= —— 2— L 1 ten Gießen, Sonntag, den 29 Oktober 1899. 6. Jah Repaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. f Mitteldeutsche 15. f Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, — 7 Naß. un und — —— Abonuementspreis: Bestellungen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus gelkefer t monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. die Expedition unter Kreuzbaud vierteljährlich 1 Mark. Achtung Vertrauensleute! Vorsicht bei der Aufstel⸗ lung von Wahlmännern! In einzelnen größeren Orten des Kreises Gießen⸗Land waren dies⸗ mal einzelne unserer Wahl⸗ männer nicht in die Wahl⸗ männer⸗Liste eingetragen, trotzdem sie bereits bei früheren Wahlen als Wahlmänner fungierten und teilweise über 200 Mk. Normal⸗ steuerkapital versteuerten! Sollten in einzelnen Orten die Genossen sich trotz unserer viel⸗ fachen Aufforderungen nicht über⸗ zeugt haben, ob die von ihnen be⸗ stimmten Wahlmänner auch in die Wahlmänner⸗Liste eingetragen sind, so können sie sich vielleicht noch nachträglich bei den Bürger⸗ meistern privatim erkundigen. Unter keinen Umständen stelle man Wahlmänner auf, von denen zweifelhaft ist, ob sie in der Wahlmännerliste stehen. Gegnerische Urteile. Wie bevorstehenden Landtagswahlen in Hessen finden auch jenseits der rot⸗weißen Grenzpfähle Beachtung. Das ist übrigens sehr erklärlich, haben doch erst wieder in jüngster Zeit die„Fälle“ Dettweiler, Schiller und Küchler 0„Ruhm“ unseres Landes weit hinaus ge⸗ ragen. Aber auch die Annahme der Fahrrad⸗ steuer und der Junggesellensteuer in der Zweiten Kammer trugen das ihre dazu bei, die Aufmerksamkeit des„Auslandes“ zu erwecken. Wenn dann außerdem die von den Anti⸗ semiten im hessischen Landtag produ⸗ zierten Dummheiten und Seiltänze⸗ reien in der gesammten deutschen Presse ge— wissenhaft verzeichnet wurden und die Heiterkeit ganz Deutschlands erregten, so ist es gewiß begreiflich, daß man jetzt auch außerhalb Hessens dem Ausfall der bevorstehenden Wahlen ge⸗ spannt entgegensieht. Unter den vielen Zeitungsartikeln, die sich mit den hessischen Wahlen beschäftigen, ist es namentlich einer, der allgemeine Beachtung ver⸗ dient. Wir meinen einen Aufsatz der national⸗ liberalen„Köln. Ztg.“, dessen Verfasser an⸗ scheinend mit den hessischen Verhältnissen sehr genau vertraut ist. Es werden die verschiedenen Parteien in Hessen gewürdigt und zwar— von einem nationalliberalen Blatt eine ganz un⸗ glaubliche Leistung— gerecht gewürdigt. Doch unsere Leser mögen selbst urteilen. In der„Köln. Ztg.“ heißt es: „Am 8. November finden die Wahlmänner⸗ wahlen für die Hälfte aller Abgeordneten der Zweiten Kammer, deren Wahlzeit(6 Jahre) abgelaufen ist, statt. Sie sind diesmal für die Geschicke des Landes noch wichtiger als sonst.. Da die Nationalliberalen lange Zeit die unbestrittene Herrschaft hatten, haben sie sich daran gewöhnt, moͤglichst jeden von ihnen seine eigenen Pfade gehen zu lassen. Sie haben dadurch die natürlich gebotene Fühlung mit der Regierung und diese mit ihnen verloren. Jeder Teil zeiht den andern der Schuld. Thatsache ist, daß in vielen Fragen Führer der nationalliberalen Partei die Regierung auffallend im Stiche ließen oder gar unklug und disciplinlos angriffen. Das Verhältnis zwischen beiden zeigt viel Aehnlichkeit mit dem zwischen der preußischen Regierung und den Konservativen. Es ist zu befürchten, daß jetzt die Nationalliberalen wiederum, wie bei den letzten Wahlen und Nachwahlen, geschwächt werden, wenn sie sich nicht zu energischer Sammlung und Agitation und zur Abstoßung einiger Elemente verstehen, die durch die Dauerreden den Mangel an Sachkennt⸗ nis und Würde ersetzen wollen und deshalb seit Jahren weite Kreise verstimmen. Eine Selbstbescheidung und Verjüngung thut hier dringend not. Sonst haben Sozialdemokraten und Antisemiten den Vorteil davon.— Die hessischen Sozialdemokraten im Landtag sind allerdings eine ganz besondere Erscheinung. Sie arbeiten nicht nur fleißig, ja am fleißigsten an der Erfüllung der parla⸗ mentarischen Aufgaben mit, sie spielen sogar oft die führende Rolle. An der Sachlichkeit mit der der sozialdemokratische Schlossermeister Ulrich aus Offenbach als Berichterstatter des Finanzausschusses z. B. die For⸗ derungen für Universitäten und Schulen prüft und sich dabei meist als den eifrigsten und regierungsfreundlichsten Förderer aller Kulturfortschritte erweist, könnte sich manches Mitglied der staatserhaltenden Parteien ein Beispiel nehmen. Unterstützt wird er durch seinen Ge⸗ nossen Dr. David, der, zwar mehr Doktrinär und Utopist, doch an allgemeiner Bildung viele Ageordnete weit übertrifft. Kein Wunder, daß mit diesen gemäßigten und deshalb gefähr⸗ licheren Sozialisten gerechnet werden muß. Ein Gegenstück zu den Sozialdemokraten bilden die Antisemiten und Bauernbündler, die eigentlich stets die erbittertsten Gegner der Regierung sind, unbelehrbar durch Gründe der Vernunft und Bildung, rauh polternd, unpraktisch und politisch ganz unfruchtbar, stets gekränkt, auch thöricht partikularistisch, vielfach verlacht...“ Mehr kann man von einem national⸗ liberalen Blatt füglich nicht verlangen! Seine eigenen Parteigenossen klagt es an der Unklugheit, Disziplinlosigkeit und Würde⸗ losigkeit! Uebereinstimmend mit allen aicht antisemitischen Zeitungen konstatiert die„Köln. Ztg.“ die vollständige Unfähigkeit und Unbelehrbarkeit der Antisemiten. Und den Sozialdemokraten stellt die„Köln. Ztg.“, die für Ausnahmegesetze, Zuchthaus vorlage, Wahlrechtsraub und ähnliche„schöne Dinge“ schwärmt, das Zeugnis aus, daß sie im hessischen Landtag die fleißigsten Ab⸗ geordneten waren. Sie erklärte, daß die Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postaustalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% ,ͤ bei 6mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt a infolge ihrer Sachlichkeit und reichen Kenntnisse oft die Füh⸗ rung hatten! Zu unserer größten Freude druckt auch das Gießener Amtsblatt den Artikel der „Köln. Ztg.“ ab und erklärt dazu aus innerster, unerschütterlicher Ueberzeugung: „Der Artikel enthält sehr viel Richtiges. Am richtigsten wäre wohl die Behauptung, daß der Nationalliberalismus nicht nur die Fühlung mit der Regierung, sondern auch mit dem Volke vollständig verloren hat. Er wird sie nicht wiedergewinnen— dafür sorgen seine parlamentarischen Thaten....“ Bravo! Das ist tapfer gehandelt vom „Gieß. Anz.“ Schade nur, daß er ebensowenig wie die„Köln. Ztg.“ auch die nötige Nutz⸗ anwendung aus der gewonnenen Erkenntnis zteht und frei heraus erklärt: „Wer wird ein solcher Esel sein, noch kenntnis⸗ und würdelose nationalliberale Dauerredner zu wählen?“ „Wer ist dumm genug, noch für den allen Vernunftsgründen unzugänglichen, unfrucht⸗ baren und verlachten Antisemitismus zu stimmen?“ „Wer den in der„Köln. Ztg.“ veröffent⸗ lichten und im Gießener Amtsblatt zustim⸗ mend abgedruckten Artikel gelesen und ver⸗ standen hat, also jeder vernünftige Mensch: muß sozialdemokratisch wählen! Mehr Kriegsschiffe! * Der Kaiser hat in Hamburg eine Schiffs⸗ tanfe vollzogen und dabei eine Rede gehalten. Inhalt: Das deutsche Volk soll sich nicht in so viel Parteien zersplittern, sich vielmehr daran gewöhnen, mehr Opfer zu bringen, damit mehr Schiffe gebaut werden könnten, die not⸗ wendig wären, die deutschen Interessen zu schützen u. s. w. Fast alle Blätter stimmen darin überein, daß dieser Rede wahrscheinlich eine neue Marine⸗ vorlage folgen werde. Dagegen heißt es schon jetzt Front machen. Denn erst im vorigen Jahre wurden vom Reichstage fast 1000 Mil- lionen Märk bewilligt, die in den ersten 6 Jahren für neue Kriegsschiffe verausgabt werden sollen. Und nun stehen schon wieder neue Opfer in Aussicht, nachdem von den 6 Jahren kaum eins in's Land gegangen ist? Kann das arbeitende Volk, dem die neuen Opfer stets in Form indirekter Steuern aufgebürdet werden, noch mehr aufbringen, als es seither schon aufgebracht hat? Ungeheuerlich sind die Summen, die wir für den Militarismus zu Wasser und zu Land aufbringen müssen. Und ständig wachsen die Opfer, ständig wird das Tempo des Wachs⸗ tums schneller. Wo soll das hinaus? In den ketten acht Jarre; Regierungszeit Kaiser Wilhelms 1 sind— nach einer Zusammenstellung der„Freis. Ztg.“ — an laufenden und einmaligen Ausgaben für Armee und Marine A111 Millionen Mark . Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 41. ausgegeben worden. In den ersten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. betrugen die Ausgaben 5926 Millionen Mark, waren also um 1812 Millionen Mark höher, als in den letzten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms JI. Wesentlich infolge der Militär und Marineausgaben ist die Reichsschuld um 1400 Millionen Mark gewachsen. Die Reichsschuld hat sich seit dem Tode Kaiser Wilhelms J bis 1897 verdrei⸗ facht; sie betrug damals 721 Millionen Mark und belief sich schon am 1. April 1897 auf 2142 Millionen Mark. Dabei ist die Be⸗ lastung mit Reichssteuern, welche sich im Jahre 1888/89 auf nur 507 Millionen Mark beliefen, in den ersten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., also bis 1896, auf 790 Millionen Mark jährlich angewachsen, und sie würde noch um 100 Millionen Mark stärker angewachsen sein, wenn nicht der Reichstag 1892, 1893 und 1894 ein ganzes Bündel neuer Steuergesetze abgelehnt hätte. Diese gewaltigen Opfer, die gerade durch den Druck des indirekten Steuersystems die Armen und Aermsten über ihre Kräfte belasten, sind jedoch noch nichts gegen das, was die Flottenenthusiasten verlangen. So fordert Herr v. Wenckstern, Privatdozent der Berliner Universität, in seiner kürzlich erschienenen Schrift nicht weniger als eine Schlachtflotte von 57 Linienschiffen, 15 großen und 36 kleinen Kreuzern. Die einmaligen Kosten hierfür berechnet er auf rund 1700 Millienen Mark, das Jahresbudget nach Fertigstellung dieser Flotte auf 212 Millionen Mark. Unter solchen Opfern würde das deutsche Volk zusammenbrechen und dann ist es mit unserer Weltmachtstellung überhaupt aus. Wohl soll, wie der Vorwärts am Schlusse eines Artikels sagt, das deutsche Volk Welt⸗ politik treiben, aber nicht jene der Weltrüstungen zu Lande und zu Wasser, jene Eroberungs⸗ politik, die überall auf dem Erdball Länder⸗ fetzen sammelt. Die weltpolitische Aufgabe, die unserem Volke von der Geschichte und durch seine besondere Geistesart gestellt ist, ist nicht in fernen Meeren zu lösen, sondern hier in der Heimat, wo es gilt, mit anderen Nationen zu wetteifern in den Werken der Kultur, ihnen voranzueilen im Wettkampf um die materielle Hebung und geistige Er⸗ höhung des eigenen Volkes und der Menschheit. Politische Rundschau. Gießen, den 27. Oktober. Ein Sohn des Volkes drei Jahre lebendig begraben. Unser Genosse Albert Schmidt, Reichs⸗ tagsabgeordneter für Calbe⸗Aschersteben, ist bekanntlich als Redakteur der Magdeburger Volksstimme, wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch den Nachdruck einer Fabel, zu drei Jahren Gefängnis und zum Verluste seines Reichstagsmandates verurteilt worden. Am Donnerstag voriger Woche ist ihm das schriftlich ausgefertigte Urteil zuge⸗ gangen. Aus dem Urteile ergiebt sich, daß der als „Mitthäter“ angeklagte Schmidt auf Grund der Beweisaufnahme verurteilt worden ist als Thäter. Es ist ferner darin dargelegt, daß gegen den als„Thäte“ unschuldig— zu 4 Jahren Gefängnis!!— verurteilten zweiten Redakteur Müller z var der Verdach bestehe, daß er Beihilfe zu dem Vergehen geleistet habe, aber ein Beweis dafür nicht eebracht worden sei. Damit ist die Handhabe zur Betreibung des Wieder aufnahne verfahrens für den inhaftierten Gen sse Näller gegeben, der bereits, nach der Vir veefun; se ner Reviston, zwei Monate sein er Strafe vervüzt hat; sein Rechtsanwalt wird die E öffnung des Ver— fahrens ungesäumt be intcagen. Damit dies ohne jeden Aufs hub geschehe und Müller endlich sen Recht werde, har Ge⸗ nosse Albert Schmidt, der sich, um den Unschul⸗ digen aus dem Kerker zu erlösen, selber ange⸗ geben hat, die Revision gegen das Urteil des Landgerichts zurückgezogen und dadurch die Rechtskräftigkeit der über ihn verhängten Strafe herbeigeführt. Albert Schmidt verzichtet auf das letzte Rechtsmittel und stellt sich, der deut⸗ schen Justiz zur Strafvollstreckung. Ein Sohn des Volkes drei Jahre lebendig begraben, weil er einen Aus⸗ schnitt aus einer ausländischen Zeitung anstatt ihn in seine Sammelmappe zu thun, iertüm⸗ licherweise in die Druckerei gab! In das Gefängnis begleiten unseren Braven der ein Weib und vier Kinder in deutscher „Freiheit“ zurückläßt, die aufrichtigen Shmpathien und die hohe Achtung der deutschen Arbeiter⸗ schaft, die ihre Kämpfer nicht vergißt. Die drei langen, schweren Gefängnisjahre wird er unver⸗ zagt und festen Sinnes tragen, sicher der Soli⸗ darität und des Respekts der Partei. Eine würdige, schöne Aufgabe haben die Ar⸗ beiter des Reichtagswahlkreises Calbe⸗Aschers⸗ zu erfüllen, und wir sind überzeugt, daß sie auf die Kassierung des Urteils⸗ satze s, der die Mandatskassierung ausspricht, durch die Wiederwahl ihres Ver⸗ trauensmannes wuchtig antworten werden. Die Arbeiter mögen aus diesem neuen furcht⸗ baren Urteil, das neben dem über die Löbtauer Bauhandwerker gefällten, ein würdiges Denk⸗ mal deutscher Rechtsverhältnisse am Ausgang des 19. Jahrhunderts ist, die nötigen Lehren ziehen. Mögen sie dafür sorgen, daß im mer mehr Sozialdemokraten in die Parlamente ein⸗ ziehen, um besser e Gescetze schaffen zu können. Im Reichstag wird der erste wuchtige Vorstoß unserer Genossen sich richten gegen den Majestätsbeleidigungsparagraphen! Nachschrift. Eine neue Meldung aus Magde— burg besagt, daß die Staatsanwaltschaft selbst das Wiederaufnahmeverfahren gegen Müller beantragt und daß der unschuldig verurteilte Müller wahr— scheinlich in den nächsten Tagen auf freien Fuß gesetzt würde. Dann hätte also Schmidts Opfer auch Erfolg. Die„Harmlosen“ freigesprochen. Drei Wochen lang ist in Berlin gegen eine nur aus Adeligen bestehende Spielergesell⸗ schaft verhandelt worden. Die jungen Herrchen — von Schacht meyer, von Kayser, von Kröcher— haben Riesensummen verspielt und gewonnen, ein arbeitsloses Leben geführt, mit Weibern und Cha mpagnertrinken ihre Zeit tolgeschlagen. Der Staatsanwalt Isenbiel sagte in seiner Rede, in der er Strafen von mehreren Monaten für jeden der Angeklagten beantragte, u. a.: „Die Angeklagten waren leidenschaftliche Spieler, ihre Gwinnsucht war das bestimmte Motiv zu ihrem Glücksspiel. Die Angeklagten haben„aus Berechnung“ gespielt und das deutet auch auf gewerbsmäßiges Glücksspiel hin. Keiner der Ange⸗ klagten hat im bürgerlichen Leben auch nur einen Groschen redlich verdienen können, keiner hat die köstliche Wahrheit des Spruches:„Im Schweiße deines Ange⸗ sichts sollst du dein Brod essen“ an sich er⸗ probt. Der Klub der„Harmlosen ist ledig⸗ lich zu Spielzwecken begründet worden und stellte lediglich eine Spielbank dar, durch die sich die erwerbs⸗ und vermögenslosen Ange⸗ klagten bereichern wollten Den Angeklagten standen die tüchtigsten Verteidiger zur Seite. Die jungen adeligen Herrchen wurden freigesprochen und die ungeheuerlich hohen Kosten des Verfahrens der Staatskasse aufgebürdert. Maschinengewehre. Es ist eine Erfahrung, daß die militärischen Rüstungen nie aufhören. Hat man erst ein neues Gewehr mit teurem Geld bezahlt, so kommt eine neue Kanone und der Kanone folgt auch gleich wieder das allerneueste Gewehr.... Inzwischen werden auch noch Panzerschiffe gebaut und Torpedo— boote. Die für die neuen Kriegsscheffe bewilligte Milliarde ist noch nicht verbraucht, aber schon langt es nicht mehr, wie das soeben aller Welt geoffeubart wurde. Und auch die Bewilligungen für die Schnellfeuergeschütze find noch nicht alle, indes in der offiziösen Presse bereits mit Hochdruck Stimmung gemacht wird für das allerneuste auf dem Gebiete der Waffentechnik, für Maschinen⸗ gewehre! Das Ding ist eigentlich nicht neu, es ist das seit Jahren besprochene Maximsche Geschütz. Aber während man früher in Militärkreisen diesem sehr mißtrauisch gegenüberstand, hat sich jetzt eine fast vollständige Wandlung der Meinungen voll⸗ zozen. Es haben besonders die Engländer sehr gute Erfahrungen mit dieser Feuerwaffe gemacht, die sie auch jetzt in ihrem Feldzug gegen die Buren anwenden. Die Schweiz hat schon längst ganze Kompagnien mit Maschienengewehren aus⸗ gerüstet. Und nunmehr wird bekannt, daß während der letzten Kaiser-Manöver in Deutschland an einzelne Jägerbataillone Maximsche Maschinenge⸗ wehre zugeteilt wurden. Ein Druck mit dem Daumen genügt, um ein solches Maschinengewehr in Thätigkeit zu setzen. Dann schießzt es von selst, solauge der ihm beigegebene Patronenvor⸗ rat ausreicht.„So kann man in einer Minute 600 Schuß in gezieltem Feuer abgeben,“ heißt es in den offiziösen Berichten. Um der Erhitzung des Gewehrlaufs vorzubeugen, steckt dieser in einem mit Wasser angefüllten Mantelrohr. Das Ding sieht von außen geschützartig aus. Es wird von einem Pferd leicht gezogen. Man kann auch langsamer feuern, so etwa 60 Schuß in der Minute! Die Kölnische Zeitung schließt ihren Bericht über das Gewehr mit folgenden Worten:„Es kann da⸗ her keinem Zweifel unterliegen, daß die Landes- heere aller militärischen Großmächte in kurzer Zeit dazu übergehen werden, sich mit dieser Waffe zu versehen; denn wenn erst eine Großmacht zur Einführung des Maschinengewehrs geschritten ist, müssen die audern folgen.“ Schöne Aussichten! Kein anderes Mittel giebt es, den Militaris⸗ mus zu beseitigen, als die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse. Unser Parteitag. Ueber die Verhandlung unseres Parteitages schreibt die Berlepsch'sche„Soziale Praxis“ „Die Debatten selbst wurden im Großen und Ganzen mit einer Lebhaftigkeit und Kraft, einer Sicherheit und Gewandheit geführt, die man nicht ohne Bewunderung lassen kann; man fragt sich unwillkürlich, welche andere Partei in Deutschland ist gegenwärtig zu einer solchen Verhandlung über ihre Grundsätze, Taktik und Ziele befähigt, wie sie hier in Hannover mit einem stattlichen Aufwand von phyfischer und geistiger Energie ge— führt worden ist?