* Gießen, Sonntag, den 24. Dezember 1899. 6. Jahrg. Nr. 52. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 1 e 5 2 85 Mitteldeutsche ei Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnomentspreis: Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. —— Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 4312 a.) 2 Junserate finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33% und bei Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Friede auf Erden? * In Südafrika metzeln sich gutgläubige, fromme Christenmenschen gegenseitig nieder— in allen Christenkirchen aber wird die frohe Weihnachtsbotschaft verkündigt: Friede auf Erden! Millionen leben in der bittersten Not, hungern, frieren, wissen nicht, womit sie sich bekleiden sollen— von den Kanzeln herab aber verkündigen geschorene und gescheitelte Diener des christlichen Staates: Den Menschen ein Wohlgefallen! Wohin sich unser Blick auch wenden mag: überall sehen wir so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Weihnachtsbotschaft verheißt. Kaum ist das blutige Gemetzel der christ⸗ lichen Amerikaner und der allerchristlichsten Spanier beendet, da wird die Kriegsfurie in Südafrika entfesselt. Das christliche England, beherrscht von einer frommen Königin, zwingt in der brutalsten und ungerechtfertigtsten Weise die stammverwandten Buren, ein gleichfalls streng christliches Volk, das im Rufe besonderer Frömmigkeit steht, zum blutigen Krieg— schnöden Mammons wegen. 5 Und in unserem eigenen Vaterland, das in ee hervorragender Weise bei der internationalen wahl Friedenskonferenz, die der christliche Russenkaiser an. einberufen hatte, vertreten war, kündigte der n 5 — 1 S eee ses es e mer 1 derweg 1 1 Nk, 3.— 5 + 3.— 1 ist Kanzler wenige Tage vor dem Feste des Friedens ise. eine ungeheuerliche Flottenvergrößerung an... Kriegsschiffe werden verlangt, die uns in den f Stand setzen sollen, an der„neuen Aufteilung 1 der Welt“ teilzunehmen, die uns befähigen wahl sollen, Weltpolitik zu treiben, das heißt: unser en, Vaterland zu vergrößern, indem wir anderen Völkern ihr Vaterland— wegpachten.. Der übergroßen Mehrheit unserer Volks⸗ genossen ist das kein Wohlgefallen. Weder llstr. bon neuen Mordwaffen, noch von neuen Steuer⸗ 3 belastungen will das arbeitende Volk etwas — wissen. a Den Kleinen in Stadt und Land ist es ernst mit der Weihnachtsbotschaft. Sie wollen Frieden haben; sie wollen, daß es allen Men⸗ schen in unserem Vaterlande wohl gefällt. Aber gerade deshalb werden sie von den Großen, die scheinheilig die Augen verdrehen, gehaßt, geächtet, verfolgt, als Feinde des Christentums hingestellt. 4 Nie ist die Heuchelei und das Pharisäertum üppiger ins Kraut geschossen als in unserer Zeit. Die Großen, die sich über die„Begehr⸗ lichkeit“ der Kleinen entrüsten, wellen die Ver⸗ wirklichung der Weihnachtsbotschaft nicht. Sie wollen für ewige Zeiten die Großen, die Herren bleiben. Das würde aber nach Erfüllung der Weihnachtsbotschaft aufhören. i ill Denn: Alle Menschen, gleich geboren, Sind ein adelig Geschlecht. Die Großen wollen keine Gleichberechtigung. Sie wollen herrschen, die große Masse des Volkes soll dienen. Wie kann von Frieden auf Erden unter diesen Umständen die Rede sein? Wie kann von„Wohlgefallen der Men⸗ schen“ gesprochen werden, solange eine verschwin⸗ dende Minderheit des Volkes die ungeheuere Nehrheit beherrscht, ausbeutet, darniederhält? 91 1 Abonnenten zuzuführen! Jeder zielbewußte Arbeiter Wie kann von„Wohlgefallen“ gesprochen werden, solange diejenigen, die jahraus jahrein schwer frohnden müssen, mit Müh und Not sich und die Ihren nur kümmerlich zu ernähren im Stande sind, während diejenigen, die von Vergnügen zu Vergnügen jagen, im Ueberfluß schlemmen? Das ist keine„göttliche Welt⸗ ordnung“, wenn die Mehrheit entbehren muß, damit die winzige Minderheit gewaltige Sum⸗ men mit Pferden und Weibern, bei Spiel und Champagner derprassen kannn .... Unverschämt brutal ist der Versuch Englands, die Buren zu vergewaltigen. Un⸗ vergleichlich brutaler war aber der Versuch des deutschen Unternehmertums, den nach Freiheit und Gleichberechtigung sich sehnenden Arbeitern 15 Zuchthausgesetz auf den Weihnachtstisch zu egen. Vergewaltigungspolitik dort wie hier. Dort Staat gegen Staat, hier Klasse gegen Klasse. Wir zweifeln nicht, daß die Gerechtigkeit schließlich den Sieg davontragen wird. Aber wir müssen ihr die Wege bahnen. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, die seit 1900 Jahren verkündigte Weihnachtsbotschaft alljährlich ein⸗ mal vieltausendstimmig an unser Ohr klingen zu lassen, wir müssen die Hände rühren, um ihr auch zum Siege zu verhelfen. Aber kein Sieg ohne Kampf. Und siegen wird im Kampfe nur der Stärkere. Jetzt sind unsere Gegner noch die Stärkeren, obwohl sie nur ein kleines Häuflein darstellen gegen- über dem Riesenheer der Kleinen, des Proletariats. Das Geheimnis der Stärke unserer Gegner liegt in ihrer Einigkeit. Nicht, als ob sie ein Herz und eine Seele wären. Nein, es bestehen zwischen ihnen die größten Meinungsverschiedenheiten. Die Schlot⸗ junker halten sich für etwas besseres wie die Krautjunker und umgekehrt. Aber einig sind sie in dem einen Punkt: die Masse des ar⸗ beitenden Volkes darniederzuhalten, auf daß denen„von Bildung und Besitz“ die Vor⸗ rechte auf allen Gebieten für alle Zu⸗ kunft gewährleistet bleiben. Deshalb, ihr Kleinen in Dorf und Stadt, beherziget wohl: Ehe wir zum„Wohlgefallen“ und zum„Frieden auf Erden“ gelangen können, müssen wir zur Einigkeit kommen, zur Einig⸗ keit, die uns den Sieg verbürgt im Kampfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Völkerverhetzung und Völkermord. Ehe die frohe Weihnachtsbotschaft in Er⸗ füllung gehen kann:„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, muß verwirklicht werden die Mahnung unserer großen Vorkämpfer Marx und Engels: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Folgen des Burenkrieges. * Bisher haben die Engländer Niederlage auf Niederlage in ihrem Kampfe mit den Buren erlitten. Die besten Heerführer, die England nach Südafrika geschickt hat, sind nacheinander geschlagen worden. Die größten Hoffnungen hatten die englischen Weltmachtspolitiker schließ⸗ lich noch auf General Buller gesetzt und— der hat am schlechtesten abgeschnitten. Für England werden diese Niederlagen in Südafrika von den allerschlimmsten Folgen sein. Wir stimmen da vollkommen mit dem„Vor⸗ wärts“ überein, der dieser Tage schrieb: Die moralischen Wirkungen der Nieder- lage Bullers beschränken sich nicht auf Afrika. Der Telegraph hat die Hiobspost in alle Welt getragen und die Feinde Englands sorgen dafür, daß stie in Indien und überall, wo das eng⸗ lische Weltreich schwache Stellen hat, bekannt und ausgebeutet werden. In England selbst sind keine verfügbaren Truppen mehr. Ir⸗ land ist schon mehr von Truppen entlastet, als für die Sicherheit Englands gut ist; der Geist des Aufruhrs greift dort um sich, und irische Blätter fordern die Irländer in der britischen Armee offen auf, zu den Bberen zu desertieren. Wohl kann England seine Armee in Süd- afrika verstärken, allein nicht ohne sich zu ent⸗ blößen und seinen Feinden Chancen zu bieten, die nicht unbenutzt bleiben würden. Bisher hat Rußland sich nicht gerührt, weil es den Aus⸗ gang in Südafrika abwarten wollte, und weil seine Finanzen zerrüttet sind. Aber fährt Eng⸗ land fort, seine Soldaten nach Südafrika auf die Schlachtbank zu schicken, so wird Rußland sich durch seine Finanzuot nicht abhalten lassen, in Ostasien und andern Punkten vorzurücken auf Kosten Englands. Und ein Auf⸗ stand in Indien, furchtbarer als der Sipoy⸗ Aufstand 1859, würde die kaum vermeidliche Folge sein. Wir verglichen schon früher die gegen⸗ wärtige Situation in Südafrika mit der Situa⸗ tion in Amerika bei Ausbruch des Unabhängig⸗ keitskrieges vor 126 Jahren. Die Niederlage Bullers hat den Vergleich noch frappanter ge⸗ macht. Sie bringt das Afrikandertum(Afri⸗ kander sind die in Afrika geborenen Söhne von Ausländern, besonders Engländern) und damit die Mehrheit der Bevölkerung in den eng- lischen Kolonien auf Seiten der Boeren. Und wir halten es für sehr unwahrschein— lich, daß diese, auch wenn ihnen die englische Regierung den Frieden auf Grundlage des Zustandes vor dem Krieg mit Verzicht auf das angebliche Suzeränitätsrecht Englands an⸗ böte, das Anerbieten annehmen würden. Die heutige Regierung wird indes ein solches Anerbieten nicht machen. Zum Glück ist aber die Regierung Chamberlains nicht eins mit England. Die verbrecherische Thorheit dieses Mannes und seiner Kollegen ist dem englischen Volk zum Bewußtsein gekommen. Wird das Bewußtsein zur That werden? Das ist die Frage. Von der liberalen Opposition ist nichts zu erhoffen. Das Schicksal Englands liegt in der Hand des englischen Volkes. Zeigt das englische Volk sich auf der Höhe der Situation, so fegt es durch eine Sturmflut der Empörung das jetzige Ministerium weg und errichtet eine Regierung, die Chamberlain und seine Mit— schuldigen in Anklagezustand versetzt und Friedens verhandlungen mit den Boeren ankaüpft. Und die Verhandlungen können, wie die Dinge stehen, nur noch auf der Basis abso— luter Selbstregierung der Kolonien geführt werden. Und Selbstregierung bedeutet hat die Pflicht, zu Weihnachten seinem Varteiblatte mindestens einen neuen DDr e eren.— 80 9 eee ee e e ee Seite 2. Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung thatsächlich die Unabhängigkeit der Kolo⸗ nien, mit republikanischer Verfassung entweder sofort oder nach kurzem Aeber ee edu, Diese Lösung liegt jetzt im Interesse des englischen Volkes, das schließlich jedem Wider⸗ stand zum Trotz, seinem Willen Geltung ver⸗ schaffen wird. Wir treiben daher keine uferlose Zukunftspolitik, wenn wir aus der gegenwär⸗ tigen Lage in Südafrika eine neue Republik erstehen sehen: die„Vereinigten Staaten von Südafrika“, denen die„Vereinigten Staaten von Australien“ bald nachfolgen werden. Denn das mögen unsere Kolonialpolitiker sich merken, alle Kolonien, die etwas wert sind, wachsen zu Republiken heran, und die das nicht thun, sind nichts wert. Noch eine andere Frage von großer Trag⸗ weite werden die Siege der Boeren haben: die Erkenntnis der Völker, daß der Militaris-⸗ mus ein„überwundener Standpunkt“ ist, und daß unsere stehenden Heere, sofern sie nicht geg en die eigenen Völker bestimmt sind, keine Existenzberechtigung mehr haben. Was die Boeren geleistet haben, das hätten die besten militaristisch gedrillten Soldaten der Welt nicht fertig gebracht. Und was sagt nun der große Staatsmann Herr von Bülow, da der englische Hammer, vor dessen Schlägen er politische Kinder zu ängstigen dachte, zum Ambos geworden ist? Was hat den Engländern ihre kolossale Flotte genützt? Begreifen unsere Marinisten nicht, daß in der Weltgeschichte höhere und stärkere Kräfte euische dend sind, als Panzerschiffe und Ka⸗ nonen?“ Politische Rundschau. Gießen, 22. Dezember. Zweierlei Wahrheit. * In den Volksschulen werden Tag für Tag bekanntlich ein bis zwei Stunden auf den Religionsunterricht verwendet. Gesangbuchverse von bekanntem geistvollen Inhalt, Katechismus und biblische Geschichte nehmen im Lehrplan einen so großen Raum ein, daß 14 jährige Knaben und Mädchen, wenn sie die Schule verlassen, zwar ziemlich bibelfest, aber meist nicht im Stande sind, einen ordentlichen Brief schreiben zu können; ganz abgesehen davon, daß ihre Kenntnisse auch in allen anderen Fächern recht mangelhaft sind. Die Hauptsache war eben, daß man sie zu echter Gläubigkeit erziehen wollte. Auf die Rechtgläubigkeit kommt es besonders an. Daß nur die mo⸗ saische Schöpfungssage den Kindern als bombensichere Wahrhaftigkeit gepredigt werde — daß nur kein Lichtstrahl neuerer Natur⸗ erkenntnis die jungen Köpfe zum Zweifel animiere! Etwas anderes ist es um die höheren Schulen. Nicht allein, daß sich dort der Religionsunterricht auf zwei Stunden in der Woche beschränkt, man hegt auch eine ge⸗ wisse Scheu vor der Denkthätigkeit, der Kritik der Schüler; mag der Lehrstoff an sich auch noch mit vielem zopfigen Bombaß beschwert sein. Wie wenig die absolute Bibelfestigkeit, die dem Volksschüler als höchstes Ziel des Strebens zugemutet wird, beim Gymnasiasten als Voraussetzung gilt, lehrt ein Blick in den neuesten„Mentor“, den an höheren Schulen Deutschlands viel verwendeten Notizkalender für Schüler. In dem Büchlein ist neben an⸗ deren Aufsätzen auch ein Artikel enthalten, der vom Alter der Erde Kunde giebt. Darin heißt es keck und frisch: „Die Frömmigkeit unserer Vorfahren setzte die Schöpfung der Erde auf einige tausend Jahre vor den Beginn unserer Zeitrechnung. Wenn das erste Menschenpaar am ersten Schöpfungstage geschaffen wurde, dann war es an der Hand der Geschlechtsregister, welche die Bibel sehr genau darlegt, ntcht schwer, sogar an— nähernd das Alter des großen Schöpfungsaktes zu be— stimmen. Natürlich giebt es dafür, selbst wenn man der Bibel unbedingte Beweiskraft beilegt, keinerlei bündige Beweise; denn auch die auf die Angaben der Bibel begründeten Rech— nungen sind nicht frei von Willkür. Immerhin wären nach diesen Angaben, wenn man sie gelten ließe, gewisse Wahrscheinlichkeitsgrenzen zu ziehen, innerhalb deren sich das große Ereignis der Erdschöpfung ab⸗ gespielt haben müßte, und die äußersten Grenzen er⸗ strecken sich höchstens auf 5000 bis 8000 Jahre von der Geburt Christi zurückgerechnet. Das war und blieb und ist zum Teil noch jetzt die Ueberzeugung vieler vom Alter der Erde. Daß dem Weltkörper, auf dem wir wohnen, aber ein viel, viel größeres Alter zuzuschreiben ist, dafür liegen tausend unanfecht⸗ bare Thatsachen vor, die bei Beurteilung der Frage nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, wenn man nicht auf den höchsten Vorzug des Menschen, das Denken, Verzicht leisten will.“ Dies kleine Pröbchen wird unsern Lesern recht interessant gewesen sein. Im Zeitalter Darwins gelte dem höheren Schüler die naturgeschichtliche Erkenntnis als Wahr⸗ heit. Dem Volksschüler aber möge die Sage, daß Gott der Herr vor 6000 Jahren die Welt in sechs Tagen erschaffen, als Wahrheit eingebläut werden. Wie es zweierlei Recht giebt, so giebt es auch zweierlei Wahr⸗ heit: die eine für die Reichen, die andere für die Armen. Für die Reichen das Wissen und der Genuß, für die Armen der Glaube und die Arbeit. Milde Richter. Aus Halle wird berichtet: Milde Richter fand der stud. jur. Graf Ranzau. Er hatte in der Nacht vom 15. zum 16. Juni mit dem Bahnarbeiter Koch eine Händelei begonnen und ihn dann, als K. ihn zugerufen:„Gehen Sie mir drei Schritte vom Leibe“, Feigling und Lump a geschimpft. Als auf den Lärm des Grafen der Polizeisergeant Sommerfeld hinzu⸗ kam und dieser Ranzau nach seinem Namen fragte, verweigerte letzterer die Legitimation und entgegnete dem Beamten:„Polyp“ Wo geht es denn hier nach dem Schlamm?“(Der Schlamm ist eine bekannte Straße, wo die Freudenmädchen wohnen.) Der Beamte mahnte den jungen Grafen wiederholt zur Ruhe und faßte ihn schließlich, um ihn nach der Wache zu nehmen. Darauf verlangte lärmend der Graf, daß die Nummer des Sergeanten fest⸗ gestellt werde, und schrie seinen Begleiter, den Freiherrn v. Erfa, mit den Worten an:„Was nur der dr.... e Kerl(der Beamte) von mir will?!“ Auf der Wache stülpte Ranzau seinen Hut über das Tintenfaß des Beamten. Der Graf, der betrunken gewesen war, wurde vom Schöffengericht wegen Widerstandes, Be⸗ leidigung des Sergeanten und des Arbeiters Koch, sowie wegen Lärmens zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt. Gelöste Fessel. Der„Reichsanzeiger“ hat folgendes„Gesetz“ betreffend das Vereinswesen, veröffentlicht: „Einziger Artikel. Inländische Vereine jeder Art dürfen mit einander in Verbindung treten. Ent⸗ gegenstehende landesgesetzliche Bestimmungen sind aufgehoben.“ Dieses Gesetz ermöglicht auch unserer Partei, namentlich in Preußen, eine straffere Organt⸗ sation. Wahrscheinlich wird sich auch der nächste Parteitag deshalb mit einer neuen Organi⸗ sationsform zu befassen haben. Junker⸗Moral. Die konservativen Junker und ihre anti⸗ semitischen Handlanger hetzen weiter gegen Fürst Hohenlohe. Die früher von dem Frei⸗ herrn von und zu Hammerstein geleitete„Kreuz⸗ Zeitung“ giebt den Ton an und das oberste Organ der Judenfresser richtet sich danach. Die „Staatsb.⸗Ztg.“ schrieb kürzlich: „Die Art, wie der Kanzler die Angelegenheit der Aufhebung des Verbindungsverbots zum Abschluß ge⸗ bracht hat, wie er im letzten Augenblick schließlich die Einlösung seines Versprechens gewissermaßen der Umsturzpartei als ein Geschenk auf dem Präsentter⸗ teller unmittelbar nach dem Verscharren der Um-⸗ sturzvorlage darbrachte, war ein großer politischer Fehler, der ein gedeihliches Wirken dieses Staatsmannes fernerhin ausschließt.“ „Daß sich die Junker und Antisemiten ge⸗ ärgert haben, weil aus der Zuchthausvorlage nichts wurde, ist bekannt; daß sie als echt „teutsche“ Männer es nicht für erforderlich glauben wir ihnen auch. Aber daß sie so dumm⸗dreist wären, ihre erbärmlichen An⸗ schauungen über Recht und Moral in ihren Zeitungen auszukramen, das hatten wir nicht erwartet. Wir haben die bereinigten Brot⸗ wucherer eben immer noch zu hoch eingeschätzt. Konflikt in Preußen. Nach zuverlässigen Meldungen ist die Ein⸗ bringung der erweiterten Kanalvorlage im preußischen Abgeordnetenhause nicht vor Ende Februar zu erwarten. Es werde mit Auf⸗ gebot aller Kräfte an der Ausarbeitung der Erweiterungen gearbeitet, jedoch selen die not⸗ wendigen Vorbereitungen so weitläufig, daß sie nicht vor Ende Februar beendet sein könnten. Wenn die Kanalrebellen nochmals die Vor⸗ lage ablehnen, dürfte es zu einer Auflösung kommen. Dabei würde die Regierung aller⸗ dings nichts gewinnen. Aber ste ist ja auf Niederlagen gut trainiert und würde auch die schlimmste Abfertigung bei der Neuwahl einstecken, ohne— das„elendeste aller Wahl⸗ systeme“, wie Bismarck das preußische Wahl⸗ verfahren genannt hat, abzuändern. Antisemitische Volkssreunde. Der Vorsitzende der deutsch-sozialen Reform⸗ partei, Abg. Liebermann von Sonnenberg, hat in der Reichstagssitzung vom 14. Dezember erklärt:„Seine Partei habe nicht gegen die Zuchthausvorlage gestimmt, sondern sür Kom⸗ missionsberatung, weil der Entwurf ihr nicht ganz genügte.“ Im übrigen sprach Herr von Sonnenberg für die Flottenvermehrung.— Das genügt! Dumm— aber stark. Wie ein neuer Reichskanzler nach dem Herzen der Konservativen sein muß, hat der Abg. v. Kröcher im Reichstag verraten. Es komme, sagte er, nicht auf die Intelligenz eines Bismarck an, sondern auf den Willen, zu kämpfen, und auf starke— Nerven. Dar⸗ nach, so meint der„Vorwärts“, müsse man als Reichskanzler suchen einen brutalen, stumpf⸗ sinnigen Kerl mit eisernen Nerven, der, ohne durch die zarten Bedenken der Moral, des Gesetzes und des Gewissens oder die Weisungen einer aufgeklärten Vernunft geschwächt zu wer⸗ den, in blinder Wut losgeht.“ Wir zweifeln nicht daran, daß es unter den Konservativen eine ganze Anzahl Leute giebt, auf die die Devise paßt: Dumm— aber stark; wenn stark vielleicht auch nur im Essen und Trinken. Vom Flottenrummel. Der Flottenspektakel soll volkstümlich gemacht werden, nachdem man durch Beseitigung des Schweinburg den großindustriellen Ursprung verwischt zu haben glaubt. Flottenverein und Flotten vereinigung sollen sich verschmelzen. Die wasserbegeisterten Nationalsozialen sollen vorgeschickt werden, um den Arbeiter⸗ 1 zu betreiben; denn auf die Arbeiter ist es besonders abgesehen, denen vorgerechnet werden wird, wie viel sie an den unproduktiven Ausgaben für Panzerschiffe verdienen, die sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Die Herren haben eine sehr geringe Meinung von der poli⸗ tischen Reife und Bildung der Arbeiterschaft; sie geht nicht auf den Leim. Lichtbilder empfiehlt der Flotten⸗ und Umsturzapostel Pastor a. D. Hülle:„Die deutsche Flotte“. In dem Reklamewaschzettel, den Hülle verschickt, liest man:„Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser haben von unserem Lichtbilderciklus mit Befriedigung Kenntnis zu nehmen geruht.