2 52 4 3 8 S — 2 2 ö 72 unh. lühl r Nr. 35. Gießen, Sonntag, den 27. August 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche untags⸗Jeiti Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr e Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Vom Schlachtfeld der Arbeit. 7416 Todte und 84910 Verwundete auf dem Schlachtfeld der industriellen Armee— so lautet das amtliche Schlachtbulletin nach dem letzten Rechenschaftsbericht der Berufsgenossen— schaften über die Verwundeten und Toten, die in dem einen Jahre 1897 in unfallver⸗ sicherungspflichtigen Betrieben verun⸗ glückt sind. Rund 3¼ Millionen Arbeiter sind in Betrieben beschäftigt, die nicht der Unfall⸗ versicherungs⸗Pflicht unterliegen. Die Zahl der⸗ jerigen Arbeiter, die in unfallversicherungs⸗ pflichtigen Betrieben verunglücken, aber vor Ablauf der 13. Woche gesund werden, also lediglich den Krankenkassen zur Last fallen, beträgt 84 Proz. aller in solchen Betrieben Ver⸗ unglückten, also mehr als das Fünffache derer, für die die Unfall⸗Berufsgenossenschaften Renten zu zahlen haben. Eine Statistik darüber, wieviel Arbeiter überhaupt auf dem Schlachtfelde der Arbeit in Deut schland in einem Jahre infolge der Aus⸗ übung ihres Berufes verunglückten, besteht nicht. Legt man die eingangs angeführten amtlichen Zahlen aus den Rechnungsergebnissen der Be⸗ rufsgenossenschaften zu Grunde und berücksichtigt man bei der Schätzung, daß rund 3½ Millionen Arbeiter in Deutschland unversichert und daß 84 Proz. aller zur Anmeldung gelangenden Unfälle aus unfallversicherungspflichtigeu Be⸗ trieben in jenen Zahlen nicht mitenthalten sind, so dürfte die Zahl der durch Unglücksfälle im Betrieb in einem Jahre in Deutschland im tiessten Frieden getöteten Arbeiter mit 9000, der Verwundeten mit 500 000 nicht zu hoch veranschlagt sein. Im deutsch⸗französischen Kriege 5 wurden auf deutscher Seite insgesamt 1871 Offiziere und 26,397 andere Soldaten getötet, 4184 Offiziere und 84,304 Mannschaften ver⸗ wundet. Grauenvolle Ziffern, die eine furchtbare Anklage gegen den Mangel an Rücksicht ent⸗ halten, die auf Arbeiterleben und Arbeiter⸗ gesundheit von der herrschenden Klasse im Kampf um den Profit genommen wird. Aber geschieht denn nicht alles zur Ver⸗ minderung und Verringerung von Menschen⸗ opfern? Sind diese Ziffern nicht die notwen⸗ digen Folgen der Beschäftigungsarten? Mit nichten. Abgelehnt hat die Unternehmerklasse, abgelehnt hat die Mehrheit des Reichstages die von sozialdemokratischer Seite gestellten Anträge, die Zahl der Unfälle dadurch zu vermindern, daß den Arbeitern das Recht eingeräumt wird, Unfallverhütungs⸗Vorschriften mit fest⸗ zusetzen, und die Ausführung der Unfallver⸗ hütungs⸗Vorschriften zu überwachen. Ange⸗ nommen hat sie aber im Unfallversicherungsgesetz ausnahmerechtliche Bestimmungen, deren Folge Vermehrung der Fahrlässigkeit der Unternehmer und Vermehrung der Unglücksfälle notwendig sein muß. Wir erwähnen nur einige dieser ausnahmerechtlichen Bestimmungen. § 95 des Unfallversicherungs⸗Gesetzes ent⸗ zieht dem Arbeiter und dessen Hinterbliebenen das Recht, den vollen Schadenersatz geltend zu Bestellungen machen, selbst gegenüber demjenigen Unternehmer, der den Tod des Arbeiters oder die Erwerbs- unfähigkeit durch strafbare Fahrlässigkeit herbei⸗ geführt hat. Ein Arbeiter, ein Kutscher z. B., der durch Fahrlässigkeit einen Menschen getötet oder verwundet hat, muß voll den von ihm angerichteten Schaden, soweit dieser überhaupt durch Geld zu ersetzen ist, ersetzen. Ein Unternehmer, der den Tod der in seinem Betriebe beschäftigten Arbeiter durch strafbare Fahrlässigkeit herbeigeführt hat, haftet nach diesem§ 95, selbst wenn er wegen der Fahr- lässigkeit bestraft ist, den Hinterbliebenen mit keinem Pfennig. Das Ausnahmerecht gegen die Arbeiter zeigt klar, daß der Arbeiter als ein Mensch zweiter Klasse erachtet wird, dessen Leben und Gesundheit nicht so schutzbedürftig ist wie das Geld des Unternehmers. Würde der Unternehmer für die Folgen seiner Fahr⸗ lässigkeit mit Geld einstehen müssen, so würde er ein größeres Interesse an der Verhütung von Unfällen haben. Die Befreiung des Unter⸗ nehmers von Verpflichtungen, wie sie durch das allgemeine Gesetz jedem Bürger seinem Mit⸗ menschen gegenüber auferlegt sind, muß not⸗ wendig die Vorbeugung von Unglücksfällen ver⸗ mindern. Die Unfallversicherungs⸗Gesetzgebung ist keine Versicherung der Arbeiter, sondern eine Ver⸗ sicherung der Arbeitgeber gegen die Lasten, welche ihnen durch Betriebsunfälle nach den allgemeinen Rechtsgrundsätzen über Schaden⸗ ersatz zufallen. Die Unternehmer der unfall⸗ versicherungspflichtigen Betriebe bilden nach dem Gesetz in Form von Berufsgenossenschaften Ver⸗ sicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit. Den Berufsgenossenschaften zahlen die einzelnen Be⸗ triebsinhaber Beiträge, deren Höhe sich nach der Anzahl der in den einzelnen Betrieben be⸗ schäftigten Arbeiter, nach der Höhe der Arbeits⸗ löhne, nach der Gefahrenklasse des Betriebes u. s. w. richtet. Ob und wieviel der einzelne Unter⸗ nehmer infolge dieser Zwangsversicherung spart, soll ununtersucht bleiben. Unsere Rechnung mag nur diejenigen Vorteile in Rücksicht ziehen, die dem Unternehmertum infolge der Unfallversiche⸗ rungs⸗Gesetzgebung zufallen. Dieser Vorteil wird durch die Art der Be⸗ messung der sogenannten Unfallrenten gebildet. Mit Unrecht bezeichnet das Gesetz diese an die Verletzten oder deren Hinterbliebene zu zahlenden Beträge als„Schadenersatz“. Die Unfallrente kann vielmehr nach den gesetzlichen Bestimmungen unter keinen Umständen auch nur entfernt so hoch sein, als ein Schadenersatz nach der all⸗ gemeinen Rechtsanschauung und nach den Rechts⸗ regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches sein muß. Ein wirklicher Schadenersatz besteht im Ersatz des Verlustes und des infolge des Unfalles entzogenen Gewinnes, der auch nach dem ge⸗ wöhnlichen Lauf der Dinge oder nach den be⸗ sonderen Umständen mit Wahrscheinlichkeit er⸗ wartet werden kann. Die höchste nach dem Unfallgesetz an den Arbeiter gezahlte„Rente“ beträgt aber nach dem Gesetz und der Recht⸗ sprechung noch nicht zwei Drittel des wirklichen Schadenersatzes. Sie beträgt nämlich selbst bei voller Erwerbsunfähigkeit des Verletzten nach § 5 des Unfallgesetzes höchstens zwei Drittel des Jahres⸗Arbeits verdienstes. Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg⸗ Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33 ½% und bei Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Dies ist nur ein Vorteil der Unteruehmer⸗ klasse, durch den sie von der Gewährung einer vollen Entschädigung der Verletzten befreit werden. Der zweite Vorteil liegt für das Unternehmertum darin, daß die Unfallrente nicht vom Tage der Erwerbsunfähigkeit, sondern erst vom Ablauf der 13. Woche nach dem erlittenen Unfall ab gezahlt wird. Es spart also das Unternehmertum 13 Wochen lang die volle Ent— schädigung. Der dritte Vorteil, den das Unternehmertum aus dem Unfallversicherungs-Gesetz im Gegen⸗ satz zu den Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches zieht, erwächst aus den Bestimmungen über die Hinterbliebenen⸗Rente. Das tieftraurige Unglück der Wittwen und Waisen füllt gleichfalls den Beutel des Unternehmertums. Die Witwe des unglücklichen Arbeiters erhält nämlich nach 8 5 des Unfallversicherungs⸗Gesetzes nicht, wie nach § 844 des Bürgerliches Gesetzbuches die Witwe eines durch Fahrlässigkeit eines anderen getöteten Unterneymers, vollen Schadenersatz, sondern 20 Proz. der Vollrente, das ist also im gün⸗ stigsten Falle /, des Schadens ersetzt. Als selbstverständlich ist hierbei angenommen, daß ohne das Unfallgesetz der Rechtsgrundsatz längst anerkannt wäre, daß jeder Großindustrielle für alle Unfälle zu haften hat, die in seinem Betriebe sich ereignen. Unberücksichtigt sind bei der Berechnung noch eine Reihe von Bestim⸗ mungen des Gesetzes geblieben, die fernere Millionen in den Schoß des Unternehmertums werfen. Wir erwähnen hieraus folgende: die Kinderrenten betragen nur 15 Proz. der Voll⸗ rente, und wenn der Verunglückte mehr als zwei Kinder hinterlassen hat, noch weniger. Die Kinderrente ist nicht bis zum vollendeten 18. bis 21. Jahre, wie die Pensionsgelder für Beamten⸗ und Offizierskinder und die Schaden⸗ ersatzrenten des bürgerlichen Rechts, sondern nur bis zum vollendeten 15. Jahre zu zahlen. Der Kreis der Hinterbliebenen ferner, an welche Rente zu zahlen ist, ist weit enger als der in 88 844 und 845 des Bürgerlichen Gesetzbuches gezogen. Die Rente des in einem Krankenhause Untergebrachten fällt fort, die seiner Familie beträgt 1% bis/ des Schadenersatzes. Ferner ist das Unternehmertum nach der Handhabung einiger Bestimmungen des Unfallgesetzes im Stande, dem Verletzten den Arzt seines Vertrauens zu entziehen, ihn Schikanirungen schlimmster Art auszusetzen, ihn in Heilanstalten unterzubringen, auf die der Verletzte keinerlei Einfluß hat und die von Vielen als Quälanstalten erachtet werden. Endlich ist die ungeheuerliche Erscheinung, daß das Unternehmertum in Unfallsachen als Richter in eigener Sache mitentscheidet und einen von Jahr zu Jahr wachsenden Einfluß auf die Rechtsprechung ausübt, eine große Ungerechtig⸗ keit. Das bereits Gesagte genügt, um klar zu beweisen, daß die Unfallgesetzgebung, so wie sie trotz allseitigen Anerkenntnisses ihrer Reform⸗ bedürftigkeit besteht, nicht geeignet ist, gegen die Vermehrung der Unsälle energisch einzuwirken. Ein außerordentlich erheblicher Teil aller Un⸗ fälle wäre ohne das einer Unfallverhütung ent⸗ gegenstehende Geldinteresse des Unternehmertums zu verhüten. Die einzige amtliche Statistik, die etwas Licht auf die fahrlässige Rücksichtslosig⸗ keit des Unternehmertums gegen Leben und Gesundheit der Arbeiter zu werfen geeignet ist, —— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 35. beruht auf den naturgemäß parteiischen Angaben der Berufsgenossenschaften selbst. Und dennoch ergiebt selbst diese Statistik(sie ist in den„Amt⸗ lichen Nachrichten des Reichs ⸗Versicherungs⸗ amtes“ am 15. Mai 1896 veröffentlicht), wie imens leichtfertig mit Leben und Gesundheit der Arbeiter in unfallversicherungspflichtigen Betrieben umgegangen wird. Die betreffende Statistik hat sich auf 15,910 Unfälle erstreckt. Von diesen Unfällen sind selbst nach den An⸗ gaben der Berufsgenossenschaften 1122(1,03 Proz.) auf mangelhafte Betriebseinrichtungen, 334(2,09 Proz.) auf mangelhafte oder fehlende Anweisung, 1700(also 10,64 Proz.) auf Fehlen von