“— Die katholische„Köln. Volksztg.“ schreibt: „Trotz der scharfen und sich verschärfenden Gegen? sätze aber, welche der Hannoversche Parteitag in der Sozialdemokratie hat hervortreten lassen, soll man sich hüten, diese Kundgebung zu unterschätzen. Es fehlt ihr auch nicht an imponirenden Zügen, an Eigenschaften, welche jede andere Parteikundgebung sich zum Muster nehmen könnte: die Ausdauer bei den langen Verhand- lungen und die lebendige Anteilnahme an den— selben, die rückhaltlose Offenheit in der Vertretung der verschiedenen Standpunkte und das schließlich entschlossene Bekenntniß zur Sozialdemo— kratie, wenn auch die Meinungen, wie die Ziele der Partei zu erreichen sein, vielfach weit, sehr weit auseinandergehen. Die Sozialdemokrati per⸗ fügt trotz der inneren Zwistigkeiten über ein Gros begeisterter und opferwilligen Anhänger, mit denen alle anderen Parteien zu rechnen haben.“ Man darf nicht vergessen, daß das erbitterte Gegner der Sozialdemokratie geschrieben haben. Eine Reichstagsaaflösang kündigte der wegen der Kanalabstim ung zur Disposttion gestellte Regierungs Prästdent v. Jigow in einer Versammlung in e an. Die Aussichten im Reichstag seien zie nli trübe.„Wahrscheinlich werden wir im nächsten Frühjahr wählen müssen zu einem neuen Reichs⸗ taze, vielleicht auf Grund der Zuchthausvorlage, velleicht auch auf Grund der Militärvorlage, bestimmtes lasse sich darüber noch nicht sagen.“ denn im Ke in den Solch Scharf sollen die von Nut , handlung Eine vo pellation N gierun Gesetz berhäl Uuse zausten Regiern gierung hausvor. Auch d ummer Ursache gahmege Ni das ist macher. die Nat Ag. B. absicht. berdächt hort vo aummen dung z Denen der Nat wird bo en e ick 8 er mn le l r t, ie st 8 d an e⸗ m N r⸗ ißt U a8 ird 0 her da⸗ es⸗ zer fe zur it, n ell ————————ĩ Nr. 44. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 8. — Uns sollte eine Reichstagsauflösung sehr willkommen sein. die Zuchthaus vorlage läßt sich für uns Eine bessere Wahlparole als nicht denken. Also nur zu, wenn's beliebt! Bevorstehende Reichstagsnenuwahl. Vom Reichstagsbureau hat der bisherige Reichstagsabg. des 9. badischen Wahlkreises (Pforzheim), der Parteigenosse Agster die Zustellung erhalten, daß sein Mandat erloschen ist. Die Neuwahl wird wahrscheinlich noch in diesem Jahre stattfinden. Agster ist im vorigen Jahre mit 13754 gegen 10 567 Stimmen ge⸗ wählt worden, die auf den früheren nat. lib. Abgeordneten Frank fielen. Bekanntlch ist Agster geisteskrank ge⸗ worden, was indessen den Verlust des Mandats nicht nach sich gezogen hätte. Da er aber auch infolge seiner Krankheit in Konkurs geriet, ging er seines Mandats verlustig. Der erste Hecht. Die nationalliberale„Kölnische Zeitung“ läßt sich aus Oldenburg schreiben: „Bei den im ganzen Herzogtum vollzogenen Landtagswahlen ist nun zum ersten⸗ male ein Sozialdemokrat, Buchdruckereibesitzer Paul Hug in Bant, als Abgeordneter gewählt worden. Das ist nun kein großes Unglück, denn Paul Hug wird die Rolle des Hechts— im Karpfenteich spielen und etwas Leben in den oldenburgischen Landtag bringen.“ Solche Rede ist man von dem rheinischen Scharfmacherblatt zu hören nicht gewohnt. Warum sollen die Hechte nur im oldenburgischen Landtag von Nutzen sein?— Die Zuchthausvorlage. In der bayrischen Kammer haben die Ver— handlungen über die Zuchthausvorlage stattgefunden. Eine von unseren Genossen eingebrachte Inter— pellation hatte folgenden Wortlaut: Aus welchen Gründen hat die Staats-Re— gierung im Bundesrat dem„Entwurfe eines Gesetzes zum Schutz des gewerblichen Arbeits— verhältnisses“ ihre Zustimmung erteilt? Unsere Genossen Oertel und Segitz zer— zausten die Zuchthausvorlage, daß der baherischen Regierung Angst und Bauge wurde. Die Re— gierung wollte glauben machen, daß die Zucht— hausvorlage das Koalitionsrecht unangetastet lasse. Auch diese Verhandlungen in der baherischen Kammer ließen erkennen, daß die Arbeiter alle Ursache haben, unermüdlich gegen das neue Aus— nahmegesetz Front zu machen. Nieder mit den Bassermännern! das ist die Parole der nationalliberalen Scharf— macher. Die„Hamb. Nachr.“ fordern, daß sich die Nationalliberale Partei aufs Schleunigste des Abg. Bassermann als Führer entledigt, der der „absichtlichen Begünstigung der Sozialdemokratie verdächtig“ erscheint. Die„Berl. Börsenztg.“ hört von zuständiger Seite, daß beim Wiederzu— sammentritt des Reichstags sich die reinliche Schei— dung zwischen den Anhängern Bassermanns und Denjenigen, welche den bisherigen Grundprinzipien der Nationalliberalen treu bleiben wollen, alsbald wird vollziehen müssen. Bassermann werde einige Wenige mit sich„in die Wildheit“ hinüberziehen und später würden seine Wähler das euntscheidende Wort sprechen müssen. Die Ausbeuter wollen den Trumpf behalten in der Fraktion Drehscheibe. Schutz vor Schutzleuten. Die Thorner Strafkammer verurteilte am 17. Oktober den Polizeiserganten Paul Pache von Thorn wegen Körperverletzung im Amte zu einem Monat Gefängnis. Derselbe hat einen Arrestanten in der Wachstube so gestoßen, daß dieser auf eine Bank fiel, und am Halse ge⸗ soß. so daß Blut aus dem Munde * Schlimme Klagelieder. In der„Antisemit. Korrespondenz“ vom 12. Oktober wird bitter darüber geklagt, daß der Jugend das Interesse am Antisemitismus abhanden gekommen ist.— Nicht nur der Jugend, sondern auch den Erwachsenen, hätte die„Antis. Korresp.“ schreiben sollen. All⸗ mählich kommen nämlich auch die Rückständigsten hinter den antisemitischen Schwindel und wenden sich von einer Partei ab, deren Agtltation sich auf Lug und Trug aufbaut. Vom Kasernenhof. Zur Behandlung der Lehrer, die beim bayerischen Leibregiment eingezogen waren, wird der„Neuen Bayer. Ztg.“ geschrieben:„Es eht doch absolut nicht an, einer Kompagnie von auter gebildeten Männern solche rohe Aus⸗ drücke ins Gesicht zu schleudern, wie„Du Saukopf, Du elender Bauernkerle, verkommene Gesellschaft, degenerirte Bande“ u. s. w., welch letzere Kosenamen wiederholt seitens des kommandirenden adeligen Leutnants gebraucht wurden. Wir wollen vor⸗ erst noch schweigen von den greulichen Gottes⸗ lästerungen, vor deren Veröffentlichung sich die Feder sträubt, können aber verraten, daß die Sache anderswo zum öffentlichen Austrag kommen wird. Angesichts solcher betrübender Thatsachen wird es wieder aufs Neue erklärlich, daß unsere jungen Leute vielfach so ver⸗ roht an Geist und Herz die Kasernen verlassen und dann draußen auf dem Lande oft großen Schaden anstiften...“ Krleg in Südafrika. Zwischen Engländern und Buren ist es bereits zu recht blutigen Gefechten gekommen. Zahlreiche Tote und Verwundete hat es auf beiden Seiten gegeben. Die Telegramme der Engländer melden natürlich Sieg auf Sieg. Doch muß man alle diese Depeschen mit größter Vorsicht aufnehmen. Es wird nie mehr„gelogen wie telegraphiert“, als in Kriegszeiten. Vorsicht!! Das Blatt des Herrn Hirschel ist in den letzten Nummern so auffallend zahm, im Gegen— satz zu den vorausgegangenen Schimpfnummern, daß mit Sicherheit anzunehmen ist— es herrscht die Stille vor dem Sturm!!! Wie bei früheren Wahlkämpfen so wird auch diesmal in den letzten Tagen vor der Wahl, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, rechtzeitig antworten zu kön⸗ nen, das ganze autisemitische Sehimpf und Verleumdungs⸗RNe⸗ gister im Arizona⸗Kicker und in Flugblättern gezogen werden. Wir machen schon jetzt auf die kommenden Lügen⸗ u. Schimpf⸗ bomben der Antisemiten auf⸗ merksam. Möge jede neue Lüge, jede Verleumdung von jener Seite unsere Genossen zu neuer unermüd— licher Thätigkeit anspornen! FFC C—T—P——V—V—V—V——————————— Pon Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen Die Chre unserer Sache gebietet natürlich. Sewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— 2 Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Freie Lehrmittel in den Volksschulen. * Von gut unterrichteter Seite schreibt man uns unter Bezugnahme auf unsere Nottz in voriger Nummer betr. die Lieferung freier Lehrmittel an Volksschüler, das folgende: Die in der Sitzung der Stadtverordneten von dem Herrn Oberbürgermeister gegebenen statistischen Nachweise über die Einkommenverhält⸗ nisse der hiesigen Bevölkerung sind so inter⸗ essant, daß wir sie ziemlich ausführlich bekannt geben wollen. Es besuchten im Frühjahr 1899 die Volksschule 1879 Kinder. Dieselben ver⸗ teilten sich auf 1096 Familien. Die Ein⸗ kommenverhältnisse der Eltern dieser Volks⸗ schüler gestalten sich folgendermaßen: 134 Familien hatten unter 300 Mk. Einkommen, 2 Familien bis zu 300 Mk., 10 bis zu 400 Mk., 6 bis zu 500 Mk., 133 bis zu 600 Mk., 203 bis zu 750 Mk., 144 bis zu 900 Mk., 106 bis zu 1180 Mk., 97 bis zu 1300 Mk., 88 bis zu 1500 Mk., 58 bis zu 1700 Mk., 26 bis zu 2000 Mk., 19 bis zu 2300 Mk., 27 bis zu 2600 Mk., 17 