ach tende mm- — —̃— . r 1 e Nr. 26. Gießen, Sonntag, den 25. Juni 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeut Sonntags 5 85. 1 n kitu Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung“ kostet durch uns a i 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, f Austräger frei ins Haus geliefert monatlich Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Ein ortsgerichtlicher Muster⸗ vertrag. d- Als ein vortrefflicher Beitrag zu den Kammerdebatten über die Einführung des No⸗ tariats in Oberhessen und Starkenburg kann wohl ein Vertrag dienen, der uns zufällig in die Hände fiel. Wenn man den Herren Bürgermeistern glauben sollte, die als Ortsge⸗ richtsvorsteher eine ganz hübsche Nebeneinnahme haben, so konnten die hessischen Volksboten gar keinen dümmeren Streich machen, als eine Ein— heitlichkeit in der nichistreitigen Gerichtsbarkeit auch in Hessen einzuführen. Was die bürger⸗ meisterlichen Ortsrichter, deren Handeln wohl meist durch nicht allzuviel Sachkenntnis auf dem Gebiete der verwickelten Juristerei getrübt war, machten, war wohlgethan. Was in Zukunft die Notare machen werden, ist naruürlich alles „naut nutz“ und kostet viel Geld. 5 Der Kostenpunkt hat auch den Sozialdemo⸗ kraten nicht gepaßt, die bekanntlich für die Unentgeltlichteit der Rechtspflege eintraten. Aber was die Zuverlässigkeit im Abschluß von Verträgen anlangt, so glauben wir doch, daß von den Notaren niemals ein solch Monstrum aufgesetzt wird, wie das weiter unten folgende, dessen geistiger Vater ein ober⸗ hessischer Ortsgerichtsvorsteher ist. Nur mit Rück⸗ sicht auf den beda ernswerten Menschen, der durch jenen Vertrag zum Sklaven seines„Eigentums“ geworden ist und uns dringend gebeten hat, weder seinen, noch den Namen seines Wohnorts zu nennen, fingieren wir die Eigennamen. „Der Vertrag ist abgeschlossen zwischen August Müller und dessen Ehefrau Auguste einerseits und beider Schwiegersohn und Tochter, die wir Wilhelm und Wilhelmine Schulze nennen wollen, andererseits. In seinen Hauptbestandteilen hat der famose Vertrag folgenden Wortlaut: § 1. Es übergeben die Ersteren(Müller und Frau) an Letztere(Schwiegersohn Schulze und Frau) folgende Grundstücke: F. No. qm. I. 1 413 Hofraite im Ort 2 44 Grabgarten im Dorf 3 481 Wiese im Neuboden ee eee„ 5 363 7 7 7 6 31 0 0 77 e e,„ . sowie: a) an Mobiliar: 1 Kleiderschrank aus Kirschbaumholz, 1 Küchenschrank, 2 Lehn⸗ bänke, 3 Lehnstühle wie im Gebrauch vorhanden 1 Tisch, 1 vollständiges Bett, 1 Wiege, 1 Leier⸗ butter, 1 Krautfaß, 1 Waschbütte, sowie alles hand⸗ land-, erd⸗, niet⸗, nagel⸗, loth⸗ und mauer⸗ festes Gerät in der Hofraite. b) an landwirtschaftlichen Geräten: 1 Wagen mit sämtlichem Zubehör, 1 Schaufel, 1 Kartoffelpflug, 1 Egge, 1 Häckselmaschine, sowie sämtliches vorhandere Vieh- und land⸗ wirtschaftliches Geschirr, wie sich dasselbe bei Niederlegung der Gutsteilung des Uebergebers vorfindet. § 3. Die übergebenen Stücke werden den Uebernehmern für die Summe von 1200 Mk. angeschlagen. 5 Bestellungen ere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, § 5. Sodann haben die Ulebergeber von den Uebernehmern folgende auf den übergebenen Gegenständen haftenden Auszugsleistungen lebenslänglich angesprochen: 1) Zur Hälfte das Vorrecht in der Hof⸗ raite. Im Keller rechts des Eingangs, in der Wohnstube den Platz für ihr Bett hinter dem Ofen, in der oberen Stube Platz für ihr Mobiliar, auf dem Speicher für ihr Getreide und in der Küche zum Kochen. 2) Im Stall den 2. Staud für ihr Rindvieh(Kuh) 1 3) Von den Schweineställen den Stall! Sade am Hause 4) In der Scheune das Vierteil ganz, im übrigen als zur Hälfte für ihre Früchte, Heu, Grummet, Stroh u. s. w., jedoch nur so⸗ weit nötig, ferner nach geschehener Gutsteilung kostenfreie Bearbeitung ihrer Auszugs⸗ stücke. Die Grundstücke zu bestellen, zu düngen, die Getreide in die Scheune, die Früchte auf den Speicher, die Erdgewächse in den Keller, das erforderliche Brennholz nach Hause zu fahren und möglichst klein zu machen.... § 6. Weiter haben die Uebergeber für ihr noch unversorgtes Kind, namentlich: Heinrich Müller, deu freien Einsitz in der Hofraite, Platz für sein Bett in der oberen Stube bis zu seiner Verheiratung oder bis er denselben aufgiebt, vorbehalten. §.8. Werden Uebergeber krank oder bett⸗ lägerig, so erhalten sie vollstäudige Aufwartung und Verpflegung von den Unternehmern. § 9. Sollten sich weitere noch unbe⸗ kannte Schulden der Uebergeber als die obengenannten(in§ 4 werden 1200 Mk. nach⸗ gewiesen. d-) herausstellen, so sollen diese von allen Geschwistern bezahlt werden. 8 10. Wenn Uebergeber nach der Uebergabe dieses Vertrags noch weitere Schulden machen sollten, so sollen diese ebenfalls von sämtlichen Geschwistern bezahlt werden. § 14. Von den Grundstücken Flur J 2, 3, 4 behalten sich die Uebergeber den lebensläng⸗ lichen Abnutzen ganz und von Flur I 5 zur Hälfte bevor. „Diesem ortsgerichtlichen Mustervertrag, der, wie uns versichert wird, noch lange nicht der monurbseste sein soll, braucht man eigentlich gar keine Erläuterungen hinzuzufügen. Jeder Para⸗ graph spricht für sich selbst. Man lese genau den§ 5. Kein einziger Raum im ganzen Hause gehört dem Paar allein. Im einzigen Zimmer zu ebener Erde steht das Bett der Alten hinter dem Ofelts In einer anderen Ecke steht das Bett der Jungen. Im einzigen Zimmer im oberen Stock wohnt der jetzt 17 jährige Sohn des Alten und kann darin wohnen bleiben, so— lange es ihm eben beliebt. Nun hat sich der Alte, nachdem ihm nach § 5 der Junge auch die ganze Arbeit unent⸗ geltlich machen muß, dem Trunk ergeben und macht jede Nacht in seinem Bett hinter dem Ofen Krakehl. Die Vorschläge der Jungen, die Alten möchten oben wohnen, damit beide Paare getrennt wären, weist der Alte zurück. Er hat es ja schriftlich, daß ihm der Platz hinter dem Ofen gehört und oben sein Sohn wohnt. „Jetzt fehlt nur noch, daß der Alte auf den einzig dastehenden§ 10 pocht und auf Teufel komm' raus Trinkschulden macht. D Juserate die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespal. Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. owie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33 Bei mindestens und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatit Auf Grund jenes ortsgerichtlichen Muster⸗ vertrags ist das junge Paar in die bedauerns⸗ werteste Lage gekommen. Ob es gelingen wird, den Vertrag mit Erfolg anzufechten, bleibt ab— zuwarten. Das eine dürfte feststehen, daß kein besitzloser Proletarier, der zur Miete wohnt, aber Herr wenigstens in seinen vier Wänden ist, tauschen würde mit jenem„Hofraitenbesitzer“, der auf Grund des orisgerichtlicheu Vertrages nichts anderes ist, als ein Sklave seines „Eigentums“. Politische Rundschau. Gießen, den 23. Juni. Die Karolinen sind„unser“. In der Reichstagssitzung am Mittwoch wurde der Vertrag, den die deutsche Reichsregierung mit Spanien bezüglich der Abtretung der Karolinen⸗, Mariannen- und Polosinseln abgeschlossen hat, gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Freisinnigen und deutschen Volksparteiler gut⸗ geheißen. Die Inseln kosten„uns“ 17215 000 Mark bar und verschlingen fortdauernd— das heißt: vorläufig— pro Jahr„nur“ 465 000 Mark Verwaltungskosten. Was diese Südsee⸗ inseln wirklich fur einen reellen Wert haben, führten die Abg. Wiemer und Liebknecht au.. Ersterer stellte fest, daß auf den Inseln der Südsee im ganzen 21 Deutsche leben, wir also für jeden derselben 700000 Mk. veraus⸗ gabten. Gen. Liebknecht führte u. A. aus: Was au wertvollem Kolonialgebiet vorhanden gewesen, ist aufget ilt. In Samoa haben wir nichts erreicht und in Kiau schou sind wir zwischen Russen und Engländern eingequetscht. Die Karolinen haben die Amerikaner verschmäht, obwohl sie vielleicht mehr Geld haben, als wir; der Wert derselben ist, auch wenn man nach der Denkschrift urteilt, doch gleich Null. Bei diesem Kaufe sind jedenfalls die Spanier nicht betrogen worden. Der Kaufpreis ist nicht das Schlimmste, die Verwaltungskosten werden uns viel empfindlicher belasten und vor allen Dingen wird mit diesen Erwerbungen für neue Flottenpläne eine ausreichende Grundlage geschaffen. Deutschland würde aber zu Grunde gehen, wenn es neben seiner Landmacht eine Flotte wie England schaffen wollte. Wenn je⸗ mals ein törichtes Wort gesprochen ist, so ist es das Wort: Die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Wasser. Die Zukunft Deutschlands liegt im eigenen Lande. Durch solche auswärtigen Abschweifungen will man nur hinwegtäuschen über das Elend im Innern. Zum Schutze der Deutschen im Auslande schickt man Kriegsschiffe aus, während die Deutschen im Inlande rechtlos sind gegen⸗ über der Polizei. Das ist es auch, daß unsere Kolonialpolitik uns lächerlich und verächtlich gemacht hat im Auslande.— Nun, die Mehrheit bewilligte und das deutsche Volk kann wieder zahlen, zahlen für wert— losen Besitz! Deutschland als Kulturbringer. Für die Chinesen im deutschen„Pacht⸗ gebiet“ Kiautschou ist eine Verordnung über Strafrechtspflege erschienen, die unter an— dern folgende Paragraphen enthält: Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. ie 26. Nr. 26. Die zulässigen Strafen sind 1. Prügel⸗ strafen bis zu 100 Schlägen, 2. Geldstrafe bis zu 5000 Dollars, 3. zeitige Freiheitstrafen bis zu 15 Jahren, 4. lebenslängliche Freiheit⸗ strafen, 5. Todesstrafe. Auf sie kann allein oder in Verbindung mit einander oder mit Ausweisung aus dem Schutzgebiet erkannt werden. Für die Handlungen jugendlicher Personen kann deren Vater, älterer Bruder, Vormund oder diejenige Person zu einer Strafe verurteilt werden, deren Obhut der jugendliche Verbrecher anvertraut ist.„ Die Vollstreckung der Prügelstrafe er⸗ folgt mit einem vom Gouverneur genehmigten Züchtigungsinstrumente. Das auf Prügelstrafe lautende Urteil kann auf ein- oder mehrmaligen Vollzug ergehen. Bei jedem Vollzug darf die Zahl von 25 Schlägen nicht überschritten wer⸗ den. Bei der Vollstreckung ist auf den Körper⸗ zustand des Verurteilten Rücksicht zu nehmen. Die Freiheitstrafe kann mit Zwangs⸗ arbeit verbunden werden. Widerspenstige Per⸗ sonen dürfen bei der Arbeit gefesselt werden.