7 ture, hren, 1 len. r ——.—.——1 8 * 5 1 1 lie dre dada e ehe dad abe Rechte, E Gießen, Sonntag, den 30. April 1899. 6. Jahrg. Nr. 18. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonn Mitteldeutsche tügs⸗Zeitung. Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Das Dölkerfest am J. Mai. n Ende neigt sich das Jahrhundert, Und mancher helle Stern verblich, Der lang vergöttert, lang bewundert Am Seitenhimmel sonnte sich. Doch aus der Wolken düsterm Schleier Ein neuer Stern erhob sich frei— Er kündet leuchtend uns die Feier Des Völkertags, des ersten Mai! Wenn dieser Tag emporgestiegen Am Morgenhimmel, flammend rot, Sieht man des Volkes Fahnen fliegen, Hört man der Arbeit Aufgebot; Da wird begraben jedes Hassen, Das die Nationen feindlich trennt, Da winkt ein einiges Umfassen, Der Mensch den Menschen Bruder nennt. Bestellungen Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und Von Max Kegel. Da geben alle Völker Runde: Nicht Schlachtenruhm ist ihr Begehr, Ihr Heil beruht im Menschheitsbunde, Den keine Macht soll brechen mehr. Und alles Streben, alles Ringen, Dem Heil der Arbeit soll sich's weih'n, Es soll ihr die Erlösung bringen Aus Sklaventum, aus Hungerpein! Die Kunde tönt als helles Mahnen An Jeden, der zum Volk sich zählt; Die Kunde weckt ein dunkles Ahnen Den Rittern auch der alten Welt. Sie sehn von siegenden Gedanken Ihr altes Herrschsystem bedroht, Sie sehen Mammons Säulen wanken, Und sehn der Zukunft Morgenroth. jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50 1 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Ve breitung. Die 5 gespalt Expedition tn Gießen, Sonnenstraße 25, die[Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4mal. Beßtellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung Bei mindestens 0 Rabatt. So ist er diesmal auch gekommen, Der Maientag voll Glanz und Licht, Und die Philister, angstbeklommen, Verhüllten scheu ihr Angesicht. Und wie sie auch es hindern wollten, Und bang nach Unterdrückung schrien— Der Freiheit laute Donner rollten Stolz über Land und Meere hin. Von Spaniens sonnigem Gelände Bis in des Faren Machtgebiet Ein Brudergruß, ein Druck der Hände, Sin Banner, Losungswort und Lied.— Das ist das stärkste Machtbekunden, Das je der Erdball hat gesehn, Und fest in Einigkeit verbunden Wird einst die Arbeit siegreich stehn. Zur Feier des I. Mai. * Zum zehnten Male schickt sich das klassen⸗ bewußte Proletariat der ganzen Welt an, den Weltfeiertag der Arbeit zu begehen. Diesseits und jenseits des Ozeans, in Nord und Süd, in Ost und West, wo immer der Kapitalismus dem Samen der sozialistischen Ideen den Boden zubereitet, ist eine herrliche Saat, ein klassenbewußtes Proletariat hervor gewachsen. Und der tagtäglich fortschreitenden kapitalistischen Produktions- und Wirtschafts⸗ weise entsprechend, mehren sich Jahr für Jahr die Reihen der bereits zu gewaltigen Dimensionen angeschwollenen Armee der Arbeiter, der Ent⸗ erbten. Da giebt es kein Halt, kein Stillestehen. Denn die Uhr des Kapitalismus ist noch nicht abgelaufen. Doch je kürzer die Spanne Zeit, die dem Kapitalismus noch beschieden ist, um so schrecklicher, um so verheerender wird er in seinen letzten Wirkungen sein. Allein um so erschreckender— für die Kapttalisten, auch die rapide Zunahme derer, die unter diesen Wirkungen zu leiden haben, die durch die gleiche Not zum Bewußtsein der gleichen, hilflosen Lage, der gleichen Interessen aufgeweckt, zu einer mächtigen, unüberwindlichen Masse zusammen⸗ geschweißt, der heutigen Wirschaftsweise als Todfeinde gegenüberstehen. Und mögen Unver⸗ stand und Selbstsucht der Herrschenden der wirtschaftlichen Ausbeutung auch die politische Entrechtung der Massen zu⸗ gesellen, mag auch die Bourgeoiste in thörichter Verblendung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln äußerer Macht die wirtschaftlich Schwachen danieder halten, mag sie dieselben zum Danke 5 freien Wahlrechts und des Koa⸗ 1 litionsrechtes berauben, möge die herrschende . Die heutige Nummer ist zehn Seiten stark. . Klasse auch mit dem Zuchthaus drohen— das nützt alles nichts. Die Masse ihrer Feinde wird darum nicht geringer. Im Gegenteil. Unter dem Doppeldruck ökonomischer Knechtung und politischer Entrechtung wächst sie nur um so rascher. Wächst, wächst und wächst— bis sie dem immer kleiner werdenden Häuflein der Herrschenden über den Kopf gewachsen ist.— Darum auch immer gewaltiger die Zahl der⸗ jenigen, die am Weltfeiertag der Arbeit, am 1. Mai, sich um das Banner des Sozialismus scharen, die am 1. Mai laut und vernehmlich ihre Stimme erheben zu millionenfachem, ein⸗ stimmigem Protest gegen Ausbeutung und Unter⸗ drückung, in welcher Form und Gestalt es auch immer sei.— 8 Stunden Arbeit! 8 Stunden Er⸗ holung! 8 Stunden Schlaf! das ist die Forderung, die am 1. Mai von Millionen und Abermillionen in erster Linie gestellt wird. Doch nicht genug damit. Denn wäre die Forderung des Achtstundentages auch erfüllt, Ausbeutung und Unterdrückung wären damit nicht aus der Welt geschafft, das sehnende Verlangen des arbeitenden Volkes— mitzusitzen an der reich gedeckten Tafel des Lebens— nicht gestillt. Nein, nur ein nächstes Ziel, mir eine Etappe auf dem langen, mühreichen Wege bis zum Endziel des Sozialismus ist der Acht⸗ stundentag. Nur dazu dienend, die Widerstands⸗ kraft der Kämpfer zu erhöhen, das kommende Geschlecht zu neuem Ringen und Kämpfen stark zu machen. Denn daß die heutige Generation den Kampf gegen die zerstörenden Mächte des Kapitalismus nicht mehr zu Ende führen wird, wer gäbe sich darüber thörichten Illusionen hin?— Allein darum giebt es kein Stillestehen, kein Weichen, kein Ermatten. Schritt für Schritt heißt es den herrschenden Gewalten Terrain abzugewinnen. Und die Gewißheit des endlichen, unzweifel haften Sieges und das Bewußtsein, die Träger neuer Menschheitsideen, die Schöpfer einer höheren Kultur zu sein— läßt die Hand auch des ärmsten Proletariers nicht im Kampfe sinken. — Es ist der Idealismus, der ihn aufrecht er⸗ hält, der Idealismus, der der Bourgeoisie schon längst entschwunden und dessen Erbe die klassen⸗ bewußte Arbeiterschaft angetreten hat, so sicher als sie dereinst auch den übrigen, den materiellen Besitzstand der Bourgeoisie erben wird.— Das aber ist es, was das Proletariat zu seiner festen, unerschütterlichen Siegeszuversicht berechtigt. Denn immer noch in der Weltge⸗ schichte waren es die absterbenden, abbaukenden Klassen, die lange schon vor ihrem Ende nichts mehr von ihren alten Idealen— mochten die⸗ selben nun religiöser, politischer oder sonst welcher Art sein— wußten, und waren es die von neuen Zielen, neuen Menschheitsidealen er⸗ füllten Klassen, die als die Sieger aus dem je⸗ weiligen Klassenkampf hervorgingen. Doch das ist nicht das einzige, was dem Kampf der Besitzlosen von heute, und zugleich ihrem schöusten und größten Feiertag vor ähn⸗ lichen vergangenen Zeiten auszeichnet, ihm be⸗ sondere, weittragende Bedeutung verleiht.— Das ist vielmehr sein weltumspannender, inter⸗ nationaler Charakter. Der Kapitalismus, der ebenfalls keine Grenze kennt, der längst— auch in seinem Zusammen⸗ wirken, seinen Aktionen— den engen nationalen Rahmen überschritten, hat die gesamte Menusch⸗ heit gewissermaßen in zwei Völker gespalten, das Volk der Ausbeuter auf der einen, das Volk der Ausgebeuteten auf der anderen 5 — 22 Seite 2. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 18. Seite. Und wie die Interessen beider, die der Ausbeuter und Ausgebeuteten, einander feindlich gegenüberstehen, und so die einzelnen Glieder jedes Teiles zu besserem Widerstand sich fest und fester aneinanderschließen, so ist es auch ein Gedanke, ein Wollen, ein Fühlen, das die Masse des internationalen Proletariats beseelt. Mann und Weib, stehen sie da, Schulter an Schulter,— Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer, Oesterreicher, die Arbeiter und Arbeiterinnen Italiens, Europas, Amerikas, der ganzen Welt— vereint zu gleichem Kampfe, einig im gleichen Ziel: der Befreiung der leidenden Menschheit aus den Fesseln des Kapi⸗ talismus, einig in der Verbrüderung der Nationen, einig im gleichen Ziel des Völker⸗ friedens. f i Und am 1. Mai, den sich das Volk der Arbeit der gesamten Welt zum Feiertag erkoren, wird das internationale Arbeiter⸗Heer zusammen⸗ treten, um seine Musterung zu halten— zum Frohgefühl des Stolzes und der Kraft den Proletariern— zum Schrecken seiner Gegner, den Kapitalisten. i Und wie seither, so werden auch bei der diesjährigen zehnten Weltfeier der Arbeit am 1. Mai die deutschen Proletarier nicht hinter ihren Brüdern zurückstehen. Einmütig werden auch die zum Klassenbewußtsein er⸗ wachten Arbeiter, die in hessis chen Städten und Dörfern frohnden, zusammenstehen. Und donnernd wird aus ihren Reihen der herrschen⸗ den Klasse der Ruf entgegenhallen: Her mit dem Achtstundentag! Hoch das Koalionsrecht! Krieg dem Zuchthauskurs! Friede den Völkern! Nieder mit dem Kriegsmoloch! Gruß und Handschlag den Kampf⸗ genossen in allen Ländern! Hoch die internationale Sozial⸗ demokratie! — 2 Bleib' im Lande und nähre dich redlich! d- Wie in so vielen anderen Spichwörtern steckt auch in dem vorstehenden ein gut Stückchen Heuchelei. Als ob die Leute auswanderten aus Uebermut, oder weil sie die Absicht haben, sich fern von der Heimat unredlich zu nähren! Solange in der Heimat die Möglichkeit ge⸗ geben ist, sich redlich und— so fügen wir hin⸗ u— menschen würdig zu nähren, wird die uswanderung sich stets in bestimmten Grenzen halten. Diese unsere Behauptung wird glänzend als richtig bewiesen durch die amtlichen Er⸗ mittelungen über die Auswanderung aus Deutsch⸗ land sowohl, als auch aus den einzelnen Bundes— staaten. Nie war die Auswanderung aus dem Reich größer als Ende der sicbenziger und in den achtziger Jahren. Ursache: Die furchtbare Arbeitslosigkeit in Folge der allgemeinen Krise, die damals auf Jahre hinaus alle Geschäfts⸗ zweige in Mitleidenschaft zog. Die Möglichkeit, sich im Lande„redlich“ und menschenwürdig zu nähren, war auf ein sehr geringes Maaß herab- gedrückt und von den Versprechungen, daß es galt“ wieder besser“ werde, wurde kein Mensch a Erst allmählich nahm die Auswanderung wieder ab— allmählich, in demselben Tempo, wie die Geschäftslage sich wieder besserte, die Arbeitsgelegenheit günstiger wurde. Sehen wir uns einmal die statistischen Nach⸗ weise über die Auswanderung aus Hessen an. In den letzten 20 Jahren, von 1879 bis 1898, wanderten nach überseeischen Ländern 38,883 unserer Landsleute aus. Im einzelnen be⸗ trachtet, ergiebt sich folgendes Bild: Es schüttelten den Staub von den Füßen 1879: 889, 1880: 3022, 1881: 4173 Hessen; in diesem Jahre war der Höhepunkt erreicht, die Auswanderung ging allmählich zurück, hielt 3 aber bis im Jahre 1884 immer noch über 3000. Abgesehen von geringfügigeren Schwankungen verminderte sich die Auswanderungszahl dann regelmäßig und ging 1891 erstmalig unter 2000 zurück(1992). Nunmehr verminderte sich die Zahl von Jahr zu Jahr schnell, bis ste 1898 auf 316 gesunken war. 1898 sind aus dem ganzen Kreis Gießen nur noch 11 Personen ausgewandert! Solche Zahlen reden eine deutliche Sprache. Sie beweisen, daß die Arbeits gelegenheit gegenwärtig recht günstig sei muß, daß es möglich ist, sich im Lande„redlich“ zu nähren. Und jetzt sind wir bei der Kernfrage ange⸗ langt: Nutzen die Arbeiter die günstige Geschäftslage aus, um sich nicht nur „redlich“, sondern auch so, wie es ihnen am Ende des 19. Jahrhunderts zukommt, ernähren zu können??