über 2600 Mk. Ein⸗ kommen. Diese Ziffern bedürfen keiner weiteren Er⸗ läuterung. Kein Mensch wird nach Durchsicht derselben bestreiten wollen, daß Hunderte Gießener Familien, die ihre Kinder in die Volksschulen schicken, ein Leben von Not und Elend durchkosten müssen. So erfreulich nun der Beschluß der Stadt- 5 00 ist, denjenigen Kindern, deren Eltern bis zu 900 Mk. Einkommen haben, auf An⸗ suchen freie Lehrmittel zu gewähren, so halten wir es nach wie vor für richtiger, der Auf⸗ hebung des Schulgeldes auch die freie Lieferung der Lehrmittel für alle Volks⸗ schüler folgen zu lassen; wer auf diesem Ge⸗ biete Assagt, muß auch B sagen. Gerade in der beschlossenen Form, daß nur auf An⸗ suchen freie Lieferung erfolgt, hätte es er⸗ möglicht werden können, bereits jetzt ohne große Geldopfer die Wohlthat allen Steuerklassen zu⸗ gängig zu machen. Wenn bis jetzt bei nahezu 500 Familien mit Einkommen unter 600 Mk. nur 87 um freie Lieferung der Lehrmittel nach⸗ suchten, so glauben wir annehmen zu dürfen, daß Leute aus besser gestellten bürgerlichen Kreisen nur in Fällen der Not Anspruch auf Gratis⸗Lieferung gestellt hätten, gleich dem Vor⸗ bilde der Aermsten. Wir begreifen nicht, wie 3. B. Herr Haubach annehmen kann, daß Leute, die 1500, 2000, 2600 Mk. u. s. w. Ein⸗ kommen haben, ohne Not um diese Wohlthat anhalten sollten; so niedrig schätzen wir das Bürgertum doch niz t ein. Uebrigens bezahlen wir für die die höheren Lehranstalten besuchenden Schüler, die nicht einmal ausnahms⸗ los Kinder Gießener Steuerzahler sind, jährlich so hohe Zuschüsse, daß es kein Unglück wäre, wenn auch den bessergestellten Eltern der Volksschüler Erleichterungen geschaffen würden. Hat man schon je bei„höheren“ Schülern den Zuschuß des Staates und der Stadt von der finanziellen Lage des Vaters abhängig gemacht? Warum also das Messen mit zweierlei Maß? Sein oder Nichtsein? * Verzweifelte Anstrengungen machen die Antisemiten, um bei der bevorstehenden Land⸗ tagswahl das Mandat für Gießen-Land zu be⸗ haupten. Wir nehmen ihnen das nicht übel, wissen wir doch, daß bei den Antisemiten das Klappern zum Handwerk gehört, ja daß bei ihrem traurigen Handwerk sogar das Klappern die Hauptsache ist. Aber geradezu lächerlich klingt es doch, wenn Herr Hirschel in seinem Schimpf⸗ und Denunzierblatt schreibt:„Es gilt Sein oder Nichsein des Bauernstandes!!!“ Also wenn der Sachsenhäuser Architekt Hirschel nicht in den Landtag kommt, um dort die nach der„Köln. Ztg.“ und dem„Gieß. Anz.“ sitzen⸗ den„unbelehrbaren“,„unpraktischen und politisch ganz unfruchtbaren“ Antisemiten um eine Null zu vermehren, dann geht der ganze Bauernstand flöten? Ach ne! Wir sind vielmehr überzeugt, daß der Bauernstand nichts besseres thun könnte, als sich die ganze antisemitische Sch ma⸗ rotzer⸗Gesellschaft so schnell als möglich vom Halse zu schaffen. Nicht für den Bauernstand, sondern für die Antisemiten hängt vom Ausgang der Landtagswahl Sein oder Nichtsein ab. Wird der Landtagssitz von der Sozialdemokratie erobert, dann sind die Antisemiten im Kreis Gießen für immer fertig! Es handelt sich also thatsächlich um ein Sein oder Nichtsein. Aber nicht um das Sein oder Nichtsein des Bauernstandes, sondern um:„Sein“ Nichtsein. Gewerbegerichtswahl in Gießen. * Bei der Wahl zum Gewerbegericht wurden die vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandi⸗ daten mit allen abgegebenen Stimmen(239) SSS ———— ——— e e neee eee e Seite 4. Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 44. 5 14 gewählt. Die Gegner stellten keine eigene Liste mehr auf. Ein heiteres und in seinem ferneren Verlauf gewiß interessantes Ergebnis zeigte die Wahl der Arbeitergeber⸗Beisttzer. Die vom Gewerbeverein aufgestellten 12 Kandidaten fanden— 13 Nähler. Da allgemein bekannt ist, ein wie geringes Interresse die Arbeitgeber der Gewerbegerichtswahl entgegenbringen, hatten am Wahltage einige Arbeiter eine Arbeit⸗ geberliste aufgestellt, für die zwölf gültige Stimmen abgegeben wurden. Mindestens 20 Wähler waren nicht in die Liste eingetragen, sonst hätte die Arbeitgeberliste der Arbeiter länzend gesiegt Da nun auf einigen Listen des Gewerbevereins je ein Rame gestrichen war, so sind nur acht Arbeitgeber ⸗Beisitzer mit je einer Stimme Mehrheit gewählt. Nun müssen die weiteren vier ausgelost werden. Ueber diese Auslosung ist aber das Wahlkomitee keineswegs einig. Der Vertreter der Stadt will diejenigen selbständigeu Unternehmer, die zur Zeit keinen Arbeiter beschäftigen, nicht als Arbeitgeber betrachten und hält sie infolgedessen auch nicht für qualifiziert zum Beisitzer des Ge⸗ werbegerichts. Wir halten diese Anschauung für gänzlich unhaltbar. Abgesehen davon, daß die Bezeich⸗ nung„Arbeitgeber“ eine ganz unzutreffende für den Unternehmer ist, darf man sich auch nicht an dieses Wort klammern. Es handelt stch bei den Gewerbegerichten um eine Institution, die in erster Linie berufen ist, in Streitfällen zwischen selbständigen Unternehmern (Geschäftsinhabern) und unselbständigen Arbeitern zu vermitteln. Ist nun ein Schuhmacher⸗ oder Schneidermeister, der in den Tagen der Gewerbegerichtswahl zufällig keinen Arbeiter beschäftigt, deshalb kein selbständiger Unternehmer mehr? Was ist er denn? Arbeiter im Sinne der Gewerbeordnung ist er doch auch nicht. Man wird schon in den sauren Apfel beißen und einige nicht vom Gewerbeverein empfohlenen Beisitzer acceptieren müssen. Wiesecker, paßt auf! * Von gewisser Seite will man Euch bei der Landtags wahl Knüppel zwischen die Beine werfen. Euren fünf Wahlmännern sollen fünf angeblich„liberale“ Wahlmänner gegen⸗ übergestellt werden. Da ein liberaler Kandidat gar nicht in Betracht kommt, charakteristert sich die ganze Mache als ein Wahlmanöver zu Gunsten der Antisemiten. Den Herren, die in Wieseck im Trüben zu fischen gedenken, müßt Ihr gründlich heimleuchten. Sie haben angenommen, daß Ihr Euch nur schwach an der Wahl beteiligen würdet, weil Ihr Euch des Sieges gewiß fühltet. Im Stillen sollten dann 70—80 Wähler an die Urne geschleppt werden für die fünf„liberalen“ Herrn und Ihr solltet dann am Abend des 8. November als die Lackierten dastehen. Wir sind früh genug hinter den feinen Plan gekommen, um Euch warnen zu können. Der Versuch, Euch zu überlisten, muß nun für Euch Veraulassung sein, alle Wahlberechtigten an die Urne zu bringen. Zeigt den uns und Euch wohl- bekannten Quertreibern am 8. November, wie klassenbewußte Arbeiter handeln. Das Vorkommnis in Wieseck möge auch in allen anderen Orten zur Warnung dienen. Der letzte Mann muß an die Urne! Es gilt am 8. November Antwort zu geben auf all die Niederträchtigkeiten der Gegner, Antwort zu geben den Wahlrechtsfeinden und Zuchthausfreunden! Wehrt Euch Eurer Haut, Ihr Arbeiter in Gießen⸗Land! Große und kleine Bauern. klp. Wiederum soll ein großes Fidei⸗ kommiß in Hessen„ergänzt“ werden. Der Fürst zu Isenburg und Büdingen in Budingen hat im Laufe der letzten Jahre in den Gemarkungen Büches, Büdingen, Hain-Gründau, Hengheim, Rinderbügen und Vonhausen eine Menge Grund— stücke aukaufen lassen. Die Veröffentlichung der Amtsgerichte Büdingen und Altenstadt in der „Darmstädter Zeitung“ vom 18. Oktober weist insgesammt 61 Nummern auf, die zusammen 47.591 Quadratmeter repräsentiren. Wie viele Aecker und Wiesen werden auf diese Weise dem kleineren Bauernstande für immer ent⸗ zogen! Wann wird es in Hessen Mittel und Wege geben, diese Fideikommißbildungen, die so recht geeignet sind den kleinen Mann von der Scholle zu treiben, ganz zu beseitigen? Eine erbäraliche Kampfesweise. * Wie weit die Unverschämtheit der Antisemiten geht, sei heute an einem recht drasti— schen Beispiel gezeigt. Bekanntlich hat Liebknecht in Klein-Linden vor einigen Wochen eine Ver— sammlung abgehalten. Es würde zu derselben dreimal im Gießener Amtsblatt, einmal in der M. S.⸗Z. uud außerdem noch durch Verbrei— tung und Anschlag von großen Plakaten einge— laden. Trotzdem sich das bei unserer Partei ganz von selbst versteht, wurde bei allen oben er— wähnten Ankündigungen ausdrücklich Redefrei— heit für Jedermann garantiert. Von den Autisemiten kam natürlich trotzdem Niemand, sie kennen ihre faule Position und weichen dem Gegner aus. Da ihnen aber das Lügen zur zweiten Natur geworden ist, so logen sie in dem Blatt, das Herr Hirschel verautwortlich zeichnet, jene Versammlung wäre nur einmal und zwar erst am 9. September im Gießener Wochenblatt an— gekündigt worden. Die tapferen Steifleinenen wollten damit bei ihren bedauernswerten Lesern den An— schein erwecken, als hätten wir die Versammlung so ungenügend und so spät angekündigt, daß sie, die antisemitischen Auskneifer, nicht nach Klein— Linden hätten kommen können, um uns gehörig den Marsch zu blasen In unserer Nr. 40 vom 1. Oktober bezeichneten wir die antisemitische Be— hauptung als Lüge und stellten fest, daß jene Versammlung, wie eingangs dieser Zeilen ange— geben, wiederholt in der denkbar besten Weise angekündigt worden sei. So was rührt natürlich einen Antisemiten, der für Teutsch⸗ tum und gegen„jüdische und sozzische“ Ver— logenheit kämpft, nicht. Frech behauptet das Hirschelblatt am 7. Oktober: „Wir halten unsere Behauptung aufrecht, daß die soz.