— Wir zweifeln nicht, daß sich das deutsche Gouvernement, nachdem bereits eine Verordnung über das Herumlaufen der Hunde erschienen ist, mit dieser Verfügung in China äußerst be⸗ liebt machen wird. Wird nun außer der Ver⸗ abfolgung von Prügeln noch fleißig Schnaps verkauft, dann wird die preußische Kultur in China resige Fortschritte machen. Ein Kaiserblick in die deutsche Zukunft. Bei Brunsbüttel, wo der Nord⸗Ostseekanal in die Elbe tritt, sand am Sonntag eine Segel⸗ regatta statt unter Beisein des deutschen Kaisers. Bei dem daranschließenden großen Diner hielt der Kaiser auf eine Ansprache des Hamburger Bürgermeister Dr. Mönckeberg eine Rede, in der er seine Freude am Segelsport bekundete und eine Art Parallele zwischen diesem Sport und der Entwicklung der deutschen Seemacht zog. Aber der letzte Teil dieser Rede hat politische Bedeutung. Der Kaiser sagte: „Meine Herren! Sie haben soeben gehört, und ich bin es Ihnen dankbar, daß Sie mit Freuden und Anerkennung unserer Politik solgten. Es ist mein Grundsatz, ü ber⸗ all, wo ich kann, neue Punkte zu finden, an denen wir einsetzen können, an denen in späteren Zeiten unsere Kinder und Enkel sich ausbauen und das zu Nutzen machen können, was wir ihnen er⸗ worben haben. Langsam nur hat das Ver⸗ ständnis für Wasser⸗ und Seewesen, für die Wichtigkeit des Meeres und seiner Beherrschung bei unseren Landsleuten Platz gegriffen; aber das Verständnis ist erwacht, und wenn eig⸗ mal beim Deutschen eine Idee, ein Gedanke Funken gefangen hat, so wird selbiger auch bald zu lodernder Flamme. So wird es auch hier sein. Das deutsche Volk ist wie ein edles Vollblutpferd, es duldet nicht, daß ihm einer an die Gurten herankommt, sondern will seinen Platz vorne behaupten, und das ist mein Wunsch: Mögen wir mit unseren sämklichen Bestreb⸗ ungen und mögen sie in Hamburg mit Ihren Gedanken und Ihren vorwärtsgehenden Be⸗ strebungen an der Spitze marschieren wie bis⸗ her, darauf leere ich mein Glas!“ Das ist ein ganzes Programm kaiserlicher Zukunfts⸗Weltpolitik. Noch nie ist es so deut⸗ lich gesagt worden, wohin diese Welt⸗ und Ueber⸗ see⸗Politik zielt. Und darum sind noch niemals die schweren Fährlichkeiten dieser Poli⸗ tik so in helles Licht gesetzt worden, als durch diese Auslassung des Kaisers. Fast möchten wir dem deutschen Kaiser danken, daß er es so gerade heraus verkündete, wohin des Weges seine Politik marschieren will. Ueberall auf dem Erdenrund, wo sich eine Möglichkeit findet, sollen„neue Punkte“ gefunden werden,„an denen wir einsetzen können, an denen in späteren Zeiten unsere Kinder und Enkel sich ausb zuen können“. Seltsam, höchst seltsam! Seit einem halben Menschenalter be⸗ treibt Deutschlaud diesen Auslug nach„neuen Punkten“ und es hat deren allerlei ergriffen. Wir haben mächtige Landgebiete in Afrika er⸗ worben, wir nahmen Neu⸗Guinea und allerlei Inselspreu in dessen Nähe, wir„pachteten“ neuerdings in China und unsere neueste Er⸗ rungenschaft sind die Karolinen- und Marianen⸗ inseln, die Spanien nicht mehr brauchen konnte und kein anderer Staat haben wollte. Von all' diesen neuen Punkten deutscher Reichsausdehnung aber ist auh kein einziger, auf dem für Kinder und Enkel ein wertvoller Ausbau möglich ist. Die Sümpfe Ostafrikas, die wasserlose Oede Südwestafrikas, die Fieberküste Guineas bieten auch für fernere Zukunft keine Aussicht für eine erfolgreichere Besiedelung für den Europäer. Das Hinter⸗ land von Kiautschou aber ist, wo es nicht rauhes Gebirgsland ist, bevölkert und übervölkert, nimmermehr ein Brachland für deutsche Kolonisation. Und die winzigen aller⸗ neuesten Punkte in der Südsee sind ruhige Punkte, schon wegen ihrer Winzigkeit belanglos. Und doch sollen noch immer neuere Punkte gesu cht werden. Wo irgend ein Inselbrocken, wo irgend ein Landstrich zu haben in den Weiten des Erdrundes, da sollen wir einsetzen. Und in„lodernder Flamme“ soll die Begeisterung für diese Pläne emporschlagen, damit Deutsch⸗ land ja nicht hinter anderen Nationen zurück⸗ stehe, sondern„seinen Platz voran“ behaupte. Es bleibt ein Geheimnis des Kaisers, wie durch jenes Aufsuchen neuer Punkte, durch das Festsetzen bald hier bald dort, durch hastendes Erwerben von allerlei Kolonialpartikeln deutsche Wohlfahrt gefördert werden könnte. Daß nur das„edle Vollblutpferd“ bei diesem Ritt ins romantische Land der Uebersee-Erober⸗ ungen nicht schwer zu Falle komme und statt des„Platzes vorn“ sich mit einem Platz weit hinten unter den Völkern wird begnügen müssen! Auch wir wünschen, daß das deutsche Volk „vorn“ unter den Nationen schreite. Möge es die Fülle seiner Fähigkeiten nutzen, um inner⸗ lich zu erstarken an Wohlfahrt und Kultur, die dann hinaus ziehen und anderen Völkern mitteilen mag von ihrem Einfluß. Diesen„Platz vorn“ haben die großen Denker aller Zeiten dem deutschen Volk als Ziel gesetzt. Ein gerechtes Urteil. Endlich hat auß die sächsische Justiz ihre Richter gefunden. Samstags hat in einem Preßprozeß gegen den„Vorwärts“ die zweite Strafkammer des Landgerichts 1 über den Satz zu befinden: „Wohlbekannt ist die Spruchpraxis des höchsten sächsischen Gerichtshofes, der oft ohne Umschweife die Angehörigen der Arbeiterpartei als minderen Rechts erklärt hat, denn andere Staatsbürger“,— und das Gericht hit den angeklagten Redakteur, Genossen Jacoby, freige sprochen, weil der Beweis der Wahrheit erbracht sei. Wir wissen aus dem politischen Leben keines zweiten Falles uns zu erinnern, daß über die Recht⸗ sprechung eines Gerichtshofes ein anderer Ge⸗ richtshof zu einem derartigen Urteil genötigt worden wäre. Aber das Berliner Gericht war in einer Lage, in der es kein Ausweichen gab. Die Urteile des Dresdener Oberlandesgerichts, die der Verteidiger, Genosse W. Heine, vorlegte, sagten mit so ausdrücklichen Worten, daß auch nach Aufhebung des Sozialistengesetzes sozial⸗ demokratische Geldsammlun gen an ders zu be ⸗ handeln seien, als die anderer Parteien, sie stellten die Theorie, daß ein sozialdemokratischer Zweck als gemeingefährlicher Zweck zu behan⸗ deln sei, so unverhüllt auf, daß die bloße Ver⸗ lesung der Urteile mit der Vollendung des Be⸗ weises identisch war. Es war höchst charakter⸗ istisch, daß bei der ersten Verhandlung die Staatsanwaltschaft dem Antrage widersprach, die Originale der Urteile sich vorlegen zu lassen. Ebenso charakteristisch ist es, daß sie jetzt sogar die Verlesung zu verhindern suchte, und daß sie nach geschehener Verlesung sich end⸗ lich darauf zurückzog: der Angeklagte müsse in jedem Falle verurteilt werden, weil seine Worte einen beleidigenden Nebensinn hätten, nämlich den, daß die Richter des Oberlandesgerichts Dresden wider besseres Wissen ihre Recht⸗ sprechung in den Dienst reaktionärer Politik N 9 gestellt, also sich des Dienstvergehens der Rechts⸗ beugung schuldig gemacht hätten. Er bean⸗ tragte sechs Monate Gefängnis! Der Gerichtshof erkannte auf Freisprechung. Allerdings— so meint die„Frkf. Ztg.“— unterliegt der Spruch der Revision des Reichs- gerichts, das gleichfalls auf sächsischem Boden und also einigermaßen in sächsischer Atmosphäre urteilt. Indeß, wie die Revision auch aus⸗ fallen möge, die Thatsache ist nicht wieder aus der Welt zu schaffen, daß von der sächsischen Justiz inbezug auf die Sozialdemokratie an⸗ dere Richter einen Eindruck haben— wie ihn eben das Berliner Urteil wiedergibt. Und diese Thatsache kann alle mit Befriedigung erfüllen, die in den letzten Jahren an der Aufklärung des Publikums über den Charakter der sächsi⸗ schen Rechtsprechung mitgearbeitet haben. Es geschehen Zeichen und Wunder. Eine seltsame Garnisonsstadt ist Offen⸗ burg in Baden, der langjährige Erscheinungsort des„Volksfreund“ und frühere Sitz der sozialdemo⸗ kratischen Landesorganisation. Mit Einver⸗ ständnis des Regiments-Kommandeurs wurde auch der letzte und einzige militärische Wirtschaftsboykott, der vor Errichtung der Garnison für die durchziehenden Truppen auf Betreiben der staatlichen Verwaltungsbehörde ein Jahrzehnt hindurch bestand, aufgehoben. Die in der Stadt genügend vorhandenen Wirt⸗ schafts⸗Lokalitäten stehen zu sozialdemokratischen Volksversammlungen zur Disposition und die Militärbehörde verbietet jeweils im speziellen Falle und nur während der Dauer solcher Veranstaltungen den Sol aten den Besuch der betreffenden Lokalität. So auch bei den regel⸗ mäßigen Monatsversammlungen des Wahl⸗ vereins. Wird der Bestand des Großherzog— tums dadurch nicht in Gefahr geraten? Vom Terrorismus des Königs Stumm. König Stumm hatte vor kurzem durch An⸗ schlag am Schwarzen Brett seiner Werke den Arbeitern unter Androhung der Abkehr verboten, in dem Lokal zu verkehren, worin eine Maurer⸗ versammlung zur Beratung an die Unternehmer zu stellender Lohnforderungen getagt hatte. Dieser Tage fanden die Stummschen Arbeiter wiederum einen Anschlag am Schwarzen Brett, und zwar, wie wir der„Trierschen Landesztg.“ entnehmen, folgenden Wortlauts: f „Das in dem Anschlage vom 19. Mai d. I. ergangene Verbot, betreffend den Besuch der Johann Herrmannschen Wirtschaft am oberen Marktplatz, wird hierdurch aufgehoben, nachdem der Wirt Herrmann versprochen hat, in Zukunft sein Lokal zum Abhalten sozial⸗ demokratischer Versammlungen nicht mehr hergeben zu wollen.“ Der Wirt hat sich bekehrt; er wird von Sr. Gnaden, dem Herrn von Stumm wieder in die Reihe der Ordnungsleute gestellt. So schafft der Gewaltige vom Halberg zufriedenen und staatserhaltenden Sinn. Die blamierten Europäer im Haag. Ein Fiasko der Friedenskonferenz signali⸗ siert ein Bericht der nationalliberalen„Köln. tg.“. Der Artikel besagt: 3 „Die Abrüstungskommission ist mit ihren Arbeiten vollständig gescheitert. s lichen Mitteilungen an die Presse über die Ar⸗ beiten der Unterkommission sprechen zwar von der Annahme einiger Anträge durch Stimmen⸗ mehrheit, aber durch diese Mehrheitsbeschlüsse ist nichts erreicht, da in den Vollbersammlungen alle Anträge einstimmig angenommen werden müssen.“ Schließlich versichert die„Köln. Ztg.“: „Diese Einstimmigkeit werde für keine einzige — So mußte jener Fragen erreicht werden.“ muß es kommen, wenn die Delegierten des Militaris⸗ mus über die Abschaffung des Militarismus beraten. Verworfene Revision. Das Reichsgericht hat die vom Genossen Die amt⸗ —— 1 1 Lezig bo Fodlittonet Bezug auf das glei Ind krotzd keine seste und Koal sozialen he sssen der? lat ist um würdiger, weil die suchten, ihnen un die ihnen um Naur den übrie auch: nich 5 Unter Rululsei“ Richter in „Die über dis zweiten Sozia spruch weittrag demnäch kommen dus fün welcher mit Ge rungs Ubeitg der le liche G Unter Galdstr austalte kragte Schutze die Ar Zutritt Betrieb Euget kulamus ö 1 6 1 1 1 10 Dr. Quarck, dem Redakteur der„Frankfurter f Volksstimme“ eingelegte Revision gegen das Urteil der Frankfurter Strafkammer vom * fen. ort emo⸗ Uber⸗ urs ische 0 der auf hörde hen, Wirt ischen die len olcher 9 det legel⸗ Wahl⸗ krzog: mm. 2 9 An⸗ fe den bolen, aurer⸗ ehmer hatte. beiter Blett, Aitg“ , Mi Besuc st am hoben, en hal soziol meh on El. eder f schaf en un) gag · ignal 5 t 0 ie alk die Ar var bil imme es cläst nun 0 welb, 346, ——4 Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. 