ö 0 det; bortggz 5 ichen, nerien ach eil kel zu den, 00 — 0 1 — genossn t oke 1 . ier. iche. tung, 1 ihn. 8 eh ibet, bt MB. — hel. ndstn f iter luß g. a mille bielel e Mel len Sl „ ou onnel blunt — . a —— dor e 3 Gießen, Sonntag, den 24. September 1899. 5. Jahrg. Redaltion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Tuumecheg Nachminag 4 Un N 4 Redaktionsschluß 8 Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung“ kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Antisemitische Arbeiterfreundlichkeit. * Wenn die antisemitischen Führer auf dem Lande ihren Unsinn vom Stapel lassen, dann spielen sie sich als die patentierten Bauern⸗ politiker auf. Sie raisonieren auf die Sozial⸗ demokraten, die angeblich nichts von der Land⸗ wirtschaft verstehen und suchen den Anschein zu erwecken, als ob sie, die Herren Antisemiten nämlich, den landwirtschaftlichen Betrieb aus dem ff studiert hätten. Dabei kann man 100 gegen 1 wetten, daß die meisten dieser antisemiti⸗ schen Weisheitsapostel, ehemalige Leutnants, Architekten, Maler u. s. w., weder Hafer von Gerste, noch Häckselmaschinen von Nähmaschinen unterscheiden können. Sie schimpfen auf die unverschämten Arbeiter, die den Hals nie voll kriegen könnten, erzählen, daß es den Arbeitern so gut in den Großstädten gehe, daß sie schon den Champagner aus Schoppengläsern getrunken und sich in Equipagen an die Arbeit hätten fahren lassen. Außerdem wird auf den Zwischen⸗ handel geschimpft, der meist in jüdischen Händen fel Der Bauernstand wird als der beste und dabei am stlefmütterlichsten behandelte hingestellt und dann von der„einzigen“ wahrhaftenBauern⸗ partei, nämlich der antisemitischen, das Blaue vom Himmel heruntergeschwindelt. Die Anti⸗ semiten fordern hohe Schutzzölle und Grenz⸗ sperre für Vieh, um die landwirtschaftlichen Produkte, also die Lebensmittel künstlich zu verteuern, und erzählen von dem schreck⸗ lichen, Margarine genannten, Oeltalg“, durch das die Landwirtschaft ruiniert wird. Allerdings hindert das nachher z. B. das Organ des antisemitischen Reichstags⸗ Abgeordneten Raab nicht im geringsten, Reklame zu machen für — holländische Margarine! Glauben dieselben Antisemiten dann in der Stadt im Trüben fischen zu können, so machen sie in Mittelstandspolitik. Dem Mittel⸗ stand, dem festesten Bollwerk gegen den Um⸗ sturz, müsse geholfen werden, er habe es am nötigsten. Die unverschämten Arbeiter bedrängten ihn immer mehr, indem sie die Löhne fort⸗ gesetzt in die Höhe schraubten und weniger arbeiten wollten. Andererseits werde dem Hand⸗ werkerstand durch die jüdischen Fabrikanten— Schuh⸗ uud Kleiderfabriken ꝛc.— die Existenz abgeschnitten und die Kleinkaufleute würden durch die jüdischen Bazare und Waarenhäuser ruiniert. — Das hindert dann allerdings wieder die oberantisemitische„Staatsbürger⸗Ztg.“ nicht, die jüdischen Geschäftsinserate aufzunehmen. Aber— tamtam!— wir, die Antisemiten — hurrah!— wird sind doch— hepp hepp!— die einzige wahrhaftige Mittelstandspartei! Heilo! Heilo! Aber die Antisemiten können noch mehr, oder glauben wenigstens es zu können. Trotz⸗ dem sie nämlich, um erfolgreich Bauern⸗ und Mittelstandspolitik treiben zu können, unbe⸗ dingt auf die Arbeiterschaft schimpfen gmüssen und das auch im ausgiebigsten Maaße thun, haben sie doch die Frechheit, dort, wo sie wissen, daß die Arbeiterschaft in der großen Mehrheit ist, auch von ihrer Arbeiterfreundlich⸗ Direkt durch Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33/% und bei Bestellungen keit zu lügen. Wie's trefft, denken sie. Heute gegen, morgen für die Weinsteuer; heute für, morgen gegen Feldbereinigung; heute Dorf,, morgen Staatspolitik; heute Bauern⸗, morgen Handwerker⸗ und warum nicht übermorgen Arbeiterpolitik? Allerdings ist die Arbeiterschaft politisch weit besser geschult als der Bauern- und Mittel- stand. Die Arbeiter lassen sich kein X für ein U vormachen. Und wenn jetzt die Antisemiten im Land⸗ kreis Gießen von ihrer Arbeiterfreund⸗ lichkeit schwatzen, dann lachen die Arbeits⸗ leute herzhaft auf. Sehen wir uns einmal kurz die Arbeiter- freundlichkeit der Antisemiten an. Auf dem vor wenigen Wochen in Hamburg stattgefundenen Parteitag der Antisemiten hat deren Höchstkommandierender Liebermann von Sonnenberg laut der antisemitischen Staats⸗ bürger⸗Zeitung gesagt: „Wir müssen bestrebt sein, ein freundnachbarliches Verhältnis mit Parteien und Organisationen zu pflegen, die ähnliche Ziele verfolgen, wie wir: mit den Christlichsozialen, den Deutschkonservativen und dem Bund der Landwirte Auf der im Januar 1898 in Cassel abge⸗ haltenen Generalversammlung des Bundes der Landwirte hatte derselbe Liebermann schon ver⸗ kündigt, daß Bund der Landwirte, Konservative und Deutschsoziale Hand in Hand gehen würden. Wer sind aber diese Konservativen und Bündler, mit denen die Antisemiten Hand in Hand gehen? Das sind die Brodwucherer und Wahlrechtsräuber! Die Freunde der Zuchthausvorlage! Nun stellt sich der Aeppelwein⸗Architekt Hirschel in seinem Arizona⸗Kicker an, als wenn seine Parteigenossen gegenüber der Zuchthaus⸗ vorlage noch wunder wie arbeiterfreundlich ge⸗ wesen wären. Hören wir einmal eine kleine Viertelstunde den Reden der Antisemiten auf ihrem letzten Parteitag, der vor 14 Tagen stattfand, zu: Antisemit Graf Reventlow:... Einen herben Tadel verdient die Fraktion wegen ihrer Haltung zum „Zuchthausgesetz““. Nach diesen letzten Leistungen kann man von der Fraktion in dieser Beziehung kaum noch etwas erwarten. Koalitionsrecht der Arbeiter steht in unserem Programm und man stimmt für Kom⸗ missionsberatung des Zuchthausgesetzes? Wie paßt das zusammen?... Die Partei durfte nicht für Ueberweisung der Vorlage an die Kommission stimmen. Wenn es der Regierung inzwischen gepaßt hätte, dem Centrum ein paar Jesuiten zu geben, dann hätten wir das schönste Zuchthausgesetz gehabt. Machen wir weiter solche Sachen, so hat kein Arbeiter mehr Zutrauen zu uns. Bloß mit antisemiti⸗ schem Trompetengeschmetter oder bloß mit Mittelstands⸗ politik bringen wir noch nicht den Beweis für unsere Existenzberechtigung. Unsere Partei wird nur lebens- fähig sein, wenn sie sozial ist!(Beifall.) Redner bean⸗ tragt folgende Erklärung:„Der Parteitag erwartet von der Fraktion, daß sie den Entwurf des Gesetzes zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses in 2. und 3. Lesung ablehnen werde.“ Antisemit Rechtsanwalt Vielha ben:... Den Standpunkt des Grafen Reventlow zur Zuchthausvorlage teile ich nicht. Diese Vorlage soll dem Mittel⸗ Juserate 2 finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, Bei mindestens bei 6 mal. Bestellung mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt stande helfen, soll ihn befreien von dem Streik⸗ terrorismus der Sozialdemokratie. Deshalb muß etwas geschehen. Der Versuch der Regierung mag ein schlechter gewesen sein, wir werden ihn verbessern müssen. Antisemit Bruhn ⸗Berlin:... Sie(die Zucht⸗ hausvorlage) will etwas durchaus Gutes. Sie will dem Mittelstande helfen, der am meisten unter dem Streikterrorismus leidet.(Beifall). Ich freue mich, daß Herr von Liebermann für die weitere Beratung der Vorlage eingetreten und bereit ist, dem guten Gedanken zum Siege zu verhelfen. Fragen Sie mal die Gewerbe⸗ treibenden, wie die über die Vorlage denken. Das jetzige Recht gewährt nicht genügenden Schutz, da eine Verfol⸗ gung des Streikterrorismus nur auf Antrag geschieht. Ich bitte Sie, eine Erklärung dahin abzugeben, daß die Fraktion den Gedanken der Vorlage aufnimmt, um auf seiner Grundlage ein brauchbares Gesetz zum Schutze des Mittelstandes zu schaffen.(Beifall.) Nachdem auch der von den Dresdenern aus dem Reichstag bugsierte Autisemit Zimmer⸗ mann gegen Reventlow gesprochen hatte, nahm der antisemitische Parteitag eine Reso⸗ lution an, in der das Verhalten der Reichs⸗ tagsfraktion gutgeheißen wird. Also für Weiterberatung der Zuchthaus⸗ vorlage sind die Antisemiten! Und solche Leute haben die Frechheit, sich im Gießener Landkreis, in dem Tausende Arbeiter auf das entschiedenste gegen die Zucht⸗ haus vorlage protestiert haben, um ein Land⸗ tagsmandat zu bewerben. Aber noch ein Beispiel aus der engsten Heimat für die Arbeiterfeindlichkeit der Antisemiten. Als im hessischen Landtag unser Genosse Haas von Mainz im Interesse derjenigen Ar⸗ beiter, welche Brücken passieren müssen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen, das Ver⸗ langen stellte, das Brückengeld zu beseitigen, da stand im Blatte des Architekten Hirschel: „Wenn für großstädtische Schlamm m⸗ beißer ein Kreuzer Brückengeld gespart werden soll, da schreit man Zeder und Mordio.