12 Nr. 13. Gießen, Sonntag, den 26. Mürz 1899. 6. Jahrg. Redaktion: 9 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 4 2 * 2 7 Abonnementspreis: Bestellungen! Juserate 2 i Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg.] dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Po st bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 250/,ͤ bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312.) 33 ¼0%/ und bei mindestens 12mal. Aufgabe 500% Rabatt. 22 gegnet man in neuerer Zeit Tag für Tag in auch der Reichtum auf jener Seite resultieren Für 5 e der den herrschenden Gewalten dienenden Presse. 15 der 1 1 Produktionsweise, beginnt jetzt wieder die Zeit angestrengtester Mitunter ballt man angesichts dieser„ geistige ie zur Voraussetzung hat, daß der Mensch den N t 0 e 99 0 ihm da Vernichtung“ unserer 8 0 9 5 Faust, 5 9 1 1 7 Dem e wird nin — nicht vie Zeit ü 9 r ist 1 5 auf eine meist aber muß man doch herzhaft auflachen 15 1278 verdiente 7110 aus ezahlt, M 5 fel das 1 55 n 8 n über die Albernheiten. So auch bei einem in 5 92 55 R e mit 2 11 as mitteilt, was jedermann unbe ingt Artikel, der uns in der letzten Zeit wiederholt 7 5 ei 11 9995 wegen dem Arbeiter ein 1 55 Blatt ist die„Mitteldeuts in der kleinen Amtspresse begegnet ist unter 0 d 8 1 0 0 1 2 91 7 75 8 if In lei 1 7 85 ic dem Titel:„Profitwut bei Kapitalisten und wa 8 25„ 5 2. 55 isikoprämie, eee ee eee aer 8 e oe des e auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete. Natürlich sind die letzteren die Aus⸗ denen Mehrwert, die Profitrate des Kapi⸗ Die„M. S.⸗Ztg.“ erscheint jede Woche beuter, wie sich das bei den Konsumvereinen talisten. Je mehr Arbeitern ein Kapitalist seine 0 einmal und kostet monatlich frei ins Haus ge⸗ zege, und die Kapitalisten sind wahre Ausbunde[„Risikoprämie“ vorenthält, desto größer sein Profit huhe bracht, nur 25 Pfg. Das Opfer an Zeit von Menschenfreunden, die nur an das Wohl⸗ W der dent Arbeit bevölk l ssen. sche derli; 5 d M. ergehen„ihrer“ Arbeiter, an Wohlthätigkeit, e schen Arbeiterbevölkerung— welches erforderlich ist, um sich aus der„M. Spenden, Gratifikati d ähnli 0 wir haben schon ausgeführt, daß auch Klein⸗ S. 81g.“ über das unumgänglich Not⸗ Deaeedenten. ifikationen und ähnliche schöne faufleute und Gewerbetreibende mit„beschenkt“ wendige zu unterrichten, muß jeder bringen, N e e 5 5 wurden— 27½ Mill. Mark gestiftet wurden, 8 das kleine Geldopfer von 25 Pfg. monatlich Da die kapitalistischen Redaktionskulis natür⸗ so ist das 185 ein ganz 1 Bruch⸗ 0 kann jeder bringen. a ö lich selbst wissen, daß die Arbeiter von all diesen teilchen der gewaltigen Summe, die Wer diese Opfer nicht bringen will, hat] Wohlthaten, wit denen sie von den Unternehmern] die Unternehmer den Arbeitern vorenthalten ren kein Recht, sich über schlechte N zu be⸗ angeblich überhäuft werden, wenig zu merken haben. 27½ Millionen, das macht pro Woche t klagen, denn er hilft nicht mit, bessere Zeiten bekommen, so brauen sie im Schweiße ihres kund auf den Kopf der deutschen Bevölkerung lg zu erringen Heutzutage ist die Angesichts das notwendige„Beweis material berechnet, sage und schreibe— rund einen b Presse die beste Waffe zusammen. N 0 Pfennig!!! gegen Volksentrechtung und Volksbe⸗ Hört und staunt, ihr beneidenswerten deutschen Es ist zum Totlachen Markweise behalten lastung durch neue Steuern. So wie die Arbeiter, die ihr keine Ahnung davon habt, wie die Kapitalisten den sauer verdienten Lohn ein „M. S.⸗Ztg.“ seit Jahren unerschrocken gut es euch geht und wie die Unternehmer für] und einen Pfennig spenden sie dann als eingetreten ist für die Rechte des werk⸗ euer Wohlergehen besorgt sind: Almosen. Und damit wollen die bedauerns⸗ thätigen Volkes in Dorf und Stadt,„Deutsche Unternehmer haben allein im] werten Kulis, die ihre Ueberzeugung den Ver⸗ l so wird sie das auch in Zukunft thun. Je Jahre 1898 den Arbeitern, deren Angehörigen, legern der Unternehmerblätter verkauft haben, größer die Verbreitung einer Zeitung ist, bezw. den notleidenden Volksschichten 27¼] dann Staat machen! II um so größer ist auch ihr Einfluß. Deshalb Millionen Mark geschenkt für Wohlfahrts⸗ Nein, ihr Siebengescheiten— mit der Huma⸗ 5 5 185 1 555 i 15 7 zwecke.“ nität der Kapitalisten Staat machen zu wollen, un a ein, dem Organ, we hes ihre Im einzelnen werden dann die bezüglichen ist eine undankbare Aufgabe. e 4 Interessen vertritt, und das ist die„M. Summen für die jeweiligen Zwecke angeführt. Die Arbeiter wissen, daß die„Humanität“ füge S.⸗Zig.“, immer neue Abonnenten zuzuführen. Es befinden sich darunter Summen für„Arbeiter- des Unternehmertums auf Kosten der Ar⸗ 8 6 Mit der vorliegenden Nummer schließen wir] wohlfahrtszwecke“, für„Erziehung und Fach⸗ beiter geht. Keinen Pfennig zahlen die as 1. Quartal unseres 6. Jahrgangs. Mit bildung“, für„Förderung von Kunst und Wissen. Unternehmer für die„Wohlfahrt“ der Arbeiter, der am nächsten Donnerstag zur Ausgabe ge⸗ schaft“, für„Unterstützun; 5 1 5 l 5 5 g von Kleinkaufleuten J sei es in Form von„Spenden“, in Form von 15 unk sein e 15 b und Kleingewerbetreibenden“ u. s. w. Beiträgen für die Kranken⸗, Invaliden⸗ oder 5 ment auf das 2. Quartal. Benutze deshalb Abgesehen davon, daß diese Summen teilweise 0 e 5 jeder, der dem Fortschritt huldigt, für Zwecke gestiftet wurden, die mit den„Arbeitern haben 9 1 jeder, der gleiches Recht für Alle der Unternehmer“ in recht losem Zusammen⸗ 3 10 übrigen will die Arbeiterschaft kein V erstrebt, hang stehen, muß besonders hervorgehoben werden, Almosen, sondern ihr Recht. Und das den heutigen Sonntag und die Oster⸗ daß kein Mensch imstande ist, überhaupt] Recht wird sich die Arbeit 1 die i feiertage zur Werbung neuer Abonnenten. nach zu prüfen ob die angeführte Summe Gar 1 0e eee Probenummern stellt unsere Expedition, Sonnen⸗ von 27 ½ Millionen Mark wirklich„gespendet“ hat, zu erkämpfen wissen. straße 25, gratis zur Verfügung. Die Gießener] worden ist. l Genossen werden ganz besonders zu eifriger Nehmen wir jedoch die Spende als Thatsache sse Agitation aufgefordert. Jedenfalls wäre es an. Was beweist aber 15 1 1 die ganze empfehlenswert, wenn auch in den Gewerk⸗ Notiz der Unternehmerpresse aß die kapita⸗ 5 schaftsversammlungen einmal auf die listischen Redaktionskulis mit einer unüberwind⸗ Bestell Zettel. Ich bestelle hiermit die „Mitteldeutsche Jonnkags⸗Zeitung“ „M. S.⸗Ztg hingewiesen würde. lichen Dummheit behaftet sind. Denn das müßte . sbbnen doch sogar einleuchten, daß uns Sozial⸗ demokraten nichts erwünschter sein kann, als die Neuen er Unternehmer⸗ Humanität. weiteste Verbreitung solcher Notizen. Denn die⸗ 2 155 d- Es ist mit ziemlicher Sicherheit anzu⸗ selben erinnern nicht nur daran, daß teilweise 1 nehmen, daß die Redaktions⸗Kulis der behörd⸗ furchtvares Elend im Lande herrscht— andern⸗ d um. lichen und Unternehmer⸗Organe neuerdings wieder falls wären keine Millionen geschenke erforder⸗ hoi„scharf gemacht“ worden sind. Eifriger denn lich—, sie erinnern auch daran, daß es den usser seit langer Zeit werden in den Amts-, Mucker⸗ Unternehmern leicht sein muß, Millionen als 85 8 0 U und Unternehmerblättern die„geistigen“ Waffen Almosen zu verschenken. 5 lber, gegen die Sozialdemokratie geschwungen. Neuen„Das ermuntert unter allen Umständen zum u der ügen und alten Verleumdungen, funkelnagel⸗JT weiteren Nachdenken. Woher kommt bei diesen 15 19“ neuen Verdächtigungen und alten Ladenhütern] die Not und woher bei jenen das viele ohnung: 8 1 von„neuen Entdeckungen“ über die Gemein⸗][ Geld? Die Erklärung findet der beschränkteste gefährlichkeit der sozialdemokratischen Partei be⸗ Arbeiter. Sowohl das Elend auf dieser, wie — — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 1 1 1 1 Nr. 14. Die Posse ist aus. * Wie wir noch in voriger Nummer mit⸗ teilen konnten, ist der Kuhhandel über die Mi⸗ litärvorlage zur Zufriedenheit von Regierung und Zentrum abgeschlossen worden.„Die Posse ist aus!