Schutzeinrichtungen, 38 Fälle(0,24 Proz.) auf ungenügende Kleidung der Arbeiter, 711 Fälle(4,45 Proz.) auf Fehlen von Schutz⸗ einrichtungen und gleichzestiger Unachtsamkeit der Arbeiter, also 24,45 Proz., auf Schuld der Unternehmer zurückzuführen. Bei 6931 Fällen (43,40 Proz.) werden kurzweg„sonstige, ins⸗ besondere in der Gefährlichkeit des Betriebes ruhende Ursachen“ als Ursachen der Unfälle au⸗ gegeben. Mag man demnach nur 25 Proz. aller Unfälle auf Fahrlässigkeit der Arbeitgeber zurückführen, so würde die Prämie, die im Jahre 1897 das Unternehmertum für fahr⸗ lässiges Verhalten gegen Leben und Gesundheit der Arbeiter infolge der Unfallgesetzgebung er⸗ halten hat, noch immer eine sehr bedeutende sein. Die Beseitigung dieses Zustandes würde offenbar zu einer erheblichen Verminderung dieser Unfälle führen. Weshalb wird diese Bevorzugung und Begünstigung der Unter⸗ nehmerklasse nicht beseitigt? Erlaubt das der Verband der Industriellen nicht? Eine furchtbare Niederlage hat die preußische Regierung erlitten. Am vorigen Samstag lehnte das preußische Ab⸗ geordnetenhaus in der dritten Lesung den Mittellandkanal mit 235 gegen 147 Stim⸗ men bei 32 Stimmenthaltungen ab. Es folgt die Abstimmung über den Dortmund-Rhein⸗ Kanal. Auch dieser Teil der Vorlage wurde abgelehnt, und zwar mit 275 gegen 134 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen. Damit ist das ganze gewaltige Projekt, das dem Westen Deutschlands eine große, leistungs— fähige Wasserstraße verschaffen wollte, zu Boden gefallen. Unter denen, die die Vorlage zum Scheitern brachten, stehen in erster Linie die Konservativen, die zahlreichste Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause. An sie, die für Gott, König und Vaterland kämpfenden Junker, hat sich der Kaiser in seinen Dortmunder Reden in erster Linie gewendet. Aber sie haben mit dem alten Junker sprüchlein geantwortet: Unser König absolut, wenn er unsern Willen thut. Dem häuslichen Streit zwischen Königtum und Junkertum konnte das deutsche Volk mit heiterem Gleichmut zusehen, käme dabei nicht eine der gewaltigen Kulturaufgaben, die einem drängenden Verkehrsbedürfnis entsprechen sollte, in Mitleiden⸗ schaft. Alle verkehrstechnischen und wirtschafts⸗ wissenschaftlichen Fachmäuner Deutschlands sind in der Frage der Notwendigkeit des Mittel⸗ landkanals einer Meinung, die Kanalgegner haben ihren Gründen keine Gegengründe ent⸗ gegenzustellen. Mit stupidem Haß und Neid verfolgen die Junker den gewaltigen Aufschwung der deutschen Industrie, der ihre Machtstellung im Lande bedroht, der die Proletarier vom Lande in die Stadt lockt und den Gutsherrn schließlich zwingen wird, seine Arbeiter doch etwas meusch⸗ licher zu behandeln und zu bezahlen. So dürfen wohl sortab in Preußen keine Kulturaufgaben ausgeführt werden, weil sie dem wichtigsten Ziel der Politik der Landtagsmehrheit, die Landarbeiter an die Scholle zu fesseln, widersprechen. Der moralische Bankerott des Dreiklassenwahlrechtes, das der rückständigsten Schichte der preußischen Bevölkerung die Herr⸗ schaft in die Hände spielt, hat in dem Schicksal der Kanalvorlage den vollkommensten Ausdruck erhalten. Der Sieg der Junker ist die Niederlage des Liberalismus. Man mag über die preußische Junkerklique denken, wie man will— und wir denken wahrlich nicht gut über sie— aber das Eine muß man doch zugestehen: es sind andere Kerle, als die waschlappigen liberalen Scharf⸗ macher, die sich hinter die Worte des Monarchen verschanzen, um die Kanalvorlage durchzudrücken. Diesmal waren es die Junker, die das konsti⸗ tutionelle Prinzip hochhielten und unbekümmert um den unbeugsamen Willen der Krone thaten, was sie für recht hielten. Es hört sich geradezu kläglich an, wenn jetzt, nach ihrer Niederlage, die Liberalen weiter nichts zu thun wissen, als sich hinter den höheren Willen an einer maß⸗ gebenden Stelle zu verschanzen und den Junkern zu drohen: Wart, der wird's Euch schon zeigen. Der Liberalismus und was sich so nennt, bekämpft die junkerliche Reaktion nur mit Worten; in Wirklichkeit thut er Alles, um das Agrarier⸗ tum zu stärken. Und gerade die Sorte von Liberalismus, die das Maul am weitesten auf⸗ reißt, die Nationalliberalen, sie sind die jämmer⸗ lichsten Brüder, wenn es sich bei Wahlen darum handelt, der Reaktion, die von Ostelbien kommt, die Wege zu weisen. Mit der zähen und rück— sichtslosen Gesellschaft der Junker wird der altersschwache Liberalismus nicht fertig; er wird sich noch öfter gefallen lassen müssen, von der fromm⸗froh⸗frechen Junkersippe über's Ohr ge⸗ hauen zu werden. Was wird jetzt die Regierung unternehmen? Wird sie die Landrats- und Junkerkammer auf⸗ lösen? Das würde ihr nichts nützen. Denn bei dem erbärmlichen Wahlsystem mit der Drei⸗ Klassenteilung werden die Rückwärtser oben auf bleiben. Wenn die Regierung ernstlich gegen die Junkertruppe Front machen wollte, was wir aber gar nicht erwarten, so müßte sie das durch Ukas vom 7. Januar 1850 oktroyierte Stimm⸗ recht für den Landtag beseitigen und das all⸗ gemeine gleiche geheime und direkte Wahlrecht einführen. Politische Rundschau. Ein Junkerboykott gegen Recke. Zum erstenmal, seitdem in der Konfliktszeit der Liberalismus zerdrückt worden ist, haben wir im preußischen Abgeordnetenhause so etwas wie ein konstitutionelles Leben. Und die Ironie, von der in Preußen alle politischen Aktionen begleitet werden, will es, daß gerade die Hüter der Reaktion im Kampfe für ein reakttonäres Werk den konstitutionellen Gedanken wieder er⸗ weckt haben. Man muß unscren Junkern das Zeugnis ausstellen: Energie beweisen sie. Jetzt, wo die Hauptschlacht— siehe den Artikel: Eine furchtbare Niederlage— geschlagen, verharren sie nicht, wie manche Blätter noch glauben, in zitternder Erwartung der Dinge, die da ganz von oben kommen sollen. Nein, sie gehen noch weiter und lassen die Schwere ihrer Hand noch die fühlen, die es versucht hatten, sich ihnen entgegenzustellen: Der Herr Minister von der Recke hat in der That in letzter Stunde eine Anweisung an alle Land⸗ räte, die zugleich Abgeordnete sind, ergehen lassen, die sie strikt aufforderte, für den Kanal zu stimmen In der That: ein ungeheuerliches Beginnen, jemand eine Ueber⸗ zeugung verordnen zu wollen! Aber ist so etwas denn in Preußen gar so unerhört? Hat nicht vor ganz kurzer Zeit im Herrenhause ein edler Graf von dem Justizminister verlangt, er solle den Richtern ein- für allemal vor⸗ scchreiben, wie sie sich Sozialdemokraten gegen⸗ über zu verhalten hätten? Aber jetzt haben eben dieselben Junker plötzlich Rechtsbewußtsein be⸗ kommen, jetzt ziehen sie die konstitutionelle Konscquenz: der Minister, der jene Beein⸗ flussung versucht hat, muß gehen! Da bei uns aber der Grundsatz unbekannt ist, daß Minister, die sich in so abnormer Weise unmög⸗ lich gemacht haben, von selbst abtreten, so muß man ihrem politischen Ehrgefühl ein wenig nachhelfen. Und so haben denn die Kouser⸗ vativen cinfach beschlossen: alle von dem Herrn von der Recke eingebrachten Gesetz⸗ entwürfe nicht mehr zur Beratung kommen zu lassen! Sie haben damit bereits angefangen. Der arme von der Recke! Die Intentionen des Kaisers. Die Berl. Neuest. Nachr. schreiben: Wir geben nach⸗ stehende, uns von einer Stelle, die über die Intentionen des Kaisers bezüglich der Kanalfrage gut unterrichtet ist, zugehende Mitteilung wieder: „In dem Verhalten der konservativen Partei zur Kanalvorlage erblickt der König eine persön liche Herausforderung und eine völlige Verschiebung des Grundverhältnisses zwischen der Krone und der konser⸗ vativen Partei. Der König ist entschlossen, den hin⸗ geworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen und deu Kampf rücksichtslos durchzuführen.“ Wer wird fliegen? Zu den nach der Ablehnung der Kanalvor⸗ lage lucanusreifen Ministern werden von der Kölnischen Volkszeitung gezählt: 1 Polizei⸗ minister v. d. Recke, das ewige lächelnde S aatsmannsgenie, der nur in die Beine schießen läßt, 2 Thielen, der Eisenbahnminister, und 4. der„Licht“ ⸗sreund Bosse. Wenn ihnen Miquel, Brefeld, Schönstedt und Hammerstein⸗ Loxten folgten, würde es wirklich nicht schaden. Im Gegenteil, immer fort mit Schaden! Ehrung der 48er Freiheitskämpfer. Die badische Regierung hatte alle geplanten Veranstaltungen zur Ehrung der vor 50 Jahren niederkartätschten Freiheitskämpfer untersagt. Es wurde deshalb am Sonntag eine Gedenk⸗ feier in Ludwigshafen bei imposanter Beteili⸗ gung abgehalten. Die Gedächtnisxede hielt Liebknecht, der in zweistündiger Rede über die Entwickelung der freiheitlichen Bewegung und die Ereignisse von 1849 sprach. Er be⸗ zeichnete die Sozialdemokratie als wahre Erbin der Ideale von 1848. Er schloß mit dem Ge⸗ löbnis, die Sozialdemokratie werde vollbringen, was damals erstrebt wurde. Außer ihm sprachen Ehrhardt(Ludwigshafen), Drees bach (Mannheim). Lutz(Baden-Baden) berichtete über die Thätigkeit des Komitees des Rastatter Denkmals. Für die Zuchthausvorlage legen sich jetzt auch die Handels kammern in Rheinland⸗Westfalen ins Zeug. Die Handelskam⸗ mer in Lennep hat eine Resolution angenommen, in der sie einen„wirksamen Schutz“ für Ar⸗ beitswillige verlangt, weil§ 153 der G.⸗O. einen solchen Schutz weder nach seiner Anwend⸗ barkeit, noch nach der Höhe der Strafe gewähre. Auch die Handelskammer in Bochum hat ein Gutachten für die Zuchthausvorlage abge⸗ geben, worüber sich selbst bürgerliche Blätter der Gegend ent rüsten. Sie weisen mit Recht auf die schweren Strafen hin, die das Landge⸗ richt in Bochum jetzt schon in so vielen Fällen wegen der Unruhen in Herne verhängt hat. Neue Mordwaffen. Aus Berlin kommt folgende„erfreuliche“ Meldung: Mit vier Schnellfeuerkanonen oder Maschinengewehren ist jetzt das Garde⸗ Jägerbataillon zu Potsdam ausgerüstet. Die Jäger sind seit Mai d. J. von Mannschaften des zweiten Garde-Feld-Artillerie-Regiments in der Bedienung und Handhabung der neuen Waffe ausgebildet worden. Die Geschütze, die von zwei Pferden gezogen werden und fünfzig Schüsse in der Minute abgeben, wurden in der 1 1 Mater be Bel! de öfen Plätzen elche! hat, un sertenka der Ant biston (des Ar zur Ver Versam Partei! meister für die Organ Lesern stimmte gleiche kämpfen Mente Nur dex gege Füsschen Hauptm des S. sch schw samketter ommen dn Ob. ie Aechl, holen f suchung dies Lee Hunnsc licht le zul urde e vergangenen Woche bei einer siebentägigen Uebung in der Gegend von Belzig zum ersten Mal verwendet. Das Ideal der evangelischen Männer. Der„Westfälische Familienbote“, Organ des Verbandes der evangelischen Männer- und Ar⸗ beitervereine im Kreise Iserlohn, singt folgen⸗ des Loblied auf den chinesischen Kuli: „Der Chinese ist fleißig, nicht ausschweifend, sparsam und zufrieden mit höchst geringem Lohn, steht damit also in rühmlichen Gegen⸗ satz zu vielen unser er Arbeiter.