— i Daß die Arbeitsgelegenheit eine günstige ist, steht außer Zweifel und daß die Unternehmer gute Geschäfte machen, zeigen die Handels⸗ kammerberichte und die Geschäftsberichte der Aktiengesellschaften, welch letztere gesetzlich zur Veröffentlichung ihr Abschlüsse verpflichtet sind. Dividenden in der Höhe von 10 pCt. sind nichts besonders Auffallendes mehr. Die Gesellschaften, welche 20, 25 und mehr Prozente Dividende zahlen, mehren sich in den letzten Jahren. Die Burbacher Hütte zahlte 55, die Gasglühlicht⸗ gesellschaft Auer 60, die Dresdener Aktien⸗ Cichorien⸗ und Kaffee⸗Surrogat⸗Fabrik zahlte ihren Aktionären sogar 72 pCt. Dividende. Sind nun entsprechend diesen Riesenprofiten der Unternehmer auch die Arbeitslöhne gestiegen? Keineswegs! Gewiß sind hier und da Zuge⸗ ständnisse erreicht worden, aber die große Masse der Arbeiter geht leer aus, muß leer ausgehen, weil das Unternehmertum freiwillig nichts ge⸗ wählt und sich zu Zugeständnissen nur dann herbeiläßt, wenn die Arbeiter vereinigt find und ihren Forderungen— gestützt durch eine Organisation— auch den nötigen Nachdruck geben können. Noch ist den Arbeitern die Gelegenheit ge⸗ boten, die günstige Geschäftslage für sich und ihre Familien auszunützen. Noch haben die deutschen Arbeiter das Koalitionsrecht, wenn auch nur in bescheidenem Maße. Aber, wer weiß, wie lange sie es noch haben. Die Unternehmer befürchten schon, daß die Arbeitermassen, die bisher gleichgültig bei Seite stauden, die günstige Geschäftslage erkennen könnten und dann mit Forderungen kommen würden. Sie wissen aber auch, daß ihnen nur organisierte Arbeiter gefährlich werden können. Und um den zum Klassenbe⸗ wußtsein erwachenden Arbeitern die Möglichkeit zu nehmen, sich zu organisieren, hat das Unternehmertum dem Koalitionsrecht den Krieg erklärt. Wir leben im Zuchthauskurs! Es gilt, keine Zeit zu verlieren, ihr deutschen Arbeiter, es ist Gefahr im Verzug. Die ihr noch nicht organssert seid, schließt euch euren Kameraden au. Nur dann ist es möglich, Zu⸗ stände herbeizuführen, die es jedem ermöglichen, sich„redlich“ und menschenwürdig zu nähren. Schärft Eure 2 beste Waffe im Kampfe gegen Volksentrechtung, gegen Zuchthauskurs, Militarismus und Marinismus, die Presse indem Ihr derselben zum 1. Mai neue Abonnenten zuführt. Je größer die Verbreitung der„Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung“, desto größer ihr Einfluß. Politische Rundschau. 5 Gießen, den 28. April. Vorboten des Zuchthauskurses. Morgenluft des Zuchthausgesetzes verspürt man, wenn man die Thätigkeit des anhalti⸗ schen Landtags unter die Lupe nimmt. Es ist dort ein Gesetzentwurf eingegangen, der die landwirtschaftlichen Arbeiter vollständig unter das Gesinderecht stellt und 10 1 bis zu 1 Jahr festsetzt für die Verabredung von Arbeitseinstellungen. Es sei uns erlaubt, von den reaktionären Paragraphen nur einen anzuführen: § 6. Landwirtschaftliche Arbeiter, welche die Arbeitgeber zu gewissen Handlungen oder Zugeständnissen dadurch zu bestimmen suchen, daß sie die Einstellung der Ar⸗ beit oder die Verhinderung derselben bei einzelnen oder mehreren Arbeitgebern unter einander verabreden, werden mit Ge⸗ fängnis bis zu 1 Jahr bestraft. Die Anstifter unterliegen der gleichen Strafe, auch wenn sie keine landwirtschaftlichen Ar⸗ beiter sind. Die Gesetzesvorlage kennzeichnet so recht die reaktionäre Strömung der Zeit, sie macht die land wirtschaftlichen Arbeiter wieder zu Leib⸗ eigenen. Nationalliberale Wahlrechtsfeinde. Ueber die Verhandlungen in der hessischen Kammer betr. die Verbesserung des Wahlver⸗ fahrens schreibt die Frankfurter„Kl Pr.“: „Jedenfalls macht das Verhalten der Re⸗ gierung(die die Wahlreform zum Teil gut⸗ hies) in dieser Frage einen ungleich besseren Eindruck, als das eines großen Teiles der Nationalliberalen, die durch den Abg. Schröder erklären ließen, daß sie für die Er⸗ haltung des indirekten Wahlrechts eintreten würden, weil das Volk nach ihrer Ansicht für das allgemeine direkte Wahlrecht noch nicht reif genug sei.(Herr Dr. Schröder sprach sogar von Stimmpvieh. Red. d. M. S.⸗Z.) Diese protzige Erklärung der Herren von „Bildung und Besitz“ ist um so bemerkenswerter, als man daraus auch auf die Stellung schließen kann, welche diese„Volksvertreter“ zum Reichs⸗ tags wahlrecht einnehmen, und zwar logischer⸗ weise einnehmen müssen. Denn da im Reichs⸗ tag durchgängig unzweifelhaft viel bedeutsamere und schwierigere, dem einzelnen Abgeordneten zum Teil schon räumlich ferner liegende Ange⸗ legenheiten beraten werden, als in den Einzel⸗ landtagen, so muß derjenige, der das Volk noch nicht reif genug hält, um seine Vertreter direkt und ohne Mittelsmann in den Einzel land tag zu wählen, dasselbe für die dierekte Reichs tagswahl erst recht als„unreif“ ansehen und demgemäß als ehrlicher Mann danach trachten und streben, das direkte Reichstagßwahlrecht so⸗ bald als möglich abzuschaffen. Die hessischen Wähler werden hoffentlich reif genug sein, dies den Herren Schröder und Genossen bei jeder Gelegenheit geziemend vorzuhalten und di sen Wackeren Volksvertretern, wenn sie sich wieder um ihre Gunst bewerben, diejenige Antwort zu geben die ihnen gebührt.“— Wird geschehen! Zuchthauserlebnisse. Genosse Gräf, eines der Opfer des Essener Meineidsprozesses, der 3½ Jahre im Zuchthaus zu Werden a. R. abgebüßt hat, hat einiges von seinen Zuchthauserlebnissen erzählt, das angesichts der kommenden Zuchthausvorlage be⸗ sonders interessieren wird. In der„Rhein.⸗ Westf. Arbeiterzeitung“ ist zu lesen: „Die ersten zwei Jahre arbeitete Gräf für die Gold⸗ und Politurleistenfabrik Dietrich in Werden. Das Polieren ist kein leichtes Geschäft. Unausgesetzt muß der Arbeiter mit seinem Polierlappen an den drei Meter langen Leisten auf und nieder laufen, so daß er abends seine Füße spürt. Als Gräf vom Kaufmann Dietrich immer und immer wieder gezwiebelt wurde, lief ihm ein⸗ mal die Galle über, und er titulierte den auf seinen Verdienst so erpichten Mann mit einem wenig schmeichel⸗ haften Wort. Im bürgerlichen Leben wäre dem sein Recht verfechtenden Arbeiter im höchsten Falle gekündigt worden. Das Zuchthaus kennt so etwas natürlich nicht. Gräf wurde vielmehr vor das Disciplinargericht gestellt und zu zwanzig Peitschenhieben verurteilt. nan wohl! würde, so! Märtyrer berichten schweren hieben. Diese! guälten de Geschwoler aber ent! Geselsschaf brennend Flotte Ein Ich kann Mitteilung deutschen bin für„e Unser bere sich hat, le und die d Lite, in w stelten al amen pr Au stedt diener kön flelhen. Au nit sort leben seine Reichsmark der Geruc dur flat e geichnete f Eo wi Vitein in eamte ir hlben wir U 200 kungen de ard lgeneine 10 1 f lige ürt 9 die dig lis ng lbt, len lche der nen bei lter ge* Die afe At⸗ die Dem Strafvollzug wohnten die Oberbeamten bei. fh die Sozialdemokraten eingenommen: Vor einigen Tagen besuchte der kleri Nr. 18. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Man schnallte den Sünder auf den Bock fest und dann klatschte die Peitsche auf das Gefäß des Gefesselten nieder. Die Hiebe fallen nicht etwa hageldicht, wie mancher Neuling denken könnte, sondern nach jedem Hieb wird erst ge⸗ wartet, bis der Geprügelte das Winden und Zucken läßt und sich beruhigt. Die ersten acht Hiebe teilte ein Angestellter aus, der wegen seines humanen und religiösen Sinnes unter den Zuchthäuslern eine große Achtung genießt. Dem Oberaufseher müssen aber diese Schläge nicht kraftvoll genug ausgefallen sein, denn er ergriff selbst die Peitsche und ging besser ins Geschirr, so daß bald das Jammern Gräfs durch die weiten und engen Räume der Anstalt erscholl. Jede körperliche Züchtigung erscheint noch insofern verschärft, als der Geprügelte für die nächsten zwei Monate keinen Lohn erhält und sich in den nächsten drei Monaten keine Zusatznahrungsmittel kaufen darf. Durch Vermittelung des evangelischen Geistlichen ge⸗ lang es Gräf endlich, in einem anderen Berufe be⸗ schäftigt zu werden. Er arbeitete in den letzten dreizehn Monaten als Bürstenmacher.“ Als die Essener„Meineidigen“ ins Zucht⸗ haus wandern mußten, als die ganze zivilisterte Welt, nicht nur die Sozialdemokratie, einmütig ihren Unwillen über das harte Urteil äußerte, da rechneten bürgerliche Idealisten und Optimisten auf baldige Begnadigung. Eines aber nahm man wohl allgemein an: Der Strafvollzug würde, so weit es möglich war, das Los der Märtyrer des Klassenkampfes erleichtern. Jetzt berichten die Zuchthauserinnerungen von ben Arreststrafen und Peitschen— ieben. Diese Peitschenhiebe verwundeten zwar und quälten den kranken Leib eines von bürgerlichen Geschworenen verurteilten Sozialdemokraten, aber entehrend sind sie für unsere heutige Gesellschaft. Die zwanzig Peitschenhiebe bleiben brennend auf der Stirn unserer Kultur. Flotten⸗Vereins⸗Zwangs mitglieder. Ein Parteigenosse schreibt dem Vorw.: Ich kann Ihnen hiermit die hocherfreuliche Mitteilung machen, daß ich Mitglied des deutschen Flotten-Vereins zu Berlin geworden bin für„Eine Reichsmark“. Und das kam so: Unser verehrter Chef, wasserpatriotisch wie er sich hat, läßt das bekannte Flugblatt„Samoa und die deutsche Flotte“ kursieren nebst einer Liste, in welcher sämtliche Namen seiner Ange⸗ stellten aufgezeichnet stehen. Neben seinem Namen prangt eine Zeichnung von 30 Mk. Das steckt an! Selbst die Boten und Haus⸗ diener können bei solchem Beispiel nicht wider⸗ stehen. Auch sie reißt die patriotische Begeisterung mit sort und keiner—— wagt es neben seinen Namen weniger zu setzen als eine Reichsmark. Je mehr gezkichnet ist, desto besser der Geruch! Und einer, der nicht mitmachte, der statt einer Eins einen Strich zeichnen würde, zeichnete damit sein— Abgangszeugnis! So wirbt man Mitglieder für den Flotten⸗ Verein in— Berlin. Wie Eisenbahnunter⸗ beamte in Oberhessen geworben werden, haben wir bereits mitgeteilt. Zum Fleischbeschaugesetz. Den Beschauzwang bei Hausschlach⸗ tungen im Fleischschaugesetz verteidigt offizibs die„Nordd. Allg. Ztg.“ mit dem Hinweis, daß die Befreiung der Hausschlachtungen von der allgemeinen Regelung ein verhängnisvoller Schritt wäre,„der nicht nur das dem Fleisch⸗ beschaugesetz zu Grunde liegende Prinzip in be⸗ denklicher Weise durchbrechen, sondern auch raktische Bedenken rege machen müßte. Da as Fleisch der im ländlichen Haushalt ge⸗ schlachteten Tiere zur Nahrung für eine große Anzahl von Landarbeitern Verwendung findet, ferner vielfach zur Versendung und zum Verkauf gelangt, so würde solchgergestalt ein nicht un⸗ beträchtlicher Teil des für den Konsum der Be⸗ völkerung bestimmten Fleisches der Schaukon⸗ trolle entzogen sein, eine Konscquenz, die unter Umständen sich als sehr mißlich erweisen könne.“ Den einzig richtigen Standpunkt in dieser Sc in⸗ Vieh⸗ ührung einer staatlich en obligatorischen 1 versicherung und Uebernahme der Kosten für die Fleischbeschau durch das Reich. Christus und die Sozialdemokratie. Aus Brüssel schreibt man der„Fr. Z.“: 1 5 kale Präsi dent des belgischen Senats Baron Roodenbeeke die neue sozialistische„Maison du Peuple“(Volks⸗ haus). Ein sozialistischer Abgeordneter spielte den Führer und führte ihn durch alle Räume. In einem Saale hängt an der Wand ein großer Christus und der Baron schien sich zu wundern, Christus hier bei den Sozialdemo⸗ kraten so geehrt zu finden. Dazu bemerkt das belgische„Zentralblatt“ der sozialdemo⸗ kratischen Partei, der„Peuble“:„Christus ist hier bei uns durchaus am richtigen Platze. Viel zu lange schon haben die Sozialdemokraten die Naivetät besessen, diesen großen Vorläufer der Demokratie von Denjenigen ausbeuten zu lassen, die er verleugnet haben würde, wenn er sie gekannt hätte und die seine Lehre gefälscht haben. Christus gehört uns mehr, als jeder anderen Gruppe und deshalb haben wir ihm einen Ehrenplatz in unserer Maison du Peuple gegeben.