“ schrieb der„Vorwärts“ am Tage nach dem Kuhhandel. „Hinter dem gefallenen Vorhang drücken sich Sieger und Besiegte lächelnd die Freundeshand. Doch wer ist Sieger und wer ist Besiegter? Ist die Regierung besiegt, da ihre Vorlage ab⸗ gelehnt ist, und ist das Zentrrm Sieger, weil seine Anträge angenommen wurden? Sämtliche Forderungen der Regierung sind bewilligt, nur an den Infanterieforderungen sind 7006 Mann gestrichen worden. Mehr hat die Regierung noch bei keiner Militärvorlage erreicht. Braucht sich die Regierung dieser Niederlage zu schämen? Hat sie nicht Außerordentliches erreicht? Hat sie je mehr zu erreichen erwartet? Noch eine solche„Niederlage“ und die Regierung ist auf der Höhe ihrer Erfolge, auch der Schein eines Widerstandes des Reichstages gegen irgend eine ihrer Militärforderungen— und wäre es die wahnwitzigste— wäre dahin. Das Zentrum jubelt, weil seine Vorschläge Gesetz geworden sind und nicht die der Regie⸗ rung. Das Zentrum wird Land auf Land ab verkünden, wie es heldenkühn gegen den Drachen Militarismus gestritten und des Volkes bürger⸗ liche Interessen gewahrt habe. In Wahrheit hat das Zentrum nicht gegen den Militarismus gestritten, es hat ihn nicht geschwächt, sondern gestärkt. Die Zustimmung zum Flotten⸗ gesetz zeigte den völligen Umschwung in der Haltung der Partei zu Militärfragen. Indem das Zentrum jetzt, schon bei der ersten Lesung der Vorlage sich bereit erklärte, jedenfalls die Artiller ie forderungen zu bewilligen, hatte es endgiltig mit seiner Vergangenheit gebrochen Indem es zwischen erster und zweiter Lesung der Budgetkommission auch den Kavallerie- forderungen nachgab, that es einen weiteren Schritt. Und da die Regierung, die zuerst völlig zufriedengestellt schien durch das, was soweit be⸗ willigt war, sich plötzlich ermutigt fühlte, die ihr so weit entgegenkommende, einst so spröde Partei völlig an sich heranzuziehen und in ihre mili⸗ taristischen Arme zu schließen, da sträubte sich das Zentrum einen Augenblick, aber vor der Drohung mit der Auflösung des Reichstags schreckte es zusammen und gab der Regierung auch das Letzte, was sie gefordert hatte Der Zentrumssieg ist eine Niederlage gegenüber den Ansprüchen der militärischen Regierung, gegenüber der eigenen Parteivergangenheit und — gegenüber den eigenen Wählern. Indem das Zentrum vor dem Militarismus kapituliert hat, dankt es ab vor den katholischen Wählern als Hort der bürgerlichen Lebensinteressen, als Wider⸗ part gegen all die Ungerechtigkeiten und Privi⸗ legien des militaristischen Systems, gegen die mit eiserner Energie zu streiten die elementarste Vor⸗ aussetzung jeder kulturellen Entwickelung unseres Vaterlandes ist.“ Die Soldaten sind bewilligt, nun mag der deutsche Michel zahlen.— NAeberall Freunde erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstand und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dummheit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren. Jedermann aus dem Volke ist im Stande, sich durch das Lesen der„Mitteld. Sonntagstg.“ auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die„Mitteld. S.⸗Itg.“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Jnteresse ist und was jedermann wissen muß. Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu gewonnener Leser. e S e ere eee 122 22 K K ͤ% Recht interessant sind einige Betrachtungen, welche die bürgerlich⸗demokratische„Frankf. Ztg.“ über den Ausgang des„Kampfes“ um die Militärvorlage anstellt. Sie schreibt: „Mehr oder weniger sind alle Parteien und nicht zuletzt die Regierung selbst mit dem Aus⸗ gange zufrieden, den der plötzliche und uner⸗ wartet entstandene Streit über die Militärvorlage gefunden hat Nur eine Partei ge⸗ berdet sich mit dem Ausgang unzu⸗ frieden. Nicht sowohl, weil die 7000 Mann erst später einmal bewilligt werden, sondern weil die Regierung in„einer großen natio⸗ nalen Frage“ sich nicht fest und unerbittlich gezeigt und anstatt entschieden aufzutreten, sich auf das„Fortwursteln“ eingelassen habe. Das sind die Antisemiten. Sie haben mit der Minderheit, also in der ihnen un⸗ gewohnten Gesellschast der Sozialdemokraten und der beiden Volksparteien gegen die Kommissions⸗ beschlüsse und die Liebersche Resolution, also gegen die Politik der Regierung gestimmt. Nicht, wie die Linke, weil ihnen das zuviel, sondern weil es ihnen zu wenig war.... Die Antisemiten stellten sich an, als ob sie wirklich„alles oder nichts“ für die richtige Politik gehalten hätten.“ Nun haben die antisemitischen Demagogen wieder„freie Hand“. Jetzt können sie in militär⸗ feindlichen Gegenden sagen: Wir haben gegen die Vorlage gestimmt! Und in den Junkerecken lönnen sie sich als die„einzigen“ wahren Patrioten aufspielen, denen die Militär⸗ vorlage in der angenommenen Form nicht weit genug ging. Die Posse ift aus. Die Kuhhändler des Zentrums reiben sich schmunzelnd die Hände. Und die Junkertrabanten, die bei Liebermann von Sonnenberg in der Fraktionsliste eingezeichnet sind, können wieder agitieren wie's trefft. Bald so— bald so. Politische Rundschau. Gießen, den 24. März Mord ⸗Kultur. Währenddem vor einem Vierteljahrhundert, in der ersten Zeit nach dem deutsch⸗französischen Krieg die Gesamtstärke der stehenden Heere Europas, also die Friedens präsenzstärke, rund 2 600 000 Mann betrug, was schon an sich übergenug ist, beträgt sie jetzt rund 3 800000 Mann! Fast 4 Millionen junge kräftige Männer sind in die Kasernen eingeschlossen und müssen von den Völkern ernährt werden! Dazu die Ausgaben für Ausrüstung, die noch weit mehr gestiegen sind, weil erstens die Kriegsstärke der Armeen unter der allgemeinen Wehrpflicht und bei verkürzter Zeit in noch weit größerem Maße gestiegen ist und zweitens die Bewaff⸗ nung— Gewehre, Geschütze, Munition— teuerer geworden ist. Wie in dem gleichen Zeit⸗ raum die Militärbudgets der europäischen Staaten gestiegen sind, zeigt folgende Tabelle, die wir nach den Angaben im Jubiläumsband der von Löbellschen Jahresberichte zusammen⸗ stellen. Der Militärbudget betrug in Mil⸗ lionen Mark: 1874 1898 Delf? 519,2 Frankreich! 492 Belge? 48,8 45 Großbritannien.. 356 384 Itglien n 148 197 Niederlande 36 Oesterreich-Ungarn. 207 328 Nßan?d 356 578 Spanien 98 112 Die kleineren Staaten 67 170,5 Summa 191,9 2661,7 Also„nur“ 2661 Millionen 700 000 Mark giebt Europa aus, um den Frieden zu erhalten. Ein kostspieliger Frieden! Welche großartigen Kulturaufgaben könnten mit diesen Milliarden gelöst werden! Von der Marine. Der„Vorwärts“ meldet: Das Reichsmarine⸗ amt giebt unter dem Datum des 10. März 1890 folgenden Erlaß bekannt: unterbreiten. n V. zu M. I. 1184. Seine Majestät der Kaiser und König haben Allerhöchst sich erneut dahin auszusprechen geruht, wie Allerhöchst dieselben es nicht wünschen, daß Seeoffiziere nur Schnurrbart tragen. Reichs⸗Marine-Amt. In Vertretung (Stempel.) gez. Gühler. Prinz Waldemar von Preußen, der älteste Sohn des Prinzen Heinrich, ist, da er das zehnte Lebensjahr vollendet hat, zum Lieu⸗ tenant im 1. Garderegiment zu Fuß und gleichzeitig zum Lieutenant à la suite der Marine ernannt worden. Bei den aus diesem Anlaß in Kiel abgehalten Feierlichkeiten hielt der Kaiser eine Rede, die er mit einem Hoch auf den im fernen Osten weilenden Prinzen Heinrich schloß:„Mögen unsere Glückwünsche über die Meere hinüberhallen nach dem neuen Deutschland“. Die Zeiten ändern sich. Der ungekrönte König von Südafrika, Herr Cecil Rhodes, ist kürzlich in Berlin vom Kaiser in Audienz empfangen worden. Cecil Rhodes ist der Urheber des Jamesonschen Einfalles in die Republik Transvaal. Die Boeren trieben die Eindringlinge zurück und Kaiser Wilhelm II. schickte folgendes Telegramm an den Präsidenten Krüger: „Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigsten Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren, mit Ihrem Volke gelungen ist, in eigener Thatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, welche als Frieden sstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wieder herzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen zu wahren.“ Das war vor drei Jahren. Die deutsch⸗ nationale Presse tobte damals gegen England, Cecil Rhodes und sein Werkzeug Jameson. Heute ist Rhodes ein gefeierter Gast in Berlin. Rhodes hat den Plan, von Alexandrien nach Kapftadt, also durch ganz Afrika hindurch, eine ununterbrochene Eisenbahnverbindung herzustellen. Weil diese Bahn durch deutsches Gebiet gehen soll, so wollte er dem Kaiser seine Vorschläge Angeblich hat Rhodes in Berlin Erfolg mit seinen Plänen gehabt. Nichts von Gustav! Vor einiger Zeit wurde berichtet, daß gegen den Kronprinzen von Schweden ein Attentat mit — Schneebällen ausgeübt wurde. Im An⸗ schluß an dieses Vorkommnis erzählt die„Post“ des Königs Stumm folgendes Geschichtchen: „Es wird behauptet, daß König Oskar vor seiner letzten Krankheit in einer Staats⸗ ratssitzung gezögert habe, das Protokoll zu unterzeichnen. Der Kronprinz wartete auf ihn im Nebenzimmer. Da sagte der König:„Bitte, warten Sie einen Augenblick, meine Herren, ich muß zuerst mit Gustav sprechen!