“ In den Augen der Hirschel und Kon⸗ sorten sind die Arbeiter also Schlammbeißer! Damit mag es für heute genug sein. Wir können, wenn es nötig wird, noch mehr Be⸗ weismaterial für die Arbeiterfeindlichkeit der Antisemiten beibringen. Für heute nur das eine: Ihr Arbeitsbienen, die ihr euch jahraus jahrein für wenig Lohn schwer plagen müßt, tränkt es den Gesellen, die euch Schlammbeiße r nennen und für die Weiterberatung der Zuchthausvorlage eintreten, am Tage der Landtagswahl ein. Zeigt dem antisemitischen Schimpfspezialisten Hirschel, wo Barthel den Most holt! ZET 2222.0:!:!!! An unsere Leser! Ein neues Quartal beginnt. Wir ersuchen unsere Freunde, der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ neue Abonnenten zu gewinnen. Wie bisher wird auch fortan unser Blatt den Kampf gegen Ausbeutung und Unter⸗ drückung, gegen Brotwucher und Zuchthauskurs mit un⸗ geschwächten Kräften führen. Unterstützt uns darin, indem Ihr die Zeitung verbreitet. Arbeiter, Freunde! Werbt für Eure Zeitung! Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 39. Unser Parteibericht. * Eine wahrhaft herzerfrischende Lektüre dieser Jahres⸗ bericht unseres Partei⸗Vorstandes. Also so siehts mit der täglich von kapitalistischen Soldschreibern angepöbelten Sozialdemokratie aus! Das hat die Partei geleistet, die tagtäglich von vielen Hundert Tintenkulis, die für Judas ⸗ Silberlinge im Schweiße ihres Angefichts neue Lügen und Verleumdungen erfinden müssen, ange⸗ ekelt wird. Für uns ist dieser Jahresbericht wieder ein Akten⸗ stück, das uns berechtigt, stolz zu sein und mit Freuden auf die Entwicklung unserer Partei zu blicken. Für all die kleinen und großen Kläffer, die beständig unsere Partei anbellen müssen, wenn sie es nicht mit den Großen verderben wollen, bedeutet der Jahresbericht einen Fußtritt auf ihren edelsten Körperteil, der sich bei ihnen unterhalb des Rückens befindet. In der Einleitung des Berichts finden die preußi⸗ schen Landtagswahlen, sowie die Ausweisungen mehrerer Parteigenossen, die nicht das große Glück hatten, als Preußen oder Sachsen auf die Welt zu kommen, Erwähnung. Es werden dann weiter kurz berührt: die Kaiserrede von Oeynhausen, die Zucht⸗ haus vorlage und das Dresdener Zuchthaus⸗ urteil. Dabei wird die erfreuliche Thatsache festgestellt, daß für die Löbtauer Zuchthausopfer von der sozial⸗ demokratischen Partei innerhalb 5 Wochen 88 247 Mk. gesammelt wurden. Weiter wird berücksichtigt die sächsische Rechtsprechung im Allgemeinen und das Urteil des Berliner Gerichts über die sächsische Recht⸗ sprechung im Besonderen. Es wird an den wieder eroberten Berliner Wahlkreis durch Genossen Fischer erinnert und dann marschiren Ziffern auf, Ziffern, die eine deutliche Sprache reden, die uns er⸗ zählen von der rastlosen Thätigkeit vieler Genossen im Dienste der Partei, von den Verfolgungen, denen pflicht⸗ getreue Arbeiter ausgesetzt sind. Ziffern, die aber auch reden von dem Erfolg unserer Arbeit, von dem ständigen Fortschritt, Ziffern, die unser Herz höher schlagen lassen, die uns ermutigen zu neuer Thätigkeit für die Partei der Unterdrückten. Unsere Partei besitzt jetzt 73 politische Zeitungen. An der Spitze steht das Zentralorgan, der„Vorwärts“. Er erscheint täglich in 53000 Exemplaren. Er erzielte für die Parteikasse innerhalb Jahresfrist wieder einen Ueberschuß von 64677 Mark. Die„Buchhandlung Vorwärts“, die von unserem Genossen Fischer geleitet wird, versorgte das Land mit Hunderttausenden Auf⸗ klärungsschriften und erzielte einen reinen Ueber⸗ schuß für die Partei von 25 000 Mark. Aus der Hauptabrechnung des Parteikassirers Gerisch ergiebt sich folgendes Bild: Vom 1. September 1898 bis 31. August 1899 Einnahme: Mk. 346.712,32 Ausgabe: Mk. 243.207,72 Verbleiben: Mk. 103.504,60 Fest angelegt: Mk. 95.069,90 Bleiben in Kassa: Mk. 8.434,70 Dle Einnahmen bestehen aus allgemeinen Beiträgen aus den Wahlkreisen, aus Zinsen angelegter Gelder und den Ueberschüssen der Parteigeschäfte. Unter die Ausgaben fallen 23 301 Mk., die für ge⸗ maßregelte Genossen als Unterstützung gezahlt wurden, 7741.25 Mk. für Prozeßkosten, 56 685.18 Mk. für Agitationskosten, 28 700 Mk. Reichstagskosten, 14 742.40 Mk. für Gehälter und Verwaltungsausgaben, sowie 53 434.34 Mk. für Preßunterstützungen und sonstige verschiedene Posten. Strafen wurden über Arbeiter verhängt, die sich politisch oder gewerkschaftlich„vergangen“ hatten: 74 Jahre und 1 Monat Gefängnis und 23 251 Mk. Geldstrafe. Außer diesen Strafen wird noch erinnert an die über die unglücklichen Löbtauer Bauarbeiter vom Dres⸗ dener Schwurgericht verhängten 53 Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Gefängnis, sowie an die bisher wegen der Streikunruhen im Herner Gebiet über polnische jugend⸗ liche Arbeiter verhängten Strafen in der Höhe von 25 Jahren, 9 Monaten und 17 Tagen Gefängnis. Des Weiteren wird dann ausführlich berichtet über die Thätigkeit der Sozialdemokraten im Reichstag. Darauf brauchen wir hier nicht näher einzugehen. Was die Sozialdemokraten im Reichstag gethan haben, das weiß Jedermann. Die Armen und Unterdrückten haben sich darüber gefreut, die Gegner hat es mit glühendem Haß erfüllt.— Mächtiger denn je steht die sozialdemokratische Partei da. Zusammengeschweißt durch unerschütterliches Soli⸗ daritätsgefühl, und einig im Ziel— so kämpfen wir bis der Sieg über den völkerverhetzenden und völker⸗ gusbeutenden Kapitalismus errungen ist. Mögen auch die Ansichten über den besten Weg, der uns zum Ziel führen soll, oft auseinandergehen, über das Ziel selbst sind wir uns einig. Und nun weitergekämpft, ihr Männer der Arbeit, weitergekämpft für Wahrheit und Recht! für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Politische Rundschau. Gießen, den 22. September. Reichstagsersatzwabl in Pirna⸗Sebnitz. Am Montag hat in der sächsischen Schweiz die Ersatzwahl für den Antisemiten Lotze statt⸗ gefunden, dessen Mandat vom Reichstage wegen allerlei Wahlbeeinflussungen für ungültig erklärt worden ist. Der Kampf hat leider noch keinen Ausgaug gefunden, es ist unseren Ge⸗ nossen nicht geglückt, das Mandat im ersten Gang zu erobern; es haben erhalten: Fräßdorf(Soz.) 11364, Lotze(Antisemit) 10447 und der freisinnige Kandidat 1787 Stimmen. Einige Orte stehen noch aus, ändern aber nichts an dem Resultat, daß Stichwahl stattzu⸗ finden hat. Bei der Hauptwahl im Inni 1898 stellten sich die Ziffern wie folgt: Fräßdorf 10007, Lotze 11118, Freisinn 652. Lotze war im ersten Wahlgang mit 459 Stimmen Mehrheit gewählt. Daraus folgt im Vergleich mit den am Montag erreichten Ziffern, daß die Wahl⸗ beteiligung jetzt eine weit stärkere gewesen ist. Der Antisemit hat an Stimmen verloren, wiewohl diesmal außer den Konservativen auch die Nationalliberalen, Bündler und der sächsische Kammerfortschritt für ihn eintraten. Die Sozialdemokratie sowohl wie der Freisinn haben aber ziemlich bedeutende Zunahmen erfahren; erstere rund 1400, letzterer rund 1200 Stimmmen. Der Wahlkampf war ein sehr heftiger. Von den Antisemiten, als den Männern der „Ordnung“, wurde mit den verwerflichsten Mitteln gekämpft; sie vermochten sich auch nicht zu dem Zugeständnis gleichfarbiger Stimmzettel aufzuschwingen, so daß der Wahlbeeinflussung hierdurch besonders am Tage der Wahl Thür und Thor geöffnet worden ist. Die Freisinnigen gaben ihren bürgerlichen Vettern nichts nach. Den gemeinsamen Ansturm hatten wie immer unsere Parteigenossen auszuhalten. Sie haben sich tapfer gehalten und wacker bewährt, was um so höher anzuschlagen ist, als die Agitationsarbeit durch das Abtreiben von Lo⸗ kalen und das Verbot von Versammlungen nach alter beliebter Methode ungeheuer erschwert wurde. Möge die Nachwahl unserer Partei den Sieg bringen! Neuesten Nachrichten zufolge wurden abge— geben für Fräßdorf 12627 Stimmen Lotze 11650„ Strohbach 1997 5 Es giebt schmachvolle Justiz. So hat das