“ l In den Vorstand des Flottenvereins sollen, so will die„Tägliche Rundschau“, Rickert oder Barth von der Freisinnigen Vereinigung und der Nationalsoziale Naumann kommen. Dahin gehören diese Flottenpatrioten auch. Schlechte Geschäfte machen die Marine⸗ Professoren. Zu dem Vortrage des Heidel⸗ berger Professors Schäfer, zu dem Professor Schmoller auch noch 100 Freibillets unter seine Hörer verteilt hatte, waren im ganzen 400 Zuhörer erschienen. 400 Zuhörer in Berlin mit seinen zwei Millionen Einwohnern! Nr. 52. 10 halten, ein gegebenes Versprechen eknzulösen, fate wil schel, 15 ll 0 ode 5 lh u fich 11 Lol 1 alen ad Ni i, ke aht e Ngenwe Eitua pulde, uc m gt, l. men g nacht el „Be Tft ha des R lber dit sussen Auflon ftage l ann n aͤddrüe del 1 süͤcht. 0 sch Ind we fallen d sch ert leht. fiten) Neuw öligen latheit nalche! u kein De. stige aber d! Jiu kelnen Herrn such! mm lust Mn der 500 0 der ah lte kit Hal Ni 2 = — gegen di für Kon, ihr nich Herr von! rung.— nach den hat der aten. Cz elligenz Willen, zu n. Dul⸗ üsse man „ tun der, ohne oral, des Weisungen t zu wer⸗ r zweifel serbatibel f die die! rk; wenn ) Trinken c gema gung dez Llesprung etein u len. Be sozialel beitet, beiter f there todukte b, df ie her del bol 3 itershu“ — — S S — . Ar. 52. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Ist denn kein Bremser da? Ob der von dem edlen Schweinburg unter⸗ stützten Hohenlohe ⸗Bülow⸗Thielmann⸗Posa⸗ dowskyschen Weltmachtspolitik wird's der katho⸗ lischen„Kölnisch. Volksztg.“ angst und bang. Sie klagt: „Wir sehen und hören neuerdings so viel, was geradezu abenteuerlich erscheint, daß ein Gefühl des Unheimlichen uns beschleicht. Auf dem Reichszuge, der fich zur Fahrt ins Weltpolitische anschickt, ist wohl der Lokomotivführer, es ist aber kein Bremser zu erkennen. Jetzt ist die Frage: wird der Reichstag, wird die Vertretung des deutschen Volkes im Stande sein, regulierend und wenn nötig, hemmend auf die Fahrt einzuwirken? Jedenfalls steht der Reichstag gegenwärtig inmitten einer hoch verantwortlichen Situation. Als der gegenwärtige Reichstag gewählt wurde, waren die Ziele, welche man jetzt allerdings noch mehr oder minder nebelhaft der deutschen Politik zeigt, noch nicht gesteckt. Der Reichstag sieht sich Fak⸗ toren gegenüber, welche auf die letzte Wahl noch gar nicht einwirken konnten. „Bei dieser Sachlage würden wir es für sehr ver— kehrt halten, wenn die Besorgnis vor einer Auflösung des Reichstages die Entscheidung der Volksvertretung über die zu erwartende Flottenvorlage irgendwie beein⸗ flussen könnte. Im Gegenteil: wir wünschen eine Auflösung des Reichstages im Hinblick auf die Flotten⸗ frage und alles, was drum und dran hängt. Nichts kann nützlicher sein, als wenn das deutsche Volk ausdrücklich vor die Frage gestellt wird, was es von der„Weltpolitik“ hält. Sehenden Auges und nüchternen Sinnes, nicht im Taumel, soll es sich Rechenschaft darüber geben, was es zu ermarten und welche Opfer es zu bringen hat. Vor allem aber sollen diejenigen, welche die neue Aera eröffnen wollen, sich erst selbst klarer darüber werden, wohin die Reise geht. Alles ruft seit Jahren nach einem klaren und festen Regterungsprogramm, aber es ist nicht erschienen. Neuwahlen wegen der Flottenvorlage würden dazu nötigen. Endlich müssen wir doch heraus aus der Un⸗ klarheit, dem Nebel, dem fortwährenden Hin und Her, welche unser öffentliches Leben zu keiner Beruhigung und zu keiner Befriedigung kommen lassen!“ Das ist alles sehr zutreffend und mit der nötigen Schärfe gesagt. Gerade dem Zentrum aber verdanten wir dee jetzigen Wirrnisse und Maßlosigkeit. Das Zentrum, unter der Führung Viebers, ist sehenden Auges und nüch⸗ ternen Sinnes 1898 mitgetaumelt. Und Herrn Liebers diesmalige Etatsrede taumelte auch bereits verdächtig. Das Wettrüsten zur See nimmt einen fröhlichen Fortgang. Aus Paris läuft folgende Nachricht ein: „Der Deputiertenkammer ging ein vom Marineminister eingebrachter Gesetzantrag zu, der verlangt, daß dem Marine minister 500 Millionen Franks für Marine zwecke zur Verfügung gestellt werden. In Jer Begründung wird ausgeführt, die Ge— fahr sei groß und erfordere energische An⸗ strengungen. Keiner der Stützpunkte Frank⸗ reichs sei genügend ausgerüstet, seinen Arse⸗ nalen fehle das notwendige Werkzeug und Rüstzeug, seine Flotte sei nicht mächtig genug.“ Wer hätte auch daran zweifeln können, daß es so kommen würde! Oder glaubt etwa die deutsche Reichsregierung, daß die benachbarten Regierungen blind und taub seien. Wenn man in Berlin ankündigt, man wolle im nächsten Jahrhundert Hammer sein, dann wollen natürlich die lieben Nachbarn nicht sich zum Amboß hergeben. Alle wollen Hammer sein. Frankreich folgt Deutschland nach im maritimen Wettrüsten. Bald werden wir gleiches auch von Rußland und England hören und dann hat man bei uns den schönsten Vorwand zur abermaligen Verdoppelung der verdoppelten Schlachtflotte! Ein Brief aus Kiau⸗Tschou. Eine wertvolle Ergänzung des in unserer vorigen Nummer veröffentlichten Artikels„Eine Warnung“ liefert ein dem„Vorwärts“ zur Verfügung gestellter Brief eines deutschen eee Soldaten, datiert aus Tfintau. Wir geben aus dem wieder: Schreiben das nachfolgende wortgetreu g„.. Der Gesundheitszustand ist zur Zeit sehr schlecht. Wenn es jemand in Deutschland hört, so glaubt er es nicht. In den Monaten September und Oktober sind mindestens 25 Mann gestorben; in einer Woche starben allein acht Mann. Und woran? Malaria, Darmtyphus und Ruhr. Es wird einem ganz eigen zu Muthe, wenn man jeden Morgen hört:„Diese Nacht ist wieder einer gestorben!“— Und dabei liest man in Enueren Zeitungen nur Gutes über Tsintau, oder wie wir er nennen„Stinktau“. Ueber die Sol⸗ daten und deren Quartiere u. s. w. wird mit Still⸗ schweigen hinweggegangen. Im Januar trifft ein Trans⸗ port Kranker in Deutschland ein, alles Rekruten, sämtlich tropendienstunfähig. Diese Menschen müßtest Du sehen, — nur Haut und Knochen. Ich habe in der Zeit, die ich hier bin, circa 20 Pfund abgenommen; wir haben aber Leute, die 30 Pfund und mehr abgenommen haben. Zur Zeit hat meine Kompagnie nur 36 Kranke und 15— 20 die keinen Dienst machen dürfen. In Deutsch— land hat eine Kompagnie höchstens 2—3 Kranke. Wir sind nur ein Bataillon und hatten im September über 180, sage und schreibe einhundertundachtzig Typhus⸗ und Ruhrkranke. Aber wir sind in Tsintau und das ist weit von Deutschland. Hoffentlich werden sie zu Hause auch bald klug und überlegen sich es erst noch einmal ehe sie sich freiwillig hierher melden. Ich rate keinem dazu!“ Vielleicht trägt diese Schilderung der chine⸗ sischen Verhältnisse dazu bei, unsere Kolonial⸗ und Flottenfexe zu veranlassen, ihren Patrio⸗ tismus dadurch zu bethätigen, daß sie unsere Soldaten in China ablösen. Wie wäre es mit dem deutschen Flottenverein unter dem Kom⸗ mando des Exsekretärs Schweinburg? Ausländisches. Frankreich. Paris. Das Staatsgericht verurteilte den„patriotischen“ Hanswurst Dérou— lede wegen seiner„staatsgefährlichen“ Aktionen unter Ausschluß mildernder Umstände mit 197 gegen 4 Stimmen zu zwei Jahren Ge— Ie ohne Anrechnung der Untersuchungs— haft.— Da der„Patriot“ während der Verhand— lungen fortgesetzt den Staatsgerichtshof be— schimpfte, wurde er abgeführt. Man nimmt an, daß Dérouleéde wahnsinnig geworden ist. Geworden? Wir haben den von den Anti⸗ semiten poussterten Einfaltspinsel stets für ver⸗ rückt gehalten. Paris.(Kammer.) Die Verhandlungen über die Marinereform beginnen Mitte Januar. In gut informierten Kreisen wird versichert, daß die Regierung den von der Kommission der Kammer angenommenen Antrag Lockroys (stehe oben die Notiz: Das Wettrüsten zur See) nicht nur annimmt, sondern eine Erhöhung des Kredits für die Marine auf sechshundert Millionen Franks befürworten dürfte.— Die Schraube ohne Ende. Das Volk muß hüben wie drüben blechen und die Großindu— striellen machen die Geschäfte und lachen sich ins Fäustchen. Hinaus aus der Arbeiterfamilie mit der gegnerischen Presse. Der Arbeiterfamilie die Arbeiterpresse! Das sollte die Losung aller wirklich zum Denken erwachten Arbeiter werden. Jeder sei Werber für die„Mitteld. Sonntags-Ztg.“, dem einzigen Arbeiterblatt in beiden Oberhessen. Sozialdemosratische Anträge für den hessischen Landtag. „oa. Am Mittwoch wurde der 31. Landtag eröffnet. Die Sozialdemokratie tritt um ein Mitglied verstärkt in die Arbeiten desselben ein. 6 Mandate unter 50 ist nicht viel. Dessen ungeachtet wird unsere Fraktion nichts unver⸗ sucht lassen, bestimmend auf die Beratungen und Beschlüsse eiazuwirken. Sie wird schärfste Kritik überall üben, wo es notwendig ist. Und es fehlt nicht an Stoff dazu. Viele und schwere Mißstände auf den verschiedensten Ge⸗ bieten des staatlichen Lebens sind zu rügen. Daneben werden unsere Genossen aber auch mit einer Reihe von positiven Anträgen an Regierung und Kammer herantreten. Die regierenden Herren und ihre parlamentarischen Gefolgleute sollen Gelegenheit haben, zu zeigen, wie sie sich zu den berechtigten Forderungen des Volkes stellen. Von den Anträgen, die die sozialdemokratische Fraktion des hessischen Landtags eingereicht hat, nennen wir die nachfolgenden. Des beschränkten Raumes wegen skizzieren wir nur Inhalt und Richtung der Anträge. Wahlrecht. Allgemeines, gleiches, direktes, geheimes mit Proportionalvertretung. Jeder rechtsmündige in Hessen wohnende Reichsangehörige ist wahlberechtigt. Neue Wahlkreiseinteilung. Auf 20 000 Einwohner ein Ab⸗ geordneter. Sonntagswahl. Amtliche Wahlkouverts. Die Geschäftsordnung des Landtags soll dahingehend geändert werden, daß sämtliche Vor⸗ lagen und Anträge zunächst einer Besprechung im Plenum zu unterziehen sind, bevor sie an die Aus⸗ schüsse überwiesen werden. Jetzt ist das umgekehrte Verfahren vorgeschrieben. Rechtsgarantie. 