-dem. Versammlung in Kleinlinden nicht dreimal, sondern nur einmal im „Gießener Anzeiger“... angekündigt wurde.“ Wir sind nichts anderes gewöhnt von jenem Lügenblatt, dessen einzelne Jahrgänge dereinst für den Knlturhistoriker eine wahre Fundgrube sein werden für das Kapitel: Politische Brunnen— vergiftung. Lediglich um uusern Lesern an einem recht drastischen Beispiel die Unverschämt— heit jener Gesellschaft zu zeigen, verzeichnen wir hier den Fall. Wir schickten übrigens der Re— daktion des Hirschelschen Blattes am Mittwoch jene drei Nummern des„Gieß. Anz.“ vom 95 9. und 10. September, die die Versammlungs— Ankündigungen enthielten, zu. Es würde uns aber keineswegs wundern, wenn das Antisemiten— blatt nunmehr behaupten würde, wir hätten über— haupt nicht inseriert. Und mit der Gesellschaft muß man sich herumschlagen. Zur Erinnerung! * Wir empfehlen unseren Parteigenossen, sich diejenigen Bürgermeister recht gut zu merken, die bei der jetzigen Wahl⸗ bewegung den Arbeitern entgegenarbeiten. Die Antwort auf bürgermeisterliche Quer⸗ treibereien mögen die Arbeiter dann bei der nächsten Bürgermeisterwahl geben. Gelinde Strafe. Nach zweitägiger Verhandlung wurde in Darmstadt der Landgerichtsdirektor i. P. Kü ch⸗ ler in fünf Fällen des Vergehens im Sinne des Artikels 9 der Verordnung über die Dis— ziplinarberhältaisse der richterlichen Beamten vom 31. Mai 1879 schuldig befunden und in eine Geidstrafe von insgesammt 350 Mk. und zur Tragung der Kosten zu, verurtheilt. , der Kosten fallen der Staatskasse zur Last. So billig ist der Redakteur der„Frankf. Ztg.“ nicht weggekommen. Er hat zwar erst das Verfahren gegen Küchler provoziert, sich dadurch sicherlich auch ein Verdienst erworben, aber er muß sechs Monate brummen, weil er hohe hessische Beamte beleidigt haben soll. Verkrachtes Antlsemiteublatt. „Die lange Liste der verkrachten Antisemiten⸗ blätter ist um eine weitere Nummer vermehrt worden. Der bisher in Cassel erschienene„Hes— sische Volksbote“, ein s. Z. vom Abg. Werner begründetes Blättchen, ist eingegaugen. Herr Liebermann von Sonnenberg- hat mit seiner Be— merkung vom„toten Punkt“, auf dem der Anti⸗ semitismus angelangt sei, Recht. Wenn in Cassel ein Antisemitenblatt verkracht, so zeugt das für den Niedergang des Antisemitismus mehr, als wenn im übrigen Deutschland ein ganzes Dutzend jener Schundblätter flöten geht. Cassel war eine Hochburg des Antisemitismus, dort gingen die Wogen am höchsten; in Cassel feierten Henrici und ähnliche Größen ihre Triumphe schon vor 20 Jahren. Und nun ist in Cassel schon das dritte Antisemitenblatt verkracht! Weitere anti— semitische Schimpf- und Lügenblätter in anderen Städten werden folgen. Verschiedene tragen schon deutlich die Spuren des Todeskampfes. Und mancher autisemitische Redakteur mag schmerz— bewegt, wie Hamlet der Dänenprinz, ausrufen: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!“ An den Handwerkern und Kleinbauern, die seither dem antisemitischen Hokuspokus Glauben geschenkt haben, liegt es, die richtige Antwort zu geben. Sie möge kurz und bündig dem Antisemismus gegenüber lauten:„Werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!“ Eiu Zlick in die Backstube. * Nun hatte auch Augsburg seinen Backstubenprozeß. Angeklagt waren der Bäcker⸗ meister Gottfried Oßwald in der Wertachvor⸗ stadt und dessen Sohn Joh. Oßwald. Die Anzeige enthielt die Beschuldigung, daß in der Oßwald schen Bäckerei außer den Teig⸗ resten aus dem Backtroge auch das beim Reinigen der Backbretter Abgekratzte in den Schwarzbrotteig gethan worden sei, desgleichen verunreinigte Teigreste aus der Teigteil⸗ maschine. Dlese Maschine habe mangels ge⸗ eigneter Bürsten nicht ordentlich gereinigt werden können, sie sei auch sehr abgenutzt und schließe nicht mehr gut, sodaß sich an den Rändern sehr starke Teichreste hätten festsetzen können, die dann dem Schwarzbrotteig auch beige— mengt worden seien, wenn sie von dem zum Schmieren verwendeten Oel, welches allerdings Speiseöl war, durchtränkt waren. Auch die beim Abschaben losgelösten Holzsplitter seien häufig mit in den Brotteich gekommen. Oß⸗ wald sen. ist wegen Unreinlichkeit in seinem Betrieb schon viermal vorbestraft. Der Amts⸗ anwalt beantragte gegen Oßwald jun. eine Woche Gefängnis. Das Gericht erkannte jedoch für den ersteren auf eine Geldstrafe von 100 M. event. 20 Tage Gefängnis(wegen Herstellung und Verkauf gesundheitsschädlicher Nahrungs- mittel) und für Oßwald jun. wegen Herstel⸗ lung gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel auf 40 M. Geldstrafe event. 10 Tage Gefängnis. Ein Schlaumeier. Zu Kirchenarbach-Obernheim(Pfalz) hat der Feldschütz Maulwurfsschwänze aus alten Filzhüten angefertigt und auf dem Bürgermeisteramte ab⸗ geliefert, um sich die ausgeschriebene Belohnung von 10 Pfg. für jeden getödeten Maulwurf zu verdienen. Im Ganzen hat er 1017 Schwänze angefertigt. Da die eingelieferten Schwänzchen immer mehr, der Schaden der Maulwürfe aber stets größer wurde, schöpfte man Verdacht und unterzog die Fabrikate einer genauen Prüfung, wo⸗ bei sich der Schwindel herausstellte. Der Schwänzelmacher entschuldigt die That mit dem Hinweis auf schlechte Bezahlung, die ihn zu einem Nebenverdienst zwang. Das Gericht wird ihn wegen Betrugs im Amte demnächst abhandeln. Wahlbewegung in Hessen. * Zum Wahlkommissär im 5. ober⸗ hessischen Landtags wahlbezirk(Gießen-Land) ist Herr Regterungsrat Dr. Wagner in Gießen bestimmt. * Wihlerversammlungen finden am Samstag, den 28. d. M. in Rödgen und Sonntag, den 29. Oktober in Watzenborn⸗ Steinberg und Leihgestern statt. Unsere Genossen mögen für guten Besuch agitieren. word tigte könne . * b fir „ lg ßend r eine ö n die eure! n vor U dag N anti⸗ deren schn Und fen: age!“ either chenkt geben. mus in die ellung ungz⸗ erstel auf gn. at del hüten te ab⸗ ahnung uuf 0 än 15 0 abt bt d 1 os ig/ 1 it del U eilen 5 il wude, . „ oheh 10 W Nr. AA. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 3. * Ein freisinniger Wahlaufruf ist jetzt auch erschienen. Er liest fich ganz nett. Wer die aufgeführten Forderungen, soweit sie wirklich gute sind, verwirklichen helfen will, der muß sozialdemokratisch wählen, denn eine freisinnige Partei— gab's einmal in Hessen. * Controllversammlungen finden am Wahltag, den 8. November, Vormittags 9 Uhr, für die Orte Allendorf a. d. Lda., Alten⸗ buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Da u— bringen mit Heibertshausen, Großen⸗ Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen m. Kirchberg Staufen⸗ berg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lumda“ Trohe und Wiefeck, in Lollar auf dem Bahnhof statt. Wir machen schon heute darauf aufmerksam, daß selbstverständlich jeder Wahlberechtigte, der an jener Controll⸗ versammlung teilnehmen muß, den u och wählen kann. Erfahrungsgemäß wird der Tag der Kontrollversammlung meist ein un⸗ freiwilliger Feiertag. Merkt's Euch also alle, die ihr nach Lollar zur Controllversamm⸗ lung müßt: Erst nach Lollar, dann heim zur Wahl! * Im Kreis Büdingen wird Land⸗— gerichtsrat Seeger in Gießen gegen den Anti⸗ semiten Bähr kandidieren. * Antisemitisch-nationalliberaler Kuddelmuddel. Regierungsrat() Noack hat nunmehr die Kandidatur im Landtags- wahlbezirk Darmstadt⸗Land angenommen, nachdem der ursprünglich von den National- liberalen aufgestellte Stadtverordnete Wittmann verzichtet hat. Der Herr Regierungsrat kandidiert für Nationalliberale und Anti⸗ semiten. Die letzteren empfehlen immer mit Recht, keine abhängigen Beamten zu wählen. Aber die Worte stimmen bei den Antisemiten nie mit den Thaten überein. Wie's trefft! abt machen die Sozialdemokraten in armstadt⸗Land durch die Kuddelmuddelei einen dicken Strich. Steuern zahlen! Von vielen Seiten ist bei uns angefragt worden, welche Steuern jeder Wahlberech— tigte bezahlt haben müßte, um wählen zu können. Darauf diene folgende Antwort: 1. Wer seine Staatssteuern bezahlt hat kann mit den Gemeindesteuern im Rück⸗ stand sein. 2. Wer aber gar keine Staatssteuern zu zahlen braucht, der muß bis zum Wahltag, seine Gemeindesteuern bezahlt haben. Wer kurz vor oder gar erst am 8. No⸗ vember seine Steuern zahlt, muß den Steuer⸗ zettel mit in's Wahllokal nehmen. 1———— mn Kleine Mitteilungen. 