“ Das wilde Land. Aus der Schweiz wird dem„Vorwärts“ geschrieben: Genosse Robert Seidel in Zürich, der bekannte Parteigenosse, der bis zum Jahre 1890 im Kanton Glarus als Sekundarlehrer wirkte und sodann die Redaktion der„Arbeiter⸗ stimme“, im vorigen Jahre diejenige des Züricher „Volksrecht“ übernahm und von letzterer Stelle im Dezember 1898 zurücktrat, ist wieder in den Schul dienst zurückgekehrt. Der Züricher Erziehungsrat hat ihm vorläufig eine Sekundar⸗ lehrer⸗Verweserstelle in Außersihl(Zürich) über⸗ tragen; die definitive Wiederanstellung wird dann wohl bald folgen. Seidel ist als Lehrer allgemein anerkannt und begrüßten daher sogar bürgerliche Blätter seine Rückkehr zur Schule. — Immerhin verdient die Vorurteilslosigkeit der bürgerlichen Behörde zu einer Zeit, da man in Berlin einen Privatdozenten seiner sozialdemokratischen Gesinnung wegen maßregelt, unsere Anerkennung. In der Schweiz giebt es bekanntlich auch sozialdemokratische Geistliche, Richter und Staatsanwälte. Um einen Trunkenbold. Ueber die taktlose Rede eines amerikanischen Offiziers wird in der deutschen Presse viel Lärm geschlagen. Am 21. d. M. fand nämlich zu Ehren des Kapitäns Coghlan und de Offi⸗ ziere des von den Philippinen zurückgekehrten Kreuzers der Vereinigten Staaten„Raleigh“ ein Bankett statt. Kapitän Coghlan hielt eine Rede, worin er von einem Vorfalle sprach, der während der Blockade Manilas zwischen dem Admiral Dewey und einem deutschen Offizier sich abspielte, den der deulsche Admiral abge⸗ schickt hätte, um über irgend etwas Beschwerde zu führen. Coghlan hörte, wie Dewey den Offizier ersuchte, dem deutschen Admiral zu sagen, die deutschen Schiffe müßten stille stehen, wenn Dewey es sage. Nach einem Hinweis auf die deutsche Flagge soll Dewey gesagt haben: „Diese Flaggen können überall für einen halben Dollar per Elle gekauft werden.“ Weiter: „Sagen Sie Ihrem Admiral, das mindeste Zuwiderhandeln gegen irgend eine Blockaderegel wird nur eins bedeuten, nämlich Krieg; es wird so aufgefaßt und unverzüglich geahndet werden; wenn Ihre Leute bereit sind zu einem Krieg mit den Vereinigten Staaten, können sie ihn jederzeit haben.“ Stürmischer Beifall folgte Coghlans Worten. Auf allgemeines Verlangen trug er ein Spottgedicht auf den deutschen Kaiser vor. Die amerikanischen Behörden haben den Großsprecher sofort desavouiert. Ihm ist be⸗ fohlen worden, sofort auf sein Schiff zurückzu⸗ kehren, und außerdem ist sein Verhalten schrift⸗ lich gemißbilligt worden. Ferner wird berichtet, daß der Staatssekretär Hay gegenüber dem deutschen Botschafter seine lebhafte Mißbilligung über das Benehmen des Kapitäns Coghlau ausgesprochen habe. Irgend eine Weiterung dürfte der Vorfall demnach nicht mehr haben. Und wirklich haben auch die großsprecherischen Redensarten eines aus dem Kriege zurückkehrenden Offiziers nicht die geringste Bedeutung. Was haben Deutsche, die am Rededadderich leiden, so häufig im Suff für Blech zusammengeredet! ——ůöð 2 2——ñ᷑ů F— Aus dem Reichstag. Nachdem das kleine Häuflein der Reichsboten, das es der Mühe wert gehalten hatte, im Reichstag zu erscheinen, am Mittwoch voriger Woche die neueste Ge⸗ werbeordnungsnovelle einer Kommission von 21 Mitgliedern übergeben hatte, vertagte sich der Reichstag bis zum Dienstag dieser Woche. Auf der Tagesordnung stand der von den Antisemiten in Form eines Gesetzentwurfs eingebrachte Antrag, be⸗ treffend das Betäuben der Schlachttiere. Der Antrag bezweckt in der Hauptsache ein Verbot des Schächtens. Die Befürworter des Antrages, die Antisemiten Dr. Vielhaben, Dr. Böckel und Bindewald, sowie der Konservative Dr. Oertel, der namens des größeren Teils seiner Partei dem Antrag zustimmte, wollten die antisemitischen Motive ihres Vorgehens nicht gelten lassen. Sie schützten humanitäre Rücksicht en vor und bemühten sich nachzuweisen, daß das Schächten eine grausame Tierquälerei sei, der man, wie es bereits in Sachsen geschehen sei, mit gesetzgeberischen Mitteln entgegentreten müsse. Der Versuch dieses Nachweises mißlang aber durchaus, wie von den Gegnern des An⸗ trages auf Grund eigener Wahrnehmungen und sachver⸗ ständiger Gutachten alsbald dargethan wurde. Gegen den Autrag wandten sich namens des Zentrums Abge⸗ ordneter Dr. Lieber, der nationalliberale Dr. Kruse, die Abgeordneten Rickert und Schrader von der Freisinnig en Vereinigung, die Abgg. Dr. Höffel und v. Tiedemann von der Reichspartei, Abg. Eickhoff von der Freisinni⸗ gen Volkspartei und namens der Sozialdemokraten Liebknecht. Abgeordneter Eickhoff bemerkte, daß, solange kein Beweis erbracht werde, daß das Schächteu eine unzulässige Tierquälerei sei, kein Grund zu gesetzgeberi⸗ schem Vorgehen vorliege. Genosse Liebknecht: Will man die Tiere gegen Grausamkeiten schützen, so soll man zu⸗ erst human gegen Menschen sein, z. B. die grausame Vrrfolgung der Sozialdemokratie nicht zulassen; wer hat sich in Hamburg gegen das Verbot kleine Kinder früh am Morgen zum Brotaustragen zu verwenden, gewandt? Der Abg. Vielhaben! Will man das Tier gegen Grausamkeit schützen, so wende man sich zu⸗ erst gegen die grausamen Hof- und Hetzjagden, z. B. gegen die am Grunewald. Jedenfalls fallen die Gutachten der bedeutenden Männer der Wissenschaft z. B. das des Prof. Goltz in Straßburg, für das Schächten aus, als für die mildere Tötungsart. Sie werden uns nicht weiß machen, daß Sie den Antrag nicht aus antisemitischer Agitations⸗ bestrebung eingebracht haben, sondern aus Liebe zum Tier. Der Reichstag beschäftigte sieh am Mittwoch mit dem Antrag Hitze betr. Schaffung von Arbeits- kammern. Dazu lag ein Unterantrag des National⸗ liberalen Frhr. Heyl zu Herrnsheim und Gen. vor, der die Arbeitskammern im Sinne des Antrages Hitze als Sektionen der Gewerbegerichte konstituieren und ihnen insbesondere auch gesetzliche Befugnisse als Einigungs⸗ ämter zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Arbeit⸗ gebern und Arbeitnehmern zuweisen will. In Verbindung damit wurde der Antrag Rösicke⸗Pachnicke betr. Errichtung eines Reichsarbeitsamts beraten. Abg. Dr. Hitze empfahl seinen Antrag mit besonderem Hinweis auf die kaiserlichen Erlasse von 1890. Die„Arbeitskammern“, welche nicht mit den von sozialdemokratischer Seite empfohlenen„Arbeiterkammern“ verwechselt werden dürften, bezweckten eine gemeinsame Organisation der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Von der Errichtung solcher Arbeitskammern versprach sich Abg. Dr. Hitze große Wirksamkeit gegen die Bestrebungen der Sozial⸗ demokratie. Die Abgg. Pachnicke, Frhr. Heyl, Rösicke und Bassermann sprachen für ihre bezüg⸗ lichen Anträge. Freiherr von Stumm trat scharf allen vorliegenden Anträgen entgegen.— Ohne daß einer unserer Genossen zum Worte kam, wurde die Beratung vertagt. Für Donnerstag wurde die zweite Lesung des Bank⸗ gesetzes auf die Tagesordnung gesetzt, ein Gegenstand, der unsere Leser, die nichts mit Banken zu thun haben, kaum interessieren wird. — 2 Von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich W Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— 2 zir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Die Feier des I. Mai wird sich voraussichtlich im Kreis Gießen zu einer recht würdigen gestalten. Die Genossen derjenigen Orte, in denen keine besondere Feier stattfinden kann, mögen sich recht zahlreich an den Veranstaltungen in den benachbarten Dörfern beteiligen. Aus dem Juseratenteil der heutigen Nummer ist Näheres über die verschiedenen Ver⸗ anstaltungen zu ersehen. Auf zur Maifeier! — 8——— —?—-—Üꝛ—.—.— 8—— —— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. Carl Marx und Ed. Bernstein. * In der Wahlvereinsversammlung vom 15. d. M. wurde in der Diskussion, die einem Referat Scheidemanns folgte, auch das neue Buch Bernsteins erwähnt. Auf erfolgte An⸗ regung wurde beschlossen, in den nächsten Ver⸗ 8 die sozialistischen Theorien unter besonderer Berücksichtigung des Bernsteinschen Buches eingehend zu erörtern. Den ersten Vor⸗ trag wird Stadtv. Krumm halten und zwar über„Die Marx'sche Theorie“. In einem weiteren Vortrag wird Gen. Scheidemann das Bernsteinsche Buch besprechen. Beide Vor⸗ träge sollen zusammen diskutiert werden. In weiteren Versammlungen soll dann das ganze sozialdemokratische Parteiprogramm besprochen und damit gleichzeitig den jüngeren Genossen Gelegenheit geboten werden, sich mit den sozia⸗ listischen Lehren und Forderungen besser ver— traut zu machen. An anregender Diskussion wird es gewiß nicht fehlen; die Versammlungen, deren erste bereits am Samstag, den 29. April stattfindet, dürften also recht interessant werden. Sei jeder für guten Besuch besorgt. Freigebige Stadiväter. * In der nichtöffentlichen Sitzung der Stadt⸗ verordneten vom vorigen Donnerstag sind die Gehälter der Gießener städtischen Beamten teil— weise sehr beträchtlich erhöht worden. Das Gehalt des Oberbürgermeisters wurde von Mk. 8500 auf Mk. 12.000, also gleich um Mk. 3500 erhöht. Diese geradezu überraschend hohe Zulage führte man in der Bürgerschaft darauf zurück, daß die Stadtverordneten be— strebt gewesen wären, den Oberbürgermeister auch fernerhin an Gießen zu fesseln. Es war nämlich kurz vor jener Stadtverordneten-Ver— sammlung das Gerücht verbreitet und auch von zahlreichen auswärtigen Blättern übernommen worden, Herr Gnayth habe einen Ruf au Stelle des verstorbenen Oberbürgermeisters v. Rümelin nach Stuttgart erhalten. Von leiner Seite wurde diesen Gerüch culgegen getreten. Und die Ueberzeugung von der Richtigkeit derselben wurde dadurch bestärkt, daß in jener kritischen Zeit die Stadtväter an einem Sonntag(den 16. April) zu einer Sitzung zusammentraten. Trotzdem nun von keiner Seite an der großen Befähigung des Oberbürgermeisters gezweifelt wird, ist die hohe Zulage von Mk. 3500 nicht überall in Gießener Würgerkreisen gut ge— heißen worden. Man wird(ber in der Bürger— schaft recht verdutzte Gesichter machen, wenn man folgende Notiz liest, die am Sonntag im Stuttgarter„Neuen Tageblatt“ veröffentlicht wu de: „Aus Gießen ist der Köln. Ztg. unterm 21. ds. ein Telegramm mit dem lakonischen Wortlaut zugegangen:„Oberbü'rgermeister Gnauth lehnt den Ruf nach Szuttgart ab. Sein Gehalt ist auf 12,000 Nek. erhöht worden.“ Bekanntlich kam Hr. Gnauth, welcher ein ge— borener Stuttgarter ist und das Ingenieurfach studiert hat, schon bei der letzten Stadtvor— standswahl 1892 als Kandidat in Betracht; wenigstens wurde damals in den Krcisen der hiesigen Techniker seine Wahl lebhaft ge— wünscht. Wer aber diesmal den Ruf an den Gießener Stadtvorstand er— gehen ließ, weiß hier niemand.“ Das Gehalt des besoldeten Beigeordneten wurde— gegen die Stimmen unserer zwei Ge— nossen und eines weiteren Stadtverordneten— auf Mk. 5500 erhöht. Aus welchen Gründen denn? Mit den seither bezogenen Mk. 5000 fund der Herr Beigeordnete zweifellos ganz gut tandesgemäß leben können und seine Arbeit wäre damit wohl auch bezahlt gewesen. Der besoldete Beigeordnete der Stadt Gießen ist ein noch junger Mann und würde, ucun er im Staatsdienst geblieben wäre, jetzt etwa Mk. 2500 Gehalt beziehen. Wir hätten es für weit richtiger gehalten, bei den Zulagen für die gut be— zahlten Beamten etwas sparsamer zu sein und lieber die Freigebigkeit mehr da zu bethätigen, wo sie besser am Platze gewesen wäre: bei den schlecht besoldeten Beamten und vor allen Dingen bei den geradezu kläglich bezahlten städtischen Arbeitern. Krankenkontrolle. Die in zahlreichen Krankenkassen einge⸗ führte Kontrolle der Kranken und— Arbeit⸗ geber durch festangestellte Kontrolleure hat sich überall vorzüglich bewährt. Das Simulanten⸗ thum wird ziemlich unmöglich gemacht und zahl⸗ reiche Arbeitgeber, die durch alle möglichen Manöver die Kassen seither schädigten, werden jetzt zur Rechenschaft gezogen und müssen nun pünktlich zahlen. In Hanau soll jetzt zur Kon⸗ trolle der weiblichen Kassenmitglieder noch eine Frau als Kontrolleuse angestellt werden. Der deutsche Flotten ⸗ Verein. * In einem schwülstigen Aufruf wird in den großen und kleinen Reptilienblättern zum Bei⸗ tritt in den Deutschen Flotten-Verein aufge⸗ fordert. Gleich am Anfang heißt es: „Das deutsche Volk, in glorreichem Kriege geeinigt, in ungetrübtem Frieden erstarkt, an Seelenzahl, Kapitalkraft und Unternehmungs⸗ lust zu vorher nie geahnter Höhe gewachsen...