1. Beseitigung sämtlicher polizeilichen Bestimmungen und Verwaltungsverordnungen, welche geeignet sind, die verfassungsmäßige volle Vereins- und Ver- sammlungsfreiheit zu beeinträchtigen. 2. Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden. Beseitigung des Bestättgungsrechts der Regierung bei Bürgermeister⸗ und Beigeordnetenwahlen. 3. Regelung der öffentlich-rechtlichen Dienstverhält⸗ nisse der Staatsangestellten, damtt es der Regierung unmöglich gemacht wird, ihr unliebsame Beamte mir nichts, dir nichts— à la Schiller— kaltzustellen. 4. Neuherausgabe sämtlicher Verfassungs- und Ver⸗ waltungsgesetze in übersichtlicher, jedermann leicht verständlicher Form. Jetzt besteht nämlich ein geradezu haarsträubender Zustand. Es ist ein Kunststück, sich zuverlassig zu orientieren. Sozialpolitisches. 1. Errichtung von Arbeiterkammern, die in direkte Fühlung mit einer im Ministerium zu errichten⸗ den Zentralstelle für Arbeiterangelegenheiten zu bringen sind. 2. Bessergestaltung der Verhältnisse für die Arbeiter in den Staatsbetrteben; Achtstundentag. Anständiger Mindestlohn. Feste Alters- und Pensions⸗ zulagen. Politische und wirthschaftliche Bewegungs- freiheit. 3. Erhebungen über die Lage der Büreaubeamten in den staatlichen Betrieben. Gesundheitspflege. 1. Einteilung der Kreise in kleinere Sanitäts⸗ bezirke und Anstellung staatlich voll besolde⸗ ter Bezirksärzte. Rechtmäßige Untersuchung des Gesundheitszustandes der Schulkinder und der sanita⸗ rischen Verhaltrnisse der Schulhäuser und Fabriken und aller sonstigen zu gewerblichen Zwecken benutzten Räume. 2. Verstaatlichung der Apotheken. Keine neuen Konzessionen an Privaten. Viehpflege und Viehversicherung. Staatlich zu besoldende Tierärzte. Aufhebung aller aus veterinär⸗polizeilichen Anforderungen entstehen⸗ den Gebühren und Spesen. Obligatorische sta at⸗ liche Vieh⸗ und Schlachtversicherung. Sonstige Anträge. 1. Einführung einer obligatorischen staatlichen Mo⸗ bilitarverstcherung. 2. Uebernahme aller Armen lasten auf den Staat unter Beseitigung aller an öffentliche Unterstützung ge⸗ knüpften Beschränkungen der staats bürgerlichen Rechte. 3. Entschädigung unschuldig Verhafteter sowohl bei Untersuchungs⸗ wie bei Strafhaft, 4. Schulwesen. Uebernahme lasten auf den Staat. Einführung der obligato⸗ rischen Volksschule. Freier Unterricht. Freie Lehr⸗ mittel. Ausbildung und Unterhaltung aller zum Besuch der höheren Bildungsanstalten befähigten Kinder unbemittelter Eltern bis zum Abschluß ihrer Studien aus öffentlichen Mitteln. 5. Eisenbahn. Die Regierung soll in Berlin auf Verbilligung der Tarife und besonders auch auf Verbilligung der Arbeiterfahrkarten, sowie auf Einführung der Zonen-Tarife dringen. 6. Aufhebung sämtlicher Rhein- und Main-Brücken ⸗ gelder. Wir verkennen nicht, daß die Durchfüh rung einiger unserer Anträge dem Staate erhebliche Mehrausgaben verursachen würde. Aver wir sind nach wie vor der Metnuag, daß diese so— wohl wie noch weitere Ausgaben sich sehr wohl auf dem Wege einer Ausgestaltung unseres direkten Steuerwesens ermöglichen lassen. Die im verflossenen Landtag zu Wege gebrachte Steuerreform können wir nur als halbe Arbeit betrachten. Indem wir das ihr zu aller Schul⸗ Grunde liegende System als richtig aner⸗ eee eee 15 2 W —— 1 PP r Seite. A. Mitteldeutsche Sonutags- Zeitung. Nr. 32. kennen, beantragen wir zwecks konsequente Durchführung desselben: f Erhöhung resp. Einführung der Progression der Einkommens⸗, Ver⸗ mögens⸗ und Erbschaftssteuer und demgemäß Aufhebung der Stempel⸗ abgaben und Gebühren. So, das wäre vorläufig unser Wunschzettel. Er ist bescheiden! Denn das meiste von dem was wir fordern, hätte längst erfüllt sein müssen, und ein großer Teil unserer Anträge ist mit etwas gutem Willen und Gerechtigkeits— sinn seitens der herrschenden Kreise leicht durchzuführen. Die verfassungsmäßig verheißene Gleichberechtigung aller Staatsbürger muß endlich zu Wahrheit werden, und in sozial⸗ politischer Beziehung ist Vieles nachzuholen, was seither zum Schaden der handarbeitenden Volksmasse versäumt wurde. Dessen sollten sich die gegnerischen Parteien und die Herren von der Regierung wohl bewußt sein. Je eher sie unsere Anträge acceptieren, um so besser für ste selbst. Jedenfalls wird keine unserer Forderungen wieder von der Tagesordnung der Kammer verschwinden, bevor sie erfüllt ist. In der Mittwochsitzung wurde der national— liberale 2 Haas, zum ersten Prästidenten wiedergewählt. Zweiter Präsident wurde, für den ausgeschiedenen Abg. Metz(Gießen) der Zentrumsabg. Dr. Schmitt⸗Mainz. Am Donnerstag wurden die Ausschüsse gewählt. Dann erläuterte der Finanzminister Küchler die Finanzlage. Darauf vertagte sich die Kammer bis nach Neujahr. Pon Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Flottenagitation in Hessen. * In Gießen hielt kürzlich der nat.⸗soziale Herr v. Gerlach einen Monolog über die Wasser⸗ politik.— In Geilshausen machte Lehrer Lentz, in Grünberg Eisenbahn-Sekretär Blum⸗Gießen und in Lauterbach Pfarrer Licht aus Augersbach für die Vermehrung der Kriegsschiffe Propaganda. Die Berichte im Gießener Amtsblatt, die uns Kunde von diesen denkwürdigen Versammlungen geben, sind vom 15. Dezember datiert. Wir bedauern sehr, den Vortrag des Pfarrers Licht versäumt zu haben. Hätten wir seinem Vortrage mit beiwohnen können, so hätten wir auch unter keinen Umständen den von ihm in Angersbach abzuhaltenden Weihnachtsgottesdienst versäumt. Es wäre gewiß recht lehrreich gewesen, einen Verkündiger des Christentums am 15. Dezember über„die Notwendigkeit der Vermehrung der Kriegs flotte“ sprechen und am 25. Dezember über die Bibelworte„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl— gefallen“ predigen zu hören. Küchlers Verteidiger. Eine von dem prozessierten und pensto⸗ nierten Landgerichtsdirektor Küchler verfaßte Rechtfertigungsschrift hat das Organ der hessi⸗ schen Antisemiten veranlaßt, den abgesägten Herrn als bewährten Volksfreund zu feiern, der sie, die Antisemiten, an den Helden des Ibsenschen Schauspiels„Ein Volksfeind“ er⸗ innerte. Weil Küchler behauptet, er habe mit seinen merkwürdigen Geldgeschäften„prak⸗ tische Mittelstandspolitik“ getrieben und den Mittelstand retten wollen und sei deshalb ver⸗ lästert und verurteilt worden, versichern die Antisemiten trotz der Ergebnisse der öffentlichen Gerichtsverhandlung, Küchler ist„ein Mann von echtem Schrot und Korn“. Das sieht den Antisemiten ähnlich. Warum keine Cholerapolitik?, l einer„schwungvollen“ Abonnements⸗ Einladung schreibt der nationalsoziale Redakteur Erdmannsdörffer in Marburg, dessen jetzige Spezialität die Weltpolitik ist: „... es wird sich um die Frage drehen, ob in Deutschland Weltpolitik oder— Nachtwächterpolitik getrieben werden soll.“ Als dritte Eventualität hätte Herr Erd⸗ mannsdörfer, der Verfasser des berühmten Buches:„Die Juden und die Cholera“, doch mindestens noch die Cholerapolitik an⸗ führen können. Vielleicht könnte Er unter einem Cholerakurs starker Minister werden. Neue Rentenquetscherei. * Folgende Notiz durchläuft die Presse: Zur Frage der Abänderung des Unfall⸗ versicherungsgesetzes für Land⸗ und Forstwirtschaft hat der Ständige Ausschuß des deutschen Landwirtschaftsrats in seiner Sitzung vom 6. und 7. Juni d. J. folgenden wichtigen Beschluß gefaßt: Es soll vorgeschlagen werden, die bisher in großem Maße zur Be⸗ willigung gekommenen Renten in so niederem Betrage, daß sie für den Lebensunterhalt der Verletzten nicht in Frage kommen können und in der Regel entbehrlich(11) sind; in Zukunft nicht mehr zu gewähren und hierfür 20 pCt. oder doch mindestens 15 pCt. der Vollrente als Grenze festzulegen, da Renten unter diesem Betrage, insbesondere die jetzt noch häufig bewilligten Renten von 10 pCt., nur für körperliche Defekte gewährt werden, welche erfahrungsgemäß den Verletzten an der Verrichtung von landwirtschaftlichen Arbeiten in irgend erheblichem Maße nicht behindern und bei so geringfügigem körperlichen Schaden meist ein thatsächlicher Entgang an Verdienst gar nicht vorliegt, die gezahlten geringfügigen Entschädigungen demnach nur wie„Trink⸗ gelder“ wirken. Dazu macht ein Wetzlarer Blatt folgende pfiffige Bemerkungen: „Eine derartige Abänderung wird man vom Standpunkte der Praxis nur mit Freuden begrüßen können. Auch in hiesiger Gegend lehren die Erfahrungen, welche unsere Verwaltungsbehörden machen, daß die kleinen Entschädigungen oft nur wie „Trinkgelder“ aussehen und gewisser maßen als„Prämien“ wirken für die Unacht⸗ samkeit und Fahrlässigkeit bei der Arbeit.