27. März d. J. verworfen. Bekanntlich wurde Dr. Quarck damals für eine Kritik der Thronrede mit vier Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung bestraft, obwohl in dem ganzen Artikel mit keinem Worte die Majestät erwähnt war. Das sonderbare Urteil hat s. Z. in allen Kreisen Befremden hervor— gerufen und selbst bürgerliche Blätter haben an demselben scharfe Kritik geübt. Es handelt sich hier um ein Urteil, das nicht nur beweist, daß von einer Preßfreiheit in Deutschland gar keine Rede sein kann, es gehört auch zu jenen vielen Urteilen, die die Masse des Volkes nicht ver⸗ steht, oder— zu gut versteht. Nationalsoziale Flausen. Wir haben in voriger Nummer unter der— selben Spitzmarke den Nachweis geführt, daß die Nationalsozialen in Leipzig bei der Reichs⸗ tagsstichwahl die Arbeiterinteressen ver⸗ raten haben. Ganz dasselbe ist, wie jetzt un⸗ zweifelhaft feststeht, auch in Jena geschehen. Dort wie hier haben die Naumannianer für den Nationalliberalen gegen den Sozialdemo⸗ kraten den Ausschlag gegeben, trotzdem in Leipzig von Professor Hasse in bezug auf das Koalitionsrecht gar nichts versprochen und in Bezug auf das Wahlrecht ganz unverblümt das gleiche Wahlrecht abgelehnt wurde, und trotzdem in Jena Herr Bassermann auch keine festen Zusagen in bezug auf Wahlrecht und Koalitionsrecht machte. Die National⸗ sozialen haben in Jena und Leipzig die Inter⸗ essen der Arbeiterschaft verraten. Und der Ver⸗ rat ist um so häßlicher, um so verabscheuungs⸗ würdiger, weil er bewußtermaßen erfolgte und weil die Herren ihn dadurch zu bemänteln suchten, daß sie von Zugeständnissen der von ihnen unterstützten Nationalliberalen fabelten, die ihnen gar nicht gemacht worden sind. Denen um Naumann ist nicht mehr zu trauen, als den übrigen sogenannten bürgerlichen Parteien auch: nicht über den Weg! Freisinnige Sozialpolitik. Unter der Ueberschrift:„Ein sozialpolitisches Kukuksei“ schrieb kürzlich der Abg. Eugen Richter in seiner Zeitung: „Die Kommission für den Gesetzentwurf über die Invalidenversicherung hat in ihrer zweiten Lesung, und zwar auf Antrag der Sozialdemokraten, gegen den Wider— spruch der Regierung, Bestimmungen von weittragender Bedeutung improvistert, welche demnächst im Plenum zur Verhandlung kommen. Es handelt sich um einen neuen, aus fünf Paragraphen bestehenden Abschnitt, welcher die Versicherungsanstalten ermächtigt, mit Genehmigung des Reichs versiche— rungsamts Vorschriften über die von den Arbeitgebern Versicherten zum Schutze der letzteren gegen gesundheitsschäd⸗ liche Einflüsse zu treffenden Einrichtungen unter Bedrohung der Zuwiderhandelnden mit Geldstrafe zu erlassen. Die Versicherungs⸗ anstalten sollen befugt sein, durch Beauf⸗ tragte die Befolgung der von ihnen erlassenen Schutzvorschriften zu überwachen, und sind die Arbeitgeber verpflichtet, den Beauftragten Zutritt zu ihren Betriebsstätten während der Betriebszeit zu gestatten.“ Eugen Richter, der Hohepriester des Kapi⸗ talismus, wendete sich dann energisch gegen die vernünftigen Vorschläge, die den Arbeiter vor Gesundheitsschädigung schützen sollen und lief vorige Woche Arm in Arm mit den Kon⸗ servativen Sturm gegen den Antrag, der auch zu Fall gebracht wurde. Freisinnig! Junker und Antisemiten. Der Präsident des Bundes der Land⸗ wirte Freiherr von Wangenheim, suchte in Oldenburg die Bauern für seinen Junker⸗ bund einzufangen. Er ließ in seiner Rede durchblicken, daß auch er weiß, daß die. Korn⸗ zölle namentlich den ostelbischen Krautjunkern nützten. Er anerkannte, daß es in Oldenburg „mit der Viehzucht gut steht und man am Körnerbau wenig Interesse hat.“ Er machte aber gruselig damit, daß, wenn man für Ost⸗ elbien nicht die Schutzzölle erhöhe, Ost⸗ elbien der oldenburgischen Viehzucht die schärfste Konkurrenz machen müsse. Den Vorsitz in dieser Landesversammlung der Junkerbündler führte der antisemitische Abg Müller— Waldeck. Sie sind ein Herz und eine Seele! Anusländisches. Oesterreich. Am Sonntag fanden in Wien 56 sozialdemokratische Versammlungen statt, die zusammen von mehr als 15000 Ar- beitern besucht waren, in denen ein scharfer Protest gegen des antisemitischen Bürgermeisters Luegers neue Gemeindewahlordnung, wo⸗ durch die Arbeiter des Wahlrechts be⸗ raubt werden, beschlossen wurde. Zugleich wurde die Regierung aufgefordert, die Wahl⸗ ordnung nicht zur Sanktionierung vorzulegen, widrigenfalls die-Arbeiter Wiens die Regierung für alle Folgen verantwortlich machen. Frankreich. In Paris ereignete sich am Dienstag Abend ein erregter Zwischenfall in der Rue Royale. Der antisemitische Deputierte für Constantine, Morinaud, sprang aus seinem Wagen in den des vorüberfahrenden sozialisti⸗ schen Deputierten Rouanet und ohrfeigte ihn, indem er ihm zurief:„Dies ist die Antwort aller Algerier“. Rouanet, welcher völlig ver— blüfft war, versuchte seinem Angreifer einen Hieb mit einem Stock zu versetzen, traf ihn je⸗ doch nicht. Sodann zog er einen Revolver heraus, indem er Morinaud einen Gauner nannte. Morinaud erwiderte, er solle nur schießen, er sei ein Feigling. Rouanet schoß er⸗ freulicher Weise nicht. Er hat wohl noch im letzten Augenblick eingesehen, daß der antisemitische Wegelagerer keinen Schuß Pulver wert war. — Dem Abg. Morinaud hatte der Abg. Rouanet einen von ihm an der algerischen Bank verübten Viertelmillionenbetrug vorgehalten, als er kürzlich in der Kammer das spitzbübische Treiben der algerischen Antisemiten im Allge— meinen schilderte. Treue um Treue! Unterm Zuchthausku ss ist es doppelt Pflicht der Arbeiter und Arbeiterinnen für die Parteipresse zu wirken. Sie ist der zuverlässigste Führer und Kämpfer für das arbeitende Volk in Stadt uad Land. Die„M. S. Z.“ wird ihren Grundsätzen treu bleiben und unerschrocken für Recht und Wohlfahrt der Kleinen in Dorf und Stadt weiter kämpfen. Diejenigen Leser, denen die„M. S.⸗Z.“ seit Jahren ein lieber Freund, werden ihr nicht nur die Treue be⸗ wahren, sondern als ziel- und pflichtbewußte Proletarier ihrem Parteiblatt zum 1. Juli wieder neue Abonnenten zuführen.— Was die„M. S.⸗Z“ ihren Lesern bietet, zeigt sich am besten bei einem Vergleich mit anderen Blättern!— Die Bezugsbedingungen der„M. S.⸗Z.“ sind am Titel der vorliegenden Nummer angegeben. In Orten, wo wir noch keine Austräger haben, werden solche von uns jederzeit angenommen. Aus dem Reichstag. Die Zuchthausvorlage. Am Montag begann die erste Lesung des neuen, gegen die Arbeiter gerichteten Ausnahmegesetzes, das offiziell den Titel trägt:„Gesetz zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses“, vom Volksmund aber sehr richtig mit dem Namen Zuchthaus vorlage be⸗ legt wurde. Des Reiches Kanzler, Fürst Hohenlohe, trat selbst für das Gesetz in die Schranken. Er suchte die erhobenen Bedenken zu beschwichtigen. Die Koalitions⸗ freiheit solle nicht angegriffen werden, versicherte der müde, alte Herr und rief damit stürmische Heiterkeit hervor. Der zweite Regierungsmann, der für die Vorlage kämpfte, war der Graf v. Posadowsky. Aber er hatte einen schlechten Tag. Die Patronen, von denen er kürzlich meinte, er wolle sie nicht voreilig verschießen, erwiesen sich als schlechte Platzpatronen, die nicht einmal kuallten, sondern wirkungslos verpufften, ab und zu große Heiterkeit hervorrufend. Auch er bestreitet den Ausnahmecharakter des Gesetzes und hofft auf Annahme, da er annimmt, daß sich in der heutigen ernsten Zeit „ein starkes Bürgertum“ findet. Für unseren Genossen Bebel, der als erster Redner aus dem Haus sprach, war es ein leichtes, den Schleier des Rechts von diesem Produkt der Gewaltpolitik abzu⸗ reißen. Die wohlweislich versteckte Endabsicht ist: man will das Koalitionsrecht und die Arbeiterbewegung ver⸗ nichten. Das wird aber nicht erreicht werden. Hundert⸗ tausende von Arbeitern, die uns bisher ferngeblieben, werden durch dieses Gesetz uns zugeführt, das sich gegen alle Arbeiter richtet, einerlei, welcher Partei sie ange⸗ hören— mit diesem Gedanken leitete Bebel seine Rede ein und zerpflückte über zwei Stunden lang das Zucht⸗ ö 4 hausgesetz im allgemeinen und in seinen einzelnen Teilen — mitsamt der„Denkschrift“. Er zeigte, wie trotz der beteuerten Gerechtigkeit das Zuchthausgesetz sich aus⸗ schließ lich gegen die Arbeiter richtet, wie es ein Aus⸗ nahmegesetz ist zum Schutze der Unternehmer— ein Knebelgesetz, durch keinerlei Ausschreitungen der Arbeiter hervorgerufen, die, unter dem Einfluß sozialdemokratischer Lehren, sich stetig mehr und mehr von Exzessen a b⸗ gewandt haben. Keine Notwendigkeit für eine Ver⸗ schärfung des Gesetzes hat sich ergeben— eher eine Notwendigkeit für Milderung, denn exorbitant hohe Strafen sind in den letzten Jahren über streikende Ar⸗ beiter verhängt worden. An Beispielen, diese Behauptung zu erweisen, fehlte es nicht. Und auch nicht an Ber⸗ spielen, um zu beweisen, daß die Reichsregierung mehr und mehr in die Abhängigkeit von den Unternehmern geraten ist, und daß dieselbe Regierung, die in früheren Zeiten schon daran dachte, das Koalitionsrecht auf die Landarbeiter auszudehnen, jetzt nicht einmal das feierliche Versprechungen erfüllt, den§ 8 des Vereinsrechts, der das Inverbindungtreten von Vereinen untersagt, aufzu⸗ heben. Das Gerede von„frivolen Streiks“,„Arbeiter— terrorismus“ usw. ward von Bebel in nichts aufgelöst, und an der Hand der„Denkschrift“ die bodenlose Leicht⸗ fertigkeit gekennzeichnet, mit der diese, die Arbeiter zur Unmündigkeit und Ohnmacht verdammende, den Staat und das Volk dem Unternehmertum als Beute aus⸗ liefernde Gesetzesvorlage zusammengestoppelt ward. Wie, so schloß Genosse Bebel, denken Sie sich die Wirkung dieses Gesetzes auf die Arbeiter? Etwas so den Klassenhaß Erregendes, etwas so die ganze Gesellschaft in ihren untersten Tiefen Aufrührendes hat es noch niemals gegeben. Ich glaube, es wäre im Interesse der Regierung und des Reichstags, wenn diese Vorlage so rasch wie möglich erledigt wird. Eine Kom⸗ missionsberatung jetzt ist ja aussichtslos, die Vorlage wird aber eventuell bis zum Herbste liegen bleiben. Da⸗ zwischen liegen ca. vier Monate und sie können versichert sein, diese Zeit werden wir auf das allergründlichste ausnutzen. Das betrachten wir als unsere heiligste Pflicht, und zu ihrem Vorteil wird es nicht aus⸗ schlagen, darüber täuschen sie sich nicht. Daher sollten sie selbst dahin übereinkommen, nach Schluß der General— debatte unmittelbar in die zweite Beratung einzutreten und die Vorlage dahin zu befördern, wohin sie gehört, in den Papierkorb. Wird diese oder eine ähnliche Vorlage Gesetz, so gereicht das Deutschland zur Schande und Schmach.