Nr. 9. Gießen, Sonntag, den 26. Februar 1899. 6. Jahrg. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5 0 Sonntags⸗Zeitung. Abonnemeuntspreis: Bestellungen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt⸗ e. Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Durch die Po st bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und amal. Bestellung gewähren wir 250%, bei 6mal. Bestellung ren die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312a.) 33 ½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Ein Probeabonnement auf die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ für in Stadt und Land, um ihre vollständige poli⸗ tische Entrechtung und Entmündigung handelt. Wie den ländlichen Arbeitern die Frei⸗ zügigkeit, so soll den städtischen Arbeitern das Koalitionsrecht genommen werden; verhöhnt fühlt. Da heißt es Selbstüber⸗ windung üben und nicht aus der Rolle fallen. Unsere Feinde würden nicht so wüten und toben, wenn es nicht gerade die bisher geübte und erprobte Besonnenheit der deutschen Arbeiter⸗ . den Monat März kostet man geht offenbar darauf aus, die Arbeits⸗ klasse wäre welche seinerzeit die mörderischen e 25 Pfennige. einstellungen unmöglich zu machen. Das Pläne Bismarcks zu Schanden gema t hat. Bei dem Briefträger bestellt und durch wird man so wenig fertig bringen, wie seinerzeit Und so werden auch in dieser Epoche alle An⸗ tet.: 8 5 9 liefert kostet die M die mächtige Protzenschaft Englands. schläge der Reaktion vereitelt werden, wenn die 1 5 diesen frei ins Haus geliefert kostet die„M. Eines müssen wir bei den Reaktionären an⸗ Arbeiterklasse geschlossen und zielbewußt, aber S.⸗Ztg.“ für März nur 30 Pfennige. Wer die„M. S.⸗Ztg.“ noch nicht gelesen hat, mache jetzt einen Versuch. Unsere Parteifreunde mögen sich Mühe geben, neue Abonnenten zu werben. Der heutige Sonntag eignet sich sehr gut zur Vornahme einer Hausagitation. . Die Reaktion. Die reaktionäre Hochflut schwillt gewaltig an. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht seitens der Konservativen und ihrer Anhängsel die wildesten Drohungen gegen die Arbeiterklasse ausgestoßen werden. Bald will man den ländlichen Arbeitern die Freizügigkeit nehmen, die„jungen Bengels“ unter verschärfte Aufsicht stellen, den Kontrakt⸗ bruch bestrafen und die Prügelstrafe dazu ein⸗ führen, bald will man den Organisationen der städtischen Arbeiter an den Kragen gehen. Die jüngsten Debatten im preußischen Abgeordneten⸗ hause haben den Beweis geliefert, daß den Reaktionären die Gewerkschaften eigentlich noch verhaßter sind, als die Sozialdemokratie, eine Thatsache, die uns nicht unbekannt war. Mit wahrer Wut wurde die Gewerkschaft der Maurer als eine solche denunziert, welche„Arbeitswillige“ von der Arbeit abhalte, und es wurde die Orga⸗ nisation dieser Branche als„eine Gefahr für den Staat“ bezeichnet. Die Freisinnigen leisteten nur schwachen Widerstand und sie entdeckten jetzt, daß die Konservativen keine„Freunde der Ar⸗ beiter“ seien. Diese Entdeckung kommt etwas spät. Die Arbeiter selbst haben sich durch die demagogischen Kunststücke der Konservativen nie verführen lassen. Sie werden lachen ob des neu erfundenen Rührstückchens, das ein kon ser⸗ vativer Abgeordneter erzählte, wonach sich ein Maurer bei eben diesem Abgeordneten weinend über den„Terrorismus“ der Maurerorganisation beklagt haben soll. Wer mag wohl glauben, daß die Maurer Leute, die ihre Organisationen vernichten wollen, aufsuchen, um sich bei ihnen auszuweinen! Es müßte denn ein weinender Streikbrecher gewesen sein. Man hielt den Konservativen vor, sie wollten mit ihrem ewigen Geschrei über den angeblichen Terrorismus der Arbeiter Gruseln erregen. Das wollen sie, aber sie wollen auch noch mehr. Schon hat ein Reaktionär den Minister auf⸗ gefordert, er möge erwägen, ob man nicht das Streikpostenstehen aufgrund der Gewerbe⸗ ordnung verbieten könne. Das ist ein Signal. Man kann deutlich sehen, daß es sich um einen großen Vorstoß gegen die Arbeiterklasse erkennen— sie haben das abgeschmackte Gaukel⸗ spiel, das sie bisher betrieben, aufgegeben, sie geberden sich nicht mehr als„Arbeiterfreunde“, welche die Arbeiter vor dem„Terrorismus“ der Sozialdemokratie schützen wollen. Es wird die nackte Unterdrückungspolitik gegen die Arbeiterorganisationen gepredigt und das hat den Vorteil, daß die Arbeiter wissen, wie sie daran sind und mit wem sie es zu thun haben. Auch über die sonstigen wohlwollenden Ge⸗ sinnungen der Herren Konservativen hat niemand in Zweifel bleiben können. Man hat über den Schießerlaß des Herrn von der Recke dis⸗ kutiert und es sind dabei sehr verschiedene Aus⸗ legungen geäußert worden. Die Konservativen aber sprachen sich für die größte„Schneidig⸗ keit“ aus; sie sind dafür, daß bei Aufläufen gleich scharf dreingehauen und ge— schossen wird. Das kann man von den Reaktionären nicht anders erwarten, allein es kann niemand ent⸗ gehen, daß deren Auftreten so provokatorisch ist wie noch niemals. Man will offenbar nicht nur dem Spießbürgertum gruselig machen, man will auch die Arbeiter reizen. Man weiß, daß es den Arbeiter erbittern muß, wenn man fortwährend den Unternehmer als Opfer des angeblichen Terrorismus der Arbeiter hinstellt, während thatsächlich zur Zeit der Terroris⸗ mus der Unternehmer mit seinen schwarzen Listen und seinen Aussperrungsorganisationen förmliche Orgien feiert. Die geheime Hoffnung der Reaktionäre geht eben immer noch dahin, die deutschen Arbeiter würden sich solchergestalt zu Unbesonnenheiten drängen lassen, und an einer gesetzlichen Besserung ihrer Lage verzweifelnd, zum Barrikadenbau, zur bewaffneten Erhebung schreiten. Ja, dann wäre der heißersehnte Mo⸗ ment gekommen, wo die Reaktion aus dem Vollen schöpfen könnte! Wir glauben nicht, daß diese Hoffnung der Reaktionäre sich jemals erfüllen wird. Die deutschen Arbeiter sind im allgemeinen besonnen und kühl überlegend, und sie haben in lang⸗ jährigem Klassenkampf die Macht ihres Zu⸗ sammenhaltens kennen gelernt. Sie sind nicht so thöricht, alles, was sie errungen und geschaffen, leichtsinnig aufs Spiel zu setzen, und sie wissen, daß sie beinahe wehrlos abgeschlachtet werden, wenn sie die Gelegenheit geben, die kleinkalibrigen Gewehre und die Schnellfeuer⸗ geschütze gegen sie anzuwenden. Trotz alledem kann nicht genug gewarnt werden, denn das Temperament ist denn doch auch verschieden und Diesem und Jenem mag das Blut kochen, wenn er nicht nur den Terro⸗ rismus der herrschenden Klassen am eigenen Leibe verspüren muß, sondern sich auch von übermütigen Protzen und Junkern beschimpft und unzugänglich für alle Provokationen, sich dem Ansturm der vereinigten Reaktionäre entgegen stellt. Sie bildet in dieser Position eine Macht, die von niemand überwältigt werden kann. Das gesamte Staatsleben wird naturgemäß von einer solchen Macht beeinflußt und die jeweils herr⸗ schenden Systeme werden ihr gegenüber zu rasch vorübergehenden Erscheinungen, in deren Flucht sie der einzig ruhende Pol bleibt. Wollte man das Toben und Wüten der Reaktionäre ernst nehmen, dann könnte man glauben, wir ständen dicht vor dem Ausbruch eines Bürgerkrieges, und man werde demnächst die Gewehrsalven des Straßenkampfes vernehmen. Aber je ruhiger und besonnener sich die Arbeiter⸗ klasse verhält, um so überflüssiger und lächerlicher muß der ganze Lärm bei allen erscheinen, die die Fähigkeit selbständigen Denkens noch nicht ganz verloren haben. Die Reaktionäre spannen den Bogen zu straff, und das wird die ungeheure Mehrheit des deut⸗ schen Volkes in kurzer Frist zu ihren enschiedensten Gegnern machen. Denn die Zeiten sind denn doch vorüber, in denen man einem ganzen großen Volke zumuten konnte, sich ohne weiteres um ein halbes oder gar ein ganzes Jahrhundert zurückdrängen zu lassen, um nur einer kleinen Minderheit veraltete Privilegien(Vorrechte) zu gewähren. Die Konservativen können wohl momentan einigen Ellenbogenraum gewinnen, aber auch nur momentan. Sie haben die ganze Zeitentwicke⸗ lung gegen sich, welche der konservativen Welt⸗ ordnung eine Stütze nach der anderen entzieht und das Veraltete und Ueberlebte beseitigt. Jede Dampfmaschine arbeitet an dem Unter⸗ gange der Reste der feudalen Welt, und so wird die Beseitigung dieser Reste weit gründlicher besorgt, als es im Jahre 1848 das deutsche Bürgertum vermocht hat. Darum mögen die Herren noch so sehr toben, die Arbeiter werden sich weder provozieren noch einschüchtern lassen und der Geist der Zeit geht seinen Gang. Politische Bundschau. Gießen, den 24. Febrnar. Berlin ist gerettet. Die Bauerlaubnis für die neue Ein⸗ friedigung des Friedhofes der März⸗ gefallen ist von dem Berliner Polizeipräsi⸗ denten von Windheim verweigert worden. Das ist das Neueste vom Berliner Gemeinde⸗ kriegsschauplatze. Das Schreiben des Herrn von Windheim datiert vom 15. Februar, lautet so: Auf das durch den Stadtbaurat Hoffmann am 24. Mai v. J. eingereichte Gesuch um Er⸗ . ä— 1 2—.—ꝛ—. — —— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 9. 13 teilung der Bauerlaubnis für den„Entwurf zum Eingang zum Friedhofe der Märzge⸗ fallenen“ erwidere ich der städtischen Bau⸗ deputation, daß die beantragte Bauerlaubnis versagt werden muß. Wie aus den diesem An⸗ trage vorhergegangenen Verhandlungen der städtischen Körperschaften und aus der Art, in der die Ausführung geplant ist, hervorgeht, bezweckt das Bauwerk eine Ehrung der dort begrabenen„Märzgefallenen“, mithin eine politische Demonstration zur Ver⸗ herrlichung der Revolution, die aus allgemeinen ordnungs polizeilichen Gründen nicht gestattet werden kann. So geschehen ein halbes Jahrhundert nach der Märzrevolution, deren Tote als erster Leidtragender der König Friedrich Wilhelm IV. zu Grabe geleitete, derselbe, der nach der Straßenschlacht im Schloßhofe vor den gefallenen Freiheitskämpfern die Mütze ziehen mußte! Hätte das deutsche Bürgertum anno 1848 bessere Arbeit geliefert, dann würde es jetzt nicht nach dem Berliner Polizeipräsidenten zu fragen haben, dann wäre die Selbständigkeit der Gemeinden heutzu⸗ tage etwas ganz selbstverständliches. Freisinniger Stimmenbettel. Die Berliner freisinnige„Vossische Zeitung“ bettelt Tag um Tag flehentlich um die konser⸗ vativen Stimmen. Da ihr Betteln kein Gehör fand, rafft sie sich nun mächtiglich empor und posiert drohende Gebärde: „Sehe die konservative Partei sich genau an, was sie zu thun gedenkt. Sie kann Berlin Il der Sozialdemokratie ausliefern, ohn befürchten zu müssen, daß ihr sofort vergolten werde, aber wundern darf sie sich dann nicht, wenn bei den nächsten allgemeinen Wahlen ihre sämtlichen märkischen Mandate in die Luft fliegen. Thue sie also, was sie für nützlich und deswegen für klug hält.