Schöffengericht zu Dessau ent⸗ schieden; nach ihm ist deshalb die Aufforderung an das dortige Parteiblatt, das„Volksblatt für Anhalt“, weiter wie bisher„die schmach⸗ volle Justiz, die Lüge, die Verleumdung, Aus⸗ beutung und Knechtschaft zu bekämpfen“, keine Beleidigung der Anhalter Richter. Diese Auf⸗ forderung stand in einem Briefe des Genossen K. Wiesenthal-⸗ Leipzig, den er, um Glück zu wünschen zu den Fortschritten und Erfolgen der Anhalter Sozialdemokrat e, den Parteigenossen im„Volksblatt“ gesandt hatte. Die Redaktion hatte diesen Brief ohne Wissen Wiesenthals ver⸗ öffentlicht. Schon einmal hatte in der Sache Termin stattgefunden. Der Geheime Justizrat Henning lehnte die Aburteilung ab, weil er sih als Anhaltischer Richter befangen fühle. Nun stand ein neuer Termin an. Amtsgerichtsrat Gast hatte den Vorsitz. Er lehnte die Abur⸗ teilung nicht ab, weil er sich durch die inkrimi⸗ nirten Worte nicht beleidigt fühle. Sch ma ch⸗ volle Justiz gebe es in der Welt. Dafür sei ja jetzt das Beispiel in Frankreich Beweis. Wenn man das nicht mehr sagen dürfe, was mit den Worten hier gesagt sei, so dürfe man überhaupt nichts mehr sagen. Als Vertreter der Anklagebehörde fungierte Polizei⸗ kommissar Schrader. Er stellte die Behauptung auf, Wiesenthal habe die Absicht gehabt, die Zuschrift weiten Kreisen zugänglich zu machen. In dem Bestreiten liege schon das Bewußtsein der Schuld. Die Worte seien beleidigend für den Anhaltischen Richterstand, da der Brief eben im„Volksblatt für Anhalt“ veröffentlicht sei. Er beantrage gegen Wiesenthal 1 Monat und gegen Günther 14 Tage Gefängnis. Das Ge⸗ richt sprach beide Angeklagte frei. Es sei nicht erwiesen, daß der Brief Wiesenthals nicht als Privatbrief anzusehen sei. Die Ausdrücke seien außerdem für keinen Richter beleidigend, weder für einen anhaltischen noch für irgend einen anderen. Es würde geradezu komisch erscheinen, wenn man bei solcher Anklage gegenwärtig den Fall in Frankreich unbeachtet, wenn man die Justiz nicht schmachvoll nennen wollte. Es sei eben nur die Justiz gemeint, welche wirklich schmachvoll sei und nicht die Richter als Per⸗ sonen, von denen ja überhaupt kein Wort ge⸗ sagt sei. Sächsisches Urteil. In Dresden wurde am 15. September wieder ein außerordentlich hartes Urteil von der dritten Strafkammer unter Vorsitz des Landge⸗ richtsdirektors Frommhold wegen angeblichen Streikvergehens gefällt, und zwar gegen den Maurer Fallenbeck. F. soll einem Arbeits⸗ willigen, das ist der neue Name für die Streik⸗ brecher, Namens Sassin, in der Erregung einen leichten Stoß vor die Brust gegeben und auf den Fuß getreten haben. Fallenbeck be⸗ stritt aber die ihm zur Last gelegten Thät⸗ lichkeiten ganz entschieden. Er gab nur zu, vielleicht aus Versehen, unabsichtlich den S. auf den Fuß getreten zu haben.— Das Ge⸗ richt glaubte aber den Aussagen des einzigen Belastungszeugen Sassin und verurteilte Fallen⸗ beck zu fünf Monaten Gefängniß. Wozu da noch ein Zuchthausgesetzz Der neue Polizeiminister. Eine gewisse„liberale“ Gesinnung versuchen liberale Blätter dem neuen preußischen Polizei⸗ minister Herrn v. Rheinbaben anzudichten. Das ist lächerlich; in Preußen werden liberale Männer nicht zu Ministern berufen. Aber dankens wert bleibt, daß unser Stettiner Bruder⸗ blatt urkundlich die„Liberalität“ des neuen Herrn feststellt. Bei den Septenats-Wahlen 1887 hatte auch Herr v. Rheinbaben ein Mandat erhalten, er zeigte sich dann im Reichstag als junkerlicher Gesinnungsgenosse. Am 11. Januar 1889 sagte Herr v. Rheinbaben im Reichstage: a „Der Arbeitgeber braucht nicht zu dulden, daß einer seiner Arbeiter einem Kandidaten die Stimme giebt, durch dessen Wahl er wirtschaftlich geschädigt zu werden fürchtet. Wenn der Arbeitgeber einen solchen Arbeiter entläßt, so ist dies sein moralisches Recht.“ i a Der stenographische Bericht verzeichnet„Bravo rechts“. Der Ausspruch von vor zehn N sagt den Arbeitern, was sie vom neuen Minister zu erwarten haben.— Die Treppe hinaufgefallen. Von den wegen ihrer Kanalgeguerschaft Ge⸗ maßregelten ist bereits einer die Treppe hinauf⸗ gefallen. Herr v. Jagow, bisher Regierungs⸗ präsident von Posen, soll nach der Pos. Ztg. Landeshauptmann der Provinz Sachsen werden. Es ist damit für ihn eine Einkommens ver⸗ besserung von etlichen Tausend Mark ver⸗ knüpft. Regierungsprästdenten erhalten 12000 Mark und freie Wohnung. i N Eine solche Maßregelung wird sich wohl Jeder gern gefallen lassen und dürfte gelezent⸗ lich einer künftigen Vorlage die Zahl der kanal gegnerischen Regierungsbeamten, die gleichzeitig Volksvertreter sind, sich infolgedessen noch ver⸗ größern! Quartlergebern zur Nachachtung. Der„Mannh. Volksst.“ wird aus Durlach berichtet:! Am Dienstagnachmittag fand sich ein Quartiermacher des Infanterie⸗Regiments Nr. 1 1 11 Anzeig 6 Lage d —— nal Du sermache ale de aß el Eise Cine Sonntag bremse st kaum Gülerbel züge It Station hat nun Vergütu Hilfsbre i für die bier 24 R. Stunde Wollen elzielen betriebe Numme wieder 6 franz das ge Drehsu dern! der W leilten Rücksic Marter Drehfu die An licht h. gung dern. ud ser st eine einem der eu Am sesetzt daß g. chuldi, hält. Hunt. solben dem T Drehfi der al r de G81 Ghabr. am 10 1 Ublit Nong berhre 9 1 1 ler nicht icht alz ke seien „ weder 5 d einen scheinen, tig den 1 an hir lte. C5. will la Per dort g. 2 wieder bon der geblichen gen den, Arbeits Streik⸗ g einen ben und n Thät⸗ D N nzigen Fallen. Wohn ersuchen Polizei en. Daß liberale . All Brudel 3 Helle. Wala Manbad. 0 fg 0 g Nr. 39. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. 112 bei einem Parteigenossen ein um ihm die übliche Bescherung in Gestalt eines Soldaten anzuzeigen. Das alte Mütterchen, das unserm verwitweten Parteigenossen die Wirt⸗ schaft besorgt, sagte zu dem Quartiermacher: „Aber, hören Sie, Herr Gefreiter, mein Sohn ist nämlich Sozialdemokrat.“ Dieser humor volle Einspruch der alten Mutter gegen die Einquartierung beantwortete der quatier- machende Gefreite mit der Bemerkung:„Dann gehören dem Schweinhund zwei Mann!“ Unser Parteigenosse ließ, nachdem er die Sache erfahren hatte, keine lange Zeit vergehen, bis er den Beleidiger bei seinem Vorgesetzten zur Anzeige brachte. Der Gefreite erhielt sofort 3 Tage Arrest, um darüber nachzudenken, wie man Durlacher Sozialdemokraten heim Quar⸗ tiermachen behandelt. Für unsern Parteigenossen hatte die Sache die angenehme Wirkung daß er keine Einquatierung erhielt. Eisenbahn⸗Arbeiter⸗ Bezahlung. Eine Petition einzureichen beschlossen am Sonntag über 100 Bremser und Hilfs⸗ bremser der Station Frintrop. Der Grund ist kaum zu glauben! Infolge des starken Güterverkehrs im Kohlenrevier treffen die Güter⸗ züge oft mit stundeulanger Verspätung auf den Stationen ein. Die Eisenbahn-Verwaltung hat nun für diese leberstunden folgenden Vergütungsmodus eingeführt: Die Bremser und Hilfsbremser erhalten fur die erste Stunde — nichts, sür die zweite— dasselbe, für die dritte— wieder nichts, für bier volle Ueberstunden aber ganze 24 Reichspfennige, für jede weitere Stunde sechs Pfennige! Durch die Petition wollen die Bremser versuchen, Aenderung zu erzielen. Ja, die Staatsbetriebe sind Muster⸗ betriebe! Das werden wir in der nächsten Nummer an einem Beispielaus Gießen wieder auf's Neue beweisen. Affaire Dreyfus. Es wird immer augenscheinlicher, daß die französische Regierung in ihrer Verlegenheit auf das gefährlichste Auskunftsmittel verfällt, den Dreysus nicht durch die Gerechtigkeit; son⸗ dern durch die Gnade des Präsidenten aus der Welt zu schaffen. Die Familie des Verur⸗ teilten scheint hierfür gewonnen zu sein aus Rücksicht auf den leidenden Zustand des Ge⸗ marterten; aber wenn der darniederliegende Dreyfus auch seine Einwilligung geben sollte, die Anhäuger des Rechts werden sich dadurch nicht beruhigen lassen und die moralische Rei⸗ nigung Frankreichs mit verdoppelter Kraft for⸗ dern. Denn der Fall Dreyfus ist über Dreyfus und seine Familie längst hinausgewachsen; er ist eine Sache des französischen Volkes und in seinem militaristisch⸗rechtlichen Teil eine Sache der Kulturnationen geworden. Dreyfus begnadigt. Am Mittwoch ist Dreyfus auf freien Fuß gesetzt worden. Das ist der beste Beweis dafür, daß auch das Ministerium denselben für