“ Das mögen sich die Arbeiter hübsch merken, die sich selbstverständlich nur durch eigene Unachtsamkeit Unfälle zuziehen; beileibe nicht etwa verunglücken, weil die von den Unter⸗ nehmern getroffenen Vorsichtsmaßregeln oft allen Vorschriften Hohn sprechen. Auch daß das „Trinkgeld“ fallen soll, stimmt das Wetzlarer Blatt„freudig“. Wir stimmen dem zu, aber aus dem entgegengesetzten Grund wie die Gelehrten des Wetzlarer Organs. Wir stimmen der Beseitigung der Hungerprämien zu, weil wir der Ueberzeugung sind, daß es endlich an der Zeit ist, den unglücklichen Arbeiter, der seine gesunden Knochen im Dienste der Unter⸗ nehmer zu Markte trug, auch menschenwürdig zu entschädigen. Die bisher häufig gezahlten „Trinkgelder“-Renten beweisen nicht, daß Un⸗ fälle entschädigt werden, die dem Arbeiter nicht dauernd den Verdienst schmälerten, son⸗ dern sie sind ein Beispiel für die unglaubliche Rentenquetscherei und der dabei von den Be⸗ rufsgenossenschaften entwickelten Energie und Konsequenz. Also fort mit den Trinkgelder⸗ Prämien, aber her mit ordentlicher Ent⸗ schädigung der Verunglückten! Kleine Mitteilungen. * Verein der Fabrik- und Hilfs⸗ arbeiter in Gießen. In der letzten Ver⸗ sammlung wurde beschlossen, Sonntag, den 7. Januar, eine Weihnachtsfeier mit Konzert und Vorträgen zu arrangieren. Die Angelegen⸗ heit betr. eine Geldsendung für die Lederarbeiter in Wilster klärte sich zu allgemeiner Zufrieden⸗ heit auf und stellte es sich heraus, daß den Vorsitzenden L. keinerlei Verschulden an der Verzögerung trifft. Der Vorsitzende sprach den Wunsch aus, daß die Versammlungen stets recht gut besucht werden möchten. * Ausländische Landarbeiter. Im „Landwirtschaftlichen Verein für die Provinz worden ist. Oberhessen“ wurde kürzlich gelegentlich der Generalversammlung die Mitteilung gemacht, daß mit Rücksicht auf den Arbeiternmangel aus⸗ wärtige Arbeiter angeworben werden sollen. „Auswärtige“ Arbeiter soll natürlich heißen ausländische. Wir empfehlen den Herren „Landwirten“ in genanntem Verein, einmal bei dem Kommerzienrat Gail Erkundigungen ein⸗ zuziehen über seine Erfahrungen mit den Saliziern. Vielleicht ziehen es dann die Graf Solms-Laubach, Oekonomierat Schlenke und ähnliche„Landwirte“, die im„Landw. V. f. Oberh.“ das Wort führen, vor, die Löhne zu erhöhen und einheimische Arbeiter bei angemessener Arbeitszeit zu beschäftigen. * Launsbach. Vor dem Wetzlarer Schwurgericht wurde dieser Tage gegen den Metzgergesellen Heinrich Speier von Wißmar verhandelt. Speier ist beschuldigt, bei Gelegen⸗ heit des letzten Wißmarer Kirchweihfestes den Arbeiter und Aushülfskellner Ludwig Winter von da durch einen Messerstich in den Rücken derart verletzt zu haben, daß dadurch der Tod des Gestochenen herbeigeführt wurde. Das Schwurgericht ahndete die frevelhafte That, die bekanntlich ohne allen Grund begangen worden ist, mit 5 Jahren Zuchthaus und mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Dauer. ** Schlechter Gansbraten. Eine Händlerin hatte in Frankfurt einer Frau eine ungenießbare Gans verkauft. Schon beim Kauf erschien der Hausfrau die Gans nicht recht geheuer. Die Händlerin beteuerte, daß die Gans erst am Tage vorher geschlachtet sei. Beim Ausnehmen sah man aber, daß der Vogel innen vollständig angefault war. Der Sach⸗ verständige, Prof. Dr. Leonhard, erklärt, daß Zeichen der Zersetzung vorhanden gewesen seien. Wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel⸗ gesetz wurde die Händlerin zu 20 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt.— Es sei daran erinnert, daß auch der Verkauf schlechter Eier schon bestraft Die Gerichte haben angenommen, daß ein Eierverkäufer in der Lage sein müsse, festzustellen, ob die Eier noch genießbar sind oder nicht. * Mainz. Die von den hiesigen Gewerk⸗ schaften gegründete„Spar⸗, Konsum⸗ und Pro⸗ duktionsgenossenschaft“ hat ihr Hauptgeschäft eröffnet. Die Innungsmeister sind ganz rabiat; in Versammlungen und Zirkularen haben sie den Geschäftsleuten den Untergang prophezeit, wenn sie das neue Unternehmen unterstützten. Die Bäckerinnung beschloß sogar, den Brot⸗ preis sofort um fünf Pfg. herabzusetzen, wenn auch nur ein Bäckermeister der Genossen⸗ schaft liefere. Das sind ja für die Bevölkerung recht angenehme Aussichten! * Juristenverein. In Frankfurt a. M. haben am Samstag, den 10. Dez., die hessischen Richter und Beamten der Staatsanwalt⸗ schaften einen Landesverein begründet. Der Verein soll neben anderem auch der Förderung der Standes⸗Interessen dienen, das heißt für bessere Anstellungs⸗ und Besoldungsverhält⸗ nisse eintreten u. s. w. ** Erdbeben am Mittelrhein. Am Dienstag wurde in Mainz und Umgegend ein kleiner Erdstoß verspürt. Irgend welche Un⸗ glücksfälle sind nicht vorgekommen. * Ein fruchtbares Land. Ueber die Bewegung der Bevölkerung im deutschen Reich teilt der„Reichsanzeiger“ die Hauptzahlen für das Jahr 1898 mit. Danach erreichte der Ueberschuß der Geburten über die Sterbe⸗ fälle die Höhe von 846 000 Personen; er übertraf den des Jahres 1897 um 62 000. Die Gesamtzahl aller Geburten in Frankreich war noch nicht so groß, wie bei uns der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle. Arbeiterbewegung. * Friede auf Erden! Einen teuflischen Plan der Unternehmer im Baugewerbe hat der „Vorwärts“ enthüllt. Unter Führung einer Anzahl Berliner Großunternehmer sollen im kommenden Jahr überall die Maurer, Stein⸗ träger, Zimmerleute, Weißbinder usw. 8 I l i Gier . Le Siehe gel scuenz usbo en n l i Bei . L Auch fahr Fluter let! ber u Geeler 00 fler uch Aba halle, 00 5 90 ce Anm 1st en N 1 0 fal He dle d 2 liche I J. 1 0 1— —— N 5 gegangen und mit ce auf Eine au eine im Kauf ht rect daß de tet sei. er Vogel r Sach⸗ irt, daß sen seien, gömittel⸗ k. Geld⸗ iert, daß bestrat nommen, u müst, Har find Gewerk ind Pro⸗ tgeschäst z labict; aben sie obhegel, stützten, Brot⸗ U 0 6 be„ genosen öölkerung itt a. M. hesssche Fanwalk ben eißt f l in. Au gend l dc l Leber 0 i en Nail chen, fl. . Ster . Nr. 52. unternehmer — . Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 3. mehrere Wochen ausgesperrt werden. Die Organisationen der Arbeiter sollen dadurch erstört werden. Die Herren rechnen so: wenn wir zwei bis drei Wochen alle Bauhandwerker brotlos machen, werden alle Gelder der Organi- sationen für Unterstützungen verausgabt, die Organisationen selbst gehen dabei zu grunde und wir— die Unternehmer!— können dann auf Jahre hinaus den Arbeitern die Arbeits⸗ bedingungen diktieren. Dann wird die Arbeits⸗ zeit verlängert und die Löhne werden verkürzt! Mein Liebchen, was willst du noch mehr! Natürlich wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Das werden auch die Bau⸗ erleben. Die Arbeiter werden chon auf der Hut sein. Während der Weih⸗ nachtsfeiertage müssen Tausende Bauhandwerker neu für die Organtsation gewonnen werden. Das sei die Antwort der Arbeiter! Tabakarbeiter! Am 1. Weihnachtsfeiertag, nachmittags 2 Uhr, soll im Lokale des Gastwirts C. Orbig in Gießen, Rittergasse 17, eine Konferenz der Tabakarbeiter und Tabakarbeiterinnen aus Gießen und Umgegend stattfinden. Es ist dringend notwendig, daß wir jetzt die Kon⸗ sequenzen aus unserem Protest gegen die Zucht- hausvorlage ziehen. Wir haben uns gewehrt gegen die Verkümmerung des Koalitionsrechts, nun laßt uns aber auch Gebrauch von diesem wichtigen Rechte machen. Bei der Militärvorlage im Jahre 1893 war die Tabakindustrie auf das ärgste gefährdet durch neue Besteuerung. Damals wurde die Gefahr abgewehrt. Jetzt soll eine enorme Flottenvergrößerung vorgenommen werden, das kostet Riesensummen. Und schon wieder wird hier und da der Tabak als das geeignetste Steuerobjekt bezeichnet. 0 Kollegen und Kolleginnen! Höhere Tabak⸗ steuer bedeutet Verminderung des Tabakver⸗ brauchs, und demzufolge Einschränkung der Tabakfabrikation— Entlassung vieler Ar⸗ beiter, Herabsetzung der Löhne. N Laßt uns alle rechtzeitig rüsten! Noch ist es Zeit. Schickt aus allen Orten bestimmt einige Kollegen zur Konferenz, auf daß wir planmäßig zu Werke gehen können. Und dort, wo schon organisierte Kollegen sind, sollte an den Weihnachtstagen fleißig Agitation von Haus zu Haus betrieben werden. Die Kollegen und Kolleginnen, die noch nicht organisiert sind, müssen einzeln aufgesucht werden, um sie für die Organisation zu gewinnen. Zahl ahl⸗ Die Hauptsache aber ist zunächst: reiche Beschickung der Tabakarbeiter-⸗Konferenz am 1. Weihnachtsfeiertag, Montag, 25. Dezbr. bei Orbig! Der Einberufer. Volksvorstellungen in Gießen. Die erste öffentliche Anregung, das Gießener Theater aus städtischen Mitteln zu subventionieren, wurde vor Jahr und Tag von der„M. S.⸗Ztg.“ gegeben. Ueberzeugt von der Tüchtigkeit der beiden Direktoren und dem künstlerischen Streben der Herren Kruse und Helm schlugen wir vor, die Stadt möge jährlich 2—3000 Mk. Zuschuß leisten, vielleicht sei es dann möglich, die rührige Direktion unserer Stadt dauernd zu erhalten. Ferner war es die„M. S.⸗Ztg.“, die erstmalig öffentlich die Veranstaltung von billigen Volksvorstel- lungen forderte. Je derzeit waren wir be⸗ strebt, das Theater zu fördern, weil wir dasselbe als ein Erholungs⸗ und Bil⸗ dungsinstitut betrachten, und nicht, wie das vielfach geschieht, lediglich als Vergnügungs⸗ etablissement, in das man nur deshalb geht, weil eben kein Tingeltangel am Platze ist. Unsere stets zum Ausdruck gebrachte An⸗ erkennung der guten Leistungen der Direktion sichert uns wohl vor dem Vorwurf unange⸗ brachter Nörgelei, wenn wir uns nun auch einmal tadelnd über mancherlei aussprechen müssen.— Schon im vorigen Jahre führten wir Be⸗ schwerde, daß in den Volksvorstellungen Stücke von absoluter Wertlosigkeit aufgeführt wurden. Im Anschluß an unsere Beschwerde schlugen wir vor, die Subvention zu erhöhen unter der Bedingung, daß dann der Stadtverwaltung das Recht eingeräumt würde, bei der Auswahl der in den Volksvorstellungen aufzuführenden Stücke ein Wort mitzureden. Herr Oberbürgermeister Gnauth belehrte uns daraufhin in der freund⸗ lichsten Weise, daß die Subvention bereits(in nichtöffentlicher Sitzung) auf 3000 Mk. erhöht sei und„diesseits“ bereits mitgeredet werde. Herr Gnauth nannte auch die Stücke, die „diesseits“— wohl von einzelnen Herren der Stadtverwaltung— ausgesucht worden waren. Gegen die getrossene Auswahl ließ sich nichts einwenden. Wörtlich schrieb uns Herr Gnauth damals:„Die Aufführung weiterer Stücke ge⸗ ringeren Wertes kennzeichnet sich somit mehr nur als eine von der Direktion beliebte Zu⸗ gabe weiterer Aufführungen zu ermäßigten Preisen, für welche die Direktion eben auch die Bezeichnung„Volksvorstellungen“ gewählt hat.“ Im Laufe dieses Jahres wurde die Sub⸗ vention abermals und zwar auf 3600 Mk. erhöht und die Theaterdirektion wieder zu einer Anzahl Volksvorstellungen verpflichtet. Auf Grund eingeholter Information berich—⸗ teten wir damals, ohne daß uns von irgend einer Seite widersprochen worden wäre, daß bei den Volksvorstellungen in erster Linie laut Vereinbarung der Kartenbedarf der Kranken⸗ kassen, Arbeitervereine u. s. w. gedeckt werden solle, also, wie wir annahmen:„durch Vor⸗ verkauf nummerierter Plätze.