“ Die Männer, die in„glorreichem Kriege“ ihre Knochen zu Markte trugen, die hinter⸗ bliebenen Wittwen und Waisen, die Tausende, die den Todeskeim in der Brust, erst nach Jahren den Strapazen des Feldzuges erlagen— das war das arbeitende Volk aus Dorf und Stadt, das waren in der gewaltigen Mehr- zahl Angehörige der Arbeiterklasse, die man nach dem glorreichen Kriege„in ungetrübtem Frieden“ unter ein schändliches Aus nahmegesetz stellte, deren Vertrauensleute man durch das verpreußte Reich hetzte. Demselben Volke der Arbeit, das auf französischem Boden blutete, will man„in ungetrübtem Frieden“ das Wahl⸗ recht rauben, das Koalitions recht be⸗ schneiden und als Ersatz ein Recht auf das Zuchthaus einräumen. Und so was spricht von ungetrübtem Frieden! Das Volk der Arbeit wird am Montag millionenstimmig zum Aus⸗ druck bringen, was von den bourgeoisen Inter⸗ 1870 als die Kriegs anleihe ausgeschrieben war, so klassisch zu Tage trat, zu halten ist. Eine national⸗sozsale Acquisition. * Für das national-soziale Marburger Organ, das den für viele Leute trügerise en Titel„Hess. Landeszeitung“ trägt, wirbt jetzt in Gießen der Schriftsetzer Scheibe. Es ist das ein Herr, der über eine merkwürdige Anpassunge fähigkeit zu verfügen scheint. Vor wenigen Jahren noch sehr zahm gesinnter Setzer in einer Gießener Druckerei, wurde er sofort radikal, vachbdem es ihm gelungen war, sich durch Anwendung eines recht unschönen Mittels in der Hollmann⸗ schen Druckerei, der damals gerade der Druck der„Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung“ über⸗ tragen war, Stellung zu berschaffen. Sogar der Verband der deutschen Buchdrucker war ihm nicht mehr radikal genug. Er trat einer neu begründeten Buchdruckergewerkschaft bei, die an— geblich auf streng sozialdemokratischem Boden steht. Und mit souveräner Verachtung schaute der radikal gewordene junge Herr Scheibe auf die alten Grauköpfe, die Jahrzehnte hindurch dem Verband angehört und zum großen Tcil schwere Opfer gebracht hatten. Für ihn, den plötzlich so Rabiaten, waren diese Verbändler verachtungswerthe Harmoniedusler. Doch es kam wieder eine andere Zeit. Herr Scheibe kam nach Marburg in Arbeit und zwar in die Druckerei, die das national-soziale Organ her— stellt. Nun poussieren zwar die Naumann'schen Steifleinenen den Buchdruckerverband— aller— dings vergeblich— mit glühender Inbrunst und die neue, angeblich sozialdemokratische Buch— drucker-Gewerkschaft, der Scheibe angehört, donnern sie in Grund und Boden. Aber das kümmert Herrn Scheibe nicht. Kaum hat er in der Marburger Druckerei dem harmonischen national-sozialen Flötengepiepse gelauscht, da schmilzt sein schmachtend Herze auch schon dahin, wie Butter an der Sonne. Und, was angeb⸗ lich Niemand kann, das kann Herr Scheibe— er dient zwei Herren. Wenn er in Gießen sich Nachts in Morpheus Armen wiegt und süße Träume ihn umgaukeln, dann fühlt er sich stark, bärenstark. Und jeder Hieb, den der Herkules im Traume der Bettdecke versetzt, gilt einem jener bedauernswerten Harmoniedusler im Buchdruckerverband, denen die Schmach an⸗ gethan wird, von den Naumännern poussiert zu werden. Und wenn er dann gegen Morgen— im Traum natürlich— an der tausendsten Harmonieduslerleiche steht und die Wirtin weckt ihn auf, während Herr Scheibe gerade das zweite Tausend in Angriff nehmen will, dann ist er ärgerlich. Doch das dauert nicht lange. Mit bewundernswerther Geschwindigkeit wird das radikale Nachthemd aus- und das funkel⸗ nagelneue national⸗-soziale Hemd angezogen. Eine friedliche Stimmung überkommt nun den Bekehrten. Das Dampfroß trägt ihn nach Marburg, wo er bis Nachmittags 4 Uhr ar⸗ beitet, um dann wieder gen Gießen zu fahren. Die national-sozialen Blätter unterm Arm, in denen Stimmung gemacht wird für neue Kanonen, Schiffe und Kolonialpolitik, wirbt dann Herr Scheibe Abonnenten. Nachts tötet er selbstverständlich wieder Harmoniedusler.— Wir gratulieren den Studenten, Pastoren und auf„feine Kundschaft“ spekulierenden Hand⸗ werksmeistern, die die national-soziale Partei bilden, zu der neuen Acquisition. Vermehrung der hessischen Wahlbezirke. Die Abgg. Dr. David und Genossen haben den Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen, den Landständen ein Wahlreformgesetz vorzulegen, in dem eine den Veränderungen der Bevölke- rungsverhältnisse entsprechende Vermehrung der Wahlbezirke resp. Mandate vorgenommen wird. Die Regierung hat bei der Verhandlung über diesen Antrag im zweiten Ausschusse die mündliche Erklärung abgegeben,„sie erkenne an, daß durch die Vermehrung der Bevölkerung eine Ungleichheit in einzelnen Wahlbezirken ein⸗ getreten sei, die auf die Dauer nicht bei⸗ behalten werden können. Die Regierung sei aber nicht in der Lage gewesen, jetzt schon eine diesbezügliche Vorlage zu machen, diesesbe werde l 75 Jebisen Silken? aber dem künftigen Landtage zugehen.“ (ssen-Politikern, deren Geld beutel-Patriotismus fig ge Zuge! Zwitterpolitik. * Der ehemalige Assessor von Gerlach, jetziger Rheder der von dem bekehrten Anti— semiten Erdmannsdörffer gesteuerten Marburger national-sozialen Fregatte, veröffentlicht einen Artikel„Warum ich aus dem Bunde der Land— wirte gusgeschlossen wurde“. Unseres Erachtens hätte Herr von Gerlach klüger gethan, jenen Arlikel nicht zu schreiben. Denn was theilt Herr v. Gerlach der staunenden Menschheit mit? Daß er, der national-soziale Reichstagskandidat bis Ende Februar 1899 Mitglied des Junker⸗ bundes, des Bundes der Landwirte war, Mitglied dieser Brodwuchergesellschaft war bis er— hinausgeworfen wurde. Wo man in Arbeiterkreisen den Versuch macht, die Hessische Landeszeitung, das Organ für politische Seiltänzerei einzuführen, da mache man es wie der Bund der Landwirte: Hinaus mit dem Zwitterding. Ans Marburg. he. Die„gebildete Jugend“ In wabrhaft bestialischer Weise machte ein hiesiger Student seinem Aerger darüber Luft, daß ihm einer seiner Kommilitonen— des Ulkes halber — eine Kaffeebohne in's Bier geworfen hatte. Im Begriff, das Lokal zu verlassen, pfiff er seinem Dachshund, der, nichts Gutes ahnend, nicht sogleich Folge leistete, wohl auch durch andere Gäste hieran gehindert wurde. Hierauf erklärte der Student den Anwesenden:„In fünf Minuten könnt ihr einen toten Hund sehen“, worauf er das Tierchen durch wiederholtes Aufwerfen auf das Straßenpflaster tötete und dann das Objekt seiner edlen Rache der Lahn übergab, nachdem er noch vorher das halbverendete Hündchen seinen Kommilitonen im Lokal präsentiert batte.— Wären nicht„Kom⸗ militonen“, sondern Leute aus den„unteren Ständen“ Zeugen dieser Bestialität gewesen, so würde gerechte Lynchjustiz geübt worden sein. Aber in„besseren Kreisen“ hat man Verständnis und Nachsicht für solche Kleinigkeiten. Aus Wetzlar. *„Zwang, Zwang!“— welch schöner Klang fur ein zünftlerisches Ohr! Nachdem sich⸗ ilk fi cnannten ba 1 sclet“ wr 11 vir Innung in 1 bolt nüffer auc libel 9 bn. d mice susche la nodernen A Der Le Gießen st in Kindern hun der hie nb zu 1 uelt⸗ 9. Die! tier eme hen 3 ht sudet zunge ber Tagesor Daran schli Nanzbelustig D. Jig. die Gemein Sch lach t⸗ —— erlassen we Kraft trete sogt, und lokalitäten Hinblick hie blshlossen,e zu beschafft benen dice das hinter! glegene Eu Maueeien un 30000 len Keller bokläufig ol emmen., Achlulichkei Dauatheiten lunmen wen un Johann us voraus alder. 9 Tie Am ealtbac bemokrat Algen ei dice 1 95 Abr. 1 kiß 0 nr Mn den 15 kenn auch ur genidt gun. loßen S 5 18 6 dean 1 0 9—— ten Jürtg . das dann an; e. i inkel⸗ Ogen. den nach 15 ren. Arn, nee wirbt tötet 6 und hand⸗ artei irke. haben chen, egen, öͤlke⸗ ung Amen Lung k die nne rung ein⸗ hei⸗ 9 sei eine erde fach, lti⸗ iger einen and⸗ lens jenen t eilt 112 A —— — Nr. 18. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. dse Mehrheit der belelligten Gewerbetresbenden für die Einführung des Beitrittszwanges er⸗ klärt hat, ordnet der Regierungs-Präsident in Coblenz an, daß zum 1. August d. J. eine wangs⸗Innung für das Bäcker-Gewerbe im tadtbezirk Wetzlar mit dem Namen„Zwang s⸗ Innung für das Bäcker⸗-Gewerbe im Stadt— bezirk Wetzlar“ errichtet werde. Von dem genannten Zeitpunkt ab gehören alle Gewerbe⸗ kreibenden, welche in dem genannten Bezirke das Bäcker⸗ Gewerbe betreiben, dieser Innung an. Damit wird gleichzeitig die„freie“ Bäcker⸗ Innung in Wetzlar geschlossen. Wir hätten nichts dagegen, wenn die Wetzlarer Bäcker meister auch durch Mehrheitsbeschluß sich zwingen ließen, den mittelalterlicken Zopf wieder zu tragen. Je mehr die Bäckermeister sich nach mittelalterlichen Zeiten sehnen, um so mehr Ursache haben die Bäckergesellen, sich der modernen Arbeiterbewegung anzuschließen. Der Lehrer Fr. L. aus Vetzberg bei Gießen ist angeklagt, unzüchtige Handlungen an Kindern vorgenommen zu haben. L. wurde von der hiesigen Strafkammer schuldig befunden und zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis ver— urteilt. Aus Heldenbergen. g. Die hiesigen Genossen begehen die Mai⸗ feier em Sonntag, den 30. April, Nachmittags von 3 Uhr ab bei Gastwirt Schneider. Es findet zunächst eine Volksversammlung statt mit der Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Daran schließt sich gemütliche Unterhaltung und Tanzbelustigung. Aus Lauterbach eee Febr. J ist für die Gemeinden des Kreises Lauterbach eine Schlacht- und Fleischverkaufsordnung erlassen worden, die, mit dem 1. Mai l. J. in Kraft tretend, das Schlachten im Freien unter⸗ sagt, und für die Einrichtung der Schlacht— lokalitäten nähere Bestimmungen trifft. Im Hinblick hierauf hat die hiesige Metzgerinnung beschlossen, ein gemein schaftliches Schlachthaus zu bkeschaffen, und nach längeren Verhand⸗ lungen dieser Tage von den Freiherren Riedesel das hinter dem Felsenkeller zum Johannesberg gelegene Sudhaus der früher Krömmelbeinschen Brauereien nebst Nebengebäude für den Preis von 30000 Mk. erworben. Die dort vorhandenen guten Keller dürften es der Innung ermöglichen, borläufig ohne besondere Kühlrorrichtung gus⸗ zukommen. Zur Nutzbarmachung der betreffenden Gehäulichkeiten zum fraglichen Zwecke sind einige Bauarbeiten nötig, die alsbald in Angriff ge— nommen werden sollen. Von dem Felsenkeller zum Johannesberg wird das künftige Schlacht— haus voraus sichtlich durch eine Mauer getrennt werden. Die Berliner Stadtväter. * Am esfrigsten hat auch in der Berliner Stadtverordneten-Versommlung die sozial— demokratische Vertretung in die Verhand— lungen eingegriffen. Der„Freis. Ztg.“ Eugen Richters zufolge hat unser Genosse Singer im Jahre 1898 nicht weniger als 81 mal das Wort ergriffen. Der ihm am nächsten kommende Redner, Rechtsanwalt Sachs, sprach 41 mal. Von den 126 Stadtvätern sprachen überhaupt, wenn auch nur einmal im ganzen Jahre, 86; nur genickt, aber nie geredet, haben 40 Stadt⸗ verordnete. In Berlin werden natürlich die großen„Schweiger“ ebenso wenig große„Denker“ sein, wie— anderswo. Er besinnt sich noch. Deer antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. Vielhaben läßt erklären, daß er eine Mandats— niederlegung nur in Erwägung gezogen habe; darüber, ob und wann dieses geschehen würde, sei noch keine Eutscheidung getroffen. Wahr⸗ scheinlich ist die Partei der Konfusionsräte noch im Zweifel, an wen sie den Kreis verschachern wolln. Der Seifensieder auf Probe⸗Ehe. * Für junge Witwen. Im Inseratenteil der„Münchener Neuest. Nachricht.