un⸗ schuldig und vom Kriegsgericht vergewaltigt hält. Wohin sich Dreysus wendet, ist unbe⸗ kaunt. Senator Scheurer-Kestner ist ge⸗ storben. Ein seltsamer Zufall ist es, daß an dem Tage der Begnadigung des Hauptmanns Dreyfus derjenige Mann aus dem Leben geht, der als der erste und eifrigste Befürworter der Revision zu bezeichnen ist. Der antisemitische Hanswurst Guérin, der sich wochenlang in der Rue Chabrol in einem Hause verschanzt hatte, hat am Mittwoch kapituliert. Er wurde in Haft genommen und wird sich mit anderen Antisemiten und„Patrioten“, das sind Leute, die der Re⸗ publik den Hals umdrehen und wieder eine Monarchie gründen möchten, wegen Staats⸗ verbrechen zu verantworten haben. Ueberall dieselben. Labori, der tapfere Verteidiger Zolas und Dreyfus hat gegen die antisemitische„Libre Parole“ eine Verleum⸗ dungsklage angestrengt und das Schandblatt vor das Zuchtpolizeigericht laden lassen. Unter gen der antisemitischen Kloake über das gegen den kühnen Verteidiger verübte Attentat in ihren Nummern vom 23. und 24. August, in denen das Verbrechen in gemeinster Weise als eine Erfindung der Dreyfusards dargestellt wurde. — Es ist Labori wohl nur um die Feststellung der Wahrheit zu thun. Wir können nicht annehmen, daß ein Mann, der etwas auf sich hält, sich durch antisemitische Hanswürste be— leidigt fühlen kann. Der Aeppelwein⸗Architekt Hir in Schwulitäten. n. Wir schrieben in unserer Nr. 36 über die bevorstehende Landtagswahl im Kreis Gießen⸗ Land, erörterten dabei unsere Wahlaussich und hielten galant, wie wir nun einmal sind— unsern antisemitischen Gegnern einen Spiegel vor. Daß sich in dem Spiegel leib⸗ haftige Hanswürste zeigten, die nach Hirschel⸗ schem Rezept geschächtete Juden verspeisten und dabei furchtbare Grimassen schnitten, war nicht unsere Schuld. Wir verstehen es aber, daß die Antisemiten, als sie sich im Spiegel sahen, furchtbar in Wut gerieten. Der mit dem größten Maul und dem kleinsten Hirn unter ihnen fuchtelte wie übergeschnappt mit den Armen in der Luft herum und schrie unausgesetzt: Rache! Blutwurst! Er setzte sich an sein Schreibzeug— anstelle des Tintenfasses bedient er sich einer Jauche⸗ grube, sein Federhalter ist ein Mistgabelstiel und legte los. Er leistet auf seinem iet. meisterliches. Da wir u wiederholt Proben seines Te verzichten wir heute auf neuen Blütenlese. Der ga einzige Arizona⸗Kickerliche Hirschelei Derselbe Hirschel, der sich nicht für sein Schriftfül im 1 gesche ents gegeben h Wie dle kel ist hessisch führeramt Bauernbund jährlich 2400 Mark— pro Woche rund 50 Mark!— den Bauern abzu nehmen, der den für einen Antisemiten schwer⸗ wiegenden Vorwur er ehemaligen Parteigenossen auf sich t, an jüdische Journalisten Nach ft zu haben, hat die Frechhei tergroschen zu reden, die für E Gehälter in der S werden. Dem ehemaligen Architekten aus der Aeppel⸗ weinstadt Sachsenhausen fehlt wohl die nötige Grütze, um einzusehen, wie unsagbar erbärmlich seine ganze Kampfesweise ist. Wir klagen seine Partei und ihn mit der Arbeiterfeindlichkeit an, erwähnen, daß Hirschel und seine Freunde für den Kanitzschen Brodwucherantrag eingetreten sind, haben festgestellt, daß im Hirschelschen Blatt gegen die Arbeiterfahrkarten gewütet ist, daß die Stellungnahme der Antisemiteu zur Zuchthausvorlage eine sehr verdächtige ist, kämpfen also gegen die Politik und gegen das Verhalten seiner Partei und darauf antwortet dann der ehemalige Architekt und jetzige Arizona⸗Kickermann mit seinen wüsten Fischweib⸗Schimpfereien. Wer allerdings so tief im Schmutz steckt, wie die Antisemiten, hat es leicht, mit Unrat zu werfen. Aber wir Sozialdemokraten stehen der antisemitischen Mistgrube so fern, daß uns selbst die mit Aufgebot der ganzen äppelwein⸗ architektonischen Manneskraft geschleuderten Dreckwürfe nicht erreichen können. Lassen wir die traurige Sippschaft kläffen. Am Tag der Landtagswahl im Kreis Gießen⸗ Land wird die arbeitende Bevölkerung wissen, was sie zu thun hat. Wie im vorigen Jahr die Odenwälder, so werden heuer die Oberhessen den Ar⸗ beiterfeind Hirschel zum Teufel jagen. Sie werden eintreten für ihren Kandidaten, für ihren Stammes⸗ und Klassen⸗Genossen Philipp Scheidemann, der deshalb von den Antisemitenhäuptlingen so tötlich gehaßt wird, weil er ihnen so oft heimgeleuchtet und den kleinen Bauern klar gemacht hat, welcher Oiäüten und verausgabt ings zialdemokratie Anklage gestellt sind die schändlichen Auslassun⸗ traurigen Schmarotzer-Sippschaft sie in gutem f seither Vertrauen entgegengebracht haben. Wir acceptieren auch den uns zugesprochenen Titel: Der rote Philipp. Diese Bezeichnung wird für die Arbeiter am Wahltage jedes Miß⸗ verständnis ausschließen. Es wird von nun ab im Wahlkreis heißen: Dort der arbeiterfeindliche Aeppel— wein⸗Architekt Hirschel! Hier unser roter Philipp! Und nun mit verdoppelten Kräften an die Arbeit, ihr Kleinbauern und Arbeiter! Von Nah und Fe Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich stre, haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichte zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf beschreiben. Im Gießener Wahlverein erstattete am Samstag zunächst Genosse Dahmer kurz Bericht über die Kreiskonferenz in Lollar. Alsdann referierte Gen. Scheidemann über die Landeskonferenz in Mainz. Am ausführ- lichsten behandelte er die Diskussion um Bernstein. Die Gießener Delegierten— Bock und Scheide— mann— haben in Mainz gegen die Davidsche Resolution gestimmt, Gen. Orbig, der als Mit⸗ glied des Landeskomitees im Bürkau saß, hat sich der Abstimmung enthalten. Die Katzensteinsche Resolution habe die Anschauungen der Gießener Delegierten klar zum Ausdruck gebracht: Wir wollen Bernstein in jeder Beziehung Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber daß das von ihm beigebrachte Material genüge, die seitherigen theoretischen und taktischen Grundanschauungen der Partei in Frage zu stellen, müssen wir bestreiten. An das Referat Scheidemanns knüpfte sich eine stundenlange, sehr interessante Diskussion, an der sich Dahmer, Fourier, Krumm, Petersen, Diehl, Beckmann, Bock, Volz und Orbig beteiligten. Gen. Fourier brachte eine, Resolution ein, in der ausgesprochen wurde, daß sich die Gießener Wahlvereinsmitglieder mit den Beschlüssen der Mainzer Landeskonferenz ein ver⸗ standen erklären, es aber gleichzeitig bedauern, daß die Gießener Delegierten gegen die Resolution David gestimmt haben. Daß die Verf mit den Beschlüssen der Landeskonferenz standen war, ergab sich au. der ganzen Diskussion. Für die Resolution Fourier wurden jedoch nur drei Stimmen abgegeben. Lügner und Verleumder. * In dem Schmutzartikel, den der ehemalt Architekt Hirschel in seinem Blatt publizi sagt er unter anderm auch: „Und das liberale Manchestertum links und im Centrum wurde in der Redeschlacht(um den Antrag Kanitz. Red. der M. S.⸗Ztg.) noch überschrieen von der marxistischen Sozial⸗ demokratie, die in dem Freihandel das revo⸗ lutionäre Prinzip bewundert und mit allen Kräften danach strebt, durch Unterstützung des Judentums, das ihr auch wacker dafür klin⸗ genden Lohn auszahlt, den kleinen Hand⸗ werker und Bauer zu vernichten— denn um so näher ist ja der Zukunftsstaat!“ Kein vernünftiger Mensch wird von uns verlangen, daß wir uns mit dem Nichtswisser Hirschel auf ernsthafte Auseinandersetzungen darüber einlassen, wer die Handwerker und Bauern„vernichtet“. Das würde Herr Hirschel nicht kapiren können. Aber eins weiß er, nämlich daß er bewußtermaßen lügt, wenn er sagt, der Sozialdemokratie werde vom „Judentum klingender Lohn ausgezahlt“. Wir erklären hiermit den ehemaligen Architekten Hirschel für einen Lügner und Verleumder, wenn er nicht den Beweis der Wahrheit für seine ehrabschneiderische Behauptung erbringt. Schreckliche Leiden schiffbrüchig er Seelente. WZ. Die norwegische Barke„Drott“ wurde am 11. August auf der Fahrt nach Buenos Aires in der Straße von Florida Wrack. Neun Mitglieder der Mannschaft wurven über Bord gewaschen und die Boote gingen bald ver⸗ loren. Acht der übrigen Seeleute machten ein Floß, das sich aber bald in zwei Teile teilte, Ge U 1 1 7 so daß zwei Personen auf dem einen Teil blieben Sette 4. Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 39. und sechs auf dem anderen. Einer dieser Leute fing Fische mit einer Angel und hielt dadurch seine Kameraden am Leben. Dann wurde er wahnsinnig und sprang über Bord. Zwei Andere starben vor Hunger und Durst und ihre drei überlebenden Kameraden aßen von ihren Leichen und tranken ihr Blut. Da sich immer noch kein Segel zeigte und die Leichen übelriechend wurden, zogen die drei Ueberlebenden das Loos, um Denjenigen, den das Loos traf, zu tödten. Das Loos fiel auf einen Deutschen. Die⸗ ser nahm sein Schicksal ohne Murren hin und riß sogar seine Kleidung auf, um den Todes— streich zu empfangen. Als der Dampfer„Woo⸗ druf“ das Floß mit den beiden Norwegern entdeckte, aß einer derselben noch Fleisch von seinem todten Kameraden und das Floß war umschwärmt von Haifischen. Beide hatten das Blut des Deutschen getrunken und Teile seines Körpers verzehrt. Von den beiden Ueberleben⸗ den ist Anderson irrsinnig und Thomassen furcht⸗ bar verstümmelt, da Andersohn ihn angriff und Teile von seinem Gesicht und seiner Brust abbiß. Dem Abgrund zu. * In dem Sudelartikel des von den Oden⸗ wälder Bauern aus dem Reichstag heraus⸗ geworfenen Architekten Hirschel wird uuserem Gen. Scheidemann u. a. zum Vorwurf gemacht, daß er zwar die Cholera⸗Broschüre des von den Antisemiten zu den Nationalsozialen überge⸗ tretenen Herrn Erdmannsdörffer„lachhaft⸗ blödsinnig“ genannt, eine andere Broschüre desselben Herrn, betitelt:„Dem Abgrund zu“ aber fleißig gegen den Antisemitismus ausge⸗ nützt habe. Wörtlich hirschelt der ehemalige Architekt Hirschel in seinem Arizona⸗Kicker: „Der rote Mann wußte wohl, daß an der Schrift des ehemals lachthaft⸗blödsinnigen Broschürenschrelbers zwei Drittel erlogen und ein Drittel verzerrt war, und er hat ihm mehrfach in der Schabbeszeitung wegen seiner Renegatenart seine Verachtung ausge⸗ drückt und ihn„Parteipirat“ genannt— aber das konnte ihn nicht hindern, Worte eines Burschen gegen uns auszuspielen, dessen Schrift er selbst lachhaft⸗ blödsinnig nennt.“ Hier lügt und fälscht der Hirschel wieder. Er stellt die Sache so dar, als hätten wir die Schrift„Dem Abgrund zu“ erst dann aus⸗ genützt und ernsthaft hehandelt, nachdem wir die andere in der That lachhaft⸗blödsinnige Schrift Erdmannsdörffers gekannt oder beur⸗ teilt hätten. Von der Existenz der Cholera⸗ Broschüre Erdmannsdörffers, die schon 1892 erschienen ist, haben wir erst Kenntnis vor wenigen Monaten in einer Marburger Volksversammlung erhalten. Dort erinnerte ein Antisemit seinen ehemaligen Parteifreund Erdmannsdörffer an jene Schrift, erst da⸗ durch erfuhren wir von der Cholera⸗Broschüre und erst wenige Wochen später war es auf unser Ersuchen einem Gießener Buchhändler ge⸗ lungen, uns ein Exemplar jener Schrift zu ver⸗ schaffen. Wie faul die Hirschelschen Aktien stehen, geht schon aus dem Umstand hervor, daß er zu solchen schoflen Fälschungen greifen muß. Außerdem erscheinen uns auch heute noch die Erdmaunsdörfferschen Feststel⸗ lungen in seiner Broschüre„Dem Abgrund zu“ ziemlich unanfechtbar zu sein, denn nicht einmal von dem Vorwurf, an jüdische Journalisten Nachrichten verkauft zu haben, hat sich Herr Hirschel bisher reingewaschen. Er hat zwar die Richtigkeit der Behauptung bestritten, Erdmannsdörffer hat sie aber bis auf den heutigen Tag aufrechterhalten. Wenn der Hirschel den Beweis erbringen will, daß er keine Schachergesch e fte mit jüdischen Jour— nalisten gemacht hat, muß er Erdmannsdörffer verklagen. Aber wir fürchten, daß er das nicht thun wird, denn wahrscheinlich ging er dann — dem Abgrund zu. Aus Marburg. n. Ueber den bevorstehenden Parteitag sprach hier am Montag Abend Gen. Scheide— mann⸗Gießen. Er erörterte die in Hannover zur Verhandlung kommenden Fragen und besprach am eingehendsten den Punkt 7: Die Angriffe auf die Grundanschauungen und die taktische Stellung— nahme der Partei. Bernstein habe gewiß be— achtenswerte Anregungen gegeben, doch sei das beigebrachte Material nicht entfernt schwerwiegend genug, um unsere Grundanschauungen ins Wanken zu bringen. Bernstein habe mit seinen Vorschlägen der Partei nichts geschadet. Wenn man von einer Schädigung überhaupt reden könne, so sei diese auf diejenigen Prinzipienwächter zurückzuführen, die der Partei am besten zu dienen glauben, wenn sie fortwährend von dem gefährteten Prinzip schreiben und aufs eifrigste besorgt sind, nur jederzeit einen Sündenbock zur Hand zu haben, an dem sie hinterm grünen Tisch„zur Reinhaltung unserer Prinzipien“ herumkritisieren können. Wer weiter nichts für die Partei thut, als immer— während die„Prinzipien bewacht“, der leiste nicht den hundertsten Teil für die Partei, wie der ein— fache Proletarier, der mit Flugblättern auf's Land geht oder für die Parteipresse neue Abonnenten wirbt. Bernstein sollten wir mit Interesse lesen, wer neue Anregung bekomme, solle weiter forschen. Aber wenn wir zu den Vorschlägen des altver— dienten Genossen Bernstein kommen, die uns falsch zu sein scheinen, dann sagen wir: Nein Eduard, hier bist du auf dem Holzwege, alleweil machen wir nicht mehr mit. Das wird der Parteitag in Hannover hoffentlich sagen und damit ist die Sache erledigt. Der Referent ist kein großer Freund von Resolutionen, aber wenn die Genossen eine solche annehmen wollten, so empfehle er die kürzlich in Mainz von Katzenstein eingebrachte.— An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Abel, Erb, Weber, Euler und andere. Sie stimmen im wesent— lichen mit dem Referenten überein und sind gegen jede Resolution. Die angeregte Beschickung des Parteitags wurde abgelehnt. Auf Antrag Erb wurde beschlossen, die für die Beschickung des Parteitags erforderlich gewesene Summe für Agi— tations-Material auszugeben und dasselbe auf dem Lande zu verbreiten.— Der Vertrauensmann er— stattete dann den Kassenbericht. Zwei Revisoren wurden gewählt, die in der nächsten Versammlung Bericht erstatten sollen.— Gegen 12 Uhr wurde die gut besuchte Versammlung geschlossen. Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen. f. Die Panteikonferenz, die am 17. Sept. in Gießen stattfand, war von 9 Orten des Reichstagswahlkreises besucht. Der Kreisver⸗ trauensmann Fauth erstattete Bericht über seine Thätigkeit und über den Stand der Par⸗ teibewegung des Wahlkreises. Als Delegierter zum Parteitage zu Hannover wurde Genosse Ed. Krumm⸗Gießen einstimmig gewählt. Dem⸗ selben ist die Stellungrahme zu den aus der Tagesordnung des Parteitages sich ergebenden Fragen selbstständig überlassen.— Laut Mit⸗ teilung des rhein. Agitations⸗Comitees ist der Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen durch den Par⸗ teivorstand dem Frankf ur terAgitations⸗Comité unterstellt worden. Eiu Märchen über Vollmar. Hurrah⸗patriotische Blätter hatten jubelnd der Welt die„frohe Botschaft“ verkündet, die Familie des Genossen v. Vollmar habe in ihrem Landhause am Walchensee den Prinz⸗ Regenten von Bayern bei dessen Durchreise be— rützt. Sckon die eigentümliche Fafung dieser und verriet, daß hier eine sette„Ente“ auf ⸗ geflogen war; denn die„Familie Vollmar's besteht bekanntlich nur aus ihm und seiner Frau. Die Nachricht beruht, wie unser Partei— organ, die Münschener Post, erklärt, auf einer Verwechselung. Die Szenze habe sich in dem einige hundert Meter entfernten Landhause des Berliner Professors Rietschel abgespielt. Kleine Mitteilungen. 5 Gießen. Am Samstag ist in Lich der als Großgrundbesitzer bekannte Fürst Hermann zu Solm ⸗Hohensolms⸗ Lich infolge eines Schlaganfalls im Alter von 61 Jahren gestor ben. Der Fürst besaß— nach den Angaben des amtlichen Organs in Gießen— nicht weniger als 220 Ouadratkilo⸗ meter Grund und Boden, das sind 22000 Hek— tar, oder, nach der im Großh. Hessen üblichen Bezeichnung: 88 000 Morgen Land. Als Großgrundbesitzer saß der Fürst von Lich, dem im übrigen nachgesagt wird, daß er ein recht umgänglicher Herr wax, den Kleinbauern wie ein Dorn im Fleische. Zu den in. der Zweiten hessischen Kammer noch nicht er⸗ ledigten Sachen gehören auch die„Vorstellungen von Kleingrundbesitzern von Lich um gesetzliche Maßnahmen gegen die Ausdehnung des fürst⸗ lich Solms-Hohensolms Lichschen Waldes in dortiger Feldgemarkung“.— Der Fürst von Lich war erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses und„geborenes“ Mitglied der ersten hessischen Kammer.