“ Die„Kreuz⸗Ztg.“ ist neckisch genug, der guten Tante zu erwidern:„Nun, wer weiß dann, ob es nach fünf Jahren noch eine beachtenswerte freisinnige Partei geben wird.“ Welch' reizvolles Schauspiel, wie der wackere Freisinnsmann inbrüstig nach konservativer Gegen⸗ liebe schmachtet. Aber Tantchen Voß soll sich nur nicht zu sehr änstigen. Infolge konservativer Wahlent⸗ haltung wird der Freisinn bei der Wahl nicht unterliegen. Die Innungsmeister und das Büreau⸗ kratenvolk werden in hellen Scharen herbeieilen, um den freisinnigen Ordnungsbruder zu schützen und die bösen Roten zu bekämpfen. Die Sozialdemokratie aber wird ihre Agitation in Berlin so einrichten, daß sie hoffen darf, mit beiden Gegnern fertig zu werden. Unterstützt wird sie freilich in erfreulichem Maße durch die unwürdige Haltung des Freisinns gegenüber den reaktionärsten Reaktionären. Redakteursfreuden unter m Zuchthauskurs. In einer ausgezeichnet verlaufenen Protestver⸗ sammlung zu Frankfurt a. M. gegen das Dresdener Zuchthausurteil wies in der Diskussion Gen. Dr. Quarck bei Besprechung des Magdeburger Urteils darauf hin, wie in den jetzigen Ver⸗ folgungen der Arbeiter und ihrer Führer Sy ste m liege. Das gehe u. A. auch daraus hervor, daß eine Umfrage über die Vorstrafen der sozialdemokratischen Redalteure im Werke sei. Zu welchem Zwecke dies geschehe, sei leicht zu er⸗ raten; daß jetzt ein schärserer Wind wehe, merke man auch in Frankfurt Während seiner zwölf⸗ jährigen politischen Thätigkeit habe er nur zwei Geldstrafen bekommen, aber seit etwa einem halben Jahre häufen sich Antlagen auf Anklagen. Redner speziell könne von fünf Untersuchungen gegen ihn berichten leine wegen Majestäts⸗Beleidigung, zwei wegen Mili⸗ tär⸗Beleidigung, eine wegen Richter⸗ und eine wegen Geistlichen⸗Beleidigung!), die gegen ihn seit kurzem anhängig gemacht wurden, während andere Blätte, denen er die Mitteilungen ent⸗ nommen, nicht verfolgt würden. Und meist sei es das Frankfurter Polizeipräsidium, das die Veranlassung dazu gebe. Glücklicher Weise seien die Frankfurter Richter noch keine Dresdener und Magdeburger Richter! Die schärfere Ver⸗ folgung der Redakteure sei ein Symptom unserer politischen Verhältnisse. Und die Richter sind bei allem ehrlichen Willen von diesen Verhältnissen abhängig. Zum Dresdener Zuchthausurteil. Nach oberflächlichen Schätzungen sind bis jetzt ca. 40 000 Mark für die Familien der Dresdener Verurteilten bei den einzelnen Redaktionen und Expeditionen der Parteizeitungen eingegangen.— Angesichts des fürchterlichen Ur⸗ teils bethätigte sich die Solidarität des. Proletariats in herrlicher Weise. Kein klassenbewußter Arbeiter, der sich nicht mit ge⸗ troffen sühlte durch jenen Streich, der neun blühende Menschenleben mit einem Schlage ver⸗ nichtete. Die Arbeiter thaten ihre Pflicht und werden auch weiter ihre Pflicht zu thun wissen. — Selbst ein bürgerliches Blatt, der Stuttgarter„Beobachter“, erläßt einen Auf⸗ ruf zu gunsten der Opfer des Zuchthaus⸗ urteils und kann in seiner letzten Nummer bereits über einen ganz ansehnlichen Betrag quittieren. Seine Aufforderung zur Linderung der Not bei⸗ zutragen, wird an alle edlen Menschenfreunde ohne Ansehung des Parteistandpunktes gerichtet und u. a. folgendermaßen begründet:„Der Ur⸗ teilsspruch erscheint um so bedenklicher, wenn man die Milde vergleicht, mit der andere Gerichte gewisse von höherer Seite verübte Mordthaten und Körperverletzungen ahndeten. Im Löbtauer Fall kam niemand um's Leben, nur ein Revolver⸗ held erhielt eine derbe Lektion.“ Für ein bürger⸗ liches Blatt sehr anerkennenswert! In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung der Dresdener Verwaltungsstelle der Zimmerer⸗Kranken⸗ kasse wurde folgende Resolution gefaßt: „Die Verwaltungsstelle Dresden der Zen⸗ tralkrankenkasse der Zimmerer verliert durch das Schwurgerichts urteil über die Bau⸗ arbeiter seinen Kassierer Geißler, welcher sieben Jahre lang treu sein Amt ver⸗ waltet hat. Die am 16. Februar tagende Mitgliederversammlung erklärt Geißler für einen Ehrenmann.“ Zwei Urteile. Ein Arbeitswilliger in Hof(Bayern) ist nicht bedroht worden, sondern hat umgekehrt einem Streikenden auf den Kopf ge⸗ schlagen und ihn außerdem noch mit Er⸗ schießen bedroht. Obwohl festgestellt war, daß er in keinerlei Weise gereizt worden ist, erhielt er doch nur drei Tage Gefängnis zudiktiert.— Anders in Dresden. Da hat ein Steinbildhauer bei der Auseinandersetzung mit einem Arbeitswilligen die Redensart gebraucht: Ich erwürge Dich! Dieser wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wegen Nötigung. Verbrecherischer Wirtshausbesuch. Vor einiger Zeit erregte es großes Aufsehen, daß Genosse Wilke, der das Schicksal hat, dem Schwarzburg-Sondershausischen Rechtsge⸗ biete anzugehören, für drei Wochen auf ein⸗ fache landrätliche Verfügung ins Ge⸗ fängnis gesteckt wurde, weil er den Rats⸗ keller wider ein Verbot betreten hatte. Jetzt erhielt Wille nun folgende neue Verfügung: Durch die von Ihnen in Sondershausen ver⸗ büßte Haft wegen Betretens des Ratskellers dort sind 17,86 Mk. Kosten entstanden. Ich gebe Ihnen hierdurch auf, diese Haftkosten binnen drei Wochen bei Meidung der Zwanks⸗ vollstreckung an meine Sportelkasse abzuführen. Ebeleben, den 15. Februar 1899. Der Fürstliche Landrat. Henniger. Es ist begreiflich, daß Wilke den Rechtszu⸗ stand nicht versteht, daß er wegen eines Wirts⸗ hausbesuches erst inhaftiert wird und dann diese Schädigung seiner Erwerbsthätigkeit noch bezahlen muß. Darin bestehen aber die berühmten Rechtsgarantien. Hofgeschichten. Wie die„Berliner Volksztg.“ einer Korre⸗ spondenz entnimmt, sollen in Dessan anonyme Briefschreiber Herren und Damen vom Hofe durch Schmähbriefe belästigen; und auch Mitglieder des Herzogshauses sollen dabei nicht verschont werden. In diesen Briefen sollen intime Vor⸗ gänge des Hofes berührt sein, von denen nur ganz Nahestehende Kenntnis haben können. Bis jetzt sei es noch nicht gelungen, den Ursprung dieser Schmähbriefe festzustellen. 8 In Lippe soll, wie erinnerlich, ein ähnliches Treiben herrschen, und der Berliner Fall Kotze ist auch noch nicht vergessen, und noch weniger aufgeklärt. Der Wohlthäter Stumm. In dem von Stummschen Werksein⸗ gang in Neunkirchen befindet sich solgender Thoranschlag:„An die Arbeiter! Infolge der noch andauernden günstigen Geschäftslage be⸗ willige ich allen Arbeitern, welche mit 1. März d. J. mindestens seit einem Jahre bei meiner Firma in Arbeit stehen, ohne daß sie sich schwere Disziplinar⸗ oder andere Vergehen haben zu schulden kommen lassen und ohne daß eine Kün⸗ digung vor der im März stattfindenden Löhnung erfolgt sein wird, folgende Prämien: 1. Für die jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren je 25 Mk., 2. für die übrigen minderjährigen Ar⸗ beiter je 35 Mk., 3. für die großjährigen Ar⸗ beiter je 50 Mk. Diese Prämien kommen un⸗ beschadet der für 10⸗ und 25jährige Dienstzeit ausgesetzten Gratifikationen, sowie der im Oktober fälligen Guthaben von 50 resp. 35 Mk. mit der Februarlöhnung im März dieses Jahres zur Auszahlung. Dagegen kommt die im April fällige Prämie von 5 Mk. für gutes Verhalten im lau⸗ fenden Jahre in Wegfall.(gez.) C. von Stumm“ Ob dieser„Wohlthat“ wird in den Amts⸗ blättern und der Unternehmerpresse wieder in allen Tonarten das Lob des Königs Stumm gesungen werden. Was bedeuten aber jene Prä⸗ mien? Sie sind ein winziges Teilchen des Mehrwerts, den die Stummschen Ar beiter ihrem„Herrn“ erzeugten. Es ist kein Ge⸗ schenk, keine Wohlthat, sondern eine kleine Abschlagszahlung, die Herr von Stumm an die Arbeiter leistet. Die Millionen, die der König von Saarabien alljährlich als sein„Einkommen“ angiebt, sind von seinen Arbeitern verdient worden. Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Die Vermehrung der Kavallerie ist von der Budgetkommission des Reichstags abgelehnt worden. Desgleichen die geforderte Vermehrung der Infanterie auf 502,506 Mann gegen die Stimmen der Konservativen und der Antrag Bassermann auf eine durchschnittliche Bataillons⸗ stärke von 590 Mann gegen die Konservativen und Nationalliberalen. Dagegen wurde die von dem Abgeordneten v. d. Groeben beantragte Durchschnittsstärke von 584 Mann pro Bataillon angenommen. Die Vermehrung der Ar⸗ tillerie wurde bewilligt. Michel thu den Beutel auf. Einmal und nicht wieder. Gelegentlich der Interpellation betr. die Ausweisungspolitik in Schleswig wollte auch der nationalliberale Abgeordnete Tönnies im Reichstag sein Licht zur höheren Ehre des Herrn v. Köller leuchten lassen. Da er aber seine Rede nicht auswendig gelernt hatte und sie demgemäß ablas, machte ihm unser Genosse Stadthagen einen Strich durch die Rech⸗ nung. Er rief ihm nämlich zu: Nicht a b⸗ lesen! Dadurch wurden wohl auch die Herren im Präsidium auf die Vorlesung aufmerksam und nun wurde dem nationalliberalen„Rebner“ be⸗ deutet, daß blos Nichtdeutschen und der deutschen Sprache Unkundigen das Ablesen gestattet sei laut Geschäftsordnung. Nun packte der National⸗ liberale seine schöne Rede zusammen und ver⸗ schwand von der Tribüne, denn er kann nur — ablesen, nicht frei reden. Der wird kam wieder auf die Tribüne klettern. —— ee nen mensch fe af ild der Hum 100 links.) Den Abg. Diente unser Herr Oert wir Sozialde unsgesprochen flur die br hoffe abet, da der Minder sugsvergehen (Sehr gut! 1 betgehen bes werden die ersten sein, denn etwas der Art ih Ich wiedeth Auffassung 5 Kann Usdruck g. J. B. die V. Arbeiter, wi (ehr richtig! Rohheit die sehr wahr! von Seiten Rohheit dat vorlage ge und das J berfahren w schen. Bei thun, und thun, entsc Gehr richt dlnen Vorm eines Urteil AUenschliches solchen Sat egen die Humanitct. Iflicht ge ern Oer konnte nicht ben:, sabswertün keitungen 19 00 1 erhängt dan 1 eiter eing dude 15 anderen br gn m Nit Mast rre⸗ iyme ur ieder hont Vor⸗ nur Bis ung 98 n ger ein⸗ nder der be⸗ Närz einer were 1 Kün⸗ nung Für n je Ar⸗ Ar⸗ un⸗ stzeit tober t der zur illige N lau⸗ mm.