“ 500 Organisieren die Evangelischen die Arbeiter deshalb, um sie auf das rühmliche Ideal des bedürfnißlosen Kuli zu präparien?— Entlarvter Spitzel. Aus dem sozialdemokratischen Wahlverein für den 1. Berliner Wahlkreis ansgeschlossen wurde auf Antrag des Vorstandes der Heizer L., nachdem festgestellt war, daß er schon seit Jahren der politischen Polizei Dienste geleistet sch jz Lands uud Ge lan le er ahne tem Wir leice firdlih eworde flanten bannt dem len, note upfer. elan 0 Jahn interag Gebes Bete ede hach iede ihn weg ung Cl he re Erh dem bringe, sprache es hat berichte tate e mern! delskam, nommen für. r G. Anwenb gewähl, chum i age ahh U Vläti mit Rech 2 Londg en Jill t hal, steulihh Fan ote 0 Gal tt. 9 schal fegen det nel tz, 0 fin den 0 N eb in 0 än, gal 1 0 10. 9 fol Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. hatte. L. war seit nahezu 15 Jahren in der Partei thätig und wurde wiederholt mit Ehren— ämtern betraut.— Ueberwachung des Kaisers. Die polizeiliche Ueberwachung des Kaisers war nach der„Voss. Ztg.“ während der An⸗ wesenheit des Kaisers in den Reichslanden eine noch strengere als früher. Bei der Besichtigung der Befestigungsanlagen bei Saulny wurden sämmtliche Arbeiter, meistens Italiener, entfernt und bis zur Entfernung des Kaisers unter Be⸗ wachung gestellt. Diese Maßregel wurde auch bei dem Besuche in Diedenhofen durchgeführt. In Metz und auf der Höhe von St. Privat waren etwa 100 Geheimpolizisten und Gendarmen anwesend. Das Publikum wurde mit ganz wenig Ausnahmen auf etwa 30⁰ Meter fern gehalten, und die Feier trug einen ausgesprochenen militärischen und zugleich preußischen Charakter. Auch beim Kaiserbesuch im Rheinland wurden die Absperrungsmaßregeln an der Müngstener Brücke zwischen Remscheid und Solingen in einer Weise gehandhabt, daß allgemeiner Unwille enstand. Selbst mit Passir⸗ karten versehene Personen wurden einige hundert Meter vom Kaiserzelt angehalten. Ausländisches. Belgien. In nächster Zeit werden auch die öffentlichen Versammlungen auf den größeren Plätzen Brüssels und seiner Vororte beginnen, welche die sozialistische Partei einberufen hat, um durch sie einen Druck auf die Depu⸗ tiertenkammer auszuüben, in der am 25. d. M. der Antrag der sozialistischen Linken auf Re⸗ vision des Artikels 47 der Verfassung (des Artikels, der das Pluralstimmrecht festlegt) zur Verhandlung gelangt. Auch bei allen diesen Versammlungen übernimmt die sozialistische Partei nach einer Vereinbarung mit dem Bürger⸗ meister selbst die Sorge und Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Das Organ des Abg. Köhler hat kürzlich seinen Lesern vorgelogen, die belgischen Sozialisten stimmten aus Haß gegen die Bauern gegen das gleiche Wahlrecht. Gerade unsere Genossen kämpfen für das freie und gleiche Wahlrecht. Menterei im französischen Kolonialbeer. Vor einiger Zeit wurde bekannt, daß eine der gegenwärtig im Sudan vorgehenden fran⸗ zösischen Expeditionen, die unter Leitung des Hauptmann Coulet und Lieutenants Chanoine, eines Sohnes der bekannten Exministers, steht, sich schwerer Uebergriffe und fortgesetzer Grau⸗ samkeiten gegen die Eingeborenen zu schulden kommen lassen. Darauf erteilte das Ministerium dem Oberstlieutenant Klobb, dem Chef des vor⸗ eschobenen militärischen Postens am Niger den efehl, die Mission Coutlet⸗Chanoine zurückzu⸗ holen und gegen die Schuldigen eine Unter⸗ suchung einzuleiten. Klobb kam in Begleitung des Lieutenants Meunier und einer kleinen Mannschaft diesem Befehl nach; sollte jedoch nicht lebend von seiner Nachsetzung⸗Expedition zurückkehren. Aber nicht von den Eingeborenen wurde er und Meunier ermordet, sondern, wie sich jetzt herausstellt, von seinen eignen Landsleuten, den Offizieren Coulet, Chanoine und Genossen, die aus Furcht vor Strafe ein⸗ fach durch ihre Mannschaft Klobb und Meunier niederschießen ließen: ein neues Blatt im Ruhmeskranz des heutigen französischen Mili⸗ tarismus! Belagerung in Paris. Wir berichteten kürzlich, daß in Paris zahl⸗ reiche Antisemiten und sonstige, der Republik feindlich gesinnte Männer, von denen bekannt geworden war, daß sie einen Staatsstreich planten, verhaftet seien. Jules Guerin, ein bekannter Antisemit, entzog sich der Verhaftung, indem er sich in einem Haus verbarrikadierte und jeden, der sich ihm näherte, mit Totschießen be⸗ drohte. Die Regierung hatte keine Lust, wegen des antisemitischen Hanswurstes das Leben auch nur eines einzigen Polizisten auf's Spiel zu setzen und ließ das Haus des Guerin lediglich überwachen, damit er nicht ausrücken könne. Fast Tag für Tag kommt es nun vor dem Haus zu allerlei Kundgebungen und am Sonn⸗ tag kam es sogar zu einem blutigen Gemetzel zwischen Anarchisten und Antisemiten. Die sozialistischen Blätter hatten ausdrücklich die Sozialisten gewarnt, an den angekündigten Kundgebungen teilzunehmen, ein Rat, der ver⸗ nünftigerweise auch befolgt wurde. Wie es am Sorntag in Paris zuging, geht aus fol— gender Bekanntmachung der Polizei-Präfektur hervor: Im Ganzen wurden 380 Personen verwundet, von denen 361 in den Hospitälern untergebracht wurden; 59 Polizisten wurden verwundet und 150 Verhaftungen ausgeführt, von denen 80 nicht aufrechterhalten wurden. Der Prozeß Dreyfus währt jetzt bereits drei Wochen. In der vor— letzten Woche zeigte sich so recht, was das Attentat auf Labori bedeutete: Der Angeklagte war wehrlos gemacht, denn der Verteidiger neben Labori, Demange, ist ein ziemlich großer Stümper. Es ist unglaublich, wie Demange den Dreyfus im Stich ließ. Erfreulicherweise ist Labori so weit herge— stellt, daß er am Dienstag wieder im Gerichts saal erscheinen konnte. Sofort waren auch die Generalstäbler weniger unverschämt wie zuvor. Labori ging gleich derb mit ihnen in's Gericht und nagelte ihre Lügen und Verdrehungen fest. Und doch, wer will sagen, wie der Prozeß ausgeht? Trotzdem gar nichts bewiesen ist, was Dreyfus belasten könnte, trotzdem alle schein⸗ baren Beweisgründe gegen ihn bei näherer Be⸗ trachtung sich als hinfällig, als leere Behaup⸗ tungen und elende Klatschgeschichten heraus⸗ stellten, ist keineswegs sicher, daß ihn das Militä gericht freispricht. Das Brüsseler Blatt:„Independance“ ist sogar überzeugt: „dte neue Verurteilung Dreyfus sei gewiß, trotz⸗ dem seine Unschuld der ganzen Welt klar bewiesen ist. Die militärischen Richter werden Befehlen der Generäle Mercier, Boisdeffre und Gonse gehorchen und vor dem Skandal einer neuen Verurteilung nicht zurückschrecken. Nur ein Mittel gebe es noch, dieses Urteil abzuwenden, nämlich eine Veröffentlichung der von Esterhazy an Schwarzkoppen ausgelieferten Doku⸗ mente.— Bisher sei Deutschlands Verharren in der Dreyfus⸗ Frage über jedes Lob erhaben gewesen. Deutschland habe zur unverschämeen Prozedur der französischen Regierung, den Beteuerungen Münsters, Hohenlohes und Bülows keinen Glauben zu schenken, vornehm geschwiegen. Jetzt sei die Zeit zum Sprechen gekommen, sonst könnte die Welt sagen, Deutsch⸗ land habe zugesehen, wie ein Unschuldiger verurteilt wird, ohne alles gethan zu haben, was der Wahrheit dienen konnte.“ Es ist wahr, die antisemitisch⸗klerikale Hetze hat in Frankreich entsetzliche Verwirrungen hervorgerufen. Aber sollte es bereits so schlimm stehen, daß ein Militärgericht offensichtlich das Recht vergewaltigt, um nur die aus den Jesuitenschulen hervorgegangenen Generalstäbler nicht noch mehr bloßzustellen? Die nächsten Wochen müssen die Entscheidung bringen.— Der feige Mordbube, der auf Labori schoß, ist immer noch nicht ermittelt worden. Neuer Mordversuch? Labori erhielt in Rennes eine Sendung, in welcher Explosivstoffe enthalten waren; bei der Oeffnung im Laboratorium der Artil⸗ lerie stellte sich heraus, daß es Schießbaum⸗ wolle war. Die Landtagswahlen in Hessen. * Angesichts der bevorstehenden Landtags⸗ wahlen ist es dringend erforderlich, daß sich unsere Parteigenossen mit dem Wahlgesetz ver⸗ traut machen, damit von vornherein Irrtümer vermieden werden, die nachher nicht wieder gut zu machen sind. Wir stellen im Nachfolgenden die wichtigsten Bestimmungen über die Wahlen zum Landtag zusammen und bitten unsere Leser, für die nötige Aufklärung in Bekannten⸗ kreisen Sorge zu tragen. Genau wie bei der Reichstagswahl werden die Wählerlisten, f in die alle wahlberechtigten Männer eingetragen sind, zur allgemeinen Einsichtnahme bei dem Bürgermeister ausgelegt. Wahlberechtigt ist und muß demnach in die Wählerlisten eingetragen werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der seit dem 1. April 1899 irgend welche Steuern zahlt. Zwei Wahlgänge sind bei der Landtagswahl erforderlich. Im ersten Wahlgang wählen die Urwähler die Wahlmänner; im zweiten Wahlgang, der etwa 8 Tage später stattfindet, wählen die Wahlmänner den Abgeordneten. Zum Wahlmann kann jeder 25 Jahre alte Hesse gewählt werden, der mindestens 90 Mk. Normalsteuerkapital ver⸗ steuert, also pro Ziel wenigstens 2 Mark 10 Pfg. direkte Staatssteuern zahlt. Die Wahl der Wahlmänner erfelgt in jeder Wahlgemeinde, nachdem der Tag und die Stunde, sowie das Lokal der— selben mindestens drei Tage vorher öffentlich bekannt gemacht worden sind. Gewählt sind Diejenigen, welchen die meisten Stimmen zugefallen sind. Eine Ab⸗ lehnung der Wahl zum Wahlmann findet nicht statt. Also man merke genau, es ist nicht wie bei der Reichstagswahl, eine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit nötig. Haben beispielsweise unseie Wahlmänner 80 Stimmen, diejenigen der Liberalen 79 Stimmen und die der Antisemiten 78 Stimmen, so sind unsere Wahlmänner gewählt. Die Abgeordnetenwahl. Den gewählten Wahlmännern muß mindestens zwei Tage vor der Wahl des Ab⸗ geordneten eine schriftliche Einladung des Wahl⸗ kommissärs zugestellt werden. Es müssen wenigstens zwei Dritteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeord— neten abstimmen. Die drei ältesten Wahlmänner sind als Urkundspersonen bei der Wahlkommission zu nehmen. Jeder Wahl mann beteuert durch Handgelübde, daß er nach eigener Ueberzeugung für das Beste des Landes seine Stimme abgeben werde. Gewählt als Abgeordneter ist Derjenige, welcher mehr Stimmen hat, als die Hälfte der Wahlmänner, welche abgestimmt haben. Ergiebt stch bei der ersten Abstimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und Derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stim⸗ men hat.