“ liest man: „och bin Seifensieder, 29 Jahre alt, katholisch, in der Fabrikation von Faß⸗, Riegel⸗ und Toiletteseifen durchaus selbständig und wäre geneigt, in eine Seifensiederei einzu- heiraten, junge Witwen nicht ausgeschlossen, oder mich an einer solchen mit Kapital zu be⸗ teiligen. Zu einer Probezeit wäre ich gerne bereit.“ Offerte unter A. 716 bef. das V.⸗C. der A. A. e Hessischer Landtag. Die Steuerreform. Dienstagssitzung. Staatsminister Rothe be⸗ gründet die Steuervorschläge der Regierung namens des kranken Finanzministers Küchler. Er bitt t um Sachlich⸗ keit bei den Beratungen.— Geh. Staatsrat v. Krug: Durch eine Steuerreform allgemeine Zufriedenheit zu schaffen, sei unmöglich. Die Notwendigkeit der Reform sei allgemein anerkannt, nur die Ersatzfrage sei streitig. Der Redner legt dann die voraussichtliche finanzielle Wirkung der Reform dar; die direkten Steuern würden ein beträchtliches Min de rergebuis liefern und andere Deckung unabweisbar machen. Von den Ersatzmitteln könne man nicht das Mindeste entbehren. Außer der Weinsteuer würde auch die Lotterie, namentlich in der ersten Kammer, starken Widerspruch finden, und nur, um die Reform als Ganzes zu retten, werde man dort die Lotterie genehmigen. Popularität(Volkstüm⸗ lichkeit) sei kein Maßstab für die Regierung, alle Ersatz— vorschläge für die Weinsteuer seien von der Regierung gewissenhaft geprüft. Eine höhere Progression der direkten Steuern, der Einkommen- und Vermögenssteuer könne die Regierung nicht empfehlen. Der vom Finanz⸗ minister vorgeschlagene Ersatz berücksichtigte in möglichster Gerechtigkeit alle Erwerbsstände.— Abg. Reinhart (natl.) hält die Progression in der direkten Steuer für angängig. Er persönlich sei kein Freund der Weinsteuer. Sollten indessen andere Ersatzmittel nicht gefunden werden, so werde er derselben zustimmen, um die ganze Reform zu retten.— Abg. v. Brentano(Ctr.): Nach den bisherigen Aeußerungen in Denkschriften u. s. w. sei die Regierung logischer Weise genötigt, die Reform auch ohne Weinsteuer durchzuführen. Mit dem Entwurf über Einkommensteuer, Vermögenssteuer und Staatslotterie sei seine Fraktion einverstanden, ebenso mit der Erhöhung der Hundesteuer. Die Weinsteuer lehne seine Fraktion einmüthig ab, möge daraus entstehen, was da wolle. Deißler Eine ein⸗ Mittwochssitzung. Ministerialrat polemisiert gegen den Abg. von Brentano. seitige Belastung des Winzers bedeute die Weinsteuer nickt, die ja als Konsumsteuer gedacht sei, die durch sie! vorgesehenen Kontrollmaßregeln würden eine Bestellung neuer Beamten nicht nötig machen. Die scharfen Strafen seien erforberlich, um dem Gesetz Achtung zu verschaffen. Regierungskommissar Finanzassessor Becker: Auf ein wesentliches Ergebnis aus Erhöhung der Stempelabgaben sei nicht zu rechnen. Eine Anspaunung der Erbschafts— steuer würde sicherlich die Zustimmung der ersten Kammer nicht finden. Eine Steigerung der Progression in der Einkommensteuer und eine Erhöhung der Vermögenssteuer erscheine ungebracht. Genosse Ulrich: Er und seine Freunde seien Anhänger einer Steuerreform soweit sie die Kapitaliensteuer durch eine Einkommen- und Vermögenssteuer ersetzte. Sie würden aber aufs energischste jedem Versuche, die direkten Steuern durch indirekte zu ersetzen, bekämpfen. Sie seien gegen die Erhöhung der Hundesteuer, gegen die Weinsteuer, gegen eine zu niedrige Besteuerung der hohen Einkommen und Vermögen. Durch die Form, wie sie die Regierung vorschlage, würden gerade die Leistungsfähigsten, die Großindustriellen, die Großgrundbesitzer begünstigt. So rechne man z. B. bei Frhr. v. Heyl eine Jahresersparnis an Steuern vou 60,000 Mk. nach. Die Befreiung der juristischen Personen von der Einkommensteuer sei ein großes Unrecht. Gegen die Sta tslotterie müsse er sich aus verschiedenen Gründen er lären. Die Weinsteuer sei für Weinhändler, Wirte und Winzer höchst bedenklich, sie bedeute im Grund die verschleierte Einführung einer partiellen Gewerbesteuer. Von den Abgg. Dr. Schmitt und Gen. wird folgender Antrag gestellt: Die Kammer zu ersuchen, den Gesetzentwurf betr. die Weinsteuer abzulehnen und die angeblich fehlenden Beträge in folgender Weise zur Einführung zu bringen: 1. In den Klassen 5 bis 28 des Einkommensteuerge⸗ setzes werden die preußischen Sätze eingestellt; 2. von der 29. Klasse ab steigt die Progression in einer Weise an, daß bei einem Einkommen von etwa 75,000 Mk. 4 pCt., bei einem solchen von etwa 175,000 Mk. 5 Cpt. erreicht werden; 3. in dem Ge⸗ setze über die Vermögenssteuer werden statt 55 Pfg. 60 Pfg. Steuer für 1000 Mk. Vermögen vorgesehen, die Besteuerungsgrenze nach Unten ist auf 5000 Mk. zu normieren; 4. die Erbschaftssteuer wird abgesehen von der Klasse der Geschwister um 2 pCt. erhöht. Donnerstagssitzung. Heute führt zunächst Abg. Dr. Frenay(Ztr.) aus, seine Partei könne einer Steuerreform mit der Tendenz einer Vermehrung der indirekten Abgaben, die gerade die geringe Klasse am härtesten treffe, nicht zustimmen. Abg. Weidner(christl.⸗ soz.) wird, solange die Regierung selbst nicht Ersatzmittel für die Weinsteuer vorschlägt, für die Steuerreform mit der Weinsteuer stimmen, obgleich er die Ver⸗ bindung derselben mit der Reform nicht für glücklich hält. Abg. Dr. Schröder(natl.) hegt den dringenden Wunsch, die Reform unter allen Umständen jetzt zu bewirken, aber ohne die Weinsteuer. Darüber werde man sich verständigen müssen. Lehne die Regierung ein Kompromiß auf dieser Grundlage ab, so trage sie die Verantwortung für das Scheitern der Reform. Die sozialdemokratischen Abgeordneten beantragen zur Steuerreform: Die Progression der Einkommensteuer ist derart zu erhöhen, daß die Steuersätze bei Einkommen von 5000 Mk. mit 2,5 pEt., wie in der Vorlage vorge⸗ sehen, beginnend bis auf 6 pCt. für die höchsten Ein⸗ kommen steigen, 2. die Steuersätze der Vermögens⸗ steuer sind derart progressiv zu gestalten, daß, wie in der Vorlage vorgesehen, die Vermögen bis 30,000 Mk. mit 55 Pfg. von 30,000 bis 60,000 Mk. mit 60 Pfg., von 60,000 bis 90,000 mit 70 Pfg., von 90,000 bis 150,000 mit 80 Pfg., von 150,000 bis 300,000 mit 90 Pfg., von über 300,000 Mk. mit 1 Mark Steuer pro 1000 Mk. Vermögen herausgezogen werden. 3. Zur Vermögenssteuer ist auch das in Hauseinrich⸗ tungen, Kunstwerken, Wertgegenständen und Schmuck- sachen steckende Vermögen im Betrag von mehr als 30 000 Mk. heranzuziehen. 4. Zur Vermögenssteuer sind auch die juristischen Personen heranzuziehen. ——/— Kleine Mitteilungen. — Der Landgerichtsdirektor Frommhold, Vor⸗ sitzender der durch ihre hohen Urteile gegen Sozialdemo⸗ kraten bekannten dritten Strafkammer in Dresden, der⸗ selbe Herr, unter desseu Vorsitz die fürchterlichen Zucht⸗ hausurteile des Schwurgerichts gegen die Löbt auer Bauarbeiter gefällt wurden, ist mit dem Ritterkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. Der Generalstaats⸗ anwalt Rüger, der das harte Urteil im Reichstag verteidigte, bekam das Komturkreuz 1. Klasse des Albrechts⸗ ordens. — Ein Freispruch. Eine neunzehnjährige Schülerin des Kölner Konservatoriums, die in der Nacht vom 19. zum 20. März ihr unehelich geborenes Kind sofort nach der Geburt einge⸗ standenermaßen durch Verstopfen des Mundes mit Watte getötet hatte, wurde vom Schwur⸗ gericht freigesprochen. — Verhaftet wurde in München eine 49jährige, wohlhabende und durch ihre Liebesaffären bekannte Metzgersfrau, weil sie eine Frau zur Vergiftung ihres(der Metzgerin) Mannes und ihrer Kinder anzustiften suchte. Zur Zeit hatte sie ein Verhältnis mit einem Schauspieler, mit dem sie in einem Absteige⸗ quartier verkehrte. Ihren Liebhabern hängte Frau Sauter viel Geld an. Bei der Haussuchung fand man eine nicht unerhebliche Zahl Photographien ihrer Liebhaber, und dieser Tage hat Herr Sauter noch weitere 21 Photo— graphien verschiedener Liebhaber seiner Frau unter deren Sachen gefunden und dieselben dem Untersuchungsrichter übergeben. Wie unser Münchener Parteiblatt schreibt, wird die schmutzige Sache für manchen sonst staats⸗ erhaltenden und ordnungsliebenden Pfahlbürger der sitten⸗ strengen Stadt München recht unangenehme Weiterungen erfahren. Ein langwieriger Mordprozeß ist vor dem Schwurgericht L zu Berlin ver⸗ handelt. Es handelt sich um die Ermordung der Prostituierten Bertha Singer, geb. Brach. Als Thäter beschuldigt die Anklagebehörde den Schneider Hugo Guthmann. Die Singer wohnte in der Oranienstraße 89 bei dem masses Bestell-Zettel. Ich bestelle hiermit die „Mitteldeulsche Fonntags⸗Zeitung“. Name: Bezüuß; JC nnn N Han u e des e M] de — ————— lee — ä——̃— Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. Schneider Nickel. Am 5. Juni v. J., morgens zwischen 6 und 7 Uhr, fanden die Nickel'schen Eheleute die Singer todt in ihrem Zimmer, mit einer tiefen Schnittwunde am Halse. Alle Gegenstände waren mit Blut besudelt, sämtliche Fächer der Kommode von dem Mörder durch⸗ wühlt, und alle Schlüssel der Singer fehlten; diese hatte allem Anscheine nach der Mörder mit sich genommen, um aus dem Hause heraus⸗ zukommen. Die Nachforschungen der Pozizei, die sofort 1000 Mark Belohnung für die Ent⸗ deckung des Thäters aussetzte, richteten sich ins⸗ besondere auf die Ermittlung eines früheren uhälters der Ermordeten, von welchem nur er Vorname„Hugo“ bekannt war. Der jetzige Angeklagte war in vielen Kaffeeklappen Berlins als„Hugo“ oder„Schneider-Hugo“ bekannt. Außerdem wird der Verdacht gegen ihn wesent⸗ lich bestärkt durch einen am Thatorte vorge⸗ fundenen beschriebenen Zettel und durch ein bei der Polizeibehörde eingegangenes anonymes Schreiben, in welchem Dinge mitgeteilt werden, Die nur der Mörder wissen konnte. Die Schrift- züge sowohl auf dem Zettel als auch in dem anonymen Schreiben sollen auffallende Aehnlich⸗ keit mit der Schrift des Angeklagten haben. Guthmann bestreitet seine Schuld und hat bis⸗ her obgeleugnet, mit der Singer näher bekannt gewesen zu sein. Die Verhandlungen, die be⸗ reits elf Tage dauern, haben bis jetzt mehr Entlastungs⸗ als Belastungsmaterial für den Angeschuldigten zu Tage Tage gefördert. Nachschrift: Am zwölften Verhandlungs⸗ tage wurde der Angeklagte freigesprochen. Arbeiterbewegung. Der Brauerstreik in Frankfurt a. M. dauert fort. Gehe kein Brauer nach Frankfurt und trinke Niemand, der den Ausstehenden zum Sieg verhelfen will, einen Tropfen Frankfurter Bier.— In Belgien streiken über 100000 Bergleute. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 29. April: Gießener Wahlverein pünktlich 9 Uhr bei Orbig. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gen. Ed. Krumm über: Die Marr'sche Cheorie. 2. Vortrag des Gen. Ph. Scheidemann über: Ed. Bernsteins Kritik des Marxismus. 3. Diskussion. Es ist dringend erforderlich, daß die Genossen in dieser und den weiter folgenden Versammlungen zahlreich zur Stelle sind. Alsfeld. Sonntag, den 30. April, nach⸗ mittags 2 Uhr, findet bei Gastwirt Kemmer eine Mitglieder⸗Versammlung statt. Tages⸗Ordnung: 1. Auf⸗ nahme und Einzahlung. 2. Maifeier. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Briefkasten der Redaktion. Ph. K.