“ imts⸗ T in dumm Prä⸗ des iter Ge⸗ fleine n die Nönig men“ ient erie. t bon lehnt hrung en die lntrag llons⸗ tiven Ie von tragt saillon Ar⸗ U den K. die wollte ordnete heren h 9 t hate J net Rah- . a b⸗ 1 Herren im un a uche let 0 * he⸗ 0 0 * 1 0 Nr. 9. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Aus dem Aeichstag. Was ist Rohheit? Am Donnerstag wurde der neue Entwurf des Invalidenversicherungsgesetzes zu Ende be⸗ raten. Es kam dabei noch zu einem heftigen Zusammen⸗ stoß zwischen dem Agrarier Dr. Oertel(konservativ) und unserem Genossen Singer. Dr. Oertel, der Redakteur des Agrarierblattes„Deutsche Tages⸗Ztg.“, bezeichnete die Lage der Landarbeiter als durch- aus nicht schlecht. Die Vergnügungssucht ziehe die Leute vom Lande in die Stadt. Das Thema von der Prügelstrafe habe Abg. Wurm in die Debatte gezogen. Mein Fraktionsgenosse v. Löbell hat schon erklärt, daß wir die Prügelstrafe bei Rohheits⸗ verbrechen Minderjähriger für angemessen halten. Ich gehe noch weiter und halte sie bei ewissen tierischen Rohheitsvergehen auch für ältere eue für sehr nützlich. Freilich, unsere An⸗ schauungen über das, was eine Rohheit ist, gehen weit auseinander.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokr.) Wenn ich daran denke, wie gewisse Herren über einen Fall denken, den ich hier nicht besprechen will(Dres⸗ dener Zuchtshausurteil), wie man bei viehischen Ver⸗ brechen gegen einen Halbtoten schreiben konnte: wir denken menschlich über Menschliches— so kann ich eine solche Auffassung nur als eine Fratze, als ein Zerr⸗ bild der Humanität bezeichnen.(Sehr wahr! rechts, Lachen links.) Zwei Urteile. Dem Abg. Oertel, dem Freund der Prügelstrafe, diente unser Genosse Singer in trefflicher Weise: Herr Oertel hat sich lebhaft erregt darüber, daß wir Sozialdemokraten uns gegen die Prügelstrafe ausgesprochen haben. Er und seine Freunde sind ja für die Prügelstrafe bei Minderjährigen. Ich hoffe aber, daß Herr Oertel unter die Rohheitsvergehen der Minderjährigen auch die Rohheiten und Un⸗ fugsvergehen der Offiziere und Studenten rechnet. (Sehr gut! links.) Wenn aber schon gewisse Rohheits⸗ vergehen bestraft werden sollen, dann glaube ich, werden die Herren vom Bunde der Landwirte die ersten sein, gegen die sie angewandt werden muß, denn etwas Verrohenderes, als diese Herren in der Art ihrer Agitation leisten, ist nicht denkbar. Ich wiederhole, daß ich erfreut darüber bin, daß die Auffassung meiner Partei über Rohheit diametral ebe 5 der Auffassung, die Herr Oertel zum Usdruck gebracht hat. Wir nennen Rohheit z. B. die Vernichtung des Koalitionsrechts der Arbeiter, wie sie seitens der Unternehmer versucht wird (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), wir nennen Rohheit die Behandlung der ländlichen Arbeiter (sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), wie es vielfach von Seiten der Gutsbesitzer geschieht, wir nennen Rohheit das Verlaugen nach einer Zuchthaus⸗ vorlage gegen die Arbeiter seitens der Konservativen und das Verlangen, daß gegen Arbeiter auders verfahren werden müsse, wie gegen alle andere Men⸗ schen. Bei Ihnen ist alles roh, was die Arbeiter thun, und was die Mitgliedtr der anderen Klassen thun, entschuldigen Sie mit jugendlichem Leichtsinn. (Sehr richtig! links.) Der Herr Abg. Oertel hat uns einen Vorwurf daraus gemacht, daß wir gelegentlich eines Urteils gesagt haben, daß wir menschlich über Menschliches denken. Er hat gemeint: wenn wir einen solchen Satz aussprechen, so sei unser Widerstreben gegen die Rohheit ein Zerrbild, eine Fratze der Humanität. Ich konstatiere, daß Herr Oertel die Pflicht gehabt hätte, wahrheitsgemäß zu zitieren. Herrn Oertel, der jene Stelle ja doch gelesen hat, konnte nicht entgangen sein, daß wir ausdrücklich gesagt haben:„Es war unter den gegebenen Verhältnissen selbstverständlich, daß die Arbeiter wegen ihrer Aus— schreitungen bestraft werden mußten, aber es handelt sich nur darum, ob die so furchtbar harte Strafe, die verhängt wurde, im Verhältnis stehe zu den begangenen Thaten.“ Ich will jetzt auf das Urteil selbst nicht weiter eingehen, davon wird an anderer Stelle die Rede sein. Ich will Ihnen nur Kenntnis von einem anderen Urteil geben, welches angesichts des Löb⸗ tauer Urteils wohl Ihre Beachtung verdient:„Auf dem Rittergut Jankenwalde hatte der Gärtner Robert Wittstock die beim Rübenbau beschäftigten polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen zu beaufsichtigen. Als am 22. Juni v. J. die polnische Arbeiterin Frau Redziolka sich einen Augenblick vom Unkrautjäten emporrichtete, schlug Wittstock die Frau so brutal, daß sie hinfiel. Das Weib schrie auf, worauf Wittstock sie mit der Erklärung, daß sie nicht weiter arbeiten solle, gewalt⸗ sam vom Felde brachte. Der entstandene Lärm lockte die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gemiß⸗ handelten heran, und einige Leute, darunter auch der Ehemann der Geschlagenen, gingen auf den Aufseher zu, um ihm die notwendigen Vorhaltungen zu machen. Wittstock zog darauf einen Revolver hervor und rief den Arbeitern ein„zurück“ entgegen. Mit Ausnahme des empörten Ehemannes folgten sämtliche Arbeiter der Warnung. Als Redziolka weiter vorschritt, um sich seiner Gattin anzunehmen, drückte Wittstock los und traf den Arbeiter mit einem wohlgezielten Schuß in die Brust, sodaß der Unglückliche tot zusamme n⸗ brach.(Hört, hört) Die Geschworenen fanden an Wittstock keine Schuld und nahmen Notwehr an, worauf dieser freigesprochen wurde.(Zurufe und an⸗ haltende Bewegung.) Wir brauchen nichts weiter zu thun, als diese beiden Urteile gegen einander zu stellen. Hier ein Mann, der getötet hat, freigesprochen, dort Leute, welche roh gewesen waren, für ihr Leben vernichtet!(Sehr richtig! links. Unruhe rechts.) Ich will also auf dies Urteil nicht weiter eingehen. Aber ich sage Ihnen, und man muß es dem Bürger⸗ tum zur Ehre anrechnen, daß weit über unsere Kreise hinaus sich ein Schrei der Entrüstung und Empörung erhoben hat über dies Urteil.(Große Unruhe rechts.) Das Urteil wird allenthalben als Bluturteil empfunden(Unruhe und starke Bewegung rechts), es wird eine blutige Saat sein für die Sozialdemokratie.(Entrüstungs⸗ schreie rechts, stürmischer Beifall links.) Die Novelle zum Invaliditätsversicherungsgesetz wurde alsdann einer Kommission von 28 Mitgliedern überwiesen. Es folgt die Interpellation des Abg. Johannsen wegen der Köllerschen Ausweisungen in Nordschleswig. Der Reichskanzler erklärte, daß er den Reichstag in dieser rein preußischen Angelegenheit nicht für zuständig erachte und deshalb die Interpellation nicht beantworten werde. Er entfernte sich darauf. Das Haus kehrte sich nicht an die Erklärung des Fürsten Hohenlohe und trat in die Besprechung der vom Abg. Johannsen in längerer Rede begründeten Interpellation ein. Unsererseits sprach Genosse Liebknecht, der in trefflicher Weise das Junker⸗ tum geißelte. Hier einige Sätze: In den Vorkommnissen in Nordschleswig haben wir in der klassischen Form alles, was der deutschen reaktionären Polizeiwirtschaft von je entsprossen ist. An sich steht der Fall ja nicht einzig da. Es sind ja Ausweisungen auf der ganzen Linie versucht und ausgeführt worden: Oesterreicher, Russen, Hol⸗ länder hat man des Landes verwiesen. Man wollte sich so recht als ein Land zeigen, welches die erste Pflicht der Kultur nicht erfüllt, nicht kennt: die Pflicht der Gastfreundschaft.(Sehr richtig! links.) Aber das, was in Schleswig⸗Holstein vorgefalleu ist, das ist unerhört(Sehr richtig!), das ist etwas, daß sich jeder Deutsche dessen schämen muß.(Sehr richtig! links. Große Unruhe rechts.) Die Herren Agrarier reden hier jeden Tag, so oft sie zu Worte kommen, und im Landtag, wo sie das Wort ja fast allein führen, von der Leutenot. In Nordschleswig herrscht jetzt Leutenot. Die däni⸗ schen Arbeiter sind ausgewiesen, und die Landwirte, die Kaufleute sind in Verlegenheit, wie sie ihre Ar⸗ beiten erledigen sollen. In Nordschleswig werden Germanen, Männer unseres Stammes, unseres Blutes ausgewiesen, an der Ostgrenze aber zieht man Slaven ins Laud hinein, um der Leutenot zu steuern. Welcher Widerspruch!(Sehr richtig! links.) In Nordschleswig weist man Germauen aus, um das Deutschtum angeblich zu retten, im Osten aber läßt man die Slaven hinein, um das Junkertum zu retten.(Unruhe rechts.) Das Junkertum ist nicht identisch mit dem deutschen Volke!(Lärm rechts.) Die Junker sind wesentlich slavischer Herkauft, sind auf flavischem Boden entstanden.(Lärm rechts.) Lesen Sie nur die Geschichten. Von einer kleinen, aus dem Mittelalter überkommenen, von mittelalterlichen Idealen erfüllten Kaste wird das deutsche Kulturvolk beherrscht. Dieses Joch ab⸗ zuschütteln, sich von diesem Junkertum zu befreien, ist die Hauptaufgabe des deutschen Volkes!(Lärm rechts. Lebhafter Beifall links.) Das ist die erste Pflicht, die das deutsche Volk gegen sich selbst zu er⸗ füllen hat.(Erneuter Beifall links.) Die Besprechung der Interpellation nahm auch noch die ganze Samstagssitzung in Anspruch. Die Befürworter der Ausweisungspolitik haben in diesem Kampf keine Lorbeeren gepflückt. Am Montag und Dienstag wurde der Etat des Reichsjustizamts beraten. Unser Ge⸗ nosse Dr. Herzfeld⸗Rostock trat für die Einschränkung der Vereidigungen ein. Unter allen Umständen müsse der Voreid beseitigt werden. Am Dienstag geriet Genosse Dr. Gradnauer mit dem sächsischen General⸗ staatsanwalt Rüger zusammen, weil Gradnauer das Dresdener Urteil über den Löbtauer Krawall als brutalen Gewaltakt bezeichnet hatte. Im Reichstag wurde am Mittwoch die Beratung des Etats des Reichsjustizamts fort⸗ gesetzt. In der Hauptsache drehte sich die Be⸗ ratung um die Frage der reichs gesetzlichen Regelung des Strafvollzuges unter besonderem Hinblick auf die Behandlung von politischen Gefangenen und Redakteuren. Nachdem Genosse Heine diese Frage ange⸗ schnitten hatte, erwiderte Staatssekretär Nieber⸗ ding, die Redakteure hätten kein Privilegium zu beanspruchen. Diese Ausführungen fanden den Beifall des Herrn von Stumm, der zugleich Gelegenheit nahm, auf das Löbtauer Urteil zurückzukommen, wobei er der Ansicht Ausdruck gab, daß die Strafen eigentlich noch zu milde ausgefallen wären. Diese 55 Ausführungen riefen eine scharfe Erwiderung des Genossen Stadthagen hervor. Der sächsische Generalstaatsanwalt Rüger gab wiederum der Ansicht Ausdruck, daß es dem Reichstage nicht zustehe, gerichtliche Urteile zu kritisieren, andern⸗ falls würde man zu einer völligen Entgleisung des Parlamentarismus kommen. —— Zum Präsidentenwechsel in Frankreich. Der plötzliche Tod des Präsidenten der fran⸗ zösischen Republik, den wir in voriger Nummer bereits meldeten, ist eines jener unvorhergesehenen Ereignisse, die in der Staatengeschichte oft eine verhängnisvolle Rolle spielten. Der bis zur obersten Sprosse der Republik emporgestiegene ehemalige Kaufmann hat weder durch Fähigkeiten noch durch besondere Charaktereigenschaften über das Durchschnittsmaß emporgeragt— er war vielmehr ein Typus jener Art von Emporkömm⸗ lingen, die seit 1871 die Politik Frankreichs gemacht haben. Unter der Maske des ehrbaren Bürgers verstand es Faure(sprich:„Fohr“) wie kaum ein anderer, die Pläne der General⸗ stabsfälscher und der ihnen verbündeten Kleri⸗ kalen zu fördern. Die Blätter bringen Mitteilungen von ärzt⸗ licher Seite, denen zufolge Präsident Faure bereits seit längerer Zeit an Arteriosklerose (Entzündung der Adern) litt. Vor etwa zehn Monaten behandelte ihn Professor Launelongue wegen einer Kniegelenkentzündung und konstatierte bei dieser Gelegenheit Arteriosklerose.