“ Im selben Moment erhob sich der norwegische Minister⸗Präsient und sagte:„Majestät, in unserer Verfassung steht nichts von Gustav. Wenn daher Euer Majestät den Staatsrat verlassen, ohne das Protokoll zu unterzeichnen, so werde auch ich gehen und nicht wieder hierher kommen.“ Der König blieb sitzen und unterzeichnete“ Die„Post“ fügt hinzu, daß der Minister⸗ präsident ein Sohn norwegischer Bauern ist, deren Dickschädel keine Grenze kennt. Das, Blatt kann sich aber nicht vorstellen, daß es ein Land giebt, in dem Volk und Regierung auf strenge Verfassungsmäßigkeit halten, wo Nebenregierungen und und unverantwortliche Ratgeber keine Stätte finden. Das erscheint ihr „dickschädlich“, und an anderer Stelle nennt sie deshalb die Norweger mit einem unergründ⸗ lichen Witz„ein Volk von Symbolisten“. Bauer, den sie im Deutschen Reiche mit Liebkosungen und Ehrentiteln überhäuft, ist ihr in Norwegen— ein Dickschädell Wer zerstört die Familie? „Die Sozialdemokratie untergräbt die 9 Familie. Die Genußsucht der Arbeiter ist schuld, wenn Arbeiterfamilien in Not geraten. 1 Brave und fleißige Arbeiter haben immer noch ihr Auskommen und sie können für die Der ern 5 eber. 6 fille fe dr Verd 0 i. i 1 U E 50 ei f el N Burg, 1 Wer wil. Fenk daf ein! Die Die beid Berurteilten Zuchthaus d Bergmann pihrend J. päter frei Anlaß des Kind ist i Urlaub erh anftalten a Eupfangs⸗ Schröder di Leidensgefä Nati Vi.ihten durch den nann der Mauserung lichen Wort Uberalen d mit anerken Gesunung! Der belann dot neulich luternehme u perhand dhe Indi Verufsbereis bun Berufs Amitige B. dufttie und der von dag ftessim ber Atbeite dabei daß fehr(Hier A5 1 sation d tbttery itte, na usch cc zu en m englich kaka uc chert wier i — ß uh a dul den auß ichkeitg einen ringen wünsch neuen „ Hen N vom Cel sonsche 8 Die ck und gramm htigsten an die u, mit halkrast che alz brochen ind die ffe von, deulsch⸗ gland, ameson, Berlin. 1 nach h, eine telle, gehen cschläge Berlin gegen tat mit m An⸗ Pot en: Oskar Staats⸗ foll zu auf ihn „Bitte, eren, 90 In vegishe ät, in 3 von at den oll zu n und König inister⸗ rn i Dos es ein 19 auf holte, olige eint iht U nell rind a e m 15 it abt die iter it raten. imme Nr. 13. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. eite 3. * Zeit der Not etwas zurücklegen.“ So etwa hört man die Felisch und Stumm, die Richter und Hitze deklamieren. Bloß darin unterscheiden sich die vier, daß die Felisch und Stumm gegen schnöde Begehrlichkeit das Zuchthaus, Eugen Richter die Spar⸗Agnes und Hitze, der Zentrums⸗Sozialpolitiker, die Wurstbrüh⸗ und Knochen suppen⸗Rezepte empfehlen. Wir widmen diesem edlen Quartett zum Nachdenken folgenden Text einer offenen Postkarte: A. Zellweger, Tuchfabrik, Burg bei Magdeburg. . Sch. Cottbus. Weber werden hier immer gesucht, auch ich stelle noch gern solche ein, ob aber der Verdienst zum Unterhalt einer Familie ausreicht, möchte ich be⸗ zweifeln. Reisevergütung zahle ich nicht. Burg, 11. Febr. 1899. A. Zellweger. Wer will wissen, was dieser„Zweifel“ eines Fabrikanten bedeutet? In einem Wort: Hunger⸗ Dasein! Millionen durchkosten es. Die Essener Zuchthausopfer. Die beiden letzten im Essener Meineidsprozeß Verurteilten werden im nächsten Monat das Zuchthaus verlassen. Am 3. April wird der Bergmann Graef seine Strafe verbüßt haben, während Johann Meyer erst einige Tage später freigelassen werden dürfte, weil er aus Anlaß des Todes seiner Frau— auch sein Kind ist inzwischen gestorben!— sieben Tage Urlaub erhalten hatte. Unsere Genossen ver⸗ anstalten am 16. April zu Herne eine große Eupfangs⸗ und Begrüßungsfeier, bei der Ludwig Schröder die Begrüßungsansprache an seine beiden Leidensgefährten halten wird. Nationalliberale Sozialpolitik. Während die Nationalliberalen im Reichstag durch den Mund des Abgeordneten Basser⸗ mann der staunenden Welt ihre gründliche Mauserung zur Sozialpolitik mit lieb⸗ lichen Worten verkünden, suchen die National⸗ liberalen des preußischen Abgeordnetenhauses mit anerkennenswerter Offenheit die anti soziale Gesinnung der Partei zum Ausdruck zu bringen. Der bekannte Großindustrielle Vorster konstatierte dort neulich„das Jahrtausende alte Rechte des Unternehmers, mit seinen Arbeitern allein zu verhandeln“ und erklärte, daß in der west⸗ lichen Industriebevölkerung„kein Bedürfnis nach Berufsvereinen besteht“. Mit der Schaffung von Berufsvereinen würde„nur eine ganz neue unnötige Beunruhigung zum Nachteil der In⸗ dustrie und der Arbeiter insbesondere“ geschaffen. Herr von Eynern bekämpfte den Antrag des freisinnigen Dr. Max Hirsch auf Beteiligung der Arbeiter an der Grubeninspektion, und klagte dabei, daß der deutsche Arbeiter dem englischen an Nüchternheit und Verständigkeit so sehr nach⸗ stehe.(Hierzu bemerkt Pfarrer Naumanns Hilfe: Als ob nicht gerade in England die Organi⸗ sation der Arbeiter jenen verständigen Arbeitertypus erst mühsam gebildet und erzogen hätte, nach dem Herr von Eynern so sehnsüchtig ausschaut!) Herr Dr. Beumer sieht im Gegen⸗ satz zu seinem Fraktionsgenossen von Eynern auch im englischen Gewerkvereinler nur den Sozial⸗ demokraten und Streikbruder und ist deshalb ein noch energischerer Gegner der Arbeiterkon⸗ trolleure in deutschen Bergwerken.— Und das sind die offiziellen Vertreter der Partei, die sich als so zial zuverlässig ausgiebt. Kann— so fragt Naumann— ein Wolf wider seine Natur? Und ob er es könnte, so kann doch ein in der Wolle gefärbter Nationalliberaler nicht sozial sein! Wahlsieg in Karlsruhe. Bei den Karlsruher Stadtverordnetenwahlen sielen auf die Liste der vereinigten Demo⸗ traten und Sozialdemokraten 2485 Stimmen, auf diejenige des nationalliberal⸗ freisinnig⸗konservativen Kartells (111 Kuddelmuddel à la Gießen 111) 2330 und auf die des Zentrums 800 Stimmen. Gewählt wurden 10 Sozialdemokraten, 4 Demo⸗ kraten und 2 Zentrumsmänner, die sich zu⸗ gleich auf der nationalliberalen Liste befanden. ———— 2—— Aus dem Reichstag. Am Samstag leistete sich das hohe Haus innerhalb zwei Stunden zwei Sitzungen. In der ersten handelte es sich um die Erledigung von Formalitäten, die aufgrund der neu an⸗ genommenen Militärvorlage erledigt werden mußten. Als später darüber abgestimmt werden sollte, ob sür ein Goethe denkmal in Straß⸗ burg 50 000 Mk. bewilligt werden sollten, stellte sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses heraus. 75 Stimmen waren für, 79 Stimmen gegen die Bewilligung.— In der sofort anberaumten neuen Sitzung, die eine Viertelstunde später be⸗ gann, wurde das Anleihegesetz in zweiter Lesung nach den Kommissionsbeschlüssen debattelos an⸗ genommen, ebenso der Gesetzentwurf wegen Ver⸗ wendung überschüssiger Reichseinnahmen. In der Montagssitzung wurde des längeren debattiert über Krieger⸗ und Kriechervereine. Die Konservativen fühlten sich beschwert, daß der freisinnige Abgeordnete Müller-Sagan bei früherer Gelegenheit von einer„gewissen Sorte von Kriegervereinen“ gesprochen hatte, die in Wahrheit Kriechervereine seien. Die Be⸗ rechtigung dieser übrigens sehr alten Be⸗ zeichnung wurde von den freisinnigen Rednern Müller⸗Sagan, Beckh und Richter noch⸗ mals ausdrücklich betont und durch Beispiele des Mißbrauchs der Kriegervereine zu politischen Zwecken erhärtet. Auch unsere Genossen Bebel und Singer griffen mehrmals lebhaft in die Debatte ein. Sie wiesen den urreaktionären Charakter der sogenannten Kriegervereine auf, in denen nach dem Wunsche einflußreicher Kreise nicht der Geist wahrer Kameradschaft⸗ lichkeit gepflegt werden soll, die vielmehr zu Werkzeugen der Reaktionspolilik herabgewürdigt würden. Am Dienstag kam es noch einmal zu heftigen Zusammenstößen zwischen den Sozial⸗ demokraten und dem Staatssekretär v. Pod⸗ bielski. Genosse Singer rechnete gründlich mit dem Postminister ab, der neuerdings wieder in Hamburg einen Postunterbeamten gemaßregelt hat, weil er einem seiner Kollegen, der in Braunschweig gemaßregelt war, hilfreich zur Seite stand, damit er sich eine neue Existenz gründen konnte. Der konservative Abg. v. Kardorff billigte selbstverständlich das schneidige Vorgehen des ehemaligen Husaren⸗ offiziers, der jetzt Stephans Nachfolger ist. Demgegenüber führte Gen. Singer aus: Der Staatssekretär wird zu wählen haben zwischen dem Danke des Herrn von Kardorff und dem Mißtrauen der Beamten. Der Staats⸗ sekretär hat eine menschlich durchaus berechtigte Handlung als für die Beamten unzulässig hin⸗ gestellt; es ist bei ihm, der als alter Soldat auf Kameradschaft hält, doch wunderbar, daß er diese Kameradschaft unter seinen Beamten mißbilligt. Disziplin muß sein, das ist richtig, aber nur innerhalb des Dienstetz, den die Beamten zu thun verpflichtet sind. Denn die Beamten sind Menschen und keine Sklaven. Die beabsichtigte Wirkung wird nicht erzielt, es wird nur die Zahl der Sozialdemokraten ver⸗ mehrt.