(Lebhaster, langanhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) In der Dienstagssitzung sprach der konservative Abg. von Levetzow zunächst für die Vorlage. Abg⸗ Lieber, der Centrumsführer, schloß seine Rede folgender⸗ maßen: Die Vorlage ist ein Ausnahmegesetz zu Gunsten der Arbeitgeber, das noch bedenklicher wird an⸗ gesichts der himmelschreienden Parteilichkeit unserer Gerichte, die zu Ungunsten der Ar⸗ beiter auf die schärfsten Strafen erkennen, während die Arbeitgeber sehr milde davon kommen.(Ordnungsruf des Präsidenten.) Es muß dahin gewirkt werden, daß solche Urteile, die der Meinung des Gesetzgebers nicht entsprechen, unterbleiben.(Zustimmung links.) Deshalb wollen wir die Vorlage aber nicht in zweiter Lesung ohne weiteres ablehnen, sondern wir wollen die Gelegenheit, da die Frage des Koalitionsrechtes einmal aufgerollt ist, benutzen, um das Koalitionsrecht richtig und positiv zu gestalten. In der langen Pause zwischen der ersten und zweiten Lesung wird die Regierung sich überlegen können, ob sie uns nicht folgen will.(Beif all im Centrum.) Abg. Bassermann(natl.) sprach sehr wirksam gegen die Vorlage. Die Einbringung der Vorlage sei ein politischer Fehler, weil dieselbe geeignet ist, die Ar⸗ beiter zu dem Eindruck zu bringen, daß sie zur zweiten Klasse der Bevölkerung gehören. Dieser Eindruck kann nur durch eine schleunige Ablehnung beseitigt werden. Redner ist gegen das Gesetz und gegen Kommissions⸗ beratung, gesteht aber gleichzeitig, daß nicht alle Nationalliberale so denken, wie er! Staatssekretär Nieberding lobt die Vorlage und meint, es liege im Interesse der Koalitionsfreiheit, die Vorlage anzunehmen. Dem Reichsparteiler(Stummgenosse) Dr. Arendt hat von den Bassermann'schen Ausführungen die Er⸗ klärung am besten gefallen, daß nicht alle National⸗ liberalen gegen die Vorlage sind. Er ist selbstverständlich Feuer und Flamme für dieselbe. Wir— die Stumm⸗ genossen— haben diesen Gesetzentwurf begrüßt als einen ersten Schritt zur Besserung; wir hoffen, daß die Regierung weitere Schritte thun wird. Noch ist die Mehrheit der Bevölkerung kaisertreu und reichstreu; sie wird im Kampfe gegen den Umsturz Gefolgschaft leisten, aber dazu ist die Führung der Regierung notwendig. Die Regierung hat eine erhebliche Verschuldung durch das Fallenlassen des Sozialistengesetzes begangen (Aha! links.) Das war der verhängnisvollste politische Fehler am Ende unseres Jahrhunderts, noch verhängnis⸗ voller als die Handelsverträge des Grafen Caprivi. (Gelächter links.) Seite 4. Mitteldeusche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 26. Abg. Lenzmann(freis. Vp.) ist Gegner der Vor⸗ lage. Selbst für die schlimmsten Gegner der Sozial⸗ demokratie sollte die Vorlage, auch wenn sie die Mög⸗ lichkeit gäbe, die Sozialdemokraten tot zu machen, nicht annehmbar sein. Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort, und die Parlamentarier sollten wissen, daß es leichter ist, ein schlechtes Gesetz zu machen, als es zu beseitigen. Das Dynamitgesetz beweise das. Abg. Liebermann von Sonnenberg(Antis.) ist für Commissionsberatung, vielleicht komme aus dieser etwas Brauchbares heraus. Mittwochssitzung. Graf Posadowsky em⸗ pfiehlt noch einmal warm sein ungeratenes Kind und macht die interessante Mitteilung, daß die Zuchthaus⸗ vorlage auf einstimmigen Beschluß der verbündeten Re⸗ gierungen eingebracht worden sei. Unbändiges Gelächter auf der Linken entfesselte die Bemerkung des Grafen Posadowsly, daß die Denkschrift durchaus unparteiisch abgefaßt sei. Der wildliberale Abg. Roesike⸗Dessau bekämpfte in längeren Darlegungen die Vorlage. Er schloß mit den Worten, er würde sich schämen, einem Reichstag angehört zu haben, der ein solches Gesetz an⸗ nehme. Der preußische Handelsminister Brefeld trat selbstverständlich für die Vorlage ein, ebenso der sächsische Bundesratsbevollmächtigte Dr. Fischer. Dieser konnte es in Erwiderung auf eine gelegentliche Aeußerung Roesickes noch immer nicht begreifen, daß ein Berliner Gericht die Urteilssprüche des sächsischen obersten Ge⸗ richtshofes gegen Sozialdemokraten als parteiisch be⸗ funden hat(siehe unsere heutige Notiz: Ein gerechtes Urteil.) Abg. Haußmann⸗Böblingen von der Deut⸗ schen Volkspartei sprach scharf und wirksam gegen den Gesetzentwurf, welchen er als Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter charakterisierte. Nachdem noch der Pole v. Czarlinski und der Elsässer Winterer gegen den Gesetzentwurf gesprochen hatten, wurde die weitere Beratung auf Donnerstag vertagt. Donnerstagssitzung. In vortrefflicher zwei⸗ stündiger Rede ging noch einmal unser Genosse W. Heine der Vorlage zu Leibe. Er beleuchtete das Monstrun namentlich vom poetischen Standpunkt aus. Nach ihm sprach Direktor v. Wvedtke, der die„Denkschrift“ in Schutz nahm. Nachdem der Abg. Jakobskötter(kons.) die Vorlage verteidigt und die Abgg. v. Hodenberg (Welfe) und Pichler(Zentr.) gegen fie gesprochen, wird die erste Lesung der Zuchthausvorlage geschlossen und die Ablehnung der Kommissionsberatung gegen die Stimmen der Konservativen und etwa 10 Nationalliberalen beschlossen. Hierauf ging der Reichstag bis zum 14. November in Ferien. Trau, sehau, wem? Zwar hat der Reichstag die Kom missions⸗ beratung der Zuchthaus vorlage abgelehnt, die Vorlage selbst aber schwebt drohend weiter zu Häupten des arbeitenden Volkes. Auf Niemand kann sich die werkthätige Bevölkerung in Stadt und Land verlassen, denn auf sich selbst. Nützen wir also die Zeit bis zum November gründlich aus, damit dann die Zuchthausvorlage endgiltig begraben werden kann. Regt euch, deuische Arbeiter! Agitiert und organisiert! Verbreitet eure Presse! 55 Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Core unserer Sache gebiet't natürlich streugste Gewissen⸗ gaftigkeit bei Uebermittelung don Nachrichten.— Wir bitten alle sum Druck bestimmten Einjendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Aus dem Gießener Stadtparlament. * Auf ein Gesuch der Theaterdirektoren Kruse und Helm hat die Stadtverordnetenversammlung am Donners⸗ tag die Subvention des Stadttheaters von 3000 auf 3600 Mk. erhöht. Die an die Bewilligung geknüpften Bedingungen entsprechen zum großen Teil den Vor⸗ schlägen, die wir vor Monaten in der M. S.⸗Z. gemacht haben. Die Direktoren sind verpflichtet, eine bestimmte Anzahl Volksvorstellungen zu geben. Jedoch sollen bei dem Kartenverkauf zunächst die Krankenkassen, Ar⸗ beitervereine u. s. w. berücksichtigt werden. Erst wenn die Bedürfnisse dieser Organisationen gedeckt sind— also wohl, wie wir vorschlugen, durch Vorverkauf num⸗ merierter Karten—, sollen die noch freien Plätze der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Die Logenplätze, auf denen sich in den Volksvorstellungen meist Leute breit machten, die wohl über viel Zeit und Geld ver⸗ fügten, in knickeriger Weise ihre künstlerischen Bedürfnisse aber trotzdem nur in den billigen Volksvorstellungen befriedigten, sollen von nun ab 1 Mk. losten. Ueber die in den Volksvorstellungen aufzuführenden Stücke hat die Bürgermeisterei resp. eine städtische Kommission witzu⸗ bestimmen. Wir freuen uns über diese Bestimmungen, Erwähnt sei noch, daß zur allgemeinen Verwunderung der Stadtverordneten der als freidenkender Herr bekannte Prof. Fuhr gegen die Aufführung sogenannter natura⸗ listischer Bühnenwerke in den Volksvorstellungen eintrat. Gerhart Hauptmann, Sudermann, Langmann u. s. w. scheinen dem hier sehr beliebten Chirurgen nicht zu ge⸗ fallen. Herr Oberbürgermeister Gnauth trat dem wunder⸗ lichen Ansinnen des Herrn Fuhr entgegen. Er hätte im Namen des„Volks“ ruhig die Erklärung abgeben können, daß die Volksvorstellungen überhaupt nur dann einen Zweck haben, wenn neben Lessing, Schiller, Göthe, Shakespeare u. s. w. Männer wie Hauptmann zum Wort kommen. Auf die Kadelburgerei, die Birch⸗Pfeifferiaden und ähnliche Machwerke verzichtet das bildungshungrige Publikum aus den unteren Schichten grundsätzlich. Protestversammlungen gegen die Zuchth gausvorlage. * Am Sonntag fanden in den Orten Großen-Buseck, Garbenteich und Leih⸗ gestern Volksversammlungen stalt, in denen Stellung zur Zuchthausvorlage genommen wurde. Am Dienstag Abend folgte eine Ver— sammlung in Lollar. Referenten waren die Genossen Beckmann⸗, Orbig⸗, Scheide⸗ mann⸗Gießen u. Vetters Frankfurt. Sämt⸗ liche Versammlungen waren qut besucht und nahmen den besten Verlauf. Die von den Re⸗ ferenten vorgelegten Protest-Resolutionen, in denen strikte Ablehnung der Zuchthausvorlage und Erweiterung des Koalitionsxechts ver⸗ langt wird, fanden einstimmige Annahme. Diese vier Versammlungen waren aus zusammen 20 Dörfern besucht.— Am Sonntag, den 25. Juni, findet im Pulvermühlengarten in Gießen eine große Versammlung statt für die Orte Wieseck, Heuchelheim, Klein⸗Linden, Kinzenbach, Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Wismar und Gießen. Das Referat hält Gen. Scheidemann. Es wird erwartet, daß diese Versammlung aus oben genannten Orten gut besucht wird. Hessischer Bauernbund. * In Frankfurt hat am Sonntag, den 11. Juni, der Mitteldeutsche Bauernbund eine Versammlung abgehalten und den Beschluß ge⸗ faßt, sich von nun ab:„Hessischer Bauernbund“ zu nennen. Außer dem Abg. Köhler waren noch andere antisemitische Abgeordnete anwesend. Auf welcher Höhe sich die Verhandlungen be⸗ wegten, geht aus folgenden einigen Sätzen hervor, die wir der„Frkf. Zeitung“ entnehmen. Abg. Köhler, der Vorsitzende, machte die Mitteilung, daß die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft(die Veranstalterin der großen Landwirtschaftlichen Ausstellung in Frankfurt) ein Gesuch wegen Preisermäßigung bei Besuch der Ausstellung für die Mitglieder des mitteldeutschen Bauernbundes zurückgewiesen habe, während sie den Arbeitern, „also den Anarchisten und Sozialdemokraten“, ermäßigten Eintritt gewähre. Es sei das ein Beweis dafür, daß die Gesellschaft im Schlepp— tau der Industrie sich befinde, und daß sie sozialdemokratisch sei! In Hessen mache niemand anders als der Sozial⸗ demokrat Ulrich die Gesetze; wenn die Regierung etwas durchbringen wolle, wende sie sich erst an ihn. Die Nationalliberalen brauchten nicht gefragt zu werden, sie seien im Grunde ja doch nur die„Vorgänger der Sozialdemokraten“. Weiter sagte Herr Köhler später:„Die deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, die Junker, seien in das„Schlepptau der Juden gekommen, die immer die frechste Schnauze haben.