⸗M. a. M. Die Bestimmungen über die Arbeiterausschüsse finden Sie im§ 134 der Reichs⸗ A n l e e G A, A A E ueberall Freunde b erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstauo und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dummheit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren. Jedermann aus dem Volke ist im Stande, 9 sich durch das Lesen der„Mitteld. Sonntagsztg.“ auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie 3 wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die„Mitteld. S.⸗Ztg.“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Jnteresse ist und was 2 jedermann wissen muß. 17 5 1 Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu gewonnener Leser. gewerbe⸗Ordnung. Ueber die Form der Anhörung des Ausschußes wird gesetzlich nichts bestimmt(§ 134.). Gewählt wird der Arbeiter⸗Ausschuß von den großjähri⸗ gen Arbeitern in direkter und geheimer Wahl (S 134 h.). Der Arb.⸗Aussch. hat so gut wie keinen Wert, wenn nicht organisierte Arbeiter hinter ihm stehen. Der Unternehmer ist ja immer in der Lage, ihm unbe⸗ queme Mitglieder eines Ausschusses ohne Angabe von Gründen zu entlassen. Es handelt sich auch bezüglich der Arb.⸗Ausschüsse um ein Schein recht der Arbeiter. Auf dem Papier macht es sich ganz gut, in der Praxis hat es keinerlei Bedeutung, solange die Mehrheit der Arbeiter nicht den Wert der Organisation erkannt hat. Marktbericht. Gießen, 25. April.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.90 bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 00, 2 St. 10-11 Pfg., Enteneier 2 St. 11— 12 Pfg., Gänseeier p. St. 11 bis 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.80— 0.90, Hühner per Stück Mk. 1.10— 1.30, Hahnen per Stück Mk. 1.50— 2.00, Enten per Stück Mk. 2.00— 2.50, Gänse per Pfund Mk. 0.00— 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62— 64 Pfg., Schweine⸗ fleich per Pfd. 60—72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50— 70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 7.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 9.00- 10.00, Milch per Liter 16 Pfg. Grünberg, im März. Am Markttage, 22. April, wurden auf dem hiesigen Frucht markte folgende Frucht⸗ arten ꝛc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 9 Doppel⸗Zeutner(à 100 Kg) Weizen zu 16,00 M., 6 D.⸗Z. Korn zu 14,58 Mark, 13 D.⸗Z Gerste zu 15,44 Mark, 26 D.⸗Z. Hafer zu 14,70 Mark, 2 D.⸗Z. Erbsen zu 19,74 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00.00 Mark, 386 D.⸗Z. Kartoffeln zu 5,74 Mark. Unserer hentigen Nummer liegt eine Beilage des Kaufhauses F. Leitzow „ Co. in Gießen bei, auf die wir hiermit hin⸗ weisen Foñeeee e“1h Schlecht angebrachte Sparsamkeit. s. Es gibt leider immer noch viele Arbeiter, die den großen Wert der gewerkschaftlichen Organisation nicht einsehen wollen.„Es ist schade für die Beiträge“ sagen viele,„die paar Groschen jede Woche können wir sparen.“— Gespart werden die paar Groschen natürlich dann doch nicht. Aber selbst den Fall angenommen, der eine oder andere würde Wirklich die Beiträge, die andere an ihre Gewerkschaftsorganisation zahlen, „sparen“, sie zinsbar anlegen, wäre das eine weise Sparsamkeit? Nein und tausendmal Nein! An einem Beispiel wollen wir das beweisen. Setzen wir den Fall, in Dingsda arbeiteten 100 Schneidergesellen, von denen 20 gewerk⸗ schaftlich organisiert wären, 80 nicht. Diese 80, so wollen wir annehmen, stünden alle auf dem Standpunkt, daß sie die Beiträge, die jene 20 „Dummen“ zahlen, sparen. Nehmen wir weiter an, daß der Wrchenbeitrag, den jene 20 zahlen, 30 Pfg. beträgt, dann beläuft sich die Er⸗ sparnis eines jeden der 80„Gescheiten“ pro Jahr auf Mk. 15.60. Nun aber die Kehrseite! Der Jahres⸗ Durchschnittsverdienst aller Schneider— so wollen wir beispielsweise annehmen— beläuft sich pro Woche auf Mk. 18.— Sowohl die Organisirten wie die Nichtorganisirten spüren tagtäglich, daß sie mit diesem bescheidenen Einkommen sich auf das Aeußerste einschränken müssen. Sie sind auf kleine, meist ungesunde Wohnungen ange⸗ wiesen; die Kartoffel spielt auf dem Speisenzettel die hervorragendste Rolle; Kohlen müssen zentner⸗ weise eingekauft und demgemäß teurer bezahlt werden; wenn die Hausmiethe fällig ist, giebt's kritische Tage aller Ordnungen; kurzum, es fehlt an allen Ecken und Kanten; das trägt bekanntlich nicht dazu bei, das häusliche Glück sonderlich zu fördern. Unter diesen Zuständen leiden, wie schon ge⸗ sagt, alle Schneider in Dingsda. Die Indifferenten sagen nun:„Wie kann ich bei dem geringen Verdienst auch noch 30 Pfg. Verbandsbeitrag zahlen? Diese 30 Pfg. reichen schon wieder für ein halbes Pfund Fleisch.“ Die Organisierten sagen:„Wenn Ihr nur 1 Sobald Ihr 80 Vernunft annehmen wolltet. Mann zu uns kommt und wir gehören hernach alle 100 dem Verband an, dann ist es uns ein leichtes, eine Lohnerhöhung von 2—3 Mk. pro Woche zu erzwingen.“ Würden nun die 80 nicht organisterten Ge⸗ sellen auf ihrem Standpunkt beharren, so wäre nie an eine Lohnaufbesserung zu denken. Von selbst zahlen die Unternehmer nichts mehr, und die Arbeiter können nichts erzwingen, wenn sie nicht gut organisiert sind. Im Wesentlichen besteht deshalb die Aufgabe der einsichtigen Arbeiter darin, die Einsichtslosen und Gleichgültigen aufzurütteln und von dem Werth der Organisation zu überzeugen. Um nun zum Schluß zu beweisen, wie falsch die von uns oben geschilderte„Sparfamkeit“ füs wollen wir ein durchschlagendes Beispiel an⸗ ühren. Die Zustände, die wir beispielsweise von Dingsda schilderten, treffen mehr oder weniger auch auf Gießen zu. Seit Jahren trugen sich die gewerkschaftlich organisierten Schneider mit dem Gedanken, eine Lohnaufbesserung zu fordern. Die Hände waren ihnen aber gebunden, weil mit zuviel Kollegen zu rechnen war, die auf dem Standpunkt beharrten, sie müßten die Beiträge „sparen.“ Endlich, nach langem unermüdlichen Arbeiten war es gelungen, fast alle Kollegen in den Verband zu bringen.— Damit war die Bahn frei geworden. Ueber die zu stellenden Forderungen waren sich die Kollegen bald einig. Der neue Lohn⸗ tarif wurde den Meistern und Ladengeschäfts⸗ inhabern vorgelegt und— bewilligt, die Arbeiter hatten eine Lohnaufbesserung von durch⸗ schnittlich 3 Mk. pro Woche erreicht. Dasselbe Resultat wäre vor Jahren schon zu erreichen gewesen, wenn eben nicht gar zu viele Kollegen ihre Beiträge„gespart“ hätten. Kein Mensch wird bestreiten wollen, daß diese Sparsamkeit schlecht angebracht war, daß die Arbeiter mit dieser„Sparsamkeit“ jeden einzelnen Kollegen um jährlich etwa 140 Mk. geschädigt haben. Wer Beiträge für die Gewerkschaftsorgani⸗ sationen„spart“ schädigt sich und seine Kol⸗ legen und spart in Wirklichkeit nur für die Unternehmer. Deshalb hinein in die Gewerkschaften! ee.. 8 2 DS ö— Unterhaltungs⸗Ceil. Ein Maigesprüch auf dem Dorfe. ed. Vor dem Hause neben dem Eingang zur Schmiede lag ein alter Birnbaumstamm. Auf ihm war schon manch lustiges und auch[hat manch ernstes Gespräch von Jung und Alt geführt worden. Aber das geschah immer nur nach Feierabend oder des Sonntags. Deshalb wunderte sich der alte Birubaumstamm nicht wenig, als sich der sonst so fleißige Schmied heute, mitten in der Woche und mitten im J 77 aii de % n oft, Feier hose bmern alan un, obgle ih vor dem heaecken. d Lubbar. Di Mahl für un „Ja eth 1 0 it meiten Punt In ein arme mit der Po wenn man ich auch m ellauben.“ „Ich wel alle Geld ch. OGeschäst, wi Lezten Jahren daß Ihr Eu demokratie of lte erst ei soltes bald Der Bau Selzer nebe Humm! Leenen Leute Air wenn de Andere, Afres, und al ure ge misen, um Albrngen. Eller und dee Uirtschg uuns nehme uacsen eine ach J serika gem u mein; Vormittag, auf seinem breiten Rücken nieder⸗ ließ, um sich in aller Gemütsruhe eine Pfeife zu stopfen. Dann lehnte sich der Schmied, be⸗ 4 f Aussch haglich paffend, zurück und sah in den Stern- äpfelbaum hinauf, der soeben seine zarte Blüten⸗ pracht zu entfalten begann. Die Maiensonne lachte ihn dabei vergnügt durch die Blüten hindurch an, und der Schmied erwiderte ihren 8 kitzlichen Gruß wit einem kräftigen Niesen, so kräftig, daß der Buchfink, der oben im Gezweig saß und soeben seinen durch das Erscheinen des Schmiedes unterbrochenen Gesang wieder auf⸗ nehmen wollte, erschrickt den Schnabel wieder schloß. Erst nach einer Weile hatte er wieder soviel Muth beisammen, um sein fröhliches Frühlingsgeschmetter von Neuem zu beginnen. „Guten Morgen, Schmiedjakob!“ sagte plötz⸗ lich ein grauköpfiger Bauersmann, der soeben —— bun ich A auc 1 halt, daß 100 fe sch ben. duet/ „Ver 0 1 10 5 U Früh „der S en a e l Acltacht Aer 5 M um die Hausecke bog und verwundert vor dem Schmied stehen blieb, der den Gruß mit einem „Guten Morgen, Nachbar!“ erwiderte. Nr. 18. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. „Ei, was ist denn los?“ fuhr der Bauer fort,„Du hast, scheint's, schon vor dem zweiten Frühstück Feierabend gemacht.“ „Heut hab ich schon vor dem ersten Frühstück die guten Hosen angezogen“, sagte der Schmied, und, indem er einen Blick auf die zerbrochene Spannkette warf, die der Bauer in der Hand trug, fügte er hinzu:„Heut wird nichts geschafft, wenigstens wenn's nicht ganz unbedingt nötig ist, Nachbar!“ „Ganz unbedingt nötig ist's grad' nicht“, entgegnete der Bauer; aber morgen mußt Du mir sie machen.“ „Soll ein Wort sein“, sagte der Schmied. Der Bauer warf die Kette in die Ecke und sah dann den Schmied noch einmal fragend an. „Ein Unglück scheint Dir nicht passiert zu sein, dann wird's also ein Glück sein, dessetwegen Du heut Feiertag machst. Darf man's wissen?“ „Warum denn nicht? Heut feiern die Sozialdemokraten in der ganzen Welt ihr Mai⸗ fest, und da feiere ich mit.“ „Ach so“, sagte der Bauer lächelnd.„Du ganz allein? Es sind doch noch mehr im Ort, die zur Partei halten.“ „Was die Fabriker anlangt, die können noch nicht, das weißt Du auch. Und was die Bauern anlangt, so getrauen die sich auch nicht heraus, obgleich sie's gar nicht nötig hätten, sich vor dem Pfarrer und dem Gendarm zu berstecken. Du selbst hättest's auch nicht nötig, Nachbar. Du hast doch auch bei der letzten Wahl für uns gestimmt.“ „Ja“, erwiderte der Bauer,„gestimmt hab' ich schon für die Partei, weil ich Euch in den meisten Punkten recht geben muß. Aber ich bin ein armer Kuhbauer; ich kann keine Händel mit der Polizei brauchen. Und, weißt Du, wenn man Geld schuldig ist, dann kann man sich auch nichts gegen die Großen im Dorf erlauben.“ „Ich weiß“, sagte der Schmied,„Ihr seid alle Geld schuldig. Ich seh's in meinem eigenen Geschäft, wie's Euch kleinen Bauern in den letzten Jahren geht. Um so nötiger wird's sein, daß Ihr Euch alle mit einander der Sozial⸗ demokratie offen anschließt. Wenn die kleinen Leute erst einmal alle zusammenhielten, dann sollt's bald besser werden. Der Bauer setzte sich mit einem schweren Seufzer neben den Schmiedjakob auf den Birn⸗ baumstamm und sagte nachdenklich:„Wenn die kleinen Leute alle zusammenhielten— ja, wenn! Aber wenn Einer ein Aeckerchen mehr hat als der Andere, dann meint er gleich, er wär' was Besseres, und bei Licht betrachtet sind wir doch alle arme Keufel, die sich schinden und plagen müssen, um sich mit Ach und Krach durch⸗ zubringen. Alle Jahr wird's schlimmer. Die Steuern und Abgaben lassen nicht nach, und die Wirtschaft bringt nichts ein. Woher soll man's nehmen und nicht stehlen? Die Schulden wachsen einem über'n Kopf. Wär' ich nur vor fünfzehn Jahren mit meinem Bruder nach Amerika gemacht. Damals war mein Anwesen noch mein; heut verschlingen's die Hypotheken, wenn ich's verkaufe. Und dann ist ja in Amerika jetzt auch nichts mehr zu machen. Der Konrad schreibt, daß es mit den Bauern jetzt drüben auch sehr schlimm steht, und daß ein Anfänger leine Aussicht mehr hat, sein Fortkommen zu finden. Man meint, die ganz Welt wär' verhext.