(Zuruf rechts: Freuen Sie sich doch!) Wir wollen lieber einige Stimmen weniger haben, aber Ungerechtigkeiten vermieden sehen. (Zustimmung links.) Kein anständiger Privat⸗ industrieller würde es wagen, aus solchen An⸗ lässen eine Maßregelung eintreten zu lassen. (Vizepräsident von Frege: Diese Kritik war unzulässig!) Staatssekretär von Podbielski erklärte darauf: Hätten die Braunschweiger Beamten ihren gemaßregelten Kollegen unterstützt, so wäre dagegen nichts einzuwenden, aber in Hamburg war die Sache eine Verhöhnung der Verwaltung. (Widerspruch link:: Da wären die Leute in Braunschweig gemaßregelt worden!) Nachdem noch die Junker von Kardorff und Limburg⸗Stirum ihre ausdrückliche Zustimmung zu der Maßregelung des Postunterbeamten gegeben hatten, der Menschenpflicht erfüllte, indem er einen Kollegen 4 5 unterstützte, wurde der Reichstag vertagt bis zum 11. April. — 2— Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit hei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Die Feier des 18. März. *Mit zahllosen Kränzen ist am 18. März wieder die Ruhestätte der Berliner Märzkämpfer auf dem Friedhof in Friedrichshain geschmückt worden. Neben den politischen und gewerkschaft⸗ lichen Organisationen der Arbeiter hatte diesmal auch das liberale Bürgertum reichliche Kranz⸗ spenden dargebracht. Die Kranzwidmungen spiegelten vielfach die Vorkommnisse der jüngsten Zeit wieder.„Aber die Inschrift, die Inschrift!“ stand auf einer Schleife, und Anspielungen auf den Kampf um die würdige Aus schmückung der Ruhestätte der Märzkämpfer kehrten öfter wieder. Eine große Anzahl der Widmungen fiel der polizeilichen Zensurschere zum Opfer. So wurde eine Widmung:„Den Märtyrern der Freiheit zum Gedächtnis!“ abgeschnitten. Den Holzarbeitern Berlins wurde folgende Widmung konfisziert:„Euch Braven hat den Denkstein man verwehrt, der nur dem Unterdrücker heut' gebührt!? Das arbeitende Volk allein, es ehrt die That, die Ihr dereinst für uns vollführt.“ Die Polizei waltete natürlich gewissenhaft und fürsorglich ihres Amtes. Nur der Haupt⸗ weg war den Tausenden von Besuchern freige⸗ lassen, und eine Postenkette von Schutzleuten teilte diesen wieder in zwei Hälften, deren eine die Kommenden, deren andere die Gehenden zu be⸗ nutzen hatten. Alle Nebenwege waren verbarri⸗ kadiert. Aus allen Gegenden Deutschlands laufen Berichte über würdig verlaufene Märzfeierlichkeiten ein. In Frankfurt a. M. wurde zunächst eine geplante Abendunterhaltung verboten und dann die einberufene Volksversammlung aufgelöst, noch bevor sie begonnen Grund: die Anwesen⸗ heit von Frauen. Da jedoch in Preußen auch Frauen an Volksversammlungen teilnehmen dürfen und nur von politischen Vereinen ausgeschlossen sind, so geht wohl unser Frankfurter Bruderblatt nicht fehl in der Annahme, daß die Ehrung der Märzgefallenen unter allen Umständen vereitelt werden sollte. Außer aus Adlerhof, wo gleich⸗ falls eine Versammlung der Auflösung verfiel, werden keine besonderen Vorkommnisse berichtet. Die Märzfeier in Gießen verlief in einfacher Weise. Der Besuch hätte besser sein können. Nach der Gedächtnisrede Scheidemanns verblieben die Anwesenden in zwangloser Unterhaltung. Genossin Krieger erfreute durch den Vortrag mehrerer Lieder; ein Genosse, dessen Name uns unbekannt, trug mehrere Kouplets vor und brachte damit die heiterste Stimmung hervor. Märzfeier in Marburg. k. Zu der am Samstag, den 18. März, veranstalteten Gedächtnisfeier für die Märzgefallenen hatten sich die Genossen von hier und der Umgegend recht zahlreich im Lokale unseres Gen. Jesberg eingefunden. Der Vertrauensmann erteilte nach der üblichen Bureauwahl dem Gen. Stadtverordneten Krumm⸗Gießen das Wort. Redner schilderte zunächst die traurigen Zu⸗ stände in Deutschland am Anfang dieses Jahrhunderts, entrollte den gespannt lauschenden Zuhörern ein klares Bild über die verhängnisvolle, jede freiheitliche Be⸗ wegung im Keime erstickende Thätigkeit Metternichs und belcuchtete dann die sogen. heilige Allianz. Im Einzelnen schilderte dann Redner in anschaulicher Weise die Vorgänge bis zum und an dem verhängnisvollen 18. März 1848. Die Revolutionäre siegten. Aber 183 Tote und unzählige Verwundete der Freiheitskämpfer bedeckten die Wahlstatt.— Anstatt aber nun die günstige Gelegenheit auszunutzen, und die Zügel der Regierung festzuhalten, beschäftigte man sich mit un⸗ nützen Sachen und fünf Monate später, nach dem Einzuge Wrangels und seiner Garden in Berlin, war die Herrlichkeit vorbei und die Reaktion hauste nun noch ärger wie zuvor. Gen. Krumm verglich alsdann das Bürgertum von 1848 und von heute. Heute werde vielfach versucht, die 1848er Kämpfer als aus⸗ ländisches Gesindel hinzustellen. Das sei eine gemeine Verleumdung; kein einziger Ausländer sei unter den 183 Gefallenen gewesen, es waren lauter echte Deutsche, seine meist Berliner, von„Gesindel“ zu reden sei eine Un⸗ verschämtheit. Es handelte sich um ehrliche, für ihre — Deite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. CCC freiheitliche Ueberzeugung gefallene Männer. Das be⸗ weise auch der Ausdruck der Hochachtung, den der da⸗ malige König den Gefallenen, die man vors königliche Schloß getragen, erwiesen habe, indem er den Hut angesichts der Leichen abgezogen habe. Redner verliest alsdann einen Passus aus der Leichenrede des Pfarrers Seidel-Berlin bei dem Begräbnis der März⸗ gefallenen, woraus die höchste Achtung vor den Ge⸗ fallenen bezeugt wird. Redner schilderte hierauf die Vor⸗ den betr. der Einfriedigung des Begräbnisplatzes er Märzgefallenen und schloß seine Ausführungen mit dem Hinweise, daß die heutige Arbeiterschaft den Kämpfern von 1848 ein Denkmal im Herzen bewahren werde, das besser sei als ein solches von Stein oder Erz. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen Worte.— Nach einer kurzen Pause ergriff Gen. Bader das Wort. Er schilderte in markiger Weise einige Vorgänge aus damaliger Zeit uud meinte zum Schlusse, daß wir heute Lebenden den Zusammen⸗ bruch des jetzigen Klassenstaates wohl nicht mehr er⸗ leben würden, es gelte aber, für unsere Kinder und Enkel bessere Zeiten zu erringen. Auch ihm wurde lebhafter Beifall zuteil. Nachdem die Versammlung durch einen hiesigen Genossen den beiden Rednern unsern Dank abgestattet und die Anwesenden aufge⸗ fordert hatte, die Parteiversammlungen immer so zahl⸗ reich wie heute zu besuchen, wurde die Versammlung nach Bekanntgabe einer internen Angelegenheit, die nach Meinung vieler Anwesenden am heutigen Abend besser unterblieben wäre, geschlossen. Bei einem guten Glas Bier und gemütlicher Unterhaltung verweilten die Genossen noch mehrere Stunden in ungezwungenem Zusammensein. Alle aber trennten sich im Bewußtsein, einer würdigen Märzfeier beigewohnt zu haben. Die Osternummer der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung gelangt bereits am Donnerstag, den 30. März zur Ausgabe. für diese Nummer, welche Juserate in großer Auflage und 10 Seiten stark verbreitet wird, erbitten wir bis spätestens Dienstag. den 28. März. Unsere Genossen werden besonders ersucht, diejenigen Wirte, welche zu Ostern Tanzfestlichkeiten ab⸗ halten, darauf aufmerksam zu machen, daß sie rechtzeitig ihre Annoncen einsenden. PEEEEEAEAEAPrArGPrGrrhoTToTTTTTTbTbTbTbbeee Schneid erbewegung in Gießen. n. Die Gießener Schneider hatten den Beschluß gefaßt, in eine Lohnbewegung einzu⸗ treten. Der Umstand, daß die weitaus große Mehrzahl der Berufsgenossen dem Verband angehörte, also organisiert war, gab ihnen das Recht, auf einen günstigen Ausgang des Lohnkampfes zu rechnen. Sie haben sich nicht getäuscht. Ihre Lohnforderungen wurden be⸗ willigt und zwar von allen Gießener Firmen bis auf eine einzige: die F ir ma Stumpf! Herr Stumpf ist das Haupt der Antisemiten in Gießen und handelt in Militäreffekten. Er kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, der einzige Schneider⸗ meister in Gießen zu sein, der die berechtig⸗ ten Forderungen der Arbeiter nicht gebilligt hat. Echt antisemitisch!