“ Wir führen nun Beschwerde, daß 1. die in den Volksvorstellungen aufgeführten Stücke zum größten Teil nicht dem Bildungsbedürfnis derjenigen Leute ent⸗ sprechen, für die diese Vorstellungen be⸗ sti mmt find; und daß 2. genau wie früher die Arbeiter von dem Besuch der Volksvorstellungen so gut wie ausgeschlossen sind, weil sie bei ihrer Ankunft im Theater bereits alle Plätze besetzt finden von Leuten, für die diese Vorstellungen nicht bestimmt sind. Zu dem ersten Punkte folgender Beweis: Stattgefunden haben in der laufenden Saison neun Volksvorstellungen. Gegeben wurde: „Don Carlos“, dram. Ged.(Schiller). „Madame Sans Gene“, Lustspiel. „Hopfenraths Erben“, 50 „Krieg im Frieden“, 5 .„Doktor Klaus“, 5 „Der Hüttenbesitzer“, Schauspiel(Ohnet). „Der Compagnon“, Lustspiel. „Nora“, Schauspiel(Ibsen). „Kyritz⸗Pyritz“, Posse m. Ges. Unter 9 Volksvorstellungen also 3 Schau— spiele; ein mal kam Schiller, einmal Ibsen, der große Norweger, und dann noch einmal der Franzose Ohnet im„Hüttenbesitzer“ zum Wort. Im übrigen Lustspielse und eine Posse, von teils zweifelhaftem, teils gar keinem Wert. Man glaube nicht, daß wir grundsätzlich gegen Lustspiele in den Volksvorstellungen etwas einzuwenden haben. Durchaus nicht. Sar⸗ dou's„Madame Sans Gene“ lassen wir uns ebenso gerne gefallen, wie einen„Doktor Klaus“ L'Arronges. Aber wenn man als dritten dann z. B. unseren Landsmann Lessing, der sich mit seiner„Minna“ doch nicht gerade vor den Moser, Schönthan, Kadelburg und ähnlichen „Dichtern“ zu schämen braucht, einen Abend reserviert hätte, so würde das„Volk“ auf „Hopfenraths Erben“,„Kyritz⸗Pyritz“ u. s. w. gern verzichtet und sich dafür an etwas wirk⸗ lich Gutem ergötzt haben. Erfreulicherweise gab es ja in Deutschland wirkliche Dichter und zum Glück giebt es auch noch solche. Es scheint uns fast, als hätte der in der Stadtverordnetenversammlung geäußerte Wunsch eines Stadtvaters, das„Volk“ mit Suder⸗ mann, Hauptmann und Ibsen zu verschonen, an irgendwelcher einflußreichen Stelle ein williges Ohr gefunden. Wir möchten den Vorschlag machen, daß in Zukaͤnft alle von den Stadt⸗ * SD D verordneten und der Theaterdirektion gemeinsam ausgesuchten Stücke für die Volksvorstellungen bekannt gegeben werden, damit man weiß, welche„Volksvorstellungen“ echt und welche „Zugaben“ der Direktion sind. Ein Repertoir, wie das oben angeführte, entspricht den Anforderungen, wie man sie be⸗ rechtigterweise an Volksvorstellungen stellen kann, durchaus nicht.—— Nun zu dem zweiten Punkt. Genau wie in der früher schon oft gerügten Weise findet der Kartenverkauf zu den Volksvorstellungen statt. Nummerierte Karten werden nicht aus⸗ gegeben, was unbedingt erforderlich wäre, weil nur diese den Arbeitern, die erst kurz vor Be⸗ ginn der Vorstellung im Theater erscheinen können, einen Platz sichern. Jetzt machen sich in den Volksvorstellungen Leute breit, die sehhr wohl im Stande wären, an anderen Abenden das Theater zu besuchen, weil sie nicht nur die nötige Zeit, sondern auch die Geldmittel dazu haben. Ja, es ist fast un⸗ glaublich, daß es sogar sehr reiche Leute nicht verschmähen, halbe Stunden lang auf der Straße zu warten, bis das Theater geöffnet wird, um dann hineinstürmen und die besten Plätze besetzen zu können. Die später kommen⸗ den Arbeiter drücken sich dann in den Ecken herum oder gehen wieder heim. Da unseres Wissens die jetzige hohe Sub⸗ vention in erster Linie gezahlt wird, um den minder bemittelten Klassen eine Anzahl billiger Vorstellungen zu sichern, so sollte die Stadt energisch auf Abänderung des jetzigen Modus dringen. Ein gutes Repertoir und die Garantie, daß die minder bemittelte Einwohnerschaft auf die Volksvorstellungen den ersten Anspruch hat, das ist es, was wir verlangen und mit Recht verlangen können. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, 24. Dezember: Schlitz. Arb.⸗Ver. Nachmittags pünktlich 4 Uhr bei Heinrich Trier. Alle erscheinen! Briefkasten der Redaktion. W. Die Hilfe lesen wir seit dem 1. Oktober nicht mehr. Der Bürstenfabrikant W. Klink in Gießen flegelt uns in einem Berliner Anarchistenblatt an, weil wir Erkundigungen über ihn eingezogen und von der eingelaufenen Auskunft verschiedenen Genossen Mitteilung gemacht haben. Warum das geschah, wollen wir dem anarchistischen Bürstenfabrikanten gern sagen: Weil sein erstmaliges Auftreten in unserer Gießener Partei⸗Wirtschaft bei den dort anwesenden Genossen, die zum Teil noch die schlimme Zeit des Sozialistengesetzes mitgemacht haben, einen Eindruck machte, der uns die Einziehung von Erkundigungen dringend notwendig erscheinen ließ. Briefkasten der Expediion. Quittungen. Pths. Lllr. 4.20. P. Gr. L. 2.80. Sch. All. 1.60. Th. R. 5.—. Gge. Hdbgn. 8.20. V. Hchh. 25.60. D. Egst. 5.20. Frlch. Gbg. 3.—. Z. Noͤh. 8.20. L. Tr. 2.20. Kch. Kfd. 9.40. Wtr. Lbch. 7.40. Grgr. Mbg. 36.—. H. Lbg. 8.—. Mchl. G. 58.50. W. Ww. Lbch. 2.—. L. Weck. 25.40. F. Dbgr. 10.—. Stbg. Sch, 35.40. Sgfr. Abck 20.40. Grgr. Schw. 1.60. Kft. Wmr⸗ 6.60. Wom. Sch. 3.—. Hzl. Ob.—.70. Kl. Rögn. 7.20. M. Obsch. 5.—. Pfl. Fobg. 20.25. E. Dorhm. 5.80. Gst. B. 5.80. Sg. Hst. 2.—. Strck. G. Z. 3.80. H. Hbch. 2.40. Lcht. Gbg. 6.20. Fth. Wtzlr. 30.—. Gießener Stadttheater. Mittwoch, 27. Dez.: Der Hypochonder. Freitag, den 29. Dez.: 2 AZ A. Samstag, 30. Dez.: Zehnte Volksvorstellung. Hu bule und Liebe. eee eee eee — N eee ee eee, eee Ar. 5 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 52. terha Unser Weihnachten! Nun ist sie wiederum gekommen Die sagenreiche Weihnachtszeit, Das Fest der Liebe und Erlösung, Der Hoffnung und der Kinderfreud'. Und wir, die wir im Kampf um's Leben Uns müh'n das gaftize lange Jahr, Wir fragen, ob das„Fest der Liebe“ Uns je ein Fest der Liebe war Ob's wahr, daß es ein Tag für Alle, Der Noffnung auf Erlösung bringt, Und der die schmerzerfüllten Herzen Mit neuer Lebenskraft durchdringt Ob's wahr, daß es den Frieden spendet, Daß es den Harm der Armut heilt, Und daß sein Geist der reinen Freude In Hütten und Palästen weilt p Daß unter ihm der Naß verstummet Und daß der CThränenstrom versiegt, Daß Alles, was da Mensch sich nennet, Sich nur im reinsten Glücke wiegt p „Nein!“ tönt's uns überall entgegen, Wohin sich wenden Aug' und Ohr, „Nein!“ schallt aus allen Völkern wieder Die Antwort rings umher im Chor. Noch kam kein Heiland, der die Völker Befreien konnt' aus Qual und Vot, Noch war vergeblich ihr Bestreben Nach Menschlichkeit, nach Recht und Brot. Noch wandeln Millionen Menschen In Mnechtschaft und in Vot einher, Noch pflückt der Naß die besten Früchte, Noch ist die Welt ganz liebeleer. Die Arbeit ist der Habsucht Beute Und Knechtung ist ihr einz'ger Lohn, Und der die Nächstenliebe predigt, Der wird verfolgt mit Spott und Hohn. D'rum können wir nicht freudig werden, Wenn man so laut die Ciebe preist, Die Liebe, die man straft und ächtet, Die man von jeder Schwelle weist. Der Heiland wird nur dann erscheinen, Wenn überall, in Stadt und Land, Die Armen sich zu gleichem Streben Einst reichen ihre Bruderhand. Wenn sich die Völker rings auf Erden Von Knechtschaft und von Vot befrei'n, Dann wird das Weihnachtsfest uns Allen Sin Fest des Wohlgefallens sein! Robert Preußler. Die Verzeihung. Eine Weihnachtsgeschichte nach dem Französischen des Frangçois Coppce. Im ganzen Hause— einer großen Arbeiter⸗ kaserne der Straße Delambre, wo Toni Robec seit zwei Vierteljahren ein Zimmer bewohnte — hielt ihn Jedermann für einen Witwer. Und noch für einen ganz jungen, da sein kleiner Knabe, mit dem er allein lebte— dieser wie durch die Sorgfalt einer Mutter immer so wohlgepflegte Kleine—, kaum sechs Jahre alt war. Gleichwohl hatten weder Vater noch Sohn einen Trauerflor auf dem Hute noch am Aermel. Alle Tage frühmorgens brach Toni Robec, welcher als Schriftsetzer in einer Druckerei des Lateinischen Viertels arbeitete, mit seinem kleinen Andrien auf und trug den noch ganz Schlaf— trunkenen auf seiner Schulter in eine benach⸗ barte Schule. Nach gethaner Arbeit holte er ihn von dort wieder ab, trat, den Kleinen bei der Hand führend, beim Fleischhauer und der Gemüsehändlerin ein, trug in der Tasche des Kindes, wie es eine Hausfrau gemacht hätte, was er zum Mittagessen brauchte, nach Hause und schloß sich bis zum kommenden Morgen ein. Die mitleidigen Gevatterinnen beklagten den armen Vater— den höchstens vierzig Jahre alten noch hübschen Mann mit seiner traurigen Miene, dem blassen Gesicht, seinem schwarzen, silbergestreiften Bart und den verschleierten Augen eines schlafenden Löwen—, und sie sagten hinter seinem Rücken:„Dieser Mensch sollte wieder heiraten... Ein guter Kerl, niemals betrunken... Sicherlich würde er ein braves Mädchen finden, das sich um ihn und seinen Jungen annehmen würde. Haben Sie bemerkt, wie wohl der Kleine ge⸗ halten ist?... Kein Loch, kein Fleckchen... Ein ordnungsliebender Mensch, das läßt sich schon sehen... Und es scheint, daß er seine zehn Franks im Tag verdient.