— * Erhebungen über die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe will der hessische Landwirtschaftsrat veranstalten. Ins⸗ gesamt sollen in 19 Gemeinden des Großherzog⸗ tums je 2 bis 3 verschiedene große Güter, die als typisch gelten könnten, auf ihre Rentabilität untersucht werden. Zur Untersuchung sollen angeblich unparteiische Sachverständige beauf⸗ tragt werden. Ob die der Landwirtschaftsrat zur Verfügung hat?— Ein Entenorden. Viele Zeitungen sind auf die Nachricht hineingefallen, daß Prof. Schiller noch nachträglich mit einem Orden be⸗ dacht sei. Das ist natürlich unwahr. Der Orden für Prof. Schiller ist demnach ein Zeitungs⸗ Enten⸗Orden. Einem Kriegslager gleicht unsere Stadt. Nicht wenigstens als 6500 Soldaten mußten Donnerstag und Freitag in Gießen untergebracht werden. Also auf jeden vierten Einwohner ein Mann Einquatierung. Arbeiterbewegung. *Der Zimmererstreik in Frankfurt ist beendet, nachdem mit dem Ausschuß des Verbandes baugewerblicher Unternehmer einerseits und mit dem Vorsitzenden des Zen⸗ tralverbandes der Zimmerer Deutschlands anderfeits eine Einigung zu Stande kam. Danach ist die Arbeitszeit auf zehn Stunden festgesetzt mit einer Lohnentschädigung von 8 Pfg. pro Stunde für jeden Zimmergesellen. Hirschels faule Eierpolitik. *Der Architekt Hirschel aus Sachsenhausen, der sich um das Landtagsmandat im Gießener Landkreis bewirbt, ist allezeit für den Kanitz⸗ schen Brodwucherantrag eingetreten. Das hat den Großgrundbesitzern und Manu⸗ schettenbauern gefallen, nicht aber den kleinen Landwirten und Arbeitern, denen man auf Grund des Kanitzantrags die Taschen plündern wollte. Vom Bunde der Land⸗ wirte, jener Junkerorganisation, die früher von den Antisemiten„Bund der Bauern⸗ fänger“ genannt wurde, ist denn auch dem Architekten Hirschel ein Anerkennungs⸗ schreiben zugestellt worden. Das hatte der Mann auch verdient. Die Kleinbauern aber, die denselben Herrn Hirschel in 1893 zu ihrem Reichstagsabgeordneten wählten, haben ihn 1898 mit Glanz wieder aus dem Reichs- tag hinausgeworfen. Das hatte er erst recht verdient. Nachdem wir nun kürzlich an die Thätigkeit Hirschels für den Kanitzschen Brodwucherantrag erinnert haben, ist der große Nationalökonom furchtbar in Schwuli⸗ täten gekommen. Er sieht ein, daß er im Gießener Landkreis, der fast ausschließlich von Arbeitern und kleinen Bauern bevölkert ist, mit dem gräflichen Brodwucherantrag arg ins Gedränge kommt und sucht nun die Kanitzerei als etwas ganz harmloses, ja als etwas ganz vernünftiges hinzustellen. Hirschel hirschelt in seinem Arizona-Kicker wie folgt: „Wenn der Preis eines Ei's schwaukt zwischen 5 und 10 Pfennigen(im Winter) und wir legen einen mittleren Preis von 7 bis 7½ Pfennigen für das ganze Jahr fest, haben da nicht Käufer und Verkäufer eine Sicherheit? Nichts anderes bedeutet für die Körnerfrucht der Antrag Kanitz: Fest⸗ legung der Verlaufspreise nach den inländi⸗ schen Getreidedurchschnittspreisen der Periode von 1850-1890.“ e Venn ber 090 zheret 115 6 gewöhn Junker ki ur den Vahlen, feuer Br Haodlorb Pat N 8 Friel Versamml Woh wilt Kaut sesssche d. schelnen er Schl der Wirt sheiuen e furt ß des mer Zen⸗ lands kam. unden 1 18 . lil. ausen, eßener mitz⸗ Das Nan⸗ r den enen schen Land⸗ ther Nr. 39. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 8. Ein vorzüglicher Vergleich! Er wird die Scheußlichkeit der Brodwucher-Be⸗ strebungen selbst dem vernageltsten Menschen verständlich machen. Und der Mann, der mit diesem Vergleich die Kanitzsche Brodwucher⸗ politik verteidigen will, war Reichstags⸗ abgeordneter und will jetzt Landtagsabgeordneter werden: Herr Hirschel, die große Leuchte. Eine Frage an den„verdienstvollen“ Ex-Volks⸗ vertreter: Was machen denn diejenigen Leute, die des geringen Einkommens wegen unter keinen Umständen Eier kaufen können, wenn diese mehr als 5 Pfg. kosten und des⸗ halb während der Wintermonate auch thatsäch⸗ lich auf den Eiergenuß verzichten müssen? Sie müßten sich, wenn die Hirschelsche Quack⸗ salberei Gesetz würde, das Eieressen auch im Sommer abgewöhnen. Das wäre die „Sicherheit“, von der der vom Bunde der Junker gefeierte Architekt schwafelt. Welche Arbeiterfamilie könnte sich denn noch Eier leisten, wenn frei nach Hirschel der Preis auch im Sommer auf 7¼ Pfennige pro Stück festgesetzt würde? Man käme in Verlegenheit, wenn verlangt würde, mit wenigen Worten die Kanitz⸗Hirschelsche Politik zu kennzeichnen. Ist's höherer Blödsinn, ists niederer Wahn⸗ sinn? Eins steht fest: Wer sich das Eieressen abgewöhnen und das Brod zu Gunsten der Junker künstlich verteuern lassen will, braucht nur den ehemaligen Architekten Hirschel zu wählen, der wird den geringen Leuten mit seiner Brodwucher⸗ und faulen Eierpolitik den Brodkorb schon höher hängen helfen. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 24. September: Friedberg. Wahlverein. Morgens 10 Uhr Versammlung bei Gaftwirt Kühn„zur Stadt Newyork.“ Wahlverein Lauterbach. Nachm.3 Uhrbei Gast⸗ wirt Kaut. Tages⸗ Ordnung: Berichterstattung über die hessische Landeskonferenz. Verschiedenes. Vollzähliges Er⸗ scheinen erwünscht. Schlitz Arbeiter⸗ Verein. Nachm. 4 Uhr in der Wirtschaft von Heinrich Trier. Zahlreiches Er⸗ scheinen erforderlich. Zur Landtagswahl in Gießen ⸗Land. 5 Sobald die Wählerlisten ausgelegt werden, müssen sich die Genossen überzeugen, ob die von ihnen aufgestellten Wahlmänner auch in die Liste derjenigen Wahlberechtigten ein— getragen sind, die als Wahlmänner aufge⸗ All stellt werden können. Es werden nämlich zwei Listen ausgelegt. In der einen sind alle Urwähler verzeichnet, in der zweiten Liste und nur diejenigen Ur⸗ wähler noch einmal angegeben, die Wahl— männer werden können, weil sie alle e⸗ forderlichen, wiederholt angegebenen Bedingungen Alter, Steuersatz ꝛc.) erfüllen. Welchen Wahls aux wählst du? Unter allen Umständen nur denjenigen, von dem du bestimmt weißt, daß er seine Stimme abgeben wird für den Arbeiter kandidaten. Nehmen wir zum Beispiel an, du hättest dich uit deinem alten Kameraden Karl, der wie du, Sozialdemokrat ist, in letzter Zeit veruneinigt. Dagegen hättest du in neuerer Zeit viel verkehrt mit deinem Nachbar August, von dem du aber weißt, daß er Antisemit ist. Nehmen wir nun an, Carl würde von den Sozialdemokraten, August von den Antisemiten zum Wahlmann bestimmt. Würdest du dann auch nur eine Minute im Zweifel sein, wen du zu wählen hast? Gewiß nicht! Du würdest sofort fühlen, daß bei einer Wahl nicht persön⸗ liche Zuneigung oder Abneigung, sondern lediglich die Uebereinstimaung der politischen lleberzeugung ausschlag⸗ gebend sein muß. Du würdest deine Stimme für Carl abgeben, obwohl du mit ihm auf dem Kriegsfuß lebst. Du würdest ihn wählen, weil du bestimmt weißt, daß er dem Mann eures Vertrauens, dem Genossen Philipp Scheidemann zum Siege bei der Landtagswahl verhelfen würde, damit dieser nachher im Landtag für euch eintreten und denen auf die Finger klopfen kann, die die Arbeiter Schlammbeißer nennen. Also wählt nur Wahlmänner, von denen ihr wißt, daß sie für euern Kandidaten Scheidemann stimmen wollen, einerlei ob nun der betreffende Wahlmann Müller oder Schulze heißt, Gemeinderat oder Tagelöhner, Bauer oder Händler ist. Briefkasten der Redaktion. Oberhessen. Derartige persönliche Angelegen⸗ heiten nützen wir nicht aus. Sie berichteten uns übrigens nichts neues. Wir kannten die 2400 M.⸗Lumpumperei längst. Reif für die Gummizelle. Zu unseren unan⸗ genehmsten Aufgaben gehört die, ab und zu das volks⸗ feindliche Treiben der sich Antisemiten nennenden Junker⸗ trabanten zu schildern. Das bringt die antisemitischen Ehrenmänner dann jedesmal in furchtbare Wut. In seiner Nummer vom vorigen Samstag ist der Hirschel glücklich so weit, daß er in einem fünf Spalten langen Artikel seines Arizona⸗Kickers unserem verantwortlichen Redakteur Liebenswürdigkeiten an den Kopf wirft, wie: „Bravo“,„Hund“,„Lump“ u. s. w. Zur Abkühlung haben wir dem Zweiprozentsmann in unserer heutigen Nummer einige kalte Douchen appliziert. Wenn sich der Gesundheitszustand des bedauernswerten Herrn trotz⸗ dem nicht bessert, werden wir den Antrag stellen, daß er nach Heppenheim kommt. Briefkasten der Expedition. Quittungen wegen Raummangels in nachster Nummer. Letzte Nachrichten. Ein Wahlsieg unserer Badenser Ge⸗ nossen. Bei der Stadtverordnetenwahl in Mann⸗ heim erhielten: Sozialdemokraten 4026, National⸗ liberale 1184 und Freisinnige 356 Stimmen. Gewerbegerichtswahl. Oeffentliche Arbeiter⸗Versammlung Montag., den 25. September, Abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse. Tagesordnung: 1) Die Bedeutung der Gewerbe⸗ gerichte. Referent Ph. Scheidemann. 