— Der Tod erfolgte am Donnerstag voriger Woche ziemlich plötzlich. Bereits am zweiten Tage nach seinem Tode erfolgte die Ersatzwahl für Faure in Versailles. Gewählt wurde vom Senat und der Deputiertenkammer der Senatspräsident Loubet(sprich:„Lubeh“). Er erhielt 483, sein Gegenkandidat Méline, der unter dem Spitznamen„Vater Hunger“ bekannt ist, nur 270 Stimmen. Unserem Leipziger Bruderblatt wird über den neuen Präsidenten aus Paris geschrieben: In der gegebenen Lage ist Loubet der best⸗ mögliche(freilich keineswegs der bestee) Nach⸗ folger F. Faures... Faure war in der Revisionsfrage ein Handlanger des Generalstabes. Bekanntlich hatte F. Faure dafür auch seine ganz intimen persönlichen Gründe. Er lebte unter der beständigen Drohung seitens der Klerikalen und Antisemiten, seine(recht dunklen) Familien verhältnisse dokumentarisch aus⸗ zukramen. Mit dem Tode Faures verschwindet, verlieren die Klerikal⸗Antisemiten die ganze Kraft, die sie in ihrer Erpressungsaktion auf den Präsi⸗ denten ausübten. Ein unersetzbarer Verlust! Und der Militärklüngel verliert in F. Faure einen höchst wirksamen Helfershelfer, der, ab⸗ gesehen von seiner Furcht vor den klerikalen Enthüllungen, ebenso wie Dupuy an der Ver⸗ eitelung der Dreyfus⸗Revision interes⸗ siert war— als ehemaliger Minister im Kabinett Dupuy zur Zeit des Dreyfus⸗ Prozesses. Loubet dürfte in keiner Beziehung der Fortsetzer seines Amtsvorgängers werden. Im Gegensatz zu Faure, der Erwählte der Republikaner, einschließlich der So⸗ zialißen, kann er nicht zum Parteimann der Reaktion werden. Ueberdies ist er seit 1892 der kämpfenden Politik gänzlich ferngeblieben und gehört seiner Vergangenheit nach dem linken Flügel der Bourgeoisrepublikaner an. Es mag erinnert werden, daß er 1892 als Ministerpräsident das Schiedsrichteramt im Kohlengräberstreit von Charm aux übernahm und den Konflikt zur Zufriedenheit der Arbeiter entschiedd. Auf Rosen wird Loubet nicht gebettet sein. Die prätorianische Presse hat ihm schon(noch vor der Wahl) den Beinamen eines„Dreyfusard“, eines„Kandidaten der Teufelsinsel“ ꝛc. beigelegt. Und der offizielle prätorianische Verläumder, Q. de Beaurepaire, der von der Kammer gebrand⸗ markte Panamistenretter, hat gar den künftigen 7 7 75 1 9 n l 2——— ———— — Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 9. 1 Präsidenten beschuldigt, die Panamisten 1892 als Ministerpräsident gerettet zu haben. Indes ist das Panamagespenst längst kein Schreckmittel mehr. Die große Mehrheit Loubets in der Nationalversammlung beweist aber auch, daß die generalstäblerische Verleumdungskampagne doch nicht allmächtig ist. Kurz zusammengefaßt: Loubets Wahl läßt in Bezug auf den Hauptpunkt der Dreyfus⸗Krise die Lage mindestens unverändert. Das ist schon ein Gewinn für die Republik in den gegebenen Umständen. Der neue Präsident Loubet, der einer ein⸗ fachen Bauernfamilie entstammt, wird im Organ des mit Hilfe von christlichen und jüdischen„Liberalen“ gewählten Abgeordneten Köhler folgendermaßen geschildert: „Männiglich ist es bekannt, daß von einer Räuberbande derjenige zum Hauptmann auser⸗ koren wird, der am meisten gestohlen, am wil⸗ desten geraubt, und am gräßlichsten gemordet hat. Das ist so die Ordnung; es ist deshalb auch ganz folgerichtig, wenn die Judenrepublik in Frankreich und ihre verdorbenen Vertreter, sich zum Präsidenten einen Mann gewählt haben, der in allen Künsten der Spitzbüberei die Meister⸗ schaft erlangt hat: Emil Loubet ist am Samstag zum Präsidenten der französischen Republik ge⸗ wählt worden Es wird niemand etwas anders erwartet haben vom Organ des Herrn Köhler. Aber es geschieht den„gebildeten“ Herren Liberalen recht. Van Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Drr ck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Miliz oder stehendes Heer? n. Die Parteiversammlung, welche am Sams⸗ tag Abend in Gießen abgehalten wurde, war sehr gut besucht. Genosse Scheidemann sprach über das Thema:„Miliz oder stehendes Heer?“ Er beleuchtete die von Schippel veröffentlichten Ansichten über den Wert eines stehenden Heeres und eines wahr⸗ haften Volksheeres. Man hätte glauben sollen, daß hierüber innerhalb der Partei kein Zweifel mehr bestehen könnte. Schippel habe uns eines anderen belehrt. Redner machte dann auch die Versammlung mit den Zitaten aus Engelsschen Schriften bekannt, die Schippel zu seinen Gunsten anführt. Nachdem der Referent auch die Ab⸗ fertigung Isegrim⸗Schippels durch Kautsky ge⸗ schildert, kam er zu dem Schluß, daß eine demokratische Partei niemals für ein stehendes Heer, sondern nur für ein echtes, un⸗ verfälschtes Volksheer eintreten könne. Das stehende Heer würde stets ein Werkzeug in der Hand der herrschenden Klasse sein. Ein Volk in Waffen aber— und ein Volks⸗ heer, eine Miliz, sei nichts anderes— wäre die beste Bürgschaft dafür, daß der Wille des Volkes höchstes Gesetz sei. Was die Stellungnahme Schippels anlange, so sei er (Redner) der Ansicht, daß es selbstverständlich jedem Genossen un benommen bleiben müsse, seine Ansichten frei und offen zu bekennen. Eine Millionenpartei, wie die sozialdemokratische, müsse auch Raum haben für Leute, die in einzel⸗ nen Punkten anderer Meinung sind als die große Masse unserer Anhänger. Es handelt sich bei der ganzen Frage in der Hauptsache um theoretische Auseinandersetzungen. Die Art und Weise, wie Schippel mit seinen Ansichten her⸗ vorgetreten, sei entschieden zu verur⸗ teilen.— Der Korreferent, Genosse Krumm, ist in faft allen Punkten mit Scheidemann ein⸗ verstanden. Er geht jedoch mit Schippel weit strenger ins Gericht wie der Referent. Schippel habe mit einer geradezu bewundernswerten Fertig⸗ keit aus Engels Schrift gerade diejenigen Zitate herausgefunden, welche zu seinen Gunsten zu sprechen schienen. Die übrigen Aeußerungen Engels, die gegen Schippel sprechen, scheine letzterer merkwürdigerweise alle übersehen zu haben. Krumm hat nichts einzuwenden gegen die Kritik des eigenen Parteigrogramms, obwohl er es für weit besser hielt, wenn die Herren Akademiker lieber ihr Können nach der Richtung hin im Dienste der Partei bethätigten, daß sie den Gegnern zu Leibe gingen, anstatt eifrig bemüht zu sein, irgendwo ein Häkelchen in der eigenen Partei zu finden, wo sie anhaken könnten. An die beiden Referate knüpfte sich eine lebhafte und interessante Diskussion, an der sich die Genossen Amend, Bock, Volz, Krieger und Diehl beteiligten. Kein einziger Redner teilte die Ansichten Schippels. Wenn auch nicht immer direkt ausgesprochen, so tönte es doch aus allen Aeußerungen immer deutlich genug hervor: Nieder mit dem Militarismus! * Im Gießener Reptilchen stellte am vorigen Freitag der tapfere St. Georg selbst fest, daß Bismarck am 26. November 1884 im Reichstag erklärt hat: „Wenn es keine Sozialdemokratie gäbe, und wenn nicht eine Menge Leute sich vor ihr fürchteten, würden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in der Sozialreform bisher gemacht haben, auch noch nicht existieren (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), und insofern ist die Furcht vor der Sozialdemo⸗ kratie in Bezug auf denjenigen, der sonst kein Herz für seine armen Mitbürger hat, ein ganz nützliches Element.“ Das genügt uns. Die sonstigen Klopf⸗ fechtereien des tapfern Ritters lassen uns kalt. Wir sind an diese Mätzchen seit vielen Jahren gewöhnt. — Ein Freund unseres Blattes sendet uns noch folgende Zeilen: Der„hl. Georg“ im„Gießener Anzeiger“ hat sichs einmal in den Kopf gesetzt zu beweisen, daß die Nationalliberalen Arbeiterfreunde und Förderer einer gründlichen Sozialpolitik seien. Die„Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.“ hatte anläßlich einer Rede des Freiherrn von Heyl im Reichstag ihren Zweifeln Ausdruck gegeben, ob die von diesem Herrn zur Schau getragene„Liebe“ zu den Ar⸗ beitern ächt sei; sie war zu diesen Zweifeln umsomehr berechtigt, als gerade die Partei des Herrn v. Heyl bei allen Bedrückungen und Knebelungen der Arbeiter in vor⸗ derster Reihe stand.... Nach langem Hin und Her giebt nun Herr—g im„Gieß Anz.“ zu, daß Bismarck gesagt hat: Wenn es keine Sozialdemokraten gäbe. (siehe obiges Zitat)... nützliches Element“. Dann fügt—g noch hinzu, daß Bismarck auch zu den Sozialdemokraten gesagt hat:„Sie können nichts!“ Dieses Wort ist ebenso falsch und ungerecht, wie das andere Zitat Bismarcks zutreffend. Es dürfte auch dem tapferen Herrn —g nicht ganz unbekannt sein, daß beinahe alles von der Sozialdemokratie Geforderte von seiner Partei— der nationalliberalen— in Ver⸗ bindung mit Konservativen, Zentrum usw. aus Klasseninteresse niedergestimmt wurde. Nicht uns trifft der Vorwurf, daß so wenig für die Arbeiter geleistet wurde, sondern dieser Vor⸗ wurf gebührt den Vertretern einer engher⸗ zigen, egoistischen Bourgeoisie, die nur ihre eigenen Interessen vertritt, unbe⸗ kümmert darum, daß diese meist im Wider⸗ spruch mit den Interessen der großen Masse des Volkes stehen. Wir sind gerne bereit, Herrn—g ein Programm unserer Partei zur Verfügung zu stellen, damit auch er erfährt, was wir wollen. Ist seine Partei wirklich ehrlich arbeiterfreundlich, so mag sie uns den zweiten Teil unseres Programms verwirklichen helfen; solange die nationalliberale Partei ihrer „Arbeiterfreundlichkeit“ nur durch Verleumdungen und Schimpfereien auf die Sozialdemokratie Ausdruck giebt, werden wir diese brandmarken als das, was sie in Wirklichkeit ist: erbärmliche Heuchelei. Was Einigkeit vermag. K.