“ „Verhext und auch nicht verhext“, sagte der Schmied und blies ruhig einige Rauchwolken in die Frühlingsluft hinein. „Der Schulmeister hat Recht“, nahm der Bauer das Wort wieder auf;„es sind zu viel Menschen da. Und der Bürgermeister hat auch Recht, es werden zuviel Nahrungsmittel hervor⸗ gebracht; es ist zuviel da, deshalb gilt nichts mehr was.“ Der Schmied lachte.„Nein, Nachbar“, sagte er,„in der Sach' hätt ich Dich für gescheidter wie den Schulmeister und wie den Bürger⸗ meister gehalten. Zuviel Menschen soll's geben und zugleich auch zuviel Brod— das verträgt sich nicht mit einander. Zuviel Nahrungs⸗ mittel]?— Ja, wenn's keine Hungrigen mehr gäbe; wenn jeder sich mit Frau und Kindern ausreichend und gut ernähren könnte, und wenn dann noch Ueberschuß an landwirthschaftlichen Produkten vorhanden wäre, ja dann könnte man vielleicht von„zuviel“ Nahrungsmitteln reden. Aber wie sieht's denn in Wirklichkeit aus? Die vielen Millionen geringer Leute in Stadt und Dorf, die Fabrikarbeiter, Tage⸗ löhner, kleinen Handwerker und niederen Be⸗ amten müssen sich jahraus jahrein in der Nah⸗ rung einschränken. Kartoffeln Morgens, Mittags und Abends! Gut Dreiviertel der Menschheit können nicht so leben, wie es zur vollen Er⸗ haltung ihrer Gesundheit und Lebenskraft nötig wäre. Und da sprecht ihr Bauern von„zuviel“ Nahrungsmitteln! Ei ihr Bauern selbst lebt ja nicht so, wie's euch zuträglich wäre, und wie's euch auch von Rechtswegen zukäme. Wieviel Mehl, Milch, Butter, Fleisch und Eier gehen aus dem Dorf, was alles nicht herausgehen würde, wenn ihr Bauern mit euren Kindern euch so nähren wolltet, wie es die vornehmen Leute thun. Aber warum spart ihr euch das Alles vom Munde ab? Etwa aus lauter Ver⸗ gnügen an der schlechteren Nahrung?“ „Nein“, sagte der Bauer heftig,„desset⸗ wegen wahrhaftig nicht. Wir wissen auch, was gut schmeckt und was Kraft giebt. Aber was können wir machen? Es muß baar Geld ins Haus. Und doch reicht's nicht für all die Steuern, Rechnungen und Zinsen. Das Ge⸗ witter soll hineinschmeißen, in das Leben!“ „Davon wird's nicht besser, wenn's Ge⸗ witter hineinschmeißt“, sagte der Schmied ge⸗ lassen,„aber davon wird's besser, daß ihr end⸗ lich die Augen aufmacht und seht, woran's hängt. Der scheinbare Ueberfluß auf dem land⸗ wirtschaftlichen Markt kommt nicht daher, daß „zuviel“ Nahrungsmittel hervorgebracht werden, sondern daher, daß die Masse des arbeiten⸗ den Volkes zu arm ist, d. h. zu wenig verdient, um genug bessere Nahrungs⸗ mittel zu verbrauchen.“ „Von der Seite hab' ich die Sach' noch garnicht betrachtet“, meinte der Bauer, dem es wie Schuppen von den Augen fiel. „Und wer zwingt die breite Masse des arbeitenden Volkes zu Not und Entbehrung?“ fuhr der Schmied fort.—„Die großen Herren, die das Geld und die Macht in Händen haben. Die Fabrikherren und kapitalistischen Arbeit⸗ geber aller Art, die Bankiers und Geldleute, die Spekulanten und Aktionäre beuten die Arbeit des Volkes aus; sie werden reicher und immer reicher, während die Arbeit hungert. Dadurch verderben sie aber auch der Landwirtschaft die Kundschaft und bringen die Bauern in Ver⸗ schuldung. Dann sind die Herren mit Schuld⸗ briefen und Hypotheken bei der Hand, und die Zinsknechtschaft ist fertig. So scheeren sie mit ihrer goldenen Scheere dem Bauer von zwei Seiten aus die Wolle. Geld heckt Geld; die großen Kapitalien vermehren sich, ohne daß ihre glücklichen Besitzer auch nur den Finger zu rühren brauchen. Das arbeitende Volk aber zahlt die Zeche mit seinem Leib und Leben. Es ist Zeit, wir müssen uns zusammenschließen, damit dem kapitalistischen Ausbeuterthum in allen seinen Formen ein Ende bereitet wird. Dem Kapitalismus aber kann nur der Sozia⸗ lismus den Garaus machen, und in dieser Ueberzeugung feiern die Sozialisten aller Länder den ersten Mai. Es geht eine gewaltige Be⸗ wegung durch die Welt. Auch für die Bauern ist's Zeit, in den internatio⸗ nalen Kampf für Freiheit und Recht einzutreten.“ Den Bauer hatten die Worte des Schmiedes innerlich mächtig ergriffen. Er stand auf und reichte ihm die Hand.„Schmiedjakob“, sagte er,„was Du gesagt hast, ist recht und gut. Wenn erst alle so dächten, dann wär's ge⸗ wonnen.“ „Dann mußt Du auch mithelfen, daß mög⸗ lichst bald, wenn nicht alle, so doch die ent⸗ scheidende Mehrheit des Volkes so denkt“, entgegnete der Schmied. „Was ich thun kann, soll von heut an eschehen. Du kannst die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ für mich mitbestellen ich will sie von nun an lesen, doch jetzt muß ich gehen. Ihr trefft euch doch heute Abend? Wo ist's? Ich komme auch hin und, wenn's geht, bringe ich noch ein paar gute Freunde mit.“ „Soll mir lieb sein, Nachbar“, sagte der S b„also wir seh'n uns im„Rothen ern“. Als am Abend die Arbeiter ihren Kreis durch einige Bauern, die sich seither nicht offen an dem Leben der Partei beteiligt hatten, er⸗ weitert sahen, da ging ihnen allen das Herz auf. Der Schmied sprach einige begeisterte Worte, wie notwendig es sei, daß alle Schichten des werkthätigen Volkes einmütig und offen zusammenstünden und wies darauf hin, wie in der gegenwärtigen Feststunde bereits viele Mil⸗ lionen Herzen diesseits und jenseits der Grenz⸗ pfähle in einer Ueberzeugung und in einem Willen zusammenschlügen. Dann stießen die Männer mit den Gläsern an, ihre Augen be⸗ gegneten sich und ihre Stimmen klangen zu⸗ sammen in einem kräftigen dreifachen Hoch auf die volksbefreiende und völkervereinende Sozialdemokratie! Aus unserer Sammelmappe. „Im allgemeinen ist in Bezug auf den Lohn wohl zu beachten, daß es wider göttliches und menschliches Recht geht, Notleidende zu drücken und auszubeuteu, um des eigenen Vorteils willen. Dem Arbeiter den ihm ge⸗ bührenden Verdienst vorenthalten, ist eine Sünde, die zum Himmel schreit.„Siehe“, sagt der heilige Geist,„der Lohn der Arbeiter, den ihr unterschlagen, schreit zu Gott und ihre Stimmen dringen zum Herrn Zebaoth! Die Besitzenden dürfen endlich unter keinen Umständen die Arbeiter in ihren Ersparnissen schädigen, sei es durch Gewalt oder Trug oder Wucherkünste; und das um so weniger, als ihr Stand weniger gegen Unrecht und Ueber⸗ vorteilung geschützt ist und ihr Eigentum, weil gering, eben deshalb größere Achtung verdient.“ 5 Encyelica Leo XIII. Nicht mach' uns die einzelne Schlappe verlegen! Die fördert die Siege des Ganzen erst recht; Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen, Noch lauter es rufen: Die Freiheit! Das Recht! Denn ewig sind Eins diese heiligen Zweie! Sie halten zusammen in Trotz und in Treue. Wo das Recht ist, wohnen von selber schon Freie, Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht! — Die Freiheit! Das Recht! * Wenn eine Regierung nicht regieren kann, hört sie auf legitim zu sein und es hat wer die Macht, auch das Recht sie zu stürzen. Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst geschmiedeten entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der sittlichen Empörung der Tüchtigen und dem Notstande der Vielen die in solchem Fall legitime Revolution heraufbeschwören können und wollen. Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der Völker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt werden kann, so ist es doch auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler ver⸗ schlingt; und niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche Früchte trägt, sich an die Wurzel legt. Theodor Mommsen, Röm. Gesch. III. B. S. 93. Freiligrath. — 2— Humoristisches. ultramontane Kunst. Schultze: Die Abstimmungsurnen von Hildebrand will also Lieber nich haben; besonders weil se von nackte Fijuren jetragen werden. Müller: Und die Eiform von die Fasen paßt ihm ooch nich. Schultze: J, worum hat ooch der Künstler nich nen Lieberschen Theekessel zum Modell jenommen, der von drei Pfarrersköchinnen jetragen wird! Müller: Det is'n Jedanke. Pfarrersköchinnen hat noch keener nackt jesehen. Schultze: Wenigstens keen Lale.(„Kladd“.) Ein Schwerenöter am Himmelsthor. Von dem Prinzen August von Preußen, der wegen seiner galanten Abenteuer bekannt war, erzählt Theodor Fontane in seinem nachgelassenen und soeben veröffentlichten Ro⸗ man„Der Stechlin“ folgendes himmlisches Abenteuer: Der Prinz ist glücklich am Himmelsthor angelangt, aber St. Peter läßt ihn längere Zeit warten. Als er endlich öffnet, zeigt sich der Prinz ungehalteu.„Königliche Hoheit, es ging beim besten Willen nicht früher!“—„Weshalb nicht?“ murrt der Prinz.—„Halten zu Gnaden, könig⸗ liche Hoheit, ich mußte erst die elftausend Jungfrauen in Sicherheit bringen.“ .— Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 18. 5 f Montag, den 1. Mai, Abends pünktlich 9 Uhr: Volks-Versammlung im Orbig'schen Saale. Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Redner: Stadtv. Carl Orbig. Sonntag, den 7. Mai: Großes Waldfest im Gießener Stadtwald, Licherstraße, erste Schneise rechts. Abmarsch 2 Uhr vom Ludwigsplatz aus. Entree 20 Pfg. Zu zahlreicher Teilnahme ladet freundlichst ein Das Komitee. Sonntag, den 30. April, nachm. von 3 Uhr ab: 7 UTO886 Maifeier 2 bei Gastwirt B. Wacker in Wieseck. Konzert, Gesangsvorträge verschiedener Vereine, sowie Einzelvorträge verschiedener Genossen. Um 5 Uhr: F ESTREDE des Genossen Vetters aus Frankfurt a. M. Eintrittspreis 10 Pfg. Sonntag, den 30. April, Nachmittags von 3 Uhr ab: Maifeier — Konzert und T anz bei Gastwirt Schäfer in Dau bringen. Um 5 Uhr: Vortrag des Genossen Beckmann aus Gießen über Die Bedeutung des 1. Mai. Sonntag, den 30. April, nachmittags 3 Uhr: bei Kaspar Rau Volks⸗Versammlung Alten-Buseck. Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Redner: Genosse Vetters aus Frankfurt a. M. Abends 8 Uhr: Abendunterhaltung unter des Gesangvereins Germania bei Wirt L. Rabenau. — Sonntag, den 7. Mai, nachmittags 3 Uhr, für Steinberg- Jclatzenborn blosse Nolcssefsanmlung in Watzenborn bei Gastwirt Sommer. Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Redner: Georg Beckmann aus Gießen. Ph. Steinmüller XI. Heuchelheim. Braustrasse 13. empfiehlt seine große Auswahl in Mützen, Filz⸗ und Strohhüten, Kragen, Manschetten, Vorhemden, Shlipsen ꝛc. Specialität: Eigene Handweberei von prima ausländischer Wolle per Meter von 5½—8 Mk. Herren⸗Anzugstoffen aus nur NB. Vortheilhafteste Bezugsquelle für Private. Bei Entnahme von 20 Mk, an 5% Sconto „ 77 7 60 5„ 10% 7 Mitwirkung flaumen per Pfd. 18 Pfg., bei 5 Pfd. 17 Pfg. Apfelschnitzel per Pfd. 39 Pfg., bei 5 Pfd. 36 Pfg. Gemischt. Obst per Pfd. 38 Pfg., bei 5 Pfd. 36 Pfg Preißelbeeren per Pfd. 42 Pfg., bei 5 Pd. 38 Pfg. Kölner Komum-Anstalt g. F. Hackenberg SGSiezen, Bahnhofstraße 27. 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Orbig⸗Gießen. Zu dieser Versammlung sind ganz besonders die Frauen und Der Versammlung folgt eine Sonntag, den 30. April, nachmittags 3 uhr: Volksversammlung für in Trohe. Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Referent: Redakteur Scheidemann in Gießen. Achtung Lauterbach Achtung Sonntag, 7. Mai, findet im Lokal des Herrn Gastwirt Kaut die diesjährige Maifeier für den dritten Oberhessischen Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach⸗ Schotten statt. Festrede, Garten-Konzert. Anfang 3 Uhr. Um zahlreichen Besuch ersucht Das Komitee. Haifeier in Harburg. Sountag, den 30. April: Ausflug nach Gossfelden. — Schtibeineschmalæ (garantiert rein) per Pfd. 46 Pfg, bei 5 Pfd. 44 Pfg. MNirstfett (Ja. Kölner) pe: Pfd. 35 Pfg. Spec, Iu., Feil per Pfd. 65 Pfg., bei 5 Pfd. 62 Pfg Delikatess-Schinken (656 Pfd. schwer) per Pfd. 65 Pfg. Margarine per Pfd. von 39 Pfg an. hiiu. Rottbuust per Pfd. 65 Pfg. offeriert Kölner Konsum-Anstalt C. F. Hackenberg Gießen— Alsfel. womberg a. d. O. 90 5 130 E fl. OLimburger- Käse! 