“ Im wei⸗ teren Verlauf der Versammlung wurde der auti⸗ semitische Abgeordnete Rechtsanwalt Viel⸗ haben⸗ Hamburg, der seiner Zeit für das Kahlpfändungsrecht der Hauswirte ein⸗ getreten ist, zum Ehrenmitglied des Bauernbundes, also zum Ehrenbauern, ernannt. Im Uebrigen wurde betont, die Bewegung sei eine demokratische, mit dem junkerlichen Bund der Landwirte wollte sie nichts zu thun haben. Das paßt schön zusammen mit einer Notiz der antisemitischen Staatsbürgerzeitung, die den Adel, also die Junker, beschwört, sich an die Spitze der antisemitischen Bewegung zu stellen:„Daun wollen wir begeistert mit ihm kämpfen.“— So lange die Bauern ihre Interessenvertretung den Antisemiten anvertrauen, wird ihre Bewezung die unseren wiederholt geäußerten Vorschiägen entsprechen. 8 keine demokrattsche sein. kanten Rapp im vollen Umfange der Anklage Der Fall Küchler. Im Prozeß Rapp⸗Küchler zu Darmstadt hat das Gericht den Angeklagten, Korkstopfenfabri⸗ der Wechselfälschung und des Betrugs, sowie des Vergehens gegen die Konkursordnung und der Begünstigung dc. schuldig erachtet. Das Gericht ist der Ueberzeugung gewesen, daß sämt⸗ liche Zessionen an den Landgerichtsdirektor Küchler nur zum Zwecke der Sicherung und nicht zur Befriedigung gemacht wurden. Eine vertragsmäßige Abmachung wegen dieser Sicherungen hatte nicht stattgefunden und Land⸗ gerichtsdirektor Küchler hatte kein Anrecht auf ein spezielle Art der Sicherung. Das Gericht ver⸗ urteilte den Angeklagten zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren vier Monaten Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust unter Abrechnung von 4 Monaten auf die erlittene Untersuchungs⸗ haft.— Landgerichtsdirektor Küch er wurde als Zeuge vernommen, aber nicht vereidigt. Er ist inzwischen um seine Pensionierung eingekommen. Die Fraukf. Ztg. wirft die berechtigte Frage auf: „Warum hat die Regierung das Dicziplinar⸗ verfahren gegen Küchler, das nunmehr auf die Entschließungen der Staatsanwaltschaft einen so bindenden Einfluß ausübt, vor dem Prozeß Rapp, der Klarheit bringen mußte und auch ge⸗ bracht hat, eingeleitet und durchgeführt? Hätte man abgewartet, bis die Ergebnisse dieser unter der Kontrolle der Oeffentlichkeit vorgenommenen und deshalb in der Bevölkerung entscheidend wirkenden gerichtlichen Prozedur vorlagen, so wären erstlich der Staatsanwaltschaft nicht durch den Spruch einer sehr hohen richterlichen Behörde die Hände gebunden gewesen, und zweitens hätte man nicht den für das Gefühl der Rechts⸗ sicherheit im Großherzogtum Hessen äußerst bedenklichen Zustand geschaffen, daß der Spruch, der zur Ausübung der Strafjustiz be⸗ berufenen Instanz zu dem der Disziplinariustanz in diametralem Gegensatze steht..... Die Re⸗ gierung wird nach den bisherigen Erfahrungen aber der Zweiten Kammer der Landstände wird sie wohl oder übel Rede und Antwort stehen müssen, und diese wird nicht verfehlen, jene Fragen zu stellen, ebenso wie die weitere, aus welchen Gründen seinerzelt die Ernennung Küchlers zum Landgerichtsdirektor über den Kopf Bekanntlich Aussicht, die Regierung Küchler zu interpellieren. Der richtige Zeitpunkt dürfte jetzt gekommen sein. Das Kapitel von dem Landgerichtsdirektor, der Geloͤgeschäfte mit seinem verkrachten Korkstopfeufabrikanten macht, bedarf dringend der Aufklärung. Generalversammlung der hessischen Krankenkassen vereinigung. * In Nierstein fand am Sonntag die 7. Generalversammlung der freien Vereinigung hat Geuosse Ulrich schon in wrgen des Falles statt. Es waren 38 Ortskrankeukassen, 1 meindekrankenkasse(Offenbach), 3 Junungskrankeukassen vertreten. Als Vor⸗ sitzender fungierte Herr Münch-Worms. Oster⸗ mayer⸗Worms erstattete den Bericht des ge⸗ schäftsführenden Ausschusses, dem zu entnehmen ist, daß der Vereinigung 46 Orts, 24 Betriebs- 4 Innungs⸗ und 1 Geakeindekrankenkassen an⸗ gehören. Eine längere Debatte veranlaßte ein von Göbel⸗Mainz und Abel⸗Darmstadt gestellter Antrag, bei der Regierung dahin zu petitionieren, daß die Gründung von Innungs- und Betriebs⸗ krankenkassen, weil diese die. kassen schwer schädigten und nur Sonderinteressen dienten, so lange untersagt würden, als u am Orte das gleiche leisteten wie die Orts- krankenkassen. Petry⸗Mainz, Kahl und Oster⸗ Antrag. Mehrheit angenommen. gewählt, welche sich mit der bevorstehenden Er wurde aber mit großer z gen hat. Ihr gehören an, für Rheinhessen? Göbel⸗Mainz und Krieghoff-kastel, für St. rken⸗ eld⸗Michel⸗ burg: Abel-Darmstadt und Mausf uns vermutlich diese Fragen nicht beautworten, des Landgerichtspräsidiums hinweg erfolgt ist.“ von Kraukenkassen im Großherzogtum Nee e⸗ 2 Betriebs- und Ortskranken⸗ mayer⸗Worms sprachen energisch gegen diesen Es wurde eine Kommission velle zum Krankenversicherungsgesetz zu beschäftk, stadt, für Oberhessen: Fourter⸗ Gießen! und Damm Friedberg und ein Mitglied des 1. 2 rz, L. reis erstad Shate Nubeiter Nubeit errichte wert, wüle,, Deahtzi unseres eicher der V. Olgan . atio! samm Da 1 fügun leich samm Erd der jur. Scht 11 ung M. Rede fenige Backe Hand m 5 1 mun de 1 Uh klar semit doch währ Wie! tand fügun zur Refe Anti hatte natit 0. —— b hat fahri⸗ lage owe 9 und „Dae sämt. ektyr bung 1 urdel, dieser Land. tau ht her. traf hang nung hungs, de als Er is men, Je auf; plinaz⸗ ö uf die einen Proz uch ge. Hält r unter! mene heiden gen, yu. t duch Behöre 8 hüll echts auge Daß da Istiz he int Die f e grunge Woltes, ständt chleg Weile nennuß den Kb olgt il. Nr. 26. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. geschäftsführenden Ausschusses. Wegen der Beschlüsse des deutschen Aerztetages in Dresden, die gesetzliche Festlegung des Aerztehonorars und der freien Aerztewahl betreffend wurde ein⸗ stimmig eine Resolution gefaßt, welche sich ener⸗ gisch gegen derartige gesetzliche Fixierungen aus⸗ sprach. Als Ork der nächsten Generalver⸗ sammlung wurde Vilbel gewählt. Die Orts⸗ krankenkasse Gießen war in Nierstein vertreten durch die Herren Fabrikant Hanau, den Vor⸗ sitzenden Dahmer und den Geschäftsführer Fourier. Im Joch des Kapitalismus. X. Diesmal ist die vorstehende Ueberschrift ganz wörtlich zu nehmen, wie uns aus dem Kreis Wetzlar geschrieben wird. Am Don⸗ nerstag Abend sahen zahlreiche Passanten der Straße von Wetzlar nach Herborn, wie 5— 6 Arbeiter einen Pflug im Acker zogen, also eine Arbeit verrichteten, die sonst von Zugtieren verrichtet wird. Es wäre wirklich wüuschens⸗ wert, wenn Aufklärung darüber zu erlangen wäre, wer jene Arbeiter, die in der Aßlarer Drohtzieherei beschästigt sind, zu jener Arbeit bestimmt hat. Aus Daubringen. 1. Unser Waldfest verlief auf das Beste und gestaltete sich zu einer großen Demonstration gegen die Zuchthausvorlage. Zahlreich hatten sich die Arbeiter und namentlich die A beiterinnen in unserem herrlichen Wald eingefunden. Mögen die Genossen die wenigen aber kernigen Worte unseres Vorsitzenden nicht vergessen und zahl⸗ reicher in den Versammlungen erscheinen, um der Verpflichtung, fleißig zu agitieren und die Organisation mehr auszubreiten, nachkommen. Aus Marburg. p. Am Freitag Abend nahm hier eine von nationalsozialer Seite einberufene Volksver⸗ sammlung gegen die Zu hthausvorlage Stellung. Da unserer Partei kein Lokal hier zur Ver⸗ fügung steht, fanden sich unsere Genossen zahl⸗ reich ein. Zu gut der Hälfte bestand die Ver⸗ sammlung aus Studenten. Nach dem Referenten Erdmannsdörfer sprachen zwei Antisemiten, der Bibliothekar Dr. Häberlin und der stud. jur. Harmony. Als letzter kam Genosse Scheidemann-Gießen zum Wort. Er fertigte unter ständig zunehmendem Jubel der Versamm⸗ lung namentlich die Antisemiten gehörig ab. Die national⸗soziale Resolution wurde nach der Rede unseres Genossen zurückgezogen und die⸗ jenige Scheidemanns angenommen. Ein Bäckerdutzend autisemitischer„deutsch⸗nationaler Han dlungsgehilsen“, die der Student Harmony am Faden hatte, und die so zappelten, wie der Herr Studiosus zog, enthielt sich der Abstim⸗ mung. Gegen die Resolution stimmte niemand. Die Versammlung währte von ½9 bis nach 1 Uhr.— Der Verlauf der Versammlung hat klar und deutlich bewiesen, daß hier die Auti⸗ semiten sowohl, wie auch die Nationalsozialen doch recht unbedeutende Rollen spielen. Ge⸗ währte man unserer Partei dieselben Freiheiten, wie den„nationalen“ und„deutschen“ Sozialen, ständen uns vor allen Dingen Säle zur Ver⸗ fügung, so würden wir bald von der schwächsten zur stärksten Partei im Kreise werden.— Der Referent Erdmannsdörffer wurde von dem Autisemiten Harmony arg mitgenommen. Wir hätten nicht in der Haut des Steuermauns der nationalsozialen Marburger„Hess. Landesztg.“ stecken mögen. Man stelle sich nur solgende Scene vor: Herr Erdmannsdörffer wirft den Antisemiten, seinen ehemaligen Parteigenossen, Unfähigkeit und noch viel mehr vor, und zwar mit voller Berechtigung. Aber er mußte sich schließlich sagen lassen, daß er selbst— Er d⸗ mannsdörffer!— auch keine große Befähi⸗ gung an den Tag gelegt habe als Antisemit, denn er habe sogar seiner Zeit eine Broschüre verbrochen:„Die Juden und die Cholera“, in der er zu beweisen suchte, daß neben alle den anderen schauderhaften Dingen die Juden auch fur die Cholera verantwortlich zu machen sind!!! Das muß eine schrecklich bittere Pille für Herrn Erdmannsdörffer gewesen sein. Es war trotz alledem für die Nationalsozialen gut, daß die Antisemiten auf der Bildfläche erschienen waren, und r als Puffer zwischen den nationalsozialen und sozialdemokratischen Zuchthausgesetzgegnern dienten. Andern⸗ falls hätte wohl Genosse Scheidemann, der sich gezwungenermaßen vornehmlich mit den Anti⸗ semiten beschäftigte, mit den Nationalsozialen abgerechnet. Und ob dann die Herren besser davongekommen wären, ist sehr fraglich. Charak⸗ teristisch ist die Selbsttäuschung der National⸗ sozialen. In der„Hess. Landesztg.“ wird die Diskussion mit ein paar Worten abgethan und gesagt, die Versammlung bedeute einen schönen Erfolg für die nationalsoziale Sache. Das ist ein großer Irrtum. Der Erfolg des Abends gehörte unbestritten den Sozialdemokraten. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. * In Nieder-Eschbach fand am Sonntag im Gasthaus zur Traube eine gut besuchte Volksversammlung statt, in welcher der Land— tagskandidat dieses Kreises, Stadtv. Krumm aus Gießen über das sozialdemokratische Pro⸗ gramm und die bevorstehenden hessischen Land⸗ tagswahlen das Referat übernommen hatte. In dem 2stündigen Vortrag besprach Redner die einzelnen Punkte unseres Programms, ins⸗ besondere die Stellung der Sozialdemokratie zur Landwirtschaft. Eine gegen die Zucht⸗ hausvorlage gerichtete Protestresolution fand einstimmige Annahme. Aus dem verrufenen Preußen. Eine lebhafte Erörterung rief auf dem Deutschen Gastwirttag, der kürzlich in Dresden stattfand, ein Antrag hervor,„dahin zu wirken, daß die Tanzbelustigungen nicht von einer jedesmaligen Genehmigung abhängen.“ Besonders ging der Verbandspräsident Müller⸗ Berlin für diesen Antrag tüchtig ins Zeug. In Preußen gebe es Orte, wo die Wirte nur 14⸗ bis 16 mal Tanzmusik im Jahre bekommen. Was würde der Mann für Augen machen, wenn er in das gelobte Land Hessen käme, wo es Bürgermeister fertig bringen, jahrelang jede Tanzmnsik für Arbeitervereine unmöglich zu machen. Vergiftung durch die Impfung. Aus Sulz im Ober⸗Elsaß wir der„Freien Presse“ für Elsaß⸗Lothringen berichtet:„In unserm Städtchen herrscht der reinste Aufruhr infolge der Impfung. Die geimpften Kin⸗ der haben, wohl infolge schlechten Impfstoffes, geschwollene Aermchen, daß es einen schaudert, sie nur anzusehen. Es fallen Löcher in die Arme. Brust, Hüften, Arme, Hals und Ge— sicht sind mit dem Ausfluß des Giftes be⸗ deckt. Die Kinder schreien Tag und Nacht, mehrere schweben in Lebensgefahr. Der Arzt entschuldigt sich damit, daß er sagte, die Schuld liege an dem schlechten Gift, das er erhalten. Es scheint uns unglaublich, daß man so leicht⸗ sinnig mit Menschenleben umgehen kann. Muß da nicht jeder Gegner des Impfzwanges werden? Es wird leider nicht berichtet, ob bereits alles von seiten der Behörde geschieht, um die Ge⸗ sundheit der Kinder wiederherzustellen und die Schuldigen zu bestrafen. ere Arbeiterbewegung. Buchdrucker. In Mainz wurde am Montag die Generalversammlung des Verbandes der deutschen Buchdrucker eröffnet, in derselben Stadt, wo gerade vor 51 Jahren die erste deutsche Buchdruckerversammlung tagte und den Grundstein zu der heutigen Organisation legte. Der Vorsitzende des Verbandes, Döblin-⸗Berlin, erstattete den Geschäftsbericht. Die Mitglieder⸗ zahl beträgt 26377. Die Gesamtsumme der Unterstützungen beträgt in den letzten vier Jahren M. 3 202 865,14. An Reiseunterstütz⸗ ung wurden von 18951898 verausgabt M. 501 899,55, an Arbeitslosen-Unterstützung M. 449 170,25, an Unterstützung nach§S 2(Lohn ⸗ bewegung, Maßregelung) und Umzugskosten Mark 209 678,05, Kranken⸗Unterstützung Mark 1 374 890,03, Invaliden-Unterstützung Mark 538 172 und Begräbnisgeld M. 79 055,26. Der Vermögensbestand betrug am 31. März 1899 M. 2 106 822, 89. Die Ideen der Buchdrucker seien bahnbrechend für die ganze deutsche Ar⸗ beiterschaft geworden, die Mißdeutuugen zwischen den Buchdruckern und der Arbeiterschaft auf dem Gewerkschaftskongreß in Frankfurt aus der Welt geschafft. Döblin schlug eine Resolution vor, die sich gegen die Zuchthausvorlage wendet. Sie wurde ein— stimmig angenommen und telegraphisch dem Reichstagsbureau übermittelt. Bauhandwerker. Zum Maurerstreik resp. zur Bauhandwerkeraussperrung in Berlin be⸗ richtet der„Vorwärts“, daß in einer Versamm⸗ lung von Maurern der zentralen Richtung am Dienstag die Zahl der bis jetzt ab gereisten Maurer auf 1310 angegeben wurde, die von der Kommission der zentralen Richtung Fahr— karten erhalten haben. Die Zahl der Abge— reisten ist aber weit größer und beträgt etwa 2000, da viele der Ausgesperrten abgereist sind, die auf die Reiseunterstützung verzichteten. Es wurde erwartet, daß in kurzer Zeit 3000 Mau⸗ rer Berlin verlassen haben werden und sei für Arbeitsgelegenheit der Abreisenden in den verschiedenen Orten Deutschlands Sorge ge— tragen. Zu den neuen Bedingungen arbeiten von der zentralen Richtung 1100 Maurer, wäh⸗ rend 2600 als ausständig bezw. ausgesperrt bei der Kommission zur Kontrolle gemeldet sind. — Der„Frkf. Ztg.“ wird noch telegraphiert: Die Situation hat sich für die Arbeiter inso⸗ fern günstiger gestaltet, als verschiedene Bau⸗ herren die Arbeit den Maurermeistern, die ihre Gesellen aussperrten, entzogen und sie solchen Arbeitgebern zuwiesen, die den 65 Pfg.⸗Stun⸗ den⸗Lohn bereits bewilligt haben. Dadurch hat sich die Zahl der arheitslosen Maurer wieder um ein Beträchtliches vermindert. Es schwe⸗ ben— so wird unterm 22. Juni gemeldet— Verhandlungen zwischen Unternehmern und Ar⸗ beitern, die auf einen baldigen Ausgleich hoffen lassen.— Der Streik der Steinsetzer hat sein Ende erreicht, indem die Innung sich dem vom Gewerbegericht gestellten Schiedsspruch unterworfen und die Forderungen der Streikenden anerkannt hat. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 24. Juni. Gießener Wahlverein. Abends 9 Uhr bei Orbig. Lauterbach: Volksversammlung bei Schwarz. Quittung. Für den Agitationsfond bei der Red. der M. S.⸗Z. eingegangen und an den Vertrauensmann abgeliefert 1.— Mk. von C. R. in H. — Durch die Zeitungen geht die Nachricht, daß Genosse Agster(Reichstags⸗Abgeordneter für Pforzheim) aus der Partei ausgetreten sein soll. Dem Parteivor⸗ stand ist davon nichts bekannt. Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist Agster erneut von einem hochgradigen nervösen Leiden befallen, was wohl die Veranlassung gewesen sein mag, daß der Bedauernswerte durch allerlei Aeußerungen dem Gerücht Nahrung ge zeben hat. Agster befindet sich seit Monaten in einer Heilanstalt. Parteilitteratur. Im Auftrage der Reichstags⸗ Fraktion giebt die Buchhandlung Vorwärts den steno⸗ graphischen Bericht der Reichstags⸗Verhandlungen über die Zuchthaus⸗Vorlage als Agitationsbroschüre zu billigstem Preise zwecks Massen verbreitung heraus. Bei der voraussichtlich hohen Auflage bitten wir Be⸗ stellungen auf diese Schrift, die nächste Woche erscheinen wird, nicht an den Parteivorstand, sondern an die „Buchhandlung Vorwärts, Beuthstr. 2, Berlin S W.,“ umgehend gelangen zu lassen; die Bestellungen werden in der Reihenfolge des Einganges expediert werden. Briefkasten der Expedition. Quittungen in nächster Nummer. 2— Grünberg, im Juni. Am Markttage, 17. Juni, wurden auf dem hiesigen Fruchtmarkte folgende Frucht⸗ arten dc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen ve rkauft: 12 Doppel⸗Zentner(à 100 kg) Weizen zu 16,00 M., 3 D.⸗Z. Korn zu 15,50 Mark, 2 D.⸗Z Gerste zu 15,00 Mark, 10 D.⸗Z. Hafer zu 15,08 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00.00 Mark, 58 D.⸗Z. Kartoffeln zu 4,44 Mark. Seite 6. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 26. Neue Steuern für Hessen. * Ganz ungeheuerliche Stempelabgaben will die Regierung einführen, um den Ausfall für die abgelehnte Weinsteuer zu decken. Die Regierung hat nicht den Mut, die Reichen entsprechend höher zur direkten Steuer heran⸗ zuziehen, wie es unsere Genossen beantragten, aber sie scheut sich nicht, den Vorschlag zu machen, so ziemlich alles, was Namen hat, einer Stempelgebühr zu unterwerfen. Auch eine Fahrradsteuer soll eingeführt werden in der Höhe von 5 Mk. Wie weit die Regierung in ihren Forderungen bezüglich der Stempel⸗Ge⸗ bühren geht, mögen folgende wenige Beispiele zeigen: Zu öffentlichen Tanzbelustigungen auf Kirchweihen, Jahrmärkten und Hochzeiten für jeden Tag= 20 Mk. Zu Tanzbelustigungen bei andern öffentlichen Veraͤnstaltungen für jeden Tag: a. zu Darmstadt, Mainz, Gießen, Offen⸗ bach, Worms und Bingen, sowie in den Orten, welche weniger als eine Stunde von diesen entfernt sind= 20 Mk. b. in anderen Orten von 2500 Seelen und mehr= 12 Mk. c. in anderen Orten von 50 bis weniger als 2500 Seelen= 10 Mk. d. in Orten von weniger als 50 Seelen = 8 Mk. zu öffentlichen Tänzen auf einen Nachmittag die Hälfte der vorstehenden Sätze. — Als öffentliche Tanzbelustigungen werden auch solche von sogen. geschlossenen Ge⸗ sellschaften gerechnet, sobald die Musik bezahlt wird, also nicht jemand aus dem Kreis der Gesellschaft gratis spielt. Auf die Wirte und solche, die es werden wollen, scheint es ganz besonders abgesehen zu sein, wie folgende Stempelsätze beweisen: Für die Exlaubnis zum Betrieb einer Wirtschast: in Orten mit weniger als 1000 Einwoh⸗ nern: für eine Gastwirtschaft- 50 Mk., für eine Schankwirtschaft= 35 Mk. in Orten mit 1000 bis 3000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft— 150 Mk., für eine Schankwirtschaft= 100 Mk. in Orten mit 3000 bis 10000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft= 300 Mk., für eine Schankwirtschaft= 200 Mk. in Orten mit mehr als 10000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft= 500 Mk., für eine Schankwirtschaft 300 Mk. Wenn neben der Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft auch die Erlaubnis zum Ausschank von Branntwein nachgesucht und er⸗ teilt wird, erhöht sich die Toxe für die Orte mit weniger als 1000 Einwohnern um 20 Mk. für Orte mit 1000 bis 3000 Einwohnern um 40 Mk., für Orte mit 3000 bis 10000 Ein⸗ wohnern um 60 Mk., für Orte mit mehr als 10000 Einwohnern um 100 Mk. Handelt es sich um den Betrieb einer Wirtschaft von be⸗ sonders bedeutendem Umfang, so kann die Taxe für die Erlaubnis bis zum doppelten Be⸗ trage der vorstehenden Sätze erhöht werden. Wird die Einholung einer neuen Erlaubnis nur infolge Wechsels des seitherigen Wirt⸗ schaftslokals innerhalb des Gemeindebezirks oder infolge wesentlicher Veränderungen des seit⸗ herigen Wirtschaftslokals notwendig, so ist die Hälfte, wird sie aber lediglich infolge pacht⸗ weiser Uebertragung einer bereits bestehenden Wiitschaft auf eine andre Person erforderlich, so sind zwei Zehntel der vorstehenden Sätze zu erheben.— Alles, was Namen hat, soll ge⸗ stempelt und der Stempel gut bezahlt werden. Das Verzeichnis der dem Stempel unterliegenden Gegenstände umfaßt in der Regierungsvorlage 32 Quartseiten. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß die Sozialdemokraten gegen derartige Gebühren sind. Unsere Ge⸗ nossen werden auch nicht ermangeln, im Land⸗ tag den Herren von der Regierung, die so außerordentlich glimpflich mit den besitzenden Klassen umgeht, gründlich die Meinung zu sagen. 55 2. eee Unterhaltungs⸗Ceil. * Frankfurt in seinen Monumenten. 