„Was einer nicht zu Stande bringt— vereinter Kraft gar oft gelingt.“ Dieses von dem werkthätigen Volke besonders zu beachtende Sprichwort findet eine geradezu glänzende Be⸗ stätigung in einem uns vorliegenden Geschäfts⸗ bericht des Vorschuß vereins Emmerichen⸗ heim(Westerwald). Dieser Verein welcher den Kredit für seine Mitglieder vermittelt, erzielte einen Reingewinn von 7803 30 Mk.(bei nur 526146 Mk. Verwaltungskosten)G. An Stamm⸗ antheil haben die Mitglieder ein Guthaben von 5 in 1898 einen Gesamtumsatz von 6 590 499 Ml., — 0 0 97 150,74 Mt., an Reservefond 66 391,34 Mk. Zieht man in Betracht, daß genannter Verein in einer wirtschaftlich armen Gegend seinen Sitz hat, daß die ganze Bevölkerung hervorragend aus kleinen Bauern, Handwerkern und Arbeiter besteht, so muß rühmend anerkannt werden, daß das Solidaritätsgefühl bei diesen kleinen Leuten geradezu glänzend entwickelt ist. Im Solde des Kapitals. *Die„Wetzl. Nachr.“ drucken dem„Dresd. Journ.“ die Anklageschrift gegen die Verurteilten nach, thun, als ob es sich um den objektiven That⸗ bestand, also um die gerichtlich ermittelten Thatsachen handelt und leisten sich dann folgende Zeilen, die natürlich aus irgend einem Amts- oder Kapitalisten⸗ blatt herausgeschnitten sind: a „Zu vorstehender Schilderung bemerkt das offizielle Organ der Sozialdemokratie, der„Vorwärts“:„Was in Löbtau geschehen, ist nicht mehr und nicht wenigen als eine trunkene Prügelei, wie sie alle Tage vor⸗ kommen.“ Daß es den Wünschen des genannten Hetzblattes und seiner Hintermänner entsprechen würde, wenn dergleichen Scheußlichkeiten in Deutschland zu den alltäglichen Vorkommnissen gehörten, darf man dem„Vorwärts“ unbesehen glauben, denn sein Zu⸗ kunftsideal ist nicht die Herrschaft von Recht und Gesetz, sondern die Diktatur des Proletariats. Die maßlose Wut, womit es über das Dresdener Urteil herfällt, entspringt einesteils dem Bedürfnis der Hetzer, den Massen, auf deren Kosten sie ein behagliches Leben führen,„etwas zu bieten“, andernteils der Spekulation auf eine etwaige Milderung des Urteils im Gnadenwege.“ Wenn man nicht wüßte, wie Blätter vom Schlage dieser sogenannten Wetzlarer Nachrichten zusammen⸗ gestoppelt werden, könnte man sich ob der Unverschämt⸗ heiten entrüsten. Natürlich wissen die Macher der W. N. ganz genau, daß die Sozialdemokratie die aller⸗ entschiedenste Gegnerin jedweder Rohheiten ist; sie wissen auch, daß der„Vorwärts“ ebenso wie alle übrigen sozialdemokratischen Blätter das Verhalten jener Arbeiter in Löbtau entschieden verurteilt hat; die Gelehrten der W. N. müssen auch wissen, daß der„Vorwärts“, wie alle übrigen sozialdemokratischen⸗ Zeitungen lediglich die Verweigerung mildernder Um⸗ stände und das furchtbare Strafmaß bekrittelte, welch letzteres gar keinen Vergleich mit anderen Strafen. aushält, die über Landfriedensbrecher verhängt wurden, die gegen Sozialdemokraten Gewaltthaten. schlimmster Art verübten. Es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß die Macher der W. N. auch die von sozialdemokratischen Blättern in Erinnerung gerufenen und von vielen anständigen, weder von Behörden noch Unternehmern abhängigen bürgerlichen Blättern nachgedruckten Vorgänge jenes Eislebener Krawalles gelesen haben. Aber die Wetzlarer Nachr. haben nicht den Mut, jenes Eislebener Urteil mit dem Dresdenex in Vergleich zu stellen. Die übrigen Ver⸗ dächtigungen des Wurstblattes, betreffend die„Hetzer, die ein behagliches Dasein führen“, gehören zum eisernen Bestand aller Blätter, die ihre Aufgabe darin erblicken, der herrschenden Klasse Lakeiendienste zu verrichten. Den Arbeitern, die jenes Blatt noch lesen, sollte die Schamröte ins Gesicht steigen. Aus Marburg. b. In der Strafkammerverhandlung am Dienstag wurden drei Zeugen und ein An⸗ geklagter wegen Meineids und Verleitung dazu verhaftet. Der Briefträger W. Schneider aus Eimelrod bei Vöhl war von einem dortigen Ortsbewohner in flagranti dabei ertappt worden, wie er mit dessen Ehefrau sträflichen Umgang pflog. Dabei hatte Schneider den Ehemann noch, mit dem Messer bedroht, weshalb er wegen Bedrohung angeklagt war. In der Schöffen⸗ gerichtsverhandlung und in der späteren Straf⸗ kammerverhandlung sollen dann zu Gunsten des Angeklagten die Meineide begangen worden sein, die obige Verhaftungen herbeiführten. Fette Posten. * Als Vakanzen im Bereiche des elften Armeekorps werden unter anderem ausgeschrieben: In Frankenau, Bürgermeisteramt, Po lizei⸗ sergeant undo Stadtdiener, 270 Mk. jähr⸗ liche Remuneration, sowie alle drei Jahre ein neuer Dienstanzug. In Groß- Auheim, Ge⸗ meinde⸗Behörde, Nachtwächter, 200 Mk. jährlich und 6 Raummeter Stockholz für Heizung des Wachtlokals.— Auf nach Frankenau und Groß- Auheim! Lügnern zum Opfer gefallen. g Wegen Beleidigung eines Amtssekretärs hatte sich vor der Strafkammer in Vochum der Redakteur — — on 1 15 Verleu Wüurteilung den geuise Gefängn amburg Vabers! iu ener Ge Gefängnis kdakkeure i Schwer Burger Schülerin Dortmunde jöhrgen Sittlichkeit Jahren verlust. antragt.— auf der Mann ve past A. W. Ein hielt am aus Gießt sammlu die ander 15 nal Sache se ch die N dufzutreib landzlosen ten. In wossen Sa gefunden: und der Runtod, bteitenbag lung zu her dz — achten 5 0 gelehrten ncht not fru i 115 95 ne 5 sollen 10 9 0 M. nur imm⸗ Aelte bon ö Ml. erein Si 5 und kannt diesen t ist. urn.“ dach hat⸗ sachen 1 die listen⸗ stzielle „Mas eniger e bor⸗ innten würde, nd u man n Zu⸗ t und Die dener dem auf eben der rung schlage mmen⸗ chämt⸗ er W. aller⸗ n sst; ie alle halten teilt n, daß tischen r Um⸗ rittelte, trafen rden, tthaten. Eins e von ufenen n noch lättern walles haben it dem n Ver⸗ Hetzer, zum e darin iste zu lesen, 9 alm n An⸗ leitung eder ortigen orden, gang in loch wegen 11. Straf⸗ en des 1 sein, elften lieben Nr. 9. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. der„Bergarbeiterztg.“, Otto Hue, zu verant⸗ worten. In einer Korrespondenz genannter Zeitung wurde dem Amtsekretür M. in L. vor⸗ geworfen, er habe den Kolporteur Albert Pluta in dem Amtszimmer mit einem mit Hirschhornkrücke versehenen Stock blutig geschlagen und gedroht, er wolle dafür sorgen, daß Pluta in L. keine Wohnung mehr erhalte. Die Korrespondenz war auf Grund der Darstellung des Pluta abgefaßt und auch in mehreren Blättern erschienen. In der Folge stellte sich jedoch heraus, daß Pluta gelogen hatte. Als Hue erfuhr, daß er von Pluta in dieser Weise beschwindelt worden war, veröffentlichte er aus eigener Initiative einen Widerruf. Das Gericht verurteilte Hue zu einer Geldstrafe von 150 Mk. Gleichzeitig kam der Urheber der Verleumdung, der Kolporteur Pluta zur Aburteilung. Der Gerichtshof erkannte gegen den gewissenlosen Menschen auf 6 Monate Gefängnis.— Die Strafkammer II des Hamburger Landgerichts hat den Redakteur Wabersky in einem ganz ähnlichen Falle nicht zu einer Geldstrafe, sondern zudrei Monaten Gefängnis verurteilt.— Für alle Zeitungs⸗ redakteure ist jetzt größte Vorsicht am Platze. Kleine Mitteilungen. Schwerer Vergehen hat sich der Lehrer Joseph Burger aus Schöneberg bei Soest seinen Schülerinnen gegenüber schuldig gemacht. Die Dortmunder Strafkammer verurteilte den 25 jährigen Mann wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit in mindestens 70 Fällen zu 7 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehr⸗ verlust. Der Staatsanwalt hatte 12 Jahre be⸗ antragt.— Durch Sturz in einen Schacht sind auf der Zeche„Scharnhorst“ bei Dortmund drei Mann verunglückt, einer blieb sofort tot. Pastoren als versamm⸗ lungsredner. Aus dem Kreise Alsfeld. W. Einem längst gegebenen Versprechen gemäß hielt am Sonntag Genosse Ph. Scheidemann aus Gießen in unserm Kreise zwei Volksver⸗ sammlungen ab. Die eine fand in Romrod, die andere Abends in Oberbreiten bach statt. Beide nahmen einen recht lebhaften, für unsere Sache sehr guten Verlauf. In Romrod hatten sich die„gelehrtesten“ Leute, die in der Nähe aufzutreiben waren, eingefunden, um den„vater⸗ landslosen“ Sozialdemokraten radikal abzuschlach⸗ ten. In der ausgesprochenen Absicht, den Ge⸗ nossen Scheidemann„abzuthun“, hatten sich ein⸗ gefunden: der praktische Arzt Dr. Heupel und der Pfarrer Klingenschmidt von Romrod, sowie der Pfarrer Stock von Ober⸗ breitenbach. Zunächst suchte„man“ die Versamm⸗ lung zu hintertreiben, indem die beiden Christen⸗ lehrer dem Bürgermeister plausibel zu machen suchten, daß die Versammlung hätte angemeldet werden müssen. Gen. Scheidemann belehrte die gelehrten Herren, daß so etwas im Hessenlande nicht notwendig ist. Wenn aber die beiden Pfarrer überflüssige Gelder hätten, so schlage er ihnen über diese Frage zu gunsten der Ortsar men eine Wette in der Höhe von 20 Mk. vor. Sie sollten das Geld inzwischen flüssig machen.(Große Heiterkeit.) Schnell setzten sich die Herren an den Honoratiorentisch.