— Die Schneidergehilfen in Gießen dürfen aber nicht vergessen, daß sie ihren Sieg lediglich ihrer Organisation zu danken haben. Und nun Treue um Treue! Jetzt darf nicht geruht werden, bis auch der letzte organisiert ist. Die paar Pfennige, welche für den Verband geopfert werden, tragen gute Früchte. Station Schiffenberg. * Wie aus unserem Bericht über die Ver⸗ handlungen des hessischen Landtags ersichtlich, hat die zweite Kammer einstimmig beschlossen, an der Haltestelle am Schiffenberg ein Stations- haus zu errichten und die jetzige Hilfsstation zu einer größeren, allen Anforderungen genügen⸗ den Station mit Güte verkehr umzugestalten. Damit ist ein ebenso alter wie berechtigter Wunsch der Gemeinden Watzenborn⸗Steinberg⸗ Hausen und Grüningen erfüllt worden. Freude wird es unseren Genossen in den betreffenden Dörfern machen, wenn sie hören, daß ganz be⸗ sonders energisch unser Parteigenosse und Lands⸗ mann Dr. David, der bekanntlich seit mehreren Jahren in Rheinhessen wohnt, für die Um⸗ gestaltung der Haltestelle Schiffenberg eintrat. Gegen die Feierabendstunde. * Am Mittwoch kam in der Zweiten hessischen Kammer der sozialdemokratische Antrag auf Auf⸗ hebung der Feierabendstunde zur Verhandlung. Begründet wurde der Antrag vom Gen. Cramer, der darauf hinwies, wie ungleich die Feierabendstunde gehandhabt würde. Wolle man die Feierabendstunde nicht allgemein aufheben, so möge man wenigstens für Vereine und Versammlungen jeder Art die Auf⸗ hebung genehmigen. Ministerialrat Breider führte aus: Der größte Teil der Bevölkerung sei für die Feierabendstunde(lebhafter Widerspruch), namentlich die ländlichen Kreise. Geschlossene Vereine unter⸗ lägen der Feierabendstunde nicht. Im Uebrigen hätte ja der Bürgermeister die Befugnis, bei Versamm⸗ lungen von Feierabendstunden zu entbinden. Abg. Freiherr von Koeth(Ctr.): Ein Unterschied zwischen Stadt und Land müsse wohl gemacht werden. Das Land wolle die Feierabendstunden.(Den Herren Breider und von Koeth empfehlen wir, sich einmal auf den Dörfern zu befragen, wie man dort über die Feierabendstunde denkt. Uns sind Fälle bekannt, daß Leute, die in der Stadt waren und erst um 11 Uhr in's Heimatdorf zurückkehrten, bestraft worden sind, weil sie von den Gendarmen„abgefaßt“ wurden, als sie noch einen Trunk zu sich nahmen. Selbstverständ— lich konnten sie ihr Glas Bier nicht vor 11 Uhr trinken, wenn sie nach langer Wanderung von der Stadt erst gegen oder kurz nach 11 Uhr heimkehrten. Derartige Fälle haben regelmäßig im ganzen Dorf böses Blut gemacht, was für jeden vernünftig denken⸗ den Menschen auch ganz erklärlich ist.) Unser Genosse Ullrich, der, von schlimmer Erkrankung kaum halb⸗ wegs genesen, sofort wieder lebhaft in die Verhand⸗ lungen eingriff, führte u. A. aus: Sitte, Moral und Ordnung würden durch die Aufhebung der Polzei⸗ stunden nicht gefährdet, wohl aber werde durch die verschiedenartige Handhabung viel böses Blut erregt. Die unteren Polizeiorgane gingen häufig ge⸗ nug chikanös vor, namentlich gegen Vereine und Versammlungen, die von Arbeitern und sozial⸗ demokratischen Vereinen veranstaltet würden. Der Redner bringt eine Reihe von Beschwerden vor. Früher sei die hessische Polizei nicht so rigoros gewesen, erst seit Anfang der 1890er Jahre zeigte sich eine Wendung zum Schlechteren. Die Polizeistunde müsse die Ausnahme bilden, in der Regel sei sie überflüssig und schädlich.— Die Entscheidung über den sozial⸗ demokratischen Antrag, die Feierabendstunde aufzu⸗ heben, fiel erst am Donnerstag. Der Antrag wurde schließlich für vorläufig erledigt erklärt im Hin⸗ blick auf die bevorstehende Revision des Polizeistraf— gesetzbuches. Aus Wetzlar. fk. Menschenfreunde. Gelegentlich der Generalversammlung der Ortskrankenkasse wurde neben anderem auch vorgeschlagen, eine Aenderung des bestehenden Kassenstatuts in dem Sinne vorzunehmen, daß derjenige, welcher im Laufe eines Jahres einmal 13 Wochen Kranken⸗ geld hintereinander bezogen hat, keinen weiteren Anspruch auf Krankengeld soll erheben können, wenn er innerhalb 12 Monaten noch einmal an derselben Krankheit erkrankt, für welche ihm das erstemal Krankengeld gezahlt worden ist. Der Antrag wurde abgelehnt. Aber auch wenn er angenommen wäre, würde das an den bestehenden Verhältnissen nichts geändert haben, denn es giebt nämlich ein gewisses Gesetz betreffend die Krankenversicherung, und das müssen auch die Wetzlarer respektieren. Dieses Gesetz läßt aber derartige Bestimmungen, wie sie verlangt wurden, nicht zu. Aus Löhnberg. * Er hat's erreicht! Nämlich der „Lehrer Jo st Benner, Krieger- und Militär⸗ vereinspräsident, Mitglied des Vaterland⸗Vereins und Inhaber mehrerer anderer Ehrenämter“, wie er sich selbst einmal in einem Schreiben an die „M. S.⸗Ztg.“ unterzeichnete. Dem verdienten Mann ist die erste Lehrerstelle in Löhnberg— man denke in Löhnberg!!— übertragen und er gleichzeitig zum Hauptlehrer ernannt worden. Er teilte uns das selbst mit, indem er uns ein Weilburger Blatt sendet, welches die Notiz über seine Beförderung enthält. An den Rand des Blattes schrieb der nunmehrige Hauptlehrer Jost Benner:„Der von Genosse H. gewünschte Orden!“— Nun, ein Orden ist jene Ernennung gerade nicht, aber vielleicht kommt so ein Piep⸗ matz vierter Güte später nach. Wir gönnen ihn dem um das Staatswohl so besorgten Haupt⸗ lehrer Jost Benner von ganzem Herzen. Wer seine gute Gesinnung so offen zur Schau trägt, muß entsprechend belohnt werden. N Aus Dorheim. r. Am vorigen Sonntag wurden an der Wetterbrücke in der Nähe der Hollerschen Wirt⸗ — schaft einige alte Grenzsteine und ein kleines Gartenthor eines als Sozialistenhasser bekannten Mannes ins Wasser geworfen. Da die Sozial⸗ demokraten nun in der Hollerschen Wirtschaft ihr Vereinslokal haben, werden ihnen die geschilder⸗ ten Rohheiten zur Last gelegt. Ein sehr bequemes Verfahren. Alle Rohheiten, die von unreifen Buben ausgeübt werden, schiebt man einfach unserer Partei zu. Damit erreicht man gleich zweierlei: über die wahren Schuldigen wird der Mantel christlicher Nächstenliebe gehängt, sie bleiben unermittelt; und der verhaßten Partei wird eins angehängt. ein solches Verfahren allerdings nicht. Und in einem Ort, wo noch mehr als 60 Exemplare eines bekannten Muckerblattes gelesen werden, sollte so etwas nicht vorkommen. Oder ist das vielleicht gerade eine Erklärung für jenes Ver⸗ halten? Genossen in Dorheim, verbreitet mehr unser Blatt, die„M. S.⸗Ztg.“, dann wird man auch hier mehr Respekt vor unserer Partei be kommen. Aus Heldenbergen. r. Bei der am 11. d. M. stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde der seitherige Beigeordnete Dott mit 114 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Seine Gegenkandidaten erhielten zusammen 105 Stimmen. Dott wurde auch von den Arbeitern unterstützt. Aus Offenbach. * In der hiesigen Stadtverordnetenversamm⸗ lung geht es, seitdem 17 Sozialdemokraten darin sitzen, anders zu, wie früher. Die Gesellschaft 1 Besonders christlich ist „Schlossersche Liegenschaft“ bezog seither 2000 Mk. städtische Unterstutzung, verweigerte aber den Sozialdemokraten ihre Räume. Dieser Tage nun verlangten die bescheidenen Herren gar 4000 Mk. für die Zukunft. Da unsere Genossen jedoch der sehr vernünftigen Ansicht waren, daß städtische Gelder nur zu gunsten der Allgemeinheit verwendet werden dürfen, so lehnten sie die Unter⸗ stützung überhaupt ab. Nun sitzen die Herren mit dicken Köpfen da und denken wohl über die Wandelbarkeit aller Dinge nach Aus Eschwege. h. Die hiesige Märzfeier verlief in schönster Weise. Die Rede hielt Gen. Hugo. — Die hiesigen Brauereiarbeiter gehen ernstlich mit der Absicht um, eine Zahlstelle des Brauereiarbeiterverbandes zu errichten. Wahlreform in Hessen. Der vierte Ausschuß der zweiten hessischen Kammer richtet im Anschluß an mehrere An⸗ träge das Ersuchen an die Regierung, den Ständen eine Vorlage zugehen zu lassen, nach welcher 1. an Stelle des seitherigen indirekten. Wahlsystems das direkte Wahlsystem eingeführt wird; 2. alle Beschränkungen des Wahlrechts wegen Nichtheranziehung zur Steuerzahlung, namentlich auch der noch im Haushalt der Eltern befindlichen Haus soͤhne, beseitigt werden; 3. eine gleichmäßige Verteilung aller Wahl⸗ kreise auf das ganze Land herbeigeführt und endlich 4. die Geheimhaltung der Stimmabgaben durch Einführung amtlicher Wahl⸗Kouverts ge⸗ sichert wird. Modernes Bauernlegen. Aus dem Odenwald wird seit längerer Zeit von häufigen Grundstücksverkäufen der Bauern an Edelleute und an den Fiskus berichtet. In einer einzigen Nummer des Erbacher Amts⸗ blattes werden die Verkäufe von 128 Grund⸗ stücken mit zusammen etwa 100 Hektar Fläche veröffentlicht, die der Graf von Erbach⸗Fürstenau in den Bezirken Beerfelden und Michelstadt er⸗ worben hat, um sie seinen Fideikommißgütern einzuverleiben. Ebenso verfahren andere Grafen und Barone; auch der Staat hat seinen Grund⸗ besitz im Odenwald arrondiert. Daß das kein. Vorteil für die kleinen Bauern ist, braucht nicht erft gesagt zu werden. Soziale Tragödien. In Dresden hat eine Frau Schröter sich selbst und ihre drei Kinder getötet aus Verzweiflung darüber, daß sie zwangsweise ihre Wohnung räumen sollte, weil sie die Miete nicht zahlen konnte. Einen Tag später erhängte . 