“ Man hätte gern seine Bekanntschaft gewollt. Gewöhnlich ist es nicht schwer, in solchen Massen⸗ quartieren, wo man bei offener Thür lebt, sich mit Nachbarn zu befreunden. Aber Toni hatte ein reserviertes Auftreten, eine höfliche Art, die Leute auf der Stiege zu grüßen, welche beunruhigte. Jeden Sonntag gingen Vater und Sohn, nett und blank wie ein neues Soustück, spazieren. Man hatte sie in den Museen, im Gewächs⸗ garten getroffen. Man hatte sie auch vor der Mittagsstunde in einem kleinen Café des Viertels gesehen, wo Toni sich den einzigen Genuß in der Woche gestattete und langsam, in kleinen Zügen einen Absynth trank, während Andrien, auf der Lederbank neben ihm sitzend, die illu⸗ strierten Zeitungen betrachtete. „Nein, meine Damen“, sagte die Haus⸗ meisterin, die sentimental angehaucht war, „dieser Witwer wird sich nicht wieder ver⸗ heiraten. Letzten Sonntag gingen wir auf dem Friedhof Montparnaß aneinander vorüber... Ohne Zweifel liegt dort seine Frau begraben... Es war peinlich, ihn mit seiner Waise dort zu sehen... Er muß seine Selige angebetet haben... Das ist wahr, aber es giebt solche Leute Pin tnc; Ach ja! Toni hatte sein Weib zärtlich ge⸗ liebt und tröstete sich nicht über ihren Verlust. Nur war er nicht Witwer. O! Sein Leben war sehr einfach und nicht glücklich! Als gewissenhafter, aber für das Handwerk nur mittelmäßig bezahlter Arbeiter war es ihm erst spät gelungen, ein tüchtiger Schriftsetzer zu werden, sein Brot anständig zu gewinnen, und aus diesem Grunde dachte er erst ans Heiraten, nachdem er schon mehr als dreißig Jahre alt war. Er hätte ein ver⸗ nünftiges Mädchen gebraucht, das, wie er, mit dem Unglück schon Bekanntschaft gemacht hätte. Aber die Liebe achtet nicht auf Konvenienz, Toni verlor den Kopf vor dem hübschen Lärv⸗ chen einer neunzehnjährigen Blumenmacherin, die ohne Zweifel recht klug, aber sehr frivol war, nur an ihren Putz dachte und weiter nichts verstand, als sich mit etlichen Lumpen wie eine Prinzessin zu kleiden. Er besaß einige Erspar— nisse, um sich anständig einzurichten, mit einem Spiegelkasten— um 80 Franks im Faubourg Saint⸗Antoine—, wo seine Fran sich vom Kopf bis zu den Füßen besehen könnte. Er heiratete seine Clementine, und in der ersten Zeit war es köstlich. Wie man sich gern hatte! Man hatte zwei Zimmer im fünften Stock, Boule⸗ vard Royal, mit einem Stück Balkon und der Aussicht über ganz Paris. Alle Abende, wenn Toni aus seiner Druckerei ging, die am linken Seine⸗Ufer lag, hatte er das Aussehen eines Herrn, da der Mantel seinen Arbeitsrock ver⸗ barg, und er wartete in einer Ecke der Brücke Saint⸗Frères auf sein Weiblein, das von der Straße Saint⸗Honoré kam, wo ihr Atelier lag. Arm in Arm, eng aneinandergeschlossen, trat man recht schnell den Rückweg in die entfernte Wohnung an, um dort fröhlich das bescheidene Abendessen einzunehmen. Die Sonntage waren ganz besonders herrlich. So war es. Man fühlte sich zu wohl zu Hause, man ging nicht aus. O! Das gute Frühstück im Sommer bei offenem Fenster vor der großen Stadt, und der heitere freie Himmel. Während er seinen Kaffee schlürfte und seine Zigarette rauchte, begoß sie die Blumentöpfe auf dem Balkon. Nein! Sie war zu niedlich! Er stand auf und überraschte sie mit einem Kuß auf den Hals.„Gib doch Ruh'].. Wie Du nur ungeschickt bist!“ Aber nun! Zuletzt ein Kind, ihr kleiner Felix, den man alle vierzehn Tage bei seiner Amme zu Margency besuchte. Er starb nach einem Jahre an Krämpfen. Sie waren bald getröstet durch die Geburt Andrien's, den die Mutter nähren wollte. Sie verließ die Werkstatt, nahm Arbeit zu sich, verdiente die Hälfte weniger, machte gleichwohl ein wenig Toilette, spielte die Dame, indem sie im Luxem⸗ bourg in einem weidengeflochtenen Wägelchen ihr Baby vor sich herschob. Und Toni mochte sich rackern für viere, an einem Nachtblatte arbeiten. Der Haushalt litt darunter, ver- schuldete sich. Als dann das Kind entwöhnt war und heranwuchs, ging es ins Asyl, und die Mutter, oft ohne Arbeit, immer kokett, langweilte sich zu Hause und gewöhnte sich an das gefährliche Herumflanieren. Seht ihr diesen armen Mann, gealtert vor der Zeit, von Sorgen und Arbeit erschöpft, und diesen dreiundzwanzig⸗ jährigen Tollkopf. Als eines Abends Toni Robec mit seinem Jungen, den er unterwegs vom Asyl abholte, zurückkehrte, fand er auf dem Kamin einen Brief, aus dem der Ehering Clementinens fiel, als er das Kouvert öffnete. In diesem Briefe sagte ihnen, ihm und seinem Sohn, das schlechte Weib mit der Bitte um Verzeihung Lebewohl. O, ihr romantischen Bürger der Jury, die ihr immer unter der Entschuldigung eines im Affekt begangenen Verbrechens die erzürnten Ehemänner, die rot sehen und die Frau und den Geliebten töten, freisprechet, ihr müßt den armen Toni recht lächerlich und auch nicht wenig feig finden. Aber er empfand mehr Schmerz als Zorn. Er weinte viel, und als sein Andrien ihn fragte:„Wo ist Mama? Wird Mama bald kommen?“ da umarmte er leidenschaftlich den Kleinen und erwiderte:„Ich weiß es nicht!“ Clementine war in den ersten Tagen des Mai durchgegangen.— O! Wie unangenehm ist bisweilen der Duft des Flieders!— Toni verkaufte Ende Juli alle Möbel, um sich seiner Schulden zu entledigen, und wohnte nun, da er diesen Ort verlassen wollte, in der Straße Delambre. Und hier lebte er so zurückgezogen, so anständig mit seinem kleinen Jungen, daß man ihn für einen Witwer hielt. Gegen Ende Dezember erhielt der Arbeiter einen Brief von seiner Frau, vier unzusammen⸗ hängende Seiten, voll Verzweiflung, auf denen die Tinte durch Thränen verwischt war. Sie war im Stiche gelassen, die Verräterin selbst verraten. Und sie bereute, flehte und jammerte um Gnade. Dies that dem armen Toni sehr leid. Aber beruhigt euch, trotzige Geschworene, die ihr alle die Seele des Mohren von Venedig habt, und versaget nicht wenigstens für einen Augenblick dem armen Mann eure Achtung. Er war stolz und antwortete seiner schul⸗ digen Gemahlin nichts. Er erhielt keine Nachricht mehr von Clemen⸗ tine bis zum Weinachtsabend. Nun aber hatte er seit mehreren Jahren die rührende Gewohnheit, an diesem Tage ein be⸗ scheidenes Bouquet— einige gefrorene Veilchen mit einer frostigen Rose in der Mitte— mit seiner Frau auf das Grab ihres kleinen Felix, ihres Erstgeborenen, zu tragen, der bei der Amme gestorben, und den sie auf dem Mont⸗ parnaß in einer fünfjährigen bereits erneuten Konzession einst neben sich haben wollten. Zum erstenmale mußte Toni allein mit seinem kleinen Andrien diese Pilgerfahrt voll⸗ bringen, und selbst als er unter dem düsteren Winterhimmel durch die Friedhofsthür schritt — verachtet von Neuem, fürchterliche Othellos der Jury, dieses mutlose Herz— litt er mehr denn je bei der Erinnerung an die Abwesende, Entflohene. f 120„Was ist „Wo ist sie jetzt?“ dachte er. aus ihr geworden?“ Aber als er vor dem Grabe Felix', welches er kaum gefunden hatte, ankam, blieb er ganz überrascht stehen. Es lagen auf dem Stein drei oder vier Spielsachen, wie man sie den ärmsten Kindern 1 sebt 2 .——— — — ite 1 + —— 3 5— 1 seiner in, da Straße ezogen, , daß heiter mmen⸗ denen „ Sie selbt Amerte m seht vorell, Jeuedig einen 1 schul⸗ lemen⸗ rel die ein be⸗ eilchel — lit Fell ei Del, Moll rente dal Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Nr. 32. giebt— eine Trompete, ein Bajazzo, ein Pudel auf seinem Blasebalg— welche man soeben niedergelegt haben mußte, den sie waren ganz neu und offenbar denselben Tag im Sechs⸗ Kreuzer⸗Bazar gekauft. „Ah! Spielereien?“ rief fröhlich Andrien vor dem wertlosen Fund. Aber der Vater, welcher ein Stück Papier auf das Spielzeug geheftet sah, neigte sich, er⸗ griff es und las folgende Worte, deren Schrift er wohl kannte:„Für Andrien, von seinem Bruder Felix, der jetzt bei dem Christkindlein ist.“ Plötzlich fühlte er, wie sein Sohn sich an ihn schmiegte, er hörte ihn mit erschrockener Stimme murmeln:„Mama!“ und wenige Schritte daneben sah er bei einer Cypressen⸗ gruppe kniend sein Weib, gegleidet in ärmlichen Rock und Shawl, o, so blaß! Mit matten Augen streckte sie ihre gefalteten Hände ihm flehend entgegen. * 5* Unter uns, meine blutdürstigen Herren Ge⸗ schworenen, ich glaube nicht, daß Toni Robec damals an den dachte, der an diesem Weih⸗ nachtstage geboren wurde, der durch Wort und Beispiel die Verzeihung des Unrechts lehrte. Aber sein Plebjerherz kannte nicht Eigenliebe und Groll. Nach einem Zittern, verursacht weniger durch den Aerger über das alte Unrecht als durch das Mitleid, seine Frau, die er so eliebt hatte, in einem so elenden Zustande zu schen, schob er sanft seinen kleinen Jungen gegen sie. „Andrien,“„küss' doch deine Mutter!“ Sie ergriff ihr Kind in heftiger Umarmung, gab ihm zwei Küsse auf sein Haar mit einem Röcheln von Gluͤckseligkeit, dann, sich erhebend und einen bittenden Blick auf ihren Gatten werfend, murmelte sie:„Wie gütig bist du doch!“ Aber er stand schon neben ihr und ant⸗ wortete ihr in kurzen Worten, fast hart: „Sprich nicht... und gieb mir den Arm!“ sagte er, FFP Vom Friedhof ist es nicht weit zur Straße Delambre. Mit großen Schritten legten sie den Weg zurück. Toni fühlte Clementinens Arm in dem seinen zittern. Das Kind marschierte neben ihnen. Es hatte seinen Geist schon wo anders, es bewunderte sein Spielzeug. Die Hausmeisterin des Hauses, wo Toni wohnte, befand sich auf der Thürschwelle. „Madame“, sagte er ier,„das ist meine Frau, die seit sechs Monaten auf dem Lande war bei ihrer kranken Mutter, und jetzt wird sie wieder bei mir wohnen!“ Und als ste die Stiege hinaufgingen, mußte er die Unglückliche, die vor Erregung und Freude in Schluchzen ausbrach und alle Kräfte verlor, stützen, beinahe tragen. ** In dem armen Zimmer angekommen, ließ Toni seine Frau auf dem einzigen Fauteuil sich setzen und drängte ihr von neuem ihren Sohn in die Arme. Dann öffnete er eine Schublade der Kommode, nahm daraus eine schlechte Kartonschachtel, zog den Ehering Clementinens hervor und steckte ihr ihn an den Finger. Und dann, ohne ein Wort des Tadels, ohne ein bitteres Wort über das Vergangene, stillschweigend und ernst, mit der erhabenen Großmut einfacher Seelen, küßte er sie blos auf die Stirne, damit sie überzeugt sei, daß er ihr verzeihe. Sprüche zur Tebensweisheit. Die alles geltenlassende Zahmheit Bezeuget nur des Herzens Lahmheit; Die wahre Liebe tritt schonungslos In den Staub, was schön nicht ist, noch groß. * Der Wein nur, der gegohren wild, Wird, wenn er alt ist, klar und mild. Nur, wer in Jugendfülle getobt, Sich als ehrwürdiger Greis erprobt. d Das ist Pietät, ich sag' es frei, Die mit Liebe forscht, was zu ehren sei. Sich selbst als niederen Wurm erkennen, Heißt das nicht Gott einen Stümper nennen? Sallet. Humoristisches. Kleines Mißverständnis. Frau(zur wei⸗ nenden Köchin): Sagen Sie, Nanni, wo liegt denn eigentlich die Ursache Ihres Krams?