— In das Büreau der Versammlung wurden alsdann gewählt: die Herren Dr. Heupel als erster und Bürgermeister Schmidt als zweiter Vorsitzender. Dr. H. er⸗ öffnete die Versammlung mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog und stimmte dann an: „Heil Dir im Siegerkranz“. Mit großer Bravour singt er, links und rechts als Unterstützung je einen Pfarrer, der vergnügten Versamm⸗ lung einen ganzen Vers vor und giebt dann dem Gen. Scheidemann das Wort. In gut einstün⸗ diger Rede schilderte unser Genosse die heutigen politischen und wirtschaftlichen Zustände. Er wies nach, wie alles zu Gunsten der Großen auf Kosten der Kleinen geschehe und daß die immer mehr um sich greifende Unzufriedenheit ihre Berechtigung habe. Die Kleinen sollten so zusammenstehen, wie die Großen, dann würde die Vorherrschaft der letzteren bald zu Ende sein. Der Vortrag, der häufig durch Beifall unter⸗ brochen wurde, fand am Schlusse die lebhafteste Zustimmung der übergroßen Mehrheit der von etwa 120—150 Personen besuchten Versammlung. Es nahm nun zunächst das Wort Pfarrer Klingenschmidt. Seine Ausführungen hätten verdient, nachstenographiert zu werden. Er sprach ca./ Stunden. Aber was? Bebel hat am Zürcher See eine Villa. Krupps Groß⸗ vater war ein armer Arbeiter. Ein Pfarrer kann nicht im selben Rock gehen wie ein Arbeiter. In der französischen Revolution wurden viele Köpfe abgeschnitten. Singer ist einmal von Magdeburg nach Berlin 1. Klasse gefahren. Die sozialdemokratischen Führer füttern sich von den Diäten usw. usw. Seine„Rede“ fand oft den heftigsten Widerspruch der Versammlung. Dann kam, redete, aber siegte auch nicht, der Pfarrer Stock von Oberbreitenbach. Er spann denselben Faden weiter, wie sein amts⸗ brüderlicher Vorredner: Er sei christlich⸗sozial. Scheidemann habe ausdrücklich gesagt, daß er nicht hetzen wolle, aber sei das nicht gehetzt, wenn man sage: Krupp nimmt jährlich 8 bis 9 000 000 Mk. ein? Was wollten denn die Arbeiter anfangen, wenn die Unternehmer eines Tages sich zur Ruhe setzten? Die Zufriedenheit sei das schönste Gut. Die So zialdemokratie ist vaterlandslos, religionslos. Wenn ein Arbeiter sein altes Mütterchen kirchlich beerdigen läßt, dann bekommt er keine Arbeit mehr, wo die Organisierten sind. Die Sozialdemokraten denken nur an das Materielle: an Geld, Geld, Geld. Halten wir unsere höchsten Güter hoch. Halten wir fest an unserem Vaterland, an Kaiser und Reich! und treu zu unserm Heiland. Doch eins will ich noch sagen, von dem ich weiß, daß es den heftigsten Widerspruch hervorruft:„Der Führer Singer hat einst zu seinen ausgebeuteten Mädchen, als sie mehr Lohn haben wollten, gesagt: Geht auf die Straße!“— Hier klopfte Scheidemann dem streitbaren Pastor auf die Schulter und sagt:„Sie sprechen die Un⸗ wahrheit und geben Ihrer Gemeinde damit das denkbar schlechteste Beispiel. Wenn Sie Singer verklagt, werden Sie wegen Verleumdung bestraft.“— Der redelustige Geist⸗ liche kommt in die größte Verlegenheit, wird von verschiedenen seiner Bekannten unterrichtet und nimmt dann vor versammeltem Volk seine unwahren Behauptungen zurück.(Bravorufe!) Nach einigen Ausführungen eines Arbeiters aus Ehringshausen bekam Gen. Scheidemann wieder das Wort. Daß er mit den Diskussions⸗ rednern zimperlich umgegangen sei, kann ihm niemand nachsagen. Als Scheidemann den beiden Pfarrern folgende Notiz aus der amtlichen „Darmst. Ztg.“ vorlas: „Stockheim, 14. Febr. In der heute hier abge⸗ haltenen Konferenz der evang. Geistlichen des Dekanats Büdingen fordern die zur Neuregelung und Aufbesserung der Gehalte der evang. Geist⸗ lichen eingeleiteten Schritte allseitig Zustimmung. Zugleich wurde einstimmig die Erwartung ausge⸗ sprochen, daß die dringend notwendige Auf⸗ besserung der Gehalte der evangel. Geistlichen Hessens noch in diesem Jahre vollzogen werde.“ und auf die von den Pfarrern bei den Ar⸗ beitern so sehr verurteilte Unzufriedenheit hinwies, da brach ein wahrer Beifallssturm in der Versammlung los. Er führte dann weiter aus, wie die beiden Redner nichts als einfältige Klatschgeschichten vorgetragen hätten. Daß die Sozialdemokratie vaterlandslos sei, wäre ebenso unwahr, wie die Behauptung, sie sei religions⸗ los. Aber festgenagelt müsse werden, daß sich ein Lehrer der christlichen Religion— der Pfarrer Stock— ausdrücklich für die indirekte Be⸗ steuerung ausgesprochen habe, also dafür sei, daß man den Armen sogar das Brot künstlich ver⸗ teuere.(Lebhafter Beifall.) Nachdem die beiden Pfarrer noch einmal geredet hatten, erhielt Scheidemann das Schluß⸗ wort. Er sagte den Geistlichen, die nicht, wie der Stifter ihrer Kirche, auf Seite der Armen, sondern auf Seite der herrschenden Klasse ständen, noch einmal die Wahrheit, gestand zu, daß er nach dem heute Gehörten rückhaltlos dem Kaiser zustimmen müsse, wenn dieser sage „Christlich-sozial ist Unsinn“ und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Einigkeit der Kleinen in Dorf und Stadt. Abends fand die zweite Versammlung in Oberbreitenbach statt. Anwesend war der in diesem Orte angestellte Pfarrer Stock. Wäh⸗ rend Scheidemann einen inhaltlich ganz anderen Vortrag hielt, als nachmittags, brachte der Pfarrer Stock seine Geschichten vom Nachmittag alle wieder vor. Nur die Unwahrheit über Singer ließ er fort und gab dafür eine andere zum besten. Der Pfarrer behauptete nämlich, in Berlin wären Sozialdemokraten und Freisinnige gegen die Verstadtlichung der Pferde⸗ resp. elektrischen Bahn gewesen. Bekanntlich ist das Gegenteil die Wahrheit, soweit unsere Partei in Frage kommt. Der Herr Pfarrer scheint es nicht allzu genau mit seinen Behauptungen zu nehmen. Wir sind mit dem Verlauf der beiden Versammlungen sehr zufrieden. * Aus Oberbreitenbach erhalten wir noch nach— träglich folgende Mitteilung:„Nachdem Scheidemann und sein Begleiter von hier fort waren, spendierte der Pfarrer Stock den Versammelten ein Faß Bier. Er sagte aber: kein Sozialdemokrat darf mittrinken.“ Daß der Herr Geistliche Stock seinen Gemeinde⸗ mitgliedern ein Faß geistigen Getränks spendierte, finden wir unter den obwaltenden Umständen sehr nett. Wir gönnen diese Zuwendung den Oberbreiten⸗ bachern jeden Sonntag. Weniger schön finden wir es aber, daß der Pfarrer die Sozialdemokraten vom Mittrinken ausschloß. In der Bibel heißt es doch: deine Feinde sollst du lieben.— Noch nach⸗ träglich ein Prosit! Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 18. Februar, abends 8 Uhr in — Hausen 8 Volksversammlung bei Herbert. Redner: Redakteur Scheidemann-Gießen. Wahlverein Friedberg. Vormitt. 10 Uhr bei Gen. Kühn(Stadt New-York, Hagstr. 11). Briefkasten der Redaktion. Ein Artikel:„Kommunales aus Gießen“ mußte wegen Raummangel zurückgestellt werden. Daubringen. Das Eingesandt kann nur nach vorausgegangener Rücksprache Aufnahme finden. Nr. 6 der M. S.⸗Z. ist total vergriffen. P.⸗O. Ueber die Mißhandlung wollen wir gern berichten, wenn der Fall in der Gerichtssitzung, die Sie herbeiführen wollen, aufgeklärt ist. Ihre Angaben sind jetzt zu unbestimmt. Für die Dresdener Zuchthaus opfer in vor. Nummer quittiert 39.98 Mk.— W. 50 Pfg., G. St. 1.—, H. S. 1.—, Beitrag der Gießener Mit⸗ glieder des Verbandes deutscher Buchdrucker durch M. K.: 33,10 Mk. Zusammen bis jetzt 75,55 Mk. Briefkasten der Expedition. Quittungen. B. G. 11.75. R. Ob. 2.80. Frbg. L. 16.80. Nhn. Z. 5.—. K. G.—.20. Klch. Mdlr. 13.60. Wzl. Ldf. 1.60. Dt. Abck. 9.60. Dfl. G. Ins. 4.80. Sch. G. Ins. 6.—. N. G. Ins. 12.—. Arb. B. V. Hchm. 3.50. H. Kfd.—.40. Schm. Hch. 26.—. E. Ab. J.—.20. Hch. Hsn. 5.93. Z. Nhsn. 3.—. Kch. G. 10.—. A. B. G. 18.—. Sg. Weck. 28.20. Schpf. A. W. 2.40. S. V. G. 3.50. St. K. G. 3.50. H. Lbg. 4.76. Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 23. Februar kostete: Butter per Pfund Mk. 075,—0,90, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 1 Stück 5 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80— 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,20 1,70, Hahnen pro Stück Mk. 1,30 2,00, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,40, Gänse pro Pfund 00—00 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 6874 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 68-76 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 6466 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 5,50 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 8,00 9,00, Milch per Liter 16 Pfg. Letzte Nachriehten. Die Beerdigung des verstorbenen Prä si⸗ denten der französischen Republik, Felix Faure, fand am Donnerstag in Paris statt. Bis auf die Hanswurstiaden der Antisemiten verlief die Feierlichkeit in würdiger Weise. Der Oberhans⸗ wurst Déroulede wurde eingesperrt, weil er gar zu sehr geschrieen hat. ——— —* 8 —— —— . —— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 2.— *„Ja, Hermann, es ist ein Edelstein. Und nicht glauben, und die Massen damit in Gärung 7——————— die Kinder haben so viel bei ihr profitiert. Du versetzen. Da wühlt gerade ein solcher jetzt in H.—— eee Unterh altungs⸗Teil. 235558 „Wohlgeboren.“ Sie nennen es den Stil der Thoren Und abgeschmackt im höchsten Grad, Wenn mit dem Worte„Wohlgeboren“ Wird tituliert der Adressat. Und doch liegt Wahrheit in dem Worte, Liegt ausgesprochen ein System; Denn schon an uns'res Lebens Pforte Entscheidet sich's, ob wir bequem, Ob wir mit Kampf durch's Leben müssen Und unsrer Eltern Armut büßen. Wer ist das Kind dort, das, umgeben Von reichbetreßter Dienerschar, Hineinlacht in ein gold nes Leben, So friedenreich, so sorgenbar? Von froher Elternhand geleitet, Wie ist der Weg ihm glatt und leicht Auf dem, von Tausenden beneidet, Es zu des Glückes Höhen steigt? Zu Rang und Reichtum auserkoren, Ist dieses Kind nicht— wohlgeboren? Dort drückt sich um die Straßenecke Ein Kind in halbzerschliss'nem Kleid, Barfuß durchwandert's seine Strecke, Anrufend die Barmherzigkeit; Der Hunger spricht aus seinen Wangen, Den Worten, die es bettelnd singt, Es endet, wie es angefangen, Denn wie's auch später kämpft und ringt, Ach! all' sein Mühen ist verloren— Das Kind ist ja nicht— wohlgeboren! Ferdinand Heigl. vom Stamm gevissen. 81 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) f Am folgenden Vormittag, nachdem Valeska französische Stunde mit Elfriede gehalten, schritt sie wie sonst zur Gesangstunde nach dem Musik⸗ zimmer hinab. „Ach, das trifft sich ja prächtig, Fräulein Stern“, kam ihr Agnes hier glückselig entgegen. „Papa ist nach dem Walde geritten und kommt vor einer Stunde nicht wieder. Wir können daher ganz ruhig singen.“ „Das würden wir auch ohnedies“, versetzte Valeska gelassen, indem sie den Flügel öffnete und einige Gänge über die Tasten machte. Es war jedoch noch keine halbe Stunde ver⸗ flossen, als Elfchen mit den Worten ins Zimmer stürmte: „Papa ist da, hört auf, hört auf!“ Dabei wollte sie das Solfeggienheft vom Notenpulte reißen, um jede Spur des frevelhaften Attentats auf das zarte musikalische Ohr des Hausherrn zu entfernen. Valeska kam ihr jedoch zuvor. „Sie gehen hinaus, Elfriede; und Sie, Fräulein Agnes, haben die Güte fortzufahren“, sagte sie ruhig, aber bestimmt.„Meine Funk⸗ tionen hier im Hause sind durchaus öffentliche und ich werde sie ausüben, bis Ihr Herr Vater mich derselben zu entheben beliebt.“ „Was ist denn das?“ sagte Herr v. Kries, der, in die Vorhalle tretend, die letzten Worte durch die offen gebliebene Thür des Musik⸗ zimmers hörte, zu seiner ihm entgegeneilenden Gattin, indem er sich seines Reitrockes entledigte und mit der Gerte den Schnee von den Stiefel⸗ spitzen klopfte. Und als gleich darauf die unter⸗ brochene Gesangsübung wieder aufgenommen wurde:„Ah, die neuen Künste, die hier ge⸗ trieben werden!