2) Aufstellung der Kandidaten. Mit Rücksicht auf die auswärtigen Arbeiter beginnt die Versammlung Punkt 8 Uhr. Das G. Kartell. 2 N beg N 2 n FF— PP Ses aess Gesang-VHerein Eintracht. Samstag, den 30. September, Abends 8 Uhr: im Saale des Café Leib: fosäh Stftungsfest, Theater u. Tanzunterhaltung. Eintritt 30 Pfg. Bier im Glas. Es ladet freundlichst ein Der Jon stund. SSG e E 8 55 ³ð 8 —. rern Unterhaltungs⸗CTeil. Herbstlied. Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd fern und nah Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Sweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt. Fr. Hebbel. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (10. Fortsetzung.) Seine Absicht war, mit seinen fünf Kindern nach Hamburg zu gehen, um sich von dort nach der Levante oder nach Ostindien, oder so weit der Himmel über andere Menschen, als die er kannte, blau war, einschiffen; denn die Dick⸗ 1 der Rappen hatte seine von Gram ehr gebeugte Seele, auch unabhängig von dem Widerwillen mit dem Nagelschmidt deshalb ge⸗ meinschaftliche Sache zu machen, aufgegeben. Kaum hatte der Kerl diese Antwort dem Schloßhauptmann überbracht, als der Groß⸗ kanzler abgesetzt, der Präsident Graf Kallheim an dessen Stelle zum Chef des Tribunals er⸗ nannt, und Kohlhaas durch einen Kabinets⸗ befehl des Kurfürsten arretiert, und schwer mit Ketten beladen in die Stadttürme gebracht ward. Man machte ihm auf den Grund dieses Briefes, der an alle Ecken der Stadt angeschlagen ward, den Prozeß, und da er vor den Schranken des Tribunals auf die Frage, ob er die Hand⸗ schrift anerkenne, dem Rat, der sie ihm vorhielt, antwortete:„ja!“ zur Antwort, aber auf die Frage, ob er zu seiner Verteidigung etwas vor⸗ zubringen wisse, indem er den Blick zur Erde schlug, erwiderte„nein!“ so ward er verurteilt mit glühenden Zangen von Schinderknechten gekniffen, gevierteilt, und sein Körper zwischen Rad und Galgen verbrannt zu werden. So standen die Sachen für den armen Kohlhaas in Dresden, als der Kurfürst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Händen der Uebermacht und Willkür auftrat, und ihn in einer bei der kurfürstlichen Staatskanzlei daselbst eingereichten Note als brandenburgischen Untertan reklamierte. Denn der wackere Stadt⸗ hauptmann, Herr Heinrich von Geusau, hatte ihn auf einem Spaziergange an den Ufern der Spree von der Geschichte dieses sonderbaren und nicht verwerflichen Mannes unterrichtet, bei welcher Gelegenheit er, von den Fragen des erstaunten Herrn gedrängt, nicht umhin konnte, der Schuld zu erwähnen, die durch die Un— ziemlichkeit seines Erzkanzlers des Grafen Sieg⸗ fried von Kallheim seine eigne Person drückte; worüber der Kurfürst schwer entrüstet, den Erz⸗ kanzler, nachdem er ihn zur Rede gestellt und befunden, daß die Verwandtschaft desselben mit dem Hause derer von Tronka an allem Schuld sei, ohne Weiteres mit mehreren Zeichen seiner Ungnade entsetzte, und den Herrn Heinrich von Geusau zum Erzkanzler ernannte. Es traf sich aber, daß die Krone Polen ge⸗ rade damals, indem sie mit dem Hause Sachsen, um welches Gegenstandes willen wissen wir nicht, im Streit lag, den Kurfürsten von Branden⸗ burg in wiederholten und dringenden Vorstel⸗ lungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, daß der Erzkanzler Herr Geusau, der in solchen Dingen nicht ungeschickt war, wohl hoffen durfte den Wunsch seines Herrn, dem Kohlhaas, es koste was es wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erfüllen, ohne die Ruhe des Ganzen auf eine mißlichere Art, als die Rück— sicht auf einen Einzelnen erlaubt, auf's Spiel zu setzen. Demnach forderte der Erzkanzler Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 39. nicht nur wegen gänzlich willkürlichen, Gott und Menschen mißgefälligen Verfahrens, die unbedingte und ungesäumte Auslieferung des Kohlhaas, um denselben, falls ihn ein Schuh drücke, nach brandenburgischen Gesetzen auf Klageartikel, die der Dresdener Hof deshalb durch einen Anwalt in Berlin anhängig machen könne, zu richten; sondern er begehre sogar selbst Pässe sür einen Anwalt, den der Kur⸗ fürst nach Dresden zu schicken Willens sei, um dem Kohlhaas wegen der ihm auf sächsischem Grund und Boden abgenommenen Rappen und anderer himmelschreienden Mißhandlungen und Gewaltthaten halber gegen den Junker Wenzel von Tronka Recht zu verschaffen. Der Käm⸗ merer Herr Kunz, der bei der Veränderung der Staatsämter in Sachsen zum Präsidenten der Staatskanzlei ernaunt worden war, und der aus mancherlei Gründen den Berliner Hof in der Bedrängnis, in der er sich befand, nicht verletzen wollte, antwortete im Namen seines über die eingegangene Note sehr niedergeschla⸗ genen Herrn:„daß man sich über die Unfreund⸗ schaftlichkeit und Unbilligkeit wundere, mit welcher man dem Hofe zu Dresden das Recht abspräche den Kohlhaas wegen Verbrechen, die er im Lande begangen, den Gesetzen gemäß zu richten, da doch weltbekannt sei, daß derselbe ein be⸗ trächtliches Grundstück in der Hauptstadt besitze und sich selbst in der Qualität als sächsischen Bürger gar nicht verleugne. Doch da die Krone Polen bereits zur Aus⸗ fechtung ihrer Ansprüche einen Heerhaufen von fünftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammenzog, und der Erzkanzler Herr Heinrich von Geusau erklärte:„daß Kohlhaasenbrück, der Ort, nach welchem der Roßhändler heiße, im Brandenburgischen liege, und daß man die Voll⸗ streckung des über ihn ausgesprochenen Todes⸗ urteils für eine Verletzung des Völkerrechts halten würde,“ so rief der Kurfürst auf den Rat des Kämmerers Herrn Kunz selbst, der sich aus diesem Handel zurückzuziehen wüunschte, den Prinzen Christiern von Meißen von seinen Gütern herbei, und entschloß sich auf wenige Worte dieses verständigen Herrn den Kohlhaas, der Forderung gemäß, an den Berliner Hof auszuliefern. Der Prinz, der obschon mit den Unziemlich⸗ keiten, die vorgefallen waren, wenig zufrieden, die Leitung der Kohlhaasischen Sache auf den Wunsch seines bedrängten Herrn übernehmen mußte, fragte ihn, auf welchen Grund er nun⸗ mehr den Roßhändler bei dem Kammergericht zu Berlin verklagt wissen wolle; und da man sich auf den leidigen Brief desselben an den Nagelschmidt wegen der zweideutigen und un⸗ klaren Umstände, unter welchen er geschrieben war, nicht berufen konnte, der früheren Plün⸗ derungen und Einäscherungen aber wegen des Plakals, worin sie ihm vergeben worden waren, nicht erwähnen durfte, so beschloß der Kurförst, der Majestät des Kaisers zu Wien einen Bericht über den bewaffneten Einfall des Kohlhaas in Sachsen vorzulegen, sich über den Bruch des von ihm eingesetzten öffentlichen Landfriedens zu beschweren, und sie, die allerdings durch keine Amnestie gebunden war, anzuliegen, den Kohl⸗ haas bei dem Hofgericht zu Berlin deshalb durch einen Reichsankläger zur Rechenschaft zu ziehen. Acht Tage darauf ward der Roßkamm durch den Ritter Friedrich von Malzahn, den der Kurfürst von Brandenburg mit sechs Reitern nach Dresden geschickt hatte, geschlossen wie er war, auf einen Wagen geladen, und mit seinen fünf Kindern, die man auf seine Bitte aus Findel⸗ und Waisenhäusern wieder zusammen⸗ gesucht hatte, nach Berlin transportiert. Es traf sich, daß der Kurfürst von Sachsen auf die Einladung des Lauddrosts, Grafen Aloysius von Kallheim, der damals an der Grenze von Sachsen beträchtliche Besitzungen hatte, in Gesellschaft des Kämmerers Herrn Kunz und seiner Gemahlin der Dame Heloise, Tochter des Landdrosts und Schwester des Präsidenten, anderer glänzenden Herren und Damen, Jagdjunker und Hofherren, die dabei waren, nicht zu erwähnen, zu einem großen Hirschjagen, das man, um ihn zu erheitern, angestellt hatte, uach Dahme gereist war; der⸗ gestalt, daß unter dem Dach bewimpelter Zelte, die quer über die Straße auf einem Hügel er⸗ baut waren, die ganze Gesellschaft vom Staub der Jagd noch bedeckt unter dem Schall einer heitern vom Stamm einer Eiche herschallenden Musik, von Pagen bedient und Edelknaben, an der Tafel saß, als der Roßhändler langsam mit seiner Reiterbedeckung die Straße von Dresden daher gezogen kam. Denn die Er⸗ krankung eines der kleinen, zarten Kinder des Kohlhaas hatte den Ritter von Malzahn, der ihn begleitete, genötigt, drei Tage lang in Herzberg zurückzubleiben; von welcher Maßregel er dem Fürsten dem er diente, deshalb allein verantwortlich, nicht nötig befunden hatte, der Regierung zu Dresden weitere Kenntnis zu geben. Der Kurfürst, der mit halboffener Brust, den Federhut nach Art der Jäger mit Tannenzweigen geschmückt, neben der Dame Heloise saß, die in Zeiten früherer Jugend seine erste Liebe gewesen war, sagte von der Anmut des Festes, das ihn umgaukelte, heiter gestimmt: „Lasset uns hingehen, und dem Unglücklichen, wer es auch sei, diesen Becher mit Wein reichen!