1 Nr. 12. ur, 13. a hr 15 2 lbtel 6 112 ihn die f el ber 1 dam dul Polti. wit 1 d teste alle etson. urhie gi fabst ihn, Denn dan felt if ganz unk die Perun! ihren Lau eit verwe daß 0 ell malsitlichen sachen gi Gesch wer genbild 1 alen edlen, nüssen sic ihre Fieu immer, u Motionen von der feigen, h ncht verke mit einer Gefühl z aber gerte Nation wird, da sie ohne schließlich revolution — Ai Anlisemiten Hohannes! schiebenen! waren. Er erfolgt u schwebt no den Helden 1 n dn al in Fra ündlers Paul Keßn die Veöpe dann sch Bankau im Are alt Ache lage ein unpolle 1 hitte. Jundeskredt wiederholt 1 aun i derselb nicheter 80 —Ein des Mind ersonen burden 0 des An bar, die 1 hüten im hubrach sunmer zu e nun ) Mk. ische heit lnter⸗ br herren r die n —— ͤ——— Nr. 13. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. sich gleichfalls in Dresden ein Mann Namens Röhr ars denselben Gründen, welche die Frau Schröter in den Tod trieb. Der Unglückliche hinterläßt drei kleine Kinder. Im Vorjahre war ihm die Frau gestorben. Ueber die Monarchie urteilt der preußische Hofhistoriograph v. Treitschke in dem soeben erschienenen zweiten Bande seiner Politik, wie folgt:„Friedrich der Große hat ge⸗ sagt: Die Monarchie ist die beste oder schlech⸗ teste aller Staats formen, je nach der Person ihres Trägers... Von Mo⸗ narchien gilt im höchsten Maße, daß die Könige selbst ihre schlimmsten Feinde werden können. Denn darin, daß ein einziger Mann so hoch gestellt ist über alle Sterblichen, liegt eine ganz ungeheure Ver führung zu Hoch⸗ mut aller Artz; es liegt die Gefahr nah, daß die Persönlichkeit des augenblicklichen Königs mit ihren Launen und ihrer menschlichen Beschränkt⸗ heit verwechselt wird mit der Krone selber und daß so eine Selbstvergötterung entsteht, welche entsittlichend wirkt. Wenn alles, was einem solchen Fürsten durch den Sinn geht, sofort Gesetz werden soll, so wird die Monarchie ein Zerrbild und es entsteht eine Erregung unter allen edlen, freien Geistern; und solche Monarchen müssen sich dann auf ihre Feinde stützen, weil ihre Freunde sie verlassen... Selbstlob stinkt immer, wie das uralte Sprichwort bei allen Nationen sagt. Selbstlob aber an der Stelle, von der niemand hoffen kann, noch höher zu steigen, hat etwas Empörendes. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Ausstattung eines Mannes mit einer so ungeheuren Macht geeignet ist, das Gefühl zu kitzeln und zu verwirren; wenn das aber geradezu in Mutwillen ausartet, wenn der Nation immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird, daß der eine Mann die Sonne sei und sie ohne ihn im Schatten stünde, so muß das schließlich in einem denkenden Volk zu einem revolutionären Rückschlag führen.“ Kleine Mitteilungen. — Ausgekniffen, wie es einem tapferen Antisemiten geziemt, war der Böckelsche Agitator Johannes Wege aus Kirchhain, dem wegen ver⸗ schiedenen Flegeleien vier Wochen Gefängnis zuerkannt waren. Er kam aber nicht weit. Er wurde steckbrief lich verfolgt und in der Nähe Stuttgarts verhaftet. Es schwebt noch ein Strafverfahren gegen den judenfressen⸗ den Heldenjüngling. — Eine Liebestragödie. Am Dienstag früh hat in Frankfurt a. M. der Hausbursche des Spezerei⸗ händlers Vesper, Grüneburgweg 86, der 21jährige Paul Keßner, in einer Mansarde dieses Hauses zuerst die Vespersche Dienstmagd Katharina Krämer und dann sich selbst erschossen. Keßner stammte aus Bankau im Kreise Kreuzberg in Preußen, die zwanzig Jahre alte Krämer aus Sprendlingen. Auf dem Tische lagen drei Briefe, zwei an die Eltern der Toten, ein unvollendeter an einen Bruder des Keßner. — In Allendorf a. W. wollte der Bund der Land⸗ wirte eine Versammlung abhalten, in der der bekannte Bundesredner Müller⸗Cassel sprechen sollte. Trotzdem wiederholt und dringend— meist persönlich— zu der Versammlung eingeladen war, hatte sich niemand zu derselben eingefunden, sodaß Herr Müller unver⸗ richteter Sache wieder abdampfen mußte. — Eine furchtbare Feuersbrunst zerstörte das Windsor Hotel in New-Pork. Mehr als 60 Personen fanden dabei ihren Tod, mehr denn 100 wurden schwer verletzt. Nach neueren Meldungen aus New⸗York mehren sich die Anzeichen, daß der Brand des Windsor Hotels das Werk von Brandstiftern war, die plündern wollten. Augenzeugen berichten, sie hätten im dritten Stock im Augenblick, da das Feuer ausbrach, gutgekleidete Männer von einem Schlaf⸗ zimmer zum anderen gehen sehen, die nicht vom Feuer⸗ lärm beunruhigt wurden. Ein Mann wurde verhaftet, der angab, er sei als Zeitungsreporter in das Hotel gekommen. Derselbe hatte Juwelen und andere Wert⸗ sachen im Werte von 10000 Dollar bei sich. Man schätzt, daß für eine Million Dollar Wertsachen ver⸗ loren gegangen sind. Herr Abner Mac Kinley(der Bruder des Präsidenten) hat Wertsachen, die auf 70000 Dollar geschätzt werden, verloren. Bessiseher Landtag. In der Sitzung vom 16. März wurde der Bau einer Eisenbahn von Butzbach nach Lich beschlossen. Ein Antrag, der eine Eisen⸗ bahn⸗Verbindung Lich⸗Grünberg verlangt, wurde abgelehnt.— Zu der Eingabe der Gemeindevorstände von Watzen born, Steinberg, Hausen und Grüningen die Haltestelle Schiffenberg betreffend, hat der Ausschuß beantragt, Hohe Kammer wolle beschließen, Großherzogliche Re⸗ gierung zu ersuchen, den Ausbau der Haltestelle Schiffenberg nach der in Rede stehenden Eingabe in die Wege zu leiten. Geh. Oberbaurat Meyer spricht namens der Regierung gegen diesen Antrag. Es kämen weniger die Kosten oder Erbauung des Stations- hauses, als vielmehr die bei einer dort vorhan⸗ denen Stein ung von 1:100, notwendige Um⸗ bauung der ganzen Bahnlinie in Betracht. Sehr warm trat Genosse Dr. David für das Verlangen der Gemeinden Watzenborn⸗ Steinberg, Hausen und Grüningen ein. Schon heute sei auf dem Schiffenberg eine Haltestelle vorhanden, warum solle man diese nicht ausdehnen können? Ihm sei die Be⸗ hauptung, dies beanspruche einen völligen Um⸗ bau der Linie, nicht verständlich, die Herrichtung vielleicht eines Nebengeleises für den Güterverkehr werde wohl ge⸗ nügen. Größere Gemeinden Oberhessens seien beteiligt, und diesen müsse, wenn irgend mög⸗ lich, selbst mit Auf wand größerer Kosten, hier geholfen werden. Der Abg. Weidner tritt namens des Aus⸗ schusses ebenfalls für Bewilligung ein. Der Antrag wurde darauf einstimmig angenommen. Die Frage der Erbauung von Nebenbahnen Büdin gen⸗Ober⸗Seemen, Büdingen⸗Lindheim und Stockheim⸗Frankfurt zeitigte eine längere Dis⸗ kussion. Unser Genosse Dr. David führte u. A. aus: Der Streit, um den es sich handele, sei der: Soll die Bahn Frankfurt⸗Gedern, die zum Teil schon bestehe, zum Teil geplant sei, Anschluß finden an die Strecke Gießen⸗Fulda? Durch das Gesetz von 1890 sei die preußische Regierung verpflichtet, diese Verbindung auszuführen Er sei dafür, daß möglichst viele Bahnen und Verbindungen hergestellt würden. Würde man das Gesetz von 1890 preisgeben, so würde man niemals mehr von Preußen die Herstellung der Linie Grebenhain⸗Gedern ver⸗ langen können. Eine empfindliche, den Verkehr stockende Lücke würde bleiben. Zur Zeit habe man das Mittel noch an der Hand, diese Lücke auszufüllen, weshalb man das alte Projekt nicht aufgeben dürfe. Er stehe auf dem Standpunkt, daß möglichst viel Verkehrsmittel geschaffen werden müßten. Im Laufe der Diskussion werden eine Anzahl Anträge gestellt. Angenommen wurde schließlich der Antrag Erk, die bereits durch Gesetz feftgelegte Bahn⸗ linie Ober⸗-Seemen⸗Gedern-Lauter⸗ bach baldthunlichst aus zuführen, ebenso der Antrag Graf Oriola, die Regierung zu ersuchen, eine Seementhal⸗Bahn zu erbauen. Dienstagssitzung. Zwei Anträge des Abg. Köhler finden in der Kommissionsfassung Annahme. Der eine Antrag lautet: Auf Grund der Art. 79 und 80 der Kreis- und Provinzial⸗ ordnung dürfen Anordnungen nicht erlassen werden, die ein vorheriges Verbot der Ab⸗ haltung von Versammlungen im Sinne des Ge⸗ setzes vom 16. März 1848 betreffend das Petitions⸗ und Versammlungsrecht bezwecken. Der zweite Antrag bezweckt die Aufhebung des Art. 78 des Polizeigesetzbuches vom 30. Oktober 1855 der besagt:„Hat die Polizeiverwaltungs⸗ behörde eine bevorstehende Volksversammlung untersagt, so verfallen Diejenigen, denen dieses Verbot bekannt ist und die gleichwohl an der Volksversammlung teilnehmen oder andere zur Teilnahme auffordern, in eine Geldstrafe von 1 bis 20 Gulden.