(Art. 40.) Nach diesem Artikel findet also beim zweiten Wahlgang keine Stichwahl statt, wie bei den Wahlen zum Reichstag, es entscheidet viel— mehr die einfache Mehrheit. Stimmzettel. Sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahlgang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner(zweiter Wahlgang) ist geheim, wie bei der Reichstagswahl. Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimmzettel, die zusammengelegt sein müssen, damit kein Mensch im Wahlbüreau erfährt, wem der einzelne Wähler seine Stimme gegeben hat. Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner in dem betreffenden Bezirk zu wählen sind. Also im Wahlbezirk Gießen⸗Land in Allendorf a. L. 1; Alten⸗Buseck 2; Annerod 1; Daubringen 1; Garbenteich 1 Großen-Buseck 3; Großen⸗ Linden 3; Hausen 1; Heuchelheim 3; Klein⸗ Linden 2; Langgöns 2; Leihgestern 2; Lollar 2; Mainzlar 1; Oppenrod 1; Rödgen u. Trohe 1; Ruttershausen-Kirchberg 1; Staufenberg mit Friedelhausen 1; Watzenborn-Steinberg 3; Wieseck 5. Wir bitten alle Parteigenossen, sich die vor⸗ stehenden Bestimmungen gründlich einzuprägen und dies Blatt aufzubewahren, um gegebenen Falls sich selbst Rats holen und Anderen Aus- kunft erteilen zu können. Seite 4. Witteldeutsche Sonntags⸗Zeiiung. von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Tuberkulose⸗Kongreß. * Auf dem Tuberkulose-Kongreß, der in Berlin vor mehreren Monaten stattfand, war die Gießener Ortskrankenkasse durch den Kon⸗ trolleur G. Beckmann vertreten. Derselbe wird über den hochinteressanten Verlauf des Kongresses am Samstag, den 26. August, Abends 9 Uhr, auf Lony's Bierkeller Bericht erstatten. Zahlreicher Besuch dieser Ver⸗ sammlung ist dringend zu wünschen. Aus dem Reptilienreich * Der Gießener Anzeiger druckt einen gegen die Arbeiterorganisationen gerichteten Wasch⸗ zettel nach, der folgendermaßen beginnt: Von der Zentralleitung der sozialdemo⸗ kratischen Gewerkschaften wird eine spezialisierte Nachweisung veröffentlicht, wie viel Geldmittel für die Zwecke der Organisation im Jahre 1898 von den Mitgliedern der einzelnen Gewerkschaften aufgebracht und wozu sie verwandt worden sind. Diese Auf- stellung ist sehr lehrreich: sie weist nach, in welchem Umfang die Sozialdemokratie von ihrer Anhängerschaft Steuern erhebt, und wie viel von diesen Arbeitergroschen unter den Händen der Agitatoren zerinnt. Gelogen und verleumdet wie telegraphiert! Aber wir verzeihen dem Burschen, der den Waschzettel verfassen mußte; er wird bezahlt für das unsaubere Geschäft, ehrliche, bildungs⸗ hungrige Arbeiter zu beschimpfen. Geeignete Wahlmänner in allen Orten, die an der bevorstehenden Land⸗ tagswahl im Kreise Gießen⸗Land beteiligt sind, zu ermitteln, muß jetzt die Hauptaufgabe unserer Genossen setn. Es ist dringend er⸗ forderlich, daß alle in Betracht kommenden Dörfer auf der Konferenz in Lollar vertreten sind. Wünschens wert wäre auch, daß die Delegierten in Lollar bereits alle Wahlmänner namhaft machen könnten. Seid rührig, Parteigenossen! Es gilt diesmal, dem Landkreis Gießen mit seiner zahlreichen Arbeiter— bevölkerung die Vertretung im Landtag zu sichern, die ihm gebührt: eine sozialdemokratische. Die Antisemiten haben am Sonntag in Gießen eine Vertrauens männerversammlung abgehalten und als Kan⸗ didaten für die Landtagswahl im Landkreis Gießen den Redakteur Otto Hirschel in Offenbach aufgestellt. Es ist das derselbe ehe⸗ malige Architekt, den die Odenwälder im Jahre 1893 zum Reichstagsabgeordneten wählten. Aber einmal und nicht wieder, sagten sie sich und ließen ihn 1898 dermaßen im Stich, daß Hirschel nicht einmal in die Stichwahl kam. Glänzender wie Herr Hirschel ist niemals ein Abgeordneter von seinen eigenen früheren Wählern aus dem Reichstag hinausge⸗ worfen worden. Und der Mann wird jetzt dem Kreis Gießen⸗Land als Kandidat für den Landtag präsentiert. Die Herren Köhler und Giese scheinen die arbeitende Bevölkerung im ießener Kreis für dümmer zu halten wie die Odenwälder. Aber die Herren dürften sich sehr verrechnen. Wen die Odenwälder als un⸗ brauchbar ablehnen, der ist für den Kreis Gießen erst recht nicht zu brauchen. Herr Erdmannsdörffer, der höfliche. * Endlich, nach zehn Wochen, gesteht jetzt der national— sozlale Redakteur Erdmannsdörffer in Marburg wenigstens zu, daß er in der so oft erwähnten Marburger Volks⸗ versaumlung unsern Genossen Scheidemann„besucht“ hat. Er bestreitet aber immer noch, denselben aufge⸗ fordert zu haben, die Antisemiten„gehörig vorzunehmen.“ Na, viellelcht kommen wir Schritt für Schritt doch noch so weit, daß Herr Erdmannsdörffer sich in das Uuver— meidliche schickt und der vollständigen Wahrheit— wenn auch erst nach Ablauf von weiteren zehn Wochen— die Ehre giebt; wir haben Zeit und können warten. Doch hören wir Herrn E. selbst. Nachdem wir auf unsere in vorlger Nummer abgedruckte Aufforderung an ihn am Samstag, Montag und Dienstag Abend vergeblich auf eine Antwort gewartet hatten, schickten wir der R⸗daktton der„H. L.“ noch eine besondere Nummer unseres Blattes unter Kreuzband zu. Und daraufhin bequemte sich endlich Herr E. in seiner Donnerstags⸗ nummer zu einer Antwort. Er platzierte dieselbe im Briefkasten und adressierte sie an: Herrn Scheidemann in Gießen. Die Quintessenz seiner Antwort finden wir in folgenden Sätzen: „Ich wollte nichts weiter, als Ihnen, einem politischen Gegner, mit dem unsere Partei früher schon einmal(in Gießen) in loyaler Weise diskutirt hatte, eine Art Höflichkeitsbesuch machen. Selbstverständ⸗ lich hatte ich bei dieser Unterredung keinerlei part i⸗ politische oder sonstige Absichten, am aller wenigsten die, Sie etwa gegen die Antisemiten scharf zu machen. Wenn Sie derartiges aus meinen Worten herausge⸗ hört haben, so haben Sie sich eben geirrt. Bel Ihrem ja doch ganz gesunden Menschenver⸗ stande müssen Sie sich doch selbst sagen, daß ich, der ich den Kampf gegen die Antisemiten selbst und mit Material, das Ihnen nicht zur Seite steht, aufgenommen hatte längst bevor ich Sie kannte, nicht Sie gegen diese Leute zu Hilfe rufen werde, sondern mir diesen Kampf selbst zutraue. Ich habe zu Ihnen denn auch nichts weiter gesagt, als(dem Sinne nach):„Es sind heute viel Antisemiten hier, da wird es lebhafte Auseinander⸗ setzungen geben.“ Wenn Sie das als eine„Auffor⸗ derung“ an Sie betrachteten, die Antisemiten vorzunehmen, so ist das eben ein Irrtum, der mir zeigt, daß Sie kein großer Psychologe sind....“ Eine kläglichere Auskneiferei ist wohl niemals dage⸗ wesen. Aus Höflichkeit macht Herr Erdmannsdörffer in politischen Versammlungen seinen Gegnern Besuche! Wir haben nie Anspruch darauf gemacht„große Psycho— logen“ zu sein. Aber daß Herr Erdmannsdörffer auf den Gebieten der— Retirade und der Höflichkeit entschieden leistungsfähiger ist, wie auf dem der Psychologie, das unterliegt für uns leinem Zweifel mehr. Die Mög⸗ lichkeit übrigens, mit Herrn E. über Psychologie zu dis⸗ kutieren, halten wir solange für ausgeschlossen, als wir nicht in der Lage sind, ih m aus innerer Ueberzeugung das uns gemachte Kompliment bezüglich des„ganz ge⸗ sunden Menschenverstandes“ zurückgeben zu können. Wenn Herr Erdmannsdörffer im„Geiste“ noch ein⸗ mal all die mit uns gepflogenen Auseinandersetzungen durchkostet, sollte er sich ehrlicherweise sagen, daß er eine kolossale Dummheit begangen hat, als er in jener nationalsozialen Vereinsversammlung uns in der un⸗ gerechtfertigtsten und— unhöflich sten Weise ob unseres Berichtes über die von national⸗sozialer Seite ein⸗ berufene Vol ksversammlung angriff; uns angriff aus Aerger, weil wir— merkt auf ihr Psycho⸗ logen!— weil wir unsern Lesern Herrn Erdmanns⸗ dörffer als den Verfasser der lachhaft⸗blödsinnigen Bro⸗ schüre:„Die Juden und die Cholera“ vorgestellt hatten. Herr Erdmannsdörffer schämt sich jetzt, diese Arbeit verbrochen zu haben. Er würde gewiß große Opfer bringen, wenn es möglich wäre, die Entstehung der Broschüre auf einen mißverstandenen— Höflichkeits⸗ besuch zurückzuführen. Jedenfalls kann sich der höfliche Natkonalsozlale in Marburg merken, daß wir nach wie vor unhöflich genug sein werden, die Dummheiten unserer Gegner gebührend festzunageln. Thäten wir das nicht, so hätten wir das Zugeständnis des„ganz gesunden Menschenverstandes“ wahrlich nicht verdient. Aus Schlitz. e. Am Sonntag wurde hier eine Versamm⸗ lung zwecks Gründung eines sozialdemokratischen Vereins abgehalten. Der Besuch war ein guter und der Verein kam zu Stande. Vom Ge⸗ nossen Möller aus Sulz, einem Zenger, wurden 3 Mk. für den Verein gestiftet, für die wir an dieser Stelle bestens danken. Lesen und— nicht staunen. * Ein Wetzlarer Blatt teilt das welt⸗ erschütternde Ereignis mit, daß „unter der bewährten liebenswürdigen Führung des Herrn Kammerrats Bingel eine Anzahl Damen und Herrn aus Braunfels und von auswärts am 16 d. Mts. einen herrlichen gelungenen Ausflug, teils zu Fuß, teils zu Wagen über Leun zur Dianaburg und nach Schloß Grafenstein“ unternahmen. Es wird weiter versichert, daß der Ausflug den„denkbar besten Verlauf“ genommen und eine Auanasbowle vor üglich geschmeckt habe. Wunderschön soll es namentlich auf der Höhe der Dianaburg gewesen sein. Doch hören wir, was das Wetzlarer Blatt wörtlich weiter vermeldet: Hier gedachte in dankbarer Erinnerung einer der älteren Theilnehmer an der Fahrt des Fürsten Ferdinand von Solms-Braunfels, der in dieser herrlichen Umgebung zur Jagd oft wochen⸗ lang auf der Burg geweilt, wovon mancherlei Jagd⸗ Trophäen im Innern der Burg ein beredtes Zeugniß ablegen. Dem Hause Solms galt vor Allem ein von allen Seiten mit dem lebhafteste! Beifall aufgenommenes Hoch, das zum Ausdruck brachte, was die Herzen der Zeugen peer ernie 5 Fahrt dankbar bewegte.