7 Heßlische Landes⸗Lotterie. Zum Direktor der demnächst in's Leben tretenden hessischen Landeslotterie ist der Direktor der kgl. sächsischen Lotterie in Leipzig, Finanz⸗ rat Dr. Götz, ernannt worden. a. Stadttheater in Gießen. Ein sehr erfolgreiches Gastspiel absolvierte der bekannte Schauspieler Carl Schönfeld hierselbst Er trat in drei seiner besten Rollen auf: als Duval(Madame Bonivard), Reif⸗Reiflingen (Krieg im Frieden) und Bolz(Jouralisten). — Die Direktion beweist durch das Heran⸗ be tüchtiger Gäste, daß sie eifrig bemüht ist, ortgesetzt Gutes zu bieten. In der Vorstellung es Theatervereins am Freitag soll Matkowsky, der vor mehreren Jahren hier rauschende Triumphe feierte, gastieren. * Vandalismus. In der Siegesallee in Berlin sind an mehreren der vom Kaiser der Stadt Berlin gestifteten Denkmäler an⸗ scheinend durch Stockhiebe Verstümmelungen vorgenommen worden. Das ist für das Agrarier⸗ blatt ein willkommener Anlaß, gegen die— Sozialdemokratie zu hetzen. Wir können nichts dringender wünschen, als daß die Thäter bald entdeckt werden. Zweifellos gehören dieselben jenen Kreisen an, aus denen sich die Korps— studenten und die„Harmlosen“ rekrutieren. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 28. Oktober: Gießener Wahlverein Abends 9 Uhr. Dienstag, den 31. Oktober: Kreis⸗Wahl⸗Verein. Vorstandssitzung Abends halb 9 Uhr bei Orbig. Samstag, 4. November: Wahlverein Lauterbach. Abends ½9 Uhr bei Gastwirt Wöllfinger. Vereinigte Gewerkschaften. Die für Sonntag, den 29. Oktober anberaumte Versammlung findet vor⸗ laufig nicht statt. Bitte! Wir ersuchen die Vertrauensleute, uns b bis spätestens Mittwoch, den 1. November mitzuteilen, wie in den einzelnen Orten die Wahlstunden für die Wahlmännerwahl am 8. November festgesetzt sind. In Wieseck und Rödgen, wo sich die Bürgermeister nur dazu verstehen wollen, bis 6 Uhr wählen zu lassen, mögen unsere Genossen noch einmal vorstellig werden. Jedenfalls ist das Opfer einer Stunde, das die Herren Bürgermeister zu er⸗ bringen hätten, weit geringfügiger, als das Opfer, das Hunderte Arbeiter an Zeit und Geld bringen müssen, wenn sie nur bis 6 Uhr wählen können, also mindestens eine oder zwei Stunden früher Feierabend machen müssen. Aus Marburg wird uns berichtet, daß in Aschaffenbung im 90. Lebensjahre unser Genosse Michael Müller gestorben ist. Müller hat fast sein ganzes Leben in Marburg, seiner Heimatstadt, zu⸗ gebracht. Erst vor wenigen Jahren ist er zu verhei⸗ rateten Kindern nach Aschaffenburg übergesiedelt. Der Verstorbene dürfte der älteste Sozialdemokrat gewesen sein. Von Jugend auf ein begeisterter Freiheitsfreund, war er in den 30er und 40er Jahren bereits Mitglied“ der„Lichtfreunde“ in Marburg. Unserer Partei gehörte er seit deren Begründung an. Allezeit opferwillig, be⸗ dauerte es der gute Alte seit Jahren, daß seine Beine streikten und daß es ihm deshalb versagt sei, sich aktiv irgendwie im Parteidienst zu bethätigen. Bis vor wenigen Jahren arbeitete der Alte an der Drehbank, mit der er schier verwachsen schien. Möge nach seinem langen und arbeitsreichen Leben Michael Müller nun in Frieden ruhen. Ein dauerndes Andenken ist ihm ge⸗ sichert. Zur Landtagswahl Gießener Landkreis. Die Wahlmännerwahl findet statt am Mittwoch, den S. November. Parteigenossen! Arbeiter! Macht schon jetzt die in Gießen arbeitenden Wahlberechtigten darauf aufmerksam, daß sie unter allen Umständen am Mittwoch, den S8. November eine oder mehrere Stun⸗ den feiern müssen, um in, ihrem Heimatsdorf an der Wahl der Wahlmänner teilnehmen zu können. Die Gegner werden alles aufbieten, um uns den Sieg noch einmal zu entreißen. Das darf und wird ihnen nicht gelingen, wenn die Arbeiter ihre Pflicht erfüllen und zur Wahlurne gehen. Parteigenossen! Jr werdet den antisemitischen Konfustonsräten, die ehrliche Ar— beiter Schlammbeißer nennen, die fortgesetzten Beschimpfungen heimzahlen. Wie die Oden— wälder Bauern 1898, so werdet ihr am 8. November 1899 dem Sachsenhäuser Schimpf— spezialisten Hirschel den Laufpaß geben, daß ihm das Wiederkommen ein für allemal ver— leidet wird. Eingesandt. Kinzenbach, 25. Oktober 1899. Laut Bekanntmachung soll am 4. November Nach⸗ mittags 4 Uhr, die Gemeinderatswahl hier statt⸗ finden. Zur Neuwahl stehen 2 Mandate für die 3. Klasse. Alle Arbeiter mögen daher ihre Pflicht thun. Zur Wahl ist jeder Einwohner berechtigt, der 1. ein Wohn⸗ haus besitzt, doer 2. von seinem Grund ver⸗ mögen samt Gebäudesteuer mindestens sechs Mark jährlich zu bezahlen hat, oder 3. wer Einkommensteuerpflichtig ist. Kommt zur Wahl und wählet Männer, die für das Wohl der geringen Leute eintreten, die auch ein Wort zu sprechen wagen und nicht nur mit dem Kopf nicken. Einer für Viele. Briefkasten der Redaktion. Romrod. Karte an Gen. Fourier weitergegeben. Lauterbach. Ich werde Ihnen die betreffende Nummer per Kreuzband senden. H. und andere. Vor Beendigung der Land⸗ tagswahl in Gießen⸗Land kann ich nicht nach auswärts kommen. Sch. Büdingen. Wir glauben Ihre Schilderung der Darmstädter Kasernenhofs⸗Scene Wort für Wort. Aber wenn Sie nicht mindestens noch ein halbes Dutzend Zeugen haben, dann wollen wir lieber die Finger davon lassen, alldieweil wir augenblicklich gerade zur Genüge 14 Prozessen versehen sind. Noch mehr wäre von Uebel. Letzte Nachrichten. Magdeburg, 25. Oktober. Genosse Müller, der unschuldig verurteilte, ist be⸗ reits aus dem Gefängnis entlassen worden; das Wiederaufnahmeverfahren wird nunmehr glatt von statten gehen. Genosse Albert Schmidt hat die Aufforderung erhalten, seine vierjährige Strafe am 30. Oktober in Gommern anzutreten. Marktbericht. Gießen, 21. Oktober.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 1.— bis 1.10 Mk., Hühnereier p. St. 7—8, 2 St. 14—15 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier p. St. 00 bis 00 Pfg., Käse 2 St. 5—8 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 18 Pfg., Linsen p. Ltr. 29 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.70— 0.80, Hühner per Stück Mk. 1.00— 1.20, Hahnen per Stück Mk. 0.60— 1.00, Enten per Stück Mk. 1.80— 2.00, Gänse per Pfund Mk. 0.48 0.58, Ochsenfleisch per Pfund 68— 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62—64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 66—74 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 78 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 64 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50—70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 4.00— 6.00, Weißkraut per St. 00— 00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 5.00— 6.00, Milch p. Liter 16 Pfg., Zwetschen per Ctr. 7.00— 9.00 M. Grünberg, 27. Okt. Am Markttage, 21. Oktbr. wurden auf dem hiesigen Frucht markte folgende Frucht⸗ arten ꝛc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 13 Doppel⸗Zentner(àa 100 kg) Weizen zu 15,66 M., 0 D.⸗Z. Korn zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z Gerste zu 00,00 Mark, 7 D.⸗Z. Hafer zu 13,22 Mark, 2 D.⸗Z. Erbsen zu 16,00 Mark, 2 D.⸗Z. Linsen zu 28,00 Mark, 00 D.⸗ Samen zu—.— Mark, 0 D.⸗Z. Kartoffeln zu 0.00 Mark. 1 4e8 85 Stadttheatef. Sonntag, den 29. Oktober 1899, Nachm. 4 Uhr: Kindervorstellung; Die Prinzessin von Marzipan. Abends 8 Uhr: Im weißen Rößl. Dienstag, den 31. Oktober 1899: Als ich wiederkam. Mittwoch, den 1. Novemher 1899: Der Hüttenbesitzer Freitag, den 3. November 1890: Ein Sommernachtstraum. r Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 1. Seite 6. * 2 e 2 — 1 Unterhaltungs⸗Teil. —̃ Ä— Du kennst es. Von Jo seph Hannich.* wenn Dich nie ein Leid betroffen, Wenn Du nie in trüben Stunden erben Kummer hast empfunden, Ach, dann kennst Du nicht das offen Jener Menschen, die da dulden Ohne eigenes Verschulden. Ja, dann weist Du nicht, das Wehe, Weißt nicht, wie so allgewaltig, . Schmerzensreich und vielgestaltig, In der Tief und in der Höhe Menschenelend zum Erbarmen Um sich greift mit weiten Armen. Wirst Du aber mitgezählet Su dem großen, armen Haufen, Mußt Du täglich selbst Dich raufen, Müd' gehetzt und abgequälet, Um den Bissen Brod, den kleinen, Für Dich selber und die Deinen, Alsdann kennst Du sie, die Thränen, Hennst das Mühen, kennst das Plagen, Hennst die Lehre vom Entsagen; Kennst auch das gewalt' ge Sehnen Nach dem Kommenden, dem Neuen, Das soll uns von Vot befreien. Wie ich tot war. Humoreske von Albert Roderich, Hamburg. Die nachfolgende Geschichte hat mir mein Freund Christoph Wimpelmann, der unter dem Pseudonym Heribert Orioso bekannte Roman⸗ schriftsteller, erzählt. Daß die Geschichte wahr ist, hat er mir bei dem Wohlergehen eines einer entfernten Verwandten geschworen, von em er eine Erbschaft von beinahe 800 Mark zu erwarten hat. Zweifel an der Wahrhaftig⸗ keit seiner Erzählung wären also geradezu be⸗ leidigend. Ich will seine Mitteilungen möglichst wortgetreu wiedergeben. Also: „Vor acht Tagen ging ich zu meinem Ver⸗ leger, um ihn zu bitten, mir einen Vorschuß auf die zweite Auflage meines neuesten Romans „Uebelriechende Blumen“ zu gewähren. Der Mann ward noch gröber, als er es schon ge— wöhnlich war. Ob ich denn just endlich voll⸗ ständig verrückt geworden sei? Noch keine hun⸗ dert Exemplare wären verkauft. Darauf drohte ich ihm mit Verhungern meinerseits. „Schön,“ sagte er,„seien Sie so freundlich. Dann gehen ihre Bücher vielleicht besser. Ueb⸗ rigens, Sie bringen mich auf eine Idee. Ster⸗ ben Sie doch wirklich mal— ich meine natür⸗ lich interimistisch— verstehen Sie?