“ Der Ausschuß beantragte Annahme dieses Antrages. Staatsminister Roth und der Nationalliberale Ofann sind gegen diesen Antrag. Unsere Genossen Cra⸗ mer und Ulrich treten energisch dafür ein. Die Annahme erfolgte mit allen gegen sechs Stimmen. Leizte Nachrichten. — In Frankfurt befinden sich 300 Brauereiarbeiter im Streik. — In Berlin fand diese Woche ein Bau⸗ arbeiterschutz-Kongreß statt. Die Ver⸗ handlungen nahmen drei Tage in Anspruch und gaben ein ausführliches Bild der Mißstände, unter denen die deutschen Bauhandwerker zu leiden haben. Partei⸗ Nachrichten. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Parteigenossen!- Es ist wohl am Platze, noch einmal ausdrücklich an die Verhandlungen der letzten Kreis-Konferenz in Hausen zu erinnern. „Wir stehen vor der Landtagswahl im Kreis Giesen⸗Land!“ „Unsere Organisation soll und muß ausgebant werden!“ „Unserer Presse müssen noch Hunderte neuer Leser zugeführt werden!“— Das waren die drei Hauptpunkte, um die sich die Verhandlungen in Hausen drehten. Die Aussprache war eine erschöpfende und die bezüglichen Beschlüsse wurden einstimmig gefaßt. Auf Kreiskonferenzen sollen aber nicht nur Reso⸗ lutionen angenommen, sie müssen nachher auch aus⸗ geführt werden. Und nun: Hand aufs Herz, Parteigenossen. Habt Ihr alle, die Ihr in Hausen gewesen, inzwischen auch im Sinne der dort gefaßten Beschlüsse ge⸗ handelt?? Es wurde in Hausen besonders die Agitation von Mund zu Mund empfohlen. Es wurde betont, wie notwendig es sei, die schlecht oder gar nicht organisierten Nachbardörfer zu besuchen, dort Einzelmitglieder für den Kreis⸗Wahl⸗Verein und neue Abonnenten für die„M. S.⸗Ztg.“ zu werben. Wieviele Einzelmitglieder, wieviel Abonnenten sind inzwischen gewonnen worden? Welche Dörfer mit schlechter oder gar keiner Orga⸗ nisation sind von Parteigenossen aus gut organisierten Dörfern besucht worden? Wahrscheinlich werden die Antworten auf diese Fragen recht unbefriedigend klingen. Parteigenossen! Treueste Pflichterfüllung ist die höchste Aufgabe für alle diejenigen, die An⸗ spruch auf den Ehrentitel Sozialdemokrat machen. Für uns arbeiten keine Bürgermeister, keine Pastoren, keine Lehrer. Bei uns heißt es: selbst ist der Mann! Die Osterfeiertage bieten die beste Gelegenheit, für die Partei thätig zu sein. Zur Werbung neuer Wahlvereinsmitglieder laßt Euch Mitgliedskarten bei dem Gen. Bock, Dammstraße, holen; dort könnt Ihr auch Beitragsmarken in Empfang nehmen. Zur Abounentenwerbung für die„M. S.⸗Ztg.“ erhaltet Ihr in der Expedition, Sonnenstraße 25(bei Gen. Schneider) Agitatiousnummern in beliebiger Anzahl gratis. Es ist auch noch genügend Zeit, um in den ein⸗ zelnen Vereinen Beschlüsse zu fassen, nach welchen Orten an einem der Osterfeiertage Ausflüge zu agitatorischen Zwecken gemacht werden sollen. Seid pflichtbewußt, Parteigenossen! Denkt an Dresden, denkt an die Zuchthaus vorlage! Nie kämpft es sich schlecht Für Freiheit und Recht! Mit soziald emokratischem Gruß! Gießen, 23. März 1899. Aug. Bock, Ph. Scheidemann, Kreisvertrauensmann. Vorsitzender des K.⸗W.⸗V. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 26. März: Friedberg. Nachmittags 3 Uhr: Oeffentliche Ver⸗ sammlung bei Kühn. Vortrag von Gen. Busold über: Der März 1848 und 1899. Sammlung für die Dresdener. 88136 Mark 43 Pfg. sind zur Unterstützung der Familien der hinter Zuchthaus⸗ und Gefängnismauern schmachtenden Bau⸗ arbeiter bei dem Parteivorstand eingegangen, worüber der Kassierer die Schlußquittung mit folgender Er⸗ klärung veröffentlicht:„Indem wir hiermit die Samm⸗ lung schließen, sagen wir allen Gebern, vornehmlich aber unseren Parteigenossen, die durch ihre auch bei dieser Gelegenheit wieder glänzend bethätigte Opfer⸗ freudigkeit in erster Linie zu dem überaus günstigen Ergebnis der Sammlung beigetragen haben, Namens der hinter Zuchthaus- und Gefängnismauern schmach⸗ tenden Verurteilten und ihrer unglücklichen Familien besten Dank.“ Bei der Redaktion der„M. S.⸗Ztg.“ ist nachträg⸗ lich noch eingegangen Mk. 1,— von C. R. in H. Von demselben Spender wurden uns Mk. 5,— für die Parteikasse überwiesen. Wir lieferten diese 5 Mk. an den Gießener Vertrauensmann ab, die 1 Mk. nach Berlin an Gen. Gerisch. Die Expedition der„M. S.⸗Ztg.“ befindet sich von heute ab Sonnenstraße Nr. 25. —— — — —— — — ——— — —— ——— — Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 13. 2—— 2 eee ee Uunterhaltungs⸗CTeil. 2 Aralte Weisheit. (Buddhistisch.) Nicht wer zehnhunderttausend Mann Auf blutigem Feld geschlagen hat: Wer einzig nur sich selbst bezwingt, Der, wahrlich, ist der stärkste Held. Nicht wer der Freunde größte Zahl Geschrieben auf der Tafel trägt: Wer einem Einzigen trauen kann, Der ist fürwahr ein reicher Mann. Nicht wer in vieler Frauen Lust Der Liebe heiligen Sinn verbuhlt: Wer Eines Weibes Glück sich fühlt, Der bleibet selig immerdar. Dem kann kein Bösewicht, kein Gott, Selbst Satan mit dem Brahma nicht Den Sieg entreißen irgendwann, Dem stillbeglückt Verweilenden. M. G. Conrad in der„Jugend“. vom Stamm gevissen. 121 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Herr v. Kries hatte die ersten Worte Valeskas mit einer ironischen Verbeugung begleitet und dann die schöne blasse Sprecherin, die ihm in der gemeinen Umgebung der Inspektorstube doppelt reizend erschien, mit einem aus Zorn und Leiden⸗ schaft gemischten Blick betrachtet. „Geben Sie sich keine Mühe, mein sehr ehrenwertes Fräulein, Ihren kupplerischen Kom⸗ plizen der verdienten Strafe zu entziehen“, sagte er, absichtlich die verletzendsten Ausdrücke wählend, um der in ihm kochenden Wut Luft zu machen. „Und was diesen Herrn, den Sie Ihren Bräu⸗ tigam nennen, betrifft, so kenne ich ihn nur als einen Aufwiegler, als einen gemeingefährlichen Menschen, einen—“ „Genug, mein Herr!“ fiel ihm Oettinger, der sich bisher nur mit Mühe zurückgehalten hatte, ins Wort.„Sie verschmähen den Weg einer vernünftigen Verständigung—“ „Als einen Schurken, den ich das Recht habe, mit Hunden von meinem Grund und Boden hetzen zu lassen“, überschrie Herr v. Kries seinen Gegner. „Dafür werden Sie mir Rechenschaft geben“, erhob jetzt auch Oettinger, der furchtbar blaß geworden war, die Stimme, während Valeska, alles verloren gebend, auf einen Holzschemel niedersank, das Gesicht an dessen Lehne pressend. „Hier, meine Karte“, hörte sie Oettinger sagen.„Alle näheren Bestimmungen überlasse ich Ihnen.“ „Mich schlagen? Mit Ihnen? Wer sind Sie, wer?“ „Ich bin der Sohn eines Offiziers.“ „Desto schlimmer. So war Ihr Vater ent⸗ weder ein schlechter Soldat oder Sie sind eine sehr faule Frucht dieses Stammes.