“ Gott, was giebt's doch für gute Menschen! Weil der Fürst in jener Gegend Hasen, Rehe und vermutlich auch Böcke geschossen und seine Jagdtrophäen in der Dianaburg aufgehängt hat, sind die Herzen jener Damen und Herren freudig bewegt! Wie wär's mit einer Gedenk⸗ tafel in jenem Wald? Ein streikender Magistrat. Aus Fulda wird unterm 21. August berichtet: Hier wird heute weder vom Dreyfus⸗Prozeß, noch von der abgelehnten Kanalvorlage, sondern nur von der Amtsniederlegung des gesammten Magistrats einschließlich des Oberbürgermeisters Dr. Antoni gesprochen. Als Ursache dieses Entschlusses, wird die Meinungsverschiedenheit zwischen Magistrat und Stadtverordnetenver⸗ sammlung hinsichtlich einer in der Sitzung vom 10. April erfolgten Aeußerung angegeben. Es ist aber sicher, daß auch andere Ursachen mit⸗ gewirkt haben. Schon längere Zeit besteht bei einem Theil der Stadtverordneten eine hoch⸗ gradige Verstimmung wegen der ungünstigen Veränderung in den finanziellen städtischen Ver⸗ hältnissen, die u. A. durch die bedeutenden Mehrkosten des Saalbaues gegen den Voran schlag— es sollen jetzt mindestens 180,000 Mark anstatt der veranschlagten 90,000 Mk. erforderlich sein— noch wesentlich verschärft worden ist. Der Umstand, das jetzt sogar An⸗ leihen zu hohem Zinsfuß auch für die sog. Luxuszwecke gemacht werden müssen, während solche früher nur für wirklich produktive Aus⸗ gaben, wie Gasfabrik und Wasserleitung, er⸗ folgten, hat die Anhänger der früheren Ver⸗ waltungsweise wohl am Empfindlichsten berührt und sicher dazu beigetragen, eine unbedeutende Meinungsverschiedenheit zu einem kritischen Ende zu führrn. Den unmittelbaren Anlaß zum Entschluß des Magistrats soll die Form einer in der Sitzung der Stadtverordneten am 14. August beschlossenen Antwort an den Magist⸗ rat gegeben haben. Vierte Klasse. „Ein dringendes Bedürfnis macht sich immer mehr in den Eisenbahnwagen vierter Klasse fühl⸗ bar, die Anbringung von Klosets. Die vierte Klasse, die am meisten benutzt wird, entbehrt diese so notwendige Einrichtung vollständig. Der Aufenthalt auf den Zwischenstationen ist meist so kurz, daß es niemand wagen kann, zu solchem Zwecke den Zug zu verlassen, zumal da die Aborte auf den Bahnhöfen meist ungünstig liegen. Wie fühlbar ist der Mißstand vollends für Reisende mit kleinen Kindern. Die Anbringung von Klosets dürfte sich bei dieser Klasse leicht ermöglichen lassen, und es würde dadurch der Schädig ung von Gesundheit wirksam en Die Reisenden vierter Klasse sind ebenso enschen wie die andern. Die finanzielle Frage kann wohl hier zu Schwierigkeiten nicht führen, da gerade die vierte Klasse enorme Ueberschüsse her⸗ beiführt.“— So die meisten uns zu Gesicht gekommenen Blätter. Wir glauben nicht, daß der ausgesprochene Wunsch so bald erfüllt wird. Die Ueberschüsse, die die 4. Klasse abwirft, werden teils für Mordwaffen gebraucht, teils werden davon die luxuriösen Einrichtungen der 1. und 2. Klasse bestritten. Die Eisenbahn ist ein vorzügliches Spiegelbild der Klassengegen⸗ sätze. Die Masse fährt 4. Klasse und zahlt die Bequemlichkeiten der wohlhabenderen Reisenden mit. Häufig sehen die Wagen der 4. Klasse Schweineställen viel mehr ähnlich, als einem Aufenthaltsort für Menschen. Unserer festen Uleberzeugung nach sind die Eisenbahnwagen 4. Klasse wahre Brutherde für übertragbare Krankheiten, vor allem der Tuberkulose. Der Eisenbahnminister Thielen sollte einmal Deutsch⸗ land in einem Wagen 4. Klasse durchreisen, dann würde er schnell dahinterkommen, wie viel zu thun ist, die 4. Klasse⸗Wagen halb⸗ wegs menschlich und zeitgemäß einzurichten. Krieg im Frieden. Aus Mainz wird berichtet: Bei einer Ge. fechtsübung vor dem Kaiser führte am Montag das 13. Husarenregiment auf das 168. In⸗ — — fanterieregiment eine heftige Attacke aus, bei icht. Pu, donde fammten meiseeß . diese* jedenheh setenher⸗ 0 ung bol 6 i. 0 en mit, feht be le hoch fünstige hen Mer⸗ eütenden Vora 180,000 00 Ml. serschülf gar Af die o. währe ibe Au Ang, el⸗ ren Ver i berühn edeuten hen Ele laß zun em eilen am 1. Magi ch immel asse füh. rte flass hrt diet ig. N. ist ne 1 solchn, I da M. tig lig ends fü. nbtinguß asse lh durch M. orgebas. Mensch rage lol, iin chte 60 icht/ M fil vn der ein Hanptmann und ein Soldat schwere Nr. 35. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Verwundungen davontrugen. Der erste erhielt n. d. einen Lanzenstich; der Soldat ist minder ugerichtet. Ferner ging eine Reaimentsfahne 5 Fetzen. Weiter wurde ein 27er Artillerist durch ein Holzgeschoß derart am Kopfe verletzt, daß er noch abends im Militärlazarett ver⸗ star b. Kenner versichern, daß im Ernstfalle bei dieser Attacke kein Husar lebend bis zur Infanteriekolonne gekommen wäre. Zur Dienstboten behandlung. Ein geradezu empörender Vorfall wird von der„Staatsb.⸗Ztg.“ aus Berlin berichtet: Da⸗ nach war dem in der Genthinerstraße 15 woh⸗ nenden Kaufmann Frank, der sich mit seiner Familie im Bade befindet, die verleumderische Nachricht hinterbracht worden, daß sein Dienst⸗ mädchen in den Kleidern ihrer„Madame“ aus⸗ gehe. Frank reiste auf diese Mitteilung hin nach Berlin zurück, stellte sein Dienstmädchen, die 21 jährige Johanna T., zur Rede und ver⸗ langte von ihr, sie solle ihr Hemd zeigen. Als das Mädchen durch das auf dem Einsatz befindliche Monogramm bewies, daß das Hemd ihr gehöre, verlangte Frank ihre vollsiändige Entkleidung, und thatsächlich setzte er es durch, das nach wenigen Minuten die T. trotz ihrer Weigerung wirklich bis aufs Hemd entkleidet vor Frank stand. Aber auch diese letzte Hülle mußte fallen. Frank riß sie dem Mädchen trotz engerischen Widerstandes vom Leibe, so daß dieses nun völlig unbekleidet vor ihm stand. Jetzt mußte die Unglückliche dem Frank ins Nebenzimmer folgen. Hier lag ein Rohrstock bereit, und mitten im Zimmer stand ein Holz⸗ schemel. Ueber diesen sollte sich die T. legen. Als sie dies nicht thun wollte, ergriff sie Frank, riß sie über seine Kniee und züchtigte sie mit dem Stock, bis sie fast das Bewußtsein verlor. Dann erst hatte der„Rächer seiner Hausehre“ seiner„Entrüstung“ Genüge gethan. Einige Stunden später aber fügte er seinem bisherigen Verhalten noch hinzu, daß er sich durch Augen⸗ schein von der Wirkung seiner Züchtigung über⸗ zeugte. Aus Scham unterließ es die T., sofort Anzeige zu erstatten. Erst am folgenden Tage begab sie sich zu dem in der Winterfeldstraße 33 wohnhaften Sanitätsrath Dr. Stolzenberg, der sie untersuchte. Er fand, dem von ihm aus⸗ gestellten Zeugniß zufolge, das Gesäß teilweise mit blauroten Striemen bedeckt, teilweise gänz⸗ lich blauverfärbt und blutunterlaufen. Durch die Mißhandlung war die T., die sich unter den Schutz des Fröbelhauses begeben hat, für kurze Zeit dienstunfähig. Jetzt hat sie gegen Frank, der sich mit dem empörenden Einwand entschuldigt, daß er sich nur eine„väterliche Züchtigung“ gestattet habe, auf zivilrecht⸗ lichem Wege ihre materiellen Ansprüche geltend emacht, doch dürfe die Sache auch strafrecht⸗ ich noch ein Nachspiel haben. Kleine Mitteilungen. * In Wieseck kam am Sonntag ein aus Westfalen zu Besuch anwesender Mann mit einem Gießener Wirt in Streit. Im Verlauf desselben zog ersterer das Messer und versetzte dem Wirt 7 Stiche. Glücklicherweise sind die Wunden durchweg ungefährlicher Natur, sodaß der Verletzte keinen dauernden Schaden davon⸗ tragen wird. Der Messerheld wurde sofort ver⸗ haftet. In Wieseck herrschte ob des Vorfalls große Erbitterung, weil gedankenlose Leute nur zu leicht geneigt sind, für die Rüpeleien eines einzelnen gleich das ganze Dorf verantwortlich zu machen. Der Streit spielte sich nicht etwa auf der Kirchweih ab, die in gewohnter Weise auf das schönste verlies. In Wieseck verunglückte am Donners⸗ tag ein junger Mann von 18 Jahren an der Dreschmaschine. Dem Bedauernswerten wurde ein Fuß zermalmt. 5 In Portugal ist die Beulen pest einge⸗ schleppt. Es sind in den europäischen Ländern Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um eine we tere Verschleppung zu verhüten. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 3. September, pünktlich 1 uhr Mittags: im großen Weinrich'schen Saale in Lollar Kreis- Konferenz für den Wahlkreis Giesen ⸗ Grünberg ⸗Nidda. Sonntag, den 10. September: Landes-⸗Konfereuz in Mainz. Restauration„Zur Wanz.“ Tagesordnung siehe Nr. 33 der M. S.⸗Ztg. Die Delegirten werden freundl. gebeten, dem Unter⸗ zeichneten nach ihrer Wahl umgehend Mittheilung zu⸗ gehen zu lassen, gleichzeitig mit dem Bemerken, ob ge⸗ meinschaftlicher Mittagstisch erwünscht ist oder nicht. Ferner sind alle auf die Konferenz bezügl. Briefe ꝛc an den Unterzeichneten zu richten. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Mainz. J. A.: Val. Liebmann, Boppstr. 14. Zur Landeskonferenz. Die Kreis⸗Vertrauens⸗ männer bezw. die Vorstände der Organisationen wollen sich behufs Erlangung der Mandatsformulare an Gen. C. Orbig, Gießen, Rittergasse 17, wenden. Zur Landeskonferenz. Auf Veranlassung der Gießener Genossen wurde in die Tagesordnung der am 10. September in Mainz stattfindenden Landeskonferenz als Punkt 5 eingeschaltet: „Die die Partei beschäftigenden taktischen Streit⸗ fro gen.“ Das Referat hat Gen. Dr. David übernommen. Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Der Kreis⸗ vertrauensmann Bock quittiert über M. 243.33 Einnahme und weist M. 156.20 Ausgaben nach, sodaß der Kassenbestand M. 87.13 beträgt. Er bittet die noch rüdständigen Orte um sofortige Begleichung ihrer Beiträge. Für die Landtagswahl Mk. 2.— von Steinhauer. Der Vertrauensmann. Für die ausgesperrten dänischen Arbeiter M. 8.— von Wieseck. Das Kartell. Schlitz. In der konstituierenden Versammlung (siehe Bericht in heutiger Nummer) wurde der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins wie folgt zusammen⸗ gesetzt: Vorsitzender: Wilh. Paul, Kassirer: Chr. Lang, Schriftführer: Adam Lang.— Jetzt muß eifrig ge⸗ arbeitet werden, dämit der Verein sich kräftigt entwickelt. In Han au starb am Samstag unser alter Partei⸗ genosse Mathias Daßbach, der erst am 13. August seinen 70. Geburtstag unter reger Anteilnahme der dortigen Genossen gefeiert hat. Schon als Jüngling von 18 Jahren hat der Verstorbene als Turner für des Volkes Freiheit gekämpft. Er mußte deswegen ins Ausland flüchten. Seit der Zeit, da Lassalle die Fahne der modernen Arbeiterbewegung entfaltete, kämpfte er in den Reihen des Proletariats für dessen Befreiung und stellte seine Kraft der Partei bis zu seinem letzen Atem⸗ zuge zur Verfügung. Ehre seinem Andenken! An der Beerdigung Daßbach nahm Gen. Orbig⸗Gießen für die Sozialdemokraten in Oberh essen Teil. Er legte am Grabe einen Lorbeerkranz mit roter Schleise nieder. Eingesandt. Dachdecker in Gießen und Wetzlar schließt Euch dem Verband an. In einzelnen Ortsvereinen organisiert, könnt Ihr nicht viel leisten. Vereinte Kräfte führen zum Ziel. Geht Mann für Mann in den Ver⸗ band der deutschen Dachdecker! Vorfitzender desselben ist: Georg Diehl, Frankfurt a. M., Brücken str. 31. Wetzlar, 22. August 1899. Ein Kollege. Briefkasten der Redaktion. D. ⸗Alsf. Bericht war schon von anderer Seite eingegangen und auch bereits gesetzt, als Ihr ausführ⸗ licherer Bericht kam. Besten Dank! Mbg. Wo bleibt denn der verspr. Bericht. Treu“ verbummelt? Briefkasten der Expedition. 