1 Adam und Eva vom Paradiesbrunnen in Sachsenhausen. Von Friedrich Stoltze. So sahen aus die ersten Menschen! Sie waren ohne Strümpf' und Händschen Und nackend nicht blos im Gesicht Und schämeten sich dennoch nicht. Sie waren eben alle Beide Swei junge unverschämte Leute, Und kamen mitten auf dem Feld Gleich ausgewachsen auf die Welt. Doch kriegten sie nichts Warm's zu essen Und mußten rohe Aepfel fressen Und konnten sie nicht einmal schälen, Weil ihnen that das Messer fehlen. Auch kam kein Wein auf ihre Lippen, Sie mußten pures Wasser nippen, Als wie die Mechslein und die Pferde, Und schliefen auf der blanken Erde. Und naheten Gewitterstürme, So war'n sie ohne Regenschirme Und hatten keine Makintösche Und hockten in dem Gras wie Frösche. Und wollten sie einander küssen, Mußt's erst der liebe Berrgott wissen, Es war ein wahres Luderleben: Kein Hemd am Leib, kein Saft der Reben, Kein Muß und auch nichts Rechts zum Beißen, Das hat man„Paradies“ geheißen. 2 DDr 8— ee Die Hosentaschen des Erasmus. 5 Von Otto Ernst.. (Aus der Münchener Jugend.) Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und normal ge⸗ staltet ist. Aber in betleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu Zeit an den Oberschenkeln un⸗ förmliche bedrohlich angewachsene Wulste. Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau sehr vergnügt zu mir herein⸗ zukommen und zu sagen:„Du wir müssen mal wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein ganzes Museum darin an⸗ gesammelt!“ Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustande eines achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es giebt eigentlich kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen Gegenstand, der nicht Interesse solch eines verschwiegenen kleinen Weltbetrachters auregle. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilse seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegen⸗ sten Hoffnungen knüpft. Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir manchen Gegen⸗ stand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen. Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der öffentlichen Moral bemerkte ich, daß der Knabe wahrend dessen mit einer anderen Hose bekleidet ist. r Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich darf ebenfalls als bekannt voraussetzen daß dieser Gegenstand sich bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und alle übrigen Objekte, die cus solch einer Tasche ans Licht gesordert wer den in einer mehr oder minder interessanten Ver wicklung mit jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens— um mich gewählt auszudrücken— gelangen wir so⸗ dann zu einem stark verosteten, ovalen Blech⸗ schildchen, das die Inschrist„Patent“ trägt. Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich weiß das. Ich kann den Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben um Liebhaberwerte. f „Was heißt denn das: Patent'?“ frage „Wenn einer sich so fein angezogen hat.“ „Rrrich— tig!!“ Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und fördern aus dem Labyrinth ein Notizbuch zu Tage. Das ist nun etwas ganz besonders Her⸗ vorragendes. Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem Wert und Nutzen. Es ist wohl selbstverständlich, daß man sich in er⸗ ster Linie das notiert, woran man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den 9. Oktober zur Apfelernte bei dem Spielkameraden einge⸗ laden ist, oder daß am 25. Dezember Weihnacht gefeiert wird. Auch die 10 Pfennige, die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß als Grundstock eines zu sammelnden Kapitals ge⸗ bucht, leider aber gewöhnlich nicht wieder aus⸗ gestrichen, wenn sie nach zehn Minuten in Scho⸗ kolade umgewandelt wurden. Freilich sind Stift und Papier bei diesem Büchelchen von einer Güte, die sich in Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin noch ratsamer er⸗ scheinen läßt, mit einer spitzen Stahlfeder auf ein Flanellhemd zu schreiben; aber Erasmus ver⸗ folgt es mit sorglich behütenden Blicken. „Woher hast du denn das?“ „Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.“ „Weshalb denn?“ „Och— die anderen wollten nicht mit ihm spielen.“ „Warum nicht?“ „Weil er der erste geworden ist.“ „Aha.— Aber was bedeutet denn das hier?“ Ich habe nämlich das„Notizbuch“ auf⸗ geschlagen und lese auf einer Seite die höchst rätselhaften Worte„Käs Käse Käse la.“ „Das ist Französisch,“ erklärt er mit einem Anflug von Gelehrtenstolz. „Französisch??“——— Aaaaaah— jetzt geht mir ein Licht auf! Er hat heut seine erste französische Stunde gehabt! Nach der neuen Methode! Der Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. Erasmus aber, seines Nolizbuches stolz sich bewußt, hat sich's notiert. Qu'est-ce que c'est que cela!—(Was ist das?) Voilaà ce que c'est!(Das ist's.) Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nun⸗ mehr ein kleines Scharnier von einem Deckel⸗ seidel in inniger Verbindung mit einem Stück Schusterpech zu Tage. „Aber Erasmus! Ferkel!“ ruft meine Frau und betrachtet nasrümpfend ihre Finger. Er aber starrt sie an mit schuldlos⸗erstauntem Blick, als wollte er sagen:„Wieso?— Was ist denn los?“ Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, ursprünglichsten Pantheismus; aus allem, was die Erde bietet, atmet ihm— in der Wärme des Herzens und der Wangen nur erst ahnungs⸗ los gefühlt— der unbekannte Schöpfer ent⸗ gegen, und das gewaschenste Kätzchen wie den pfützenbewandertsten Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe an sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. Er steht noch auf dem naiv⸗ genialen Standpunkt der Gleichberechtigung aller chemischen Verbindungen, und die paradiesische Unschuld, die noch nichts weiß, was rein und schmutzig ist, ist noch nicht ganz durch unsere ästhetischen Engherzigkeiten verscheucht. N „Was willst Du denn mit diesem Stück von einem Bierglasdeckel machen?“ „Och— wenn ich den Deckel dazu finde, dann mach' ich das auf mein Milchseidel.“ „Das s'ne Idee! Famos!— Aber sag mir Bescheid, wenn Du den Deckel gefunden hast!— Kannst Du denn überhaupt so was machen?“ „Jaaa— das ist man ganz leicht!“ „Mmmm.“ a Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge sämtlichen Handwerkern ihre sämtlichen Künste abgeguckt. Es ging alles so nett und leicht. Ich wäre so gern Tischler, Schlosser⸗ Schmied, Schuster, Maurer, Hutmacher, Maler und alles andere außerdem gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk entworfen hatte, so war's auch schon fertig und ich spielte ich damit. Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne 5 1 1 5 erben. „Vas „Die dig. fen ge würdige gl Schulter, sustllen, und Trail daneben he ein: Was, des Meer Aber bei! Briefmark mir nun Dinge fal eiche Di — auch ausgespro mit Ente „Nan w Crici und pon Bri schließlic Uebergär Mei! schließun dibersen zusamme au den! „Und „Die „Ver „Il 1 Pfur laufen, sparen, mehr de Aah offenbar gekostet, irgend j u lünftige ein ung stausher los wer Spekule streckern eefunder bon de Wenn d du dieß bald w bange. Jamie — ktober einge⸗ hnacht e man 1 alt 8 ge. as. find 1 bon mehr ier er. r auß 5 bel⸗ enk.“ it ihm u Lauf, oc einem — fett e erst neuen, abel seines lotlert, das“ f fun- Deckel Sti e Fal unten Wo terste „ ob Wär nung 7 elle vit di el l 1 fh 1 Hal diesc in 10 ch und Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in Gedanken. Phantasie spielen anmutiger mit uns, als wir Lanze dieses Ulanen eine deutsche Fünfpfennig⸗ Nr. 26. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Leim, malte ohne Pinsel, lötete ohne Kolben Und die Werke unserer mit den wirllichsten Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in Wirklichkeit.„Alles wiederholt sich nur im Leben—“ Also freu' Dich nur an Deinem Deckelglas. Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine Mundharmonika, ein kleines Weinglas⸗ thermometer und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie gehoben haben, bemerken wir an der marke— pardon:— eine norddeutsche Fünf⸗ pfennigmarke! Eine furchtbare Nerven. „Was soll die denn?“ frage ich. „Die sammel ich,“ erklärt er ganz un⸗ schuldig. „Mein Sohn,“ spreche ich und lege mit ehr⸗ würdig⸗großer Geste die Vaterhand auf seine Schulter,„ich will es keineswegs als unmöglich hinstellen, daß die Sammler von Briefmarken und Trambahnbillets irgend einen Gedanken daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmütig sein: was wissen wir z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens oder des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines Blutes dulde ich Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich mir nun Despot zu sein. Willst Du schöne Dinge sammeln— sehr gut! Willst Du lehr⸗ reiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. — auch gut! Aber Briefmarkensammelu ist ausgesprochene Antikultur, und darauf steht bei mir Enterbung.“(Der Junge verfärbt sich.) „Man weiß ja, wie's geht: Erst kommt das Crici und das Monocle, dann das Sammeln von Briefmarken und Pferdebahnbillets und schließlich der Klerikalismus, ohne daß man die Uebergänge merkt!“ Meine Frau hat sich inzwischen an die Er⸗ schließung der anderen Tasche gemacht und mit diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche an den Tag gebracht. „Und was willst Du damit?“ „Die will ich verkaufen.“ „Verkaufen?“ „Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man en Pfund davon hat, dann kann man sie ver⸗ kaufen, und das Geld will ich mir dann auf⸗ sparen, und dann sehe ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich fix reich bin.“ Aah— daher pfeift der Wind! Er hat offenbar von jenen„gemeinnützigen“ Geschichten gekostet, in denen immer erzählt wird, wie irgend jemand schon als 6 jähriger Knabe jede Sieckna del aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte und so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung los werden können, daß diese Geschichten von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvoll⸗ streckern, Schwankdichtern und ähnlichen Leuten eefunden worden sind, um die anderen Leute von der Fährte abzulenken. Mein Junge— wenn du der Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen„fremden Tropfen in deinem Blute“ bald wieder hinauswerfen, davor ist mir nicht bange. Stecknadelnsammelu liegt nicht in der Familie. „Na, und wenn Du nun fix reich bist— was dann?“ „Dann kauf' ich mir Kühe und Ochsen und en Geographiebuch.“ „So.