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Gay erstes ling Geda politi konnt hatte Ziele Wort konnt mehr Lehre Ihre ihn betra glück Ihre ehe Aud rich sonde Ilan Freu schäf 2 drei 10 ph Gär die Nan chin funk ar 0 f Sch ach Zei hein 8. — 1 1 1 u unh 6 t elhe r: 0 t alt 10 7 14 ( 45 ff ⸗ sise ist „90 p 0 geilage 3. Mitt eldeutschen Sonntags⸗Ztg. Nr. 18. Gießen, den 30. April 1899. 6. Jahrgang. Eines Abends saß man wieder so beisammen. Um das alte Haus am Pregel wogte das 2—. e Ringsum herrschte tiefe Stille, nur hin und erneute Leben in vollem Strom, aber die Be⸗ 55558889 wieder kam ein kurzer abgebrochener Laut aus wohner des zweiten Stockwerks empfanden AUAnterhaltungs⸗Teil. vom Stamm gerissen. Roman von E. Langer. (Fortsetzung.) Diese anstrengende Thätigkeit zog Valeska zwar tagüber von der aufreibenden Sorge um den Geliebten ab, doch in der Nacht fiel sie dieselbe mit verdoppelter Gewalt an und raubte ihr den Schlaf. Stundenlang ging Valeska in ihrem Stübchen auf und ab, nachdem sie ver⸗ gebens alle Mittel versucht, einen wohlthätigen Schlummer herbeizulocken. Zuletzt verfiel sie 17 Nachdruck verboten. auf den Gedanken, in den schlaflosen Nacht⸗ stunden Tapisseriearbeiten für Geld zu machen, um die Zeit nicht nutzlos hinzubringen. Das gab sie freilich bald wieder auf, da die Arbeit⸗ geber die Stickereien schnell angefertigt haben wollten; allein die Schlaflosigkeit dauerte fort. Die gute Frau Braun bekümmerte es sehr, wenn sie Valeska morgens so blaß und matt fand, nachdem sie abends mit hochroten Wangen und überreizt glänzenden Augen heimgekehrt war. Sie bat, Valeska möchte sich nicht so anstrengen, sich etwas mehr Ruhe gönnen. Allein die Natur selbst versagte stie ihr. Sie ließ sich von ihrer Wirtin zugleich beköstigen. Der Preis war ein sehr geringer, aber Frau Braun hielt ihn noch für zu hoch, denn Valeska aß weniger als ein Vogel, selbst von den feineren Speisen, welche ihr jene, so gut sie es verstand, bereitete. Abends nahm Valeska ihr Mahl, wenn sie nicht zu abgespannt war, in dem Hinterstübchen ihrer Wirtin mit dieser und ihrem Sohn Ernst, einem hübschen, intelligenten Jüngling von siebzehn Jahren, ein. Diesem, den sie gewöhnlich in Schlossers Weltgeschichte vertieft fand, blitzten die Augen, wenn er sie erscheinen sah. Noch niemand hatte mit ihm Gespräche geführt wie Valeska. Gleich in den ersten Tagen hatte sie entdeckt, daß der Jüng⸗ ling sich über die sozialen Probleme der Zeit Gedanken machte, daß er Broschüren sozial⸗ politischen Inhalts, deren er habhaft werden konnte, las, und auch politische Redner gehört hatte. Seine Begriffe von den Ursachen und Zielen der Bewegung, die noch ziemlich ver— worren waren, suchte nun Valeska, so gut sie konnte, zu klären. Lehrerin aufgeblickt, als Ernst Braun zu Valeska. Ihre Schönheit und ihr Unglück rückten sie für ihn weit über das Gewöhnliche hinaus. Er betrachtete sie fast wie eine Heilige und war glückselig, wenn er etwas für sie thun konnte. Ihre kleinen Stiefelchen putzte er jeden Morgen, ehe er in die Druckerei ging, mit förmlicher Andacht, und den Krug, in welchem er ihr frisches Wasser holte, behandelte er ganz be— sonders liebevoll. Er war es auch, der die Blumen pflegte, und seitdem er wußte, welche Freude Valeska daran hatte, lag er dieser Be⸗ schäftigung mit um so größerem Eifer ob. Als die Abende milder wurden, saßen die drei zuweilen auf der grün gestrichenen Bank vor der Hausthür, sogen den Duft der Balsam⸗ pappeln ein, der aus den gegenüberliegenden Gärten strömte und sahen zu den Sternen auf, die Valeska ihren schlichten Gefährten mit Namen nannte. Wie ihre Augen dabei schimmerten— nicht mit dem unruhigen Ge⸗ funkel der Firxsterne, sondern mit stillem planetarischen Glanze. Ernst dachte oft, daß sie die Planeten, von deren Bahnen und Be⸗ schaffenheit das Mädchen ihnen erzählte, an Schönheit überträfen, und heimlich schaute er nach den blauen irdischen Sternen, die in letzter Zeit noch viel größer geworden und von un⸗ heimlich dunkeln Ringen umgeben waren. Nie hatte ein Schüler mit mehr Dankbarkeit und Bewunderung zu seiner den Gebüschen des Gartens, wie schüchterne Lockruf einer Nachtigall. Valeska befand sich in großer Aufregung. Ihr Rechtsanwalt hatte ihr heute das Resultat der Vernehmung des Herrn von Kries mitge⸗ teilt und die frohe Botschaft hinzugefügt, daß Oettinger nun sofort aus der Haft entlassen werden müßte, da kein Grund mehr vorhanden sei, ein Verfahren gegen ihn einzuleiten. Der Brief, den sie mittags zu Hause vor⸗ efunden, hatte Valeska mit unbeschreiblichem Jubel erfüllt, so daß sie ihre Nachmittagsstunden wie in einem Rausche gegeben, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, daß der Geliebte frei sei, ste ihn vielleicht schon zu Hause, ihrer harrend, finden würde. Sie kaufte auf dem Heimwege eine Flasche alten Wein zu dem Mahle, welches ihnen Frau Braun bereiten sollte. Einem kleinen Mädchen, welches die ersten Maiglöckchen feil bot, nahm sie den ganzen Vorrat ab. Kurt liebte die Waldblumen so sehr! Es war eine große Enttäuschung, als sie ihn nicht schon in ihrem Stübchen fand; indessen konnte ihn jeder Augenblick bringen, und so ordnete sie alles zu seinem Empfang, durch diese Beschäftigung ihre heiße Ungeduld betäubend. Endlich setzte sie sich zu ihrer Wirtin und deren Sohn vor die Thür, nicht um auf die Nachtigall, sondern um auf jeden in der abendlichen Stille laut werdenden Schritt zu lauschen. Aber alle verhallten in der Ferne, einer wie der andere. Jetzt ward wieder einer laut, ein männlicher Schritt. Kam er näher? Nein— ja doch! Sie schnellte empor und durchbohrte das Duukel mit ihrem Blick. Ein Mann näherte sich. Schon that sie ihm einige Schritte entgegen— allein er war es nicht, den sie so heiß ersehnte. Es war der Telegraphenbote, der eine Depesche für sie aus der Heimat brachte. Sie ahnte instinktmäßig, daß das Telegramm Unheil ent⸗ hielt. Ein Fieberschauer lief ihr durch die Glieder, als sie mit dem blauen Kouvert ins Haus und in ihre Stube stürzte, in die ihr Frau Braun schon vorangeeilt war, um Licht anzuzünden. Sie riß das Kouvert auf und las:„Komm unverzüglich. Die Mutter stirbt. Tussy.“—— Es war, als konnte sie mit den paar Worten nicht zu Ende kommen. Immerfort starrte sie darauf hin. Ihre Sinne waren geteilt. Auge und Ohr nahmen gleichzeitig jedes eine andere Schreckensnachricht auf. Durch das offene Fenster hörte sie den Telegraphenboten draußen, der ein Bekannter von Ernst war, zu diesem agen: f der kommt sobald nicht wieder frei. Es ist ein neuer Haftbefehl gegen ihn erlassen. Mit dem heutigen Abendzug ist er in seine Heimat abgeführt.“ Ein dumpfer Fall und ein Aufschrei von Frau Braun. Valeska lag ohnmächtig am Boden. 2 Das alte Königsberg hatte sein schmutzig gewordenes Winterkleid abgeworfen und das heitere Frühlingsgewand angelegt, welches seine ganze Physiognomie wie mit einem Zauberschlag veränderte. Das Pflaster der Stadt, selbst in den schmalen und krummen Straßen, welche sechs Monate lang unter Schnee und Kot be⸗ graben gewesen, war sauber und blank wie ein Parquet; der Pregelstrom floß wieder klar und von Fahrzeugen aller Art belebt dahin, an deren Flanken die grünliche Woge in der Sonne funkelnd plätscherke. Die Gärten um den Schloßteich hatten sich mit dem lichtgrünen Schleier jungen Laubes bedeckt. Auf den zahl⸗ reichen Plätzen der Stadt schwollen die Knospen des Flieders. Himmel und Erde lachten, und die Menschheit dieses rauhen Himmelstrichs schien sich der Segnungen der beginnenden schönen Jahreszeit doppelt und dreifach zu der erste freuen. nichts davon. Sie hatten heute Frau Stern zu Grabe getragen. Still war's in allen Räumen. In der großen Wohnstube herrschte ein gedämpftes Licht. Die weißen Gardinen, mit denen ein Lufthauch an einem der offenen Fenster spielte, waren herabgelassen. Das Straßengeräusch drang wie ferne verhallende Brandung herauf. Auf dem altmodischen steifen Sopha, das schöne marmorbleiche Haupt auf weichen Kissen ruhend, lag Valeska. Sie hatte die Augen geschlossen. Aber sie schlief nicht. Vor ihr, auf der Kante des Sophas, saß Tussy, den linken Arm um ihre Schwester geschlungen, während ihre rechte Hand die Valeskas gefaßt hielt. Tussy war größer geworden; ihre Glieder aber waren mager, nur das Gesicht hatte seine kindliche Rundung bewahrt, gegen welche der kummervolle Ernst iher Züge rührend abstach. Das arme Kind hatte einen bösen Winter durchgemacht. Die Krankheit der Mutter hatte sich ganz plötzlich so verschlimmert, daß jede Hoffnung auf Genesung schwand, und als Tussy ihrer Schwester telegraphierte, zurückzukommen, hatte der letzte Akt der Auflösung bereits be⸗ gonnen.(Fortsetzung folgt.) Eine Proletarierdichtung. Wie das Volk über das Dresdener Zuchthausurteil denkt, hat ein schlichter Arbeitsmann in folgenden Versen ausgedrückt, die er der„Sächs. Arb.⸗Ztg.“ zuschickte. Anf wiederholt ausgesprochenen Wunsch drucken wir die Verse ab. Melodie: Weißt Du Mutterl, was i träumt hab'? In Cöbtau sitzt bei ihrem Kinde Die Frau des Arbeitsmanns und weint, Vom Schicksal gar so schwer betroffen, Ganz unverdient, wie Jeder meint; Sie streichelt sanft die blonden Haare Klein⸗Gretchens, das grad' aufgewacht, Vom Schluchzen war die Tochter munter, Sie richt' sich auf und hat gefragt: „Weißt Du Mutter, was ich träumte d Ich hab' ins Suchthaus'neingeseh'n. Da sah ich unsern lieben Vater Mit Andern so im Nof'rumgeh'n. Er durfte mich nicht einmal grüßen, Ward scharf bewacht zu jeder Seit, Nur Thränen sah ich'runterfließen Auf sein gestreiftes Suchthauskleid. Das Kopfhaar war ihm abgeschoren, Der Schnurrbart war ihm abrasiert. O, Mutter, wär ich nie geboren, Erzähle mir, was uns passiert; Ist unser Vater denn ein Mörder, Hat schwer Verbrechen er verübt, Sich gegen Sittlichkeit vergangen, Er, den so innig ich geliebt?“ „G nein, mein Kind“, begann die Mutter, „Dein Vater ist ein braver Mann, Er war nur grad' einmal betrunken Und ward zur Wut gereizt alsdann, Und wurde des Gesetzes Beute. Ach!! Wir sind im deutschen Reich! Und, geht es gegen Arbeitsleute, Nimmt man die schärfste Strafe gleich. Ganz anders ist's beim feinen Schuften, Der so en gros betrügen kann, Den läßt man ruhig sich verduften, Sur Bahn wie Doktor Ackermann. Die weist nicht aus Minister Völler, Ins Dänenland so feucht und kalt, Da kümmert sich kein Krimineller, Und auch kein strenger Staatsanwalt. Weißt Du, was ich da geträumt hab d Ich hab''nen Suchthäusling geseh'n, Den sah man nur in feinsten Kleidern, Ins Café ersten Ranges geh'n. Der brauchte keinen Hunger leiden, Trank mit zwei Damen Wein und Sekt; Der wußte nichts von Suchthausleiden: So Siner wird nicht eingesteckt.“ ——— 2—— e ddd——V—V—V————ʃʃʃʃ— Seite 10. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. richteten grossen Geschäftshause, ein . e —ů Mitte April eröffnen wir am hiesigen Platze, Marktstrasse No. 17, Ecke Rittergasse, in dem für diesen Zweck eigens er- grosses Sortiments-Geschäft für sämtliche Manufaktur-, Modewaren, Konfektion, Kurz-, Weiss, Wollwaren, Wäsche, Putz etc. etc. Verkauf zu konkurrenzlosen Preisen. Kaufhaus F. Leitzow& Co., Giessen. SSD Sees 1„ Für die Tübhahrsfaifon empfehle als besonders vorteil haft einen Herren-Anzug in 5 7 modernen Farben: Grün, grau, braun, schwarz und blau in garantiert reiner 9 5 und vorzüglich im Tragen A Mark 19.50. Dieselbe Qualität 50 8 5— j — 7— — — — — 3 — 1 85 — * D N Es ist Jedermann i gestattet, sich diese nzüge auch ohne Kaufzwang anzusehen.— uf Wunsch versende ich auch Muster. 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