1 den, 8 4 2 DD e Unterhaltungs⸗Ceil. Gesang der Geister über den Wassern. Von Wolfgang Goethe. Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Sur Erde muß es Ewig wechselnd. Strömt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Sum glatten Fels, And leicht empfangen, Wallt er verschleiernd Leisrauschend Sur Tiefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise Sum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wiesenthal hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne. Wind ist der Welle Cieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen. Seele des Menschen, Wie gleichst du den Wassern! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind! Goethe. Zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages. Von Eleutherophilos. (Fortsetzung). Wir wollen im Folgenden unseren Lesern zunächst eine knappe Darstellung seines Lebens vorführen und sodann eine kurze Würdigung derjenigen seiner Werke anfügen, die von dem höher„strebenden und feiner empfindenden“ Manne aus dem Volke auch schon unter den heutigen Verhältnissen übermäßigen, abstumpfen⸗ den Arbeitsdruckes und unverschuldeter, mangel⸗ hafter Vorbildung einigermaßen mit Verständnis und Genuß gelesen werden können. ** * Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749 zu Frankfurt a. M. geboren. Was er seinen Eltern— sein Vater war kaiser⸗ licher Rat und die viel jüngere Mutter Tochter des Stadtschultheißen— verdankt, lehren uns seine schönen Verse: Vom Vater hab' ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Vom Mütterchen die Frohnatur, Die Lust zu fabulieren. Während einer überaus heiteren Kindheit nahm der ungemein talentvolle Knabe An⸗ regungen und Wissen in reichster Fülle in sich auf. Vom 16. Jahre ab studierte der schöne, geistsprühende Jüngling in Leipzig und Straß⸗ burg, nach dem Wunsche seines Vaters Rechts⸗ wissenschaft, seinem eigenen Geschmack ent⸗ sprechend aber mehr Litteratur und Kunst. Ein darauffolgender kurzer Aufenthalt am damaligen Reichskammergericht in Wetzlar führte ihn 1772 gelegentlich auch nach Gießen, wo er den bekannten Rechtslehrer Professor Höpfner im späteren Ricker'schen Hause(Ecke Neue Bäue und Sonnenstraße) besuchte. Seine Jugend⸗ werke„Götz von Berlichingen“ und, Die Leiden des jungen Werther“ machten ihn kurz darauf Raummangels wegen Quittungen in nächster Nummer. mit einem Schlage in ganz Deutschland be⸗ —— — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. rühmt. 1775 zog ihn der junge Herzog Carl August an seinen Hof nach Weimar, und hier verbrachte er, abgesehen von manchen Reisen, sein weiteres Leben. Von einem fast zwei⸗ jährigen Aufenthalt in Italien(1786— 1788) urückgekehrt, als innerlich abgeklärter, reifer, durchbildeler Mann, auf der Höhe genialer Leistungskraft, entfaltete er mit Schiller zu⸗ sammen jene ruhmvolle dichterische Thätigkeit, die für alle Zeiten auf die kleine thüringische Residenz einen besonderen Glanz geworfen hat. Außerdem war er in verschiedenen Verwaltungs⸗ zweigen unaufhörlich wirksam und wurde schließ⸗ lich weimarischer Staatsminister. Nach langem, bis ans Ende leistungsfähigem und arbeits⸗ freudigem Leben starb er am 22. März 1832, fast 83 Jahre alt. * * * Was macht Goethes Dichtungen so lebendig und wirkungsvoll? Was verleiht ihnen eine so wunderbare Jugendfrische? Warum glaubt jeder, der seine Lieder liest, sich in seine Schauspiele und Erzählungen vertieft, Aehnliches erlebt, Aehnliches empfunden zu haben? Wie kommt es, daß wir oft meinen, wenn wir uns in seine Poesie und seine Prosa versenken, er habe diesen und jenen Gedanken, diese und jene Empfindung eigens für uns geäußert, uns ge⸗ radezu aus der Seele gesprochen? Das kommt daher, daß dieser reich⸗ und tiefbegabte Mensch selten mit kühler Verstandesüberlegung sozusagen vom Schreibtische aus schrieb, sondern meist nur einem inneren Drange folgend seine Ge⸗ danken und Empfindungen ausströmen ließ, und daß ihm eine wundersame, kaum je von einem anderen Dichter erreichte sinnliche Frische, natürliche Kraft und einfache Deutlichkeit des Ausdrucks zu Gebote stand. Wie oft müssen wir uns bei Goethe froh erstaunt und entzückt sagen: Ja, gerade so und um kein Wort anders mußte dies und das ausgedrückt werden, um schön zu sein, um solches Verständnis zu erzielen und verwandte Saiten beim Leser an⸗ klingen zu lassen! Jedes seiner Werke ist, was die allgemeine Begebenheit anlangt, die in ihm geschildert wird, und die allgemeine Stimmung, die über ihm liegt, bevor es der Dichter in Worte faßte, gleichsam von ihm erlebt worden; es schließt sich eng an das an, was er im eigenen Entwicklungsgang an Lebenserkenntnis durchdacht und gewonnen, an Lebensleidenschaft durchlostet und empfunden hat. Jedes Werk ist bei Goethe verarbeitetes Eigenleben; er selbst will seine Dichtungen als„Bruchstücke einer großen Lebensbeichte“ aufgefaßt wissen, und da er stets ein Gedanken- und Empfindungsleben ins Große führte und in diesem stets bedeu⸗ tenden inneren Leben immer das Harmonische als Ziel vor Augen hatte— sollen wir doch, wie er in dem gedankentiefen Lied sagt, das in der vorigen Nummer dieser Aufsatzreihe vor⸗ gedruckt wurde,„unablässig streben, uns vom alben zu entwöhnen und im Ganzen, Guten, Schönen resolut zu leben“— so ist denn auch der Inhalt seiner Dichtungen meist groß und bedeutsam. Wir hoffen, daß durch die folgen den knappen Erläuterungen über Inhalt und Vorzüge der einzelnen Dichtungen mancher Leser der Mittel- deutschen Sonntags-Zeitung angeregt werde, selbst Goethe in die Hand zu nehmen. Hat doch den Gedanken- und Empfindungsgehalt seiner tiefsten Dichtung der Frankfurter Bürgersohn als geniales Kind seines Volkes in letzter Linie den Bedürfnissen der Volksseele abgelauscht und von ihrem Hauche umwehen lassen! Die billige Reklamsche Ausgabe— 20 Pfg. das Bändchen— ist leicht von jedem Buchhändler zu beziehen. (Fortsetzung folgt.) Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (7. Fortsetzung.) Der Tag brach eben an und die ganze Stadt schlief noch, als er an die Thür der kleinen, in der Pirnaischen Vorstadt gelegenen Besitzung, die ihm durch die Rechtschaffenheit des Amtmanns übrig geblieben war, anklopfte, und Thomas dem alten die Wirtschaft führenden Hausmann, der ihm mit Erstaunen und Bestürzung auf⸗ machte, sagte: er möchte dem Prinzen von Meißen auf dem Gubernium melden, daß er, Kohlhaas der Roßhändler da wäre. Der Prinz von Meißen, der auf diese Meldung für zweckmäßig hielt, augenblicklich sich selbst von dem Verhältniß, in welchem man mit diesem Mann stand, zu unterrichten, fand, als er mit einem Gefolge von Rittern und Troßknechten bald darauf erschien, in den Straßen, die zu Kohlhaasens Wohnung führten, schon eine schier unermeßliche Menschenmenge ver⸗ sammelt. Die Nachricht, daß der Würgengel da sei, der die Volksbedrücker mit Feuer und Schwert verfolge, hatte ganz Dresden, Stadt und Vorstadt auf die Beine gebracht; und mußte die Hausthür vor dem Andrang des neugierigen Haufens verriegeln, und die Jungen kletterten an den Fenstern heran, um den Mord⸗ brenner, der darin frühstückte, in Augenschein zu nehmen. Sobald der Prinz mit Hülfe der ihm Platz machenden Wache in's Haus gedrungen und in Kohlhaasens Zimmer getreten war, fragte er diesen, welcher halb entkleidet an einem Tische stand: ob er Kohlhaas der Roßhändler wäre? worauf Kohlhaas, indem er eine Brief⸗ tasche mit mehreren über sein Verhältniß lauten⸗ den Papieren aus seinem Gurt nahm, und ihm ehrerbietig überreichte, antwortete: ja! und hin⸗ zusetzte: er finde sich nach Auflösung seines Kriegshaufens, der ihm ertheilten landesherr⸗ lichen Freiheit gemäß, in Dresden ein, um seine Klage der Rappen wegen gegen den Junker Wenzel von Tronka vor Gericht zu bringen. Der Prinz, nach einem flüchtigen Blick, womit er ihn von Kopf zu Fuß über⸗ schaute, durchlief die in der Brieftasche befind— lichen Papiere; ließ sich von ihm erklären, was es mit einem von dem Gericht zu Lützen ausgestellten Schein, den er darin fand, über die zu Gunsten des kurfürstlichen Schatzes gemachte Deposition für eine Bewandtniß habe, und nachdem er die Art des Mannes noch durch Fragen mancherlei Gattung, nach seinen Kindern, seinem Vermögen und der Lebensart, die er künftig zu führen denke, geprüft, und überall so, daß man wohl seinetwegen ruhig sein konnte, befunden hatte, ab er ihm die Briefschaften wieder und sagte: aß seinem Prozeß nichts im Wege stünde, und daß er sich nur unmittelbar um ihn einzuleiten, an den Großkanzler des Tribunals Grafen Wrede selbst wenden möchte. Inzwischen sagte der Prinz nach einer Pause, indem er an's Fenster trat und mit großen Augen das Volk, das vor dem Hause versammelt war überschaute: du wirst auf die ersten Tagen eine Wache an⸗ nehmen müssen, die dich in deinem Hanse so⸗— wohl als wenn du ausgehst schütze! Kohlhaas sah betroffen vor sich nieder und schwieg. Der Prinz sagte:„gleichviel!“ indem er das Fenster wieder verließ.„Was daraus entsteht, du hast es dir selbst beizumessen;“ und damit wandte er sich wieder nach der Thür, in der Absicht das Haus zu verlassen. Kohlhaas, der sich besonnen hatte, sprach: Gnädigster Herr! thut was ihr wollt! Gebt mir euer Wort, die Wache sobald ich es wünsche wieder aufzuheben: so habe ich gegen diese Maßregel nichts einzuwen⸗ den! Der Prinz erwiderte: das bedürfe der Rede nicht; und nachdem er drei Landsknechten, die man ihm zu diesem Zweck vorstellte, bedeutet hatte: daß der Mann, in dessen Hause sie zurück⸗ geblieben, frei wäre, und daß sie ihm bloß zu seinem Schutz, wenn er ausginge folgen sollten, grüßte er den Roßhändler mit einer herablasseu⸗ den Bewegung der Hand, und entfernte sich. Gegen Mittag begab sich Kohlhaas, von seinen drei Landsknechten begleitet, unter dem Gefolge einer unabsehbaren Menge, die ihm aber auf keine Weise, weil sie durch die Polizei gewarnt war, etwas zu Leide that, zu dem Großkanzler des Tribunals Grafen Wrede. Der Großkanzler, der ihn mit Milde und Freund⸗ lichkeit in seinem Vorgemach empfing, unterhielt sich während zwei ganzer Stunden mit ihm, und nachbem er sich den ganzen Verlauf der Sache, von Anfang bis zu Ende hatte erzählen lassen, wies er ihn zur unmittelbaren Abfassung und Einreichung der Klage an einen bei dem Gericht angestellten, berühmten Advocaten der Stadt. Kohlhaas, ohne weiteren Verzug, verfügte sich in dessen Wohnung, und nachdem die Klage, ganz der ersten niedergeschlagenen gemäß, auf estrafung des Junkers nach den Gesetzen, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und Ersatz seines Schadens sowohl, als auch dessen, den sein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse erlitten hatte, zu Gunsten der alten Mutter desselben, aufgesetzt war, begab er sich wieder, unter der Begleitung des ihn immer noch angaffenden Volks, nach Hause zurück, wohl entschlossen es anders nicht, als nur wenn nothwendige Geschäfte ihn riefen zu verlassen. 