“ Die Dame Heloise, mit einem herr⸗ lichen Blick auf ihn, stand sogleich auf, und füllte, die ganze Tafel plündernd, ein silbernes Geschirr, das ihr ein Page reichte, mit Früchten, Kuchen und Brod an; und schon hatte mit Erquickungen jeglicher Art die ganze Gesellschaft wimmelnd das Zelt verlassen, als der Land⸗ drost ihnen mit einem verlegenen Gesicht ent⸗ gegen kam, und sie bat zurückzubleiben. Auf die betretene Frage des Kurfürsten, was vor⸗ gefallen wäre, daß er so bestürzt sei? antwortete der Lauddrost stotternd gegen den Kämmerer gewandt, daß der Kohlhaas im Wagen sei; auf welche, jedermann unbegreifliche Nachricht, indem weltbekannt war, daß derselbe bereits vor sechs Tagen abgereist sei, der Kämmerer Herr Kunz seinen Becher mit Wein nahm, und ihn mit einer Rückwendung gegen das Zelt in den Sand schüttete. Der Kurfürst setzte über und über rot den seinigen auf einen Teller, den ihm ein Edelknabe auf den Wink des Käm⸗ merers zu diesem Zweck vorhielt; und während der Fu) von Malzahn unter ehr⸗ furchtsvoller Begrüßung der Gesellschaft, die er nicht kannte, langsam durch die Zeltleinen, 5 die über die Straße liefen, nach Dahme weiter zog, begaben sich die Herrschaflen, auf die Ein⸗ ladung zu nehmen, in's Zelt zurück. Der Landdrost, sobald sich der Kurfürst niedergelassen hatte, schickte unter der Hand nach Dahme, um bei dem Magistrat daselbst die unmittelbare Weiter⸗ schaffung des Roßhändlers bewirken zu lassen; doch da der Ritter wegen bereits zu weit vor⸗ gerückter Tageszeit bestimmt in dem Ort über⸗ nachten zu wollen erklärte, so mußte man sich begnügen, ihn f in einer dem Magistrat zuge⸗ hörigen Meierei, die in Gebüschen versteckt auf der Seite lag, geräuschlos unterzubringen. Run begab es sich, daß gegen Abend, da die Herr⸗ schaften vom Wein und dem Genuß eines üppigen Nachtisches zerstreut, den ganzen Vor⸗ fall wieder vergessen hatten, der Landdrost den Gedanken auf die Bahn brachte, sich noch einmal eines Rudels Hirsche wegen, der sich hatte blicken lassen, auf den Anstand zu stellen; welchen Vorschlag die ganze Gesellschaft mit Freuden ergriff, und paarweise nachdem sie sich mit Büchsen versorgt, über Gräben und Hecken in die nahe Forst eilte; dergestalt, daß der Kurfürst und die Dame Heloise, die sich, um dem Schauspiel beizuwohnen, an seinen Arm hing, von einem Boten, den man ihnen zuge⸗ ordnet hatte, unmittelbar zu ihrem Erstaunen durch den Hof des Hauses geführt wurden, in welchem Kohlhaas mit den brandenburgischen Reitern befindlich war. (Fortsetzung folgt.) . Rheinreise. Vor einigen Wochen saß ich auf dem Hinter⸗ deck eines Rheindampfers und trank einen Wein, der über meine Verhältnisse ging. Dazu neige ich leider überhaupt; am Rhein aber wird diese Landdrosts, ohne weiter davon Notiz“ Neigung eine schöne Tugend. Der Geier soll den fetten Spießer holen, der von Koblenz bis Mainz bei einer Flasche Selters saß und die Landschaft verunzierte. Er war auf Reisen ge⸗ gangen und hatte seine Kontorseele mitgenom⸗ men. Jeder Kaffeemakler soll meinetwegen an den Rhein geheu, aber er soll nicht mit Kaffee handeln wollen. Ich verlange nicht, daß er Wein trinkt, am wenigsten meine Marke, die er doch nicht verstehen würde. Aber er soll ver⸗ gnügt sein und was springen lassen. Er soll ein Beefsteak essen, wenn er nichts anderes kann. Der weise Restaurateur hat durch die Preise dafür gesorgt, daß auch zum Essen ein bischen Leichtsinn gehört. Niemand aber darf sauer— töpfisch dasitzen und die Freude seiner Mitmenschen durch kohlensaures Wasser verdünnen. Man müßte es mit Strafe belegen, wenn es zum Glück nicht schon mit einer sehr harten belegt wäre. Mein„Spießer begriff in seiner engen Klugheit garnicht, daß ich in diesem Augenblick der bessere Geschäftsmann war. Wer mich kennt, glaubt jetzt, daß ich aufschneide, aber ich rede. 105 nackte Wahrheit. Der Mann lebte viel zu euer. nicht gestatten. Er hatte sein Billet und die Flasche Selters bezahlt und kam garnicht vom Hause fort. Er hätte das Geld ebenso gut im Skat anlegen können. Den geistigen Luftwechsel, der das eigentlich Erfrischende einer Reise aus⸗ macht, fand er nicht. Er stumpfte am Rhein, anstatt in Mecklenburg zu stumpfen: das war Alles. Kennzeichnend für ihn war auch die Art, wie er den Naturgenuß betrieb. Ich sage be⸗ trieb“, weil das Wort einen industriellen Bei⸗ geschmack hat. Unermüdlich, fast gierig, lief er zwischen Steuerbord und Backbord hin und her, um nur ja jede„Sehenswürdigkeit“ zu erwischen. Der Filz mußte sozusagen jeden Pfennig an Schönheit mit haben. Natürlich verrechnete er sich auch hier. Daß am Rhein die größte Sehenswürdigkeit schließlich doch eben der Rhein ist, fiel ihm nicht bei. (Erich Schlaikjer in der„Hilfe“.) Sprüche zur Lebenswelsheit. Wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug, So rinnt unser Leben dahin im Flug. Fußlos gute Thaten sind, Schlechte laufen wie der Wind. Nichts kann im All, nichts kann auf Erden Vernichtet oder geboren werden. Es kommt alles immer nur zur Entfaltung Wie dieselben Wellen im Meer in Neugestaltung. * Auf zwei Rädern die Welt rollt, Das eine ist Liebe, das andere Gold. Es ist des wahren Weisen Art: In Worten weich, in Thaten hart. Cunita, L. Jacoby. Humoristisches. Handschriftenbeurteilungen des Grapho logen Pfiffig, welche der Unterlehrer Vaierl im Laufe eines halben Jahres empfing. Bei einem Honorar von zwei Mark: „Sparsam, häusliche Natur, ein wenig zum Geiz hinneigend, enger Horizont; Sie sind wohl Aktenschreiber oder etwas ähnliches? Kleinliche Gesinnung!“ und bei einem solchen von zehn Mark: „Glänzende Veranlagung, weit ausschauender Blick, unternehmender, rastloser Geist. Freigebig bis zur Verschwendung; edler, männlicher Cha⸗ rakter. Erstaunliche Vielseitigkeit auf allen Ge⸗ bieten der Kunst und Technik.“ Nur halb! A: Gestern sah ich deine Schwieger⸗ mutter im Theater; sie schien sich gut zu amüsteren; sie lachte sich halb zu Tode. B.(seufzend): Das sieht ihr ähnlich. Sie macht immer alles halb. Spanische Schießfertigkeit. Stammgast A. (die neuesten Depeschen vom Kriegsschauplatz vorlesend): Die Spanier schienen aufs Geradewohl zu feuern Stammgaft B. leinfallend): Ich mach''ne Wett', sie haben's nicht getroffen! Ein so kostspieliges Leben kann ich mir . S . 4 S del ung Altun 0 cobh. pho loc sse e nig dul f v eie chauelbe rel bg ir Gl, lle Ge h fenen, f le mach a5. een ell, 0 Gelb Nr. 39. Mitteldeutsche— Seite 7. 2 Lagerbesuch 3 eee 2 deschäftseröffaung. Nutten ie 3 Samstag, 23. Sept., abends 1 eröffnen wir in dem von uns neuerbauten Hause Neustadt 10 ein großes, in jeder Beziehung dem neuen Style entsprechendes = Manufakturwaren- Geschäft—— verbunden mit Herren- und Knaben⸗Garderobe.— Betten und Aussteuer⸗Artikel Wir sind in der Lage den Ansprüchen zu genügen, welche an das leistungsfähigste Geschäft gestellt werden können, sodaß die geehrten Bewohner von Gießen und Umgegend unter denjenigen günstigen Verhältnissen ihren Bedarf bei uns decken können, als bei den bedeutendsten Häusern der Großstädte. Zufolge bedeutender Massenabschüsse erzielten wir den jetzigen Warenpreisen gegenüber namhafte Preisvorteile, welche wir unsern werten Abnehmern einräumen. 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