafzimmereinrich⸗ tung beschrieben, welcher der amerikanische Milliardär Stephan Marchand einer Lon⸗ doner Firma in Auftrag gegeben hat und dem staunenden Leser folgendes vorgeführt: „Das ungeheure Gemach, 76 Fuß lang und 22 Fuß breit, hat eine elliptische Form. Die Wände sind mit kostbar geschnitzten Paneelen im Stil Ludwigs XV. ausgestattet, der Hintergrund ist von weißem Email, die Schnitzereien und das Gesims sind vergoldet. Die Paneele und die Schnitzereien sind der Form des Zimmers kunst⸗ voll angepaßt. Für diese Dekorationen der Wände und des Gesims wurden allein 256,000 Mark ausgegeben. Die Wände innerhalb der Paneele sind mit purpur⸗ und goldenen genuesischem Sammet bekleidet, der von feiner Farbe, außerge⸗ wöhnlicher Qualität und ganz eigenartigem Muster ist. Es mußte von einer Firma in Lyon eigens zu diesem Zweck gewebt werden und kost⸗te die Elle 155 Mark. Da 28 Paneele in dem Schlaf— zimmer sind, so kosten diese Vorhänge allein im Ganzen etwa 43,400 Mark. Die Decke ist kunstvoll geschnitzt und von hervorragenden Pariser Künstlern dekorirt; sie kostet 77,400 Mark. Die Portièren, Draperien, die von demselben Stoff wie die Paneelvorhänge sind, kosten 36,800 Mark, ohne die Fenstervorhänge, die aus feinstem Brüsseler Tüll und mit Seide durchwirkt sind. Sie kosten allein noch 27,000 Mark. Der Tep⸗ pich, ein schöner, handgewirkter, purpurfarbiger Axminster, mußte besonders gefärbt werden und kostete 69,000 Mark. Das Meisterstück aber des ganzen Schlafzimmers ist das Bett und die Möbel. Das Bett kostete beinahe 760,000 Mark! Es ist von Ebenholz, mit wunderbaren Schnitzereien von echtem Elfenbein und mit Goldfiligran. Zu dem in Paris an⸗ gefertigten Bett brauchten die geschicktesten Kunst⸗ handwerker 2 Jahre. Ein einziger breiter Elfenbeinstreifen des Gestelles hatte ein so schwieriges und mühsames Muster, daß 4 Schnitzer 1½ Jahr nur mit diesem Theil des Bettes zu thun hatten. Die Verzierung am Kopfende des Bettes war so groß, daß ein Stück Elfenbein von der erforderlichen Größe nicht zu bekommen war. Die Firma wollte die Schnitzereien kleiner machen, aber der reiche Besteller ging nicht da⸗ rauf ein. Nach sieben Monaten fand man schließlich einen großen Zahn in Uyanyembe in Afrika, der einschließlich der Fracht 80,000 Mark kostete. Der Purpurdamast zu dem Bett wurde besonders hergestellt und kostete 98 Mark die Elle. Das Bettgestell selbst Mark; die gleiche Summe wurde für den Kleider⸗ schrank bezahlt. Dazu kommen noch die kleineren Möbelstücke, der Toilettetisch für 248,000 Mark, der Waschständer für 154,000 Mark, der Nacht- tisch für 57,400 Mark. Die Stühle bestehen aus geschnitztem Elfenbein mit Ebenholz und Goldeinlagen und kosten 29,000 Mark. Nach diesen Zahlen scheinen Summen, wie 14,600 Mark für einen großen Drehspiegel, 24,600 Mark für ein Kaminsims mit Spiegel, 9800 Mark für jede der vier Thüren, 4560 Mark für jedes Thürsims und 14,200 Mark für die Wasch⸗ toilettegarnitur unbedeutend.“ Mit solcher Ver⸗ schwendung, die ähnlich, wenn auch nicht in diesem Umfange in allen Ländern, auch in Deutschland getrieben wird, vergleiche man die Lage der Arbeiter! Von den Wohnungen der Landarbeitec in Ostelbien ist bekannt, daß die meistens Schweineställen gleichen; über die kostete 581,600 Schlafstätten der Ziegeleiarbeiter und Arbeite⸗ rinnen sagt der Bericht des Gießener Gewerbe⸗ inspektors: In einer Feldziegelei bei Friedberg mußten drei Mädchen im Alter von 15—19 Jahren in einem Raume von 2.75 Meter Länge und 2,15 Meter Breite schlafen, das einzige Fenster war ganze 60 Centimeter hoch und 40 Centimeter breit! Auf die finsteren, dumpfigen, dabei doch teuren Wohnungen der Arbeiter in den Großstädten braucht nur hingewiesen zu werden. Man sieht, das alles ist ein hübscher Vergleich mit dem Schlafzimmer des Herrn Marchand! Aber„Arme und Reiche muß es geben!