1 Nr. 23. 9 Inzwischen war auch der Junker seiner Haft in Wittenberg entlassen, und nach Herstellung von einer gefährlichen Rose, die seinen Fuß ent⸗ zündet hatte, von dem Landesgericht unter peremtorischen Bedingungen aufgefordert worden, sich zur Verantwortung auf die von dem Roß⸗ händler Kohlhaas gegen ih eingereichte Klage, wegen widerrechtlich abgenommener und zu Grunde gerichteter Rappen in Dresden zu stellen. Die Gebrüder Kämmerer und Mund⸗ schenk von Tronka, Lehnsvettern des Junkers, in deren Hause er abtrat, empfingen ihn mit der größten Erbitterung und Verachtung; sie nannten ihn einen Elenden und Nichtswürdigen, der Schande und Schmach über die ganze Familie bringe, kündigten ihm an, daß er seinen Prozeß nun unfehlbar verlieren würde, und forderten ihn, nur gleich zur Herbeischaffung der Rappen, zu deren Dickfütteruug er zum Hohn⸗ gelächter der Welt verdammt werden würde, Anstalt zu machen. Der Junker sagte mit schwacher zitternder Stimme: er sei der be⸗ jammernswürdigste Mensch von der Welt. Er verschwor sich, daß er von dem ganzen ver⸗ wünschten Handel, der ihn in's Unglück stürze nur wenig gewußt, und daß der Schloßvoigt und der Verwalter an Allem Schuld wären, indem sie die Pferde ohne sein entferntestes Wissen und Wollen bei der Ernte gebraucht uld durch unmäßige Anstrengungen zum Theil auf ihren eignen Feldern zu Grunde gerichtet hätten. Er setzte sich, indem er dies sagte, und bat ihn nicht durch Kränkungen und Beleidigungen in das Uebel, von dem er nur so eben erst er⸗ standen sei, mutwillig zurückstürzen. a Am andern Tage schrieben die Herren Hinz und Kunz, die in der Gegend der eingeäscherten Tronkenburg Güter besaßen, auf Ansuchen des Junkers ihres Vetters, weil doch nichts anders uͤbrig blieb, an ihre dort befindliche Verwalter und Pächter, um Nachricht über die an jenem unglücklichen Tage abhanden gekommenen und seitdem gänzlich verschollenen Rappen einzuziehen. Aber Alles, was sie bei der gänzlichen Ver⸗ wüstung des Platzes und Niedermetzelung fast aller Einwohner erfahren konnten, war, daß ein Knecht sie, von den flachen Hieben des Mordbrenners getrieben, aus dem brennenden Schuppen, in welchem sie standen gerettet, nach⸗ her aber auf die Frage, wo er sie hinführen und was er damit anfangen solle, von dem grimmigen Wüterich einen Fußtrilt zur Antwort erhalten habe. Die alte von der Gicht geplagte Haushälterin des Junkers, die sich nach Meißen geflüchtet hatte, versicherte demselben auf eine schrifstliche Anfrage, daß der Knecht sich am Morgen jener entsetzlichen Nacht mit den Pfer⸗ den nach der brandenburgischen Grenze gewandt habe; doch alle Nachfragen, die man daselbst anstellte waren vergeblich, und es schien dieser Nachricht ein Irrthum zum Grunde zu liegen, indem der Junker keinen Knecht hatte, der im Brandenburgischen oder auch nur auf der Straße dorthin zu Hause war. Mäuner aus Dresden, die wenige Tage nach dem Brande der Tronkenburg in Wilsdruf gewesen waren, sagten aus, daß um die benannte Zeit ein Knecht mit zwei an der Halfter gehenden Pferden dort angekommen und die Thiere, weil sie sehr elend gewesen wären und nicht weiter fortgekonnt hätten, im Kuhstall eines Schäfers, der sie wieder hätte aufbringen wollen, stehen gelassen hätte. Es schien mancherlei Gründe wegen sehr möglich, At. 2 dab die wall! l/ 1 l 1, 75 lit sagle,9 berschie druf be Die endu 5 ern Junfel Ställe, shrigel, ten 9. diesen! 10 5 Lehns⸗ Gericht weitlal er sagt fall ab ersucht. uusorsc aufzuf Wiede Kamm Deng Dara Wilsd und gebun glück ehrlic aus 8 des bestin Man Tro Stad gleitu kaffte um si zugeh abzun wie l einen größe Schal Karre bickber zuruf der E Wären herum Thier wollen das Haas Kämn uf i Wesen er sti zurüch ob d bon Ven Geric der e War Kalt. 76 Hlede sagte ware liche f h Wisse hu mi ng; si digen, ganze einen e, und ung dat Hohl, Würde, te mit er he⸗ lt. Er n bek⸗ stürze p boigt Wären, nestes raucht Thel erichtet te, und gungen elst er n Hilh scheltel en des andelz Twallel jenen en uf ziehel. 1 Ml ctelug al, dab en de endeh t, nach führe N delt Iulwol log Meißel uf eile Nr. 35. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. daß dies die in Untersuchung stehenden Rappen waren; aber der Schäfer aus Wilsdruf hatte sie, wie Leute die dorther kamen, versicherten, schon wieder, man wußte nicht an wen verhandelt; und ein drittes Gerücht, dessen Urheber unentdeckt blieb, sagte gar aus, daß die Pferde bereits seitdem verschieden, und in der Knochengrube zu Wils— druf begraben wären. Die Herren Hinz und Kunz, denen diese Wendung der Dinge, wie man leicht begreift, die erwünschteste war, indem sie dadurch bei des Junkers ihres Vetters Ermangelung eigener Ställe, der Notwendigkeit die Rappen in den ihrigen aufzufüttern, überhoben waren, wünsch⸗ ten gleichwohl völliger Sicherheit wegen, diesen Umstand zu bewahrheiten. Herr Wenzel von Tronka erließ demnach, als Erb-, Lehns⸗ und Gerichtsherr, ein Schreiben an die Gerichte zu Wilsdruf, worin dieselben nach einer weitläufigen Beschreibung der Rappen, die wie er sagte, ihm anvertraut und durch einen Uu⸗ fall abhanden gekommen wären, dienstfreundlichst ersuchte, den dermaligen Aufenthalt derselben zu erforschen, und den Eigner wer er auch sei aufzufordern und anzuhalten, sie gegen reichliche Wiedererstattung aller Kosten in den Ställen des Kämmerers Herrn Kunz zu Dresden abzuliefern. Demgemäß erschien auch wirklich wenige Tage darauf der Mann, an den sie der Schäfer aus Wilsdruf verhandelt hatte, und führte sie dürr und wankend, an die Runge seines Karrens gebunden, auf den Markt der Stadt; das Un⸗ glück aber Herrn Wenzels und noch mehr des ehrlichen Kohlhaas wollte, daß es der Abdecker aus Döbel war. Sobald Herr Wenzel in der Gegenwart des Kämmerers seines Vetters durch ein un⸗ bestimmtes Gerücht vernommen hatte, daß ein Mann mit zwei schwarzen aus dem Brande der Tronkenburg entkommenen Pferden in der Stadt angelangt sei, begaben sich beide in Be⸗ gleitung einiger aus dem Hause zusammenge⸗ rafften Knechte auf den Schloßplatz, wo er staad, um sie demselben, falls es die dem Kohlhaas zugehörigen wären, gegen Erstattung der Kosten abzunehmen und nach Hause zu führen. Aber wie betreten waren die Ritter, als sie bereits einen von Augenblick zu Augenblick sich ver— größernden Haufen von Menschen, den das Schauspiel herbeigezogen, um den zweirädrigen Karren, an dem die Thiere befestigt waren, er— bickten; unter unendlichem Gelächter einander zurufend, daß die Pferde schon, um derenthalben der Staat wanke, an den Schinder gekommen wären! Der Junker, der um den Karren herumgegangen war und die jämmerlichen Thiere, die alle Augenblicke sterben zu wollen schienen, betrachtet hatte, sagte verlegen: das wären die Pferde nicht, die er dem Kohl⸗ haas abgenommen; doch Herr Kunz der Kämmerer einen Blick sprachlosen Grimms voll auf ihn werfend, der wenn er von Eisen ge⸗ wesen wäre ihn zerschmettert hätte, trat, indem er seinen Mantel, Orden und Kette entblößend zurückschlug, zu dem Abdecker v eran, und fragte: ob das die Rappen wären, die der Schafer von Wilsdruf an sich gebracht, und der Junker Wenzel von Tronka, dem sie gehörten, bei den Gerichten daselbst requirirt hätte? Der Abdecker, der einen Eimer Wasser in der Hand, beschäftigt war einen dicken wohlbeleibten Gaul, der seinen Karren zog, zu tränken, sagte:„die schwarzen?“ — Er streifte dem Gaul, nachdem er den Eimer niedergesetzt, das Gebiß aus dem Maul und sagte:„die Rappen, die an die Runge gebunden wären, hätte ihm der Schweinehirte von Hai⸗ nichen verlauft; wo der sie her hätte und ob sie von dem Wilsdrufer Schäfer kämen, das wisse er nicht. Ihm hätte,“ sprach er, während er den Eimer wieder aufnahm und zwischen Deichsel und Knie stemmte:„ihm hätte der Gerichtsbote aus Wilsdruf gesagt, daß er sie nach Dresden in das Haus derer von Tronka bringen solle; aber der Junker an den er ge⸗ wissen sei, heiße Kunz.“ Bei diesen Worten wandte er sich mit dem Rest des Wassers, den der Gaul im Eimer übrig gelassen hatte, und schüttete ihn auf das Pflaster der Straße aus. Der Kämmerer, der von den Blicken der hohn⸗ lachenden Menge umstellt, den Kerl der mit empfinduugslosem Eifer seine Geschäfte betrieb, nicht bewegen konnte, daß er ihn ansah, sagte: daß er der Kämmerer Kunz von Tronka wäre; die Rappen aber, die er an sich bringen solle, müßten dem Junker seinem Vetter gehören, von einem Knecht, der bei Gelegenheit des Brandes aus der Tronkenburg entwichen, an den Schäfer zu Wilsdruf gekommen, und ursprünglich zwei dem Roßhändler Kohlhaas zugehörige Pferde sein! Er fragte den Kerl, der mit gespreizten Beinen dastand und sich die Hosen in die Höhe zog: ob er davon nichts wisse? Und ob sie der Schweinehirte von Hainichen nicht vielleicht, auf welchen Umstand Alles ankomme, von dem Wilsdrufer Schäfer oder von einem Dritten, bat fte F erseits von demselben gekauft, erstanden ätte?— Der Abdecker, der sich an den Wagen gestellt und sein Wasser abgeschlagen hatte, sagte:„er wäre mit den Rappen nach Dresden bestellt, um in dem Hause derer von Tronka sein Geld dafür zu empfangen. Was er da vorbrächte, verstände er nicht, und ob sie vor dem Schweine⸗ hirten aus Hainichen Peter oder Paul besessen hätte, oder der Schäfer aus Wilsdruf, gelte ihm, da sie ihm nicht gestohlen wären gleich.