—“ „Ach,“ entgegnete ich,„das ist ja ein ganz alter Witz. Ich habe neulich erst von einem Maler gelesen, der sich hat tot sagen lassen, um seine Bilder im Preise zu steigern.“ „Ja,“ sagte mein Verleger,„Sie müssen dann auf eine ganz originelle und sensationelle Weise sterben, dann zieht es noch. Gehen Sie mal nach Hause und brüten Sie was aus.“ Ich ging nach Hause, brütete etwas aus und teilte es sofort meinem Verleger mit. „Na, sagte er,„die Sache ist so dumm, daß das Publikum es wohl glauben wird. Ich will mal 50 Mark dran wagen. Nun reisen Sie also möglichst weit weg nach so'n kleinem Nest und setzen sich da ganz ruhig und still hin. Die Geschichte von Ihrem jammervollen Tod werd ich schon in die Zeitungen lanzieren. Hier haben Sie 50 Mark Reisespesen und Vor⸗ schuß und nu los!“ Ich aß mich erst mal ordentlich satt für 90 Pfennig, kaufte mir einen wunderschönen ganz hellen Sommer⸗Anzug für 19 Mark und fuhr vierter Klasse nach Grevenhausen. Dieser Ort * Aus H. Bartel's„Nordböhmischen Klängen“. Verlag von Albin Langer, Chemnitz. liegt einsam und versteckt und hat im Winter 800 Einwohner, zur Zeit der Sommerfrische aber 850 bis 855. Ich gab mich im Gasthause „Zum Willkomm“ in Pension(3 Mark pro Tag, aber ohne Getränke) und schrieb mich ins Fremdenbuch ein als Christoph Wimpelmann, „Rentier“. Das hatte ich immer schon gern mal sein wollen. Außer mir wohnten noch ungefähr 29 Per⸗ sonen im„Willkomm“, und es war da sehr gemütlich und nett. Die ersten Tage saß ich zuerst mit an der Table d'hote. Mir zur Rechten saß eine junge Dame von ungefähr 30 Jahren. Sie hatte einen sehr großen Mund, aber es waren nur wenig Zähne darin. Sie ließ immer ihre Serviette hinfallen, die ich dann wieder aufhob. Beim fünften male fragte ich die junge Dame, ob es nicht richtiger wäre, wenn ich mich unter den Tisch setzte. Darauf stieß mich die zu meiner Linken sitzende Mutter der jungen Dame, Frau Müller, mit dem Ell⸗ bogen in die Seite und sagte zornig:„Herr, kompromittieren Sie meine Tochter nicht!“ Mir gegenüber saß ein sehr bunt gekleideter Herr mit einem wunderschönen Friseurladen⸗ schaufenstergesicht, der unaufhörlich von sich und seinen Reisen erzählte. Er sagte, er hätte bis jetzt 41000 Mark verreist, aber da set der Aufent⸗ halt in Grevenhausen nicht mit gerechnet. Beim Dessert zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und las nach einer kleinen Einleitung das Folgende laut vor: Entsetzlicher Tod aus Edelmut. Es geht uns die Trauerkunde zu, daß der berühmte Schriftsteller Heribert Orioso in einer Weise ums Leben gekommen ist, die seine zahl⸗ reichen Verehrer mit Grausen, aber auch mit Bewunderung erfüllen wird. Der große Roman⸗ cier befand sich auf einer kleinen Eisenbahnstation, deren Namen wir im Interesse der sofort ein⸗ geleiteten Untersuchung noch verschweigen wollen. Der berühmte Dichter spazierte in der bereits hereingebrochenen Dunkelheit des Abends auf dem Bahndamm, eine Zigarre rauchend und seinen Gedanken nachhängend. Da brauste aus der nächsten Biegung ein Schnellzug heran. Ein namenloser Schrecken überfiel Orioso. Er sah, daß der Zug das unrichtige Geleise befuhr und in wenigen Augenblicken die menschengefüllten Wagen zermalmen würde, die, zur Abfahrt be⸗ reit, im Bahnhof standen. Da sprang der edle Mann mitten auf den Damm, mit wenigen hastigen Zügen blies er das Feuer seine Zigarre hell an und schwang sie dann mit der Rechten im Kreise durch die Luft, so daß sie von Ferne wie ein sich schnell drehender Feuerring aussah. Der Führer des Schnellzuges bemerkte das Signal, bremste mit aller Kraft, und wenige Meter vor den menschengefüllten Wagen brachte er den Zug zum Stehen. Der gefeierte Schrift⸗ steller aber, der edle Menschenfreund, der Retter aus Todesnot, lag zermalmt, tot, gräß⸗ lich verstümmelt zwischen den Schienen des Bahndammes.——— Nachdem Herr Schnodde— so hieß der buntgekleidete Mann— seine Vorlesung beendet, gingen Ausrufe des Entsetzens, des Mitleids und des Schreckens durch die Gesellschaft. „Ach, meine Damen und Herren,“ sagte Herr Schnodde mit von Thränen erstickter Stimme, „Das ist doch zu schrecklich! Und die arme Familie des edlen, erhabenen Menschen! Ich kenne sie; eine kranke Frau und sechs Kinder und keinen Happen zum Essen! Da muß was geschehen!“ Herr Schnodde nahm einen Teller vom Tisch, sein Portemonnaie aus der Tasche und warf mit lautem Geklapper ein Zwanzigmark⸗ stück auf den Teller. „So, meine Damen und Herren, das gebe ich für die unglückliche Familie des großen Dichters, der sein kostbares Leben im Dienste der Menschheit geopfert hat. Nun will ich mal sehen, was Sie geben, meine Damen und Herren.“ Damit gab er den Teller seinem Nachbarn und der warf zehn Mark hinein. Und so ging der Teller von Hand zu Hand und kam natür⸗ lich auch zu mir. Es ist gewiß erklärlich, daß ich ein wenig zögerte. „Mein Herr,“ sagte ich zu meinem Gegen⸗ über,„wäre es nicht möglich, daß Sie sich in der Person des Hern Orioso irren? Ich glaube bestimmt und aus guter Quelle zu wissen, daß dieser Schriftsteller Junggeselle ist und niemals Frau und Kinder besessen hat.“ Da warf mir Herr Schnodde einen ver⸗ nichtenden Blick zu.„Mein Herr,“ sagte er, „Ihre gute Quelle kann mir leid thun. Ich kenne den Herrn Orioso und seine Familie per⸗ sönlich und habe die unglückliche Frau und die armen Kinder einigemale beinahe vom Hunger⸗ tode errettet. Herr Orioso war ja gewiß ein edler und erhabener Mensch, aber Sie wissen ja, wie die Dichter sind— die Hunderttausende, die er mit seinen Büchern verdient, hat er mit guten Freunden und schlechten Weibern ver⸗ praßt und seine arme Familie hat er in Not und Elend sitzen lassen.“ Da ward ich aber denn doch etwas ärgerlich und sagte:„Wenn der Herr Orioso so ein Lump gewesen ist, dann geb ich auch kein Geld für ihn her.“ „Zwingen können wir Sie dazu natürlich nicht,“ entgegnete so von oben herab Herr Schnodde,„aber ich meine, es ist nicht fein und nicht nobel, wenn man die arme Familie da⸗ runter leiden lassen will, daß der Mann ein Lump war.“ „Nein, fein und nobel ist es nicht,“ sagte einer vom anderen Ende des Tisches. „'ne gute Ausrede!“ rief ein anderer. „Na, so gut kann ich die Ausrede gerade nicht finden,“ sagte überlegen Herr Schnodde, „wollen Sie nicht wenigstens den Teller weiter⸗ geben, Herr Wimpelmann?“ Weil mich nun alle so geringschätzend und verächtlich ansahen, nahm ich mein dünnes Porte⸗ monnaie heraus und opferte von meiner geringen Barschaft ein Zehnmarkstück für meine mir un⸗ bekannte, unglückliche Witwe mit den elenden sechs Kindern. Als der Teller an Herrn Schnodde zurück⸗ kam, zählte dieser 125 Mark.„So,“ sagte er,„mit dem Gelde freue ich mich ordentlich. Das schicke ich sofort der armen Frau ein.“ „Wo wohnt sie denn?“ fragte ich. „In Berlin, Steglitzer⸗Straße.“ „Orioso hat aber in Hannover gewohnt, das weiß ich ganz genau,“ sagte ich. „Na ja, ganz richtig, er ist ja durchgegangen nach Hannover mit einer Choristin vom Neuen Theater.“ g „So'n Scheusal!“ sagte Fräulein Müller. „Ja,“ sagte Frau Müller,„dann schadet ihm auch das nichts, daß er unter die Eisen⸗ bahn gekommen ist, nicht, Herr Wimpelmann?“ Jetzt erhob sich ein junger Mann mit einem etwas runzeligen, aber sonst ganz glatten Gesicht und sagte sehr laut:„Ich heiße Adalbert Belle⸗ vue.“ Dann machte er erst eine kleine Pause, um die Wirkung dieser Worte nicht abzuschwächen. Nach seinen Mienen zu urteilen, war er ganz sicher, daß wir nun alle wußteu, wen wir vor uns hatten. Für die etwa in unserer Gesell⸗ schaft anwesenden Ignoranten fügte er noch inzu: 5„ Erster Held und Charakterdarsteller am Theater in Rothenhall.. Dann äußerte er in einer umfangreichen Rede, daß man seiner Meinung nach für die unglücklichen Hinterbliebenen des„genialen, wenn auch vielleicht etwas mit Dekadenze behafteten“ Dichters ganz entschieden noch mehr thun müsse. Er schlage deswegen vor, eine Wohlthätigkeits⸗ Vorstellung zu arrangieren. Um der guten Sache willen sei er bereit, einen Akt„Don Carlos“, einen Akt„Richard III.“ und einige andere eigene Dichtungen zu rezitieren. Der Vorschlag fand großen Beifall und es meldeten sich gleich vier Damen, die singen wollten, ba⸗ runter auch Fräulein Müller. Ich äußerte nun die Meinung, es wäre doch eigentlich sehr nett, wenn auch etwas von eri⸗ bert Orioso vorgetragen würde. Ich hatte ganz zufällig ein Novellenbuch von ihm in meinem Koffer. Das fanden denn auch alle sehr nett.(Schluß folgt.) n Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. aber so, daß das Wasser den Flecken berührt, und streue pulveristertes Kleesalz darauf. Der Fleck wird augenblicklich verschwinden. S Russische Sprichwörter. Viele Klöster machen die Stadt nicht fromm. * Das Unglück kommt zentnerweise und geht * Den Russen betrügt der Zigeuner, den Zigeuner der Jude, den Juden der Grieche, den Griechen der Teufel und den Teufel der ** Ein schlechter Friede ist besser als ein guter . Wen Gott heimsucht, auf den schimpfen auch die Menschen, und auf wen die Menschen schimpfen, auf den bellen selbst die Hunde. . Laß das Weib in den Himmel ein, so wird es auch seine Kuh nachschleppen wollen. Ist der Mann kein Krüppel, so ist er schön. Beim Spiel und auf dem Weg erkennt man die Leute. * Nach den Kleidern empfängt man die Leute und nach dem Verstande geleitet man sie. * Armut ist keine Sünde, führt aber leicht dazu. Humoristisches. Verschnappt. Tante:„Man erzählt sich, Du hättest Dich anf dem Wohlthätigkeitsbazar für zwanzig Mark von einem Leutnant küssen lassen.