— Nanni: Bei der 14. Kompagnie!— * Schwieriges Deutsch. Bureauchef(zum faulen Schreiber): Thun, S'do net allewei so, als ob S was thun thäten— Sie thun ja do nix!— * Auch ein Arrangement. Vater: Ich habe ja nichts gegen Deine Verbindung mit dem Assessor, nur möchte er sich erst mit seinen Gläubigern arran⸗ gieren! Tochter: Ist bereits geschehen, Papa, er hat sie alle an dich gewiesen!— * Weitgehendste Umsicht. Weißt Du nicht, Frieda, daß es höchst unpassend ist, sich auf der Straße umzusehen, und zumal nach einem jungen Mann?— Aber Mama, ich wollte mich doch bloß mal umsehen, um zu sehen, ob er sich umsieht, um zu sehen, ob ich mich umsehe!— Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. Das„Handbuch für Vereins⸗ und Ver⸗ sammlungsleiter“ ist soeben umgearbeitet in 5. Auflage im Verlage der Buchhandlung Vorwärts er⸗ schienen.— In gemeinverständlicher Sprache verfaßt, soll das Büchlein den im Vereins⸗ und Versammlungs⸗ leben noch nicht bewanderten Genossen mit Ratschlägen an die Hand gehen. Zugleich soll es ein Wegweiser für die Vorstände der Gewerkschaften und politischen Vereine sein, denen die Kenntnis der Strafbestimmungen der hauptsächlich in Frage kommenden Strafgesetze von Nutzen sein wird. Der Preis ist der alte(30 Pf.) ge⸗ blieben. Deutscher Schneider-Verband Giessen. Am 1. Weihnachtsfeiertag, abends 8 Uhr, Glrisihuumbsistorung nachmittags 2 Uhr, Filiale Gießen. im Restaurant zum Pfau(früher Bramm) öffentliche Maler⸗, Lackierer⸗ Die währe Schützer feste Mittwoch, den 27. Dezember, 20 Per„„ Hch. Lynler, Schuhmach, Lind Neujahrs- . b—— bei Gastwirt Orbig, Rittergasse, wozu ergebenst einladet Der Vorstand. dee eee Metallarbeiter- Verband. Zahlstelle Gießen. Dienstag, den 26. Dezember, abends 8 Uhr, bei C. Orbig, Rittergasse: Weihnachts⸗Feier mit Tanz. n Zu reger Teilnahme ladet alle Arbeiter und Ar⸗ beiterinnen freundlichst ein Der Vorstand. Carl Freudenstein Dachl. 0 Marburg i. H. Ritterstraße und Weidenhäuserstraße empfiehlt zum bevorstehenden Weihnachts feste: ff. Kuchenmehle per Pfund 14, 16 und 18 Pfg. 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Jahrg. 5 7 ee Sonn Nedattion: 8 Kirchenplatz 11. Schloßgasse⸗ Mitteldeutsche tügs⸗Jei Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 tung. Abonnementspreis: Cyan Steen Vell Bestellungen banes„die Ex pe⸗ ognes 1 s oßgasse die stanstalt und Bed Magenta White Grey 1 Grey 2 Grey 3 Neujahrstage— 8 1 a die um so eifriger für Zeitung“ agitieren. Aufklärung über alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen zu verbreiten war von jeher das Be— streben unseres Blattes. Der n Anwalt der Kleinen in Dorf und Stadt zu sein, ist seine höchste Aufgabe. Pflicht aller Sozialdemokraten im Verbreiturgsgebiet der„Mitteld. Sonntags- Zeitung“ ist es, ihrem Parteiblatt unter allen Umständen die 3 weiteste Derbreitung zu sichern. Das aber kann nur geschehen durch die lebhafteste und unverdrossenste Einzelarbeit der Genossen. CCC ĩ³·˙⸗ Eine sozialistische Kolonie. el. Die Thatsache, daß eine Reihe kommu⸗ nistischer Kolonieen nach längerem oder kürzerem Bestehen wieder zugrunde gegangen ist, ist von unseren Gegnern als Beweis für die Behauptung werden. dan de 7 Mitteldeutsche Sbuntags⸗ 17 ee 0 Aaeanebenebd 1 1 2 4 10 1 nee reben, haben diese Kolonieen nicht das geringste gemein. Die Mitglieder der nordamerikanischen Kolonieen bestanden aus den rückständigsten Schichten der Gesellschaft. Jene Vielgestaltigkeit der Berufs arten, wie sie heute besteht, fehlte in den Kolonieen gänzlich, und damit war den Kolonieen die Möglichkeit zu einem gedeihlichen Emporblühen genommen. Wurden sie von der modernen Gesellschaft berührt, dann flohen sie weiter hinaus in die Oede. Der moderne So⸗ zialismus hingegen ist die Fortsetzung der mo⸗ dernen Gesellschaft. Alle Errungenschaften der Kultur und Technik macht er sich zu eigen, sie regelnd und ordnend. Dadurch gewinnt die Produktion einen ungeahnten Aufschwung und die Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft, die nicht in wilder Konkurrenz gegen einander, son⸗ dern einträchtiglich für einander arbeiten, genießen ein Leben, reich an Inhalt und Abwechselung, wie es heute nur die Bevorzugten unter den Menschen kennen, Leute, die aber in wahn⸗ sinnigem Luxus ihr Dasein verbringen auf Kosten der rastlos Arbeitenden und deren größte Plage in ihrem Faulenzerleben die Langeweile ist. . Grey a eee 1000 ee AJuserate finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng i Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei Gmal. Bestellung atal. 4312 a.)[33 ½8% und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. Sc 0 Kolonieen Proletarier ns erstrebt. ꝛinem Werke gaften,„das iedenen Ge⸗ iN im unseren großen Sraoren vergreiche, so muß ich geslehen, daß das kommunistische Leben so viel freier von Sorge und Gefahr, so viel leichter nach vielen Richtungen hin und jedenfalls, was die materielle Seite angeht, so viel besser ist, daß ich aufrichtig wünsche, es möchte eine weitere Entwickelung in den Vereinigten Staaten haben.“ Und Hinds in seinem Werke über die ameri⸗ kanischen kommunistischen Gesellschaften äußert über denselben Punkt:„Die Vorteile in diesen Gemeinden sind groß und zahlreich. Alle Unter⸗ schiede zwischen arm und reich sind abgeschafft. Der Kommunismus sorgt für die Kranken, Schwachen, Unglücklichen in gleicher Weise. Bei Verlust durch Feuer oder Flut wird die Last, welche den Einzelnen ruinieren würde, von der Gesamtheit leicht getragen.“ In Nr. 558 vom 29. November v. J. be⸗ richtet sogar der„Hamburgische Korrespondent“, ein bürgerliches Blatt nationalliberaler Richtung, aus England von den großartigen Erfolgen einer sozialistischen Kolonie und straft damit seine eigenen öden Tiraden über den Widersinn sozia⸗ listischer Organisationen Lügen. Er schreibt: „Von den überraschenden Ergebnissen, die Fleiß, Intelligenz und Menschenverstand auch in Eng⸗ land erzielen, bietet ein Landgut in der Graf⸗ schaft Gloncestershire ein interessantes Beispiel. 14 Terrassengarten, der die lieblichste Fernsicht bietet, enthält eine Fülle der schönsten Blumen; nebenan, etwas tiefer gelegen, ist ein großer, vortrefflicher Gemüsegarten, und seitwärts führt eine Allee uralter Eiben, die im heißesten Sommer herr⸗ liche Kühle gewährte und in der Hängematten und Ruhesessel zu beschaulicher Rast einluden, nach den höher gelegenen Teilen der parkartigen Besitzung. Aehnliche Ueberraschungen erwarteten uns im Hause selbst. Das Wohnhaus, früher ein gewöhnliches, Farmgebäude, jetzt mit Gloire de Dijon⸗Rosen, Clematis und anderen Schling⸗ gewächsen reich umrankt, bot im Innern die eigenartigste Mischung einfacher, fast primitiver Emrichtung und gewählter, künstlerischer Ver⸗ feinerung. Ueberall herrschte einfache Behaglich⸗ keit ohne eigentlichen Luxus; nirgends war auch nur ein Stückchen Teppich zu sehen, der Fuß⸗ boden glänzte so blank und rein, daß man von ihm hätte speisen können, der Herd war jener weite, einfache der altenglischen Küchen, die, wie diese hier, zugleich als Wohnzimmer dienten. Auf dem Kaminsims und an den Wänden blinkte glänzendes Kupfer⸗ und Messinggerät, unter dem ca Querbalken des ziemlich niederen Zimmers stand auf einfach weißgestrichenen Holzregalen eine Anzahl Bücher, die fast die Zimmerdecke be⸗ rührten, hier und da sah man einen schön⸗ geformten Krug oder Topf von Porzellan oder Thon, eine Skizze, altertümlichen Hausrat, eine geschnitzte Truhe, einen kunstvoll gearbeiteten Tisch oder sonst ein altes Möbel— alles schien sich harmonisch in ben einfachen Rahmen dieser Kolonie der Einrichtung einzufügen. Die der übrigen dieser Kolonie zugehörigen Wohnungen waren dieser ersten ähnlich.“ Wo können uns die Gegner ein ähnliches Bild aus der kapitalistischen Gesellschaft vor⸗ führen? Politische Bundschau. * Gießen, den 30. Dezember. Das freie Wort und der Reichstag. Das Reichs⸗Parlament wird sich in dieser Session vielfach mit der Presse zu befassen haben. Von fast allen Parteien des Reichstages sind Anträge vorbereitet, die sich mit Abänderungen alter oder Hinzufügung neuer Paragraphen zum Strafgesetzbuch befassen, die die Presse in erster Linie angehen. Auch der Antrag unserer Frak⸗ tion auf Streichung des Majestätsbelei⸗ digungsparagraphen ist von höchstem Interesse und größter Wichtigkeit für die Frei⸗ heit der Kritik in Deutschland. Hoffentlich er⸗ möglicht es die Geschäftslage des Reichstages, daß dieser schon in der vorigen Legislaturperiode eingebrachte Antrag recht bald zur Verhandlung kommt. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidi⸗ emed wonmambandenboddenddddedd . 0 ö 0 0 Häupter vorgesehen sind, gestrichen werden. Die Debatten, die dieser Antrag im Reichstage hervorrufen wird, werden sich jedenfalls zu einer umfassenden Aussprache über die Monarchie und ihre Stellung im öffentlichen Leben unseres Volkes gestalten. Von großer Bedeutung für die Presse sind weiter die Anträge der freisinnigen Partei auf Abänderung des Groben Unfug ⸗Para⸗ graphen und auf Beseitigung des Zeug nis⸗ zwanges gegen den verantwortlichen Redakteur und die sonst bei der Herstellung eines Preß⸗ erzeugnisses thätigen Personen. Der Grobe Un⸗ fugparagraph ift zu einem bequemen Mittel ge⸗ worden, da zu strafen, wo auf Grund anderer Paragraphen eine Bestrafung unmöglich wäre. Es ist wirklich an der Zeit, daß den juristischen Auslegungskünsten ein Ende gemacht und dem Paragraphen sein ursprünglicher Sinn wieder⸗ gegeben werde, der sich gegen nächtliche Lärm⸗ szenen auf der Straße, gegen die Streiche über⸗ mütiger Burschen richtet. Ebenso notwendig ist die Beseitigung des Zeugniszwangsverfahrens gegen die Presse. Der verantwortliche Redakteur