“ Bei mir war es immer ein Schloß. Das wollt' ich mir bauen, wenn ich reich wäre. Ich sehe noch heute die breite, schimmernde Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe als ein Grand Seigneur, um im nächsten Augenblick mit vornehmer Gelassenheit hinabzu⸗ steigen. Oder ich lag auf einem Ruhebett hin⸗ gestreckt und sah durch hohe Bogenfenster weiße olken durch blaue Himmelsfluren ziehen— langsam— so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke hoch zu Pferd, die Faust auf den Schenkel gestemmt, und sah in einem Blick Thäler und Berge, Wälder und Ströme. Ich Ahnung spannt meine Wiedergeburt in dieser Welt giebt, daß wir mehr als einmal auf dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese leisen, fernen, geheimnis⸗ vollen Erinnerungen, die wir uns nicht erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: ich bin— vielleicht im 13. Jahrhundert oder so— ein wenig beschäftigter Junker gewesen. Ich habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, mit dem Schauen nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten durch rauschende Thäler meinen Unterhalt zu verdienen. Während diese Erinnerungen schnell wie Schwalbenflug vor meinem inneren Blicke vor⸗ überziehen, stößt meine Frau plötzlich einen heftigen Schrei aus und springt vom Stuhle empor. Sie muß auf etwas entsetzliches ge⸗ stoßen sein; denn sie ist von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind aus dem Rachen des Löwen reißen, wie jene berühmte Mutter von Florenz. Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist ein„Gemeiner Mistkäfer“, Geotrupes stercorarius, den meine Frau von ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt langsam auf den Dielen dahinkriecht. „Ooh, mein Käfer!“ jammert Erasmus. Das Krabbeltier ist aus einer Streichholz⸗ schachtel entwischt und hat sich frei in der Hosen⸗ tasche ergangen. Während meine Frau noch immer ein bischen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das Tierchen aufgenommen und läße es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und Vorurteilslosigkeit über seine Finger krabbeln. „Wozu hast Du den denn gefangen?“ „Für'ne Käfersammlung.“ „Na— weißt Du— das halt ich eigentlich für unnötig. Du kannst ihn Dir auch so ordent⸗ lich ansehen. Und dann kannst Du ihn jedes Jahr in ungezählten Mengen wiederfinden. Wenn's was Seltenes wäre, woll' ich nichts sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben. Aber das verstehst Du noch nicht. Also: ich denke, Du läßt ihn laufen, he? Andere Mist⸗ käfer wollen auch leben.“ Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir forschend in die Augen, dann lächelt er und be⸗ trachtet verstohlen seine Hände. Sie sind heute zum zweitenmal gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er gebraucht sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus und Garten, Wald und Feld naturforschend sich ins All versenkt. An den Gegenständen, die der zweiten Tasche entstammen, zuletzt an der Streichholzschachtel, sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns mehr und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte aufgefallen. Jetzt kommen wir auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück Rötel hat offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht und dessen Wände mit einem gleichmäßigen Rot bedeckt. Endlich findet sich noch ein schön abgeschliffenes, eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer. „Was ist denn das?“ „Das ist'n Glücksstein.“ „Ein Glücksstein?“ Das kann stimmen. Wer sich an solch einem Steinchen freut, der ist glücklich. „Wo hast Du denn die hübsche kleine Silber⸗ münze gelassen, die Du neulich hattest?“ „Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der will mir 18 Fahnen und 25 Lanzen dafür geben.“ Seine Augen leuchteten. Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das Herz ein wenig groß und das Auge— pardon— ein wenig warm wird. Denn man denkt an die vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben noch betrogen werden wird. Was wird dem sein guter Glaube noch kosten! Man fragt sich, ob man nicht unrecht thut, wenn man einem Kinde sagt:„Sei immer wahr!“ ob man es nicht wehrlos macht? Man säh es so gern das Gebot der Wahrhaftigkeit befolgen, und man sieht dabei alle die Leider voraus, die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen schon sagen:„Paß auf, daß Du nicht betrogen wirst!?“— Nein. Nein. Es lieber der Zeit überlassen, die sondern selbst betrogen zu werden. ist ja auch der Mensch so genial konstruiert. daß er einen merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht aus fremdem Schaden zu lernen, Und dann ist es ja auch vorteilhaft, sich mäßig betrügen und belügen zu lassen. Zu viel ist freilich hier wie überasl vom Uebel. Wer gar zu leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch honette Leute. Die sagen dann:„Na— wenn er selbst nicht anders will——.“ Man glaubt nicht, wie verderblich ein einziger Vertrauensseliger für ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen werden kann! Aber sonst—: Die Leute vom Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen lassen, gehört zum Adel. Wer einen Rock zu 40 Mark für 50 Mark verkauft, wer im niederen und höheren Pferdehandel einen Gentleman hineinleat oder wer das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan hinausintriguiert, damit er noch ein bißchen mehr Ruhm mit Tantiemen ergattere— und wer sich bei alle dem steif und fest einredet, Klugheit und Vor⸗ teil seien auf seiner Seite und nur auf seiner Seite— ja, wer wollte solch einem armen Teufel das kleine Veranügen des Betruges nicht gönnen?! Man zahlt je nach seinen Verhältnissen die 10 Pfennige oder die 10 Goldstücke oder die 10 braunen Scheine, und wenn man den Betrug merkt, lacht man sich ins Fäustchen und freut sich, daß man keine Wanze ist, und was einem leid thut, ist nur der arme Kerl, der nun womöglich ganz stolz ist auf seinen„Coup“ Meine Frau und ich haben beschlossen, dem jungen Herrn ein eigenes Schubfach zur Ver⸗ fügung zu stellen, damit er darin seine Kinder⸗ welt baue. Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird er allerdings die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis zu den Dingen ist hier ein intimeres. Man hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech. Und dann— die Haupsache!— es liegt nicht offen vor aller Augen da. Obwobl wir höchst diskret ver⸗ fahren sind mit dem Geheimschatz des Prinzen Erasmus und uns das Lachen tapfer verbissen haben— er schien unser Vorgehen doch als eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache der Scham für ihn. Und man soll auch nicht einfallen ins Land der Kinderseele, man soll es behutsam anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn ihr Entzücken einmal recht groß ist, thun sie's schon. Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies! Ein einziger rauher Hauch aus der kalten Welt der Erwachsenen— und tausend Blüten fallen auf einmal von seinen Bäumen. Es giebt ein Wunder so groß wie ein Pfennig und mild⸗ glänzend wie der Mond; du bewegst es ein wenig und versteckte Farben leuchten daraus hervor: das durchsichtige Grün des Nordmeeres, die Röte des Abendhimmels.. Laß aber ein paar unrechte und grobe Finger darüberkommen und es verächtlich auf den Tisch werfen— so ist es ein armseliger Perlmutterknopf!——— Aus unserer Sammelmappe. Rechtsbruch an Uns ist eures Bundes Siegel. O, Himmel wappne Dich, zu strafen, Die eidvergessenen Könige.— „König Johann.“ Beine hat uns zwei gegeben Gott der Herr, um fortzustreben, Wollte nicht, daß an der Scholle Uns're Menschheit kleben solle; Um ein Stillstandknecht zu sein, G'nügte uns ein einz'ges Bein. Gott versah uns mit zwei Händen, Daß wir doppelt Gutes spenden, Nicht um doppelt zuzugreifen Und die Beute aufzuhäufen, In den großen Eisentruh'n, Wie gewisse Leute thun. N Heine. Will einer in der Welt was erjagen, Mag er sich rühren und mag sich plagen; Will er zu hohen Ehren und Würden, Bückt er sich unter die goldenen Bürden. „Wallenstein.“ Humoristisches. Offizier zum Burschen:„Johann versuch mal schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei möchte fast mit Lessing glauben, daß es eine manchem braucht's freilich viel Zeit. Und dann das Wasser, ob es der Gaul saufen kann.“ Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 1 Ft 1 Arbeiter Bekleidung! 1.50 M. Zwirn ⸗Hosen 9 dieselben, schwer Leder⸗Hosen in wunderbar schön. 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Zeigt, wie das arbeitende Volk über die Gewaltmittel des herrschenden reaktionären Systems urteilt. Wie überall in deutschen Landen, so muß auch in dieser Versammlung tausendstimmig der Ruf erklingen: Fort mit der Zuchthausvorlage! Sonntag, den 25. Juni, Nachmittags halb 4 Uhr: Große Protest⸗Versammlung im Pulvermühlen-Garten in Gießen für die Arbeiter und Arbeiterinnen aus: Wieseck, Henchelheim, Klein⸗L unden, Kinzenbach, Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Wißmar und Giesen. Redner: Redakteur Philipp Scheidemann. Nach dieser Versammlung gesellige Unterhaltung. Agitiert für guten Besuch der Versamm⸗ Sonntag, den 9. Juli feiert die Verwaltungsstelle des deutschen Metallarbeiter⸗ Verbandes in Lollar ihr III. Stiftungsfest bei Gastwirt Weinrich. Programm: Nachmittags von 4—6 Uhr: Konzert. Von 6 Uhr ab: Tanzbelustigung. Die Festrede hält Stadtverordneter Krumm von Gießen. Es ladet freundlichst ein Eintritt 20 Pfg. Tonntag, den 25. u. Montag, den 26. Juni 35jähriges Stiftungsfest des Gesangvereins„Germania“ zu Altenbhuseck bei Wirth Wilhelm Becker, wozu freundlichst einladet Das Comité. Eintrittspreis für 2 Tage 25 Pfg. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. J. Benner, Schuhmachermeister, Marktstraße 34 Giessen, Marktstraße 34 empfiehlt sein reichhaltiges Sehuhwaaren⸗Lager in gediegenen soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Specialität:. Arbeiter⸗Schuhe u. Stiefel. Anfertigung nach Maaß, sowie Reparaturen werden in eigener Werkstätte rasch, gut und billigst ausgeführt. Emil Kalbfleisch Vildhauer Licherstraße 1 GIESSEN(icherstraße 1 empfiehlt sich zum Anfertigen von Grabkreuzen, Schrift-Tafeln und Grabeinfassungen sowie zu allen in dieses Fach einschlagenden Arbeiten in allen Steinarien Grahdenkmäler, Monumente. Der Vorstand. Großer Preisabschlag. Speck, Ia. fett, per Pfd. 58 Pfg., bei 10 Pfd. à 55 Pfg. Speck, mager,(Dörrfleisch), per Pfd. 65 Pfg. bei 10 Pfd. à Pfd. 60 Pfg. 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