“ sagen unsere Ordnungsleute und Pfaffen. Womit sich denn auch viele Arbeiter zufrieden geben und auf ein besseres Jenseits hoffen. Sprüche zur Lebensweisheit. Gesetzwidrige Menschen lernen keine Achtung vor dem Gesetz, wenn es von Beamten gehand⸗ habt wird, deren Stellung offenkundig die Be⸗ lohnung ihrer politischen Niederträchtigkeit ist. Grattau. * Heute können wir noch im Leben erfahren, wie der schrecklichste der Schrecken ein einfluß⸗ reicher Dummkopf ist, dessen Geist allen vor⸗ sichtigen, einer genauen Beobachtung der Wirk⸗ lichkeit entspringenden Erwägungen und Ab⸗ wägungen unzugänglich, sein einmal gefaßtes Ziel mit blinder und einseitiger Energie verfolgt, unbekümmert um die Hemmnisse und um den Schaden, den er anrichtet Vierkandt. * Den Eroberern sind die Menschen Schach⸗ figuren und eine verwüstete Provinz ein Kohlen⸗ meiler. Mit wenigen Ausnahmen sind die großen Helden die Schandflecken des Menschen⸗ geschlechts. 1 Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschheit nicht denkt und die andere nicht fühlt. Seume. * Das Wesen des Reichtums beruht in seiner Herrschaft über die Menschen. Ruskin. Humoristisches. Eine gekräukte Leberwurst. Heer Rentamts⸗ offiziant a. D. Brandl in Greding in Bayern veröffent⸗ lichte im Hilpoltsteiner Wochenblatt vom 4. d. M. fol⸗ gendes„Eingesandt“:„Oeffentliche Erklärung: Seit Juni 1898 befindet sich der Unterzeichnete wegen Er⸗ krankung außer Dienst. Während meiner 17jährigen Thätigkeit als Oberschreiber und Offiziant war ich bei meinen Amtsangehörigen geliebt und geachtet. Wenn ich nun hierfür meinen Dank ausspreche, so muß ich gleichzeitig Klage darüber führen, daß man mich größten⸗ teils als Herr Brandl unter Hinweglassung des Titels Offiziant anspricht. Nachdem man gegenwärtig in einem Zeitalter lebt, wo jeder Kuhhict tituliert wird, glaubt auch der Unterzeichnete sich berechtigt, seinen Titel als Rentamtsoffiziant aufrechtzuhalten, und werde ich daher künftig gegen jeden, der mich absichtlich nicht als Offiziant tituliert, Strafantrag wegen Beleidigung stellen. Greding, im Juli 1900. Karl Brandl, Rentamtsoffiziant a. D.“ * Gedanken. Merkwücrdig; derjenige, der sich auf die Kunst des Lebens am allerwenigsten versteht, wird „Lebemann“ genannt„Postill.“ Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. -s. Wir empfehlen unseren Genossen angelegentlichst, sich das bei Dietz in Stutigart erscheinende Lieferungs⸗ werk: Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie anzuschaffen. Soeben ist das 5 und 6. Heft erschienen; aus dem Inhalt heben wir hervor: Unsere kleinsten Feinde.— Der Boden und seine Verunreinigung.— Das Wasser.— Die Zusammensetzung der Luft. An Farventafeln sind den Heften beigegeven: Tale III Pflanzenkeaukheiten und Tafel IV Süß wasseralgen. Das Werk ist in 25 Heften à 20 Pfg. komplett. „Ju freien Stunden“, Illustrierte Romanbiblio⸗ thek für das arbeitende Volk in Wochenheften à 10 Pfg. Lieferung 32 und 33 sind soeben erschienen und enthalten die Fortsetzung des prächtigen, kulturhistorischen Romans „Der Sohn des Rebellen“ von Viktor Hugo(nach seinem „Lachenden Mann“). Ferner die feuillerontstischen Skizzen „Königin und Dichterin“,„Das Kirchlein im Walde“, „Dies und Jenes“ und„Witz und Scherz“. 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