“ Und damit ging er, die Peitsche quer über seinem breitem Rücken nach einer Kneipe die auf dem Platze lag, in der Absicht hungrig wie er war ein Frühstück einzunehmen. Der Kämmerer, der anf der Welt Gottes nicht wußte, was er mit den Pferden, die der Schweinehirte von Hainichen an den Schinder in Döbel verkauft, machen solle, falls es nicht diejenigen wä en, auf welchen der Teufel durch Sachsen ritt, forderte den Junker auf ein Wort zu sprechen; doch da dieser mit bleichen, beben⸗ den Lippen erwiderte: das Ratsamste wäre, daß man die Rappen kaufe, sie möchten dem Kohlhaas gehören oder nicht: so trat der Käm⸗ merer, Vater und Mutter die ihn geboren ver⸗ fluchend, indem er sich den Mantel zurückschlug, gänzlich unwissend was er zu thun oder zu lassen habe, aus dem Haufen des Volks zurück. Er rief den Freiherrn von Wenk, einen Be⸗ kannten der über die Straße ritt zu sich heran, und trotzig den Platz nicht zu verlassen, eben weil das Gesindel höhnisch auf ihn einblickte, und mit vor dem Mund zusammengedrückten Schnupftüchern nur auf seine Entfernung zu warten schien, um loszuplatzen, bat er ihn, bei dem Großk inzler Grafen Wrede abzusteigen, und durch dessen Vermutelung den Kohlhaas zur Besichtigung der Rappen herbeizuschaffen. Es traf sich, daß Kohlhaas eben durch einenGe⸗ richtsboten herbeigerufen in demGemach des Groß— kanzlers, gewisser die Deposition in Lützen be— treffender Erläuterungen wegen, die man von ihm bedurfte, gegenwärtig war, als der Frei⸗ herr in der eben erwähnten Absicht zu ihm in's Zimmer trat, und während der Großkanzler sich mit einem verdrießlich en Gesicht vom Sessel erhob, und den Roßhändler dessen Person jenem unbekannt war mit den Papieren die er in der Hand hielt zur Seite stehen ließ, stellte der Freiherr ihm die Verlegenheit in welcher sich die Herren von Tronka befanden vor. Der Abdecker von Döbel sei auf mangelhafte Requisition der Wilsdru er Gerichte mit Pferden erschienen, deren Zustand so heillos beschaffen wäre, daß der Junker Wenzel austehen müsse, sie für die dem Kohlhaas gehörigen anzuerkennen; derge⸗ stalt, daß falls man sie gleichwohl dem Ab- decker abnehmen solle, um in den Ställen der Ritter zu ihrer Wiederherstelung einen Vesuch zu machen, vorher eine Qcular-⸗ Inspection des Kohlhaas, um den besagten Umstand außer Zweifel zu setzen, nothwendig sei.„Habt dem⸗ nach die Güte, schloß er, den Roßhändler durch eine Wache aus seinem Hause abholen und auf den Markt, wo die Pferde stehen hinführen zu lassen.“ Der Großkanzler, indem er sich eine Brille von der Nase nahm, sagte: daß er in einem doppelten Irrtum stünde; einmal, weng er glaube, daß der in der Rede stehende Umstand anders nicht, als durch eine Ocular-Inspection des Kohlhaas auszumitteln sei; und dann, wenn er sich einbilde, er der Kanzler sei befugt, den Kohlhaas durch eine Wache, wohin es dem Junker beliebe, abführen zu lassen. Dabei stellte er ihm den Roßhändler der hinter ihm stand vor, und bat ihn, indem er sich niederließ und seine Brille wieder aufsetzte, sich in dieser Sache an ihn selbst zu wenden.— Kohlhaas, der mit keiner Miene was in seiner Seele vorging zu erkennen gab, sagte: daß er bereit wäre ihm zur Besichtigung der Rappen, die der Abdecker in die Stadt ge⸗ bracht, auf den Markt zu folgen. Er trat, während der Freiherr sich betroffen umkehrte wieder an den Tisch des Großkanzlers heran, und nachdem er demselben noch aus den Papieren seiner Brieftasche mehrere, die Deposition in Lützen betreffende Nachrichten gegeben hatte, beurlaubte er sich von ihm; der Freiherr, der über das ganze Gesicht rot an's Fenster getreten war, empfahl sich ihm gleichsfalls, und beide gingen begleitet von den drei durch den Prinzen von Meißen eingesetzten Landsknechten, unter dem Troß einer Menge von Menschen nach dem Schloßplatz hin.(Fortsetzung folgt). 3— Sprüche zur Lebensweisheit. Von Wolfgang Goethe. Wie sie klingeln, die Pfaffen! Wie angelegen sie's machen, Daß man komme, nur ja plappre, wie gestern so heut! Scheltet mir nicht die Pfaffen! sie kennen des Menschen Bedürfnis: Denn wie ist er beglückt, plappert er morgen wie heut! * „Sage, thun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel betrügen. Sieh nur, wie ungeschickt, sich nur, wie wild er sich zeigt!“ Ungeschickt und wild sind alle rohe Betrogenen; Seid nur redlich, und so führt ihn zum Menschlichen an. * Die Religion, sagt man, sei nur ein prächtiger Teppich, hinter dem man jeden gefährlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt. Das Volk liegt auf den Knieen betet die heiligen gewirkten Zeichen an, und hinten lauscht der Vogelsteller, der sie berücken will.(Egmont.) * Zum Beginn der großen Revolution in Paris. Denn wer leugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben, Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen, Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob, Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen ge⸗ mein sei, 1 Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit! Damals hoffte jeder, sich selbst zu leben; es schien sich Aufzulösen das Band, das viele Länder umstrickte, Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt. Schauten nicht alle Völker in jenen draͤngenden Tagen Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente? Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft, Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne ge⸗ setzt sind? Wuchs nicht jeglichem Menschen der Mut und der Geist und die Sprache? Beschwerden mige J. stellung der„M. S.⸗Ztg.“ bitten wir an die Expedition, Sonnenstraße 25,(Buchhandlung) zu richten. In Gießen muß die„M. S.⸗Ztg.“ bis spätestens Samstag Abend in den Händen unserer Abonnenten sein, da die Drucklegung und Ausgabe an unsere Austräger bereits Freitag Nachmittag erfolgt. Zum Monatswechsel mögen die Genossen fleißig neue Abonnenten werben. Alle Briefträger nehmen Bestellungen auf die M. S.⸗Ztg. für September an und bringen die Zeitung für 30 Pfg. pro Monat frei in's Haus. 2 ͤͤ—————«§Ä—ö˙öö U. Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 35 Wahlgeis biessen-Cbfünberg-Mdba Sonntag, den 3. September, pünktlich 1 Ahr Mittags zu LOoIlar im großen Weinrich schen Saale: HKreis-Konferenz. Tages⸗Ordnung: 1) Kassen⸗ u. Geschäftsbericht des Kreis⸗Vertrauensmanns. 2) Neuwahl des Vorstandes für den Kreis Wahl⸗Verein. 3) Die Thätigkeit des hessische n Landtags und die bevorstehende Neuwahl im Gießener Landkreis. Referent: Gen. Scheide⸗ mann. 4) Der deutsche Parteitag in Hannover. Referent: Gen. Krumm. Wir fordern hiermit die Parteigenossen im 1. hessischen Reichs⸗ tagswahlkreis auf, Stellung zur Kreiskonferenz zu nehmen und Delegierte zu wählen. Angesichts der bevorstehenden Land⸗ tagswahl ist es dringend erforderlich, daß die Kreis konferenz gut: besucht wird. ö Der Kreis⸗Vertrauensmann: A. Bock. Wahlceis Filedberg-Büdngen. Sonntag, den 3. Sept., nachm. 3 Uhr in Friedberg,„Stadt New⸗York“, Haagstr. 11 Kreis konferenz. Tagesordnung: 1. Die bevorstehende Landeskonferenz. 2. Der Parteitag in Hannover; Anträge zu demselben ev. Wahl eines Dele⸗ gierten. 3. Verschiedenes.(Die Landtagswahl im Bezirk Vilbel.) Die Parteigenossen werden ersucht, alsbald die Wahl von Dele⸗ gierten vorzunehmen. Etwaige Anträge bitte ich womöglich schon vorher an mich gelangen zu lassen. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist das Erscheinen aller Vertrauensmänner dringend erwünscht. Der Kreisvertrauensmann Heinr. Busold. Alsfeld. Souutag, den 27. d. Mts., Nachmittags 1 Uhr, findet bei Gastwirt Kemmer in Alsfeld eine Kreiskonferenz für den 3. Oberhessischen Wahlkreis statt.— Tages⸗Ord nung: 1. Stellungnahme zur Landeskonferenz in Mainz. 2. Der Parteitag in Hannover.— Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vertrauensmann. Terband deutscher Tapeierer l. erw. Berufspenossel. Filiale Giessen. Der Vorstand erlaubt sich hiermit zu dem am Samstag, 2. Sept. 1899 im Restaurant Busch, Grünbergerstraße statt⸗ findenden Der Vo rsitzende des Kr.⸗W.⸗V. Ph. Scheidemann. Fumilien abend die verehrlichen Gewerkschaften höflichst einzuladen. Geschäfts- Uebernahme. Dem geehrten Publikum von Gießen und Umgegend, sowie meiner werten Nachbarschaft zur gefl. Nachricht, daß ich das 666000000 22000000 F Frankfurter . l — —.— r Mäusburg 12 Giessen. Grösste Auswahl in allen Sorten Sehuhwaren. Spezlalität: Arbeiter-Schuhe Fchunlager Mäusburg 12 und -Stiefel. 2 2 2 2 * 2 2 2 i i 2 54 2 2 2 2 9 Auf nach Heuchelheim! Fonntag. den 7. und Montag, den W. August: = Kirchweihfest wozu ergebenst einladen Die Festwirte: Balth. Keil,„ZurEisenbahn“. Ferd. Kreiling,„Z. Treppchen“. Ferd. Kroeck,„Zum Schwanen“. Th. L. Mandler. Jak. Pfaff. Philipp Ninn,„Zur Krone“. Karl Steinmüller. Lud. Steinmüller. Gg. Volkmann. Hch. Volkmann. Für gute Speisen und Getränke ist bestens Sorge getragen. Günstige Fahrgelegenheit durch die Bieberthalbahn. Colonialwaren- Geschäft des Herrn Georg Herbordt vorm. Karl Petri Marktplatz Nr. 18 übernommen habe.— Gleichzeitig bringe ich zur Kenntnis, daß ich mein Spezial⸗Seifen⸗ und Parfümerie⸗Geschäft in unveränderter Weise in meinem neuen Geschäft weiterführen werde. Es wird mein Bestreben sein, meine werten Abnehmer durch nur gute Waren in jeder Weise zufriedenzustellen. Indem ich um geneigten Zuspruch bitte, zeichne Hochachtungsvoll Emil Bender. Geschäftsverlegung. Einem geehrten Publikum zur gefl. Kenntnisnahme, daß ich jetzt in meinem neuen Anwesen 16 Grünbergerstrasse 16 wohne. Gleichzeitig bemerke ich, daß ich in circa 8 Tagen mein Geschäft ebenfalls dorthin verlegen werde. Um die Umzugskosten möglichst zu reduzieren, lasse ich bis zu diesem Tage auf meine sämtlichen Artikel eine — bedeutende Preisermäßigung eintreten. Hochachtend Emil Kalbsleisch, Bildhauer. Sonntag, den 27. und M wozu ergebenst einladen „Zum „Zur Tanzmusitk ist bestens gesorgt. ontag, den 28. August: Kirchweihfest zu Lollar Die Festwirte: Ludwig Bierau, Schwanen“. Friedr. Weinrich, Traube“. Für prima Getränke und Speisen sowie ausgezeichnete H. Posern Marburg Aulgasse 4 Aulgasse 4 ist die beste und billigste Bezugsquelle für Schuhwaren. Gießen, den 17. August 1899. — Anfertigung nach Maaß.— cc Peter Leppla Neustadt 79 Neustadt 79 offeriert rein wollenen Cheviot Restkoupons, passend zu kompl. An⸗ zügen zu bekaunt billigen Preisen D. Kaminka Giessen, Marktplatz 18 empfiehlt sein reichhaltiges Lager in Uhren, Gold- nd Silberwaren zu billigsteu Preisen⸗ Eigene Reparaturwerkstätte. —̃—'.. Friedberg. Freunden und Parteigenossen bringe ich meine Wirtschaft „Zur Stadt New-Aork“ Haagstrasse 11 in empfehlende Erinnerung. ff. Steinhäuser Bier. Gute bürgerliche Küche. Aufmerksame Bedienung Achtungsvoll Gustav Kühn Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur Ph. Scheidemann, Gießen. Druck von A. Heppeler in Gießen. 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 . Zu nufehend hlt au Ju den! on dem gesagt: 1 din Herr Het Bae eine Wal el Der shlisßlich Mebölker! hertret fleulicher hurste; e ihm die haben, ist woh kommen hangen, Mann fü Wen Parteige bächtigere semiten. agen, ei daheit z Alt in! Herr egen Ecimpfel Ofenbach enten, gesssche glühende 224 7˙2ꝛꝛ 15 Ir Schw. tag, Land wi diplom: Ua Man Aneten Aich . We Duftbot Aigen, oungz 6 1