“— Nichte (eifrig):„Das ist nicht wahr; keinen Pfennig habe ich dafür genommen!“ * Jrische Gerichtsscene. Der Richter fragt einen Zeugen:„Ist es Ihnen bekannt, daß der Angeklagte die Gewohnheit hat, mit sich selbst zu sprechen, wenn er allein ist?“—„Kanns nicht sagen, Euer Gnaden“, erwidert der Zeuge,„denn ich bin nie bei ihm gewesen, wenn er allein war.“ huhlager Engros. Mäusburg 12 En detail. empfiehlt seine riesige Auswahl Winter-Soehuhen und Stie seln für Herren, Damen und Kinder zu bekannt billigen Preisen in allen Größen. Titattstaten „„ adhllatten liefert die Pl. Ottmanusehe Buchdruckerei Se Peter Leppla Nenstadt 79 Neustadt 79 offeriert rein wollenen Cheviot Reflkoupons, passend zu kompl. An zügen zu bekannt bisfligen Preisen e ee . 2 D . 2 ah⸗ Maschinen — Weltberübrtes u. best⸗ bewährtes Fabrikat Junker e Ruh in Karlsruhe empfieblt zu den billiagsten Preisen fi Gustavstein in Heuchelheim. Alle erforderlichen Reparaturen werden bestens u. billigst von mir besorgt. 1 Nr. 44. E* 2 4 Gemeinnütziges. 6 Damit wollene Sachen in der Wäsche weder einlaufen noch silzig werden, darf el, man sie weder zu heiß noch ganz kalt waschen. er, Man nimmt zu ihrer Reinigung am besten 00 Wollwaschseife, die überall käuflich ist, löst sie en auf und zieht und drückt die Wäsche so lange die. in der lauwarmen Lauge, bis sie rein ist. Ein er. Einreiben der Wäsche mit Seife ist zu ver⸗ mm meiden, da sie dadurch filzig wird, auch darf lotweise. sen man die Gegenstände nicht reiben. Man spült de, die Sachen in lauwarmem Wasser, drückt sie nit T aus, klopft sie und hängt sie auf. Sind die er Wollsachen halb trocken, so zieht man sie in Not ihre richtige Form und läßt sie dann im Schatten Armenier. vollends trocknen. Sonnen⸗ und Ofenwärme lich verträgt Wolle nicht. Wo keine Wollwaschseife 115 zu haben ist, stellt man sich selber eine Seife Krieg. für her. Man kauft vom Droguisten Olein oder Stearinöl und Salmiakgeist, von dem man 40 ich bis 50 Gramm in einem Eimer lauwarmen n Wassers unter fortwährendem Rühren auflöst. d Roflflecke aus Leinen zu entfernen. d. Man nehme ein Gefäß voll heißes Wasser, ein fege das Leinen auf die Oberfläche desselben, N nkfurter Sch rade 8 G dde, 5 lessen iter⸗ und orte⸗ igen un⸗ lden rück⸗ „mit hicke ohlt, 3 2 un e%„ Kuen üller. 1 20 755 V hade 5 8 7 0— 115 1 Besonders empfehle einige Gelegenheitskäufe 115 2 8 8* et 2 2 75 TLodenjo pen. 8 0 Empfehle als besonders preiswert ichen 4 600 bor cle noch 0 4 Lollensoppen tichen *. f enn mit und ohne Falten, 115 darunter schöne graue, grüne u. moderne Farben. K für 3 F 15 g Me. 20 pro Stück 9 in allen Herren⸗Größen. bels* Bahnhofstrasse, 1 ö a J 9018 1 Marktstrasse, do 8 Ecke Neustadt, b dog* 17 Biessen. 0 Erstes Spezidl-Herren- Gar derobe- 1 Geschdißsi. HBeihiu- Huf elilunig. H. Möller, Marburg essen) Tuch- und Buxkin-Versandt-Geschäft. Gegründet 1372. Viele Anerkennungsschreiben. Mein ausgedehntes Kleiderlager in Hosen, Westen, Saccos, Röcken, Geh⸗Röcken, Tuch⸗Röcken, Joppen, Winter⸗ und Herbst⸗Paletots, Pelerin⸗Mäntel mit und ohne Aermel, sämtliche Knaben- u. Kindergarderoben in 1000ten Stücken, sowie mein Lager in Hüten, Mützen, Schuhen, Stiefeln, Wollwaren, Meßger⸗Bekleidung empfehle dringend. Ziehung vom Dritte Wohlfahrts⸗Geld-Lotterie 3.700 or. Hauptgewinne M. 100 000, 50 000, 25000 u. s. w. Wohlfahrts- Loose à M. 3,30, Porto und Liste 30 Pfg. mehr, empfiehlt die Glückskollelte von Rielz. Buchaeker, Giessen, Neuenbäue 11. 8* risch eingetroffen: Echte prima Frankfurter Würstchen per Paar 25 Pfg⸗ Thüringer Rotwurst per Pfd. 65 Pfg. Prima Speck per Pfd. 65 Pfg. Prima Dörrfleiseh per Pfd. 70 Pfg Delllatessschinken, 4 bis 6 Pfb. sehwer, per P b. 65 Pig. Schweineschmalz, garantiert rein, per Pfd. 44 Pfg. bei 5 Pfd. 42 Pfg. Ferner empfehle meine täglieh friseh gebrannten Hafffœes per Pfd. 30, 92, 100, 129, 140, 170 Pfg. Kölner Konsum⸗Anstalt Bahnhofstraße 27. C. F. Hackenberg, Lindenplatz 12. Für Arbeiter u. Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwarenlager in gediegenen soliden Qualitäten za bitligsten Preisen. Arbeitsschuhe u.⸗Stiefel nge Winterschuhwaren ämtliche in reicher Auswahl und jeder Preislage. Aufertigung nach Maß. Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Justus Benner, larktstr. 34. Bern. Stulimes- Marburg, Wehrdaerweg empfehlt Flaschenbier hell und dunkel 20 ganze Flaschen Mk, 3.— 40 halbe 7 77 frei ins Haus. 5—— ö aubsäge- Holz Mürnberger Spielwaren. Lee 5 Ohristb 5 4. 5 itgneen; 1 1 Aber ade Laabsäge- J. Erde nttItesien Neuheiten i. 10 u. 50 Pfg.⸗Artikeln. gas. G. Schaller& Co. A üüirgerliches Gesczbuch eleg, gebunden Mk.—.80 Zu beziehen durch Buchhandlung Schneider, Gießen, Son nenstraße 25. — Preieliste 180 uur f. Wiederverk Konstanz. 3 Marktstätte 3. Friedr. Ganzenmüller. Aürnberg. e ieee Seite 8. Bahnhofstr. 1 Mitteldeutsche Sonntogs⸗Zeitung. —.——-—-—¼ à k üb ̃˙—rV—— ‚˖Ü1—Lkn. ̃7˙—.I..——— x——2 ĩ⅛—.k. ̃ĩ— i... ⅛˙ uv ⅛0...... Außerordentlich vorteilhafter Einkauf ür die Wintersaison bietet die Si ma R. Locwenthal SC. CGiesses: Nr. 44. Bahnhofstr. 1. 4 4—* ——— ohwaren S S 5 4 8 2 S 18 Damenhüte, ungarniert von 90 Pfg an Trikot⸗Damenhandschuhe, gefüttert, 30, 38, 45 Pfg. c.— 2——. Mädchenhüte, dto.„ 36„„ Gestrickte Kinderhandschuhe, reinwoll., 18, 20, 24„ ic. 22— Damenhüte, garniert„128„„ SGestrickte wollene Kin derstrümpfe, Paar 24, 28, 38„ ee. S——. Mädchenhüte, dio.„ 75„„ Schwarze gestrickte Damenstrümpse,„ 5, 75, 90„ ie. 2 9 2 3 Hutbänder per Meter„ Gestrickte Herrensocken„ 24, 38, 45„ ic. S 22 22 Moderne Hut⸗Reiher„ 50„„ Kinder⸗Unterauzüge FVV—— Moderne Hut⸗Agraffen„ 20„„ Mädchen⸗Faucyhosen 38, 42, 43„ ꝛc. 8 8 Echte Federn in allen Preislagen. Herrenhosen, Normal, 75, 95, 125„ ze. 3— 9 Moderne Flügel für Hüte von 50„„ Herreuhosen, gefüttert, 65, 78, 93%„ e. 2 2 Seidene Rosen 18 Pfg., 25 Pfg. 1e. Normal⸗Herrenhemden 58, 75, 90„ 1c. 8 22222 4 Herrenhandschuhe, Leder mit Krimmer, 125, 160, 175„ ꝛc. D 22— Trikot⸗Herrenjacken 48, 60, 75„ ꝛe. 83— S esscwaren ü 12288 8 2——— Tüllspitz Met 5 Pf 2 7 5 5 5 itzen per eter von fg. an 2 Stickereien 1 e 1 3=— Rüschen„ 6„„ Posamenteuborden per Meter 5, 10, 15 Pfg. ꝛc. 82—— Schleiertaue„„„ Per⸗Besatzborden a 8, 1 b e Ballhaudschuhe, Paar„ 24„„ Seidene Garnierbänder 1 4,„.— Balltücher, Stück„„ Kleidergarnituren„ 65, 90, 120„ de. SS 9 Ball⸗Chenille⸗Echarpes„„ Husarengarnituren„ 60, 75, 90„ ic. „ 75 77 22 Oeffentl. Volksversammlungen mit der Tagesordnung: Die Thätigkeit d. Sozialdemokraten im Landtag und die Landtagswahlen. Samstag, den 28. Oktober, abends halb 9 Uhr, für mRoödgen und Trohe bei Gastwirt Wagner in Rödgen. Redner: Redakteur Scheidemaun. Sonutag, den 29. Oktober, nachmittags halb 4 Uhr, für „ Watzenborn⸗Steinberg bei Gastwirt Sommer(Zum Löwen) in Watzenborn. Abends halb 8 Uhr in Leihgestern im neuen Saale bei Arnold.— Reduer in diesen beiden Ver⸗ sammlungen: Reichs⸗ u. Landtagsabgeordneter UIrieh- Offenbach ee ee 1—— Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Sosse Wetzlar. Wohnungsveränderung. Meiner verehrten Kund⸗ schaft, Parteigenossen und Freunden zeige hiermit an, daß ich vom 1. Novemb. ab Sophienstrasse 20 „Gasthaus zur Industrie“, 2 Treppen, wohne. Albr. Fauth. 4 empfiehlt zu enorm billigen Preisen Wollwaren.: Schuhvvaren.“ EMaillevvaren. Normalhemden von 75 Pfg. an Arbeiterschuhe von M. 4.75 an Eimer, f Stück von 110 Pfg. an Normalhosen 1 Herrenzugstiefel„„ 4.50 an Eimer, dackert 3 Unterhosen m. warmem Futter„ 93„„ Filzschuhe für Frauen„ 60 Pf. an Steingutwaren. Kinderhosen m.Leibch. u. Aermel ,, 33„„ dto. für Mädchen„ 50„an Teller, tief und flach, Stück von 11 Pfg. an Arbeitsh emden 5195 ðͤ dto. für Kinder„ 40„ an Tassen, gerippt,„ n 1 n Jugelevesten, Lutenjachen, Luterròche, Hieber beiitũcher, Muter- Handschuhe, Striimpmfe und Suchen u. 8. 0. 4% zu nie dagewesenen billigen Preisen . Billigste Bezugsquelle für Wiederverkäufer. VBirantwortl. Redakteur Ph. Scheidemann, Gießen. r Sehr billig und doch gut! Ein Posten Arbeitskleider Anzüge, Joppen, Ueberzieher, weiße und bunte Hemden empfehlen Kuder& Sonneborn Marktstr. 25 u. Neuenweg 17. R Giessen, Schulstr. 6 Druck von A. Heppeler in Gießen. Nl. Ned * Af Lundkrei Für se wählt K We Sol ausässg senit Ode Schel. vielen L. bon Kin lernt ha Die in diesen Nauf simmen Hert H kung Das lit Grundl will a. Ar hei ligen willen, reise bpleib beiten daz ett bauern? in der ihre S lern? Husch ihren schneide nes k Unsere ian ic f Nan