“ Das letzte Wort war kaum gesprochen, als Herrn von Kries ein Schlag ins Gesicht traf, der ihn wie rasend aufbrüllen machte. Einen Spaten, der in der nächsten Ecke lehnte, er⸗ greifend, wollte er sich auf Oettinger stürzen, aber im nämlichen Moment zog dieser einen Revolver aus der Tasche und hielt ihm den blitzenden Lauf entgegen. Was nun folgte, ge⸗ schah so vollkommen gleichzeitig, wie Blitz und Donner. Während der Gutsherr mit der Linken die ihn bedrohende Waffe beiseite zu drücken suchte und mit dem Spaten in der Rechten zum Schlage auf Oettinger ausholte, taumelte er auch schon von dessen Kugel getroffen zurück, gerade in die Arme des Herrn Thäns, der auf den lauten Wortwechsel herbeigeeilt war. Valeska wußte nicht, wie es geschehen. Zitternd wie Espenlaub hing sie an Oettingers Halse. VII. f Im Herrenhause wurde mittlerweile das Abendessen in heiterster Stimmung eingenommen. Frau von Kries war eine so aufmerksame Wirtin, die Dienerschaft so vorzüglich geschult, daß man die Abwesenheit des Hausherrn gar nicht be⸗ merkte. Jedermann war mit sich selbst beschäf⸗ tigt oder shwelgte noch in dem gehabten musika⸗ lischem Genusse. Es währte sogar eine geraume Zeit, bis die Hausfrau die Abwesenheit ihres Gatten gewahr wurde. Sie suchte ihn überall mit den Augen, allein vergeblich. Anfänglich stieg kein Argwohn in ihr auf. Sie war eine durchaus vertrauensvolle Natur und von der Ehrenhaftigkeit ihres Mannes fest überzeugt. Plötzlich aber fiel es ihr auf, daß auch Valeska fehlte, daß sie auch diese lange nicht gesehen hatte. Wie eine heiße Lohe schlug es ihr ins Gesicht, als sie sich dessen bewußt ward. Es galt jedoch ruhig bleiben, die Gäste keinen Ver⸗ dacht schöpfen zu lassen. Mit äußerster Selbst⸗ beherrschung und lächelnder Miene schritt die erregte Frau durch die Gesellschafts räume, um Georg aufzusuchen, der mit seiner Braut mitten unter den jungen Damen saß. „Ich bitte Dich, Georg, kümmere Dich um die Herren, mache ein wenig den Wirt. Papa ist ganz verschwunden, ich weiß nicht, wo er ist“, flüsterte sie ihm zu. Georg sprang dienstfertig auf. „Papa verschwunden?“ fragte er. denke, er war doch eben hier?“ „Ja, was Du davon weißt! Du amüsierst Dich mit den jungen Mädchen. Aber thue mir den Gefallen und hilf mir ein wenig, bis Papa wiederkommt.“ „Ich will doch lieber nach ihm sehen—“ „Nein, nein, bitte; er kommt schon wieder. Wahrscheinlich eine Wirtschaftsangelegenheit.“ Damit schritt sie wieder durch die Reihen der mit schmausenden und plaudernden Gästen besetzten Tische, hier und dort ein heiteres Wort wechselnd oder sich erkundigend, ob für alle Be⸗ dürfnisse gesorgt sei. Sie war jedoch noch nicht weit gekommen, als vom Hofe her ein Geräusch, ein dumpfes, herzbeklemmendes Geräusch an ihr Ohr schlug. Es klang so unbestim mt und fern, daß sie einen Augenblick glaubte, sie müßte sich geirrt haben. Doch nein, wieder dasselbe Geräusch und diesmal deutlicher, wie wenn sich viele Menschentritte dem Hause näherten. Jetzt hörte sie auch Thüren gehen, sah, wie die Gäste aufmerksam wurden. „Es ist Feuer ausgebrochen“, war ihr erster Gedanke, und totenblaß suchte sie die nächste Thür nach der Vorhalle zu gewinnen, um welche sich mehrere Herren drängten. Der Kämmerer forderte den Herrn Lieutenant zu sprechen. Er sollte die Gutsherrin vorbereiten. Diese stand schon vor ihm. „Was ist's, Hölting, brennt es? Wo ist mein Mann? stieß sie angstvoll hervor, indem sie den Kämmerer an der Joppe packte. Ach nei, gnä Frau“, stotterte dieser, sich verwirrt in den dichten Haaren krauend,„das nich, das nich. Was anders. Der gnä Herr sind— sind— sind drüben beim Inspektor ver⸗ unglückt— ein Schuß—“ Weiter hörte Frau von Kries nicht. Den Kämmerer beiseite schiebend, eilte sie durch die Halle nach dem Hofe. Doch schon auf der Thürschwelle sah sie einen unheimlich dunklen Gegenstand dem Hause zutragen, mitten durch die versammelten Hof⸗ leute hindurch, deren vielstimmiges Geräusch beim Erscheinen der Gutsherrin einer lautlosen Stille Platz machte. Ein für den verunglückten Holzknecht nach der Inspektorwohnung hinüber geschafftes Ruhebett diente jetzt dazu, den nieder⸗ gestreckten Gutsherrn in sein Haus zurückzubringen. Frau von Kries hätte bei seinem Anblick auf⸗ schreien, sich über den geliebten Mann werfen mögen; allein gewohnt, vor ihren Leuten jede „Ich Regung ihres Seelenlebens zu unterdrücken, ge⸗ lang es ihr, eine äußere Fassung zu bewahren. Nur die Worte:„Hinauf auf mein Zimmer“, und„der Doktor“, kamen in einem rauhen, hohlen, fremden Ton aus ihrer gepreßten Brust, während sie dem anscheinend Leblosen die Treppen hinauf voran schritt. Ihr nach drängten sich durch die mit Gästen gefüllte Halle Lieutenant von Kries, Fräulein Adele und die schreckensbleichen Töchter. Herr Thäns hatte sofort einen reitenden Boten und unmittelbar darauf den Wagen nach dem Doktor nach Neukirch geschickt. Mittlerweile hatten die Herren, von der ersten Bestürzung zu sich gekommen, ihren Kut⸗ schern Befehl gegeben, anzuspannen, und das Haus entleerte sich rasch In Zeit von einer halben Stunde lag Totenstille darüber Es war tief in der Nacht, als der Doktor kam. Er erklärte die Verwundung nach langer Untersuchung für nicht ungefährlich. Die Kugel hatte edle Teile verletzt. Der Kranke lag be⸗ wußtlos. Frau v. Kries ließ keinen der Ihrigen an das Bett. Sie selbst besorgte die verordneten Eisumschläge. Nachdem sie den Doktor vermocht, sich im Nebenzimmer auf das Sopha zu legen, saß sie, in einen dicken Shawl gehüllt und schaute bald in die beschattete Lampe, bald auf ihren noch immer bewußtlosen Gatten. Es war Stille im ganzen Hause eingetreten; Frau von Kries selbst befand sich in einer ge⸗ wissen sie lähmenden Starrheit. Sie wollte dem Zusammenhang des Geschehenen nachdenken, allein sie vermochte es nicht. Leise Schritte im Korridor näherten sich und hielten vor ihrer Thür. War es eine der Töchter, die in Angst um den Vater dort lauschte? Es war ein leichter Schritt. Er entfernte sich wieder. Nach Verlauf einiger Zeit derselbe leichte Schritt. Frau von Kries erhob sich und öffnete sachte, nur einen Spalt breit, die Thür. Da fiel etwas Weißes herein— sie bückte sich und hob es auf. Ein Brief!— Gott im Himmel, was sollte ihr das zu dieser Stunde? Wer war der Schreiber?— Sie schlich in die Nähe der Lampe und schlug das Blatt leise auseinander. Wie von einer Natter gestochen, fuhr sie zurück. Es waren Valeskas Schriftzüge. Der böse Argwohn gegen diese, der kurz vor der Katastrophe in ihr aufgestiegen, ergriff mit erneuter Gewalt ihre Seele. Schon wollte sie das Blatt von sich werfen; aber konnte es ihr nicht vielleicht Aufklärung geben? Sie überwand sich und las bis zu Ende. Die krampfhafte Span⸗ nung ihrer Züge ließ dabei allmählich nach und löste sich zu der gewohnten Milde. Valeska schilderte ihr, unter möglichster Schonung ihres Gatten, den Hergang, der mit dessen Verwundung geendet hatte, genau so, wie er sich zugetragen. Die einfache Wahrheit war ihre Rechtfertigung. Ihr Verhältnis zu Oettinger setzte sie kurz auseinander. Da es kein offizielles sei, hätte sie sich nicht verpflichtet gefühlt, die Familie Kries damit bekannt zu machen. Ihr Unrecht bestünde darin, daß sie aus begreiflicher Delikatesse gegen das Kriessche Haus ihren Ver⸗ lobten an einem dritten Ort hätte wiedersehen wollen. Niemand könnte die unheilvollen Folgen tiefer und schmerzlicher beklagen als sie selbst. Schließlich bat sie um ihre Entlassung. Sie fühlte, daß ihre fernere Anwesenheit im Hause unmöglich sei und ihre Pflicht riefe sie zu ihrem Verlobten, der den traurigen Vorfall in Neukirch selbst zur Anzeige hätte bringen wollen. Sie wünschte, die Fahrgelegenheit, die sich durch den Doktor bot, benützen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) ——— Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. „In freien Stunden“, illustrierte Romonbiblio⸗ thek(in Wochenheften à 10 Pf.), begann soeben den dritten Jahrgang mit dem spannenden Roman:„Die Töchter des Südens“. Jedes Heft bringt 24 Seiten Romantext mit Illustrationen und 2 Seiten Kleines Feuilleton, sowie kulturhistorische und humoristische Notizen unter der Rubrik„Dies und Jenes“ und„Witz und Scherz“.— Wir machen unsere Leser auf diese billige und gute und von der Parteipresse bestens empfohlene Romanbibliothek aufmerksam. Das Abonnement kann jederzeit begonnen werden. —— ä 2 K ͤ K 13 2 — —— 3 DD S — S . S 2. 2 „ „„ er nd e? die ise en, ge. por mit sie iht 5 an⸗ ind ster mit wie var ger les die 01 het zer hen gen Sie aust rei ic) Sie del t. blio⸗ den Dit eitel 5 iche deese feng 06 Nr. 13. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Achtung!! 2 9— Konfirmandenstiefel für Knaben und Mädchen . 5 chaftenstiefel„ „ Knopfstiefel 7 Halbschuhe 17 Braune Herren-, Damen⸗ und Hinderschuhe in großer Auswahl zu sehr billigen Preisen. Fgitte auf meine Schaufenster zu achten. N. REISS von 3.350 an 4.— 4.50„ 3.50„ 77 Frankfurter Schuhlager. Reparaturen schnell, gut und billig. 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