— Wetter, keine üble Stimme!“ setzte er hinzu, als Valeska, um die zitternde Agnes zu ermutigen, mit ihrer Glockenstimme einfiel.„Das ist wohl der Edelstein, den Du erworben, Frauchen?“ schmeichelte sie. wirst Dir doch von ihnen vorsingen lassen?“ Aber Herr von Kries schlug abwehrend mit der Hand und eilte nach seinem Zimmer, um mit dem Inspektor Rechnungen durchzusehen. Als sich die Familie zu Tisch versammelte, wurde Valeska dem Hausherrn vorgestellt. Sie hatte von demselben Photographien aus allen Lebensaltern gesehen und war daher auf seine Erscheinung vorbereitet gewesen; dennoch war sie überrascht. Es war eine hohe vornehme Gestalt. Das scharf geschnittene Gesicht glich dem seiner Schwester, nur daß die Härte des ihrigen hier mehr als Selbstbewußtsein erschien, welche an⸗ zogen und zugleich einschüchterten. Die durch Kurzsichtigkeit angenommene Gewohnheit, das Auge zusammenzuziehen, gab seinem Gesichte noch dazu den Ausdruck beständig forschender Beobachtung. Das volle kurzgeschnittene Haupt⸗ haar war schon leicht mit Grau gemischt, wäh⸗ rend der stattliche Vollbart noch sein ursprüng⸗ liches Kastanienbraun bewahrt hatte. Der spitz gedrehte Schnurrbart war viel heller und hatte beinahe einen rötlichen Schein. Alles in allem war er ein schöner Mann; dennoch machte er keinen sympathischen Eindruck auf Valeska, als er sich jetzt steif und mit absichtlicher Flüchtigkeit vor ihr verneigte. Er richtete auch kein Wort an sie, ein guter Beobachter hätte jedoch be⸗ merken können, daß er häufiger als es zum Betrachten der Speisen nötig war, von seinem Pincenez Gebrauch machte und daß sein Blick dann jedesmal wie zufällig Valeska streifte. Die Unterhaltung am oberen Ende des Tisches war keineswegs sehr lebhaft und hätte ohne das Geplauder des kleinen Hans, der zwischen den Eltern saß, häufig gestockt. Weiter unten ging es lebhafter zu. Der Lieutenant, wie immer zu Neckereien aufgelegt, plänkelte nach allen Seiten, am meisten zu Valeska hinüber, die es heute in ihrem Interesse fand, darauf einzugehen, und seine Streiche mit gewohntem Geschick parierte. Der Gutsherr war zerstreut und unruhig; das muntere Wortgefecht schien ihn zu verdrießen. „Ich muß gleich nach Tisch hinüber nach Gansau, Frauchen“, sagte er, als man bei Butter und Käse war.„Baron Helldorf erwartet mich; wir wollen zusammen nach Roschenen zum Major. Es muß etwas geschehen gegen die Wühlereien der Sozialdemokraten, die uns hier die Bauern aufsässig machen. Ich habe dieses Treiben schon von Berlin aus im Auge gehabt. Das kann nicht so fortgehen. Wir Grundbesitzer müssen uns über die zu ergreifenden Maßregeln be⸗ sprechen.“ Valeska überlief es bei dieser Rede heiß und kalt, aber sie besaß Selbstbeherrschung genug, um ihr Interesse daran durch nichts zu verraten. Nur das feine Ohr brannte unter den dunkeln Ringeln, die es umspielten, in lebhaftem Inkarnat. „Muß es denn gleich heute sein?“ nahm Fräulein Adele für die Hausfrau das Wort, welche mit betrübter Miene mit dem Messer auf ihrem Teller spielte. „Jawohl, noch heute“, erwiderte Herr v. Kries mit kaum unterdrückter Ungeduld.„Es ist die höchste Zeit, daß etwas geschieht. Da lest Ihr nun täglich die Zeitung und wißt nicht, was in Eurer nächsten Nähe vorgeht“, setzte er in jenem verweisenden Tone hinzu, den man Kindern gegenüber aaschlägt. a „Entschuldige, lieber Bruder“, fiel Fräulein Adele etwas gereizt ein.„Wir lesen die Zei⸗ tungen, das ist richtig, aber doch nur, was für uns von Interesse ist. Wir lesen die parlamen⸗ tarischen Nachrichten, oft auch einen ganzen Sitzungsbericht, wenn Bismarck oder einer der Führer Deiner Partei gesprochen hat. Wir lesen die Hofnachrichten und den Annoncenteil. Aber Du kannst doch nicht verlangen, daß wir uns mit dem Treiben jener rohen Menschen be⸗ schäftigen!“ a „Rohe Menschen! Ja, wenn es nur solche wären! Aber das ist ja eben das Uebel, daß Gelehrte, sogenannte Gebildete, die verderblichen Lehren aushecken, an die sie natürlich selbst unserer Gegend. In Witzin, Friedberg, Gubau, in all den Nestern, wo er Versammlungen ge⸗ halten, hat er einen rasenden Zulauf gehabt. Heute spricht er in Neukirch. Der Mensch soll eine glänzende Beredtsamkeit besitzen. Diese Art ist die gefährlichste.“ „Und der kommt aus Ihrem Königsberg, mein gnädiges Fräulein, aus der Stadt der reinen Vernunft“, neckte der Lieutenant Valeska über den Tisch hinüber. 5 „Vielleicht bewährt sie auch hierin ihren alten Ruf“, gab diese lachend zurück. „Oho, das klingt ja ganz revolutionär! Wenn Sie eine Russin wären, ich wette, Sie wären vielleicht gar Nihilistin.“ „Da ich aber eine Deutsche bin, so meinen Sie, dürfte ich gar keine, geschweige denn eine politische Meinung haben.“ „Das will ich keineswegs gesagt haben. Allen Respekt vor Ihrer—“ „Gesegnete Mahlzeit, meine Herrschaften“, unterbrach hier Herr von Kries das kleine Scharmützel, indem er aufstehend seinen Stuhl geräuschvoll zurückschob. Wie ein Mann folgte die ganze Gesellschaft seinem Beispiel, während er bereits ein Fenster nach dem Hofe geöffnet hatte und eine schrille Pfeife, als Zeichen zum Anspannen, ertönen ließ. Nach flüchtigen gegen⸗ seitigen Verbeugungen stoben die Tischgenossen auseinander. Auf ihrem Zimmer angekommen, maß Valeska dasselbe mit erregten Schritten. Was sie eben bei Tisch gehört hatte, zeigte ihr klar, in welcher prekären Lage sie sich befand. Sie durfte es setzt auf keinen Fall wagen, ihren Brief an Oettinger auf dem gewöhnlichen Wege zu be⸗ fördern. Dieses wäre, nachdem was sie heute gehört, gleichbedeutend mit sofortiger Entlassung gewesen, und in welchem Lichte müßte sie der Familie erscheinen, wenn man ihre Korrespondenz mit dem verabscheuten Agitator entdeckte! Aber sie mußte ein Mittel finden, ihren Brief zu befördern, schon um Oettinger einen Wink inbezug auf das feindliche Vorhaben der Gutsbesitzer zu geben. Dann und wann blieb sie auf ihrer Wanderung stehen und schaute sinnend vor sich hin. Wiederholt war ihr Herr Thäns eingefallen, der ihr von ihrer damaligen gemeinsamen Fahrt her ein besonderes Wohlwollen bewahrt, und mit dem sie, wo sich die Gelegenheit geboten, ein freundliches Wort gewechselt hatte. Bei den aristokratischen Gewohnheiten der Familie war es jedoch schwer, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Der Gedanke, sich ihm anzuvertrauen, nahm indessen immer bestimmtere Gestalt an, und jetzt blitzte noch ein anderer in ihr auf, der sie mit einem Schlage zum Entschluß brachte. Ein Tagelöhner aus einem entlegenen Dorfe, der beim Holzfällen in den Kriesschen Waldungen vor einigen Tagen zu Schaden gekommen, war im Inspektorhause untergebracht. Er wurde aus der Herrschaftsküche verpflegt, und Frau v. Kries war schon öfter selbst hinübergegangen, um nach dem Manne zu sehen. Konnte Valeska nun an diesem Tage, wo die Hausfrau mit anderen Dingen beschäftigt war, nicht stillschweigend deren 2 Kalt huber geht nicht ganz Eben hatte worfen und 8 ch Zeit zur ls sich die s Huren here der bor Au die Herren ulendmal;! herr Redner omen hit weder, und Midigen He Die Her nesenden. der Witt a sie aber Oel Blicke aller Zweifel, di sein Aeußer ihm gema Herr vo dülnen Freun den er kur aubhulte sich „Oho, 1 Viurt, det hllich war bmmen her und Ihtes Wir komme Der Mensc „Dieser, einem dunkk geworguolt linde ihm! hohe dünne feat zu fei Nie 90 e sch auf vun sich str 1 fahe in ienstfertig b Amt übernehmen und Herrn Thäns ihren Brief Der 9 anvertrauen? Natürlich mußte sie diesen über N ihr Verhältnis zu Oettinger aufklären. Dies fung 10 widerstand ihr zwar ebenso wie das Heimliche] diz 1 6 des ganzen Verfahrens. Es gab jedoch keinen ing, d anderen Weg, und sie hatte das Vertrauen zu ein 68 0 dem Manne, daß er sie verstehen und ihr Ge⸗ 0 N heimnis ehren würde. Zudem hielt sie ihn für. f einen heimlichen Anhänger der Sozialdemokratie, ö ich unk weshalb sie für ihn eine besondere Sympathie] un 10 ohn empfand. Nun war es zwar keineswegs gewiß. 05— daß sie Herrn Thäns dei ihrem Besuche des se un d Kranken zuhause traf, indessen wollte sie es Glau. darauf ankommen lassen. Sie schloß daher ihren u aun Brief, nachdem sie Oettinger ihren Entschluß, biet en 9 Herrn Thäns Vermittelung in Anspruch zu Si i nehmen, mitgeteilt hatte, und wartete eine ge⸗ legene Zeit ab, um unbemerkt zum Hause hinaus und über den Hof schlüpfen zu können. = 2 * — 2 7 ² A — 2 — . = eee FFP — — — — — 3 —— 2 —— N —— D— — 2 22 W— 2 . fie 0 reden wollte, beizuwohnen. Nr. 9. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. — IV. In dem Städtchen Neukirch ging es an dem Abend des nämlichen Tages sehr lebhaft zu. Von allen Seiten kamen Landarbeiter und Be⸗ sitzer kleiner Bauernhöfe herbeigeströmt, um der für heute von Oettinger einberufenen Versamm⸗ lung, in der er über den bäuerlichen Grundbesitz Auf dem Markte vor dem„Blauen Engel“, der seine Gäste kaum fassen konnte, und dessen Saal bereits vollgestopft war, standen die Leute, die nicht mehr hinein⸗ konnten, gruppenweise in lebhaftem Gespräche beisammen. Oettinger selbst saß mittlerweile mit einem am Orte ansässigen Parteigenossen und einigen der intelligenteren Bauernwirte in der Gaststube, über Prinzipienfragen diskutierend und den Leuten, die ihn schon an anderen Orten sprechen gehört, über dies und jenes, was ihnen nicht ganz klar geworden, Auskunft gebend. Eben hatte er einen Blick auf seine Uhr ge⸗ worfen und war im Begriff sich zu erheben, da es Zeit zur Eröffnung der Versammlung war, als sich die Thür geräuschvoll aufthat und drei Herren hereinschritten, gefolgt von dem Wirt, der vor Aufregung hin⸗ und hertänzelte und die Herren wegen des Tumultes im Hause tausendmal um Entschuldigung bat. Sobald der Herr Redner dort seinen Vortrag im Saale be⸗ gonnen hätte, würde die Gaststube ganz leer werden, und er wolle sein bestes thun, um die gnädigen Herren zufrieden zu stellen. Die Herren stutzten und musterten die An⸗ wesenden. Sie waren nicht recht gewiß, wen der Wirt als Redner bezeichnet hatte. Sobald sie aber Oettinger ins Auge faßten, blieben die Blicke aller auf ihm haften. Es war kein Zweifel, dies mußte der Agitator sein, obgleich sein Aeußeres der Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht hatten, durchaus nicht entsprach Herr von Kries— denn er war es mit einen Freunden, dem Baron Helldorf und dem, den er kurzweg den Major genannt hatte— erholte sich zuerst von seiner Betroffenheit. „Oho, mein Lieber“, wandte er sich an den Wirt, der den nobeln Gästen mittlerweile be⸗ hülflich war, sich ihrer Pelze zu entledigen,„wir kommen heute nicht Ihrer zweifelhaften Küche und Ihres noch zweifelhafteren Weines wegen. Wir kommen, um uns auch belehren zu lassen. Der Mensch kann nie genug lernen, he Major?“ Dieser, eine massive, untersetzte Gestalt mit einem dunkelroten Gesicht, in dem die Augen so hervorquollen, als ob die enge militärische Hals⸗ binde ihm die Kehle zuschnürte, hatte eine ganz hohe dünne Stimme, die einen lächerlichen Kon⸗ trast zu seiner Erscheinung bildete. „Nie genug, nie genug“, krähte er, indem er sich auf einen Stuhl warf, die Füße weit von sich streckte und seine Zigarre an dem Zünd⸗ hölzchen in Brand setzte, welches ihm der Wirt dienstfertig entgegenhielt. (Fortsetzung folgt.) Aus der Bulturgeschichte unserer Bauernschaft.“ Von Karl Kautsky. Der Bauer wird ein Hungerleider. Man gestatte uns, hier eine kleine Abschwei⸗ fung zu machen, um ein Thema zu besprechen, das nur lose mit dem Gesamtthema zusammen⸗ hängt, das uns aber geeignet erscheint, doch einiges Licht auf dieses zu werfen. Eine heute weit verbreitete Schule, die auf Comte und Spencer basiert, liebt es, die Natur⸗ gesetze ohne weiteres auf die Gesellschaft zu über⸗ tragen. Die Erfolge der Naturforschung in unserem Jahrhundert waren so glänzende, daß sie den Naturforscher nur zu leicht zu dem Glauben verleiteten, er besitze nun den Schlüssel zu allen Rätseln in der Tasche, auch auf Ge⸗ bieten, die ihm ganz fern lagen. Auf der anderen Seeite war es für manchen Soziologen sehr bequem, einfach die feststehenden Gesetze der Natur auf * Siehe Nr 6, 7 und 8 der„M. S.⸗Ztg.“ sein Gebiet zu übertragen, statt die besonderen Gesetze des letzteren durch komplizierte Forschungen zu ermitteln. Zu den Axiomen dieser naturwissenschaftlichen Soziologie gehört auch der enge Zusammenhang zwischen Klima und Nahrung.„Selbst wenn wir dem Gewicht nach gleiche Quantitäten Speise in kalten und warmen Gegenden genießen“, sagt Liebig,„so hat eine unendliche Weisheit die Einrichtung getroffen, daß diese Speisen höchst ungleich in ihrem Kohlenstoffgehalt sind. Die Früchte, welche der Südländer genießt, enthalten in frischem Zustande nicht über 12 Prozent Kohlenstoff, während der Speck und Thran des Polarländers 66 bis 80 Prozent Kohlenstoff enthalten.“(Chemische Briefe, S. 246.) Buckle schloß daraus, daß die Sklaverei der Hindus der„natürliche“ Zustand des Volkes sei, zu dem es„durch die unwiderstehlichen Gesetze der Natur verdammt sei“.(Geschichte der Zivili⸗ sation, deutsch von Ruge, I, S. 171.) Denn das Klima macht sie zu Vegetariern, die Pflanzen wachsen aber reichlich unter den Tropen, dadurch wird die Volksvermehrung erleichtert und der „Arbeitsmarkt“ überfüllt. Nun fällt es uns nicht ein, den allgemein anerkannten physiologischen Satz leugnen zu wollen, daß der Mensch in einem kälteren Klima ein größeres Bedürfnis nach Kohlenstoff, resp. Fleischnahrung hat, als in einem warmen. Aber dieser Unterschied ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt. Auch unter dem Polarkreis sucht der Mensch nach vegetabilischer Nahrung.„Außer Fisch und Fleisch“, erzählt Nortenskjöld,„verzehren die Tschuktschen eine ungeheure Masse von Gemüsen und anderen Nahrungsmitteln aus dem Pflanzen reich. Die Schriftsteller, welche auf die Tschuktschen als ein Volk hinweisen, welches nur von dem Tier⸗ reich entnommenen Stoffen lebt, begehen daher einen großen Irrtum. Die Tschuktschen scheinen mir im Gegenteil zu gewissen Zeiten des Jahres mehr„Pflanzenesser“ zu sein, als irgend ein anderes, mir bekanntes Volk.“(Die Umseglung Asiens und Europas auf der Vega, II, 108 ff.) Anderseits besteht auch unter den Tropen nicht die„gewöhnliche Nahrung fast gänzlich aus Obst, Reis und anderen Pflanzen“, wie Buckle meint (S. 54), sondern der ausschließliche Vegetarianis⸗ mus ist eine Ausnahme.„Daß man in Afrika weniger Fleischbedürfnis hat, ist eine Fabel“, sagt Buchner(Kamerun, S. 153. Vgl. auch S. 116), und die Thatsachen bestätigen seine Wahr⸗ nehmung. In ganz Afrika ist die Fleischnahrung sehr gesucht. Besonders appetitlich muß die Kost der Bongoneger sein, von denen Schweinfurth erzählt, daß sie, Hund und Mensch ausgenommen, kein tierisches Nahrungsmittel verschmähen, auch nicht Ratten, Schlangen, Aasgeier, Hyänen, Skorpione, Ameisen und Raupen. Aehnlich heißt es von den Indianern Britisch⸗Guvyanas, die unter dem Aequator leben:„Wild und Fische bilden ihre Hauptnahrung, doch verschmähen sie auch Ratten, Affen, Alligatoren, Frösche, Würmer, Raupen, Ameisen, Larven und Käfer nicht.“ (Appun bei Peschel, S. 163.) Weit entfernt, bloß von Früchten zu leben, haben sogar viele unter den Tropen lebende Völkerschaften das Menschenfleisch ihrer Nah⸗ rung einverleibt. Ja, es scheint, als sei der Kannibalismus den Tropen vorzugsweise eigen⸗ tümlich. Erst auf einer sehr hohen Kulturstufe erlangt der Mensch eine solche Herrschaft über die Natur, daß er sich seine Nahrung seinen Bedürfnissen entsprechend frei wählen kann. Je tiefer er steht, desto mehr muß er mit dem vorlieb nehmen, was er findet; desto mehr muß er, statt sich die Nahrung anzupassen, sich der Nahrung anpassen, die für ihn verfügbar ist. Wenn der Eskimo vorzugsweise von Fleisch und Thran lebt, so weniger deswegen, weil das Klima ihm diese Nahrungsmittel vorschreibt, als deswegen, weil er andere nicht findet. Er könnte nicht von Früchten leben aus dem einfachen Grunde, weil in Grönland nicht genug wachsen. Daß die aus⸗ schließliche Fleischnahrung von ihm nicht aus physiologischen Rücksichten gewählt worden, zeigt der Wert, den er auf die spärlichen . Vegetabilien legt, die ihm zugänglich sind. Die südlichen Eskimos sammeln im Sommer ein paar Beeren; die im Norden wohnenden kennen kaum irgend welche Vegetabilien, die aus⸗ genommen, welche sie in einem halbverdauten Zustande in dem Rentiermagen finden, und diese betrachten sie als eine große Delikatesse. Das ist allerdings ein extremer Fall; der weitaus größte Teil der Erdoberfläche trägt eine reiche Fülle der verschiedenartigsten tierischen wie pflanzlichen Nahrungsmittel; nicht überall ist der Mensch in der Wahl derselben so beschränkt, wie in der Nähe der Pole. Aber nirgends steht es ihm frei nach Willkür zu wählen, welche Nahrung er will. Die weitaus meisten Nahrungsmittel findet der Mensch nur in beschränktem Maße, nicht ohne weiteres und nicht zu jeder Zeit. Welche Nahrungsquellen im Stande sind, ihm einen ausreichenden und ständigen Lebensunterhalt zu gewähren, das hängt weder von ihrem Gehalt an Kohlenstoff, noch von seinem Bedürfnis darnach ab, sondern in erster Linie von der Art und Höhe seines technischen Wissens, seiner Kunst, die Natur zu meistern, mit einem Worte: von seiner Pro⸗ duktionsweise. Gegenüber deren Einfluß wird der des Klimas, der Bodenkonfiguration und anderer physischen Verhältnisse geradezu ein ver⸗ schwindender. Man nehme die verschiedenen wilden Indianerstämme Amerikas, die auf der gleichen Kulturstufe stehen, und man wird finden, daß sie in den Pampas wie in den Rocky Moun⸗ tains, am Amazonenstrom wie am Missouri Fisch, Wild und Vegetabilien im Ganzen und Großen ungefähr in den gleichen Verhältnissen zu sich nehmen, die nur durch lokale Bedingungen, etwa größeren Fischreichtum eines Flusses und dergleichen, nicht durch klimatische Einflüsse merk⸗ liche Abänderungen erfahren. Aendert sich die Produktionsweise eines Volkes, so ändert sich auch seine Nahrung, ohne daß das Klima sich ändert. Wenn der heutige Lazzaroni Neapels sich mit Makkaroni, Sardellen und Knoblauch begnügt, so dankt er dies nicht dem herrlichen Klima, unter dem er lebt. Unter demselben Klima haben die Menschen des griechi⸗ schen Heldenzeitalters, wie wir aus der Ilias und Odyssee wissen, ein Vergnügen daran ge⸗ funden, große Mengen nicht nur von Fleisch, sondern auch von„blühendem“ Fett zu verzehren, eine Nahrung, die auch einen Eskimo befriedigen könnte. Auch die Hindus sind nicht immer Vege⸗ tarianer gewesen. Ehe sie in das Gangesthal einbrachen und dort seßhaft wurden, waren sie nomadische Hirten, deren Nahrung hauptsächlich aus der Milch und dem Fleisch der Herdentiere bestand. Erst als ihre Produktions weise sich geändert hatte, der Ackerbau die Viehzucht zurück⸗ drängte, da das Gangesgebiet wohl für jenen, nicht aber für eine ausgedehnte Weidewirtschaft günstige Bedingungen bot, da wurde das Schlachten eines Rindes, des Pflügers und Milchspenders, allmählich zu einer sündhaften Verschwendung.(Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Unüberlegtes Kompliment. Aeltliche Dame Gu ihrem Tischnachbar):„Herr Rechtsanwalt, wenn ich ein Mann geworden wäre, ich wär' auch Rechtsanwalt geworden!“— Rechtsanwalt:„Ach, gnädiges Fräulein wären gewiß schon lange Justizrat!“ * „Papa, wem gehört dieser Park?“— Uns, mein Sohn“, antwortete der Vater.„Uns, dem Volke. Als ein Teil des Volkes, Fritz, haben wir das Recht, uns als Eigentümer zu betrachten. Die Souveränität des Volkes He, Sie da! unterbrach ihn eine barsche, rauhe Stimme,„machen Sie, daß Sie sofort von dem Gras'runterkommen, oder ich arretiere Sie.“ Die Stimme gehörte einem Schutz— mann.— Zu seinem Leidwesen mußte Fritz konsta⸗ tieren, daß Papa wieder einmal gelogen hatte. ** Alles in Ordnung.„Auch in berüchtigten Häusern soll Ihr Herr Sohn, der Lieutenant, oft ge⸗ sehen worden sein.“—„In Uniform?“—„Nein, in Zivil.“—„Na, was wollen Sie da noch?“ * Fürst(zum Finanzminister):„Donnerwetter, wo bringst Du denn bei den schlechten Zeiten den Haufen Geld her?“—„Ganz einfach, Hoheit, ich habe für Majestätsbeleidigung die Geldstrafe eingeführt.“ Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 9. Zur 8 1* Konfirmanden Anzüge in Tuch, Buckskin und Kammgarn von 9 bis 25 Mark. Markus Bauer, Gießen, mirchenplag Anfertigung nach Maß in eigener Werkstätte. Kreis-Konferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda am 26. Februar, nachm. von 1 Uhr ab im Herbertschen Saale zu Hklausen. 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